Read the book: «Schwarzer Widerstand»
Toni Keppeler
Schwarzer Widerstand
Sklaverei und Rassismus in Lateinamerika und der Karibik

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
© 2021 Rotpunktverlag, Zürich
www.rotpunktverlag.ch
Die gedruckte Ausgabe enthält Übersichtskarten.
eISBN 978-3-85869-914-5
1. Auflage 2021
Inhalt
Zur Einführung
Warum dieses Buch geschrieben wurde und warum darin auch hässliche Wörter verwendet werden.
Kapitel 1
Haiti, die verarmte Wiege der Freiheit
Der Sklavenaufstand, der Befreiungskrieg, der Weg in den postkolonialen Schuldenstaat – und ein rebellischer Geist, der bis heute wirkt.
Aus dem Schlachthaus zur Verschwörung im Wald
Vodou als Religion des Aufstands
Toussaint Louverture, der Türöffner zur Freiheit
Der Krieg um die Unabhängigkeit
Dörfliche Demokratie und die neue Elite
Der Weg ins rebellische Armenhaus
Das schwarze Selbstbewusstsein erwacht
Das endlose Beben
Kapitel 2
Martinique und die Négritude
Über ein Land, das bis heute faktisch eine Kolonie ist und doch mit Aimé Césaire und Frantz Fanon zwei der wichtigsten Denker schwarzen Selbstbewusstseins hervorgebracht hat.
Die schwarzen Aufklärer
Kritik des Kolonialismus
Die drei Identitäten Martiniques
Kapitel 3
Flucht in die Freiheit
Die Maroons, Marcus Garvey und die Rastafari – der Widerstand der Schwarzen auf Jamaika. Der Cimarrón Esteban Montejo und Kubas noch unerfülltes Versprechen über das Ende der Diskriminierung.
Marcus Garvey und seine Zurück-nach-Afrika-Bewegung
Rastafari, Reggae und Reasoning
Kuba und sein berühmtester Cimarrón
Kapitel 4
Die Schwarzen, die niemals Sklaven waren
Die Garífuna vereinen die Traditionen Afrikas und der indigenen Karibik. Über ein kleines Volk, das sich niemals geschlagen gab.
Widerstand, Deportation und Diskriminierung
Der endlose Kampf ums Territorium
Kapitel 5
Schwarze in weißen Staaten
Schon die ersten Spanier brachten Sklaven nach Lateinamerika. Wie sie sich wehrten, wie sie frei wurden und wie sie dann an den Rand von Gesellschaften gedrängt wurden, die sich immer nur an Europa orientierten.
Palenque de San Basilio – vierhundert Jahre Widerstand
Die Schwarzen werden unsichtbar
Eine Afrogemeinde zwischen den Fronten
Kapitel 6
Die Utopie im Dschungel
Kein Land hat so viele Sklaven importiert wie Brasilien. Hundert Jahre lang hatten sie einen eigenen Staat. Doch davon ist nicht viel geblieben.
Die Geschichte und der Mythos von Palmares
Vom Zucker zum Kaffee
Eine Prinzessin befreit die Sklaven
Frei, aber weiterhin diskriminiert
Kapitel 7
Identität und Territorium
Seit fünfzig Jahren gibt es in Lateinamerika wieder schwarzen Widerstand. Er kann trotz aller Probleme auch Erfolge vorweisen.
Wenn linke Regierungen die Schwarzen stärken
Die Nachfahren der Sklaven fordern Entschädigungen
Zum Schluss
Was zu tun ist.
Literatur
Zur Einführung
Warum dieses Buch geschrieben wurde und warum darin auch hässliche Wörter verwendet werden.
Am Abend des 20. Mai 2020 wurde in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd getötet. Er hatte sich kurz vor 20 Uhr in einem Lebensmittelgeschäft Zigaretten gekauft und hatte sie mit einem Zwanzigdollarschein bezahlt. Der Verkäufer vermutete, dass dieser Schein gefälscht sei, und rief die Polizei. Bei der Verhaftung wurde Floyd auf den Boden gedrückt. Der Polizist Derek Chauvin stemmte sein linkes Knie in den Hals von Floyd, zwei weitere Polizisten fixierten ihn und ein vierter versuchte, Passanten von der Szene fernzuhalten. Nach Zeugenaussagen sagte Floyd mehr als zwanzig Mal, er könne nicht atmen – »I can’t breathe«. Nach acht Minuten war er tot.
Der Vorfall wurde von einem Passanten mit dem Mobiltelefon gefilmt. Das Video verbreitete sich schnell über Internetplattformen. In den Tagen und Wochen danach kam es zu Demonstrationen und Unruhen, nicht nur in Städten der USA. Auch in Britannien wurden Statuen von Sklavenhändlern und Sklavenhaltern gestürzt. In Deutschland und der Schweiz wiesen des Nachts an Standbildern angebrachte Graffiti darauf hin, was diese in Stein gehauenen oder in Bronze gegossenen ehrenwerten Männer noch so verbrochen hatten. Selbst in Frankreich, wo ansonsten die koloniale Vergangenheit gerne verdrängt wird, begann nach Massendemonstrationen eine Debatte darüber, dass und wie sich der Rassismus von damals bis heute erhalten hat.
Es verwundert nicht weiter, dass ausgerechnet ein Fall, der sich in den USA abgespielt hat, ein so großes Echo auslösen konnte. Allein in Rio de Janeiro werden an einem durchschnittlichen Tag drei Schwarze von Polizisten getötet. Das wird im besten Fall als kleine Meldung von lokalen Medien aufgegriffen und meistens nicht einmal dies. Wer in Europa an die Diskriminierung von Schwarzen denkt, denkt zuerst an die USA. Und wer an Sklaverei denkt, denkt ebenfalls an die USA. Achtzig Prozent der Bücher, die sich mit den aus Afrika verschleppten und in Amerika versklavten Menschen befassen, handeln von den USA, und das unabhängig davon, ob es sich um geschichtswissenschaftliche oder literarische Werke handelt. Genauso erzählen achtzig Prozent der darüber gedrehten Spielfilme von den Zuständen in den USA. Dabei hat dieses Land insgesamt, die Zeiträume vor und nach der Unabhängigkeit zusammengenommen, nur fünf Prozent der afrikanischen Sklaven importiert. Die anderen fünfundneunzig Prozent erscheinen im geschriebenen und verfilmten Gedächtnis der Menschheit wie eine Marginalie.
Sicher ist allgemein bekannt – und sei es auf Grund einer Urlaubsreise –, dass die Mehrheit der Bevölkerung auf den karibischen Inseln schwarz ist, vielleicht auch, dass die Vorfahren dieser Schwarzen als Sklaven aus Afrika verschleppt wurden. Manche mögen noch wissen, dass der größte und einzige erfolgreiche Sklavenaufstand in der Geschichte der Menschheit in dem Land stattgefunden hat, das seither Haiti heißt. Allgemein assoziiert man mit Haiti keine Revolutionsgeschichte, sondern bittere Armut, Naturkatastrophen, Chaos und Gewalt. Kaum jemand fragt sich, wie es dazu hat kommen können. Es liegt bis heute in deutscher Sprache so gut wie keine an ein breiteres Publikum gerichtete Literatur über Haiti vor. Von all den Ländern in der Karibik wurde in deutscher Sprache einzig die Geschichte der Sklaverei in Kuba von Michael Zeuske ausführlich und gut aufgearbeitet.
Noch viel weniger ist bekannt, dass auch die Länder auf dem lateinamerikanischen Festland allesamt Sklavenhalterstaaten waren. Am ehesten weiß man noch von Brasilien, dass ein Großteil der Bevölkerung afrikastämmig ist. Dass Menschen dunkler Hautfarbe dort noch immer zu den Ärmsten gehören und diskriminiert werden, erscheint zwar hin und wieder in Hintergrundberichten großer Zeitungen, das Bild des Landes aber wird von den Fotos geprägt, die alljährlich vom Karneval in Rio um die Welt gehen. Darauf sieht alles sehr harmonisch und fröhlich aus. Dass in europäisch anmutenden Staaten wie Argentinien und Uruguay einst die größten Sklavenmärkte der Region waren, wollen die Bürger dieser Länder am liebsten vergessen. Und kaum ein Chilene weiß, dass sein Land von einem Heer in die Unabhängigkeit geführt wurde, das zur Hälfte aus Schwarzen bestand.
»Eine Geschichte ohne Zeugen ist nichts oder fast nichts wert«, schreibt die Haitianerin Emmelie Profète in ihrem Roman Das Testament der Einsamen. Das Zitat trifft das, was dieses Buch sein will: Es will Zeuge sein, Zeugnis von der Geschichte der Schwarzen in Lateinamerika und in der Karibik ablegen, von den Grausamkeiten, die ihnen angetan wurden, aber auch von ihrem Widerstand, bis heute. Wissen ist die Voraussetzung dafür, dass sich etwas ändern kann. Viele Schwarze in Lateinamerika und in der Karibik wissen um ihre Geschichte, in Haiti sogar die Analphabeten. Sie haben ihre Kultur und ihre Traditionen immer verteidigt, wenn es sein musste, bis aufs Messer. In den reichen Ländern des Nordens aber gibt es dieses Wissen nur bei ein paar wenigen. Auch dort sollte man diese Geschichte kennen. Nicht nur, um die Schwarzen in Lateinamerika und in der Karibik mit ihrer Geschichte nicht allein zu lassen. Wir in Europa würden dann erkennen, dass wir etwas mit dem, wie sie sind und was sie erleiden, zu tun haben, dass es eine Schuld gibt, die abgetragen werden muss. Davon wird am Ende des Buchs die Rede sein.
Ein Buch über Schwarze in Lateinamerika und der Karibik muss mit Haiti beginnen. Die erfolgreiche Revolution dort war Inspiration für alle Sklaven der Region und gleichzeitig ein Schrecken für die Sklavenhalternationen. Eben deshalb wurde Haiti danach zum ersten postkolonialen Armutsstaat gemacht. Und trotzdem ist das Land die Wiege schwarzen Selbstbewusstseins; hier wurde sein Fundament gelegt. Entsprechend ist das Haiti-Kapitel das weitaus umfangreichste des Buchs. Es folgt ein Gegenmodell, Martinique. Die Insel ist offiziell ein Überseedepartement von Frankreich, faktisch aber immer noch eine Kolonie. Und sie hat mit Aimé Césaire und Frantz Fanon zwei Denker hervorgebracht, die den Dekolonialisierungsprozess in Afrika mit beeinflusst haben. Das dritte Kapitel behandelt Jamaika. Seine bis heute lebendige Tradition der Maroons hatte eine ähnliche Strahlkraft auf die Schwarzenbewegung in den USA, wie sie Césaire und Fanon im französisch kolonialisierten Afrika hatten. Die anschließend vorgestellten Garífuna sind letztlich auch eine Maroon-Gesellschaft. Entstanden aus der Verbindung von entlaufenen Sklaven und den letzten Überlebenden der karibischen Urbevölkerung auf der Insel Saint Vincent, wurden die meisten von ihnen wegen ihrer Widerständigkeit nach Honduras verschleppt. Dort lebt dieses Volk noch heute, kämpft um seine Rechte und ist stolz darauf, nie versklavt worden zu sein.
Sklaven gab es nicht nur in der Karibik, sondern genauso auf dem lateinamerikanischen Festland. In den meisten ehemals spanischen Kolonien sind sie heute fast unsichtbar geworden, aber sie sind noch da, sie werden noch immer diskriminiert, und viele kämpfen noch immer um ihre Rechte. Davon handelt das fünfte Kapitel. Nur in Brasilien, dem einzigen von Portugal kolonialisierten Land Südamerikas, ist die afrikastämmige Bevölkerung bis heute in der Mehrheit. Diesem Land ist das sechste Kapitel gewidmet. Die Schwarzen dort schwankten lange zwischen Anpassung und Autonomie. In den letzten Jahren aber ist eine schwarze Bewegung entstanden, die vor allem in den acht Jahren der Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva Erfolge erzielt hat. Überhaupt ist die Schwarzenbewegung seit den 1970er Jahren in ganz Lateinamerika erstarkt. Davon handelt das siebte Kapitel, bevor abschließend ein paar wenige Schlussfolgerungen gezogen werden. Das angehängte Literaturverzeichnis soll zeigen, was alles konsultiert wurde. Es enthält auch belletristische Werke, die dem Leser ein Land oft eindrücklicher verständlich machen können als wissenschaftliche Werke. Insofern soll dieses Verzeichnis auch eine Anregung zum Weiterlesen sein.
Ein Buch über Rassismus zu schreiben, birgt ein sprachliches Problem: Rassismus hat etwas mit »Rasse« zu tun. Auch wenn es Menschenrassen im biologischen Sinn nicht gibt, ist es doch offensichtlich, dass es die »Rasse« als Herrschaftskonstrukt gibt. Ihr sichtbares Merkmal ist die Hautfarbe. Viele Wörter, die dafür in Lateinamerika entstanden und bis heute gang und gäbe sind, waren zumindest ursprünglich diskriminierend. Der »Mulatte« etwa leitet sich vom spanischen mula ab, dem Maultier, was eine Kreuzung zwischen Pferd (in dem Fall der Weiße) und Esel (in dem Fall der Schwarze) ist. Das in Venezuela für solche Menschen gängige Wort pardo wiederum war ursprünglich eine Bezeichnung für buntscheckiges Vieh. Das Wort cimarrón, das für entlaufene Sklaven verwendet wurde, bezog sich zunächst auf entlaufene und verwilderte Haustiere; das englische Wort maroon ist eine Ableitung davon. Es wird heute von den Nachkommen der entlaufenen Sklaven in Jamaika mit Stolz als Selbstbezeichnung verwendet.
