Read the book: «Überraschung auf dem Reiterhof»
Tulla Hagström
Überraschung auf dem Reiterhof
SAGA Egmont
Überraschung auf dem Reiterhof
Aus dem Schwedischem von Ursula Dotzler nach
Petras hästsommar
Copyright © 1979, 2018 Tulla Hagström und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711786840
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Willkommen auf Strandängen!
Der Zug fuhr an und ratterte weiter. Petra Granberg stand mit ihrem Gepäck auf dem Bahnsteig und sah sich um.
Hinter dem Bahnsteig und dem staubigen Stationsgebäude erstreckte sich ein großer, kiesbestreuter Platz. Ein paar Autos parkten dort in der Sonnenglut, und ein Foxterrier streunte über den Platz. Plötzlich sah Petra einen rothaarigen Mann mit Reithosen und abgeschabten Stiefeln, der direkt auf sie zukam.
„Hallo, du mußt Petra sein!“ sagte er und reichte ihr seine braungebrannte Hand. „Ich bin Rolf Lövdahl. Willkommen auf Strandängen!“
Er war fast einen halben Kopf kleiner als Petra, die selbst gerade mittelgroß war. Mit unerwarteter Kraft hob er ihren Koffer auf, und sie gingen auf einen staubigen Kombiwagen zu.
Bald werde ich Saphir wiedersehen! dachte Petra, als der Wagen auf der landstraße dahinfuhr. Zwei lange Monate waren seit der Trennung von dem schönen Schimmelhengst vergangen. Durch das Wagenfenster sah sie die sommerlich grünen Wiesen vorübergleiten. Ach, es mußte herrlich sein, hier mit Saphir zu galoppieren!
„Ist es weit bis Strandängen?“ fragte sie.
„Nein, nur ein kurzes Stück. Wir sind bald da.“
Da war Petra nun auf dem Weg zu einem Gestüt, in dem es viele Fohlen und Jungpferde gab, die zum Verkauf standen. Warum mußte sie sich ausgerechnet das einzige Pferd wünschen, das sie nicht bekommen konnte? Im vergangenen Winter hatte sie ihn eingefangen, nachdem er von Pferdedieben gestohlen wurde und ausgerissen war. Damals hatte sie Saphir schon als ihr Eigentum betrachtet.
Es hatte lange gedauert, bis der Eigentümer des Hengstes gefunden wurde; und inzwischen hatte ihn Petra versorgt und war mit ihm geritten.
Nun hatte sie von Saphirs Eigentümer einen Sommerjob als Pferdepflegerin und Hilfsreitlehrerin angeboten bekommen. Petra freute sich sehr darauf; doch sie wußte auch, daß es ihr nicht zufallen würde, das Jungpferd Saphir zu trainieren, auf das Rolf Lövdahl so große Hoffnungen setzte.
„Wann fängt das Reitlager an?“ fragte sie schließlich.
„In drei Tagen. Du hast also vorher noch Zeit, dich bei uns einzugewöhnen.“
Sie bogen auf eine schmalere, nicht asphaltierte Straße ab, und die Räder des Wagens wirbelten Staubwolken auf.
„Das erste Reitlager ist für junge Leute mit mindestens einjähriger Reiterfahrung“, berichtete Rolf, „und es dauert zwölf Tage. Dann kommt eine Gruppe von Jugendlichen, die bereits seit zwei Jahren oder länger reiten. Sie bleiben über zwei Wochen bei uns, und dieses Reitlager endet mit der Prüfung für das Bronzeabzeichen.“
Eine schmale Brücke führte über einen Bach, der in die Bucht des Mälarsees mündete. Auf der anderen Seite der Brücke setzte sich der Weg durch den Wald fort, und der Blick auf den See wurde von Bäumen verdeckt.
Der Mälarsee war groß, doch er war von so vielen Inselchen und Buchten durchsetzt, daß man immer nur ein kleines Stück von ihm sah.
„Haben Sie eigentlich auch Ponys auf dem Gestüt?“ fragte Petra nach einer Weile.
„Nein, Ponys nicht, nur große Pferde. Der Althengst ist ein Vollblut, und alle anderen sind Halbblutpferde.“
„Der Althengst?“ wiederholte Petra.
„Ja. Wir haben zwei Hengste. Saphir, den du ja schon kennst, und Fox, unser ältestes Pferd. Er ist dreiundzwanzig Jahre alt und hat früher viel an Hindernisrennen teilgenommen. Dann haben wir noch eine ganze Menge Fohlen und Jungpferde, die noch richtig zugeritten werden müssen. Glücklicherweise haben alle Stuten in diesem Jahr so früh gefohlt, daß wir sie beim Reitlager einsetzen können. In diesem Sommer wird es bei uns besonders viel Arbeit geben. Wir sind froh, daß du gekommen bist.“
„Ach, es gibt bestimmt viele Mädchen, die eine Menge dafür geben würden, einen solchen Ferienjob zu bekommen!“ erwiderte Petra.
„Das mag stimmen, aber wir können nicht jede brauchen. Im letzten Jahr zum Beispiel, als der Pferdepfleger in Urlaub war, hatten wir ein Mädchen hier, das ich nie wieder anstellen würde. Sie saß zwar wie festgewachsen im Sattel, aber sie kümmerte sich nicht richtig um die Pferde und ging auch viel zu hart mit ihnen um. Natürlich müssen die Pferde einen festen Willen spüren, aber hart darf man nicht zu ihnen sein. Du bist wohl eher etwas zu nachsichtig, Petra, aber das ist das kleinere Übel.“
„Woher wollen Sie das wissen?“ fragte Petra. „Daß ich zu nachsichtig bin, meine ich.“
„Es war Saphir anzumerken, als wir ihn zurückbekamen. Ein bißchen eigenwillig war er schon, aber das läßt sich ja leicht in Ordnung bringen. Da kann es schon schlimmer sein, ein verängstigtes Pferd wieder zu beruhigen. Mick, der Junge, der seit einem halben Monat die Arbeit des früheren Stallknechts übernommen hat, kümmert sich gerade um so ein Tier. Es ist eine Stute, die wir im letzten Herbst verkauft haben. Der neue Besitzer kam nicht mit ihr zurecht, und deshalb haben wir sie zurückgekauft. Sie ist durch die falsche Behandlung unglaublich nervös und mißtrauisch geworden.“
Die Straße führte nun aus einem dichten Waldstück auf offenes Gelände, und Petra sah das Gestüt Strandängen zum ersten Mal.
Grüne Wiesen, auf denen Pferde grasten, erstreckten sich zu beiden Seiten der Straße bis zum Gutshof, der aus mehreren roten Gebäuden bestand. Der Wind trug Petra den Duft der Heckenrosen zu. Das große, zweistöckige Wohnhaus war mit der Vorderfront zu dem blauen, glitzernden See gebaut. Ein großes Stallgebäude schloß sich an das Wohnhaus an, und daneben befand sich eine Reitbahn mit weißem Zaun. In der Nähe des Stalles lagen mehrere Hindernisse aufgestapelt.
„Du wirst sicher gleich auspacken wollen“, sagte Rolf, als sie aus dem Wagen stiegen. „Komm mit, ich zeige dir dein Zimmer.“
Petra folgte ihm ins Haus. Durch eine halboffene Tür erhaschte sie einen Blick auf ein Bild mit galoppierenden Pferden. Im gleichen Augenblick öffnete sich eine andere Tür, und Frau Lövdahl tauchte auf. Sie trug eine Brille und hatte ein humorvolles, sympathisches Lächeln.
