Read the book: «Hide and Seek»

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Hide and Seek
Eine All Cocks Geschichte (Band 6)

von TM Smith

Aus dem Amerikanischen von Lilienne Érié

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2022

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Hide and Seek

Übersetzung: Lilienne Érié

Cover: Irene Repp

http://www.daylinartwebnode.com

Bildrechte:

© Kiselev Andrey Valerevich – shutterstock.com

© Man Hurt – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-510-7

ISBN 978-3-96089-511-4 (epub)

Inhalt:

Die Wahrheit kommt ans Licht und das Vertrauen wird auf eine harte Probe gestellt. Wird die „All Cocks“-Familie das Glück finden, das sie verdient?

Dusty Anderson hat seine Heimatstadt Justin in Texas kurz nach der Highschool verlassen und ist nach New York gezogen, um Schauspieler zu werden. Ein Jahr später, immer noch weit entfernt davon, seinen Traum zu verwirklichen, aber verdammt kurz davor, daran zu zerbrechen, fällt ihm der Flyer einer Schwulenbar in die Hand, der zur Lösung seiner Probleme werden soll. Sechs Jahre später hat Dusty seinen Traum, Schauspieler zu werden, fast vergessen. Die Familie, zu der er gehört, seit er für All Cocks arbeitet, und die Arbeit selbst sind ihm genug. Für den Moment jedenfalls.

David Thompson ist gerade erst einundzwanzig geworden, steht in der Blüte seines Lebens und beginnt gerade sein zweites Jahr als Kunststudent an der NYU. Nun, da er alt genug ist, am Nachtleben teilzunehmen, findet er seine erste Liebe in einem Szeneclub in Village: The Monster Bar. Der jungen Liebe wird jedoch ein vorzeitiges Ende gesetzt, als sich David gegenüber seiner Mutter und seinem älteren Bruder outet, mit katastrophalem Ergebnis.

Ein tragisches Ereignis, verschuldet durch Davids Bruder, stellt das Leben aller völlig auf den Kopf und führt die beiden zusammen. Ist das Zufall oder Schicksal? Trotz der widrigen Umstände fühlt Dusty sich auf unerklärliche Weise zu David hingezogen, der plötzlich ganz allein auf der Welt ist. Schon bald wird Dusty bewusst, dass seine Großfamilie bei All Cocks und sein bester Freund Kory ihre Beziehung nicht gutheißen werden. Er befürchtet das Schlimmste und stürzt sich in ein gefährliches Versteckspiel, bei dem er alles riskiert, um David zu beschützen.

Doch das Versteckspiel kann nicht ewig weitergehen und David und Dusty sind nicht die Einzigen, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Die Dimir-Männer finden heraus, dass die eine Sache, nach der sie sich so lange gesehnt haben, nun in greifbarer Nähe ist, und Dustys Vater Dean kommt zu Besuch und bringt dabei seine eigenen Geheimnisse mit.

Widmung

Ich widme diese Geschichte allen Seelen da oben im Himmel, die zu früh von uns gegangen sind. Es ist erschütternd, wie viele junge Männer und Frauen diskriminiert, geschlagen und sogar getötet werden, nur weil sie sich als schwul, bisexuell, lesbisch oder transgender verstehen oder ihre eigene geschlechtliche Identität hinterfragen. Als ich am 12. Juni 2016 aufwachte und meinen Computer einschaltete, war ich am Boden zerstört. So viele haben in Orlando ihr Leben gelassen und es tat mir danach noch viele Wochen im Herzen weh. Dieses Buch ist für euch, für all die Lebenslichter, die, ohne irgendetwas zu hinterfragen, aus Hass und Ignoranz ausgelöscht worden sind. Gott hat euch zurück nach Hause geholt, aber ihr werdet für immer in unseren Herzen und Erinnerungen weiterleben.

Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben, das kann nur Licht.

Hass kann Hass nicht vertreiben, das kann nur die Liebe.

- Martin Luther King, Jr .

Prolog

Dusty saß auf dem Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite von Jons Krankenbett und las die New York Times. Sie war schon einige Tage alt und hatte im Papierkorb unter dem Waschbecken gelegen, aber die Schlagzeile auf der Titelseite hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Dusty hatte gewartet, bis Kory und Jons Bruder Tristan zum Essen gegangen waren und ihn mit dem schlafenden Jon zurückgelassen hatten, bevor er die Zeitung aus dem Papierkorb gezogen und begonnen hatte, den Artikel zu lesen. Es war ein Bericht über einen Angriff auf The Monster Bar, bei dem drei Menschen gestorben und zahllose weitere verletzt worden waren. Einer von ihnen war Jon Brennan, Korys fester Freund und Detective beim NYPD.

Die Ereignisse dieser Nacht hatten beinahe jeden in Dustys Umfeld hart getroffen. Wenige Stunden nach der Schießerei hatte Kory zusammen mit Jons Familie im Wartebereich des Krankenhauses gesessen und nervös auf Nachricht über Jons gesundheitlichen Zustand gewartet. Er hatte die Operation überstanden und es ging ihm Tag für Tag besser. Dasselbe konnte man leider nicht von Gio behaupten, der als Barkeeper in The Monster Bar gearbeitet hatte und als Gabes Partner zum harten Kern der Familie von All Cocks gehört hatte. Man hatte ihn am darauffolgenden Tag beerdigt und Gabe war am Boden zerstört gewesen.

Ein Foto von Gio hatte Dustys Aufmerksamkeit auf die Zeitung gelenkt. Darüber prangte die Schlagzeile Drei Tote und Dutzende Verletzte bei einer Schießerei in einem bekannten Szeneviertel in Village, daneben war das Foto eines Polizisten mit blondem Haar und kalten blauen Augen, der ebenfalls sein Leben gelassen hatte, und das von Dale Thompson, dem Schützen. Der Artikel erzählte die Geschichte eines ohnehin schon psychisch labilen Mannes, der seinen kleinen Bruder fast zu Tode geprügelt hatte, als er erfahren hatte, dass er schwul war. Danach war er in die Bar zurückgekehrt, in der er seinen Bruder und dessen Freund auf frischer Tat ertappt hatte, und hatte das Feuer eröffnet. Der Artikel endete damit, dass die Ärzte zum aktuellen Zeitpunkt nicht sagen konnten, ob der Bruder, David Thompson, die schweren Verletzungen überleben würde.

Dusty zerknüllte die Zeitung. Es machte ihn rasend, dass es da draußen Menschen gab, die so grausam mit der eigenen Familie umsprangen. Verdammt, wahrscheinlich war der junge Mann inzwischen seinen lebensbedrohlichen Verletzungen erlegen und dieser Psycho Dale Thompson hatte nun vier statt drei Leben auf dem Gewissen. Was musste ihre Mutter durchmachen? Der eine Sohn tot, der andere von ihm krankenhausreif geschlagen. Dusty übersah beinahe das Kleingedruckte am Ende des Artikels: Lesen Sie weiter auf Seite 23. Seine zitternden Hände strichen die Zeitung glatt und er blätterte langsam durch die Seiten.

Kunststudent David Thompson kämpft im New York Presbyterian Hospital um sein Leben. Der 21-jährige wurde vergangene Woche bewusstlos zu Hause aufgefunden, wo er mit seiner Mutter, Diane Thompson, und seinem älteren Bruder, Dale Thompson, lebte. Die Polizei geht davon aus, dass David von seinem älteren Bruder zusammengeschlagen wurde …

Dusty knurrte und überflog die nächsten Absätze, die noch einmal zusammenfassten, was in der Bar vorgefallen war, und genauer auf die möglicherweise labile Psyche des älteren Thompson-Bruders einging. Die Mutter, Diane, war eine streng gläubige Christin und nicht nur entsetzt über die Taten ihres älteren Sohnes, sondern auch über die sexuellen Vorlieben des jüngeren. »Fick dick, Schlampe«, murmelte Dusty, während sein Blick über die letzten Zeilen auf der Seite wanderte.

Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Artikels liegt David Thompson noch immer mit einer langen Liste an Verletzungen im Krankenhaus. Darunter eine gebrochene Nase, ein gebrochenes Bein sowie ein gebrochenes Schlüsselbein. Er leidet unter einer so starken Hirnschwellung, sodass er in ein künstliches Koma versetzt werden musste, bis die Schwellung abklingt oder er seinen Verletzungen erliegt.

Dusty atmete tief ein, um sich zu beruhigen, knüllte die Zeitung zu einer kleinen Kugel zusammen und warf sie zurück in den Papierkorb. Er widerstand dem Drang, den Raum zu verlassen und die Stationsschwester zu fragen, in welchem Zimmer David Thompson lag. Er geriet kurz in Panik, als er darüber nachdachte, wie Kory reagieren würde. Nicht nur, wenn er erfuhr, dass der Bruder des Mannes, der seinen Freund beinahe umgebracht hatte, im selben Krankenhaus lag, sondern auch, dass Dusty diesen … Drang verspürte, herauszufinden, wie es dem jungen Mann ging. Andererseits hatte sich David Thompson nicht ausgesucht, als Dale Thompsons Bruder geboren zu werden. Man konnte ihn nicht dafür verantwortlich machen, was Jon, Gio und den anderen in der Bar zugestoßen war. Und Dusty sollte sich nicht dafür schämen, sich für sein Schicksal zu interessieren, auch wenn er ein Wildfremder war.

Das leise Klicken der Türklinke verriet Dusty, dass Kory und Tristan zurück waren, bevor ihre Schritte einige Sekunden später durch den stillen Raum hallten. Kory setzte sich sofort auf den Stuhl an Jons Bett und Tristan ließ sich auf den Liegestuhl in der Ecke fallen.

»Ruft mich an, wenn ihr irgendwas braucht«, flüsterte Dusty, um Jon nicht zu wecken. Dann verabschiedete er sich, verließ das Zimmer und zog die Tür leise hinter sich zu. Er war erschöpft, und da er morgen einen Dreh hatte, entschied er, keine weitere Zeit zu verschwenden. Er wandte sich nach links statt nach rechts und sein Fehler wurde ihm erst bewusst, als er bemerkte, dass er nicht bei den Aufzügen ankam. Er gab ein genervtes Brummen von sich und folgte dem Gang, bis er am Stationszimmer angelangte, allerdings von der anderen Seite. Dusty seufzte erleichtert. Wenigstens wusste er, wie er von hier aus zu den Aufzügen kam.

Er blieb wie angewurzelt stehen, als ihm ein Name auf einer der Türen, die zu den Krankenzimmern führten, ins Auge fiel … David Thompson. Nun ja, das beantwortete zumindest die Frage, ob der Bruder noch am Leben war. Dusty sah sich nach beiden Seiten um. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, also drückte er die Tür auf und trat in das Zimmer.

Die Geräte, die sich neben dem Bett aufreihten, erfüllten den Raum mit ihren Geräuschen, und die einzige Lichtquelle war das Fenster, dessen Vorhänge zurückgezogen waren. Ein schmächtiger Körper lag im Bett, über Kabel und Schläuche mit den Geräten daneben verbunden. Ein Bein war vom Knie bis zu den Zehen eingegipst und lag in einer Schlinge, die an einer Stange am Fußende des Bettes befestigt war. Ein Auge war mit einem Stück Gaze bedeckt, das mit einem Verband um seinen Kopf befestigt war. Es erinnerte Dusty unwillkürlich an einen Piraten. Der schmächtige Körper des jungen Mannes war mit Bandagen, Schnittwunden und Blutergüssen übersät. Der Anblick löste Übelkeit in Dusty aus, auch wenn er nicht genau sagen konnte, wieso. Er hätte gar nicht erst herkommen sollen. Dieser Junge war der Bruder des Mannes, der versucht hatte, den Partner seines besten Freundes zu töten.