Ich selbst war stolz darauf, als mich einmal ein haitianischer Vodou-Priester nach einem langen Gespräch einen gran nèg genannt hat – was wörtlich übersetzt »großer Neger« heißt und Achtung ausdrücken soll. Hätte er sich auf die Hautfarbe bezogen, hätte er nicht nèg, sondern nwa gesagt und es wäre auf mich nicht anwendbar gewesen. Auch der »Neger« ist, wie die »Rasse«, nach dem kamerunischen Postkolonialismustheoretiker Achille Mbembe ein Herrschaftskonstrukt, das unabhängig von der Hautfarbe analysiert werden kann, im allgemeinen Sprachgebrauch aber damit zusammenfällt. Das haitianische Kreyòl hat die ursprünglich negative Konnotation des nèg von der Hautfarbe getrennt, das Wort ins Positive gewendet und zu einem Teil schwarzen Selbstbewusstseins gemacht. Die Sprache kennt zahlreiche Wörter zur Bezeichnung der Schattierungen zwischen schwarz und braun. Sie werden ganz selbstverständlich verwendet und beziehen sich nicht nur auf die Hautfarbe eines Menschen, sondern gleichzeitig auf seine soziale Stellung in der Gesellschaft, je heller, desto höher. Natürlich ist die Übereinstimmung von Äußerlichkeit und Sozialem eine Nachwirkung des europäischen Rassismus der Kolonialzeit. Wer aber heute in Haiti nicht mindestens zwischen Schwarzen und Mulatten unterscheiden will, dem fehlt ein wichtiges Koordinatensystem zum Verständnis des Landes. In diesem Sinn werden auf den folgenden Seiten auch Wörter verwendet, die die ganze Hässlichkeit des europäischen Kolonialismus in sich tragen, die aber gleichzeitig nötig sind, um koloniale und postkoloniale Strukturen zu verstehen. Sie sind nie diskriminierend gemeint.
Die Recherchen für dieses Buch gehen viel weiter zurück als die Idee dazu. Ich war viele Male als Reporter in der Karibik und in Afrogemeinden in Lateinamerika unterwegs. Die Menschen dort haben ihren Alltag mit mir geteilt, haben sich Zeit genommen, haben meine Fragen beantwortet. Sie haben versucht zu erklären, und ich habe versucht zu verstehen. Dafür bin ich ihnen dankbar. Auch ihnen bin ich es schuldig, dies alles aufzuschreiben.
Ein Buch zu schreiben, ist meist eine einsame Angelegenheit. Bei diesem Buch war ich nie allein. Kaum war die Idee geboren, kam – zufällig – Laura Nadolski als Praktikantin in unser Journalismusbüro und wollte eigentlich nur ein paar Monate bleiben. Sie hat dann mich und das Buch über die vier Jahre seines Entstehungsprozesses begleitet. Sie war von uns beiden die bessere Literaturrechercheurin, sie hat mein äußerst mangelhaftes Französisch ausgeglichen, war meine erste Leserin und meine erste Kritikerin. Und sie hat mir aus den Motivationslöchern geholfen, in die man beim Schreiben bisweilen fällt. Ohne sie wäre das Buch nicht so geworden, wie es geworden ist.
Kapitel 1
Haiti: Die verarmte Wiege der Freiheit
Der Sklavenaufstand, der Befreiungskrieg, der Weg in den postkolonialen Schuldenstaat – und ein rebellischer Geist, der bis heute wirkt.
Es waren die letzten Tage vor dem zweiten Sturz von Präsident Jean-Bertrand Aristide im Februar 2004. Mein haitianischer Helfer und ich kamen aus Gonaïves, der Stadt, in der zweihundert Jahre zuvor die Unabhängigkeit Haitis ausgerufen worden war, und fuhren durch eine Gegend, die man »Savane désolée« nennt. In der Trockenzeit ist sie tatsächlich so, trostlos. Es ist staubig, so staubig, dass die wenigen an Hexenhäuschen erinnernden Holzhütten am Straßenrand den abblätternden Anstrich unter einer weißen Pulverschicht verbergen. Das Gras in der hügeligen Landschaft ist braun verbrannt. Grün sind einzig die Kakteen, und sie sehen so aus, wie Kinder sich Kakteen in einer Wüste vorstellen. Wir waren allein. Kein anderes Auto weit und breit.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, überholte uns ein weißer Geländewagen und stellte sich quer auf die Straße. Ein zweiter versperrte den Rückweg. Aus jedem der beiden Wagen sprangen vier Männer. Der Stahlhelm schwarz, die Gesichtsmaske, die Uniform, die schusssichere Weste, die Stiefel – alles schwarz. Jeder hatte ein M-16-Sturmgewehr im Anschlag. Sie sprachen haitianisches Kreyòl, laute schnelle Befehle. Ich verstand kaum ein Wort. Aber man weiß auch so, was man einer solchen Situation tun muss: Mit langsamen Bewegungen die Papiere aus der Tasche fingern, langsam die Wagentür öffnen, langsam aussteigen, die Papiere abgeben, sich zum Auto drehen, die Hände aufs Dach legen, die Beine breit. So standen wir in der sengenden Sonne, jeder mit dem Lauf eines entsicherten Sturmgewehrs an der Schläfe.
Von dem Mann, der mich bedrohte, sah ich außer der Uniform nur die Augenpartie. Ich sah, dass auch er schwitzte und dass in seinen Pupillen ein unsicheres Zittern war. Das machte auch mich unsicher. Ich sagte meinem Helfer, er solle mit ihnen reden, egal was. Er solle nicht aufhören zu reden. Solange er rede, werde uns nichts passieren. Und er redete. Er konnte sich hinterher nicht mehr an alles erinnern, was er ihnen erzählt hat. Wir hatten das Gefühl, zwei Stunden so in der Savane désolée gestanden zu haben, aber da kann man sich täuschen; subjektiv dauern solche Situationen extremer Adrenalinausschüttung viel länger, als sie es objektiv sind. Irgendwann gaben die Männer uns unsere Papiere zurück und sagten, wir sollten weiterfahren. Sie waren genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen waren.
Mein Helfer wusste, das war ein Kommando der Brigade de Recherches et d’Intervention (BRI), der schnellen Eingreifbrigade der Polizei. Eine Spezialeinheit mit damals nur wenigen Dutzend Mitgliedern, von der Menschenrechtsanwälte sagten, sie mache keine Gefangenen. Mein Helfer kann bis heute nicht erklären, warum wir davongekommen sind. Am ehesten, glaubt er, habe uns meine weiße Hautfarbe gerettet: Es könne sein, dass die Polizisten nicht sicher waren, ob ihnen die Leiche eines weißen Ausländers bei ihren Vorgesetzten nicht mehr Scherereien als Lob einhandeln würde. Und warum hatten sie uns angehalten? Da sei er sich sicher. Ihre Informanten hätten mich gesehen.
Wir hatten uns in Gonaïves mit Butteur Métayer getroffen, damals der Anführer einer bewaffneten Bande, die sich die »Kannibalenarmee« nannte und behauptete, sie sei eine politisch motivierte Guerilla. Sie hatte ihr Hauptquartier in Raboteau, einem am Meer gelegenen großen Slum. Ein gutes Dutzend Gerippe von abgetakelten Fischerkähnen lag am Strand, dahinter ein Gewirr von Hütten aus Pappe und Wellblech. Dazwischen ein paar heruntergekommene karibische Holzhäuser und das eine oder andere solide Gebäude aus Beton oder Stein. Auch ein paar ausgebrannte Ruinen – vom letzten Polizeieinsatz. Sicherheitskräfte trauten sich damals nur mit mehreren Hundertschaften nach Raboteau, und sie fragten nichts, bevor sie scharf schossen. Raboteau galt als aufmüpfiges Viertel, als Hochburg der Gegner Aristides unter den armen Leuten. Breitere Straßen waren alle paar Meter mit Barrikaden blockiert. Autos kamen nicht durch. Wer sich schnell bewegen wollte, tat dies auf dem Soziussitz eines der vielen Mototaxis. Ein Weißer hinten auf so einem kleinen Motorrad fällt auf. In Raboteau wohnen nur Schwarze.
Butteur Métayer hatte sein Hauptquartier in einer windschiefen engen Blechhütte. Man erreichte sie nicht mit dem Mototaxi; die letzten Meter musste man sich zwischen anderen Hütten hindurchschlängeln. Die Mototaxis warteten auf der nächsten Straße mit laufendem Motor. Die Abmachung war, wenn die Wachposten Métayers etwas Verdächtiges wahrnähmen, werde das Interview abgebrochen, und wir müssten schnellstens verschwinden. Er wollte das dann auch tun.
Hinter Métayer war die Hälfte einer alten Tischtennisplatte als Tafel an einer Wand aus Wellblech befestigt, darauf Kreidezeichnungen mit Buchstaben, Kreisen und Pfeilen, die wohl geplante militärische Operationen abbilden sollten. Waffen sah man nicht. Métayer, rund, untersetzt und mit schon lichtem Haar, war damals vielleicht vierzig Jahre alt und der meistgesuchte Mann Haitis. Er trug Bermudashorts, Plastikschlappen und ein verschwitztes weißes Unterhemd. Er sprach mit sanfter Stimme ein passables Englisch; er hatte das in den USA gelernt, wo er ein paar Jahre gearbeitet hatte. Die Leitung der Kannibalenarmee hatte er erst vor ein paar Monaten übernommen, von Amiot, seinem Bruder. Der war ermordet aufgefunden worden.
Amiot Métayer war der Führer einer kriminellen Bande, die im Drogenhandel aktiv war und gelegentlich im Auftrag Aristides Menschen einschüchterte oder gleich umbrachte. Die USA machten Druck. Sie wollten, dass Amiot als Drogenhändler festgenommen und ausgeliefert werde. Er wurde auch verhaftet, bei einem Überfall seiner Kannibalenarmee auf das Gefängnis von Gonaïves aber wieder befreit. Er drohte zu plaudern, und er wusste wohl viel über die dunklen Seiten des Aristide-Regimes. Seine Leiche wurde in einem Dornengestrüpp am Rand der Savane désolée gefunden.
Nachdem das Gespräch mit seinem Bruder und Nachfolger Butteur tatsächlich abrupt abgebrochen worden war, hatten wir auf dem Rückweg nach Port-au-Prince an diesem Dornengestrüpp angehalten. Mein Helfer, ein Richter, der unter anderem in Frankreich und Belgien ausgebildet worden war, wusste, dass man der Leiche Amiots die Augen ausgerissen hatte. Und er glaubte auch zu wissen, warum: Auf der Netzhaut eines Toten brenne sich das letzte Bild ein, das er im Leben gesehen habe. Das könne man im Labor sichtbar machen und habe dann – das Konterfei des Täters. Der Leiche die Augen auszureißen, sei nichts anderes gewesen als eine Schutzmaßnahme der Täter.
Wir machten im Auto Scherze darüber. Ich zog ihn auf, sagte, das mit den herausgerissenen Augen und der Netzhaut, das sei doch alles Vodou-Glaube. Dann überholte uns der weiße Geländewagen.
Die nächsten Tage sollten nicht viel besser werden. In Portau-Prince gab es Demonstrationen gegen Aristide. Wir gerieten immer wieder in Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und den sogenannten Chimères, Schlägertrupps aus den Armenvierteln, die Aristide bis aufs Blut verteidigten. Oft mischte sich auch die Polizei in solche Straßenschlachten ein, eher auf der Seite der Chimères. Es wurde scharf geschossen. Wir rannten viel, kauerten hinter unsicheren Deckungen.
Haiti war in jenen Tagen so, wie es oft dargestellt wird, aufrührerisch und gewalttätig und voll von Kannibalen und Schimären, von Aberglaube und Vodou. Es fehlte nur noch eine Naturkatastrophe, ein Hurrikan oder ein Erdbeben. Graham Greene hatte schon 1966 in seinem Haiti-Roman Die Stunde der Komödianten geschrieben: »[...] wer wusste, ob sich nicht ein paar Journalisten einige Tage hier aufhalten wollten, um eine Reportage über ein Land zu schreiben, das sie zweifellos ›die Albtraumrepublik‹ nennen würden«.
Und doch ist diese Albtraumrepublik die Wiege der Freiheit Lateinamerikas und der Karibik, nach den Vereinigten Staaten von Amerika die erste unabhängige Republik des Kontinents. Ohne Haiti wäre Simón Bolívar, der Freiheitsheld Südamerikas, nicht zu dem geworden, der er war. Ohne dieses kleine und bitterarme Land wäre die Unabhängigkeit Lateinamerikas zumindest so nicht zustande gekommen. Von Haiti und danach von den anderen ehemaligen Sklaveninseln der Karibik kamen in den vergangenen zweihundert Jahren immer wieder entscheidende Anstöße, selbst für die Unabhängigkeitsbestrebungen Afrikas und die Black-Power-Bewegung in den USA. In Haiti fand der größte und erfolgreichste Sklavenaufstand der Geschichte statt. Die aus Afrika importierten Schwarzen, die für die Kolonialisten nichts anderes waren als ein zum Verbrauch bestimmtes Arbeitsgerät in Menschengestalt, haben ihre weißen Peiniger vertrieben. Sie waren die ersten, und sie sind bis heute die einzigen. Sie wissen das, selbst einfachste Leute, die weder lesen noch schreiben können. Und sie sind stolz darauf.
Aus dem Schlachthaus zur Verschwörung im Wald
Der erste Europäer, der seinen Fuß auf die zweitgrößte Insel der Karibik gesetzt hatte, war Cristóbal Colón, Christoph Kolumbus. Am 25. Dezember 1492 lief die Santa María, das größte seiner drei Schiffe, auf eine Sandbank. Die dahinter liegende Insel nannte er »La Española«, Hispaniola, die Spanische. Der Strand, an dem die Santa María havarierte, liegt im Nordosten des heutigen Haiti und trägt noch immer den Namen des Schiffs.
