Read the book: «Rebeccas Schüler»

Böse Spielchen
ROMAN
TIRA BEIGE
Impressum
1. Auflage 2021
Copyright © 2021 Tira Beige
Verlag: c/o AutorenServices.de,
Birkenallee 24, 36037 Fulda
Umschlaggestaltung und E-Book Konvertierung:
Constanze Kramer, www.coverboutique.de
Bildnachweise: ©vladimirfloyd – stock.adobe.com
©vipman, ©Viorel Sima, ©Ljupco Smokovski, ©Lifestyle Graphic, ©Oleg Elkov – shutterstock.com
©d.udovichenko – depositphotos.com
Alle Rechte vorbehalten. Das vorliegende Werk darf weder in seiner Gesamtheit noch in seinen Teilen ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Rechteinhaber in welcher Form auch immer veröffentlicht werden. Das betrifft insbesondere, jedoch nicht ausschließlich, elektronische, mechanische, physische, audiovisuelle oder anderweitige Reproduktion oder Speicherung und/oder Übertragung des Werkes sowie Übersetzungen. Davon ausgenommen sind kurze Auszüge, die zum Zwecke der Rezension entnommen werden.
Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
schön, dass du dich für den zweiten Teil von »Rebeccas Schüler« interessierst. Wenn du meinen Debütroman noch nicht kennst, darfst du gespannt sein, was die Handlung und die Figuren für dich bereithalten. Du wirst die Geschichte dieses Bandes ohne Kenntnis des ersten Buches verstehen. Vielleicht hast du nach der Lektüre Lust, in die düstere Gedankenwelt von Rebecca einzutauchen und die Vorgeschichte kennenzulernen. Dann sei dir »Rebeccas Schüler – Anziehend, verboten und gefährlich« ans Herz gelegt.
Du kennst Teil 1? Sei versichert: Ganz so finster und schwermütig wird es im zweiten Teil nicht werden. Prickelnde Erotik ist aber auf jeden Fall garantiert. In einem Kapitel werde ich dich mitnehmen in die Welt der sogenannten »Pee-Desperation«. Wie du vielleicht aus meinem ersten Buch weißt, dreht sich meine Arbeit um die Themen Macht und Kontrolle. Die Verzweiflung (Desperation), die Menschen empfinden, wenn sie sich am Rande der Selbstbeherrschung bewegen, stellt eine besondere Komponente im Bereich der Macht und Kontrolle über den eigenen Körper dar und kann als sehr anregend empfunden werden. Du bist herzlich eingeladen, diese Form der Erotik aus dem Bereich Natursekt-Fetisch zu entdecken. Ich versichere dir, dass es nicht eklig, sondern erregend werden wird. Lerne den besonderen Reiz gemeinsam mit Rebecca kennen und koste mit ihr zusammen die sinnlichen Gefühle aus. Ich bin sehr gespannt, wie du auf diese Spielart reagierst.
Meiner Meinung nach macht gerade die Vielfalt an erotischen Themen ein Buch abwechslungsreich und interessant. Da einige Leserinnen und Leser dieses spezielle Thema, das nicht unbedingt zum Mainstream gehört, beunruhigend oder verstörend finden könnten, empfehle ich die Lektüre erst ab 18 Jahren.
Ich möchte darauf hinweisen, dass alle handelnden Figuren selbstverständlich volljährig sind und die im Buch beschriebenen Handlungen freiwillig ausführen.
Auf die Verwendung von Kondomen verzichte ich aus Gründen des Leseflusses. Das heißt aber nicht, dass ich sie als bedeutungslos erachte. Im Gegenteil: Kondome schützen vor ungewollter Schwangerschaft und vor ansteckenden Geschlechtskrankheiten.
Ich widme dieses Buch zwei Menschen, die den Schreibprozess entscheidend mitgeprägt haben: Zum einen meinem Schüler L., der die Inspirationsquelle dieses Romans darstellt. Ich dachte, dass es mir nicht noch einmal passiert, dass mich die Lust zu einem Oberstufenschüler packt – Ich wurde eines Besseren belehrt. Zum anderen widme ich dieses Buch meiner Instagram-Bekanntschaft Yannick, meiner Muse während des Schreibprozesses. Ohne seine Hilfe wären die erotischen Szenen nur halb so interessant geworden.
Prolog
Montag, erster Tag nach Beendigung der Herbstferien
Konrad Mayer saß in seinem Stuhl und grübelte. Nervös drehte er seinen dunkelblauen Füllfederhalter zwischen den Fingern hin und her, während sein starrer Blick nach draußen auf die graue Straße schweifte. Seit heute Morgen nur Regen, soweit das Auge reichte. Die Autos fuhren durch die Pfützen, die sich auf der Fahrbahn ausgebreitet hatten. Die patschenden Laute drangen trotz des geschlossenen Fensters an Mayers Ohr. Aber er nahm sie nicht wahr, sondern stierte geistesabwesend ins Freie.
Was war nur in sie gefahren, einfach nicht mehr in der Schule zu erscheinen? War ihr etwas zugestoßen? Warum meldete sie sich nicht? Und was sollte er jetzt mit den Klassen und Kursen machen, die auf ihre Lehrerin warteten?
Mayer stand auf, ging zum Ausgang und riss die Tür seines Büros auf. Die Sekretärin zuckte zusammen. »Huch«, entfuhr es ihr. Entgeistert blickte sie den Schulleiter aus weit aufgerissenen Augen an.
»Frau Teichert«, sagte er aufgewühlt, »hat sich Frau Peters inzwischen gemeldet?« Die Sekretärin schüttelte den Kopf. »Sie würde doch anrufen, wenn sie krank wäre«, murmelte Mayer vor sich hin und umgriff die Halterung der Tür. Sollte er etwa jeden Kollegen einzeln befragen, um herauszubekommen, wo seine Mitarbeiterin geblieben war? Vielleicht wusste Robert etwas?
»Suchen Sie die Nummer des städtischen Polizeireviers heraus«, bat Mayer die Sekretärin und verschwand in seinem Büro hinter dem Schreibtisch. Keine zwei Minuten später hatte Frau Teichert eine Telefonverbindung hergestellt. Ein jung klingender Mann nahm am anderen Ende der Leitung ab. »Hier ist Konrad Mayer, der Direktor des Sportgymnasiums.«
»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«
Mayer klopfte mit dem Füller, den er wieder zur Hand genommen hatte, mehrfach auf die Schreibtischunterlage. Sie erzitterte unter den dumpfen Schlägen.
»Eine meiner Mitarbeiterinnen, Rebecca Peters, ist heute Morgen nicht zum Unterricht erschienen. Sie ist sehr zuverlässig und meldet sich immer ab. Aber heute ist sie seltsamerweise nicht in die Schule gekommen. Nicht, dass etwas passiert ist.«
Eine kurze Pause am anderen Ende der Leitung entstand, während Mayer tief durchatmete.
»Heute ist doch der erste Tag nach den Herbstferien, richtig?«, fragte der Polizist.
Mayer bejahte.
»Vielleicht ist sie noch im Urlaub und kann aus dem Ausland heraus keinen Kontakt zur Schule herstellen?«
Der Direktor überlegte. Sollte sie tatsächlich allein weggefahren sein? Soweit er wusste, war sie seit geraumer Zeit Single. Aber in Wahrheit kannte er seine Mitarbeiterin dafür nicht gut genug. Nur die Tatsache, dass sie stets vertrauenswürdig war, ließ ihn an der Frage des Polizisten zweifeln.
»Sie hätte sicherlich eine E-Mail oder SMS geschrieben. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass sich Frau Peters gemeldet hätte. Selbst, wenn sie nicht vor Ort wäre.«
Wieder sagte niemand der beiden ein Wort. Dann erklang die warme Stimme des Polizisten: »Herr Mayer, ich kann Ihre Besorgnis nachvollziehen. Allerdings lassen wir immer achtundvierzig Stunden verstreichen, bis wir Vermisstenanzeigen nachgehen.«
Mist! Das hatte er befürchtet.
»Also werden Sie erst am Mittwoch bei Frau Peters vorbeischauen, wenn sie sich bis dahin nicht bei uns gemeldet hat, richtig?«, fragte der Schulleiter.
»Genau.«
Mayer wechselte noch zwei drei Worte mit dem Polizisten, dann ließ er den Hörer in die Verankerung zurücksinken. Was war nur in sie gefahren?
Teil 1
August
Kapitel 1
Sie wollte gehen, schon lange heraus sein aus dieser Discothek. Eine Wolke aus Schweiß, verbrauchter Atemluft, triefenden Körpergerüchen, Parfum und von draußen mitgebrachtem Zigarettenqualm waberte über den Köpfen der Menschen. Zudem erfüllte der Geschmack von Testosteron den Raum. Ein Zuviel an Ausdünstungen, die umher oszillierten und die Discothek in ein Klima drückender Schwere tauchten. Alle Sinne überreizt, flogen die Leiber nur noch mechanisch durch den Saal, ohne über den Sinn ihrer Bewegungen nachzudenken. Es waren aufgekratzte Tanzende, angesäuselt vom Alkohol, berauscht von der Atmosphäre, die dumpf auf ihnen lastete.
Und mittendrin Rebecca, die schon vor einer halben Stunde aufbrechen wollte. Doch irgendetwas hielt sie davon ab, den Heimweg anzutreten. Sie versank in der schieren Masse an schönen Körpern, ließ sich mitreißen von den haltlos Zappelnden um sie herum und verwebte sich mit ihnen. Hinzu kam, dass sie ihren Blick nicht von ihm abwenden konnte. Den gesamten Abend über hatte sie den Unbekannten beobachtet, wie er an der Bar stand, an seinem Bier nippte und sich mit seinen Kumpels unterhielt. Ein junger Typ ohne Namen, der zur näheren Betrachtung einlud. Und doch kam Rebecca nie nah genug heran, um ihn genauer zu ergründen. Sie sah bloß, dass der Jugendliche schlank war, dunkle Klamotten trug und kurze, hellere Haare besaß.
Er war seit Langem das Attraktivste, was Rebecca vor die Augen gekommen war. Eine Eroberung – knackig genug, um sich zu lohnen.
Um Mitternacht ging mit einem Schlag die Musik aus und der gut aussehende Kerl wurde vom DJ auf die Bühne geholt. Als würde er jeden Tag von hunderten Schaulustigen gemustert werden, stolzierte dieser Bursche auf die Bühne, die ihm vom ersten Moment an gehörte. Er strahlte eine ungeheure Präsenz aus, die Rebeccas Blut in Wallung brachte. Sie bewunderte, wie selbstbewusst er zum Mischpult schritt, an dem der DJ stand und ihn in Empfang nahm.
»Soeben«, schrie der Discjockey ins Mikrofon, »hat dieser junge Mann hier eine wichtige Grenze in seinem Leben überschritten. Er ist nämlich gerade achtzehn Jahre alt geworden und damit volljährig.«
Jubelschreie durchzogen den Saal. Ein paar Jugendliche erhoben die Gläser und prosteten dem auf der Bühne Stehenden zu, der sich selbstsicher im Beifall der Menge aalte und beide Augenbrauen triumphierend hob. Er genoss es, im Mittelpunkt zu stehen und angestarrt zu werden. Beide Hände hatte er in der Jeans vergraben und mit stolz geschwellter Brust baute er sich neben dem Mischpult auf. Sein durchdringender Blick glitt über die Massen hinweg, die ihn unverhohlen angafften. Rebecca eingeschlossen, die sich an dem Schönling nicht sattsehen konnte.
»Gratuliere dir«, sagte der DJ. »Fang was Ordentliches mit deinem Leben an, sonst landest du hier oben.« Gelächter brandete auf, bevor sich der Discjockey seine Kopfhörer aufsetzte und die Musik wieder lauthals aus den Boxen dringen ließ.
Der Achtzehnjährige verließ das Podest über das ganze Gesicht strahlend und fiel geradewegs in die Arme seiner Kumpels, die ihn mit Alkohol in Empfang nahmen und ihm kameradschaftlich auf die Schulter klopften. Einige Mädchen, die abseits der Gruppe standen, warfen dem hübschen Geburtstagskind schwärmerische Blicke zu.
Wie schön wäre es, noch einmal so jung zu sein, träumte Rebecca. Gute fünfzehn Jahre lagen zwischen ihr und diesem Jugendlichen, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte. Der allen Flausen, die er im Kopf ausbrütete, nachjagen und sein Schicksal von nun an selbst in die Hand nehmen konnte.
Sie schaute erneut auf die Uhr. Ja, es war spät und sie war erschöpft. Aber wer wartete schon zu Hause auf sie? Niemand begrüßte sie um drei Uhr morgens. Es gab keine wärmenden Hände, die sie umfangen würden, wenn sie daheim ankam. Kein Mund, der ihr sagte: »Du bist aber spät dran. Hast du jemanden kennengelernt?« Warum sollte sie den Heimweg antreten? Stattdessen bewegte sie sich Richtung Tanzfläche, wo das Geburtstagskind angeheitert zwischen anderen Leuten eine Show abzog. Wild gestikulierte er mit den Armen in der Luft herum, tanzte ausgelassen. Neben ihm seine grauen Freunde mit den durchschnittlichen Gesichtern. Allerweltstypen, wie sie überall herumliefen.
Rebecca betrachtete den Achtzehnjährigen. Zum ersten Mal an diesem Abend, in dieser Nacht, hatte sie es gewagt, sich in seinen Dunstkreis zu begeben, obwohl sie seine interessante Aura schon seit einigen Stunden faszinierte. Er besaß dunkelblonde Haare, die an der Stirn länger waren und ihm ins Gesicht hineinragten. Immer wieder strich er die wilden Strähnen verführerisch mit der ganzen Hand nach hinten ins volle Haar hinein. Er sah gut aus, hatte aber kein ebenmäßiges Gesicht. Vielmehr war es markant, denn die leicht schräge Nase verlieh ihm ein edles Aussehen. Dazu passend trug er einen Dreitagebart, der ihn deutlich älter aussehen ließ.
Aus der Nähe betrachtet, erkannte Rebecca, dass der Achtzehnjährige außerordentlich viel Sport betreiben musste, denn ihr fielen sofort seine gut trainierten Oberarme auf.
Die Weiber, die um ihn herum tanzten, berührten ihn immer wieder wie zufällig am Oberkörper oder strichen über seine Arme. Rebecca fragte sich, ob er die Mädels kannte oder sich zum Spaß von ihnen anbaggern ließ. Er selbst gefiel sich offenbar darin, die Berührungen zurückzugeben. Mal landete seine Hand auf einem Hintern, mal auf einer Brust. Die Mädchen zupften ihre knappen Oberteile zurecht oder fuhren sich mit der Hand durch ihre langen Mähnen. Vor allem zogen sie den Kerl mit ihren Blicken aus.
Rebecca war nicht besser. Auch sie glotzte und provozierte den Blickkontakt. Aber noch hatte er keine Notiz von ihr genommen, sondern sich den Mädels gewidmet, die neben ihm tanzten. Bis jetzt. Denn mit einem Schlag lagen seine Augen auf Rebecca und fuhren an ihrem Körper auf und ab. Hatte sie bis eben die Musterung herbeigesehnt, war sie ihr mit einem Male unangenehm. Stimmte etwas nicht, weil er die Augenbrauen so skeptisch verzog und die Stirn runzelte? Rebecca hatte an diesem schwülwarmen Abend extra ein kurzes schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt gewählt. Normalerweise zog sie in der Disco lieber Weiß an, um das fluoreszierende Licht auf ihrem Körper zu vereinigen. Aber sie hatte Lust zu flirten. Sie wollte mit ihrem Kleid, das viel nackte Haut zeigte, die Aufmerksamkeit fremder Männer auf sich lenken. Vor allem die der Jüngeren. Aber dieser Kerl, der sie jetzt so kritisch betrachtete, war wohl doch eine Nummer zu jung für sie. Nein, er sah viel zu gut für sie aus. Rebecca war noch nie der Typ Frau, der Männer mit einer derart offensichtlichen Erotik anzog. Das machte ihn gleich noch mal so attraktiv.