„Herzlich willkommen, Petra!“ sagte sie.
„Ist Mick zurückgekommen, Gerda?“ fragte ihr Mann.
„Nein, noch nicht“, erwiderte Frau Lövdahl mit leichter Sorge. „Ob er drüben in seinem Zimmer ist?“
„Drüben?“ wiederholte Petra. „Wohnt er nicht hier im Haus?“
„Nein, er hat ein Zimmer im Anbau“, erklärte Rolf. „Na, ich hoffe, er wird bald kommen. Bisher konnte er immer ganz gut auf sich selbst aufpassen. Der Junge liebt lange Ausritte.“
„Wir essen in einer knappen halben Stunde“, sagte seine Frau. „Und jetzt entschuldigt mich, ich muß mich wieder ums Abendessen kümmern.“
Sie verschwand in der Küche, und Petra folgte Rolf über die Treppe nach oben. Im ersten Stock deutete er auf eine Tür und sagte: „Dieses Zimmer bewohnen meine Frau und ich. Dort drüben ist das Badezimmer, und die übrigen Räume in dieser Etage sind für die Teilnehmer am Reitlager vorgesehen.“
Sie stiegen eine weitere Treppe hinauf, die zur Mansarde führte. „Hier haben wir zwei Dachzimmer“, fuhr Rolf fort. „Eines ist für dich bestimmt und das andere für Reitschüler.“
Petra öffnete die Tür zur Linken, und Rolf trug ihren Koffer über die Schwelle. Es war ein kleiner, heller Raum mit schrägen Wänden, geblümter Tapete und einem abgetretenen, aber sauberen Flickenteppich auf dem Boden.
„Ich muß vor dem Essen noch die Jungpferde tränken“, sagte Rolf. „Du bist sicher froh, wenn du dich ein bißchen ausruhen kannst.“ Er nickte ihr freundlich zu und ging aus dem Zimmer.
Petra trat ans Fenster und sah hinaus. Vor dem Haus war ein Obstgarten, und daran grenzte eine große Wiese mit einer Gruppe mächtiger Eichen in der Mitte. Die meisten Pferde waren von den Bäumen verdeckt, doch plötzlich lief ein dunkles Fohlen im Galopp über die Wiese. Als es sich dem Haus zuwandte, sah Petra, daß es die gleiche Blesse wie Saphir hatte. Doch wo war Saphir selbst? Petra konnte es kaum erwarten, ihren einstigen Schützling wiederzusehen.
Sie öffnete den Koffer und nahm ihre neue Reitjacke heraus, die obenauf lag. Die Jacke war ein Geschenk ihrer Eltern zum siebzehnten Geburtstag, und sie hatte sie noch nie getragen. „Wenn du in einem Gestüt arbeitest, mußt du doch eine Reitjacke haben“, hatte ihre Mutter gesagt. Petra glaubte zwar nicht, daß das unbedingt notwendig war, aber sie hatte sich trotzdem sehr über das schöne Geschenk gefreut. Nun hängte sie die Jacke sorgsam auf einen Bügel und packte weiter aus.
Als ihr Koffer leer war, zog sie ihr ärmelloses weißes Sommerkleid an. Sie kämmte ihr schulterlanges, honigfarbenes Haar und ging dann die Treppe hinunter.
Die Tür zum Wohnzimmer stand noch immer angelehnt, und Petra schlüpfte hinein, um sich das Pferdebild näher anzusehen, das ihr vorher aufgefallen war. Auf den ersten Blick war es ihr vorgekommen, als hätte ein Schimmel auf dem Bild Ähnlichkeit mit Saphir. Nun sah sie, daß die Ähnlichkeit nicht nur ein Zufall war. Der Künstler hatte wirklich Saphir dargestellt.
An der gegenüberliegenden Wand des Wohnzimmers hing ein weiteres Bild, das fünf grasende Stuten mit einem Fohlen zeigte. Petra nahm an, daß das die Zuchtstuten von Strandängen waren. Doch wer hatte die Bilder gemalt?
In der rechten Ecke des größeren Bildes war ein kleines Eichenblatt eingezeichnet, auf dem „Mick“ stand. Mick? So hieß doch der junge Pferdepfleger. Hatte er diese Bilder gemalt?
Petra trat wieder auf den Flur. Jetzt wollte sie sich die Pferde ansehen.
Unter den Apfelbäumen wuchs das Gras hoch. Hier und dort blühten Butterblumen und Glockenblumen. Plötzlich entdeckte Petra einen Baum, der gerade in voller Blüte stand. Es war eine Eberesche. Sie blieb stehen und bog den untersten Zweig zu sich herab, um an den Blüten zu riechen.
Eigentlich dufteten sie gar nicht besonders gut. Es war ein wilder, herber Geruch, ganz anders als der Duft von Obstbaumblüten.
Als Petra den Zweig losließ, entdeckte sie, daß sie beobachtet wurde, und zwar von einem Jungen, der ungefähr in ihrem Alter sein mußte. Er trug Jeans und ein ausgebleichtes Hemd. In der rechten Hand hielt er eine Reitkappe und eine Trense.
Offenbar war er von der Koppel gekommen, doch jetzt stand er unbeweglich da. Seine Haare waren dunkel, seine Augen nußbraun. Quer über seinen schmalen Nasenrücken zog sich eine Schramme.
Petra brach das Schweigen. „Hallo“, sagte sie. „Du mußt Mick sein.“
„Ja. Und du Petra.“
„Stimmt. Ich bin eben erst angekommen und wollte mir die Pferde ansehen.“
Mick nickte. „Die Stuten sind mit ihren Fohlen dort auf der großen Koppel. Wie ich von Rolf gehört habe, willst du ein Fohlen kaufen?“
„Ja. Ein Fohlen oder ein Jungpferd.“
„Die Jungpferde sind auf der anderen Seite des Stalles“, erklärte Mick. „Ich muß jetzt in die Sattelkammer. Wir sehen uns dann beim Abendessen.“
Petra ging durch das hohe Gras weiter zum Zaun. Das dunkle Fohlen, das sie vom Fenster aus gesehen hatte, trank gerade bei seiner Mutter, einer schönen schwarzbraunen Stute. Noch drei weitere Stuten mit Fohlen waren auf der Koppel; also insgesamt vier Stuten und nicht fünf wie auf dem Bild im Wohnzimmer.
Etwas weiter entfernt, näher dem See zu, war noch eine kleinere Wiese. Als Petra sich umwandte, um zum Haus zurückzugehen, fiel ihr Blick auf ein rötliches Pferd, das dort unbeweglich mit hoch erhobenem Kopf stand und sie ansah.
Was für ein schönes Tier! dachte Petra bewundernd. Rasch ging sie zum Koppelzaun und lockte die Fuchsstute. Die spitzte ihre wohlgeformten Ohren, kam jedoch nicht näher. Ihre glänzenden Augen waren furchtsam geweitet, ihre Nüstern gebläht.
„Willst du nicht herkommen?“ fragte Petra sanft. „Na, wir werden schon noch miteinander bekannt werden, ehe der Sommer vorüber ist.“
Mick hatte es offenbar geschafft, sich vor dem Essen noch zu waschen, doch die Schramme auf seiner Nase war nun um so deutlicher zu sehen.
„Was hast du denn mit deinem Gesicht gemacht?“ fragte Gerda Lövdahl.