Die Gegend ist ein Paradies für Meeresbiologen. Hinter einem Riegel aus Korallenriffen liegt die größte Mangrovenreserve Haitis. Dort finden selten gewordene Meerestiere wie die Lederschildkröte noch Unterschlupf. Das Dorf nahe der Küste heißt Caracol, das spanische Wort für Schneckenmuschel. Im haitianischen Kreyòl heißt diese Muschel lambí. Ihr Fleisch ist eine beliebte Speise, und das Gehäuse hat als Signalhorn mythische Bedeutung. Die Bewohner von Caracol leben von der Fischerei und von der Salzgewinnung und betreiben ein bisschen Landwirtschaft. Ein paar Meter hinter dem Mangrovenwald haben sie mehrere Meter tiefe große viereckige Gruben in den Strand gegraben. Das einsickernde Grundwasser vom Meer verdunstet, große Salzkristalle werden abgeschöpft und zwischen den Becken zu an kleine Vulkane erinnernde Haufen aufgeschichtet und getrocknet. Die Arbeit wird vor allem von Frauen gemacht, und sie verdienen kaum etwas damit.
Die Santa María war – so Kolumbus – nach ihrer Strandung unrettbar verloren. Er hielt sein Flaggschiff ohnehin für zu schwerfällig für eine Expedition. Er ließ es auseinandernehmen, um aus den Holzplanken Häuser zu bauen. Bei der Weiterreise ließ er ein paar seiner Männer auf der Insel zurück. Die war damals von gut einer Million Taíno bewohnt, ein zu den Arawak gehörendes karibisches Volk. Sie nannten ihr Land Ayiti, das bergige Land. Sie bauten Yuca, Mais und Süßkartoffeln an und kannten den Tabak. Und sie hatten Gold. Kolumbus beschrieb sie in seinem Logbuch als freundlich und friedfertig. Sie seien »unschuldig und von einer solchen Freigiebigkeit mit dem, was sie haben, dass niemand es glauben würde, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Was immer man von ihnen erbittet, sie sagen nie Nein, sondern fordern einen ausdrücklich auf, es anzunehmen und zeigen dabei so viel Liebenswürdigkeit, als würden sie einem ihr Herz schenken.« Natürlich nahm er ihr Gold. Als er aber ein gutes Jahr später wieder vorbeikam, war es vorbei mit der Liebenswürdigkeit. Seine Siedlung war zerstört, seine Männer waren getötet worden. Kolumbus war wütend und köpfte zur Strafe einen Taíno – der erste dokumentierte Mord eines Spaniers an einem Ureinwohner des amerikanischen Kontinents. Es war der Auftakt zu einem Völkermord.
Fünfzig Jahre später waren die Taíno so gut wie ausgerottet. Zwangsarbeit in Goldminen, grausame Strafen und eingeschleppte, ihnen unbekannte Krankheiten hatten sie dahingerafft. Schon 1517 importierten die Spanier die ersten afrikanischen Sklaven für ihre Zuckerrohrplantagen. Sie nannten die Insel später Santo Domingo nach der gleichnamigen von einem Dominikanermönch gegründeten Stadt im Südosten. Mit den ersten schwarzen Sklaven auf der Insel begann auch deren Widerstand, nicht in der Form von Rebellionen oder Aufständen, sondern als Flucht aus den Plantagen in den Küstenebenen. Bereits im 16. Jahrhundert wurden erste Siedlungen von sogenannten cimarrones im unzugänglichen Bergland gegründet. Das spanische Wort cimarrón bezeichnet eigentlich ein entlaufenes Haustier, was viel über die Einstellung der spanischen Sklavenhalter gegenüber ihren Sklaven aussagt.
Frankreich hatte sich 1635 südöstlich von Santo Domingo die Inseln Martinique und Guadeloupe als Kolonien angeeignet. Von der Pirateninsel Tortuga, in Sichtweite vor der nordwestlichen Küste von Santo Domingo, sickerten seit Mitte des 17. Jahrhunderts mehr und mehr französische Siedler ein und gründeten dort Zuckerrohrplantagen. 1697 besetzte Frankreich den Westteil der Insel; Ende des Jahres trat Spanien ihn ab, und er wurde offiziell französische Kolonie. Der Name blieb, wurde französisiert in Saint-Domingue, obwohl die namensgebende Stadt auf dem spanischen Ostteil der Insel lag.
Saint-Domingue wurde die rentabelste Kolonie der Welt. Ende des 18. Jahrhunderts war sie der größte Zuckerproduzent, lieferte mehr als Jamaika, Kuba und Brasilien zusammen. Die Hälfte des weltweit geernteten Kaffees kam von dort. Saint-Domingue war für Frankreich wertvoller, als es die dreizehn nordamerikanischen Kolonien zusammengenommen für Britannien waren. Man nannte die Inselhälfte die »Perle der Karibik«.
Cap Français – heute Cap Haïtien –, der wichtigste Ausfuhrhafen im Norden, hatte gut zwölftausend Einwohner und war größer und eleganter als Boston. Der kubanische Schriftsteller Alejo Carpentier beschreibt die koloniale Stadt in seinem Haiti-Roman Das Reich von dieser Welt: »Fast alle Häuser hatten zwei Stockwerke, Balkone, die, mit breiten Vordächern versehen, um die Ecken herumgeführt waren, und hohe Eingangstüren mit Lünettenoberlicht, feingearbeiteten Schlössern und Kleeblattbeschlägen. Es gab mehr Schneider, Hutmacher, Federhändler, Friseure; in einem Laden wurden Geigen und Flöten angeboten, auch Partituren von Kontertänzen und Sonaten. Der Buchhändler stellte die letzte Nummer der Gazette de Saint-Domingue aus, auf leichtes Papier gedruckt, die Seiten aufgeteilt mit Linien und Vignetten. Und als höchster Luxus war ein Theater für Drama und Oper in der Rue Vandreuil eröffnet worden.« Und an anderer Stelle: »An einer Straßenecke ließ ein Schausteller Marionetten tanzen. Weiter vorn bot ein Matrose den Damen ein brasilianisches Äffchen an, das nach spanischer Mode gekleidet war. In den Tavernen wurden Weinflaschen entkorkt, die in Fässern voll Salz und nassem Sand kühl gehalten wurden.«
All dieser Reichtum war mit dem Blut hunderttausender Sklaven geschaffen worden. Bis 1791, dem Beginn ihrer Revolte, waren über eine Million Menschen aus Afrika nach Saint-Domingue verschleppt worden, die meisten aus dem Kongo und der Gegend zwischen dem heutigen Liberia und Nigeria. Sie wurden mit den Brandzeichen ihrer Besitzer markiert und überlebten meist nicht lange. Nachwuchs unter den Schwarzen gab es eher selten. Die Frauen kannten die nötigen Kräuter und Methoden, um Schwangerschaften abzubrechen. Oft wurden Neugeborene auch ertränkt. Man wollte ihnen das grausame Schicksal ihrer Eltern ersparen. Auch Selbstmorde waren häufig.
Jedes Jahr starben zwischen fünf und zehn Prozent der Sklaven an Hunger, Überarbeitung, Krankheiten und Folter. Körperstrafen waren so willkürlich wie üblich, Peitschen die ständigen Begleiter der Aufseher auf den Plantagen. Wer beim Kauen von Zuckerrohr erwischt wurde, bekam einen mit einem Schloss versehenen eisernen Käfig über den Kopf gestülpt und musste so unter der sengenden Sonne weiterarbeiten, ohne die Möglichkeit, Wasser zu trinken. Diebstahl wurde mit Kastration oder Amputationen bestraft – eine Hand, ein Arm, ein Bein. Bisweilen belustigten sich die Weißen auch an ihren Strafen. Es sind Fälle verbürgt, bei denen Sklaven Schwarzpulver in den Anus gefüllt und entzündet wurde. Die Weißen nannten dies »einen Neger hüpfen lassen«. Aufmüpfige Sklaven wurden lebendig in einen Backofen geworfen oder bis zum Kopf eingegraben und den Moskitos und Ameisen überlassen. Entlaufene und wieder eingefangene wurden öffentlich zu Tode gefoltert, gevierteilt, die Knochen langsam unter einem Wagenrad zerbrochen, auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt.
Madison Smartt Bell hat diese Grausamkeiten in einer penibel recherchierten über zweitausend Seiten starken Romantrilogie beschrieben. Haitianische Historiker sagen, dies sei das Werk, das der Realität vor und während der Revolution am nächsten komme. Im ersten Band, Aufstand aller Seelen, lässt Bell einen seiner Protagonisten – den weißen Arzt Doktor Hébert – zufällig zu einer solchen Folterszene kommen: »Es war kein richtiges Kreuz, nur ein Pfahl oder vielmehr ein Baumstamm, an dem die Rinde noch dran war. Oben sah man die Spuren der Kette, an der er ohne Zweifel hierhergeschleift worden war. Ungefähr einen Fuß oder achtzehn Zoll unterhalb der Stelle, wo die Kette ihren Abdruck hinterlassen hatte, waren die Hände der Frau mit einem großen vierkantigen Nagel auf das Holz genagelt worden, die linke über die rechte, die Handflächen zeigten nach vorn. Von dort, wo der Nagel ins Fleisch gedrungen war, war Blut bis zur Innenseite der Unterarme geflossen und in der trockenen Hitze zu einer harten Kruste geworden. Der Doktor schloss daraus, dass sie schon mehrere Stunden so hing. Es überraschte ihn, dass sie noch lebte. Vom Fixpunkt des Nagels herabhängend, wurden ihre Muskeln nach oben gezogen und hoben die straffen Brüste mit den geschwollenen Brustwarzen und großen Höfen. Obwohl ihr Gewicht vermutlich das Zwerchfell bis zum äußersten spannte, war die Haut auf dem Bauch ziemlich schlaff. Von ihrer Scham hing ein schwammiger Gewebefetzen herunter, von dem der Doktor die Augen abwandte. Die Füße waren mit einem ähnlich groben, selbstgeschmiedeten Nagel übereinandergenagelt wie die Hände.« Öffentlich grausame Exempel zu statuieren, war den Siedlern wichtiger als die Arbeitskraft der Schwarzen; die konnte billig nachgekauft werden.
Als in Frankreich 1789 die Revolution im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit begann, gab es in der Kolonie Saint-Domingue nach den Angaben der damaligen Kolonialverwaltung 40’000 Weiße und 28’000 freie Farbige, sogenannte gens de couleur, die aus – für die Frauen meist unfreiwilligen – Beziehungen von Weißen und schwarzen Sklavinnen hervorgegangen waren. Dazu kamen 452’000 schwarze Sklaven. Da der Sklavenbesitz besteuert wurde, kamen viele Schwarze als Schmuggelware illegal ins Land; die tatsächliche Zahl der Sklaven dürfte deshalb deutlich höher gewesen sein. Rund drei Viertel von ihnen waren noch in Afrika geboren worden und erinnerten sich daran, was Freiheit bedeutete. Über 40’000 waren vor weniger als einem Jahr in die Kolonie verschleppt worden. Viele dieser Sklaven kamen aus Zentralafrika, damals eine von Kriegen geplagte Region. Sie waren Soldaten gewesen, die nach einer verlorenen Schlacht von den Siegern an europäische Sklavenjäger verkauft worden waren. Sie konnten mit Feuerwaffen umgehen und kannten die militärische Taktik kleiner mobiler Einheiten. Das einzige, was ihnen für einen Aufstand in Saint-Domingue fehlte, waren Gewehre.
Kleinere Rebellionen hatte es in der Kolonie immer wieder gegeben, die erste schon 1522. Mehrere Gruppen entlaufener Sklaven, die sich im bergigen Hinterland der Plantagen in der nördlichen Küstenebene versteckten, nahmen immer wieder kleinere Überfälle vor oder legten den Weißen Hinterhalte nach Guerillamanier. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden diese Gruppen von François Mackandal (im haitianischen Kreyòl Franswa Makandal geschrieben) zu einer schlagkräftigen Truppe vereint. Mackandal war ein in Afrika geborener Sklave, der zunächst nach Jamaika verschleppt und von dort nach Haiti weiterverkauft worden war. Er war auf einer Plantage zum Krüppel geschlagen worden und entlaufen. Seine hauptsächliche Waffe war das Gift. Er verteilte seine Pülverchen und Essenzen an Haussklaven, die diese ins Essen ihrer weißen Herren mischten. Es ist schwer zu schätzen, wie viele solcher Attentate es gab. Mackandal war beim Giftmischen so geschickt, dass es kaum zu unterscheiden war, ob jemand an Cholera, Gelbfieber oder an Gift gestorben war. Die panische Angst der Weißen vor dem Gifttod aber ist in vielen Quellen belegt.
Mackandals Truppe überfiel nächtens Plantagen, brannte Zuckerrohrfelder und Gebäude nieder und tötete die Besitzer. Rund sechstausend Menschen starben bei diesem Aufstand. Die Weißen fürchteten schon, Mackandal werde sie alle aus der Kolonie verjagen. 1758 aber wurde er von einem Verbündeten verraten, bei einer Vodou-Zeremonie erkannt und gefangen genommen, gefoltert und auf einem öffentlichen Platz in Cap Français auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Vodou-gläubige Zuschauer waren davon überzeugt, dass er die Hinrichtung überlebt habe, indem er sich in eine Fliege verwandelte und entfloh. Er sei dann später als Mückenschwarm zurückgekommen, um die Franzosen mit dem Gelbfieber zu bestrafen.
Mackandals Aufstand, sein Tod und die vom Volksglauben darum herum gesponnenen Mythen waren das Vorspiel zum großen Aufstand von 1791. Die Gelegenheit war günstig, denn die Sklavenhalter hatten sich untereinander zerstritten. Die Kunde von der Französischen Revolution und deren Diskurs von den grundlegenden Menschenrechten war auch in Saint-Domingue angekommen. Die freien Farbigen nahmen dies auf und forderten ein Ende ihrer Diskriminierung. Sie waren zwar frei und hatten oft selbst schwarze Sklaven, waren jedoch von Ämtern in der lokalen Verwaltung ausgeschlossen. Berufe wie Anwalt oder Arzt waren ihnen verboten, und sie durften auch keine luxuriösen Kleider und Möbel kaufen. Aber sie stellten den größten Teil der Polizei und der Kolonialmiliz und hatten so Zugang zu Waffen.
