Read the book: «Kreative Leibtherapie»

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SEMNOS LEHRBUCH

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www.semnos.de

Udo Baer

Kreative Leibtherapie. Das Lehrbuch

Neukirchen-Vluyn:

Semnos Verlag 2012 / 1. Auflage

ISBN 978-3934933-37-8

© 2012 Semnos Verlag, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Elke Renz

Satz: TRITUM GmbH, Jena

Umschlaggestaltung: Christin Ursprung, Berlin

Titelfoto: jala / photocase.com

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

SEMNOS LEHRBUCH

Udo Baer

Kreative Leibtherapie Das Lehrbuch

SEMNOS


Udo Baer (Neukirchen-Vluyn – Jg. 1949)

Dr. phil., Dipl. Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut, Heilpraktiker für Psychotherapie, Mitbegründer, Geschäftsführer und Gesamt-Ausbildungsleiter der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Vorsitzender der Stiftung Würde, wissenschaftlicher Leiter des Institut für Gerontopsychiatrie (IGP) und des Kompetenzzentrums für Kinder und Jugendliche (KKJ), Autor.

Inhalt

1 Einführung − und was man vor dem Lesen wissen sollte

2 Leiblichkeit – Menschenbild und Therapie

2.1 Der Leib

2.1.1 Annäherung und Begriff

2.1.2 Die Spaltung und ihre Aufhebung: Leib und „Geist”

2.1.3 Die Spaltung und ihre Aufhebung: Leib und „Körper”

2.1.4 Die Spaltung und ihre Aufhebung: Leib und „Umwelt”

2.1.5 Das Menschenbild der humanistischen Psychologie und das einfache Leibmodell der Kreativen Leibtherapie

2.2 Die Leibqualitäten

2.2.1 Meinhaftigkeit

2.2.2 Subjektivität

2.2.3 Räumlichkeit

2.2.4 Zeitlichkeit

2.2.5 Pulsieren

2.2.6 Zentralität

2.2.7 Intentionalität

2.2.8 Wirksamkeit

2.2.9 Zwischenleiblichkeit und Resonanz

2.2.10 Ähnlichkeit

2.3 Musterbildung und Leiblichkeit

2.4 Das Leibgedächtnis

2.5 Das ungelebte Leben

2.6 Person: Leiblichkeit und Exzentrizität

2.7 Person: Lebenswelt und Selbstbewusstsein

2.8 Die Dialektik der Leiblichkeit

2.9 Das Wunder des Ausdrucks – Leibtherapie ist Kreative Therapie

3 Muster

3.1 Muster und ihr Sinn

3.1.1 Begriffsklärung: Muster

3.1.2 Musterqualitäten

3.2 Muster und Diagnostik

3.2.1 Die phänomenologische Methode

3.2.2 Die phänomenologische Untersuchungsmethode

3.2.3 Leiborientierte Diagnostik

3.3 Musterbildung

3.3.1 Leiborientierte Entwicklungspsychologie

3.3.2 Leiblichkeit und kindliche Entwicklung

3.3.3 Die sieben Lebensherausforderungen

4 Komplexe Theoriemodule: the Big Ten

4.1 Die Zimmer der Big Ten und ihre Zugänge

4.2 Erregungskonturen

4.2.1 Ein Modell des Erlebens

4.2.2 Diagnostik

4.2.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.3 Pulsierende Räumlichkeit und Verraumen

4.3.1 Ein Modell des Erlebens

4.3.2 Diagnostik

4.3.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.4 Bedeutungsräume

4.4.1 Ein Modell des Erlebens

4.4.2 Diagnostik

4.4.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.5 Affektive Regungen

4.5.1 Modelle des Erlebens

4.5.2 Diagnostik

4.5.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.6 Richtungs-Leibbewegungen

4.6.1 Modelle des Erlebens

4.6.2 Diagnostik

4.6.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.7 Konstitutive Leibbewegungen

4.7.1 Ein Modell des Erlebens

4.7.2 Diagnostik

4.7.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.8 Primäre Leibbewegungen

4.8.1 Ein Modell des Erlebens

4.8.2 Diagnostik

4.8.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.9 Tridentität

4.9.1 Ein Modell des Erlebens

4.9.2 Diagnostik

4.9.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.10 Körpererleben: Leibinseln, Körperbild, Körperschema

4.10.1 Ein Modell des Erlebens

4.10.2 Diagnostik

4.10.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

4.11 Resonanzen

4.11.1 Ein Modell des Erlebens

4.11.2 Diagnostik

4.11.3 Therapeutik – Wege der Veränderung

5 Exemplarische Pathologie

5.1 Affektive Störungen, Depression

5.2 Schizophrenie

5.3 Persönlichkeitsstörungen

5.4 Suchterkrankungen

5.5 Angst-/Zwangsstörungen

5.6 Traumafolgen

5.7 Die vier Monster, die drei Leeren und die olympischen Ringe

6 Einige besondere Aspekte leibtherapeutischer Prozesse

6.1 Die Ich-Du-Perspektive und die therapeutische Beziehung

6.2 Spiel, Experiment, Coping

6.3 Perspektiv- und Haltungswechsel und Verwandlungsprozesse

6.4 Zwischenleiblichkeit und leibliche Berührung

6.5 Integration, Verstehen und Verständnis

6.6 Macht und Klient/innen-Kompetenz

6.7 Übertragung, Szene, Gegenübertragung

6.8 Modi und Interaktionen

6.8.1 Therapeutisches Handwerkszeug: Sharing, Feedback, Fragen

6.8.2 Therapeutische Interaktion nach dem Tridentitätsmodell

6.8.3 Die drei Modi der therapeutischen Begegnung

6.9 Anti-Ideologie: Ideale, Haltungen und Werte

7 Weitere Quellen

7.1 Neurobiologie

7.1.1 Neurobiologie und Körperbild

7.1.2 Neurobiologie und Erregungskonturen

7.1.3 Neurobiologie, Spiegelneuronen und Resonanz

7.1.4 Neurobiologie und Verraumen

7.1.5 Neurobiologie und Menschenbild

7.1.6 Neurobiologie und Veränderung

7.2 Was den Künsten innewohnt

8 Kreative Leibtherapie als Verfahren tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie

9 Würde und würdigen: Kreative Leibtherapie und Gesellschaft

Literaturverzeichnis

Stichwort- und Personenverzeichnis

1 Einführung −
und was man vor dem Lesen wissen sollte

Dieses Lehrbuch erscheint zum 25. Jahrestag der Gründung der Zukunftswerkstatt therapie kreativ bzw. ihrer Vorläuferin, der „Zukunftswerkstatt Tanz e.V.” im Jahr 1987. Zwei Jahre zuvor hatten sich meine Frau Gabriele Frick-Baer und ich sowie einige Kolleg/innen aus dem sozialpädagogischen Bereich zusammengetan, um die Zukunftswerkstatt e.V. zu gründen. Wir alle arbeiteten damals in sozialen Berufen, überwiegend bei Wohlfahrtsverbänden, und waren es irgendwann überdrüssig, uns selbst und andere immer wieder sagen zu hören: „Man müsste mal …” Um dieses „Man müsste mal …” nicht immer wieder in die ferne Zukunft zu verschieben, sondern die Gestaltung der Zukunft in der Gegenwart anzupacken, gründeten wir die Zukunftswerkstatt e.V. Wir waren neben unseren sozialen Berufstätigkeiten alle kreativ tätig, im tänzerischen und musikalischen Bereich, im Theater, in der künstlerischen Gestaltung, und machten dabei zahlreiche und intensive Erfahrungen, wie der künstlerische Prozess das Erleben und Verhalten verändern kann. Wir wollten dies für unsere sozialen Projekte nutzbar machen und mit unseren sonstigen Aktivitäten verbinden.

Von Therapie war in diesem Zusammenhang noch kaum die Rede, auch wenn meine Frau und ich uns damals in therapeutischen Ausbildungen befanden bzw. diese absolviert und therapeutische Erfahrungen gesammelt hatten. Viel gesprochen wurde aber schon von Werten wie Aufrichten, Beziehung und Würde.

Mit der Zukunftswerkstatt e.V. gründeten wir zahlreiche Projekte: ein Gesundheits- und Bewegungszentrum im Duisburger Norden, in dem wir mit schwer sozial benachteiligten Menschen gesundheitsfördernde Angebote durchführten (z. B. „Herzbegleitung” für Menschen nach einem Herzinfarkt, „Rund um die gestresste Wirbelsäule” für Menschen mit Rückenbeschwerden, „Anti-Kopfschmerz-Gruppen”). Wir gründeten eine mobile Orientierungsschule für altersverwirrte Menschen, in der wir Konzepte erarbeiteten und erprobten, Elemente des Tanzes und der Musik in die Arbeit mit Demenzkranken zu bringen. (unter dem Motto „Ich bewege mich – ich lasse mich bewegen”). Wir verknüpften Berufsfortbildungen für türkische junge Frauen mit tänzerischen Angeboten, die im geschützten Rahmen das Selbstbewusstsein stärken halfen). Weil die Erfahrungen dafür sprachen, wurden wir immer mutiger darin, therapeutische Elemente in unsere sozialpädagogische Arbeit zu integrieren, zum Beispiel mit schwer psychisch erkrankten Menschen. Dabei merkten meine Frau und ich, dass vieles von dem, was wir sowohl im Studium als auch in den therapeutischen Aus- und Fortbildungen gelernt hatten, nicht ausreichend „passte” und wir neue Methoden entwickeln mussten. Wir brauchten schließlich auch mehr Kolleginnen und Kollegen, die diese und viele andere Projekte durchführen konnten, und schufen dafür eine einjährige Vollzeitfortbildung, die vom damaligen Arbeitsamt finanziert wurde: die Tanz-Sozialtherapie. Dafür wurde schließlich die Zukunftswerkstatt Tanz e.V. gegründet. Die Ausweitung von deren Aktivitäten auf andere künstlerische Schwerpunkte fand schließlich in der Namensänderung zu „Zukunftswerkstatt Tanz Musik Gestaltung” ihren Ausdruck, bis sie letztendlich mit ihrer zunehmenden Ausrichtung zum Ausbildungsinstitut für leiborientierte Therapie in die „Zukunftswerkstatt therapie kreativ” umbenannt wurde.

Wir verschwendeten in diesen Anfangsjahren keinen Gedanken daran, neue therapeutische Modelle oder gar Verfahren schaffen zu wollen. Das wurde im Laufe der Zeit anders, weil wir unsere Erfahrungen und damit die Notwendigkeiten der Anpassung der Theorie an unsere Praxis nicht ignorieren konnten. In den Anfangsjahren verstanden sich meine Frau und ich als kreative Gestalttherapeut/innen, fußend auf unsere von uns geschätzten Ausbildungen beim Fritz-Perls-Institut, die durch zahlreiche andere Inputs fachlich ergänzt wurden, die wir uns zielgerichtet suchten. Basierend auf den Wurzeln einer humanistischen Psychotherapie bestand der Schwerpunkt unseres Interesses darin, Elemente all dieser therapeutischen und kreativen Kompetenzen für das soziale, pädagogische und Gesundheitsfeld nutzbar zu machen. Wir wussten, dass die Möglichkeiten des Tanzes, des Musizierens und der künstlerischen Gestaltung dazu einladen, Erfahrungen leiblicher Veränderungen zu machen. Wer einmal in einer Theatergruppe intensiv erlebt hat, wie es ist, aufrecht und würdevoll durch die Welt zu schreiten, wird sich nicht mehr mit der geduckten Haltung begnügen. Wir erlebten, dass Menschen mit Demenz, die mit Worten nicht oder kaum noch ansprechbar waren, über kreative Dialoge Fähigkeiten zeigten, die niemand mehr vermutet hätte. Doch all solche Erfahrungen und Veränderungsprozesse zu begleiten, bedurfte therapeutischer Kompetenzen, die über die künstlerischen Fähigkeiten hinausgingen. Wir nannten diese Kompetenzen, die wir entwickelten und vermittelten, damals Kreative Sozialtherapie und initiierten dafür auch die Gründung eines Verbandes gemeinsam mit anderen Ausbildungsinstituten, die in den 90er-Jahren Therapie für die Arbeit im sozialen Feld nutzbar machen wollten.

Die Erweiterung unserer Praxis im Gesundheitsbereich sowie im Bildungsund Sozialwesen konfrontierte uns in der Folgezeit mit zwei Schwierigkeiten. Die erste bestand darin, dass wir oft mit dem uns zur Verfügung stehenden methodischen Repertoire nicht zufrieden waren und neue Wege beschreiten mussten. Wir gaben uns auch nicht damit zufrieden, wie es damals üblich war, kreative Methoden vor allem als Warm-Ups zu benutzen, um dann die „eigentliche” therapeutische Arbeit mit den klassischen Methoden der Gestalttherapie oder anderer Verfahren durchzuführen. Wir waren uns sicher und die Erfahrungen bestätigten uns, dass in den künstlerischen Prozessen viel mehr therapeutisches Potential vorhanden war, als damals genutzt wurde, und versuchten, dieses zu entwickeln. Die zweite Schwierigkeit bestand darin, dass im zunehmenden Maße die theoretischen Modelle mit den Erfahrungen, die wir machten, nicht mehr übereinstimmten. Viele Worte passten nicht und wir suchten neue Begriffe. Viele Erklärungszusammenhänge und handlungsleitende theoretische Modelle erwiesen sich bezogen auf unsere Erfahrungen als unzureichend. Dies umso mehr, als unsere Aktivitäten sich damals verstärkt auf das Feld der Psychotherapie erweiterten und nun auch Angebote im klinischen Kontext stattfanden.

So fand dieser Entwicklungsprozess um das Jahr 2000 herum seinen Ausdruck darin, dass wir unseren Ansatz als „Kreative Leibtherapie” bezeichneten. Die Bezeichnung „kreative Gestalttherapie” passte nicht mehr, wir hatten uns aus der Gestalttherapie heraus entwickelt. Parallel dazu hatte sich das theoretische Konzept des Fritz-Perls-Instituts zur Integrativen Therapie entwickelt und das FPI sich in seinem Selbstverständnis aus der humanistischen Psychologie verabschiedet – ein Weg, den meine Frau, ich und unsere engsten Kolleg/innen nicht mitgehen wollten. Wir publizierten Praxisberichte und theoretische Beiträge auch unserer Kolleg/innen und Fortbildungsteilnehmer/innen 15 Jahre lang in unserer Zeitschrift (erst „Sozialtherapie”, später „therapie kreativ”) und gaben Sammelbände wichtiger Artikel heraus. 1999 erschien schließlich mein erstes Fachbuch („Gefühlssterne, Angstfresser, Verwandlungsbilder ...”), das nicht nur ein Sammelband war, sondern unseren damaligen theoretischen Stand beschrieb und vor allem die von mir entwickelten kunst- und gestaltungstherapeutischen Methoden vorstellte. In die späteren Auflagen (und die folgenden Fachbücher) flossen die nach der Erstausgabe entwickelten leibtherapeutischen Modelle ein.

Ich war vorher schon intensiv auf der Suche nach einer für uns und in sich stimmigen Theorie gewesen und fand 2000 mit dem damals erschienen Buch „Leib-Raum-Person” von Thomas Fuchs einen uns überzeugenden philosophischen Boden. Hier und im Gefolge dessen in zahlreichen anderen Werken der Leibphänomenologie, die wir teilweise über die Auseinandersetzung mit dem Leibbegriff Hilarion Petzolds kannten, aber jetzt noch einmal in dem neuen Kontext studieren konnten, fanden meine Frau und ich Ansätze und Begrifflichkeiten, um unsere praktischen Erfahrungen in Worte zu fassen. Diese leidenschaftliche Auseinandersetzung war ein Ringen um Worte, die den inneren Zusammenhang dessen, was wir praktisch-therapeutisch taten, ausdrückten. Wir merkten, dass mit jeder „gelingenden” Begrifflichkeit auch unsere Praxis besser wurde und wir uns Klient/innen wie auch Teilnehmer/innen unserer Fortbildungen verständlicher machen konnten. Parallel beschäftigte ich mich mit der modernen Neurobiologie, der Säuglingsforschung und der sonstigen Entwicklungspsychologie und arbeitete die Erkenntnisse heraus, die für die therapeutische Praxis und Theoriebildung relevant und nützlich waren und sind. Gleichzeitig setzten meine Frau und ich unsere eigenen Untersuchungen zu den Erlebensprozessen künstlerischer Aktivitäten fort, um das Potenzial zu benennen und therapeutisch zu nutzen, das künstlerischen Prozessen innewohnt. All dies fand seinen Niederschlag in den nach 2001 erschienenen Lehr- und Studienbüchern, wobei sich unser Ansatz der „Kreativen Leibtherapie” immer mehr herausschälte.

Im Jahr 2011 entstanden der Wunsch und die Aufforderung, die Modelle und theoretischen Grundlagen der Kreativen Leibtherapie zusammenzufassen und als Lehrbuch zu veröffentlichen, das nun, 2012, erscheint.

Zu Inhalt, Struktur und Gestaltung dieses Lehrbuches ist einiges voranzuschicken:

 Da es sich um ein Lehrbuch handelt, das vor allem die theoretischen Grundlagen und Essenzen Kreativer Leibtherapie zur Verfügung stellen soll, sind viele Inhalte knapp dargestellt. Es gibt weniger Praxisbeispiele und methodische Darstellungen als in den bisherigen Veröffentlichungen. Diesbezüglich möchte ich auf unsere anderen Publikationen verweisen.

 Ich beginne im Aufbau des Buches mit dem Herzstück, meinem Leibverständnis und dessen Konsequenzen für die Therapie. Üblicherweise entwickeln sich Lehrbücher über Darlegungen zur Wissenschaftstheorie von der Vorgeschichte zu den therapeutischen Quellen allmählich hin zu den Kerninhalten. Wer diesen Weg der Annäherung vorzieht, möge bitte die Lektüre mit Kapitel 7 und 8 beginnen. Ich schlage vor, sich gleich in das Zentrum des Denkens und Geschehens zu begeben, und habe deswegen die Gliederung gewählt, mit dem Kapitel über „Leiblichkeit – Menschenbild und Therapie” zu beginnen, das die weitreichendste Relevanz für die Entwicklung der Kreativen Leibtherapie hat. Beide Wege sind möglich.

 Therapie dient der Veränderung von Mustern, unter denen Menschen leiden. Im Kapitel 3 finden Sie unser Verständnis von Musterbildung und Musterveränderung und dabei auch unsere leiborientierten Entwicklungsmodelle, die der Theorie und Praxis Kreativer Leibtherapie zugrunde liegen.

 Üblicherweise gibt es in therapeutischen Lehrbüchern getrennte Kapitel über die theoretischen Modelle des Menschen, dann über die Diagnostik, dann über die Therapie. Eine Besonderheit Kreativer Leibtherapie besteht darin, dass in unseren therapeutischen Modellen diese verschiedenen Aspekte miteinander verknüpft sind: Sie sind gleichzeitig Landkarten für Erlebensprozesse, diagnostische Zugänge und therapeutische Pfade. Ich habe deswegen das Bild eines Hauses gewählt, das aus zehn Räumen besteht. In jedem dieser Räume ist ein zentrales Modell der Kreativen Leibtherapie enthalten, und Sie können sich den Räumen dieses Hauses über verschiedene Türen und damit Zugängen nähern, über den theoretischen, den diagnostischen und den therapeutischen. Deswegen folgt auf die Beschäftigung mit der Leiblichkeit und damit den Verbindungen von Menschenbild und Therapie das Kapitel der „Komplexen Theorie-Module: The Big Ten”, das die zehn wesentlichen Modelle der Kreativen Leibtherapie darstellt und dabei gleichzeitig deren theoretischen Hintergrund, den diagnostischen Nutzen und die Bedeutung in der Therapie erläutert.

 In Kapitel 5 gehe ich auf einige häufige Pathologien von der Depression bis zu den Traumafolgen ein und beschreibe ein leibphänomenologisches Verständnis und daraus abgeleitete spezifische Wege therapeutischer Begleitung. Diese beziehen jeweils mehrere der Big-Ten-Modelle ein.

 Ich werde mich dann in Kapitel 6 mit Wegen der therapeutischen Veränderung und Elementen des therapeutischen Prozesses beschäftigen, um dabei spezifische, kreative leibtherapeutische Erfahrungen, Vorstellungen und Konzepte darzustellen. Dies ist notwendigerweise unvollständig, weil es sonst den Rahmen dieses Buches sprengen würde. Ich habe diejenigen Themen ausgewählt, die wesentlich und charakteristisch für die Kreative Leibtherapie sind.

 Zum Schluss, nach dem Kapitel über Quellen Kreativer Leibtherapie, werde ich in Kapitel 8 zusammenfassend darstellen, dass und warum Kreative Leibtherapie ein Verfahren tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie ist. Im Ausblick (Kapitel 9) werde ich mich mit den uns zentralen Themen „Würde und Würdigung” auseinandersetzen.

Was fehlt in diesem Buch zugunsten einer Konzentration auf das theoretisch Wesentliche? Es fehlen Darlegungen der leiborientierten Tanztherapie, Musiktherapie und Kunsttherapie, also der Kreativen Leibtherapie mit unterschiedlichen medialen Schwerpunkten. Dazu sind jeweils leiborientierte Fachbücher erschienen: „Klingen, um in sich zu wohnen” (Musiktherapie), „Gefühlssterne, Angstfresser, Verwandlungsbilder” (Kunsttherapie), „Leibbewegungen, Herzkreise und der Tanz der Würde” (Tanztherapie). Fachbücher zur Poesie- und Theatertherapie sowie zur leiborientierten kreativen Supervision werden folgen. Es fehlt ferner eine zusammenfassende Darstellung der Psychopathologie. Veröffentlichungen über spezifische Pathologien und spezifische Therapien für Themen- und Klient/innengruppen sind zum Teil vorhanden (Demenz: „Innenwelten der Demenz”, Kriegstraumata: „Wo geht’s denn hier nach Königsberg?”, Kinder suchtkranker Eltern: „Hören, was niemand sieht”, ADS/ADHS: „Jetzt reden wir” , Essstörungen: „Das große Verschwinden und die Ge-Wichtigkeit”, Traumatherapie: „Aufrichten in Würde” und transgenerative Traumaweitergabe: „Wie Traumata in die nächste Generation wirken” − die Autor/innen entnehmen Sie bitte der Literaturliste). Weitere werden folgen. Mehrere Forschungsprojekte und Studien sind gegenwärtig in Arbeit.

Ebenfalls fehlt noch eine zusammenfassende Darstellung der leiborientierten kreativen Therapie mit Kindern und Jugendlichen in Theorie und Praxis. Sie ist uns ein besonderes Anliegen und deshalb in Vorbereitung.

Weder vorstellen noch erarbeiten werde ich ein besonderes Indikationssystem für Kreative Leibtherapie oder für besondere Teilverfahren (z. B. als Manuale) für bestimmten Patient/innen-Gruppen. Der phänomenologische Weg besteht immer darin, die Besonderheiten konkreter Probleme zu studieren, ihren Spuren im Erleben der Menschen zu folgen und adäquate Modelle und Methoden zu entwickeln. Diese müssen immer auf die einzelnen Klient/innen angewandt werden. Welche Methode bei welchen Menschen eingesetzt werden sollte, hängt immer von einer Vielzahl von Faktoren ab, wie z. B. der konkreten Lebenssituation und Erlebensbefindlichkeit einer Klientin oder eines Klienten oder – sehr wichtig – der Qualität der therapeutischen Beziehung. Deswegen können wir durchaus Hinweise geben, für welche Menschen welche Teilbereiche Kreativer Leibtherapie in besonderer Weise geeignet zu sein scheinen, werden aber keine festen Zuordnungen im Sinne von Indikationen vorgeben. Stattdessen folgen wir einem Konzept der prozessualen Diagnostik, für das ich in diesem Buch eine Vielzahl diagnostischer Zugänge zur Verfügung stelle. Schon jede Beschreibung einer Qualität der Leiblichkeit (s. Kap. 2.2) gibt Hinweise auf deren Einschränkungen, Fehlen, Störungen und sonstige Beeinträchtigungen bei Klient/innen. Diagnostik heißt im Kern „Einsicht”. Diagnostische Zugänge im Sinne der Kreativen Leibtherapie verhelfen zu Einsichten, lineare Indikationssysteme wie „dieses Symptom = diese Störung mit dieser Ursache” verengen und versperren dagegen den Blick. Doch dazu später mehr.

In der Praxis der Kreativen Leibtherapie nennen wir Therapeut/innen die Menschen, die wir begleiten, manchmal Klient/innen, manchmal Patient/innen, je nach klinischem oder psychosozialem Kontext. Der Einfachheit halber verwende ich hier durchgehend die Bezeichnung Klient/innen. Bitte denken Sie die andere Bezeichnung, die Sie bevorzugen, jeweils mit.

Ein Wort zum Schluss des Anfangs: Die Tatsache, dass ich mich hier an einer zusammenfassende Darstellung des gegenwärtigen Entwicklungsstandes Kreativer Leibtherapie versuche, ist kein Schritt zur Kanonisierung, zu einer Festschreibung ihrer Inhalte und Methoden. Kreative Leibtherapie, die diesen Namen verdient, atmet den Geist phänomenologischer Forschung, ist aus ihr entstanden und wird durch sie weiterentwickelt. Kreative Leibtherapie ist ein offenes System, offen in zweierlei Hinsicht: offen für neue Erfahrungen und Modelle sowie offen für Anregungen und Inspiration durch andere Methoden, Modelle und Verfahren, die das Erleben der Menschen würdigen, die Aufrichtung des Menschen, seine Würde achten und fördern und gegen Würdelosigkeit und Erniedrigung in menschlichen Begegnungen theoretisch und praktisch Stellung beziehen. Was wir in einer früheren Veröffentlichung schon formuliert haben, gilt auch hier: Unsere Abgrenzung gilt nicht anderen Verfahren, sondern Verletzungen der Würde.

2 Leiblichkeit – Menschenbild und Therapie

Jeder Therapeut, jede Therapeutin arbeitet auf der Grundlage eines Menschenbildes. Es mag bewusst oder unbewusst sein, in jedem Fall ist es wirksam. Jedem therapeutischen Verfahren liegt ein bestimmtes Menschenbild zugrunde, und es ist notwendig, dieses Menschenbild explizit zu formulieren. Nur dann kann es sich der kritischen Auseinandersetzung stellen, und nur dann können sich Therapeutinnen und Therapeuten in ihrer Arbeit an diesem Menschenbild orientieren.

Das Bild vom Menschen ist Teil des Weltbildes. Wie Therapeut/innen die Welt sehen und welche Haltung sie ihr gegenüber einnehmen, bestimmt auch die Haltung gegenüber den Klient/innen und gegenüber sich selbst. Das Verständnis der Welt ist grundlegend eine Angelegenheit der Philosophie, das Menschenbild ist Inhalt eines Teilbereichs der Philosophie, der Anthropologie. In diesem Buch werde ich deshalb deutlich auf philosophische Fragen Bezug nehmen und die dieser Veröffentlichung zugrunde liegenden Haltungen öffentlich machen.

Wie später ausgeführt werden wird, ist ein der Kreativen Leibtherapie zugrunde liegender Aspekt des Menschenbildes die Würdigung seiner Individualität und Subjektivität. Viktor von Weizsäcker forderte die „Wiedereinführung des Subjekts” in die Wissenschaft. Der Platz des Subjekts darf aber nicht, wie oft geschehen, nur darin bestehen, dass ü b e r Subjekte und Subjektivität anderer Menschen geschrieben wird und ansonsten so getan wird, als sei es der Wissenschaftlichkeit geschuldet, die Subjektivität der Autor/innen und anderer Beteiligter auszuklammern.