Nicht lange und der Unbekannte schaute wieder weg.
Schämen brauchte sich Rebecca wahrlich nicht: Dass sie Mitte dreißig war, verriet ihr Äußeres auf keinen Fall. Ihre langen braunen Haare, die wellenartig über ihre Schultern fielen, verliehen ihr den nötigen Sexappeal und die Rundungen saßen exakt da, wo sie sein sollten. Wieso das nicht zeigen?
Doch der Blick dieses Teenagers sprach eine andere Sprache. Beschämt drehte sich Rebecca weg und war dabei, die Tanzfläche zu verlassen, als sie unerwartet am Arm festgehalten wurde. »Halt!«, rief ihr jemand hinterher. »Wohin so schnell?« Als sie sich umdrehte, erkannte sie einen der Kumpels des Achtzehnjährigen. Der schwarzhaarige Mann konnte nicht viel älter sein, sah aber nicht halb so sexy und fesselnd aus wie das Geburtstagskind. Eben Durchschnitt.
Sein nach Alkohol stinkender Atem stieg Rebecca augenblicklich in die Nase, als er dicht vor sie trat und seine Zähne zeigte. »Mir gefällt dein Look«, schrie der Jugendliche über die Musik hinweg, die inzwischen nur noch nervte. Wollte er mit ihr flirten?
»Bin ich nicht eine Nummer zu groß für dich?«, rief Rebecca, um ihn auf Abstand zu halten. »Und zu alt?« Ohne Erfolg. Ihre Worte schienen ihn nur weiter anzustacheln. Als würde er austesten wollen, ob er sie haben konnte.
»Linus«, überging er geradewegs ihren Einwurf und verkürzte die Distanz, indem er auf sie zutrat, Rebecca abermals am Arm ergriff und wieder auf die Tanzfläche zerrte, wo sie in die Menge eintauchte, die ekstatisch zum Rhythmus der ihr unbekannten Bässe wippte.
Sie wollte gehen. Wie spät es wohl inzwischen war?
»Wie heißt du?«, wollte Linus wissen.
»Rebecca.«
Er streckte selbstbewusst den Kopf in die Höhe und tanzte vor ihr. Seine Bewegungen sahen wenig geschmeidig aus. Ihnen fehlte jegliche Regelmäßigkeit und Anmut. Linus’ dunkles Shirt flatterte um seinen dünnen, schlaksig wirkenden Körper. Peinlich berührt betrachtete Rebecca seine ungelenken Schrittfolgen. Sie drehte ihren Körper nach links und entfernte sich stückweise von Linus, denn neben ihm gesehen werden wollte sie nicht. Der Teenager hatte offenbar schon den ganzen Abend zu tief ins Glas geschaut, weil er sich an eine Frau heranpirschte, die fast doppelt so alt war wie er. Konnte er kein Mädchen in seinem Alter abbekommen, dass er ausgerechnet sie für sich in Anspruch nahm?
Rebecca passte sich zwar seinem Tanzstil an, schaute aber immer wieder in die Richtung des Achtzehnjährigen, der inzwischen von einem Pulk an Mädchen umrahmt wurde, die ihn eisern in den Blick nahmen. Die meisten gackerten aufreizend. Ein Mädchen warf ihre Haare über die Schultern, um ihr Dekolleté freizulegen, aus dem ihre Früchte beinah herauspurzelten. Das Geburtstagskind sprang doch glatt auf dieses billige Gehabe an, indem es sie anlächelte und ihre Schritte nachahmte.
»Das ist Cedric«, rief ihr Linus entgegen. »Er ist heute achtzehn geworden.«
»Ja, ich weiß«, sagte Rebecca beiläufig. »Habt ihr das für ihn organisiert?«
Linus überlegte angestrengt. Offenbar arbeitete sein Gehirn unter Alkoholeinfluss nicht mehr so gut. »Na, dass er um Mitternacht auf die Bühne gezerrt wird«, erklärte Rebecca erschöpft. Sie wollte jetzt heim.
»Ach so, ja. Wir dachten, wir überraschen ihn mit etwas Besonderem.«
Sie nickte in Bezug auf seine nichtssagende Äußerung und schaute wieder zu Cedric hinüber, der ungeniert mit den Mädels flirtete, die ihn einkreisten.
»Bist du müde?«, fragte Linus, nachdem Rebecca zum zweiten Mal in seiner Anwesenheit gähnte.
»Ich will abhauen. Aber wenn du mich jetzt weiterhin aufhältst …«
Linus’ Mundwinkel zuckten nach oben. »Ist doch schön hier«, rief er und streichelte wie zufällig über ihren Unterarm. Es war ganz sicher kein Zufall, dass seine Hand ihre nackte Haut streifte. Die Berührung ließ Rebecca aufzucken. Viel zu lange schon hatte sie keinen Mann mehr in ihren Armen, geschweige denn im Bett gehabt. Seit der Trennung von Paul vor drei Jahren gab es nur Sex ohne Bedeutung. Die Männer, die sie seitdem kennengelernt hatte, waren alle nicht an etwas Festem interessiert gewesen. Im Grunde war es Rebecca egal, denn sie suchte ebenfalls nicht mehr nach der großen Liebe. Nur nach Abenteuern. Nach Männern, die ansehnlich genug aussahen, um einen One Night Stand zu riskieren. Heute würde daraus nichts werden. Linus kam optisch nicht in Frage und Cedric – der mit Abstand interessanteste Typ hier – schien kein Interesse an ihr zu besitzen. Außerdem ertappte sich Rebecca immer wieder dabei, zu gähnen oder abwesend ins Leere zu stieren. Klares Zeichen dafür, dass es an der Zeit war, endlich abzurücken.
»Ich muss jetzt gehen«, rief sie und verließ zügig die Tanzfläche, damit Linus nicht auf die Idee kam, ihr zu folgen. Sie zwängte sich durch die einengende Menschentraube hindurch, die scheinbar nichts anderes im Sinn hatte, als sie am Gehen zu hindern. Mühsam quetschte sich Rebecca an den Tanzenden vorbei und steuerte zielsicher auf die Garderobe zu, wo sie ihr leichtes Sommerjäckchen entgegennahm.
Am Ausgang angekommen, sah sie Linus. Er breitete die Arme aus, getreu dem Motto: »Warum haust du einfach ab?« Rebecca spürte, dass ihm genau dieser Spruch auf den Lippen lag.
»Hör mal, Linus«, kam sie ihm zuvor. »Ich weiß ja nicht, was du vorhast. Aber mit uns wird das nichts.« Er zog verwundert die Stirn in Falten. Aus seinem betrunkenen Gesichtsausdruck konnte sie entnehmen, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatte.
Er richtete seine glasigen Augen auf Rebecca. »Was ich vorhabe?«, fragte er und kratzte sich mit einer Hand am Hinterkopf. Erst hier, abseits der dröhnenden Lautstärke, fiel ihr das leichte Lallen in seiner Stimme auf. Wieder erreichte sie sein alkoholisierter Atem, der sie angewidert einen Schritt nach hinten treten ließ.
Rebecca zog sich die Jacke über, denn durch die offen stehende Tür wehte eine kalte Brise in den Eingangsbereich der Discothek hinein und ließ sie frösteln.
»Wie meinst du das denn?«, fragte er. »Ich wollte …« Linus stockte und überlegte bemüht. Rebecca wusste genau, was er wollte, nämlich eine x-beliebige Frau aufgabeln, die er schnell wie einen Schokoriegel vernaschen und dessen Papier er danach wegwerfen konnte. Genauso sollte es ablaufen. So lief es immer ab. Sie wusste es, denn sie war keinen Deut besser. Hatte schon des Öfteren Männer mit nach Hause genommen und sie am nächsten Tag »entsorgt«. So what.
Rebecca verschränkte die Arme vor der Brust und blickte genervt auf ihre Armbanduhr, die inzwischen 3:40 Uhr anzeigte. »War eine lange Nacht, ich will jetzt endlich nach Hause gehen.« Sie tippte mit den Fingerkuppen nervös auf ihre Oberarme und wippte von einem Bein auf das andere. Nachdem Linus nichts mehr sagte, glitt sie, ohne ihn anzusehen, elegant an ihm vorbei und verließ die Discothek. Einige Menschen standen davor und rauchten. Den Geruch von Tabak konnte sie um diese Uhrzeit gar nicht ertragen und entfernte sich daher schleunigst vom Eingangsbereich. Abseits davon erkannte sie ein knutschendes Pärchen. Neidisch wandte Rebecca den Blick ab. Es war schon zu lange her, dass sie so begehrt worden war.
Als sie sich umblickte, sah sie, dass eine dunkle Gestalt ihr schwankend hinterherlief. Linus war etwas größer als sie. Trotz seines unsicheren Gangs hatte er etwas Bedrohliches an sich.
Rebecca blieb stehen, sodass er den Abstand zu ihr verkürzen konnte. »Warum verfolgst du mich?«, fragte sie aufbrausend. In der Dunkelheit, die sie umhüllte, hätte er wer weiß was mit ihr anstellen können. Aber dafür sah er zu brav aus. »Ich sage es dir noch einmal«, setzte Rebecca an, »ich bin zu alt für dich. Da drin sind viele junge Mädchen, die bestimmt auf dich stehen.« Sie nicht, obwohl es ihr schmeichelte, dass er sie so umgarnte und nicht lockerließ, sie abzuschleppen. Er hatte zwar einen sportlichen Körper, aber sein penetranter Schweißgeruch, den er durch ein aufdringlich riechendes Parfum zu überdecken versuchte, widerte sie an. Außerdem war sie zu ausgelaugt, um sich mit ihm zu unterhalten oder Auseinandersetzungen zu führen.
»Geh zurück, Linus.« Rebecca drehte sich um und ließ ihn stehen.
So viel Gegenwehr schien ihn wohl zu überfordern, denn er folgte ihr nicht mehr. Stattdessen hörte sie, wie jemand nach ihm rief. »Komm rein, Alter! Was willst du denn da draußen?« Rebecca schüttelte den Kopf und ließ sich von den Häusern und der Dunkelheit verschlucken.
Ein Hund bellte irgendwo seine schrillen Töne in die Nachtluft, die als bizarres Echo an den Häuserfronten widerhallten. Ansonsten durchschnitt kein Laut die Totenstille der schlafenden Stadt. Die Straßen waren erstarrt und grau. Jegliches Leben war aus ihnen gewichen, als Rebecca über den Asphalt huschte und aufpassen musste, nicht das Gleichgewicht auf ihren Highheels zu verlieren. Ihr schwarzes Kleid flatterte um die Knie, während sie das leichte Jäckchen fest um ihren Körper schloss. Sie konnte gar nicht schnell genug den Wohnblock erreichen, in dem sie die letzten drei Jahre ihres Lebens zugebracht hatte. Es war nicht das schicke Leben, das sie mit Paul geführt hatte. Die wenig geräumige Wohnung, die Rebecca bezahlte, war kein Vergleich zu dem edlen Häuschen, dem großen Garten und dem üppigen Platz, den das Grundstück geboten hatte. Das bequeme Leben, das sie einst besessen hatte, gab es nicht mehr. Nun reichte ihr Auskommen gerade so, um nicht in Selbstmitleid zu zerfließen.
Abgekämpft erreichte Rebecca die Häuserfront, an deren Fassade sie sich mit den Händen abstützte, um nicht ins Taumeln zu geraten. Ihr Atem ging schwer und sie hörte das Blut in ihren Ohren rasant rauschen, als sie sich nach vorn beugte und gegen den Schwindel ankämpfte, der sie überfiel, als sie den Kopf senkte. Der Abend und die Nacht hatten sie in die Schraubzwinge genommen und hinterließen ein Gefühl erdrückender Mattheit. Rebecca spürte, wie ihre Augenlider schwerer wurden und sie nichts sehnlicher wünschte, als endlich in die Federn zu fallen. Ob sie es noch schaffen würde, sich das Kleid über den Kopf zu ziehen?
Die Treppenstufen im finsteren Hausflur kamen ihr ungewöhnlich hoch vor. Immer wieder blieb sie mit den Pumps daran hängen und musste aufpassen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ob die Nachbarn von ihrem lärmenden Gestolper, das den Hausflur erfüllte, aufwachten, war Rebecca egal. Es wäre wohl einfacher gewesen, den Lichtschalter zu betätigen, aber das hätte ihre Netzhaut nicht mehr ertragen. Nicht nach dieser Nacht. Wäre Paul in ihrer Nähe, hätte er wohl gesagt: »Musstest du ausgerechnet noch einen Cocktail trinken? Hat dir der letzte um kurz nach zwei nicht gereicht?« Was für eine bescheuerte Halluzination, ihren Ex vor sich zu sehen. Er hatte sich seit ihrer Trennung nur ein einziges Mal gemeldet und das bloß, weil Rebecca noch einen Karton auf dem Dachboden hatte stehen lassen. Sie wollte nicht an ihn denken …
Es war stockduster, als sie in ihre Wohnung eintrat. Einzig durch die Fenster im Wohnzimmer und Flur drang das schwache orange Licht einer Straßenlaterne. Bloß ab ins Bett! Es musste kurz vor vier Uhr sein. Nicht mehr lange und es würde hell werden.
Rebecca schaffte es nur mühsam, ins Bad zu gehen und das Make-up zu entfernen. Sie machte noch nicht einmal das Licht an, sondern rieb sich in der schwachen Beleuchtung lediglich grob die Spuren der Disconacht aus dem Gesicht, um nicht morgen früh die Augentusche und das Puder auf ihrem Kissen vorzufinden.
Wie erschlagen sank sie mit dem Kopf voran in die Laken und glitt sofort in einen schummrigen Dämmerschlaf hinein, der sie wie ein Wasserstrudel nach unten zog, genau dorthin wieder zurück, wo sie gerade erst hergekommen war …
Hergekommen war … Gerade hergekommen war …
Befremdlich dunkel ist es um sie herum, als sie, einen Fuß langsam vor den anderen setzend, über den Asphalt tippelt. Warum kommt sie nur so mühselig vorwärts? Irgendeine Kraft hält sie auf, sich schneller zu bewegen. Verräterische Schritte hinter ihr nähern sich unaufhaltsam. Sie dreht nur leicht den Kopf in die Richtung und sieht hinter sich zwei Männer. Die Gesichter kann sie nicht sehen. Sie möchte so gern eiliger laufen, doch es funktioniert schlichtweg nicht. Sie scheint auf der Stelle stehen zu bleiben, kann kaum das Bein heben und nach wie vor sind die dunklen Gestalten hinter ihr, die sie beinah erreicht haben. Auch sie ist fast da. Sie sieht bereits den vertrauten Wohnkomplex. Nur noch wenige Meter. Doch schon wird sie am linken Handgelenk festgehalten.
»Sie gehört mir.« Wem soll sie gehören? Sie ist eine freie Frau.
Der andere Mann packt sie am rechten Oberarm an. »Sie gehört mir.« Es ist die Stimme von Linus. Ob der Unbekannte Cedric ist? Die Finsternis ist beklemmend und noch immer erkennt sie nicht, wer neben ihr steht. Beide zerren weiter an ihr. Einer will nach rechts gehen, der andere nach links. Warum ist niemand auf der Straße, der das sieht?
Sie gehört mir.
Nun ist sie sich sicher, dass es die beiden Kerle aus der Disco sein müssen. Woher sie das weiß? Cedric lässt ihre Hand sinken und nähert sich mit seinem Gesicht dem ihrigen. Schon im nächsten Moment gleiten seine Lippen verlangend über ihren Mund und seine Zunge bahnt sich einen Weg nach innen. Linus, der hinter ihr steht, fährt mit seiner Hand unter ihr schwarzes kurzes Kleid, streichelt sinnlich über ihre Pobacken, um anschließend mit seinen Fingern in ihren Slip einzudringen und über ihre Schamlippen zu reiben. Sie stöhnt in den Mund des attraktiven Jugendlichen, der immer ungezügelter seine Zunge mit ihrer verschmilzt.