„Ach, daran bin ich selbst schuld“, erklärte Mick. „Ein Fasan flog vor uns auf, und Saga scheute. Sie galoppierte direkt in ein Dickicht, und ich duckte mich nicht schnell genug.“
„Saga?“ wiederholte Petra fragend, und im gleichen Augenblick sagte Gerda: „Du solltest auf der Reitbahn bleiben, bis sie sicherer ist! Wie ging es heute mit ihr?“
„Einigermaßen. Ich bin ohne Sattel geritten, und das scheint sie an alte Zeiten zu erinnern.“
„Saga ist das Jungpferd, von dem ich dir im Auto erzählt habe“, sagte Rolf in Petras Richtung.
Bei Rolfs Worten erschien eine kleine Falte zwischen Micks Augenbrauen. Sein Blick ging von Rolf zu Petra, die rasch auf ihren Teller niedersah. Rolf merkte nichts davon.
„Hast du sie in den Stall gebracht?“ fragte er.
Mick schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe sie auf der kleinen Koppel freigelassen. Die ist ja jetzt leer.“
„Ach, dann habe ich Saga wohl vorher schon gesehen“, sagte Petra. „Ist sie ein schöner Fuchs mit Streifenblesse?“
„Zum Reiten ist sie nicht so besonders schön“, erwiderte Mick verdrießlich. „Das Pferd ist richtig verrückt.“
Rolf blickte ihn erstaunt an. „Das sagst ausgerechnet du, der Saga sonst immer so glühend verteidigt? Aber es stimmt schon, sie ist sehr nervös. Das hat sie von ihrer Mutter Donna. Diese Mädchen, an die wir sie damals verkauft haben, konnten natürlich noch nicht richtig mit Pferden umgehen; aber ihr Vater konnte schließlich reiten und wollte ihnen helfen.“
„Ja, er hat’s wohl versucht“, meinte Gerda, „aber er hielt Saga für bösartig und wollte ihr ,die Mucken austreiben‘, wie er es nannte.“
„Und davon wurde es nur noch schlimmer mir ihr“, warf Mick ein. „Schließlich wagte es keiner mehr, Saga zu reiten, und da durfte sie nach Strandängen zurückkommen.“
„Ach, wir kriegen Saga schon wieder hin“, erwiderte Rolf. „Mick, willst du Petra nach dem Essen ein bißchen herumführen?“
„Klar, das mach ich gern!“
Petra konnte es kaum erwarten, bis die Teller leergegessen waren. Natürlich war der große Stall das erste Ziel ihres Rundganges. Die Boxen waren fast alle leer, doch im Hintergrund schaute ein dunkeläugiger Schimmel über die Tür einer Box. Petra eilte auf ihn zu. Endlich sah sie Saphir wieder!
Der Junghengst sah ein wenig fremd aus, und einen Augenblick lang fiel es Petra schwer, in diesem Pferd ihren Saphir wiederzuerkennen, der mit seinem dicken Winterfell im heimatlichen Stall auf dem Granberghof gestanden hatte. Natürlich war er jetzt im Frühling heller geworden, aber es lag nicht nur an der veränderten Farbe des Fells. Petra erinnerte sich, daß Saphirs Mähne im letzten Winter gestutzt gewesen war. Nun war sie gewachsen und fiel wie Seide über seinen Hals.
Petra konnte sich kaum von Saphir trennen, doch es gab noch ein zweites Pferd im Stall, eine elegante Fuchsstute.
„Sie heißt Scarlet und ist Saphirs Mutter“, erklärte Mick. „In diesem Frühling war sie nicht trächtig. Deshalb hat Rolf mit ihr an einigen Turnieren teilgenommen. Er will übrigens auch übermorgen mit ihr und Saphir zu einem Turnier fahren. Das ist der Grund, weshalb die beiden jetzt im Stall stehen.“
„Dann nimmt Saphir also auch schon an Turnieren teil?“
„Eigentlich nicht. Übermorgen ist sein erstes Springturnier, und Rolf hat ihn hauptsächlich deshalb angemeldet, damit er sich an die Turnieratmosphäre gewöhnt, Einer von uns wird wohl als Pferdeknecht mitfahren müssen.“
Saphirs erstes Springturnier! Ach, Petra wünschte sich so sehr, mit dabeisein zu können.
Der Pferdesommer beginnt
Als Petra erwachte, dachte sie zuerst, sie wäre in ihrem eigenen Bett zu Hause auf dem Granberghof. Dann hörte sie einen fernen Vogelruf aus dem Wald. Sie wußte nicht, daß es der Ruf eines Fasans war, doch der fremde Laut brachte ihr zum Bewußtsein, wo sie war.
Morgen werde ich Saphir beim Wettkampf sehen, dachte sie, als sie in ihre Jeans schlüpfte. Mick hatte selbst vorgeschlagen, daß sie mit zum Turnier fahren sollte. Ein prima Kerl war dieser Mick! Am Vorabend hatte er Petra noch zu allen Koppeln geführt und ihr von den einzelnen Pferden erzählt. Er schien alle Stammtafeln auswendig zu kennen, und es hatte den Anschein, als hätte er die Jungpferde heranwachsen sehen. Schließlich fragte ihn Petra, wie lange er schon im Gestüt arbeitete.
„Fast zwei Monate“, hatte er erwidert, „aber ich habe schon im letzten und im vorletzten Sommer hier gearbeitet. Außerdem hatte ich hier ein paar Jahre Reitunterricht. Rolf betreibt nämlich während der Wintermonate eine kleine Reitschule.“
Nach der morgendlichen Stallarbeit ritt Mick auf Saga aus.
„Währenddessen kümmern wir uns ein bißchen um die Hengste“, sagte Rolf zu Petra. „Ich werde Saphir für morgen trainieren, und du könntest es mal mit Fox versuchen. Ist dir das recht?“
Petra befürchtete, daß es etwas schwierig werden könnte, wenn zwei Hengste gleichzeitig auf der Bahn waren, doch sie wollte ihre Unsicherheit nicht zeigen.
„Ich will mal sehen, ob ich zurechtkomme“, erwiderte sie nur.
Fox stand nicht im Stall. „Er ist auf der Koppel. Lock ihn mit einem Zuckerstück, dann kommt er sofort“, sagte Rolf. „Und laß den alten Burschen nicht heraus.“
„Welchen alten Burschen?“
„Cajus, den schwarzen Wallach.“
Petra nickte. Sie erinnerte sich jetzt, daß sie Cajus am Vorabend auf ihrem Rundgang gesehen hatte. Mick hatte ihr erzählt, daß Cajus ein altes Dressurpferd war, das einem von Rolfs Freunden gehört hatte. Nun war er zu alt und zu steif für Turniere geworden, doch für eine ruhige Reitstunde war er noch immer gut zu gebrauchen.
Als Petra mit dem rotbraunen Hengst von der Wiese zurückkam, trabte Rolf schon auf Saphir über die Reitbahn. Fox wieherte und begann mit den Vorderhufen zu stampfen, doch Petra nahm die Zügel fester und führte ihn am Zaun vorbei zum Stall.
Als sie Fox gestriegelt und gesattelt hatte, führte sie ihn auf den Hofplatz und schwang sich auf seinen Rücken. Der Hengst bewegte sich mit langen, elastischen Schritten zur Reitbahn. Petra war es gewöhnt, die Pferde genau zu kennen, die sie ritt; doch von Fox wußte sie noch so gut wie nichts.
Anfangs ritt sie also recht vorsichtig, doch schon bald fühlte sie sich sicherer im Sattel. Fox war wirklich nicht schwer zu reiten.
„Jetzt bringe ich den Schlingel wieder in den Stall“, rief Rolf ihr nach einer Weile zu. „Du kannst ja noch etwas weitermachen.“
Nachdem Rolf Saphir in seine Box gebracht hatte, kam er zum Zaun und sah Petra beim Reiten zu.