Die französische Regierung verweigerte trotz ihrer revolutionären Verlautbarungen jegliches Zugeständnis gegenüber den freien Farbigen. Frankreich war wirtschaftlich am Boden und in Kriege mit allen Nachbarn verwickelt. Saint-Domingue war die einzige verlässliche Einnahmequelle. Die Revolutionäre in Paris sahen deshalb in der Diskriminierung von Farbigen und Schwarzen eine zwar böse, aber notwendige Ausnahme von ihrer egalitären Ideologie. Von den weißen Plantagenbesitzern in Saint-Domingue konnten die freien Farbigen erst recht kein Entgegenkommen erwarten. So kam es 1790 zu einem Aufstand. Der wurde zwar schnell niedergeschlagen und der Anführer Vincent Ogé unter dem Rad zu Tode gefoltert, vereinzelte Scharmützel aber gab es weiterhin. Sowohl weiße wie farbige Plantagenbesitzer zogen mit ihren Sklaven als Fußvolk in diese Kämpfe – mit dem Nebeneffekt, dass nun auch Schwarze bewaffnet wurden.
Der große Aufstand der Sklaven wurde bei einer geheimen Zeremonie der Vorarbeiter verschiedener Plantagen in der Nacht des 14. August 1791 im Wald von Bois Caïman (haitianisch Bwa Kayiman) in der Nähe von Cap Français verabredet. Es gibt in Haiti Legenden, nach denen Toussaint Louverture, der spätere Führer des Aufstands, dieses Treffen einberufen habe. Das ist durchaus möglich. Louverture war Vorarbeiter und Kutscher seines Herrn und kam als solcher viel auf anderen Plantagen herum. Es gibt aber keinen sicheren Beleg für seine Anwesenheit in Bois Caïman. Wenn er dort war, hielt er sich im Hintergrund. Zeremonienmeister und dann auch der erste Anführer des Aufstands war Boukman Dutty, ein in Afrika geborener und zunächst nach Jamaika verschleppter Sklave. Wie Mackandal war er wegen seiner Aufmüpfigkeit von dort nach Saint-Domingue verkauft worden. Boukman war ein hungan, ein Vodou-Priester, das nächtliche Treffen der Verschwörer eine von Trommeln, Tänzen und Ekstase begleitete Vodou-Zeremonie.
Jean Price-Mars, der haitianische Historiker, Volkskundler und Vorvater der négritude-Bewegung, hat dieses Treffen beschrieben. Seine Schilderung, aus seiner 1928 erschienenen Sammlung von Studien über vorher nur mündlich tradierte Legenden und Bräuche Ainsi parla l’Oncle (»So sprach der Onkel«), lautet: »In der schwarzen Nacht, zwischen den verschlungenen belaubten Ästen des Mapou-Baums, trafen sich die Verschwörer – ein lautloses Ensemble, mit nur einem Herz und einem Denken. Zahllose Blitze durchzogen die Wolken. Die Stimme des Donners fügte der Kulisse des Schreckens das Entsetzen hinzu. Da, in der Stille im Schatten, gab die Priesterin unverständliche Zeichen von sich und versenkte das Opfermesser in der Kehle des Wildschweins. Dann stellte sie die Eingeweide auf dem blutüberströmten Boden zur Schau, und Boukman verkündete die heiligen Worte: ›Der gute Gott, der die Sonne macht, die uns von oben erhellt, der das Meer emporhebt, der das Gewitter zum Donnern bringt, versteht es, dieser gute Gott ist versteckt hinter den Wolken. Von dort aus betrachtet er uns und sieht alles, was die Weißen tun. Der Gott der Weißen befiehlt das Verbrechen, unser Gott dagegen will Wohltaten. Aber dieser gute Gott befiehlt uns nun Vergeltung. Er wird uns führen und uns beistehen. Zerschmettert das Bild des Gottes der Weißen, der Durst hat nach unseren Tränen. Hört den Ruf der Freiheit.‹«
Die Darstellung ist sicher nicht historisch, sondern aus in Haiti umlaufenden Legenden rekonstruiert und dramatisiert. Solche geheimen Treffen aber sind seit Beginn der Kolonialzeit belegt. Sie fanden nachts statt, »für die freie Ausübung des Kults«, wie Price-Mars schreibt. »Ohne Zweifel nahmen diese Treffen in der Folge einen eindeutig politischen Charakter an, aber es wird bestätigt, dass sie ursprünglich kultisch waren.« Die Religiosität, die dabei gepflegt wurde, sei »in vielerlei Hinsicht neu, eine Tochter der Umstände und der Notwendigkeit des Moments. Und das ist, wie uns scheint, der Ursprung unseres Vodou. Er ist schlechthin eine Mischung verschiedener Glaubensrichtungen, ein Kompromiss aus dahomey’schen, kongolesischen, sudanesischen und anderen Animismen.«
Diese ursprüngliche Naturreligion wurde im Wald von Bois Caïman eminent politisch. Man kann die Befreiung und die heutige Kultur Haitis nicht verstehen, ohne etwas über Vodou zu wissen.
Vodou als Religion des Aufstands
Das europäische kenntnislose Bild von Vodou besteht gemeinhin aus mit Nadeln traktierten Stoffpuppen und Zombies, die wie Graf Dracula um Mitternacht aus ihren Gräbern steigen und Unheil über die Lebenden bringen. Diese Vorstellungen wurden von Hollywood erfunden. Schon 1934 wurde White Zombie gedreht, der erste Horrorfilm über Haiti. Er basierte auf Landser-Romanen von US-Soldaten, die darin ihre Erlebnisse während der US-Besatzung Haitis zwischen 1915 und 1935 verarbeitet haben. Die Soldaten – in ihrer Mehrheit arme und ungebildete Weiße aus den Südstaaten – hatten einen Höllenrespekt vor schwarzen Guerillakommandos. Diese schlichen sich nachts in die Lager der Besatzer, man sah nichts als ihre weißen Augen und ihre weißen Zähne. Sie hatten keine Feuerwaffen, sondern Messer, und damit schlitzten sie die Kehlen der Weißen auf. Das ist tatsächlich geschehen. Alles andere ist Erfindung. Auf White Zombie folgten Dutzende weitere Horrorfilme. Aus Vodou, wie es in Haiti meist geschrieben wird, wurde das US-amerikanische Zerrbild des Voodoo. Und eine Religion, die im Widerstand gegen die Sklaverei und die Plantagenwirtschaft eine zentrale Rolle spielte, die für Autonomie und Würde steht, wurde zu einem Sinnbild der Barbarei gemacht.
Der hunfò, in dem Max Beauvoir lange Jahre als hangun gewirkt hat, sieht gar nicht nach dem Szenario eines Horrorfilms aus. Ein hunfò ist eine Zeremonienstätte des Vodou, ein hangun ein Priester dieser Religion, und Beauvoir war, als er im September 2015 starb, zehn Jahre lang der Vorsitzende und Sprecher der Priestervereinigung Haitis gewesen. Das ist nicht so etwas wie ein Papst des Vodou – die Religion kennt keine Hierarchie. Er war eher der erste unter gleichen und als solcher der prominenteste und einflussreichste Vodou-Priester des Landes.
Sein Anwesen lag ein paar Kilometer außerhalb der Hauptstadt in Mariani, hinter einer Mauer entlang der Nationalstraße 2, die von Port-au-Prince nach Léogâne führt. Am Eingang ein Wächterhäuschen, die Türen blau und rot gestrichen, die Farben der Flagge Haitis. Auch die Plastikstühle davor waren blau und rot. Ein paar ältere Frauen und Männer hingen mehr in diesen Stühlen, als dass sie saßen. Ein junger Mann kündigte dem Priester den Besuch an. Im hinteren Teil des Anwesens vor einer weiteren Mauer stand ein Wohnhaus, in dem ein Dieselgenerator ratterte. Zwischen Mauer und Haus eine von der Sonne verbrannte Wiese, bestanden mit Mangos, Palmen und Cashewbäumen. Schwarze Hühner staksten durch das spärliche Gras, eine weiße Taube turtelte. Unwillkürlich stellte ich mir vor, wie diese Tiere bei der nächsten Zeremonie geopfert und die Gläubigen mit ihrem frischen Blut bespritzt würden.
Das eigentliche Sanktuarium lag hinter der zweiten Mauer. Beauvoir, ein großer schlanker Mann mit weißem Haarkranz und dunklen Ringen unter den tief liegenden Augen, öffnete die Tür in der Mauer und führte uns dahinter an einen Tisch im Schatten. Er musste über die Vorstellung von den Hühnern und dem Opfer lachen und meinte amüsiert: »Das kann wohl so sein.« Er war damals 78 Jahre alt und trug, was ältere Haitianer der Mittelschicht tragen, ein weites weißes kurzärmliges Hemd, die sogenannte Guayabera, über einer braunen Hose. Die nackten Füße steckten in Plastikschlappen. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen, Marlboro light.
Beauvoir gehörte zu den Privilegierten Haitis. Er hatte im Ausland studiert. Er hatte einen Abschluss in Chemie aus New York und einen in Biochemie von der Sorbonne in Paris. Er hatte in Forschungsinstituten und in der Privatwirtschaft in den USA gearbeitet und sich vor allem mit aus Pflanzen gewonnenen Hydrocortisonen beschäftigt. 1973 war er nach Haiti zurückgekehrt. Er hatte ein Patent angemeldet und wollte ein eigenes Biochemielabor aufbauen. Dann starb 1974 sein Großvater, ein angesehener Vodou-Priester. Die Familie saß am Sterbebett, und der Großvater, in seinen letzten Stunden, zeigte auf ihn und sagte: »Du wirst die Tradition fortsetzen.«
Beauvoir hatte sich vorher nicht intensiv mit Vodou beschäftigt. Er war Naturwissenschaftler, kein Animist. Er glaubte, der Großvater habe sich getäuscht, er sei nicht der Richtige. »Aber da war etwas, gegen das ich mich nicht wehren konnte.« Er begann, die Religion zu studieren, zunächst eher intellektuell. Er sagte, es habe lange gedauert, bis er zum ersten Mal von einem lwa geritten wurde.
Lwa sind die Geister des Vodou, Zwischenwesen zwischen den Menschen und bondye, dem guten Gott, der weit weg ist. Bondye mischt sich nicht in das Leben der Menschen ein, er pflegt mehr den Müßiggang. Es gibt keine konkreten Vorstellungen von ihm. Er ist kein alter Mann mit weißem Bart, eher so etwas wie das Prinzip des Guten, das über allem schwebt und stärker ist als die lwa, die ihn auf Erden vertreten. Sie sind es, die bei Vodou-Zeremonien gerufen werden, die herunter- und in die Menschen hineinfahren und sie springen, kriechen, tanzen oder auf Bäume klettern lassen. Diese Art von Trance oder Besessenheit kann bis heute nicht wissenschaftlich erklärt werden. Vodou-Gläubige sagen, ein Mensch, der in diesen Zustand verfalle, werde von einem lwa geritten. Der Mensch stelle nur den Körper für eine Manifestierung des Geists zur Verfügung und sei nicht verantwortlich für das, was er während seiner Besessenheit tue. Komme er wieder zu sich, könne er sich an nichts erinnern.
Vodou hat seine Wurzeln in Afrika. Die wichtigsten lwa geistern auch – zum Teil mit anderen Namen, aber mit vergleichbarer Erscheinung und Funktion – durch Westafrika und den Kongo. Man kennt auf Grund dieses Ursprungs zwei große lwa-Familien, die aus dem damaligen westafrikanischen Königreich Dahomey stammenden eher friedlichen und freundlichen rada und die aus dem damals sehr unruhigen Kongo-Becken mitgebrachten petro, die kriegerisch und manchmal jähzornig sind. Dazu kamen die erst in der Kolonie aufgetauchten sogenannten kreolischen lwa; einige sind wahrscheinlich auch vom Glauben der Arawak beeinflusst. 1522, beim ersten Sklavenaufstand auf der Insel, sind mehrere tausend Schwarze ins Bergland entlaufen und haben sich dort mit den letzten Ureinwohnern zusammengetan. Das Wissen um Heilkräuter, Drogen und natürliche Gifte, das von den hangun bis heute bewahrt wird, dürfte auf diese Ureinwohner zurückgehen. Manche lwa tragen auch Charakterzüge katholischer Heiliger, die genauso wie die Geister des Vodou eine Zwischenstellung zwischen den Menschen und ihrem fernen Gott einnehmen.
Die Gesetze der Kolonialzeit schrieben vor, dass Sklaven getauft werden mussten. So kamen die Schwarzen, ob sie es wollten oder nicht, mit dem Katholizismus in Berührung. Zum Teil benutzten sie dann die katholischen Heiligen als Tarnung für ihre lwa, zum Teil glaubten sie an beide Religionen gleichzeitig, ohne das als einen Widerspruch zu empfinden. Louverture etwa ging regelmäßig zur Messe und wurde doch in vielen Schlachten von einem lwa geritten. Heute bekennen sich knapp achtzig Prozent der Haitianer zum Katholizismus, und neunzig Prozent geben an, sie glaubten an die Welt des Vodou.
Eine ähnliche Geistermischung wie in Haiti findet sich auch in anderen ehemaligen Sklavenhalterkolonien. Die lwa heißen in der kubanischen Santería orisha, im brasilianischen Candomblé orixá. Alle drei Religionen sind eng miteinander verwandt, und doch ist die schwarze Religion Haitis eine ganz andere als die Kubas oder Brasiliens. Nirgendwo sonst ist bei afroamerikanischen Religionen die militärische Symbolik so auffällig wie im Vodou. In den Zeremonien treten lwa mit dem Dreispitz französischer Generäle auf, schwingen den Säbel und saufen und fluchen. Vodou, so wie die Religion im Glauben und in ihren Manifestationen bis heute ist, hat sich im Befreiungskrieg gegen die Franzosen konsolidiert – daher die militärische Seite. Die Santería dagegen hat in den Unabhängigkeitskriegen Kubas nie eine Rolle gespielt, obwohl viele Schwarze gegen die Spanier gekämpft haben. Santería und Candomblé sind bis heute rein spirituell. Vodou aber wurde im Kampf gegen die Kolonialherren zu einer aufrührerischen und politischen Religion.
