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Ulrich Hammer
GRUNDLOSES MOOR

Inhalt
Kapitel 1 Der Hack
Kapitel 2 Ulmen-Campus
Kapitel 3 Falk und Mirko
Kapitel 4 Kammerhof
Kapitel 5 Grundloses Moor
Kapitel 6 BRB im Einsatz
Kapitel 7 Obduktion
Kapitel 8 Hoher Besuch
Kapitel 9 Muggels
Kapitel 10 Tagesbefehl
Kapitel 11 GCP
Kapitel 12 Kolossal
Kapitel 13 »Vahör«
Kapitel 14 Auf Station
Kapitel 15 Angriff
Kapitel 16 Der »ßucka« löst sich auf.
Kapitel 17 Mooreinsatz
Kapitel 18 Obduktion Nr. 2
Kapitel 19 Der Jäger
Kapitel 20 Torsten
Kapitel 21 Nachricht aus Berlin
Kapitel 22 Doktor Brandenburg im Netz
Kapitel 23 Berlin-Pankow
Kapitel 24 Feuerkorb
Kapitel 25 Die Kogge
Kapitel 26 Katharina
Kapitel 27 EVA
Kapitel 28 Friedhofsgeflüster
Kapitel 29 Falk
Kapitel 30 Staatsanwältin Kernbach
Kapitel 31 Tag X
Kapitel 32 Kommissar Bergers brillante Affären
Kapitel 33 Inventur
Kapitel 34 Die Jagd nach den Beweismitteln
Kapitel 35 »Autowech«
Kapitel 36 Verhandlungsbeginn
Kapitel 37 Die nächsten Verhandlungstage
Kapitel 38 Sachverständige
Kapitel 39 Bestenfalls Nötigung, Bedrohung, Erpressung
Erster Epilog Begegnung am Salzhaff
Zweiter Epilog Herbsttagung
Dritter Epilog Geschüttelt oder gerührt?
Danksagung
Kapitel 1
Der Hack
»Yeah«, hallte es plötzlich durch den Raum, »ich bin drin! Die Säcke, die … Ich hab sie! Dafür krieg ich das Bundesverdienstkreuz!«
Der Aufschrei war aus dem gemeinschaftlich genutzten Wohnzimmer mehrerer Informatikstudenten gekommen. Dort saß Torsten Bentlin zwischen der Zimmerecke und dem Kopfende eines reichlich gebrauchten Sofas, das in seinem Leben schon einiges erlebt zu haben schien. Auf dem Schoß des jungen Mannes stand ein Laptop der Sonderklasse, den er aber günstig bei eBay erstanden hatte. Seine Finger flogen über die Tasten, um den so lang ersehnten Zugang so schnell wie möglich wieder zu schließen. Mit einem zweiten »Yeah«, nicht mehr so impulsiv und laut, sank er erschöpft in die Zimmerecke, schloss die Augen und atmete zweimal tief durch.
Sein Gefühlsausbruch hatte sich über Bande den Weg durch den Flur in die Gemeinschaftsküche gebahnt, in der seine drei Mitbewohner beim Kaffee zusammensaßen.
»Was is’ los, Torte!?«, rief einer zurück.
»Ich bin drin!«
»Ich dachte, du bist alleine.«
Lautes pubertäres Gelächter der anderen.
Torsten stand mit dem Laptop in der Hand in der Küchentür, nunmehr aufgeregt flüsternd: »Ich hab den Zugang!
Diese Geocaching Profile in Berlin, die GCP. Ich sage euch, das ist ein superfetter Happen. Das ist das große Ding. Die machen Sachen, die sind so dark wie das Netz.«
»Wie bist du reingekommen?«
»Na ja, neulich war ich mal nicht alleine. Hab jemanden kennengelernt. Eine Mail geschrieben, Trojaner, Keylogger gesetzt und dann über VPN. Kein Problem.«
Die anderen schüttelten den Kopf. »Du hättest mit dem Hacken in der zehnten Klasse aufhören sollen, du Spinner! Du bist genauso dark wie die, wenn du bei denen rumrührst.«
»Hört auf!«, gab er hastig zurück. »Da ist richtig was zu holen. Und ich weiß auch schon wie.« Als er das sagte, schweiften seine Gedanken bereits von der Szenerie der Küche ab. Sein Blick verlor sich an der graubraunen Decke des Raumes, die wie die ganze Wohnung schon vor Jahren mit frischer Farbe hätte gestrichen werden müssen. Er ritt mit seiner Vision wie auf einem fliegenden Drachen in eine paradiesische Ferne.
Seine Mitbewohner wollten sich von diesem Virus jedoch keineswegs infizieren lassen und wehrten eine weitere Vertiefung des Themas ab, indem sie ihre Unterhaltung wieder aufnahmen.
Die Studenten-WG lag in der KTV, der Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt, Budapester Straße. Eine schon unmittelbar nach dem Mauerfall angesagte Gegend mit Szenekneipen und einem dichten Menschenmix aus allen Studiengängen, die die altehrwürdige Alma mater zu bieten hatte. Alternative Szenen hatten mit ihrer Schwarmintelligenz aus der geerbten Tristesse ein lebendiges Viertel gemacht.
Torsten Bentlin war ein mittelgroßer, schlanker, schüchterner 21-Jähriger mit dunkelblonden Haaren, der von seiner Wirkung auf Frauen seiner Altersgruppe noch immer nicht wirklich etwas ahnte. Der junge Mann war froh, dass ihm ein Zuzug und damit ein Dazugehören gelungen war. Sein Leben war auch das Leben der Anderen. Was früher fremd war und bespitzelt wurde, bot sich heute unbekümmert feil. Seine Eltern waren im Rostocker Stadtteil Lütten Klein nicht weit weg. Dennoch schickten Sie ihm über unzählige Telefonate die immer gleichen Sorgenpakete, so wie das Eltern eben machen, um zu bewahren, was langsam aber sicher flügge geworden war. Informatik war seine Welt. Hier war der Fakt noch ein Fakt. Hier wurde nichts hineininterpretiert oder spitzfindig ausgelegt, hier war die 1 eine 1 und die 0 eine 0. An dieser durch ihre Einfachheit bestechenden Grundlage hatte sich nie etwas geändert. Fantasien mit einer informationstechnischen Formulierung zu unterlegen, war die Faszination, die ihn in diese Studienrichtung getrieben hatte. Das passte zu ihm. Rostock war für ihn die erste Adresse, als es um die Wahl des Studienortes gegangen war. Nicht nur, weil er hier aufgewachsen war, sondern weil die Fakultät für Informatik und Elektrotechnik ein sehr günstiges Studenten-Professoren-Verhältnis hatte und auch bundesweit einen Spitzenplatz einnahm.
Die WG war für ihn in den zurückliegenden Monaten zu einer zweiten Familie geworden. Er hatte gelernt, wie wichtig die Interaktion mit anderen Studierenden ist. Da er ohne Geschwister aufgewachsen war, musste er sich anfangs überwinden, hatte sich dann aber mehr und mehr geöffnet. Er hatte schnell gelernt, dass das Wohl und Wehe des einen in der WG auch immer jeden anderen Mitbewohner berührte. Das reichte von der Fahrradluftpumpe über den Kochtopf, über schwierige Studienaufgaben, bis zum Einkaufen oder Kranksein.
Kapitel 2
Ulmen-Campus
Torsten Bentlin nahm sich vor, mit der Bahn nach Rügen zu fahren und dort Freunde zu besuchen, die er noch aus der Schulzeit kannte. Deren Eltern besaßen in Sellin ein kleines Ferienhaus, in dem er einige Tage verbringen wollte. Das Wetter war top und er hatte nicht vor, bis zum Wochenende zu warten. Das Semester hatte zwar gerade angefangen und die neue Woche auch, aber er wusste natürlich, wie seine Abwesenheit nicht auffallen würde. Eigentlich war angedacht, seinen WG-Kumpel Bruno mit an die frische Inselluft zu nehmen. Es war früher Nachmittag.
»Ich kann wirklich nicht mit«, krächzte der, »hab voll den Rotz. Fahr allein und mach dir keinen Kopf! Unser Kühlschrank ist ja voll.«
Torsten musste laut lachen. »Dein Elektronenhirn ist doch nur scharf auf einsames Zimmerkino: Fußball, Bier und Chips. Du frisst dich noch mal fett an dem Zeug.«
»Nein, lass den Scheiß! Du weißt, dass es nicht so ist.«
»Na gut, mein Lieber, aber lass meinen Läppi in Ruhe! Der ist für dich tabu.« Er zog sich seine Jacke über, schlüpfte in die Schuhe und raffte sein kleines Handgepäck zusammen, in das er das Nötigste für zwei, drei Tage gepackt hatte. »Ich bin reif für die Insel.« Mit diesen Worten ging er aus der Tür. Diese fiel scheppernd ins Schloss.
Während sein Zimmerkumpel die ersehnte Einsamkeit genoss, schulterte Torsten Bentlin seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zur S-Bahn-Station Parkstraße. Nach dem Überqueren der Ulmenstraße lief er quer über den Campus. Die großen Backsteingebäude, die durch ihre perfekten Konturen Symbole unbedingter Langlebigkeit sind, lagen schnell hinter ihm. Dann ging er zwischen den neuen Hörsälen hindurch. Er verzögerte seinen Schritt, denn auf dem Parkplatz 50 Meter vor ihm, unterhalb der Treppe, liefen zwei Männer aufgeregt um einen älteren Kleinwagen herum, aus dessen Motorhaube es qualmte. Der eine hatte einen kleinen Feuerlöscher in der Hand. Torsten näherte sich den beiden nun wieder schneller, um dann bei ihnen stehen zu bleiben. »Na, wo brennt’s denn? Kann ich helfen oder haben Sie alles im Griff?«
Einer der Männer wandte ihm zunächst weiterhin den Rücken zu, während der andere sich für die Hilfsbereitschaft bedankte. In diesem Moment der Zuwendung schlug der Erstere, aus einer trainierten schnellen Rechtsdrehung heraus, eine schwere, kantige Rückhand gegen den Hals des Studenten.
Schreckgeweitete, sich langsam leerende Augen, Röcheln, Kontrollverlust, erschlaffende Muskeln, Übermacht einer Armee aus Reflexen, die einem Browser gleich den biologischen Server in ihm abräumte und den Eigenrhythmus des Herzens bis zum endgültigen Stillstand hinwegfegte. Sein schlaffer Körper sank in kräftige Arme. Es war helllichter Tag. Etwa hundert Meter entfernt fuhr in diesem Moment die S-Bahn ein.
