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Tyler Henry

Diesseits und Jenseits

Wie die Weisheiten der

Verstorbenen unser Leben

transformieren

Übersetzt aus dem Amerikanischen

von Theresia Übelhör



Weitere Bücher aus dem Giger Verlag unter www.gigerverlag.ch

Titel der amerikanischen Ausgabe Here and hereafter erschienen im März 2022, St. Martin’s Essential, New York ein Imprint von St. Martin’s publishing Group

1. Auflage 2022

© der amerikanischen Originalausgabe: Tyler Henry, 2022

© der deutschen Übersetzung: Giger Verlag GmbH, 2022,

CH-8852 Altendorf, Telefon 0041 55 442 68 48

www.gigerverlag.ch

Lektorat und Korrektorat: Josef K. Pöllath M.A.

Umschlaggestaltung:

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Layout und Satz: Roland Poferl Print-Design, Köln

Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN 978-3-039330-49-2

eISBN 978-3-039330-66-9

Inhalt


Einleitung

1 Führen Sie ein geisterfülltes Leben

Die Bedeutung eines mystischen Daseins

2 Kontrollieren Sie Ihr Ego

Der große Saboteur

3 Nutzen Sie Ihre Eingebung

Die Gabe der Intuition

4 Leben Sie authentisch

Authentizität ist Ausrichtung

5 Die Unausweichlichkeit von Verlusten

Licht und Schatten

6 Erkennen Sie die Zeichen

Zeichen, Synchronizitäten und Botschaften

7 Hellseherisches: Fragen und Antworten

Über Readings, Intuition, Anziehung, Rituale und Todesangst

Über den Autor

Einleitung


Was Verstorbene anders machen würden

Nachdem ich im Alter von zehn Jahren den Tod meiner Großmutter vorausahnte, veränderte sich mein Leben für immer. Das war vor vierzehn Jahren, und die außerordentlichen Verbindungen, die ich seitdem bei Readings hergestellt habe, haben mein Verständnis vom Universum und der Rolle, die wir darin spielen, beeinflusst. Neben meinen eigenen Nahtoderfahrungen habe ich die Macht des göttlichen Eingreifens in das Leben der Menschen durch direkte Zeichen und tiefgreifende Fügungen erlebt. Diese haben zusammen mit den Eindrücken, die Verstorbene zum Ausdruck gebracht haben, meine Sicht auf das Leben, den Tod und die Bedeutung all dessen drastisch verändert.

Der Tod ist wie die Geburt ein unausweichlicher Teil des Lebens. Was wir mit der uns gegebenen Zeit anfangen und wie viel wir dabei lernen, bestimmt die Qualität unseres Lebens. Dadurch, dass ich Ihnen berichte, was ich durch die Jenseitserfahrung gelernt habe, werden Sie wertvolle Mittel an der Hand haben, um ein besseres und sinnvolleres Leben zu führen. Trotz unserer individuellen Unterschiede haben alle Seelen Gemeinsamkeiten. Die nach dem Tod gelernten Lektionen spiegeln unsere universellen Ähnlichkeiten wider. Mit den Worten von Ram Dass ausgedrückt: »Wir begleiten einander alle nach Hause.«

Zwar haben Sturheit, Egoismus, Ignoranz und Unausgewogenheit die Menschheit von Beginn an belastet, doch dies ist nicht die wahre Natur unserer Seelen. Es liegt in unserer Verantwortung, diese Gegensätzlichkeit zwischen unserem menschlichen und unserem seelischen Selbst zu erkennen und einzubeziehen. Wie man so schön sagt: »Sie sind kein körperliches Wesen, das eine spirituelle Erfahrung macht. Sie sind ein spirituelles Wesen, das eine körperliche Erfahrung macht.« Alles ist nur vorübergehend; sicher ist nur die Veränderung. Wie können wir also die Unvermeidbarkeiten des Lebens besser meistern?

Was die Verstorbenen im Jenseits über die Bedeutung des Lebens lernen, gibt uns Einblicke in den Sinn des Lebens. Noch pragmatischer ausgedrückt: Die im Jenseits gelernten Lektionen helfen uns, einen ausgewogeneren, bedeutsameren Blick auf das Leben und den Tod zu werfen. Ich selbst war erstaunt über die äußerst wertvollen Hinweise, die man im Wissen dessen, was die Verstorbenen anders machen würden, für sein Leben gewinnen kann.

Meine Erfahrungen als Medium haben mir die Bedeutung des Glaubens nähergebracht. Um ein Reading erfolgreich durchzuführen, muss ich nicht nur an mich selbst glauben. Ich muss auch an einen Bereich glauben, den ich nicht kontrollieren kann und auf den ich mich voll und ganz verlassen muss, um meine Arbeit erledigen zu können. Durch diesen Prozess des inneren und äußeren Glaubens habe ich Vertrauen in eine höhere Informationsquelle entwickelt, die man auch Intuition nennt.

Für ein Medium ist es ein Muss, intuitiv zu leben, aber wir alle haben eine leise Stimme im Hinterkopf, die sich gelegentlich zu Wort meldet. Würden wir nur öfter auf sie hören! Wenn wir das täten, würden wir effizienter leben und uns nicht von nicht lohnenswerten Dingen ablenken lassen. Erkennen wir eine Gelegenheit, dann können wir diese ergreifen. Somit ist die Intuition ein wirksames Mittel, um zu unterscheiden, was unsere Aufmerksamkeit wert ist und was nicht. Die Intuition kann uns Wege aufzeigen, die wir zuvor nicht gesehen haben, und uns durch alles, was sie uns bietet, neue Wege ebnen.

Durch die Kenntnis des Wachstumsprozesses, von dem die Verstorbenen berichteten, stellte ich fest, dass gewisse Prozesse im Jenseits universell zu sein scheinen. Egal, wer Sie sind, wir sind alle den gleichen Mechanismen des Universums unterworfen. Diese Prozesse verändern beim Tod unser Bewusstsein, indem sie uns Einblicke gewähren, wie wir gelebt und ob wir anderen geholfen haben. Diese von den Verstorbenen gewonnenen Erkenntnisse geben uns Hinweise, wie wir im Leben unser ganzes Potenzial ausschöpfen können. Dadurch, dass wir die Perspektive des Jenseits kennen, können wir unsere Perspektive im Diesseits anpassen.

Alle im Jenseits gewonnenen Erkenntnisse scheinen durch einen Prozess zu entstehen, den ich Lebensrückblick nenne und der letztlich zum Tod des Egos führt. Ähnlich wie bei der Geburt eines Babys, das den Geburtskanal passieren und dessen Nabelschnur dann durchtrennt werden muss, so müssen unsere Seelen beim Eintritt ins Jenseits einen Loslösungsprozess durchlaufen. Durch diese Reihe von Ereignissen streifen wir unsere menschlichen Probleme, unsere schlimmsten Traumata und all unser diesseitiges Gepäck ab, allerdings erst dadurch, dass wir uns mit all dem konfrontieren. Durch unseren Lebensrückblick erkennen wir, dass unser einzigartiges Bewusstsein jeden Menschen geprägt hat, dem es jemals begegnet ist, und dass unsere individuelle Präsenz die kollektive Präsenz beeinflusst hat. Während dieses Prozesses der Selbsterkenntnis betrachtet unser Bewusstsein uns selbst weniger als individuelles Bewusstsein als vielmehr als Teil eines größeren kollektiven Bewusstseins, an dem jeder teilhat. Mit jeder verarbeiteten Interaktion streift das Ego eine weitere Schicht ab. Wir erkennen, dass wir alle einzelne Finger an einer Hand sind. Wir sind alle Erweiterungen desselben Ursprungs.

Mit dieser Erkenntnis geht Akzeptanz einher. Wenn wir damit konfrontiert werden, wie unsere Taten anderen geholfen oder geschadet haben – und wir damit auch uns selbst –, arrangieren wir uns mit jedem Problem, jedem Hindernis, jedem Herzschmerz und mit allem, womit wir es je zu tun hatten. Das ist die Definition wahren Friedens. Ich definiere den Himmel nicht als wolkigen Ort mit Harfen spielenden Engelchen. Ich betrachte ihn als Zustand, in den unser Bewusstsein unweigerlich eintritt und hineinwächst. Letztlich werden wir uns bewusst, dass wir Teil des riesigen Bewusstseinsnetzwerks sind, das das Universum durchdringt. Durch diese Erleuchtung werden unsere menschlichen Probleme vergleichsweise unbedeutend, doch ohne menschliche Probleme wäre diese Erleuchtung unmöglich.

Ich sehe große Ähnlichkeiten zwischen dem Zustand, in den wir beim Sterben gelangen, und damit, was viele Religionen während des Daseins hier auf Erden zu erreichen versuchen. Die Welt kommuniziert durch Religion, Spiritualität und Mystik mit einer höheren Macht, deren Anwesenheit die Menschheit schon immer instinktiv gespürt hat. In dem Bemühen, diesen Zustand zu erreichen, ist unsere Geschichte von Riten und Praktiken durchdrungen, wenn wir mit dem Ziel, mit dem Ursprung in Verbindung zu treten, bestimmte Dinge tun. Carl Gustav Jung bezeichnet diesen Prozess der Einbeziehung des Bewussten und des Unterbewussten als Individuation. Buddha nannte ihn Erleuchtung. Wie Sie ihn auch immer nennen, es gab die Erkenntnis schon immer, dass wir durch das Eintauchen nach innen das lösen können, womit wir äußerlich konfrontiert sind.

Ich denke nicht, dass es realistisch ist, in unserem Leben volle Erleuchtung anzustreben. In westlichen Gesellschaften ist es einfach nicht praktikabel. Ich glaube nicht, dass wir unser Ego zerstören sollten – wir sollten es verbessern. Das Ego ist, wie Sie sehen werden, eine notwendige Verteidigungsstruktur, die uns durchs Leben trägt. Ich zögere, Ihnen zu raten, nach Erleuchtung zu streben, es sei denn, Sie sind ein tibetischer Mönch in einem abgeschiedenen Tempel. Es ist ein gravierender Unterschied, ob wir die Messlatte ein wenig niedriger hängen und auf eine Weise leben, die erleuchtend ist, oder ob wir Erleuchtung anstreben. Wir alle sind unfertige Wesen, und die damit verbundenen Lektionen sollen ebenso praktisch wie tiefgreifend sein. Wenn wir die Balance zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, zwischen Ego und Seele, zwischen Liebe und Furcht halten, können wir das Gleichgewicht in unserer häufig unausgewogenen Welt finden.

Dieses Buch wird Ihnen die Werkzeuge an die Hand geben, damit Sie Ihre Intuition verfeinern, Ihr Ego erkennen und Ihr Leben ein bisschen weniger schwer machen können. Wenn Sie als Individuum heilen, entsteht ein Sogeffekt und inspiriert andere, ebenfalls zu heilen. Und hier beginnt die Reise.

Indem wir von den Erfahrungen derer lernen, die vor uns gekommen und gegangen sind, können wir unser Bedauern begrenzen, weil wir wissen, wann wir den Mund aufzumachen haben. Durch Intuition können wir die Welt auf eine Weise wahrnehmen, die weit in unsere Seele hineinreicht und dann hinaus in die Welt um uns herum. Wenn wir dem Flüstern des Universums lauschen, entdecken wir nicht nur, was zu tun ist, sondern auch, wer wir sind.

1 Führen Sie ein geisterfülltes Leben


Die Bedeutung eines mystischen Daseins

Ein spirituelles Leben zu führen, bedeutet im Grunde, die mystische Seite der Realität anzuerkennen. Mystik war von Anbeginn der gemeinsame Nenner aller Religionen und Spiritualitäten. Das hat man nie ganz begriffen, es ist aber grundsätzlich so. Die Natur mystischer Erfahrungen lässt sich nicht in Worte fassen, und diejenigen, die diese Zustände erleben, verbringen häufig den Rest ihres Lebens mit dem Versuch, sie zu verstehen. Die Menschen haben von Anfang an erkannt, dass es da draußen noch etwas »anderes« gibt, aus dem das Gefüge der Existenz besteht. Die frühen Religionen basierten vor allem auf dem Ahnenkult, der als gemeinsame Spiritualität diente, in welcher die verstorbene und gegenwärtige Menschheit untrennbar miteinander verbunden war. Später überwogen polytheistische und monotheistische Religionen. Das waren alles Versuche, in den Himmel zu blicken, um die Erde zu verstehen. Solange diese Vorstellung vorherrscht, solange gibt es Versuche, mit diesem »anderen« Teil der Realität zu kommunizieren. Diese Beziehung ist die Grundlage sämtlicher religiöser Praktiken.

