Read the book: «Endstation Salzhaff»
Ulrich Hammer
ENDSTATION SALZHAFF

Inhalt
Prolog
Kapitel 1 Kamptheater Bad Doberan
Kapitel 2 Das Fachkommissariat 1
Kapitel 3 Chili con Carne
Kapitel 4 Amtsgericht Rostock
Kapitel 5 Die »versenkbare« Mühle von Kröpelin
Kapitel 6 Gesucht
Kapitel 7 Die Rechtsmedizin
Kapitel 8 Vermisst
Kapitel 9 Hello again
Kapitel 10 In der Kroy
Kapitel 11 Die Staatsanwaltschaft
Kapitel 12 E-Mail für Dich
Kapitel 13 Kroy reloaded
Kapitel 14 »Was haben wir?«
Kapitel 15 Semper
Kapitel 16 Obduktion Tengler (58)
Kapitel 17 ROSTOCKER 7
Kapitel 18 Butter bei die Fische
Kapitel 19 Von null auf hundert
Kapitel 20 Zurück in Groß Klein
Kapitel 21 Tengler reloaded
Kapitel 22 Neue Nachricht
Kapitel 23 Im Ursprung
Kapitel 24 Alte Freunde
Kapitel 25 Gestrandet
Kapitel 26 Schadensmeldungen
Kapitel 27 Literatur
Kapitel 28 Abschied
Kapitel 29 Noch einmal in die Literatur
Kapitel 30 Rerik
Kapitel 31 Der technische Sachverständige
Kapitel 32 Auf der Suche nach Redlock
Kapitel 33 Neuer Friedhof Rerik
Kapitel 34 Fernabfrage
Kapitel 35 Bleib bei mir
Kapitel 36 EVA im FK 1
Kapitel 37 Dienstreise
Kapitel 38 DNA-Labor
Kapitel 39 Festnahme
Kapitel 40 Anfang und Ende
Epilog
Danksagung
UNSER AUTOR
Prolog
Wir könnten den Roman mit den Zeichen der Corona-Pandemie versehen und die Menschen mit Masken und Abstandsregeln agieren lassen. Da wir diese Zeit aber überwunden haben wollen, lassen wir es. Die Geschichte soll in einer »ganz normalen« Zeit spielen, mit all dem, was unseren Alltag ausmacht.
Es war einmal … so könnten wir beginnen … ein heißer Sommer. In welchem Jahr? Ach, das ist nicht so wichtig. In dieser Zeit so etwa. In der Gegenwart. Als schon alles so war wie jetzt. Sagen wir Anfang Juli. Das Land litt unter Trockenheit, wie in den früheren Sommern auch. Es ist der Klimawandel, wussten viele ganz genau. Im Grundlosen Moor zwischen Hohenfelde und Retschow war kein freier Wasserspiegel mehr zu sehen. Es verlandete Jahr für Jahr mehr. So hatte jeder seine Zeichen für oder gegen irgendwelche Katastrophen. Aber das änderte doch nichts am Täglichen. Die Molli dampfte wie immer durch Bad Doberan. Reisebusse drängten sich vor dem Münster und schickten Besucher und Besucherinnen zu den Führungen in das altehrwürdige Backsteingemäuer. Der Backenzahn stand wuchtig wie immer mit versteinerter Miene auf dem Buchenberg. Am Doberaner Wasserfall, den kaum jemand kannte, stürzten sich wie immer die Wasser des Bollhäger Fließes, befüttert durch den Althöfer Bach, in die Conventer Niederung. Im Cepelin und im Kellerswald gaben die wuchtigen, alten Baumbestände auf den Doberaner Bergen Schatten und Kühle. Eine Geschichte wie diese passiert so mittendrin und manch einer wird fragen: »Wie konnte es so weit kommen?« Aber bis dahin ist noch etwas Zeit …
Kapitel 1
Kamptheater Bad Doberan
Das Bad Doberaner Kino arbeitet nach dem Motto: »Filme können Sie überall sehen, aber Kino, das gibt’s nur hier bei uns im Kamptheater.« Es war ein Mittwoch. Der alte Kinosaal mit Parkett und Rang, 244 roten Polstersitzen und einem Verkauf für Wein, Bier und Popcorn verströmt Kinogeschichte. Der originale UFA-Gong markiert vor jeder Vorstellung den Beginn einer Reise in andere Welten, wie sie eben nur im Kino und nicht zu Hause im Sessel erlebt werden kann. Es lief »Systemsprenger« von Nora Fingscheidt. Eine wuchtige Psychopathologie schrie sich zwei Stunden durch den Saal. Beim Abspann sang Nina Simone »Ain’t got no, I got life …« und entkernte die Zuschauer endgültig, die noch im Eindruck vom finalen Sprung der Benni sitzen blieben und erst einmal tief durchatmeten, bevor sie nach ihren Mänteln und Jacken griffen. Langsam erhob man sich, winkte ein Tschüss zu den Diensthabenden des Kinovereins und schob sich langsam aus dem Saal in den kalten Flur. Das Bistro hatte noch auf. Dr. Karsten Brandenburg und sein Begleiter nahmen schnell einen Tisch in Besitz.
»Und? Wie fandest du den Film?«, fragte Dr. Brandenburg.
»Ging so. Nicht unbedingt mein Thema. Ist mir zu schwer«, entgegnete sein alter Freund Torsten Tengler.
»Ist eben Programmkino hier in Doberan und nicht irgendein Mainstream, den sie überall spielen«, erklärte Dr. Brandenburg.
»Ja, sicher, ist ja auch gut so. Trotzdem, dem einen liegt so ein Film zum Feierabend, der andere will oberflächlich unterhalten werden. Ich brauche nicht immer so eine furchtbare Seelentiefe, auch wenn es ja ein starkes und wichtiges Thema ist. Wenn hier jetzt Fips Asmussen selig oder Markus Krebs auftreten würde, dann würde ich mich schlapp lachen und hätte den richtigen Ausgleich zu dem, was mich letzte Tage auf der Arbeit genervt hat. Meine Frau sagt dann, dass ich ein primitives, dumpfes Männerhirn habe und mit mir kulturell nichts los sei und hätte sie das früher gewusst … Und warum kann ich mir nicht mehr Mühe geben und auf sie eingehen? Dabei würde ich dann allerdings eingehen, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ach Torte«, entgegnete Dr. Brandenburg, »ich kann mir nicht vorstellen, dass du so kulturlos bist. Jetzt verordne ich dir als Arzt ein Spätbier und du wirst sehen, dass es wirkt.« »Dr. Brandenburg!?«, rief es laut durch das Bistro. »Telefon!«
»Oh, was ist das denn? Ist ja wie früher«, meinte Dr. Brandenburg, den seine Freunde und engsten Mitarbeiter in der Rostocker Rechtsmedizin nur BRB nannten. Er stemmte sich hoch, winkelte sich aus dem schmalen Spalt zwischen Tisch und Stuhl und ging schnell zum Tresen.
»Brandenburg. Wann ich nach Hause komme? Ach je, hör mal, der Film hatte Überlänge, ist gerade zu Ende und ich will mit Torsten Tengler noch ein Bier trinken. Drück mal bitte nicht. Allzu lange wird’s nicht dauern. Ich komme dann schon, ok? Bis dann. Ja, sicher. Nein, ich pass auf. Wer kommt morgen? Weiß ich doch. Warum sagst du das jetzt? Nein, ich trinke zwei Bier und das war’s und dann bin ich morgen fit. Du, der Torsten trommelt schon nervös mit den Fingern auf der Tischplatte … Nein, das ist kein Problem, ich … ja, du kannst dich auf mich verlassen. Auf jeden Fall. Ok, Tschüss!«
Die Besatzung am Tresen feixte und wechselte vieldeutige Blicke, als BRB mit verspannter Miene zum Tisch zurückkehrte.
»Dir scheint es richtig gut zu gehen, mein Lieber.«
»Ja«, erwiderte BRB. »Da kann ich wirklich nicht klagen!«
»Hast du dich denn beruflich gut eingelebt?«, fragte BRB sein Gegenüber.
»Bin ganz zufrieden. Wir haben es ja noch richtig gelernt. Einmal Fuß gefasst, kommst du überall klar.«
Torsten Tengler, der in seinen Kreisen Torte genannt wurde, stammte aus der Nachbarschaft, früher in Brandenburg/Havel. Die Kinder spielten und rauften zusammen. Es gab da einen Spielplatz neben der Franz-Ziegler-Straße, wo Bäcker Suchalski sein Geschäft hatte, mit Wippe und Klettergerüst, am Rande eine riesige Trauerweide, die nach stürmischem Wetter ihr zerzaustes Haar wieder glättete. Sie überragte alles und ihre gewaltige Größe wirkte wie ein Garantieversprechen: Euren Kindern passiert nichts. Lasst sie nur bei mir spielen. Ich passe auf. Das war in den 50er- und 60er-Jahren. Aus dieser Zeit kannten sich BRB und Torte schon. Sie hatten sich dann aus den Augen verloren. Das Medizinstudium des einen in Rostock und die Polizeilaufbahn des anderen passten nicht mehr zusammen. Doch jetzt schien sich ein Kreis zu schließen.
»Hab es nicht bereut, nach Rostock gekommen zu sein, obwohl es ein tiefer Einschnitt war. Einen alten Baum soll man ja nicht verpflanzen!«
»Der alte Baum darf aber gegossen werden«, fiel ihm BRB ins Wort. »Noch zwei Bier bitte«, rief er zum Tresen und die Kellnerin nickte kurz.
»Ich wollte vor allem die Ostseenähe haben«, begann Torsten Tengler zu schwärmen und sein Blick verlor sich kurz in einer seligen Fantasie.
»Kann ich gut verstehen«, sagte Brandenburg. »Du oder ihr seid ja mit dem Kajak viel auf dem Wasser, oder habt ihr zwei? Jeder in seinem? Ich sehe öfter mal ältere Ehepaare, die mit zwei Booten fahren. Meine Frau und ich kajaken auch.«
»Sag bloß. Wir sind bestimmt schon 15 Jahre fast jeden Sommerurlaub irgendwo mit dem Kajak unterwegs«, schwärmte Torsten Tengler weiter. »Wir haben einen Zweier und einen Einer. Mit dem Einer fahre ich auch gern mal allein los. Ich-Zeiten sind wichtig, sollte man sich in einer Beziehung gegenseitig gönnen.«
»Da sagst du was. Ich gehe Geocachen, am liebsten die T5er, hoch auf die Bäume.«
»Was bedeutet T5?«
»Das ist der technisch höchste Schwierigkeitsgrad für das Terrain, nicht um einen Cache zu orten, sondern um ihn zu erreichen. Eine Klettertour bekommt dann immer die höchste T-Wertung.«
»So hat jeder seins«, entgegnete ihm Torte lächelnd.