Kapitel 3
Falk und Mirko
Bad Doberans Ortsteil Althof galt seit dem späten zwölften Jahrhundert als Ursprung der Christianisierung Mecklenburgs. Das Kloster mit seinem Münster war ein Symbol für die norddeutsche Backsteingotik. Die Geschichte des ersten deutschen Seebades Heiligendamm, die Geologie der Endmoränen zwischen Doberan und Kühlungsborn – all diese Dinge waren Falk und Mirko, einundzwanzig und neunzehn Jahre alte Brüder, nicht gänzlich unbekannt, aber doch sehr fern. Sie gehörten zu denen, die sich als Verlorene sahen. Verlorene, weil sie mit zwölf und zehn aus dem Blick derer verschwunden waren, die sie hätten behüten sollen. Verschwunden, weil all das, was ihre Eltern einst ausmachte, sich über viele Jahre in einer Mischung aus Alkohol und anderen Drogen aufgelöst hatte. Eltern, die sich irgendwann einmal innig geliebt hatten, die aber sich und ihre Kinder ebenso wenig wie ihre Zuneigung hatten bewahren können, deren Lebensgefüge zerbrochen war und die ihre Zerbrechlichkeit an die Kinder weitergegeben hatten. Leben im Heim, Alkohol, immer Stärke demonstrierende Persönlichkeiten, die mit ihrem Willen nie dahin passten, wo sie gerade waren. Konflikte mit jedem und allem, was sie umgab. Die Brüder lebten nicht, sondern zerlebten ihre Zeit. Schulabbruch, Abbruch der Ausbildung, Fahren ohne Führerschein, Körperverletzungen, kleine Diebstähle und irgendwann ein Raub. Jugendstrafen, zunächst auf Bewährung, Bewährungswiderruf, Freiheitsstrafen in Neustrelitz und Bützow. Neues Wir-Gefühl unter strenger Administration. Haftbedingungen boten endlich ein festes Zeitgefüge, was sich aber in Freiheit ebenso auflöste, wie alles, was sie bisher versucht hatten.
Die Mollistraße in Bad Doberan hat einige Nebengassen. Die Schienen der Bahn und die uneben verlegten Gehwegplatten glänzten feucht. Von den Laternen tropfte es. Ein ungemütlicher Herbstwind trieb die kalte Feuchtigkeit durch die Straßen, als müsste er sie beatmen. Es wurde dunkel, Abendbrotzeit für die meisten, die von der Arbeit nach Hause gehetzt waren, die Einkaufsbeutel trugen und Kinderwagen schoben. Die Geschäfte in der Mollistraße und am Kamp gingen ins Finale des Tages. Abendbrotzeit für die, die Familie hatten, die vom Kalten und Ungemütlichen ins Warme konnten. Nicht für solche wie Falk und Mirko, die keinen Tagesrhythmus hatten, auf die keiner wartete, die aber trotzdem da waren, immer, jeden Tag. Nicht für die, die in kleinen Gruppen standen und tranken und deren kehlige Stimmen sich manchmal ins Gehör derer drängten, die mit ihnen lieber nichts zu tun haben wollten. Sie fanden sich auf dem Kamp zusammen, um sich gegen Kälte und fremde Blicke zu schützen, um das bisschen zu halten, was ihnen gemeinsam war.
Am Abend des 22. Oktober rollte die S-Klasse aus Richtung Rostock kommend und hielt sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit, um nicht aufzufallen. Das Fahrwerk schluckte elegant jede Bodenwelle. Am östlichen Ortseingang von Bad Doberan eine Ampelkreuzung, links und rechts Gewerbegebiete. »Da hinten ist eine Tanke, fahr da mal ran!«
Der Wagen bog rechts ab, um gleich wieder links auf das Gelände einer Tankstelle einzuschwenken. Er hielt zwischen den Luftsäulen und der Waschanlage. Der Fahrer und seine zwei Begleiter stemmten ihre trainierten Körper aus dem Wagen, stellten sich zusammen und ließen ihre von einiger Routine getriebenen Augenpaare einen Stadtplan absuchen, den sie auf dem Autodach ausgebreitet hatten. Sie hielten nach einem Gebiet Ausschau, das am ehesten ihrem Vorhaben entgegenkam.
»Warum nehmen wir nicht einfach Google Maps?«
»Damit nicht irgendwann einer auslesen kann, dass ich jetzt und hier auf Google Maps was gesucht habe.« Dann wandte sich der Fahrer wieder dem ausgefalteten Stadtplan zu. »Lass es uns hier versuchen!« Er zeigte auf ein grünes Dreieck, einen Park oder eine Grünanlage, die offenbar von drei Straßen umgeben war. »Es wird hier so sein, wie überall. Die Penner hängen da drinnen irgendwo ab. Keiner sieht sie, schon gar nicht jetzt im Dunkeln. Dort können wir uns bewegen.«
»Du wirst recht haben«, meinte einer der beiden Mitfahrer, »aber wir sollten vielleicht sehen, dass wir an Typen kommen, die dann auch funktionieren. Hab keine Lust, in diesem Kaff Geld in den Sand zu setzen.«
Die Männer setzten sich in Bewegung, fuhren die B105 bis zum Alexandrinenplatz und bogen nach rechts in Richtung Kamp. Sie rollten langsam durch die August-Bebel-Straße, dann nach links in die Severinstraße.
»Die haben sogar ein Kino hier. Scheiße, da sitzen noch welche am Bier. Lass uns weiter rum fahren, da sind nur noch Geschäfte. Bieg da vorne wieder links ab! An der Apotheke vorbei und dann hältst du!«
»Da, seht ihr?« Der Fahrer deutete auf zwei dunkle Gestalten. »Die an dem Pavillon da. Ich gehe von der Westseite rein«, bestimmte er, »und ihr beiden kommt mir entgegen. Wir nehmen sie zwischen uns. Haltet erst mal Abstand, das Übliche dann auf mein Zeichen.«
Sie verteilten sich wie besprochen, kreisten das Innere der Parkanlage ein und bemerkten schon nach wenigen Metern zwei Männer, die sich lautstark unterhielten. Die Stimmen kamen von einem schwach beleuchteten, roten Pavillon. Die Männer standen unter dem Dachüberstand und sprachen relativ sauber, zumindest nicht sinnlos betrunken. Als sich die Kontur des Fahrers im Gegenlicht der Straßenlampen abzeichnete, drehten sie sich zu ihm und verstummten.
»Alles okay, kein Stress!«, bemühte der sich in lässigem Ton. »Brauche zwei verlässliche Leute, viel Geld für wenig Arbeit.«
»Was soll das? Wir sind hier am Schluck aber nicht bescheuert. Verpiss dich, Locke!«
»Zweitausend auf die Hand. 500 gleich, den Rest danach.«
Stille. Die Angesprochenen waren verunsichert. Sie sahen sich scheu um. Niemand in der Nähe, der etwas mitbekommen würde. Das klang zu direkt und zu gewaltig, als dass sie ein neues »Verpiss dich!« ausgerufen hätten. Das war einfach zu viel und gleichzeitig unglaublich, weil noch nie so gehört.
»Wer bist du?«, traute sich Mirko die breitschultrige Gestalt vor ihm zu fragen.
»Nicht das Arbeitsamt«, entgegnete diese.
»Wer dann?«
»Wer will das wissen?«
»Wir beide!«
»Ich bin der, den ihr nach dem Job vergessen dürft, aber erst dann. Vorher überzeugt ihr mich, dass ich die Richtigen gefunden habe.«
»Warum suchst du deine Leute im Dunkeln?«
»Ganz einfach …« hörten Falk und Mirko ihr Gegenüber noch sagen, als dieser ein Handzeichen gab und sich aus dem Nichts hinter ihnen zwei weitere Gestalten lösten, die die beiden ahnungslosen Kleinstadtganoven mit katzengleicher Gewandtheit und trainierten Griffen und Hebeln nach hinten rissen, sodass sie mit einem dumpfem Rums zu liegen kamen. Die Angreifer knieten jeweils neben dem Brustkorb und pressten ihn mit Schenkeldruck zusammen, ihre Unterschenkel lagen über den gespreizten Beinen der Überwältigten, man hielt ihnen den Mund zu, riss die Oberbekleidung auf, tastete die Jackeninnen- und die Taschen der Hosen ab und fingerte mit geübten Bewegungen die Geldbörsen heraus. Nachdem das Gesuchte zur Inspektion nach oben gereicht worden war, lockerte man die Griffe.
An Gegenwehr war überhaupt nicht zu denken. Zum einen waren die zwei Brüder keine routinierten Straßenkämpfer, zum anderen ließen die körperliche Dominanz der Angreifer und das Überraschungsmoment sowie die eigene Alkoholisierung keinen derartigen Gedanken zu. Als man die bis eben zugepressten Münder wieder freigab, keuchten diese ihre Angst, ihren Schmerz und ihren Schock heraus und ihre Gehirne veranlassten, dass die eingetretene Sauerstoffschuld nachgeatmet wurde. Sie lagen völlig wehrlos auf dem Sand eines Weges, den Stadtplaner sorgfältig durch eine Grünanlage hatten legen lassen und auf dem morgen wieder Mütter ihre Kinderwagen schieben würden. Aber jetzt lief noch das Kontrastprogramm, von dem niemand in der näheren Umgebung etwas mitbekam, weil es bereits dunkel war.
»Nun habt ihr die Antwort. Die Fragen stellen wir, denn wir müssen wissen, ob unser Geld gut angelegt ist und der Gegenwert auch geliefert wird.« Dabei leuchtete er mit einer Taschenlampe auf die Ausweispapiere. »Ihr seid also Falk und Mirko?« Dann steckte er die Papiere ein.
Beide wurden an ihren Jacken wieder nach oben gezerrt und auf die Füße gestellt. Sie sagten nichts und warteten ergeben auf den Fortgang der Aktion.
»Hört zu, wenn ihr das könnt! Wir behalten eure Papiere, bis der Job erledigt ist. Was ihr zu tun habt? Hier steht alles drin.« Er reichte den beiden einen Briefumschlag, den er aus der Brusttasche seines edlen, aber sportlich wirkenden Jacketts gezogen hatte. »Darin findet ihr die Anzahlung. Wir wissen jetzt, wo ihr wohnt. Wenn ihr euch mit der Anzahlung verpissen wollt oder rumquatscht, wird’s euch nicht mehr lange geben. Eure scheiß Assi-Bude wird zusammen mit euch in Rauch aufgehen. Unfall beim Zigarettenrauchen, oder so. Denkt nicht daran, uns anzuscheißen! Wir behalten euch im Blick.«
Daraufhin entfernten sich die drei Männer ins Dunkel der kleinen Parkanlage und ließen die Brüder völlig überrumpelt und eingeschüchtert zurück.
»Das war ja eine nette Überraschung.« Mit diesen alkoholbedingt etwas vernuschelten Worten rappelte sich Mirko als Erster auf und klopfte sich den Staub von den Sachen.
Dann erhob sich Falk, um sich an einen der großen Bäume zu lehnen. Vielmehr sackte er in sich zusammen und nestelte den Briefumschlag hervor. »Was wollen die Säcke?«, fragte er in die Dunkelheit.
»Weiß ich doch nicht«, antwortete Mirko, wobei seine Stimme fast weinerlich klang. »Die haben uns am Haken, Mann«, rief er aus. »Fleppen weg, Perso weg – Scheiße! Ich will so etwas nicht!«
Falk nahm 500 Euro und ein Blatt Papier aus dem Umschlag. Er las im Flackerlicht seines Feuerzeuges vor: »Treffpunkt Dienstag, 23 Uhr, Walkenhagen.«
»Walkenhagen? Wo is dat denn?«, rief Mirko.