Ob wir nun die Hände zum Gebet falten oder einen Zustand der transzendenten Meditation erreichen, das Ziel ist das Gleiche: Mit dem Äther zu kommunizieren und unser Bewusstsein zum Besseren zu verändern. Bei allen spirituellen Praktiken geht es darum, sich in der Hoffnung, sich selbst zu verbessern, mit einer höheren Macht zu verbinden. Das Gebet vermittelt ein Gefühl, gehört zu werden, und Glaube motiviert die Menschen, neue Höhen zu erreichen, auch wenn sie sie nicht sehen können. Diese Konzepte sind mehr als Glaube. Es sind Praktiken. Afrikanische Stämme führen hypnotische Trommelkreise und Tänze auf, die ausschließlich für spezielle Momente reserviert sind, wenn spirituelle Kommunikation hergestellt werden soll. Viele von uns berichten davon, dass sie hin und wieder die Augen schließen und »es stumm aussprechen«, das heißt, sie beten. Katholiken sagen den Rosenkranz auf, um ihr spirituelles Ziel zu erreichen, während tibetische Mönche Klangschalen nutzen, um einen repetitiven, summenden Ton zu erzeugen, der die Meditation und das Gebet unterstützt. Ich beschreibe diese Praktiken, weil sie eines gemein haben: Es gibt ein Element der Wiederholung in den Ritualen, das meinem eigenen Kritzeln ganz ähnlich ist. Jeder, der mich bei einem Reading beobachtet, weiß, dass in Wahrheit mehr hinter dem Prozess des Kritzelns steckt und es nicht um das geht, was auf dem Blatt steht, weil er mir hilft, eine Verbindung herzustellen. Der Prozess des Kritzelns ist für mich eine spirituelle Praktik: Es ist mein Hinweis an das Universum, dass ich bereit bin, an die Arbeit zu gehen und in einen anderen Zustand einzutreten. Die Wiederholungen helfen mir, in einen anderen Bewusstseinszustand zu gelangen, den man am besten als Trance beschreiben kann. In diesem Zustand bin ich mir meiner Umgebung noch immer irgendwie bewusst, aber eher in der Lage, spirituelle Eindrücke wahrzunehmen, die normalerweise übersehen werden. Der Prozess der Wiederholung kann uns helfen, ein Gefüge zu errichten, durch das wir mit dem großen Unsichtbaren kommunizieren können.

Gesunde Rituale sind eine Möglichkeit, das normale Alltagsleben von der Intensität der spirituellen Verbindung zu trennen. Wenn wir eine heilige Praktik beziehungsweise Routine entwickeln, schaffen wir eine Basis, von der aus unsere Spiritualität wirken kann. Es handelt sich um ein fundamentales Konzept, das einzuführen ich jedem empfehle: ein Programm spiritueller Praktiken einzurichten. Das muss nicht kompliziert sein, und tatsächlich ist es besser, wenn es das nicht ist. Sich täglich Zeit für Meditation und Gebet zu reservieren, schafft eine Grundlage für Erkenntnis. Wenn wir unseren Teil tun, um das Mystische zu suchen, gibt dies dem Universum die Chance, uns im Gegenzug aufzuspüren. Die Ergebnisse können lebensverändernd sein.

Bevor wir uns eingehender mit Mystik befassen, ist es wichtig, die Charakteristika mystischer Erfahrungen zu kennen. Die Natur dieser Momente ist tiefgreifend und ebenso unfassbar. Sie kommen aus dem Nichts und lassen den Empfänger verändert und inspiriert zurück. Der amerikanische Philosoph und Psychologe William James (1842–1910) untersuchte in seinem Buch »Die Vielfalt religiöser Erfahrung« religiöse Erlebnisse. Er war zwar kein Mystiker, betrachtete aber die Hinweise und schlussfolgerte, dass Mystik der Ursprung aller Religionen sei. Er definierte vier Eigenschaften mystischer Zustände:

1 Unbeschreiblichkeit, das heißt, nicht in Worte zu fassen. Die Erfahrung ist so ungewöhnlich, dass Worte nicht korrekt beschreiben können, wie tiefgreifend sie ist. Die Menschen versuchen vielleicht, ihre mystischen Erfahrungen zu beschreiben, aber Worte können das Ausmaß nicht wirklich vermitteln.

2 Die noetische Eigenschaft, das heißt, die Erfahrung wird durch die Suche nach Erkenntnis äußerst faszinierend. Sie ist mehr als eine logische Suche nach Erkenntnis und eher durch tiefe Gefühle motiviert.

3 Vergänglichkeit, das heißt, sie sind gewöhnlich kurz, aber bedeutungsvoll.

4 Passivität, das heißt, die Erfahrung vermittelt dem Betreffenden das überwältigende Gefühl, Teil einer höheren Macht zu sein. Dadurch kann es sein, dass er sich auf nichts anderes mehr konzentrieren kann.

Menschen, die Nahtoderfahrungen gemacht haben, beschreiben bei ihrem eigenen Erlebnis viele dieser Eigenschaften. Das taten auch diejenigen, die in der Geschichte religiöse Visionen hatten und Momente erlebten, in denen sie meinten, Gott spreche zu ihnen. Wie Sie auch immer zum Ursprung dieser kurzen Momente stehen, Menschen erleben sie, und sie führen zu massiven Veränderungen.

Zahllose historische Persönlichkeiten, von Harriet Tubman bis zu Jeanne d‘Arc, verliehen Offenbarungen aus dem Jenseits durch ihre weltverändernden Leistungen Glaubwürdigkeit. Es ist bekannt, dass der Maler Salvador Dalí regelmäßig seine Träume als Inspirationen für seine surreale Kunst verwendete. Oft nutzte er die Zeit zwischen Wachsein und Einschlafen, um Inspirationen für seine Gemälde zu bekommen. Es war bekannt, dass er stets einen Löffel in der Hand hielt, damit dieser in dem Moment, in dem er in den Halbschlaf, Hypnagogie genannt, glitt, zu Boden fiel und das Geräusch ihn aufweckte. Beim Aufwachen sammelte Dalí alle Visionen oder Bilder, die sich zu formen begannen, als er sich in diesem Zwischenstadium des Bewusstseins befand. Auch von Albert Einstein ist bekannt, dass er regelmäßig zwanzigminütige Nickerchen hielt, um sich mit dem Ziel, neue Ideen zu finden, nach innen zu wenden. Isaac Newton, der Vater der modernen Physik, interessierte sich sehr für die spirituelle Suche der Alchemie und hielt die Mystik für eine Erweiterung der Wissenschaft. Alle diese Personen veränderten die Welt, weil sie einfach das taten, wozu sie sich berufen fühlten. Das ist Intuition.

Der spirituelle Weg ist der Versuch, universelle Mysterien zu verstehen, die dennoch nicht ganz begriffen werden können. Betroffene haben häufig das Gefühl, nicht intelligent genug zu sein, um ihre Erfahrung in den Zusammenhang zu setzen, obwohl sie eindeutig real und sehr eindrucksvoll war. Mystische Aktivitäten sind sehr persönliche Praktiken, die das Ziel haben, einen tieferen Sinn im Leben zu finden. Von dem Weg, auf den sie uns häufig führen, profitiert die gesamte Menschheit. Mystik bietet eine direkte Verbindung zur Erkenntnis über die Natur des Daseins und die Wahrheit aller Dinge.

Manchmal wird die Mystik durch Interaktionen mit nicht-menschlichen Quellen der Einsicht oder einer höheren Macht motiviert. Harriet Tubman, die amerikanische Gegnerin der Sklaverei, führte Sklaven in die Freiheit, indem sie den Anweisungen ihrer Visionen folgte, von denen sie behauptete, sie seien ihr direkt von Gott gesandt worden. Sokrates bezog sich auf die Musen, unsichtbare Kräfte der Inspiration, die manchmal mit Menschen kommunizieren. Joseph Smith, der Gründer des Mormonentums, sah sich durch das, was er für eine Engelsbotschaft hielt, gezwungen, eine der erfolgreichsten modernen Religionen ins Leben zu rufen. Jack Parsons, der häufig nicht ausreichend gewürdigte Vater der modernen Raketentechnik, revolutionierte allein durch Intuition die Antriebstechnik. Er hatte keinen Universitätsabschluss, aber erfand die Brennstofftechnik, die den Menschen auf den Mond brachte.

Als ich zum Medium wurde, bemühte ich mich, so viele Hellseher und Medien zu besuchen, wie ich nur konnte. Ich saß mit mehr als zweihundert spirituellen Praktikern zusammen, was zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führte. Besonders fasziniert war ich, woher diese Menschen meinten, ihre hellseherischen Informationen zu erhalten, und ich war über die Vielzahl der Antworten erstaunt. Die meisten meinten, geistige Führer zu haben, andere behaupteten, den Geist, mit dem sie sprachen, direkt im Raum zu sehen. Manche erklärten, ihre Informationen aus anderen Welten zu erhalten, manche vom christlichen Gott, andere sagten, sie stünden mit alten Gottheiten in Kontakt. Man könnte über diese Idee und die scheinbaren Widersprüche bei alldem leicht spötteln, aber ich stellte fest, dass diese die Auslegungsweise spiritueller Verbindungen widerspiegelte. Menschen projizieren ihre vorgefassten Überzeugungen auf etwas, was jeden Glauben übersteigt.

Bei allen diesen Beispielen geht es um die Kommunikation mit höheren Mächten, auch wenn niemand wirklich sagen kann, wer der Ursprung all dieser mystischen Momente ist. Ein Christ könnte eine mystische Erfahrung als von Jesus stammend wahrnehmen, während ein Spiritist sie einem Geist zuschreiben könnte. Das repräsentiert die unfassbare Natur mystischer Erfahrungen: Sie sind nicht in Worte zu fassen, und wir werden den wahren Ursprung nie begreifen können. Vielleicht ist es auch nicht unsere Aufgabe, den Versender der Botschaft zu verstehen, sondern vielmehr, die Botschaft in die Tat umzusetzen.

Die Mystik ermuntert zur bewussten Erkundung aller Realitätskonzepte, die man sich nur vorstellen kann. Selbst die zynischsten Wissenschaftler tun sich schwer, eine materialistische Sicht der Realität beizubehalten, nachdem sie die Präsenz des großen Unbekannten wahrgenommen haben. Der Neurochirurg Eben Alexander musste nach seiner Nahtoderfahrung, die er in seinem Buch »Blick in die Ewigkeit« (Heyne Verlag, München 2016) wortgewandt beschrieb, mit einem massiven Perspektivwechsel erst einmal zurande kommen. Wie zu erwarten, werden mystische Erfahrungen von der wissenschaftlichen Welt nicht in Betracht gezogen, einfach weil sie mit wissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbar sind. Aufgrund ihrer metaphysischen Natur übersteigen mystische Erfahrungen typischerweise Worte, Vernunft und rationale Erklärungen. Sie sind unbeschreiblich und ohne die Hilfe höherer Mächte unmöglich herbeizuführen. Mit diesem intimen Wissen aus erster Hand nähert sich der Mystiker einer spirituellen Vereinigung mit einer höheren Macht und einer inneren Wirkung auf das Selbst. Menschen sind für immer verändert, wenn sie einen Blick ins große Jenseits geworfen haben. Uns wird klar, dass wir ein kleines Teilchen in einem größeren Puzzle sind, und das führt zu irreversiblen Wahrnehmungsverschiebungen, die unsere Definition von Realität verändern.

Mein eigener kurzer Blick auf diese Wahrheit hat dazu geführt, dass ich mein Leben änderte. Er hat meine Prioritäten drastisch beeinflusst und auch, wofür ich keine Zeit mehr vergeude. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten häufig, durch die Erkenntnis eines größeren Zusammenhangs für immer verändert zu sein. Oft erklären sie auch, sich motiviert zu fühlen, ihr Wissen anderen Menschen mitzuteilen. Irgendwie erhalte ich durch jeden Geist, mit dem ich kommuniziere, Einblicke, wie der Todesprozess das Bewusstsein verändert. Das hat dazu geführt, dass ich meinen eigenen anders sehe, und was ich mit der Zeit, die ich auf diesem Planeten habe, anfangen möchte.

Wenn man ein auf das Universum ausgerichtetes Leben führt, streift man alles ab, was nicht real ist und uns nicht weiterbringt, weil wir einen Blick in unsere ewigwährende Natur werfen. Spirituell zu leben, ist ein individueller Weg, und nur Sie selbst können den Pfad erkennen, auf dem Sie unterwegs sind. Ob Sie die mystische Natur der Realität erkennen oder nicht, sie existiert seit Urzeiten und für immer. Weder der wissenschaftliche Fortschritt noch die physikalischen Erklärungen der Wissenschaft haben die Menschen davon abgehalten, mystische Erfahrungen zu machen. Mystiker wurden geboren, werden geboren und werden auch in Zukunft geboren. Daran ändert sich nichts. Deshalb können wir genauso gut einen Blick auf die Mechanismen hinter dem Spirituellen werfen und uns bemühen, diese besser zu verstehen. Mit dieser Erkenntnis lernen wir uns auch selbst besser kennen. Wenn Sie die Realität des Ganzen erkennen können, beginnt sich das Leben zu verändern. Das ist der Weg zur Selbstwerdung.