Sie gestattet, dass Linus seine Hand in ihrem Höschen lässt. Mit dem Zeigefinger liebkost er ihre empfindliche Knospe. Sie wird feucht. Er soll sie weiter berühren. Dass sie noch immer auf der Straße stehen und jeden Moment jemand vorbeikommen kann, macht sie tierisch an.
Doch schon verliert sie den Halt unter ihren Füßen und schwebt nach oben in die Luft, tiefer hinein in die Dunkelheit. Es kommt ihr nicht seltsam vor, dass die Schwerkraft nicht mehr existiert. Sie fühlt sich federleicht. Die zwei Männer ziehen sich aus. Sie sieht, wie ihre Klamotten nach unten fallen. Zuerst segeln die Hosen wie eigenartige Engelsfiguren durch die Luft. Dann flattern die Shirts hinab, als wären sie übergroße Vögel mit bunten Schwingen und zuletzt sinken die Socken und Shorts zu Boden. Alles landet irgendwo verstreut auf der Straße, die mittlerweile kaum noch zu erkennen ist. Lediglich ein paar Straßenlaternen sind als winzige gelbe Punkte auszumachen.
Und wo ist eigentlich ihr Kleid? Sie ist vollkommen nackt, genau wie die zwei Männer, die sich immer weiter mit ihr in die Lüfte schrauben und höher fliegen. Ihr Wohnblock wirkt von oben erschreckend unbedeutend. Da ist die Schule, in der sie übermorgen das erste Mal ihre neuen Kollegen kennenlernen wird. Und neben ihr – wie zwei zu groß geratene Vögel – die beiden nackten Männer.
Jeder von ihnen will sie mit sich reißen. Der nackte Linus zerrt links, der gut trainierte Cedric rechts. Es tut ihr weh, wie an ihren Armen gezogen wird. Sie ärgert sich darüber, dass die zwei Jugendlichen sich streiten, wo sie doch eben noch zusammengearbeitet haben und jeder einen Teil von ihr berühren durfte.
»Sie gehört mir!«, schreit einer von beiden.
»Mir!«, brüllt der andere.
Die Gesichter verändern sich, je mehr die Teenager in Streit geraten. Sie haben keine menschlichen Nasen mehr, sondern Schnäbel.
»Sie gehört mir«, faucht es aus einem Schnabel und wiederholt wird so fest an ihr gerissen, dass sie meint, gleich zerbersten zu müssen. Einer wird gewinnen. Aber sie wird die Verliererin sein, denn sie fühlt auf einmal, wie ihre Arme erlahmen und ihren Geist aufgeben. Im gleichen Moment fällt sie gemeinsam mit den Männern nach unten.
Doch was ist das? Die Jungs entwickeln unerwartet Adlerschwingen an ihren Armen und segeln durch die Luft, wobei sie sich schnell von ihr entfernen. Sie versucht nun selbst wie ein Vogel zu flattern, aber da ist nichts, was ihr Auftrieb verleiht! Ihre Arme sind noch immer wie betäubt. Sie besitzt keine Flügel, die sie vor dem Aufprall bewahren werden. Und die Straße kommt immer näher. Krach!
Rebecca erschrak, auf dem Bauch liegend, und richtete sich dösig in ihrem Bett auf. Ihre Augen brannten, als sie die Lider öffnete. In ihrem Kopf und Becken hämmerte es. Die Bettdecke lag auf dem Fußboden. Offenbar hatte sie sie von sich gewirbelt, als sie wie ein Vogel durch die Lüfte fliegen wollte. So wie es die beiden Fremden getan hatten.
Was für ein wirrer Traum.
Rebeccas Blick ging Richtung Wecker. Der zeigte ihr an, dass sie gute anderthalb Stunden geschlafen hatte. Draußen war es bereits hinreichend hell, sodass sie aufstand und in ihrem Schlafzimmer die Jalousien herunterließ, um das Zimmer vollständig zu verdunkeln. Dann stieg sie erneut ins überhitzte Bett und verschlief den Tag.
Kapitel 2
Was war das bloß für ein Geschnatter? Noch schlimmer als an ihrer alten Schule!
Schüchtern betrat Rebecca die Aula des Sportgymnasiums. Hier sah es aus wie in einem riesigen Kinosaal. Die Stühle waren mit rotem Polster bezogen. Eine gigantische Bühne, die an den Rändern mit schweren, roséfarbenen Vorhängen umsäumt war, bot einen imposanten Anblick. Sie erkannte den Schulleiter, der am Stehpult stand und mit Jemandem im Gespräch versunken war. Dabei fuchtelte er immer wieder mit den Armen in der Luft herum und hielt das Mikrofon zu. Mayer trug einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und hellblauer Krawatte. Rebecca hatte den Direktor nur bei ihrem Einstellungsgespräch kennenlernen dürfen. Sie schätzte ihn auf Ende fünfzig, was vor allem an seiner Glatze lag, die durch die Scheinwerfer der Bühnenbeleuchtung wie eine Bowlingkugel glänzte.
Rebecca nahm am Rand der dritten Stuhlreihe Platz und schaute sich interessiert ihre neuen Kolleginnen und Kollegen an. Sie befand sich zwar an einer Sportschule, doch die meisten der Männer und Frauen, die immer zahlreicher in den Saal strömten und die Lautstärke damit weiter anschwellen ließen, erschienen ihr nicht besonders trainiert zu sein. Die Schüler würden es ohne Zweifel sein, denn immerhin standen mehrere Wochenstunden Sport im Stundenplan.
»Entschuldigung, darf ich mal?«
Ein Mann, wohl zehn Jahre älter als sie, zwängte sich an ihr vorbei. In der Mitte der Stuhlreihe angekommen, traf er auf einen älteren Herrn, der ihm kameradschaftlich die Hand reichte und ihn freudestrahlend begrüßte.
Als sich der Ankömmling auf seinem Stuhl niederließ und seine Schreibsachen auspackte, warf er einen verstohlenen Blick zu Rebecca hinüber und lächelte sie an. Dann drehte er sich zu dem älteren Kollegen um, der ihn in ein Gespräch verwickelte.
Sie betrachtete den Mann, der eben an ihr vorbeigehuscht war: Er trug ein graues, kariertes Hemd und eine blaue Jeans. Beim Sitzen zeichnete sich ein kleiner Bauchansatz ab. Sein rundliches Gesicht mit den weichen Konturen erinnerte Rebecca an das von Paul. Nur dass ihr neuer Kollege kurze braune Haare hatte und eine Brille mit dicker Umrandung trug. Irgendwie wirkte der Mann von seinen Bewegungen und von seiner Mimik her seltsam unsymmetrisch, ohne dass sie sagen konnte, woher dieser Eindruck rührte.
Es war mittlerweile kurz vor 9 Uhr und noch immer fluteten massenhaft Menschen die Aula. Das mussten locker achtzig Augenpaare sein, die Rebecca gleich mit ihren neugierigen Blicken durchbohren würden. Das Geplapper der gut achtzig Münder erfüllte den Saal. Am liebsten hätte sie sich die Ohren zugehalten, weil sie die Lautstärke nicht ertrug. Andererseits: dass die Schule so groß war, würde von Vorteil sein. Hier konnte sie problemlos in der breiten Masse untertauchen: Herkommen, Job erledigen, Schule verlassen. Hier musste sie keine Freundschaft heucheln. Oberflächliche Gespräche in den Pausen würden ausreichen, um wahrgenommen zu werden.
Mayer fummelte am Mikrofon herum, bevor er sich räusperte und die Anwesenden freundlich, fast feierlich begrüßte. Die Aula sollte nur der Umrahmung dienen. Die eigentliche Lehrerkonferenz wurde an einem anderen Ort abgehalten. Dies realisierte Rebecca, als sie den Ablaufplan für den heutigen Tag studierte.
»Ich möchte Sie, möchte euch, liebe Kolleginnen und Kollegen, recht herzlich an diesem ersten Tag in der letzten Woche der Sommerferien begrüßen. Ich freue mich, dass ich Sie und euch gesund wiedersehen darf.« Applaus setzte ein. Rebecca ließ ihren Blick durch den Saal schweben. Die Mehrzahl der anwesenden Personen war männlich und älter. Im gleichen Moment schaute sie der Kollege, der sich an ihr vorbeigezwängt hatte, an und wieder huschte ein Lächeln um seinen Mund.
»Wir dürfen in diesem Schuljahr drei neue Kolleginnen und Kollegen begrüßen.«
Rebecca rieb sich die feuchten Hände an ihrem Rock ab. Gleich würde sie aufstehen müssen, denn schon rief Mayer den Ersten auf, der sich prompt erhob und einmal winkte, um sich bemerkbar zu machen. Mayer gab ein paar Personalien bekannt, die Rebecca sofort wieder vergaß, und schaute danach auf das Pult, um seine Unterlagen zu sortieren.
»Wir dürfen als Nächstes Rebecca Peters in unserer Runde willkommen heißen.« Mayer zeigte mit der Hand auf sie. Rebecca stand auf und schaute sich scheu im Saal um. Niemanden würdigte sie länger als eine Sekunde eines Blickes. Das, was sie wahrnahm, waren lediglich die überwiegend grau melierten Haare der Anwesenden. Mehr nicht. Sie winkte verhalten, bevor sie ermattet in den Stuhl zurückfiel. Hoffentlich sah das Lächeln nicht zu unsicher und versteift aus.
»Frau Peters wird in diesem Schuljahr als Schwangerschaftsvertretung für Frau Fritsche einspringen. Sie hat bis vor drei Jahren als Lehrerin für Deutsch und Kunst an einer anderen Schule gearbeitet.« Inständig hoffte Rebecca, dass der Schulleiter niemals herausbekam, wie es damals dort zu Ende ging! Hoffentlich sagte er nicht, dass sie sich in der Zwischenzeit mit Halbtagsjobs und Kellnerarbeiten über Wasser gehalten hatte. Wichtig war nur, dass ihr das Unterrichten nach so langer Zeit wieder gelang.
»Frau Peters übernimmt den Kurs von Frau Fritsche als Tutorin in Klasse 12 und wird aus diesem Grund an der Kursfahrt teilnehmen. Vielen Dank dafür im Vorfeld«, nickte ihr Mayer zu. »Frau Peters wird hauptsächlich in den oberen Klassen unterrichten und die Leistungskurse in Deutsch übernehmen.«
Dass sie nur wenige Stunden da sein würde und sich ansonsten abducken konnte, war der Grund, warum sie sich überhaupt auf die Anzeige als Stützlehrerin beworben hatte. Wenn sie hier Vollzeit arbeiten gehen müsste, würde es wohl wieder in einer Vollkatastrophe enden und sie endgültig an den Rand eines Burnouts treiben.
Mayer nickte ihr wohlwollend zu und lächelte freundlich, bevor er dazu überging, den nächsten neuen Kollegen vorzustellen. Rebecca putzte sich ein weiteres Mal die schweißnassen Hände an ihrem Rock ab. Ihr Herz schlug noch immer bis zum Anschlag und eine heiße Anspannung durchflutete sie.
Nach drei anstrengenden Stunden endete die erste Lehrerkonferenz an der neuen Schule und Rebecca konnte nicht schnell genug aus dem lauten Raum flüchten. Ihre Schultasche hing bereits über der Schulter, als sich ihr der Kollege näherte, der ihr in den Morgenstunden in der Aula mehrfach sein Lächeln geschenkt hatte. Bisher war sie jeglicher Kommunikation aus dem Weg gegangen und hatte nicht vor, heute und hier Anschluss zu finden. Dafür war schließlich das gesamte Schuljahr Zeit.
»Warten Sie kurz!«, rief er ihr nach und holte mit großen Schritten auf, vorbei an den Kollegen, die ebenfalls nach draußen stürmten. Rebecca wartete, um nicht unhöflich zu erscheinen, hatte aber keine Lust auf Smalltalk.
»Ich bin Robert Kanter, der Mittutor in Klasse 12.« Er entblößte seine Zähne und streckte ihr seine Hand entgegen, die sich verschwitzt anfühlte.
»Rebecca Peters. Schön, Sie kennenzulernen.«
»Wir duzen uns hier.«
Sie nickte.
»Und wer ist noch Tutor bei den Zwölfern? Nur wir beide?«, wollte Rebecca wissen.
»Nein, Sabrina. Aber sie war heute nicht da, sonst hätte ich sie dir vorgestellt.«
Da er nichts sagte, entstand eine unangenehme Pause. Verlegen strich sich Robert durch sein volles braunes Haar.
»Und du unterrichtest Deutsch für Katharina?«
»Frau Fritsche? Ja. Aber nur wenige Stunden. Bin ja bloß die Vertretung«, lachte Rebecca, peinlich berührt von ihren dümmlichen Worten.
»Was unterrichten Sie? Äh du.«
»Mathe und Physik.« Irgendwie passte diese Fächerkombination zu seinem Aussehen, das leicht abgedreht wirkte. Inzwischen standen sie nahezu allein vor der Tür zum Konferenzzimmer. Nur Mayer und ein paar Mitglieder der Schulleitung waren noch drin, um die Technik abzubauen.
»Warst du schon im Lehrerzimmer?«, fragte Robert und Rebecca nickte abermals.
Sie war dort, hatte sich vor der Lehrerkonferenz sämtliche Unterlagen geschnappt und sie in ihre Tasche gestopft. Einzig der Stundenplan interessierte sie. Mit den fremden Namen auf den Kurslisten konnte sie nichts anfangen.
»Gehst du jetzt essen?«, fragte Robert.
»Ich koche zu Hause.« Auf ausufernde Gespräche hatte Rebecca keine Lust. Der Schädel brummte nach dem langen Sitzen, Zuhören und Mitschreiben. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, weil sie nur noch eins wollte: schleunigst heim.
»Ich gehe zum Chinesen nebenan. Komm mit, wenn du magst. Dann können wir über die Schüler in deinem Kurs sprechen.« Sollte sie sein Angebot einfach ausschlagen? War es unhöflich, jetzt »Nein« zu sagen?
»Okay«, gab sie knapp zur Antwort.
Rebecca hängte ihre Tasche um und folgte Robert. Er humpelte ein wenig. Ihr war auch nicht entgangen, dass sein Gesicht nicht ganz ebenmäßig war. Beim Sprechen hing ein Mundwinkel von ihm leicht nach unten. Beinah so, als wäre eine Körperpartie gelähmt. Der verschrobene Gesichtsausdruck machte ihr ein wenig Angst.
Das Chinarestaurant lag nur ein paar Meter von der Schule entfernt. Obwohl Robert nicht sicher lief, besaß er einen schnellen Gang. Rebecca hatte Mühe, seinen raschen Schritten zu folgen.
»Wohnst du schon lange hier?«, griff er das Gespräch auf, als sie sich dem Lokal näherten.
»Seit drei Jahren.«
»Hört man.« Robert stierte permanent beim Gehen auf seine Füße, als befürchtete er, hinzufallen.
»Wieso?«
»Dein Dialekt klingt nicht unbedingt so, als würdest du schon immer hier leben.«
Er musste ja nicht gleich am ersten Tag erfahren, dass man ihre Heimat erst nach etlichen Autostunden erreichte.
Inzwischen waren sie am Restaurant angekommen. Robert hielt ihr gentlemanlike die Tür auf. Ein schwerer Bratengeruch durchsetzte die Luft. Die Fenster ließen nur wenig Sonnenlicht in die Gaststätte, sodass sie stickig, dumpf und beklemmend wirkte – wie eine heruntergekommene Spelunke.
»Guten Tag«, sagte eine kleine, asiatisch aussehende Kellnerin, die Rebecca und Robert am Eingang der Gaststätte empfing. Auf dem Arm trug sie zwei, in roten Samt eingebundene Speisekarten. Die Bedienung entsprach genau dem Klischee einer Asiatin mit ihren pechschwarzen, kurzen Haaren und dem auffallend rundlichen Gesicht.
»Einen Tisch für zwei Personen«, orderte Robert.
»Möchten Sie drinnen oder draußen essen?«, fragte die Kellnerin mit fast melodischem Klang.