»Bei der Jet-Tankstelle, die Straße raus, wo die Abwasseranlage is.«
»Hört sich doch an wie ’n Dorf.«
»Dat is keen Dorf, dat is een Teil von Doberan, Mann.«
»Die Dörfer heißen hier doch alle so: Nienhagen, Admannshagen, Bargeshagen …«
»Halt die Klappe, Mann!«, fiel ihm Falk in seine Aufzählung. »Walkenhagen is da, wo ich gesagt hab, wo auch früher die alte Chemiefabrik war.«
»Bist du hier auf einmal der Geschichtsprofessor, du Penner?« Mirko riss ihm den Zettel aus der Hand und drehte und wendete ihn. »Dienstag? Dat is morgen?! Wat soll der Scheiß?«
»Die werden uns nich’ fürs Hinfahren 2000 Euro bezahlen. Wir sollen da irgendwat machen, jedenfalls irgendwat, wat die nich’ selber machen wollen.«
»Und wenn wir da einfach nich’ hingehen?«, fragte Falk.
»Mann, die ziehen uns hoch, die machen uns alle, wir müssen da hin, sonst is dein und mein beschissenes Leben vorbei!«
»Eben, beschissen ist sowieso allet, da kommt’s nich’ mehr drauf an.«
»Vergiss es, Junge! Wir gehen da erst mal hin, wir beide, und dann können wir vielleicht immer noch sehen, wat geht.«
Mit dieser bescheidenen Aussicht, dass vielleicht doch noch etwas gehen würde, trollten sich die beiden Richtung Kammerhof in ihre Wohnung. Auf dem kurzen Weg schwieg jeder vor sich hin.
Kapitel 4
Kammerhof
Falk und Mirko versuchten, sich klar im Kopf zu machen und begossen ein ums andere Mal ihre Gesichter mit kaltem Wasser.
»So sauber hast du lange nich’ ausgesehen«, krakeelte Mirko. »Vielleicht noch die Krawatte um den Hals?«
»Ich dreh dir deinen Hals gleich um, du Knaller. Lass den Schlips in Ruhe. Der soll noch von unserm Alten sein.«
»Mir doch egal«, nölte Mirko zurück und schleuderte das seidige Band mit dem altmodischen Karomuster Richtung Fenster, wo es auf dem Heizkörperventil hängen blieb.
Das sogenannte Wohnzimmer war übersät mit leeren Flaschen, Konservendosen, aus denen lediglich schmutzige Löffel ragten, und angeschimmelten Essensresten auf verdreckten Tellern. Auf dem Couchtisch korrespondierte ein überfüllter Aschenbecher mit zwei braunschwarz verfärbten Kaffeetassen. Zwischen Radio, Fernseher und Steckdose neben der Tür hingen girlandenartig Elektrokabel. Die Tapeten, die Vorhänge, die Lampenschale über dem Tisch waren vom Zigarettenrauch vergilbt.
»Komm jetzt, ich will los«, herrschte Mirko seinen Bruder an.
»Wir ham noch Zeit, Mann. Das schaffen wir dicke.«
Beide nahmen noch ein paar kräftige Schlucke Bier, zogen die Wohnungstür leise zu und tappten vorsichtig die Treppen hinunter, als wäre dies schon der erste Teil der zu erledigenden Aufgabe, die sie noch nicht kannten. Sie überquerten die Nienhäger Chaussee, gingen Richtung Thünenhof und dann vor zur Randstraße. Nun blieben nur noch einige hundert Meter, bis links die Kläranlage in Sicht kam.
»Walkenhagen is ungenau«, sagte Falk. »Dat kann sonst wo hier sein.«
»Lass gut sein«, entgegnete Mirko. Er schaute auf die Uhr: zehn vor elf.
»Wir stehen jetzt ziemlich im Dunkeln. Da vorne wird es heller. Wir können im Moment besser sehen als die«, analysierte Falk.
»Wieso dat denn? Wenn’s bei denen heller is, können die doch besser gucken!«
»Setzen, fünf!«, fuhr Falk fort. »Die gucken vom Hellen ins Dunkel schlechter als wir umgekehrt.«
»An dir is irgendwas verloren gegangen«, stellte Mirko anerkennend fest.
Beide gingen langsam weiter und näherten sich der Kurve vor dem Anstieg zur Jet-Tankstelle und zum Fahrradladen. Vor Beginn der bewachsenen Lärmschutzwand blendete plötzlich von rechts ein Scheinwerferpaar die Brüder, die wie angewurzelt stehen blieben. Der Wagen stand auf dem schmalen Anliegerweg und war durch den Blendeffekt nicht auszumachen. Die Kontur eines großen, kräftigen Mannes schob sich in den Lichtkegel. Falk und Mirko waren erleuchtet, als ob sie die Hauptrolle in einem Theaterstück spielen sollten, und rührten sich nicht. Die Sprechrolle übernahm ihr Gegenüber. »Okay, ihr seid pünktlich gekommen. Nun könnt ihr wieder gehen!«
Die beiden schauten sich fragend an.
»Wir wollten nur sehen, ob ihr funktioniert. Morgen das Gleiche, dann aber keine Übung.«
»Wieder hier?«, fragte Falk scheu.
»Sagte ich doch, das Gleiche.« Damit stieg der unheimliche Geselle zurück in den Wagen. Der rollte langsam vor zur Straße, bog nach rechts und verschwand.
Die beiden standen wie begossene Pudel und ratlos wie bestellt und nicht abgeholt nebeneinander. Falk erlangte zuerst seine Fassung zurück. »Dat is wat Ernstes, du. Dat is viel Geld für wat Großes. Dat machen wir. So eine Gelegenheit würde sich keener entgehen lassen. Dat is dat ganz große Geschäft und wir sind dabei«, monologisierte er vor sich hin, dabei andächtig den Blick zu den Sternen gehoben.
»Du machst mir Angst.« Mirko musterte seinen Bruder scheu.
Kapitel 5
Grundloses Moor
Feiner Niesel perlte von den Dächern der verschlafenen Kleinstadt, die, umgeben von Feld und Wald, Fremde ins Schwärmen brachte und Einheimische all das Schöne nicht mehr sehen ließ, weil es sie täglich umgab. Dazu die Ostseenähe. Heiligendamm, Kühlungsborn und Rostock waren auch nicht weit. So hatte Bad Doberan nach dem Mauerfall punkten und sich wenigstens zu bestimmten Tageszeiten eine gewisse Quirligkeit bewahren können. Mit ihrem Einkommen auszukommen, war für viele hier dennoch eine Herausforderung.
Die Herbstnebel legten sich schwer wie eine Schleppe auf alles, was menschlichen Ursprungs war. Hannes Köster stemmte sich gegen den großen Trend, wegzugehen. Die wenigen noch über die Schulzeit mit dem Ort verbundenen Jugendlichen waren sich zumeist einig, dass ihre Zukunft eine andere Überschrift bekommen sollte. Waren es die Eltern und Großeltern, die ihn seit Kindertagen umsorgten, oder hielt ihn das Vertraute in seiner Umgebung? Oder eben alles zusammen? Wie immer gab es auf schwere Fragen keine leichten Antworten. Vielleicht hatte auch der Tischlermeister, der mit seinem Vater gut bekannt war, den Ausschlag gegeben. Hannes hatte sich entschieden, zu bleiben und eine Tischlerlehre zu beginnen. Die Fahrten zur zwanzig Kilometer entfernten Berufsschule »in die Stadt«, wie man sagte, würden ohnehin viel Neues bringen. Das würde ihm als erste vorsichtige Loslösung von zu Hause genügen. Und bisher ging diese Rechnung auf. Sein Lebensrhythmus brachte ihm zwar keine Sensationen, aber dafür auch keine Entfremdung von dem, was ihn so viele Jahre umgeben und geprägt hatte.
Der heutige Tag schien ihm ideal. Die Eltern waren für eine Woche zu einer Städtereise in die Eifel gefahren, sollten aber morgen wieder zu Hause eintreffen. Der Nachmittag frei. Er war allein und niemand würde ihn etwas fragen, worauf er nicht antworten wollte. Gegen die Feuchte des herbstlichen Tages halfen eine dunkle Regenjacke mit Kapuze und wasserdichte Schuhe, die er sich vom ersten selbst verdienten Geld geleistet hatte. Wer billig kauft, kauft zweimal. Diese und andere Lebensregeln waren tief eingeprägt. So legte er Wert auf gutes Zeug, was dann eben zu pflegen und zu hegen war. Er nahm sich eine Taschenlampe, unnötig zu erwähnen, dass es ein Markenprodukt war, griff sich das Smartphone, ging zur Tür, steckte dabei seinen Schlüsselbund in die linke Hosentasche und machte auf dem Absatz kehrt, um noch einen Kugelschreiber zu fassen, der auf dem Schränkchen im Flur herumlag. Nun hatte er alles, stieg auf sein Fahrrad und fuhr zum Alexandrinenplatz, von dort Richtung Bahnhof, über die Eisenbahnschienen den Berg zum Moorbad hoch, weiter bis Hohenfelde und dann rechts Richtung Retschow. Die Tour war ihm willkommen, eine schöne Trainingsrunde, denn der Radweg und die Straße stiegen immer leicht an und seine von Holzstaub gemarterten Lungen freuten sich über Frischluft. Hinter Hohenfelde wurde es einsam, die Straße schmal und gewunden, zum Teil wie ein Hohlweg, der oben angekommen, mit einem weiten Blick übers Land belohnte. Sein Ziel war das Grundlose Moor. Viele wussten nichts von seiner Existenz, von diesem einzigartigen Biotop, gleich rechts in einer von Hochwald umgebenen Senke. Kurz hinter der Waldkante rechts ein abgehender Weg. Die Zufahrt durch eine Schranke versperrt. Er winkelte sich und sein Fahrrad an der Schranke vorbei, schob noch ein paar Meter, entschied sich dann aber, das Gefährt abzustellen. Mehrere Bäume, die ein von Nordwest eindrückender Sturm irgendwann umgestürzt hatte, zwangen ihn durch das angrenzende Dickicht. Ein Weiterfahren war unmöglich. Hannes Köster bog Gesträuch zur Seite, stieg über Stämme und kämpfte sich zurück auf den in die Senke hinunterführenden Weg. Es ging steil bergab. Auf dem Uferweg des Grundlosen Moores angekommen, lief er nach links. Das nasskalte Wetter ließ seine Konturen schnell mit denen des Baumbestandes verschmelzen. Der Boden war schwer und weich, mit Laub bedeckt. Die guten Schuhe taten ihren Dienst. Ein mäßiger Wind wogte durch die Baumwipfel, die sich synchron und in bäumischer Einigkeit bewegten. Ein auf- und abschwellendes Rauschen nahm Besitz von ihm. So brachte es zugleich meditative Ruhe und ein unheimliches Gefühl. Hannes Köster lief einer Richtung nach, die ihm das Display seines Smartphones vorgab. Noch 170 Meter. 150. 120. Wie ein Countdown war die Annäherung an das Ziel programmiert. Noch zehn Meter. Hannes drehte sich und war nur umfangen von dem Grau des Waldes und dessen Stimmen. Ach ja, der Hinweis. Er tickerte sich zurück zur Beschreibung des Zieles und decryptierte ihn. Willst Du es erblicken, krümm den Rücken! Damit war klar, dass er nicht an den Baumstämmen hinauf suchen musste, sondern am Boden. Die abzulaufende Luftlinie war zu einem Punkt geschrumpft. Hier musste es irgendwo sein. Er ging vorsichtig einige Meter nach links, hockte sich in das Unterholz und ließ seinen Blick schweifen. Neben einem schon lange liegenden, vergessenen Baum, dessen Wurzelteller hoch aufragte und dessen Stamm zahllose Käferwohnungen wie in einer Reihenhaussiedlung bot, lagen zwei zum Teil von Laub bedeckte Brettchen, wie sorgsam nebeneinander gelegt. Das war kein Zufall.