»Du bist ja gleich im Rostocker Fachkommissariat 1 der Kriminalpolizeiinspektion gelandet«, stellte BRB fest. »Warst du vorher in Potsdam auch im FK 1?«
»Ja, erst zwei Jahre Arbeitsunfälle und dann zu den schweren Körperverletzungen und Tötungsdelikten. Das war immer meins. Und was wurde deins?«
»Ich habe in Rostock studiert und bin da hängen geblieben. Zur Wende hatte ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag und da ich politisch nicht belastet war, hat mir die Ehrenkommission der Uni einen Persilschein ausgestellt.«
»Wenn du nicht belastet warst, brauchte es wohl kein Persil, oder?«
»Ja, hast recht. Mir fiel der Begriff eben nur ein, weil mein Großvater nach dem Krieg auch so einen Zettel bekam. Damals sagte man so. Der sieht meinem recht ähnlich.« »Geschichte wiederholt sich eben.«
Mit diesem Satz in Wort und Sinn belächelten beide ihr Jetzt und waren so vertieft, dass sie nicht bemerkten, wie zwei Tische weiter ein einzelner Mann aufstand, dem Kellner einen Betrag zusteckte, sich seinen Mantel überwarf und betont langsam zunächst an ihrem Tisch und dann am Tresen vorbei zur großen Glastür ging, die den Gastraum vom Eingangsbereich und Flur abtrennte. Die Klinke in der Hand drehte er sich nochmal zu den beiden Freunden, verharrte einen Moment und ging dann. Dabei schlug er sich den Kragen hoch, ruckelte sich die Ärmel zurecht, klopfte auf die Seitentaschen, um den Inhalt zu prüfen und trat vor die Tür. Er überquerte die Straße mit dem alten Kopfsteinpflaster. Seine Kontur verlor sich im Dunkel der Bäume des Bad Doberaner Kamps. All das geschah von BRB und seinem alten Freund völlig unbeachtet.
»Dann hattest du ja eine geradlinige, typische Ossi-Karriere. 40 Jahre auf einer Arbeitsstelle. Respekt«, sagte Torsten Tengler. »Übrigens – mir kam es damals nie komisch vor, dass du so heißt wie unsere Heimatstadt«, stellte er fest. »Nach all den Jahren fällt es mir jetzt erst auf.«
Beide lachten.
»Nun, bei mir lief es etwas holpriger«, erzählte Torsten Tengler weiter. »Da gab es einige Dienststellen mehr, noch vor der Potsdamer Zeit. Hing auch mit der Familie zusammen. Bin einmal geschieden und jetzt das zweite Mal verheiratet. Kind aus erster Ehe. Ging alles nicht so glatt.« Tenglers Blick bohrte sich dabei schwer zu beschreiben in den von Brandenburg, der das registrierte.
»Ja … Du … Is wie is. Mein Weg war glatt und vorgezeichnet. Es ergab sich eben alles so. Gerichtsmedizin oder Rechtsmedizin, wie es nach der Wende hieß, war und ist im Wesentlichen an Universitäten gebunden. Eine ärztliche Niederlassung wie beim Allgemeinmediziner war nicht möglich. Ich bin aber ganz froh. Als Gehaltsempfänger ging und geht es mir nicht so schlecht. Du hattest doch als Beamter eigentlich auch immer deine Sicherheiten, oder?«, gab Brandenburg zurück.
Tengler schwieg einen Moment. »Sicher, ich hatte Sicherheiten. Finanzielle Sicherheiten. Mit einem Gefühl von Sicherheit hat meine tägliche Arbeit aber nichts zu tun. Da geht manchmal nicht alles so glatt, wie ich vorhin schon sagte.«
Brandenburg hakte nicht nach, weil er den Eindruck bekam, dass sein alter Freund so einiges in sich trug, was jetzt nicht unbedingt auf den Tisch sollte. Der Abend lief dann langsam aus, sodass beide in völlig unbedenklichem Zustand dem frühen Aufstehen am nächsten Tag optimistisch entgegensehen konnten.
Kapitel 2
Das Fachkommissariat 1
Kommissar Tengler hatte das Abc der Polizeiarbeit gelernt. Das merkten seine Kolleginnen und Kollegen schnell. Seine Routine, die er sich über viele Jahre im Polizeidienst erworben hatte, war tief ausgeprägt. Er brauchte keine lange Anlaufzeit. Es war auch der »Stallgeruch«, der ihm schon am ersten Tag das Gefühl gab, hierbleiben zu können. Und bald war er nicht mehr wegzudenken. Es lief. Dass er sich zuvor in Schwerin beworben hatte, wusste kaum jemand. Das musste auch nicht breitgetreten werden. Die Stelle dort war von Kommissar Berger besetzt, der mit einem Kollegen Paulsen ein gut eingespieltes Duo bildete. So hatte er gehört. Kennengelernt hatte er beide persönlich bisher nicht.
Tengler sah gerade die Akte zweier Vermisstenfälle durch, die über das Kriminalkommissariat zur Bearbeitung in das FK1 gekommen waren. Es hatten sich Verdachtsmomente auf Fremdeinwirkungen ergeben. Er vertiefte sich in die erkennungsdienstlich brauchbaren Angaben. Nur für den Fall, dass es zum Auffinden der Personen kommen sollte. Während er kurz aufsah und seinen Blick aus dem Fenster schweifen ließ, klingelte das Telefon. »Tengler.«
»Semlock. Ich grüße Sie.«
»Ist es nun die Tochter oder die Mutter?«, charmierte er in den Hörer. »Ich kann beide nicht auseinanderhalten.«
»Und wie wäre es, wenn wir Ihnen gegenüberstehen würden?«
»Dann ist es ganz aus. Keine Chance.« Beide lachten herzlich.
»Lieber Herr Tengler, wo haben Sie das nur gelernt. Sie schaffen es, mir im Handumdrehen die Stimmung aufzuhellen.«
»Reiner Reflex«, gab er zurück.
»Sie erwähnen immer noch meine Tochter«, spitzelte sie ihm zu. »Dabei hat sie doch als Medizinerin nur ein kurzes Praktikum bei uns absolviert, weil sie sich überlegt, in der Rechtsmedizin ihre Facharztausbildung zu beginnen. Sie sah wohl einen interessanten Brückenschlag zwischen der Blutspurenanalyse der Rechtsmediziner und der Kriminaltechnik. Muss mich das beunruhigen?«
»Ach, wissen Sie, wenn jemand nett über jemanden denkt, muss das nicht beunruhigen. Im Gegenteil. Nehmen Sie es mal heiter und gelassen.«
»Ok. Lassen wir das mal. Deswegen rufe ich nicht an. Wir haben ein Problem. Könnten Sie bitte mit den anderen Kollegen in einer halben Stunde für eine Lagebesprechung zu mir kommen? Und bringen Sie bitte die Akten der Vermisstenfälle mit.«
»Geht klar, Chefin. Wir schleppen uns zu Ihnen. Bis dann.«
Von der Besatzung des FK 1 betrat einer nach dem anderen das Chefinnenzimmer und nahm eine Sitzordnung ein, die keinen Zweifel am Führungsanspruch von Kommissarin Kerstin Semlock aufkommen ließ. Die Zeit, in der sie von dem einen oder anderen Kollegen belächelt wurde, war vorbei. Als attraktive Frau und Mutter in den besten Jahren hatte sie in der ersten Zeit so manche Avancen zu parieren. Doch dieses urmännliche Gebaren spielte keine Rolle mehr, weil sie zu einer Institution geworden war. Sie war eine durch und durch abgestimmte Frau. Es passte einfach alles, vom dezenten Make-up bis zum lässigen Jeans-Look. Während die Kaffeemaschine gluckste, verteilte sie bedruckte Blätter, die das besagte Problem zusammenfassen sollten.
»Meine Herren«, begann sie. »In den letzten drei Wochen arbeiten wir an zwei Vermisstenfällen, bei denen wir auf der Stelle treten.«
»Auf einer Stelle!«, redete Kommissar Kollberg dazwischen.
»Wie bitte?«
»Na, auf einer Stelle. Also drei Wochen, zwei Fälle, eine Stelle. Weiter runter geht’s nicht. Wir sind also ganz unten. Fast bei null, meine ich.«
»Ich fasse es nicht, Kollberg! Was sollen denn Ihre Wortspielereien hier schon wieder?!«
Sichtlich verärgert fuhr Kommissarin Semlock fort. »Als erstes wurde ein 39 Jahre alter ehemaliger Mitarbeiter der Geschäftsstelle Strafrecht des Landgerichtes Rostock vermisst. Mirko Menzel. Jetzt im psychosozialen Dienst des Gesundheitsamtes Rostock. Unauffälliger familiärer Hintergrund. Verheiratet, zwei Kinder. Keine aufregenden Hobbies. Keine Alkohol- oder Drogenprobleme, soweit bekannt. Die Ehe nach Angaben der Frau, die die Vermisstenmeldung erstattete, ohne Hinweis auf Affären oder sonstige Skandale. Keine Vorstrafen. Wohnhaft in Blengow. Die Eltern in Kühlungsborn. Klingt alles erstmal unauffällig.«
»Fast zu unauffällig«, gab Kommissar Tengler in die Runde. »Es dürfte eher selten sein, dass Personen abgängig sind, die keinem Milieu oder keinen besonderen Risikogruppen angehören.«
»Sie sagen es«, pflichtete ihm die Chefin bei. »Ist mir auch zu glatt. Wenn wir dahinter sehen wollen, müssen wir in eine Richtung leuchten, die wir bisher nicht auf dem Schirm hatten.«
»Unklar ist für mich nur dieses Blengow. Wo liegt das? Nie gehört«, fragte Torsten Tengler nach.
»Dass Sie Blengow nicht kennen, sei Ihnen verziehen. Es ist ein Ortsteil der Stadt Rerik am Salzhaff, knapp drei Kilometer landeinwärts. Kommen wir zum zweiten Fall, der nur wenige Tage später kam. Eine 45-jährige Frau und Mutter eines Kindes. Wenke Nielsen. Wohnhaft in … halten Sie sich fest, im schönen Blengow. Der gesamte Hintergrund genauso unspektakulär wie bei Menzel, sodass wir beide Fälle nicht so richtig anfassen können.«
»Was macht Frau Nielsen beruflich?«, fragte jemand in die Runde.