»Wollen wir draußen sitzen?«, wandte sich Robert an Rebecca, die mit einem Kopfnicken bejahte.
Die Bedienung vollführte eine einladende Handbewegung und geleitete sie hinaus ins Freie. Im Hinterhof des Restaurants waren Tische aus Metall aufgestellt. Die Stühle besaßen einen einheitlichen Grauton, der wenig gefällig wirkte. Immerhin sorgten grüne Sonnenschirme und asiatische Dekoration für den nötigen Charme. Irgendwo mussten sich Bambushölzer befinden, die gegeneinander schlugen und einen hohlen Klang verbreiteten, der harmonisch ins Ohr ging.
Rebecca und Robert erhielten einen schattigen Platz neben einer mittelgroßen Buddhastatue zugewiesen. Das breite Lächeln zeigte exakt auf Rebecca.
»Du musst über seinen dicken Bauch streicheln. Das bringt Glück«, flötete Robert, der ähnlich breit grinste wie die Skulptur.
Rebecca zog beide Augenbrauen nach oben. »Wer weiß, wer den schon alles angefasst hat.«
»Dann eben kein Glück«, sagte Robert. Seine strahlenden Zähne bildeten einen auffallenden Kontrast du seinem schiefen Mund. Rebecca verkniff sich, ihn auf seine Lähmungserscheinungen anzusprechen. So etwas gehörte sich ihrer Meinung nach nicht gleich am ersten Tag des Kennenlernens. Sicherlich würde er ihr das irgendwann in einem späteren Gespräch anvertrauen.
Nach einigen Minuten erschien die Kellnerin erneut. »Haben Sie schon ein Getränk gewählt?«
»Ich nehme einen Sekt«, sprudelte es aus Rebecca heraus.
»Ich bekomme ein Radler«, sagte er höflich und die Bedienung stiefelte von dannen.
Rebecca nahm sich die Karte zur Hand und suchte nach einem Gericht.
»Die Entenbrust ist ganz gut«, versicherte Robert, als er bemerkte, dass sie ständig in der Karte vor- und zurückblätterte.
»Gehst du hier öfter essen?«, fragte sie, ohne das Gesicht von der Karte zu nehmen.
»Ich komme hin und wieder mit Kollegen her. Mit meiner Familie bin ich auch manchmal hier.«
Rebecca überlegte, ob es zu unverschämt war, ihn über den Inhalt seines letzten Satzes auszuquetschen. Sie schwieg und biss sich auf die Unterlippe.
»Na gut, dann nehme ich die Ente«, sagte sie.
Robert blies angeheitert Luft durch die Nase aus und blickte amüsiert in die Karte.
»Was ist?«, wollte Rebecca wissen. »Warum lachst du?«
»Ich dachte, du fragst mich jetzt nach meiner Familie.«
Er hatte also ihr Zögern bemerkt. Robert schien ein sehr aufmerksamer Mensch zu sein.
Bevor Rebecca etwas erwidern konnte, hielt die Kellnerin mit schnellen Schritten auf ihren Tisch zu. Auf dem Tablett trug sie zwei Gläser, an denen Wassertropfen abperlten. Sie bestellten ihr Gericht und sahen der Bedienung hinterher, die genauso schnell verschwand, wie sie gekommen war.
Verlockend prickelte der goldgelbe Sekt im Glas, das vor Rebecca stand. Sie setzte das köstlich kalte Getränk an ihren Mund an. Schon benetzte der Sprudel ihre Lippen, noch bevor sie daraus trank. Eine fruchtige Süße nach Pfirsich liebkoste ihre Nase. Sie genoss diese kleinen Momente des Lebens. Der erste Schluck war belebend und zog zischend ihre Kehle hinunter.
Ohne dass Rebecca nachfragte, griff Robert den Gesprächsfetzen von eben auf: »Ich bin verheiratet. Habe zwei Söhne, elf und neun. Und du?«
»Ich habe keine Kinder«, erwiderte Rebecca.
»Bist du verheiratet oder hast du einen Partner?«
Rebecca schüttelte den Kopf. Ohne ihrer Mimik anmerken zu lassen, wie sie über ihren Beziehungsstatus dachte, fasste sie zusammen: »Bevor ich vor drei Jahren hierher gezogen bin, habe ich mit einem Mann zusammengelebt. Gute acht Jahre lang. Seitdem gab es nichts Festes mehr.«
Roberts stahlgraue Augen verfinsterten sich. Familienmensch durch und durch, dachte Rebecca.
»Du brauchst kein Mitleid mit mir zu haben«, gab sie schnell zurück, als sie registrierte, dass Roberts unbeschwerte Miene von eben durch ihre Worte gänzlich verschwunden war. »Wir haben uns einvernehmlich getrennt. Es gab ein paar … Probleme.«
Du bist fremdgegangen, Rebecca. Nun gut. Ihr Seitensprung mit ihrem Schüler war schuld. Nachdem Paul die Wahrheit verdaut hatte, war schnell klar, dass es keine Zukunft mit ihm geben würde. Die Partnerschaft stand schon vor ihrer Affäre auf der Kippe. Zum Einsturz gebracht hatte sie letztlich ihre Unfähigkeit, mit Paul über ihre Gefühle reden zu können. Heute wünschte sie, sie hätte sich eher getraut, ihm zu gestehen, wie unglücklich sie die lieblose Partnerschaft gemacht hatte. Die Jahre mit Paul waren sicherlich nicht vergeudet, aber herz- und freudlos.
Nie wieder wollte sie es so weit kommen lassen, sich ihre Gefühle nicht einzugestehen und in einer Partnerschaft zu enden, die nur Stillstand kannte. Nun galt es zu leben, mit jeder Faser des Körpers und der Seele den Moment zu genießen. Nur noch das Hier und Jetzt sollte zählen.
»Lass uns über die Schüler sprechen, die ich bekomme«, schlug sie vor, um nicht mehr an ihren Ex und an die verlorene Liebe zu ihrem Schüler denken zu müssen.
»Lass uns erst mal essen«, machte Robert den Gegenvorschlag, als er sah, dass die Mahlzeit serviert wurde. Die Bedienung stellte den Teller mit der dampfenden Entenbrust auf eine Warmhalteplatte. Dann lief sie davon und brachte als Nächstes den Reis in kleinen, weiß-blauen Porzellanschälchen herbei.
Rebecca nahm sich etwas von dem verführerisch duftenden Fleisch auf ihren Teller. Daneben stapelte sie eine ordentliche Portion von dem Klebereis, der sich schwer vom Porzellanlöffel löste. Wie Kleister hing er daran. Robert schaufelte sich ähnlich viel davon auf seinen Teller drauf.
Es schmeckte in der Tat sehr appetitlich. Ihr neuer Kollege hatte nicht übertrieben.
»Kennst du meine Schüler, die ich bekomme?«, fragte Rebecca kauend.
Robert schluckte seinen Bissen hinunter und sagte: »Ich bin viele Jahre lang Klassenlehrer in dieser Jahrgangsstufe gewesen. Ich kenne alle Schüler sehr gut. Als Tutor muss man sich natürlich noch mal ganz anders um sie kümmern. Man begleitet sie bis zum Abitur, steht ihnen sehr nahe.«
Rebeccas Erfahrung ging bisher nicht über die einer Klassenlehrerin hinaus. Dass sie in dieser Verantwortung nicht erfolgreich war, weil sie keinen Draht zu den Kindern aufbauen konnte, verschwieg sie. Tutorin zu sein, stellte für sie eine gänzlich neue Herausforderung dar. Nun musste sie beweisen, dass sie Empathie besaß und fähig dazu war, die Schüler zu Studierenden zu machen.
»Mein Leistungskurs in Deutsch wird mein Tutorkurs«, sagte Rebecca. »Ich möchte nicht nur unterrichten, sondern die Schüler kennenlernen.« Das Ziel musste diesmal konsequent verfolgt werden, um von vornherein Komplikationen mit den Jugendlichen auszuschließen.
Robert nickte und schob sich einen Happen von der Entenbrust in den Mund, genau wie Rebecca.
»Aber du hast Glück mit deinen Leuten«, antwortete er und lächelte sie mit seinen dicken Wangen an. Seine Kiefermuskulatur wirkte beim Kauen noch verschobener.
»Du hast nur zwölf Schüler in deinem Kurs. Zehn Mädchen und zwei Jungs. Aber die haben es in sich«, deutete Robert verschwörerisch an und schaute von seinem Gericht auf. Sein schelmisches Grinsen verstellte seinen ohnehin schiefen Mund.
»Du meinst, die Jungs haben es in sich?«, wollte Rebecca wissen.
Robert schnitt mit der Gabel ein Stück Entenbrust ab, bevor er tief einatmend sagte: »Ich war der Klassenlehrer von Cedric und Linus und rate dir, ein Auge auf die beiden zu haben.«
Krach!!! Die Gabel kam scheppernd auf dem Porzellanteller auf.
Die beiden Kerle aus der Disco würden ihre neuen Schüler sein?!
»Was ist los?«, fragte Robert, sichtlich erschrocken von dem lauten Geräusch, den das Metall verursacht hatte.
»Nichts. Mir ist die Gabel aus der Hand gefallen«, bekräftigte Rebecca, die Mühe damit hatte, den dicken Klumpen Entenbrust, der sich in ihre Luftröhre verirrt hatte, nach oben zu würgen. Hastig ergriff sie das Sektglas und leerte es in wenigen Zügen.
»Cedric vor allem solltest du im Blick behalten.« Das Geburtstagskind aus der Discothek, ergänzte Rebecca im Geist. »Ziemlicher Draufgänger. Macht immer einen auf cool, tanzt schnell aus der Reihe. Weiß nicht, ob er sich inzwischen mehr von Erwachsenen sagen lässt. In der Unterstufe jedenfalls war er nicht sehr kooperativ.« Seine Worte waren sehr aufschlussreich. »Cedric hat nicht viel auf dem Kasten. Der wird Mühe haben, überhaupt zum Abi zugelassen zu werden. Wenn er Pech hat, vergeigt er das erste Halbjahr, dann kann er seine Zulassung zur Prüfung vergessen.«
Rebecca hörte ihrem neuen Kollegen aufmerksam zu, saugte jede Information, die sie erhielt, ein.
»Und der Zweite?«, fragte sie interessiert nach, nachdem Robert nichts mehr über Cedric sagte.
»Linus ist ein Jahr älter als die anderen. Er kam in der zehnten Klasse an die Schule. Hat seinen Realschulabschluss in der Tasche und will jetzt das Abitur machen. Ja …«, brach Robert seinen Satz ab und kaute am Reis herum.
»Linus ist anders. Wirst du sehen. Bisschen schüchtern, in sich gekehrt. Als er in der zehnten Klasse zu uns stieß, war Cedric derjenige, der ihn in die Außenseiterrolle gedrängt hat.«
Wieder beließ es Robert bei Andeutungen, weil er aufhörte, weiterzusprechen. Stattdessen schob er sich das Gemüse in den Mund.
»Lern’ sie erst mal kennen. Wir haben in Klasse 11 mit jedem Schüler Einzelgespräche geführt.«
»Wozu?«, wollte Rebecca wissen.
»Wenn du als Tutor arbeitest, solltest du deine Schüler sehr genau kennen. Du musst wissen, womit sie Probleme haben, was sie in ihrer Freizeit machen, wie sie an Hausaufgaben herangehen, wie sie mit Stress umgehen. Außerdem ist es gut zu wissen, was sie nach dem Abi machen wollen, um ihnen die nötige Motivation zu geben, an ihrem Traum zu arbeiten. Es schafft eine ganz andere Atmosphäre, wenn du deine Schüler im Vorfeld kennenlernst. Glaub mir, das mache ich schon seit vielen Jahren so, wenn ich in der Oberstufe eingesetzt bin.«
Solche Erkenntnisse waren vollkommen neu für Rebecca. Einzelgespräche. Aber so schloss sie von vornherein Probleme aus und stellte einen persönlichen Draht zu den Schülern her.
»Nutz’ die Kursfahrt dafür«, durchbrach Robert ihre Gedanken.
»Kann ich euch helfen? Ist noch was zu erledigen?«
»Eine Woche vor der Kursfahrt führen wir einen Elternabend durch. Da solltest du auf jeden Fall anwesend sein. Bereite einfach einen Zettel mit der Einladung vor, mehr brauchst du nicht zu tun. Auf dem Elternabend erfährst du dann alles über die Fahrt. Ach so, und wir wollen dich dort natürlich als neue Tutorin vorstellen«, grinste Robert und kratzte das Gemüse von seinem Teller.
Das hatte Rebecca befürchtet. Noch mehr Menschenmassen, die sie musterten.
»Warum fahren wir eigentlich so zeitig im Schuljahr?«, wollte sie wissen. »Normalerweise finden doch Klassenfahrten im Frühjahr und Sommer statt, oder?«
»Ja, das stimmt. Die Abiturienten sollen aber den Kopf frei haben für die Prüfungen, die im Frühling und Sommer stattfinden. Daher nutzen wir den Beginn des Schuljahres zur Abschlussfahrt. Außerdem bekommt man leichter eine Unterkunft, wenn man außerhalb der Saison fährt.«
Robert wischte sich den Mund ab und legte die Serviette beiseite. Auch Rebecca war pappsatt. Vom Essen und von den Infos.
Nach anderthalb Stunden verließen Robert und Rebecca mit vollen Mägen das Restaurant.
»Wir sehen uns am Montag!«, verabschiedete sich der neue Kollege fröhlich und stiefelte in entgegengesetzter Richtung nach Hause.
Rebeccas Wohnung lag nicht weit entfernt von der Gaststätte und ihrer neuen Schule, sodass sie laufen konnte. Bei ihrer alten Arbeitsstätte hatte sie stets das Auto nehmen müssen. Wie praktisch, gleich in der Nachbarschaft zu wohnen.
Die kommenden freien Tage nutzte Rebecca, um akribisch die Stunden vorzubereiten, die sie in der nächsten Woche erwarten würden. Sie hatte an ihrem ersten Tag einen detaillierten Plan erhalten, wie weit die schwangere Kollegin mit ihren Lerngruppen gekommen war. Obwohl ihr letzter Unterricht einige Jahre zurücklag, konnte sie die fehlenden Lerninhalte gut herleiten.
Nachdem Robert ihr von den Schülern erzählt hatte, studierte Rebecca die Klassen- beziehungsweise Kurslisten. Den Leistungskurs in Klasse 12, ihren Tutorkurs, würde sie fünfmal in der Woche zu Gesicht bekommen.
Sie überflog die Namen.
Nächste Woche würde sie wissen, mit wem sie es zu tun hatte. Wenn sie wirklich Einzelgespräche mit den Schülern führen sollte, war sie schon jetzt auf die letzten beiden Namen auf ihrer Liste gespannt. Linus Voigt. Cedric Weise.
Kapitel 3
Am Sonntagnachmittag schälte sich Rebecca in ihren Jogging-Dress, bevor sie das Haus verließ. Sie trug ein rosafarbenes, bauchfreies Top und einen knappen schwarzen Laufrock. Sie war mehr als stolz auf ihre schlanke Figur, die sie mit regelmäßigem Fitnessprogramm in Shape hielt. Rebecca strich über den Stoff der Funktionskleidung und drehte sich vor dem Spiegel nach links und nach rechts, um ihren Körper zu betrachten.
Die klebrige Hitze, die sie an ihrem verschwitzten Körper fühlte, gefiel ihr gar nicht. Genauso wenig wie der glühende Asphalt, der vom Küchenfenster aus sichtbar war. Die Atmosphäre flimmerte durchsichtig und verschleierte die Umgebung. Und doch entschloss sich Rebecca dazu, laufen zu gehen, um nach der Unterrichtsvorbereitung den Kopf frei zu bekommen.
Im Stadtpark traf sie nur auf wenige Familien mit Kindern. Einige der Kleinen, die in Kinderwägen über den anthrazitfarbenen Schotter geschoben wurden, quengelten.