Ihr Ursprung liegt im afrikanischen Dorf, und so sind Vodou-Gemeinschaften bis heute strukturiert. Ihr Mittelpunkt ist der hunfò, ein im Grunde normales Wohnhaus, in dem der hangun oder sein weibliches Pendent mambo oder beide wohnen. Sie sind die Gemeindevorsteher, müssen aber nicht als Paar zusammenleben. Oft werden sie Vater und Mutter genannt und sind nicht nur Priester und Geisterbeschwörer, sondern genauso Heiler und Seher, Veranstalter öffentlicher Vergnügungen, einflussreiche politische Berater und Wahlhelfer. Für ihre Gemeinschaft sind sie Beichteltern und Ratgeber in allen Lebenslagen. Eine Vodou-Gemeinde ist von der Struktur her ein kleinbäuerlicher Verband, der seine Ahnen verehrt und seine initiierten Mitglieder zu gegenseitiger Hilfe verpflichtet. Der hangun und die mambo müssen in Not geratene Mitglieder aufnehmen und über die Runden bringen. Ihr Amt ist vererbbar. Meist gehen die Kandidaten mehrere Monate oder gar Jahre bei einem anderen hangun oder einer mambo in die Lehre. Am Ende steht ein Initiationsritus, der streng geheim gehalten wird.
Rein äußerlich unterscheidet sich ein hunfò nur durch das peristyl von anderen Häusern. Das ist ein Vorplatz mit einem Dach aus Stroh oder Wellblech als Schutz gegen das Wetter bei Zeremonien und Tänzen. Es wird von bemalten Pfosten gestützt, in der Mitte steht der poteau-mitau, ein meist spiralförmiger Pfosten mit hellen Punkten auf einfarbigem Grund, der oft mit bunten Bändern geschmückt ist und bis hinauf zum Dach reicht. Er ist die zentrale Achse für rituelle Tänze und der Weg, den die lwa nehmen, wenn sie heruntersteigen, um einen Menschen zu reiten. Die Hausfassade zum peristyl hin ist mit Ornamenten, den Emblemen der wichtigsten lwa und oft auch mit dem Wappen der Republik Haiti geschmückt. Unter der Decke hängen tagsüber die Trommeln für die nächtlichen Feiern. Dahinter im Gebäude ist das caye-mystères, das Geisterhaus mit einem oder mehreren Altären, bisweilen auch mit einem kleinen Becken für die Wassergeister. Im Raum findet sich ein Sammelsurium ritueller Gegenstände, Krüge und Karaffen, die den lwa oder Toten gehören; Steine, Spielkarten, Klappern; Flaschen mit Wein und Rum für die Geister; Öllämpchen, ein in der Erde steckender Säbel. Dazu Kleider und Utensilien für die Besessenen, mit deren Hilfe sie den in ihnen wohnenden lwa darstellen können; Krücken etwa oder Zylinder. Rund um den hunfò sind Bäume als Altäre hergerichtet – nach dem Vodou-Glauben leben etliche lwa in solchen Bäumen. Ihre Äste sind mit Bändern und Tierschädeln geschmückt, es ist strengstens verboten, sie zu fällen. Rund um den hunfò warten Hühner und Hähne, Tauben und Ziegen auf ihre Opferung. Die Grenze zwischen einem Tempel und einem Kleinbauernhof ist dabei oft fließend.
Eine Vodou-Zeremonie folgt keiner festen Liturgie. Meist beginnt sie mit Chorälen, die katholischen Kirchenliedern nachempfunden sind, wird dann aber immer ursprünglicher und wilder. Trommeln sind die zentralen Instrumente, »die Trommel schlagen« ist ein Synonym für »eine Vodou-Zeremonie feiern«. Als erster lwa wird immer Legba angerufen, der Hüter des Tors zur Welt der Geister. Ohne ihn kann kein anderer lwa heruntersteigen und in einen Menschen fahren. Er hat zwar eine ähnliche Funktion wie Petrus im römisch-katholischen Glauben, wird aber eher dargestellt wie Lazarus: Ein tattriger Greis, der mühsam an Krücken geht und Lumpen und meist auch Verbände trägt. Oft hat er eine Pfeife im Mund und trägt wie ein Kleinbauer einen Hafersack über der Schulter. Außer dem Wächter der Schranke, die Menschen und Geister trennt, ist Legba auch Hüter der Tore, Straßen und Wege. Die danach angerufenen lwa können von hunfò zu hunfò wechseln. Es gibt Geister, die nur regional bekannt sind; manchmal steigen im Leben hoch verehrte hangun nach ihrem Tod auf in das Reich der lwa. Manche Geister werden auch wieder vergessen und verschwinden. Das Vodou-Pantheon ist weit und in steter Bewegung.
Die wichtigsten lwa aber werden überall angerufen. Es sind die alten Geister aus Afrika, die nach der Vorstellung der Gläubigen in Guinea leben. Das ist nicht geografisch gemeint, sondern eher als unbestimmter Ursprungsort mystischer Natur. Andere lwa wohnen in Bergen, Höhlen oder Quellen, auf dem Grund von Flüssen oder in der Tiefe des Meers. Oder eben in heiligen Bäumen. Jedem lwa sind einer oder zwei Tage der Woche geweiht, jeder hat seine Farbe und seine Lieblingsspeise. Die lwa lieben die Menschen, schützen und bewachen sie, sprechen ihnen Mut zu, nennen ihnen Heilmittel, bringen Glück und manchmal auch Reichtum. Jeder lwa hat seine Zuständigkeit. Agwé etwa schützt das Meer, nebst Algen, Fischen und Schiffen. Loco ist der lwa der Vegetation; ihm verdanken Blätter ihre heilende Kraft. Ogu ist der Krieger-lwa, ein großer Trinker, der sich für schöne Frauen ruiniert und immer mit dem Säbel auftritt. Ezili-frèda ist die lwa der Liebe. Die lwa-Familie der Guédé ist die der Toten. Ihr wichtigster Vertreter, Baron Samedi, wird oft wie ein Beerdigungsunternehmer dargestellt, mit schwarzem Anzug und Zylinder.
Lässt sich ein lwa im Kopf eines Menschen nieder, ist dieser in seiner Extase gezwungen, ihn darzustellen. Damballah-wèdo, der Schlangengeist, lässt die Besessenen züngeln, auf dem Boden kriechen oder auf Bäume klettern. Wer von Ogu geritten wird, führt wilde Tänze auf und fuchtelt mit dem Säbel. Solche Darbietungen haben oft theatralische, manchmal auch groteske Züge, und so wird bei Zeremonien nicht nur gesungen, getrommelt und getanzt, sondern auch viel gelacht. Höhepunkt der Zeremonie ist ein blutiges Opfer. Wenigstens ein Huhn wird geschlachtet; manchmal eine Ziege oder für petro-lwa auch ein Schwein. In dem Tier werden zuvor heilige Kräfte konzentriert, die dann durch die Tötung freiwerden. Das Blut gilt dabei als Träger spiritueller Energie. Es wird aufgefangen, in kleinen Mengen getrunken, die Gläubigen werden damit auf der Stirn markiert. Im Grund sind die Tieropfer des Vodou sehr nahe an dem in der katholischen Eucharistie zelebrierten Opfertod Jesu.
Stirbt ein Vodou-Gläubiger, sind komplizierte Riten nötig. Der Sarg mit den sterblichen Überresten wird oft im Laufschritt und mit vielen Umwegen und Wendungen zum Friedhof gebracht. Dies soll verhindern, dass der seelenlose Leib aus dem Grab steigt, zu den Lebenden zurückkehrt und sie belästigt. Die Seele des Toten wird in einem Gefäß aufgefangen und für Wochen in einen Fluss versenkt. Dies soll ihr helfen, ihren Weg unter dem Meer zurück nach Guinea zu finden. Die Erinnerung an Afrika ist noch immer präsent.
Doch es gibt nicht nur gute lwa, hangun und mambo. Es gibt auch böse Vodou-Priester und Berichte über zombies. Böse Priester sind hangun, die aus Habsucht aus ihrem Wissen um die lwa und um Heilkräuter, Gifte und andere Mixturen ein Geschäft gemacht haben. Man nennt sie boko und sagt, sie arbeiteten »mit der linken Hand«. Man bezahlt sie dafür, dass sie etwa eine angebetete Frau gefügig machen, dass sie Reichtum bringen, dass sie verachteten Menschen Krankheiten oder gar den Tod schicken. Beauvoir erzählte besorgt, dass die Zahl solcher boko unter dem Einfluss Hollywoods, der auch Haiti nicht verschont hat, zugenommen habe. Da seien viele Scharlatane dabei, auch solche, die Stoffpuppen mit Nadeln stechen. Aber es gebe eben auch ein paar gefährliche Männer mit viel Wissen über pflanzliche Gifte. Wird man vom Fluch eines boko getroffen, braucht man einen guten hangun. Einen, der dessen Tricks kennt, dessen Magie aber stärker ist und der auch um die nötigen Gegenmittel weiß.
Als zombies werden Personen bezeichnet, die tot geglaubt werden – manche sollen tatsächlich auch schon beerdigt worden sein – und die trotzdem Jahre später bei einem boko wiedergesehen wurden. Dieser setzt sie als Arbeitssklaven ein, ohne Bewusstsein und eigenen Willen, mit leerem Blick. Ein zombie isst zwar, hört und spricht, hat aber kein Gedächtnis und wird erbarmungslos ausgebeutet. Im Volksglauben handelt es sich um lebende Tote, um sterbliche Hüllen ohne Seele, die von einem boko aus den Gräbern geholt wurden. Um zu verhindern, dass sich ein Toter in einen zombie verwandelt, spritzt man bisweilen der Leiche ein starkes Gift, erwürgt sie oder schießt ihr eine Kugel in die Schläfe, um sicher zu sein, dass sie wirklich tot ist. Es gibt unzählige Berichte über zombies. Man hat versucht, das Phänomen damit zu erklären, dass diese Menschen mit einer Mixtur aus Giften in eine tiefe Ohnmacht versetzt würden. Vielleicht aber sind zombies auch nur mythische Figuren, eine Erinnerung im kollektiven Gedächtnis Haitis an die Zeit der kolonialen Plantagenwirtschaft und an das, was Sklaverei aus Menschen machen kann.
Es gab viele Versuche, Vodou zum Verschwinden zu bringen – von den Kolonialbehörden, der katholischen Kirche und neuerdings von weißen evangelikalen Missionaren, selbst von schwarzen Regierungen in der Zeit nach der Unabhängigkeit. Trommeln wurden verboten und konfisziert, heilige Bäume gefällt, hunfò zerstört, hangun und mambo exekutiert. Die Kolonialbehörden haben Vodou zwar nie verstanden, aber ihnen war alles suspekt, was die Schwarzen taten und was nicht unter ihrer Kontrolle war. Für Christen ist diese Religion ein Graus und eine meist überlegene Konkurrenz beim Versuch, das Denken und Empfinden der Menschen zu beherrschen. Schwarze Regierungen, deren Mitglieder in aller Regel selbst Vodou praktizierten, kannten die subversive Kraft dieser Religion genau und wollten sie deshalb unterdrücken und kontrollieren.
Vodou, in der Kolonie Saint-Domingue entstanden, hat den aus vielen Ethnien und Sprachgruppen zusammengewürfelten Sklaven ein gemeinsames Bewusstsein gegeben. Vodou hat Gemeinschaft und Netzwerke gegenseitiger Unterstützung geschaffen, hat geholfen, das gemeinsam erfahrene Leid zu ertragen, ohne fatalistisch oder apathisch zu werden. Der Glaube hat die Erinnerung an Afrika bewahrt und damit auch die Hoffnung darauf, dass das Leben auch ganz anders sein kann. Dieser Glaube ist spätestens in Bois Caïman in eine aufrührerische, kämpferische, politische Religion umgeschlagen, in den Ruf nach Befreiung. Beim nächtlichen Vodou-Kult vom 14. August 1791, schreibt Price-Mars, begannen »die Schwarzen, aus ihrem Glauben an die afrikanischen Götter Heldenmut zu schöpfen«. Wenn Louverture in eine Schlacht ritt, trug er unter seinem Dreispitz ein rotes Kopftuch, die Farbe von Ogu. Viele seiner Soldaten spürten, dass sie beim Angriff auf die Franzosen von diesem kriegerischen lwa besessen wurden.
Toussaint Louverture, der Türöffner zur Freiheit
Toussaint Louverture war ohne Zweifel die zentrale Figur der haitianischen Revolution. Er hat sich für eine solche Ausnahmestellung auf den ersten Blick nicht gerade angeboten. Rein äußerlich war er nach dem Urteil der meisten seiner Zeitgenossen eher klein und hässlich. Keines der Porträts, die es von ihm gibt, gleicht dem anderen, und es ist nicht sicher, ob ihn einer der Porträtisten je von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Sicher dagegen ist, dass er schmal war und schmächtig und dass er die Säbelbeine eines passionierten Reiters hatte. Auf diesem unscheinbaren Körper saß ein im Verhältnis viel zu großer Kopf, langgestreckt und mit ausladendem Unterkiefer. Weil dieser Kiefer einmal von einer Kanonenkugel getroffen worden war, hatte er nur noch wenige wackelnde Zähne. Die Augen standen aus dem Gesicht hervor, die Stirn war hoch, das spärliche Haar in einem dünnen Zopf zusammengefasst. Sicher ist auch sein Geburtstag, am 1. November, denn er hieß Toussaint, »Allerheiligen«. Das Jahr dagegen ist umstritten, die historischen Quellen nennen unterschiedliche Daten. Er selbst hat einmal gesagt, er sei beim Ausbruch der Sklavenaufstände 1791 schon fünfzig Jahre alt gewesen – wobei diese Zahl nicht exakt sein muss, immerhin aber eine Größenordnung angibt. Mit fünfzig Jahren war Toussaint in der damaligen französischen Kolonie Saint-Domingue für einen Schwarzen ein steinalter Mann.