Er wollte sie soeben anheben, als das Unterholz hinter ihm knackte und das Laub mit seinem Rascheln eiligen Schritten nachgab. Es war zu spät. Als er sich den Geräuschen zuwandte, spürte er schon einen dumpfen Schlag, der seinen Hals von vorn traf und seine Sinne auf eine ferne Reise schickte, die im Dunkel endete. Die in der Überraschung verdrehte Körperhaltung verlor ihre Spannung. Sein Körper erschlaffte und schmiegte sich an den Waldboden. Die Schritte einer Person, deren Annäherung er zu spät bemerkt hatte, entfernten sich von seinem Körper ebenso wie das Leben. Sie hatten es ihm genommen, ansatzlos, respektlos. Wie viel von unserem Leben wird darauf verwendet, neues Leben zu geben und zu bewahren? Wie viel Menschsein ist nötig, um einen Menschen zu formen? All das wie wegradiert, ausgeknipst. Jahre voller Hingebung, Liebe und Sorge gegen einen Schlag, nicht länger als ein Mausklick.
Kapitel 6
BRB im Einsatz
Doktor Karsten Brandenburg, seine Freunde und Kollegen nannten ihn einfach »BRB«, war im dreißigsten Dienstjahr Rechtsmediziner und nicht mehr so aufgeregt wie in den frühen Achtzigern, wenn es zu einem Einsatz ging: an einen Tatort, zur Polizeidienststelle oder in ein Krankenhaus. Er hatte es nie bereut, Rechtsmediziner geworden zu sein. Er hatte sich mit seinem Beruf identifiziert. Das war seine Hingabe, seine Erschöpfung und sein Quell. Am Beginn erlebte er Rechtsmedizin jedoch wie eine Invasion, die sein Innerstes erreichte. Sie schlug wie eine Brandung der schrecklichsten Bilder und Gerüche gegen einen viel zu weichen Wall seiner bis dato behüteten Biologie. Er hatte mal eine Famulatur in der Gerichtsmedizin gemacht, wie es damals hieß. Die Siebziger- und Achtzigerjahre waren noch keine Hochglanzzeiten. Die Laborarbeit wurde oft von Idealismus und Improvisationsgabe getragen. Heute gibt es alles fertig. Gebrauchslösungen müssen nicht erst zusammenpipettiert werden. Einmalbestecke und computergesteuerte Analytik gestalten die Arbeit effizienter. Damals wurde die Musik sozusagen noch von Hand gemacht. Im Sektionssaal ganz ähnlich. Es gab ein Sektionsteam, vormittags in Rostock und nachmittags auf Außentour nach Teterow, Güstrow, Wismar, Grevesmühlen, Schönberg. Ihm gefiel das Wir-Gefühl dieser Truppe, das Praktische, das Handfeste. Dazu kam der Mix aus Morphologie, Toxikologie, Genetik, Psychiatrie, Tatortarbeit und Gerichtsverhandlungen. Die Jahre brachten ihm eine Balance in einer fein austarierten Distanz zwischen der nötigen Nähe, um arbeiten zu können, und der nötigen Ferne, um nichts mit nach Hause zu nehmen. Diese Balance zu halten, war eine immer neu zu erbringende Leistung. Bei jedem Fall war es anders, mal fiel es leichter, mal schwerer. Mal ging es an die »Substanz«, mal gewann er auch dazu und verpackte sich einen Erfolg so, dass er von ihm zehren konnte.
Brandenburg war soeben nach Hause gekommen, nach Bad Doberan, und wollte sich eigentlich um Haus und Hof kümmern. Winterreifen, Frostschutz, Außenwasserhahn ablassen, Hecke schneiden, all solche Sachen, die man im Spätherbst auf der Agenda hatte. Da klingelte das Telefon. Während er seinen linken Arm in seine Dienstklamotten fädelte, diente der rechte zum Telefonieren, zum schnellen Zurechtlegen eines Bissens und eines Schluckes Kaffee, den er sich gerade gebrüht hatte. Türkisch und »schwarz wie meine Seele« bestellte er ihn sonst. Sein Dienstkoffer stand schon im Auto bereit und er war es nach wenigen Minuten auch.
Er fuhr, wie ihm am Telefon beschrieben, von Bad Doberan über Hohenfelde in Richtung Retschow. Ziel war der östliche Uferweg des Grundlosen Moores, wie Brandenburg wusste, ein Verlandungsmoor, welches in der letzten Eiszeit entstanden war. Kurz hinter Hohenfelde löste sich im Scheinwerferlicht eine Gestalt mit reflektierender Warnweste und erhobener Kelle vom Fahrbahnrand. Er hielt und öffnete die Seitenscheibe.
»Polizeiobermeister Katuschewski. Doktor Brandenburg?«
»Yep.«
»Der Ereignisort ist schlecht zu finden. Ich fahre vor, folgen Sie mir bitte!«
»Yep.«
An der Kreuzung, links die Straße nach Ivendorf, ging es rechts auf einen welligen, ausgefahrenen Waldweg, der die Federwege seines höhergelegten Allradlers langsam ausreizte. Der Polizist stoppte. »Von hier sind’s 200 Meter Uferweg. Sehen Sie da hinten die Lichter? Haben Sie eine Lampe dabei?«
»Yep.« Dieses etwas kesse »Yep« hatte er von seiner ältesten Enkelin, die langsam aber sicher einen eigenen Kommunikationsstil entwickelte, dessen flinke Frische er liebte. Brandenburg stieg aus. Jacke zu, Mütze, Handschuhe, Dienstkoffer, und dann stiefelte er über den laubbedeckten Weg und traf an einer Absperrung auf eine Gruppe Kriminaltechniker in weißen Overalls. Er notierte sich die Ankunftszeit: 18:45 Uhr.
»Moin, Doc«, rief einer aus dem Dunkel, »immer die Gleichen.«
Gelächter aus dem Umkreis. Lichtkegel aus irgendwelchen Funzeln huschten durch den Wald. Nasse Kälte kroch schon jetzt in die Socken und versprach, es sich dort gut gehen zu lassen.
»Wie weit seid ihr?«, rief Brandenburg in die Runde. »Was liegt an?«
Einer der Männer outete sich als Untersuchungsführer und fasste den bisherigen Kenntnisstand zusammen. »Heute gegen 16:20 Uhr haben Pilzsammler etwas gefunden, was nicht in den Korb passte.«
Wieder Gelächter. Man hatte sich einen Jargon angewöhnt, der nicht für jedes Ohr bestimmt war. Brandenburg kannte das. Es war für ihn in Ordnung. Das gab es in jeder Berufsgruppe und jeder wusste natürlich, dass man sich offiziell und gar im Kontakt mit Angehörigen oder im Termin anders ausdrücken würde.
Der Kriminalbeamte fuhr fort: »Von der Straße aus gibt es zwei Zuwege. Den einen sind wir alle eben gekommen. Der andere geht weiter oben hinter der Waldkante von der Straße ab. Da steht ein scheinbar herrenloses Fahrrad. Die Pilzsammler haben uns darauf hingewiesen, sonst wäre das nicht aufgefallen, ist von hier nicht einsehbar. Wenn sich in der nächsten Stunde keiner findet und das hier ein Tatort werden sollte, machen wir aus dem Fahrrad eine Spur, kleben das ab und nehmen es mit. Von hier aus gesehen, gleich rechts neben dem Weg, dicht bei einem entwurzelten Baum liegt eine männliche Leiche im Unterholz. Zwischen dem Körper und dem Moorgebiet verläuft der Uferweg. Die Körperhaltung etwas verdreht, fast wie eine stabile Seitenlage. Der Oberköper liegt auf der rechten Seite, der rechte Arm darunter nach hinten gestreckt. Die Knie- und Hüftgelenke leicht angewinkelt, dabei das rechte Bein stärker und unter dem linken Bein nach vorn ragend. Die Kleidung witterungsgerecht, kaum verschmutzt. Es sieht nicht so aus, als wäre er im Moor gewesen. Kein Schaumpilz. Die Kapuze der dunklen Regenjacke nach hinten geschoben, mit Antragungen wie von Blut. Bluttypische Anhaftungen auch am behaarten Hinterkopf und am feuchten Laub darunter.«
»Ist die Identität klar?«
»Noch nicht. Wir haben noch nichts verändert. Bisher ist das nähere Umfeld fotografiert. Der Notarzt war hier, den haben die gleich gerufen und der hat den Tod festgestellt, aber keine eigentliche Leichenschau durchgeführt, weil es sich offenbar um einen gewaltsamen Tod handelt. Irgendwas am Hals. Dann wurden wir informiert und dann Sie. Mehr ist noch nicht gelaufen.«
»Okay«, entgegnete Brandenburg, »kann ich ran?«
»Im Prinzip schon, wir haben überlegt, ob wir mehr Licht holen sollen?«
»Die Taschenlampen sollten erst mal reichen. Ich gehe davon aus, dass der Auffindungsort ohnehin bei Tageslicht noch einmal aufgearbeitet wird?«
»Ja, anders geht’s nicht.«
»Wir machen jetzt gemeinsam die Leichenschau und entscheiden, was weiter hier und was morgen im Sektionssaal gemacht werden sollte.«
Doktor Brandenburg steckte mittlerweile in einem Overall mit Kopfschutz und streifte sich Gummihandschuhe über. Er näherte sich dem Leichnam auf einer deutlich heruntergetrampelten Route, die von Kriminaltechnikern freigegeben war. Zunächst versuchte er, vorsichtig die Ellenbogen- und die Kniegelenke des Toten zu bewegen, um sich schon jetzt einen Eindruck von der Leichenstarre zu verschaffen. Die war nur mittelgradig ausgeprägt, sodass die Arme und Beine nach kräftigem Druck nicht komplett in ihre Winkelstellung zurückfederten. Er drehte den Leichnam auf den Rücken und begann, die Oberbekleidung zu öffnen, ohne sie zu beschädigen. In der linken Innentasche der Jacke fand sich eine Geldbörse, darin zum Glück ein Personalausweis. Ein schneller Lichtbildvergleich ließ keine Zweifel aufkommen. Man konnte davon ausgehen, dass es sich bei dem Verstorbenen um einen Hannes Köster aus Bad Doberan handelte. Somit war die Identität geklärt. Das war ja schon mal was. Der Untersuchungsumfang bei unbekannten Toten war erfahrungsgemäß sehr groß. Nun würden die Ermittler natürlich schneller vorankommen.