Manche Menschen fühlen sich mit der unsichtbaren Welt stärker verbunden als andere. Als Medium werde ich oft gefragt, ob meine Fähigkeit in meiner Familie liegt. Soweit ich weiß, bin ich der Einzige. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass spirituelle Neigungen auf Anlage und Umwelt zurückzuführen sind. Unsere Umwelt formt unsere Empfänglichkeit für Spiritualität stark. Doch wir haben alle einen individuellen Ansatz, uns für unterschiedliche Perspektiven berufen zu fühlen. Meiner Meinung nach hat auch die Tatsache, dass ich Einzelkind bin, stark dazu beigetragen, dass ich meine Intuition verfeinern konnte. Ich hatte niemand, der mir widersprochen hat. Ich musste mich bei vielem allein anstrengen und wurde durch das Gelernte transformiert. Ich war ein stilles Kind, hatte wenige Freunde und zog die Gesellschaft Erwachsener der von Kindern vor. Diese isolierende Eigenschaft machte mich eher introspektiv und führte dazu, dass ich auf mein Schlagzeug einhämmern konnte, ohne von anderen »korrigiert« zu werden. Die Tatsache, dass Mystik sowohl die organisierte Religion als auch die alternative Spiritualität inspiriert hat, ist Beweis dafür, dass Menschen schon immer ihre eigene Interpretation des Mystischen vornahmen. Aufgrund ihrer transzendenten Natur müssen wir das, was wir durch das uns Bekannte wissen, selbst zusammenfügen. Das ist meiner Meinung nach der Grund, weshalb so viel Uneinigkeit und so viele Widersprüche um die Frage bestehen, wer der Sendende des Mystischen ist: Die Menschen versuchen, einer Sache, die nicht so einfach definiert und kategorisiert werden kann, Merkmale zuzuschreiben.

Deshalb denke ich, ist es wichtig, niemals zu großes Vertrauen in den Ursprung spiritueller Botschaften zu haben. Weil ich ein Medium bin, gehen die Leute häufig davon aus, dass ich bei einem Reading direkt mit dem geliebten verstorbenen Angehörigen einer Person kommuniziere. In Wahrheit habe ich eine bestimmte Beziehung zu denen, die ich meine Führer nenne, und sie übernehmen für mich einen Großteil der Kommunikation mit dem Bewusstsein, das eben durchkommt. Meine Führer sind mir ein Rätsel, ja sogar unfassbar, und ich habe den Versuch aufgegeben, herausfinden zu wollen, wer »sie« genau sind. Sie existieren, sie helfen mir, Botschaften zu erhalten und auszusenden, und das ist alles, was mir wirklich wichtig ist. Ich fordere auch Sie auf, keine Zeit für den Versuch zu verschwenden, den Sender dieser tiefgreifenden Einblicke zu suchen, wenn Sie diesen spirituellen Weg beschreiten. Gibt man sich damit zufrieden, nicht immer genau Bescheid zu wissen, erkennt man besser, was man weiß. Je mehr man lernt, desto klarer wird einem, wie wenig ein Mensch wirklich verstehen kann. Es ist nicht unsere Aufgabe, das alles herauszufinden. Wir müssen erkennen, wozu wir uns berufen fühlen und was uns zu mystischen Erfahrungen inspiriert. Unsere Rolle ist nur zu empfangen, zuzuhören und die Welt dadurch auf unsere einzigartige Weise besser zu machen.

Vieles von dem, was die New-Age-Bewegung definiert, hat den Ruf, ein Sammelsurium aus alten und neuen Glaubenssätzen ohne Lehre zu sein, die alle unter einem Begriff zusammengefasst werden. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Unterschied zwischen einem spirituellen, nicht-konfessionellen Leben und dem Eintauchen in die New-Age-Glaubenssysteme besteht. Ein großer Teil der New-Age-Bewegung stammt aus der Neugeist-Bewegung, einer früheren Ideologie, die auch die Metaphysik, das Gesetz der Anziehung, persönliche Ermächtigung und die Zuwendung zu Glaubensformen umfasst, die für »östlich« gehalten wurden. Die europäische Elite war Anfang des 19. Jahrhunderts prinzipiell von den Glaubensrichtungen und -praktiken Tibets, Indiens, Ägyptens und anderen populär gewordenen Ländern fasziniert. Das Chakra-System wurde vom Hinduismus übernommen und mit buddhistischen Philosophien vermengt. Energieheilung, Intuition und Yoga begannen, Buße, Sünde und Himmel beziehungsweise Hölle zu ersetzen. Die Menschen hatten genug von Fundamentalismus und Fegefeuer und wünschten sich eine persönlichere Beziehung zu Gott. Sie suchten in alten Religionen, der Mythologie und Überlieferungen nach etwas, woran sie glauben konnten. Im Versuch, Spiritualität jenseits des jüdischchristlichen Narrativs zu finden, gelangten sie zu einem neuen Sammelsurium von Konzepten. Und dabei blieb es.

Die Neugeist-Bewegung wurde in New-Age-Bewegung umbenannt, und die 1960er-Jahre trieben eine ganz neue Glaubenswoge an. Intuition und übersinnliche Wahrnehmung wurden pauschal der Kategorie des New Age zugeschrieben, aber das lag nur daran, dass sie unter Themen fallen, die die Öffentlichkeit aktuell als alternativ definiert. Das ist ein Beispiel dafür, weshalb es so wichtig ist, viele der allgemein akzeptierten Klischees rund um Spiritualität zu hinterfragen. Sie ist viel nuancierter und verflochtener, als die meisten Leute erkennen wollen. Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten Schritte unternommen wurden, um mehr wissenschaftliche Einblicke in die Mechanismen zu gewinnen, die bei der Intuition eine Rolle spielen, werden Wissenschaftler nie eine Antwort auf das schwierige Problem des Bewusstseins finden, bis sie die spirituelle Natur der Realität nachweisen. Das ist eine universelle Wahrheit, zu der sich Religion und die ganze Menschheit intuitiv hingezogen fühlten, aber nie wirklich begreifen konnten. Die mystische Natur der Realität existiert, egal, ob wir daran glauben oder nicht. Manchmal wird uns klar, dass wir eine Erweiterung davon sind.

Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig die pragmatische Verfeinerung Ihrer Intuition ist. Wenn Sie durch die in diesem Buch beschriebenen Werkzeuge ein spirituelleres Leben führen, ist es wichtig, Ihre Hauptprioritäten auszubalancieren. Achten Sie auf Extreme, und seien Sie stets bereit, Ihre Meinung zu ändern, wenn Sie neue Informationen erhalten. Wenn Spiritualität nicht praktikabel ist, wieso sollte man sie dann praktizieren? Ich halte es für wichtig, sich vor Gewissheiten zu hüten, wenn man sich mit Spiritualität beschäftigt. Bei meiner Arbeit habe ich festgestellt, dass das Universum in der Sekunde, in der ich mir einer Sache sicher bin, eine gegensätzliche Botschaft schickt, um mir zu zeigen, wie wenig ich tatsächlich weiß. So glaubte ich zum Beispiel am Beginn meiner Laufbahn, dass der Geist kürzlich Verstorbener nicht mit einem Medium kommunizieren könne. Nachdem ich Hunderte Readings abgehalten hatte, in denen niemand Stunden oder Tage nach seinem Tod durchgekommen war, war ich der Meinung, das bedeute, dass Menschen kurz nach ihrem Tod nicht durchkommen können. Das würde gewiss Zeit brauchen. Diese Meinung äußerte ich in meinem ersten Buch »Zwischen zwei Welten«, und dann machte ich mit meinen täglichen Readings weiter. Natürlich fand das erste Reading, nachdem ich diese Meinung überzeugt niedergeschrieben hatte, mit einer Frau statt, deren Vater kristallklar durchkam. Er war erst am Vortag gestorben. Das sollte mich wohl Demut lehren!

Damit will ich sagen, dass es wichtig ist, die Information, die Sie erhalten, so zu nehmen, wie sie ist. Nehmen Sie sie auf, dokumentieren Sie sie, aber versuchen Sie nicht, sie zu etikettieren. Das erspart Ihnen viele Probleme und wird Ihnen helfen, leichter mit der Strömung zu schwimmen. Als Menschen suchen wir nach Mustern und Beständigkeit, um unsere Überzeugungen zu festigen. Doch die Mystik sabotiert dies. Wenn Sie diesen Weg in dem Wissen beschreiten, dass wir nur ein kleines Puzzleteil sind und das ganze Bild unmöglich erfassen können, wird der Versuch, das alles verstehen zu wollen, deutlich weniger stressreich.

Historisch gehörten zur Kommunikation mit dem Göttlichen bedeutsame Zufälle, Visionen und Gefühle, die der Logik trotzten. Deshalb ist es wichtig, dass ich die Bedeutung der psychischen Stabilität hervorhebe. Ausgeglichenheit ist fundamental, und wenn Ihre Spiritualität nicht zu Ausgeglichenheit führt, dann handelt es sich nicht um eine auf Gleichgewicht basierende Spiritualität. Um ein glückliches Leben führen zu können, müssen wir Pausen vom tiefschürfenden Denken einlegen können. Entscheidend ist, bei Zeichen und Vorahnungen sein Urteilsvermögen zu nutzen. Ich glaube fest daran, dass das wirklich Bedeutsame bedeutungslos wird, wenn man in allem Bedeutsames sieht. Die Intention ist ein sehr mächtiger Mechanismus der Spiritualität. Sie ist die Basis des Gebets und bestimmt alles, was wir tun. Vor jeder Aktion steht die Intention. Unser Handeln mag zwar ungewollte Folgen haben, doch die Fähigkeit zu intendieren ist für jedes bewusste Lebewesen elementar. Jedes Reading, das ich abhalte, beginnt mit dem Zusammentreffen zweier Intentionen: meiner und der meines Klienten. Ich kommuniziere die absichtsvollen Botschaften der Verstorbenen und – wie bereits erwähnt – meiner Führer. Diese Mechanismen sind bei Ihnen nicht anders als bei mir. Wenn Sie nach einem ausgewogeneren, auf Intuition basierenden Leben streben, hoffe ich, dass Sie auf die Intentionen achten, die Ihre Perspektive bestimmen.

Diese Achtsamkeit ist selbst eine Form der Intuition. Durch Selbsterkenntnis können wir bessere Mittler werden und unser Potenzial ausschöpfen und maximieren. Je mehr innere Arbeit Sie erledigen, um sich zu ergründen, desto mehr Verbindungen nach außen werden Sie herstellen können, wenn sie Ihnen gesandt werden. Die Synchronizität (zeitlich korrelierende Ereignisse, die nicht über eine Kausalbeziehung verknüpft sind, jedoch als miteinander verbunden, aufeinander bezogen wahrgenommen und gedeutet werden) hat mein Leben immens geprägt und bestimmt, und wenn Sie Ihre Intuition nutzen können, werden Sie Hilfe bekommen, von der Sie nicht einmal wussten, dass es sie gibt.

Mithilfe der Werkzeuge und Konzepte, mit denen ich Sie ausstatten werde, werden Sie ein ganzes Arsenal an Ideen zu bedenken und zu entscheiden haben, mit welchen Sie im Einklang stehen. Die Notwendigkeit der Praktikabilität ist auf dem Weg der Selbsterkundung und der Entwicklung entscheidend. Wachstum und spirituelle Entwicklung können chaotische Prozesse sein. Gefühle können an die Oberfläche dringen, die zuvor nicht da waren, und vielleicht teilt nicht jeder Ihre Begeisterung für Selbstentwicklung. Das ist in Ordnung. Das Einlassen auf Ihre Spiritualität und das Offensein für das, was sie Ihnen beibringen kann, ist ein zutiefst persönlicher Prozess, den nur Sie verstehen müssen.