Er wurde wohl schon in Saint-Domingue geboren, als Sohn zweier Sklaven, die aus dem damaligen Königreich Allada, dem heutigen Benin, verschleppt worden waren. Er kam an einem 1. November Anfang der 1740er Jahre auf der Plantage des französischen Grafen Bréda in der Nähe des damaligen Cap Français zur Welt, weshalb er lange den Namen Toussaint Bréda trug. Es war üblich, dass man Sklaven den Namen des Besitzers der Plantage, auf der sie arbeiteten, zum Nachnamen gab. Es gibt Berichte, nach denen Toussaints Vater ein ehemaliger afrikanischer König oder zumindest ein kriegerischer Dorfältester gewesen sein soll. Aber das sind wahrscheinlich Legenden, die die Sonderstellung des Sohns unterstreichen sollten. Archivmaterial deutet darauf hin, dass seine Eltern beide 1774 gestorben sind. Wenn er sich danach auf seinen »Vater« bezog, meinte er damit seinen Taufpaten Pierre Baptiste, von dem er wohl Grundzüge des Lesens und Schreibens gelernt hat.
Toussaint musste nie die knochenbrecherische Arbeit im Zuckerrohrfeld oder in einer Zuckermühle verrichten. Dafür war er viel zu schmächtig. Für einen Sklaven hatte er eine privilegierte Stellung. Er kümmerte sich um die Pferde, galt als exzellenter Zureiter. Auch als Tier- und Menschenarzt wurde er eingesetzt. Er kannte sich mit traditionellen Heilkräutern aus und hatte Grundwissen in europäischer Medizin, das er wahrscheinlich von einem französischen Arzt gelernt hatte. Sein erster Titel in der Aufständischenarmee war médicin général.
Auf der Bréda-Plantage war er Vorarbeiter, der die Arbeitseinsätze der Sklaven koordinierte. Und er war Kutscher und Vertrauter des französischen Verwalters Bayon de Libertat. Das Verhältnis der beiden war freundschaftlich. Toussaint begleitete den verheirateten de Libertat öfters bei seinen nächtlichen Eskapaden und Seitensprüngen mit schwarzen und farbigen Frauen. Irgendwann vor 1776 – die Umstände sind nicht bekannt – wurde Toussaint in die Freiheit entlassen. Seine Frau und seine Kinder aber tauchen weiterhin auf der Sklavenliste der Bréda-Plantage auf. Er kaufte eine eigene Farm im Hinterland von Gonaïves und baute dort Kaffee und Grundnahrungsmittel an. Er besaß mindestens einen eigenen Sklaven und lieh sich ein weiteres Dutzend von einem Schwiegersohn aus. Auch als freier Mann blieb er bei seiner Familie auf der Bréda-Plantage.
Wahrscheinlich war er unter den Verschwörern, die den Sklavenaufstand von 1791 ausgeheckt hatten, hielt sich aber noch im Hintergrund. In den ersten Wochen der Sklavenrebellion, als in der nördlichen Küstenebene die Zuckerrohrfelder in Flammen standen, die Herrenhäuser geplündert und ihre Bewohner abgeschlachtet wurden, blieb er auf der Bréda-Plantage. Deren Verwalterehepaar wurde kein Haar gekrümmt, die Zuckerrohrfelder blieben im Wesentlichen verschont. Toussaint schloss sich dann den Aufständischen an – wahrscheinlich im November 1791 –, trat aber erst am 29. August 1793 mit einer kurzen Proklamation aus Camp Turel, einem von den Rebellen eingenommenen Fort auf dem Zentralplateau, öffentlich in Erscheinung: »Brüder und Freunde, ich bin Toussaint Louverture, vielleicht habt ihr meinen Namen schon gehört. Ich habe Rache geübt. Ich will, dass in Saint-Domingue Freiheit und Gleichheit herrschen. Ich arbeite dafür, dass dies geschieht. Reiht euch bei uns ein, Brüder, und kämpft mit uns für die selbe Sache. Euer ergebener und gehorsamer Diener Toussaint Louverture.«
Er nannte sich nicht mehr Bréda, sondern Louverture. Der neue Nachname, der auch von seiner Familie übernommen wurde, weckte unter den Schwarzen von Saint-Domingue eine doppelte Assoziation: Louverture stellte sich als Türöffner zur Freiheit vor und erinnerte gleichzeitig an Legba, der im Vodou-Pantheon der Türöffner zwischen dem Reich der Menschen und dem der Geister ist.
Toussaint Louverture stieg schnell zum Kopf unter den Führern des Aufstands auf. Ohne seinen taktischen und strategischen Verstand hätte sich die Rebellion wahrscheinlich schnell totgelaufen. Im Wortsinn. Denn die ersten zwar siegreichen Schlachten der Schwarzen forderten allesamt einen hohen Blutzoll. Die oft nur mit Macheten und Prügeln bewaffneten wilden Haufen der aufständischen Sklaven liefen in Massen ins Feuer der Franzosen. Viele wirbelten einen Ochsenschwanz über dem Kopf, um die Kugeln zu vertreiben. Andere umklammerten die Mündungen von Kanonen, um ihre Kameraden zu schützen. In Toussaints Augen hatte diese Art der Kriegsführung keinen Sinn. Er ging offenen Feldschlachten aus dem Weg und verlegte sich auf eine Guerillataktik. Er legte Hinterhalte, stellte seine Männer außerhalb der Reichweite der französischen Gewehre auf Bergen auf und ließ sie große Steine auf den Feind hinunterwerfen. Während die Franzosen so beschäftigt und abgelenkt waren, überfiel eine kleine Reitergruppe ihre Waffenlager und raubte Gewehre und Munition. Er war der einzige Führer des Aufstands, der seine Truppe exerzieren ließ und ihr militärische Disziplin abverlangte. Für ihre Ausbildung bediente er sich sympathisierender weißer Offiziere.
Aber er war nicht nur ein genialer Militär, er war auch ein gewiefter Verhandler, der die damals in der Karibik führenden Kolonialmächte Frankreich, Spanien und England gnadenlos gegeneinander ausspielte und dabei mehrfach die Seite wechselte. Er war ein unermüdlicher Briefschreiber, beschäftigte ein ganzes Heer von Sekretären und diktierte oft bis tief in die Nacht hinein. Man sagt, er sei mit zwei Stunden Schlaf ausgekommen und habe nur sehr wenig gegessen. Im Notfall soll er mit einer Banane und einem Schluck Wasser über den Tag gekommen sein. Trotz seiner Ausnahmestellung sei er leutselig gewesen. Er war eine Autorität und gesellig zugleich, weshalb ihn die Schwarzen »Papa Toussaint« nannten.
Er war auch ein großer Frauenheld. In einem später in Portau-Prince gefundenen Schatzkästchen mit persönlichen Erinnerungen waren Liebesbriefe und abgeschnittene Locken versteckt, manche auch von blondem Haar. Seine Leibwächter wussten, welche Dame nachts in sein Lager vorgelassen werden durfte. Im Norden aber, wo seine Familie lebte, soll er ein treuer Familienvater gewesen sein. Seine Frau Suzanne Simone Baptiste – sie wird als übermäßig dickleibig und mit dem Gemüt eines Kindes beschrieben – ist nie über das im Nordwesten gelegene Gonaïves hinaus in den Süden gekommen. Und nur im Süden war Louverture ein Filou.
Legendär waren die schnellen Ortswechsel des hervorragenden Reiters. Man wusste nie, wann er wo unvermittelt auftauchte. Oft hatten seine Untergebenen den Eindruck, er sei gleichzeitig an mehreren Orten. Meist ritt er auf einem Schimmel, einem großen Schlachtross mit dem Namen Bel Argent.
Ob er die Unabhängigkeit der karibischen Insel anstrebte, ist ungewiss. Er hat sie nie explizit eingefordert. Zwar kommt eine von ihm entworfene Verfassung der Unabhängigkeit sehr nahe, gleichzeitig aber hat er in Briefen und Dokumenten stets seine Loyalität zur Kolonialmacht behauptet. Am ehesten hat ihm Saint-Domingue als autonomes und selbstverwaltetes Territorium von freien Schwarzen vorgeschwebt, eingebunden in ein französisches Commonwealth und unter dem außenpolitischen Schutz der Kolonialmacht. Ein paar Jahre lang war es faktisch auch so.
Für Napoleon Bonaparte aber, seit 1799 Erster Konsul der französischen Republik, war so eine Autonomie undenkbar. Er wollte die 1794 aufgehobene Sklaverei in Saint-Domingue wieder einführen, um mit den Gewinnen aus Zucker und Kaffee seine Kriege in Europa zu finanzieren. Ende 1801 schickte er seinen Schwager Charles Victoire Emmanuel Leclerc mit 67 Schiffen und einer zwanzigtausend Mann starken Invasionsarmee in die Karibik, um die selbständig, aber nicht unabhängig gewordene Kolonie wieder unter Kontrolle zu bringen. Als Toussaint diese Streitmacht auf die Nordküste der Insel zusegeln sah, soll er gesagt haben: »Ganz Frankreich kommt, um die Schwarzen zu versklaven. Wir werden alle sterben.«
Der Krieg war grausam und kurz. Am 6. Mai 1802 unterzeichnete Louverture ein von ihm selbst diktiertes Friedensabkommen: Seine Generäle und ihre Truppen wurden im selben Rang in die französische Armee eingegliedert. Er selbst zog sich auf sein Landgut zurück und behielt nur eine Leibwache. Er glaubte, er sei zu diesem Friedensschluss gezwungen gewesen. Die schwarzen Truppen hatten in mehreren blutigen Schlachten erhebliche Verluste erlitten, sein General Henri Christophe war am 16. April zusammen mit 1200 Soldaten zu Leclerc übergelaufen. Toussaint war schon vorher immer wieder an seinen Offizieren verzweifelt. Einmal soll er gesagt haben: »Oh Gott! Das sind die Männer, von denen das Schicksal der schwarzen Rasse abhängt. Was für eine Zukunft haben wir vor uns!« Später stellte sich auch der schwarze General Jean-Jacques Dessalines – gegen großzügige Geschenke – freiwillig den Franzosen.
Dass seine engsten Vertrauten desertiert waren, deprimierte Toussaint so, dass er seine Lage falsch einschätzte. Er wusste nicht, dass die Franzosen noch viel größere Verluste erlitten hatten als seine Armee. Er hatte immer das Gelbfieber in seine Strategie miteinbezogen. Er wusste, dass sich die Schwarzen in der tropischen Regenzeit nur in die Berge zurückziehen mussten, wo es weniger Moskitos gibt. Zudem waren sie viel resistenter gegen die Krankheit als die Weißen, die derweil in der Küstenebene von diesem natürlichen Verbündeten dahingerafft würden. Aber Toussaint hatte keine Ahnung, wie sehr das Gelbfieber in den französischen Truppen gewütet hatte und dass ihr Nachschub bisweilen vom Schiff direkt ins Lazarett und von dort ins Massengrab gegangen war. 50’000 der insgesamt 80’000 Soldaten, die im Lauf des Kriegs nach Saint-Domingue verschifft worden waren, starben in Schlachten oder am Fieber, fast die Hälfte der Überlebenden lag siechend im Lazarett. Auch Leclerc erlag am 2. November 1802 dem tropischen Fieber. Doch da war Toussaint schon im Kerker von Fort de Joux im französischen Jura.
Leclerc hatte den Vertrag mit Louverture nie ernst genommen. Sein Auftrag war, Louverture festzunehmen und nach Frankreich zu deportieren. Er ließ ihn am 7. Juni 1802 in einen Hinterhalt locken und verhaften. Gleichzeitig wurde seine gesamte Familie festgesetzt. Die Gefangenen wurden schnell auf ein Schiff gebracht und nach Frankreich geschickt.
Am 2. Juli erreichten sie den Militärhafen von Brest. Am 22. und 23. August wurde Louverture in einer Nacht- und Nebelaktion in einer Kutsche mit verhängten Fenstern auf Nebenstraßen und fast ohne Halt nach Fort de Joux im französischen Jura nahe der Grenze zur Schweiz verlegt. Sein Kerker sollte möglichst weit weg sein vom Ozean und möglichst sicher, um eine Flucht und die Rückkehr nach Saint-Domingue unmöglich zu machen. Louvertures Zelle war ein Verlies im ältesten und innersten Teil der Burg, hinter fünf gepanzerten Türen und mit einem kleinen fast zugemauerten vergitterten Fenster.
Louverture hatte gehofft, in Frankreich einen Prozess zu bekommen. Schließlich war er, formal gesehen, ein französischer General außer Dienst. Er bereitete den erhofften Auftritt vor Gericht akribisch vor, schrieb eine als »Memoiren« bezeichnete lange Verteidigungsrede, in der er alle Schuld für das Gemetzel in Saint-Domingue Leclerc gab. Der habe die Kolonie widerrechtlich überfallen. Bonaparte aber dachte nicht daran, Louverture einem Richter vorzuführen. Er antwortete nicht einmal auf die ihm zugestellte Verteidigungsrede und auf mehrere Briefe. Er schickte zwar seinen besten Verhörspezialisten, den General Auguste de Caffarelli, nach Fort de Joux. Der aber hatte nur den Auftrag, herauszufinden, ob Louverture Geheimverträge mit englischen Agenten abgeschlossen hatte und wo ein angeblicher Goldschatz vergraben sei – Gerüchte über diesen sagenhaften Schatz gingen damals in Frankreich um und sind bis heute immer wieder aufgetaucht. Caffarelli aber fand in sieben Verhören rein gar nichts heraus.