Wie schwer es sein musste, Angehörigen mit dem nötigen Feingefühl zu sagen, dass etwas passiert war. Er mochte nicht in die Rolle desjenigen schlüpfen, dem das zukam. Das Rauschen des Windes und der Ruf eines Waldkauzes verdrängten diese Gedanken und riefen ihn zurück. Er öffnete alle Kleidungsstücke so, dass die Körperoberfläche und die Körperöffnungen einsehbar waren. Die Kriminaltechniker leuchteten ihm und dokumentierten den Fortgang der Untersuchung. Brandenburgs Rücken schmerzte bald, weil er seine gebückte Haltung beibehalten musste. Die Totenflecke in den tiefliegenden Körperabschnitten waren lagegerecht ausgeprägt und auf mittleren Fingerkuppendruck abblassend. Er fluchte kurz auf, als der rechte Gummihandschuh an einem Zweig hängen blieb und zerriss. Er bat um einen neuen und begann Kösters Kopf zu inspizieren. Kräftiges Betasten der Schädeldachknochen ergaben keine widernatürliche Beweglichkeit. Auch das Gesicht wirkte intakt, die Haut unverletzt. Die Augenbindehäute rechts mit etwas vermehrter Blutgefäßzeichnung. Keine Einblutungen. Die Schleimhaut des Mundvorhofes und der Wangen ohne Einblutungen, insbesondere entlang der Zahnreihen. Die Zähne fest. Das Lippenbändchen intakt. In der Mundhöhle wenig blutiger Schaum. Sonst keine ortsfremden Inhalte. Die Ohrmuscheln intakt. Die Gehörgangsöffnungen frei. Die Halswirbelsäule fest, die Halshaut vorn jedoch mit unregelmäßig geformten Hautverfärbungen. Auffällig auch, dass die Konturen des Kehlkopfes weich eindrückbar waren. Das Kehlkopfskelett, soweit unter diesen Bedingungen beurteilbar, wirkte mobilisiert. Alle anderen Körperabschnitte unauffällig, insbesondere die Handflächen, Handrückseiten, Fingernagelkanten und Unterarmstreckseiten ohne Verletzungen. Messung der Körperkerntemperatur: 31 Grad Celsius, Umgebungstemperatur: zehn Grad Celsius, Messzeit: 24. Oktober, 19 Uhr. »Mehr möchte ich jetzt hier nicht machen. Die Todesursache kann mit der nötigen Sicherheit erst im Ergebnis der Obduktion bestimmt werden. Es sieht so aus, als ob es eine massive stumpfe Gewalt gegen den Hals von vorn gab. Der Kehlkopf ist weich, vielleicht gebrochen. Das müssen wir präparieren. Die Halshaut ist verletzt. Wenn wir morgen obduzieren, wird sie dort mehr eingetrocknet und kontrastreicher verfärbt sein, wo Hautschichten verletzt wurden. Die Hautbefunde sind dann bestimmt deutlicher ausgeprägt. Kein Anhalt für andere Arten von Gewalt. Kein Anhalt für Gegenwehr. Das muss sehr schnell gegangen sein. Die Kleidung ist weitgehend sauber und intakt. Sieht nach Fremdeinwirkung aus. Mir fällt nicht ein, wie er sich die Verletzungen anders zugezogen haben sollte. Ich würde das Ganze hier zu einem Tatort machen. Als Tatwerkzeug kommt ein schwerer Gegenstand infrage. Ein Knüppel vielleicht; möglich wäre aber auch ein Schlag oder ein Tritt. Falls Haut auf Haut getroffen sein sollte, wäre eine wechselseitige Behaftung mit Fremd-DNA zu erwarten. Einen Blutverlust nach außen sehe ich nicht. Irgendwer hat doch vorhin was von Blut am Kopf und am Laub erzählt?«
»Ja … nee, das war nur so ein Gedanke vom Notarzt.«
»Der hat ihn sich doch gar nicht gründlich angesehen«, entgegnete einer der Männer.
»Der muss die Befunde am Hals gesehen haben«, sagte Brandenburg. »Wie käme er sonst auf einen gewaltsamen Tod. Dazu muss er schon dicht herangegangen sein, sonst wäre ihm das nicht aufgefallen. Also ganz so schlecht war der nicht! Habt ihr sonst noch was gefunden?«
»Nein, noch nicht, wir haben aber auch bei der Dunkelheit noch nicht alles gründlich absuchen können. Machen wir morgen. Die Zuwege werden bis dahin gesperrt. Außerdem sollen die Hunde ran. Wir haben keine Zeugen.«
»Habt ihr den Bestatter informiert?«
»Der ist unterwegs.«
»Den Totenschein schreibe ich morgen im Saal«, rief Brandenburg. »Die Todeszeitschätzung auch morgen, wenn ich ihn gewogen habe. Das wird wohl so der frühe Nachmittag gewesen sein. Lasst uns aber jetzt und nicht erst morgen Abriebe von der Halshaut für molekulargenetische Untersuchungen anfertigen und die Fingernagelkanten nicht vergessen. Das muss jetzt. Und noch eins«, rief er dem Kriminaltechniker zu, »wenn ihr die Hände eintütet, bitte keine Plastiktüten, sondern Papier, damit die nicht schwitzen!«
»Alles klar, Doc.« Sie würden die Hände ohnehin gleich hier abkleben, damit auf dem Transport keine Spuren verloren gingen.
Brandenburg legte den Verstorbenen vorsichtig in seine ursprüngliche Lage zurück, als neben der rechten Hand ein flacher Gegenstand das Lampenlicht reflektierte. »Stopp mal, ich hab hier noch etwas! Bitte ein Foto. Er wies auf eine silbrig glänzende, kantige Kontur. Der Kriminaltechniker stellte eine Nummer daneben, fotografierte und Brandenburg strich das Laub vorsichtig zur Seite. »Ein Smartphone, scheinbar nicht beschädigt. Hätten wir fast nicht gesehen. Habt ihr eine Tüte? Dann her damit und rein damit!«
Brandenburg erhob sich, klappte seinen Dienstkoffer zu und stelzte vorsichtig aus dem sensiblen, inneren Bereich des Tatortes. Dann drehte er sich um: »Ach, noch etwas, meine Herren« und erinnerte an Columbo, dem auch immer noch eine letzte Frage einfiel. »Wie bezeichnet ihr den Auffindungsort? Ich brauche für die Todesbescheinigung eine genaue Ortsangabe. Einfach nur ›Grundloses Moor‹ reicht nicht.« Da fiel ihm ein, das er sich selbst helfen konnte. Er zückte sein Smartphone, ging zum Leichnam zurück und ließ sich die Geokoordinaten des Auffindungsortes anzeigen. »Danke, hat sich erledigt.«
Die Kriminaltechniker verabredeten dann das Prozedere für den kommenden Vormittag. Man würde sich aufteilen müssen. Zwei Leute in den Saal, der Rest in den Wald.
Brandenburg verabschiedete sich, bekam einen freundlichen Wink und dann ging er vorsichtig zurück zu seinem Auto. Der schwarze Wagen hob sich kaum vom Dunkel des Waldes ab, sodass er Mühe hatte, ihn zu sichten. Dort angekommen wurde er schon wieder von der eigenen und scheinbar unbeirrbaren Atmosphäre des Waldes eingefangen. Er stieg schnell ein und mit dem Zuklappen der Tür und dem Einschalten des Radios war diese Stimmung abgeschnitten.
Von der Straße näherten sich Scheinwerfer in unruhigen Bewegungen. Die Bestattungsfirma navigierte sich den Waldweg entlang. Er würde ihnen noch kurz Bescheid geben, dass der Verstorbene am nächsten Vormittag gegen neun Uhr im Institut sein sollte.
Brandenburg steuerte in Gedanken versunken seinen Wagen nach Hause. Wenig später empfing ihn die wohlige Wärme seines Hauses. Seine Ehefrau Anna war zu einer Freundin gefahren, die Kinder längst aus dem Haus, sodass er mit den Eindrücken vom Tatort allein war und in Ruhe alle Informationen Revue passieren lassen konnte.
Kapitel 7
Obduktion
Am nächsten Morgen brauchte er keine Anlaufzeit. Zum Frühstück kurz was abgebissen und ab zum Institut. Dort begann einer der zahllosen Morgen, die er in seiner langen Dienstzeit durchlebt hatte. Ganz gleich wie die Auftragslage war. Man wurde immer von diesem düsteren Gemäuer empfangen, von dieser alten Villa, die durch viele Umbauten zu einer »Struktureinheit« geworden war, wie es früher im Verwaltungsjargon hieß.
Auf dem Flur vermengt sich der Duft
von Dachstuhl und modriger Kellergruft,
hatte er mal gereimt. Die nie aus den Wänden heraussanierte Feuchtigkeit wurde mit jedem Atemzug eingesogen.
Vor uns sind zertretene Stufen,
die uns in die Tiefe rufen,
schrieb er damals weiter.
Selbst da,
wo einst der Holzwurm war, bleibt nur noch modrig seine Höhle.
Vom Wurm fehlt längstens Leib und Seele.
Es war sehr speziell und irgendwie ein Wunder, dass er es dort schon so viele Jahre aushielt. Die letzten Jahre hatten eine für ihn überraschende Entwicklung gebracht. Das enge, unerbittlich Geradlinige und damit oft blockierende frühere Regime des Hauses war einer Experimentierfreude und einem offensiven Arbeitsstil gewichen, natürlich verbunden mit der Forderung nach Übersicht, um die streng gebliebenen Basics immer wiederzufinden. Jeder neue Fall geriet in eine produktive Workshop-Atmosphäre und wurde in alle Wissenschaftsbereiche des Hauses getragen. Nach dem Prinzip »Universität«.
Die morgendliche Dienstberatung bekam die Geschehnisse der letzten Nacht auf den Tisch. Der Termin zur Obduktion wurde vom Chef bestätigt, das Team zusammengestellt. Schnell noch einen Kaffee und ab in den Saal. Dazu war eine Fahrt durch die Stadt notwendig. Seziert wurde im Gebäude der Pathologie. Der Sektionstechniker war schon seit ein oder zwei Stunden im Dienst und gerade dabei, den Verstorbenen vom Bestattungsunternehmer entgegenzunehmen. Übergabe der Papiere, Unterschriften, Terminabsprachen, ein Wink, ein Gruß. Das ging alles sehr schnell als Teil einer jahrelang gut funktionierenden Routine.
Im Saal versammelten sich die beiden Obduzenten, der Sektionstechniker, die Staatsanwältin und ein Kriminaltechniker, den die Kollegen nur »KT-Mann« nannten und der für seine Fototechnik einen kleinen Rollwagen benutzen konnte, der grün abgedeckt wurde.