Ihre Spiritualität und Intuition sollten Sie zum Handeln inspirieren und nicht etwa lähmen oder verängstigen. Ich erhalte viele E-Mails von Eltern, die meinen, ihr Kind sei ein Medium. Dann frage ich sie, was sie beobachtet haben, das darauf hindeutet, und die Geschichte ist meist die Gleiche. Gewöhnlich erzählt ihr Kind, dass es unheimliche Dinge sieht, weil es nicht allein schlafen will oder aufgrund seiner Erlebnisse nicht zur Schule gehen möchte. Meist stelle ich fest, dass die Menschen annehmen, ein kindliches Medium zu sein sei unheimlich. Ich kann die Zahl der beunruhigenden Augenblicke, die ich als Kind mit spirituellem Bewusstsein hatte, an einer Hand abzählen. In Wahrheit handelt es sich bei 95 Prozent dieser Fälle um ängstliche Kinder mit wilder Fantasie und um Eltern, die diese etwas zu ernst nehmen. Wir müssen das, was wir durch Filme und die Popkultur über ein Medium und die spirituelle Kommunikation allgemein wissen, aktiv vergessen. Es sollte nicht als unheimliche Sache trivialisiert werden, das im Dunkeln herumpoltert, und doch hält sich diese gängige Vorstellung von spiritueller Kommunikation hartnäckig. Ich sage das, weil es wichtig ist, dies bei Ihren eigenen spirituellen Aktivitäten zu bedenken. Entmystifizieren Sie jede Angst, die Sie vor dem Mystischen haben, denn andernfalls wird sie Ihre Bemühungen blockieren. Die spirituelle Welt ist ein Teil der Natur, ebenso existent wie die Umgebung, in der wir leben. Obwohl das Wort »übernatürlich« dieses Thema aus Sicht der Öffentlichkeit definiert, handelt es sich einfach um Natur, die man noch nicht versteht. Irgendwann wird man sie begreifen. Durch Ihre eigene Arbeit, Ihre Intuition zu verfeinern, sie zu erkennen und an die Oberfläche zu bringen, könnten Sie selbst dazu beitragen.

Es ist wichtig, der Logik, der Vernunft und dem kritischen Denken Bedeutung beizumessen. Deshalb lege ich bei einem Reading so großen Wert auf die Überprüfung der Informationen, die nur die Person, für die das Reading abgehalten wird, und der Geist, der durchkommt, kennen können. Jeder kann Ihnen erzählen, dass Ihr geliebter Angehöriger stolz auf Sie ist, aber es sind die Fakten und speziellen Details, die ein gutes Reading ausmachen. In gleicher Weise müssen wir ausgewogen an jedes Glaubenssystem herangehen, das wir annehmen, und wir müssen beide Seiten berücksichtigen. Betrachten Sie immer auch Gegenargumente. Mystik und im weiteren Sinne Spiritualität werden manchmal von Menschen mit materialistischer Herangehensweise als nicht greifbar, nicht praktikabel und vage betrachtet. Das sind sie aber nicht. Ich behaupte, dass Intuition zu vielen großen Leistungen und Erfindungen geführt hat. Als Menschen haben wir schon immer nach den Sternen gegriffen, um zu verstehen, wer uns erschaffen hat, und das hat einen Grund. Spiritualität nimmt uns mit auf Reisen, führt uns zu Erkundungen und ermuntert uns, neue Höhen zu erklimmen. Mystische Menschen sind die Revolutionäre ihrer Zeit, auch wenn sie sich selbst nicht als Mystiker bezeichnen. Vor allem Erfinder, Komponisten, Philosophen und Bürgerrechtsaktivisten wurden inspiriert, dem Ruf ihrer Seele zu folgen, um einen Beitrag für die Zukunft der Menschen zu leisten. Die Xerox-Maschine, das heißt der Fotokopierer, entstand, nachdem eine gechannelte Botschaft seinen Erfinder Chester Carlson bei einem Reading durch ein Medium erreichte. Er war durch diese Erfahrung so inspiriert, dass er die Erlöse seines Lebenswerks der psychischen Forschung stiftete. Von ideologischen Bewegungen bis hin zu praktischen Geräten, die wir im Alltag nutzen, irgendetwas hat die Idee im Geist des Erfinders hervorgerufen. Dieser Funke der Eingebung, dieser Augenblick der Erleuchtung kann nur der Intuition zugeschrieben werden.

Die gleiche Eingebung, die von den größten Geistern der Welt bewusst oder unbewusst genutzt wurde, ist etwas, auf das jeder von uns Zugriff hat. Wenn wir wissen, wonach wir Ausschau halten müssen, können wir sie verfeinern.

Um Ihre Intuition zu erkennen, betrachten Sie die Momente in Ihrem Leben, in denen Sie etwas wussten, ohne einen logischen Grund zu haben, zu diesem Schluss zu gelangen. Häufig können wir uns an Momente zurückerinnern, in denen wir unserer Intuition nicht gefolgt sind; das waren die Fälle, als sie versuchte, uns etwas mitzuteilen. Es kann in einer Gesellschaft – die uns konditioniert, zu glauben, dass Vorahnungen vernunftwidrig sind – schwierig sein, unserem Bauchgefühl zu folgen. Dennoch bestimmen Vorahnungen einen großen Teil unseres Verhaltens, ohne dass wir uns dessen voll bewusst werden, und ihre Nützlichkeit ist nicht zu leugnen. Intuition ist die Gabe des Wahrnehmungsvermögens. Wir nutzen unsere Wahrnehmung tagtäglich – von der Abwägung, wie wir uns fühlen, bis hin zur Entscheidung, was wir tun. Der Künstler nutzt die Wahrnehmung bei jedem Pinselstrich. Der Chirurg muss jeden Schnitt mit dem Skalpell abwägen. Die Intuition widerspricht der Logik nicht, sie wirkt mithilfe der geistigen Strukturen, die wir erschaffen und pflegen. Je mehr Sie logisch und informationell wissen, desto mehr kann die Intuition helfen und Sie beim Herangehen an alles, was Sie tun, leiten.

Wir müssen uns anstrengen und uns aktiv bemühen, die Dinge zu überwinden, die uns daran hindern, unsere spirituelle Natur zu erkennen. Wenn wir unseren Beitrag leisten, findet das Universum einen Weg, den seinen zu leisten, manchmal auf höchst geheimnisvolle Weise.

Als Medium habe ich durch die Readings eine Menge atemberaubender Bestätigungen erhalten. Doch das Geheimnisvollste, was ich je erlebt habe, geschah nicht bei einem Reading. Es ereignete sich, als ich einen Drucker reparierte.

Ich lebte 2017 mit meinem damaligen Freund und meinen Eltern zusammen. An einem Sonntagmorgen funktionierte der Drucker in meinem Zimmer nicht richtig, und ich bat meine Mutter, mir beim Lösen des Papierstaus zu helfen. Das tat sie, und wir arbeiteten etwa fünfzehn Minuten lang daran, den Drucker auf dem Boden zu reparieren. Ich war zunehmend frustriert, und dann passierte es. Auf einmal leuchtete der Drucker, auf den ich blickte, als richte jemand eine Taschenlampe direkt darauf. Nach wenigen Sekunden erhellte eine Lichtquelle hinter mir das Zimmer. Ein seltsamer Summton erfüllte den ganzen Raum und ließ meine Haare zu Berge stehen. Meine Mutter und ich blickten einander an, dann drehten wir uns zur Lichtquelle um. Nur etwa zwei Meter von uns entfernt bewegte sich ein helles blaues Licht knapp unter der Zimmerdecke. Es war etwa einen Meter breit und einen Meter lang. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Wir waren sprachlos und beobachteten, wie diese Lichtquelle unter der Decke sich allmählich zu verändern begann. Das leuchtend himmelblaue Licht, das den Raum erhellt hatte, schien in sich zusammenzufallen, und währenddessen wurde es von einem gelben Lichtschein umgeben, der wie Nebel schwebte. Aus diesem Nebel fiel goldene Glut auf den Teppich herab. Es dauerte nicht länger als ein paar Augenblicke. Wir beobachteten, wie dieses Licht unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen schien. Als ich die goldene Glut zu Boden fallen sah, stürzte ich mich darunter und versuchte, irgendwelche Reste aufzufangen. Meine Bemühungen waren vergebens. Während ich, meine Mutter neben mir, nach dem Licht griff, kam mein damaliger Freund herein, und seine Kinnlade klappte herunter. Wir drei waren Zeugen des bizarrsten Ereignisses, das jeder von uns je erlebt hatte und wohl auch erleben wird. Nach wenigen Sekunden fiel das Licht ganz zusammen und erlosch, und das statische Geräusch war kaum mehr als ein nachlassendes Surren.

Keiner von uns konnte sich dieses Erlebnis erklären. Wir zogen alles in Betracht, von einem Kugelblitz bis zu einer elektrischen Störung, aber keiner von uns konnte auch nur annähernd begreifen, welch tiefe Wirkung das Licht auf das Leben von uns allen hatte. Wir sprachen nicht so viel darüber, wie man vielleicht vermuten würde. Es war ein zutiefst persönliches Erlebnis, das uns alle auf unterschiedliche Weise beeinflusste. Meine Mutter sprach nur sehr ungern darüber und gesteht, dass es das Seltsamste war, was ihr je begegnet ist. Mein damaliger Freund und ich haben noch immer Kontakt, und ich fragte ihn kürzlich nach dem Licht. Erstaunlicherweise erklärte er, dass es das Geräusch gewesen sei, das ihn anfangs verblüffte, noch bevor er ins Zimmer kam. Die ganze Wohnung schien von dem Geräusch erfüllt zu sein und veranlasste ihn, in mein Zimmer zu kommen, wo er dann auch das Licht sah. Die Tatsache, dass von der goldenen Glut nichts übrig geblieben war, frustrierte und verwirrte mich sehr. Die Lichtperlen, die von der ursprünglichen Quelle herabfielen, hatten etwa die Größe eines halben Dollarscheins, und dennoch blieb nichts davon übrig oder verbrannte den Teppich. Was immer wir auch an diesem Sonntagmorgen in einer kleinen Wohnung in Los Angeles erlebt hatten, es kam von woanders her. Dessen bin ich mir sicher.

Mein eigenes Erlebnis passte zur Definition einer mystischen Erfahrung: Es war schwer zu beschreiben und für eine ungewöhnlich lange Zeit schwierig, darüber zu sprechen. Es veranlasste mich, herausfinden zu wollen, worum es sich handelte und weshalb es vor drei Menschen aufgetaucht war. Es war kurz gewesen, aber die überwältigendste Erfahrung meines Lebens. Ich möchte nicht behaupten, dass es sich wie die Anwesenheit Gottes anfühlte, aber das Licht strahlte eine unbeschreibliche Empfindungsfähigkeit aus. Es schien, als wäre jemand mit uns im Zimmer. Das hat meine Meinung über das Unbekannte für immer verändert, und wären nicht zwei Zeugen dabei gewesen, hätte ich meinen eigenen Augen nicht getraut.

Schon lange vor dem Erlebnis mit dem Licht in der Wohnung hatte ich Augenblicke subtiler Merkwürdigkeiten gehabt, die mein Leben zu bestimmen schienen. Ich hatte häufig von etwas geträumt, was sich am nächsten Tag tatsächlich ereignete. Ich hatte bestimmte Zufälle bemerkt, die Aspekte von Dingen hervorzuheben schienen, von deren Kenntnis ich profitierte. Es gab Momente, in denen das Universum eingriff und eine Botschaft sandte; das war offensichtlich. Diese bestätigenden Augenblicke, die ich »Momente der Gnade« nenne, sind zentral und fanden statt, wenn ich bereit war, sie zu hören.

Eines der frühesten Beispiele ereignete sich in meinen Teenagerjahren. Ich erhielt selbst ein Reading von einer Frau, die in das Geschäft kam, in dem ich arbeitete. Sie fragte mich nach meinem Geburtsdatum und begann ohne Umschweife, mir intime Informationen über mich zu erzählen. Ich war verdutzt. Sie spulte Details aus meiner Kindheit herunter und erzählte mir Einzelheiten über mich, die mich sprachlos machten. Sie kannte meine Vergangenheit, aber was noch interessanter ist, sie begann, über meine Zukunft zu reden. Sie sprach wie ein Wasserfall und sagte mir voraus, dass ich im Alter von neunzehn Jahren an einem Berg eine lebensverändernde Nachricht erhalten würde.

Jahre vergingen, und als ich achtzehn war, führte ich mit mehreren TV-Sendern Verhandlungen und hatte vor zahllosen Managern und ihren Freunden und Familien bewiesen, dass ich ein Medium bin. Die Botschaft der Hellseherin noch im Hinterkopf, fragte ich mich, ob sie wohl meine sich entwickelnde Karriere gesehen hatte, bevor ich sie erkannte. Nach vielen erfolgreichen Meetings rechnete ich damit, die Mitteilung zu erhalten, dass eine Show, in der ich die Hauptrolle spielen sollte, von ABC Family übernommen würde, und fragte mich, ob sich die Hellseherin vielleicht um ein Jahr geirrt hatte. Ich hatte es so eilig, meine Karriere zu starten, deshalb musste die Vorhersage eventuell vorverlegt werden!

