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TOM WOLF

Die Bestie im Turm

Ein Hansekrimi

Die Hanse

© e-book Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014

Karten mit freundlicher Genehmigung der Stadt Goslar aus:

»Goslar um 1500«, 4., verb. Aufl., Goslar 1999

eISBN 978-3-86393-515-3

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung, Vervielfältigung (auch fotomechanisch), der elektronischen Speicherung auf einem Datenträger oder in einer Datenbank, der körperlichen und unkörperlichen Wiedergabe (auch am Bildschirm, auch auf dem Weg der Datenübertragung) vorbehalten.

Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeische-verlagsanstalt.de

Inhalt

Dienstag nach Johannis, 25. Juni 1527

I

II

III

IV

Donnerstag nach Johann et Pauli, 27. Juni 1527

V

VI

VII

Montag nach Petri et Pauli, 1. Juli 1527

VIII

IX

Mittwoch nach Petri et Pauli, 3. Juli 1527

X

XI

Donnerstag nach Petri et Pauli, 4. Juli 1527

XII

XIII

XIV

Dienstag vor Margareta, 16. Juli 1527

XV

XVI

Donnerstag vor Margareta, 18. Juli 1527

XVII

Sonnabend, 20. Juli 1527 (Margareta)

XVIII

XIX

XX

Montag, 22. Juli 1527 (Maria Magdalena)

XXI

XXII

XXIII

Dichtung und Wahrheit

Goslar 1527: Der Rat der freien Reichsstadt streitet sich mit dem Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel um den erzreichen Rammelsberg. Seit Monaten ruht die Arbeit in den Bergwerken, und nicht nur die Bergleute stehen vor dem Ruin: Das ganze Goslarer Wirtschaftsleben droht zu erliegen. In dieser schwierigen Zeit werden zwei angesehene Handels- und Grubenherren von unbekannter Hand getötet. Daniel Jobst, frischgebackenes Ratsmitglied, fühlt sich aufgerufen, die Todesfälle zu untersuchen. Gregor Geismar, sein Lehrling, hilft ihm dabei – doch so richtig vorwärts kommen die beiden nicht. Die »Bestie« mordet weiter und weiter …

Tom Wolf, geboren 1964 in Bad Homburg, ist Schriftsteller und freier Journalist. Er schreibt u. a. für die Berliner Tageszeitung »taz«. Als Autor der erfolgreichen »Preußenkrimis« wurde er 2005 mit dem Berliner Krimipreis »Krimifuchs« ausgezeichnet und war 2006 der 23. »Stadtschreiber zu Rheinsberg«.

Dienstag nach Johannis,
25. Juni 1527

Tempus fugit

Das Brechen des Rückgrats klang wie das Knacken eines starken Astes. Zum letzten Gebet fehlte die Zeit. Die rote Samtkappe rollte herrenlos den Hang hinab. Kühl stieg es in ihm auf. Etwas Entscheidendes war geschehen, etwas Endgültiges. Er sah die eiserne Pfeilspitze, die ihm aus der Brust ragte, eine solide Schmiedearbeit, für die man im Dutzend sicher einen Mariengroschen verlangen konnte – für das Schock vielleicht fünfe …

I

Die Sturzflut war vorüber. Mächtig angeschwollen wälzte sich die Innerste im schmalen Tal. Dunstschwaden schwebten über dem schlammigen Spiegel. Im Morgenlicht schimmerten die nassen Lanzen der Weidenblätter.

Daniel Jobst führte das Pferd am Zügel durch die starke Strömung. Bis zur Hüfte stieg ihm das kalte, tosende Wasser. Seine flachen Schuhe kamen auf den glitschigen Steinen ins Rutschen, aber er balancierte geschickt. Während der Rohrweih übers Schilf strich, zeterte ein Zaunkönig, stimmte dann ein hell-lautes Gezwitscher an. Eine Wasseramsel schnurrte vorbei, den hellen Brustschild vorweisend.

Daniels Pferd setzte über struppiges Gebüsch aus Hagedorn, Schlehen und Brombeeren und erklomm den kurzen Steilhang. Als der Reiter, dem Tier zu Fuß nachsteigend, über den Rand kam, lag blau vor ihm der Harz. Die Blätter rauschten, wispelnd bog sich das hohe Gras. Eine frische Brise blies ihm ins Gesicht.

Daniel atmete tief ein und ließ den Blick schweifen, das Ende seines Zweitagerittes vor Augen. Zur Linken hatte sich, von reichem Gefolge flankiert, der dicke Brocken hingefläzt und wärmte sich in der ersten Sonne. In der Mitte standen der Sudmerberg, der Hahnenberg, der Brautstein, Gelmke- und der Rammelsberg wie palavernd beisammen, rechts folgten, ausgeschlossen vom innigen Gespräch, der Herzberg, der Steinberg und der Todtberg und so viele weitere, dass es schier kein Ende nehmen wollte. Doch wo war Goslar abgeblieben? Unsichtbar von diesem Fleck aus lag es noch verschlafen in der Senke, halb vom Ausläufer des Steinberges verdeckt, halb hinter Gebüsch verborgen. Sah man da nicht wenigstens den mittleren der fünf Finger des Torturmes vom Breiten Tor? Nicht weit davon wohnte sie … Rike … die Tochter Simon Raschens …

In Daniels Bauch machte sich ein wunderbares Ziehen breit, wenn er an sie dachte. Kaum zwei Wochen war es her, dass sie einander in Braunschweig getroffen hatten. Nun ja, eigentlich hatten sie sich nur gesehen. Wenn man es genau nahm, war er es gewesen, der sie gesehen hatte. Rike war mit ihren Schwestern und der Mutter im ersten Gasthof abgestiegen. Daniels Kontor hatte direkt gegenüber gelegen. Er hätte viel darum gegeben, durch ein Fenster etwas von der Angebeteten zu erblicken … doch alle Bemühungen waren vergeblich geblieben. Der Bergrichter Schmidt hatte den Raschens wohl einmal seine Aufwartung gemacht. Sonst war Daniel leider gar nichts ersichtlich gewesen.

Er blinzelte, aber er konnte keine Turmspitze erkennen – müsste sich wohl oder übel eine Brille anmessen lassen … Mit seinen 33 Jahren fühlte er sich noch immer nicht alt, auch wenn die Augen schwächer wurden. Ob sie, die so Vielbegehrte, einen alten Mann wie ihn überhaupt noch würde haben wollen? Wahrscheinlich hatte sie längst mehrere Geliebte, und mit Sicherheit war sie einem von ihnen bereits versprochen.

Daniels Ohren wenigstens taten ihren Dienst wie eh und je. Deutlich hörte er, dass Goslars Kirchen zur Frühmesse läuteten. Es war fünf Uhr. Noch bis vor Kurzem hätte das den bevorstehenden Beginn der Arbeit im Berg bedeutet. In Sankt Peter und Paul und in Sankt Johannis hätten die Bergleute um diese Zeit vorm Einfahren gebetet. Aber jetzt ruhte der Bergbau schon seit Monaten, und eine unsichtbare Wolke aus Unmut zog sich über der Tochter des Rammelsberges zusammen.

Während der Gaul die Ruhe zum Grasen nutzte, versank Daniel in Gedanken, den Blick zum kahlen Goslarer Hausberg gerichtet, wo nebelfarbenes Gestein das Bild bestimmte. Deutlich waren der schlanke Wachturm auf der Halde und die spitzen zeltförmigen Schindeldächer über den zahlreichen Vorhäusern der Gruben auszumachen. Ob sich dort jemals wieder die Göpel-Pferde im Kreis bewegen würden, um die Menschen und das Gestein aus den Schachtanlagen zu heben?

Daniels Oheim, stets gestreng darauf bedacht, seinen Ziehsohn aufs Berufsleben vorzubereiten, hatte ihn früher die Namen der Schächte aufsagen lassen – der Redding, die Bleizeche, die Rathstiefste, der Deutsche Schacht, Rottmanns Grube, die Nachtigall, der Breitling, das Kaninchenloch, Innigs Schacht, der Hasenstall, die Detlefsche Grube, das Neuwerk, der Vogtsche und der Froborgsche Schacht, Hogewart Tillings Grube, die Heuscheune, Sieh-dich-um, der Sumpf, die Silberhöhle, der Aschenort, die Kohlengrube, In-der-Katz und das Hirschgehege. Sollten aller Schweiß der Bergleute und alle Tränen der Financiers nun vergeblich geflossen sein?

Der Bergbau, der schon seit unvordenklichen Zeiten betrieben wurde, hatte deutliche Spuren in der Gegend hinterlassen. Nicht nur der Rammelsberg mit seinen Schächten – auch der Herz-, Stein- und Sudmerberg zeigten sich so gut wie kahl. Unablässig gierten die gefräßigen Blei- und Silbergruben nach Holz, kaum dass der Wald reichte für all die Werke. Ein Bergwerk erforderte Stempel zum Ausbau und Gestänge für die Wasserkünste, Pipen-Rohre, Zapfen, Wasserräder, Gestelle, Hunte, Karren und Wagen für den Erztransport, doch vor allem Feuerholz zum Feuersetzen in der Nacht. Die Hitze zermürbte das Gestein, und am nächsten Tag konnte das Erz mit eisenbewehrten Stangen heruntergebrochen werden. Würde jetzt der Wald wieder sprießen? Müssten die Gruben so lange ruhen, bis alles nachgewachsen war?

Die Schmelzhütten an den nahen und fernen Wasserläufen, wo das Gebirge vom Erz geschieden und aus dem Erz das Metall gezogen wurde, kamen mit ihrer unstillbaren Gier nach Holzkohle hinzu. Forst um Forst war in den Meilern verschwunden und in Säcken, kleinstückig und schwarz, zu den Schmelzen gefahren worden. In den Öfen erweicht, verflüssigt, hatte sich das Metall tropfend vom Stein getrennt und war nach dem Anstich aus dem Vorherd in die Laib-Formen geschöpft worden, wo es erstarrte. Sollte das jetzt auf Dauer Vergangenheit sein? Würde je wieder ein Tropfen heißes Metall aus dem glühenden Gestein sickern, jemals noch ein Blei-Brot oder ein Silber-Kuchen die eisernen Schmelzformen verlassen?

Daniel vermisste die Schwaden der Kohlenmeiler, die sich früher überall von den Kahlschlägen erhoben und mit den Ausdünstungen der feuchten Erde vermischt hatten. Es hatte ausgesehen, als würden die Füchse, die Feen und Geister, die Hexen und Kobolde am weiten Horizont ihre Suppen und Lebenstränke kochen. So war es ihm vor allem an jenem kühlen Morgen erschienen, als er zum ersten Mal die einsamen Harztäler erblickt hatte, da seine Muhme Grete und sein Oheim Hans ihn zu sich nach Goslar holen ließen. Damals erzählte ihm Lisbeth, die Bez, seine Kinderfrau, um ihn zu beruhigen, die Sage vom Jäger Ramm, dessen Pferd angeblich einst aus Langeweile mit seinen Hufen den ersten Erzgang angekratzt hatte.

Jetzt war die Muhme schon seit neun Jahren tot und der Oheim Hans ihr nach langem Siechtum gefolgt. 82 Jahre war er alt geworden, das war viel, selbst für einen wohlhabenden Mann.

Schreie brachten Daniel in die Wirklichkeit zurück. Unten aus dem überschwemmten Bachtal kamen sie.