Ich werde meine Beteiligung als Subjekt deutlich machen und nicht verschweigen. Dies geschah bereits in der Einleitung, und dies zeigt sich daran, dass ich „ich” schreiben werden, wenn ich „ich” meine – auch wenn dies nicht dem akademischen Brauch entspricht. Wenn ich die Bezeichnung „wir” benutze, meine ich meine Frau Gabriele Frick-Baer und mich. Wir haben gemeinsam viele Modelle Kreativer Leibtherapie entwickelt, wobei ich mehr für die Strukturierung und Systematisierung und sie mehr (d.h. nicht ausschließlich!) für die Konkretisierung und praxis-bezogene Weiterentwicklung tätig war. Wenn ich die zahlreichen Kolleginnen und Kollegen sowie engagierten Teilnehmer/innen unserer Fortbildungen meine, formuliere ich „meine Kolleg/innen und ich” oder z. B. „wir Kreativen Leibtherapeut/innen”.

Und noch eine subjektive Anmerkung: Ich habe mich immer geärgert, wenn mir theoretische Zusammenhänge komplizierter als nötig vorgestellt wurden. Ich ärgere mich immer noch über Bücher bzw. eine Fachsprache, deren Unverständlichkeit eher dem Ego der Autor/innen als dem Gegenstand geschuldet sind. Als Therapeut und Dozent bin ich bemüht und mittlerweile gewohnt, Theorie so vorzustellen, dass in der Sprache die Einheit von Theorie und Praxis deutlich wird und komplexe Zusammenhänge möglichst einfach dargestellt werden. Das gelingt nicht immer, da wir auf philosophische und andere Fachsprachen Bezug nehmen müssen. Doch Verständlichkeit, Transparenz und Einfachheit sind für mich kein Ausdruck von Theorieferne, sondern Ergebnis des Wertes, die Leser/innen ernst zu nehmen. Insofern spiegelt sich darin auch das Menschenbild, auf dem Kreative Leibtherapie fußt. Meine Fachbegriffe, wie sie sich vor allem in Kapitel 4 wiederfinden, verstehen sich wie die philosophischen Fachbegriffe nicht „von selbst”, sondern bedürfen der Erklärung und Definition. Aber auch sie spiegeln meine und unsere Absicht, dass sie sich dem Verständnis erschließen und als sinnvoll verstanden werden können.

Welches Bild vom Menschen einer therapeutischen Theorie und Praxis zugrunde liegt, ist wesentlich für die therapeutische Haltung und Methodik. Wir sind der sicheren Überzeugung, dass alle therapeutischen Verfahren und Strömungen relevante Beiträge zur Entwicklung der Psychotherapie geleistet haben, und bemühen uns, deren kompatible Aspekte in die Kreative Leibtherapie einzubeziehen. Gravierende Unterschiede beruhen unseres Erachtens vor allem auf unterschiedlichen und vor allem einseitigen Bildern vom Menschen und dem sich daraus ergebenden Verständnis von dessen Leiden und den Wegen der Veränderung. Wenn Syndrome oder Erkrankungen wie Posttraumatische Belastungsstörungen, Depression oder Panikattacken wie in der traditionellen Verhaltenstherapie vor allem auf falsches oder unvollständiges Lernen der betroffenen Klient/innen zurückgeführt werden, dann beruht dies auf dem Menschenbild, das die Entwicklung des Menschen in erster Linie als einen Lernprozess begreift, in dem durch Umlernen Veränderungen hervorgerufen werden können. Therapie wird unseres Erachtens so auf Pädagogik reduziert und ignoriert oder relativiert die Erfahrungen des Beziehungserlebens in Biografie und Therapie. Oder wenn in klassischen, fundamentalistisch formulierten, systemischen Positionen der Mensch als eine „Blackbox” verstanden wird, dessen Gefühle und andere Empfindungen nicht messbar und daher irrelevant sind, weil nur systemische Zusammenhänge Symptome hervorrufen und nur über systemische Veränderungen Symptome verändert werden können, dann liegt auch hier ein Menschenbild dem therapeutischen Verfahren zugrunde, das dem individuellen Erleben und seiner biografischen Entwicklung keinen Raum gibt. Oder wenn in Veröffentlichungen über die Traumafolgen und deren Therapie das Leiden der traumatisierten Menschen ohne jede Verbindung zu Gesellschaft und sozialem Umfeld beschrieben wird, als wäre es nur von innen heraus entstanden und nur oder vor allem Ausdruck der persönlichen Verfasstheit, dann wird darin ein Menschenbild impliziert, das den Menschen ausschließlich individualisiert und nicht als soziales Wesen sieht.

Oft lassen sich solche, manchmal rigide formulierten Menschenbilder mit all ihren Konsequenzen in der Praxis selbst von ihren Vertreter/innen nicht halten, so dass die Abgrenzungen zwischen den Menschenbildern und damit auch zwischen den Verfahren weicher werden, doch enthebt uns dies nicht der Pflicht und Notwendigkeit, das der Kreativen Leibtherapie zugrunde liegende Menschenbild explizit zu formulieren und jeweils die daraus folgenden Konsequenzen für die therapeutische Haltung, Theoriebildung und Methodik zu benennen.

Der Kreativen Leibtherapie liegt die Anthropologie zugrunde, wie sie in der Leibphänomenologie vor allem von Maurice Merleau-Ponty und Thomas Fuchs formuliert wurde, wobei wir wichtige Verständnismodelle der anthropologischen Medizin Viktor von Weizsäckers integriert haben. In den folgenden Kapiteln werden wir diese philosophischen Grundlagen im Hinblick auf die Relevanz für die Kreative Leibtherapie präsentieren. Natürlich machen die Fülle und die Komplexität des Themas eine Auswahl und Vereinfachung nötig. Zu bemerken ist weiterhin, dass ich zwar von der Leibphänomenologie spreche, es diese aber nicht als geschlossenes System mit klar definierten Begriffen gibt. Vielmehr ist sie eine lebendige und damit auch in sich widersprüchliche Strömung. Wer weiß, dass allein über sieben deutlich unterscheidbare Definitionen dessen, was unter „Leib” verstanden wird, zu finden sind, die sich teilweise auch noch bei den einzelnen Autoren in unterschiedlichen Texten unterscheiden, wird die Problematik erahnen. Die Ausführungen über die Leibphänomenologie sind also nicht nur Wiedergabe, sondern überall dort, wo ich nicht zitiert oder ausdrücklich auf die Literatur verwiesen habe, eigene Zusammenfassung, Auswahl, Definition und Weiterentwicklung.

2.1 Der Leib
2.1.1 Annäherung und Begriff

Das Wort „Leib” mutet altertümlich an. Manche denken an Formulierungen aus alten Bibelübersetzungen wie den „Leib Christi” oder vermuten unter dieser Bezeichnung ein altertümliches Wort für Körper. Wir benutzen das Wort „Leib” als eine Kategorie der phänomenologischen Philosophie.

Richtig an den Vermutungen ist, dass das Wort „Leib” sehr alt ist. Es stammt aus dem indogermanischen Wort „lib”, das „Leben” bzw. „lebendig” bedeutet und in diesen beiden Worten ebenfalls enthalten ist. In der Redewendung „bei leibe nicht” klingt der Sinn „um‘s Leben nicht” an.

Was ist nun gemeint mit „Leib” oder „Leiblichkeit”? Beginnen wir mit den philosophischen Definitionen.

„Wir können uns diesen Begriff auf unterschiedliche Weise annähern. Unser Ausgangspunkt ist das alltägliche, unreflektierte Erleben: Wenn wir aufstehen, uns ankleiden, essen, trinken, laufen, einer Arbeit nachgehen, anderen Menschen begegnen, mit ihnen sprechen, uns freuen oder ärgern, müde werden, schlafen. All diese Bewegungen, Wahrnehmungen, Gefühle, Begegnungen und Worte bringen uns, solange wir nicht über sie reflektieren, keine Unterscheidung von ‚Körper‘ und ‚Seele‘ zur Erfahrung. Wir vollziehen und erleben sie gleichermaßen aus unserem Zentrum heraus und nirgends zeigt sich eine räumliche oder zeitliche Trennung von ‚Geistigem‘, ‚Seelischem‘ und ‚Leiblichem‘. Im alltäglichen Leben trennen wir auch nicht zwischen uns selbst und unserem Körper, als trügen wir ihn mit uns herum, (…) sondern erfahren uns ohne weiteres als leiblich daseiend. Auch im Kranksein und Leiden, wenn Leibliches und Seelisches störend, schmerzend, peinigend in den Vordergrund tritt, bleibt es doch meine Existenz. Kein Patient sagt: ‚Mein Körper ist erschöpft‘ oder ‚krank‘, ‚meine Seele hat Angst‘, ‚meine Seele ist niedergeschlagen‘; sondern ‚ich bin erschöpft‘, ‚krank‘, ‚ich habe Angst‘, ‚ich bin niedergeschlagen‘. Mit ‚Ich‘ meint er auch nicht ein ‚Ich‘, eine absolute innerliche Instanz oder was immer Philosophen und Psychologen darunter verstehen wollen, sondern einfach sich selbst als Mensch, der leiblich da ist und existiert.” (Fuchs 2000b, S. 88)

Robert Spaemann betont in der Tradition Heideggers den Aspekt der Leiblichkeit als das Gestimmtsein, das immer schon vorhanden ist und jedes konkrete Handeln prägt:

„Was heißt ‚Erleben‘? Heidegger hat hier wohl den Weg gezeigt, wenn er als grundlegendes Phänomen des Daseins das ‚Gestimmtsein‘ bezeichnete, durch das für uns überhaupt erst eine Welt ist und wir in dieser Welt sind. Gestimmtsein ist keine Leistung, es ist überhaupt nicht ein distinktes Ereignis, sondern liegt all diesem voraus. Bewusstsein, Streben, Wollen, Wissen sind nur, was sie sind, wenn sie in ein solches Gestimmtsein eingebettet und von diesem geprägt sind.” (Spaemann 2006, S. 52)

Hermann Schmitz fokussiert den Leib auf das Spüren oder Sich-Wahrnehmen, das nicht nur dem Bewusstsein, sondern auch dem sinnlichen Spüren vorgeschaltet ist: „Jedermann macht die Erfahrung, dass er nicht nur seinen eigenen Körper mit Hilfe der Augen, Hände und dergleichen sinnlich wahrnimmt, sondern in der Gegend dieses Körpers auch unmittelbar, ohne Sinneswerkzeuge zu gebrauchen, etwas von sich spürt: z. B. den Hunger, Durst, Schmerz, Angst, Wollust, Müdigkeit, Behagen. Im Gegensatz zu anderen modernen Sprachen besitzt die deutsche zwei Worte, die es leicht machen, den gemeinten Unterschied zu benennen: ‚Körper‘ und ‚Leib‘. Das sinnlich Wahrgenommene könnte ‚körperlich‘ und das in der Gegend des eigenen Körpers als zum eigenen Wesen gehörig unmittelbar (unsinnlich) Gespürte oder Empfundene ‚leiblich‘ heißen.” (Schmitz 1998, S. 5) Dieser Differenzierung folge ich nicht. Ich führe sie nur als Beispiel dafür an, wie unterschiedlich Leiblichkeit auch innerhalb der Phänomenologischen Philosophie verstanden wird.

Bei Thomas Fuchs begegnen wir gelegentlich einer doppelten Bedeutung des Wortes „Leib”. Mit ihm wird das grundlegende unreflektierte Erleben bezeichnet und somit der Leib als Oberbegriff für alle Aspekte dieses Erlebens. Innerhalb dessen werden wir aber auch besonderen Aspekten begegnen wie dem Körper oder der Exzentrität, denen Fuchs dann die „unmittelbare Leiblichkeit” gegenüber stellt. „Mein Leib ist eine schwer fassbare Zwischenzone zwischen mir und der Welt. Er gehört mir nicht, sondern ich bin selbst mein Leib – doch ist er auch wie ein Stück der Außenwelt, ein Körper, den ich ‚habe‘. Bezogen auf die Welterfahrung bedeutet dies: Der Leib vermittelt mir die Welt, ich erfahre sie immer nur durch ihn hindurch – solange er selbst im Hintergrund bleibt.” (Fuchs 2000b, S. 3)

Vielleicht wird schon bei diesen wenigen Zitaten, die ich unter dem Gesichtspunkt der Verständlichkeit ausgewählt habe, deutlich, wie vielschichtig man sich dem Leibbegriff annähern kann. Doch hier geht es mir nicht um eine differenzierte philosophische Betrachtung, sondern um das Menschenbild Kreativer Leibtherapie. Und dafür ist vor allem wichtig, dass mit Leib kein Objekt, kein Ding bezeichnet wird, sondern ein „Modus unserer Existenz”, die „grundlegende Weise des menschlichen Erlebens” (Fuchs 2000a, S. 15). „Der Leib ist das selbstverständliche Medium unserer Existenz.” (Fuchs 2008b, S. 17)

Der Leib ist die Art und Weise unseres Erlebens, unseres Spürens und Fühlens. Das deutsche Wort „fühlen” ist vieldeutig. Mit Fühlen bezeichnen wir sowohl Sinneswahrnehmungen als auch Empfindungen sowie emotionale Regungen. So vielseitig und ineinander verknüpft sind auch die Aspekte des Erlebens.

Vielleicht mögen Sie ein kleines Experiment ausprobieren: Schließen Sie für eine Minute die Augen und spüren Sie sich selbst. Vielleicht nehmen Sie Unruhe wahr oder Gelassenheit, vielleicht fühlen Sie sich eng oder eingeengt, wach oder beschwingt, möglicherweise sind Sie müde oder traurig, ärgerlich oder entspannt … Nehmen Sie wahr, was ist, ohne es zu bewerten oder ohne darüber nachzudenken. Spüren Sie nur sich selbst, wie Sie sich gerade spüren können …

Sie haben damit den einfachsten Zugang zum Erleben, zur Leiblichkeit gefunden. Dieses Erleben verändert sich in jedem Moment und in fließenden Übergängen, und deswegen ist die Leiblichkeit kein fester Zustand, sondern ein dynamischer Prozess. „Der Leib ist kein Gegenstand, ja nicht einmal ein momentaner Zustand, denn er ist letztlich die Bewegung des Lebens selbst.” (Fuchs 2000a, S. 124)

Leiblichkeit ist vorhanden, bevor wir über sie und die Welt reflektieren. Dies gilt im doppelten Sinn. Neugeborene und Säuglinge erfahren die Welt leiblich in ihrer „Bewegtheit” und ihren Impulsen, im Greifen nach der Mutter, im Hinein und Hinaus, in Stimmungen und Atmosphären, im Spüren des Miteinander des Lachens und vielem anderen mehr. Bei aller Kompetenz und Komplexität frühkindlicher Entwicklung beginnt die Selbstreflektion erst ab dem dritten Lebensjahr, sich zu entwickeln und zu entfalten. Vorher leben die Kinder in primärer Leiblichkeit.

Doch auch später, wenn sich die reflektierende Bewusstheit der Person selbst und ihre Beziehungen zur Welt entwickeln, ist die Leiblichkeit als erlebender Grund des Reflektierens vorhanden. Als René Descartes seinen berühmten Satz „Ich denke, also bin ich” schrieb, war er auch als leibliches Wesen vorhanden. Er hatte vielleicht vorher Hunger und aß etwas, spürte einen Bewegungsdrang und ging ein wenig sinnierend auf und ab, bevor er sich setzte und diesen Satz aufschrieb. Während des Schreibens war er möglicherweise stolz auf diese prägnante Formulierung, die ihm gelungen war, und machte sich danach Sorgen über die Reaktion der königlichen und kirchlichen Obrigkeit auf diese Kampfansage gegen den damaligen Aberglauben und das christliche Monopol der Weltdeutung … Er konnte „Ich denke, also bin ich” nur schreiben, weil er zuvor, dabei und danach in seiner Leiblichkeit existierte.

Leiblichkeit ist nicht alles, aber ohne Leiblichkeit ist nichts.

Dieses Verständnis des Menschen hat weitreichende Konsequenzen für die therapeutische Haltung, die der Kreativen Leibtherapie zugrunde liegt: Das Erleben der Menschen muss als ihre grundlegende Existenzweise gewürdigt werden. Dabei werden wir Menschen uns nur in seltenen Ausnahmesituationen als leibliche Wesen „ganz” spüren. Zumeist nehmen wir wechselnde leibliche Regungen wahr – ein Gefühl, einen Hunger, eine Resonanz mit einem anderen Menschen, einen Schmerz ... –, die abwechselnd in den Vordergrund unseres Gewahrseins treten. Wir können unsere Leiblichkeit deshalb auch als Gesamtheit unserer leiblichen Regungen bezeichnen.

Als Therapeut/innen begegnen wir auf vielfache Weise der Hemmung, Einschränkung, Tabuisierung und Verkümmerung des Erlebens, z. B.:

„Ich stehe neben mir.”

„Wenn mich mein Kollege anspricht, erstarre ich und fühle nichts mehr.”

„Sie schauen mich so an, das ist komisch. Dann verschwimmt alles, und ich habe Angst mich aufzulösen.”

Ganz „verschwunden” ist die Leiblichkeit auch in solchen Äußerungen nicht. Solange Menschen leben, erleben sie: oft sehr schmalspurig oder auch Teile ihrer Leiblichkeit bekämpfend, manchmal bestimmten Aspekten ihres Erlebens ausgeliefert, die wie die Angst weite Bereiche sonstigen Erlebens überfluten können. Sie leiden an solchen Deformierungen und Pathologisierungen der Leiblichkeit und suchen deshalb therapeutische Unterstützung. Unsere Hilfe besteht dann darin, sie auf der Suche nach weiteren, differenzierten Möglichkeiten des Erlebens zu begleiten. Was und wie sie sich und ihre Welt erleben, ist ihre eigene, höchstpersönliche Angelegenheit. Kreative Leibtherapie wirkt dabei parteilich für die Entfaltung der Möglichkeiten der Leiblichkeit.

Grafik 1

Leib ist

» Der Mensch ist immer Leib. Leib ist Erleben.

» Leib ist, was immer schon da ist. Leiblichkeit ist präreflexiv.

» Leib ist die Summe unserer leiblichen Regungen.

2.1.2 Die Spaltung und ihre Aufhebung: Leib und „Geist”

Der Satz von Descartes „Ich denke, also bin ich” wurde zum Kampfprogramm der Aufklärung. Einerseits war er gegen den damals vorherrschenden Aberglauben und das Monopol von Kirche und Königtum an der Deutung der Welt gerichtet, andererseits galt er als programmatische Ermutigung und Erlaubnis zu naturwissenschaftlicher Forschung und technischer Entwicklung. Das denkende Bewusstsein wurde zum revolutionären Programm technologischer und wissenschaftlicher Umwälzungen, die bei all den auch negativen Folgen immerhin die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen seit dieser Zeit verdreifacht haben. Dieses denkende Bewusstsein, sei es „Geist”, „Vernunft” oder „das Denken” genannt, wurde dabei im Menschenbild vom Erleben abgespalten. Der „menschliche Geist” wird als „reine Substanz” (Descartes 2009, S.15) verstanden, auch „sinnliche Wahrnehmungen” sind in diesem Verständnis „nichts anderes als Denken” (a.a.O. S. 33). Als Menschenbild folgt daraus: „Was bin ich demnach? Ein denkendes Ding.” (a.a.O. S. 32) (Zur Trennung vom Körper siehe das nachfolgende Unterkapitel.)

Solche Abspaltungen sind nicht nur Thema theoretischer Auseinandersetzungen, sondern begegnen uns konkret als Dissoziationen im therapeutischen Kontext:

Eine mehrfach traumatisierte Klientin hatte ihr psychisches Überleben dadurch gemeistert, dass sie ihre Emotionalität bis auf wiederkehrende Angstattacken „wegsperrte”, wie sie immer sagte. Gefühle in der Begegnung mit anderen Menschen tauchten nicht auf, stattdessen durchdachte die Frau jeden ihrer Schritte im sozialen Kontakt und kontrollierte ihre Äußerungen und ihr Verhalten. Sie beherrschte dies in hoher Perfektion und war beruflich sehr erfolgreich. Sie kam in die Therapie, weil sie nicht mehr wusste, warum es sich lohnen sollte, weiterzuleben …

Das, was uns hier als Traumafolge und Leiden entgegentritt, beherrschte das Menschenbild der europäischen und europäisch beeinflussten Philosophie: Das Bewusstsein wurde und wird auf das Denken verkürzt, die Vernunft soll herrschen und das Erleben, vor allem das emotionale, kontrollieren, so es sich überhaupt noch rührt. (Die Gegenbewegung dazu finden wir in romantischer Literatur und Filmen usw.)

Wird bei Descartes aus dem leiblichen Sehen und Berühren „das Denken des Sehens und Berührens”, so setzt sich diese Verschiebung, um nur ein Beispiel zu nennen, in weiten Teilen der Emotionspsychologie fort. Der große Psychologe William James, der viele wertvolle Erkenntnisse und Anregungen hinterlassen hat, reduzierte in einem ersten Schritt das emotionale Erleben auf die damit einhergehenden körperlichen Reaktionen und setzte im zweiten Schritt die Gefühle mit dem Denken über die Gefühle gleich: „Meine Theorie dagegen ist die, dass die körperlichen Veränderungen direkt auf die Wahrnehmung der erregenden Tatsachen folgen, und dass das Bewusstsein vom Eintritt eben dieser Veränderungen die Gemütsbewegung ist.” (James 1950, Band II, S. 449). Daraus folgen seine Leitsätze: „Wir weinen nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Wir sind (...) wütend, weil wir zuschlagen.” (a.a.O. S. 550) Solche Denkweisen werden heute im Konstruktivismus fortgeführt, dem die Auffassung zugrunde liegt, dass jeder Mensch seine Realität im Kopf konstruiert. Wäre dem so, müsste man nur die Denkkonstrukte im Kopf verändern, worum sich die davon beeinflusste therapeutische Strömung bemüht. Doch Liebe ist mehr als Herzklopfen und etwas anderes als das Denken über die Liebe! Hunger ist mehr als das Denken über den Hunger. Die Begegnung mit einem anderen Menschen ist mehr als das Denken über diese Begegnung. Wir Menschen erleben, spüren, fühlen uns in unserer Welt, und das ist mehr als das Denken über die Welt. Zu diesem Erleben können Denkweisen gehören, die auch die Wahrnehmung von uns und der Welt beeinflussen oder gar prägen. Doch das ist nur ein Aspekt, der keineswegs isoliert oder verabsolutiert werden darf. Eine Vergewaltigung ist reales Erleben und nicht nur das Konstrukt einer Realität. So richtig es ist, das Opfer darin zu unterstützen, sich nicht nur als Opfer zu betrachten, so entwürdigend wäre und ist es, die Opfererfahrung zu negieren und der betroffenen Person „einfach” eine andere Sicht der Welt vorzuschlagen.

Die therapeutische Relevanz der behandelten Thematik liegt auf der Hand. Werden Erfahrungen des Erlebens nur als Denken über diese Erfahrungen betrachtet, braucht nur das Denken verändert werden, nicht die Erfahrung, nicht das Erleben. Werden zum Beispiel Gefühle nur als kognitives Denken über körperliche Veränderungen verstanden, dann können Veränderungen z. B. von Angstzuständen nur über körperliche Interventionen, wie z. B. Entspannungstechniken, und vor allem über Änderungen des Denkens erfolgen. Kreative Leibtherapie nutzt selbstverständlich Entspannungsverfahren und strebt auch Änderungen des Denkens an, wenn die Klient/innen dies wünschen, vor allem die Leid- und Leitsätze und Botschaften, die „mitgegeben” wurden und die Lebendigkeit hemmen. Doch die Verabsolutierung des vernunftgeleiteten Denkens in der kognitiven Psychologie und Psychotherapie beinhaltet eine Abspaltung des Denkens von den Erlebensprozessen, was unserem Menschenbild widerspricht.

Gefühlsmäßige Veränderungen fließen als Konsequenz aus dem Menschenbild der kognitiven Psychologie kaum oder gar nicht in das Verständnis psychischer Erkrankungen ein. In der klinischen Beschreibung der Demenz werden z. B. Erlebensprozesse kaum benannt. Gefühle wie Scham, Angst und Einsamkeit, die bei den meisten Menschen mit der Demenz einhergehen, werden nicht erwähnt, dafür aber eine „Verschlechterung der emotionalen Kontrolle” (ICD-10 2010, S. 60). In der psychiatrischen Klassifizierung DSM-IV-TR werden die Demenz-Erkrankungen sogar ausschließlich als „kognitive Defizite” (2003, S. 81) bezeichnet.

Die Ausgrenzung emotionalen Erlebens und die Abspaltung des Denkens vom Leiblichen wird in großen Teilen der Neurobiologie fortgesetzt und auf die Spitze getrieben. Da wird das Gehirn zu einer Art U-Boot-Kommandant im Menschen erklärt, der Informationen sammelt, verarbeitet und entsprechende Entscheidungen trifft. Das Erleben wird dann zu einem „Selbstmodell” erklärt, das vom Gehirn geschaffen wird: „Wir sind mentale Selbstmodelle informationsverarbeitender Biosysteme (...) Werden wir nicht errechnet, gibt es uns nicht.” (Metzinger 1999, S. 284). Unser Erleben als individuelles Subjekt wird dann zu einem „Traum” erklärt: „Unser Ich, das wir als das unmittelbarste und konkreteste, nämlich als uns selbst, empfinden, ist – wenn man es etwas poetisch ausdrücken will – eine Fiktion, ein Traum des Gehirns, von dem wir, die Fiktion, der Traum, nichts wissen können.” (Roth 1997, S. 253)

Werden solche Vorstellungen, in denen die individuelle Subjektivität als bloßer „Traum” ausgeblendet wird, therapeutischen Interventionen zugrunde gelegt, dann erscheinen letztlich nur biologische Interventionen mit Medikamenten oder anderen Eingriffen als sinnvoll.

Unsere Grundhaltung in der Kreativen Leibtherapie besteht darin, sich an diesen Abspaltungen des „Denkens” bzw. des „Geistes” vom Erleben nicht nur nicht zu beteiligen, sondern im Gegenteil solchen Vereinseitigungen und Abspaltungen entgegenzuwirken. In der Reflektion über einen philosophischen Text oder bei der Lösung einer Mathematikaufgabe steht das Denken im Vordergrund, aber auch hier fließen Aspekte des Erlebens mit ein wie Neugier oder Müdigkeit, Angst vor Versagen oder Aufregung. Wenn wir noch einmal auf das Beispiel der Liebe zurückkommen, sehen wir, dass das Denken über die Liebe eingebettet ist in Empfindungen und Gefühle. Diese Gefühle äußern sich in Tausenden von Briefen und Tagebucheintragungen, in Gedichten und Romanen. Liebe kann sprachlos sein, aber auch sehr beredt. Es gibt neben dem Denken, das mit dem Erleben verbunden ist, auch ein Denken der Gebrauchsanweisungen und der Reglementierung, welches das Fühlen der Liebe durch das Denken über die Liebe zu ersetzen und die liebenden leiblichen Regungen dadurch zu kontrollieren versucht. Wenn Menschen unter dem Denken über Gefühle leiden und Hilfe in der Therapie suchen, versuchen Kreative Leibtherapeut/innen zu helfen, indem sie die Klient/innen darin begleiten, Erfahrungen zu machen, die solche Spaltungen überwinden.