Doch statt sich umzudrehen und wieder zu gehen, verspürte er den unwiderstehlichen Drang, den Stuhl in der Ecke ans Bett zu ziehen und über den jungen Mann zu wachen, der zerbrochen, verletzt und geschunden vor ihm lag. Und wehe dem, der es wagte, ihm auch nur ein Haar zu krümmen. Und das tat er dann auch.

Dusty wusste nicht, wie viel Zeit verging, während er an Davids Seite saß und beobachtete, wie sein Brustkorb sich bei jedem seiner Atemzüge kaum merklich hob und senkte. Plötzlich zog ein erschrockenes Keuchen hinter ihm seine Aufmerksamkeit auf sich und er wandte sich um, nur um dem Blick einer kleinen Krankenschwester zu begegnen, die ihn mit großen Augen anstarrte. Als sie sich von ihrem Schreck erholt hatte, ging sie zur anderen Seite des Bettes und prüfte alle Schläuche, Monitore und Geräte, ohne Dusty dabei auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

Dann schließlich sprach sie ihn an. »Sind Sie ein Freund der Familie?«

Dusty schüttelte den Kopf. »Nein.« Als er sah, wie ein Anflug von Misstrauen über ihr hübsches Gesicht huschte, fügte er rasch hinzu: »Ich bin ein Freund von David.«

Sie entspannte sich und schenkte Dusty ein Lächeln. »Na Gott sei Dank. Ich dachte schon, der arme Junge habe niemanden auf der Welt, der sich für ihn interessiert.«

Ich interessiere mich für ihn. Auch wenn ich nicht weiß, wieso, dachte Dusty, behielt diesen Teil der Geschichte aber besser für sich.

Als er wieder allein im Raum war, stellte er fest, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, zu bleiben. Er würde David den Rückhalt geben, den er ganz offensichtlich nicht hatte, aber dringender als alles andere brauchte.

Kapitel 1

Dornröschen

Dusty lenkte seinen Pick-up in eine freie Parkbucht in der dritten Etage der Parkgarage. Er stellte den Motor ab, doch er stieg nicht aus. Seine Finger klammerten sich an das Lenkrad, während er vor sich hin starrte und nachdachte. Er war in letzter Zeit beinahe jeden Tag ins Krankenhaus gefahren. Da Jon inzwischen entlassen war, musste er sich keine Sorgen machen, Kory oder jemandem aus der Brennan-Familie über den Weg zu laufen. Dusty wusste nicht genau, wie er es irgendjemandem hätte erklären sollen, dass er den kleinen Bruder des Mannes besuchte, der Jon beinahe umgebracht hätte. Was immer ihn beim ersten Mal dazu gebracht hatte, in David Thompsons Zimmer zu gehen, er hätte nie gedacht, dass er eine Art Beschützerinstinkt für den Jungen entwickeln würde.

Da er lebensgefährliche Verletzungen davongetragen hatte, war David noch in der Nacht seiner Einlieferung in ein künstliches Koma versetzt worden und hatte anschließend einige Tage auf der Intensivstation gelegen. In der Zeit, seit Dusty das erste Mal in Davids Zimmer gegangen war, hatte er herausgefunden, dass viele von Davids Verletzungen schwer waren, doch das, was die Ärzte und Schwestern am meisten beunruhigte, war sein Schädel-Hirn-Trauma. Beinahe zwei Monate später konnte Dusty noch immer nicht begreifen, wie ein Mensch jemanden, den er eigentlich lieben sollte, auf diese grausame Art und Weise zurichten konnte. Dusty war ein Einzelkind und wusste nicht, wie es sich anfühlte, Geschwister zu haben, aber die vier Brennan-Brüder waren das beste Beispiel dafür, wie Geschwisterbande funktionierten: Manchmal wollten sich die drei jüngeren ihren großen Bruder Sal zwar am liebsten vom Hals schaffen, doch wenn es hart auf hart kam, waren sie immer füreinander da.

»Reiß dich zusammen, Dusty«, murmelte er zu sich selbst, ehe er endlich die Schlüssel abzog und die Tür aufstieß.

Als er das Krankenhaus betrat, begrüßte er einige der Schwestern mit einem Lächeln und einem kurzen Nicken. Das Krankenhauspersonal hatte sich ihm gegenüber kulant gezeigt und ihm erlaubt, David weiterhin zu besuchen. Es tat Dusty in der Seele weh, dass sich außer ihm keine Menschenseele um David zu kümmern schien. Einmal hatte er die Schwestern im Stationszimmer belauscht, während er sich einen Kaffee geholt hatte. Scheinbar hatten sie versucht, Davids Mutter anzurufen, doch sie wollte ihren Sohn nicht sehen. Sie hatte sogar behauptet, sie hätte gar keinen Sohn, und dann einfach aufgelegt.

Dusty war so in Gedanken versunken, dass er beinahe mit der Schwester zusammenstieß, die aus Davids Zimmer kam. Er trat einen Schritt zur Seite und entschuldigte sich. »Sorry, Sheila.«

Sie lächelte Dusty an. »Hallo, Dusty. Alles gut bei Ihnen?«

»Kann mich nicht beklagen. Wie geht’s unserem Jungen?«, fragte er und nickte in Richtung von Davids Zimmer.

Ihr Lächeln wankte. »Seine Werte sind gut, aber er ist immer noch nicht aufgewacht.« Sheila warf einen kurzen Blick über die Schulter, und als sie sich wieder zu Dusty umdrehte, war das strahlende Lächeln auf ihre Lippen zurückgekehrt. »Aber er wird aufwachen. Wir müssen ihm nur etwas Zeit geben.«

Dusty nickte beinahe automatisch und versprach Sheila, beim Stationszimmer vorbeizuschauen und ihr Bescheid zu geben, wenn er sich auf den Heimweg machte.

In Davids Zimmer setzte er sich wie üblich auf den Stuhl neben dem Bett. Auch wenn er immer noch nicht aufgewacht war, machte der attraktive, weißblonde Mann einen deutlich besseren Eindruck als zu dem Zeitpunkt, als Dusty ihn das erste Mal gesehen hatte. Alle Verbände über seinem Gesicht und um seinen Kopf waren verschwunden. Der Großteil seiner Schnittwunden und Blutergüsse war verheilt, abgesehen von wenigen Narben und dem dunklen Schatten um sein linkes Auge, die ihn wahrscheinlich für immer daran erinnern würden, was er hatte durchmachen müssen.

Viele verschiedene Ärzte waren in den vergangenen Tagen und Wochen in Davids Zimmer ein- und ausgegangen. Der Chirurg, der Davids Bein operiert, die Brüche begradigt und das Bein eingegipst hatte, war der Meinung, dass David keine bleibenden Schäden zurückbehalten würde, wenn der Gips erst einmal ab war und er die Physiotherapie hinter sich gebracht hatte. So wie es aussah, hatte jeder Teil seines Körpers, der verletzt oder gebrochen war, einen eigenen Arzt. Einschließlich des Augenarztes, der Sheila gegenüber erwähnt hatte, er wäre sich sicher, dass David auf der linken Seite sein Augenlicht verloren hatte. Die Ärzte sprachen selten mit Dusty über die Verletzungen, doch er hatte inzwischen einige Übung darin, die Gespräche der Schwestern zu belauschen. Allerdings gab es für nichts eine Garantie, bis David aus dem Koma erwacht war und die weitreichenderen Verletzungen untersucht werden konnten. Das war der einzige Punkt, in dem sich alle einig waren.

Dusty rückte den Stuhl näher an das Bett heran, griff nach Davids Hand und drückte sie sanft. Hin und wieder würde David die Geste erwidern. Auch hier gab es keine Garantie, doch die Schwestern hatten einen zuversichtlichen Eindruck gemacht, als sie gesagt hatten, David könnte ihn hören, wenn er mit ihm sprach. Sie hatten Dusty dazu ermuntert, seine endlosen Monologe mit dem bewusstlosen David fortzusetzen, die vom Wetter über Sport und alles dazwischen reichten, einschließlich Jon und Kory, die sich gerade an ihre gemeinsame Wohnung gewöhnten.

Während er Davids Hand hielt, strich Dusty ihm eine Strähne seines blonden Haars aus dem Gesicht und lächelte. »Du musst dringend zum Friseur, wenn du aufwachst, D.« Er lachte leise in sich hinein. »Und wahrscheinlich auch eine Rasur.« Dieselben weißblonden Haare bedeckten auch Davids Wangen, Kinn und Hals, die allerdings einen leichten Farbstich hatten, der sie rotblond erscheinen ließ. »William ist jetzt komplett eingezogen, aber erst seit ein paar Wochen. Er hängt immer noch viel bei Vic rum. Seit letzter Woche haben wir am anderen Ende des Flurs einen neuen Nachbarn. Mann, der ist vielleicht heiß, D.« Dusty legte seinen Kopf schräg und beobachtete Davids Hand in seiner, während er gedankenverloren mit dem Daumen über Davids Finger strich. Er hoffte, betete, heute wäre der Tag, an dem er sich aufsetzen und ihm antworten würde.

Er fragte sich nicht zum ersten Mal, was passieren würde, wenn das Krankenhauspersonal herausfand, dass er überhaupt kein Freund von David war. Sicher, Dusty hatte die letzten zwei Monate damit verbracht, an Davids Bett zu sitzen und mit ihm zu reden, aber im Grunde genommen hatte er ihn nie kennengelernt. Dusty hatte sich ausgemalt, wie David sein würde, wenn er aufwachte. Welche Farbe würden seine Augen haben? Dusty stellte sich ein klares Blau vor, wie der Ozean nach einem Sturm. War seine Stimme dunkel und rau, angenehm melodisch oder eher hoch?

Melodisch, entschied Dusty.

Mit einem Seufzen lehnte sich Dusty auf dem Stuhl zurück und gähnte. Er war völlig am Ende. Der Dreh mit Ricardo gestern hatte sich bis spät in die Nacht gezogen und er war erst gegen drei Uhr nachts zu Hause gewesen. Danach war er um acht Uhr aufgestanden, hatte ein Work-out mit seinem Trainer hinter sich gebracht, im Fitnessstudio geduscht und war dann direkt ins Krankenhaus gefahren.

»Nur mal kurz die Augen zumachen«, murmelte er, lehnte seinen Kopf zurück und streckte die Beine aus.

Der Assistenzarzt, der kam, um Davids Infusionsbeutel auszutauschen, weckte Dusty etwa eine Stunde später und fragte, ob er etwas aus der Cafeteria im Erdgeschoss haben wollte.