Gegen 14 Uhr hatte sich die Hitze soweit angestaut, dass es nur noch ein Ventil gab. Der Himmel verfinsterte sich schlagartig wie auf ein Kommando hin. Zu diesem Zeitpunkt hatte Rebecca noch gut die Hälfte der Laufstrecke vor sich. Ihre Fitnessarmbanduhr zeigte 3,6 gelaufene Kilometer an. Es grollte bereits und die dunkle Wolkenfront schob immer energischer dunkle Streifen über das Firmament. Bald würde ein Gewitter mit Starkregen einsetzen.
Rebecca spornte sich zu mehr Tempo an, joggte unbarmherzig an den Familien und Pärchen vorbei, die wohl nicht das drohende Unheil witterten, sondern sorglos auf dem Gehweg weiter entlang flanierten. Das Tempo anzuziehen war nicht einfach, weil sich die Temperaturen immer stärker in die Höhe schaukelten und der Druck auf ihren Körper unaufhaltsam zunahm.
Beinah in letzter Sekunde erreichte sie das schützende Dach einer Bushaltestelle, die sich unweit ihrer Wohnung befand. Erste dicke Tropfen prasselten hinab. Völlig ausgepowert stützte sich Rebecca an der Glaswand ab und sah zu, wie der Regenguss den Gehweg mit Pfützen flutete. Sie roch die vom Regen angefeuchtete Erde und sah verzaubert zu, wie der Schauer niederging. Die Regelmäßigkeit, mit der die Tropfen zu Boden knallten, hypnotisierte Rebecca. Sie streckte die Hand in den Guss aus und genoss die Abkühlung, die ihren Arm überzog.
Schwer keuchend rang sie nach Luft, beugte sich nach vorn und starrte auf ihren schlanken Bauch, der sich gleichmäßig hob und senkte. Sie war schon lange nicht mehr so aus der Puste gekommen. Ihre Uhr zeigte einen erhöhten Puls an, den sie so in der Art nicht von sich gewohnt war. Aber der Sport tat ihr gut. Mittlerweile stellte er den wichtigsten Ausgleich für stressige Tage dar. Nach der Trennung von ihrem Partner vor drei Jahren hatte sie sich immer öfter in diese Aktivität geflüchtet und meinte, inzwischen eine passable Langstreckenläuferin abzugeben. Heute war es aber wohl doch ein wenig zu schnell, vor allem zu viel gewesen.
Nach gefühlt einer Viertelstunde des Wartens zog die Regenwand ab und Rebecca schlenderte gemächlich nach Hause, begleitet von leichtem Nieselregen, der sich mit dem Schweiß ihrer Haut vermischte.
Als sie ins Treppenhaus eintrat, umfing sie eine angenehme Kühle, die ihren überhitzten Körper herunterregulierte. Sie sehnte die kalte Dusche herbei. Gleich nach dem Aufschließen der Haustür verzog sie sich ins Bad, wo sie ihren Laufrock und das enge Top loswurde, bevor sie sich unter die Dusche stellte und das kühle Nass genoss. Sie hätte jetzt gern einen Mann an ihrer Seite gehabt, der sie unter dem Wasserstrahl in seinen starken Armen wiegte, seine Schwanzspitze zwischen ihre Beine schob und an dessen Brust sie ihren Busen pressen konnte. Aber da war niemand.
Nackt lief sie ins Schlafzimmer. Die Bettdecke lag noch zerwühlt vom Morgen da. Rebecca legte sich seitlich auf die Matratze. Vom Nachttisch nahm sie einen Auflegevibrator, der als Männerersatz herhalten musste, und legte ihn an ihre Klitoris an. Mit der anderen Hand rieb sie sanft über ihre linke Brustwarze, die sich unter der zarten Berührung aufrichtete. Cedric und Linus waren also in ihrem Tutorkurs. Cedric, die Versuchung und Linus, das Mysterium.
Rebeccas Gedanken kreisten und fanden keinen Halt. Die Erregung musste zur Befriedigung werden. Daher schaltete sie den Auflegevibrator an und ließ ihre Fantasie Achterbahn fahren …
Schulball in ihrer alten Schule. Schon den ganzen Abend über beobachtet sie die Oberstufenschüler dabei, wie sie von Tisch zu Tisch eilen, darauf bedacht, die Gäste zu bewirten.
Es herrscht eine ausgelassene Stimmung im Foyer der Schule, denn es wurde kurzerhand zur Tanzfläche umfunktioniert. Laute Achtzigerjahre-Musik dröhnt aus den Boxen.
Um die Tanzfläche herum stehen Tische, an denen sich die Besucher unterhalten. Immer wieder huschen die Mädchen der Abschlussklassen von einer zur anderen Tafel und nehmen Getränkebestellungen auf. Die Jungen haben sich Anzüge übergeworfen. Sie wirken damit wie Businessmänner. Erwachsen, attraktiv, geradezu verführerisch.
Rebecca steht mit einem Sektglas in der Hand am Rand der Tanzfläche und schaut dabei zu, wie die Tanzwütigen über das Parkett fliegen. Ihr Blick schweift durch den Saal und bleibt auf Cedric und Linus hängen. Die Jungs lungern vor der Tanzfläche herum und betrachten ihre Mitschülerinnen, die sich in ihren knappen Kleidern und Röcken an ihnen vorbeistehlen. Dabei verfangen sich die Blicke der Jungen auf den knackigen Hintern der Mädels.
Permanent flüstert Cedric seinem Freund etwas ins Ohr und lächelt dabei schlüpfrig. Er streicht sich mit der Handfläche ein paar blonde Strähnen, die in sein Gesicht ragen, aus der Stirn.
Ohne Vorwarnung fixieren seine Augen Rebecca und wieder zeichnet sich ein schurkischer Zug auf seinem Gesicht ab. Sein Blick tastet ihren Körper ab. Hinter vorgehaltener Hand tuschelt er Linus etwas ins Ohr. Irgendwie schmeichelt es Rebeccas Ego, ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben. Andererseits ist ihr die Musterung durch ihre Schüler unangenehm. Wollen sie sich über sie lustig machen?
Rebecca stellt das Glas auf dem Tisch ab und blickt ein letztes Mal verstohlen in Richtung der Jugendlichen, bevor sie sich aus dem Schulgebäude hinaus begibt. Sofort schlägt ihr die unverbrauchte Abendluft entgegen. Da sie ihren Gedanken nachhängen und allein sein möchte, flaniert sie über den dunklen Schulhof. Während hier sonst ausgelassener Kinderlärm zu hören ist, legt sich in einer Nacht wie heute eine wohltuende Ruhe über die Wiese.
Nachdem sie die hohen Schuhe ausgezogen hat, benetzt das feuchte Gras ihre Füße.
Je kleiner der Eingang des Schulgebäudes wird und je weniger Licht zu ihr vordringt, desto mehr wird sie von der Dunkelheit verschluckt. Einzelne Sterne funkeln am Nachthimmel. Das schwache Licht des Halbmonds fällt punktuell auf die Buchen, die den Schulhof überragen.
Während sie gedankenverloren über die Wiese schlendert und das Gelächter sowie die Musik aus dem Schulhaus kaum noch ihr Ohr erreichen, bemerkt sie etwas Seltsames hinter sich. Ein Rascheln im Gras. Die Schritte verraten, dass es zwei Menschen sein müssen. Unheimlich.
Rebecca verschränkt die Arme vor der Brust und schließt den Blazer enger um ihren Körper. Ein zögerliches Umdrehen. Sie erkennt die schlanken Umrisse von Cedric und Linus. Mit jedem Schritt verringern sie den Abstand.
Als Rebecca stehen bleibt, um die Heels anzuziehen, wird sie von beiden eingeholt. Da die Lichter im Schulgebäude nur schemenhaft auszumachen sind, kann sie niemand hier beobachten.
Die Zwölftklässler bleiben stehen und schauen zu, wie sie umständlich in die eng sitzenden Schuhe schlüpft. »Können wir Ihnen helfen, Frau Peters?«, fragt Linus fürsorglich.
Ohne auf seinen Kommentar einzugehen, fragt sie: »Was wollt ihr, Jungs?«
»Ein bisschen frische Luft schnappen«, antwortet Cedric. »Und was machen Sie hier draußen?«
»Frische Luft schnappen.«
Ein Lächeln umrahmt seinen Mund.
»Müsst ihr nicht im Schulhaus sein und die Gäste bewirten? Also wenn ich eure Tutorin wäre, würde ich euch flinke Beine machen, darauf könnt ihr wetten!«
»Und wie würden Sie das anstellen, Frau Peters?« Ist Cedric etwa so ein verdammter Till Eulenspiegel, der alles wortwörtlich versteht? Auf seine Frage hin zieht sie die Stirn in Falten und verengt die Augen. Was bildet sich dieser überhebliche Kerl ein? Sie einfach so zu necken!
Rebecca will sich gerade umdrehen und dem Umfeld dieser Halbstarken entkommen, da ergreift Cedric ihr Handgelenk. Sie fährt innerlich zusammen und schluckt am dicken Kloß vorbei, der ihre Kehle spannt. Mit einem starren Blick quittiert sie seine unpassende Aussage, doch er setzt noch einen drauf: »Zeigen Sie uns, wie sie uns Beine machen würden!« Die Selbstherrlichkeit, die in seinen Augen aufblitzt, ist nicht zum Aushalten. Noch immer umfasst er ihr Handgelenk, während Linus danebensteht und nicht weiß, ob er seinen Freund stoppen oder abwarten soll.
Cedrics Händedruck drückt sich in Rebeccas Fleisch.
»Was soll das?« Der Griff um ihr Handgelenk lockert sich. Dann gibt Cedric sie frei; aber nicht, ohne dabei doof zu grinsen.
»Du müsstest über das Knie gelegt werden«, knurrt Rebecca, allerdings mehr zu sich selbst. Unfassbar, dass sie sich von ihm provozieren lässt. Na warte, Freundchen!
Wieder dreht sie sich zum Gehen weg, da wird sie erneut grob am Handgelenk angefasst. Ob er ihren finsteren Blick bemerkt, den sie ihm wie einen Giftpfeil entgegenschleudert?
»Wollen Sie mich wirklich übers Knie legen? Ich wüsste zu gern, wie sich das anfühlt«, gibt er zurück, feixt teuflisch und lässt Rebecca los.
Wieder geht sie wenige Meter, doch die beiden holen sie schneller ein, als ihr lieb ist. Offenbar gefällt sich Cedric darin, sie bis aufs Blut zu reizen.
Langsam findet sie allerdings Gefallen daran, das begonnene Spielchen fortzusetzen. Wer weiß, wie weit ihn sein jugendlicher Leichtsinn treibt.
Über dem Gespräch bemerkt Rebecca nicht, wie weit sie sich vom Schulhaus entfernt haben. Ständig wollte sie ihren Schülern ausweichen, ist aber nur tiefer in die düsteren Ecken des Gebäudes geraten. An einer Wand, die rechts und links durch Sträucher verdeckt wird, halten sie an.
»Zeigen Sie uns jetzt, wie Sie mich über das Knie legen?«, greift Cedric den roten Faden wieder auf.
»Ts«, entfährt es ihr pikiert. »Verratet ihr mir im Gegenzug, warum ihr mir gefolgt seid?«
Wie zwei mysteriöse Gestalten positionieren sich die Schüler ihr gegenüber und sie kann gar nicht so schnell reagieren, wie sie von Cedric gegen das Gemäuer gedrückt wird, wo sie hart auftrifft. Sofort arbeitet sich die Kälte an ihrem Rückgrat hoch. Sein Gesicht schwebt schattenhaft nah vor ihrem und sie fängt wieder dieses selbstgefällige Lächeln ein. Linus steht wie ein böser Dämon hinter ihm und wirkt aufgrund der Finsternis vollkommen in Schwarz gehüllt.
Cedric nähert sich verlockend Rebeccas Gesicht. Wie eine Feder kitzeln seine Lippen über ihren Mund, während seine Augen sie fokussieren und sie gebannt darauf wartet, womit er weitermacht.
Mit der Handfläche fährt er an ihrer Wange entlang, dann Richtung Schläfe und Ohr. Er erweckt den Eindruck, mit seinen Augen durch sie hindurchsehen zu wollen. Die Düsternis, die ihn umgibt, verleiht ihm etwas Mystisches, das sie nicht ergründen kann.
»Wollen Sie nicht vielmehr«, flüstert er nah an Rebeccas Gesicht in ihr Ohr, »lieb sein, anstatt mich bestrafen zu wollen?«
Kommt gar nicht infrage! Sie versucht sich aus seinem drängenden Zugriff zu befreien, wird jedoch an der Schulter erneut gegen die Wand gepresst. Mit geweiteten Augen und schwer atmend, spürt sie, wie sich die Kälte ihres Rückens bemächtigt.
Was ist mit diesem Burschen los? Hat er sie eben noch gegen die Mauer gestoßen, streichelt er nun zärtlich über ihren Arm. Wieso hält er nicht inne, mit den Fingern von ihrem Hals aus zuerst ihr Kinn und danach die Lippen nachzuzeichnen?
Rebecca versteht nicht, worauf das Ganze hinauslaufen soll. Noch geheimnisvoller erscheint Linus, der sie lediglich anblickt und erst, als Cedric sie an der Wange berührt, seine Finger über ihren Arm wandern lässt. Sie vergisst unter den sanften Berührungen schlichtweg, wie Cedric sie vorhin zur Weißglut gebracht hat, weil ihre Sinne auf einmal hellwach sind.
Überall sind Hände, die auf Erkundungstour gehen. Einer von beiden schiebt ihr den Blazer über die Schultern und lässt ihn unbedacht zu Boden sinken.
Weil der Moment gerade so bizarr ist, fühlt sie sich betäubt und verharrt reglos am Fleck. Ihre Hände pressen sich gegen die Hüfte und sie wagt nicht, Cedric irgendwo zu tangieren. Sein undurchdringliches Gesicht schwebt so dicht vor ihrem, dass Rebecca ein herbes Parfum in die Nase steigt und seine Lippen jede Sekunde auf die von ihr treffen werden.
Die eben noch verspielte Situation schlägt abrupt in eine knisternde um.
Wie ein Schmetterling flattert sein Mund über Rebeccas leicht geöffnete Lippen – kaum, dass er überhaupt darauf trifft. Es wirkt, als würde sich dieser Falter kurz ausruhen, bevor er sich wieder in die Lüfte schwingt. Ein leichter Hauch, fast nichts.
Sie schließt die Augen und lässt zu, dass er erneut ihre Lippen streift; nur diesmal kommt sie ihm mit ihrem eigenen Mund entgegen. Sie öffnet sich ihm. Die Zunge ihres Schülers findet zielsicher die ihrige. Es ist kein stürmischer Kuss, wie man es von einem temperamentvollen Jugendlichen seines Alters erwarten würde. Das kesse Spiel von eben ist beendet. Er agiert zaghaft, ist dabei aber – vermutlich ohne es zu wollen – ungewohnt zärtlich.
Der Schmetterling, der eben noch das Weite suchen wollte, hat einen festen Platz zum Niederlassen gefunden. Rebecca genießt, dass sie von seinem zarten Atem in die Nacht getragen wird und dass sein Duft die Umgebung erfüllt. So langsam erfasst sie, dass Cedric sie nur deshalb verwirrt und aufgewühlt hat, weil er wissen wollte, wie aufgeschlossen sie ist.
Rebecca lässt zu, dass er nicht nur feuchte Küsse mit ihr austauscht, sondern auch ihre Arme berührt. Oder ist es Linus? Sie öffnet die Augen und sieht, dass er neben ihr steht und gefühlvoll mit den Fingern die Oberarme streift.
Sie macht es an, dass sich beide gleichzeitig um sie kümmern und dass sie ihre Schüler sind, denen ein derart intimer Moment mit ihr nie vergönnt sein sollte.