Das Denken dem Erleben gegenüber zu stellen, ist die Verallgemeinerung einer pathologischen Sondersituation, aber nicht Ausdruck alltäglicher Erfahrung. „Geistige Akte der Person gibt es nur, sofern sie erlebt werden, also seelische Ereignisse sind.” (Spaemann 2006, S. 170)

Das Denken ist eingebettet in das Erleben – dieses Sprachbild beschreibt den Zusammenhang am treffendsten. Die Gegenüberstellung von „Kopf” und „Bauch” war einige Jahre lang in manchen therapeutischen Strömungen populär. Die Befürworter der Herrschaft des „Bauches” wandten sich gegen die Abwertung und Unterordnung der Gefühlswelten unter intellektuelle Vorgaben, die Gegenposition forderte die Herrschaft wissenschaftlicher Vernunft gegenüber bloßer Impulsivität. Beide Alternativen sind nicht die Position Kreativer Leibtherapie. Kreative Leibtherapie geht vom Eingebettet-Sein des Denkens im Erleben aus und unterstützt Klient/innen darin, Abspaltungen ihres Denkens oder einzelner Denksätze entgegenzuwirken und diese wieder in ihre Leiblichkeit zu reintegrieren. Bestimmte Denkweisen, wie sie sich in Leitsätzen äußern wie „Du darfst nicht widersprechen” oder „Wenn du es dir gut gehen lässt, wirst du dafür bezahlen müssen”, sind aus Erfahrungen des Erlebens entstanden und nie nur „reines” Denken. Nur im Kontext leiblicher sozialer Erfahrungen können sie verstanden, ihrer Macht beraubt und verändert werden.

2.1.3 Die Spaltung und ihre Aufhebung: Leib und „Körper”

René Descartes als Begründer des aufklärerischen bürgerlichen Denkens bezeichnete wie erwähnt den Menschen als „denkendes Ding”. In der Abgrenzung zum Körper differenziert er, der Mensch sei – als geistiges Wesen – ein „denkendes, kein ausgedehntes Ding”, während der Körper „lediglich ein ausgedehntes, kein denkendes Ding” ist (Descartes 2009, S. 85). Er schrieb, er sei sich „sicher, dass ich von meinem Körper tatsächlich unterschieden bin und ohne ihn existieren kann” (a.a.O.). Diese Spaltung zwischen Geist und Körper zog sich von dort an durch das abendländische Denken. Der Körper wurde als „Maschine der Körperteile” bezeichnet, „wie sie sich auch an einem Leichnam zeigt und die ich mit dem Namen Körper betitele” (a.a.O., S. 29). Der Körper wird zu etwas Objektivem, Unbeseelten, das sich nicht bewegt, sondern bewegt wird.

Der Körper taugt so allenfalls als Behälter des Bewusstseins, so wie auch heute in manchen Strömungen der Neurobiologie der Körper nur noch als Organ betrachtet wird, dem vor allem oder ausschließlich die Funktion zukommt, das Gehirn von einem Ort zum anderen zu transportieren – als ob es ein „Gehirn” ohne Körper und ohne Leiblichkeit geben könnte.

Dagegen setzt die Leibphänomenologie die Auffassung, dass es keine Leiblichkeit ohne Körper und keine Körperlichkeit ohne Leib gibt. Der Körper ist im Leibsein eingebettet. Wenn ein Mensch eine Haltung des aufrechten Ganges einnimmt, dann spannt er wahrscheinlich seine Rückenmuskulatur an, hebt seinen Kopf und streckt seine Glieder nach oben und unten. Und gleichzeitig spürt er sich aufrecht und aufrichtig, fühlt sich vielleicht erhaben und nimmt seine Umwelt anders wahr, so wie er anders wahrgenommen wird, als wenn er gebeugt durchs Leben gehen würde. Das Bild des Eingebettet-Seins ist stimmig. Wenn ein Mensch sein Bett verlässt, in das er sich eingekuschelt hatte, sind beide nicht mehr dasselbe, weder der Mensch noch das Bett. Auch das Bild, als Mensch in seiner Leiblichkeit „verwurzelt” zu sein, ist hilfreich. Eine Wurzel und das umgebende Erdreich sind miteinander verwoben, ein gemeinsamer Organismus. Wird die Wurzel aus dem Erdreich entfernt, verliert sie ihre Bedeutung und wird zu bloßem Holz oder Gemüse.

Hellmuth Plessner, der sich in seiner „philosophischen Anthropologie” um die Aufhebung der Körper-Geist-Seele-Spaltung seit Descartes bemüht, spricht von der „Doppelnatur des Menschen, die nicht statisch zu fassen ist, sondern eine ständig zu durchlebende und zu vollziehende Verschränkung des Leibes mit dem Körper bedeutet.” (Plessner 2003, S. 396)

Körperlichkeit und Leiblichkeit sind untrennbar verwoben. U n d es gibt eine Unterscheidung. Um ihr nahe zu kommen, bitte ich Sie um ein Experiment:

Strecken Sie eine Hand aus und betrachten Sie sie. Betrachten Sie ihre Form und ihr Aussehen. Unterscheiden Sie zwischen der Hand und ihrer Umgebung. Sie können ihre Hand wiegen und vermessen. Sie können ihre Muskulatur trainieren, sie pflegen und – bei Verletzungen – operieren lassen. Das ist der körperliche Aspekt, den Sie wahrnehmen.

Und nun schließen Sie die Augen und spüren Sie Ihre Hand. Vielleicht fühlt sie sich leicht oder schwer an, anpackend oder zurückhaltend, sanft oder kräftig ... Vielleicht erinnern Sie sich an Berührungen, die diese Hand erfahren oder vorgenommen hat ... Sie werden merken, dass die Grenzen dieser Hand nach außen verschwimmen ... Das ist der leibliche Aspekt in der Körperwahrnehmung.

Sie können diese Unterscheidung noch deutlicher wahrnehmen, wenn Sie eine Hand auf ihr Herz legen und sich eine oder zwei Minuten der Achtsamkeit gönnen. Sie werden sich leiblich spüren, in Bildern und Erinnerungen, Gefühlen und diesen oder jenen Impulsen. Mit dem EKG Ihres Herzens oder dessen Ultraschallbild dagegen betrachten Sie Ihr Herz von außen. Beides gehört zusammen, ist Teil ihrer Person, Ihres Menschseins, und beides beeinflusst sich gegenseitig – Panik und Druck können den Herzrhythmus beschleunigen und Herzrhythmusstörungen werden bei den meisten Menschen Angst hervorrufen. Doch das vermessene Herz des EKG („Körper”) und das spürende Herz („Leib”) sind zwei unterschiedliche und unterscheidbare Aspekte menschlichen Seins.

Menschen haben einen Körper, verhalten sich zu ihm, trainieren ihn, bewegen ihn, behandeln ihn bei Krankheiten und anderen Störungen usw. Und Menschen sind der Leib, sind leiblich. Immer und ohne etwas dafür tun zu müssen. „Diesen Körper habe ich; ich bin aber mein Leib.” (Gabriel Marcel 2001, zit. nach Frick 2009, S. 125)

Wird der Körper nur als „Ding” oder als „Maschine” behandelt, dann mag das für manche Berufe und Tätigkeiten sehr sinnvoll sein, z. B. bei chirurgischen Eingriffen. Doch im Alltagsleben beinhaltet solche Objektivierung des Körpers eine Verkümmerung des Lebens und der Lebendigkeit und führt zu Leiden. Gerade wenn es um Krankheit und Gesundheit geht, ist ein Verständnis der Doppelnatur von Leib und Körper hilfreich und notwendig. So betont Hermann Schmitz, dass „ein großer Teil der heute ‚psychosomatisch‘ genannten Krankheiten, (...) seinen Sitz weder im Körper noch in der Seele (hat), sondern im Leib (Gegenstandsgebiet des eigenleiblichen Spürens), von wo er auf den Körper ausstrahlt.” (Schmitz 1989, S. 16) Und Thomas Fuchs beklagt die Beschränkung der Medizin und der medizinischen bzw. psychiatrischen Forschung auf den Körper: „Unsere Leiberfahrung in Gesundheit und Krankheit geht der Erkenntnis des Organismus immer voraus. Die Leiblichkeit ist selbst der Rahmen, innerhalb dessen der menschliche Körper erst zum Gegenstand von Spezialwissenschaften werden kann. Um ihn zu erforschen, müssen sie das Leibsubjekt auf das Körperobjekt reduzieren, den Leib aus seiner gelebten Situation isolieren und in bestimmte wiederholbare Untersuchungsschemata bringen. Dabei entgleitet ihnen jedoch der Leib als Leib, in seinen Vollzügen und Funktionen. Sie können nur die organismischen Bedingungen dieser Funktionen erforschen und feststellen, nicht jedoch das Sehen, Hören, Sich-Bewegen als solches. Aber Kranksein ist leibliches Erleben, und so muss der Arzt immer wieder zum Erleben des Kranken zurückkehren, von dem er ausgegangen ist.” (Fuchs 2000b, S. 10) Der Rückbezug auf die Leiblichkeit ist nicht nur notwendige Aufgabe, wenn es um psychosomatische Störungen geht, sondern muss alle Heilungsprozesse und Heilungserfahrungen betreffen. Eine „Körpertherapie”, „Tanztherapie” oder „Bewegungstherapie”, die die leiblichen Zusammenhänge ignoriert, widerspricht der Leibhaftigkeit von Erkrankungen und von Gesundungsprozessen.

In der Therapie leidender Menschen begegnen wir Therapeut/innen den Trennungen des Körpers vom Leib in zwei Extremen: Entweder wird der Körper ignoriert und missachtet oder er wird als Behandlungsobjekt vergöttert, mit Medikamenten, Trainings, Operationen und Diäten. (Nichts grundsätzlich gegen Medikamente, Trainings usw. – es geht hier um die H a l t u n g dem Körper gegenüber!) Absicht der Kreativen Leibtherapie ist folglich oft, Körperlichkeit und Leiblichkeit wieder zu versöhnen und zu reintegrieren. Denn es gibt viele Aspekte des auch körperlichen Lebens, die sich der Objektivierung und Behandlung auf Dauer entziehen. Dazu gehört die Sexualität und der Schlaf, dazu gehört auch das Lachen und Weinen, in denen Körper-Haben und Leib-Sein mineinander verschmelzen. Schlaf und Sexualität sind leibliche Zustände, die heute auch chemisch zu steuern versucht werden. Das gelingt zeitweise, aber nicht auf Dauer und immer auf Kosten der Leiblichkeit. „Die Objektivierung des Leibes zum beherrschbaren Körper hat also zur paradoxen Konsequenz, dass ich das selbstverständliche Zuhausesein in ihm verliere.” (Fuchs 2000a, S. 133)

Ein Klient ging täglich eine Stunde Laufen und dann ins Fitnessstudio. Auf die Frage, wie es ihm gehe, konnte er nicht antworten. Als ich ihn einmal bat, eine Hand auf sein Herz zu legen und zu spüren, was er fühle, antwortete er: „Mein Herz ist jetzt im Ruhepuls.”

Die theoretische Abspaltung des „Körpers” – also vor allem der Körperempfindungen und des Körpererlebens – vom „Rest” des Menschen begegnet uns in der Therapie als pathologischer Ausdruck individuellen Leidens. Ein Versuch, körperliche Regungen nicht mehr zu spüren oder durch Kontrolle der Beherrschung zu unterwerfen, ist immer Produkt sozialer Erfahrung. Solche Versuche entstehen als Notwehr-Reaktionen auf ein Erleben, das unaushaltbar war. Werden z. B. nach einer Erfahrung sexueller Gewalt Ekel und Schmerz übermächtig, kann die Entfremdung des Körpererlebens als Schutz sinnvoll und wirksam sein. Das Problem besteht meist darin, dass die betroffenen Menschen allein gelassen bleiben und sich die ursprünglich als Notwehr fungierende Körper-Dissoziation chronifiziert und so zu einem Teil des Leidens wird.

Thomas Fuchs geht in der Verknüpfung zwischen Körper und Leib noch weiter als Plessner. Er spricht im Gefolge von der „Koextension” und „Korrespondenz” von Leib und Körper: Streicht eine Hand über die Haut, dann sehe ich die Hand und spüre subjektiv gleichzeitig das Streichen oder Streicheln. Bedeutsam für die therapeutische Arbeit halte ich seine über Plessner hinaus gehende Differenzierung zwischen Körper und Leib, die er mit den Ebenen A bis D beschreibt:

Da gibt es die Ebene A, den „unwillkürlich fungierenden, präreflexiv gelebten Leib” (2000a, S. 136), also die Leiblichkeit, die immer vorhanden ist, solange ein Mensch lebt, als Grundqualität, als Grunderleben seines Daseins.

B erscheint, wenn diesem Leib Achtsamkeit geschenkt wird; er wird dann zum „erlebten, gespürten (...) Leib” (s.o.).

Als Ebene C führt er den „in der Negativität (als Gegenstand, Hindernis u.a.) erscheinenden Körper, der mir als mein Körper bewusst und als Instrument verfügbar wird (körperlicher Leib)” auf. Dies wird z. B. dann deutlich, wenn der Körper trainiert wird oder der Bauch sich in einer zu engen Hose befindet oder der Arm schmerzt.

Schließlich folgt auf der Ebene D der „reine Körper der Anatomie oder Physiologie”.

Um die Bedeutsamkeit dieser vier Ebenen am Beispiel des aufrechten Gangs zu erläutern: Auf der Ebene D ist die Physiologie des aufrechten Ganges sicherlich naturwissenschaftlich zu untersuchen: Veränderungen des Blutbildes, des Blutdrucks, des Energiehaushaltes usw. Über das Erleben des aufrechten Ganges sagt dies genauso wenig aus wie die Ebene A, die präreflexive Leiblichkeit. In der therapeutischen Arbeit setzen wird uns vor allem mit den beiden mittleren Ebenen auseinander, den Ebenen B und C. Wir Kreative Leibtherapeut/innen fragen z. B. nach Bildern und Vorstellungen eines aufrechten Ganges (B) oder bitten darum, mit dem Körper so zu experimentieren, dass eine als aufrecht gespürte Haltung entsteht (C). Dabei geht es hier nicht darum, den Körper als defizitär oder hinderlich zu erfahren oder gegen ihn zu kämpfen, sondern ihn als Impulsgeber der Veränderung und Potential neuer Körpererfahrungen zu erleben (C), die zu neuem Erleben führen können (B). Dieser Prozess kann dann in den Alltag integriert werden und durch Wiederholungen so selbstverständlich werden, dass sich die Anatomie (z. B. Muskulatur) eines Menschen verändert (D) und der aufrechte Gang, seine Art des aufrechten Ganges, zu einem Teil der selbstverständlichen Leiblichkeit (A) wird.

Kreative Leibtherapie ist in diesem Sinne immer auch Körpertherapie. Doch der Körper steht weder in seiner Funktionalität noch in seiner Formbarkeit als Objekt im Vordergrund. Im Vordergrund steht das Körpererleben, das sich in den Big Ten vor allem in der leiblichen Körperbildarbeit wie auch in allen anderen Hauptmodellen der Kreativen Leibtherapie wiederfindet. In der Krankengymnastik ist es meist notwendig, „richtige” Bewegungen zu üben, um Störungen der Körperlichkeit zu beheben (aber auch da sind die Zuwendungen und die Freundlichkeit der Physiotherapeut/innen oft genauso heilend wie die Bewegungen). In der Kreativen Leibtherapie einschließlich der leiborientierten Tanz- und Bewegungstherapie geht es nie um „richtige” oder „falsche” Bewegungen, sondern um das Körpererleben, um die Erweiterung der Möglichkeiten der Leiblichkeit. Nach einer Lungenoperation kann es zum Beispiel notwendig sein, über bestimmte Übungen den Atemraum zu erweitern. Aber selbst dabei können die Grundsätze der leiborientierten Atemtherapie den Heilungsprozess fördern. Wir unterstützen die Achtsamkeit für das Atmen, so dass die meisten Menschen, mit denen wir arbeiten, unmittelbar einen Zugang dazu haben, wie sie sich und ihren Atem erleben: eingeengt oder weit, offen oder abgehackt, hechelnd oder friedlich, kraftvoll oder sich verlierend ... Jede Einengung der Beschäftigung mit dem Atmen nur auf die körperlichen Funktionen oder andererseits z. B. nur auf die Gefühle, die beim Atmen entstehen, ohne das Körpererleben einzubeziehen, würde die Erfahrungsmöglichkeiten der Klient/innen einengen. Die Einbettung des Körpers in die Leiblichkeit verschafft viele Möglichkeiten der Erfahrung und Veränderung.

2.1.4 Die Spaltung und ihre Aufhebung: Leib und „Umwelt”

In dem Verständnis der klassischen Psychoanalyse wurde der Mensch als für sich zu betrachtendes und aus sich heraus wirkendes Wesen betrachtet und seine psychischen Instanzen als „Organe” der Seele oder des „psychischen Apparats” angesehen. Sicherlich waren in dieser Sichtweise auch gesellschaftliche Wirkungen relevant, aber nur oder zumindest überwiegend in ihrer psychischen Repräsentation z. B. als Über-Ich.

Gegen diese Individual-Psychologie und -Psychotherapie entwickelte sich seit den 1950er, vor allem seit den 1970er Jahren eine Gegenbewegung, aus der die systemische Theorie und Therapie entstand. Hier soll es weder um eine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse noch mit der systemischen Therapie gehen, was angesichts der Vielfalt und auch Unterschiedlichkeit ihrer jeweiligen Strömungen gar nicht möglich wäre. Diskutiert werden soll die Gegenüberstellung von Person und Umwelt oder sozialem System, die m. E. in beiden therapeutischen Richtungen zu einer Abspaltung sozialer Bezüge von der Leiblichkeit geführt hat.

Die Auseinandersetzung mit Haltungen, die den Menschen aus seinen sozialen Bezügen herauslösen und diese ignorieren, werde ich an anderer Stelle führen (Kap. 2.7), nachdem ich die Qualitäten des Erlebens herausgearbeitet habe und darauf Bezug nehmen kann. Hier geht es vor allem um die Auseinandersetzung mit einem Menschenbild, das die Trennung von Leib und Umwelt zugunsten einer Verabsolutierung der sozialen Welt zur Grundlage macht und das menschlichen Seins darauf reduziert, ein Teilchen sozialer Systeme zu sein. Gegen diese Reduktion wende ich mich und stelle das Menschenbild der Kreativen Leibtherapie dagegen.

So verdienstvoll der systemische Hinweis auf die Zusammenhänge der Probleme einzelner Menschen mit ihren Familien- und sonstigen Systemen war und ist, so gefährlich sind die Trennungen und Gegenüberstellungen. Grundauffassungen der Systemischen Therapie bestehen darin, dass soziale Systeme eine eigenständige Kraft und Wirkungsweise haben. Psychische Leiden einzelner Personen sind so ausschließlich Ergebnis systemischer Wirkungen. In den krassesten Annahmen spielen deshalb Gefühle und andere leibliche Regungen keine Rolle, in abgeschwächteren Varianten wird formuliert: „Immer mehr setzte sich die Überzeugung durch, dass es einfacher und erfolgreicher ist, ein Interaktionssystem zu therapieren statt eines Individuums. Denn es ist relativ einfach möglich, die Interaktionsregeln eines Systems direkt zu beobachten, während die intrapsychischen Vorgänge eines Individuums, seine Gedanken und Gefühle lediglich mit Hilfe sehr unsicherer hypothetischer Konstrukte zu erschließen sind.” (Webseite der DGSF, 2011)

Entscheidend ist hier, dass das „System” und die „intrapsychischen Vorgänge eines Individuums” als voneinander getrennt betrachtet werden. Die leibphänomenologische Auffassung und damit die Grundhaltung Kreativer Leibtherapie ist eine andere: „Der Leib steht dem Umraum nicht gegenüber; er ist nicht Dingliches, Gegenständliches, das sich auf den Raum des Körpers begrenzen ließe. Leiblichkeit bedeutet vielmehr ein lebendiges Geschehen, nämlich den fortwährenden Prozess der Vermittlung zwischen den Polen von Leib und Welt, die nicht voneinander zu trennen sind.” (Fuchs 2000b, S. 12)

Wir begegnen den Abspaltungen zwischen der Person und dem Umraum bei einzelnen Klient/innen:

„Nein”, sagte eine Klientin, „wie es mir geht, das kann ich niemandem erzählen. Ihnen schon, ein bisschen, denn Sie werden ja dafür bezahlt. Aber anderen? Das interessiert doch keinen. Das ist doch normal.”

Die Verbindung zwischen dem eigenen Spüren und der Umgebung ist unterbrochen, die Fähigkeit zum Mitschwingen im Umraum gestört. Vielleicht sind die Belastungen aus dem sozialen Umfeld so unerträglich geworden, dass die Betroffenen sich aus Selbstschutz abschotten mussten. Vielleicht sind sie mit ihren leiblichen Impulsen so oft ins Leere gegangen oder beschämt worden, dass sie ihre Impulse abbremsen. Aus welchen Gründen auch immer, die Trennung zwischen individueller Leiblichkeit und sozialem Umfeld ist ein Faktor des Leidens und nicht der Normalität.

Wird diese Trennung als gegeben hingenommen und zum Ausgangspunkt der Therapie gemacht, muss dies schwerwiegende Konsequenzen haben. Ein Beispiel: „Paarbeziehungen, Familien und Organisationen bestehen in dieser Sicht aus Kommunikationszusammenhängen, und wenn diese Kommunikationszusammenhänge pathogene Folgen haben, müssen nicht die Gedanken der Klienten verändert werden, sondern es genügt, die entsprechenden Kommunikationsmuster zu verändern.” (von Ameln 2004, S. 164) Dieses Konstrukt widerspricht unserer Erfahrung menschlichen Lebens, denn es kann keine getrennte Veränderung von Kommunikationsmustern und Gedanken geben. An der Kommunikation mit anderen sind die eigenen Selbsteinschätzungen, Gedanken, Gefühle und anderen Regungen beteiligt. Es gibt keine Person ohne Kommunikation und keine Kommunikation ohne Person.

In der systemischen Theorie etwa von Niklas Luhmann werden dann konsequenterweise Personen völlig entpersonalisiert und entleiblicht. Unter Personen werden Einheiten verstanden, die von einem sozialen System konstruiert werden, das „Verhaltenserwartungen an die betreffenden Einzelmenschen bündelt” (a.a.O., S. 138, s.a. Luhmann 1984). Die Person verliert das Eigene, wird nur noch zum Sammelbecken der Erwartungen anderer. Was nach meinem Verständnis pathologisch ist, wird zum gesunden Zustand der Menschen erklärt. Solche pathologischen Zustände kennen wir von manchen Klient/innen, die darunter leiden, dass sie ihren Sinn für das Eigene verloren haben. Wenn sie sich nur noch als Mülleimer oder „Bündelung” von Erwartungen anderer fühlen, dann ist der Kern der Person, die Meinhaftigkeit (siehe Kap. 2.2.1) verloren gegangen oder zumindest gefährdet.

Da nimmt es nicht wunder, wenn den Gefühlen in diesen Theoriekonstrukten keine oder kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Bei Niklas Luhmann werden Gefühle als unspezifische „Immunreaktion” verstanden, die auftreten, wenn die sogenannte „Selbstproduktion des Bewusstseins” gefährdet ist. „Die bekannte Vielfalt unterschiedlicher Gefühle (...) kommt erst sekundär, erst durch kognitive und sprachliche Interpretation zustande; sie ist (...), wie aller Komplexitätsaufbau sozialer Systeme, sozial bedingt.” (Luhmann 1984, S. 372) Da müssen schon gewaltige gedankliche Verrenkungen unternommen werden, um die Gefühle vom Leib zu trennen und ausschließlich als eine Funktion sozialer Systeme zu deuten. Ganz gleich, wie systemisch-konstruktivistisch argumentiert und konstruiert wird: Den Unterschied zwischen meiner Trauer und meiner Freude spüre ich – dazu brauche ich keine „kognitive und sprachliche Interpretation”.

Was bei den systemischen Reduktionen verloren geht, ist eine wesentliche Eigenschaft der Leiblichkeit und insbesondere der Gefühle: ihre Intentionalität. Sie haben Bedeutung und sie schaffen Bedeutung. Sie zeigen mir die Richtung meiner Absichten. Wenn ich neugierig auf eine Person bin, habe ich eine andere Haltung ihr gegenüber, als wenn ich sie liebe oder auf sie zornig bin. „Leiblichkeit ist das Medium zur Welt: Meine Empfindungen, meine Sinne, meine Triebregungen und Stimmungen erschließen mir die Welt, etwa als ‚angenehm‘ oder ‚unangenehm‘, als ‚nützlich‘ oder ‚schädlich‘.” (Fuchs 2000b, S. 3)

Wird die Leiblichkeit des Einzelnen vom sozialen Zusammenhang abgetrennt und interessiert nur das pathogene System, wird alles wertfrei. Jedes Verhalten kann dann Sinn machen und positiv bewertet werden. In einem Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung wird als theoretische Grundlage der Methode des „Reframing” (= Umdeuten) formuliert: „Jedes Verhalten macht Sinn, wenn man den Kontext kennt. Es gibt keine vom Kontext losgelösten Eigenschaften einer Person. Jedes Verhalten hat eine sinnvolle Bedeutung für die Kohärenz des Gesamtsystems. Es gibt nur Fähigkeiten. Probleme ergeben sich manchmal daraus, daß Kontext und Fähigkeiten nicht optimal zueinander passen. Jeder scheinbare Nachteil in einem Teil des Systems zeigt sich an anderer Stelle als möglicher Vorteil.” (Schlippe/Schweitzer 1996, S. 179)

Nur „vom System aus” betrachtet mögen diese Aussagen stimmig sein. Doch wir arbeiten mit Menschen, mit lebenden und leidenden Menschen. Wenn eine Klientin vom Vater vergewaltigt wurde, dann mag dieser „scheinbare Nachteil” durchaus ein „möglicher Vorteil” für die Aufrechterhaltung des Familiensystems gewesen sein und dafür „Sinn” gemacht haben. Als leibhaftige Menschen, die in der therapeutischen Praxis anderen leibhaftigen Menschen begegnen, sind wir allerdings empört und parteilich. Wir haben und zeigen Mitgefühl, und das ist uns (und den Klient/innen) wichtiger als jede „Sinnhaftigkeit” für irgendein System. Nur wenn die leiblichen Regungen einer Person mit ihrem sozialen Umraum verknüpft bleiben, ist es möglich, eine Haltung einzunehmen, die an der Seite der Leidenden bleibt und nicht auf einem scheinbar objektiven Beobachter-Standpunkt. Um es noch einmal zu sagen: Ich weiß, dass Therapeut/innen im Rahmen der systemischen Familientherapie würdigende Arbeit machen. Ihnen gilt keine Abgrenzung. Unsere Abgrenzung gilt einem Menschenbild, welches das Leid der Menschen den Systemen gegenüber stellt und Parteilichkeit für die leidenden Menschen zugunsten eines scheinbar „objektiven” Beobachter-Standpunkts verlässt.