»Nein, aber danke. Ich sollte langsam los.« Er stand auf, beugte sich, ohne nachzudenken, über David und küsste ihn auf die Stirn. Erst dann wurde ihm bewusst, was er gerade getan hatte. Es war nur eine einfache Geste, die seine Zuneigung ausdrückte, ein freundschaftlicher Kuss. Es fühlte sich natürlich und richtig an, also entschied er sich, die Sache nicht überzuinterpretieren. »Wir sehen uns morgen, D«, flüsterte er. Dusty griff nach der TV-Fernbedienung, die gleichzeitig auch als Notfallknopf diente, und legte sie neben Davids Hand, wie er es immer tat. Dann verließ er das Zimmer.

Er schlurfte zum Aufzug und drückte den Knopf, als ihm einfiel, dass er Sheila versprochen hatte, ihr Bescheid zu geben, wenn er sich auf den Heimweg machte. Also drehte er sich um und ging noch einmal zurück zum Stationszimmer am anderen Ende des Korridors. Er sah Sheila geradewegs auf sich zukommen, also blieb er stehen und wartete auf sie, bevor er sagte: »Ich werd dann mal gehen.«

»Dafür hätten Sie nicht extra den Notfallknopf drücken müssen, Dusty. Vor allem, wenn Sie dann trotzdem durch die ganze Station laufen, um es mir zu sagen«, tadelte sie ihn, die Hände in die Hüften gestemmt.

Dusty erstarrte und seine Augen weiteten sich. »Ich … Ich habe den Notfallknopf nicht gedrückt, Sheila.«

Sie wirbelten herum und rannten den Flur entlang zurück zu Davids Zimmer. Auf den ersten Blick schien alles ruhig. Dann zog ein schwaches »Hallo« Dusty weiter in den Raum hinein.

Sheila ging zur anderen Seite des Bettes und lächelte auf David herab. »Oh, hallo, Dornröschen.« Sie winkte Dusty zu sich.

Ganz langsam trat er an das Bett heran. Er grinste und griff nach Davids Hand, doch David schreckte vor ihm zurück. Seine Augen weiteten sich, als er zu ihm aufsah. Dusty hob entwaffnend die Hände und senkte die Stimme in der Hoffnung, David dadurch zu beruhigen. »Hey, alles ist gut, D. Du bist hier in Sicherheit. Ich werde nicht zulassen, dass dir irgendjemand etwas antut. Versprochen.«

Sobald er Dustys Stimme hörte, schien sich David zu beruhigen. Er streckte eine zittrige Hand nach ihm aus. »Ich weiß, wer du bist. Du bist der Engel aus meinen Träumen. Ich erinnere mich an deine Stimme.« Die Worte klangen, als hätte David mit Glasscherben gegurgelt und seine Zähne danach mit Schmirgelpapier geputzt. Aber es war ganz eindeutig ein melodischer Ton in seiner Stimme zu erkennen, genau wie Dusty es sich vorgestellt hatte.

Er lachte und griff behutsam nach Davids ausgestreckter Hand, um sie zu schütteln. Mit den Füßen zog er den Stuhl näher zu sich heran, sodass er sich setzen konnte, ohne Davids Hand dabei loslassen zu müssen. Zu seinem Unmut musste er sich dann aber doch zumindest so lange zurückziehen, bis die Schwester Davids Vitalfunktionen überprüft hatte, aber er blieb ganz in der Nähe.

Sheila zog gerade die Manschette des Blutdruckmessgeräts von Davids Handgelenk, als einer von Davids vielen Ärzten in den Raum kam und ihn anlächelte. »Schön, dass Sie endlich zu uns stoßen, Mister Thompson«, scherzte er, bevor er zu seiner Untersuchung überging und David fragte, was das Letzte war, woran er sich erinnerte, während seine Hände Davids zahlreiche Verletzungen abtasteten.

»Es ist alles noch ein bisschen unscharf«, sagte er und zuckte zusammen, als der Doktor Druck auf seinen Bauch ausübte. »Ich erinnere mich daran, dass mein Bruder wegen irgendetwas wütend war. Alles danach ist verschwommen. Wieso? Hatte ich einen Autounfall oder so? Habe ich deshalb diesen Gips?«, fragte er und der Herzfrequenzmonitor neben dem Bett schlug immer heftiger aus. Dusty zuckte zusammen, als David seine linke Hand hob und vor seinen Augen hin und her bewegte. »Ich … Ich kann auf dem linken Auge nichts sehen und es fühlt sich seltsam an.«

»Ich sag Ihnen was, David. Lassen Sie mich noch ein paar Labortests und CTs machen und dann reden wir weiter. Okay?«, fragte der Doktor.

David nickte einmal und wandte dann den Kopf zur Seite, um noch einmal nach Dustys Blick zu suchen.

Der Doktor sagte Sheila, was zu tun war, während er etwas in Davids Akte schrieb. Dann verließen beide das Zimmer.

David starrte Dusty an. In seinem Gesicht spiegelte sich Misstrauen. »Wieso habe ich das Gefühl, dass ihr mir alle etwas verheimlicht?«

Dusty schüttelte den Kopf und schenkte David ein ergebenes Lächeln. Verdammt, der Junge war ein ziemlich helles Köpfchen. »Es geht nicht ums Verheimlichen, D, nur ums Warten. Du hast ziemlich lange im Koma gelegen. Es wäre zu viel für dich, wenn wir dir alles auf einmal erzählen. Kannst du dich noch ein bisschen gedulden? Ich werde es dir irgendwann sagen, versprochen.«

David schnaubte. »Du klingst schon wie Dale. Wo ist er überhaupt?«

Oh verdammt. Er kann sich wirklich an nichts erinnern.

Zu Dustys Glück kam Sheila in diesem Augenblick zurück und es gelang ihr, David erfolgreich abzulenken. Dusty sprach sie auf seine Sorgen bezüglich Davids Gedächtnisverlust an, doch sie versicherte ihm, dass es nicht unüblich war, sich nach einem Schädel-Hirn-Trauma an nichts zu erinnern. »Deshalb hat der Doktor die CT angefordert. Machen Sie sich nicht so viele Gedanken. Wir warten einfach auf die Ergebnisse, okay?«

Dusty nickte, doch er war nicht so recht überzeugt.

Die vielen Tage und Wochen, die er an Davids Bett verbracht und gehofft und gebetet hatte, er würde aufwachen, waren nichts gegen das, was Dusty in den zwei Stunden durchmachen musste, in denen er auf die CT-Bilder wartete. David war völlig erschöpft, als er zurück in sein Zimmer kam. Sobald er sich vergewissert hatte, dass Dusty immer noch da war, fiel er sofort ins Bett und schlief, bis der Doktor kam, um mit ihm über die Ergebnisse zu sprechen.

»Sie haben ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten, Mister Thompson. Auf den Bildern ist zu erkennen, dass einige Regionen immer noch geschwollen sind, das erklärt die Beeinträchtigung Ihres Erinnerungsvermögens. Die kognitiven Funktionen Ihres Gehirns sind allerdings sehr gut, also gehe ich davon aus, dass Sie keine bleibenden Schäden davontragen werden. Sobald die Schwellung weiter abnimmt, werden Sie den Großteil Ihrer Erinnerungen zurückerlangen. Vielleicht sogar alle«, gab der Doktor bekannt.

»Was denken Sie, wie lange ich noch hierbleiben muss?«, wollte David wissen.

Der ältere Herr im weißen Kittel gluckste, lehnte sich vor und klopfte behutsam auf Davids Bein. »Also wenn Sie weiter solche Fortschritte machen, denke ich, noch eine Woche, höchstens zwei. Ich ordne eine weitere CT für übermorgen an, sodass wir die Schwellung weiter beobachten können. Danach können wir über Ihre Entlassung sprechen. Wie klingt das?«

Dusty war froh, dass der Doktor so direkt war und nicht versuchte, irgendetwas schönzureden.

Als David nicht sofort antwortete, sprang Dusty für ihn ein. »Klingt gut, Doc.«

»Vergessen Sie nicht, den Papierkram zu erledigen, Mister Thompson, damit wir Ihren Freund hier auch weiterhin über Ihren Gesundheitszustand informieren dürfen«, sagte der Doktor, bevor er etwas in Davids Patientenakte schrieb und sie der Schwester reichte. Dann verabschiedete er sich mit einem weiteren Lächeln.

David nickte mit einem Gähnen und reckte sich.

Dusty lachte. »Wieso versuchst du nicht, ein bisschen zu schlafen?«

»Nur, wenn du mir versprichst, dass du immer noch hier sein wirst, wenn ich aufwache.«

Dusty nickte, und als sich ihre Blicke trafen, prüfte er unbewusst die Farbe seiner Augen. Sie waren blau, genau, wie er es sich vorgestellt hatte. Im Moment waren sie blutunterlaufen, aber Dusty war sich sicher, sobald das Rot verschwunden war, würden sie kristallklar sein wie ein Wasserfall in einem tropischen Inselparadies.

Kapitel 2

Coming-out

David hatte Angst, seine Augen zu schließen. Was, wenn der Mann, der neben seinem Bett saß, sich einfach auflöste, so wie seine Erinnerungen? Warum wusste er nicht, was passiert war? Warum konnte er sich nicht an Dusty erinnern? Er musste ihn kennen; seine Stimme war wie die Ruhe nach einem wütenden Sturm: etwas, an dem er sich festhalten konnte, auch wenn er nicht wusste, wieso. Seine Kopfschmerzen klangen langsam ab. Das Schmerzmittel, das ihm die Schwester gegeben hatte, bevor sie gegangen war, begann zu wirken. Seine Lider wurden schwer und das leise Piepen der Maschine, an der er hing, ging mehr und mehr in Rauschen über. Dann glitt er langsam in einen unruhigen Schlaf.

***

»Was soll das heißen, du bist schwul?«, brachte Dale zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Welchen Teil davon verstehst du nicht, Dale? Ich bin schwul.« David zuckte mit den Schultern und warf seinem großen Bruder einen Blick zu, der ihn fragte, ob er Chinesisch sprach.

»Das ist widerlich, Davie, und es ist nicht witzig«, schrie Dale. Sein plötzlicher Wutausbruch ließ David einige Schritte zurückstolpern. Nur für den Fall, dass sein Bruder plötzlich zuschlug. Dale Thompson war immer schon ein Tyrann gewesen, und dass David sein eigen Fleisch und Blut war, hatte dabei nie eine Rolle gespielt. Wenn überhaupt, dann ging Dale mit seinem kleinen Bruder nur noch härter ins Gericht.

»Das heißt also, du findest mich widerlich? Denn ich bin schwul, Dale. Ich bin, wie ich bin, und ich kann es nicht ändern.« David senkte seine Stimme, um seinen Bruder zu beruhigen, bevor die Dinge außer Kontrolle geraten konnten.

Dale knurrte ihn an, fletschte die Zähne und ballte die Hände zu Fäusten, bevor er vorschnellte und David mit dem Rücken an die Wand drängte. Eine seiner großen, fleischigen Hände packte David an der Gurgel und hob ihn hoch, sodass seine Füße einige Zentimeter über dem Boden hingen. »Du hörst mir jetzt genau zu, du kleines Stück Scheiße. Du bist nicht schwul, hast du mich verstanden? Du schlägst dir diesen Blödsinn aus deinem kleinen Spatzenhirn, bevor ich ihn aus dir rausprügle, kapiert, Davie?«

»Dale Thompson, du lässt deinen Bruder sofort los!« Ihre Mutter schlug die Haustür hinter sich zu, ließ ihre Einkäufe, ihre Handtasche und ihre Schlüssel fallen, rannte auf sie zu und packte Dale am Arm. Er versuchte nicht, sich ihrer Mutter zu widersetzen. Stattdessen gab er nach und ließ seine Hand sinken. Dann trat er einige Schritte zurück und ging wie ein Raubtier im Käfig im Zimmer auf und ab.