»Moment, ich sehe nach. Sie war Sekretärin in einer großen Metallbaufirma und nebenher Schöffin, auch beim Rostocker Landgericht. Zuletzt aber nicht mehr, da war sie zu Hause. Ihr ist in der Firma gekündigt worden. Wir wissen nicht warum. Da können wir ja nochmal nachhaken.«
»Wer hat die Vermisstenanzeige aufgegeben?«
»Der Ehemann. Beiden Fällen ist gemeinsam, dass das Verschwinden aus einer für die Angehörigen normalen Alltagssituation geschah. Sie kam vom Einkaufen in Rerik nicht zurück und er, Menzel, war auf dem Nachhauseweg, kam von der Arbeit aus Rostock und ist vermutlich auch über Rerik gefahren. Also, wir haben keine abgängigen Psychiatriepatienten, keine aus Lust oder Frust und Laune ausgerissenen Jugendlichen, die wiederauftauchen, wenn das Geld alle ist. Beide Fälle liegen zeitlich nah beieinander, beide wohnen im gleichen Dorf und beide waren mal beim Rostocker Landgericht. Mir ist nicht wohl bei der Konstellation und den Kollegen im Kriminalkommissariat war offenbar auch nicht wohl, sodass wir das auf dem Tisch haben. Wir haben Freitag und so möchte ich nicht ins Wochenende gehen. Deshalb ist Brainstorming angesagt. Also kommen Sie, meine Herren. Diskussion bitte!«
Zunächst schwiegen alle. Allmählich lockerte sich die Atmosphäre. Kommissarin Semlock trug dazu bei, indem sie klarmachte, dass sie keine ausgefeilten Statements erwarte, sondern das Zusammentragen von Gedanken.
»Erstmal alles in einen Topf. Dann wird durchgerührt. Mal sehen, was dann oben schwimmt. Und wenn das eine oder andere wieder rausfliegt, ist es völlig ok.«
So bekam die Lagebesprechung zunehmend Dynamik. Sie notierte stichpunktartig mit und versuchte schon, den aussichtsreichsten Ermittlungsweg abzustecken. Als die Zahl der Diskussionsbeiträge abflaute, machte Kerstin Semlock einen Cut.
»Das reicht«, sagte sie knapp. »In mir steigt die Ahnung auf, dass es keinen Sinn hat, bei den Vermissten irgendwelche spektakulären Hintergründe im Persönlichen bzw. Familiären zu suchen. Gemeinsam ist beiden die ehemalige Tätigkeit am Landgericht Rostock, wobei wir nochmal schauen müssen, ob sich diese Zeiten decken oder teilweise überlappen. Das kann Zufall sein, sollte uns aber aufhorchen lassen. Privat wussten wohl beide im Ort voneinander, sollen aber keine engeren gegenseitigen Kontakte gehabt haben. Auch wenn wir keine konkreten Anknüpfungstatsachen haben, sollten wir prüfen, ob die beiden Fälle nicht doch zusammengehören. Die Polizei ist ja schließlich eine Behörde der Gefahrenabwehr und falls das der Beginn einer richtigen Serie ist, möchte ich nicht erst bei der fünften Anzeige aufwachen. Wenn die sich privat nicht kannten …, das heißt, ist das gesichertes Wissen?«
»Ich wollte mir gerade einen Zwischenruf erlauben«, entgegnete Kollberg, der die Stimmung der Chefin wieder aufhellen wollte. »Das sind bisher nur Vermutungen. Die Angehörigen sind noch nicht zeugenschaftlich vernommen und auch beim ersten Kontakt zu diesem Punkt nicht explizit befragt worden.«
»Ok, dann holen wir das so bald wie möglich nach. Ich möchte, dass die jeweiligen Ehepartner nach einem vorher ausgearbeiteten Fragenkatalog identisch befragt werden. Dazu müssen unbedingt Fragen gehören, die das berufliche Umfeld ausleuchten und dazu bitte auch die komplette Sozial- und Eigenanamnese sowie die Jetztanamnese. Das gehört alles zu einem Status praesens!«
Die letzten beiden Sätze formulierte sie genüsslich mit einem zufriedenen Lächeln, weil sie die irritierten Gesichter ihrer Kollegen amüsierte. Diese Begriffe aus der Medizin, die die Erhebung der detaillierten Vorgeschichte eines Patienten meinten, hatte sie sich über die vielen Jahre gemeinsamer Arbeit mit Dr. Brandenburg gemerkt. Sie erhob sich und gab damit die Bewegungen der Kollegen frei, die genauso artig den Raum verließen, wie sie gekommen waren.
Kapitel 3
Chili con Carne
Dr. Brandenburg saß mit seiner Frau Anna im Wohnzimmer beim Abendbrot. Eine App schickte die gewünschte Musik für den Hintergrund auf das Soundsystem.
»Erstaunlich, was die kleinen Dinger so leisten«, sagte er vermischt mit Schmatzgeräuschen bei vollem Mund.
»Was für Dinger?«, entgegnete seine Frau.
»Na, die Lautsprecher da!«, mampfte er zurück.
»Woher soll ich wissen, was du meinst?«
»Wir reden die ganze Zeit nix und hören Musik. Gerade eben Leonard Cohen »You want it darker.« Die Bässe, unglaubliche Wiedergabe. Du hast eben sogar erstaunt innegehalten, als er sang »I’m ready my lord.« Da ist es doch klar, was ich meine!«
»Das hättest du wohl gern?«
»Was?«
»Dass ich immer sage ›hier my lord und da my lord und I’m ready my lord‹?«
»Quatsch, ich bin einfach begeistert.«
»Warum nicht einfach mal von mir? Oder von meinem tollen Essen, was ich meinem Lord bereitet habe?«, gab sie spitz zurück.
»Du hast recht, Anna.«
Er sah sie an und fand wie oft ganz kleine Details an ihr, die er lange nicht wahrgenommen hatte. »Meine Sensibilität ist mal wieder runtergefahren«, stellte er in sich gekehrt fest. »Ich bin in letzter Zeit zu oft einfach zu schnell und unüberlegt mit dem, was ich sage und mit dem, was ich nicht sage. Vieles muss gesagt werden! Zum Beispiel, dass ich jetzt gerade genieße, dass wir hier zusammen sind. Ich weiß bloß schon wieder nicht, ob es der richtige Zeitpunkt ist, das zu sagen.«
»Mein lieber Karsten, dafür kann es keinen falschen Zeitpunkt geben«, gab sie mit warmer Stimme zurück und beide ließen ein Glas Rotwein klingen. Dann wechselte sie das Thema mit einer Frage nach seinem Freund Torte.
»Sag mal, Torsten Torte Tengler, du sagtest neulich, dass er mit seiner Frau auch viel Kajak fährt. Vielleicht könnten wir mal gemeinsam mit ihnen etwas unternehmen?«
»Wie kommst du denn jetzt darauf?«
»Ich musste gerade so an flache und tiefe Wasser denken.«
»Die haben einen Zweier und einen Einer«, entgegnete er.
»Einen Dreier würde ich auch nicht wollen«, sagte Anna.
»Wie?«
»Keinen Dreier!«, rief ihm seine Frau zu.
»Na, sag ich doch, einen Zweier.«
»Schreibt man Kayak oder Kajak?«, fragte sie ernst.
»Was?«
»Na, mit Ypsilon oder mit Jott?«
»Weiß ich nicht, hört sich doch gleich an. Wahrscheinlich geht beides«, rief er in der Küche in den offenen Gewürzschrank, weil ihm das Angebot auf dem Tisch nicht reichte. Dann ging er zurück. Anna hatte inzwischen noch einige Teelichter verteilt und nach endlosen Knipsversuchen mit dem nie richtig funktionierenden Anzünder entflammt.
Leonard Cohen war derweil in einer unglücklich gemixten Playlist von Wincent Weiß abgelöst worden: »Ey, da müsste Musik sein« rief oder sang er einige Male. Das Soundsystem hatte nicht mehr viel zu leisten, Bässe konnte BRB in dem Titel nicht ausmachen. Ja, es müsste Musik sein, dachte BRB. Beide kamen zur Ruhe. Die letzten Happen ließen sie sich wortlos auf den Zungen zergehen. Die Kerzen schickten kleine Licht- und Schattenspiele an die Wände, weil sich ihr Licht an getönten Gläsern brach und verspielte. Die von Heinz Bochmann gemalte Silhouette des Wismarer Hafens bekam eine besondere Wärme.
»Lass uns mal den morgigen Tag besprechen«, sagte Anna.
»Morgen ist Sonntag«, antwortete er.
»Ja doch, ich meine natürlich Montag, wenn du es genau wissen willst. Ich kann nicht gut in den Sonntag gehen, wenn ich nicht weiß, wie der Montag wird!« Beide merkten in diesem Moment, wie sehr ihr Leben durchgeplant war, wie sehr man an Zeiten und Terminen hing, ja, wie sehr man von ihnen abhängig war.
»Ich muss ins Amtsgericht.«
»Nach Rostock?«
»Ja, Zochstraße. Dort einen Parkplatz zu finden, wird wieder ein Problem. Vier Angeklagte, zwei Straftaten in unterschiedlicher Beteiligung, Körperverletzung, alle wohl mehr oder weniger alkoholisiert. Berechnung der Blutalkoholwerte nach Trinkmengenangaben. Keine Laborwerte. Zehn Zeugen. Das wird ein langer Tag.«
»Musst du dich vorbereiten?«
»Nein, ich hatte die Akte nicht. Es muss ohnehin alles auf den Tisch, was für den Prozess wichtig ist. Ich werde fragen und fragen und nochmals fragen, um alle Grundlagen für mein Gutachten zusammenzubekommen.«
»Wann geht’s los?«
»Um neun Uhr.«
»Ok, ich habe Sprechstunde ab acht Uhr und dann den ganzen Tag.«
So ließen beide den Abend ausklingen. Der Sonntag dazwischen war kein Thema und versprach Entspannung.
Kapitel 4
Amtsgericht Rostock
Am Montag fuhr Dr. Brandenburg zum Rostocker Amtsgericht. Die Sonne stand noch tief. Der Himmel war klar. Das Auto parkte er auf dem Kundenparkplatz eines Supermarktes. Das Risiko, die dort ausgeschilderten zwei Stunden zu überschreiten, nahm er in Kauf. Das moderne Gebäude, dicht an der Unterwarnow, hatte etwas Steriles. Nicht zu vergleichen mit dem historischen Fürstenhof in Wismar. Dort beeindruckten schwere, alte Holztüren, hölzerne Vertäfelungen und eben das Flair und der Charme eines alten Hauses. Er nahm die Treppen, denn sitzen musste er vermutlich an diesem Tag noch lange genug. Also zwei Stufen auf einmal und einmal schön durchgepustet. So kam er im zweiten Obergeschoss an. Neben den Türen zu den Verhandlungssälen hingen die Terminrollen. Er vergewisserte sich kurz, ob sein Termin eingetragen war und nahm in dem großzügigen Wartebereich Platz. Er war wie immer recht früh. Als zwanghaft pünktlicher Mensch ging das nicht anders. Er nahm sich Literatur aus dem Aktenkoffer, um die Wartezeit zu überbrücken. Endlich über Lautsprecher der dumpfe Aufruf der Strafsache, zu der er geladen war. Spätestens jetzt wurde klar, wer von den weiteren Personen im Wartebereich zu diesem Termin gehörte. Langsam bewegte man sich in den Saal. Die Sitzordnung war immer die gleiche. Angeklagte und Verteidiger nahmen den linken Flügel ein. Staatsanwalt und Sachverständige saßen rechts. Hinten quer Sitzreihen für das »Publikum.« Die Verhandlungen sind öffentlich, wenn die Öffentlichkeit nicht auf Beschluss der Kammer ausgeschlossen wird.