Rebeccas Hände lösen sich aus der verkrampften Haltung. Waren sie vorher streng an die Hüfte angelegt, hebt sie sie jetzt vorsichtig zu Cedrics Brust empor. Der weiche Stoff seines Hemdes fühlt sich magisch an, während seine Muskulatur vermuten lässt, wie viel Sport er treibt. Hart spannt sich sein Bauch an, als sie seine Taille umfasst. Nach wie vor verliert sich Rebecca in einem schier hypnotisierenden Kuss, der nach Mehr schmeckt. Nach so viel erregendem Mehr.
Wo sich genau wessen Hände befinden, dringt nicht mehr bis in ihr Bewusstsein vor. Sie nimmt lediglich wahr, dass einer der beiden von ihrem Arm ausgehend nach oben Richtung Nacken wandert und von dort aus die Konturen ihrer Brüste umfährt. Das verlockende Spiel der Finger, vermischt mit dem Kuss, benebelt gänzlich ihren Geist.
Irgendeiner der zwei Jungs – vermutlich ist es Linus – berührt den Stoff ihres Kleides, sodass sich Rebeccas Brustwarzen darunter kribbelnd zusammenziehen.
Die Jungs verstehen sich darin, den Moment Moment sein zu lassen und ihre Lust durch ihre Berührungen anwachsen zu lassen.
Wessen Fingerkuppen gerade ihr Gesicht erforschen, wessen Hände sich in ihren Haaren verhaken und von dort aus interessiert zurück über ihren Körper wandern, den sie mittlerweile außer Gefecht gesetzt haben, ist irrelevant. Wie eine Puppe klebt sie an den Lippen ihres Schülers, lässt die Hände von seinem Bauch hinab sinken und fühlt eine Erhebung an seinem Hosenbund. So tief darf sie seinem Geheimnis nicht auf den Grund gehen, aber Rebeccas Hand macht, was sie will. Sie fingert am Reißverschluss seiner Stoffhose herum, wo sie nichts zu suchen hat. Aus! Pfui! Doch sie pfeift auf die Ansagen des Kopfes. Der intensive Kuss und die vielen Zungenschläge lehren ihren Verstand endgültig das Schweigen.
Sie stöhnt in Cedrics Mund, als sich eine Hand unter ihr Kleid verirrt und zwei Finger zwischen den Schenkeln zum Slip emporgleiten. Wie kühne Entdecker begeben sich die Hände auf Wanderschaft und suchen nach den verbotenen Orten der Leidenschaft. Auch die haben da nichts zu suchen. Schweig, Gehirn! Genieß, was sie dir schenken.
Ein kaum zu unterdrückendes Prickeln überzieht Rebeccas Körper, der von allen Seiten sinnlich liebkost wird und nach weiteren Streicheleinheiten lechzt.
Sie weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, weil von allen Seiten Berührungen auf sie einregnen und sie selbst damit beschäftigt ist, ihre Hände unter Kontrolle zu bringen. Wie im Rausch gibt sie sich ihm hin und lässt alles mit sich anstellen. Sie will verführt werden und wie Eva von der verbotenen Frucht des Baumes im Paradies kosten. Der süße, knackige Apfel, der als Po ihre Handfläche ausfüllt.
Trotz weicher Knie und zittriger Finger gelingt es ihr, Cedrics Hose zu öffnen. Sie reibt mit der Handfläche über die Erregung in seiner Shorts. Gleichzeitig rutscht sie, während er mit seiner Zunge ihre massiert, unwillkürlich näher an ihn heran. Immer aufdringlicher drückt sich seine Erektion gegen ihren Schoß.
Linus steht nicht mehr seitlich neben ihr, sondern hat Rebecca leicht von der Wand nach vorn geschoben und sich hinter sie platziert, sodass sie seine Geilheit auf ihrem Po wahrnimmt.
Das Wissen, ihre Schwänze zweifach am Becken zu spüren, lässt die Synapsen in ihrem Hirn auf Hochtouren laufen und heizt ihre Erregung an. Bereit zu so viel mehr, keucht Rebecca lustvoll auf, um ihnen zu signalisieren, dass sie auf keinen Fall innehalten sollen in ihren Bewegungen und Berührungen.
Doch Cedrics Mund löst sich unerwartet von ihrem. »Öffne ihr Kleid«, befiehlt er Linus mit sonorer Stimme, die Dominanz ausstrahlt. Dessen Finger rücken ihre Haare ein Stück beiseite, kitzeln hauchzart über ihren Nacken und machen sich daran, den Reißverschluss zu öffnen. Ein fester Griff von ihm, schon fällt das Kleid über die Schultern hinab auf den Boden. Nur noch in Unterwäsche bekleidet, steht sie vor ihren Schülern.
Zentimeter für Zentimeter nehmen sie die nackte Haut für sich in Anspruch. Die Hände, die ihren Körper erforschen, fegen ihre Selbstbeherrschung hinweg. Das Terrain ist bereits erobert, denn sie kapituliert in dem Moment, als Linus hinter ihr stehend den Verschluss des Büstenhalters zu öffnen bekommt und den Busen fest mit seinen Händen umspannt.
Cedrics Augen fesseln sie, doch nicht lange, schon lässt er seine Zunge erneut verführerisch zwischen ihren Lippen kreisen. Linus massiert die Brüste, zwirbelt die Brustwarzen, die sich unter seinen Fingern erheben. Sie haben Rebecca in ihrer Gewalt, hitzig und zugleich zärtlich.
Cedric presst ihr seine samtigen Lippen auf den Mund und ergreift ihre Hände, die er an seinen Schritt heranführt. Sie hatte sich so unter ihren Einflüssen fallen lassen, dass ihr die Hände wie gelähmt nach unten gerutscht sind. Jetzt streichen sie ehrfürchtig über Cedrics Härte, die sich ihren Weg aus seiner Boxershorts zu suchen scheint. »Fassen Sie ihn an«, stöhnt er auf.
Rebecca umfasst zuerst seinen knackigen Arsch, der sich unter den Avancen anspannt, bevor sie seine Hände nach vorn zu seiner Manneskraft bewegt. Wieder umhüllt sie mit der Handfläche seine Erektion, lässt ihren Daumen über seine stramme Eichel kreisen, die sich ihr willig entgegen reckt.
Schon längst haben sich die Hände unkontrolliert auf die Suche begeben und eine Hand von ihr windet sich in Cedrics Shorts hinein. Rebecca zieht ihm dabei leicht die Unterhose nach unten, bevor sie mit einer Massage an seinem Schaft entlang beginnt. Nun ist er es, der ihr in den Mund keucht und ihr immer gieriger seine Lippen entgegen presst.
Rebecca kommt gar nicht so schnell hinterher, zu registrieren, dass Linus ihr Höschen nach unten streift und seine Finger ihre Schamlippen finden. Er verreibt die Feuchtigkeit und umkreist – unbewusst oder beabsichtigt – den Lustpunkt, sodass sie die Schenkel anspannt, um die Empfindungen noch stärker zum Auflodern zu bringen. Wenn er wüsste, wie göttlich es sich anfühlt, sich unter seinen Empfindungen zu vergessen.
Cedric hat sich seiner Shorts entledigt, sodass seine Schwanzspitze ihren Venushügel und Linus’ Finger trifft. In Rebeccas Klitoris pocht es verlangend. Alleine das Zusammenspiel zwischen Cedrics Eichel, Linus’ Fingerspiel und ihrem hochexplosiven Kopf hätte sie zum Orgasmus gebracht. Sie wissen, wie weit sie gehen können, um ihr Begehren auf die Spitze zu treiben.
Weiter herzen sie ihre Knospe. Rebecca ist dem Höhepunkt so verflucht nah, dass sie nur noch die heiß ersehnte Klippe überspringen will, die sie vom Zusammenkrampfen ihres Inneren trennt.
»Bitte macht weiter«, animiert sie ihre Schüler aufstöhnend und schließt die Augen. Angefixt durch eine gewaltige Kontraktion in ihrem Becken, ringt Rebecca nach Luft und fühlt, wie sich die Scheidenwände eng um Linus’ Finger, die er in sie eingeführt hat, zusammenziehen.
Cedric grinst, als er sie vollkommen weggetreten den Gipfel der Lust erreichen sieht. Linus weicht zur Seite, sodass Cedric Rebecca gegen die Wand quetschen und sie hart unter sich nehmen kann. Angesichts des überwältigenden Orgasmus schwebt sie in seinen Armen und lässt ihn gewähren. Rebeccas Beine umklammern seinen Unterleib, damit sie jeden seiner tiefen Stöße genießen kann. Dabei krallen sich ihre Hände an seinen Schultern fest.
Mit jedem weiteren Stoß steigert sich die Leidenschaft. Sie spürt, wie kräftig er in ihr pumpt. Die Luft ist angefüllt von Testosteron. Das Parfüm wird überdeckt von einem animalischen Schweißgeruch, der ihre Nase überreizt.
Rebeccas Blick schweift nach rechts und wird auf Linus gelenkt. Er ist ein Stück zur Seite getreten, öffnet den Reißverschluss seiner Stoffhose und holt seine Härte heraus. Dabei zwingt er ihre Augen dazu, ihm zuzuschauen. Keine Sekunde lässt er sie aus dem Blick. Er nimmt seinen Schwanz in die Hand und massiert mit zwei Fingern über seine Eichel. Rebecca erregt der Anblick dieses masturbierenden Jugendlichen.
Ihre eigene Begierde ist noch nicht vollständig abgeklungen, als sie spürt, wie Cedrics Phallus in ihr zu zerbersten droht und er sich schwer atmend zum Höhepunkt bringt.
Rebecca umfasst mit der Hand seinen Hinterkopf und fühlt erneut eine heftige Kontraktion auf sich zurollen, je mehr sie Linus’ Auf und Ab an seiner Härte zum Zuschauen nötigt. So wie seine Leidenschaft auf dem höchsten Punkt der Lust angekommen ist und er sein Sperma auf dem Boden neben dem Schulhaus verteilt, wird sie von einer zweiten, gewaltigen Woge überrollt, die sie ihre Lust in die Nacht keuchen lässt.
»Ah!« Schwer atmend lag Rebecca auf der Seite ihres Bettes und ließ sich vom Orgasmus überschwemmen. Das Pochen ihrer Klitoris, das Zusammenziehen der Scheidenwände, das bekannte Rauschen in den Ohren. Alles war in einer einzigen Minute überwältigend.
Nie würde sie ihren Schülern professionell begegnen können, wenn sie schon jetzt von ihnen fantasierte, als wären sie Männer, die es zu erobern galt.
Was sollte sie mit dem angebrochenen Tag anfangen? Nachdem sie einfach nur dagelegen hatte, ohne Gedanken an Zeit und Raum, stand Rebecca auf und lief nackt zum Fenster. Der Regen hatte nachgelassen. Sie sah vom oberen Stockwerk aus, wie die Autos durch die Pfützen fuhren.
Rebecca beschloss, ihrer Freundin Lydia zu schreiben. Das hatte sie lange schon nicht mehr getan.
Bis auf wenige Bekanntschaften hatte sie nach ihrem Umzug die Kontakte abgebrochen. Lydia war ihr als einzige Bezugsperson aus Pauls Freundeskreis geblieben. Sie und ihr Mann Tom hatten sich nach einer schwierigen Zeit der Krise – Tom war fremdgegangen und kurzzeitig aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen – wieder zusammengerauft. Es klappte wohl mehr schlecht als recht, aber inzwischen erwartete Lydia ihr zweites Kind. Offenbar sollte es die Ehe kitten. Lydias wahre Motive, bei ihrem Mann zu bleiben, hatten sich Rebecca nie erschlossen. Zu feige dazu, ihre Freundin auszuquetschen, beließ sie es bei der Tatsache, dass Lydia offenbar keine Ratschläge von ihr benötigte und nicht über die Vergangenheit reden wollte.
Lydia hatte ihr einmal gesagt, sie würde dem Kind zuliebe bei ihm bleiben, egal, wie abtrünnig er wäre. Sie brauchte sich nicht zu fragen, ob dies eine geeignete Grundlage für eine Partnerschaft darstellte. Sie selbst hatte ihrem langjährigen Freund die heile Welt vorgespielt und ihn hinter seinem Rücken betrogen.
Liebe Lydia,
wie geht es dir? Ich hoffe, dass dich die Schwangerschaft nicht allzu sehr mitnimmt und du dich trotz dickem Bauch im Haus betätigen kannst. Im wievielten Monat bist du jetzt? Im sechsten oder schon im siebten? Ich drücke dir alle Daumen, die ich habe, dass du den Rest der Schwangerschaft unbeschadet überstehst und du einen gesunden Jungen zur Welt bringst. Ich weiß, wie sehr ihr euch auf den Nachwuchs freut. Das hast du ja immer wieder die letzten Male geschrieben. Und ich gönne euch das Glück von ganzem Herzen. :-)
Morgen geht bei mir die Schule wieder los. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie furchtbar aufgeregt ich bin!! Es ist ja schließlich das erste Mal seit drei Jahren, dass ich wieder vor eine Klasse oder einen Kurs trete. Am ersten Schultag steht für mich zwar noch kein Unterricht an, aber ich lerne trotzdem die Schüler bei der Begrüßung in der Aula kennen. Also nicht alle, das wäre gelogen. Die Schule ist recht groß, sodass die kleinen Klassen um 8:30 Uhr begrüßt werden, die »Großen« um 9 Uhr. Da ich ausschließlich in Klasse 9, 10, 11 und 12 Unterricht gebe, werde ich nur in der zweiten Veranstaltung »eingeführt«. Du weißt, was ich meine. ;-)
Irgendwie habe ich Angst davor, nach so langer Zeit wieder zu unterrichten. Es ist ja nun schon einige Jahre her, dass ich vor Kindern und Jugendlichen gestanden habe. Gut, ich habe Gott sei Dank größere Klassen zu betreuen, sodass ich mir keine Sorgen darüber machen muss, ob der Unterricht ruhig ablaufen wird. Aber trotzdem muss ich mich erst einmal auf ganz viele neue Gesichter einstellen. Seien es die Kollegen, die Schüler oder auch das Personal an der Schule. Alles ist neu. Wird sicherlich eine anstrengende Woche für mich! Von daher melde ich mich heute, falls wir uns nicht gleich wieder hören …
Wie geht es Tom und eurer Tochter? Habt ihr mal was von Paul gehört?
Mir selbst geht es den Umständen entsprechend gut. Ich gehe ganz viel laufen. Joggen ist zu einem meiner wichtigsten Hobbys geworden. Neben dem Lesen natürlich. Ein gutes Buch habe ich immer irgendwo rumliegen. Bin auch viel in der Bibliothek, um mir was auszuleihen.
Ich hatte dir ja schon geschrieben, dass ich an einem Sportgymnasium anfange. Daher werden die Schüler sicher noch mal mehr darauf schauen, wie ich selbst aussehe. Obwohl ich zugeben muss, dass die meisten Kollegen nicht unbedingt den Eindruck erwecken, recht fit zu sein. ;-) Aber zumindest möchte ich von Anfang an im wahrsten Sinne des Wortes eine gute Figur abgeben.
Apropos Kollegen: Ich habe einen sehr netten Mann an meinem ersten Tag an der Schule kennengelernt. Er heißt Robert. Wir waren gemeinsam beim Chinesen essen. Er wird mein Kollege in der zwölften Klasse – ist nämlich auch Tutor, genau wie ich. Robert hat mir einiges über meine Schüler erzählt, die ich in meinem Kurs habe. Da sind zehn Mädchen und zwei Jungs. Ich bin schon gespannt, wie sie auf mich reagieren. Vor allem will ich sie erst einmal genauer unter die Lupe nehmen und Einzelgespräche mit ihnen führen. Robert hat mir den Tipp gegeben, dass ich so am schnellsten mehr über sie erfahre.
Meine Achter, die ich an der alten Schule hatte, waren ja eher schwierig. Ich hoffe, dass die Schüler, die ich jetzt im Kurs habe, angenehmer zu handhaben sind. :-) Sie sind ja einige Jahre älter als die Kinder, die ich damals als Klassenlehrerin vor mir hatte. Von daher bin ich sehr zuversichtlich. Robert hat aber schon angekündigt, dass die beiden Jungs etwas komplizierter sein sollen. Oder anders: Er meinte, dass ich ein Auge auf sie haben sollte. So oder so lasse ich mich überraschen.