Aber so sollte es nicht kommen. Mitten in den Abschlussverhandlungen erhielt ich eine Nachricht, die ich nicht erwartete: Der Sender zog sein Angebot zurück und hatte ein Medium gefunden, das altersmäßig besser zu seiner Zielgruppe passte, das wars. An einem Tag ist man der Größte, am nächsten ein Fußabtreter.

Trotz meiner Enttäuschung wusste ich, dass sich in naher Zukunft etwas ergeben würde. Die Hellseherin hatte in so vielen Dingen absolut richtig gelegen, und ich scharrte mit den Hufen, irgendwelche Nachrichten zu erhalten.

Kurz nach meinem neunzehnten Geburtstag fuhr mich meine Mutter nach einem langen Tag, an dem ich in den Hollywood Hills Readings abgehalten hatte, nach Hause. Der Handyempfang ist in den Hollywood Hills bekanntermaßen schlecht, und als das Handy meiner Mutter läutete, dachte ich mir, ich lasse es klingeln, bis wir aus dem Funkloch heraus sind. Doch aus irgendeinem Grund lenkte meine Mutter das Auto an den Straßenrand und nahm den Anruf entgegen. Die Stimme am anderen Ende war die meines Managers Michael Corbett, und durch das Rauschen konnte ich nur ein paar wenige wichtige Wörter hören: »E! Network möchte mit dir eine Show machen. Sie haben für deine Sendereihe grünes Licht gegeben!« Ich war perplex.

Mit E! hatten wir uns vor der ABC Family getroffen, aber es war nicht gut gelaufen. Ich erhielt die Absage von einem Sender, um das Interesse des anderen zu gewinnen. Nie zuvor hatte ich ein besseres Beispiel dafür erlebt, dass sich eine Tür öffnet, wenn sich eine andere schließt. Als ich verarbeitete, was ich da am Telefon hörte, blickte ich auf, und mir wurde bewusst, wo ich war: Ich saß im Auto an einer Bergflanke mit Blick auf das Schriftzeichen von Hollywood. Mit neunzehn Jahren erhielt ich die Nachricht, die mein Leben verändern sollte, und das Zeichen war kristallklar.

2 Kontrollieren Sie Ihr Ego


Der große Saboteur

Unser Ego sind die Glaubenssätze, die wir über uns selbst hegen. Es ist eine Identität, die wir selbst gemacht und konditioniert haben, die aber nicht widerspiegelt, wie unsere Seelen wirklich sind … Wir meinen, es sind unsere Talente, Fähigkeiten und Persönlichkeiten, aber das sind alles Fähigkeiten, die wir haben, nicht die definierenden Charakterzüge unserer Seele (Tyler Henry: Zwischen zwei Welten. Lektionen von der anderen Seite. Seite 135 f.)

Eine meiner frühesten Erinnerungen liefert einen auffälligen Einblick in das Ego. Als ich etwa fünf Jahre alt war, passte eine Freundin der Familie auf mich auf, und wir machten Besorgungen. Ich wollte sicher sein, dass wir rechtzeitig wieder zu Hause sind, weil meine Mutter mich abholen wollte. Ich wollte meine Mutter nicht auf uns warten lassen, für den Fall, dass sie noch etwas zu tun hatte. Deshalb fragte ich meine Babysitterin, wann wir wieder nach Hause fahren würden. Sie war schlecht gelaunt und antwortete, wir würden zurückfahren, wenn sie es sage. Das reizte mich noch mehr, und ich bestand darauf, dass sie mir sagte, wann wir zurückfahren würden. »Ich bin die Erwachsene, du das Kind, also stell keine Fragen!«, brüllte sie. Ich sah sie vom Rücksitz aus an und fragte ohne Umschweife ernst: »Wer bist du, dass du mir sagen willst, was ich mit meinem Leben anfangen soll?«

Damit begründete ich meinen Ruf, zum Nachdenken anregende Fragen zu stellen. Obwohl ich noch ein Kind war, wusste ein Teil von mir, dass mein Wille missachtet wurde, und mein Ego schlug zurück. Schon in jungen Jahren hatte ich ein Verteidigungssystem geschaffen, indem ich Fragen stellte und als Antwort kein Nein akzeptierte. Das nützte mir nicht immer, aber so war es. Kein Wunder, dass meine Mutter zu sagen pflegte: »Wenn er alt genug ist zu fragen, ist er alt genug, Bescheid zu wissen.«

Die ersten Kämpfe führt der Mensch gegen sich selbst. Carl Gustav Jung erklärte wortgewandt, dass jeder zwei Seiten hat: Das Selbst und die Persona. Das Selbst ist das, was Sie beziehungsweise Ihre Seele, wie ich es nenne, wirklich sind. Ihre Persona ist die Version von Ihnen, die Sie der Welt präsentieren. Sind Ihr Selbst und Ihre Persona zu verschieden, wird das Leben disharmonisch. Wir alle handeln in verschiedenen Umgebungen unterschiedlich, aber das Selbst begleitet uns in jedem Augenblick, es beobachtet uns stumm im Hintergrund, während wir uns sozial verwandeln.

Wenn Sie Raum schaffen, um mit sich zu schweigen, werden Sie sich leichter selbst kennenlernen. Ohne die Notwendigkeit des Verteidigungspanzers der Persona ermöglicht Einsamkeit, sich besser kennenzulernen. Manchen Menschen fällt es äußerst schwer, allein zu sein, weil es uns zwingen kann, tiefer zu blicken. Ich glaube, dass allein verbrachte Zeit für das spirituelle Wachstum entscheidend ist. Sie müssen sich nach innen wenden und tief in das Unterbewusstsein eintauchen, um sich wirklich selbst kennenzulernen. In der Geschichte gingen Mystiker allein auf Reisen, um sich selbst zu finden, häufig gingen sie in die Wildnis oder legten große Strecken zurück. In jedem Fall gehört zur Reise des Mystikers das Eintauchen in die Einsamkeit und dann die Rückkehr in die Gesellschaft, um mitzuteilen, was sie am Ort der Introspektion erfahren haben. Das ist der Weg des spirituellen Menschen.

Wenn wir uns der Welt zuwenden, wird unsere Persona verzerrt, und wir zeigen uns so, wie unser Ego meint, gut anzukommen. Die Persona ist lediglich ein Teil dessen, wer wir sind, und dennoch gehen die meisten Menschen durchs Leben, ohne sich von dem zu lösen, was sie den anderen präsentieren. Vom Moment unserer Geburt an wird unsere Definition der Welt von unseren Erfahrungen geformt und geprägt. Das ist wie eine Bank: Unsere Erlebnisse werden auf unserem geistigen Konto eingezahlt, und es liegt an uns, wie viel Weisheit wir abheben. Die Konditionierung unseres Egos bildet die Geschichte, die wir uns über alles und jeden erzählen, und häufig zeichnet sie nicht das ganze Bild.

Das Ego wird mit vielen Wörtern und Begriffen umschrieben, aber eine meiner Lieblingsbezeichnungen ist der innere Saboteur. Dieser Ausdruck wurde vom Schauspieler und Sänger RuPaul bekannt gemacht, mit dem ich bei Hollywood Medium ein Reading abhielt. Weil das Ego der Authentizität im Weg steht, verhindert es, dass wir unser Potenzial voll ausschöpfen. Es ist der Saboteur, weil es immer darauf wartet, uns aufgrund der daran geknüpften Erwartungen zu formen und zu verändern. Aus RuPauls Sicht war sein Leben als Drag Queen eine Möglichkeit, sich über das strenge Bild der Identität lustig zu machen und die gesellschaftlichen Erwartungen der Geschlechterrollen aufzubrechen.

Sich selbst nicht so ernst zu nehmen, war eine Befreiung von der Ernsthaftigkeit der traditionellen Identität. Die Botschaften der Vergebung, die sein verstorbener Vater übermittelte, veranschaulichten die Vorstellung der Verantwortlichkeit für den inneren Saboteur, für ein heimtückisches System von Gewohnheiten und Bewältigungsmechanismen, das erst nach dem Tod erkannt wird. In der Rückschau sieht man immer scharf, das gilt auch für das Jenseits.

Während seiner ganzen Kindheit war RuPauls Verhältnis zu seinem Vater angespannt und wechselhaft. Wenn sein Vater anwesend war, machte er seinem kleinen Sohn viele Versprechungen, die er dann nicht einhielt – er ließ ihn in jungen Jahren emotional im Stich und traumatisierte ihn. Das Ego des Vaters zerstörte die engsten privaten Beziehungen und ruinierte ihn auch finanziell. Häufig stellte er fest, dass er Entscheidungen traf, die seinem eigenen Glück im Weg standen, was natürlich negative Auswirkungen auf seinen Sohn hatte. Die Botschaft von RuPauls Vater war klar: Es gab kein Leugnen mehr, keine leeren Versprechungen.

Rus Bedürfnis nach väterlicher Unterstützung veranlasste ihn trotz seines stürmischen Privatlebens, seine eigene Quelle der Unterstützung zu sein. Er musste die Rolle der Vaterfigur übernehmen. Der Schaden, den das Ego des Vaters am Leben seiner Familie anrichtete, machte Ru die Bedeutung der Selbsterhaltung und des Glaubens an sich selbst bewusst. Er war entschlossen, den Kreis der Dysfunktion zu durchbrechen.

Weil RuPaul das Reading mit einer guten Dosis Selbstbewusstsein (und jahrelanger Therapie) anging, konnte er die Macht der Botschaft seines Vaters über die persönliche Verantwortung verstehen und würdigen und seinem Vater auf eine Weise vergeben, die zuvor nicht möglich war. Durch diese Botschaft konnte er seinen Vater so wertschätzen, wie er es nie konnte, als sein Vater noch am Leben war. Er erkannte das Gute, das aus Schlechtem hervorgeht, und die Resilienz, die man durch Selbsterkenntnis gewinnt.

Wenn wir mehr wissen, handeln wir besser, und als sein Vater sein Ego losließ und von seinen Erkenntnissen berichtete, konnten alle lebenden Familienmitglieder verstehen und verzeihen – und damit ihre Seelen heilen. Der Lebensrückblick seines Vaters war wirksam! Er ermöglichte ihm, nicht nur sich selbst zu heilen, sondern auch diejenigen, die er in seinem Leben verletzt hatte.

Ich erzähle Rus Geschichte, weil das Wissen, wie unser Ego unsere Reaktionen auf die Welt bestimmt, uns tatsächlich ermöglicht, unseren inneren Saboteur zu entlarven. Und wenn wir erkennen, dass wir uns selbst im Weg stehen, können wir einen Schritt zurücktreten und brauchen uns nicht länger im Weg zu stehen. Je genauer wir über unser eigenes Verhalten, das uns letztlich nicht dienlich ist, Bescheid wissen, desto besser ergeht es uns auf lange Sicht. Wir alle tun Dinge, die manchmal gegen unsere Interessen sind, und wir müssen feststellen, warum sich dieses selbstzerstörerische Verhalten entwickelt. Es ist ein Indiz dafür, dass unsere Konditionierung uns nicht mehr das große Bild im Blick haben lässt und uns davon abhält, unser Potenzial voll auszuschöpfen.

Wir müssen bedenken, dass ein starkes Ego mehr bedeutet, als nur selbstsüchtig, ichbezogen, anmaßend oder narzisstisch zu sein. Diese Klischees sind nur ein geringer Teil davon, wie unser Ego sich auf uns auswirken kann. Die Hemmnisse für unser Selbstwertgefühl, unsere Konditionierung in Sachen Lebensstil und die Überzeugungen, durch die wir uns (auf Gedeih und Verderb) definieren, sie alle prägen unser Ego. Häufig definieren wir uns durch das, was wir denken, wenn wir in Wahrheit nur Beobachter unserer Gedanken sind. Wenn wir diese Erkenntnis in unserem Leben umsetzen, können wir den spirituellen Besserwisser identifizieren und verbessern.

Meine Arbeit ist eine ständige Mahnung an das Ego. Bei einem Reading muss ich mein eigenes Ego zurückstellen, um dem Prozess zu vertrauen. Wenn ich zu sehr damit beschäftigt bin, als richtig oder falsch wahrgenommen zu werden, wird wertvolle Geisteskraft für selbst auferlegte Erwartungen verbraucht. Ich darf nicht zu sicher, aber auch nicht zu vorsichtig sein. Ein Medium befindet sich insofern in der einzigartigen Position, als es – damit es die Arbeit effektiv machen kann – darauf achten muss, ob das Ego die Interpretation der Botschaften verzerrt. Ein Medium, das sein Ego nicht aktiv im Griff hat, neigt dazu, größenwahnsinnig zu sein, und daran herrscht da draußen kein Mangel. Wir alle suchen nach äußerer Bestätigung, aber bei einem Medium geht es ja gerade um externe Validierung. Wir müssen Leistungen vollbringen, die als übernatürlich gelten, auch wenn sie für uns natürlich sind. Niemand kann wirklich verstehen, was wir durchleben. Wir sind mit harscher Kritik konfrontiert und müssen selbstsicher und bereit sein, unserer eigenen Geschichte zu vertrauen. Das kann weniger gefestigten Menschen Probleme bereiten und ist meiner Meinung nach zum Teil der Grund, weshalb nur wenige Medien damit zurechtkommen. Wahre Zufriedenheit findet man im Gleichgewicht.