Die Sitzung begann pünktlich. Feststellen der Anwesenheit. Verlesen der Anklage. Die mit Spannung erwartete Frage des Richters an jeden einzelnen, ob er sich zum Tatvorwurf äußern oder von seinem Schweigerecht Gebrauch machen wird. Erleichterung, nachdem alle Angeklagten erklärten, sich äußern zu wollen. Das würde den Prozessverlauf zwar zeitlich nicht unbedingt beschleunigen, aber am Ende die Urteilsfindung und für Dr. Brandenburg die Gutachtenerstattung erleichtern, weil mehr Informationen und sogenannte Anknüpfungstatsachen zu erwarten waren. Für ihn, als vom Gericht geladenen Sachverständigen, ging es um eine Schuldfähigkeitsbegutachtung, da die Straftaten unter erheblichem Alkoholeinfluss begangen worden sein sollten.
Man lehnte sich zurück und verfolgte aufmerksam die beginnende Vernehmung durch den Richter. Danach ging das Fragerecht an die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, an die Verteidiger und zuletzt an den Sachverständigen. Um alle Angeklagten im Grundsatz gleich zu behandeln, hatte sich ein Fragenkatalog bewährt, um bestimmte, grundsätzliche Fragerichtungen abzuarbeiten. Von dem wich Brandenburg nur ab, wenn die Individualität des Angeklagten dies erforderte. Am Ende musste jeder sein individuelles Gutachten bekommen. Man konnte natürlich nicht aus einem Gesamteindruck ein Gutachten für alle erstatten. So verging Stunde um Stunde, unterbrochen von kleinen Lüftungspausen, einer Mittagspause und gelegentlichen Ermahnungen des Richters an einzelne Zuschauer, weil sie durch Tuscheln oder Kichern störten. Nach der Mittagspause nahm eine Jugendgruppe Platz, die den Anfang des Verfahrens nicht mitbekommen hatte und denen auch niemand etwas erklärt zu haben schien. Dementsprechend hielten Aufmerksamkeit und Disziplin nicht lange. Am Rande, dicht an den Fenstern, saß eine schlanker Mann mittleren Alters. Dunkles, kurzes, offenbar frisiertes Haar, gut gekleidet. Seine Gesichtszüge verrieten unbedingte Aufmerksamkeit und eine harte Prägung. Der Blick ruhig und fest. Er hielt die gesamte Zeit des ersten Verhandlungstages durch und machte sich Notizen. Er grenzte sich durch seine Sitzposition und seine Ruhe deutlich vom übrigen Publikum ab. Er saß so, dass Dr. Brandenburg sich deutlich nach rechts hätte drehen müssen, um ihn zu sehen. Das gab ihm die Möglichkeit, Dr. Brandenburg zu beobachten, ohne, dass dieser es merkte. Nachdem die Verhandlung gegen 16:30 Uhr unterbrochen und die Fortsetzungstermine bekannt gegeben wurden, erhoben sich alle, schuffelten ihre Papiere und sonstigen Unterlagen zusammen und füllten ihre Taschen, in denen auch die zerknüllten Roben der Verteidiger landeten. Kurze Wortwechsel, Gemurmel, ein schneller Griff zum liegen gelassenen Kugelschreiber, das Klacken von Verschlüssen, ein Lachen, ein ›Tschüss‹ und ein ›Bis dann‹ und Brandenburg zog seinen Aktenkoffer vom Tisch, um zu gehen.
»Herr Dr. Brandenburg«, rief es hart und gleichzeitig fragend hinter ihm. Er drehte sich zu der Stimme.
»Ja?«
»Mein Name ist Karmann. Ich bin freier Journalist und habe den Prozess verfolgt. Darf ich Sie einiges fragen?«
»Wenn Sie den Prozesstag aufmerksam verfolgt haben, dann wissen Sie all das, was man als Öffentlichkeit bisher dazu wissen kann.«
Der Journalist lächelte und setzte nach. »Mir geht es natürlich um Ihren Eindruck. Es scheint doch so, dass die Angeklagten genau wussten, was sie taten. Was braucht es da eine Begutachtung der Schuldfähigkeit?«
Brandenburg stutzte einen Moment.
»Sie erwarten doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen ein Vorabstatement gebe? Im Übrigen ist die Beweisaufnahme längst nicht abgeschlossen.«
»Ich erwarte natürlich gar nichts«, sprach er ihn weiter an, »aber die Verhandlung ist unterbrochen und da könnten wir doch reden. Keine Ihrer Äußerungen könnte im Prozess Verwendung finden, weil wir jetzt außerhalb des Protokolls sind.«
»Sagen Sie mir doch bitte, seit wann Sie als Journalist tätig sind«, fragte Brandenburg nach.
»Was tut das zur Sache?«
»Das tut eine Menge dazu«, nahm er die Wortwahl seiner Frage auf. Der Journalist hob erstaunt seinen Blick.
»Die Frage werden Sie mir nicht beantworten können, Herr Karmann, weil Sie sehr wahrscheinlich kein Journalist sind.«
Karmann wich zurück. Seine Überraschung konnte er nicht verbergen. Damit hatte er nicht gerechnet.
»Kein professioneller Journalist rechnet sich auch nur im Entferntesten aus, von einem Sachverständigen vor Erstattung seines Gutachtens ein Statement zu bekommen. Das würde kein Sachverständiger geben und kein Journalist versuchen. Journalisten können sich innerhalb solch grundsätzlicher Dinge bewegen. Zum Zweiten stört mich Ihre Kamera, die Sie da um den Hals tragen.«
»Also, ich bitte Sie! Was erlauben Sie sich?«
»Ich erlaube mir, Ihnen jetzt den Rücken zu kehren. Wenn Sie wieder mal überzeugend als Journalist auftreten wollen, dann lassen Sie die kleine Kompaktkamera zu Hause. Ich kenne keinen echten Journalisten, der nicht mit einer High-End-Spiegelreflex arbeitet, auf die er schwört«, rief Doktor Brandenburg dem verdutzt zurückbleibenden Herrn noch zu, als er mit wehenden Schößen den Gerichtssaal verließ. Wie zum Gruß hob er seine Hand, jedoch ohne dabei zurückzusehen. Gleichzeitig kam es BRB so vor, als wenn er diesen angeblichen Journalisten schon mal gesehen hätte. Es fiel ihm jedoch dazu nichts ein, sodass er den Gedanken verwarf.
Der Mann, der sich als Herr Karman vorgestellt hatte, bekam seine Gelassenheit langsam wieder. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über sein Gesicht. Er nahm die Kamera, schaute sie an, verdrehte die Augen und schob sie in seine Manteltasche. Dort landeten auch Kugelschreiber und Notizblock. Als er gehen wollte, schaute eine Mitarbeiterin der Geschäftsstelle Strafrecht in den Raum. »Sie sind der letzte? Ich würde gern abschließen.« »Schon gut, bin schon weg«, entgegnete er. Mit einem leichten Kopfnicken schob er sich an der Mitarbeiterin vorbei, nahm die Treppenstufen hinab zum Ausgang, ignorierte die Blicke des Wachdienstes, drückte die Haustür auf und stand vor dem Haus. Ein Windstoß wehte den offen gelassenen Mantel auf. Er wandte sich nach links Richtung Neue Werderstraße. Dort hatte er sein Fahrrad abgestellt. Damit radelte er zur B 105 runter, überquerte sie und nahm Kurs auf den Alten Fritz. Das Braugasthaus lud mit einem Außenbereich ein. Kaum, dass er sich sortiert und gesetzt hatte, fragte eine freundliche, junge Frau mit lustigen Augen, was sie ihm bringen könne.
»Einen Kaffee bitte.«
»Wir haben Cappuccino, Caffè Latte, Caffè Crema, einfachen Filterkaffee oder einen Espresso.«
Von dieser Kaffeeflut überfordert, zeigte sein Blick die erste Verlegenheit und Unsicherheit des Tages. »Äh … einen Filterkaffee bitte.«
Kapitel 5
Die »versenkbare« Mühle von Kröpelin
Wer von Kühlungsborn oder Wismar kommend durch die eingehügelte Kleinstadt Kröpelin fährt, erlebt einige hundert Meter nach dem Markt ein wahres Wunder. Die von Ferne schon in Fahrtrichtung über den Hausdächern sichtbare alte Mühle beginnt zu sinken. Sie verschwindet und bleibt verschwunden. Wer einfach so weiterfährt, wird sie nicht wiedersehen. Damit sie nicht auch noch in Vergessenheit gerät, kümmert sich ein rühriger Verein. Er bietet nicht nur die Möglichkeit, sie zu besuchen, sondern auch Ausstellungen, Führungen und Vortragsabende. Die Chefsekretärin des Institutes für Rechtsmedizin reichte eine E-Mail an den Professor weiter. Der Förderverein Kröpeliner Mühle fragte wieder einmal, ob kurzfristig ein Vortrag über die Aufgaben der Rechtsmedizin realisiert werden könnte. Licht und Ton wären kein Problem. Handmikrofon oder Headset. Beamer, Projektionsfläche, perfekte Technik in einem zwar kleinen, aber liebevoll restaurierten Raum. Der Chef wischte den Zettel zur Seite, rief die Sekretärin an, sie solle das den Mitarbeitern anheimstellen. Er selbst möchte das nicht machen, wolle aber auch niemanden verpflichten, gegebenenfalls nur wissen, wer wann mit welcher Vorbereitung dort auftritt.
Die Anfrage landete hausintern auf den Bildschirmen der ärztlichen Mitarbeiter. Weder für die Chemiker noch die Biologin kam das Thema in Frage.
Doktor Brandenburg, der sich hin und wieder gern auf eine Bühne stellte, bekundete sein Interesse, zumal er die Mühle und ihr Team bereits von einer früheren Veranstaltung kannte. Eine jüngere Kollegin und er waren für derartige Auftritte seit Jahren eingespielt. Sie gab die flippige Moderne und er den verstaubten Traditionalisten. So battelten sie sich auf lustige Weise durch die oft dunklen Themen des Faches und das mit Erfolg, zuletzt mit dem Thema »Rechtsmedizin zwischen Klischee und Realität«.