Während Petra noch ritt, kam Mick mit Saga aus dem Wald zurück.
„Jetzt hat Fox wohl genug Bewegung gehabt“, sagte Rolf. „Es ging ja recht gut. Wollen wir’s jetzt mal mit den Dreijährigen versuchen?“
Petra atmete auf. Sie hatte also nicht allzu schlecht abgeschnitten.
Nach einigen kurzen Anweisungen durfte sie versuchen, einen kleinen Fuchs zu longieren. Er hieß Firlefanz und war ein Halbbruder von Saphir. Schließlich übernahm Rolf die Leine und half Petra vorsichtig in den Sattel des Jungpferdes. Firlefanz trabte immer rundherum, während Petra sich Mühe gab, so weich und federnd wie nur möglich zu sitzen. Am anderen Ende der Reitbahn longierte Mick den zweiten Dreijährigen, einen kräftigen braunen Wallach, der Jambo hieß.
„Langsam … Halt!“ rief Rolf schließlich.
Firlefanz blieb gehorsam stehen, während Rolf näher kam. „Wie wär’s, wenn du dich in nächster Zeit etwas mehr mit ihm befassen würdest?“ fragte er Petra. „Firlefanz müßte noch ein paar Tage an der Longe gehen, dann kannst du richtig mit ihm reiten. Bring ihm bei, vor den Schenkeln zu gehen, durch die Bahn zu wechseln und haltzumachen. Das reicht für den Anfang. Mick wird Jambo einreiten; damit übernimmt jeder von euch die Verantwortung für einen Dreijährigen. Die beiden können nachts im Stall stehen, zusammen mit den Pferden des Reitlagers.“
Petra nickte; und als sie den Fuchs zum Absatteln führte, überlegte sie bereits, ob Firlefanz nicht vielleicht das richtige Pferd für sie sein könnte.
Beim Mittagessen schlug Rolf vor, daß Mick Petra einige Reitwege in der Umgebung zeigen sollte.
„Ihr könnt ja Polka und Mona-Lisa nehmen“, schlug er vor. „Ich werde euch helfen, die Fohlen in den Stall zu bringen.“
„Mona-Lisa? Es kann eine Ewigkeit dauern, bis sie sich einfangen läßt, wenn die anderen frei herumlaufen“, wandte Mick ein.
Rolf lachte. „Du Faulpelz! Na gut, nimm Donna, wenn dir das lieber ist.“
Kurze Zeit später ritten sie los. Petra mochte Polka, die dunkelbraune Stute, sofort. Auch Donna, auf der Mick ritt, war ein schönes Pferd; sie schien jedoch etwas verspielt zu sein. Es wurde ein wunderbarer Ausritt mit Galopp auf grünen Waldpfaden und Sprüngen über Hecken und Gräben. Polka sprang gut und war munter und folgsam. Für Petra waren diese Stunden mehr Spaß und Erholung als Arbeit:
Schließlich erreichten sie einen Traktorweg, der zwischen dem Waldrand und der Stutenkoppel zur Landstraße führte. Dort ritten sie Seite an Seite im Schritt. Von der Koppel erklang Gewieher, und Donna antwortete.
„Gleich sind wir wieder zu Hause“, sagte Mick.
„Das war ein schöner Ritt“, erwiderte Petra. „Diese Gegend ist für Ausritte wie geschaffen.“
In diesem Augenblick tauchte ein cremefarbener Wagen am Waldrand auf und näherte sich dem Gestüt.
„Da kommt Besuch“, rief Petra.
Mick gab keine Antwort. Seine Augen wurden schmal, während er dem Wagen mit den Blicken folgte. Sein Gesicht wirkte plötzlich angespannt, und er schien sowohl Petra als auch sein Pferd vergessen zu haben. Donna begann unruhig unter ihm zu stampfen. Da verwandelte sich die Anspannung in Micks Zügen in ein Lächeln, und er streichelte den Hals der Stute.
„Meine Mutter und meine kleine Schwester sind gekommen“, erklärte er.
„Zuerst dachtest du wohl, es wäre jemand anderes?“ fragte Petra vorsichtig.
„Ich dachte überhaupt nichts Bestimmtes“, erwiderte Mick ausweichend.
Das letzte Stück des Weges legten sie schweigend zurück. Petra überlegte noch immer, was Mick empfunden hatte, als der Wagen aufgetaucht war. Er hatte plötzlich so erleichtert ausgesehen, als er entdeckte, daß seine Mutter und seine Schwester aus dem Auto stiegen; so, als hätte er jemand anderen erwartet. Doch offenbar wollte er nicht darüber sprechen. Oder hatte sie sich alles nur eingebildet?
Das Auto stand auf dem Hofplatz. Gerade als Petra und Mick vor der Stalltür haltmachten, kam ein kleines Mädchen aus dem Haus gestürmt. Eine große, elegante Dame folgte ihr in Gerdas Begleitung.
„Hallo, Pia!“ sagte Mick und sprang vom Pferd. „Möchtest du die Fohlen sehen? Sie sind ein ganzes Stück gewachsen, seit du sie zum letztenmal gesehen hast! – Hallo, Mutter! Das ist Petra. Sie arbeitet auch hier.“
Petra begrüßte Micks Mutter. Dann führten sie und Mick die Stuten in den Stall, um abzusatteln. Pia folgte ihnen. Sie war so klein, daß sie sich auf die Zehenspitzen stellen mußte, um in die Boxen zu schauen.
„Ach, wie lieb!“ sagte sie andächtig, als sie sah, wie Polkas Fohlen zu trinken begann, während Petra die Trense gegen das Halfter austauschte.
Dann lief sie zur nächsten Box, um sich auch Donnas Fohlen anzusehen. Petra band es am Halfter der Stute fest.
„Bist du soweit?“ rief Mick ihr zu. „Dann können wir sie jetzt auf die Koppel bringen.“
Petra nickte. Sie führte Polka zur Stalltür und hörte, daß Mick ihr folgte.
Petra drehte sich um. Da saß Pia ohne Sattel auf dem Rücken der Fuchsstute und hielt sich an der Mähne fest. Mick ging nebenher, das Halfter in der Hand, und das Fohlen folgte mit übermütigen Sprüngen.
Als sie von der Koppel zurückkamen, trafen sie Gerda und Micks Mutter im Haus. Rolf war auf dem Hofplatz und longierte einen Zweijährigen.
„Wir wollten nur mal wieder nach dir sehen, mein Junge“, sagte Micks Mutter, als sie ins Wohnzimmer kamen.
„Oh, mir geht es gut“, versicherte Mick hastig. „Wie wär’s, Pia, möchtest du nicht auch reiten lernen?“
„Ja, schon“, sagte Pia scheu. „Aber nur, wenn du das Pferd führst!“
Gerda stand auf. „Entschuldigen Sie mich“, sagte sie. „Ich muß jetzt die Betten für die Reitschüler beziehen. Aber bleiben Sie doch bitte sitzen. Kannst du vielleicht Kaffee kochen, Petra? Ich habe das Wasser schon aufgesetzt.“
„Ach, das mach’ ich schon“, erwiderte Mick, ehe Petra antworten konnte. „Schließlich sind es meine Gäste“, fügte er mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, ehe er in der Küche verschwand.
Petra sah ihm überrascht nach. Freilich waren es Micks Gäste; und sie wollten sich schließlich mit ihm unterhalten, nicht mit ihr.