Jede Beschäftigung erfordert eine Entscheidung, und es ist hilfreich, wenn wir von diesen Entscheidungen überzeugt sind. Ein Medium muss Vertrauen in die Informationen haben, die es weitergibt. Jeder muss sich manchmal Geltung verschaffen, und wir sollten uns bemühen, ein Egomuster zu entwickeln, das uns ermuntert, selbstbewusst und verlässlich Entscheidungen zu fällen. Dieses Muster sollte uns auch demütig, lernbereit und niemals zu großspurig werden lassen.

Das ist ein schmaler Grat, den ich täglich beschreiten muss. Ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, selbstsicher, aber nicht arrogant zu sein, ist mir in Erinnerung geblieben. Ich traf mich während einer Pressetour in New York City mit einer Frau für ein Reading. Während unser Reading aufgenommen wurde, schien alles normal zu sein. Ihre Mutter war vor ein paar Jahren gestorben, und sie erwähnte ihre letzte Unterhaltung. Meine Klientin war über die Bestätigungen, die durchkamen, hocherfreut, und ich war begeistert, dass diese mit der ganzen Welt geteilt würden.

Dann passierte es. Das Reading näherte sich dem Ende, doch dann kam eine letzte Botschaft durch. Die verstorbene Mutter meiner Klientin wollte sie wissen lassen, dass sie einen Bruder hatte. Ich wusste intuitiv, dass meine Klientin drei bekannte Geschwister hatte, aber ihre Mutter beharrte darauf, dass es einen Vierten gab. Das Verhalten meiner Klientin veränderte sich komplett, weil sie das nicht erwartet hatte. Bis zu diesem Punkt war das Reading perfekt gelaufen, und die Tatsache, dass dies jetzt aus heiterem Himmel kam, veranlasste meine Klientin, die Richtigkeit der anderen Botschaften infrage zu stellen. Ich war frustriert, zumal wir ein wunderbares Reading gehabt hatten und sie zuließ, dass eine nicht geklärte Botschaft ihrer eigenen Heilung in die Quere kam.

Am Ende wurde die Aufnahme des Readings verworfen. Der Klientin gefiel die letzte Botschaft nicht und wollte sie nicht in die Welt gesendet haben. Ich hatte meine Arbeit getan, aber dann wurde sie durch eine mysteriöse Botschaft zunichtegemacht.

Knapp ein Jahr später erhielt ich von der Klientin eine E-Mail, in der sie sich ausgiebig dafür entschuldigte, mich bei unserem ersten Reading niedergemacht zu haben, weil sie inzwischen herausgefunden hatte, dass die Botschaft korrekt war. Kurz nach unserem Reading war der Vater meiner Klientin gestorben. Auf dem Sterbebett hatte er seinen Kindern gestanden, dass er eine Frau geschwängert und sie einen Sohn bekommen hatte. Sie hatten also einen Bruder, von dem sie bis dahin nichts wussten.

Meine Klientin war davon ausgegangen, dass die Botschaft bedeutete, ihre Mutter habe ein weiteres Kind, nicht ihr Vater. Die Bestätigung der Botschaft war eine eindrückliche Erinnerung an die Macht der Geister und die Wichtigkeit, ihre Botschaften zu respektieren. Es fällt leicht, Erfahrungen oder Botschaften in den Wind zu schlagen, die nicht in unser Narrativ passen, aber wir müssen aufgeschlossen sein, um den ganzen Lohn dieser kostbaren Momente zu ernten. Das Reading wurde zwar nie ausgestrahlt, aber es war nicht umsonst. Ich war dagewesen, um den Gedanken im Kopf der Klientin einzupflanzen, sie mit einer Wahrheit zu konfrontieren, mit der sie später unter erstaunlichen Umständen zurechtkommen musste.

Menschen, die zu einem Reading kommen, haben große Erwartungen, und die Trauer kann dazu führen, dass sie sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Manchmal bringen sie mir hartnäckig Widerstand entgegen. Ein solches Beispiel ereignete sich vor ein paar Jahren, als ich es mit einem außergewöhnlich schwierigen Reading zu tun hatte. Am Morgen davor hatte ich schon ein unheilvolles Gefühl und war eigenartig ängstlich. Nachdem ich in der Show mehr als zweihundert Readings abgehalten hatte, wurde ich häufig angefragt, und es gab viel Lob. Aber dieses Mal war es anders.

Ich ging die gefühlt längste Einfahrt hinauf und klopfte an die Haustür. Eine Ewigkeit verging, dann wurde sie geöffnet. Darin stand ein schick gekleideter Mann mit buntem Augen-Make-up und einem großen extravaganten Hut. Es war Boy George.

Er machte sich nicht die Mühe, freundlich zu sein, war aber recht höflich. Sein Reading, in dem eine Reihe verstorbener Freunde zu Wort kommen wollten, war intensiv. Doch egal, was ich übermittelte, es wurde abgeschmettert. Selbst die unscheinbareren Eindrücke wurden abgelehnt, und es war klar, dass er noch immer nicht kooperieren würde, selbst wenn ich intuitiv seine Sozialversicherungsnummer erahnt hätte.

Nach einem gefühlt stundenlangen Reading, in dem ich ihm alles aus der Nase ziehen musste, gesellte sich sein Manager zu uns. Er war sympathisch und begann eine Reihe von Dingen zu bestätigen, die einzuräumen George sich weigerte. Es war offensichtlich, dass es eine öffentliche Persona aufrechtzuerhalten galt, und die zählte nicht zu den verwundbaren. Das war eine Situation, mit der ich es einige Male während der Aufnahme von vier Staffeln Hollywood Medium zu tun gehabt hatte. Prominente bieten unglaubliche Einblicke in das Ego und wie das Selbst und die Persona interagieren. Sehr oft hielten Klienten aus Angst, wie die Öffentlichkeit darauf reagieren könnte, die Bestätigung von Informationen zurück, von denen sie wussten, dass sie korrekt waren. Jeder will gemocht werden, aber manchmal sind öffentliche Personen sehr selektiv in dem, was sie über ihr Privatleben preisgeben wollen.

Mein Reading mit Boy George war ironischerweise einer meiner Lieblingsmomente bei Hollywood Medium. Ich brauchte etwa drei Staffeln, bis ich so fühlen konnte, aber dieses Reading nimmt in meinem Herzen einen speziellen Platz ein. George war so gnädig, sich nach dem Reading mit meiner Assistentin Charlie zu unterhalten, und ich schätzte, wie freundlich er zu ihr war. Diese künstliche Figur mit den stählernen Augen schien fast mit Absicht unerreichbar zu sein, und ich fragte mich, wie er wohl ohne laufende Kamera reagiert hätte. Ich schlussfolgerte, dass sein Kostüm gewissermaßen seine Rüstung war, und sein Erscheinungsbild war eine Möglichkeit zu kontrollieren, was die Menschen sahen, wenn sie ihn anblickten.

Dieses Reading veranlasste mich, mich mit meinem eigenen Ego zu konfrontieren und die Möglichkeit zu akzeptieren, als falsch wahrgenommen zu werden. Dadurch, dass ich mit dem Ego eines Klienten konfrontiert war, hatte ich Einblicke in mein Ego und was ich das nächste Mal besser machen konnte. Das ist ein Beispiel für eine Chance, die sich uns allen ergibt, wenn wir verärgert sind: Die Menschen als Spiegel unseres Selbst zu betrachten.

Wie wir uns der Welt präsentieren, zeigt, wie wir wahrgenommen werden wollen. Das Bild, das wir von uns für die Welt zeichnen, sagt eine Menge darüber aus, wie wir uns selbst sehen, und das kann wertvolle Einblicke in das allgemeine menschliche Sein liefern. In jedem steckt ein Kind, das einfach anerkannt werden will, und es bleibt unserem Ego überlassen, zu tun, was es will, um dies zu erreichen.

Wenn wir uns in einer Konfliktsituation befinden, ist es leicht, in die Offensive gehen zu wollen, aber es ist wichtig, die Gegenseite anzuhören und einzuschätzen, ob darin trotz der verachteten Quelle etwas Wahres liegt, das wir uns zunutze machen können. Allzu oft hören die Menschen nicht wirklich darauf, was sie aufbringt. Mark Twain drückte es folgendermaßen aus: »Sollten wir mehr sprechen als hören, dann hätten wir zwei Zungen und ein Ohr.«

Gleichwohl möchte niemand kritisiert werden. Es ist schmerzhaft, missverstanden oder absichtlich falsch verstanden zu werden. Als Junge beobachtete ich einmal, wie Kritiker Hellseher wie Sylvia Browne und John Edward im Internet niedermachten, und ich litt sehr mit ihnen. Ich wusste, dass die gleichen Kritiker hinter mir her sein würden, sollte ich die Rolle eines Mediums in der Öffentlichkeit einnehmen.

Das waren sie. Sie kommen in meine Live-Shows, stören meine Auftritte und beleidigen mich für mein Aussehen oder meine Sexualität, wenn sie an einem Reading nichts zu kritisieren finden. Erst neulich stahl ein Mann einen Backstage-Pass, kam in meine Garderobe und bedrängte mich vor einer Live-Show. Ich habe ernsthafte Todesdrohungen erhalten, die immer der Polizei gemeldet werden.

Ich habe es bereits erwähnt und wiederhole es: Es besteht ein Unterschied, ob man skeptisch oder zynisch ist. Skepsis ist eine wichtige Tugend und führt zu einem besseren Verständnis. Aber Zynismus ist ein Wesenszug, der romantisiert und mit Intelligenz aufgeblasen wurde. Das ist er nicht. Zyniker bilden sich ihre Meinung ungeachtet dessen, was ein Reading ergibt und wie tiefgreifend es ist. Wenn sie können, nutzen sie Bestätigungsfehler, um ihre Giftigkeit zu bekräftigen und machen mentale Verrenkungen, um jedes Medium als betrügerisch anzuklagen. Als gesunde Skepsis maskierter Szientismus ist rückschrittlich. Befürworter des Szientismus erklären, dass das, was die Wissenschaft heute nicht quantifizieren kann, nicht existiert. Doch sie ignorieren die Tatsache, dass es in der Geschichte Zeiten gab, in denen wir aufgrund von technologischen, wissenschaftlichen und messtechnischen Beschränkungen bestimmte Entdeckungen noch nicht gemacht hatten.

Das ständige Vorkommen von Medien zeigt, dass Spiritualität lebendig und munter ist. Die Leute sind heute aufgeschlossener und diskutieren das Thema offener als je zuvor. An jedes auftauchende bemerkenswerte Medium heften sich Tausende Kritiker mit dem Ziel an seine Fersen, ihren Namen mit einer neuen Berühmtheit in Verbindung zu bringen.

Wir alle haben es irgendwann mit Neinsagern zu tun, und man muss wissen, wer man wirklich ist. Wenn man bejaht, wer man ist und was man repräsentiert, ist man in seiner Stärke unerschütterlich. Wir alle haben Schwächen, Triebfedern, heikle Themen, aber wenn man sich kennt und akzeptiert, schafft man ein Fundament, das nicht eingerissen werden kann.

Bei Readings behindern manchmal die spirituellen Überzeugungen der Leute ihre Aufnahmebereitschaft, und das ist ein Beispiel dafür, wie unsere Einstellungen uns im Weg sein können. Einige der nettesten Klienten, die ich hatte, waren religiös, und ich musste viel erklären, um sie auf eine Wellenlänge mit mir zu bringen. Da ich in einem presbyterianischen Haushalt aufgewachsen bin, war ich mir sehr wohl bewusst, dass viele christliche Konfessionen Medien verschmähen und sie als Geisterbeschwörer abtun. Bei einem Treffen einer kirchlichen Jugendgruppe, an dem ich teilnahm, wurde ein Video zu diesem Thema gezeigt, und ich ging hinaus und ging nie wieder hin.

In einer Kirche meiner Heimatstadt wurde von einer besorgten Mutter ein Gebetskreis für meine Seele abgehalten. Leute verurteilen das, was sie nicht verstehen, und wir müssen unser eigenes Urteilsvermögen kennen. In den Momenten, in denen wir aufgerufen sind, andere Menschen zu beurteilen, könnten Wesenszüge zum Vorschein kommen, die wir an uns nicht mögen, und wir können am Beispiel anderer Leute lernen, ohne uns zu ärgern.