BRB bekam den Zuschlag vom Chef. »Machen Sie das irgendwie und vielleicht können Sie ja eine Vorlesung anpassen, damit das nicht so viel Vorbereitungszeit kostet. Und sehen Sie bitte zu, dass Sie sich thematisch von dem ersten Vortrag absetzen.« Mit diesen Worten drehte sich der Chef schon weg, sodass die Bahn frei war. Seine Kollegin stand kurzfristig leider nicht zur Verfügung. So musste BRB allein zusehen, wie er das gestaltete. ›Da braucht es nicht viel Vorbereitung. Da reicht der Griff in die Schublade.‹ Mit diesen Gedanken machte er sich gleich an die Arbeit und tickerte sich auf seinem Rechner durch das Archiv der Vorlesungen, verschob eine PowerPoint in den Ordner öffentliche Vorträge, benannte sie um und überlegte sich, wie er das Thema für ein öffentliches Publikum strukturieren könnte. Rechtsmedizin im Allgemeinen. Medizinische und juristische Fachbegriffe raus, Fotos raus, die vermutlich nicht für alle Augen und alle Seelen geeignet sind. Im Besonderen müsste er einen Schwerpunkt setzen. Vielleicht »Tod im Wasser«. Die Ostseenähe und die gerade jetzt immer wieder berichteten Badetoten würden vermutlich ohnehin vom Publikum hinterfragt werden. Neben dem klassischen Ertrinken mit seinen Stadien würde er dem plötzlichen natürlichen Tod im Wasser Aufmerksamkeit schenken. Das Ganze natürlich mit einem positiven Blick auf alles Schöne im und am Wasser. In dieser Art würde er in den nächsten Tagen eine Präsentation zusammenstellen.
Es kam der Tag. Alles war perfekt vorbereitet. Kurz vor 20 Uhr parkte BRB sein Auto dicht an der Mühle, ging hinein, begrüßte die Veranstalter und sortierte sich. Der Raum füllte sich allmählich. Die meisten kamen erst fünf bis zehn Minuten vor Beginn und verteilten sich irgendwie an den Tischen, die jeweils von vier Stühlen umstellt waren. Dann war es soweit. Dr. Brandenburg wurde kurz anmoderiert, ging an das Rednerpult, bedankte sich für die Einladung und wurde schnell mit seiner Aufgabe allein gelassen. Nach einigen Minuten war er warmgelaufen. Medizinische Themen einzudeutschen war er von den vielen Gerichtsverhandlungen gewohnt. Er war im Flow, bis sich etwa zehn Minuten vor Schluss an einem der hinteren Tische, dicht am Eingang, eine Hand hob und ein dazugehöriger junger Mann mit rot gelocktem Haar aufstand. Ohne zu fragen und ohne sich vorzustellen rief er Brandenburg in einer beinahe kindlichen Tonlage zu: »Sie haben das Thema verfehlt! Es ging doch vorhin auch um Wasserleichen hier. Warum zeigen Sie die nicht. Dafür bin ich extra von weit hergekommen!«
Ein Raunen ging durch den Raum. Einige schüttelten den Kopf.
»Ich werde keine derartigen Bilder zeigen«, entgegnete Brandenburg. »Das wäre kein schöner Anblick. Ich bemühe mich, das Thema informativ zu gestalten, sodass es für niemanden unangenehm wird. Allen kann ich es offenbar nicht recht machen.«
Während einige Besucher klatschten, stieß sich der junge Mann von seinem Stuhl ab, sodass der umkippte und verließ unter lautem Geschimpfe die Mühle. Der Vortrag kam zum Ende, kurzer Beifall, einige kamen nach vorn und stellten Fragen. Andere schoben sich langsam durch den Ausgang. BRB sammelte seine Unterlagen zusammen und erzählte noch einen Moment mit den Vertretern des Mühlenvereins.
Es war spät geworden. Sein Auto konnte er gerade noch im Schein der Türbeleuchtung erkennen. Es regnete leicht. Schnell lud er alles ein und schwang sich hinter das Steuer. Die Wegbeleuchtung wurde abgeschaltet, für ihn zu schnell. Nun musste er auf seine Scheinwerfer vertrauen und zur Straße hinunterrollen.
Kapitel 6
Gesucht
Kommissar Tenglers Büro verströmte den Muff alter Dienstzimmer, den sie im Laufe der Zeit bekommen und behalten. Die Ausstattung war spärlich. Der Rechner am Arbeitsplatz wurde über verstaubte Kabel versorgt, die irgendwo hinter dem Tisch allein gelassen und lange nicht mehr gesehen worden waren. Neben dem Telefon ein Bild von ihm und seinem Sohn, der seinen pubertär getriggerten Unwillen gegenüber solcher Fotoposen deutlich machte. An der Wand gegenüber ein altes Schwarz-Weiß-Foto vom Brandenburger Dom, aufgenommen offenbar von einem Boot auf einem Arm der Havel, die sich durch die Stadt verzweigt.
Das Klingeln von Kommissar Tenglers Telefon an diesem Montag morgen blieb ungehört.
»Wo ist Tengler?«, rief Kommissarin Semlock über den Flur, hoffend, dass er selbst oder irgendjemand anders reagiert. »Er soll zu mir«, setzte sie nach. Doch es blieb stumm. Das bemerkte sie erst nach einigen Minuten, hob erstaunt ihren Kopf aus der frühmorgendlichen Geschäftigkeit und ging zu ihren Kollegen. »Hat ihn jemand gesehen?«
»Wen?«
»Na, Tengler! Ich brauche ihn!«
Vieldeutige Blicke, aber keine zweckdienlichen Hinweise.
»Habe ihn heute auch noch nicht gesehen«, entgegnete jemand.
»Ich auch nicht«, kam es aus einer anderen Ecke.
›Vielleicht ist er krank‹, dachte Kommissarin Semlock und rief im Sekretariat an. »Moin, Semlock, hat sich Kommissar Tengler krankgemeldet?«
»Wer?«
»Mein Gott!«, rief sie ungeduldig, »nuschel ich etwa? Der eine fragt WEN, der andere WER. Ich meine Herrn Oberkommissar Torsten Tengler, nicht erst seit gestern hier! Seine Freunde nennen ihn wohl Torte! Hat ihn jemand mit einem Käffchen zu sich genommen? Vielleicht noch mit Schlagsahne? Ich sehe und höre ihn nicht und kann ihn nicht finden, obwohl ich ihn suche!«
»Tut mir leid, Frau Semlock«, entgegnete die Sekretärin betont ruhig, weil sie die Ungeduld der Kommissarin spürte. »Wir können da ausnahmsweise nicht helfen. Lassen Sie doch mal den Tag erwachsen werden und dann wird er sich schon unter Angabe einer plausiblen Erklärung einfinden.«
Kerstin Semlock sackte zusammen und legte auf. ›Erstmal nichts zu machen‹, dachte sie. Diese Situation passte so gar nicht in ihren gewohnte Geradeauskurs, der am frühen Vormittag bereits festlag. Als erste Sachbearbeiterin gab es für sie nur wenige Schritte zur Seite. Sie war auf ihre Ziele orientiert und ließ sich dabei nicht gern aus dem Takt bringen. Das machte sie noch attraktiver, obwohl da nach allgemeiner Männermeinung nicht viel nachzuholen war. Sie war gut vernetzt mit Schlüsselpositionen in der Staatsanwaltschaft, der Rechtsmedizin und des Landeskriminalamtes. Ein auch bei Computerpannen funktionierendes Netzwerk, das sie sich über die Jahre erarbeitet hatte und auf das sie sich verlassen konnte. Ihre Gedanken sammelten sich langsam wieder und begaben sich nur noch einmal vorsichtig auf den Weg zu ihrer Tochter. ›Oje, oje, ich hatte versprochen, sie heute früh anzurufen.‹ Katharina Semlock hatte in Rostock Medizin studiert. Der berufliche Kontakt ihrer Mutter mit Dr. Brandenburg brachte genug Suggestion mit sich, um während des 4. Studienjahres in der Rechtsmedizin das Wahlfach »Ärztliche Leichenschau« und im Praktischen Jahr dort das Wahltertial zu absolvieren.
»Hi, Mom«, sagte Katharina.
»Entschuldige, ich wollte dich gleich früh anrufen, aber mich hat hier heute einiges aus der Bahn geworfen.«
»Alles gut«, beruhigte Katharina ihre Mutter. »Ich liege eh zu Hause rum. Mir war nicht so an der Mütz.«
»Was ist mit dir? Bist du krank?«
»Nix Schlimmes. Ich hab Hals. Geht schon.«
»Ich rufe dich an, weil du das wolltest, jedenfalls gestern noch.«
»Ja, es ist irgendwie alles doof. Ich muss immer an Papa denken, so kurz vor seinem Geburtstag. Es ist so unfair, so ungerecht. Andere fressen sich fett und saufen sich die Leber dick und trällern sich durchs Leben und er, der immer alles in Maßen hielt, hier nicht zu viel und da nicht zu doll, der kriegt seinen Herzkasper und bleibt liegen.«
»Katharina, es ist nun vier Jahre her …«
»Willst du mich damit beruhigen?«, weinte sie plötzlich in das Telefon. »Sag was!«
»Ich kann nur sagen, dass ich dich jetzt gern im Arm hätte. Erinnerst du dich an den Abend im vorigen Jahr, als du mich in Reutershagen besucht hast und wir so schön gemütlich erzählt haben? Das wünsche ich mir öfter.«
»Ja, natürlich erinnere ich mich. Das war, als ihr diesen Fall mit dem toten Geocacher hattet. Ich war gerade im Wahltertial in der Rechtsmedizin.«
»Genau, aber Gedanken an dich, mein liebes Töchterchen, bringen mir eher Gedanken an das Leben. Wie läuft es denn so mit deinem Torben? Warum ist er jetzt nicht bei dir und hilft dir wegzuschieben, was dich bedrückt?«
»Der muss arbeiten.« Kleine Pause.
»Dieser Zustandsbericht fällt ja recht kurz aus. Muss ich mir Sorgen machen?«
»Um den?«
»Nun komm schon, Katharina, dein Torben wäre ein Tor, wenn er dich nicht halten würde und ein Tor ist er nicht, auch wenn er so ähnlich heißt. Aber ich glaube, ich lasse das Thema. Kathi, ruf mich bitte, wenn du mich brauchst und überhaupt auch sonst, wenn es dir einfällt, ja?«
»Ist gut, Mom.«
»Bis bald.«
»Tschüss.«
Kerstin Semlock lehnte sich zurück und atmete tief durch. ›Es ist immer alles auf einmal. Wenn es irgendwo hakt, klemmt es woanders auch. Ich muss jetzt den Tengler klar machen.‹ »Hat jemand seine Telefonnummer?«
»Wessen?« rief es aus einer offenstehenden Zimmertür.
›WEN, WER, WESSEN‹, dachte sie mit einem jedoch nur noch innerlich hörbaren Aufbegehren.
»Die von Tengler bitte schön!«
»Ja, sicher, die steht im Dienstplan Frau Kommissär. Das ist gar nicht mal so schwer«, antwortete Kommissar Kollberg aus einer Ecke.