»Zu Hilfe! Jesus! Gott im Himmel, hilf! Ihr Heiligen, helft! Maria, Martha, Magdalena, Johannes, Petrus, Paulus: Ich kann – … urrgh! … – doch nicht schwimmen!«

Ein Maulesel trieb vorüber, scheinbar von zwei prall gefüllten, schwimmenden Wachstuchsäcken über Wasser gehalten. Aber so ein Tier konnte schwimmen, seine Augen glänzten irr; seine Nüstern zogen die Luft heftig ein und stießen sie wieder aus, dass es dampfte. Die Schreie rührten wohl von jemand anderem her …

»Zu Hilfe! Ich ertrinke!«

Aha – jetzt kam der Schreihals angetrieben, an einen Ast geklammert. Wasser ausspuckend und den Kopf immer wieder aus der dreckigen Brühe reckend, fixierte er Daniel mit flehendem, schräg aufwärts gerichtetem Blick, als könnte er sich auf diese Weise an ihm festhalten und vor der sicheren Verdammnis retten.

»Was hältst du dein spätes Johannisbad auch in dem reißenden Bach ab?«, rief Daniel ihm zu und schwang sich aufs Pferd. Rasch war er wieder den Hang hinab und folgte am Ufer entlangreitend dem menschlichen Treibgut.

»Versuch, dich daran festzuhalten!«, rief er, zog seinen langen Bogen aus einem seitlich dem Pferd umgeschnallten Futteral und hielt ihn übers wilde Wasser. Nach einigen fehlschlagenden Versuchen gelang es dem Treibenden, den schmalen Stock zu fassen. Daniel zog ihn behutsam näher ans Ufer, bis er Tritt fasste und sich schließlich durchs Geäst einer Weide an Land hangelte. Da stand er dann kurz darauf, zitterte und tropfte.

»Ich verdanke dir mein Leben!«

Der Retter wies den Triefenden mit spöttischem Blick auf den weiteren Verlauf des Flüsschens hin. Nur wenige Steinwürfe entfernt nahm eine Sandbank fast die ganze Breite des vormaligen Bettes ein. Die Wucht des Wassers verströmte sich seitlich, sodass sich der Junge leicht auch selbst hätte retten können. Sein Maulesel hatte es bereits geschafft. Der stand auf festem Boden, schüttelte sich, dass die Säcke auf und ab sprangen, und gab Laut.

»Der heilige Johannes ist mit uns! Er hat auch meine Kräuter nicht absaufen lassen!«

»Lass mich raten – Gürtlerkraut?«

Der Nasse nickte und lächelte. Er strich sich die dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht und klopfte unbeholfen an seinem klammen grünen Gewand herum.

»Johanniskraut, Beifuß, Königskerze, Ringelblume, Arnika, Himmelsschlüssel, Bärlapp, Bilsenkraut, Farn und Eisenkraut. Die Goslarer Weibsbilder sind ganz verrückt nach den Gürteln, die ich ihnen daraus drehe.«

»Du bist ein Scharlatan, mein Freund! Wie willst du das alles gestern gesammelt haben? Nur dann – von der Kraft des heiligen Johannes erfüllt – wirkt es doch, oder täusche ich mich?«

»O, ich bin fix und versiert! Ich sammele die Kräuter so schnell wie im Traum, auch Erz- und Wasseradern finde ich dir und ziehe selbst die Drachen an, falls dich nach ihnen begehrt. Brauchst einem vorbeifliegenden Drachen nur was Rechtes nachzurufen, und schon regnet’s Gold!«

»Und du bist bei deinen Künsten durch Drachenschimpf nicht selbst reich geworden? Hierzulande braucht man die geflügelten Bestien künftig sicherlich, um wieder Reichtum zu erlangen. Wie heißt du?«

»Gregor Geismar. Ich gebe zu, dass mir die Sache mit den Drachen bislang nicht gelungen ist …«

Gregors Gesicht war von angeborener, vornehm wirkender Blässe. Volles Haar glänzte über einer breiten Stirn, und mancher Frauenblick mochte ihm folgen, dachte Daniel, auch ohne Gürtlerkraut und ungeachtet der schalen Kleider, mit denen man eine Vogelscheuche bestens hätte ausstaffieren können.

Daniels Gewand dagegen, das hatte Gregor sofort gesehen, zeugte von Wohlstand. So kleidete sich ein erfolgreicher Kaufmann. Die Tuche wirkten zwar abgetragen, als wollten sie sagen: Unser Herr schont sich nicht, sondern arbeitet schwer trotz seines Standes. Im Kleidersack aber, den das teure, schmucke Pferd zu tragen hatte, steckte bestimmt ein prächtiges Festtagsgewand. Und der edle Bogen war aus einem Holz, das Gregor nicht kannte.

Während Daniel ihn in seinem langen Lederfutteral verschwinden ließ, sagte er: »Ich heiße Daniel Jobst. War lange in Braunschweig, doch jetzt gedenke ich, in Goslar meinen Oheim Jonathan Unruh zu beerben. Den Namen kennst du sicher.«

Gregor nickte. Das Unruhhaus an der Abzucht wurde allgemein die Halskrause genannt. Ebenso kannte er den markigen Spruch an der Fassade: Herr, verzeihe mir meine Sünde, stärke meinen Glauben, segne mein Vermögen, lass dir gefallen das Werk meiner Hände, zerbrich den Rücken meiner Feinde, die mich ohn’ Ursach hassen, lass sie nicht aufkommen, sondern zuschanden werden. So unverhofft einem Spross aus diesem ehrwürdigen und reichen Haus zu begegnen, schüchterte ihn denn doch ein.

»Also das … ich … äh …«

Daniel lächelte. Die offene und unverstellte Art des Knaben gefiel ihm. So ganz ohne falschen Respekt, ohne Unterwürfigkeit und Gedrücktheit. Dass sie sich zwanglos duzten, fand er ganz natürlich, auch wenn kaum ein anderer es an seiner Stelle geduldet hätte.

»Schon gut. Ich hoffe nicht, dass du dich vor mir verbiegen willst, bloß weil mein Onkel im engen Rat saß. Erzähl mir lieber, was du machst. Ich bin seit Langem weg, damals musst du noch so kurz gewesen sein …«

Er deutete mit der rechten Handfläche eine derart unvorteilhaft niedrige Höhe über dem Boden an, dass Gregor die Wut in den Kopf schoss. Aber dann lachte er.

»Paulus Geismar ist mein Vater – wir wohnen draußen vor der Mauer beim Vititor in der Reeperstraße. Mein kleiner Bruder Hans wird einmal das Handwerk weiterführen. Ich soll die Rechte studieren, aber ich habe gar keine Lust dazu. Ich will viel lieber Kaufmann werden …«

»Oh, da wohnt ihr also in einem von den kleinen Häuschen mit den endlos langen Gärten?«

Gregor schämte sich für die Lage seines Elternhauses. Waren sie nicht Stadtbürger wie alle? Warum konnten sie dann nicht drinnen wohnen, hinter den Festungsmauern, angesehen und geschützt, wie es sich gehörte? Nur, weil die Reepschläger ihre Seilbahnen so lang ausspannen mussten und dies in der Enge der Stadt nicht zu tun vermochten …

»Die Grundstücke müssen so lang sein, damit man lange Seile winden kann. Zugegeben, die Seiler-Häuser sind klein, mit dem Unruhhaus kann es keines aus der Reeperstraße aufnehmen … Als Kaufmann bist du sicher schon weit herumgekommen. Doch hast du, so scheint mir, nichts von Goslars Fehde mit deinem Herzog gehört, sonst wärst du fort geblieben!«

Daniel lachte sauer.

»Er ist nicht mein Herzog. Ich habe in Braunschweig nur als Goslarer Kaufmann gesessen, habe das Außenkontor für meinen Oheim geführt. Wir verkauften Silber, Blei, Kupfer, Farben und Gose-Bier. Im Gegenzug kauften wir Fische und Wein und Gewürze. Der Goslarer Rat hat einen großen Bedarf an diesen Gütern.«

»An Fischen?«

Gregor lachte, und Daniel stimmte ein.

»Vor allem an Fischen – wusstest du, dass es ein Stör- und Hecht-Register im Rathaus gibt, wo alle Störe und Hechte verzeichnet sind, die der Rat bei seinen rituellen Zusammenkünften verspeist hat? Das reicht zurück bis in Zeiten … ja, also quasi bis in die Tage, als diese Tiere aus der Arche Noah ins Wasser zurückgesprungen sind.«

Gregor konnte es nicht glauben.

»Du willst mich zum Narren halten – eine Kladde in einem Schrank im Rathaus, in der Hechte und Störe aufgelistet sind?«

»Ganz recht, und die Anlässe für ihre genüssliche Verspeisung: jedes einzelne Ratsessen, das Gewicht der Fische und wie teuer sie waren.«

»Ich hab noch nie andere Fische als Karauschen und Forellen gegessen … Was ist denn so anders bei einem Stör?«

»Ich glaube, du hast nichts verpasst – das Besondere an einem Stör ist bloß sein Preis. Ihn verspeisen zu können, bedeutet, dass man über anderen steht. Der enge Rat hält sehr darauf, sich von den gewöhnlichen Sterblichen und Fischessern abzusetzen … Was weißt du über den Streit zwischen dem Herzog und dem Rat?«

»Der Herzog will den Rammelsberg zurück, denn er hat ihn einstmals nicht verkauft, sondern nur gegen ein Pfandgeld eingetauscht, um ihn jederzeit wieder einlösen zu können. Jetzt hat er Goslar das Geld zurückgegeben. Aber der Rat will den Berg behalten.«

Die Art, in der Daniel nickte, zeigte Gregor, dass der Ältere prüfen wollte, ob er es mit einem Grünschnabel zu tun hatte. Offenbar wusste er das alles viel besser. Gregor schätzte Daniel, was das Alter betraf, schon auf jenseits von Gut und Böse, doch er fand, dass er sich für einen so alten Mann recht gut gehalten hatte.

»Selbst, wenn ich in Braunschweig nichts davon gehört hätte – was ganz unmöglich wäre, da es in der Stadt zur Zeit keinen aufregenderen Gesprächsstoff gibt, außer vielleicht die Gerüchte um des Herzogs Geliebte –, so hätte ich doch nicht einen Meter die Seesener Heerstraße entlangwandern können, ohne die aufgedonnerte Tracht eines herzoglichen Landsknechtes an meiner Seite zu bestaunen. Der Wolfenbütteler zieht, scheint’s, seine Truppen für einen tüchtigen Schlag gegen Goslar zusammen.«

Gregor nickte unsicher. Die Vorstellung flößte ihm Furcht ein, wie jedem in Goslar.

»Er hat sein Heerlager im Kloster Riechenberg. Nachts können wir die Flammen der hohen Feuerstöße sehen und hören das Gebrüll der närrisch gekleideten Schurken, die sich in seinem Tross verdingen. Sie wollen der Stadt Angst machen. Schon seit Februar sollen die Hüttenleute dem Herzog die Metallkuchen hinaus auf den Riechenberg fahren, auf einen Lagerplatz direkt neben der Krypta, aber keiner tut es. Der Herzog war in eigener Person an den Bergwerken und hat alle Inhaber auf sich vereidigt, aber nur eine Handvoll hat gehalten, was sie ihm dort in ihrer Not gelobten. Ein Bergrichter wurde eingesetzt, Arno Schmidt mit Namen. Der hat alle Grubenbesitzer einbestellt, damit sie die neuen Bedingungen annehmen. Als nur viere kamen, hat der Herzog den Grubenbesitz der Daheimgebliebenen für verwirkt erklärt. Er hat die Schächte beschlagnahmt, alle, bis auf einen.«

»Ach, nicht alle? »

Jetzt war Daniel doch erstaunt. Er hatte von den seit Mai laufenden Verhandlungen über seinen besten Freund, den Syndikus und Doktor der Jurisprudenz, Konrad Dellinghausen, ständig bestens Kenntnis. Konrad war Goslars Abgesandter und Unterhändler beim Reichskammergericht in Esslingen. Er hatte erwirkt, dass zwei Schlichter – die Regimentsräte Hans von Redwitz und Niklas von Kniebis – aus Esslingen nach Goslar kamen. Doch sie hatten vergeblich versucht, zwischen den Parteien einen Konsens und eine Annäherung zu erzielen. Da war nur Hass und Verhärtung. Bisher hatte es ihn belustigt, den aufgeweckten Seiler-Jungen auszufragen. Nun aber berichtete dieser Neuigkeiten.