David landete mit dem Hintern auf dem harten Holzboden.

Seine Mutter kniete sich neben ihn und hob sein Kinn, um ihm in die Augen zu sehen. »Hat er dir wieder wehgetan, Schatz?«, fragte sie, während Tränen in ihre Augen stiegen. Sie drehte sich um und sah zu Dale hinauf. »Verdammt, Dale! Du hast mir versprochen, dass das aufhört! Er hat ein Würgemal von dir am Hals. Was ist hier los, Jungs?«

Dale blieb stehen. Er beugte sich vor und spuckte David vor die Füße. »Wieso fragst du nicht deinen kleinen, süßen Engel da, was hier los ist? Komm schon, sag deiner Mutter, dass du darauf stehst, an Schwänzen zu lutschen, Davie. Dann sehen wir, ob sie immer noch auf deiner Seite ist.«

Diane Thompson keuchte und schlug die Hand vor den Mund, während sie ihren älteren Sohn ansah, als hätte er den Verstand verloren. »Das reicht jetzt …«

Dale brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Frag ihn, Mom.«

Diane wandte sich um und sah ihren jüngeren Sohn an. Er lehnte an der Wand und zitterte wie Espenlaub. Offensichtlich hatte er Angst, dass sein Bruder ihm etwas antun könnte. Tränen liefen über seine Wangen und große, hellblaue Augen flehten sie stumm um Hilfe an. »Davie, Schatz, was redet dein Bruder da?«

Ganz langsam stand David auf, darauf bedacht, auf der anderen Seite seiner Mutter zu bleiben, außerhalb der Reichweite seines Bruders, wie er hoffte. »Ich … Ich bin …« Er hustete. Nach dem Würgegriff fühlte sich seine Kehle rau und trocken an.

»Er ist schwul, Mom! Schwul. Dein armer kleiner Schatz steht auf Kerle statt auf Frauen. Das ist hier los.« Dale verschränkte die Arme und starrte seinen kleinen Bruder so hasserfüllt an, dass David erschauderte. Sie beide hatten nie das beste Verhältnis gehabt. Die acht Jahre Altersunterschied steuerten nur einen Bruchteil zu dem klaffenden Abgrund bei, der die beiden Thompson-Brüder voneinander trennte. Dale sah aus wie ein Gorilla, David dagegen war klein und schlank. Abgesehen von ihrem Nachnamen, waren ihre tiefblauen Augen und das weißblonde Haar das Einzige, was die beiden miteinander verband.

»Davie, Schatz, ist das wahr?«, flüsterte seine Mutter und riss David damit aus seinen Gedanken.

Da er sich nicht sicher war, ob seine Stimme ihm gehorchen würde, nickte David nur.

Dianes Augen weiteten sich vor Entsetzen und sie stolperte einige Schritte zurück. »Nein, Davie, du bist nur ein bisschen durcheinander. Du kannst nicht schwul sein, mein Süßer. Das wäre abscheulich. Eine Sünde.«

Davids Herz sank. Er hatte gewusst, dass es nicht leicht sein würde, dass sein grobschlächtiger Bruder und seine gläubige Mutter ein Problem damit haben würden. Doch mit dem abgrundtief hasserfüllten Blick, den sein Bruder ihm zuwarf, hatte er nicht gerechnet.

Als Diane den ersten Schreck schließlich überwunden hatte, kam sie wieder zu ihm zurück, nahm ihn in die Arme und zog ihn an ihre Brust. »Ist schon gut, Schatz, wir rufen Vater Felps an und bitten ihn, herzukommen. Wir finden schon eine Lösung.« Sie drehte sich zu Dale um. »Dale, ruf Vater Felps an und sag ihm, dass er sich beeilen soll. Das hier ist ein Notfall und …«

Doch bevor sie ihren Satz beenden konnte, befreite sich David aus ihren Armen. »Nein. Es ist alles in Ordnung damit, mit mir, Mom. Ich bin schwul. Verstehst du? Ich bin einfach so«, sagte er.

»Du machst mich krank, du beschissene Schwuchtel«, knurrte Dale und ging noch einmal auf seinen Bruder zu, doch er kam nicht weit. Seine Mutter packte ihn am Arm, drehte ihn zu sich herum und schlug ihm hart ins Gesicht.

»Solche Wörter nimmst du in meinem Haus nicht in den Mund, Dale Thompson. Jetzt geh und tu, was ich dir gesagt habe. Ich kümmere mich um David.« Sie schob Dale in Richtung der Küche, wo das Telefon hing. Dann drehte sie sich wieder zu David um und öffnete ihre Arme. Seine Mutter war vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der damit davonkam, so mit ihrem älteren Sohn zu sprechen. »Bitte, Schatz, lass Mama dir helfen.«

David entschied sich, mitzuspielen, zumindest für den Augenblick. Seine Mutter hatte ihn immer vor seinem älteren, viel größeren, unbezwingbaren Bruder beschützt. Dieses Mal würde es nicht anders sein, richtig? Er knickte ein und ließ sich in die Wärme ihrer Arme sinken. Er war ausgelaugt und verwirrt, wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Als Belohnung schenkte seine Mutter ihm einige Sekunden Ruhe und Frieden, bis sie erneut den Mund öffnete und den Schutzschild zerbrach, den ihre Arme über David gelegt hatten.

»Alles ist gut, mein Engel, Mama sorgt dafür, dass alles wieder in Ordnung kommt. Vater Felps wird kommen und uns helfen, diesen Dämon der Unzucht auszutreiben. Er wird dich von dem Bösen befreien, das in dir ist.«

David stieß sie zurück und ließ sich nicht von dem verletzten Ausdruck auf ihrem Gesicht einlullen. »Nein, Mom. Gott, da ist nichts, was man in Ordnung bringen müsste. Es ist nichts dabei, schwul zu sein.«

***

»Nein, Mom … sag das nicht.« David schreckte auf, atemlos und verängstigt. Er drückte gegen die Arme, die ihn hielten, fest davon überzeugt, dass sie seiner Mutter gehörten. Dann erst wurde ihm bewusst, dass es Dusty war, der ihn an sich drückte und ihn so davon abhielt, sich die Infusion abzureißen oder eines der anderen technischen Geräte, an denen er hing.

»D, hey, es ist alles okay.« Dusty saß auf der Bettkante und hielt David schützend in seinen starken Armen. Er strich ihm langsam mit den Händen über den Rücken, um ihn zu beruhigen. »Du hattest einen Albtraum, D. Du bist immer noch bei mir im Krankenhaus. Alles ist gut.«

Dustys Stimme allein genügte, um sein rasendes Herz zu beruhigen. Diese Stimme war so vertraut und doch hatte David nicht eine einzige Erinnerung an diesen Mann, der nach Zimt und Muskat roch. Er nahm einen tiefen Atemzug und prägte sich den Geruch ganz genau ein, während David noch immer mit beruhigend sanfter Stimme auf ihn einredete, ihn fest im Arm hielt und behutsam von einer Seite zur anderen wiegte. »Wieso nennst du mich D?«, fragte er und Dusty lachte.

Er setzte sich auf, drückte David eine Armlänge von sich weg und lächelte ihn an. »Bist du jetzt wieder unter den Lebenden?«

David nickte.

Bevor Dusty seine Frage beantworten konnte, kam eine Schwester ins Zimmer gerannt. »Was ist passiert?« Sie sah von Dusty zu David, dann wieder zu Dusty und zog die falschen Schlüsse. »Dusty, schieben Sie Ihren Hintern gefälligst wieder zurück auf den Stuhl.« Sie zeigte mit dem Finger darauf, während sie näher an das Bett herantrat. »David muss sich ausruhen. Während meiner Schicht gibt es hier keine Ferkeleien, kapiert?«

Dusty schüttelte lachend den Kopf. Er stand auf und setzte sich zurück auf den Stuhl. Sofort begann David die Wärme seiner Arme zu vermissen.

»Ich hatte einen Albtraum. Er wollte mich beruhigen, das ist alles«, verteidigte David ihn.

»Mmmhmmm.« Die Schwester sah sie misstrauisch an. Offensichtlich war sie nicht überzeugt. Sie prüfte alle Monitore und Davids Infusion, bevor sie die beiden wieder allein ließ, nicht ohne die wenig überzeugende Warnung, Dusty aus dem Zimmer zu werfen, wenn sie ihn noch einmal in Davids Bett erwischte.

Sie beide lachten, sobald sie verschwunden war.

»Hey, willst du mir nicht sagen, wovon du geträumt hast?« Dusty lehnte sich näher zu ihm und nahm seine Hand. Diese kleine Berührung genügte, um ein intensives Kribbeln Davids Arm hinaufzuschicken.

Er starrte einen Augenblick lang auf ihre verbundenen Hände hinab, bevor er langsam den Blick hob und Dusty ins Gesicht sah. Gott, dieser Mann war umwerfend. Er hatte ein rundes Gesicht, eingerahmt von widerspenstigem, lockig braunem Haar, und dunkelbraune Augen, die zu leuchten schienen, wenn er lächelte, so wie jetzt. Während David Dustys Gesichtszüge betrachtete, fragte er sich, wie alt er wohl war. Er hatte kaum sichtbare Lachfältchen um die Mundwinkel und Augen. Viele sagten, dass Lachfalten ein Zeichen des Alterns wären, aber für David waren sie ein Zeichen für ein glückliches Leben.

Dustys Lippen begannen sich zu bewegen. Sie kräuselten sich langsam zu einem Lächeln, während er eine seiner Hände vor Davids Gesicht hin und her bewegte.

David blinzelte einige Male und fokussierte dann Dustys attraktives Lächeln und seine Lippen, die sich wieder in Bewegung setzten, als er zu sprechen begann.

»Bist du okay, D?«, fragte er.

David nickte. »Ja, es ist nur … Wieso nennst du mich D? Und wieso kann ich mich nicht an dich erinnern? Ich meine, ich kenne deine Stimme, aber ich kann mich einfach nicht an dich erinnern, so sehr ich es auch versuche.«

David beobachtete ihn genau. Er war sicher, so etwas wie Sorge in seinen Augen aufblitzen gesehen zu haben, doch sie wurde rasch durch ein mildes Lächeln ersetzt. »Wir kannten uns nicht, bevor du verletzt wurdest, D, aber ich war hier an deiner Seite und habe die letzten Monate beinahe jeden Tag mit dir gesprochen. Das ist wahrscheinlich der Grund, wieso du dich an meine Stimme erinnerst. Und ich nenne dich D, weil mein bester Freund Kory mich sehr oft D nennt anstelle von Dusty. Ich denke, das hat sich eingeprägt.« Dusty zuckte mit den Schultern und strich mit dem Daumen über Davids Fingerknöchel. Die vertrauliche Geste löste ein merkwürdiges Gefühl in Davids Magengegend aus, machte ihn nervös – aber auf eine positive Art und Weise, und gab ihm ein Gefühl von Sicherheit.