2.1.5 Das Menschenbild der humanistischen Psychologie und das einfache Leibmodell der Kreativen Leibtherapie

Aus der Tradition der Humanistischen Psychologie und den daraus erwachsenen Therapien ist ein Modell des Leibverständnisses bekannt, das den Leib als Einheit von Körper, Seele und Geist versteht. Unter „Seele” werden dabei die emotionalen Empfindungen verstanden und unter „Geist” das Denken und die Imaginationen. Dieses Menschenbild wurde oft als „ganzheitlich” bezeichnet, um den Reduzierungen des Menschen zum Beispiel auf seine kognitiven Fähigkeiten entgegenzuwirken. Mit diesem Modell haben wir traditionell viel und erfolgreich gearbeitet, wobei wir immer die vierte Dimension Kontakt bzw. soziale Interaktion mit der Umwelt hinzugenommen haben.

Mit diesem Modell ergeben sich einfache Möglichkeiten, die vielfältigen Phänomene eines Menschen zu ordnen und die Kommunikation in der Therapie zu strukturieren: Was denken Sie? Was fühlen Sie? Was spüren Sie körperlich? Wie ist gerade der Kontakt zu mir? Vor allem ist dieses Ur-Modell der Leiblichkeit in der Therapie ein großer Schritt gegenüber der Negierung der Körperlichkeit oder der Gefühle bzw. weg von der Aufspaltung einzelner Aspekte menschlicher Lebendigkeit.

Grafik 2: Das Menschenbild der humanistischen Psychologie


Doch das Modell Körper-Seele-Geist-Kontakt wirft auch einige Fragen auf und kann zu Verwerfungen führen. Dies macht sich vor allem daran fest, dass innerhalb der einzelnen Begriffe sowohl leibliche Regungen gefasst sein können als auch Abspaltungen und Entfremdungen von der Leiblichkeit. Unter den „geistigen” Regungen können sowohl Bilder und poetische Ausdrucksweisen der Liebe versammelt werden als auch kalte und dem Erleben entfremdete Gebrauchsanweisungen der Unterwerfung und Disziplinierung. „Körper” kann die vielfältigen Regungen des Körpererlebens ebenso umfassen wir die lebensgefährdende Zwangsdiät eines anorektischen Mädchens oder das extreme Joggen, mit dem ein Mann das Spüren seiner Einsamkeit zu vernichten versucht. Auch unter den „seelischen” Regungen werden sowohl die Bewegungen der Gefühle, der Stimmungen und des Empfindens verstanden als auch die – jede andere leibliche Regung überlagernde – Panik, die sich vom leiblichen Grund „abgelöst” hat und jedes andere Erleben überflutet. Wenn z. B. Hilarion Petzold das „Leibsubjekt als Körper-Seele-Geist-Wesen” bezeichnet und den Leib genauer „definiert als die Gesamtheit aller sensorischen, motorischen, emotionalen, kognitiven und sozial-kommunikativen Schemata bzw. Stile in ihrer aktualen, intentionalen Relationalität mit dem Umfeld und dem anamnestisch archivierten Niederschlag ihrer Inszenierungen” (Petzold 1995, S. 607), dann wird mit der Verallgemeinerung „aller” Regungen genau die Unterscheidung zwischen Leib und Körper/Seele/Geist sowie zwischen leiblichen und vom Leib abgespaltenen Regungen verwischt.

Schon in den Bezeichnungen „Körper”, „Seele” usw. ist schon ein objektivierendes Moment enthalten, zumindest aber zugelassen. Bleibt dies unreflektiert, so „unterschlägt” das Urmodell Körper-Seele-Geist-Kontakt gerade die Differenzierung zwischen Leiblichkeit und Abspaltungen von der Leiblichkeit. Doch auf diese Differenzierung kommt es Therapeut/innen (und Klient/innen) in der therapeutischen Begegnung vor allem an. Ich schlage deshalb vor, die Formulierung der vier Aspekte im einfachen Leibmodell zu präzisieren und vom Körpererleben, von den Gefühlswelten, vom geistigen Erleben (auch Vorstellungskraft, Poesie, Imaginationen, ...) und vom sozialen Erleben (u.a.: Beziehungserleben) zu reden. Dieses Modell erfasst bei weitem nicht alle Aspekte der Leiblichkeit (deswegen „einfaches” Leibmodell), ist aber nützlich und handhabbar. Es ermöglicht, in einfachen Beschreibungen bei einem Klienten oder einer Klientin zu erfragen, worin er oder sie besonders in diesen vier Aspekten die eigene Lebendigkeit wahrnimmt und in welcher Hinsicht es Befremdlichkeiten/Störungen/Nicht-Gelebtes gibt oder solches vermutet wird.

Grafik 3: Leibmodell


Mit diesem einfachen Leibmodell wird die Auseinandersetzung mit der Objektivierung und Instrumentalisierung einzelner leiblicher Aspekte unterstützt. In einer knappen Übersicht können Notizen mit einzelnen Klient/innen erarbeitet und festgehalten werden, in denen die gelebten, die mehr im Hintergrund stehenden und die objektivierten bzw. instrumentalisierten jeweiligen Aspekte der Leiblichkeit beschrieben werden:

Grafik 4: Leibmodell − diagnostische Notizen


(Diese Grafik können Sie auf der Webseite des Verlages www.semnos.de als Arbeitspapier herunterladen.)

In den folgenden Kapiteln wird es um die Weiterentwicklung und Entfaltung grundlegender Aspekte und Begrifflichkeiten der Leiblichkeit in Menschenbild und Therapie gehen, um über das einfache Leibmodell hinaus ein theoretisches Instrumentarium für die Therapie bereitzustellen.

2.2 Die Leibqualitäten

Mit Leibqualitäten bezeichnen wir Eigenschaften des Erlebens, die für alle Impulse oder Regungen des Erlebens zutreffen (Baer/Frick-Baer 2005): Meinhaftigkeit, Subjektivität, Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Pulsieren, Zentralität, Intentionalität, Wirksamkeit, Zwischenleiblichkeit und Resonanz sowie Ähnlichkeit. Die leiblichen Aspekte sind so vielfältig und komplex miteinander verwoben, dass jede „Klassifizierung” der Untrennbarkeit der Leiblichkeit ein wenig Gewalt antut. Und doch ist solch eine Differenzierung notwendig, um nicht in bloßen und letztlich folgenlosen Forderungen nach „Ganzheitlichkeit” zu verbleiben. Je differenzierter die Eigenschaften, Impulse und Regungen der Leiblichkeit analysiert werden, desto genauere diagnostische Einsichten und desto genauere Grundlagen für therapeutische Interventionen und Interaktionen können gewonnen werden.

Die im Folgenden vorgestellten Eigenschaften können nicht quantitativ messbar sein, sondern müssen als Qualitäten des Erlebens beschrieben werden. Dass z. B. jedem Erleben die Qualität der Subjektivität innewohnt, meint zweierlei. Erstens wird damit ausgesagt, dass Subjektivität nicht messbar ist. Es gibt weder 3 Meter noch 2 Gramm Subjektivität, auch nicht 12 Prozent. Subjektivität ist eine Qualität des Erlebens, die als grundlegende Eigenschaft jedem Erleben innewohnt. Und gleichzeitig – das ist der zweite Aspekt der Aussage – ist diese Qualität selbstverständliches Potenzial des Erlebens. Sie wohnt jedem erlebenden Menschen inne und kann gleichzeitig eingeschränkt, bedroht oder anderweitig gestört sein.

Wir reden von Leibqualitäten als selbstverständlichen Eigenschaften und Potenzialen des Erlebens. Dass sie gestört und in ihrer Entfaltung eingeschränkt sein können, macht sie für das Verständnis der Leiden der Klient/innen und für die Therapie so bedeutsam.

Die Aufzählung der Leibqualitäten erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ich habe die therapeutisch wichtigsten ausgewählt und mich auf sie konzentriert.

Grafik 5


2.2.1 Meinhaftigkeit

Dass die Nase, die Sie im Gesicht tragen, zu Ihnen gehört, ist ebenso selbstverständlich wie Ihre Gefühle, wenn Sie traurig sind oder sich freuen. Meinhaftigkeit ist die erste Qualität, die jedem menschlichen Erleben gemeinsam ist. „Meinhaftigkeit: Leibliche Regungen werden unmittelbar als ,zu mir gehörig’ oder ,meinhaft’ erlebt. Schmerz, Hunger oder Durst usw. nehme ich nicht distanziert wahr wie die Warnblinkleuchte oder Tankanzeige meines Wagens.” (Fuchs 2000a, S. 98) Die Meinhaftigkeit ist unmittelbar, wenn sie nicht gestört wurde, und bedarf weder der Reflektion noch der Entscheidung. Dass mein Lachen meines ist, steht außer Frage und bedarf keiner Überlegung. Dass ich mich schäme oder zornig bin, ist ebenso unzweifelhaft mein Gefühl.

Die Meinhaftigkeit leiblicher Regungen ist von vornherein auf die Welt bezogen, mein Lachen wie meine Scham sind verknüpft mit Erfahrungen in der Welt und beziehen sich auf sie. Dieses emotionale Erleben weist schon über die unmittelbare Sphäre des Leiblichen hinaus: Ich schäme mich „vor” jemandem und bin zornig „auf”. Die Leiblichkeit ist intentional. Der phänomenologische Begriff der Intentionalität „besagt, dass jedes Erleben sich auf etwas bezieht, indem es dieses in einem bestimmten Sinne meint.” (Waldenfels 2000, S. 367) Meinhaftigkeit meint also keinen egozentrischen Ausschluss der Welt, sondern ist wie jede Leiblichkeit immer auf die Welt bezogen. Die meinhafte Leiblichkeit stehe der Welt nicht gegenüber, kann Merleau-Ponty deshalb sagen, sondern: „Der Leib ist unsere Verankerung in der Welt.” (Merleau-Ponty 1966, S. 174)

Je weiter die leiblichen Regungen zu anderen Menschen hin und in den Lebensraum hinein reichen und je mehr sie sich von den Menschen entfernen oder je massiver Druck und Macht auf den Menschen ausgeübt wird, desto zweifelhafter und gefährdeter kann die Meinhaftigkeit werden.

„Ist die Scham wirklich mein Gefühl?”, fragte die Klientin. Sie fühlte die Scham, insofern war es ihre. Doch ihre Scham war diffus und sie wusste nicht, warum und wovor sie sich schämte. In der Therapie stellte sich heraus, dass sie die Scham als „delegierte Scham” von ihrer Mutter übernommen hatte. Meinhaftigkeit und die Einverleibung von Fremdem überlappten sich.

Hier wird die Dialektik deutlich, die für alle Leibqualitäten gilt: Sie sind wie die Meinhaftigkeit den Menschen selbstverständlich eigen – u n d sie können durch soziale Erfahrungen oder andere Umstände eingeschränkt oder brüchig werden bzw. ganz verloren gehen. Die Beschreibung leiblicher Qualitäten ist folglich keine abstrakte philosophische Denkübung, sondern bildet den Ausgangspunkt für das Verständnis des Leidens der Klient/innen und Patient/innen und für deren Therapie.

Zurück zur Meinhaftigkeit: Je weiter Leiblichkeit in die Welt hinausgreift, desto anfälliger werden Menschen, ihre Meinhaftigkeit zu verlieren oder zu beschädigen. Wenn eine junge Frau vor dem Abitur müde vom Lernen ist, dann wird sie sich sicher sein, dass diese Müdigkeit die ihre ist. Wenn es dann um die Entscheidung geht, welchen Berufsweg sie einschlagen möchte, reden viele mit und fließen zahlreiche unterschiedliche Erfahrungen, Vorschläge, Meinungen, Warnungen und Tipps in die Entscheidungsfindung ein. Bewirbt sie sich schließlich für einen Ausbildungs- oder Studienplatz, ist immer noch selbstverständlich, dass sie es ist, die die Bewerbung verfasst. Doch ob die Entscheidung letzten Endes ihre ist oder ob sie sich den Meinungen anderer unterwirft, ist wahrscheinlich nicht mehr so selbstverständlich. Die Meinung entspringt zwar dem Wort „mein”, kann sich im Alltag aber von der Meinhaftigkeit lösen.

Häufig begegnen uns in der Therapie Menschen, die sich an großen oder kleinen Weggabelungen ihres Lebens nicht entscheiden können, welchen Weg sie einschlagen wollen oder können. Ihre Meinung hat die Verankerung in der Meinhaftigkeit verloren. Manche fragen sogar: „Ist das überhaupt noch mein Leben, das ich führe?” Diese Menschen haben noch eine Ahnung von der Meinhaftigkeit, doch zumindest im Hinblick auf ihre Impulse, ihr Wollen und ihre Entscheidungen ist sie ihnen verloren gegangen. In der Schizophrenie schließlich ist die Meinhaftigkeit so sehr beschädigt, dass auch die Grundäußerungen des Erlebens nicht mehr als selbstverständlich meinhaft erfahren werden. Die Regungen der linken Hand können als fremdgesteuert erlebt werden. Entscheidungen, Gefühle und andere Impulse können nicht mehr wie eigene wirken, sondern als von „außen” auf die Person zukommende betrachtet werden. Dann geht das mit der Meinhaftigkeit verbundene Grundgefühl der Einheit der Person verloren, das im folgenden Zitat benannt wird: „Der ‚Mein-Charakter‘ aller leiblichen Empfindungen ist zugleich ihr integrierendes Moment.” (Fuchs 2000b, S. 13).

Für jede Beeinträchtigung der Meinhaftigkeit gilt: Kreative Leibtherapie ermutigt Klient/innen, vor allem im kreativen Prozess Erfahrungen der Meinhaftigkeit zu machen. Die eigene Leiblichkeit wieder als meinhaft zu spüren und darin von den Therapeut/innen bestätigt und gewürdigt zu werden, ist dann ein Beginn der Veränderung. Dies schlägt sich in der Kreativen Leibtherapie in vielen Methoden und Modellen nieder, zum Beispiel in der Arbeit mit dem Zentralen Ort im Komplexen Theoriemodul der Bedeutungsräume, in Perspektiv- und Haltungswechseln, mit denen die Meinhaftigkeit gestärkt und ermutigt werden soll, und in vielem anderen mehr. Vor allem aber zeigt sich die Würdigung der Meinhaftigkeit in der grundlegenden therapeutischen Haltung der Klient/innen-Kompetenz – für uns Kreative Leibtherapeut/innen der einzige Weg, die Meinhaftigkeit der Klient/innen zu respektieren (s. Kap. 5.7).

2.2.2 Subjektivität

Jedes Erleben ist subjektiv. Die Leiblichkeit eines Menschen kann in Anderen Resonanz hervorrufen, diese können so Aspekte seines Erlebens teilen, andere können das Erleben eines Menschen beeinflussen – doch die subjektive Grundeigenschaft jedes Erlebens bleibt davon unbenommen. „Leiblichkeit ist eine nicht objektivierbare Weise unseres Daseins; sie fundiert und durchdringt all seine Vollzüge als präreflexive, gelebte Subjektivität.” (Fuchs 2000a, S. 333)

Die Leiblichkeit ist – philosophisch gesehen – nicht objektivierbar. Wird das Erleben in seinen Teilaspekten zum Objekt, verliert es seinen leiblichen Charakter, wird dieser Aspekt der Leiblichkeit verkümmert, deformiert, buchstäblich entleibt. Leiblichkeit ist subjektiv und immer originärer Inhalt und Ausdruck der Subjektivität eines Menschen. „Subjektive Sachverhalte können höchstens von einem einzigen Bewussthaber, und nur im eigenen Namen, ausgesagt werden.” (Schmitz 1989, S. 34)

Wenn dies ernst genommen wird, hat es weitreichende Konsequenzen für Diagnostik und Therapie. Wenn Leiblichkeit eine „nicht objektivierbare Weise unseres Daseins” ist, dann kann nicht so getan werden, als gäbe es objektive Kriterien zur Diagnostik der psychischen Erkrankungen von Menschen und damit ihres Leidens. Alle diagnostischen Systeme des ICD-10 oder DSM und die darauf beruhenden diagnostischen Instrumentarien ignorieren entweder die Subjektivität leiblichen Erlebens oder können allenfalls Annäherungen „von außen” ermöglichen. Als Abbild der Subjektivität des Erlebens der Klient/innen sind sie eine Fata Morgana.

Ihren Nutzen haben solche Systeme vor allem als Klassifizierungssysteme, wenn wir uns darauf verständigen, dass sie Gruppen von ähnlichen Phänomenen von Erkrankungen, Störungen und anderen Ausdrücken des Leidens abbilden. Solche Klassifizierungen als Abbild von Ähnlichem sind notwendig, um sich miteinander zu verständigen, und sinnvoll, um ähnliche therapeutische Interventionsweisen auszuprobieren. Doch klar muss sein: Die Subjektivität eines jeden Menschen ist existenzieller Bestandteil seiner Leiblichkeit und somit ist jedes Leiden einzigartig und nur subjektiv zu erfassen. Diagnostische Einsicht bedarf deshalb solcher Methoden, die auf „Objektivität” verzichten. Störungsbilder des ICD-10 oder DSM können deshalb nur Anhaltspunkte sein. Um das Leiden der Menschen zu verstehen, muss ihre Subjektivität ernst genommen werden. Das bedeutet, sie müssen danach gefragt und ihre subjektiven Äußerungen in Worten und Gesten, Bildern und Klängen müssen gewürdigt werden. Das machen Kreative Leibtherapeut/innen und stellen eine Fülle von Methoden zur Verfügung, die die Kompetenz der Klient/innen fördern, ihr subjektives Leiden in Worten, Bildern, Gesten oder Klängen auszudrücken. Therapeut/innen können sich dem subjektiven Erleben der Klient/innen darüber hinaus oft nur darüber annähern, dass sie ihre eigenen Erfahrungen der Zwischenleiblichkeit (s. Kap. 2.2.9) und insbesondere ihre leiblichen Resonanzen ernst nehmen und in den Dienst der Diagnostik und therapeutischen Begegnung stellen.

Kreative Leibtherapeut/innen verzichten deshalb konsequent darauf, kreative Äußerungen der Klient/innen nach scheinbar objektiven Kriterien zu „deuten”. Wenn ein Klient ein Bild malt, hat dies für ihn eine Bedeutung und für die Therapeutin ebenfalls. Beider Bedeutungszumessung ist subjektiv, weil sie Ausdruck dessen ist, wie sie das Bild erleben. Was für den Klienten ein bedrohlicher bunter See ist, der ihn zu verschlingen droht, kann für die Therapeutin ein farbenfrohes Potpourri der Lebendigkeit sein. Ein tiefer Ton kann für die eine Person Ruhe bedeuten und für die andere Angst. In einer aufgerichteten Haltung erlebt sich der eine Mensch würdevoll, der andere wachsam, damit er jede Bedrohung wahrnehmen kann.

Wir verzichten deshalb konsequent darauf, Farben und Formen, Klänge und Bewegungen mit irgendwelchen allgemeinen Bedeutungen zu behaften. Selbst wenn für 90 Prozent der Bevölkerung eine schwarze Farbe mit Trauer gleichgesetzt ist, wissen wir nicht um die Bedeutung der Farbe schwarz für die jeweilige Klientin oder den jeweiligen Klienten – denn wir arbeiten nicht mit Bevölkerungen, sondern mit einzelnen Menschen. Deshalb müssen wir nach dieser persönlichen Bedeutung fragen und die Subjektivität ernst nehmen. In der therapeutischen Begegnung stehen sich zwei Menschen in ihrer jeweiligen Subjektivität gegenüber, die sie miteinander vergleichen und einander so schenken können. Klient/innen können dadurch heilsame Erfahrungen der Begegnung machen, aber nur, wenn und solange ihre Subjektivität respektiert wird und auch die Therapeut/innen ihre Subjektivität ernst nehmen und wertschätzen.

Die Klientin hat ein Bild gemalt, voller schwarzer und dunkelgrauer Farben. Für mich, den Therapeuten, wirkt es düster und ruft in mir Traurigkeit hervor. Ich frage die Klientin: „Was sehen Sie?” Sie antwortet strahlend: „Ein Bild der Ruhe und des Friedens! Ich bin so glücklich, dass mir das gelungen ist. Ich sehne mich so danach, mal keine Farben und anderen Ablenkungen zu haben ...” Sie, und nur sie, kann die subjektive Bedeutung ihres Bildes benennen. Der Therapeut kann, wenn es sinnvoll erscheint, äußern, wie es auf ihn wirkt – aber nur, wenn dies d a n e b e n gestellt und die subjektive Bedeutung, die die Klientin dem Bild gegeben hat, gelassen und gewürdigt wird.

Die Anerkennung der Subjektivität des Erlebens hat also weitreichende Konsequenzen für die Haltung und die Tätigkeit der Therapeut/innen. Kreative Leibtherapie geht davon aus, dass die Therapeut/innen über Kenntnisse verschiedener Zusammenhänge menschlichen Erlebens verfügen und mögliche Richtungen von Veränderungen kennen müssen, die auf solchen Kenntnissen beruhen. Doch zu allererst müssen sie wissen und in ihrer Praxis beherzigen, dass die Subjektivität des Leidens eines jeden Menschen einzigartig ist und deshalb sich jede therapeutische Industrialisierung, wie sie sich in den modischen Therapie-Manualen niederschlägt, verbietet. Handreichungen, die detailliert für jede Stunde einer Therapie Themen, Fragen, Interventionen vorgeben, entwürdigen den Klienten bzw. die Klientin in ihrer Subjektivität und damit in einem Kernbereich ihrer Leiblichkeit. Therapie, wie Kreative Leibtherapie sie versteht, ist Kunst, denn in der Begegnung zwischen Klient/innen und Therapeut/innen begegnen sich zwei einzigartige Personen in ihrer subjektiven Erlebensfähigkeit, so dass jeder Moment dieser Begegnung einen einzigartigen Charakter hat. Und: Therapie ist Handwerk, weil Therapeut/innen wie Künstler/innen über ein solides Handwerkszeug verfügen müssen. Beides zusammen mag als Kunsthandwerk bezeichnet werden und liegt den Besonderheiten leibtherapeutischer Prozesse zugrunde, wie ich sie in Kapitel 6 vorstelle.

2.2.3 Räumlichkeit

Jedes Erleben ist räumlich. Wenn Sie vorhin in dem Kapitel über die Meinhaftigkeit bei dem Experiment, Ihr Herz oder Ihre Hand zu spüren, Ihr Erleben wahrgenommen haben, war dieses Erleben räumlich. Sie haben Ihr Herz wahrscheinlich „innen” wahrgenommen, vielleicht als „eng”, vielleicht als Sie „ausfüllend” – oder, wenn Sie gerade verliebt sein sollten, auf eine andere Person „gerichtet” oder „die Welt umarmend”. All diese Worte beschreiben Raumerleben. Wenn ich mich „niedergedrückt” fühle, ist dies eine räumliche Beschreibung meines Erlebens, in der sich mein Befinden ausdrückt. Andere räumliche Erlebensbeschreibungen betreffen eher bestimmte Regionen, die von Herrmann Schmitz als Leibinseln (Schmitz 1998b, S. 25ff) bezeichnet werden: den Schmerz im Fuß nach langer Wanderung oder den Hunger im Bauch.

Um es zu wiederholen: Jedes Erleben ist räumlich. Merleau-Ponty sagt deshalb: „Ich bin nicht im Raum und in der Zeit, ich denke nicht Raum und Zeit; ich bin vielmehr zum Raum und zur Zeit, mein Leib heftet sich ihnen an und umfängt sie.” (Merleau-Ponty 1996, S. 117) Die Räumlichkeit des Leibes ist selbstverständlich, sie bedarf nicht des Denkens oder eines bestimmten Verhaltens. Diese Räumlichkeit bezeichne ich als „erlebten Raum” oder „Raumerleben” und unterscheide ihn von dem messbaren „geometrischen Raum”, dessen Weite oder Volumen mathematisch berechnet werden kann. Plessner nennt den geometrischen Raum „raumerfüllend”, den Erlebensraum „raumbehauptend”: „Jedes physische Körperding ist im Raum, ist räumlich. Seine Lage besteht, was ihre Messung angeht, in Relationen zu anderen Lagen und zur Lage des Beobachters. (…) Ein raumerfüllendes Gebilde ist an einer Stelle. Ein raumbehauptendes Gebilde dagegen ist dadurch, dass es über ihn hinaus (in ihn hinein) ist, zu der Stelle ‚seines‘ Seins in Beziehung. Es ist außer seiner Räumlichkeit in den Raum hinein oder raumhaft und hat insofern seinen natürlichen Ort.” (Plessner 1975, S. 131f)

Welche Worte man auch immer benutzen mag, um die Unterscheidung zu treffen, ich entscheide mich für die verständlichen Bezeichnungen „erlebter Raum” und „geometrischer Raum”. Wir begegnen hier (und an anderen Stellen) dem Doppelcharakter mancher Aspekte der Leiblichkeit. Wie bei der Unterscheidung zwischen Körper und Leib gibt es einen Begriff, der das Erleben betont, und einen, der die Objektivierbarkeit und die Objekthaftigkeit bezeichnet. Beim Raum gibt es den objektivierbaren Raum der Landvermesser, die Höhengrade und Kilometer-Entfernungen feststellen – und das Raumerleben, das uns in der Kreativen Leibtherapie interessiert.

Unser räumliches Erleben geht über ein als „innen” vorstellbaren leiblichen Eigenraum hinaus.

Wenn Sie mit geschlossenen Augen Ihre Hand spüren, werden Sie keine klaren Grenzen zwischen innen und außen wahrnehmen. Wenn Sie eine Hand fordernd nach vorne ausstrecken, wird sich Ihr Erleben nach vorne richten, über die körperliche Grenze der Hand hinaus. Wenn Sie Ihre Arme aus einer Verschränkung heraus ausbreiten, schaffen Sie einen erlebten Raum zwischen den ausgebreiteten Armen und darüber hinaus.

Fuchs drückt dieses räumliche Erleben so aus: „Das leibliche Spüren spannt also einen dynamisch strukturierten Raum auf, der zwar ohne die gleichzeitige Vorstellung der sichtbaren Körpergrenzen nur unscharf und zerfließend, aber doch als unmittelbare Wirklichkeit erlebt wird.” (Fuchs 2000a, S. 89)

Unsere Sprache ist voller Wendungen und Formulierungen, die das Raumerleben bezeichnen:

Ich brauche mehr Rückendeckung.

Ich habe Schwierigkeiten einen festen Standpunkt zu beziehen.

Ich finde in dieser Gruppe keinen Platz.

Du engst mich ein.

Ich verliere den Boden unter meinen Füßen.

In der Therapie begegnen wir in Sprache und Gestik einer Fülle räumlicher Phänomene, die wir mit dem Wissen um die Räumlichkeit des Erlebens besser verstehen und aufgreifen können.

Der Klient erzählt von einem Streit mit seiner Partnerin und sagt: „Meine Frau nimmt mir den Raum. Ich fühle mich so eingeengt.”

Der Therapeut schlägt vor: „Legen Sie doch mal mit einem Seil den engen Raum, den Ihre Frau Ihnen lässt.”

Der Klient legt einen Kreis von gut einem Meter auf den Boden und stellt sich hinein. „Da bleibt mir fast die Luft weg, so eng fühle ich mich.”

„Welchen Impuls haben Sie, wenn Sie so in diesem Raum stehen?”

„Abzuhauen.”

„Was hält Sie fest?”

„Hier ist es sicher.” (...)

Und so geht es weiter. Der Mann legt schließlich mit Seilen den Raum auf den Boden, den er „braucht” und sich wünscht. Ein „Zwischenraum” kommt hinzu, der Raum seiner Frau, ein gemeinsamer Raum usw. Immer werden räumliche Bemerkungen „beim Wort” genommen und immer werden räumliche Qualitäten des Erlebens sichtbar, spürbar und veränderbar.