»Was sagst du? Es liegen nicht alle Gruben still? Wie das? Haben die Grubenherren etwa bewaffneten Schutz auf die Beine gestellt? Wachen städtische Kriegsknechte am letzten freien Göpelzelt und liefern sich Gefechte mit dem Herzog?«

Diese Vorstellung belustigte ihn. Auch Gregor fand das ulkig.

»Abwehrstellungen gegen des Herzogs Spießgesellen? Oh nein – der Schacht der Grube Neuwerk fördert noch, weil sich die Eigentümer mit dem Herzog verständigt haben.«

Daniel war sprachlos. Wie konnte der Rat das zulassen? Er überlegte, um auf die Namen der Bergwerkseigner zu kommen: Sebastian Walberg, Heinrich Wachsmut, Simon Raschen und Henning Heinze. In deren Haut mochte er jetzt nicht stecken. Bevor er sich’s mit den andern im Rat verdürbe, würde er sich lieber dem Herzog entgegenstellen.

Sie setzten auf die Insel über, wo Gregor seinen Maulesel freudig begrüßte. Nachdem sie behutsam die sanfteren Stromschnellen seitlich der Sandbank durchwatet hatten, um dann neben den Tieren die Böschung zu erklimmen, kratzte Gregor sich am Kopf.

»Ehrlich gesagt – die Angelegenheit ist mir noch nicht so völlig klar. So ein dickes Ding wie der Rammelsberg war ja sicher eine ganze Menge Lösegeld wert?«

Daniel lächelte. Das war alles andere als einfach.

»Einst haben die Herzöge von den Herren von Gowische für die Überlassung des Bergzehnten eine Summe Geldes erhalten, die recht klein war. Dann kam der Zehnte an die alten Sechsmannen, in der Folge an den Rat. Über die Jahrhunderte ist immer wieder Geld für diese Abtretung an den Herzog geflossen. Nun hat er stolze 24 663 rheinische Gulden zurückgezahlt, um den Bergzehnten wieder selbst beanspruchen zu können – und noch einmal 11 370 für die ebenfalls verpfändeten Forsten. Jetzt wird er den Bergwerks- und Hütteneignern künftig das Holz teuer zu verkaufen trachten.«

»Warum hat er den Berg aber nicht früher schon zurückgekauft, wenn ihm so viel daran liegt?«

»Na ja, lange war unklar, ob der Berg überhaupt noch etwas abwerfen würde. Als die Gruben ersoffen, war keiner mehr am Zehnten interessiert. Die alten Sechsmannen, ohnehin irgendwie nur vorgeschoben, haben ihre Anteile billig an den Rat losgeschlagen. Dann kam der Bergmeister Claus von Gotha, sümpfte die Schächte mittels der Heinzenkünste – diesen besonders konstruierten Pumpen, in deren Rohren das Wasser von Lederbällen gehoben wird –, und seither stiegen die Erträge wieder unaufhörlich. Der Rat kaufte sich rasch den Löwenanteil am Grubenbesitz zusammen. Dem Wolfenbütteler blieb das nicht verborgen, und er witterte kräftigen Profit, wenn er sich des Berges wieder bemächtigte. Er brauchte ja nur zu sagen, dass er das Pfand wieder einlösen und das einst seinen Vorfahren geliehene Geld wieder zurückzahlen wolle …«

Gregor stellte sich den Herzog wie ein wildes Tier vor, wie eine Bestie, etwa wie ein stachelbewehrtes Wildschwein mit Reißzähnen und blutigem Maul.

»Horch!«

Gregor deutete auf den Harz und hielt sich die Hände wie zwei kleine Schüsseln hinter die Ohrmuscheln. Helle Töne in rascher Folge erklangen. Kurz war Ruhe, dann kamen sie wieder. Sehr leise, aber unheimlich klar und deutlich in der morgendlichen Stille. Auf der Ebene waren kaum Vögel zu hören, und auch der Wind sauste nicht mehr.

»Die Hille-Bille!«, sagten sie beinahe unisono.

Daniel entsann sich deutlich, wie dieses seltsame Musikinstrument der Wächter aussah: Drei untereinander an Seilen hängende Holzbretter unterschiedlicher Größe wurden mit einem Stock geschlagen – das ergab so laute Töne, dass sie bei gutem Wind bis in die Stadt und darüber hinaus zu vernehmen waren.

»Weißt du, was das heißt?«, fragte Gregor, der die überirdischen Töne der schnellen Glocke schon oft gehört, aber nie verstanden hatte, was sie bedeuteten. Es klang irgendwie fremd, er kannte wohl einige Grundsignale, aber dieses nicht.

»Tut mir leid, da muss ich passen – was aber auch immer, es scheint wichtig zu sein!«

Die Töne begleiteten sie die halbe verbleibende Wegstrecke bis zur Stadt. Sie passierten Jerstedt und zogen am Wartberg vorbei. Das Kloster Riechenberg ließen sie so weit rechts liegen wie möglich. Ein Spähtrupp des Herzogs hielt sich in einiger Entfernung. Es war Markttag, und den Landsknechten war offenbar befohlen worden, erst einmal alle von auswärts hineinzulassen und bis sie wieder rauskommen würden, Bier zu trinken, um sie dann zu verprügeln. Das Goslarer Bier war gut … Gose hieß es, wie der Bach, dessen Wasser man hier trank.

Sie passierten die Landwehr, einen weit vor den Mauern angelegten, von Schlehen- und Brombeergestrüpp bewachsenen Wall mit Graben. Jetzt konnten sie schon die Kommende des geistlichen Ritterordens der Johanniter zum Heiligen Grabe und die Türme des Vititors unterscheiden. Die genaue Kopie des Heiligen Grabes verbarg sich in einer der Grabeskirche von Jerusalem Stein für Stein nachempfundenen Rundkirche. Der Keller mit der Kopie der Ruine war so groß, dass hundert Pferde darin Platz hatten. Die trutzigen Mauern und die unzähligen Türme des kleinen Roms tauchten auf. Es gab in Goslar an die fünfzig Gotteshäuser, wenn man alle Kirchen und Kapellen zusammenzählte.

»Wer da nicht fromm wird, wird es nirgends«, murmelte Daniel.

Gregor fragte zaghaft: »Sag, darf ich dich vielleicht meinen Eltern vorstellen? Du könntest sicher auch eine Stärkung vertragen, bevor du dich in die Stadt begibst.«

Daniel sah die vielen Menschen, die sich am schmalen Mauer durchlass auf der Zugbrücke und dem Platz davor stauten. Von überallher strömten sie, um zum Markt zu gelangen: Bauern, fliegende Händler, Fernkaufleute. Die Bauernkarren standen am Ende der Straße, während ihre Besitzer miteinander plauderten oder in der Schänke auf die Abfertigung warteten. Die Wache an der Zugbrücke kam mit ihrem Geschäft nicht hinterher.

Daniel Jobst hätte wohl auf sein Patriziertum pochen und mit ein paar Pfennigen ein rasches Passieren am Tor erwirken können. Doch er war neugierig. Schon seit Langem hatte er kein Handwerkerhaus mehr von innen gesehen – eigentlich seit er in die Handlung seines Oheims eingetreten war.

»Unser Haus ist das erste vor dem Tor – schräg gegenüber vom Vitriolhaus«, verriet ihm Gregor.

Das kannte Daniel, dort war er mit dem Oheim oft gewesen. Vitriol war eines der Produkte, die Goslar zu bieten hatte.

»Meine Mutter ist eine Zauberin – am Herd, versteht sich.«

Gregor wollte Daniel von der Qualität des Essens überzeugen. Wahrscheinlich fürchtete er, sich zu vergiften, wenn er bei ihnen aß …

»Meine Frau Mutter weiß auch die Fastenspeisen sehr gut zu bereiten.«

»Diese Heiligen«, entfuhr es Daniel. »Keinen vernünftigen Bissen Fleisch gönnen sie einem.«

Gregor machte ein entsetztes Gesicht, dann grinste er vorsichtig.

»Ich rate dir, bei uns zu Hause vorsichtig zu sein. Wir haben ein erzfrommes Hausmädchen, das könnte dich leicht in Verruf bringen. Ich muss auch aufpassen mit meinen Kräutern, dass es ihr nicht beifällt, mich als Teufelsjünger anzuschwärzen. Nur der Heilige Johannes wird mich vor dem Scheiterhaufen bewahren. Meine Eltern dagegen sind offener, mögen sowieso den Sachsen Martin mehr als den Römer Clemens … ich übrigens auch, also brauchst du vor mir keine Angst zu haben.«

Daniel lächelte. Er musste sich am Riemen reißen, gerade in Goslar, wo seit Jahren die Fronten des Kirchenstreites heftig aufeinanderprallten. Zwar hatte sich die Stadt vor einem Jahr auf dem Reichstag in Speyer der evangelischen Sache angeschlossen, doch die einfachen Leute waren schwer zu überzeugen.

Daniel selbst war in der Sache nicht fanatisch. Wohl sah er, dass sich die Kirche ändern musste, wenn die Welt sich fortentwickeln sollte. Luthers Angriff auf den Ablasshandel war da ein guter Anfang. Es gab so vieles, was man prüfen konnte. Die Sache mit den Heiligen etwa war ein Kreuz. Nicht allein in der Fastenzeit musste man darben, auch vor jedem Heiligentag durfte man kein Fleisch essen und an Freitagen und Sonnabenden sowieso nie. Jetzt nährte er sich schon seit vier Tagen förmlich von Blättern und Wurzeln … Ein saftiges, gebratenes Stück vom Schwein stand ihm duftend vor Augen. Tags zuvor an Sankt Johannis hatten ihm Appetit und Ruhe auf seinem Ritt gefehlt. Morgen nun kam schon der Johann- und Pauls-Tag, da würde er seine Gelüste auch unterdrücken müssen. Erst übermorgen war noch einmal Fleisch erlaubt, anschließend kamen schon wieder Freitag und Sonnabend, das bedeutete Grünzeug und Fisch.

Außerdem litt der Handel. 52 Sonntage und 48 Heiligentage, an denen nicht gearbeitet und gehandelt werden durfte: Wie sollte da die Wirtschaft je florieren?

»Was geschieht, wenn du ohne Not einen Mitesser bringst?«, fragte er Gregor.

»Was soll schon geschehen? Wir haben ein gastfreies Haus! Nun, sei ehrlich – leidet dein weit gereister Magen jetzt Not oder nicht?«

Daniel verspürte plötzlich einen solchen Hunger und Durst, dass die Vorräte der kleinen Schänke vorm Vititor niemals ausgereicht hätten, beide notdürftig zu stillen.


Der Klosterbezirk St. Georg

II

Markus Reddig, ein feingliedrig wirkender Mann von 32 Jahren, mit schmalem, etwas zu großem Kopf und schwarzem Haar, trug deutliche Spuren seiner nächtlichen Schreibertätigkeit im Gesicht. Er war seit Wochen hauptsächlich damit beschäftigt, alte Ratsakten regestenartig zusammenzufassen, das Verzeichnis der umfangreichen Ratssammlung auf Abgänge zu überprüfen und Urkunden zu archivieren. Damit er diese im Rechtsstreit mit dem Herzog existenziell wichtige Arbeit überhaupt bewältigen konnte, nahm er sich Stapel von Papier in seine Wohnung im Breiten Tor mit, sodass er auch dann arbeiten konnte, wenn er nicht zu schlafen vermochte. Seine Schreibstube im Rathaus lag im Zwischentrakt zwischen Ratsdiele und Gebeinkapelle. Ein großes Schreibpult mit einer Unschlittlampe, ein kleiner Tisch und zwei Stühle, mehr war nicht drin. Das kam seinem vormals geistlichen Stand sehr zupass und gemahnte ihn an seine Zelle im Kloster der Franziskaner am Köketurm. Der Goslarer Stadtschreiberposten wurde traditionsgemäß an Priester oder Ordensleute vergeben, da man diesen am meisten vertraute. Inzwischen war diese Regel gelockert, es gab auch schon einmal vertrauenswürdige Weltliche auf dem Posten. Der Stadtschreiber war Protokollführer bei allen Sitzungen der Räte. Doch diese Regel, das wusste Reddig inzwischen, hatte mit der Wirklichkeit wenig zu tun.