»Dann bitte mal her damit. Ich muss ihn anrufen und fragen, was los ist.« Sie nahm auf irgendeiner Schreibtischecke Platz, kümmerte sich nicht, zu wem die gehörte und wählte seine Nummer. Sie schwenkte ihr Haar zur Seite, um den Hörer dicht ans rechte Ohr zu halten. Nach endlos wiederholtem Ruf eine monotone Stimme: »Gesprächspartner ist zurzeit persönlich nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie … « Sie legte auf. ›Shit.‹
»Wo arbeitet seine Frau?«, rief sie wieder in die Räume. Keine Antwort. »Warum weiß das keiner?«, rief sie, dabei etwas betroffen merkend, wie wenig sie selbst über ihre Kollegen wusste. Würde sie jemand anders suchen, stünde sie ähnlich hilflos da. Sie ging ins Sekretariat und verlangte Auskunft.
»Frau Semlock, jetzt beruhigen Sie sich bitte. Ich schicke eben diese E-Mail noch ab und dann sehe ich nach, was wir haben, ja?«
»Sie wissen, ich schätze Sie über alles«, höfelte Frau Semlock der Sekretärin zu, »aber ich habe ein blödes Gefühl im Bauch und ich weiß, ich bin aufgedreht, aber ich bitte Sie, mir zu helfen.«
»Das klingt doch schon viel besser«, antwortete die Sekretärin aus ihrem gepflegten Dress hinter einem schwarzen Schreibtisch. Sie machte ihr Mousepad frei, klickte sich in ein internes Laufwerk und rief die Personaldaten der Mitarbeiter auf.
»Da haben wir ihn ja. Torsten Tengler. Ganz schönes Foto von ihm«, lächelte sie in den Bildschirm hinein. »Hier steht’s. Angehörige: Frau Tamara Tengler, gleiche Wohnanschrift, erreichbar unter …«
»Ich danke Ihnen sehr.« Kerstin Semlock nahm den Zettel mit der abgeschriebenen Handynummer von Tamara Tengler und eilte zurück in ihr Dienstzimmer. Sie wählte die Nummer und hoffte, nach jedem neuen Klingelton endlich ein erlösendes »Tengler« oder »Ja, bitte« zu hören. Ersteres geschah.
»Tengler« hörte sie eine entspannte, helle Stimme sagen.
»Hier ist Frau Semlock, eine Kollegin Ihres Mannes.«
»Hallo, Frau Semlock. Ich weiß, mein Mann hat Sie oft erwähnt. Was führt Sie in die Leitung?«
»Ich vermisse Ihren Mann, Frau Tengler. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, er ist heute nicht zum Dienst erschienen. Ich wollte mich nur erkundigen, ob er vielleicht krank ist?«
»Oh, das überrascht mich«, antwortete Tamara Tengler.
»Wie kann es Sie überraschen? Waren Sie beide heute Morgen nicht zusammen?«
»Nein, ich bin am Wochenende zu meiner Freundin nach Berlin gefahren. Mein Mann blieb in Rostock. Ich bin noch in Berlin und habe heute einen Termin auf der Museumsinsel.«
»Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?«
»Sicher, ich konzipiere Heizungs- und Lüftungssysteme für Großbauten.«
»Toll, das hört sich interessant an. Meinen Respekt. Das hört sich auch familienfreundlich an, wahrscheinlich keine Dienste?«
»Genau, im Grunde haben Sie recht. Wir würden nur im Havariefall und wenn es wirklich pressiert mal einen außerordentlichen Lokaltermin wahrnehmen. So zum Beispiel heute.«
»Ah ja, ok, aber zurück zu Ihrem Mann. Hatte er am Wochenende etwas Besonderes vor?« »Er wollte paddeln. Er wollte mit seinem Kajak aufs Wasser. Das macht er manchmal auch allein, wenn ich nicht da bin. Dieses Wochenende hatte sich angeboten. Wir haben zuletzt Freitagabend miteinander telefoniert, aber nicht darüber gesprochen, wohin er fahren wollte.« »Wie kann ich ihn erreichen, Frau Tengler? Übers Handy habe ich es schon versucht.«
»Tja, ich weiß da auch nicht weiter. Er ist eigentlich nie krank oder so, höchstens mal ein Männerschnupfen, aber deswegen würde er nicht zu Hause bleiben. Fragen Sie doch mal Dr. Brandenburg. Vielleicht hatten die beiden Kontakt. Neulich waren sie zusammen im Kino. Kann ja sein, dass er etwas weiß. Also, ich mache mir da erstmal keine großen Sorgen. Das wird sich bestimmt aufklären. Ich rufe nachher mal seinen Sohn an, vielleicht erfahre ich etwas, ok?«
»Alles klar, ich danke Ihnen.«
Kapitel 7
Die Rechtsmedizin
1958 löste sich in Rostock die Gerichtliche Medizin aus der Pathologie und wurde zu einer eigenen Struktureinheit, zu einem Institut, zunächst in der Gertrudenstraße. 1964 zog das Institut in die Friedrich-Engels-Straße, heute St.-Georg-Straße, in das ehemalige Internat der Arbeiterund Bauern-Fakultät. Dort sitzt sie noch heute, seit der Wende umbenannt in Rechtsmedizin. Die alte graue Villa wirkt zwischen dem Studentenwohnheim und dem roten, wuchtigen Backsteingebäude, welches zu DDR-Zeiten die SED-Bezirksleitung beherbergte, danach das Gesundheitsamt und jetzt die Stadtkämmerei, wie ein Implantat. Das Hofgebäude bleibt verdeckt, ein hässlicher Betonbau, der Ende der 70er-Jahre in den Hof des Studentenwohnheimes gesetzt wurde, um Nachrichtentechnik aufzunehmen – man ahnt, um welche Art von Nachrichten und um welche Art von Technik es dort ging. Wer nun noch wusste, dass sich die Chemisch-Toxikologische Abteilung des Institutes in der Rungestraße neben der alten U-Haft befand, für den bestätigte sich endgültig durch diese baulichen Nachbarschaften ein Generalverdacht gegenüber allen, die in der Gerichtsmedizin arbeiteten. Mit dieser Corona aus Vorbehalten hatte sich der junge Dr. Karsten Brandenburg auch auseinanderzusetzen, als er 1980 nach dem Medizinstudium dort die Weiterbildung zum Facharzt begann. Der Kern des Faches hielt ihn jedoch gefangen und lies ihn nicht mehr los. Der Muff des alten Gemäuers erzeugte immer irgendwie beides: Abwehr und Anziehung. Letzteres überwog fast 40 Jahre. Seine Kollegen nannten ihn BRB: Das Autokennzeichen für die Stadt und den Landkreis Brandenburg an der Havel, seine Heimatstadt und kurioser Weise auch sein Nachname. BRB hatte sich in seinen drehbaren Dienstsessel eingepasst und merkte ein ums andere Mal, dass sein Körper so nach und nach, mit dem Älterwerden die Ideallinien verließ und der Sesselform immer ähnlicher wurde. Der Sessel war so bequem, dass der Körper keinerlei Energie aufwenden musste, um sich darin zu halten. Das wiederum ließ den Zeiger der Waage zwar langsam aber dafür beständig weiter nach rechts auslenken. Einhalt gebot lediglich ein Tag, der mit Obduktionen ausgefüllt war, denn da hieß es im Stehen präparieren und diktieren, den ganzen Tag, und zuweilen nähen und schwer heben. Einsätze zu einem Tatort, ein Konsil in der Klinik oder eine Vorlesung waren weitere willkommene Abwechslungen, die jedoch für die Rekonstruktion der Ideallinie nicht ausreichten. In der Freizeit etwas Sport, aber nicht zu viel und so entwickelte sich bei ungestörtem Appetit und gelegentlich einem Fläschchen Bier der beschriebene Zustand.
Ein Tag im Institut nahm seinen Lauf. Am Nachmittag war ein Ethikkonsil auf der neurologischen Intensivstation im Zentrum für Nervenheilkunde Rostock-Gehlsdorf anberaumt worden. Es ging um eine 83-jährige, korpulente Frau, die mit einem Schlaganfall aufgenommen wurde. Auf Station trafen außerdem ein Internist und ein Chirurg ein, dazu noch der Krankenhausseelsorger und eine Juristin von der Stabsstelle Recht. Die Patientin hatte eine Patientenverfügung unterschrieben, die von den Angehörigen vorgelegt worden war. Es ging darum, ob der in der Verfügung formulierte Zustand eingetreten sei. Die Stationsärztin stellte die Patientin vor. Gegenwärtiger Status, bisherige Therapie und weitere Möglichkeiten sowie die Prognose wurden in der Runde diskutiert. Auf der Rückfahrt von Gehlsdorf zur St.-Georg-Straße meldete sich Kommissarin Semlock, die BRB im Auto über seine Freisprechanlage empfing. Sie durchbrach mit ihrem Anruf die bassigen Drums im Intro von Amy Winehouse’ YOU KNOW I’M NO GOOD.
»Oh, Du bist gerade unterwegs«, tönte es plötzlich im harten Kontrast zu der Musik, von der sich BRB eigentlich zum Institut begleiten lassen wollte.
»Hört man das?«
»Irgendwie schon. Es sei denn, Dein PC hat eben den Blinker gesetzt und vom vierten in den dritten Gang geschaltet.« Beide lachten herzlich.
»Was gibt es denn Frau Kommissär?«
»Kommissär? Das habe ich doch heute schon einmal gehört.« Kerstin Semlock dachte kurz nach. »Ach ja, der Kollberg hat mich so angesprochen und einen Reim draufgesetzt. Ich glaube, der dreht langsam frei. Mannomann…«
»Nun lass mal«, fiel ihr BRB ins Wort. »Ab und an ein bisschen lustig muss doch erlaubt sein und ist nicht gleich psychopathologisch oder psychiatrisch. Da, wo ich gerade herkomme ist das schon anders.«
»Klär mich auf.«
»Ethikkonsil in Gehlsdorf.«
»Ah, ich verstehe. Der Doktor gibt sich mal wieder klinisch. Gut fürs Ego, oder?«
»Was kann ich denn Gutes für dich tun?«, fragte BRB nach.
»Für mich fällt mir da überhaupt nichts ein, aber vielleicht für deinen Freund Tengler.«
»Der kann eigentlich ganz gut für sich allein sorgen.«
»Ja, wenn ich darüber Gewissheit hätte, wäre mir wohler.«
»Was soll das denn nun heißen?«
»Er ist weg.«
»Wie weg?«
»Er ist heute nicht zum Dienst gekommen. Übers Smartphone kann ich ihn nicht erreichen. Seine Frau ist in Berlin, die habe ich angerufen, sie hat ihn am Freitagabend zuletzt gesehen und gehört. Sie will noch seinen Sohn fragen. Ansonsten wusste sie nur, dass er am Wochenende mit seinem Kajak loswollte, wahrscheinlich Sonnabend. Weißt du, was mit ihm sein könnte? Hattet ihr Kontakt?«
»Nein, ich weiß nur, dass das völlig ungewöhnlich ist. Einfach warten würde ich nicht.«
»Ok, sehe ich auch so. Dann schicke ich einen Streifenwagen zu seiner Wohnung.«
»Mach das. Ich bin nachher im Institut. Halte mich bitte auf dem Laufenden.«
Amy Winehouse verschaffte sich wieder Gehör, BRB schaltete sie jedoch weg. Zuviel ging ihm gleich durch den Kopf. Er verließ das Gelände am Osthafen und bog auf die B105, um über die Vorpommernbrücke zu fahren. Danach gleich links über die Warnowstraße und die Steintorkreuzung zum Institut. Er winkelte seinen Wagen auf dem Hof in eine Parklücke, wand sich aus dem Auto und ging hastig ins Haus. Zuerst ins Sekretariat. »Bin wieder da«, rief er in den Raum. »Hier die Parkkarte zurück.« Er protokollierte die Rückgabe und fragte, ob jemand etwas von Kommissar Tengler gehört habe.