Den grundsätzlich räumlichen Charakter jedes Erlebens nimmt Thomas Fuchs zum Anlass, eine sehr differenzierte Analyse des Raumerlebens vom primär leiblichen Raum über den Richtungsraum, Stimmungsraum und personalen Raum bis hin zum Lebensraum vorzunehmen. Darauf werden wir in Kapitel 4.3.3 der „Big Ten” ausführlicher eingehen und verdeutlichen, wie sich die räumliche Qualität des Erlebens in der Theorie und Praxis Kreativer Leibtherapie manifestiert. Auch in den Raum- und Richtungs-Leibbewegungen und anderen Modellen Kreativer Leibtherapie ist die räumliche Qualität des Erlebens Grundlage. Dies gilt ebenso für zahlreiche Methoden Kreativer Leibtherapie (wie das Verraumen), die nur „funktionieren”, weil die Räumlichkeit Grundqualität jeden Erlebens ist.

Den Leib als „Zentrum räumlichen Existierens” (Fuchs 2000a, S. 15) zu verstehen, bedeutet nicht, ihn einem „Innen” zuzuordnen, dem ein „Außen” gegenüber steht.

„Das seelische Erleben – unsere Empfindungen, Triebregungen, Gefühle, Stimmungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedanken – ist als solches nicht irgendwo im Raum unseres Körpers lokalisierbar, auch nicht im Gehirn. Es ist überhaupt nicht nur irgendetwas in uns. Seelisch sind wir bei den Dingen und Menschen, die wir wahrnehmen und auf die wir zugehen, nehmen wir Anteil oder hängen an etwas, fühlen uns angezogen oder abgestoßen. Man kann sogar sagen, je mehr sich unser Seelenleben entfaltet, vor allem in unseren Gefühlen, um so mehr strömt es nach außen, verbindet es uns mit den Dingen und noch mehr mit den Menschen; es bringt sie in unsere Nähe und uns in ihren Raum, ihre Atmosphäre, selbst wenn sie dabei örtlich in weiter Distanz bleiben. Das Organ, das Medium und der ‚Resonanzkörper‘ dieser Teilnahme und Teilhabe aber ist der Leib. Durch ihn ist alles seelische Erleben zugleich ein konkret-räumliches. Der Leib vermittelt eine ursprüngliche seelische Partizipation an der Welt.” (Fuchs 2000a, S. 21)

Fuchs redet von Innen und Außen als von den beiden Polen Leib und Welt, in denen sich Leiblichkeit bewegt: „Leiblichkeit besteht nicht im Gegenüber oder in der Verbindung zweier Räume (‚Innen‘ und ‚Außen‘), sondern im Prozess der Vermittlung zwischen den Polen von Leib und Welt.” (Fuchs 2000a, S. 90)

Bei vielen Klient/innen ist dieser Prozess der „Vermittlung zwischen den Polen” gestört bzw. gestört worden. Sie „verlieren” sich im Außen oder sind „eingesperrt” im Innen. Sie wenden sich nicht mehr der Welt zu (oder können dies nur um den Preis starker Ängste) oder sie fühlen sich in ihrem Innenraum „abgeschnitten”. Für die therapeutische Haltung hat das Verständnis der Räumlichkeit als Bewegung zwischen Polen dann die wesentliche Konsequenz, dass die Kreativen Leibtherapeut/innen „Anwälte” der Vermittlung zwischen den Polen werden und die Klient/innen darin unterstützen, eigene und neue Wege der Verbindung zu suchen. Dies widerspricht einer therapeutischen Haltung, die darauf hinarbeitet, dass die Klient/innen sich zwischen einer Orientierung am „Innen” oder am „Außen” entscheiden, und die so die Spaltung zwischen „Innen” und „Außen” aufrecht erhält.

Auch jede Begegnung zwischen Menschen ist eine räumliche. Beschreibungen von Begegnungen und Begegnungsstörungen sind dementsprechend voll von räumlichen Bezeichnungen:

 Du bist mir zu nahe.

 Du bist zu weit weg, ich erreiche dich nicht.

 Du lässt mir keinen Raum.

Kreative Leibtherapie ringt immer um ein Verständnis des Raumerlebens und ist folglich immer auch eine Therapie des Raumerlebens.

2.2.4 Zeitlichkeit

Dem Erleben wohnt immer eine zeitliche Dimension inne. Es gibt die objektiv messbare Zeit der Stoppuhren und Stempeluhren, der Sekunden, Tage und Jahre. Und es gibt die erlebte Zeit. Eine Stunde oder ein Tag können sich „unendlich dahin ziehen” oder „wie im Flug vorbei” sein. Das Zeiterleben ist eine Qualität der Leiblichkeit und ist verknüpft mit anderen Leibqualitäten: Es ist meinhaft und subjektiv, es pulsiert usw.

Die erlebte Zeit hat darüber hinaus bestimmte Besonderheiten. Zuallererst einmal ist sie gegenwärtig. Wir Menschen spüren uns jetzt und hier. Und wenn wir Vergangenes spüren, dann erleben wir es jetzt, weil es in der Gegenwart für uns von Bedeutung ist. Wenn wir Menschen uns nach etwas sehnen, das in der Zukunft liegt, dann sehnen wir uns jetzt.

Bei vielen Klient/innen ist diese Gegenwärtigkeit des Zeiterlebens gestört. Sie leben und erleben sich, als wären sie in der Vergangenheit, oder sind in all ihrer Lebendigkeit damit beschäftigt, was geschehen soll. Oft hat das die Funktion, von gegenwärtigem Erleben, das unerträglich oder nicht zugänglich ist, abzulenken. Therapeutische Bemühungen werden sich dann zumeist darauf richten, Achtsamkeit für das Erleben im Hier und Jetzt zu fördern. In der „Jetzthaftigkeit” sortiert der Leib aus dem Vergangenen und Zukünftigen aus, was subjektiv von Bedeutung ist. Wir Menschen können einen „objektiven” Lebenslauf mit chronologisch angeordneten Daten und Fakten verfassen, und wir können „subjektiv” erzählen oder aufschreiben, was in unserer Geschichte j e t z t für uns von Bedeutung ist (s. a. Kap. 2.1.7: Intentionalität).

Oft hat vergangenes Erleben Macht über Klient/innen und überlagert das gegenwärtige. Flashbacks traumatischer Erfahrungen führen dazu, dass man Grauenvolles so erlebt, „als wäre es jetzt”. Das Leibgedächtnis, mit dem wir uns noch näher beschäftigen werden, lässt Vergangenes gegenwärtig werden. Das kann ein Fluch sein wie bei traumatischen Erfahrungen oder ein Segen, wenn wir Therapeut/innen es, wie bei Menschen mit Demenzerkrankungen, nutzen, um ihre verschütteten Ressourcen in der Gegenwart wiederzubeleben.

Manchmal überlappen Erinnerungen oder Visionen, z. B. Angstvorstellungen, das gegenwärtige Erleben oder überschwemmen es sogar. Doch das ist nur e i n Phänomen, unter dem Menschen leiden können. Genauso häufig sind Phänomene, dass das Zeiterleben zwangsfokussiert und unter einem bestimmten Gesichtspunkt eingeengt ist. Schuldgefühle z. B. können dazu führen, dass das Erleben der Gegenwart nur noch oder überwiegend von der Vergangenheit bestimmt wird. Alles wird nur noch unter dem Filter der wirklichen oder vermeintlichen Schuld wahrgenommen; das gegenwärtige Handeln wird darauf ausgerichtet, die Schuld zu verbergen oder „ungeschehen” zu machen oder schuldhaftes Geschehen „wieder gut” zu machen.

Oft ist auch das Erleben der Zukunft nicht angebunden an das Jetzt, sondern fast wie abstrahiert von der eigenen Person und dem gegenwärtigen Erleben. Dabei können Menschen sich verlieren, als würde der Faden zwischen Gegenwart und Zukunft zerschnitten. „Zukunft braucht Herkunft”, betitelte Odo Marquard die Veröffentlichung seiner philosophischen Essays (2003). Ich möchte ergänzen: Zukunftgerichtetes Leben und Erleben braucht die Verankerung der Vergangenheit in der Zentralität der Gegenwart. (Zentralität ist eine weitere Qualität des Erlebens, s. Kap. 2.2.6.)

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu. Tiere und auch Säuglinge richten sich im unmittelbaren Fluss ihrer Leiblichkeit auf die Zukunft hin. Sie folgen ihren Bedürfnissen und Impulsen. In späteren Jahren erwerben Menschen die Fähigkeit, diesen zukunftsgerichteten Fluss der Leiblichkeit zu unterbrechen. Sie halten inne. Dies kann darin bestehen, dass sie nachdenken, ob der eingeschlagene Weg der richtige und sinnvolle ist. Das Innehalten geht aber über das bloße Denken hinaus. Es kann ein Moment des Spürens sein, z. B., ob das Handeln und die zukunftsgerichteten Impulse wirklich meinhaftig sind. Die Impulse des Innehaltens können auch eher in von außen kommenden Vorwürfen oder Befürchtungen wurzeln. In diesem Innehalten stecken zu bleiben, kann genauso Leiden hervorrufen wie das Fehlen der Fähigkeit, überhaupt innezuhalten.

So entsteht der Doppelcharakter des Erlebens, der – wie in so vielen anderen leiblichen Aspekten – auch im Zeiterleben auftritt.

2.2.5 Pulsieren

„Leben ist Bewegung, kann ohne Bewegung nicht stattfinden.” (Plessner 1975, S. 132) Leiblichkeit ist also immer Prozess, nie starrer Zustand – ist Veränderung, nie Status. Dieser Prozess, diese Bewegung vollzieht sich nicht linear, nicht gradlinig, sondern pulsierend, wie ich es nennen möchte.

Die äußeren Lebensbedingungen eines Menschen sind einem pulsierendem Rhythmus unterworfen: Tag und Nacht wechseln einander ebenso ab wie die Jahreszeiten. In der Biologie des Menschen werden Rhythmen vor allem im Atmen und im Herzschlag spürbar.

Diese äußeren oder biologische Lebensbedingungen sind eng verknüpft mit dem Pulsieren der Leiblichkeit. Wenn es uns friert, legen wir oft die Arme um den Körper und machen uns eng. Wenn die Sonne scheint, recken wir uns ihr entgegen, weiten uns, öffnen uns … Im Atmen ist der körperliche Prozess des Hinein und Hinaus untrennbar verbunden mit der damit verwobenen leiblichen Erfahrung. Wir weiten uns beim Atmen und engen uns wieder ein, so wie wir uns auch in unserem Erleben der Welt öffnen oder uns von ihr zurückziehen.

Menschen sind in ihrem Erleben nie „nur außen” oder „nur innen”, sondern befinden sich in einem pulsierenden Prozess des Engens und Weitens, des Hinein und Hinaus oder sonstiger leiblicher Befindlichkeiten. Herman Schmitz beschreibt dies als Spannung oder Schwellung. Thomas Fuchs redet von der „Dynamik des Leibes” (Fuchs 2000a, S. 104). In der Analyse der räumlichen Qualität des Erlebens sind wir schon der hier beschriebenen Qualität des Pulsierens begegnet. Wenn sich der Mensch in seinem Erleben in einem „Prozess der Vermittlung” zwischen den Polen Leib und Welt bewegt, dann geschieht dies pulsierend: engend und weitend, hinein und hinaus, anspannend und lösend. Wir legen dieses Pulsieren zwischen leiblichen Befindlichkeiten den theoretischen Modellen, der Diagnostik und der therapeutischen Arbeit mit den Raum- und Richtungsleibbewegungen (Kap. 4.3.7) und den Konstitutiven Leibbewegungen (Kap. 4.3.8) zugrunde.

Das Pulsieren vollzieht sich keineswegs in einem stetigen, gleichen Rhythmus, sondern ist unregelmäßig und individuell einzigartig. Ebenso einzigartig ist das Panorama der Störungen und Beeinträchtigungen des Pulsierens. Um die leibliche Qualität des Pulsierens zu wissen, ist deshalb wichtig für die leibtherapeutische Diagnostik jedes einzelnen Menschen.

Menschen mit starker Depression leiden zumeist darunter, dass das Pulsieren nicht mehr gelingt, sondern durch eine „Restriktion”, „ein Erstarren in der Enge des Leibes” (Fuchs 2000b, S. 100), abgelöst wurde. Das leibliche Pulsieren ist in einem eingeengten Zustand erstarrt, aus welchen Gründen auch immer. Die Menschen sind von sich aus nicht in der Lage, ihr Pulsieren wieder in größerem Maße zu reaktivieren, und bedürfen dabei der therapeutischen Hilfe.

In der kreativ-therapeutischen Arbeit bedeutet das Wissen um die erstarrte Engung z. B., solchen Menschen keine großen und freien Bewegungen anzubieten oder kein Malen auf großformatigem Papier vorzuschlagen, denn dazu sind sie aufgrund der Engung zumeist nicht in der Lage. Kleine Bewegungen und kleine Papierformate können eher dem eingeschränkten Maß des Pulsierens entsprechen, damit von dort aus kleine Schritte der Erweiterung beschritten werden können.

Auch an diesem Beispiel wird deutlich, dass ein Verständnis der Qualitäten des Erlebens unmittelbar praktische Relevanz bewirkt. Die kreativen Methoden der Kreativen Leibtherapie können Menschen, die von Einschränkungen des Pulsierens betroffen sind, niedrigschwellige Möglichkeiten bieten, kleine oder große Veränderungen ihres Pulsierens zu erleben. Im Musizieren können verschiedene Rhythmen ausprobiert werden und Klänge „nach innen” oder zu anderen hin geschickt werden. In der künstlerischen Arbeit bieten sich unterschiedlich große Formate an, sich in der Gestaltung Raum zu nehmen oder sich wieder zurückzuziehen. Und im Tanz wird das Pulsieren so spürbar und augenscheinlich, dass man sagen kann: Tanz ist pulsierende Bewegung, Tanzen ist ein Angebot, sich als pulsierender Mensch zu erleben. Bei all dem begegnen die Klient/innen auch den Einschränkungen ihres Pulsierens und den Verletzungserfahrungen, die meist als Ursache dahinter stehen. U n d sie können neue Erfahrungen machen und die leibliche Qualität als pulsierende Menschen erleben.

2.2.6 Zentralität

Im vorherigen Kapitel habe ich das Pulsieren als Qualität der Leiblichkeit beschrieben: „Die Beziehung von Leib und Umwelt ist eine polare: Jeder Pol ist, was er ist, nicht ohne den anderen; und beide sind miteinander vermittelt durch leibliche Richtungen.” (Fuchs 2000a, S. 120) Diese Richtung der Leiblichkeit hat einen Ausgangspunkt, ein Zentrum. Dieses Zentrum ist weder anatomisch zu lokalisieren noch geometrisch zu definieren. Fuchs bezeichnet die „Zentralität des Leibes” (a.a.O.) als „einen (nicht näher lokalisierbaren) ‚Quellpunkt‘, dem die leibliche Dynamik entspringt”, als „ein vitales Zentrum der Person, das zwar nie als solches zur Gegebenheit kommt, aber in allen gerichteten leiblichen Äußerungen erscheint”. (Fuchs 2000a, S. 109)

Eine Klientin, die an den Folgen mehrfacher Traumatisierung litt, war verzweifelt: „Ich verliere mich, ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin!” Die Verletzungen, die ihr zugefügt worden waren, hatten sie in ihren Grundfesten erschüttert, ihren Intimen Raum (s. Kap. 4.5.1) verletzt, so dass ihre Selbstsicherheit und Selbstverständlichkeit erschüttert war. Als Kreative Leibtherapeut/innen arbeiten wir mit solchen Klient/innen meist am zentralen Ort, den wir in der leiborientierten Traumatherapie „unzerstörbaren Kern” nennen.

Die Therapeutin bat die Klientin, für kurze Zeit ihrem Atem zu lauschen und ihrem unzerstörbaren Kern nachzuspüren: „Und wenn uns Menschen noch so sehr Schlimmes angetan wurde, wir haben einen unzerstörbaren Kern in uns, dem niemand etwas antun kann, solange wir leben. Ich bin sicher, auch Sie haben ihn und können ihn finden. Dieser Kern erscheint auf keinem Röntgenschirm und Sie finden ihn in keinem Anatomieatlas – aber Sie, und nur Sie, können ihn in sich spüren.”

Die Klientin ging auf die Suche und legte nach einiger Zeit eine Hand auf eine Stelle neben ihrem Herzen.

„Gehen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit auf diese Stelle und schenken Sie Ihrem unzerstörbaren Kern Ihre Achtsamkeit. Wie sieht er aus? Welche Form hat er? ...” Und danach gestaltete die Klientin ihren unzerstörbaren Kern aus Ton. (...)

Helmuth Plessner bezeichnet die Leib-Qualität der Zentralität als „kernig”: „Lebendige Dinge stehen nicht nur im Aspekt eines Kerns, erscheinen ‚vom Kern her‘, sondern sind kernig, kernhaltig. Dieser Kern hat das Ding mit allen seinen Teilen in ihrer Wirkeinheit, er hat die Gestalt mit ihren Eigenschaften, denn er ist (…), weil der Sinn seines Wesens darin liegt, Subjekt des Habens zu sein.” (Plessner 1975, S. 161)

In der Kreativen Leibtherapie arbeiten wir oft an und mit dieser Zentralität bzw. Kernigkeit des Erlebens. Hilfreich ist es, die Klient/innen dabei zu unterstützen und sie zu ermutigen, einen Ort oder Klang der Zentralität in sich zu spüren und ihm einen Ausdruck zu geben: durch ein Bild oder Objekt, eine Bewegung oder einen Klang. Dieser Prozess hilft ihnen, sich die oft verschüttete Zentralität wieder anzueignen und eine Beziehung zu ihr herzustellen.

Die Dynamik, die in der Zentralität des Leibes zum Tragen kommt, wird psychologisch oft als Antrieb beschrieben. Phänomenologisch wird darunter eine „leiblich verankerte Disposition zur Mobilisierung der expansiven Richtungen” (Fuchs 2000a, S. 107) verstanden. Die Zentralität des Leibes ist nicht selbstgenügsam, sondern weist in all ihren leiblichen Regungen über sich hinaus, zu einem Wollen, Können und Handeln.

Dieser Aspekt der Leiblichkeit ist den meisten Menschen selbstverständlich, wobei auch offenbar ist, dass es Menschen mit unterschiedlich ausgeprägtem Antrieb gibt. Manche sind sehr antriebsschwach, andere extrem antriebsstark und vital. Die Bedeutung der dynamischen Qualität der Zentralität des Erlebens wird vor allen Dingen dann deutlich und begegnet uns bei Klient/innen, wenn die Antriebskraft ganz oder nahezu erlischt. Dies ist bei Depressionen oder anderen psychiatrischen Erkrankungen der Fall. Druck oder gutes Zureden und andere sogenannte Motivationsmaßnahmen gehen ins Leere, weil die dynamische Qualität der Zentralität des Leibes eingeschränkt oder erloschen ist. Sie muss wiederbelebt und gestärkt werden, andere Bemühungen gehen ins Leere. Eine andere Ausdrucksweise der Störung dieser leiblichen Qualität besteht darin, dass der Antrieb sich von seinem Quellpunkt löst und verselbstständigt. Menschen sind aktiv, angestrengt, kraftvoll und höchst vital und werden bei extremer Ausprägung als manisch erlebt – ohne zu wissen und vor allem ohne sich sicher zu sein, was sie bewegt, warum und mit welchem Sinn sie all ihre Aktivitäten vollbringen. Hier ist die leibliche Verbindung zum Quellpunkt verloren gegangen, Antrieb und daraus folgende Aktivitäten werden auf Dauer als leer und schal erlebt und ihr Maß geht verloren.

Bei manchen psychischen Störungen gibt es Phänomene der Derealisierung, das heißt, dass die Wirklichkeit der Lebenswelt als unvertraut und teilweise unreal erlebt wird. Dieses Erleben ist Ausdruck der geschwächten oder gar fehlenden Zentralität des Erlebens, denn die Zentralität stiftet den Wirklichkeitsbezug: „Der Leib bleibt daher immer unser Garant für die Wirklichkeit, für die ‚Leibhaftigkeit‘ dessen, was uns begegnet. (…) Was wirklich ist, steht in gegenwärtiger Beziehung zu meinem Leib; er ist das Zentrum aller Orientierung.” (Fuchs 2002, S. 169)

Ein weiterer Aspekt der Zentralität des Leibes ist seine Räumlichkeit. Das Gerichtetsein aus dem Zentrum, das Gerichtetsein im Pulsieren zwischen Leib und Umwelt hat auch eine Dimension des Raumerlebens: Wohin richtet sich mein Wollen und Handeln, welche Richtungen schlage ich ein, aus welcher Richtung erlebe ich andere –von hinten, nach vorn, hoch hinaus oder tief hinunter usw.? Die Zentralität des Leibes wird dabei zumeist nicht wahrgenommen, sondern bleibt im Hintergrund des Erlebens. „Die Perspektivität unserer primären Umweltbeziehung ist Ausdruck der Zentralität des Leibes, auf den zunächst alles Wahrgenommene bezogen ist. (…) Der Leib ist der raumzeitliche Nullpunkt, der Quell- und Zielpunkt aller Wahrnehmungs- und Bewegungsrichtungen. Auch wenn ich ganz in einer Wahrnehmung oder Handlung engagiert bin, bleibt der immer mitgegebene Hintergrund, von dem ich mich nicht lösen kann.” (Fuchs 2000b, S. 65)

2.2.7 Intentionalität

Intentionalität ist ein zentraler Begriff der Phänomenologie, der von Clemens von Brentano und Edmund Husserl eingeführt wurde. Von Husserl über Merleau-Ponty bis zu den aktuellen phänomenologischen Philosophen wie Waldenfels ist die Intentionalität Grundlage des Verständnisses von Leiblichkeit. „Intentionalität ist der Grundbegriff, der in der Phänomenologie aufgekommen ist und auch in die Hermeneutik hineinspielt. Er besagt, dass jedes Erleben sich auf etwas bezieht, indem es dieses in einem bestimmten Sinne meint.” (Waldenfels 2000, S. 367)

Konkret ist gemeint, dass jedes leibliche Handeln, jeder leibliche Impuls mit einer Bedeutung behaftet ist. Intentionalität wird als untrennbarer Bestandteil der Leiblichkeit verstanden.

Nehmen wir ein Beispiel: Sie sitzen am Frühstückstisch und greifen nach Ihrer Tasse Tee oder Kaffee. Dies ist für Sie wie für die meisten Menschen wahrscheinlich ein präreflexiver Vorgang. Sie überlegen nicht, sondern greifen aus dem leiblichen Impuls des Durstes oder des Genussbedürfnisses zur Tasse. Wahrscheinlich bekommen Sie dies gar nicht bewusst mit. Sie unterhalten sich dabei, lesen Zeitung oder dösen vor sich hin. Der Griff zur Tasse während des Frühstücks ist zur Gewohnheit geworden.

In diesem einfachen Vorgang sind viele Trennungen aufgehoben, von denen manche psychologischen Konstrukte und Experimente ausgehen. Es gibt in dem geschilderten Vorgang weder eine bewusste Entscheidung (Sie haben Durst und entscheiden sich deshalb, etwas zu trinken) noch ein daraus entstandenes Wollen (Sie wollen jetzt zur Tasse greifen) oder eine sich dann daraus ergebende motorische Bewegung (Sie strecken Ihren Arm und Ihre Hand aus, greifen um den Tassenhenkel …). Nein, es ist ein fließender, ein in sich stimmiger und ungeteilter Vorgang, die motorische Bewegung ist von ihrem Sinn, von ihren Bedeutungen nicht abgetrennt, sondern in dem Bewegungsimpuls, im Ausstrecken der Hand nach der Kaffeetasse ist die Bedeutung dieser Bewegung enthalten. Das meint Intentionalität.

An dieser Stelle können wir wieder einmal feststellen, dass die Aufspaltungen dieses in sich geschlossenen leiblichen Vorgangs, wie sie manchen naturwissenschaftlich orientierten Konzepten zu Grunde gelegt werden, nicht den Allgemeinzustand menschlicher Leiblichkeit wiedergeben, sondern besondere pathologische Ausnahmen bilden. Wer nach einer Operation seines Armes diesen mühsam wieder zu bewegen lernen muss, braucht die Aufteilung in verschiedene Schritte: Ich möchte etwas trinken … ich muss meinen Arm bewegen, und zwar in diese Richtung und mit dieser Intensität… ich muss mich konzentrieren, die Tasse zu fassen … usw. Im alltäglichen Zustand sind diese Trennungen jedoch aufgehoben.

Die Intentionalität leiblicher Regungen und Bewegungen hat enorme Konsequenzen für die therapeutische Arbeit der Kreativen Leibtherapeut/innen. Wir versuchen der Intentionalität bei störendem und verstörendem Verhalten von Menschen auf die Spur zu kommen. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass jedes Verhalten eines Menschen ursprünglich intentional ist, also einen Sinn hatte. Die Hocherregung und Erstarrung einer traumatisierten Frau hatte ursprünglich eine sinnvolle Schutzfunktion während des traumatischen Ereignisses. Sie hat sich später von der ursprünglichen Sinnhaftigkeit gelöst und führt zu Einschränkungen der Wahlmöglichkeiten des Verhaltens und Lebens. Verstehen können wir sie aber nur in ihrer ursprünglichen Intentionalität.

Oft kann man die ursprüngliche oder wesentliche Intentionalität des als störend oder pathologisch empfundenen und so scheinenden Verhaltens eines Menschen nicht herausfinden. Doch in vielen Fällen und Situationen ist dies der notwendige und wichtige Ansatz und wir Therapeut/innen können gemeinsam mit den Klient/innen dem auf die Spur kommen. Wenn wir unruhigen Kindern begegnen, gehen wir erst auf die Suche und fragen, was sie beunruhigt – und versuchen nicht gleich gegen die Unruhe zu intervenieren. Wenn wir mit einem aggressiven alten Herrn in einem Altenheim arbeiten, bemühen wir uns, die Quelle seiner Aggressivität herauszufinden, die vielleicht in seiner Hilflosigkeit liegen mag. Der Bedeutung und damit dem Sinn als störend empfundenen Verhaltens nachzuforschen, ist Grundlage unserer diagnostischen Einstellung und damit auch unserer therapeutischen Arbeit. Sie entspringt unserem Verständnis von Intentionalität.

Das gilt auch für die Fälle, in denen Impulse leiblicher Regungen und sonstige lebendige Äußerungen eines Menschen abgebremst werden oder stocken. Wenn eine Frau ihren Freund mit ihrer Hand berühren möchte, aber diesen Vorgang aus Angst oder Scham unterbricht, dann wird die Intentionalität ihrer Bewegung nicht in der ausgeführten Bewegung sichtbar, sondern im erstarrten Bewegungsansatz. Solchen zurückgehaltenen und gebremsten Bewegungsimpulsen begegnen wir oft in den Schattenbewegungen, mit denen wir in der Kreativen Leibtherapie, vor allem in der Tanz- und Bewegungstherapie und in der Kreativen Traumatherapie, arbeiten. Unter Schattenbewegungen werden Bewegungen verstanden, die nur im Kleinen oder im Ansatz ausgeführt werden und dem Menschen nicht mehr bewusst sind. Sie können, wenn sie bewusst werden und ohne Stocken fortgeführt werden, wertvolle Hinweise zu gebremsten leiblichen Impulsen geben. Deswegen werden solche Schattenbewegungen von Kreativen Leibtherapeut/innen auch nicht gedeutet, sondern es werden den Klientinnen und Klienten Angebote gemacht, mit diesen Schattenbewegungen selbst zu experimentieren und der in ihnen verborgenen eigenen Intentionalität auf die Spur zu kommen (Frick-Baer 2009).