Er schritt trotz seiner fühlbaren Gliederschwere, unausgesetzt gähnend und verzweifelt bestrebt, die eiserne Klammer der Müdigkeit abzustreifen, durch den Laubengang am Gerichtsraum bis zur Tür des Sitzungszimmers. Der Erweiterungsbau des Rathauses roch noch immer neu. Man hatte den Beratungsraum bewusst so platziert, dass es keine Möglichkeit gab, die Oberen der Stadt zu belauschen.

In der letzten Zeit entbehrte man des Stadtschreibers bei Sitzungen sehr oft. Die Herren wollten unter sich sein und keinerlei Aufzeichnungen für den Chronisten hinterlassen. Es genügte nicht, dass Reddig klopfte. Mit beiden Fäusten hämmerte er gegen die Tür, bis sie endlich aufging und der Bürgermeister des gerade amtierenden neuen Rates erschien.

»Ihr seht ja fürchterlich aus!«, sagte Johannes Weidemann in besorgtem Tonfall. Er war nicht eben groß, doch seine gedrungene Gestalt glühte vor Kraft. Das rötlichbraune Haar passte zu seiner vom Wetter gegerbten Haut – sein zweites Gewerbe neben dem Bergbau war der Fischfang. Der Rat selbst war ein gewichtiger Kunde bei ihm …

»Was gibt es denn so Wichtiges?«

Der erste Bürgermeister machte ein finsteres Gesicht. Drinnen in der reich ausgemalten Ratsstube saßen etliche, aber bei Weitem nicht alle Ratsmitglieder auf ledergepolsterten Archivtruhen beisammen. Der enge Rat war ein Auswahlgremium, das in Zeiten der Gefahr rascher handeln können und die Stadt vor Unheil bewahren sollte. Man konnte nicht immer mit den sechs Dutzend Köpfen des weiteren Rates debattieren, wenn Not am Mann war.

Reddig räusperte sich: »Ich hoffe sehr, Herr Bürgermeister, dass Sie den gewaltsamen Tod eines Rats- und Grubenherrn als wichtig genug für die Störung erachten …«

Er hatte die Botschaft mit ungewollter Theatralik und einer unbeabsichtigten Süffisanz verlauten lassen. Im Grunde mochte er Weidemann, auch wenn dieser eine Unnahbarkeit an den Tag legte, die auf viele abschätzig wirkte. Seit März war er im Amt, hatte erst Dienstag nach Reminescere auf die Privilegien geschworen und dirigierte den Rat doch bereits spürbar in eine neue Richtung. Er war einer der Vollmächtigen, die Luthers Forderungen unterstützten, gab in Sonderheit der Gemeine größeren Raum für ihre Interessen. Schon zwei Ratsherren hatten aus Protest gegen Weidemanns Kurs ihr Amt niedergelegt. Einer war gar mit seiner Familie aus der Stadt fortgezogen. Doch gerade jetzt, wo der papst- und kaisertreue Herzog vor der Stadt lag, der es seinen Herren gleichtat und Luther hasste wie die Pest, wäre Goslar mit jedem anderen als Weidemann verloren gewesen.

Auch der zweite Bürgermeister, Joachim Wegener, der nun in der Tür erschien, um zu sehen, was es gab, war von diesem Schlag. Wie ein Gegenbild zum volleren, kernigen Weidemann wirkte Wegeners sehnige, dürre Gestalt. Er sah wohl auf den ersten Blick schwach und zerbrechlich aus, doch nun spannten sich seine Muskeln sichtlich.

Weidemann machte große Augen: »Was, Herr Reddig? Wer ist tot?«

Der erste Bürgermeister wirkte gereizt. Die Sitzung verlief wohl nicht so, wie gedacht. Es ging um die abtrünnigen Gewerken der Grube des Stifts Neuwerk – um dies zu erraten, brauchte Reddig keine große Hilfe.

»Sebastian Walberg wird wohl den Ratssitzungen dauerhaft fernbleiben …«

»Walberg?«, fragte Wegener entgeistert dazwischen. »Sprecht nicht in Rätseln!«

Reddig machte eine wirkungsvolle Pause, bevor er verkündete: »Der Bergmeister vom Neuwerk-Schacht fand ihn bei Sonnenaufgang tot, mit einem Pfeil im Leib, nicht weit vom Wachturm droben. Mit der schnellen Glocke kam die Botschaft. Ein Bote des herzoglichen Bergrichters Schmidt übermittelte dessen Begehr, es möge einer kommen, den Leichnam abzuholen.« Weidemann verneinte gestisch und sagte doch gleichzeitig:

»Ja!«

Man sah, dass es in ihm arbeitete. Kaltblütig und mit einer Gefasstheit, die Reddig nur bewundern konnte, erklärte er: »Bevor dies geschieht, sollte jemand aufs Göpelplateau zum Wachturm hinauf, um zu sehen, ob man noch Indikationen findet, die auf den Mörder hindeuten.«

»Ich bin ganz Eurer Ansicht«, pflichtete Wegener seinem Ratskollegen bei. »Kommt doch einmal mit in unsere gute Stube, Herr Reddig. Ich möchte, dass Ihr die Reaktionen der Herren beobachtet, wenn Herr Weidemann das bekannt gibt. Neid ist eine Todsünde und war schon für viele tödlich. Walberg hatte viele Neider. Versteht Ihr, was ich meine? Als Sohn Florian Walbergs war er schon von Natur aus reich … sozusagen. Doch er hat seine Zeit nicht vergeudet und sein Vermögen immer weiter vermehrt. Wie tragisch, dass er keine Erben hat. Jetzt erbt wohl der Rat, an den herrenloses Vermögen verfällt …«

Reddig betrat hinter den beiden Bürgermeistern den grottenartigen, bunt bemalten Raum. Die Obersten der Stadt saßen unter vielen modisch gekleideten Kaisern, Sibyllen sowie der Leidensgeschichte Jesu und hatten offensichtlich diejenigen unter ihnen, die mit dem Herzog paktierten, bislang vergeblich zur Vernunft bringen wollen. Die übel verbrauchte Luft im Raum hätte man schneiden können. Reddig bemerkte Hermann Marquard, den Kämmerer sowie den zweiten Syndikus Doktor Kurt Mechtshausen. Auch sah er schließlich noch Henning Cabbus, den Worthalter der Gemeine – des weitaus größeren Rates jener Normalbürger, die weder zu den Grubenbesitzern, zunftpflichtigen Handwerkern, Kaufleuten oder Krämern zählten, die aber in Gottes Namen auch irgendwie im Rat vertreten sein mussten, damit sie keinen Aufstand machten.

Walbergs drei Mitgewerken von der Grube Neuwerk hatten sich in den voraufgegangenen Disputen verteidigt, so gut sie konnten. Aber gegen die Verachtung der anderen kamen sie nicht an. Alle in diesem Raum lebten mehr oder minder vom Bergbau, und kaum einer war bestrebt gewesen, für schlechte Zeiten andere Einnahmequellen zu erschließen. Jetzt war der Ausnahmezustand da, und niemand wollte es hinnehmen, dass sich ein paar abseits stellten und mit dem Herzog auf schlechte Geschäfte einließen, während die Mehrheit zusetzen musste.

Weidemann rief: »Walberg ist tot! Es steckt ihm ein Pfeil im Leib!«

Einige der Herren sprangen auf.

»Was? Wie das? Herr im Himmel! Gott sei bei uns! Jesses!« Für den Moment war alles vergessen, worüber sie noch eben debattiert hatten. In den Köpfen brodelte es. Was sollten sie mit dieser Botschaft anfangen? Der Stadtschreiber Reddig hatte sie überbracht. Was hatte denn der jetzt hier verloren, wo man kein Protokoll haben wollte? War das nun der Anfang vom Ende? Hatte der Herzog vor, sie alle, nacheinander, von Scharfschützen ermorden zu lassen, um die Stadt zu übernehmen? Hirnrissiges schoss ihnen durch die Köpfe. Erst Weidemanns dunkle Stimme, jetzt unnatürlich gefasst – so, wie man es von einem ersten Bürgermeister erwartete –, ernüchterte sie wieder.

»Herr Reddig berichtet, dass der dicke Berg-Schmidt verlangt, wir sollten flugs den Toten holen lassen, der oben bei den Werken liegt.«

Reddig hatte die Mienen der Anwesenden genau studiert. Walbergs Mitgewerken am Neuwerk, seine Miteigentümer und Kompagnons, hoben sich in ihrer Blässe deutlich von den Übrigen ab. Heinrich Wachsmut, Simon Raschen und Henning Heinze kamen ihm kreideweiß vor. Hatten sie Angst, die nächsten zu sein?

Reddig flüsterte Wegener seine Beobachtung zu. Derweil mischten sich weiter Entsetzensrufe und Äußerungen der Klage. Der schwere Johannes Barnabas Achtermann und der noch schwerere Zacharias Papen hatten die Köpfe zusammengesteckt.

Papen, krebsrot vor Aufregung, sprach laut: »Wir sollten uns nicht beifallen lassen, des Herzogs rechtliche Hoheit über den Rammelsberg dadurch anzuerkennen, dass wir schnurstracks dem Ansinnen eines dahergelaufenen, sogenannten Bergrichters willfahren! Ich schlage vor, dass sich eine Abordnung hinaufbegibt, um die Sache vor Ort zu untersuchen! Die Sechsmannen des Rates haben nach wie vor die Hoheit über alle Gerichtsdinge am Berg. Das müssen wir dartun und unter Beweis stellen!«

Der zweite Bürgermeister Wegener signalisierte Zustimmung. »Ich denke, dieser Antrag ist berechtigt: Wer ist dafür? Ich bitte um Handzeichen.«

Einstimmig wurde beschlossen, nach Papens Vorschlag zu verfahren.

Weidemann sagte: »Ich glaube, wir können auf eine aufwändige Wahl verzichten. Wer ist gewillt hinaufzufahren?«

Man einigte sich ohne große Umstände auf eine im Kern sechsköpfige Abordnung, zu welcher die Gewerken des Neuwerkes unwidersprochen hinzutraten – Sebastian Walberg war nun einmal ihr Kompagnon gewesen.

Weidemann sagte zu Reddig, dessen Aufgabenkreis umstandslos auf den eines Ratsdieners erweiternd, weil Baer nicht da und Eile geboten war: »Schickt zu Damian Baader, dem Stadtchirurgen, damit er uns begleitet. Es muss einer dabei sein, der das Funktionieren des Organismus besser versteht als wir. Und es ist nötig, dass auch Ihr mit hinauffahrt. Kurt Mechtshausen muss ebenfalls mit, weil in diesem Casus heikle Bergrechtsfragen berührt sind. Falls der Bergrichter eine Lügengeschichte aus unserem Auftauchen macht, soll es in Esslingen eine angemessene Erwiderung geben. Lasst am besten also den Prozessionswagen anschirren, damit alle Platz haben.«

»Mit Verlaub, Herr Weidemann«, wandte Reddig ein, »der Prozessionswagen ist für die steile Fahrt über die Erzabfuhr viel zu schwer. Wir bräuchten mindestens zwölf Pferde … Zwei von den großen, flachen Höhlenwagen mit Pritschen und Planen wären wohl eher geeignet.«

»So nehmt denn in Gottes Namen zwei Planwagen! Aber legt Polster auf die Pritschen und tragt Sorge, dass nur alles schnell geschieht!«

III

Paulus Geismar, rückwärts schreitend, umgürtet mit einem Wulst aus Hanf, aus dem er Griff um Griff einer gerade drehend entstehenden Schnur Nahrung gab, war erstaunt, seinen Ältesten in Begleitung eines Fremden an die Reeperbahn treten zu sehen. Dicke Adern bereits gedrehter Hanfseile hingen seitlich noch aufgespannt und warteten darauf, mit dem eben entstehenden zu einem Tau verdreht zu werden. Aber Halt! War das nicht Jonathan Unruhs Sachwalter und Erbe? Er beendete sein Werk und klinkte sich vom Zugseil der Apparatur ab, um den Herrn zu begrüßen.