„Arbeitest du hier künftig immer mit den Pferden, oder ist das nur ein Ferienjob?“ fragte Micks Mutter.
„Oh, nach den Ferien muß ich wieder nach Hause.“
„Dann gehst du noch zur Schule?“
„Ja, aufs Gymnasium.“
Pia, die still neben ihrer Mutter gesessen hatte, stand auf und ging zu ihrem Bruder in die Küche.
„Du findest es sicher schön, im Sommer auf dem Land zu sein“, meinte Micks Mutter.
„Ich lebe das ganze Jahr über auf dem Land“, erklärte Petra. „Aber hier ist’s wirklich herrlich. Ich möchte auf Strandängen auch ein Pferd kaufen, aber sie sind alle so schön, daß mir die Wahl schwerfällt.“
Aus der Küche erklang Pias helle Stimme. Sie war offenbar eifrig damit beschäftigt, ihrem Bruder etwas zu erzählen.
„Willst du später mal einen Beruf ergreifen, der mit Pferden zu tun hat, oder hast du andere Zukunftspläne?“ fragte Micks Mutter.
„Eigentlich habe ich noch nicht so viel darüber nachgedacht, was ich nach der Schule machen will“, gab Petra zu. „So eilig ist das ja auch nicht. Ich habe noch zwei Jahre Zeit, es mir zu überlegen.“
Sie war ein wenig verwundert über das Interesse der fremden Frau. Oder fragte sie nur aus Höflichkeit? Über irgend etwas mußten sie schließlich sprechen, nachdem Mick in der Küche verschwunden war. Plötzlich fiel Petra ein, daß nun wohl sie an der Reihe war, Fragen zu stellen und sich interessiert zu zeigen.
„Und Mick? Will er später mal einen Beruf ergreifen, der mit Pferden zu tun hat?“ fragte sie.
Für den Bruchteil einer Sekunde kam es ihr so vor, als hätte Micks Mutter diese Frage nicht gern gehört.
„Oh, er hat sich auch noch nicht entschieden“, erwiderte sie in leichtem Ton. „Jedenfalls nicht, soweit ich es weiß. Oder hat er vielleicht mit dir darüber gesprochen?“
Petra schüttelte den Kopf. „Nein, das hat er nicht.“
Nun kannte sie Mick noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden lang, und da fragte sie seine eigene Mutter nach seinen Zukunftsplänen! Petra fand das reichlich seltsam; doch ehe sie länger darüber nachdenken konnte, kam Mick mit einem Tablett voller Geschirr wieder ins Wohnzimmer.
Nimm Saphir!
Am nächsten Tag half Petra mit, eine eifrige Scarlet und einen etwas mißtrauischen Saphir in den Transportwagen zu verfrachten. Beide Pferde waren auf Hochglanz geputzt und gestriegelt, und Mick und Petra hatten weiße Bänder in ihre Mähnen geflochten. Petras Meinung nach konnte es keine schöneren und besseren Pferde als die beiden geben. Voller Erwartung stieg sie zu Rolf ins Führerhaus, und dann waren sie fertig zur Abfahrt.
Sie kamen erst am Spätnachmittag wieder nach Strandängen zurück – nach einem langen, heißen und staubigen Tag. Petra war verwirrt und auch ziemlich kleinlaut. Noch nie im Leben hatte sie so viele schöne Pferde und gute Reiter gesehen! Saphir hatte drei Fehler im C-Springen gemacht, der leichtesten Klasse, so daß an einen Preis gar nicht zu denken gewesen war. Scarlet dagegen war Fünfte im leichten A-Springen geworden. Strandängens Pferde hatten sich also nicht gerade mit Ruhm bedeckt, aber Rolf schien mit dem Ergebnis trotzdem zufrieden zu sein.
Vor dem Springturnier hatte Petra noch beim Dressurreiten zugesehen und war sehr beeindruckt gewesen. Plötzlich war ihr klargeworden, wie wenig sie selbst eigentlich konnte. Eingebildet war sie ja nie gewesen, aber zu Hause im Reitclub hatte sie zu den besten Reitern gehört. Deshalb hatte sie geglaubt, recht gut reiten zu können. Jetzt sah sie ein, wie viel sie noch zu lernen hatte. Würde sie sich jemals mit solchen Reitern messen können, wie sie am Turnier teilgenommen hatten? Die einzige von ihren Clubkameraden zu Hause, die in diesem Turnier eine Chance gehabt hätte, war Karin, die Reitlehrerin.
Petra beschloß, diesen Sommer auf Strandängen zu nutzen, um so viel wie möglich zu lernen.
Nach dem Abendessen ritt Petra auf Firlefanz, und Rolf longierte. Nun machte sie schon vorsichtig von den Schenkeln und Händen Gebrauch, während Rolf Kommandos gab, um dem Jungpferd den Zusammenhang begreiflich zu machen. Firlefanz’ rote Mähne flatterte, und seine empfindsamen Ohren waren gespitzt. Er trabte taktsicher und lebhaft, und Petra merkte, daß ihr das Jungpferd immer besser gefiel. Natürlich hatte sie ein Zuckerstück für ihn dabei, und das bekam er, sobald sie abgesessen war. Dann führte sie ihn in den Stall, um abzusatteln.
Währenddessen sattelte Rolf ein anderes Pferd. Petra kam gerade rechtzeitig aus dem Stall zurück, um zu sehen, wie er sich in den Sattel schwang. Es war ein hochbeiniger, hellbrauner Vierjähriger mit gestutzter Mähne. Kaum war Rolf aufgesessen, da trabte das Pferd auch schon los. Rolf sah auf dem großen, geschmeidigen Tier sehr klein aus, saß jedoch wie festgewachsen auf seinem Rücken.
Und das war auch gut so, dachte Petra; denn sobald das Pferd nicht begriff, was sein Reiter wollte, oder wenn Rolf etwas zu berichtigen versuchte, was es falsch gemacht hatte, schlug es aus oder versuchte, davonzugaloppieren. Es war, als hätte das Tier Quecksilber im Leib. Doch hinter den Sprüngen schien keine böse Absicht zu sein, und es sah nicht so aus, als wollte es seinen Reiter abwerfen.
Die Sonne war hinter den Bäumen versunken, und in der Abenddämmerung begann es kühl zu werden, doch Petra stand noch immer am Zaun und sah Rolf zu. Dieses Pferd war wirklich wunderbar! Zwar konnte es noch nicht sehr viel, doch es bewegte sich mit der Spannkraft eines zukünftigen Dressurpferdes. Der hohe Körperbau mit dem tief angesetzten Brustkorb, dem langen Hals und den schlanken Beinen verriet, daß dieses Pferd fähig war, sich eines Tages auf jedem Turnierplatz zu behaupten, wenn es einen Reiter bekam, der seine Begabung förderte.
Petra selbst hatte wohl kaum die Fähigkeit, aus diesem großen, lebhaften Wallach ein gutes Pferd zu machen. Es wäre schade um sein Talent, wenn ich ihn kaufen würde, dachte Petra ehrlich.
Schließlich saß Rolf ab und streichelte das Jungpferd zur Belohnung. Petra folgte ihm in den Stall.
„Ich möchte Riegel beim nächsten Reitlager einsetzen, das mit der Bronzeabzeichen-Prüfung abschließt“, erklärte Rolf.