Als Louverture zu begreifen begann, dass man ihn im Gefängnis verfaulen lassen wollte, war er nur noch verbittert. In seinen Memoiren schrieb er: »Sie haben mich nach Frankreich gebracht, nackt wie einen Wurm; sie haben meinen Besitz und meine Papiere beschlagnahmt; sie haben die grässlichsten Verleumdungen über mich verbreitet. Ist das nicht so, wie wenn man jemandes Bein abschneidet und ihm befiehlt, er solle gehen? Ist es nicht so, wie wenn man ihm die Zunge herausreißt und ihm befiehlt zu reden? Heißt das nicht, einen Mann lebendig zu begraben?« Man nahm ihm seine Generalsuniform, das Rasiermesser, Schreibfeder, Tinte und Papier weg. Man ließ ihn nicht verhungern und erfrieren, gab ihm aber nur spärliche Essensrationen und nicht genug Holz für ein wärmendes Feuer. Er führte diese Behandlung auf puren Rassismus zurück: »Wäre ich ein weißer Mann, wäre mir das, nach allem, was ich geleistet habe, nicht widerfahren.«
In seinen letzten Tagen in der Isolationshaft scheint er in eine tiefe Depression verfallen zu sein. Ein Gefangenenwärter erinnerte sich: »Er verbrachte die meiste Zeit des Tags damit, aus dem kleinen Fenster zu blicken, den Kopf auf die Hände gestützt und die Stirn gegen das Gitter gelehnt. Der arme Mann mag an sein Land gedacht haben und an seine Kinder.« Am 7. April 1803 fand man Louverture tot auf seinem Stuhl. Eine Autopsie ergab, dass er an einer Lungenentzündung gestorben war, beschleunigt durch Unterernährung und bittere Kälte. Er wurde auf dem anonymen Totenacker für die Soldaten von Fort de Joux verscharrt. Seine Gebeine sind nicht mehr auffindbar und das sollte auch so sein: Man wollte Toussaint Louverture vergessen machen.
Bonaparte hat erst sehr viel später eingesehen, dass seine Gewaltstrategie in Saint-Domingue ein Fehler war. In seinen Memoiren, die während der Verbannung auf Saint Helena entstanden sind, schrieb er: »Es war ein großer Fehler, dass ich sie [die Kolonie Saint-Domingue] gewaltsam unterwerfen wollte. Ich hätte mich damit zufrieden geben sollen, sie indirekt über Toussaint zu regieren.«
Die Saat für den nächsten Aufstand war nach der Deportation von Louverture schon gelegt. Nicht nur die Offiziere, auch die Fußsoldaten der schwarzen Verbände waren in die französische Armee integriert worden. Sie waren weiterhin bewaffnet. Und Louverture hatte bei seiner Verhaftung zum französischen General Delafosse über seine eigenen Generäle gesagt: »Sie hoffen, ihren Besitz und ihren militärischen Rang zu retten. Trottel sind sie! Sie kannst du betrügen. Aber du kannst nicht Hunderttausende betrügen, die ihre Freiheit gewonnen haben.«
Der Krieg um die Unabhängigkeit
Der große Aufstand gegen die Weißen brach in der Nacht des 22. August 1791 los. Am Morgen des 23. August war die nördliche Ebene verwüstet. Plantagen und Zuckermühlen standen in Flammen. Weiße, die nicht in die gesicherten Städte entlang der Küste entkommen konnten, wurden erschlagen, zersägt, in Stücke gerissen oder lebendig in ihren Häusern verbrannt. Es gibt Berichte, nach denen aus dem Mutterleib gerissene Föten aufgespießt und als Trophäen an der Spitze der wilden Haufen getragen wurden. Die Schwarzen gingen mit ähnlicher Brutalität vor, wie es vorher die weißen Sklavenhalter getan hatten.
Der Heerführer Jeannot tat sich dabei durch besonderen Sadismus hervor und scheint seine Freude daran gehabt zu haben, Weiße langsam zu Tode zu foltern. Bell lässt in Aufstand aller Seelen seinen Doktor Hébert eine solche Szene im Lager Jeannots beobachten: »Der Doktor hatte dergleichen schon früher gesehen, oder zumindest etwas sehr Vergleichbares, und seine erhöhte Stellung erinnerte ihn erst recht an die steil ansteigenden Zuschauerbänke in den Anatomievorlesungen während des Studiums. Der Unterschied war nur, dass hier der Gegenstand der Vorführung lebte und schrie. Die Epidermis war systematisch abgeschält worden, um die Muskulatur der Hände, Arme und Schenkel zu zeigen, sogar das Fleisch der Wangen lag bloß. Die Lippen allerdings fehlten bereits, so dass der Mann ohne richtigen Mund schreien musste. Zwei Sehnen waren durchtrennt worden, so dass die großen Oberschenkelmuskeln neben den zitternden Genitalien herabhingen. Am Unterleib war ein Schnitt in die Körperhöhle gelegt worden. Der Operateur zog die Eingeweide heraus und ließ die Schlingen herabhängen. Jetzt tastete seine neugierig forschende Hand nach der Leber, der Milz und dem klopfenden Herzen.«
Andere weniger sadistisch veranlagte Heerführer sahen in gefangenen Weißen eine wertvolle Verhandlungsmasse und behandelten sie gut. Schnell kam es zum Konflikt mit Jeannot. Weil der von seinen Folterpraktiken nicht ablassen wollte, wurde er standrechtlich erschossen.
Die ersten Schlachten der Schwarzen glichen eher einem plündernden Aufstand als einem organisierten militärischen Vorgehen. Hauptsächlicher Führer war Boukman; auch die anderen Heerführer waren wie er Vodou-Priester. Der Tod in einer Schlacht, sagten sie, sei der sicherste und schnellste Weg zurück nach Guinea. Sie waren zunächst erfolgreich, allein wegen des Überraschungseffekts und ihrer schieren zahlenmäßigen Überlegenheit. Ihre Verluste aber waren verheerend. Schon im November fiel Boukman in einer Schlacht in der Ebene nahe Acul. Nach ein paar Wochen war klar, dass man eine andere Taktik brauchte als das massenhafte Anrennen gegen die Gewehre und Kanonen der Franzosen. Die Schwarzen zogen sich zurück ins bewaldete Bergland und führten ihren Krieg, wie sie es aus Afrika kannten, mit Hinterhalten, überraschenden Angriffen und taktischen schnellen Rückzügen nach Guerillaart. Das Gelände war bestens geeignet dafür. Und den Franzosen war diese Art der Kriegsführung völlig unbekannt. Toussaint hatte großen Einfluss auf diesen Strategiewechsel.
Man weiß nicht mit Sicherheit, wo sich Toussaint in den ersten Tagen des Aufstandes aufhielt. Vieles deutet darauf hin, dass er zunächst auf der Bréda-Plantage blieb, um die Pflanzung und die weiße Herrin Madame de Libertat zu schützen. Die Plantage war weitgehend von Gewalt und Zerstörung verschont. Nach den dort geführten Listen schlossen sich in den ersten Tagen des Aufstands nur 22 der 318 Sklaven den Rebellen an.
Irgendwann im Herbst 1791 ging auch Toussaint in die Berge von Grande-Rivière zur schwarzen Armee. Er war zunächst – weil er lesen und schreiben konnte – Sekretär des dortigen Heerführers Biassou, bekam dann wegen seiner ärztlichen Fähigkeiten den Titel médicin général. In einem Brief vom 18. Dezember 1791 erwähnte Biassou eher beiläufig, dass Toussaint zum General der Armee der Aufständischen befördert worden sei. Toussaint hielt sich aber zunächst weiter im Hintergrund.
Das Ziel des Aufstands war zu Beginn nicht die Befreiung der Sklaven. Schon am 4. Dezember boten die Führer der Rebellen der Kolonialversammlung an, man werde unter bestimmten Bedingungen friedlich auf die Plantagen zurückkehren: Das Auspeitschen der Schwarzen müsse verboten und ein arbeitsfreier Tag mehr pro Woche eingeführt werden, damit sich die Sklaven den Parzellen für ihre Selbstversorgung widmen könnten; zudem sollten dreihundert Anführer des Aufstands in die Freiheit entlassen werden. Während der Verhandlungen hielten die Schwarzen einen Waffenstillstand ein und reduzierten die Zahl der zu befreienden Anführer auf fünfzig. Doch die Kolonialversammlung lehnte das Angebot ab, und so flammten die Kämpfe Anfang 1792 wieder auf.
Die Geschichte des über zwölf Jahre dauernden Befreiungskriegs ist verschlungen und wird hier nicht im Detail rekonstruiert. Sie war nicht nur von militärischen Erfolgen und Rückschlägen der Aufständischen bestimmt. Ebenso entscheidend war, was in dieser Zeit in Paris geschah und wie die anderen europäischen Kolonialmächte auf den Konflikt reagierten. Außerdem gab es in Saint-Domingue zu Beginn des Aufstands nicht nur Plantagenbesitzer und Sklaven. Es gab auch freie Farbige, die nach der Proklamation der Bürger- und Wahlrechte für sich, also die gens de coleur, durch die französische Nationalversammlung am 15. Mai 1791 ihre Rechte einforderten. Die Weißen wiederum waren gespalten. Es gab die sogenannten petits blancs, kleine Handwerker und sonstige Dienstleister, aber auch Trunkenbolde und Ganoven. Als sie die Kunde der Französischen Revolution vernahmen, gründeten sie republikanische Clubs nach Pariser Vorbild und forderten Gleichberechtigung mit den grands blancs, die die Kolonialversammlung dominierten. Diesen weißen Plantagenbesitzern war alles, was auch nur entfernt nach Französischer Revolution roch, ein Gräuel. Um ihre feudalen Privilegien zu behalten, ermunterten sie sogar die Briten zu einer Invasion der Kolonie, was dann tatsächlich auch geschah. Fünf Jahre lang war bis zu halb Saint-Domingue von britischen Truppen besetzt. Auch die Spanier glaubten zunächst, die Unruhen seien ihre Chance, den verlorenen westlichen Teil der Insel zurückzugewinnen. Sie unterstützten früh die aufständischen Schwarzen mit Waffen. Toussaint und andere Generäle wechselten sogar taktisch die Seite und wurden formell spanische Generäle im Krieg gegen Frankreich.
So gab es nicht nur Schlachten zwischen Schwarzen und Weißen. Es gab auch bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Spanien, Frankreich und Britannien, zwischen grands blancs und petits blancs, zwischen Weißen und gens de coleur, zwischen gens de coleur und Schwarzen, und oft und sehr schnell wechselnde Allianzen zwischen all diesen Kriegsparteien. Und die Politik der französischen Kolonialverwaltung war sehr widersprüchlich – je nachdem, ob in der französischen Nationalversammlung gerade die Revolutionäre oder die Royalisten die Oberhand hatten und auf welcher Seite der von Paris entsandte sogenannte Bürgerkommissar stand; der war der verlängerte Arm der französischen Regierung in der Kolonie. Der Jakobiner Léger-Félicité Sonthonax etwa, der zwischen September 1792 und Dezember 1795 diesen Posten innehatte, hat im August 1793 ohne Absprache mit der französischen Regierung und zunächst ohne große Folgen die Abschaffung der Sklaverei in Saint-Domingue proklamiert. Dies genau veranlasste die grands blancs, die Briten zu einer Invasion einzuladen. Die landeten am 19. September in Jérémie im Süden der Insel und bedrohten schnell die Hauptstadt Port-au-Prince.
Toussaint Louverture – inzwischen nannte er sich so – war zu diesem Zeitpunkt spanischer General. Sein Seitenwechsel war rein taktischer Natur gewesen; er hatte so die Möglichkeit, sich mit seinen Truppen auf die spanische Hälfte der Insel zurückzuziehen, sie dort militärisch auszubilden, um dann gut gewapnet zurückzukommen und zuzuschlagen. Sein Ziel war längst nicht mehr nur die Abschaffung der Peitsche auf den Plantagen und ein zusätzlicher freier Tag für die Sklaven. Es ging ihm um die Befreiung und Gleichberechtigung der Schwarzen. Als er davon erfahren hatte, dass die französische Nationalversammlung am 4. Februar 1794 eine Konvention erlassen hatte, nach der die Sklaverei im gesamten Territorium der Republik – also auch in den Kolonien – aufgehoben worden war und alle Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, die Rechte französischer Staatsbürger erhalten hatten, wechselte er im Mai wieder auf die französische Seite. Die Konvention wurde dann am 8. Juni in Saint-Domingue proklamiert. Toussaint vertrieb danach als französischer Armeechef der Kolonie mit seinen schwarzen Truppen zuerst die Spanier, dann die Briten.
Die Spanier hatten sich kaum mit eigenen Truppen engagiert. Sie hatten den Kolonialkrieg gegen Frankreich im Wesentlichen Toussaint und seiner schwarzen Armee überlassen. Im Friedensvertrag von Basel vom 22. Juli 1795 traten sie dann auch noch den Ostteil der Insel an Frankreich ab. Faktisch hatte das keine Konsequenzen; es gab viel zu wenige französische Siedler, die ihn hätten in Besitz nehmen können.
Für die Briten war das Abenteuer von Saint-Domingue eine Katastrophe. Als sie im Sommer 1798 ihren letzten Stützpunkt räumten, hatten sie in fünf Jahren gerade einmal fünfhunderttausend Pfund Einnahmen aus Exporten vorzuweisen. Die militärische Intervention aber hatte über sieben Millionen Pfund gekostet, über 20’000 Briten waren umgekommen. Die grands blancs, die mit ihnen zusammengearbeitet hatten, wurden zwar amnestiert, die meisten aber verließen trotzdem mit den letzten britischen Schiffen die Insel.