»Welchen Glanz führst du in unsere Hütte, mein Sohn? Unmöglich siehst du aus – so geh und sieh zu, dass du dich sauber gewandest! Herr … äh …, welch eine Ehre!«

»Jobst«, half Daniel nach. »Daniel Jobst!«

»Verzeiht mir. Ihr seid schon viele Jahre nicht mehr in Goslar gewesen. Ich habe vergessen, woher Ihr stammt.«

»Aus dem Katzenelnbogischen bin ich, aus Sankt Goar, wo mein Vater Verwalter des fürstlichen Kellers war – in der Niedergrafschaft auf Burg Rheinfels. Nach seinem und meiner seligen Mutter Tod bei einem verheerenden Brand Anno Domini 1504 – damals war ich fünf Jahre alt –, kam ich nach Goslar zu Mutters Schwäher.«

»Katzenelnbogen gehört dem Hessen, oder geh ich fehl?«

In Paulus Geismars Stimme schwelte ein gelinder Groll.

»Gehört Philipp, ja. Sie denken an seine Freundschaft mit Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel? Für den können die Katzenelnbogner nichts, sind ja noch keine hundert Jahre hessisch! Außerdem halte ich was vom Landgrafen Philipp – als ich hierher verpflanzt wurde, kam er gerade auf die Welt. Was hat dieser Mann seither schon geleistet! Er hat seinem Land die Reformation gebracht und gründete jüngst in Marburg die erste protestantische Universität im Heiligen Römischen Reich.«

Daniel sah sich um. Gregor war verschwunden, um sich umzukleiden.

»Wenn Ihr Euren Sohn gut und mit Aussicht auf ein einträgliches Amt ausbilden lassen wollt, so schickt ihn an die Philipps-Universität. Aber er gestand mir heute, dass ihn die Kaufmannschaft viel mehr locke als ein Studium der Jurisprudenz. Da ich gedenke, das Unruh’sche Kontor weiterzuführen – wie wär’s, wenn Ihr ihn mir zum Gehilfen gäbet? Studieren kann er immer noch. Mein Freund Dellinghausen kann ihm einiges darüber erzählen, jedermanns Sache ist es nicht.«

Geismar kratzte sich hinterm Ohr und zog zu diesem Antrag die Stirn kraus.

»Euer Angebot ehrt mich. Ob sich aber mein Sohn Eures Vertrauens würdig erweisen kann? Habt Ihr die Kräutersäcke gesehen, die er wieder angeschleppt hat …? Sicher, er verdient ein paar Pfennige mit seinem Tand, aber ich bin so in Sorge ob der nächsten Wochen … Was wird mit dem Handel in unserer Stadt, wenn die Bedrohung durch den Herzog nicht aufhört? Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich sehe keinen Sonnenstrahl, sondern nur höllische Glut am Horizont und würde mir, vergebt mir, einen ordentlichen Strick drehen, wenn ich mit Blei und Silber und teuren Dingen handelte wie Ihr …«

Daniel lachte.

»Ich sehe nicht so schwarz. Ich weiß, was Ihr denkt – wir Händler zögen alle davon, sobald der Lindwurm aus Wolfenbüttel Erfolg hätte und seine Ansprüche durchsetzte. Aber solange es der Herzog noch nicht geschafft hat, kann Euer Sohn noch viel lernen und durchaus mit Gewinn aus der Sache gehen, selbst wenn ich Bankrott erlitte.«

»Es mag einfältig von mir sein, aber wenn ich schon einmal einen da habe, der es besser versteht, dann muss ich fragen: Was heißt es, wenn der Herzog den Berg wiederhaben will? Worauf ist der Wolfenbütteler aus? Es ist doch sicher nicht der Zehnte, den die Goslarer Bergherren und auch der Rat laut der alten Verträge ihm jetzt verpflichtet sind zu geben? Ich habe gehört, das seien so kleine Summen, dass sie den hohen Herrn nie und nimmer dazu bewegen könnten, so einen Aufwand zu treiben und sich in unsere Stadtmauern zu verbeißen.«

»Da habt Ihr ganz Recht – er hat es auf das Vorkaufsrecht auf Erz und Metall abgesehen, was den Rat und die Stadt und alle Bürger reich gemacht hat. Goslar lebt von den Auswürfen des Berges. Deshalb hat man immer darauf gesehen, anständige Preise für die Mineralien zu zahlen. Wenn Blei und Silber, Kupferrauch und Galmei dagegen dem Herzog abgeliefert werden müssen, der sie nur zu einem lächerlich geringen Preis abzunehmen bereit ist, um sie dann um ein Vielfaches teurer wieder zu verkaufen, sind die Bergherren bald am Ende. So viel kostet der Bergbau, dass sich keiner die Arbeit mehr leisten könnte. Der Herzog spekuliert darauf, denke ich, die Gruben ganz in seinen Besitz zu bringen.«

Nach einer Pause, in der Geismar wie erschlagen wirkte, schob Daniel zuversichtlicher hinterdrein: »Dellinghausen betrachtet die Sache juristisch noch lange nicht als ausgefochten oder aussichtslos. Kann durchaus sein, dass noch viele frohe Jahre ins Land gehen … und Fortunens Launen sind noch unergründlicher als Justitias.«

Paulus Geismars Miene hellte sich nun ebenfalls auf: »Kommt erst einmal herein, Herr Jobst, und leistet uns Gesellschaft bei Tisch. Langt kräftig zu! Mit Hunger im Bauch soll man keine Entscheidung fällen, kein Geschäft machen – so viel hat mich die Erfahrung gelehrt!«

Das Lächeln des Seilers, eines braunhaarigen, hochgewachsenen Mannes, erzählte von den Wonnen des einfachen Lebens. Sie gingen ins Haus und setzten sich in der Herdstube an den Buchenholztisch. Gregors jüngerer Bruder Hans, ein Lausbursche wie er im Buche stand, zwinkerte Daniel zu und zeigte ihm ein Heft mit Schreibübungen. Der fragte ihn, wo er zur Schule ginge und erhielt zur Antwort: »In die Schule im Kaiserhaus, zu Meister van Stelten, dem man die Frau weggebrannt hat, weil sie eine Hexe war!«

»Nur, weil sie einigen Frauen aus Nöten geholfen hat und mit ihnen am Kinderborn war«, sagte Hilde Geismar, die anklagenden Blicke ihres Hausmädchens tapfer ignorierend.

»Brauchst gar nicht so scheel zu linsen, du dumme Gans! Das Wasser beschert den unfruchtbaren Goslerinnen schon seit je die Kinder, seit Josefa dort ihrem Manne, dem Gundel Karl, zwei Knaben gebar und hernach starb.«

Gregor hatte nicht zu viel versprochen, fand Daniel. Hilde Geismar, eine Matrone mit einem Madonnengesicht, kochte ausgezeichnet. Ihre Fastensuppe war seine Rettung. Erbsenbrühe mit Semmelbröseln, Eiern und gewürzt mit Kardamom – serviert auf einem dicken Stück Tellerbrot aus Bohnen, Linsen und Gerste …

Die Hausfrau strahlte, als sie sah, wie es sich der feine Gast schmecken ließ, unbeeindruckt von der Tatsache, dass alle mit ihren Löffeln aus einer Schüssel aßen … Die Geismars hielten sehr auf reichhaltige Kost, das merkte Daniel daran, dass es noch einen weiteren Gang gab. In einer großen Schüssel kam ein Püree von dicken Bohnen auf den Tisch. In eine Vertiefung in der Mitte waren fein geschnittene gebratene Äpfel gegeben, mit Piment aromatisiert. Ein Salat aus Sauerampfer und gekochten, in Streifen geschnittenen wilden Rüben passte ausgezeichnet dazu. Daniels Hunger war verschwunden. Ein allumfassendes Wohlbefinden machte sich breit.

»Ich wette, selbst Goslars Räte werden heute kein so gutes Mahl haben! Frau Geismar, sie sind eine Zauberin!«

Die erzfromme Hausmagd Judith, ein fischiges Wesen mit einem gedrückten Insektenleib, zog furchtsam die Stirn kraus. War ihre Herrin eine Hexe? Daniel schaute sie an und sagte: »Es gibt auch eine Art von Zauber, mit dem der liebe Gott leben kann. Als da wären: die Anmut, der gute Geschmack, die Freude. Leider gebricht es den meisten Christen daran. Dafür kann Gott nichts, denn die Menschen haben zwar oftmals das Gute in sich, lassen es aber verkommen und entwickeln es nicht. Heute etwa bin ich rundum froh, und das verdanke ich dem guten Essen. Auf die Köchin!«

Er prostete Hilde Geismar mit seinem Steingutbecher zu und genoss das Gose-Bier mehr als je zuvor. Die Katze kam stolz mit einer fiependen Maus in die Stube gelaufen.

»Ich wusste gar nicht, was ich die letzten Jahre vermisste … Das hier ist ja um Pfeilschüsse besser als das Braunschweiger Bier – fast so gut wie das Einbecker!«

»Ein treffliches Bild«, sagte der Hausherr. »Jetzt, wo Ihr’s sagt … Ihr schießt bestimmt nicht nur weit, sondern auch sicher; ich bewundere schon die ganze Zeit den Bogen, den Ihr mitführt. Woraus ist der gearbeitet?«

Daniel hatte Gregor gebeten, ihn hereinzuholen, damit sein Vater ihn begutachten könnte. Ehrfürchtig beinahe berührte der das schöne, gelbliche Holz, das oft mit Leinöl gefirnisst und mit Wachs eingerieben worden war.

»Aus zwei Hölzern – der Bauch ist aus Eibe und der Rücken aus Ulme.«

»Eine wunderschöne Maserung!«, sagte Gregors Vater voller Wohlgefallen.

Daniel nickte: »Als ich geschäftlich im Londoner Stalhof war, hat ihn mir ein eifriger junger Bogenbauer nach meinen Angaben gemacht: Roger Ascham, ein sehr geschickter Mann, der es einmal weit bringen wird, davon bin ich überzeugt. Wann wird denn vorm Rosentor zum nächsten Mal um Preise geschossen?«

»Am Sankt Maria-Magdalenen-Tag. Dann werden wir unsere Künste messen, ich bin nämlich auch nicht ohne Ehrgeiz, müsst Ihr wissen. Welches Pfeilholz verwendet Ihr?«

»Zeder … und Truthahnfedern als Befiederung.«

Geismar seufzte: »Und ich armer Mann muss mit Fichtenholzschäften und gefärbten Gänsefedern Vorlieb nehmen! Mein Bogen ist aus Esche.«

Er ermannte sich.

»Aber kein Bogen, und sei er noch so kostbar, schießt und trifft deshalb von alleine … Gregor ist nicht minder beschlagen darin.«

Der Handwerker freute sich schon darauf, dem Kaufmann den Rang streitig zu machen. Schießen lernen mussten ja alle männlichen Bürger in der Schützengilde, um ihren Beitrag in einem möglichen Streitfall zu leisten. Jetzt schien gar eine Konfrontation bevorzustehen, bei der ihre Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden könnten. Doch die geselligen Wehrübungen wurden als willkommener Zeitvertreib und Unterhaltung betrachtet. Auch der Preis, den man gewinnen konnte, spornte an. Wer beim Freischießen gewann, war ein Jahr lang von städtischen Steuern und Abgaben befreit.