Ich habe nie verstanden, weshalb die Fähigkeiten als Medium Glaubensüberzeugungen widersprechen sollen. Jesus, und in manchen Glaubenssystemen die Heiligen, vollbrachte Wunder, die die Existenz Gottes bestätigten. Wieso ist das Dasein als Medium etwas anderes, wenn es in einer Weise ausgeübt wird, die heilend und produktiv ist?

Etwas Lustiges passierte während meines Readings mit Kenya Moore. Sie war im neunten Monat schwanger und selbstverständlich liebenswürdig. Doch jedes Mal, wenn wir über verstorbene Angehörige sprachen, schien es ihr unangenehm zu sein, und sie schwieg. Als eine verstorbene Mutterfigur auf die bevorstehende Geburt ihres Babys einging, fiel eine Windeltüte aus dem Regal hinter ihr. Ich hätte dies als sehr beruhigendes Zeichen gedeutet, aber sie schien beklommen zu sein. Später erfuhr ich, dass sie aus einem sehr religiösen Umfeld stammte, und ich fragte mich zwangsläufig, ob das der Grund war, weshalb ein gewisses Zögern bestand, sich mit dem Jenseits zu verbinden. Was manche beruhigend finden, halten andere für beängstigend. Sie war jedenfalls aufrichtig und nett, und ich empfand es als Privileg, an einem so transformativen Zeitpunkt in ihrem Leben mit ihr zusammensitzen zu dürfen.

Eine Faustregel ist, dass Ihre Spiritualität, wenn sie ständig Angst auslöst, vielleicht nicht das produktivste Glaubenssystem ist, das Sie annehmen sollten. Wir alle sind berechtigt, unseren eigenen Glauben zu entwickeln, aber dieser sollte uns befreien, nicht einengen. Jedes auf Dogma und Verfolgung basierende Glaubenssystem führt nur zu Unterdrückung und Komplexen. Die Menschen sind wie sie sind, und wir müssen bereit sein, auf die Etikettierung dessen, was wir nicht verstehen, zu verzichten. Es ist einfach, zu hinterhältigen Schlussfolgerungen rund um Dinge zu gelangen, die wir nicht begreifen, aber ein wenig Neugier wird Sie weiterbringen als jedes Urteil.

Ein anderes Beispiel dafür, wie Religion ein Reading beeinflusst, war das Treffen mit Melissa Joan Hart. Sie war unglaublich sachlich, obwohl sie ein wenig besorgt war, von einem Medium gelesen zu werden. Ich war jedenfalls froh, dass sie es mir von Beginn an sagte, denn das bot mir die Chance, meine Meinung zu diesem Thema zu äußern. Um die Bibel wirklich zu verstehen, ist es meiner Ansicht nach wichtig, sowohl historische als auch kontextuelle Faktoren zu berücksichtigen. Medien galten in biblischen Zeiten als in ihrem Glauben archaisch und barbarisch. Spirituelle Kommunikation wurde verunglimpft und als heidnisch angeprangert, während das Gespräch mit einem persönlichen Gott als gut und hilfreich galt. Es ist erst dann eine Sünde, wenn Gott ebenfalls spricht.

Als Melissa die Erfahrung in den Rahmen ihres Glaubenssystems einordnen konnte, hatten wir eine unglaubliche Zeit. Das Reading mit ihr war eines der besten der Show, und wir sind in Kontakt geblieben.

Von allen Readings, die ich für meine Show gemacht habe, war das mit Alan Thicke das Ungewöhnlichste. Ich werde bis heute emotional, wenn ich an ihn denke, weil er so beliebt war und ich mir so sehr wünsche, ich hätte ihn retten können. Wir trafen uns knapp drei Monate vor seinem plötzlichen Tod durch eine Herzattacke. Bei unserem Reading kam ein Angehöriger durch, der an der gleichen Herzerkrankung gestorben war, und ich riet ihm eindringlich, sein Herz untersuchen zu lassen. Ich sprach länger als gewöhnlich darüber, wie wichtig sich diese Botschaft anfühlte, und betonte es, bis es ihn fast nervte. In seiner kultig väterlichen Art antwortete er: »Danke, Dr. Tyler!«

Alan war ein unbekümmerter, lustiger Mann, der nicht zu tief eintauchen wollte. Er schien nicht an Medien zu glauben und antwortete auf meine Botschaften mit geistreichen Bemerkungen und Witzen. Gewiss schätzte er die Erfahrung, reagierte aber mit Humor, wenn er öffentlich über persönliche Dinge sprach. Ich fragte mich, ob dieser Aspekt seines Egos ihn daran hinderte, die Ernsthaftigkeit der Botschaft zu verstehen, die ich ihm übermittelte. So kann das Ego uns unbeabsichtigt im Weg sein, selbst wenn wir die besten Absichten hegen.

Bei unserem Reading war klar, dass es mehr für seine Frau als für ihn war, und Tanya und ich wurden durch das Erlebnis enge Freunde. Ihre Liebe zu Alan zeigte sich in allem, was sie tat, und ich hielt mit ihr nach seinem Tod ein Folge-Reading ab. Ich wusste am Tag dieses Readings nicht, wie es ihr ging.

Bevor ich mich mit ihr traf, hatte ich wiederholt Visionen von Eiern, von Spiegeleiern. Dann folgte eine Vision von einem Sonnenaufgang. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte, aber es lag sicher nicht daran, dass ich etwa Hunger aufs Frühstück hatte. Als ich mich an diesem Tag mit Tanya traf, erwähnte ich dies als Erstes. Sie war verdutzt und erklärte, dass sie in dem Augenblick, als sie die Nachricht von Alans Tod erhielt, laut gesagt hatte: »Die Sonne geht nie mehr auf.« Durch zwei sehr einfache Bilder übermittelte Alan aus dem Jenseits, dass ihre Sonne wieder aufgehen und das Leben besser würde. Diese Verbindung mit ihr war eine Bestätigung ihrer Liebe und besagte, dass er jeden Tag ihres Lebens bei ihr sei, bis sie eines Tages wieder vereint sein würden.

Die Arbeit mit Prominenten über längere Zeiträume hat mir nicht nur Einblicke in das Ego gegeben, auch die Pressearbeit hat mir wertvolle Lektionen erteilt. Für Fernsehstars und Sänger ist eine Pressetour häufig der langweiligste und banalste Teil des Kreativprozesses. Doch wenn man ein Medium ist, kann ein Interview in ganz unterschiedliche Richtungen laufen. Ich weiß nie, ob der Interviewer positiv oder herabsetzend ist. Ich weiß nie, ob ein Interview veröffentlicht oder in seiner finalen Fassung einseitig präsentiert wird. Deshalb muss ich mich dem Prozess unterwerfen und mir selbst sicher sein, wer ich bin, egal, womit ich auch immer konfrontiert werde. Eines der bizarrsten Erlebnisse mit der Presse passierte vor meinem Interview bei Larry King Live.

Die ganze Sache war wie ein Fiebertraum. Die Show wird in einem hübschen, engen Raum mit riesigen bunten Lichtern aufgezeichnet, die den Eindruck vermitteln, man würde am Set die Sünden in Interviewform beichten. Ich war beruhigt, als ich herausfand, dass ein ehemaliger Klient, Moby, vor mir interviewt wurde. »Ausgezeichnet! Ein vertrautes Gesicht«, dachte ich. Moby beendete sein Interview, kam in die Lobby und war freundlich wie immer. Ich hätte gern länger mit ihm gesprochen, aber die Natur meldete sich, und ich musste eiligst zur Toilette gehen.

Als ich durch den engen Gang und in die einzige Toilette am Set ging, machte ich die Türe auf und stieß auf eine Gestalt, die die Toilette gerade benutzte. Ich blinzelte, schreckte zurück und realisierte, dass es Larry King persönlich war. Was für ein Kennenlernen!

Ich schrie auf, Larry King schrie auf, und ich war am Boden zerstört. Dann sagte er nach wenigen Sekunden: »Sie gelten doch als Hellseher, wussten Sie nicht, dass ich hier drin bin?« Kameras surrten, und es war Zeit für unser Interview. Wir hatten eindeutig einen großartigen Start hingelegt.

Larry war ein versierter Interviewer und geschickt darin, einem ein angenehmes Gefühl zu vermitteln, nur um einen dann mit einer heimtückischen Frage zu überrumpeln. Es ging hin und her, und er gab zahlreiche Kommentare ab, die ich als beleidigend hätte empfinden können. Er schien über die Ansicht, dass alle Verstorbenen im Jenseits ihren Frieden finden, erstaunt zu sein und beharrte darauf, dass das unmöglich sei. Es war klar, dass Larry mit der Vorstellung der spirituellen Transformation nach dem Tod wenig anfangen konnte, deshalb antwortete ich: »Gute Frage«, als er als nächstes eine erstaunlich philosophische Frage stellte.

Das gefiel ihm nicht sonderlich. Schließlich ist er Larry King. Und für ihn sind alle seine Fragen gut. Ich ließ mich nicht aus der Fassung bringen. Er fuhr fort, sich über meinen Namen lustig zu machen, und deutete einen Mangel an Glaubwürdigkeit bei Menschen mit zwei Vornamen an. Ich musste an mich halten, ihn nicht zu fragen, ob er über Ray Charles das Gleiche sagen würde.

Unter dem Strich war unsere gemeinsame Zeit ein Test für mein Ego. Es gab Momente, in denen ich frustriert war, weil er sich kaum um Verständnis zu bemühen schien und in seiner berühmten Larry-King-Manier häufig über mich hinwegredete, bevor ich einen zusammenhängenden Gedanken formulieren konnte. Es war von Anfang bis Ende ein surreales Erlebnis und eines, für das ich für immer dankbar sein werde. Abgesehen davon, dass ich Popcorn als mein Laster erwähnte, schlug ich mich recht gut. Ich war dankbar, Zeit mit dem ikonischen Journalisten verbringen zu dürfen. Aber was war das für ein Kennenlernen?

Jeder möchte anerkannt werden, aber nicht jeder erkennt andere an. Wie man zu sagen pflegt, kann man der größte, saftigste Pfirsich der Welt sein, und es wird immer Leute geben, die keine Pfirsiche mögen. Uns selbst treu zu sein, erfordert Mut. Authentisch zu sein, heißt, den Kopf hinzuhalten, aber es ist das einzige Dasein, das es wert ist, gelebt zu werden. Mut entwickelt man nur in Angstsituationen. Wir müssen alle unseren Teil leisten, um in Einklang mit dem zu leben, wer wir sind und wofür wir stehen. Egal, mit welchem Widerstand wir konfrontiert werden: Jede Hürde ist eine Chance zu lernen, zu verinnerlichen und zu wachsen.

Das wird umso klarer, wenn Menschen sterben. Wie bereits erwähnt, gibt es einen Prozess, den jeder von uns durchlaufen wird, wenn unsere Zeit gekommen ist. Zu diesem Prozess gehört das bewusste Betrachten jedes unserer Lebensereignisse. Mehr noch, wir gewinnen eine Vorstellung, wie andere Individuen durch unsere Präsenz in ihrem Leben verändert wurden. Dieser Welleneffekt des Verstehens gibt unserem Bewusstsein Einblick in die wahren Gefühle anderer Menschen und in das, was ihr Verhalten prägte. Dieser Prozess ist, so glaube ich, das Ergebnis eines Erweiterungsprozesses unseres Bewusstseins bei unserem Tod. Wir wissen nicht alles, wenn wir gestorben sind, aber viel mehr als zuvor.

Der Lebensrückblick ist maßgeblich, um Frieden zu finden. Vielleicht klingt es nicht erfreulich, alles, was Sie durchgemacht haben, noch einmal zu durchleben, aber Sie erleben es auf weniger menschliche Weise. Das vom Körper losgelöste Bewusstsein beginnt beim Tod rasch sein Ego abzulegen. Wir erkennen die Schwächen anderer, und wir werden uns unserer eigenen Störungen sehr bewusst. Noch wichtiger: Wir beginnen zu verstehen, warum wir taten, was wir taten, und warum wir gewisse Rückschläge erfahren mussten.

Dieser Prozess ist introspektiv. Selbst die soziopathischsten Menschen werden gezwungen, das Ausmaß des Schmerzes zu begreifen, den sie hervorgerufen haben. Letztlich wird uns unser existenzieller Platz im Universum klar, und wir verstehen, warum wir da waren. Es ist, als würden Puzzleteile zusammengefügt. Wenn wir realisiert haben, dass unser Bewusstsein jeden, mit dem es je in Kontakt kam, verändert hat, begreifen wir die Rollen, die wir und andere spielten.