»Frau Staatsanwältin, wir kennen uns ja noch gar nicht«, mit diesen Worten ging Doktor Brandenburg auf eine hoch gewachsene, junge Dame zu, die in grünem Kittel den Saal betreten hatte. Hochhackige Schuhe in schlappenden Gummigaloschen. Die Nasenöffnungen mit parfümiertem, klein gerissenem Papier zugestöpselt.
»Tut mir leid«, näselte sie, »aber ich bin nicht die Staatsanwältin, sondern die neue PJlerin.« Seit einigen Jahren durften Studierende einen Teil des Praktischen Jahres auch in Instituten für Pathologie und Rechtsmedizin ableisten, das sogenannte Wahltertial.
»Ah, dann habe ich gleich einen kleinen Maßnahmenkatalog aufzusagen. Erstens Stöpsel aus der Nase, zweitens vernünftiges Schuhwerk und drittens nach Erledigung wiederkommen!« – »Das geht ja wohl überhaupt nicht«, sinnierte er vor sich hin. ›Nasenstöpsel und dann diese Stelzen! Der werd ich Luft machen. Gutes Stichwort!‹ – »Bitte die Fenster zu, ich will nicht immer wieder erinnert werden, dass es draußen schöner ist als hier.«
Der neue Tag hatte mit wolkenlosem Himmel begonnen und verteilte eine spätherbstliche Frische in die Straßen der Stadt, die aber leider draußen bleiben musste. Die Studentin erschien wieder, etwas verwandelt und scheu, aber Brandenburg hieß sie nun herzlich willkommen und wünschte ihr interessante vier Monate. Er zeigte ihr, wo die Handschuhe lagen, sie möge sich ein Paar überziehen und sich bereithalten … jedenfalls dicht am Tisch bleiben. »Zuwendung ist die halbe Miete!«
Endlich kam auch die richtige Staatsanwältin. Frisch im Amt, Franziska Kernbach. Jung, dynamisch, erfolgsgewohnt, straffer, federnder Schritt, knapper Gruß, fordernder Rundumblick. Es konnte losgehen.
Zwischenzeitlich hatte der Sektionstechniker an eine altmodische, schwarze Kreidetafel das Aktenzeichen geschrieben sowie Körpergröße und Körpermasse: 180 Zentimeter, 82 Kilogramm.
Die beiden Werte notierte sich Doktor Brandenburg für die noch weiter einzugrenzende Todeszeitschätzung. Die am Tatort begonnene Leichenschau wurde fortgesetzt, die Kleidung vom Kriminaltechniker abgeklebt, um opferfremde Spuren zu asservieren und dem Verstorbenen dann abgenommen. »Beginn der rechtsmedizinischen Untersuchungen am 25. Oktober um 09:45 Uhr, somit 14:45 Stunden nach der Untersuchung am Tatort«, sagte der Rechtsmediziner laut. Die Körperoberfläche wurde gereinigt und noch einmal genauestens angesehen. Es galt zunächst, inzwischen eventuell sichtbar gewordene Hauteintrocknungen zu dokumentieren. »Haut vertrocknet nach dem Todeseintritt dort schneller, wo sie verletzt wurde, und die Entwicklung der damit verbundenen Farbänderungen braucht Zeit«, dozierte Doktor Brandenburg, um das Augenmerk der Umstehenden auf den Hauptbefund zu richten. »Auch wenn Hauteintrocknungen klein sind, können sie wichtige Hinweise geben, auf die Zahl der Gewalteinwirkungen, deren Art, Intensität und Richtung. Zu Lebzeiten entstandene Befunde haben zumeist eine dunkelrote bis schwarzrote Färbung, weil mehr oder weniger blutig durchsetzte Flüssigkeit ausgetreten und mit eingetrocknet ist.« Besonders interessant war natürlich die Halshaut. Dort fanden sich verwaschen abgegrenzte, unregelmäßig geformte, braunrote Hauteintrocknungen über den vormaligen Konturen des Kehlkopfes. Es war zu differenzieren zwischen einem möglichen Würgen, Drosseln, Schlagen oder Treten. Ebenso war zu bedenken, dass der Auffindungsort nicht der Tatort gewesen sein musste. Gab es also Hinweise auf ein Verbringen des Körpers? Die innere Leichenschau folgte dann der üblichen Routine. Die Halsorgane wurden in sogenannter Blutleere untersucht, um verletzungsbedingte Blutungen nicht durch präparationsbedingte Artefakte zu überlagern.
»Befund«, rief Brandenburg in den Raum, »und Foto!« Die Schildknorpelplatten des Kehlkopfes waren gebrochen und wie zusammengepresst. Das Zungenbein war gebrochen und ebenso der linke obere Schildknorpelfortsatz. Der Kehlkopfeingang war dadurch verlegt und nur noch schlitzförmig erhalten. Die Halshaut davor war deutlich unterblutet. Einblutungen fanden sich auch in der geraden Halsmuskulatur rechts. »Hier haben wir die Todesursache. KT? Foto!«, rief er erneut. »Die Legende für die Anlagenkarte erstellen wir lieber gemeinsam«, sagte der Arzt zum KT-Mann. »Oder kennt ihr euch mit den Knöchelchen hier aus? Und mit den Halsmuskeln?«
»Alles klar, Doc, machen wir.«
Die Obduktion folgte dann dem üblichen Schema. Die Organpakete aus dem Brust- und Bauchraum wurden präpariert. Bei Anschnitt großer Blutgefäßstämme entleerte sich viel flüssiges Blut. Die inneren Organe zeigten die für einen jungen Menschen zu erwartenden Farben und Formen und regelrechte Lagebeziehungen. Ein muskelkräftiges Herz mit den zarten Strukturen der sich verzweigenden Herzkranzarterien. Die Schnittflächen der Herzmuskulatur ohne Herdbefunde. Ein Herz, das noch viele Jahre funktioniert hätte. Die Lungen wirkten etwas überbläht, was dem Todesmechanismus zugeordnet wurde. Leber, Bauchspeicheldrüse, Milz und Nieren ohne Auffälligkeiten. Der Magen-Darm-Trakt ohne Hinweis auf Fremd- oder Giftstoffe. Die letzte Nahrungsaufnahme lag offenbar einige Stunden zurück. Das Schädeldach wurde eröffnet. Die weiche Hirnhaut blutreich. Die Schnittflächen von Groß- und Kleinhirn mit anatomisch regelrechten Strukturen. In der Zusammenschau jedenfalls keine krankhaften Veränderungen und keine weiteren Verletzungen. Über dem Arbeitstisch schwebte eine Glocke aus süßlichem Geruch, der mit nichts zu vergleichen war, was sich sonst in den Bibliotheken menschlicher Sinneswahrnehmungen finden ließ.
Nur flüchtig bemerkte Brandenburg, dass die neben ihm stehende Studentin etwas teilnahmslos vor sich hin schaute. Auch reagierte sie auf seinen Anruf nur noch verzögert. Und da passierte es: Es gelang gerade noch, ihren Körper aufzufangen. Sie gravitierte sich entlang der Arztschürze Brandenburgs. Zum Glück kein Aufschlag, nichts Ernstes.
»Kopf tief, Beine hoch, raus mit ihr, lasst sie nicht allein, gebt ihr was!« Es war nicht das erste Mal und es tat nicht weh. Das Sektionsteam kannte sich mit diesen kleinen Schwächen der Studierenden schon aus und wusste, was zu tun war.
Nach drei Stunden waren die Arbeiten im Sektionssaal beendet. Doktor Brandenburg und sein Team legten die Schutzkleidung ab, die Hände wurden gewaschen und desinfiziert.
»Gehen Sie doch bitte schon vor in den Besprechungsraum, wir kommen gleich nach«, rief er den Gästen zu, die daraufhin den Sektionssaal verließen. Dann wandte er sich seinen Kollegen zu: »Hört zu, wir lassen sie einen Moment warten, das macht nix. Zuerst bilden wir uns eine Meinung. Also, was haben wir? Sieht erst mal alles ganz gut aus. Identität, Todesursache und Kausalität sind klar. Ein Mix aus reflektorischer Depression der Herz- und Lungenfunktion und Sauerstoffmangel. Massive, stumpfe Gewalt gegen den Hals, am ehesten ein Schlag von einem Kampfsportler oder einem, der das trainiert hat. Die Verletzungen sind vital, also zu Lebzeiten entstanden. Kein Anhalt für Würgen oder Drosseln, keine Stauungsblutungen oberhalb der Halsbefunde. Todeszeitpunkt: Ich schätze, gestern am frühen Nachmittag, vielleicht fünf bis sieben Stunden vor der Leichenschau am Tatort, und die begann gestern um neunzehn Uhr. Dafür sprechen die Leichenveränderungen und die gemessene Temperatur. Wie gesagt, eine Schätzung, Plus-Minus-Spanne jedenfalls von zwei Stunden. Die Pilzsammler fanden ihn um sechzehn Uhr zwanzig, na, das passt doch. Ein Wahrscheinlichkeitsmaximum zwischen zwölf und vierzehn Uhr. Wer bekommt die Spuren? Die Abriebe von der Halshaut, von der Gesichtshaut und den Fingernagelschmutz würden wir schon gern für unser Labor behalten. Die Abklebungen gehen an die KT, das ist klar und gut so. Zu erwartende Spuren an einem Täter: Sieht mager aus. Was für mich offen bleibt, aber das ist ein Problem für die Ermittler, das ist das Motiv für die Tötung. Keine Zeugen, kein Tatverdächtiger, keine Idee. Alkoholgeruch habe ich bei der Sektion auch nicht wahrgenommen. Wir müssen der Staatsanwältin gleich sagen, dass wir dennoch unbedingt eine Blutalkoholbestimmung empfehlen.« Doktor Brandenburg bemerkte erst jetzt, dass er die ganze Zeit monologisiert hatte. Eigentlich hieß es: »Wir bilden uns eine Meinung.«
Erst jetzt meldete sich schüchtern die wiederauferstandene Studentin: »Wäre nicht auch eine Giftanalyse sinnvoll? Selbst wenn wir keine Hinweise auf ein Verbringen der Leiche von einem Tatort zum Auffindungsort haben und die Befunde vital sind, sollten wir ausschließen können, dass zum Todeszeitpunkt Handlungsunfähigkeit bestand. Falls sich erweisen sollte, dass der Tathergang komplizierter war, als bisher angenommen, wäre das doch wichtig, oder?«
Brandenburg blickte auf und sie ihm kess entgegen. »Gut. Sehr gut. Spätestens jetzt sollte ich mir Ihren Namen merken. Wie war der doch gleich?«
»Ich bin Frau Semlock. Katharina Semlock.«
»Semlock? Sind Sie die Tochter … ähm, Ihrer Mutter?« Eine etwas verquere Frage, wurde er sich sogleich bewusst.