»Habt Ihr über das nachgedacht, was ich Euch vorhin vorschlug?«, fragte Daniel. »Jetzt, wo die Sinne nicht mehr von Hunger und Durst getrübt sind, solltet Ihr eine Entscheidung treffen!«

Paulus Geismar sah zu seinem Sohn hinüber und sagte ernst: »Du willst also lieber Kaufmann werden, statt die Rechte zu studieren?«

Gregor sah betroffen aus. Sein feiner Weggefährte hatte ihn verraten.

»Herr Jobst könnte dich in seinem Kontor gebrauchen. Wenn du willst, magst du dich ein wenig im Alltag eines Hansekaufmannes umsehen. Wenn du nicht dafür taugst, oder die Ader dafür doch nicht so mächtig ist, wie du jetzt denkst, dann wirst du nach Marburg an die Universität gehen und dich mit den Aktenfaszikeln und Urteilen, den Eingaben und Widersprüchen befassen.«

Gregors Unmut schlug in Freude um.

»Danke, Vater! Ja, mein Sinn geht viel eher auf den Handel, und ich denke – auch, wenn ich es nicht allein darauf abgesehen habe – er ist einträglicher und ernährt eine Familie besser als die Juristerei! Ich werde dich nicht enttäuschen!«

»Hört, hört – das geht ja schnell bei dir! Wer ist denn die Liebste, hab ich sie schon kennengelernt? Wann ist die Hochzeit? Haben wir noch Zeit, die gute Stube herauszuputzen?«

Paulus Geismar lachte, und Gregor stimmte mit roten Ohren ein.

»Hast wohl mit deinen Johannisgürteln schon eine Braut eingefangen?«

»Beschäm mich nur, Vater. Du weißt doch, dass ich mir erst ein Auskommen schaffen will, bevor ich an dergleichen denke … Ich denke nicht so wie Eyb im Ehebüchel …«

»Mein Sohn ist leider den Büchern verfallen …«, sagte Paulus Geismar, doch Daniel wehrte das Wörtchen leider kopfschüttelnd ab.

»Da wird er in der Bibliothek meines Oheims noch so einige Lektüre vorfinden. Sollte ich sie vor ihm wegschließen, weil es sonst nichts würde mit der Kaufmannslehre? Nein, ich denke, im Grunde ist die Buchgelehrsamkeit für meinen Berufsstand unumgänglich. Also sei ihm das Lesen unbenommen. Nur in der Liebe ist es oft nicht so einfach, das Wissen aus den Büchern mit dem Leben übereinzubringen. Da wird er seine Erfahrungen in praxi machen müssen.«

Sie einigten sich darauf, dass Gregor schon am übernächsten Tag bei Daniel anfangen würde. Gregors Gesicht glühte vor Freude, und Daniel riet ihm scherzhaft: »Fabrizier deine Johannisgürtel nur trotzdem! Kann nie schaden, da zu sein, wo Frauen sind. Ich saß viel zu lange im Kontor. Das mit deinem Gewand, das besprechen wir noch. Denn wenn Frauen eins auf den Tod nicht ertragen, dann ist es äußerliche Armut.«

Gregor sah ohne rechtes Verständnis an sich herab. Daniel seufzte, doch dies bezog sich nicht auf seinen neuen Gehilfen, sondern auf die Last der folgenden Tage.

»Nicht, dass du denkst, wir säßen nur da und würden Zahlen aufs Papier malen … Übermorgen um sechse?«, fragte er, als am Vititor endlich die Reihe an ihm war zu passieren.

»Die Hand darauf!«, sagte Gregor mit stolzgeschwellter Brust. Eine glorreiche Zukunft stand ihm vor Augen. Leichte Bewegung würde ihn dabei nicht schrecken – solange das Ganze nicht in Arbeit ausartete …

IV

Durch das Klaustor zockelten zwei Planwagen voller Ratsherren. Je sechs Pferde arbeiteten schwer in den Geschirren, von den Fuhrmännern in weißem Wams, grüner Mütze und engen roten Hosen im Zaum gehalten und derb angetrieben. Vor den beiden Fuhrwerken, an den Seiten und dahinter ritten städtische Kriegsknechte, schwer bewaffnet mit Piken und Schwertern. Den Beschluss bildete ein Pritschenwagen mit Armbrustschützen und einer kleinen Kanone. Mochte der Herzog selbst sich zeigen, so würden sie keine Anstalten machen, Hülsen aus Papier gefüllt mit Kugeln, gehacktem Blei und Nägeln auf ihn loszubrennen und ihn mit einem Hagel von Armbrustbolzen zu spicken.

Doch kein Feind zeigte sich. Auch der grüne Jäger, der Gehörnte, der Klumpfuß, der die Forsten unsicher machte, hielt sich abseits des steilen Weges, den sie nehmen mussten. Sicher lachte er sich ins Fäustchen über ihre Angst. Nur wenige Vögel sangen im Juniwald. Sie hatten mit der Versorgung ihrer Brut erschöpfend zu tun.

Durchs Hainholz über die Braune Haide fuhren die Ratsherren, strikt den tiefen Schrammen und Furchen entgegen, welche die Erzkarren in die Flanke des Rammelsberges gezogen hatten. Durch einen der Hohlwege ächzten ihre Gefährte bergan, die Rosse schnaubten, das Holz knarrte. Mannstiefe Schluchten waren die Erzabfuhrwege. Tag für Tag über Jahrhunderte hatten die eisenbeschlagenen Räder der Karren den Boden gemahlen, waren mal hier mal da dem Berg unsanft in die Weichen geraten, hatten die Rinnen vom Vortag vertieft. Der Regen war hineingefahren wie in trockene Bachbetten und hatte die Spuren ausgeschlämmt bis aufs steinerne Rückgrat des schiefrigen Gebirges.

»Was glaubt Ihr, was dem Walberg da oben passiert ist?«, wandte sich Simon Raschen im ersten Wagen halblaut an Henning Heinze, sodass ihr Banknachbar Achtermann, der die beiden wegen des ratsfeindlichen Fortbetriebes des Neuwerkes schon ausführlich zur Rede gestellt hatte, nicht hören konnte, was sie weiter sprachen.

»Wenn es kein verirrter Landsknechtspfeil war und kein simpler Raubmord, was ich ehrlich gesagt stark bezweifle, so muss der Schütze wohl aus der Ecke unserer Neider kommen«, sprach Heinze.

»Einer aus dem Rat?«

Raschens Stimme schlug nun doch eine Kapriole.

»Was denkt Ihr denn? Was hatte er überhaupt da verloren, um die frühe Stunde? Seit wann übernahm Walberg die Aufgaben von Eitel Walter? Wollte er selbst das Erz abholen? Kontrollieren, ob alle bei der Arbeit waren? Ob es Behinderungen durch die Kriegsknechte des Rates gab, wie angedroht? Ob die Landsknechte des Herzogs keinen unserer Bergleute irrtümlich am Einfahren hinderten, wie schon mehrfach geschehen?«

Raschen hatte alles durchgespielt und war ratlos.

»Er wollte sicher überwachen, dass alles seinen geordneten Weg ging«, sagte Heinze.

Jetzt rumpelte der Wagen heftig durch eine Reihe tiefer Schlaglöcher und schüttelte die Herren gegeneinander, die sonst Berührung mit anderen Sterblichen mieden, wo sie konnten.

Im zweiten Wagen unterhielten sich angeregt Stadtschreiber und Stadtchirurg:

»Was ist das?«, fragte Reddig interessiert, ein stattliches Tafelwerk im Blick.

»Eine unschätzbare Hilfe, um zu bestimmen, welche Organe bei Schussverletzungen in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn man nur die Eintritts- und die Austrittsöffnung einer Kugel, eines Armbrustbolzens oder eines Pfeiles sieht – Gerssdorffs Feldbuch der Wundarznei.«

»Ich kann es nicht genug bewundern, dass Sie in Paris bei Winter von Andernach studiert haben! Was gäbe ich darum, auch je einmal dort gewesen zu sein!«, sagte Reddig.

»Man macht ein bisschen zu viel Wesens davon …«, sagte der kräftige Damian Baader bescheiden.

Er hatte viel gesehen mit seinen dreißig Jahren, mehr als die meisten der Räte, obwohl sie älter waren. Er kannte ihre Gebrechen, ihre Ängste.

»Andernachs Verlesung des Galen’schen Lehrbuchs der Anatomie war eher lustig, denn Galen hat nur Tiere seziert. Der Mensch, behauptet er, hätte ein rete mirabile, also ein Netz von Gefäßen an der Hirnbasis. Aber, denken Sie sich: Das gibt es nur beim Rind. Sie mögen denken, in Paris wüsste man es besser. Doch, der gute Andernach ist selbst ein richtiger Rindskopf … er betete einfach alles nach, was Galen vorgab. Vorlesung heißt wohl: vorlesen – aber hat der Mensch nicht auch Hirn? Zum Nachdenken?«

Die Hochmesse stand noch aus, als die Ratsherren vor dem Wartturm hielten und sich stöhnend von den ungewohnt harten Pritschen erhoben.

»Was soll das werden, meine Herren? Was führt der Rat im Schilde?«, fragte Arno Schmidt, ein Schrank von einem Mann, mit einem braunen Lederwams und gelben Beinkleidern angetan. Seine schwarzen Ringellocken zuckten unruhig, während die großen blauen Augen fest auf die Abordnung des Rates gerichtet waren. So stellte man sich einen Bergrichter vor: ein Standbild von einem Mann, umgeben von Landsknechten, die ihre Armbrüste gesenkt hielten. Ein Wink von ihm, und sie würden sie anlegen …

Doch auch die Armbrustschützen und Pikenträger der Ratsherren bauten sich schützend auf. Bürgermeister Weidemann hatte sich mühsam seinen Weg durch diese Unzahl von Leibwächtern zu bahnen. Endlich stand er dem Bergrichter des Herzogs gegenüber.

»Ich muss darauf pochen, dass die Sechsmannen des Rates die alleinige Oberhoheit in allen Fragen, die Gerichtsbarkeit am Rammelsberg betreffend, innehaben!«

»Worauf Sie pochen müssen, sei Ihnen unbenommen, Herr Bürgermeister. Am besten Sie gehen dazu in eines der stillliegenden Pochwerke«, entgegnete Schmidt.

Chirurgus Baader, der sich auch vorgeschoben hatte, registrierte es mit Unbehagen. Weidemann schwoll der Kamm ob dieser Frechheit.

Der Bergrichter des Herzogs, dieser dreiste Birkhahn, kollerte fort: »Worauf ich hingegen pochen muss, wissen Sie ja. Mein hochgnädigster Fürst und Herr hat mich mit meinem Amte betraut, und dieses auszufüllen, nach Recht und Gesetz, bin ich nicht minder bestrebt wie Sie das Ihrige. Da ich nicht weiß, was es mit dem Toten auf sich hat, und es keinen Anhalt dafür gibt, dass Walbergs Tod mit dem ringsum ruhenden Grubenbetrieb zu tun hat, ließ ich nach unten trommeln, dass man ihn flugs wegholt und hinfort schafft. Umso mehr erstaunt es mich, dass Sie nun gleich im Dutzend hier anrücken und eine Ratsaffäre daraus machen. Mit einem halben Heer noch dazu im Gefolge. Ich hoffe nicht, dass Sie es auf eine bewaffnete Konfrontation anlegen.«

Die Abordnung des Rates bestand neben Bürgermeister Weidemann aus je drei Sechsmannen des alten und des neuen Rates: Zacharias Papen, Heinrich Gunter, Hieronymus Grimm, Hans Tilling, Johannes Barnabas Achtermann, Kerstian Balder, Walbergs Mitgewerken in der noch aktiven Grube Neuwerk sowie dem Syndikus, dem Stadtschreiber und dem Stadtchirurgen. Bis auf die beiden letzten stand somit ein Gutteil der Finanzkraft und des Ansehens der Stadt dort versammelt. Was, wenn ich es darauf ankommen lasse, und sie alle erlege? , dachte Schmidt. Mein Herr wäre mir sicher Dank schuldig …

»Wir sind hier, um Klarheit darüber zu erlangen, was vorgefallen ist«, sagte Weidemann, der seine Ruhe wiedergefunden hatte.