„Ist er dafür denn schon ausreichend zugeritten?“
„In zwei Wochen wird er soweit sein. Außerdem sind’s ja keine Anfänger, die ihn reiten sollen. Und er wird natürlich ruhiger sein, wenn er einen Reiter auf dem Rücken hat, der weniger von ihm verlangt als ich.“
„Warum hat man ihm die Mähne gestutzt?“
„Weil sie leider so häßlich und nicht zu bändigen ist, wenn sie auswächst.“
„Er ist doch gleichaltrig mit Saphir, nicht?“ fragte Petra, während sie die Stalltür aufhielt. „Aber er wirkt jünger und scheint noch viel weniger zu können.“
Die Pferdehufe klapperten auf dem harten Steinboden. Rolf nickte. „Ja, das stimmt. Weil er ein so großes Tier ist, haben wir bis jetzt mit dem Zureiten gewartet. Bei Saphir haben wir schon im letzten Sommer angefangen, als er drei Jahre alt war.“
„Ach, ihr habt gewartet, weil Riegel so groß ist?“ fragte Petra verwundert. „Kann man denn große Pferde nicht früher zureiten als kleine?“
Rolf lachte. „Nein, du, im Gegenteil! Ein Jungpferd, das besonders rasch gewachsen ist, braucht Zeit, um mit seinem Wachstum Schritt zu halten. Der Knochenbau muß sich erst festigen. In den ersten Jahren hat das Pferd genug damit zu tun, mit seinem eigenen Körper zurechtzukommen.“
Nun waren sie bei der Box angelangt, und Rolf führte den Wallach hinein, um ihn abzusatteln. Alle Namensschilder im Stall bestanden aus kleinen schwarzen Tafeln, die mit Kreide beschrieben waren. Das war in einem Gestüt, in dem so viele Pferde kamen und gingen, am praktischsten. Petra las, was auf der Tafel über der Box des Jungpferdes stand.
„Riegel. Nach Vineta und Jovial. Geboren … Nein, wie komisch! Er hat ja genau wie ich am neunundzwanzigsten Mai Geburtstag!“
Rolf trat mit Sattel und Trense aus der Box. „Vineta war übrigens bereits trächtig, als ich sie vor fast fünf Jahren kaufte, und hat Riegel hier zur Welt gebracht.“
„Es geht nicht!“ sagte Gerda Lövdahl seufzend.
„Es muß gehen“, erwiderte ihr Mann. „Ich habe doch versprochen, das Mädchen und ihr Pony am Bahnhof abzuholen.“
Die beiden standen über einen Hinterreifen des Transportwagens gebeugt, und neben ihnen lag der Reservereifen auf dem Boden. Terry, der Hund, sah mit interessierter und sachkundiger Miene zu.
Während die Lövdahls sich noch unterhielten, kam Petra mit Firlefanz um die Hausecke. Sie hatte das Jungpferd gerade longiert und war dann noch ein paar Minuten mit ihm geritten.
„Was ist los?“ fragte sie. „Was geht nicht?“
„Ich bekomme diesen verflixten Reifen nicht los“, sagte Rolf wütend. „Es ist keine Luft mehr drin. Wir müssen gestern über irgend etwas Spitzes gefahren sein, ohne es zu merken. Und dieser Reifen ist an der Tankstelle maschinell befestigt worden und sitzt fest. Ich bekomme ihn einfach mit der Hand nicht los – wenigstens nicht allein.“
„Dann versuch es auch nicht länger“, erwiderte seine Frau. „Du überanstrengst dich sonst noch. Wo ist Mick?“
„Natürlich mit Saga ausgeritten. Ich verstehe nicht, weshalb er dauernd mit ihr spazierenreitet. Warum kann er nicht hier auf der Reitbahn trainieren?“
Das fragte sich Petra ebenfalls. Als sie nachdachte, wurde ihr klar, daß sie Mick noch kein einziges Mal mit Saga auf der Reitbahn gesehen hatte.
Rolf richtete sich auf und sah Petra an. „Was meinst du, kannst du den Weg zum Bahnhof finden?“
„Ich glaube schon“, erwiderte sie zögernd.
„Dann mußt du losreiten und das Mädel abholen. Sie bringt ihr eigenes Pony zum Reitlager mit. Ich fahre mit dem Kombiwagen voraus, hole ihr Gepäck und sage ihr, sie soll auf dich warten.“
„Welches Pferd soll ich nehmen?“
Firlefanz, den sie gerade am Zügel hielt, war natürlich für so etwas nicht zu gebrauchen. Die Strecke war für ein halb eingerittenes Pferd viel zu weit, und außerdem war Firlefanz noch nie außerhalb des Gestüts gewesen. Rolf überlegte einen Augenblick.
„Nimm Saphir“, sagte er dann. „Die anderen Pferde werden noch genügend Bewegung haben, wenn jetzt das Reitlager beginnt.“
Das erste Reitlager
Ich darf Saphir reiten, ich darf Saphir reiten! sang es in Petra, als sie zur Koppel lief. Sie kletterte über den Zaun und sah, wie Rolfs blauer Kombiwagen auf der Straße vorüberfuhr und hinter dem Wald verschwand. Er ließ eine dichte Staubwolke hinter sich zurück.
Doch jetzt hatte Petra nur noch Augen für Saphir. Er stand auf einer kleinen Anhöhe und zeichnete sich dunkel gegen den klarblauen Himmel ab. Seine Mähne flatterte im Wind. Nie zuvor hatte ihn Petra so schön gesehen. Er sah aus, als wäre er einem Märchen oder einem Traum entstiegen.
In diesem Augenblick schüttelte der Hengst den Kopf und trabte den Abhang hinunter. Petra folgte ihm. Saphir neckte sie eine Weile, ließ sich aber schließlich doch einfangen.
„Mal sehen, ob wir den Bahnhof finden“, sagte Petra zu ihm, als sie losritten.
Der Weg zum Bahnhof war länger, als Petra ihn in Erinnerung hatte. Sie war froh, als sie endlich das Bahnhofsgebäude und den großen, kiesbestreuten Platz auftauchen sah. Der Bahnhofsplatz war leer. Wo war das Mädchen mit dem Pony?
Plötzlich spitzte Saphir die Ohren. Petra sah in die gleiche Richtung wie der Hengst, doch das einzige, was sie bemerkte, war eine kleine Grünanlage, die durch ein Blumenbeet vom Bahnhofsplatz getrennt war. Gleich darauf stieß Saphir ein lautes Wiehern aus und stampfte ungeduldig mit den Hufen.
Ein helleres Gewieher aus der Grünanlage war die Antwort. Jetzt erkannte Petra die Umrisse eines Pferdes, das dort unter den Bäumen stand. Sie lenkte Saphir zur Anlage, und zugleich kam auch das fremde Pferd, ein Fuchs, ins Sonnenlicht. Ein Mädchen führte es am Zügel. Sie hatte langes, blondes Haar, blaue Augen und ein breites, rundes Gesicht.
„Hallo! Prima, daß du kommst!“ rief sie. „Ich dachte schon, ihr hättet mich vergessen, und ich müßte bis abends hier herumsitzen. Ist das dein Pferd?“
„Nein, leider nicht. Das ist Saphir, der jüngste Zuchthengst von Strandängen.“
„Oh, ein Hengst! Er sieht wirklich fantastisch aus!“
Petra beugte sich vor und reichte dem Mädchen die Hand. „Ich heiße Petra und arbeite während des Sommers auf dem Gestüt.“
„Ich bin Maggie, und mein Pony heißt Kavat. “
„Fein, daß ihr gekommen seid. Wenn du jetzt aufsitzt, könnten wir gleich zum Gestüt reiten.“
Maggie zog die Sattelgurte an, und Kavat benutzte die Gelegenheit, um mit Saphir Bekanntschaft zu schließen. Die beiden Pferde beschnupperten einander eingehend, während Maggie sich in den Sattel schwang. Im nächsten Augenblick aber stieß Saphir ein schrilles Gewieher aus und schlug mit den Vorderhufen nach dem Pony! Kavat sprang zurück, so daß Maggie beinahe das Gleichgewicht verlor.