2.2.8 Wirksamkeit

Menschen brauchen die Erfahrung, etwas bewirken zu können. Wenn eine Partnerin in einer Paarbeziehung äußert: „Es ist egal, was ich versuche, ich erreiche nichts. Und ich erreiche meinen Mann nicht”, und es bei solchen Erfahrungen bleibt, dann ist dieser Beziehung keine lange Zukunft vorherzusagen. Das Gefühl der Wirksamkeit ist den meisten Menschen so selbstverständlich, dass es kaum Beachtung findet. Erst wenn diese Wirksamkeit eingeschränkt ist, verboten wird oder ins Leere geht, dann wird ihr Fehlen zum Problem, kann zu Verunsicherung und Selbstabwertung führen und den gesamten Prozess des Erlebens einschränken.

Deshalb zähle ich die Wirksamkeit zu den Grundqualitäten der Leiblichkeit. Maurice Merleau-Ponty schrieb, dass der Mensch sich leiblich in seinem Handeln erfährt, und fasste diesen Aspekt prägnant zusammen: „Mein Leib ist da, wo er etwas zu tun hat.” (Merleau-Ponty 1966, S. 291)

Um die Bedeutung der Wirksamkeit zu verstehen, ist es hilfreich, auf den „Gestaltkreis” von Viktor von Weizsäcker Bezug zu nehmen. Viktor von Weizsäcker beschrieb in seinem „Gestaltkreis” eine Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen. Die Trennung in der naturwissenschaftlichen Medizin zwischen Wahrnehmungsmechanismen und Bewegungsapparat ist demnach nicht haltbar. Er beschreibt dies am Drehtürprinzip:

Ein Mensch bewegt sich in einer Drehtür, und darin wird diesem Menschen die Wahrnehmung der Bewegung sowohl der Tür als auch der eigenen Person sichtbar und spürbar – und gleichzeitig ist die Bewegung Ergebnis und sogar Teil der Wahrnehmung. Das Wechselverhältnis zwischen Bewegung und Wahrnehmung nennt er „Gestaltkreis” (von Weizsäcker 1997b, S. 83ff).

Dieses Wechselverhältnis zwischen Bewegen und Wahrnehmen verdichtet sich in der leiblichen Qualität der Wirksamkeit. Ohne das Grundgefühl, dass das eigene Drücken gegen eine Drehtür diese in Bewegung setzen wird, würde kein Mensch durch eine Drehtür gelangen. Schon in der Wahrnehmung der Drehtür ist diese Grunderwartung von Wirksamkeit enthalten.

Deutlich wird dieser Zusammenhang vor allem in der Entwicklung von Kleinstkindern in den ersten Lebensmonaten. Säuglinge machen die Erfahrung, dass sie Wirkung erzielen, wenn sie schreien oder strampeln. Und wenn sie die Erfahrung machen, dass niemand kommt, dass niemand auf ihre Äußerungen reagiert, dann werden diese Äußerungen entweder verzweifelter oder die Kinder resignieren und lassen in Wahrnehmung, Bewegung und anderen Impulsen nach. Werden aus Säuglingen Kleinkinder, wissen alle Eltern ein Lied davon zu singen, wie ihre Jungen und Mädchen ihre Wirksamkeit in ihrem Handeln entdecken und zum Beispiel immer wieder einen Löffel greifen und vom Tisch fallen lassen: Es klingt so schön und es kommt jemand und hebt ihn wieder auf. Piaget beschrieb diesen Prozess als eine Erweiterung des Gestaltkreises zu einem „Zweck-Mittel-Erfolgs-Kreis” (Piaget 1974, S. 220).

In der therapeutischen Arbeit begegnen uns Störungen der Leibqualität der Wirksamkeit vor allem als Einschränkungen der Beziehungswirksamkeit. In Problemen der Beziehungswirksamkeit nehmen die unterschiedlichsten Wirksamkeitsphänomene ihren Ausgangspunkt. Auch der Brandstifter, der Gegenstände anzündet, um ein Wirksamkeitsgefühl zu erleben (es brennt, die Feuerwehr löscht, die Presse berichtet, andere Leute haben Angst …), agiert sein fehlendes Wirksamkeitsgefühl an den Objekten aus, die er anzündet. (Wohlgemerkt: Das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung.) Doch die größte Befriedigung erfährt er dadurch, dass und wie andere Menschen auf sein Handeln reagieren. Die Vermutung drängt sich auf, dass sein Gefühl von Wirkungslosigkeit seinen Ursprung in zwischenleiblichen Erfahrungen hatte. Solchen Zusammenhängen sind wir Leibtherapeut/innen in therapeutischen Prozessen immer wieder begegnet.

Eine Klientin litt an der Erfahrung und dem Gefühl der Nein-Wirkungslosigkeit. Sie hatte sexuelle Gewalt erleiden müssen, ihr Nein war nicht gehört worden.

Die andere Klientin litt an der Erfahrung und dem Gefühl der Ja-Wirkungslosigkeit. Sie war viele Jahre lang mit ihren Wünschen und Erwartungen ins Leere gegangen und hatte aufgehört, zu wünschen, zu fordern, zu erwarten.

Das Gefühl der Wirkungslosigkeit führt an dem einen Pol zum Ausagieren oft hektischer, aggressiver, verzweifelter Bemühungen, „irgendwie” Wirksamkeit zu erfahren, oder – an dem anderen Pol – zu resignativem Rückzug, der alle Symptome der Depression umfassen kann. Therapeutisch ist es wichtig, um den Zusammenhang dieser Symptome mit den Störungen der Leibqualität der Wirksamkeit zu wissen. Kreative Leibtherapie bietet vielfältige Wirksamkeitserfahrungen in den kreativen Tätigkeiten an. Erfahrungen der künstlerischen Gestaltung, des Tanzens oder Musizierens, des Schreibens oder der Entwicklung und Darstellung von Szenen sind immer auch Wirksamkeitserfahrungen, nicht nur im Hinblick auf den künstlerischen Ausdruck, sondern auch und letzten Endes entscheidend als Erfahrung von Beziehungswirksamkeit. Kreative Leibtherapeut/innen bieten Klient/innen Wirksamkeitserfahrungen an, in dem sie das Vertrauen in die schöpferische Kraft ihrer Klient/innen mit dem Vertrauen in die heilende Kraft therapeutischer Beziehungserfahrungen verbinden, die diese dann in andere Bereiche ihres Lebens übertragen können.

2.2.9 Zwischenleiblichkeit und Resonanz

Wir betonen in der Kreativen Leibtherapie die heilende Kraft der therapeutischen Beziehung. Dies hat seine Quelle in dem Verständnis, dass in der Zwischenleiblichkeit und Resonanz eine grundlegende Qualität jeden Erlebens besteht.

Jede leibliche Regung eines Menschen in seinen ersten Lebensmonaten entsteht als zwischenleibliche Erfahrung. Die These von der „autistischen” oder „narzisstischen” Phase früher Entwicklung wurde ebenso von der Säuglingsforschung widerlegt wie die von der „Symbiose” zwischen Mutter und Kind. Ob im Austausch der Blicke oder Laute, beim Stillen oder in anderen Berührungen – Säuglinge erleben sich und ihre Welt im leiblichen Austausch. Säuglinge und Kleinkinder sind weder bloße Anhängsel der Mütter noch ich-bezogene Wesen, die von der Welt nichts mitbekommen. Sie sind in ständigem Kontakt, in intensiver Begegnung und wechselseitigem Austausch auf allen Ebenen der Begegnung. Die Leibphänomenologen bezeichnen dies nach Merleau-Pontys Begriff der „intercorporéité” als Zwischenleiblichkeit. Dieser stimmige Begriff prägt das Menschenbild der Kreativen Leibtherapie und wird so zu einer zentralen Grundlage unseres Therapieverständnisses.

„Das Weltverhältnis des Säuglings lässt sich (…) als eine reine Zwischenleiblichkeit beschreiben.” (Fuchs 2000a, S. 275) Hier herrschen weder Autismus noch Symbiose, sondern ein sich immer weiter ausdifferenzierendes Wechselspiel leiblicher Interaktion unterhalb der Schwelle reflektierender Überlegung. Der Säuglingsforscher Daniel Stern hat diese Interaktion zwischen Mutter und Säugling als „Tanz” beschrieben (Stern 2011, S. 9).

Dieser Tanz der Zwischenleiblichkeit differenziert und entfaltet sich mit jeder weiteren Lebenswoche des Säuglings. Die meisten Gefühle zum Beispiel werden in den ersten sieben Lebensmonaten nur in der Interaktion mit den anderen erlebt, erst danach auch als emotionale Regungen, die erst selbst gelebt und dann mit anderen geteilt werden können (s. Stern 1998, S. 150). Aus diesen Erkenntnissen der Säuglingsforschung ist der Schluss zu ziehen: „Gefühle sind ursprünglich im ‚Zwischen‘ beheimatet, eingebettet in die leibliche Kommunikation von Mutter und Kind.” (Fuchs 2000a, S. 276)

Die erste und früheste unmittelbare Beeinflussung des Säuglings durch die Mutter oder andere nahe Bezugspersonen erfolgt über Erregungsverläufe, die sich später zu Erregungskonturen verfestigen können. Hohe oder niedrige Erregungsniveaus, stetige Erregungsverläufe oder abrupte Abbrüche werden in der frühen Zwischenleiblichkeit zwischen Mutter und Säugling übernommen und führen zu ersten Musterbildungen im Säugling. Wir haben diesen Umstand zur theoretischen Grundlage des Komplexen Theoriemoduls „Erregungsverläufe und -konturen” gemacht, das Sie unter den Big Ten finden.

In der späteren Entwicklung des Kindes werden mit den leiblichen Erfahrungen und dem wachsenden Vermögen des Kindes auch die leiblichen Interaktionen differenziert und weiterentwickelt. „Diese ‚Zwischenleiblichkeit‘ bildet ein übergreifendes, intersubjektives System, in dem sich von Kindheit an leibliche Interaktionsformen bilden und immer neu aktualisieren.” (Fuchs 2008b, S. 89)

Von besonderer Bedeutung bleiben dabei die Gefühle, die Stimmungen, das Befinden und die Atmosphären, die Fuchs als „Stimmungsraum” bezeichnet: „Ebenso werden wir von Stimmungen und Gefühlen durch Veränderungen des leiblichen Befindens erfasst. Sie lösen entweder Bewegungsanmutungen aus – wir fühlen uns z. B. gehoben oder gedrückt, angezogen oder abgestoßen; oder sie modifizieren die innerleibliche Dynamik, so dass wir uns etwa beengt, beklommen, gehemmt, befreit oder offen erleben. Wir geraten ‚in Erregung‘, also in eine beweglich-expansive Dynamik, oder wir fühlen uns ‚gedämpft‘, wenn eine dumpfe Zähigkeit der leiblichen Dynamik das teilnehmende Mitschwingen lähmt. – Ich bezeichne nun diese verschiedenen Formen der Wahrnehmung stimmungsräumlicher Phänomene als leibliche Resonanz. Der Leib ist gewissermaßen der ‚Resonanzkörper‘ des Stimmungsraums.” (Fuchs 2000a, S. 197)

Das Wort „Resonanz”, dem in Theorie und Praxis Kreativer Leibtherapie eine zentrale Bedeutung zukommt, stammt vom lateinischen „resonare”. Es bedeutet ein gegenseitiges Hin- und Herschwingen. „Resonanz ist eine Form der Wechselwirkung, ja, es ist die Form der Wechselwirkung schlechthin, über die alle raumzeitlichen Strukturen miteinander in Beziehung treten können.” (Cramer 1998, S. 14) Die Fähigkeit zur Resonanz ist eine grundlegende Qualität aller leiblichen Regungen. Sie beruht auf der Zwischenleiblichkeit und ist eine ihrer besonderen Erscheinungsformen, wir können sie als „Schwester” der Zwischenleiblichkeit bezeichnen.

Die unmittelbare Zwischenleiblichkeit ist nicht nur in der frühkindlichen Entwicklung beschreibbar, sie ist auch im Erwachsenenalter Bestandteil und Potential leiblicher Begegnungen: In intensiver Sexualität ebenso wie in zarter Berührung, im Austausch verstehender Blicke wie im Klang einer Stimme, die das Herz berührt. Selbst in der Feindschaft und gegenseitigen Abneigung zweier Menschen wirkt Resonanz. Waldenfels bezeichnet deshalb sehr treffend die „Zwischenleiblichkeit als Verschränkung von eigenem und fremden Leib.” (Waldenfels 2000, S. 284) Der Leib ist kein isoliertes, für sich existierendes Wesen, sondern befindet sich immer in zwischenleiblicher Kommunikation. Selbst wenn Kommunikation verweigert wird, bleibt dies Kommunikation, wie Merleau-Ponty schon 1945 aus der Analyse der Zwischenleiblichkeit ableitete: „Noch die verweigerte Kommunikation ist eine Weise der Kommunikation.” (Merleau-Ponty 1966, S. 413) Davon können die meisten Menschen, denen wir in paar- und beziehungstherapeutischen Konstellationen begegnen, ein leidvolles Lied singen.

In der Therapie begegnen wir Menschen mit unterschiedlichen Ausprägungen und individuellen Mustern der Zwischenleiblichkeit und Resonanz, Resonanzfähigkeit und Resonanzbereitschaft. Sie gehören bei jedem Menschen zur individuellen Persönlichkeit. Zum Thema in der Therapie werden sie, wenn Menschen unter ihren jeweiligen Mustern leiden. In der Kreativen Leibtherapie arbeiten wir mit Angeboten der Resonanz, vor allen Dingen in kreativen Dialogen, und stellen die Resonanz der Therapeut/innen in den Dienst der therapeutischen Interaktion.

Oft zu wenig Beachtung finden in therapeutischen Prozessen Atmosphären und deren nachhaltige Auswirkungen für die Klient/innen. Atmosphären entstehen und wirken über die Zwischenleiblichkeit. Wir Menschen erfassen Atmosphären in unserer Resonanz für das, was bei anderen und in der Umgebung schwingt und „in der Luft liegt”. Die kreativen Ausdrucksmöglichkeiten der Kreativen Leibtherapie, die hierfür den Klient/innen zur Verfügung gestellt werden, sind ein leicht zugänglicher Weg, Atmosphären, die in Menschen beeinflussend nachwirken, zu identifizieren und eine Haltungsänderung ihnen gegenüber zu erfahren.

Das Leiden der Menschen bewegt sich zumeist zwischen den Polen erstorbener Resonanzfähigkeit auf der einen und in der Aufgabe der Meinhaftigkeit in der Resonanzüberflutung durch andere. Hinzu kommen zahlreiche Formen spezifischer Resonanzmuster, in denen Menschen „feststecken” können.

Wir haben differenzierte Modelle der Resonanz entwickelt und werden sie in einem Raum der Big Ten (Kap. 4.11.3) ebenso vorstellen wie Wege der therapeutischen Veränderung mit Hilfe der Resonanz in der Kreativen Leibtherapie.

2.2.10 Ähnlichkeit

Vielleicht erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie einen Menschen wiedergetroffen haben, den Sie seit längerer Zeit nicht mehr gesehen haben. Sie erkennen ihn wieder, auch wenn die Person älter geworden ist, anders gekleidet ist, eine andere Frisur hat und sich vielleicht in einer anderen Stimmung befindet als bei der letzten Begegnung. Manches hat sich in der Erscheinungsweise dieser Person verändert, aber sie ist der Person, die Ihnen schon einmal begegnet ist, ähnlich und Sie können deshalb diesen Menschen wiedererkennen.

Die Ähnlichkeit ist eine grundlegende Eigenschaft der Leiblichkeit, und es sind vor allem drei Aspekte, die diese Qualität für den therapeutischen Kontext so bedeutsam machen.

Der erste Aspekt besteht darin, dass Ähnlichkeit eine grundlegende Art und Weise ist, wie wir Menschen wahrnehmen. „Ähnlichkeit liegt (…) letztlich jeder Wahrnehmung von etwas als etwas zu Grunde.” (Fuchs 2000a, S. 320) Die Menschen erkennen die Mona Lisa, auch wenn sie grafisch verfremdet ist, identifizieren eine Melodie, auch wenn sie in verschiedenen Stilen und Tonlagen gespielt wird. Wenn wir einen Vogel sehen, wissen wir, dass es ein Vogel ist, nicht weil uns die begriffliche Kategorie „Vogel” vorher erläutert wurde oder weil wir das Bild des Vogels aus seinen zahlreichen Einzelheiten zusammensetzen, sondern weil der Vogel, den wir sehen, den Vögeln, die wir kennen, ähnlich ist. Dieses Grundprinzip der Wahrnehmung ist von großem Vorteil, weil wir Menschen dadurch in der Lage sind, schnell unsere Umgebung zu erfassen und uns zu orientieren. Wir können neue Erfahrungen zügig zuordnen, ohne sie erst lange analysieren zu müssen. „Wahrnehmen bedeutet, eine erworbene Vorgestalt an den aktuellen Sinneseindruck heranzutragen, durch das sie sich an ihm erfüllt, auch wenn Details gar nicht übereinstimmen.” (Fuchs 2008, S. 44) Doch diese Wahrnehmungsweise bietet keine hundertprozentige Sicherheit, alles immer richtig zu erkennen und einzuordnen. Ein Chamäleon kann sich so tarnen, dass es – auf einem Baum sitzend – auf den ersten Blick wie ein Teil der Baumrinde aussieht. Das ist sein Schutz. Doch auch wenn die Menschen einige „Chamäleons” übersehen mögen – die Wahrnehmung mittels der Ähnlichkeit ist die Grundlage schneller Orientierung.

Die Ähnlichkeitsqualität in der Wahrnehmung ist deshalb die Grundlage für das Leibgedächtnis, mit dem wir uns später noch beschäftigen werden. Unser Leib erinnert sich an ähnliche Situationen, in jeder Freude klingt die leibliche Erinnerung an frühere freudige Situationen mit – aber in jeder Angst schwingen auch früher erlebte Ängste mit. Für die Therapie ist dies Chance und Falle zugleich. Chance, weil der positive Gehalt früherer Erfahrungen genutzt werden kann, Falle, weil ähnliche Strukturen von Ereignissen oder ähnliche Elemente der Wahrnehmung negative, zum Beispiel traumatische Erfahrungen reaktivieren können. Für die Pflegerin ist das Donnergrollen Ausdruck eines Gewitters, die alte Dame im Altenheim erschrickt und möchte in den Keller flüchten, denn für sie ist das Grollen des Donners der Klang des Artilleriebeschusses oder der Bombenabwürfe. Die Geräusche sind ähnlich und mobilisieren das Leibgedächtnis.

Auch in der Rolle als Therapeutin oder als Therapeut kann die Ähnlichkeit von Situationen einerseits nützlich sein, weil wir dadurch auf unsere Erfahrungen zurückgreifen können – aber sie kann auch in die Irre führen: Ähnlich ist nicht gleich, das heißt, die Gefahr besteht darin, das ähnliche Verhalten einer Klientin mit dem einer anderen, früher bekannten Klientin gleich zu setzen, während die Substanz dieses Verhaltens aber, bis auf einige ähnliche Erscheinungsformen, ganz andere Inhalte in sich tragen kann.

Ein zweiter wichtiger Aspekt der Ähnlichkeit besteht in der schon beschriebenen leiblichen Resonanz. Wir Menschen reagieren auf die behagliche Wärme eines beheizten Wohnzimmers im Januar ähnlich wie auf die Wärme einer intensiven freundschaftlichen Begegnung, den wärmenden Klang der Worte oder die warmherzige Ausstrahlung eines Menschen. „Die Ähnlichkeit wird also durch die gleiche leibliche Resonanz gestiftet.” (Fuchs 2000, S. 202) Ähnlichkeit wirkt also auch in Resonanzen, und auch hier begegnen wir wieder dem Doppelcharakter zwischen Chance und Falle. Gerade weil Resonanzen über Ähnlichkeiten wirken, können sie überhaupt als leibliche Qualität zu Tage treten. Wenn ein Mensch sich nur auf eine genau gleiche und nicht auch ähnliche Situation einschwingen könnte, würde es bestenfalls zu einem Bruchteil der Begegnungen kommen, die diese Bezeichnung verdienen.

Die Herausforderung für den Menschen im Gegenüber besteht darin, dass es insbesondere Therapeutinnen und Therapeuten obliegt, die Ähnlichkeit jeweils zu überprüfen, um nicht zu Pauschalisierungen oder Verallgemeinerungen zu kommen. Wenn wir Menschen die Erfahrung gemacht haben, dass hinter dem leicht aufgesetzten Lächeln von drei Menschen eine versteckte Aggressivität gestanden hat, werden wir bei einer vierten Person dies auch aufgrund der Ähnlichkeit vermuten. Doch hier kann der Kontext ein völlig anderer sein.

Zur beschriebenen leiblichen Qualität der Resonanz bzw. der Kommunikation im weiteren Sinne gehört auch die Fähigkeit, sich mit anderen Menschen zu identifizieren.

Besonders als Kinder lernen Menschen viel, indem sie andere Menschen imitieren. Dies setzt die Fähigkeit voraus, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, und dies ist nur möglich, wenn wir den anderen Menschen als uns ähnlich erleben. Auch hier zeigt sich Ähnlichkeit als Leibqualität. In dem folgenden Zitat von Michael Tomasello findet sich der Zusammenhang von Ähnlichkeit und Lernen wieder. Er unterscheidet drei Grundtypen kulturellen Lernens: „Imitationslernen, Lernen durch Unterricht und Lernen durch Zusammenarbeit. Diese drei Typen kulturellen Lernens werden durch eine einzige besondere Form sozialer Kognition ermöglicht, nämlich durch die Fähigkeit einzelner Organismen, ihre Artgenossen als ihnen ähnliche Wesen zu verstehen, die ein intentionales und geistiges Leben haben wie sie selbst. Dieses Verständnis ermöglicht es ihnen, sich in die geistige Welt einer anderen Person hineinzuversetzen, so dass sie nicht nur vom anderen, sondern auch durch den anderen lernen können (…). Wenn ein Mensch etwas ‚durch‘ einen anderen lernt, identifiziert er sich mit diesem anderen und seinen intentionalen und geistigen Zuständen.” (Tomasello 2006, S. 17) Therapeut/innen sind insofern immer auch Lehrende durch Vorbild, ob sie das wollen oder bemerken oder nicht. Das ist wichtig zu wissen. Darüber hinaus ist dieser Aspekt wichtig, weil Klient/innen immer auch dadurch geprägt sind, mit welchen Menschen sie sich identifiziert haben und was sie von ihnen übernommen haben. Diesen Spuren gehen wir in der Kreativen Leibtherapie nach. Und wir bieten neue Erfahrungen durch neue Identifikationen in Rollenspielen, mit tänzerischen und musikalischen Identifikationen und vielen anderen mehr.

Zum Lernen durch Identifikation gehört auch die Wahlmöglichkeit. Kinder identifizieren sich einerseits im Spiel und in der Fantasie mit Pippi Langstrumpf, Luke Skywalker oder anderen Figuren, die sie aus der Fülle der Identifikationsangebote auswählen. Und andererseits identifizieren sie sich mit realen Personen aus ihrem nahen Umfeld. Kleine Kinder haben in der Familie nur eingeschränkte Wahlmöglichkeiten, sich auszusuchen, mit wem sie sich identifizieren und mit wem nicht. Sie müssen mit den ihnen nahen Menschen vorliebnehmen. Doch je älter die Menschen werden, desto größere Wahlmöglichkeiten haben sie, ob sie das durch Identifikation oder Teilidentifikation Erfahrene annehmen wollen oder nicht, und desto größere Auswahl haben sie bei den Identifikations-„Kandidat/innen”.

Und noch ein Hinweis: Manche Klient/innen verlieren sich in Identifikationen und verlieren ihre Meinhaftigkeit, andere sind nur eingeschränkt identifikationsfähig, was im extremen Fall mit einer Einschränkung oder gar dem Verlust des Mitgefühls einhergehen kann.

Der dritte Aspekt der Leibqualität der Ähnlichkeit besteht darin, dass Ähnlichkeit auch unser Verhalten prägt. Die Art und Weise, wie ein Mensch gewöhnlich vom Stuhl aufsteht oder Telefongespräche eröffnet, ist nie vollständig identisch, aber ähnlich. Den Gestaltkreis Viktor von Weizsäckers zitierend habe ich den Zusammenhang von Wahrnehmen und Bewegen beschrieben. Ähnlichkeit bezieht sich folglich nicht nur auf das Wahrnehmen, sondern auch darauf, wie Menschen sich in der Welt bewegen und verhalten. Die Ähnlichkeit des Verhaltens führt zu Gewohnheiten und zu Mustern, mit denen wir uns im Folgenden beschäftigen werden.

2.3 Musterbildung und Leiblichkeit

In der Musterbildung vereinigen sich mehrere Leibqualitäten.

Wenn sich ähnliche Tätigkeiten wiederholen, werden sie zur Gewohnheit. Wenn wir Menschen gelernt haben, Auto zu fahren, brauchen wir nicht mehr in jeder Situation überlegen, wie weit wir das Fußpedal treten oder den Lenker bewegen. Wenn wir einen Text auf dem Computer schreiben, müssen wir nicht mehr jede Taste einzeln suchen. Auch wenn wir nicht im Zehn-Finger-System tippen können, ist uns die Lage der meisten Buchstabentasten vertraut. Ob beim Autofahren oder Computerschreiben, solche Aktivitäten sind uns „in Fleisch und Blut” übergegangen, wurden „einverleibt”. Das gilt auch für die Wahrnehmungen.

Wenn Sie diesen Text lesen, werden Sie nicht mehr jedes Wort einzeln entziffern oder gar aus den einzelnen Buchstaben zusammensetzen. Sie werden Worte und Wortgruppen „erfassen”, weil sie Ihnen vertraut sind (auch wenn Sie sie in anderen Schriftgrößen oder anderen Schriftarten kennen).

Wir nennen solche Verfestigungen „Muster”. Sie erwachsen aus Gelerntem und Erfahrenem und sind zu Gewohnheiten geworden.

In der philosophischen Betrachtungsweise der Leibphänomenologie werden der Leiblichkeit in diesem Zusammenhang zwei besondere Eigenschaften zugeschrieben: Zur Leiblichkeit gehört die Eigenschaft der „Formbarkeit oder Plastizität, die zur Anpassung an unterschiedlichste Milieus befähigt, andererseits auch eine Beharrlichkeit, die der willkürlichen Beeinflussung einen Widerstand entgegensetzt. Sie besteht wesentlich aus ‚gewachsenen‘ Strukturen, womit das Allmähliche und Kontinuierliche ihrer Entwicklung aus dem jeweils Gewordenen angesprochen ist.” (Fuchs 2000a, S. 326)

Solche „gewachsenen Strukturen”, die wir als Muster bezeichnen, sind notwendig, damit Menschen sich in der Welt zurechtfinden können. Diese Muster beruhen auf der Leibqualität der Ähnlichkeit. Ein bestimmtes Verhalten wiederholt sich nie „genauso” wie zuvor; aber es ist ähnlich und wird deshalb als Wiederholung erlebt.