Schmidt antwortete achselzuckend: »Sebastian Walberg wurde von unbekannter Hand mit einem Pfeil erschossen. Das ist passiert. Es muss ein versierter Bogenschütze gewesen sein, denn der Pfeil traf ihn gut. Aber ein Feigling, denn sein Schuss kam von hinten.«

Reddig zuckte zusammen.

Baader murmelte: »Sieh an …«

Weidemann blickte erbost und sagte: »Der Getötete war kein gewöhnlicher Mann. Sebastian Walberg war Mitgewerke der Grube Neuwerk, und er saß im engen Rat.«

Schmidts Lachen war die Verachtung selbst.

»Noch nie habe ich dieses Ratsgehabe verstanden. Wir alle sind sterblich, egal ob wir in der Gosse liegen oder im Goslarer Rat sitzen!«

Schmidt rollte drohend mit den großen Augen. Die Adern über seinem kantigen Schädel schwollen an wie die Abzucht nach einem Unwetter. Weidemann holte tief Luft und schluckte seinen Groll hinunter. Es brachte nichts, sich mit diesem Unflat auf Disputationen einzulassen.

»Da Sie nicht gewillt zu sein scheinen, eine adäquate Untersuchung einzuleiten, ist es wohl an uns, eine solche vorzunehmen. Gleichviel, wem die Gerichtsbarkeit über den Berg nun untersteht, stellt es uns Gott anheim, den Schuldigen ausfindig zu machen, weil sein Zorn alle trifft, die eine Missetat ungesühnt lassen.«

Der Hinweis auf Gottes Zorn entlockte dem trutzigen Bergrichter ein weiteres bedrohliches Birkhahnkollern.

Weidemann fügte hinzu: »Aber dazu müssen wir wissen, wie er gefunden wurde, wo und wann; auch ist zu fragen, ob es Augenzeugen gibt, die etwas Hilfreiches zu sagen wissen. Wir müssen mit Ihren Männern sprechen und sie einzeln vernehmen. Ohne etwas unterstellen zu wollen, so besteht doch die Möglichkeit, dass eine der von Ihnen aufgestellten Wachen in Herrn Walberg einen feindlichen Späher sah, ihn für einen Saboteur oder Angreifer hielt und daher auf ihn schoss. Zeigen Sie uns jetzt den Toten!«

»Dieser Dünkel ist es, der Ihren schönen Rat dermaleinst zu Fall bringen wird. Ich wünsche Ihnen sehr, Herr Bürgermeister, dass nicht Sie es dann sein werden, der den Hass des Haufes auf sich zieht. Diese Überzeugung, alles besser zu verstehen als ein anderer, nur weil man dem Rat angehört, muss jedem gewöhnlichen Sterblichen wie Gift ins Gesicht spritzen. Hier gab es keine Zeugen, und die Befragung meiner Wachen können Sie sich getrost sparen, denn sie würden Ihnen ohnehin nichts sagen, weil sie Ihre Zuständigkeit nicht anerkennen. Der Tote lag auf der Wiese, neben dem Neuwerkschacht – was sollten sie da schon gesehen haben? Auf dem Plateau selbst stehen keine Wachen, die stehen weiter unten am Berg, zur Stadt hin – im Wachturm indessen hause bloß ich, und ich habe nichts gesehen. Fragen Sie lieber den Bergmeister Walter. Wir haben Walberg den Pfeil aus dem Rücken gezogen und ihn in den Turm verfrachtet. Da drinnen ist es kühl, und er fängt nicht so schnell an zu stinken.«

»Möge Gott Ihnen diese lästerlichen Reden entgelten«, zischte Weidemann, doch Schmidt blieb ihm die Antwort nicht schuldig.

»Gott hat den Beweis zugelassen, dass die Mitglieder des Goslarer Rates nicht unsterblich sind! Und das sie auch stinken werden, wenn sie zu lange tot in der Sonne liegen!«

Weidemann enthielt sich mit zusammengebissenem Kiefer weiterer Kommentare zu diesen Sottisen.

Sebastian Walberg ruhte im kühlen dicken Turm auf dem Rammelsberg. Sein gelbes Wams war rot verfärbt. Die Stelle, wo der Pfeil aus dem Körper gedrungen war, lag eine Handbreit über dem Nabel.

»War denn in seiner Kleidung nichts, was Aufschluss geben kann?«, fragte Weidemann den Bergrichter, der ihm widerwillig etwas in die Hand gab.

»Nur das hier, der Wachsabdruck von zwei Seiten einer Münze in einem kleinen hölzernen Schächtelchen.«

Der Bürgermeister runzelte die Stirn, gab die Schachtel dann in die Runde.

»Ein Numismatiker müsste man sein …«, sagte Heinrich Wachsmut, während er das wächserne Relief betrachtete. »Mir ist frisches Geld immer lieber als altes.«

Ein paar der Herren lachten kurz auf. Weidemann steckte die kleine Schachtel ein und nahm Baader in die Pflicht: »Der Chirurgus möge seine Arbeit tun!«

Aller Interesse galt dem Pfeil, der Walberg tödlich getroffen hatte.

»So stark ist doch eigentlich nur eine Armbrust – dass die Spitze vorne wieder … ich meine …«, sagte Tilling, ein kleiner, bleicher, reicher Mann, der vom Bogen- und Armbrustschießen herzlich wenig verstand. Sein Haus war nach Unruhs das größte und eindrucksvollste. Es hieß wegen seines unglaublich spitzwinkligen Dachtrapezes und der Auskragung an der Stirnseite das Brusttuch.


Die Rekonstruktion des »Heiligen Grabes«

Hätte Walberg ein Brusttuch getragen, dachte Baader, wäre der Pfeil im unteren Drittel durchgedrungen. Laut sagte er: »Das hängt von drei Dingen ab.«

Er hatte sich neben dem Toten aufgebaut und eine Seite des Feldbuchs der Wundarznei aufgeschlagen, wo mannigfache Arten der Pfeilverletzung dargestellt waren. »Der heilige Sebastian, Schutzheiliger der Bogenschützen, dürfte seine helle Freude an diesem Schützen haben, denn er hat an des Märtyrers Namensvetter mit geringem Aufwand Erstaunliches geleistet. Selbst mit einem Bogen verschossen, kann ein Pfeil derart durchschlägig sein. Der Bogen muss erstens sehr stark und die Pfeilspitze zweitens hervorragend gearbeitet sein, ganz so wie diese Jagdspitze hier.«

Weidemann hatte ihm die beiden Hälften des entzweigebrochenen Pfeiles gereicht, und Baader reckte das vordere Ende demonstrativ in die Höhe.

»Beachten Sie die messerscharfen Kanten. Sehen Sie, wie flach und spitz das Oval zuläuft? Damit schießen Sie auch durch die dickste Wildschweinschwarte. Könnte mir einmal jemand helfen?«

Achtermann, Papen, Balder und Weidemann drehten den Leichnam ihres gewesenen Ratskollegen herum. Er war noch etwas warm, aber schon steif, registrierte Baader mechanisch. Er deutete auf eine Stelle unterhalb der rechten Schulter.

»Und damit kommen wir zum dritten Erfordernis für eine derart durchschlagende Wirkung. Der Schütze war kein Glückspilz, sondern ein Könner, wie der Herr Bergrichter ganz trefflich bemerkt hat. Er traf sein Ziel genau da, wo er wollte, knapp überm Schulterblatt. Der Pfeil fuhr zwischen zwei Rippen und riss die Schlagader, das Herz, die Lunge und die Leber an. Das war kein Anfänger, und es war kein simpler Schuss von hinten. Er kam eher …«, Baader suchte mit der Hand die Schussrichtung anzudeuten, »… von schräg oben, so etwa.«

»Er muss von einem Turm oder einem Baum oder einer Felsklippe heruntergeschossen haben«, sagte Joachim Wegener, der zweite Bürgermeister.

»Wir sollten uns einmal die Stelle ansehen, wo man ihn angeblich fand«, entschied Weidemann. »Wo steckt der Bergmeister Walter?«

»Der Bergmeister Ihrer widerrechtlich weiter betriebenen und frevlerisch den Beschlüssen des Rates Hohn sprechenden Grube!«, warf der jähzornige Zacharias Papen, dieser immer feuerrote, sehr dicke Mann kampflustig aufschnaufend ein.

»Schweigen wir nun darüber!«, beschwichtigte ihn Weidemann. »Ich glaube, wir werden uns da angesichts der neuen Umstände doch noch einig, so wie ich Herrn Raschen vorhin verstanden habe …«

»Aha«, meinte Achtermann und schickte vielsagende Blicke zu Tilling, Papen und Balder. »Da muss also erst einer ins Gras beißen, bevor die Herren vernünftig werden und mit dem Neuwerk wieder in den Kreis des Rates zurückkehren.«

Alle blickten auf den hoch aufgeschossenen Simon Raschen, der sicher drei Köpfe größer war als der tote Walberg und einen Kopf größer noch als der nicht eben kleine Papen. Er wurde rot. Seine Mitgewerken Heinze und Wachsmut blickten zu Boden. So hatte man sich also unterdessen besprochen.

Das wurde auch Zeit, fand Achtermann. Sonst hätte er nicht angestanden, selbst einmal den Bogen anzulegen … Walberg war kein Patrizier gewesen, sondern ein eingebürgerter Kaufmann mit einem Talent zum Geschäftemachen. Sein protziges Haus am Schuhhof war nicht einmal fünf Jahre alt. Achtermanns Haus am Markt dagegen war so alt wie die Stadt selbst. Der Achtermann’sche Zwinger war immerhin schon 26 Jahre alt. In den Gärten vor der Stadt stand er, ein Trutzturm mit der Kaiserfigur in einer von Fialen bekrönten Nische, und war ein bleibendes Symbol ihres Geburtsadels.

Achtermann spürte eine ungehemmte Lust zu ausgreifenden Unternehmungen. Seine Galmei-Hütte lag zwar jetzt brach, aber es gab noch andere Mittel als den Berg, um aus der Flaute zu kommen. Ein Achtermann konnte sich schnell auf neue Umstände einstellen. Jetzt, da Walbergs Kontor vor der Auflösung stand, würde er alles versuchen, den Löwenanteil an diesem Kuchen zu übernehmen. Das war die Gelegenheit, sich endlich wieder an die erste Stelle in der Bürgerschaft zu setzen. Der gekrönte Adler mit den ausgebreiteten Schwingen würde weiter das Familienwappen zieren. Goslar war die Stadt seiner Familie – so musste es bleiben. Johannes Barnabas Achtermann schritt kraftvoller aus und fühlte, dass sich etwas in ihm bewegte.

Eine frische Brise fuhr über den Berg, als die Herren des Rates, von reichlich Kriegsvolk umgeben, neben dem gleichfalls starken, kunterbunten Landsknechtstross des Bergrichters auf die Grube Neuwerk zusteuerten. Drinnen unterm Zeltdach drehten vier Pferde das Gestängekreuz des Göpels über dem Schacht. Man hörte, wie sich schurfend das Tau auf die große Rolle legte. Das Seilzuggestänge ächzte. Die Hufe klackerten dazu.