Nun gut, damit bist du erst einmal auf dem neuesten Stand. Ich würde mich freuen, wenn du was von dir hören lässt.
Liebe Grüße
Rebecca
Dass sie ihre Freundin nicht mehr zu Gesicht bekam, schmerzte Rebecca. Der Umzug vor drei Jahren sollte einen Schlussstrich unter die Vergangenheit setzen und daher war es ihr wichtig, möglichst weit weg von Paul zu ziehen. Seit ihrem Umzug hatte Rebecca Lydia nicht mehr gesehen.
Ob sie jemals Fuß in der neuen Heimat fassen würde? Die Stadt war zu groß, zu anonym, zu fremd, als dass es Rebecca bisher gelungen war, Bekanntschaften zu schließen. Nachbarn waren für sie da, wenn sie Hilfe brauchte. Aber gleichaltrige Freunde zu finden, blieb ihr versagt. Dazu fehlte ihr die Kontaktfreude. Einfach raus gehen und neue Personen ansprechen? Dazu fehlte ihr der Mut.
Ihre Gelegenheitsjobs, mit denen sie sich die letzten drei Jahre über Wasser gehalten hatte, stellten sich ebenfalls nicht als Kontaktbörsen heraus. In den ersten Monaten nach ihrem Umzug jobbte Rebecca als Kellnerin. Die weiblichen Bedienungen lästerten über Rebecca, weil sie aus einem gut bezahlten Beruf kam. Nun stand sie auf gleicher Stufe mit ihnen und musste aufs Geld schauen. Immer glaubte Rebecca tratschende Worte zu vernehmen, überall fühlte sie sich unbehaglich und beobachtet. Daher war eine Kündigung dort unvermeidlich, nachdem sie eine Honoraranstellung bei einer Zeitung erhalten hatte. Als Deutschlehrerin fiel ihr das Schreiben nicht sonderlich schwer, sodass sie sich fragte, ob sie nicht als Journalistin ihr Auskommen sichern konnte. Die Zeitung war aber unter keinen Umständen bereit gewesen, sie als Redakteurin anzustellen. Es handelte sich um einen kleinen Betrieb. Eine Chefredakteurin, ein Lokaljournalist, zwei Honorarkräfte, ein Fotograf. Entsprechend dürftig fiel ihre Bezahlung aus. Nicht viel mehr als das, was sie in der Kneipe verdient hatte. Es reichte gerade so, um die Miete zu begleichen.
Neben der schlechten Entlohnung hatte Rebecca Mühe, überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen. Lokale Themen auszugraben, glich selbst nach gut zwei Jahren Anstellung einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ihr haftete immerfort der Makel der Zugezogenen an, sodass sie nie wirklich bei der kleinen Lokalredaktion heimisch wurde. Das zeigten ihr die Kollegen nicht, aber ihre Artikel wurden gründlicher vor Abdruck überprüft und oft hatte die pedantische Chefredakteurin etwas daran auszusetzen, änderte zum Beispiel noch kurz vor Druck Rebeccas Sätze ab, ohne mit ihr über die Anpassung zu sprechen.
Als im Frühjahr diesen Jahres das Sportgymnasium eine Anzeige einreichte, überlegte Rebecca nicht lange und bewarb sich auf die ausgeschriebene Stelle der Stützlehrerin, noch bevor die Annonce in den Druck ging. Schwangerschaftsvertretung zu übernehmen, erweckte den Anschein, kein sonderlich anstrengendes Unterfangen zu sein. Chance auf Übernahme bestand nicht.
Bei ihrem Bewerbungsgespräch hatte ihr neuer Chef zu verstehen gegeben, dass keine neuen Lehrer an der Schule gebraucht würden. »In Mathe, Physik und Informatik suchen wir Kollegen«, hatte er betont. Der bedeutungsschwangere Satz wirkte noch lange in Rebecca nach. Sie war als Deutsch- und Kunstlehrerin unwichtig. Niemand brauchte Lehrer, die Kinder zu Kreativität anleiteten. Wichtig waren Lehrer, die die Schüler in die hochdotierten, bestbezahlten Jobs der Wirtschaft hineinprügelten. Wer brauchte schon das Wissen über Gemälde des Barock? Wem sollte es nutzen, den »Erlkönig« rezitieren oder Auszüge aus Schillers »Räuber« interpretieren zu können?
Eins hoffte Rebecca inständig: Dass sie, obwohl sie nur die Vertretung war, trotzdem die Leidenschaft für Literatur an die Schüler übertragen konnte. Denn was, wenn nicht Literatur und Kunst, charakterisierten den Menschen in seiner Menschlichkeit. Geschlossene Theater? Das konnte nur das Ende der Kultur bedeuten. Und eine Welt ohne Bücher? Das wäre eine Welt ohne Paralleluniversum.
Kapitel 4
Der Montagmorgen begann, wie der Sonntagnachmittag geendet hatte: spätsommerlich warm. Das Gewitter und der Regen taugten kaum dazu, die heiß gewordenen Asphaltstraßen auf eine erträgliche Wärme zu senken. Die Hitze staute sich zwischen den Häuserfronten und den abgestellten Autos. Sie drückte sich selbst in die engsten Gassen hinein. Sie saß auf und zwischen den Bänken des Stadtparks. Sie befiel die eigenen vier Wände wie ein böses Virus. Die Hitze kroch an den Schlafzimmerwänden bis zur Decke hinauf. Dort hockte sie und wartete.
Rebecca stand nackt vor dem Spiegel ihres Kleiderschranks. Sie war sich unschlüssig darüber, was sie an ihrem ersten Arbeitstag in der neuen Schule anziehen sollte. Schon jetzt roch die Luft nach Funken und Flirren, als drohe ein nahes Gewitter, das die Schwüle hinwegfegen würde.
Rebecca zog ungeduldig ein Kleid nach dem anderen aus dem Schrank, warf es auf das Bett oder presste es gegen ihren schweißdurchnässten Körper. Dann sah sie ihre sommerlich bunten Blusen schimmern, die mit einer Shorts oder einem Rock bestimmt ganz adrett anmuteten. Das kurze Schwarze, das sie kürzlich in der Disco anhatte, als sie Cedric und Linus erstmals traf, dünstete noch im Wäschekorb vor sich hin.
Nach einigem Hin und Her fiel ihre Wahl auf einen eng geschnittenen, kurzen Rock und eine rote Bluse. Damit würde sie zugleich professionell wirken und sexy aussehen. Eine Kombi, mit der sie schon an ihrer alten Schule bevorzugt provoziert hatte. Durch den Spitzenstring schmiegte sich der weiche Stoff des Rocks hautnah an ihren Po an. Ihre Hände konnten gar nicht so schnell gezügelt werden, wie sie neugierig über den Hintern strichen. Die Bluse lag ebenfalls verboten dicht am Körper an und betonte, was es zu akzentuieren gab.
Rebecca neigte den Kopf leicht schräg und begutachtete das Resultat ihrer Entscheidung im Schlafzimmerspiegel. Immer wieder drehte sie sich nach links und nach rechts, glättete den Stoff des Rocks oder zog sich die Bluse gerade. Noch war das Outfit nicht perfekt, denn ohne die passenden Schuhe, ohne ein dezentes Make-up und ohne den richtigen Schmuck war das Ergebnis nur halb ideal. Es musste vom ersten Tag an den richtigen Eindruck vermitteln. Niemand sollte auf die Idee kommen, sie für bieder oder altbacken zu halten.
Es brauchte noch weitere dreißig Minuten, bevor Rebecca ihren hohen Ansprüchen gerecht wurde und zufrieden mit ihrem Aussehen aus ihrer Wohnung stolzierte. Das Treppenhaus stemmte sich eisern gegen die sommerlich drückende Hitze. Die kalten grauen Wände trotzten der Wärme von außen und jagten kleine Schauder über Rebeccas Rücken. Die Absätze ihrer Pumps schlugen hart auf und ließen den Flur erzittern. Um ihren Arm schwang eine Handtasche. Am ersten Tag bedurfte es nicht vieler Utensilien: Kurslisten, Mitschriften aus der Lehrerkonferenz, ihr Federmäppchen. Mehr musste sie nicht einstecken.
Als sie aus dem Haus hinaustrat, rollte ihr ein Schwall knisternder Energie entgegen. Dass sich bereits um kurz nach halb neun eine so gewitterschwere Atmosphäre über die Stadt legte, war ungewöhnlich und verheißungsvoll. Rebecca sehnte sich nach Abkühlung, denn schon nach wenigen Schritten benetzte Schweiß ihre Stirn. Ihre Wangen glühten wie im Fieberwahn. Nicht nur, weil ihr die Hitze zu Kopf stieg. Sie glimmten vor Aufregung und Neugierde. Was würde sie heute erwarten? Während sie Richtung Schule lief, fantasierte sie, wie sie in der Aula vorgestellt wurde: Wie sie sich erhob. Wie sie angegafft und erste Urteile über sie gefällt wurden. Und dann ihre erste Stunde im Kurs. Sie sah eine gesichtslose Masse an Mädchen vor sich sitzen, dazwischen Cedric und Linus. Wie würden die beiden Jungs reagieren, wenn sie feststellten, dass sie mit ihrer neuen Lehrerin und Tutorin bereits Bekanntschaft geschlossen hatten? Würden sie sich überhaupt an sie erinnern oder hatten sie die Begegnung in der Disco längst aus dem Gedächtnis gestrichen?
Rebecca näherte sich dem Sportgymnasium. Als sie noch bei der Zeitung angestellt war, musste sie öfter daran vorbeifahren. Ihre Joggingstrecke führte sie ebenfalls manchmal an dem weißgrauen, klotzartigen Gebäude vorbei. An der großen Turnhalle, an dem Fußballrasen mit dem üppigen Grün und an der orange schimmernden Tartanbahn. Alles sah akkurat gepflegt aus, wie sie es von einer Schule dieser Ausrichtung erwartete. Des Öfteren hatte sie beim Vorbeilaufen Schüler rennen, springen oder spielen gesehen, ohne zu ahnen, dass sie hier irgendwann arbeiten würde. Heute war es soweit. Sie betrat den Eingang als Lehrerin.
Die Nervosität maximierte sich, als sie die Schule erreichte und einige Schüler zeitgleich mit ihr hineinströmten. Noch nahm kaum jemand Notiz von ihr. Rebecca steuerte wie die Schüler der voluminösen Aula zu. Dort verließen gerade die Fünft- bis Achtklässler den Saal. Gleich würden die Klassen 9 bis 12 eine Einführung ins neue Schuljahr erhalten.
Einige Jugendliche saßen bereits auf ihren Plätzen und plauderten. Scheu blickte sich Rebecca im Raum um, als sie nach vorn Richtung Bühne lief. Jeder Schritt fühlte sich wie der Gang zum Schafott an. Mit jedem weiteren, den sie nach vorn absolvierte, glaubte sie, die Blicke der Schüler im Nacken zu spüren.
In der ersten Reihe saßen ihre neuen Kollegen und starrten Löcher in die Luft. Auf ihren Gesichtern ruhte die Entspannung, während Rebeccas Augen von Nervosität gezeichnet waren. Sie hatte gehofft, dass Robert schon da war. Er hätte ihr die Kraft gegeben, die sie jetzt brauchte, und ihren Puls beruhigt. Doch er war nicht da.
Mayer stand auf der Tribüne und fummelte gemeinsam mit einem Kollegen am Mikrofon herum. Rebecca setzte sich neben eine ältere Kollegin und strich nervös über ihren Rock. Ihre klatschnassen Finger rieben angespannt über den Stoff. Ein Blick auf die Uhr. In zehn Minuten würde die Einführung beginnen. Ihre triefenden Hände verkeilten sich ineinander. Rebecca blickte sich erneut um. Eine Wand an Gesprächen drang in ihr Ohr, immer wieder übertönt durch das Rücken von Stühlen oder das Rascheln von Taschen. Zwischen den vielen unbekannten Gesichtern saßen irgendwo Cedric und Linus. Vielleicht wurde sie gerade von ihnen oder von den Mädchen in ihrem Tutorkurs angeschaut. Lächeln, Rebecca. Sie rang sich Freundlichkeit ab, doch die prickelnde Gespanntheit ihrer Nerven übertünchte schlichtweg ihre gut gemeinten Vorsätze. Die Mundwinkel fielen beinah automatisch nach unten zurück. Daher drehte sich Rebecca weg von der Masse der Fremden und richtete ihren Blick starr auf die Bühne, auf der Mayer seine Zettel sortierte.
»Guten Morgen!« Das erste bekannte Lächeln an diesem Montagmorgen. Robert strahlte sie an. Sichtlich erfreut, sein wohltuendes Gesicht mit dem schiefen Mund zu sehen, grinste Rebecca ihm entgegen. »Ich setze mich neben dich, wenn das okay ist«, sagte Robert und nahm den Platz bereits in Anspruch, noch während der Satz seine Lippen verließ.
»Aufgeregt?«, fragte er mitfühlend und drehte seinen Kopf zu ihr herum.
»Und ob«, keuchte sie angestrengt und fächelte sich Luft mit der Hand zu. Es half nur bedingt.
»Brauchst du aber nicht zu sein«, beruhigte Robert. »Der Schulleiter wird grob das neue Schuljahr vorstellen, Mut machen für die anstehenden Wochen und für die Prüfungen im nächsten Semester. Die neuen Kollegen werden meist gleich nach der Begrüßung vorgestellt. So wie bei der Lehrerkonferenz. Du musst nicht auf die Bühne gehen.«
Seine Worte besänftigten Rebeccas gespannte Nerven, die kurz vorm Zerreißen standen. Sie drehte sich noch einmal um und blickte in die Menge der Unbekannten.
»Tu’s besser nicht«, raunte ihr Robert zu.
»Was?«
»Dich umdrehen. Das macht dich nur noch nervöser. Du zerfließt ja jetzt schon vor Aufregung. Ich merke doch, dass du am liebsten flüchten würdest, so aufgekratzt, wie du auf dem Stuhl herumrutschst.« Er war ein wirklich wachsamer Mensch. Rebecca war gar nicht aufgefallen, dass sich ihre Beine bewegten. Mal überkreuzt, mal lang ausgestreckt, mal zu Robert geneigt, mal nach hinten hin angewinkelt. Doch ihr Kopf konnte nicht anders. Er musste sich immerfort umblicken. Als würde eine innere Kraft sie dazu zwingen, in die fremden Gesichter zu blicken.
Unerwartet legte sich Roberts Hand auf ihr Knie und Rebeccas Kopf schnellte zu ihm herum. Mit großen Augen schaute sie ihren Kollegen an. Der aber schien absolut unbeeindruckt von der intimen Geste seiner Hand zu sein. »Hierher, Rebecca«, flüsterte er und zog sogleich seine Hand von ihrem Knie ab. Er wollte sie bloß beruhigen und ihre Blicke nach vorn zwingen.
Es schien loszugehen, denn Mayer räusperte sich ins Mikrofon. Es wurde sichtlich leiser im Saal.
»Guten Morgen!«, schallte die sonore Stimme des Direktors durch die Aula und ließ die letzten Schwätzer verstummen. Es folgte ein motivierendes Zitat eines Philosophen, das Rebecca sofort vergaß. Sie hörte kaum den Aussagen des Schulleiters zu, weil der Druck einen dicken Klumpen in ihrem Hals erzeugte und sich schwer auf ihre Seele legte. Sie schluckte ihn hinunter. Das sorgte nur dafür, dass sich der Kloß in ihrem Bauch festsetzte und als dicker Brocken ihre Eingeweide malträtierte. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte auf der Stelle den Raum verlassen. Sie glaubte, auf einmal Durchfall zu bekommen und schleunigst auf die Toilette zu müssen. Es gluckerte und grollte hörbar in ihrem Bauch und Gedärmen. Der Schweiß rann von ihrer Stirn, lief an den Schläfen hinab. Die Hände flossen weg. Rebeccas Beine wussten nicht mehr, wo sie hin sollten. Weg, weg von hier, schrien sie.