„Immer wenn wir uns streiten, haust du ab und machst dicht”, warf die Freundin ihrem Freund vor. Er antwortete: „Und du weißt ja gleich alles besser und hörst mir gar nicht richtig zu. Da brauche ich doch nicht weiterreden ...”

Beide hatten ihre Konfliktmuster gut gelernt. Auch wenn sie diese immer wieder als schmerzlich erlebten - sie warfen sie sich um die Ohren.

Muster umfassen unterschiedliche Aspekte des Lebens und Verhaltens und können ebenso das Denken betreffen, zum Beispiel das Selbstbild oder Methoden, wie die Lösung eines Problems angegangen wird. Auch sich wiederholende Strukturen des Körpererlebens, nämlich der Art und Weise, sich zu bewegen, zu gehen oder Erregungen auszuleben und auszudrücken, können Teil von Mustern sein. Die Art und Weise, Gefühle auszudrücken oder dies zu vermeiden, kann genauso gut Bestandteil der Musterbildung sein, wie sich wiederholende Verhaltensweisen in sozialen Beziehungen. Manche Muster lassen sich bestimmten einzelnen Aspekten leiblicher Regungen vordergründig zuordnen, zumeist aber sind in den Mustern verschiedene leibliche Regungen beteiligt. Zum Beispiel umfassen Muster wie: Wie trägt ein Mensch Konflikte aus? Oder: Wie geht eine Person mit Stress um? mehrere Aspekte und Qualitäten unserer Leiblichkeit.

Ein Klient „steckte fest”, wie er sagte. „Irgendwie passiert mir immer wieder das Gleiche, wenn ich in Stress gerate. Und am Ende geht es mir dreckig und alle sind sauer mit mir.”

Der Therapeut bat ihn, sein „Stressmuster” zu malen, den Verlauf, wie er in Stress gerate und wie es dann weitergehe und was ihm sonst noch dazu einfalle. Er nahm ein großes Blatt und malte. Bei der Besprechung wurde deutlich:

 Wenn sein Stress begann, ignorierte er ihn zuerst einmal über längere Zeit. Meist ging es um beruflichen Stress. Überhöhte Arbeitsanforderungen, die nicht zu erfüllen waren, wurden von ihm klaglos hingenommen.

 Dann bemühte er sich mehr, intensivierte Arbeitstempo und -intensität. Sein innerer Druck stieg und stieg.

 Dabei zog er sich immer mehr von seiner Familie zurück, ebenso von seinen Arbeitskolleg/innen. Seine Zwischenleiblichkeit und Resonanz verkümmerte, er ging „in den Tunnel”, wie er es ausdrückte.

 Schließlich bedrängte ihn innerlich alles so sehr, dass er gar nicht mehr unterscheiden konnte, von wem nun Druck ausging, und er grantelte immer aggressiver mit allen Menschen seiner Umgebung.

 Diese zogen sich immer mehr zurück, der Prozess verstärkte sich.

 Sein Zeiterleben kam völlig durcheinander. Er war nur noch auf zukünftige Termine ausgerichtet, seine Jetzthaftigkeit ging verloren.

 ...

So ging es weiter, bis irgendwann der Zusammenbruch kam. Dieses Muster wiederholte sich. Nie „genauso” wie zuvor, aber immer ähnlich.

Die Musterbildung beginnt sehr früh im Säuglingsalter. In der Zwischenleiblichkeit des Säuglings mit der Mutter oder anderen Bezugspersonen macht der Säugling schon bestimmte Erfahrungen mit der Art und Weise von Blicken, Berührungen, Lauten, Spannungen usw. Wiederholt sich diese Erfahrung mehrmals, beginnt sie sich im Säugling zur „Repräsentation generalisierter Interaktionen” (englische Abkürzung: R. I. G.) zu verfestigen (Stern 1992). Stern, Dornes u.a. beschreiben, wie sich bei Säuglingen aus Wiederholungen im Erleben „Repräsentationen” formen und bezeichnen diese als „Sensomotorische und Ereignisschemata”, „Gefühlsgestalten” oder „zeitliche und dynamische Muster” (Dornes 1993).

Die Musterbildung ist folglich ein Aspekt der Leiblichkeit, der sich in zunehmendem Maße entwickelt. Manche Muster haben eher nebensächliche Bedeutung, andere sind von grundsätzlicher Bedeutung für einen Menschen und machen in ihrer Gesamtheit seinen Charakter aus. Wir bezeichnen sie als Basismuster. Im Prozess menschlichen Älterwerdens verfestigen sich Muster. Ist diese Verfestigung gestört, werden Menschen haltlos und überflexibel und reagieren nur noch auf alle von außen kommende Impulse. Bei den meisten Menschen bilden sich aber solche Muster heraus, die stabil sind und gleichzeitig in sich die Möglichkeit enthalten, auf unterschiedliche Herausforderungen des Lebens immer wieder schöpferisch zu reagieren. Ich habe das einmal so beschrieben: „Im Idealfall sind Muster lernende Muster, die sich auf neue Situationen einstellen, indem sie sich ergänzen und erweitern. Kreatives Tun ist auch hier Teil des Lebensalltages, nicht nur des Kindes, das neue Lebensweisen des Körpers, des Denkens, des Fühlens und des sozialen Verhaltens erprobt, sondern auch des Erwachsenen, der mit bewährten Mustern der körperlichen Bewegung, des Denkens, des Fühlens, des sozialen Verhaltens kreativ die Bewältigung neuer Herausforderungen dem Lebensalltag anpasst.” (Baer 1999/2008, S. 315) Perls, Hefferline und Goodman nannten diesen kreativen Prozess „schöpferische Anpassung” (1981). Kreativität ist folglich ein grundlegender Bestandteil menschlicher Lebensäußerung, „konstituierender Grund menschlichen Seins” (Baer a.a.O., S. 315), damit verhärtete Muster nicht die Leiblichkeit erstarren lassen, sondern damit sich der Mensch flexibel in verändernden Situationen bewegen kann.

Doch viele Klientinnen und Klienten, mit denen wir in der Therapie arbeiten, leiden darunter, dass ihre Kreativität erloschen ist und ihre Muster erstarrt sind. Sie sehnen sich nach Veränderung, sind aber oft unfähig, Schritte der Veränderung zu unternehmen: Aus gleichzeitig stabilen und flexiblen Mustern wurden harte Muster. Als Beispiel für den Unterschied zwischen flexiblen Mustern und verhärteten Mustern mag das Beispiel des Straßenverkehrs dienen. In Deutschland und in Mitteleuropa fahren wir im Straßenverkehr auf der rechten Seite. Dies müssen wir nicht jeweils neu entscheiden, sondern es ist eine Gewohnheit, der entsprechend wir uns im Straßenverkehr verhalten und auch die Verhaltensweisen anderer Menschen wahrnehmen. Wenn wir aber nach England oder Irland fahren und dort ein Auto mieten und über die Straßen fahren wollen, sind wir plötzlich mit der Situation des Linksverkehrs konfrontiert. Unsere Gewohnheiten greifen nicht mehr, im Gegenteil, sie rufen sogar Gefahren hervor. Manche Menschen können sich auf die neue Situation einstellen – ihr Muster hat so viel Flexibilität, dass dies möglich ist – andere nicht: Bei ihnen ist das Muster zu sehr verhärtet, so dass es ihnen unmöglich ist, in Ländern mit Linksverkehr Auto zu fahren.

Nun muss die mangelnde Flexibilität beim Umstellen auf den Linksverkehr in einem anderen Land kein großes Drama beinhalten. Wer kein Auto im Linksverkehr fahren kann, mag den Bus nehmen. Doch solche Wahlmöglichkeiten bestehen bei anderen harten Mustern nicht. Die Schwierigkeiten, Muster flexibel zu halten oder zu flexibilisieren, können großes Leiden hervorrufen. Wer zum Beispiel immer wieder in neuen Beziehungen den gleichen Mustern folgt, wird sich nicht auf unterschiedliche Menschen einstellen können. Wer in seinen Wahrnehmungsund Verhaltensmustern, die er mit kleinen Kindern entwickelt hat, nicht flexibel genug ist, diese zu verändern, wenn die Kinder groß sind oder erwachsen werden, hat große Beziehungsprobleme zu ihnen zu erwarten. Zu den Aufgaben Kreativer Leibtherapie wie jeder Therapie gehört es deshalb, mit Klientinnen und Klienten auf die Suche zu gehen, verhärtete Muster wieder zu flexibilisieren. Dabei wird es immer Phasen der Unsicherheit, Angst und Verwirrung geben, denn harte Muster, so sehr der Mensch auch darunter leiden mag, sind vertraut und geben Sicherheit und Halt. Diese Durchgangsphasen sind aber notwendig, um aus harten Mustern weiche werden zu lassen.

2.4 Das Leibgedächtnis

Auch im Leibgedächtnis begegnen uns komprimiert verschiedene Qualitäten der Leiblichkeit. Ohne ein Verständnis des Leibgedächtnisses ist Kreative Leibtherapie nicht vorstellbar. Die Musterbildung ist grundlegend dafür, dass sich ein Leibgedächtnis entwickelt – und umgekehrt: ohne Leibgedächtnis gäbe es keine Gewohnheit und damit keine Musterbildung.

Doch beginnen möchte ich mit der Frage, was unter Gedächtnis zu verstehen ist. Wenn üblicherweise vom Gedächtnis die Rede ist, werden damit zwei miteinander zusammenhängende Gedächtnissysteme gemeint. Üblicherweise wird unter Gedächtnis verstanden, etwas wiedergeben zu können, das wir gelernt haben, manchmal auch auswendig gelernt haben. Zu diesem Gedächtnissystem zählen auch die Erinnerungen an bestimmte biografische Ereignisse. „Dieses Gedächtnis enthält die einzelnen Episoden unseres Lebens in kalendarischer Ordnung: Wir können die Erinnerungen zumindest grob in ein autobiografisches Zeitgitter einordnen.” (Fuchs 2008b, S. 38) Dieses Gedächtnis wird in der Gedächtnisforschung das „explizite Gedächtnis” genannt. Es ist geprägt vor allem durch zeitliche Zuordnungen und davon, dass es uns Menschen bewusst ist und wir uns bewusst erinnern.

Davon zu unterscheiden ist das Leibgedächtnis, in der Gedächtnisforschung auch das implizite oder das prozeduale Gedächtnis genannt. Die als eindeutig bezeichnete Unterscheidung beider Gedächtnissysteme ist so nicht zutreffend, wie wir später sehen werden. Doch betrachten wir zuerst einmal die Unterschiedlichkeiten, wie sie in der Gedächtnisforschung beschrieben werden:

Nehmen wir ein Beispiel. Ich treffe einen Mann auf der Straße. Er begrüßt mich. Ich weiß aber nicht mehr, wie diese Person heißt, erinnere mich nicht an seinen Namen. Das explizite Gedächtnis versagt in diesem Moment und gleichzeitig ist das implizite Gedächtnis vorhanden. Ich weiß, dass ich diesen Menschen schon kenne, ihm schon einmal begegnet bin. Ich weiß auch, dass ich etwas vergessen habe, und das Wissen um diese Leerstelle ist Teil des Leibgedächtnisses. Manches an ihm und manches an der Art unserer Begegnung ist mir vertraut – das Leibgedächtnis wirkt gegenwärtig.

Vielleicht ist das Leibgedächtnis auch in gewisser Weise daran beteiligt, dass ich diesen Menschen nicht wiedererkenne. Vielleicht bin ich ihm zuletzt im Zusammenhang mit einer traumatischen Situation begegnet und diese Begegnungserfahrung wurde im Leibgedächtnis mit der Zielsetzung „unbedingt vermeiden” verknüpft.

Vielleicht aber wirkt ein solcher Zusammenhang nicht und ich wechsle einige Worte mit dem Mann, dem ich begegnet bin und er lacht dabei und dieses Lachen ist ein Auslöser dafür, dass mir sein Name wieder einfällt. Das Leibgedächtnis kann das explizite Gedächtnis beeinflussen, beide Systeme sind nicht voneinander getrennt.

Differenziert betrachtet zeigt sich das Leibgedächtnis in verschiedenen Phänomenen (siehe auch Fuchs 2011):

 Das erste Phänomen ist das prozeduale Gedächtnis. Leibliches Erinnern entwickelt sich aus dem Prozess, aus sensomotorischen Wiederholungen und Gewohnheiten. Die Bremse eines Autos zu finden und zu betätigen, bedarf keiner expliziten Erinnerung, sondern ist durch Gewohnheiten so implizit verankert, dass gleichsam „automatisch” darauf zurückgegriffen wird. Dieser Prozess wird auch – vereinfachend – als Körpergedächtnis bezeichnet. Sein Wirken gibt den Menschen die Möglichkeit, sich auf aktuelle Aktivitäten zu konzentrieren. Der Psychologie-Begründer William James verdichtete dies in seiner berühmten Bemerkung, dass sich das Bewusstsein aus allem zurückzieht, wo es nicht unbedingt benötigt wird.

 Das Leibgedächtnis ist auch räumlich, was Thomas Fuchs als „situativ” bezeichnet. Unser Leben ist räumlich und deswegen fließt die räumliche Qualität des Erlebens auch in unser Leibgedächtnis ein. Wir brauchen nicht mehr zu überlegen, von welcher Seite wir den Kühlschrank öffnen und welchen Abstand vom Küchentisch wir einhalten müssen, um an ihm vorbeigehen zu können. Doch wird die Wohnung umgeräumt, stoßen wir gegen den Tisch. Es müssen sich erst wieder neue Gewohnheiten herausbilden und ins implizite Gedächtnis Eingang finden. „Das Gedächtnis des Leibes ist die Grundlage unserer Vertrautheit mit der Welt. Die in ihm verankerten Gewohnheiten und Vermögen legen sich über die Umwelt wie ein unsichtbares Netz, das von dem Sinn und Gliedern ausgeht und uns mit den Dingen verbindet, ja, uns unauflöslich in die Welt verstrickt. Das Gedächtnis ist somit keineswegs nur in unserem Inneren beheimatet, sondern es erstreckt sich auf den Raum, in dem wir leben.” (Fuchs 2008b, S. 7f)

 Das Leibgedächtnis ist ferner zwischenleiblich. Wenn wir einem andern Menschen begegnen, sind zwischenleibliche Erfahrungen dieser Begegnungen unbewusst präsent. Unsere Haltung, Gestik, Mimik ist in den Interaktionen aufeinander abgestimmt, kann sogar zu einem Muster, einem impliziten Beziehungsstil werden. Auch Schamerfahrungen und Erfahrungen von Beschämung fließen implizit in solche zwischenleiblichen Begegnungen ein, ebenso wie andere Gefühle.

 Das Leibgedächtnis wirkt ebenfalls als traumatisches Gedächtnis. In der traumatischen Erfahrung wird der neuronale Modus kognitiver Verarbeitung als nicht überlebensnotwendig reduziert, die traumatische Erfahrung wird mit sinnlichen und Beziehungseindrücken behaftet und meist tief im Leibgedächtnis gespeichert. Dort wirkt sie wie ein „Fremdkörper” (Fuchs a.a.O.) und hat gerade dadurch besonders nachhaltige Wirkung auf den Lebensalltag.

Eine Klientin hat in der traumatisierenden Erfahrung sexueller Gewalt den Duft von „Kölnisch Wasser” gerochen und dies im Leibgedächtnis verankert, ohne dass es ihr explizit bewusst ist. Als sie in der U-Bahn diesen Duft wahrnimmt – nur am Rande ihres Bewusstseins – beginnt sie zu zittern und bekommt eine Angstattacke. Die Erinnerung an den Duft wirkt „überfallartig”, ohne dass ihr der Zusammenhang mit der traumatischen Erfahrung bewusst ist.

All diese Erfahrungen, die im Leibgedächtnis verdichtet sind und uns dadurch einwohnen, wirken in der Gegenwart. Die Sprache, die ich gelernt habe, spreche ich jetzt, die Fähigkeit, Fahrrad zu fahren, nutze ich jetzt. Das Leibgedächtnis „enthält die Vergangenheit als gegenwärtig wirksame Insel. Es führt nicht zurück zum Vergangenen, sondern bedeutet im Gegenteil die Möglichkeit, sich einer neuen Gegenwart zuzuwenden.” (Fuchs 2008b, S. 38)

Die Beschreibung des Leibgedächtnisses macht deutlich, dass die Vorstellung zweier „Gedächtnisse” nicht zu halten ist. Das Verhältnis zwischen explizitem und implizitem Gedächtnis ist nicht dergestalt, dass es sich um zwei völlig voneinander getrennte Systeme handelt. Menschen verfügen über ein Gedächtnis, das verschiedene besondere Qualitäten aufweist, die von der Gedächtnisforschung als unterschiedliche Gedächtnissysteme bezeichnet werden. Ich habe bislang die Bezeichnungen implizites und explizites Gedächtnis als Arbeitsbegriffe genutzt. Treffender und sinnvoller ist es, vom Leibgedächtnis und vom expliziten Erinnern zu sprechen. Es ist mir wichtig zu betonen: Das explizite Erinnern ist in das Leibgedächtnis eingebettet. Ich habe als Beispiel erwähnt, dass ich mich in der Begegnung mit dem Mann, dessen Name mir entfallen ist, an eine frühere Situation erinnere, in der ich ebenfalls dieses Lachen gehört habe, und dass mir im Zusammenhang mit dieser Erinnerung der Name des Mannes wieder einfällt. Hier wird die explizite Erinnerung wieder funktionsfähig über den Umweg des impliziten, über eine sinnlich-situative Erinnerung.

Solche und ähnliche Zusammenhänge zeigen, dass das explizite Erinnern und das Leibgedächtnis nicht nebeneinander stehen und ebenfalls in keiner Weise getrennt sind. Sie sind ineinander verwoben. Das Leibgedächtnis ist dabei das primäre. Es wirkt schon in den ersten Lebenswochen und Lebensmonaten, wenn das bewusste, explizite Erinnern noch nicht funktionieren kann, und es wirkt immer, auch wenn das explizite Erinnern eingeschränkt oder funktionsunfähig ist. In der Schule und in anderen Lernorten wird das explizite Gedächtnis trainiert, doch auch dort lernen die Schüler in weitem Maße implizit. Schulen sind nicht nur Orte des kognitiven Lernens, sondern in besonderem, leider zu wenig berücksichtigtem Maße Orte des emotionalen und sozialen Lernens. Leibgedächtnis bringt uns Menschen dazu, z. B. jede Beschämungssituation in der Schule nachhaltig zu vergegenwärtigen, oft mehr als mathematische Formeln oder grammatikalische Regeln. Manchmal ist die Beschämungserfahrung aus dem expliziten Erinnern verschwunden, bewirkt aber als Teil des Leibgedächtnisses Erstarrung und Blockaden in ähnlichen Situationen, was zu schlechten Leistungen führt.

Deswegen ist vor allem das Wissen über das Leibgedächtnis von eminenter Bedeutung für die Kreative Leibtherapie. Es wirkt gegenwärtig und in ihm wirken die angehäuften Lebenserfahrungen. Negative wie positive Erfahrungen werden über das Leibgedächtnis zugänglich, und dadurch wird deren Wirkungsmacht auf das gegenwärtige Empfinden und Verhalten veränderbar. Eine Traumatherapie, ohne das Leibgedächtnis zu kennen und zu beachten, ist für mich nicht vorstellbar, wenn man die Wirkungsweise des Leibgedächtnisses kennt. Mögen Erinnerungen an traumatische Ereignisse im expliziten Gedächtnis verdrängt sein, so wirken sie doch nachhaltig über das implizite, das Leibgedächtnis.

Über das Leibgedächtnis „produzieren” Menschen die festgefahrenen Muster, um deren Flexibilisierung wir uns in den therapeutischen Prozessen bemühen. Die Tatsache, dass das explizite Erinnern im Leibgedächtnis eingebettet ist, hilft uns in der Arbeit mit Menschen mit Gedächtnisstörungen, seien sie neurologisch bedingt oder Ausdruck von demenziellen Erkrankungen. Die alte Dame, die an Alzheimer-Demenz diagnostiziert ist und ihren Namen nicht mehr weiß, kann aber zehn Strophen singen, wenn sie nur einige Takte eines Volksliedes hört, und weiß dann auch oft ihren Namen wieder! Insbesondere die sinnlichen, körperlichen, situativen, imaginativen Qualitäten des Leibgedächtnisses werden durch die kreativen Angebote der Kreativen Leibtherapie angesprochen. Dies geschieht nicht vergangenheitsgerichtet, etwa mit der Absicht, dass die Klient/innen wieder in die Vergangenheit „zurückgehen”, sondern so, dass das, was an Vergangenem über das Leibgedächtnis in ihre Gegenwart hineinwirkt, wieder zugänglich, lebbar und handhabbar werden kann – und damit veränderbar.

2.5 Das ungelebte Leben

Viktor von Weizsäcker begründete die anthropologische Medizin, eine kleine, aber rege Strömung neben dem Mainstream der ausschließlich naturwissenschaftlich orientierten Medizin. Seine Grundhaltungen und Theorien sind in weiten Bereichen mit der Leibphänomenologie deckungsgleich oder ähnlich, auch wenn er Begrifflichkeiten der Leiblichkeit nicht verwendet und sich nur am Rande auf die phänomenologische Tradition bezieht. Bekannt wurde er durch seine Forderung nach der „Wiedereinführung des Subjekts” in die Biologie (Weizsäcker 1997b, S. 83) und durch Sätze wie: „Es gibt keine Krankheiten, es gibt nur kranke Menschen.” (zitiert nach Hanses 1996, S. 94) oder seinen berühmten ersten Satz des Vorwortes zu seinem „Gestaltkreis”: „Um Lebendes zu erforschen, muss man sich am Leben beteiligen.” (1997b, S. 83)

Als besonders wertvoll für die Praxis der Kreativen Leibtherapie erwiesen sich Weizsäckers Überlegungen zum biografischen Prozess und dessen Zusammenhang mit dem Krankheitsgeschehen. Weizsäcker meint, dass „Krankheiten an Wendepunkten biografischer Krisen stehen oder in die schleichende Krise eines ganzen Lebens eingeflochten sind” (1986a, S. 329). Mit dieser Aussage verallgemeinert er meiner Meinung nach unzulässig (man kann sich ein Bein brechen, weil man stürzt, ohne dass dies Ausdruck einer biografischen Krise ist), aber er wendet sich damit zumindest gegen die Abtrennung des Körpers und der Medizin von der Persönlichkeit und der persönlichen Entwicklung. In der Biografie sieht er „so etwas wie einen gemeinsamen Boden für den körperlichen, seelischen und geistigen Anteil der menschlichen Person.” (a.a.O.) Zentraler Begriff für sein Konzept der Biographik wurde der Begriff des „ungelebten Lebens”, den ich wegen seiner ihm innewohnenden sprachlichen und bildhaften Kraft sehr wertschätze. Der Begriff wurde schon vor ihm in der Belletristik mehrfach verwandt und von Karl Jaspers in die Psychopathologie eingeführt. Weizsäcker nutzt ihn systematisch, um sein Krankheitsverständnis auszuführen. Das ungelebte Leben ist nicht faktisch und als solches nicht im Sinne des naturwissenschaftlichen Denkens erfahrbar, messbar, beschreibbar – aber nichtsdestoweniger von großer Wirksamkeit, denn es ist Teil des Prozesses der Leiblichkeit.

„Die unrealisierten Möglichkeiten, das ungelebte Leben ist die Kraft, die das Leben vorwärtstreibt, zu sich, und das heißt: über sich hinaus.” (Weizsäcker 1988, S. 248) Aus Krankheitsgeschichten, oder besser: Geschichten von Kranken, entwirft Weizsäcker Bilder von Menschen, die Bedürfnisse und Wünsche, Gefühle und Hoffnungen nicht ausgelebt haben. Diese Lebensregungen blieben ungelebt und werden lebendig in Erkrankungen. Der Begriff des ungelebten Lebens geht über die aus der Psychoanalyse bekannte Verdrängung hinaus.

„So wie Weizsäcker das Ungelebte in seinen Wirksamkeiten zu umschreiben versucht, besteht es für ihn aber keineswegs nur aus der Möglichkeit der Unterdrückung lebendiger Impulse und vitaler Interessen. Es ist für ihn genauso ein Nicht-Wahrnehmen von Möglichkeiten und eine ,Nicht’-Gestaltung eigener Lebensgeschichte.” (Hanses 1996, S. 102)

In seiner „Pathosophie” führt Viktor von Weizsäcker mehrere Beispiele an, wie Ungelebtes bei Patientinnen und Patienten zu Krankheiten führen kann (erotische Kränkung, unterdrückte Wut usw.). In der Begründung seiner Lehre der Wirksamkeit der Biografie für die Entstehung von Krankheiten („Biographik”) verabsolutiert er allerdings: „Die Krankheit soll, und zwar ausschließend, als Wirksamkeit des Ungelebten und als Verwirklichung des Unmöglichen eingesehen werden.” (S. 249) Die „Behauptung, dass nicht das Gelebte, sondern das Ungelebte allein wirksam ist”, teile ich ganz entschieden nicht. Selbstverständlich kann es andere Ursachen von Krankheiten geben und selbstverständlich kann chronischer Druck infolge von Traumata durch Krieg oder andere Gewalt, können Verachtung und Erfahrungen von Leere zu Krankheiten führen. Krankheiten fest und ausschließlich mit biografischen „Ursachen” zu verknüpfen, ist aber der Nährboden für die Fülle von Schuldgefühlen, denen wir bei Menschen begegnen, die z. B. an Krebs oder anderen schweren Erkrankungen leiden (Baer, Frick-Baer 2011). In der individuellen therapeutischen Begleitung biografischen Zusammenhängen auf die Spur zu kommen, ist etwas anderes, als Krankheiten und psychosoziale „Ursachen” in „Wenn-dann-Verbindungen” zu verknüpfen.

Doch als richtig und fruchtbar beziehe ich von Viktor von Weizsäckers Ansatz in die Kreative Leibtherapie ein, dass in all den biografischen Erfahrungen nicht nur das gelebte, sondern auch das ungelebte Leben sich in Leiden niederschlagen kann. Die Geburt eines Kindes kann das Leben verändern, die Unmöglichkeit, ein Kind zu bekommen, auch.

Im Leben bleibt immer vieles ungelebt. Jede Entscheidung, z. B. für eine Berufsausbildung oder eine geliebte Person, schließt andere aus. Jeder Entscheidung liegt eine Wahlmöglichkeit zugrunde – und jede Entscheidung engt weitere Wahlmöglichkeiten ein. Solche Entscheidungen verringern die Menge lebbaren Lebens, sind aber kein Ende der Wahlmöglichkeit, kein Ausschluss der Offenheit. Die dem Menschen zur Verfügung stehenden Wahlmöglichkeiten sind auch Möglichkeiten lebbaren Lebens: „Die Fülle ungelebten Lebens übertrifft in unvorstellbarem Maße das kleine Stück des wirklich Gelebten und Erlebten.” (Weizsäcker 1997b, S. 277)

Viele Menschen kennen Wendepunkte. Solche Wendepunkte können Entscheidungen für Sackgassen sein, Verzicht auf eine Liebe oder einen beruflichen Traum. Wendepunkte können aber auch in Paulus-Situationen bestehen, in Erweckungen, in denen Altes über Bord geworfen und Ungelebtes lebendig wird. Therapie ist ebenfalls ein Wendepunkt, wird zumindest als Wendepunkt gesucht, in dem und durch den ungelebtes Leben lebendig werden kann.