David fragte sich, wieso Dusty überhaupt hier war. Was hatte ihn zu ihm geführt und dazu gebracht, bei einem völlig Fremden wie ihm zu bleiben? Doch er brachte seine Fragen nicht über die Lippen. Dustys Finger, die noch immer über seine Knöchel strichen, brachten ihn völlig aus dem Konzept. Obwohl er das Gefühl genoss, zog David schließlich langsam seine Hand zurück. Sein Kopf war schon jetzt voll von Dingen, die er nicht verstand. Er musste diese Frage einfach loswerden. »Wieso bist du hier, Dusty? Ich meine, wieso bist du überhaupt hierhergekommen, wenn du mich gar nicht kanntest?«

Etwas blitzte in den Tiefen von Dustys braunen Augen auf, doch es war sofort wieder verschwunden, ohne dass David sagen konnte, was es gewesen war.

Bevor Dusty antworten konnte, kam ein Assistenzarzt mit einem Pappbecher ins Zimmer, in dem zwei Tabletten lagen. »Bitte sehr. Der Doktor möchte, dass Sie Ihr Antibiotikum ab jetzt oral einnehmen. Das andere ist ein entzündungshemmendes Mittel für Ihr Bein.« Der Assistenzarzt griff nach der Tasse und dem Wasserkrug auf dem Nachttisch neben dem Bett. Er füllte die Tasse und reichte sie David, dann zog er beide Augenbrauen hoch, während sein Blick von dem Pappbecher in Davids Händen zu der Tasse mit dem Wasser wanderte.

»Oh, tut mir leid«, entschuldigte sich David, nahm die Tabletten in den Mund und spülte sie mit dem Wasser aus der Tasse herunter.

Der Assistenzarzt lächelte und klopfte David aufs Bein, warf den Pappbecher in den Papierkorb und war kurz darauf schon wieder aus der Tür.

Wo waren sie stehen geblieben? Der zärtliche Blick, den Dusty ihm zuwarf, als er den Kopf hob, machte David nervös und ließ ihn vergessen, dass Dusty seine Frage noch gar nicht beantwortet hatte. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Sie sahen sich einfach nur an. Normalerweise war David zu schüchtern, um anderen länger als ein paar Sekunden in die Augen zu sehen. Doch irgendetwas an Dusty zog ihn zu ihm hin wie die Motte zum Licht. In Dustys Augen lag eine Güte, die David in seinem jungen Leben noch nicht oft gesehen hatte. Dieser Mann zog ihn regelrecht in seinen Bann. Auch wenn sich David immer noch ziemlich sicher war, dass Dusty ihm etwas verheimlichte, war er davon überzeugt, dass dieser Mann nichts Böses im Schilde führte.

Plötzlich hatte er einen Flashback. Sein Bruder Dale, der ihn anknurrte, der wegen seiner schmächtigen Statur und femininen Züge auf ihm herumhackte. Sein Körper begann unwillkürlich zu zittern.

Dusty, der denken musste, dass ihm kalt war, stand auf und griff nach der weichen, weißen Decke. Er zog sie bis zu Davids Brust nach oben und steckte sie unter seinen Armen fest. Dusty räusperte sich und setzte sich wieder auf den Stuhl. »Also, willst du mir nicht erzählen, was du geträumt hast, D?«

David nickte. Er griff nach dem Wasser und nahm einige große Züge, um den Kloß in seinem Hals hinunterzuspülen. Mit Dustys Hilfe brachte er das Bett in eine aufrechte Position und stopfte sich einige Kissen in den Rücken, sodass er aufrecht sitzen konnte. »Ich habe von dem Tag geträumt, an dem ich meiner Mutter und meinem Bruder Dale gesagt habe, dass ich schwul sei. Sie waren nicht gerade begeistert.« David schnaubte. Es klang beinahe wie ein Lachen, doch es lag keine Freude darin. »Ich dachte, mein Bruder würde mich umbringen, aber dann ist Mom nach Hause gekommen und hat ihn zurückgehalten. Aber sie hat immer wieder gesagt, das sei eine Sünde, abscheulich, dass ich nicht schwul sein könne.« David starrte auf seinen Schoß und zupfte mit der Hand, die Dusty nicht hielt, abwesend an den Nähten der Decke über seinen Beinen herum. »Sie hat ihren Pfarrer gerufen und die drei saßen dann mit mir in der Küche und haben versucht, mir einzureden, dass ich mich irre und alles wieder gut werde, wenn ich Gott um Hilfe bitte.« Als er es schließlich wagte, kurz zu Dusty aufzusehen, sah er, dass sich der Schmerz, den er in dieser Nacht durchlebt hatte, in Dustys Augen spiegelte.

Dusty streckte die Arme nach ihm aus und nahm Davids Gesicht in beide Hände. »Es tut mir so leid, dass du das durchmachen musstest, D. Du weißt, dass es nichts Schlechtes ist, schwul zu sein, oder?«

David nickte und fragte sich, wann um alles in der Welt er die Fähigkeit zu sprechen verloren hatte. Irgendetwas an dem Mann, der neben ihm saß und sein Gesicht streichelte, irritierte ihn. Er war attraktiv, warmherzig und aufrichtig. Aber wieso?

»Ich kann sehen, wie die Rädchen hinter deiner Stirn wieder anfangen zu rattern, D. Ich habe dir versprochen, dass ich dir irgendwann alles erzähle, und das meinte ich ernst. Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass ich nur das Beste für dich will?« Dusty beobachtete ihn aufmerksam, als ob er dachte, David könnte nein sagen.

Unwillkürlich schloss David die Augen, seufzte und lehnte sich in die Hand, die noch immer auf seiner Wange lag. »Ja, D, ich glaube dir«, flüsterte er und er tat es wirklich. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, schließlich hatte ihm Dusty bisher quasi überhaupt nichts erzählt, doch in seiner Gegenwart fühlte sich David vollkommen sicher. Für ihn war er wie ein Schutzengel. Wieso auch immer Dusty hier war, David wollte, nein, brauchte ihn an seiner Seite.

Dusty lachte und das Geräusch brachte ein Lächeln auf Davids Lippen.

»Hey, du nennst mich D statt David, also nenne ich dich jetzt auch D statt Dusty. Klingt für mich ziemlich fair.« Davids trotziger Unterton entlockte Dusty ein weiteres leises Lachen.

»Sieht so aus, als fühle sich hier jemand besser«, scherzte er. »Aber Spaß beiseite. Ich denke, ich sollte mich langsam auf den Heimweg machen, damit du dich ausruhen kannst.«

Als Dusty aufstehen wollte, griff David panisch nach seiner Hand und zog ihn zurück zum Bett. »Nein, bitte geh nicht. Bleib bei mir«, flehte er ihn an.

»Okay, D, wenn du willst, bleibe ich.« Dusty schoss die Warnung der Schwester in den Wind und setzte sich zu David aufs Bett, zog seinen nun zitternden Körper in seine Arme. »Sag mir, wieso du zitterst, D«, flüsterte Dusty in sein seidiges, blondes Haar.

David hörte ein leises Knarren an der Tür und wusste, dass die Schwester zurück war, doch er wagte es nicht, zu ihr aufzusehen. Er konnte nur beten, dass sie verstand, was hier tatsächlich vor sich ging, und es ihnen durchgehen ließ. David atmete mehrmals zittrig ein und aus, bevor er sprach. »Ich … Ich weiß nicht, D. Es ist nur … Als du gesagt hast, dass du gehst, hatte ich plötzlich Angst. Ich weiß nicht, wieso, aber ich will einfach nicht allein sein. Bitte geh nicht.«

Dusty drückte ihn noch ein wenig fester an sich und strich mit der Hand über seinen Rücken, um ihn zu beruhigen. »Wenn die Schwestern es erlauben, bleibe ich, D, versprochen.«

David fuhr auf, als eine dritte Hand seinen Rücken berührte. Es war Schwester Megan und er betete, dass sie Dusty nicht aus dem Zimmer warf, weil sie ihn wieder bei ihm auf dem Bett erwischte, obwohl sie ihn gerade erst ermahnt hatte. Sie lächelte verständnisvoll. »Alles in Ordnung, David?«

»Ja, ich … Ich bin okay. Kann Dusty über Nacht bleiben? Ich will nicht allein sein.«

Megan warf einen kurzen Blick auf ihre Uhr. »Streng genommen ist die Besuchszeit um neun zu Ende. Aber … solange Sie mir versprechen, dass er nicht bei Ihnen im Bett schläft, haben Sie meine Erlaubnis.« Sie sah sie beide streng an, eine Augenbraue erhoben.

Sie stimmten hastig zu.

»In Ordnung, dann lasse ich Ihnen eine Liege hier runterbringen, Dusty.« Sie ging zur anderen Seite des Bettes und überprüfte die Anzeige von Davids Monitor, nicht ohne Dusty noch einen scharfen Blick zuzuwerfen.

»Oh, sorry.« Er stand auf, setzte sich zurück auf den Stuhl und grinste sie an.

David schüttelte den Kopf, wandte sich um und sah zu der Schwester auf, die gerade sein Handgelenk hielt und dabei auf ihre Uhr sah.

»Hier sieht alles gut aus, David. Haben Sie Schmerzen?«, fragte sie.

Er hatte nicht einmal einen Gedanken an seine Verletzungen verschwendet, bevor sie danach gefragt hatte. Wenn er sich gerade nicht komplett auf Dusty konzentrierte, musste er zugeben, dass sein Bein pochte und juckte und sein Kopf immer noch ein wenig schmerzte.

Sie zog eine Spritze aus der Tasche ihrer Schwesterntracht, zog die Kappe ab und spritzte ein Schmerzmittel in die Infusionsnadel in seinem Arm.

Er fühlte sich beinahe sofort ein wenig benommen.

Megan klopfte ihm auf das ungegipste Bein, als sie am Fußende des Bettes vorbeiging. »Wieso ruhen Sie sich nicht einen Augenblick aus, David, und ich borge mir Dusty aus, um ihm eine Decke und ein Kissen zu besorgen und ein OP-Hemd, das er überziehen kann?«

David nickte. Seine Augenlider wurden langsam schwer. Falls er gleich wieder träumte, konnte er nur hoffen, dass es ein schönerer Traum sein würde als der letzte. Etwas Unanständiges über ihn und seinen Schutzengel zum Beispiel.

Kapitel 3

Reinen Tisch machen

Dusty warf einen Blick über die Schulter, während er Megan den Gang entlang zum Stationszimmer folgte. Er wartete, bis sie sich ein ganzes Stück weit entfernt hatten, bevor er zu sprechen begann. »Wie lange wird er mit dem Medikament jetzt schlafen?«

»Mindestens ein paar Stunden, hoffentlich länger. Ich habe die Dosis erhöht, weil die Wirkung das letzte Mal so schnell nachgelassen hat. Wieso?«, fragte sie.

»Ist der Doktor noch auf Visite?«

Sie legte den Kopf schräg und sah ihn misstrauisch an, bevor sie sich umdrehte und einen der Schränke gegenüber dem Stationszimmer öffnete, um ein abgetragenes OP-Hemd hervorzuziehen, damit Dusty sich für die Nacht umziehen konnte. »Ich kann den Doktor anpiepsen, aber ich wüsste gerne, was Sie von ihm wollen.«

Er nahm ihr das OP-Hemd ab und ging einige Schritte in Richtung der Toiletten. »Können Sie dem Doktor sagen, dass er zu uns kommen soll? Dann erkläre ich alles.« Sie nickte und er wandte sich ab, um sich in den Toiletten umzuziehen.