Wenn ich als Medium ein Reading abhalte, können sich die Seelen, die durchkommen, in unterschiedlichen Phasen des Todesprozesses ihres Egos befinden. Das hat mir klar gemacht, dass es im Jenseits keine lineare Zeit gibt, deshalb ist der Lebensrückblick nicht wie ein Film, der in rascher Abfolge abgespult wird. Er ist ein Prozess, aber einer, der nicht notwendigerweise einen traditionellen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. Er wird mir so beschrieben, als könne man viele Erfahrungen gleichzeitig machen.

Stellen Sie sich vor, Sie seien auf einer Straße in Los Angeles unterwegs. Aus dieser Straßenperspektive werden Sie sich nur einer Straße gewahr. Wenn Sie sich jedoch auf einem Satelliten hoch über Los Angeles befänden, würden Sie viele Straßen sehen können. Durch die Veränderung der Distanz können Sie mehr beobachten und sehen, wie sich viele Dinge an vielen verschiedenen Orten gleichzeitig abspielen.

So läuft der Prozess des Lebensrückblicks ab. Er ist das aufschlussreichste Erlebnis, das ein Mensch haben kann, und er kann im Grunde mit einer Geburt verglichen werden. Durch einen Prozess der Akzeptanz und Auflösung werden wir von unseren irdischen Turbulenzen gereinigt ins Jenseits hineingeboren. Letztlich bewahren wir all die Lektionen, die uns unsere Lebenserfahrung gelehrt hat, und gehen zum nächsten Stadium der Existenz über. Keine gute Tat bleibt unbeachtet, genauso wenig wie jede böse Absicht. Alles wird beim großen Erlebnis des Lebensrückblicks ans Licht gebracht.

Durch die Erkenntnis, was Ihr Verhalten und das der anderen geprägt hat, legen wir die Krücken ab, auf die wir uns stützten, um auf dem Planeten Erde zu leben. Wir brauchen sie nicht mehr. Gesellschaftliche Zwänge, Bewältigungsmechanismen und selbst auferlegte Erwartungen werden zu den Akten gelegt. In vielerlei Hinsicht findet ein Teil von uns mit unserem Tod ein Ende, und dieser Teil ist das Ego. Das Ablegen dieser existenziellen Daseinsschichten ist für den Wiedergeburtsprozess entscheidend und stattet uns mit den Werkzeugen aus, die wir benötigen, um in der nächsten Welt zurechtzukommen. Wie ein Schmetterling, der aus seinem Kokon schlüpft, so beschäftigt sich unsere Seele dank ihrer neuen Perspektive nicht mit den Geschehnissen ihres früheren Raupendaseins.

Kürzlich sprach ich mit einem langjährigen Freund über den Tod des Egos. Ich erklärte ihm meine Gedanken zu diesem Thema, nämlich dass wir alle von einem langen und genauen Blick auf unser Ego profitieren könnten. Er sagte, er habe von diesem Konzept gehört, nachdem er mit psilocybinhaltigen Pilzen experimentiert hatte. Er meinte, das helfe ihm, spirituell Fortschritte zu machen, weil es ihm ermögliche, den Ego-Tod zu erreichen, während er noch am Leben ist. Ich wollte nicht wertend klingen, war aber der Meinung, dass die Gleichsetzung von Halluzinationen mit spirituellen Visionen die Bedeutung von wirklich hellseherischen Erfahrungen herabwürdigt. Darüber hinaus widerspricht das Bemühen, den Ego-Tod anzustreben, während man noch menschliche Verantwortung trägt, der Intuition. Niemand sollte versuchen, sein Ego zu vernichten, weil das nur die Unterdrückung von etwas bedeutet, was nicht zerstört werden kann.

Es gibt ganze Gruppen von Menschen, die Ayahuasca nutzen, um spirituelle Zustände zu erreichen, vor allem im Amazonasgebiet, dort wird es jedoch zeremoniell eingesetzt. Der religiöse Aspekt dieser Praktik kann tatsächlich zu persönlichem Wachstum führen. Doch es ist nicht das Gleiche, sich auf die Couch zu legen und ein Halluzinogen zu konsumieren oder eine ritualisierte spirituelle Offenbarung zu erleben. Außerdem können diese Substanzen die Menschen destabilisieren und realitätsfremd werden lassen. Unser Körper ist wirklich unser Tempel, und wir sollten Spiritualität als einen Weg ohne Abkürzungen betrachten. Wir sollten nicht versuchen, unser Ego zu zerstören. Wir sollten uns bemühen, es umzuformen und es als unfertig betrachten.

Selbstverständlich erleben wir keinen Lebensrückblick, solange wir noch am Leben sind. Doch wir können überprüfen, wie wir leben. Die Kenntnis des Lebensrückblicks hat mir bewusst gemacht, dass wir Menschen wertvolle Einblicke in uns selbst bieten. Wir sind alle fähig, die gleichen Dinge sowohl produktive als auch zerstörerische zu vollbringen, und was wir mit unserer Macht anstellen, fällt auf uns zurück, und wir werden, wenn wir sterben, damit konfrontiert.

Ich glaube nicht an einen richtenden Gott. Ich denke, dass es beim universellen Gefüge der Existenz um Wachstum geht. Weil unser Bewusstsein fortbesteht, werden neue Informationen aufgenommen. Neue Einsichten werden gewonnen. Die Natur des ewigen Bewusstseins bedeutet, dass wir unsere Erfahrungen mitnehmen, und sie hinterlassen einen Abdruck auf der Welt um uns herum. Es bleibt uns überlassen, uns selbst einzuschätzen und damit zurechtzukommen, wie wir gelebt haben und gestorben sind. Deshalb bemühe ich mich, mein Leben achtsam zu führen. Ich versuche, das Verfahren des Lebensrückblicks umzukehren, indem ich mich bemühe, mich in andere hineinzuversetzen. Ich versuche, mir die Folgen meiner Taten sowohl der absichtlichen als auch der unbeabsichtigten klarzumachen. Diese Achtsamkeit hat mir die Bedeutung der Verantwortlichkeit aufgezeigt, und ich versuche immer, mich zu bessern.

Wenn das Ego als Filter definiert wird, durch den wir uns selbst und andere sehen, dann werden die Narrative als die Geschichten definiert, die wir uns über das Gesehene erzählen. Wie ein Erzähler, der eine Geschichte vorliest, so bestimmen unsere inneren Narrative, wie wir die Welt und uns selbst wahrnehmen. Was wir uns einreden, hat eine ungeheure Macht über uns. Wie wir eine Situation darstellen, bestimmt für uns ihre Ernsthaftigkeit. Innere Narrative sind wichtige Werkzeuge der Einsicht, die wir benötigen, um zu überleben, um Muster zu erkennen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Narrative sind an sich nicht problematisch; wir alle brauchen sie. Zum Problem werden sie nur, wenn unser Ego unsere Narrative falsch prägt und unsere Perspektive verzerrt wird. Wiederholt sich dies unkontrolliert ein Leben lang, können die Menschen am Ende ziemlich verzerrte Wahrnehmungen von der Welt und sich selbst haben. Deshalb ist es wichtig, darauf zu achten, was man sich selbst einredet. Eigentlich können auch Geister Narrative haben. Sie können ihr Verständnis der Dinge vermitteln, und deshalb haben sie ein Narrativ. Doch diese Narrative werden nicht mehr durch unsere menschliche Perspektive behindert, wenn das Ego abgelegt ist. Deshalb werden den Seelen häufig Dinge klar, die sie nicht wussten, als sie noch am Leben waren. Geister kommen mit unterschiedlichen Graden des Ego-Tods durch. Einige scheinen unglaublich selbstbewusst und fast erleuchtet zu sein, während andere noch immer sehr mit der Verarbeitung ihres Lebens und Todes beschäftigt zu sein scheinen. Angesichts der Tatsache, dass dieser Prozess nicht durch lineare Zeit begrenzt ist, können Geister sich in unterschiedlichen Phasen des Ablegens ihrer früheren Inkarnation befinden.

Das hat in mir den Wunsch geweckt, daran zu arbeiten und so viele ungesunde Narrative wie nur möglich abzulegen, solange ich hier bin. Wenn wir aufgebracht sind, reagieren wir rasch. Doch es ist zwingend, dass wir an einen Punkt gelangen, von dem aus wir Beobachter unserer Gedanken sein können und dass wir nicht von ihnen beherrscht werden. Häufig kommen Reaktionen direkt von unserem Ego. Wenn wir von außen einen Moment beobachten können wie wir reagieren, dann verändern sich unsere Gefühle häufig. Wie oft haben Sie als Reaktion etwas gesagt, was Sie sofort bereut haben? Jedes Mal, wenn Sie den Eindruck hatten, dass Sie sich den Mund verbrannt haben, hat Ihr Ego Sie in Schwierigkeiten gebracht.

Es besteht ein wichtiger Unterschied zwischen Reagieren und Antworten. Im Buddhismus sind Wörter heilig. Sobald man nur spricht, wenn man wirklich etwas zu sagen hat, führt dies dazu, dass die Menschen deutlich besser zuhören. Wenn wir nur gedankenvolle Dinge aussprechen, wird uns deren Macht über uns selbst und andere klar. Ein Leben, in dem man auf alles reagiert und damit automatisch aus dem Gleichgewicht gerät, ist anstrengend. Achtsamkeit bedeutet Effizienz. Sie ist eine Möglichkeit, das meiste zu erhalten und das Beste aus jedem Moment zu machen.

Wenn wir schweigen, können wir das Wispern unserer Intuition hören. Sobald wir die Macht unseres Egos über unser Bewusstsein reduzieren, können wir die Intuition viel eher wahrnehmen. Indem man zum Beobachter seiner Gedanken wird, beginnt man seine wahre Natur zu erkennen. Jeder Ihrer Gedanken, jede Überzeugung sind jeweils Input-Ströme, die Sie entweder akzeptieren oder zurückweisen. Es ist ein großer Schritt hin zu einem sinnvolleren Leben, wenn Sie zwischen sich selbst und Ihren Gedanken unterscheiden können.

Als Kleinkind holte ich alles aus dem Kühlschrank und ordnete es nach Farben. Als ich älter wurde, manifestierte sich dieses Zwangsverhalten in Zählen, im Ein- und Ausknipsen von Lichtschaltern und einer Reihe irritierender Zwangshandlungen. Jahrelang kämpfte ich jede Nacht und fragte mich, ob auch wirklich jede Tür verschlossen sei, selbst, nachdem ich es mehrmals überprüft hatte. Jedes Mal, wenn ich mich von meinen Eltern verabschiedete, plagte mich der Gedanke, es könnte das letzte Mal sein, dass wir uns sehen. Dieser Zustand hat mir immerhin die Chance gegeben, das, was ich weiß, anzuwenden, und Achtsamkeit war in jedem Fall das beste Mittel, um angstvolle Gedanken von wahren Eingebungen zu unterscheiden. Als Kind machte mir dieser Zustand große Angst, aber er hat mich als Erwachsener achtsamer gemacht.

Wenn die Verstorbenen durchkommen, erkennen sie häufig, dass diese Aspekte der mentalen Gesundheit bei ihren Überzeugungen und ihrem Verhalten eine Rolle spielten. Weil das Bewusstsein erhalten bleibt und von seinen früheren Strukturen gereinigt wird, stellen diejenigen, die mit mentalen Krankheiten zu kämpfen hatten, einen Perspektivwechsel fest. Menschen, die unter einer Suchtkrankheit gelitten haben, kommen ohne Suchteigenschaften durch. Personen, die im Leben wegen ihrer Biochemie verspottet wurden, finden in der Regel mit dem Tod ihren Frieden. Selbst die geistig gestörtesten Menschen kommen mit dem Wissen durch, wie wichtig ihr Leben war und wie bedeutend die menschliche Erfahrung ist. Diejenigen, die ihrem Leben selbst ein Ende setzten, realisieren häufig, was zu dieser Entscheidung geführt hat und wie das Leben sich hätte verbessern können, wenn sie es fortgeführt hätten. Der Prozess des Lebensrückblicks bringt uns anderen und uns selbst näher und lässt uns erkennen, wie wir alle die kollektive Erfahrung beeinflussen. Wir erkennen nicht nur die weitreichende Wirkung unserer Taten, wir verstehen auch, dass andere uns auf eine Weise veränderten, die im Leben zu erkennen unser Ego verhinderte. Wir erkennen, was hätte sein können, was war und was es zum jetzigen Zeitpunkt bedeutet. Lebensrückblicke sind eine zentrale Phase im Dasein einer Seele, in der unsere Kenntnisse und Definitionen des Lebens und seines Zwecks infrage gestellt werden und sich entwickeln.

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0+
Release date on Litres:
31 July 2025
Volume:
293 p. 6 illustrations
ISBN:
9783039330669
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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