In unserer therapeutischen Arbeit hat sich der Ansatz Albert Zachers (Zacher 1988), die Modalitäten, in denen Leben ungelebt bleibt, zu differenzieren, als hilfreich und weiterführend erwiesen. Er unterscheidet zwischen Verzichten, Verwerfen, Versäumen und Verpassen (1988, S. 68ff). Diese Begrifflichkeiten werden nicht mit allen Varianten der Alltagssprache deckungsgleich verstanden, sondern mit ihnen werden unterschiedliche Aspekte ungelebten Lebens definiert. In der therapeutischen Arbeit nutzen wir die Bezeichnungen der unterschiedlichen Modalitäten vor allem als resonanzfördernde Begriffe, die von den Klient/innen unterschiedlich gefüllt werden.

Menschen verzichten, wenn sie etwas unterlassen, das sie tun könnten. Ein Verzicht ist meist damit verbunden, dass einem Menschen das Unterlassen schwer fällt. Verzicht kann auch ein Erziehungsleitspruch sein und als Tugend ein Leben bestimmen. Auch das Verwerfen ist eine aktive Handlung. Man verwirft Möglichkeiten, die unattraktiv sind, die man zwar erwägt, die aber aufgrund vielleicht persönlicher, vielleicht finanzieller oder anderer Gegebenheiten ungeeignet für das weitere Leben erscheinen. Das Versäumen und das Verpassen ähneln sich, weil es bei beiden darum geht, dass eine Gelegenheit vorbeigeht, die, hätte man sie ergriffen, das Leben zumindest in Teilbereichen anders gestaltet hätte. Der Unterschied besteht in den Möglichkeiten des Zugriffs. Das Versäumen beinhaltet eine aktive Haltung, man hat zu lange gezögert, zu lange überlegt und dann war die Gelegenheit vorbei. Etwas zu verpassen, geschieht zumeist eher passiv, wenn keine subjektive Möglichkeit besteht. Man kann den Zug verpassen, weil das Auto auf dem Weg zum Bahnhof im Stau stecken geblieben ist. Dies war keine Folge der inneren Entscheidung, sondern eine durch äußere Umstände verpasste Gelegenheit.

Otto Bollnow unterscheidet etwas anders: „Nur das Versäumte kann man nachholen, ja die Möglichkeit des Nachholens ist nicht an einen bestimmten Augenblick gekoppelt, sondern ist jederzeit möglich. Das Verpasste dagegen ist unwiederbringlich dahin. Es gibt in diesem Sinne verpasste Gelegenheiten. Diese kann der Mensch nicht wieder heraufholen, er kann nur hoffen, dass sich eine ähnliche Gelegenheit später noch einmal bieten wird. Aber das steht nicht in seiner Macht.” (Bollnow 1963, S. 230)

In der therapeutischen Arbeit wurde und wird deutlich, dass der Begriff des ungelebten Lebens und die Vorstellung, dass Ungelebtes leben möchte, für viele Klient/innen sehr fruchtbar ist. Auch die differenzierenden Begriffe Zachers können bei angemessener Begleitung intensive Prozesse der Veränderung in Gang setzen. Die Konkretisierung der Art und Weise, wie Leben ungelebt blieb, hilft ihnen (und den Therapeut/innen), leibliche Haltungen, Verhaltensweisen und Umgebungen, aus denen heraus zu viel aus dem Leben gedrängt wurde, so zu verändern, dass sie in ihrem zukünftigen Leben größere Wahlmöglichkeiten ergreifen können.

Aufgreifen möchte ich noch einen Gedanken von Thomas Fuchs zum ungelebten Leben. Er beschreibt ein Phänomen, dem wir in der therapeutischen Arbeit häufig begegnen: dass Menschen ihre lebendigen Impulse der Leiblichkeit nicht entfalten können, dass etwas „zwischen” ihnen und „dem Leben” steht: „Doch es gibt noch eine andere, schwer erkennbare Form des Ungelebten. Vielen Menschen wird erst spät klar, dass sie große Teile ihres Lebens gelebt haben, ohne sie wirklich zu erleben – dass sie einfach an ihnen vorbei gegangen waren ohne Achtsamkeit und tiefere Anteilnahme, so als wäre eine Glasscheibe zwischen ihnen und dem Leben.” (Fuchs 2008b, S. 226) Die kreativen Möglichkeiten der Kreativen Leibtherapie und die vielfältigen Begegnungserfahrungen zwischen Klient/innen und Therapeut/innen können hier neue Verbindungen zwischen Person und Leben eröffnen.

Alfred Zacher nennt noch weitere Möglichkeiten, in denen Ungelebtes entstehen kann und die ich für bedeutsam halte. Das Verwerfen, Versäumen, Verpassen und Verzichten setzt eine konkrete Möglichkeit voraus. Der Junge aber, der ohne Vater aufgewachsen ist, hat weder auf den Vater verzichtet noch ihn verworfen, auch keine Gelegenheit, mit einem Vater zu leben, versäumt oder gar verpasst. Mit einem Vater aufzuwachsen, war für ihn eine „leere Möglichkeit”. Der Begriff „leere Möglichkeit”, den Zacher von Ludwig Binswanger übernimmt, beschreibt Möglichkeiten, die real und konkret nicht gegeben waren, die aber in der Regel als fantasierte Möglichkeiten im Klienten oder der Klientin lebendig sind. Auch wenn der zitierte Junge keine reale Möglichkeit hatte, mit einem Vater groß zu werden, kannte er diese Möglichkeit doch von anderen Kindern. Er fantasierte sie, träumte von ihr – die „leere Möglichkeit” wurde so für ihn ein „imaginiertes ungelebtes Leben”, das in seinem Erleben dennoch lebendig war. In solchen Fällen ist es in der Therapie nicht sinnvoll, die besonderen Modalitäten, wie Leben ungelebt bleibt, zu untersuchen und gegebenenfalls zu verändern, sondern es gilt, eine differenzierte Haltung zu den geträumten Möglichkeiten ungelebten Lebens zu entwickeln.

Ein junger Mann mit massiven Leereerfahrungen improvisierte am Klavier. Mit zwei Fingern probierte er suchend die einen oder anderen Töne und Tonfolgen aus. Dann wurden die Töne vereinzelter, die Pausen zwischen den Tönen wurden länger, die Leere trat in den Vordergrund. Dann entwickelten sich kräftige tiefe Töne in einem marschierend wirkenden Rhythmus, allmählich lauter werdend und energisch ...

Er erzählte, dass er als Junge, wenn er allein und einsam war, oft davon geträumt hatte, als Soldat der Fremdenlegion durch den Dschungel zu marschieren und Menschen zu retten. Er war in seinen Träumen Unteroffizier und Teil einer „verschworenen Truppe”, die viele Abenteuer durchlebte und in der jeder jedem half.

Auf der einen Seite äußern sich im Erträumten und im Vorgang des Erträumens ein Lebenswille und eine Kraft, die nutzbar und jeder Unterstützung wert sind. Auf der anderen Seite enthält die erträumte Möglichkeit auch die „leere Möglichkeit”, also das, was im Leben real nicht vorhanden war. Um sich der ersehnten Wirksamkeit, Verbundenheit und Zugehörigkeit nicht nur in den Träumen zu nähern, galt es, konkrete Schritte im Hier und Jetzt zu entwickeln.

2.6 Person: Leiblichkeit und Exzentrizität

Thomas Fuchs hat das phänomenologische Verständnis der Leiblichkeit ausgeweitet zu einer Anthropologie (= Menschenkunde), indem er unter Bezugnahme auf Hellmuth Plessner eine leibphänomenologische Theorie der Person entwickelt hat. Der Begriff der Person geht philosophisch über die Leiblichkeit hinaus und schließt eine Kategorie ein, die noch nicht behandelt wurde, die Exzentrizität.

Die meisten Überlegungen zur Leiblichkeit, auf die ich mich bislang bezogen habe, betreffen das Spüren, Wahrnehmen und Erfahrungen im vorreflexiven Bereich: Ich spüre z. B., dass ich einen anderen Menschen liebe; ich nehme mein Gefühl, meine Erregung, mein Herzklopfen, mein Hingezogensein wahr. Ich kann dies in Worte fassen und beschreiben, doch dieses Erleben ist vorhanden, auch ohne oder bevor ich es formuliere oder darüber nachdenke. Es ist präreflexiv.

Mit dem Nachdenken über meine Verliebtheit durchbreche ich die ausschließliche Perspektive aus mir, aus meinem Erleben heraus. Ich nehme eine zusätzliche Position ein, die exzentrische Position. Ich betrachte mich aus einer Perspektive außerhalb (ex) von mir und reflektiere über den Menschen, der verliebt ist. „Exzentrizität bedeutet die Rückbeziehung eines leiblichen Erlebens auf das erlebende Subjekt.” (Fuchs 2000a, S. 265) Plessner sieht in dieser Fähigkeit, Abstand zu seinem erlebenden Zentrum zu nehmen, eine Besonderheit menschlicher Existenz. „Exzentrische Positionalität versucht die Sonderstellung des Menschen als eines Lebewesens zu fassen. Leben im Sinne von Belebt-Sein besagt Eigenständigkeit im Verhältnis zu dem Milieu, dem der belebte Körper angehört.” (Plessner 2003, S. 390)

Die Exzentrizität führt zum Innehalten (dem wir schon bei der Leibqualität der Zeitlichkeit begegnet sind). Aus der bloßen Leiblichkeit heraus entsteht mein Impuls, meine Liebe der geliebten Person zu zeigen, sie anzuschauen, anzusprechen, in den Arm zu nehmen usw. Doch die Exzentrizität lädt dazu ein, davor bzw. dabei innezuhalten: Ich überlege vielleicht, ob ich wirklich verliebt bin, ob ich es wagen kann, meine Liebe zu offenbaren, ob dies der richtige Zeitpunkt ist usw. „Erst mit der Möglichkeit des Innehaltens vor der Aktion entsteht die Möglichkeit und die Not menschlicher Freiheit.” (Fuchs 2000a, S. 286)

Wenn ich über mein Verliebtsein nachdenke, kommt dieser Aspekt zum Verliebtsein hinzu. Beide Aspekte vollziehen sich gleichzeitig und ineinander verwoben. Mag der eine oder andere der beiden in einem Moment in den Vordergrund treten – alle leiblichen Regungen enthalten das Potential der Exzentrizität und umgekehrt: „Die Exzentrizität geht in alle wahrnehmenden, vorstellenden, fühlenden und handelnden Vollzüge mit ein als ein ‚Innesein‘.” (Fuchs 2000a, S. 273) Exzentrizität ist folglich bei weitem nicht nur ein Aspekt des Kognitiven, sondern kann alle Aspekte der Leiblichkeit umfassen. Ein Mensch kann innehalten aus Furcht vor den Folgen seiner Liebe oder aus moralischen Erwägungen. Seine Erregung kann so hoch sein, dass sie den Fluss seiner unmittelbaren Leiblichkeit blockiert usw. Die Exzentrizität kann leibliche Qualitäten enthalten, aber solche in der besonderen Weise des Heraustretens oder Innehaltens aus der unmittelbaren Leiblichkeit.

Exzentrizität ist also keineswegs mit den in Kapitel 2.1 beschriebenen Spaltungen gleichzusetzen. Das Heraustreten aus der unmittelbaren Leiblichkeit kann zu Abspaltungen des Erlebens führen, muss es aber nicht. Eine Abspaltung beinhaltet ein Unverbundensein, Exzentrizität ist eine andere Haltung des Erlebens innerhalb eines Verbundenseins.

Das Verständnis der Exzentrizität ist in der Kreativen Leibtherapie diagnostisch sehr wertvoll. Zum einen leiden manche Menschen darunter, dass ihnen die Fähigkeit der Exzentrizität abhanden gekommen ist. Dem begegnen wir Therapeut/innen oft bei Menschen mit Demenz oder Klient/innen mit geistigen Behinderungen, manchmal auch bei Persönlichkeitsstörungen. Andere stecken in der Exzentrizität „fest”. Viele Impulse der Lebendigkeit werden geschwächt oder gar begraben unter moralischen oder „vernünftigen” Erwägungen, Selbstreflektion tritt an Stelle der unmittelbaren Leiblichkeit.

Die Doppelungen zwischen unmittelbarer Leiblichkeit und Exzentrizität machen die Person aus. Zur Person gehört einerseits die unmittelbare Leiblichkeit: „Personen gehören zu den Wesen, die eine ‚Innenseite‘ haben, das heißt, die ‚erleben‘.” (Spaemann 2006, S. 57) Und andererseits die Fähigkeit zur Exzentrizität: „Personen sind Wesen, die nicht einfach sind, was sie sind, sondern die sich zu sich selbst verhalten können.” (Fuchs 2003, S. 136)

Grafik 6


Wenn wir dieses Verständnis von Person ernst nehmen, hat das Konsequenzen für die Therapie. Therapie darf sich dementsprechend nicht nur auf die unmittelbare Leiblichkeit und ebenfalls nicht nur auf die exzentrische Positionierung des Menschen beziehen, sondern auf beide Aspekte der Person. Sicherlich gibt es Leiden der Menschen, welches vorrangig im Bereich der Exzentrizität angesiedelt werden kann: Verzerrungen und Einschränkungen des Denkens über sich und die damit verbundenen Verhaltensmuster. Dazu haben die kognitive Psychologie und Verhaltenspsychologie sowie -therapie zahlreiche Beiträge geliefert. Die Bibliotheken sind voll davon – zu kurz kamen und kommen dagegen Untersuchungen der leiblichen Aspekte der Person und vor allem der Verschränkungen von Leiblichkeit und Exzentrizität.

Gedanklich können wir Leiblichkeit und Exzentrizität trennen und z. B. die Liebe vom Denken über die Liebe oder das reflektorische Selbstbewusstsein vom Spüren der leiblichen Regungen. Doch solche Konstrukte tun auf Dauer dem Verständnis des Menschen und damit auch dem ihres Leidens Gewalt an. „‚Person‘ heißt die lebende, erlebende und selbstbewusste Einheit, die wir als Menschen jeweils sind.” (Fuchs 2000a, S. 274) Das Bewusstsein des Menschen und sein „Geist” treten nicht zu seiner Leiblichkeit hinzu oder sind ihr gar übergeordnet, sondern „durchdringen (sie) fortwährend” (a.a.O.) und zeigen sich auch im Bewusstsein.

Daraus folgt: Therapie, die die Leiblichkeit würdigt, ist notwendig, um die Personen und Persönlichkeit des Menschen in all ihren Aspekten zu würdigen. Kreative Leibtherapie meint und bezieht sich auf alle Aspekte der Person. Die etwas stärkere Betonung des Primärleiblichen in diesen Ausführungen ist dem Nachholbedarf in der therapeutischen Theoriebildung und Praxis geschuldet und Ausdruck der Gegenbewegung gegen die Einseitigkeiten kognitiver, konstruktivistischer und behavioristischer Therapiekonzepte.

Noch einmal: Die Begründung des leibtherapeutischen Konzeptes liegt in dem Verwobensein von primärer Leiblichkeit und Exzentrizität. „Leib und Person stehen in einer dialektischen Beziehung: Personales Selbstbewusstsein basiert einerseits auf der Ursubjektivität des Leibes, auf dem leiblichen Selbst; andererseits hebt es die primäre Zentralperspektive des Leibes auf zu Gunsten einer allgemeinen, den Anderen mit einbeziehenden Perspektive.” (Fuchs 2000b, S. 64) Wer einen der beiden Aspekte aus dieser dialektischen Beziehung herauslöst, amputiert einen Teil der Menschlichkeit. Der Mensch ist beides, sein Leid betrifft immer auch sein Erleben, und er bedarf deshalb einer therapeutischen Hilfe, die auf einem Verständnis der Leiblichkeit beruht und das Erleben der Klient/innen theoretisch und praktisch einbezieht.

2.7 Person: Lebenswelt und Selbstbewusstsein

Das Wort „Selbstbewusstsein” kann zu einer Täuschung verleiten. Es meint das Bewusstsein, das ein Mensch von sich selbst hat – doch das impliziert nicht, wie oft angenommen, dass das Selbstbewusstsein nur aus dem Menschen selbst heraus entsteht. Unsere therapeutischen Erfahrungen belegen das Gegenteil. Zum Beispiel kommen Menschen mit Erfahrungen sexueller Gewalt selten ausdrücklich wegen ihrer traumatischen Erfahrungen in die therapeutische Behandlung, sondern zumeist wegen ihres zu geringen Selbstbewusstseins, beschrieb meine Frau Gabriele Frick-Baer ihre langjährigen Erfahrungen als Traumatherapeutin (2009). Die Erfahrung sexueller Gewalt ist eine Beziehungserfahrung, ein Erleben gewalttätiger zwischenleiblicher Interaktion. Diese soziale Erfahrung mündet in eine scheinbar individuelle Eigenschaft: das Selbstbewusstsein. Die Leibphänomenologie hat solche auch in anderen Kontexten anzutreffende Zusammenhänge zwischen dem Selbstbewusstsein und Erfahrungen der Lebenswelt untersucht, die einer näheren Betrachtung wert sind.

Beginnen wir damit, uns einige Begrifflichkeiten genauer anzuschauen. Selbstbewusstsein ist der Sammelbegriff für die Vorstellungen eines Menschen über sich und gleichzeitig die Haltung, die ein Mensch gegenüber anderen einnimmt („Sie tritt mit Selbstbewusstsein auf.”). Selbstbewusstsein ist nicht nur Ausdruck der unmittelbaren Leiblichkeit, sondern – wie das Wort „Bewusstsein” sagt – geht darüber hinaus.

Ich habe im vorherigen Abschnitt die Exzentrizität als das Heraustreten aus der unmittelbaren Leiblichkeit, als Schritt zur Person beschrieben. Unmittelbare Leiblichkeit und Exzentrizität machen zusammen die Person aus. In beiden personalen Aspekten sind Begegnung und Beziehung enthalten: Zur unmittelbaren Leiblichkeit gehört das Voneinander-Spüren, was sich in Resonanzen, gemeinsamen Atmosphären, unwillkürlichen Aktionen und Reaktionen des Körpererlebens wie in der sexuellen Begegnung und anderem mehr äußert. Dies wurde als Zwischenleiblichkeit in Kapitel 2.2.9 beschrieben. Über die präreflexive Zwischenleiblichkeit hinaus ist auch das Bewusstsein mit der Lebenswelt eines Menschen verbunden. Es wird von anderen Menschen beeinflusst und strahlt in die Welt hinaus. Darüber hinaus hat auch die Exzentrizität hat eine soziale Komponente. Sie kann angestiftet oder erzwungen sein von anderen; in die exzentrische Positionierung fließen immer auch soziale und vor allem Begegnungserfahrungen mit ein. Wird die leibliche Begegnung als Zwischenleiblichkeit bezeichnet, so wird der darüber hinausgehende Austausch zwischen Personen als Interpersonalität bezeichnet.

Zur Interpersonalität gehört eine ganz besondere Qualität, die entscheidend dafür ist, dass und wie sich Selbstbewusstsein entwickeln kann: Menschen können sich in andere hineinversetzen und sind in der Lage, sich auch aus der Perspektive der anderen zu sehen. Dieser Prozess beginnt etwa im dritten Lebensmonat mit dem Zeigen. Kinder zeigen auf einen Gegenstand und folgen mit dem Blick dem zeigenden Finger der Mutter. Daraus lernen sie, auf die Intentionalität der Bewegung der Mutter zu schließen, auf ihre Absichten und die Bedeutung ihres Handelns. Der gemeinsame Bezug auf etwas Drittes ist der Anfang der Entwicklung der Fähigkeit, andere Menschen, ihre Beweggründe und Absichten zu verstehen.

Ein 8 Monate altes Kind wird müde. Die Mutter zeigt auf sein Bett. Das Kind folgt dem Blick und entnimmt daraus, dass die Mutter es ins Bett stecken möchte. Es schmiegt sich an die Mutter (oder es meckert und wehrt sich)...

Diese Entwicklung setzt sich mit der Erfahrung des „Nein” der anderen fort, vor allem nachdem Kinder gelernt haben, zu laufen, und sich in gefährliche Situationen begeben können. Die Kinder nehmen das Nein wahr, und sie identifizieren sich spielerisch mit den Nein-sagenden Erwachsenen. Das Nein der Eltern wird im Spiel aufgegriffen und der Puppe oder dem Teddy gegenüber geäußert. Durch solche und andere Erfahrungen erwerben Kinder spielerisch die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Meist ist dieser Lernprozess bis zum zwölften Lebensjahr abgeschlossen. Der Sozial-Anthropologe Michael Tomasello sieht in dieser Kompetenz die Haupterklärung dafür, dass Menschen anders einander verstehen und vor allem voneinander lernen können als Primaten. Ob diese Gewichtung im Vergleich Menschen und Schimpansen angemessen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Nachvollziehbar ist, dass die Fähigkeit zur Identifikation mit anderen ein wichtiger Bestandteil menschlicher Entwicklung ist und die Persönlichkeitsentwicklung prägt und fördert. Interpersonalität enthält also über die Zwischenleiblichkeit und den Austausch exzentrischer Positionierungen hinaus die Komponente spielerischer Identifikation.

Wir nutzen deshalb die Fähigkeiten der Identifikation in der Kreativen Leibtherapie. Sie ist vor allem wichtig für die Entwicklung des Selbstbewusstseins. Denn Menschen übernehmen nicht nur etwas von denen, mit denen sie sich identifizieren: Sie lehnen auch ab, vergleichen, bewerten, entwickeln Eigenes. Kinder erfahren die anderen in der spielerischen Identifikation als ihnen ähnlich und gleichzeitig als fremde, unterschiedliche Wesen. Weil die anderen ihnen ähnlich sind, können sie sich in sie hineinversetzen, und weil sie unterschiedlich sind, enthält die spielerische Identifikation für die Kinder einen Reiz, etwas Neues zu wagen. Die Kinder werden andererseits von anderen Menschen gespiegelt und sehen sich so in den Augen der anderen und in deren Bewertungen. Sie spüren ihre Grenzen am Widerstand der anderen und reiben sich an dem Anderssein (diese Erfahrungen fließen ein in das Modell der Tridentität, s. Big Ten, Kap. 4.9). Der leiblichen Eigenerfahrung wird die Erfahrung mit den anderen und die Erfahrung des Blicks der anderen aus deren Perspektive hinzugefügt. „In dieser internalisierten und fortdauernden Wechselbeziehung konstituiert sich und besteht das Selbstbewusstsein.” (Fuchs 2000a, S. 292)

Selbstbewusstsein ist also keine Eigenschaft, die angeboren ist oder im Menschen aus ihm selbst heraus entsteht. Selbstbewusstsein ist Ergebnis sozialer Erfahrung. Wenn Menschen nicht die Fähigkeit erwerben, sich in andere hineinzuversetzen, oder diese Fähigkeit durch Gewalt- und Leere-Erfahrungen verloren haben, werden sie nur eingeschränkt soziale Lernerfahrungen machen können und große Probleme in ihren sozialen Beziehungen und in ihrem Selbstbewusstsein haben. Im anderen Extrem gibt es zahlreiche Menschen, die gezwungen wurden, ausschließlich die Perspektive und Haltung anderer zu ihrer eigenen zu machen. Sie verlieren damit ihre Meinhaftigkeit und Subjektivität und so auch ihre Einzigartigkeit, die in ihrem Leibsein begründet ist.

Die erste Konsequenz besteht darin, dass Kreative Leibtherapie dazu beitragen muss, beide Aspekte des Selbst zu integrieren: sowohl das Selbst, das als Leib-Selbst aus dem Spüren des leiblichen Eigenraums entstanden ist, als auch das Selbstbild, das primär aus Erfahrungen der Interpersonalität, z. B. von Identifikationen mit anderen oder Spiegelungen durch andere (und die kritische Auseinandersetzung damit) genährt wurde.

Kreative Leibtherapeut/innen bemühen sich in diesem Sinne um das Selbstbewusstsein ihrer Klient/innen. Sie setzen im therapeutischen Prozess bei den einzelnen Personen Schwerpunkte auf den Bereich, in dem es individuell ein Zuviel oder ein Zuwenig gibt. „Die Entwicklung der Person wird erst vollständig, wenn sie den körperlichen und rollenhaften Außenleib in den gespürten Leib reintegriert und so ‚Ideal und Leben‘, ‚Schein und Sein‘ miteinander versöhnt. Für diese Integration steht traditionell das Herz als Organ des Selbst (...); ein Organ, das als leise, aber leiblich spürbare Stimme kundgibt, wo es mich hinzieht, was mich abstößt, mir Unbehagen bereitet, wo ich mit mir im Reinen oder Uneins bin. Erst das gefühlte Leib-Selbst vermag dem außenorientierten Selbstbild eine authentische Basis zu geben und so das autonome Selbst zu begründen.” (Fuchs 2000a, S. 295/6)

Die zweite Folgerung aus dem Gesagten besteht darin, dass es keine Person ohne zwischenleibliche und ohne soziale Erfahrung gibt. Deswegen wohnt auch jedem Leiden wie auch jedem Heilen ein Beziehungsaspekt inne. Jedes Leiden ist zumindest auch aus Beziehungserfahrungen entstanden, und deswegen muss therapeutische Begleitung immer den Beziehungsaspekt beachten und thematisieren. Gerade weil Therapie ein Beziehungsangebot ist, kann Therapie heilend wirken.

Die Konsequenz für die Kreative Leibtherapie liegt darin, dass bei allen Phänomenen, unter denen Klient/innen leiden und die als scheinbar individuelle Eigenschaften, Deformierungen oder Verhängnisse vorgestellt werden, versucht werden sollte, die zwischenleibliche und interpersonale Entstehungsgeschichte solcher Phänomene zu erkunden und sie zum Thema der therapeutischen Begleitung zu machen. Das anfangs erwähnte geringe Selbstbewusstsein einer Frau mit der Erfahrung sexueller Gewalt ist keine individuelle Eigenschaft oder „Störung”. Diese Frau wurde durch die traumatische Erfahrung gestört und verstört, und die Verringerung ihres Selbstbewusstseins ist ein Produkt dieser Erfahrung.

Die therapeutische Begleitung enthält eine Schnittmenge zu den beschriebenen Qualitäten der Interpersonalität: Sie ist selber Beziehung und birgt daher die Chance, für die Klient/innen neue zwischenleibliche und interpersonale Erfahrungen zu machen.

Im musikalischen Dialog zwischen einer traumatisierten Klientin und ihrer Therapeutin können Erlebenserfahrungen des Trostes anklingen, die die Klientin nach der Erfahrung sexueller Gewalt vermisst hat. Jedes therapeutische Gespräch, jeder Blickkontakt, jedes dialogische Malen ist ein Angebot, neue Beziehungserfahrungen zu erleben.

Die therapeutische Erfahrung von Interpersonalität kann Selbstbewusstsein verändern und die Wahlmöglichkeiten innerhalb der sozialen Interaktionen der Klient/innen erweitern. Dies wird möglich durch den Doppelcharakter der zwischenleiblichen und interpersonellen Erfahrungen in der therapeutischen Bezie-hung: In ihr werden verletzende Beziehungserfahrungen wieder lebendig und es können gleichzeitig neue und verändernde Erfahrungen gemacht werden. Das ist der Grund, warum therapeutische Beziehung heilend wirken kann. Deswegen sagen wir: Kreative Leibtherapie ist Beziehungstherapie.

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563 p. 23 illustrations
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