Spätestens zu dieser Zeit war Toussaint die militärisch und politisch weitaus wichtigste Figur in Saint-Domingue. Obwohl die französischen Kommissare formal über ihm standen, konnten sie gegen ihn nichts unternehmen. Im besseren Fall ignorierte er sie; wenn es ihm passte, setzte er auch einen ihm genehmen Franzosen zum Gegenkommissar ein. Er führte Geheimgespräche mit den Briten über Handelsverträge, erlaubte US-amerikanischen Schiffen (die meist getarnt unter spanischer Flagge einliefen), in den Häfen zu ankern. Er wollte unabhängig von der Kolonialmacht Handel treiben und hinter ihrem Rücken für alle Fälle Waffen und Munition einkaufen. Formal jedoch versicherte er Frankreich stets seiner Loyalität – mit einer gewissen Glaubwürdigkeit. Im Grund waren ihm die USA und Britannien als Sklavenhaltergesellschaften zuwider. Er nutzte sie nur für die wirtschaftliche Unabhängigkeit und um die Waffenlager zu füllen. Frankreich dagegen schien ihm weiterhin die beste Garantie für die Freiheit der Schwarzen zu sein. Trotz aller Zweifel hatte Toussaint so viel Vertrauen, dass er zwei seiner Söhne auf Kosten der französischen Regierung nach Paris zum Studium schickte.
Als im Frühjahr 1797 eine royalistische Mehrheit ins Parlament in Paris gewählt wurde und diese das alte Regime in Saint-Domingue wieder herstellen wollte, drohte Toussaint unverhohlen in einem Brief: »Wir wussten der Gefahr ins Auge zu sehen, um unsere Freiheit zu erlangen. Wir werden dem Tod ins Auge sehen, um sie zu behalten.« Er war alarmiert und traf Vorbereitungen für eine mögliche französische Invasion; er besetzte den von Spanien abgetretenen Ostteil der Insel, um die dortigen Häfen unter Kontrolle zu haben und eventuell dort anlandende französische Truppen zurückschlagen zu können.
Mit den eigenen Leuten aber bekam Toussaint Probleme. Er war davon überzeugt, dass das im Krieg völlig zerstörte Saint-Domingue nur durch die Plantagenwirtschaft wieder auf die Beine kommen könne. Er lud weiße Siedler zur Rückkehr ein, weil die über das nötige Wissen für den Wiederaufbau der Zuckerindustrie verfügten. Schwarze, die nicht in seiner Armee dienten, wurden Ende 1798 zurück auf die Plantagen beordert. »Ich will«, schrieb Toussaint, »dass die Plantagenarbeiter an ihre jeweilige Plantage gebunden bleiben; dass sie ein Viertel der Einkünfte bekommen; dass niemand sie ohne Konsequenzen ungerecht behandeln kann. Aber ich will auch, dass sie mehr arbeiten als in den alten Tagen; dass sie gehorsam sind und ihre Pflichten exakt erfüllen; und dass bestraft wird, wer das nicht tut.« Die meisten befreiten Sklaven aber waren noch in Afrika geboren worden und wollten zurück zum afrikanischen dörflichen Leben mit einer Subsistenzlandwirtschaft auf eigenen kleinen Parzellen. Plantagen waren für sie gleichbedeutend mit Sklaverei, auch wenn sie jetzt formal freie Arbeiter waren.
Toussaint ermächtigte seinen General Dessalines, die Arbeitspflicht durchzusetzen. Der – obwohl selbst ein Schwarzer – glaubte, dass »Schwarze nicht wissen, was Arbeit ist, wenn man sie nicht dazu zwingt«. Die Peitsche hatte ihm Toussaint zwar verboten, er benutzte statt dessen ein Zuckerrohr. Als es darüber zu viele Klagen gab und Toussaint auch Schläge mit dem Zuckerrohr verbot, verwendete Dessalines die Zweige des Bayahonde, eines ledrigen Buschs aus dem Artibonitetal. Zurückkehrenden weißen Siedlern gegenüber soll Toussaint immer ausgesprochen freundlich gewesen sein. Er brauchte sie für den geplanten wirtschaftlichen Wiederaufbau.
Der Plan ist letztlich gescheitert. Es wurde nie mehr Zucker exportiert als ein Zehntel der vorrevolutionären Menge. Mit der Plantagenwirtschaft setzte ein Phänomen aus der Zeit der Sklaverei wieder ein: Die Schwarzen, obwohl nun formal freie Bürger, flohen in Massen vor der Zwangsarbeit ins bergige Hinterland.
Im März 1801 ließ Toussaint ohne Rücksprache mit Frankreich eine verfassungsgebende Versammlung wählen. Die legte zwei Monate später eine Verfassung für Saint-Domingue mit 77 Artikeln vor, die unabhängig von einer Genehmigung durch die Kolonialmacht sofort in Kraft trat. In ihrem Artikel 3 heißt es: »Sklaven dürfen auf diesem Territorium nicht existieren, Sklaverei ist auf ewig abgeschafft. Alle Menschen werden frei geboren, leben frei und sterben frei, als Franzosen.« Im Artikel 28 wird Toussaint zum Gouverneur auf Lebenszeit ernannt, Artikel 29 beschränkt die Amtszeit seiner Nachfolger auf fünf Jahre, und der Artikel 30 gibt ihm das Recht, seinen Nachfolger zu bestimmen und dessen Namen in einem verschlossenen Dokument zu hinterlegen. Aus dem charismatischen Revolutionsführer war ein Autokrat geworden.
Faktisch ist diese Verfassung eine Unabhängigkeitserklärung, auch wenn dies explizit nicht darin geschrieben steht. Toussaint schien vor einer formellen Erklärung der Unabhängigkeit zurückzuschrecken und war mit einem autonomen Saint-Domingue zufrieden. Er glaubte wohl, er könne sich mit diplomatischem Geschick zwischen den damaligen Weltmächten bewegen und von allen profitieren; mit den USA und Britannien wollte er Handel treiben, von Frankreich außenpolitischen Schutz. Die USA aber verstanden die Verfassung als letzten Schritt vor der Unabhängigkeit. Ihr damaliger Präsident Thomas Jefferson ließ im Juli 1801 die französische Regierung wissen, dass ein unabhängiger schwarzer Staat in Saint-Domingue unerwünscht sei und man auf die Wiederherstellung der französischen Autorität poche. Die Sklaven auf den Baumwollfeldern der Südstaaten sollten kein Beispiel dafür bekommen, dass es auch anders ging. Die Sklavenhalternation Britannien signalisierte im Oktober, dass sie einer französischen Militärexpedition nach Saint-Domingue nicht im Weg stünde.
Solche Aufforderungen waren gar nicht nötig. Im November 1799 hatte sich in Paris Napoleon Bonaparte an die Macht geputscht und kurz darauf ein Dekret erlassen, nach dem in den Kolonien »spezielle Gesetze« gelten sollten. Im Klartext: es ging um die Wiederherstellung der Sklaverei. Toussaint ahnte, was kommen sollte. Er verstärkte die Forts in den Bergen, wo eine europäische Armee mit ihrer Kriegsführung im Nachteil war. Er stockte seine Truppen auf und rekrutierte selbst Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. Als er dann aber im Februar 1802 sah, welch riesige Streitmacht Napoleon unter dem Kommando seines Schwagers Charles Victoire Emmanuel Leclerc nach Saint-Domingue geschickt hatte, wurde ihm trotz aller Vorbereitungen bange.
Mit auf den französischen Schiffen waren seine beiden Söhne, als Faustpfand, das ihn zu einer Verhandlungslösung zwingen sollte. Doch sie konnten entkommen, und einer, Placide, schloss sich den Truppen des Vaters an. Toussaint wandte zunächst seine erprobte Strategie an. Die Hafenstädte wurden niedergebrannt, die Küstenebene dem Feind überlassen. Die schwarzen Truppen zogen sich in die Berge zurück und warteten im von ihnen dominierten Gelände auf die französische Streitmacht. Es ging nicht lange gut. Leclerc gelang es, ein paar schwarze Kommandeure und ihre Truppen mit Bestechung auf seine Seite zu ziehen. Es gab ein paar für Louvertures Armee verlustreiche Schlachten. In der Küstenebene wüteten die Franzosen mit einer Grausamkeit, die einem Völkermord mindestens nahe kam. Als dann auch noch General Christophe zu Leclerc überlief, sah sich Toussaint zu einem Friedensvertrag gezwungen – freilich zu einem, den er selbst diktiert hatte. Er ritt am 6. Mai 1802 mit dreihundert seiner besten Leute in Cap Français ein, besetzte den Gouverneursposten und beorderte Leclerc, der gerade auf einem im Hafen liegenden Schiff speiste, zur Unterschrift.
Die Ruhe nach dem Abkommen, der Eingliederung der schwarzen Generäle und ihrer Truppen in die Besatzungsarmee und der schnellen Deportation Toussaints innerhalb eines Monats hielt nicht lange. Noch mehr Plantagenarbeiter flohen in die Berge zurück und bekämpften Leclercs Armee in bewährter Guerillataktik. Das Gelbfieber wütete in den französischen Feldlagern, die Truppe wurde schwach und schwächer und die schwarzen und farbigen Generäle witterten ihre Chance. Im Oktober 1802 traf sich Dessalines mit dem farbigen General Alexandre Sabès Pétion. Sie beschlossen, sich mit ihren Truppen den Widerständlern in den Bergen anzuschließen. Leclerc ordnete daraufhin einen Völkermord an: »Wir müssen alle Schwarzen in den Bergen töten, Männer und Frauen, und nur Kinder unter zwölf Jahren verschonen.« Er wurde selbst vom Gelbfieber getötet, doch der Völkermord ging unter seinem grausamsten General und Nachfolger Donatien Rochambeau weiter. Der ließ sogar Kriegsgefangene mit brennendem Schwefel vergasen.
Die Brutalität der Franzosen schweißte die versprengten Haufen der Widerständler zusammen. Im Mai 1803 trafen sich die rebellischen Generäle in L’Arcahaye an der Küste nördlich von Port-au-Prince und beschlossen, die französische Präsenz auf der Insel zu beenden. Im November 1803 wurde die Invasionsarmee von Dessalines entscheidend geschlagen. Wer Franzose und weiß war und sich retten konnte, verschwand mit den letzten Schiffen. Am 1. Januar 1804 rief Dessalines in Gonaïves die Unabhängigkeit der Republik unter dem Namen Haiti aus. In den folgenden Wochen wurden die meisten der noch verbliebenen Franzosen massakriert – vermutlich einige Tausend. US-amerikanische Händler und polnische Söldner aber wurden verschont; letztere waren von Frankreich angeheuert und nach Saint-Domingue geschickt worden, um Rochambeau den Kopf zu retten. Bei ihrer Ankunft hatten sie schnell erkannt, dass dies ein verlorenes Unterfangen wäre. Sie schlugen sich auf die Seite der Schwarzen. Ihre noch immer in Haiti lebenden Nachkommen sind bis heute angesehen.
Die Nachricht von der haitianischen Revolution sprach sich schnell unter den Schwarzen herum, nicht nur in der Karibik, sondern auch auf dem nord- und südamerikanischen Festland. Die Kommunikationswege nahmen den Seeweg. Weil nicht nur Haiti für Frankreich eine äußerst rentable Kolonie war, sondern auch Jamaika und andere Inseln für ihre jeweilige Kolonialmacht, gab es einen dichten Handelsverkehr in der Karibik. 1789 legten allein in Haiti gut 700 Schiffe mit über 18’000 Seemännern an. In der wichtigsten Hafenstadt Cap François waren neben den knapp über 12’000 Einwohnern immer etwa 2500 Matrosen an Land. Im benachbarten Jamaika wurden im Jahr davor fast 500 Schiffe mit über 9000 Seeleuten ent- und beladen. Ihre Fracht lockte hunderte von Piraten in die Karibik, dazu kamen unzählige eher kleinere Schiffe von Schmugglern. Viele entlaufene Sklaven hatten sich den Piraten angeschlossen oder arbeiteten auf Schmugglerschiffen. Auch die Schauerleute in den Häfen waren fast ausschließlich Sklaven. Viele Quellen weisen darauf hin, dass die Matrosen ein freundschaftliches Verhältnis zu den schwarzen Hafenarbeitern hatten. Sie litten oft unter herrischen Kapitänen, die wie die Sklavenhalter die Peitsche einsetzten, und fühlten sich so den Sklaven nahe. Nicht zuletzt gab es auch einen innerkaribischen Sklavenhandel – Mackandal und Boukman etwa waren aus Jamaika nach Haiti gekommen; Henri Christophe wurde wahrscheinlich in der britischen Kolonie Saint Kitts geboren. Nachrichten über die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei in Britannien, über die Freiheitsdiskurse der Französischen Revolution oder über den Sklavenaufstand in Haiti, seine Verläufe und seinen schließlichen Sieg fanden also schnell den Weg übers Meer und ermutigten andere Sklaven.
Zwei große Sklavenrebellionen 1795 in der spanischen Kolonie Venezuela und auf der von den Niederlanden beherrschten Insel Curaçao waren von Haiti inspiriert. Sie wurden beide blutig niedergeschlagen. Überall in der Karibik tauften schwarze Eltern ihre Söhne Toussaint und schon 1805 wurde im von Portugal beherrschten Rio de Janeiro den schwarzen Milizen verboten, in ihren Kasernen Porträts von Dessalines aufzuhängen. Die größte Sklavenrebellion in den USA wurde gar von einem Haitianer angeführt. 1811 zog Charles Deslondes mit bis zu fünfhundert Sklaven durch die Gegend von New Orleans und setzte Plantagen in Brand. Auch diese Rebellion wurde militärisch erstickt. Die Rebellen wurden erhängt oder geköpft, die abgeschlagenen Köpfe zur Abschreckung von eventuellen Nachahmern entlang des Mississippi auf hohen Spießen ausgestellt. Ab 1820 gab es eine erste Auswanderungswelle freier Schwarzer aus den USA nach Haiti. Die junge Republik war ein Ort der Hoffnung geworden.
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