„Saphir, du Schuft, laß das!“ sagte Petra streng und fügte hinzu: „Es ist wohl besser, wenn die beiden sich nicht zu lange beschnuppern. Komm, wir reiten möglichst schnell los!“
Maggie nickte. Sie schielte ängstlich auf Saphir, aber als sie ein paar Minuten geritten waren, ohne daß er versuchte, wieder auf ihr Pony loszugehen, entspannte sich Maggie und begann Fragen zu stellen.
„Wie lange reitest du schon, Petra?“
„Fast zehn Jahre.“
„Oh, das ist aber lange! Da kannst du bestimmt schon eine ganze Menge.“
„Ach, weißt du, ich hatte nicht die ganze Zeit über richtige Reitstunden. Fünf Jahre bin ich allein geritten, ohne Unterricht, und dabei habe ich kaum Fortschritte gemacht.“
Maggie nickte heftig. „Das stimmt. Ich hatte schon ein Jahr lang Reitunterricht, ehe ich Kavat bekam. Das war im Herbst. Seitdem bin ich immer allein mit ihm geritten, und er ist dadurch so ungebärdig geworden, daß ich jetzt nur noch mit ihm durch den Wald reite. Das geht noch einigermaßen. Ich hoffe, das wird sich jetzt im Reitlager bessern.“
„Bestimmt. Aber haben sie dir denn zu Hause in der Reitschule nicht geholfen?“ fragte Petra verwundert.
„Ach, weißt du, wir sind letztes Jahr im Spätsommer in einen Ort gezogen, woeskeine Reitschule gibt. Deshalb haben mir meine Eltern Kavat gekauft. Wie findest du ihn übrigens? Er hat keine Papiere, und ich weiß nicht einmal, welche Rasse er ist.“
Kavat war ein kräftiges Pony, knapp einen Meter vierzig hoch, mit schönem fuchsrotem Fell. Er hatte eine üppige Mähne und starken Fesselbehang. Seine Stirn war breit, seine Augen dunkel.
„Er sieht sehr lebhaft und leistungsfähig aus“, sagte Petra. „Kann er springen?“
„Ja, sogar sehr gut – wenn er mag! Aber vielleicht bin ich schuld, daß er manchmal Schwierigkeiten macht. Ich konnte wohl noch zu wenig, als ich ihn bekam. Hast du ein eigenes Pferd, Petra?“
„Nein, aber ich möchte eines kaufen.“
„Mit welchem Pferd bist du dann während der fünf Jahre geritten, als du keinen Unterricht hattest? Hast du dir eines geliehen?“
„Nein. Ich hatte ein wunderbares Pony.“
„Was ist mit ihm passiert?“ fragte Maggie.
„Ich hab’s verkauft“, erwiderte Petra kurz.
„Verkauft? Aber warum denn nur?“
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Petra ausweichend. „Ich hab es an eine Freundin verkauft, die das Pony mehr brauchte als ich.“ Sie sah auf ihre Armbanduhr. „Sollen wir das letzte Stück traben? Wir wollen doch das Mittagessen nicht verpassen, oder?“
„Nein, keinesfalls!“ sagte Maggie mit Nachdruck.
Petra lachte. Sie lenkte Saphir auf die Wiese am Rand der Straße und trieb ihn durch leichten Schenkeldruck an. Der Hengst fiel sofort in Trab. Nun ging es rasch vorwärts, denn Saphir wußte, daß sie auf dem Heimweg waren.
Als sie ins Gestüt zurückkamen, waren die anderen Reitschüler bereits eingetroffen. Es waren noch sechs Mädchen. Nun lernte Petra auch Birgit kennen, eine Frau, die in der Kleinstadt wohnte und während des Reitlagers täglich für ein paar Stunden nach Strandängen kommen sollte, um beim Waschen, Kochen und Saubermachen zu helfen.
Nach dem Essen erklärte Rolf das Tagesprogramm und die wenigen, aber wichtigen Ordnungsregeln. Er stellte jedem der Mädchen ein paar Fragen, um herauszufinden, wie lange sie bereits Reitunterricht gehabt hatten. Dann bestimmte er, welche Pferde sie bekommen sollten.
„ … und du, Lisbeth, nimmst Vineta. Das ist ein ziemlich großes Pferd, aber du bist ja auch schon groß für dein Alter.“
Lisbeth nickte und drehte ihre Reitkappe aufgeregt zwischen den Händen. Weder sie noch die anderen Mädchen kannten die Pferde; sie wußten also noch nicht, wie die Tiere aussahen, die Rolf ihnen zugeteilt hatte.
Eine Weile später waren die Pferde eingefangen und wurden in den Stall geführt; vier der Stuten zusammen mit ihren Fohlen. Mick, Petra und Rolf gingen von einer Reitschülerin zur anderen, kontrollierten Sattel, Gurte und Steigbügel und halfen, wo es nötig war. Dann kam der spannendste Augenblick, als die Mädchen ihre Pferde zur ersten Reitstunde führten.
Alle sieben Mädchen schienen ihre Pferde recht gut unter Kontrolle zu haben, solange sie in der Abteilung ritten.
Nun wollte Rolf feststellen, ob sie auch selbständig reiten konnten. Petra und Mick sahen zu.
„Maggie, reite mit Kavat eine Volte!“ rief Rolf.
Kavat wollte jedoch keine Volte reiten. Maggie kämpfte mit ihm, bis sie tomatenrot im Gesicht war, aber es nützte alles nichts. Wäre sie jetzt mit ihrem Pony allein gewesen, so hätte sie aufgegeben, doch es war ihr peinlich, vor so vielen anderen Reitern zu versagen. Also versuchte sie es noch einmal und versetzte Kavat schließlich einen kräftigen Peitschenhieb. Darauf machte er einen solchen Bocksprung, daß Maggie aus dem Gleichgewicht kam und es nicht noch einmal wagte, die Peitsche zu benutzen.
„Laß es mich mal versuchen“, schlug Rolf vor. „So geht’s ja nicht.“
Maggie sprang aus dem Sattel und übergab ihm die Zügel ihres Ponys.
„Ich bin eine richtige Niete“, sagte sie zu Petra und Mick, während Rolf mit Kavat lostrabte. „Er findet bestimmt, daß ich besser zu Hause geblieben wäre.“
„Da täuschst du dich“, erwiderte Mick. „Rolf wirkt vielleicht ein bißchen ungeduldig, aber er versucht ja nur, dir zu helfen, damit du besser reiten lernst.“
Gerade da begann Kavat mit einer Serie wütender Bocksprünge. Rolf ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Innerhalb weniger Minuten hatte er das Pony zur Vernunft gebracht und galoppierte mit ihm ruhig eine Runde nach der anderen. Nach einer Weile lenkte er Kavat wieder zur Mitte und zügelte ihn vor Maggie, Mick und Petra.