»Genau, meine Mutter ist die Polizistin.«
»Eine sehr gute«, ergänzte Brandenburg und schaute sie staunend an, weil er mit dieser Querbeziehung nicht gerechnet hatte, und erfreut, weil ihm diese Querbeziehung gefiel. »Ich kenne sie schon sehr lange.«
Katharina Semlock schmunzelte verlegen. Der unrühmliche Auftritt von heute morgen war also offenbar vergessen oder wenigstens nicht von Bedeutung für ihn. Sie war froh, dass sie so gut aus diesem Vormittag herauskam.
Das Team um Brandenburg ging nun in den Besprechungsraum. Der Vormittag wurde so zusammengefasst, wie vorab besprochen. Zur Todesursache wurde ein reflektorisches Geschehen als Folge eines kräftigen Schlages in den Vordergrund gestellt. Brandenburg gab den Gedanken der Studentin weiter, eine Giftanalyse zu beauftragen, zum Ausschluss einer Handlungsunfähigkeit.
Die Staatsanwältin willigte ein.
Sensibler war dagegen die Frage, wer die Spuren bekommen sollte. »Wir könnten Ihnen in wenigen Tagen sagen, ob sich an den Abrieben von der Halshaut, der Gesichtshaut und an den Händen, insbesondere im Fingernagelschmutz opferfremde DNA befindet. Vielleicht ein richtig schönes, sauberes Profil für die Datenbank.« Nachdem Doktor Brandenburg seine Rede mit einem charmanten Lächeln beendet hatte, hatte er den Auftrag dafür ebenfalls im Kasten. Dann kam er auf ein mögliches Motiv zu sprechen. »Was wisst ihr über Hannes Köster? Was wollte der da im Wald? Zum Pilze suchen war er sicher nicht unterwegs. Wie Rotkäppchen sah er auch nicht aus.«
»Wir wissen noch gar nichts«, entgegnete ein Kriminalbeamter. »Heute Nachmittag können wir vielleicht die Eltern befragen. Da müssen wir behutsam sein. Die sind natürlich erst mal völlig fertig. Wir haben unsere Psychologin gebeten, bei den ersten Gesprächen dabei zu sein, um sie gegebenenfalls aufzufangen. Hannes Köster war Azubi in Doberan, bei einem Tischlermeister. Soweit wir wissen: zuverlässig, sehr gründlich, wohnhaft bei den Eltern. Wir müssen uns auch sein Zimmer ansehen und sein Smartphone auswerten. Vielleicht bekommen wir so etwas wie ein Bewegungsprofil. Wenn er bei Facebook war oder sich in anderen Medien bewegt hat, bekommen wir vielleicht auch Hinweise auf seine letzten Kontakte. Er wird eine E-Mail-Adresse gehabt haben – das ganze Programm.«
»Übrigens, Doc«, mischte sich der KT-Mann ein, »das Smartphone.«
»Was ist damit? Ist es doch beschädigt?«
»Nein, sieht gut aus, aber …«
»Was, aber? Nun rücken Sie schon raus damit!« Brandenburgs Stimme bekam einen drängenden Unterton.
»Es lag unter seiner rechten Hand, wie Sie gut gesehen haben. Wie kommt es dahin?«
»Das kann Zufall sein. Der Leichnam ist bewegt worden, vielleicht ist es aus einer Tasche gerutscht?«
»Kann alles sein, sicher, für mich aber näherliegend, dass er das Gerät benutzt hat, vielleicht sogar unmittelbar, während er den Schlag abbekam.«
Brandenburg musste ihm recht geben. Dieser Umstand hätte gleich am Tatort besprochen werden müssen. »Das könnte auch erklären, warum er den Angreifer offenbar zu spät bemerkt hat«, entgegnete der Arzt. »Er hat wahrscheinlich konzentriert auf die Bildschirmanzeige geschaut und war noch dazu völlig ahnungslos. Er konnte mit dem Angreifer nicht rechnen, sonst hätte er sich anders verhalten. Keine Gegenwehr. Na, Ihre IT-Spezies werden doch wohl rauskriegen, was die letzten Aktionen auf dem Gerät waren.«
»So wird es sein. Das Gerät ist schon im LKA. Neues Zauberwort: IT Forensik.«
Brandenburg rollte mit den Augen. »Oh Mann, was sich heute nicht alles Forensik nennt. Kein Tag ohne Medical Detectives, CSI, Anwälte der Toten oder letzte Zeugen. Aber, wenn es was bringt, dann soll es so sein.«
»Wann ist mit dem Sektionsbericht zu rechnen?«, fragte die Staatsanwältin fordernd.
»Den Todeszeitpunkt können wir nur schätzen. Den Sektionsbericht bekommen Sie aber exakt zu dem Termin, den Sie sich wünschen.« Dabei sendete Brandenburg ihr ein Lächeln und ein Zwinkern über den Tisch, das keinem im Raum entging.
Sie beugte sich dieser Woge entgegen und sagte: »Gestern, Herr Doktor, besser noch vorgestern, verstehen Sie mich?«
Natürlich verstand er sie. Ihr Humor war wohl irgendwo draußen geblieben, genauso wie die frische Luft, nach der sich jetzt alle sehnten.
Kapitel 8
Hoher Besuch
Dr. Brandenburg fuhr wieder zurück in das Institutsgebäude der Rechtsmedizin. Erst einmal alles sacken lassen. Dann die üblichen Papiere: Aktenzeichen geben lassen, Eintrag in das Journal, Fotos auf den Server hochladen, bereinigen, ausrichten, umbenennen. Todesbescheinigung, Besprechungsnotiz, Leichenschaubericht, Formblätter ohne Ende. Was wurde wann und warum und wo mit wem besprochen? Dazu die Namen und Rufnummern. Untersuchungsanträge für das Spurenlabor und das chemisch-toxikologische Labor. Jeder Zettel wurde gescannt, alle möglichen Notizen im pdf-Format abgelegt, QM ließ grüßen, so täglich wie das berühmte Murmeltier. Es war zwar immer lästig, das alles klarzumachen, hatte aber den großen Vorteil, dass man sich dann zurücklehnen konnte und nichts Unerledigtes mit nach Hause nahm. Außerdem war damit eine nochmalige innere Zusammenfassung der wichtigsten Untersuchungen verbunden und manch ein guter Gedanke kam erst dann dazu.
›Wo steckt eigentlich mein eigenes Smartphone?‹, dachte er, nachdem er vom Mittagessen in der Mensa zurückgekehrt war. Er ertappte sich, wie sehr er sich an das Ding gewöhnt hatte, sonst würde er es jetzt auch nicht vermissen. Jackentasche, Hosentasche, nichts. Hastiger Blick über den Tisch, nichts. ›Also ruf ich mich selbst an.‹ Gedacht, getan. Es vibrierte unter einem Zettelstapel. Er nahm es in die Hand, wischte routiniert über das Sperrmuster und zog mit dem Finger vom oberen Rand des Displays nach unten. Eine Sammlung von Mitteilungen ging auf: E-Mails, die er später lesen wollte, die Erinnerung an eine Kalendernotiz: morgen Vormittag Vorlesung für das 9. Semester Medizin, morgen Nachmittag Amtsgericht Wismar, ein Alkoholtermin. Als Letztes eine englischsprachige Mitteilung: [LOG] Owner: Venter 65 found GC und dann eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen, die dem Code eines Geocaches entsprachen, den er vor sechs Monaten bei Glashagen angelegt hatte. Er blieb an dieser Nachricht hängen, ihm schoss das Blut in die Ohren. Eine Idee kreiste durch sein Hirn und ließ ihn nicht mehr los. ›Oh, shit!‹, sinnierte er, ›wenn das …‹ Ein leises Klopfen an seiner Zimmertür riss ihn aus seinen Gedanken. »Ja, bitte!«
»Karsten, draußen ist jemand, der dich sprechen möchte. Sie lässt sich nicht abwimmeln«, sagte die Sekretärin.
›Auch das noch! Ich kann jetzt nicht, ich will jetzt nicht. Und muss doch.‹ – »Kein Problem«, log er laut, »lass die Dame bitte einen Moment warten! Ich komme sofort.« Er stemmte sich aus dem Sessel, nahm sich einen kleinen Zettelblock, den nächstbesten Kuli, eine seiner Visitenkarten und ging in den Empfangsbereich des Institutes.
Dort traf er auf eine verschwitzte Matrone mit reichlich Handgepäck und einem überlangen, schwarzen Regenschirm, den sie zwischen ihren massigen Schenkeln hielt. »Guten Tag, mein Name ist Doktor Brandenburg. Sie möchten mich sprechen?«
»Ja, guten Tag, mein Name ist von Wenzlow. Können wir ungestört miteinander reden?«
Brandenburg lotste die Dame in den Seminarraum. Sie nahmen an den gegenüberliegenden Seiten eines Tisches Platz. »Bitte, jetzt sind wir ungestört.«
»Sehr schön«, entgegnete sie.
Der Arzt musterte ihr Gesicht. Auffälliges Make-up: knallrote Lippen und tiefschwarze Augenbrauen. Alles nicht unbedingt professionell aufgetragen, sondern ungeschickt wirkend. Langes, dunkles, leicht welliges Haar, eher ungepflegt.
»Wie gesagt, mein Name ist von Wenzlow.« Dabei betonte sie den Namen so, als ob sie ihn ihrem Gegenüber selbst einprägen und es nicht ihm überlassen wollte. »Ich gehöre zu den von Wenzlows, die seit Generationen in Westmecklenburg ansässig sind und in der Vergangenheit über einige doch beachtliche Besitztümer verfügten.« Dabei bohrte sich ihr psychiatrischer Blick in den seinen.
Brandenburg sagte sich: ›Nicht ausweichen, schau sie an und reiß Dich zusammen!‹ – »Verzeihen Sie, ich stamme nicht aus dieser Gegend und überblicke derzeit nicht die Adelsgeschlechter«, entgegnete er.
Seinen leise mitklingenden Spott formte Frau Wenzlow zu einem Kompliment und erzählte in gewähltem Ausdruck und nun leicht beklagendem Ton, dass leider nicht alle Nachkommen derer von Wenzlow sich dieser Historie als würdig erweisen.
»Das tut mir sehr leid, Frau von Wenzlow, aber was kann ich denn bei diesem von Ihnen offenbar sehr unglücklich empfundenen Status nun für Sie tun?«
»Ich verweise auf den sehr kurzen Polizeibericht im Netz, der gestern Abend veröffentlicht wurde. Wissen Sie, ich lebe schon lange in einem Dörfchen bei Schwerin und ein guter Freund von mir ist bei der Kripo dort. Hauptkommissar Thomas Berger meinte, ich könnte Sie vielleicht kurz dazu telefonisch befragen. Er hat mir aber auch gleich gesagt, dass Sie mir wegen der laufenden Ermittlungen sicherlich keine Auskunft erteilen würden. Deshalb dachte ich, ich fahre direkt zu Ihnen. Ich gebe zu, ich habe Thomas Berger etwas bedrängt, aber ich bin so aufgeregt, weil im Polizeibericht ja nur so wenig bekannt gegeben wurde …«, antwortete sie gehetzt.