»Nein, heute noch nicht«, gab die Sekretärin zurück. »Die suchen ihn und können ihn bisher nicht finden!«
»Ach Du meine Güte. Was soll mit dem denn sein?«
»Werden wir hoffentlich bald erfahren. Falls Frau Semlock hier anruft, bitte gleich zu mir durchstellen, ja?«
»Klar doch«, versicherte sie ihm mit einem Lächeln.
Kapitel 8
Vermisst
»Zu Hause ist er nicht, Kajak und Auto sind auch weg. Smartphoneortung negativ, muss abgeschaltet sein!« Diese kurz vorgebrachte Bilanz brach aus Kommissarin Semlock heraus, als sie BRB kurz vor Feierabend dieses ersten Tages der Woche anrief.
»Die Sonnabend-Zeitung steckt im Kasten! Sein Sohn weiß nichts, sagt seine Frau. Die ist noch in Berlin, wird langsam unruhig und kommt heute Abend nach Hause. Der Sohn hat ihn vor vier Wochen zuletzt gesprochen. Im Polizeibericht vom Wochenende nichts, was mit Tengler zu tun haben könnte. Auch die Wasserpolizei ohne Hinweise. Die Notaufnahmen blocken mal wieder. Da brauchen wir mindestens ein schriftliches Auskunftsersuchen der Staatsanwaltschaft oder einen Gerichtsbeschluss, bevor die uns etwas sagen.«
BRB reagierte nicht.
»Nun sag was, Doc! Was sollen wir machen? Mir bleibt nichts, als ihn und seinen Pkw in die Fahndung zu geben!?«
»Ja, äh, Du triffst mich so, dass ich auch nicht weiß, was ich sagen soll.«
»Du bist doch sonst um keinen Spruch verlegen«, konterte sie.
»Hör auf, das scheint hier ein Vorgang zu werden, wie ihr immer sagt. Da ist Schluss mit lustig. Torte Tengler ist mein Freund. Ich will gern alles Mögliche beitragen, um die Sache zu klären. Soweit ich weiß, ist er nicht so krank, dass er irgendwo liegen bleiben würde. Ich meine einen Zuckerschock oder andere Stoffwechselentgleisungen. Mit Herz und Lunge hatte er noch nie Probleme. Andererseits steht es nicht jedem auf die Stirn geschrieben. Betrunken haben dürfte er sich auch nicht. Passt nicht zu ihm, die Gelegenheit, in der seine Frau auf Tour ist, dafür zu nutzen. Er ist eigentlich fit. Wenn Kajak und Auto weg sind, läuten bei mir die Alarmglocken, Kerstin. Durchsucht unbedingt die Wohnung. Vielleicht gibt es Hinweise auf die Route, die er paddeln wollte. Dann fragt die potenziellen Einsatzstellen für Kajak-Touristen ab. Flussbad am Rostocker Mühlendamm, Zingst, Prerow, Bodstedt, Barhöft, Boiensdorf, Rerik usw. Das wären ja nur die nahe gelegenen Paddelreviere. Er kann natürlich sonst wohin gefahren sein. Trebel, Peene, Warnow, Mildenitz. Geht alles!«
»Wie gut, dass wir jetzt wissen, wie Polizeiarbeit funktioniert!«
»Was willst du? Du fragst mich und ich sage dir schnell und unüberlegt, was mir spontan einfällt!«
»Schon gut, Doc, weiß ich ja zu schätzen. Wir rufen uns beide an, wenn es etwas Neues gibt.« Beide legten auf und sanken zurück, beinahe synchron, als hätten sie sich abgestimmt.
BRB rief zu Hause an: »Stell dir vor, Torsten Tengler wird vermisst. Er kam heute nicht zum Dienst. Die Polizei hat bereits alle Register gezogen. Auch seine Frau findet keine Erklärung. Er ist weg und dazu sein Auto und sein Kajak.«
»Oh, Torsten, Auto und Kajak zusammen. Das hört sich nicht gut an. Wann kommst du nach Hause?«
»Pünktlich. Ich kann da ohnehin nicht helfen. Wir müssen abwarten und hoffen, dass das ein gutes Ende nimmt. Bis nachher.«
Die Fahndung lief auf Hochtouren. Torsten Tengler meldete sich nicht. In seinem Dienstzimmer ließ eine Pflanze die Blätter hängen, als wäre sie schon in Trauer. Die Reinigungskraft nahm sich ein Herz, versorgte sie mit frischem Nass und ruckelte den Topf etwas zurecht. ›Dein Herrchen wird schon bald wiederkommen‹.
Der Tag verging jedoch, ohne dass sich diese Prophezeiung erfüllte.
Es wurde Dienstag. »Meine Herren und meine Dame, das Team bitte zu mir«, rief Kerstin Semlock mal wieder über den Flur. Jeder wusste, worum es gehen würde und war schnell zur Stelle.
»Jetzt haben wir drei dabei«, beeilte sich Kollberg zu sagen.
»Kollberg, Sie haben ausnahmsweise recht. Wir haben jetzt drei Vermisstenfälle. Ich gebe zu, dass mich und Sie vermutlich auch, der letzte besonders trifft. Wir sind wohl alle etwas ratlos. Was haben die ersten Ermittlungen zu unserem Kollegen ergeben?«
»Im Grunde nichts«, antwortete die zweite weibliche Kollegin, Annika Strehlow. »In den Krankenhäusern der Umgebung ist er nicht aufgenommen worden. Sein Auto haben wir auch noch nicht. Verkehrsunfälle scheiden aus. Die möglichen Einsatzstellen für Kajaks bieten nur Momentaufnahmen. Keine Zeugen. Vor allem kein Kajak. Wir sollten die Bevölkerung über die Presse und über das Radio um Hilfe bitten. Seine Frau sagte, er hat ein rotes See-Kajak, einen Einer. Den genauen Typ konnte sie nicht nennen, irgendein amerikanisches Model, preisliche Mittelklasse. Sie wusste nur, dass es sehr schwer ist. Habe mich im Netz erkundigt. Als Material kommt am ehesten PE in Betracht. Die teureren haben Glasfasern und Carbon in der Verarbeitung und werden dadurch leichter.« »Was heißt PE?«
»PE bedeutet Polyethylen, ein sehr robustes Material.«
»Sehr gut, Annika. Ein rotes Kajak fällt doch auf. Kann das sinken?«
»PE ist etwas leichter als Wasser, aber nicht viel. Es würde vollgelaufen vielleicht gerade noch schwimmen, aber nicht mehr groß aus dem Wasser ragen, sodass es aus der Ferne schwer zu orten sein sollte.«
»Ok, wir setzen den Fokus weiter auf das Boot und auf sein Auto. Das Auto werden wir eher finden. Dehnt die Suche nach Westen aus, Richtung Poel. Wer weiß, welches Ziel er sich vorgenommen hat. Ach ja, fanden sich in der Wohnung Notizen, Seekarten oder irgendetwas Zweckdienliches?«
»Nein, keine Seekarten, keine Notizen«, kam es aus der Runde. »Was hat die Smartphone-Ortung ergeben?«
»Kein Signal, muss abgeschaltet sein.«
»Moment mal, als er losfuhr, wird er sein Ding doch angehabt haben. Ihr müsst rückwärts suchen. Jetzt geht es vielleicht nicht, weil es nass ist.«
In diesem Moment stürmte ein Mitarbeiter aus dem Bereich »Organisierte Kriminalität« herein. »Entschuldigung, ich wollte nur Bescheid sagen. Sie haben das Auto! Ein beigefarbener Skoda Octavia Scout mit seinem Kennzeichen.«
»Entschuldigung gern angenommen, raus damit, wo ist es?«
»Steht auf einem Wohnmobilparkplatz vor Boiensdorfer Werder. Ich muss zurück, nur, dass Sie Bescheid wissen.«
»Danke dafür! Na, also, es geht vorwärts. Ich will den Heli. Der soll das Salzhaff und die Umgebung der Halbinsel Wustrow und der Insel Poel absuchen. Haffseitig und seeseitig, bitte. Gleichzeitig soll der Wasserschutz die Gegend abfahren und mit denen da oben kooperieren. Den Aufruf an die Bevölkerung heben wir uns auf. Übrigens – Boiensdorfer Werder – ist das nicht die Stelle, wo Doc Brandenburg damals die alte Frau mit dem Handwagen traf, als er mit seiner Frau und seinen Enkeln dort war? Brandenburg ist damals auch Kajak gefahren. Da war doch was.«
»Ja«, sprang ihr Annika bei.
»Damals lief die Sache am Grundlosen Moor zwischen Hohenfelde und Retschow.«
»Hey, dein Gedächtnis möchte ich haben.« Mit Bewunderung und fast mütterlichem Stolz sah Kerstin Semlock zu ihrer jungen Kollegin Annika Strehlow herüber. Ihre Blicke trafen sich kurz, um sich gepaart mit einem Lächeln gleich wieder zu trennen.
Die Suchaktionen liefen an. Ein Team von Ermittlern und Kriminaltechnikern fuhr sofort über Neubukow, Rakow und Pepelow nach Boiensdorf. Die Straße senkte sich im Ort und in der Linkskurve bog das Einsatzfahrzeug rechts ab. Noch vor Boiensdorfer Werder stießen sie auf einen Wohnmobilstellplatz mit kleiner Infrastruktur: Kiosk, Toilettenhäuschen, Entsorgung von Grau- und Schwarzwasser, Parkautomaten, Schranke und einige locker verteilt stehende Camper. Der Stellplatz war durch eine hohe Baumgruppe vom Ufer des Salzhaffs abgetrennt. Von dem gesuchten Pkw keine Spur. Zwischen zwei Wohnwagen kam ihnen ein Mädchen entgegengelaufen. »Suchen Sie die Polizei? Die sind weitergefahren. Da ist noch ein Parkplatz.« Sie wies in Richtung Boiensdorfer Werder.
»Dankeschön« riefen die Beamten zurück und setzten sich wieder in Bewegung. Nach 500 Metern fand sich tatsächlich ein weiteres Parkplatzschild. Sie bogen nach rechts in eine unscheinbare Auffahrt und sahen sofort den unter Bäumen abgestellten Skoda. Daneben ein Streifenwagen, dessen Besatzung froh über die Ablösung war und sich entfernen wollte.