Sie wartete bereits auf ihn, als er zurückkam, das Gewicht auf den einen Fuß verlagert, während sie mit dem anderen ungeduldig auf den Linoleumboden tippte. »Jetzt spucken Sie’s schon aus.«

Dusty schüttelte den Kopf und musste sich ein Lachen verkneifen. Sie war wirklich hartnäckig. »Ist der Doktor da?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Okay, sobald er hier ist, rede ich. Aber ich will nicht alles zweimal erzählen, also …«, er nickte in Richtung des Kaffeeautomaten, »wollen Sie einen Kaffee?«

Als der Doktor schließlich kam, führte Megan sie in ein kleines Wartezimmer für Familien und schloss die Tür. Dusty dachte, dass es an der Zeit war, reinen Tisch zu machen, also tat er es auch. Angefangen von der ersten Nacht, in der er Megan und eine andere Schwester in Davids Zimmer hatte reden hören, bis hin zu seiner Beziehung zu Kory und Jon.

»Ich gebe zu, als ich das erste Mal in sein Zimmer gekommen bin, war ich wohl einfach nur ein bisschen neugierig, aber als ich ihn dann gesehen habe …« Er unterbrach sich und starrte auf seine Füße, versuchte, die richtigen Worte zu finden, zu entscheiden, was er sagen sollte, um nicht doch noch aus dem Krankenhaus geworfen zu werden.

»Reden Sie weiter«, spornte der Doktor ihn an.

Na ja, zumindest klingt er nicht wütend, dachte Dusty.

»Als ich ihn dann gesehen habe und was sein Bruder ihm angetan hat, da hat sich die Wut darüber, was Dale Thompson meiner Familie angetan hat, einfach aufgelöst. Mir ist bewusst geworden, dass David auch nur ein Opfer ist, genauso wie Gio, der im Leichenschauhaus liegt, und Jon, der zu dieser Zeit nur fünf Türen von David entfernt im Krankenbett lag. Als dann Tage und Wochen vergangen sind und niemand gekommen ist, um ihn zu besuchen, hat einfach dieser Beschützerinstinkt übernommen und ich konnte ihn nicht mehr allein lassen. Ich denke, dass es auf irgendeine verdrehte Weise Schicksal gewesen sein muss, dass ich ihm begegnet bin. Ich weiß noch nicht, was dabei meine Aufgabe ist, aber ich will bei ihm bleiben und es herausfinden.«

Der Doktor warf Megan einen kurzen Blick zu. Die beiden schienen sich ohne Worte zu verständigen. Sie nickte dem Doktor zu, bevor sie sich an Dusty wandte. »Wieso sagen Sie uns das ausgerechnet jetzt, Dusty? Wir wussten von nichts und hätten jedes Recht, Sie von ihm fernzuhalten, das ist Ihnen bewusst. Also wieso sollten Sie uns davon erzählen?«

»Weil ich wissen muss, was ich ihm sagen kann und was nicht. Er stellt eine Menge Fragen und irgendwann werde ich sie beantworten müssen. Aber wenn ich ihm alles sage, bevor er sich daran erinnern kann, was mit ihm passiert ist … Ich glaube nicht, dass er damit umgehen könnte.« Dusty wusste, dass er aufgeregt klang, vielleicht sogar ein bisschen übergeschnappt, doch er musste sie davon überzeugen, dass er nur das Beste für David wollte.

»In Ordnung, junger Mann, wir nehmen Sie fürs Erste beim Wort.« Im Blick des Doktors lag eine Intensität, die deutlich zeigte, dass es ihm damit ernst war.

Dusty nickte rasch und all die Ängste und Sorgen, die ihn erfüllt hatten, seit er im Warteraum Platz genommen hatte, fielen von ihm ab.

»Woran kann er sich bis jetzt erinnern?«, fragte der Doktor.

»Als er das erste Mal aufgewacht ist, hat er gefragt, wo sein Bruder ist. Zum Glück kam die Schwester rein und hat ihn abgelenkt, sodass ich ihm die Frage nicht beantworten musste. Aber dann hatte er einen Traum über den Tag, an dem er sich gegenüber seiner Mutter und seinem Bruder geoutet hat, ganz nah an der Grenze zu einem Albtraum. Er war ganz rot im Gesicht, verschwitzt und ein wenig durcheinander, als er aufgewacht ist«, erzählte Dusty den beiden von Davids Traum. »Oh und er weiß, dass er mich nicht kennt, aber er erinnert sich an meine Stimme. Sie beruhigt ihn. Ich weiß, dass er ein Recht hat, die Wahrheit zu erfahren, aber denken Sie nicht auch, dass ich warten sollte, um zu sehen, ob er sich von selbst erinnert?« Dusty sah den Doktor an, davon überzeugt, dass er ihm die richtige Antwort geben konnte.

Der ältere Mann mit dem ergrauenden, schwarzen Haar und den intensiven blauen Augen schürzte die Lippen und nickte langsam. »Ja, ich denke, damit haben Sie recht, junger Mann. Bevor Sie ihm irgendetwas sagen, sollten wir ihm allerdings, denke ich, einen Psychiater zur Seite stellen, nur zur Sicherheit. Wenn er sich irgendwann daran erinnert, was sein Bruder ihm angetan hat, könnte das negative Auswirkungen auf seine Psyche haben. Ich werde das an die Krankenhauspsychiatrie übermitteln …«

Dusty unterbrach den Doktor mit einer Handbewegung. »Ich kenne einen Therapeuten. Ich kann ihn fragen, ob er mit David sprechen würde. Wenn das für Sie in Ordnung ist, natürlich.« Dusty kramte in seinen Hosentaschen nach seinem Handy.

»Wer ist dieser Therapeut, den Sie kennen? Und woher genau kennen Sie ihn?«, fragte Megan.

Dusty scrollte durch seine Kontakte, bis er bei Tristans Nummer angelangte. »Er ist, genau genommen, der Bruder des Partners meines besten Freunds, Tristan Brennan.«

»Moment mal, Dusty, ist das nicht Jon Brennans Bruder? Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist«, äußerte Megan ihre Bedenken bezüglich Dustys Vorschlag unter Berücksichtigung, wer David war.

»Das ist kein Problem, ehrlich. Tristan ist Therapeut mit Leib und Seele und stellt seinen Eid über alles. Er wird niemandem etwas sagen. Selbst wenn er David nicht als Patienten annimmt, würde er niemals irgendjemandem auch nur ein Sterbenswort erzählen. Er wird mir vielleicht in den Hintern treten, weil ich das alles vor den Jungs geheim halte, aber hey, das ist mein Problem, nicht Ihres«, versuchte Dusty Megan zu überzeugen.

»Ist schon in Ordnung, Megan.« Der Doktor klopfte mit der Hand auf ihr Knie. »Ich habe schon mit Tristan Brennan zusammengearbeitet. Er ist ein absoluter Profi.« Er sah wieder zu Dusty. »Lassen Sie mich wissen, was Tristan geantwortet hat.«

Dusty nickte.

Der Doktor starrte ihn eine Weile an und schien zu überlegen, was er noch sagen wollte. »Vergessen Sie nicht, Davids Zustand ist instabil, junger Mann. Ich weiß die Zuwendung und Fürsorge zu schätzen, die Sie ihm bisher entgegengebracht haben, und ich vertraue darauf, dass Ihre Intention unverändert bleibt.«

Bevor Dusty antworten konnte, stand der Doktor auf und ließ ihn mit Megan allein im Warteraum zurück.

»Ich hoffe, das war die richtige Entscheidung, Dusty. Der arme Junge musste schon genug durchmachen. Ich sehe noch mal nach ihm, solange Sie mit dem Therapeuten telefonieren.« Damit ließ sie Dusty in dem kleinen Warteraum allein zurück.

Dusty musste unwillkürlich an die Redensart Gut gemeint heißt nicht gut gemacht denken. Er schnaubte und drehte sich um. Sein Blick blieb an dem Cola-Automaten in der Ecke hängen, der noch immer eine Delle hatte, dort, wo Korys Stiefel ihn getroffen hatte. Das war in der Nacht der Schießerei gewesen, als er erfahren hatte, dass Gio tot war. »Die Welt ist wirklich verdammt klein«, murmelte Dusty. Dann tippte er auf das Telefon-Icon neben Tristans Namen in seiner Favoritenliste.

***

»Ich weiß, dass wir uns nicht so gut kennen, Dusty, aber du hättest dir denken können, dass ich davon nicht begeistern sein würde.« Tristan seufzte und ging in dem kleinen Warteraum auf und ab. »Dir ist schon bewusst, dass das hier derselbe Raum ist, in dem Kory, meine Familie und ich um das Leben meines Bruders gebangt haben, während er operiert wurde, weil er von seinem verdammten Bruder angeschossen worden ist, oder?« Tristan starrte ihn an und deutete mit dem Daumen wütend in Richtung von Davids Krankenzimmer.

Dusty stand auf und hob beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, Tris, ich weiß, aber das ist nicht Davids Schuld. Er ist genauso ein Opfer wie Jon.«

Tristan hielt mitten in der Bewegung inne, wandte sich um und starrte ihn an. Dusty konnte sehen, wie sich die Wut in Tristans Augen mit einem Schlag auflöste und sein Körper sich entspannte. Tristan rieb sich mit den Handflächen über die Augen und seufzte. »Das verstehe ich, Dusty, aber das war trotzdem sehr unbedacht von dir.«

Bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte, stieß Megan mit Davids Krankenakte zu ihnen.

Tristan griff nach der Akte und ließ sich in den Stuhl neben Dusty fallen. Dusty streckte den Arm aus und blätterte zur nächsten Seite vor, um Tristan zu zeigen, wie David ausgesehen hatte, als er ins Krankenhaus eingeliefert worden war, doch Tristan schlug seine Hand weg. »Mach dich nützlich und hol mir einen Kaffee. Schwarz, zwei Stück Zucker.«

»Wie bitte?« Megan starrte Tristan finster an.

Er sah nicht einmal zu ihr auf. Stattdessen wedelte er nur mit der Hand. »Nicht Sie, Ma’am, er.« Er wies mit dem Daumen wütend in Dustys Richtung.

Sie folgte Dusty aus dem Raum und stapfte leise fluchend davon, um noch einmal nach David zu sehen.

Tristan sah auf, als Dusty mit zwei Bechern Kaffee zurück in den Warteraum kam. »Nachdem ich das hier gelesen habe«, Tristan wies auf die Akte auf seinem Schoß, »brauche ich, glaube ich, etwas Stärkeres.« Er nahm Dusty einen der Becher ab, bedankte sich und kam direkt zum Punkt. »Ich kann nicht behaupten, je einen Menschen mit derartig vielen Verletzungen gesehen zu haben. Und ich komme aus einer Familie, die mit dem größten Abschaum der Menschheit zu tun hatte.« Er wandte sich zu Dusty um. »Ich habe immer angenommen, dass ‚Halb zu Tode geprügelt’ nur ein geflügeltes Wort ist. Aber dieser arme Junge«, Tristan tippte noch einmal auf die Akte, »wurde im wörtlichen Sinne halb zu Tode geprügelt.« Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und stellte ihn zu seinen Füßen auf dem Boden ab. »Okay, also er kann sich an den Vorfall nicht erinnern, richtig?«

Dusty nickte.