„So ein hinterlistiger Schlingel“, sagte er. „Maggie, was hältst du davon, wenn du während der Dressurstunden Fox reitest und Petra versuchen läßt, mit Kavat fertigzuwerden? Ausgenommen bei den Spazierritten natürlich.“
„Fox?“ Maggies Augen wurden kugelrund. „Einen Vollbluthengst? Schaffe ich das denn?“
„Schlimmer als der hier ist er bestimmt nicht“, sagte Rolf und gab Kavat einen Klaps. „Fox ist für einen Hengst recht leicht zu reiten.“
„Aber was ist mit all den Stuten?“
„Es geht schon, so lange sie nicht rossig sind“, erklärte Rolf. „Mick, du könntest Maggie helfen, Fox zu satteln, dann kann sich Petra gleich um diesen kleinen Windbeutel hier kümmern.“
Es blieb also dabei: Maggie ritt Fox und entdeckte, daß es gar nicht so schwierig war, wie sie geglaubt hatte. Petra dagegen merkte, daß Kavat ein ganz vernünftiges Pony sein konnte, wenn man ihm nur klarmachte, daß der Reiter den Ton angab.
Der erste Ausritt fand am zweiten Tag des Reitlagers statt. Rolf übernahm auf Fox die Führung, gefolgt von Mick auf Saga und Petra auf Saphir. Auch der Hund Terry war mit von der Partie; er hielt sich jedoch immer in Rolfs Nähe und kam den Pferden nicht in die Quere.
Nach einem schönen Galopp auf den Waldwegen verlangsamten sie schließlich das Tempo und kamen auf eine Lichtung mit einer alten Holzfällerhütte. Die Hütte war verlassen und ziemlich baufällig. Das eingesunkene Dach schwankte im Wind. Einige Mädchen stiegen von den Pferden und begannen die reifen Beeren zu pflücken.
„Das Haus hier wird Erdbeerhütte genannt“, erklärte Mick, und Terry lief zur Hütte, als hätte er ihn verstanden und schnupperte interessiert an den bemoosten Mauersteinen. Auch Lisbeth ritt hinüber und spähte neugierig durch eines der Fenster.
„Geht bloß nicht hinein!“ warnte Mick. „Das alte Gemäuer ist bestimmt baufällig, und man kann nie wissen, wann das Dach einstürzen wird.“
Rolf löste ein lockeres Hufeisen an Polkas Vorderfuß, dann streichelte er die Stute.
„Polka schafft es auch barfuß bis nach Hause“, sagte er lächelnd.
Als sie wieder im Gestüt waren, band Rolf das Pferd in der Stallgasse fest und begann das lose Hufeisen wieder festzunageln.
„Können Sie Pferde beschlagen?“ fragte Maggie beeindruckt. „Da brauchen Sie ja keinen Hufschmied!“ Da sie ein eigenes Pony hatte, kannte sie die Schwierigkeit, einen Hufschmied zu finden, nur zu gut.
„Nein, ganz so einfach ist es nicht“, erwiderte Rolf. Er nahm die Hufzange und zog einen Nagel wieder heraus, der etwas schief saß. „Ich kann zwar Hufeisen wieder festmachen, die sich gelöst haben, aber keine neuen anbringen. Es ist sehr wichtig, daß so etwas richtig gemacht wird. Schlechte Hufpflege kann jedes Pferd verderben. Es kann also eine teure Angelegenheit werden, wenn ein Pferdebesitzer an der Hufpflege sparen will. Mindestens jede sechste Woche kommt der Hufschmied nach Strandängen.“
Plötzlich hörten sie Karins Stimme aus dem Hintergrund. „Mann, ist das toll!“ sagte sie. „Könntest du nicht Mona-Lisa für mich zeichnen?“
Karin stand bei der Tür und spähte über Micks Schulter. Er machte gerade eine Skizze von Rolf und Polka.
„Ja, gern“, erwiderte Mick. Er blätterte in seinem Skizzenblock und riß ein Blatt heraus. „Hier, das kannst du haben!“
Im Nu waren Mick und Karin von allen umringt, und jede Reitschülerin wollte eine Skizze von seinem Block, bis alle Mädchen ein Bild ihres Reitlager-Pferdes bekommen hatten.
„Gut, daß du von allen Pferden Zeichnungen hattest“, sagte Petra, als die Mädchen den Stall verließen, um ihre Skizzenblätter ins Haus zu bringen.
„Ach, damit habe ich schon gerechnet“, erwiderte Mick. „Die Skizze von Kavat hab ich heute vormittag gemacht, als ihr beim Baden wart, und die anderen Zeichnungen habe ich einfach so flüchtig hinskizziert, ehe das Reitlager anfing.“
„Einfach flüchtig hinskizziert? Ich fand sie prima!“
„Eigentlich hab ich sie ziemlich schnell und schlampig gemacht, weißt du.“ Mick blätterte wieder zurück, bis er die angefangene Zeichnung von Polka fand, deren Huf gerade beschlagen wurde. „Und jetzt kann ich ungestört daran weiterarbeiten. Gar nicht so dumm, wie?“
Petra nickte nur. Sie hatte Mick gerade um eine Zeichnung von Saphir bitten wollen, doch jetzt wollte sie ihn lieber nicht stören.
„Ich dachte, wir könnten mal abends gemeinsam Würstchen grillen – drunten am Seeufer, meine ich“, sagte Rolf plötzlich. „Würdet ihr euch vorher ein paar Fragen für ein Quiz ausdenken?“
Petra und Mick waren sofort einverstanden. Nach dem Abendessen gingen sie auf Micks Zimmer, um die Quizfragen zusammenzustellen. Petra war noch nie in seiner Behausung gewesen und sah sich neugierig um. Über dem Bett hing das beste von Micks Bildern, das sie bisher gesehen hatte.
„Das ist doch Saga, nicht?“
„Ja, das ist sie.“
Plötzlich wurde Petra klar, daß die Skizzen, die Mick heute verschenkt hatte, wirklich nicht seine besten Arbeiten waren. Er konnte viel mehr! Auf diesem Bild hatte er Sagas wachsamen Ausdruck genau eingefangen. Die Signatur mit dem Eichenblatt war die gleiche wie auf den Bildern im Wohnhaus.
„Warum zeichnest du ein Eichenblatt um deinen Namen?“ fragte Petra nach einer Weile.
„Weil ich mit Nachnamen Eich heiße.“ Mick ging zu einem kleinen Bücherregal und fügte hinzu: „Wir könnten uns vielleicht ein paar Anregungen für das Quiz aus den Reitlehrbüchern holen.“
Petra trat hinter ihn und sah ihm über die Schulter. Sie war überrascht, welche Bücher Mick hatte: „Der kleine Prinz“, „Puh der Bär“, Berichte von Verhaltensforschern und eine Menge anderer Bücher, die Petra interessant erschienen.
„Du hast ja eine richtige kleine Bibliothek!“ sagte sie.
„Die meisten meiner Bücher sind zu Hause bei meiner Familie. Ich habe nur die mitgebracht, die ich am liebsten mag. Und natürlich auch alle Reitlehrbücher.“
Eine Viertelstunde später saßen sie mit Papier und Bleistift am Tisch und dachten sich Fragen für das Reitquiz aus.
Am nächsten Morgen erschienen weder Lisbeth noch Karin im Stall, als die Pferde gestriegelt werden sollten.
„Maggie, hast du an ihre Tür geklopft?“ fragte Petra.
Ehe Petra nämlich morgens aus dem Haus ging, klopfte sie stets an die Tür des Nebenzimmers, in dem Maggie und Barbara schliefen. Maggie hatte die Aufgabe übernommen, die anderen Mädchen aufzuwecken, die eine Etage tiefer wohnten.
„Ja“, erwiderte Maggie, „ich habe geklopft, und Karin war schon wach.“
In diesem Augenblick kam Karin in den Stall gestürmt.
„Lisbeth ist krank!“ verkündete sie. „Sie hat Windpocken.“
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