»Moment«, rief Kerstin Semlock. »Wann habt ihr den Wagen festgestellt? Habt ihr etwas verändert? Gab es in der Zwischenzeit Personenbewegungen? Wie können wir euch wieder erreichen? Den Bericht bitte direkt morgen auf meinen Tisch!«
Damit entließ sie die beiden Polizeiobermeister und wandte sich dem Fahrzeug zu. Ein ruhiges Bild. Die Türen und Fenster waren verschlossen. Keine Beschädigungen. Die Sichtblende des Kofferraums vorgezogen. Montierte Dachträger. Soweit man durch die Scheiben sehen konnte, auf der Rückbank eine dunkle Jacke. Davor im Fußraum ein Zurrgurt mit der Aufschrift Paddelcenter. Die Handbremse gelöst, offenbar eingelegter zweiter Gang. In der Mittelkonsole ein Kugelschreiber und die Karte eines Wertstoffhofes. Ein am Sonnabendabend um 22:00 Uhr abgelaufener Parkschein an der Innenseite der Frontscheibe. Kein Strafzettel. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Kommissarin Semlock blickte zu Kriminaltechniker Gernot Stahl. Nach Übersichtsaufnahmen und Nahaufnahmen vom Fahrzeug nahm er von den Türgriffen Fingerabdrücke. Dann öffnete er routiniert das Fahrzeug. Sie ging derweil auf die Uferzone zu und ließ ihren Blick schweifen. Vor ihr lag das Salzhaff. Das Wasser war ruhig. Am Spülsaum aufgeschwemmtes Seegras oder Tang in graubraunen, beinahe gebirgig geformten Haufen, leicht muffig riechend. Der Strandsand fein. Einige kleinere Steinpackungen ragten wie halbherzig gelegte Buhnen wenige Meter senkrecht zur Uferlinie in das Wasser hinein. Rechts in der Ferne die Konturen des Ostseebades Rerik. Gerade rüber die Halbinsel Wustrow mit ihrem hohen Baumbestand. Sie blickte etwas weiter nach links. Ein Schwanenpärchen zog in Richtung des Schilfgürtels von der Halbinsel Boiensdorfer Werder. Weit draußen eine Boje, deren Bedeutung sie nicht erkennen konnte. In der Ferne halb links der Horizont unruhig. ›Ist das Land oder Ostseewelle oder was‹, dachte sie. Alles machte einen friedlichen Eindruck. Richtung Pepelow übten einige Surfer und Kiter. Am Ufer Familien mit Kindern, die offenbar zu den wenigen Autos gehörten, die sich noch auf dem Parkplatz befanden, vielleicht auch zu den zwei Wohnmobilen. Sie ging zurück zum Auto von Torsten Tengler und wies ihre Kollegen an, die Personen im näheren Umfeld festzustellen und zu dem Skoda Octavia zu befragen. Gernot Stahl hatte inzwischen die Fahrertür geöffnet. Das Wageninnere blieb unauffällig. Im Kofferraum fand sich unter der Abdeckung eine Kunststoffkiste mit Ersatzgurten, einem kleinen Pfadfinderkompass, einer gefalteten Not-Toilette für Kajakfahrer und ein paar dünnen Arbeitshandschuhen.
»Gernot, hast du die Karte dabei? Was ist das da drüben für eine Unruhe am Horizont, links neben Halbinsel Wustrow?«
Gernot Stahl klappte sein Smartphone aus und ließ sich die Gegend anzeigen. »Wir sind hier an der Markierung. Das da drüben müsste dieser lange schmale Sandhaken sein, der von der Halbinsel ausgeht. Der verläuft fast genau in Nord-Süd-Richtung und hat am Ende so ein kleines Schwänzchen, hier als Kieler Ort bezeichnet. Zwischen dem Sandhaken und der kompakten Halbinsel liegt eine Bucht. Die Kroy. Sie hat Anschluss an das Salzhaff.«
»Schön ermittelt, Gernot. Gut, einer von euch wird das Auto kurzschließen oder sonstwie starten und zur DEKRA nach Rostock bringen. Die sollen aber noch nichts damit machen.« Sie wandte sich wieder dem weiten Blick über das Haff zu. Es blieb stumm und verriet nichts über Torsten Tengler.
Am späten Nachmittag rief Kommissarin Semlock Staatsanwältin Franziska Kernbach an, um über die bisherigen Ermittlungen zu berichten.
»Es wird Zeit, dass Sie sich melden. Ich habe Ihren Anruf früher erwartet und nicht erst, wenn ich schon im Mantel stehe.«
»Nun mal langsam, wir sind eben erst aus Boiensdorf zurück. Dort steht der Pkw von Kommissar Tengler auf einem Parkplatz am Haff. Bisher keine Hinweise, was mit ihm sein könnte. Sicher scheint nur, dass er mit dem Kajak rausgefahren ist. Wir brauchen den Heli und die Wasserschutzpolizei, um die Gegend abzusuchen, die Tengler im Rahmen einer Tagestour erreichen konnte.«
»Ok, da gehe ich mit. Veranlassen Sie das. Vergessen Sie in Ihrem Eifer bei der Tengler-Suche nicht die anderen beiden Fälle! Gibt es da schon etwas Neues?«
»Nein, noch nicht«, antwortete Kerstin Semlock. »Wir prüfen in jedem Fall eventuelle Zusammenhänge. Vordergründig tut sich da nichts auf, aber manchmal gibt es ja auch Hintergründe.«
»Sie sind ja heute so tiefgründig, Frau Semlock!«
»Nur heute?« Kerstin Semlock wusste, dass es wieder zu einem Wortscharmützel kommen könnte.
»Ich würde Ihre Neigung, mal vordergründig, mal hintergründig oder mal tiefgründig zu sein, besser nachvollziehen können«, legte die Staatsanwältin vor.
»Da müssten wir uns besser kennenlernen«, entgegnete Kerstin Semlock.
»Ich glaube, wir versteigen uns jetzt, Frau Kommissar.«
»Glaube ich auch. Dann mal einen schönen Tag noch. Melde mich morgen wieder.«
Kapitel 9
Hello again
Am gleichen Dienstagnachmittag machte sich Dr. Brandenburg auf, um die mit seiner Frau besprochenen Einkäufe zu erledigen. Gegen 18:00 Uhr bog er mit seinem Auto von Rostock kommend kurz vor Sievershagen zum Ostseepark ab. Er verließ den kleinen Kreisverkehr nach links, um möglichst dicht vor dem Eingang zu parken. Auf dem Einkaufszettel stand unter Butter, Wurst und Käse ein Speicherstick, den er sich kaufen wollte. Auf dem sollten Vorlesungen und öffentliche Vorträge als Sicherheitskopie Platz finden. Er stieg aus dem Auto. Das rechte Knie knackte wie immer, blieb jedoch schmerzlos, sodass er dieses kleine Signal nur als freundlichen Hinweis betrachtete. Dann schlenderte er zur Drehtür, folgte dem viel zu langsamen Lauf dieser Konstruktion, bis sie ihn in das Gebäude ließ. Auf dem breiten Flur angekommen, ging er sofort nach links in den Elektromarkt. Die übliche Geräuschkulisse. Die Regale waren mal wieder umgestellt worden, sodass er Mühe hatte, sich zu orientieren. ›Hier müsste es sein.‹ Er wollte einen Mann in blauer, verwaschener Jeanskleidung umgehen, als dieser sich ihm in den Weg stellte.
»Entschuldigung, dürfte ich mal bitte …«, fragte Dr. Brandenburg mit einer üblichen Floskel.
»Herr Doktor, warum so eilig?«
Dr. Brandenburg schaute ihn überrascht und fragend an. »Bitte? Kennen wir uns?«
»Wir haben schon einige Zeit miteinander verbracht«, entgegnete die Person.
Dr. Brandenburg wich verwundert zurück. Ein großer, schlanker, kräftiger Mann. Kurzes, gepflegtes Haar, feste Gesichtszüge.
Ein kleines Mädchen rief ihm zu »Papa komm jetzt!«
»Ich stehe auf dem Schlauch, wie man so sagt. Helfen Sie mir mal. Ich weiß nicht, wo ich Sie hinstecken soll.« Der Mann genoss die Unsicherheit von Dr. Brandenburg.
»Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich sage, dass ich mir gerade eine Spiegelreflexkamera aussuche?«
»Oh«, rief Dr. Brandenburg als Ausdruck wirklicher Überraschung. »Amtsgericht Rostock vor ein paar Tagen.«
Sein Gegenüber grinste zu breit, um es noch sympathisch zu finden.
»Ich war dort wohl etwas zu heftig in meiner Reaktion«, versuchte Dr. Brandenburg abzumildern.
»Nein, nein. Eigentlich ganz entsprechend meiner Erwartung.«
»Ich verstehe nicht. Ich sage Ihnen auf den Kopf zu, dass Sie kein Journalist sind, das auch noch ziemlich barsch, entferne mich nahezu grußlos, eher mit einer Gestik der Verachtung und Sie haben das erwartet?«
»Sicher. Ich weiß selbst, dass ich kein Journalist bin und natürlich werde ich mir nicht eine teure Spiegelreflex kaufen, nur weil unser Zusammentreffen mit Ihrer Empfehlung dazu so endete.«
Die komplizierte, aber wohl gesetzte Wortwahl ließ Dr. Brandenburg aufhorchen.
»Dann frage ich Sie jetzt direkt, wer Sie sind«, gab er mit wieder gewonnener Sicherheit zurück.
»Dann überlegen Sie mal. Es ist ein paar Jahre her und das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.«
Mit diesen fast wie eine Drohung wirkenden und beinahe scharf gesprochenen Worten folgte der Mann dem ungeduldigen Zerren seiner kleinen Tochter, drehte sich weg, hob die Hand wie zum Gruß und ging, ohne dabei zurückzusehen, als wolle er die Szene neulich im Amtsgericht spiegeln.
BRB blieb verblüfft und irritiert zurück.
Seine Gedanken kreisten. Er sah sein inneres Eventregister durch. Die ihn umgebenden Kunden, ihr Kommen und Gehen, ihr Suchen nach einem Mitarbeiter des Marktes, ihr Fragen und Erzählen nahm er nicht mehr war.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Er reagierte nicht gleich.
»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«
»Ach, Entschuldigung, ich war in Gedanken. Ich suche einen Speicherstick.«
»Sie stehen davor.«
»Ja, manchmal sieht man den Wald …«
»… vor lauter Bäumen nicht«, ergänzte der Mitarbeiter.
»Sie sagen es … vielen Dank.«
BRB suchte sich sein Speichermedium in der gewünschten Größe. Dann glitten seine Gedanken wieder zu der Begegnung, die ihn weiter beschäftigte. Er begab sich kopfschüttelnd langsam zur Kasse, ohne aus dem Rätselmodus herauszukommen.
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