Tristan blätterte in der Akte nach hinten und deutete auf die Bilder des CT-Scans von Davids Gehirn. »Hier kann man gut erkennen, dass die Schwellung seines Gehirns im Vergleich zu der Nacht seiner Einlieferung zurückgegangen ist. Einige Bereiche sind aber immer noch größer, als sie sein sollten. Wenn die Schwellung weiter zurückgeht, sollte er anfangen, sich zu erinnern.«

Dusty stimmte ihm zu. »Er hatte einen Albtraum und rief nach seiner Mutter, aber als er aufgewacht ist, war er komplett durch den Wind. Ich habe ihn danach gefragt, als er sich wieder beruhigt hat. Er hat mir erzählt, dass er von dem Tag geträumt hat, an dem er seiner Mutter und seinem Bruder gesagt hat, dass er schwul sei. Ich sag’s mal so, sie haben es überhaupt nicht gut aufgenommen. Ich glaube, seine Mutter gehört zu diesen religiösen Fanatikern, die sich aussuchen, welche Teile der Bibel sie glauben wollen, angefangen damit, dass Jesus seinen Jüngern befohlen habe, alle Schwulen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.«

Tristan schnaubte. »Eine von der Sorte, ja? Verdammt, der arme Junge hat einiges durchgemacht, was?«

Dusty war sich sicher, dass es eine rhetorische Frage war, also machte er sich nicht die Mühe, zu antworten.

»Was genau versuchst du hier eigentlich zu erreichen, Dusty?«

Diese hier war nicht rhetorisch. Dusty räusperte sich und entschied sich, Tristan gegenüber ehrlich zu sein. »Ich weiß es selbst nicht genau, Tris. Ich fühle mich … aus irgendeinem Grund zu ihm hingezogen. Ich will ihn beschützen und ich hatte bisher keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Ich weiß nur, er braucht einen Freund, der mit ihm durch dick und dünn geht, und der will ich für ihn sein.«

Tristan beobachtete ihn einen Augenblick lang, sein Gesicht war völlig unbewegt. Schließlich atmete er aus und nickte. »Okay, Dusty, ich werde ihn treffen und mit ihm reden, aber ich kann nichts versprechen.«

Dusty fiel Tristan um den Hals, drückte ihn an sich und dankte ihm überschwänglich.

Tristan lachte, griff nach Dustys Arm und drückte Dusty sanft in seinen Stuhl zurück. »Woah.«

Jetzt lachten sie beide.

»Du weißt schon, dass er auch zustimmen muss, damit ich die Therapie übernehmen kann, oder? Diese Entscheidung können weder du noch ich für ihn treffen.«

Dusty gefiel die Art, wie er das sagte, überhaupt nicht. Er unterdrückte den Impuls, Tristan anzuschreien. Am liebsten hätte er ihm gesagt: Du wirst sein Therapeut, verdammt noch mal. Punkt. Aus. Ende.

»In Ordnung, ich denke, es wird Zeit, dass du mir David vorstellst.« Tristan stand auf und ging auf die Tür zu. Er hielt sie für Dusty auf und folgte ihm dann durch den menschenleeren Flur bis zu Davids Zimmer.

Ein Krankenpfleger baute gerade eine Liege für Dusty auf; David verfolgte jede seiner Bewegungen misstrauisch. Sobald er Dusty bemerkte, verwandelte sich sein Stirnrunzeln in ein Lächeln, seine Augen weiteten sich und er streckte seine zitternden Hände nach ihm aus. »Wer …? Wer ist das?« David griff nach Dustys Hand, sobald sie in Reichweite war, und zeigte mit einem zitternden Finger in Tristans Richtung.

»Alles gut, D. Er ist ein Freund von mir. David, ich möchte dir Tristan vorstellen«, beschwichtigte Dusty ihn.

Tristan stand am Fußende des Bettes, die Hände in den Taschen seiner Jeans. Seine Haltung wirkte entspannt. Dusty nahm an, dass er David damit beruhigen wollte.

»Schön, dich kennenzulernen, Tristan«, sagte David schließlich.

»Ebenso, David«, antwortete Tristan mit einem Lächeln.

»Aber wieso ist er hier, D?«, fragte er.

»Nun, ich bin zugelassener Therapeut, David. Dusty hat mich angerufen und gefragt, ob ich einmal mit dir reden könne, um zu sehen, wie es dir geht, nachdem du einen Teil deiner Erinnerungen verloren hast.«

Dusty beobachtete die beiden, während sie sich unterhielten. Er war beeindruckt, wie unaufdringlich und gleichzeitig direkt Tristan sich gegenüber David verhielt. Seine Stimme war sanft und ruhig, er verwendete keine komplizierten Wörter oder medizinischen Fachbegriffe; er redete mit David wie mit einem Freund. Jeder, der Tristan zum ersten Mal traf, würde nur seine entspannte Haltung und sein freundliches Gesicht sehen, doch Dusty kannte Tristan gut genug, um die Besorgnis zu bemerken, die sich in den Fältchen um seinen Augen zeigte. Er betete, dass Tristan sich bereit erklären würde, David zu helfen, und dass David diese Hilfe auch annehmen würde.

David lachte leise und das Geräusch ließ einen Teil der Anspannung von Dustys Schultern abfallen. »Ja, ich kann mich nicht daran erinnern, was passiert ist und wieso ich hier bin. Ich meine, ich weiß, dass es etwas Übles gewesen sein muss. Ein Autounfall oder vielleicht sogar Schwulenhass.« Seine Augen weiteten sich noch einmal und er wurde rot. Sein Körper begann merklich zu zittern.

Dusty verstärkte den Griff um Davids Hand, bereit, ihn zu beruhigen, als Tristan sagte: »Das ist in Ordnung, David, nichts von dem, was du mir sagst, wird diesen Raum verlassen. Und wenn du dich dadurch besser fühlst: Dusty und ich sind auch beide schwul.« Bei den letzten Worten zwinkerte er ihm zu und David schmunzelte. »War das etwa ein Lächeln?«, scherzte Tristan und deutete auf den Stuhl, den Dusty inzwischen für seinen hielt. »Darf ich mich setzen?« Dusty und David nickten beide, also tauschten Tristan und er die Plätze. Tristan zog den Stuhl noch etwas näher an das Bett heran, während Dusty sich ans Fußende setzte und seine Hand auf Davids Bein legte, um ihm zu zeigen, dass er nicht weit weg und für ihn da war. »Bevor wir anfangen, David, möchte ich dir noch einmal klarmachen, dass du in keiner Weise dazu verpflichtet bist, mit mir zu reden. Ich bin, was das angeht, sehr zuversichtlich und würde mich freuen, dich besser kennenzulernen und dir zu helfen, deine Erinnerungen wiederzufinden und danach mit den Folgen umzugehen. Letzten Endes ist es aber deine Entscheidung, ob ich gehe oder bleibe.« Tristan gab David einen Moment, um seine Worte zu verarbeiten, und unterdrückte den Drang, aufzustöhnen, als er im Augenwinkel Dustys Was-sollte-das-denn-jetzt-Alter-Blick bemerkte.

David nickte und seine Lippen kräuselten sich zu einem dünnen Lächeln. »Das ist okay. Wenn Dusty dir vertraut, vertraue ich dir auch.«

Tristan lachte leicht. »Gut. Ich werde immer absolut ehrlich zu dir sein, David. Das ist meine Art, zu arbeiten, und ich denke, es ist die beste Herangehensweise. Dusty und ich kennen beide die Umstände, die dich in dieses Bett gebracht haben …«

David setzte sich auf und starrte ihn mit offenem Mund an.

Tristan beugte sich zu ihm vor und legte ihm eine Hand auf die Schulter, ehe er etwas sagen konnte. »Zu gegebener Zeit, David, zu gegebener Zeit.« Er wartete, bis seine Worte in Davids Bewusstsein vorgedrungen waren, und lehnte sich dann wieder zurück, bevor er weitersprach. »Wie ich sagte: Auch wenn ich verstehe, dass du wissen musst, was passiert ist, denke ich, dass es zum aktuellen Zeitpunkt besser ist, deinem Kopf und Körper noch ein wenig mehr Zeit zu geben, sich zu erholen, und abzuwarten, ob du dich von selbst erinnerst.« David runzelte die Stirn, doch Tristan fuhr fort. Es war beinahe so, als könnte er Davids Gedanken lesen. Jeder Ausdruck, der sich auf Davids Gesicht spiegelte, wurde direkt von Tristan beantwortet, auch wenn es gar keine Frage war. »Ich weiß, es ist frustrierend für dich, in einem Krankenhaus aufzuwachen und nicht zu wissen, wieso oder wie du verletzt worden bist, während andere es wissen und es dir nicht sagen. Ich verspreche dir, ich werde versuchen, dir zu helfen, dich zu erinnern, David, wenn du es zulässt. Ich bin zuversichtlich, dass du deine Erinnerungen mit der Zeit aus eigener Kraft zurückerlangen kannst.«

Dusty reagierte auf Davids skeptische Miene mit einem warmen Lächeln und einem Nicken.

Davids Blick wanderte von Tristan zu Dusty und dann wieder zurück zu Tristan, bevor er antwortete: »Okay. Aber nur, wenn Dusty auch hierbleiben darf.«

Tristan stimmte zu. »Ich habe keine Einwände. Also fangen wir an.«

Kapitel 4

Im Trüben fischen

Das folgende Wochenende war für Dustys Geschmack eindeutig zu chaotisch. Freitagmorgen musste er einige Stunden damit verbringen, in den „All Cocks“-Studios die Details für einen Dreh zu besprechen, der am Sonntag im Haus stattfinden sollte. Es war das erste Mal, seit David aus dem Koma erwacht war, dass Dusty ihn für einige Stunden alleinlassen musste. Zu seiner Erleichterung ging es David gut, als er am Nachmittag zurück ins Krankenhaus kam. Trotzdem war ihm unwohl bei dem Gedanken, ihn den ganzen Tag über sich selbst zu überlassen, als er am Sonntag im Haus in Mamaroneck arbeiten musste. Glücklicherweise bot Tristan an, einige Stunden mit David zu verbringen, um mit ihm daran zu arbeiten, sich an den Vorfall zu erinnern, der ihn ins Krankenhaus gebracht hatte. Bisher hatten die beiden über Davids Kindheit, sein katastrophales Coming-out und seine Erinnerungen bis kurz vor dem Vorfall gesprochen. Das Problem war nur, dass niemand sagen konnte, ob und was von seinen Erinnerungen wirklich richtig war.

»Wir fischen im Trüben, Dusty. Wir wissen nicht, ob das, was er uns erzählt, wirklich das ist, was passiert ist. Ich kann nichts weiter tun, als davon auszugehen und damit weiterzuarbeiten«, sagte Tristan nach seiner ersten Sitzung mit David zu ihm.

»Ich weiß nicht, wieso das eine Rolle spielt«, gab Dusty irritiert zurück.