Eitel Walter, der Bergmeister, der eben über die Fahrten hochgeklettert war, stand dem ersten Bürgermeister Rede und Antwort. Dass er wie seine Untergebenen im Berg arbeitete, quasi Bergmeister, Steiger und Hauer in einem war, bezeugten die rotledernen Knieschützer und das schwarze Arschleder, das ihm wie eine rücklings getragene Schürze umgebunden war. Das Schwert am Gürtel zeigte an, dass er am Neuwerk das Sagen hatte. Seine ockergelbe Kluft, die oben in eine Kapuze auslief, unter welcher er, dicht um den Kopf gewickelt, ein weißes Tuch trug, zeigte dunkelbraune Spuren der morgendlichen Einfahrt.

»Meister Walter, wann habt Ihr Sebastian Walberg zuletzt gesprochen?«

»Kurz vorm Vesperläuten gestern, als die Schicht zu Ende ging und drunten die Vorbereitungen für das Feuersetzen abgeschlossen waren.«

»Wo war das?«

»Just hier!«

»Ging er bald wieder fort? Und wohin?«

»Er war hier bis nach dem Nachtsang, da fuhr ich noch einmal ein und zündete die Holzstöße im fündigen Querschlag an. Als ich wieder ausfuhr, war er immer noch da und blieb auch hier sitzen, bis wir alle fort waren.«

»Hat er gesagt, warum er dableiben wollte?«

»Er tat höchst geheimnisvoll – von wegen, er hätte noch ein Geschäft zu erledigen … Wir haben geflachst, er wolle wohl noch einen Handel mit einer einsamen Bürgersfrau schließen … Da hat er gelacht, aber seine Augen leuchteten, wie sonst nur, wenn es um etwas Profitables ging. Seine Augen waren da immer untrüglich. Ich denke, er ist unbeweibt gestorben. Er hat sich nichts aus Wein und Weibsbildern gemacht. Er war glücklich mit seinem Geld. Das hat ihm stets als Quell der Wonne gereicht, schätze ich.«

»Was soll man davon halten?«, fragte Weidemann in die Runde.

»Er ist den Berg hinaufgegangen, als alle weg waren«, ließ sich Baaders Stimme hören. »Hier an der Hohen Warte, dem Wachturm, wo Meister Walter ihn fand, soll er ermordet worden sein, aber das geht schon deshalb nicht, weil der Mörder keine Flügel hatte, wenn es nicht der Gottseibeiuns war.«

Die Herren bekreuzigten sich mechanisch.

»Denken Sie daran, was ich von der Richtung gesagt habe, aus der ihn der Pfeil traf: von schräg oben! Der Wachturm kommt als Standort des Schützen nicht in Frage, der ist von hier doch etwas zu weit entfernt. Der Schuss käme zu flach. Und das Dach über dem Göpel hier am Neuwerkschacht ist zu spitz – da mag man sich allenfalls mit beiden Händen festklammern; aber niemand wird darauf stehen, einen Bogen spannen und sicher schießen können.«

»Wann habt Ihr den Toten gefunden?«, fragte Weidemann den Bergmeister.

»Heute früh, nachdem ich unten die Feuer gelöscht und die Pferde versorgt hatte. Also kurz nach dem Primläuten.«

»Wie hat er dagelegen?«, fragte Baader.

Der Bergmeister war aschfahl geworden. Er schien sich lebhaft eines furchterregenden Bildes zu entsinnen.

»Ganz seltsam, er kniete wie ein Büßer. Selbst die Hände hatte er gefaltet. Allerdings war der Oberkörper mit zwei Astgabeln abgestützt, damit er nicht nach vorne umkippte. Es sah teuflisch aus.«

»Eine Zurschaustellung!«, rief Wegener. »Als sollte jedem bedeutet werden, dass hier ein Unbußfertiger, ein Heuchler, hingerichtet wurde.«

»Privat-Inquisition?«, fragte Weidemann, und Reddig erschauerte bei dem seltsamen Wort genau wie die anderen. »Als wenn wir nicht schon genug Schwierigkeiten hätten …«, sagte er aufseufzend, mehr für sich als für die Umstehenden.

»Wieso konnte er so aufgestellt werden? Musste er denn nicht schon längst steif sein?«, fragte der schicke Herr Tilling mit einer seltsamen Interessiertheit. »Ich meine ja nur …«

Er wusste offenbar doch mehr über den menschlichen Körper, als man wissen musste, wenn man sich salbte, dachte Baader.

Dann fiel ihm ein, dass der reiche Herr ja die Rechte studiert hatte und ein Magister war. Daher sagte er: »Bitte rufen Sie sich die Faustregel des Coroners in Erinnerung. Warm und nicht steif heißt, höchstens einige Stunden tot. Warm und steif: gestorben vor maximal zwölf Stunden. Kalt und steif bedeutet gestorben vor einem halben bis zu zwei Tagen; kalt und nicht steif – bereits mehr als zwei Tage tot. Bei Walberg ist der Rigor mortis da, er ist noch flexibel. Der Algor mortis ist noch unvollendet, er hat noch etwas warmes Blut in sich. Der fleckige Livor mortis an den Beinen fehlt indes. Das heißt, er ist vor höchstens zwölf Stunden, also gegen elf in der Nacht, gestorben. Der Mond nimmt ab, aber hell genug war es, dass man in der Nacht noch gut sieht, wenn sich die Augen ans Halbdunkel gewöhnt haben. Als Meister Walter ihn heute Morgen fand – vor sieben Stunden –, wird er vielleicht fünf Stunden tot gewesen sein. Da konnten Sie mit ihm noch alles anstellen, er war flexibel wie Gummi arabicum.«

»Bitte bedenken Sie Ihre Wortwahl«, sagte Tilling bleiweiß. »Ich habe gar nichts mit ihm angestellt. Nicht einmal geschäftlich.«

Baader fuhr unbeirrt fort, während sie noch immer neben dem Neuwerksschacht standen:

»Er wurde nicht hier getötet, dessen bin ich mir sicher. Hierher brachte man ihn nur, damit er schnell gefunden und seine seltsame Darstellung gesehen und bezeugt werden würde. Hier im Gras sind noch Fußtritte zu sehen. Das wird der letzte Meter gewesen sein, den ihn der Schütze geschleppt hat. Bis hinter den ersten Busch dort dürfte er ihn den Hang herabgeschleift haben. Die Tat wird weiter oben am Berg geschehen sein. Sehen wir nach, ob ich Recht habe.«

»Unzweifelhaft!«, sagte Reddig, noch ehe er an der bezeichneten Stelle war. Er besah den Boden. »Wahrlich, hier ist eine Spur. Eine eindeutige!«

Obwohl es beschwerlich war, wollte keiner der Herren zurückbleiben. Schmidt stöhnte erst und meinte, da könnten die feinen Herren ja ruhig alleine weiter am Boden herumschnobern, er würde nicht dem Hirngespenst eines eingebildeten Steinschneiders nachjagen. Doch als er das Blut an den niedergetretenen Grashalmen sah, pfiff er seine Gefolgsleute herbei. Auch die Leibwächter des Rates folgten, sodass sich kurz darauf eine breite menschliche Trittwalze den Berghang hinaufschob.

»Wer etwas findet oder sieht, was ihm seltsam vorkommt, möge Laut geben!«, rief Schmidt donnernd die Reihe entlang.

Bald schon blieben Tilling, Wegener, Wachsmut, Heinze, Gunter, Grimm, Doktor Mechtshausen, Papen und auch der bullige Achtermann keuchend zurück. Weidemann, Balder und Raschen indes hielten mit den Kriegs- und Landsknechten tapfer mit, ebenso Reddig und Baader, vom Bergmeister Walter nicht zu reden. Für den war das ein Spaziergang.

Die Spuren führten fast lotrecht in die Höhe. Der Berg war stellenweise so steil, dass die Männer nach jedem zweiten Schritt verschnaufen mussten. Nach einer Viertelstunde standen sie unterhalb einer schroffen Klippe.

»Da liegt Walbergs rote Samtkappe!«, rief Raschen aufgeregt.

»Und von dort oben kam der Pfeil«, sagte Baader mit Blick auf die Felsen am Ramseck.

»Wenn mich nicht alles täuscht, sehe ich dort auf der kleinen Lichtung sein Maultier grasen …«, ergänzte Reddig. »Wüsste zu gern, wieso er nicht damit nach unten transportiert wurde.«

»Zu störrisch, nehme ich an, das Tier«, vermutete Baader. »Oder zu schwächlich, der Schütze, um den Dicken hochzuwuchten – Schleifen war leichter …«

»Wär schön, wenn das Vieh reden könnte«, sinnierte Weidemann.

»Wird Ihnen schwerlich den Gefallen tun, nur weil Sie Bürgermeister sind«, raunzte Schmidt, heftig keuchend.

»Sie werden genauso wenig aus ihm herausbekommen«, konterte Baader.

»Aber vielleicht aus der Satteltasche, die es noch trägt …«, sagte der Bergrichter und ging auf das grasende Muli zu, um seinen Gedanken zu verfolgen, ohne viel Erfolg, denn es rückte ihm mehrfach aus – zur einhelligen Freude der Herren des Rates. Man lachte unverhohlen.

»Bastard! Missratener Sohn einer einäugigen Pferdestute und eines räudigen Eselhengstes, willst du wohl stehen bleiben?«

Ein paar Landsknechte sprangen ihrem Anführer bei und fingen das Muli ein. Deren geschlitzten Wämser ließen es wie einen Jahrmarktstanz aussehen.

Baader öffnete die Tasche und machte große Augen. Seine Sprachlosigkeit sprach Bände. »Das …«

»Was?«, fragte Weidemann und sah dann selbst hinein. »Das sind mindestens fünfzig Schächtelchen, wie dasjenige, welches Walberg bei sich trug …«, er öffnete ein paar, »… und sie enthalten alle das Gleiche: Wachsabdrücke einer Münze, Vorder- und Rückseite, nebeneinander …«

Den halben Rückweg über debattierten die Herren, aber einen zündenden Einfall, was das alles bedeuten sollte, hatte keiner. Schließlich versanken sie in dumpfes Brüten. Nach einem in Maßen respektvollen Abschied vom Bergrichter bestiegen die Ratsherren und ihre Begleiter wieder die Planwagen. Quietschend ging es den steilen Weg abwärts, über die Bottslegende und die Braune Haide, dass die Stellbremsen quietschten und die Leiber durchgeschüttelt wurden wie vormals die Säcke mit Erz.

Baader betrachtete verstohlen die scheintote Besatzung seines Wagens. Reddig, der Stadtschreiber, schien als Einziger noch etwas Leben in sich zu haben. Die Ratsherren dagegen wirkten entseelt, sahen offenbar das Schreckgespenst der Armut dräuend am Horizont. An ihrem Lebensstandard trugen sie wie an einem Ochsenjoch. Unterm quälenden Zwang einer unduldsambigotten Frömmigkeit aber schwelten die verborgene Sinnlichkeit, Gier und Lebenslust des Nordens in ihnen wie ein unsichtbarer Brand unter dem Dickicht. Wie sollten sie nur in Zukunft weiter bestehen? Baader sah ihnen an, dass diese Grundfrage an ihren Seelen fraß. Ihr ungesunder Lebenswandel, die überreiche Nahrung etwa, die sie zu sich nahmen, oder das Gepränge, mit dem sie Leib und Haus ausstaffierten, mochten ein Übriges hinzutun, dass sich ihnen die unerklärlichen Schrecken, die der Himmel über sie verhängt hatte, wie Zangen um ihre Herzen schlossen. Aus den dunkel-geheimnisvollen Wäldern rings um ihre eingekesselte Stadt mit ihren engen Gassen, in denen der Kot an besonders trostlosen Stellen knöchelhoch stand, schlich die leibhaftige Sorge sie würgend an.

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