Doktor Brandenburg war einigermaßen verblüfft, kannte er doch Hauptkommissar Berger nun auch schon ein paar Jahre. ›Wahrscheinlich hat sie sich nicht abwimmeln lassen‹, dachte er.
Die Frau fuhr ohne eine Reaktion abzuwarten fort: »… demnach habe man am Grundlosen Moor eine Leiche gefunden. Die Wälder dieser Gegend sind in der Blütezeit unseres Geschlechts in einem hervorragenden Zustand gewesen. So etwas hätte es damals nicht gegeben. Ich bin entsetzt und überlege mir, einige weitere Schritte zu gehen. Zudem habe ich allen Grund zu der Annahme, dass einige der von mir schon erwähnten, unrühmlichen Nachkommen unserer Linie dahinterstecken. Anders ist das nicht zu erklären.«
»Hochverehrte Frau von Wenzlow«, schraubte Brandenburg zurück, »ich habe allen Grund zu der Annahme, dass dieser Fall schnellstmöglich und mit aller Sorgfalt aufgeklärt wird. Sie haben natürlich die freibleibende Möglichkeit, den Polizeibericht bei der Polizei zu hinterfragen und ergänzende Angaben zu machen. Das würde ich Ihnen sogar ausdrücklich empfehlen. Meine ausgezeichneten Beziehungen dorthin bieten sich an, Sie zu avisieren.«
»Das würden Sie für mich tun?«
»Aber selbstverständlich. Ich schlage vor, dass wir diese fraglos sehr interessante Unterredung schnell beenden, damit ich dazu Gelegenheit habe.« Er stand auf und überströmte sie mit einem breiten Lächeln, als ob ihm ihr Besuch den Tag gerettet hätte.
Die Wirkung blieb nicht aus. Frau von Wenzlow erhob sich und war entzückt, so angenommen worden zu sein. Sie verließ unter sorgfältiger Mitnahme aller Gepäckstücke und sich wiederholenden Dankesbezeugungen das Institut.
Brandenburg war überrascht, aus diesem Gespräch schneller als erwartet herausgekommen zu sein und flüchtete zurück in sein Dienstzimmer. Sein Gedanke, der ihm beim Öffnen der E-Mail gekommen war, hatte geduldig auf ihn gewartet. Er spann ihn so lange zurecht, bis er ihn für mitteilenswert hielt.
Zur selben Zeit kam ein Treffen mit den Eltern von Hannes Köster zustande. Der Erstkontakt, das Überbringen der traurigen Gewissheit, dass ihr Sohn nicht mehr lebte, war Kommissarin Kerstin Semlock zugekommen, erste Sachbearbeiterin im Fachkommissariat 1. Ihre Kollegen schätzten ihr Einfühlungsvermögen und ihre fachliche Expertise. Sie war seit vielen Jahren eine extrem engagierte Polizistin, Kriminalhauptkommissarin. Eine schlanke, attraktive Frau und Mutter, die sich daran gewöhnt hatte, immer mal Avancen zu parieren, die sie als Ausgeburt der Männerdominanz in ihrem Beruf bezeichnete. Sie konnte sie weglächeln, ebenso wie die zugegeben nur anfänglichen Vorbehalte, die dieselben Kollegen ihr gegenüber hervorbrachten. Als unverzichtbare Leistungsträgerin hatte sie sich mit ihrer direkten und fokussierten Art längst durchgesetzt und den Respekt erarbeitet, den ihre männlichen Kollegen viel einfacher gewinnen konnten. Also schauten wie immer alle auf sie. Aus dieser Situation kam sie nicht heraus.
Die Eltern von Hannes Köster waren an diesem Donnerstagmorgen nach einer langen Nachtfahrt aus ihrem Urlaub in der Eifel zurückgekehrt und hatten ihren Sohn nicht zu Hause angetroffen. Ungewöhnlich war das keineswegs, da er meistens schon gegen sechs Uhr in die Tischlerei fuhr. Nichts ahnend öffneten sie am frühen Nachmittag Kerstin Semlock und einer sie begleitenden Psychologin die Tür. Von der freundlichen Begrüßung bis zum sprachlosen Nicht-fassen-können vergingen Sekunden. Den Schrecken und das Aufnehmen der schlimmen Nachricht konnte man den Eltern nicht ersparen. Die beiden Frauen ließen sich und ihnen aber Zeit, in der sie die Verfassung der Unglücklichen einzuschätzen lernten und in der sie auch merkten, zu welchem Zeitpunkt sie etwas sagen oder fragen konnten. Dabei konnte Kerstin Semlock ihre, für viele ihrer Kollegen beeindruckende situative Kompetenz ausspielen.
Das Elternpaar wollte man danach nicht allein lassen und man bot ihnen an, mit auf die Dienststelle zu fahren, um eine erste Vernehmung durchzuführen. Es erschien etwas heikel, so schnell vorzupreschen, und vielleicht unzumutbar. Letztlich erwies sich die Entscheidung aber als richtig. In der Dienststelle erschien das sonst benutzte Vernehmungszimmer zu kalt und ungemütlich, sodass die beiden in den Videoraum geführt wurden. Der war wohnlich eingerichtet und sah nicht so büromäßig aus. Hier wurden auch Kinder und Jugendliche gehört, wenn sie zu vernehmen waren.
Kerstin Semlock bot beiden etwas zu trinken an, hatte etwas Gebäck gereicht und bemühte sich redlich, um die Atmosphäre so erträglich wie möglich zu gestalten. So schwierig die Vernehmung der älteren Leute war, so unergiebig war sie auch. Die Kommissarin hatte nach einer Stunde längst nicht alles angesprochen, was sie sich zurechtgelegt hatte, spürte aber, dass es für die beiden genug war. Sie beendete das Gespräch mit der Ankündigung eines zweiten Treffens und entließ Hannes’ Eltern in den mittlerweile späteren Nachmittag, der sie draußen mit der gleichen Schwere empfing, die sich auch um ihre Herzen gelegt hatte.
Die Kriminalbeamtin hatte nichts wirklich Substanzielles erfahren. Demnach hatte ihr Sohn Hannes kürzlich eine Ausbildung bei einem bekannten Tischlermeister begonnen. Er hatte zurzeit keine Freundin, traf sich unregelmäßig mit ehemaligen Klassenkameraden, war kein Diskogänger. Alkohol und Drogen hätten für ihn nie eine Rolle gespielt. Er sei sehr häuslich und besorgt gewesen. Alle reagierten freundlich auf ihn. Alles fast auffällig unauffällig. Mehr war in der ersten Vernehmung nicht zu erfahren.
Deutlich mitgenommen lehnte sich Kerstin Semlock zurück in ihren Sessel, als das Telefon klingelte. »Semlock.«
»Brandenburg.«
»Na, Doc, heute mal keinen Spruch?«
»Ich habe da etwas Anderes für Sie.«
Kerstin Semlock hatte Schwierigkeiten, am Telefon so unvermittelt umzuschalten. Der Doc klang nicht so locker wie sonst, wobei das im Moment auch nicht in den Nachklang der gerade beendeten Vernehmung gepasst hätte. »Sie haben doch gerade obduziert und noch immer nicht genug? Dann raus damit, höre mit Füneff.«
Die Frau war immer wieder gut für eine kleine Überraschung, dachte Brandenburg. »Füneff«, den Begriff kannte er noch aus DDR-Zeiten: GST, Nachrichtensport, Ausbildung zum Sprech- und Tastfunker. So wurde die »Fünf« im Sprechfunk ausgesprochen, um sie unverwechselbar zu machen. Unverwechselbar, um nicht zu sagen einmalig, wie eben diese Frau. »Haben Sie schon mit der Staatsanwältin telefoniert, Frau Semlock?«
»Ja, sie hat mir das Obduktionsergebnis zusammengefasst.«
»Wie schade, dass Sie nicht selbst kommen konnten. So muss ich etwas weiter ausholen.«
»Tun Sie das, aber bitte konzentriert und nicht so viel Prosa.«
»Ja, ja, es geht mir nur um das Smartphone von Hannes Köster, weil es am Tatort nicht in einer seiner Taschen steckte, sondern unter seiner rechten Hand lag. Daraufhin habe ich in meinem Büro erst mal mein eigenes gesucht.«
»Klingt spannend, Doc.«
»Ich habe meine am Vormittag eingegangenen Mitteilungen gecheckt.«
»Gratuliere, sind Sie jetzt auch schon digital?«
Ohne ihre Lässigkeit zu kommentieren, redete er weiter. Er kannte die Kommissarin nun schon seit etwa vier Jahren und hatte gelernt, ihre manchmal etwas zu kumpelige Art einzuschätzen. »Die letzte Mitteilung beziehungsweise Mail lese ich Ihnen mal vor: [LOG] Owner: Venter 65 found GC.Dann folgt eine Kombi aus Zahlen und Buchstaben. Und weiter Glashagen (Traditional Cache).«
»Ich kann auch deutsch.«
»Ja, kann mich erinnern, aber hier steht es so.«
»Sie würden mich nicht anrufen, wenn Sie diese kryptische Botschaft nicht entschlüsselt hätten.«
»Die Erklärung ist tatsächlich ganz einfach und vielleicht tatrelevant. Ich bin seit einigen Monaten Geocacher.«
»Geo-was?«
»Geocacher«, wiederholte er. »Ich habe mich bei geocaching-international.com registrieren lassen und eine App runtergeladen, über die ich geocachen kann.«
Kerstin Semlock wurde ungeduldig. Wenn der Doc ihr alle seine Hobbies aufzählen wollte, dann sollte er sich vielleicht eine andere Gelegenheit suchen. »Nun erzählen Sie schon, was das ist und was das mit unserem Fall und mit mir zu tun hat!«
Er spürte ihre Ungeduld, überlegte kurz, ob er es weiter spannend machen sollte, entschied sich aber, schnell sachlich voranzukommen. »Also, Geocacher sind mit einem selbst gewählten Spielernamen über eine Datenbank vernetzt. Wenn jemand meint: ›Mensch, tolle Gegend hier, die alte Schlossruine, dazu noch ein herrlicher Blick übers Land, das möchte ich anderen zeigen‹, dann geht er online und reicht die Geokoordinaten sowie eine kurze Beschreibung des Ortes bei geocaching-international.com ein. Die prüfen, ob die Spielregeln eingehalten werden und schalten den Eintrag frei. Am Ort selbst hinterlässt der ›Owner‹ in einer wasserdichten Box oder in einem verschraubten Röhrchen ein kleines Logbuch, das andere Mitspieler über die Geokoordinaten finden können, aber doch so versteckt, dass zufällig vorbeikommende Spaziergänger, im Sprachgebrauch übrigens sehr treffend als ›Muggels‹ bezeichnet, den Cache nicht entdecken. Der Finder hinterlässt handschriftlich einen Eintrag mit Datum und oft auch Uhrzeit des Auffindens. Viel mehr Platz bietet das Logbuch nicht. Damit der Fund auch offiziell registriert wird, wiederholt der Finder das Loggen online, nun auch mal mit einem Dankeschön oder sogar ausführlichen Beschreibungen, wie er den Cache gefunden hat und dergleichen.«
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