»Es spielt eine Rolle, weil er möglicherweise aufgrund seines Schädel-Hirn-Traumas verschiedene Erinnerungen miteinander vermischt. Für die Therapie wäre es am besten, einen Freund oder ein Familienmitglied zu fragen, um seine Erinnerungen zu verifizieren. Ich habe allerdings noch eine andere Idee. Da er unterschrieben hat, dass ich sein Therapeut bin, kann ich mich jetzt an die Polizei wenden und nachfragen, ob sie Informationen haben, die sie herausgeben können. Dadurch wird sich kein komplettes Bild ergeben, aber so habe ich etwas, womit ich arbeiten kann«, erklärte Tristan.

Dusty war trotzdem immer noch unwohl bei der Sache, vor allem, weil er David versprochen hatte, bei ihm zu sein, wenn er mit Tristan sprach, aber er musste arbeiten. Er hatte sich unter dem Vorwand eines Notfalls in der Familie bereits um zwei Drehs herumgedrückt, für die er eingeplant gewesen war. Außerdem war der Dreh draußen in dem großen Haus für eine längere Szene, die um einiges aufwendiger sein würde. Das bedeutete auch, dass die Bezahlung besser war. Da er keine andere Möglichkeit hatte, erklärte Dusty David die Situation und entschuldigte sich dafür, nicht bei ihm sein zu können, wenn er mit Tristan sprach.

»Keine Angst, D, ich schaffe das schon.« David schenkte ihm ein Siegerlächeln, das Dusty beruhigte.

Außerdem würde es mir verdammt guttun, mal wieder flachgelegt zu werden.

Doch diesen Gedanken behielt Dusty für sich.

Das erste Mal nach einigen Wochen wieder in Vics Haus zu kommen, fühlte sich an, als wäre er über Weihnachten nach Hause gefahren, so als ob man seine Familie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte und die Geräusche und Gerüche von Heimat die Sinne vollkommen ausfüllten und man in Erinnerungen an Geburtstage, Ferien, Partys und gute Zeiten schwelgte. Es ließ Dusty aber auch an David denken und an die Erinnerungen, die er mit ihm und Tristan geteilt hatte. Sie waren bestenfalls belanglos gewesen, teilweise regelrecht abscheulich. Dusty wünschte sich nichts sehnlicher, als David neue Erinnerungen zu schenken; glückliche, in denen er von Menschen umgeben war, die ihn liebten. Aber das war schon in sich ein Paradoxon.

Seine Gefühle für den blonden, blauäugigen, misshandelten und verletzten jungen Mann hatten sich von einer gewissen Unsicherheit zu einem Beschützerinstinkt entwickelt und sich dann, als David schließlich aufgewacht war und sie sich kennenlernen konnten, in freundschaftliche Zuneigung verwandelt. Er würde lügen, wenn er behauptete, dass seine Faszination für David seitdem nicht noch weiter gewachsen war. Am liebsten hätte er sich geohrfeigt. Jemand, der mehr als sein Freund sein wollte, war das Letzte, was David brauchte, insbesondere jetzt.

»Dusty, hey!«, rief Mattie, stand von der Couch im Wohnzimmer auf, kam zu Dusty in die Küche und umarmte ihn. »Wo hast du dich so lange versteckt? Alles in Ordnung bei dir? Vic hat uns erzählt, dass du bei deinen letzten beiden Drehs ausgefallen bist. Was war denn bei dir los?«

Dusty lachte, schüttelte den Kopf und wartete kurz, um zu sehen, ob Mattie vorhatte, ihn mit noch mehr Fragen zu bombardieren. »Nirgendwo. Ja, und nichts. Ich musste mich einfach um ein paar private Sachen kümmern«, gab Dusty zurück und erwiderte Matties überschwängliche Umarmung.

»Ist das Dusty ich hören?«, rief Victor und tauchte kurz darauf am oberen Treppenabsatz auf.

»Ja, Boss«, rief Dusty zurück.

Victor stieg die Treppe hinab ins Wohnzimmer. Andrew folgte direkt hinter ihm. »Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Und ich freue mich, dass du heute gekommen bist.« Dusty wurde in eine Umarmung gezogen, die ihm die Luft aus den Lungen drückte. Für den großen, nachdenklichen Rumänen waren alle Models Teil seiner Familie und er behandelte sie auch so. Auf eine merkwürdige Art und Weise war es für Dusty, als würde sein Vater ihm eine Standpauke halten.

»Mom!«, rief er, schlang seine Arme um Andrews Hals und drückte ihn fest. Er jaulte auf und sprang zurück, als Andrew ihm einen harten Klaps auf den Hintern gab.

»Ich geb dir gleich Mom, du kleiner Scheißer. Jetzt beweg deinen Arsch nach oben und hilf mir, alles für den Dreh vorzubereiten. Chris und Linc kommen in etwa einer Stunde und wollen die Sache heute möglichst kurz halten«, rief Andrew über die Schulter, bereits auf halbem Weg zurück nach oben.

»Mit wem von beiden drehe ich heute?«, fragte Dusty.

»Mit beiden. Wir hatten seit Ewigkeiten keinen Dreier mehr, also dachte ich mir, das wäre doch was. Ist das für dich okay?« Andrew blieb so plötzlich stehen, dass Dusty beinahe in ihn hineingelaufen wäre.

Er dachte einen Augenblick lang nach. »Also, wenn es keine Double-Penetration-Szene ist, dann ja, das ist für mich okay. Ich lasse keine zwei Schwänze gleichzeitig in meinen Arsch, insbesondere nicht diese Monster.« Dusty lachte und folgte Andrew dann über den Flur zum Schlafzimmer mit dem Himmelbett und den Flügeltüren, das sie bei ihren Drehs hier im Haus immer nutzten.

***

Sechs Stunden später lag Dusty auf dem Rücken, atemlos und abgekämpft, aber befriedigt. Kris Alen und Linc Larsen hatten einige Stunden damit verbracht, ihn, Ashton Fox, auf jede erdenkliche Weise durchzunehmen: Über das Bett, den Stuhl und die Brüstung des Balkons gebeugt. Er hatte ausgestreckt und mit dem Bauch nach unten auf dem Bett gelegen, während sie versucht hatten, ihn durch die Matratze zu vögeln. Der Höhepunkt ihrer erotischen Experimente war gewesen, als Linc ihn an die Wand gedrückt und beinahe bis zur Besinnungslosigkeit gefickt hatte, während Kris versucht hatte, ihm das Hirn aus dem Schwanz zu saugen. Die Art, wie die beiden zusammengearbeitet hatten, war pure Perfektion gewesen.

Er zuckte zusammen, als Chris’ große Hand auf seinem Hintern landete. »Auf geht’s, ab unter die Dusche, Kumpel.«

»Kann ich nicht einfach hier liegen bleiben und das letzte Kribbeln von diesem verdammt fantastischen Orgasmus noch ein bisschen genießen, bevor sich es wieder abspüle?«, schmollte Dusty.

Chris und Linc lachten. »Na, wenn du meinst. Aber ich warne dich, dein Hintern ist mit einer dicken Schicht Sperma bedeckt, die langsam trocknet. Du solltest duschen, bevor du es mit einem Spachtel von dir abkratzen musst«, rief Chris, während er das Zimmer verließ.

Er war immer noch damit beschäftigt, Chris zu ignorieren, als Mattie hereinkam und etwas auf das Bett warf. »Dusty, hier, dein Handy. Das verdammte Ding hat die letzten Stunden wie verrückt geklingelt.«

Er setzte sich auf, griff nach dem Handy und aktivierte das Display. Er hatte tatsächlich eine ganze Reihe verpasster Anrufe. »Fuck!« Er kletterte aus dem Bett und rannte aus dem Zimmer. Dann tippte er auf die erste Sprachnachricht.

»Dusty, hey, hier ist Tris. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass David vorhin einen Anfall hatte und die Schwester ihn sedieren musste. Wir können später darüber sprechen, wenn du wieder zurück bist. Ich werde hierbleiben, bis du kommst, und ich bin mir sicher, dass alles wieder in Ordnung ist, wenn er sich ausgeschlafen hat. Wir sehen uns.«

Die Nachricht endete. Er warf das Handy auf den Lehnstuhl in Matties Büro und griff nach seiner Jeans, die fein säuberlich gefaltet über der Lehne des Schreibtischstuhls lag.

Es dauerte nicht einmal fünf Minuten, bis er angezogen, die Treppe nach unten gestürmt, zu seinem Pick-up gerannt und losgefahren war. Sobald er den Schlüssel im Zündschloss gedreht hatte, hörte er die nächste Sprachnachricht ab.

»Ich wollte dich wissen lassen, dass David aufgewacht ist. Er ist jetzt viel ruhiger. Im Moment hat er noch mit den Nachwirkungen von dem Mittel zu kämpfen, das Megan ihm gegeben hat, und er fragt nach dir, also hoffe ich, dass du fast fertig bist. Bis gleich.«

Die nächste Nachricht war von seinem Vater, der Dusty bat, ihn zurückzurufen, sobald er Zeit hatte. Er betonte, dass es nicht dringend wäre und er sich einfach demnächst bei ihm melden sollte, wenn es passte.

Dusty wollte gerade die letzte Nachricht abhören, als sein Handy klingelte. Er drückte den Bluetooth-Button auf der Konsole und verband das Handy mit dem Autoradio. »Hallo?«

»Dusty, bist du gerade auf dem Weg zurück?« Tristans Stimme hallte durch das Führerhaus seines Pick-ups.

»Ja. Was ist los? Ist was passiert? Wie geht es David?«

»Er ist frustriert und fragt immer wieder nach dir. Er hat sich an einige Dinge erinnert, von denen ich annehme, dass sie zu dem Vorfall gehören, aber es sind nur Bruchstücke. Ich kann mir keinen Reim darauf machen; er noch weniger. Warte einen Moment.« Am anderen Ende der Leitung war ein Rascheln zu hören, Stimmen, die Dusty nicht verstand. Dann war Tristan wieder da. »Okay, du bist jetzt auf Lautsprecher, Dusty. David will dich etwas fragen.«

»Kannst du zwischendurch irgendwo anhalten und mir ein paar Tacos besorgen, D? Ich hab richtig Lust auf Tacos.« Davids Stimme war schwach, aber gut zu verstehen. Endlich fragte er mal etwas anderes als Was zur Hölle ist mit mir passiert? Dusty musste unwillkürlich lächeln.

»Klar, D. Welche soll ich mitbringen? Hühnchen oder Rind?«, fragte Dusty und die Angst, die sich wie eine Schlange um seine Brust geschlungen hatte, als er Tristans erste Nachricht abgehört hatte, ließ langsam von ihm ab.

»Ist mir egal, überrasch mich. Hauptsache, du bringst extra scharfe Soße und Guacamole mit, okay?«

Alles klar, dann bis später.« Er legte auf und trat aufs Gaspedal. Da es bereits spät war, brauchte er nicht lange, um die Distanz zwischen Mamaroneck und der Stadt zu überbrücken. Als er etwa eine Stunde später im Krankenhaus ankam, die Arme mit vier Tüten voller Essen beladen, war er froh, David lächeln und mit Tristan reden zu sehen. Da er sich nicht sicher gewesen war, was David mochte, hatte Dusty einfach von allem etwas gekauft, nur für den Fall der Fälle.

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250 p. 1 illustration
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9783960895114
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