Je mehr Worte Mayer ins Mikrofon goss, desto unwohler fühlte sich Rebecca in ihrer Haut. Sie musste sich dazu quälen, auf seine Sätze zu hören und nicht auf ihren verräterischen Körper, der mit Entkommen reagieren wollte. Das erste Mal Lehrerin nach drei Jahren.
»Das neue Schuljahr bringt uns auch immer neue Kollegen.« Mayer wirkte ungeheuer souverän, wie er da vorn an seinem Rednerpult stand und Herr seiner selbst war. Er strahlte Dominanz und Beherrschung aus. Sein seidiger schwarzer Anzug schimmerte im Licht der Bühnenbeleuchtung. Die Schüler zollten ihm Achtung, denn seine Worte brachten alle im Saal zum Schweigen.
»Ihr wisst, dass Frau Fritsche im Babyjahr ist. Sie wird vertreten von Frau Peters.« Mayer richtete seinen Blick auf Rebecca und deutete mit einer Handbewegung an, dass sie aufstehen sollte. Sie wollte Stärke ausstrahlen, aber ihr Körper zwängte sich lediglich träge in die Senkrechte. Ein flüchtiger Blick, ein kurzes Nicken über die Köpfe der Anwesenden hinweg, dann sank Rebecca in ihren Stuhl zurück. Als wäre sie von einem mehrstündigen Marsch aus dem Gebirge wiedergekommen. Hatte sie gelächelt?
»Frau Peters wird die Tutorin für den Kurs von Frau Fritsche. Außerdem übernimmt sie …« Rebecca war nicht mehr in der Lage, Mayer zu folgen. Zu sehr folterte es sie, dass sie nicht selbstbewusst aufgetreten war. Die erste Stunde in ihrem Kurs musste unbedingt anders ablaufen.
Nach anstrengenden zwanzig Minuten beendete Mayer seinen Monolog und entließ die Klassen und Kurse sowie die Lehrer in ihre ersten gemeinsamen Stunden. Jetzt mussten die organisatorischen Dinge geklärt werden. Rebecca wollte den Schwerpunkt heute auf das Kennenlernen lenken.
»Du packst das schon«, lächelte Robert, als Unruhe im Saal aufbrandete. Die ersten Schüler verließen schnatternd die Aula und drängten in die Klassenzimmer. Rebecca blickte sich scheu nach den Jugendlichen um, die immer zahlreicher als namenlose Masse nach draußen verschwanden.
»Du hast nette Leute in deinem Kurs. Die fressen dich nicht auf«, beruhigte Robert. »Wenn du magst, begleite ich dich in deinen Raum.« Sein Angebot war lieb gemeint. Aber wie sähe es aus, wenn der Kollege sie absetzte wie ein Kleinkind, das in den Kindergarten gebracht wurde?
»Danke, ich schaff das allein«, sagte Rebecca. Nicht überzeugend, aber mit der nötigen Kraft, um ihn zufriedenzustellen.
»Okay. Dann sehen wir uns in der Frühstückspause im Lehrerzimmer?«, hakte er nach.
Rebecca nötigte sich ein unsicheres Kopfnicken ab und verließ mit den letzten Jugendlichen die Aula.
Sie wusste, wo sie gleich erstmals auf ihren Kurs treffen würde. Den Raum hatte sie ausgekundschaftet, als sie vor ein paar Tagen zur Lehrerkonferenz erschienen war. Sie wollte nicht hin. Sie musste hin. Dass sie zwei Schüler vom Sehen kannte, beschwichtigte einerseits ihr zerrüttetes Nervenkostüm. Andererseits fürchtete sie sich vor dem Zusammentreffen. Warum, das wusste ihr flackernder Körper wohl selbst nicht genau.
Auf dem Gang war es ruhig. Die meisten Kinder und Jugendlichen befanden sich in ihren Klassen- und Kursräumen. Viele Türen waren geschlossen. Die lautesten Geräusche verursachten ihre Heels, die, Maschinengewehrkugeln gleich, an den Wänden des Flurs widerhallten. Die Tür zu ihrem Raum stand offen. Gemurmel drang bis auf den Gang hinaus. Rebecca verharrte in ihrer Bewegung. Ihre Atmung ging abgehackt und flach. Ein kurzes Schließen der Augen brachte keine Beruhigung. Sie strich sich ein letztes Mal den Schweiß von der Stirn. Jetzt gab es kein Zurück. Der dicke Klotz in Rebeccas Bauch grummelte ein finsteres Lied. Es wäre falsch, seiner Melodie zu lauschen und dem Drang, aus dem Gebäude zu verschwinden, nachzugeben.
Ein tiefer Atemzug von der stickigen Luft des Flures, dann preschte Rebecca in den Kursraum hinein und flog auf den Lehrertisch zu. Sie meinte, im Gehen den Kopf gedreht und den Schülern eine leise Begrüßung durch ihre hochgezogenen Mundwinkel gegeben zu haben.
Beim Aufblicken zeigte sie das schönste Lächeln, das sie sich in diesem Moment abringen konnte. Ihre Augen blieben auf den Gesichtern hängen. Manche Mädchen demonstrierten offen ihre Sympathie. Wiederum andere schauten neutral nach vorn. Manche musterten Rebecca mit kritischem Blick. Welches Bild mochte sie wohl abgeben? Jetzt, da sie am Lehrertisch stand und sich mit einer Hand an der Kante festkrallte.
Ganz links, auf der letzten Bank, saßen Cedric und Linus. Cedrics hübsches Gesicht konnte nur glotzen. Linus’ Mund stand offen. Sie wussten, wer sie war. Sofort steckten beide die Köpfe zusammen und murmelten sich etwas zu.
»Ich begrüße euch ganz herzlich«, sagte Rebecca mit der festesten Stimme, die ihr zur Verfügung stand. Sie schluckte einen erneuten Batzen Aufregung nach unten. »Ich möchte mich vorstellen.« Jetzt lächelte sie. »Mein Name ist Rebecca Peters. Ich werde in diesem Schuljahr eure Tutorin sein. Außerdem unterrichte ich euch im Leistungskurs Deutsch.« Wieder ein dicker Klumpen im Hals, der verschluckt wurde. »Ich bin etwas aufgeregt, wie ihr sicher sehen könnt.« Sie lachte auf, um ihre Hektik zu überspielen. Manche Schülerinnen nickten verhalten. Die Person, die die souveränste Haltung ausstrahlen sollte, stand vorn und machte alles andere als einen selbstsicheren Eindruck.
»Ich bin auch deswegen so aufgeregt, weil es das erste Mal seit Jahren ist, dass ich wieder vor Schülern stehe.« Gemurmel. »Ich bin vor drei Jahren in diese Stadt gezogen und bin seitdem nur Minijobs und einer Anstellung bei einer Zeitung nachgegangen.« Wieder Getuschel. »Aber ich bin studierte Lehrerin für Deutsch und Kunst und war an meiner letzten Schule auch als Klassenlehrerin tätig. Leider zwang mich ein Umzug dazu, mich neu auszurichten.«
Bullshit, Rebecca! Niemand sollte erfahren, was sie wirklich hierher trieb. Die Affäre zu ihrem ehemaligen Schüler Elouan musste unter allen Umständen vertuscht werden. Niemals sollte ihre Vergangenheit auf den Tisch kommen!
»Wenn wir uns besser kennen, können wir gern darüber sprechen, wie schwierig es ist, irgendwo neu anzufangen. Aber heute nicht. Heute geht es darum, dass wir uns ein wenig ›beschnuppern‹.« Rebecca zwang sich zu einem Lächeln durch, das ihr nach wie vor schwerfiel.
»Ich weiß, dass wir nur ein Schuljahr zusammen haben werden. Das reicht vielleicht gerade aus, um als Kurs zusammenzuwachsen. Ich möchte in den kommenden Tagen mit euch Einzelgespräche führen. Ich will herausfinden, was ihr für Menschen seid, was ihr euch vorgenommen habt für dieses Schuljahr und ich will wissen, was ihr mit dem Abi machen wollt. Ich denke, dass wir uns vor allem während der Kursfahrt annähern werden.«
Klang das halbwegs sicher? Rebecca pochte mit den Fingerkuppen auf den Lehrertisch. »Okay, dann stellt euch mal vor, damit ich euch mit Namen ansprechen kann«, bat sie, setzte sich hin und erstellte einen Sitzplan. »Gut, beginnen wir bei dir hier vorn.«
Zur Frühstückspause verließ Rebecca den Raum und stolperte Richtung Lehrerzimmer, wo sie hoffte, auf Robert zu treffen. Schon beim Aufschließen des Raums prasselte ein lautstarker Schwall auf sie ein. Kolleginnen rannten wie aufgescheuchte Suppenhühner durch das Zimmer. Einige saßen an den Tischen zusammen und aßen ihre mitgebrachten Frühstücksbrote, während sich einer lauter als der andere über den ersten Schultag austauschte. Auch Robert war mit einer Frau im Gespräch versunken. Als er Rebecca entdeckte, hob er die Hand und winkte sie herbei. Als Rebecca am Tisch ankam, streckte ihr die ältere Kollegin mit den rötlich-grauen Haaren die Hand entgegen und stellte sich als Sabrina Winkler vor, die dritte Tutorin.
»Und wie war deine erste Stunde im Kurs?«, fragte sie Rebecca herzlich. Die neue Kollegin besaß eine einnehmende Erscheinung. Ihre Statur war sehr kräftig. In Kombination mit den kurzen Haaren wirkte Sabrina leicht bubenhaft. Trotz ihres resoluten Auftretens erweckte sie den Eindruck, eine Kameradin fürs Leben zu sein.
»Ich war tierisch aufgeregt«, sagte Rebecca und versenkte ihre Handflächen ins Gesicht.
»Ach Quatsch!«, rief Sabrina aus und patschte ihr auf die Schulter. Es war ein kerniger Handschlag. Fast wie bei einem Mann. Auch Sabrinas Stimme war sehr dunkel gefärbt.
»Du hast ganz liebe Mädels drin. Die unterstützen dich bei allem, was du mit denen vorhast.«
»Ich habe Rebecca«, schaltete sich Robert ins Gespräch ein, »schon gesagt, dass sie einzig Cedric und Linus im Auge behalten muss.« Aus Sabrinas Mund entrang ein kehliges Lachen. Sicherlich rauchte sie schon seit Jahren, so metallisch wie ihre Stimmlage klang.
»Ja, die beiden sind eine Nummer für sich«, griente Sabrina und entblößte ihre gelblichen Zähne.
»Sind mir nicht weiter aufgefallen«, sagte Rebecca schnell. Tatsächlich hatten sich die Jungs während der Einführungsstunde benommen. Keiner hat irgendeinen komischen Kommentar verlauten lassen. Eine Anspielung auf die Disconacht wäre auch mehr als unpassend gewesen.
»Sie kennen dich noch nicht«, meinte Robert und nahm einen Bissen von seiner Wurststulle. Rebecca bekam nichts herunter, obwohl sie ihre Schnitte eingepackt mit ins Lehrerzimmer genommen hatte. Zu groß war der innere Brocken, den sie seit gut anderthalb Stunden in sich trug.
»So, ich glaube, wir müssen wieder«, sagte Sabrina und erhob sich mit ihrem ganzen Gewicht vom Stuhl. Mit einer Hand auf der Tischkante abgestützt, drückte sie ihren wuchtigen Körper nach oben. Dann zwängte sie sich an den anderen Kollegen vorbei, die ihr keine Beachtung schenkten. Rebecca beobachtete, wie ihr massiger Leib beim Gehen von einer in die andere Richtung schwenkte. Mit diesem Aussehen am Sportgymnasium zu bestehen, war bestimmt nicht einfach. Aber die Kollegin strahlte die nötige Stärke aus, die es brauchte, um als Lehrerpersönlichkeit geachtet zu werden.
»Welche Fächer unterrichtet sie?«, fragte Rebecca, als Sabrina aus ihrem Blickfeld verschwand.
»Geografie«, erwiderte er.
»Nur ein Fach? Dann hat sie sicherlich nicht viele Stunden.«
»Man sieht es ihr nicht an, aber bis vor zehn Jahren hat Sabrina sogar Sport unterrichtet.« Als könnte er seine Worte selbst nicht glauben, lachte Robert nach Beendigung des Satzes laut auf.
»Sabrina arbeitet schon über fünfzehn Jahre hier. Ich bin seit acht Jahren dabei. Ich habe sie nie als Sportlehrerin gesehen. Sie hat es mir mal irgendwann gesagt, als wir auf Klassenfahrt waren.«
Schon komisch, wie sich Menschen verändern konnten.
»Sie unterrichtet nahezu alle Klassen in ihrem Fach. Ich glaube über fünfundzwanzig.«
Aufbruch im Lehrerzimmer. Robert erhob sich und wünschte ihr gutes Gelingen. Rebecca war dankbar, zwei Kollegen zu haben, die sie unterstützten. Mit diesem Background konnte sie ruhigen Gewissens ins neue Schuljahr starten.
Kapitel 5
Den ersten Arbeitstag überstanden zu haben, war kein Garant dafür, dass die anderen genauso aalglatt abliefen. Am Mittwoch, als Rebecca ihren eigenen Kurs in Deutsch zu unterrichten hatte, konnte sie sich einen ersten Eindruck davon verschaffen, wer ernsthaft an Literatur interessiert war und wer das Fach gewählt hatte, weil der Mathe-Leistungskurs zu schwer war. Cedric und Linus schienen eindeutig der letzteren Kategorie anzugehören.
Deutsch war für die erste und zweite Unterrichtsstunde mit neunzig Minuten angesetzt. Rebecca hatte extra am Tag davor den Ablauf penibel geplant, um einen positiven Eindruck von sich als Lehrerpersönlichkeit zu vermitteln. Wieder stand sie vor dem Spiegel und wusste nicht, mit welchen Waffen sie heute zuschlagen sollte. Montags, mittwochs und freitags waren die Tage, an denen sie ihren Leistungskurs sah. Daneben übernahm sie Stunden in den Klassen 9 bis 11 – Jahrgänge, die Rebecca ganz recht waren. So hatte sie nachmittags ausreichend Zeit, sich dem Sport zu widmen oder Unterricht vor- und nachzubereiten.
Rebecca entschied sich dafür, eine knackige Jeans mit einem engen weißen Shirt darüber anzuziehen. Ob es die richtige Entscheidung war? Das Gewitter, das am Montagabend über die Stadt gefegt war, hatte zumindest die brütende Hitze weggewischt, die die Bewohner gelähmt hatte. Noch hockte das Biest an der Zimmerdecke und verschwand nur mühsam aus dem Schlafzimmer. Lüften allein half nicht, es zu vertreiben. Rebecca schlief bei offenem Fenster und verrammelte es, wenn die Sonne auf die Rollläden knallte. Bloß um abends festzustellen, dass die Wärme noch immer nicht gewichen war. Ihre engen Jeans saugten sich augenblicklich am Bein fest, so sehr schwitzte sie darin. Trotzdem ging sie mit ihnen vor dem Beginn des Schultages hinaus.
Nun stand sie also vor ihrem Kurs, in ihrer Hose, die das Bein festzurrte und mit ihrem Shirt, das an den Brüsten festklebte. »Wir werden uns in diesem Schuljahr mit drei wichtigen Werken beschäftigen. Als Erstes müsst ihr euch das Drama ›Die Räuber‹ von Friedrich Schiller besorgen. Wir werden nämlich die Epoche des Sturm und Drang behandeln und dieses Werk besprechen.«
Aus der hintersten Reihe vernahm Rebecca ein tiefes Stöhnen. Noch konnte sie nicht unterscheiden, von welchem der beiden Jungen es herrührte. Sie vermutete, dass es Cedric war, da er beide Augenbrauen in die Höhe zog, als er sich die ISBN-Nummer, die Rebecca an die Tafel angeschrieben hatte, in seine Aufzeichnungen übernahm.
»Was ist los, Jungs?«, fragte sie, nachdem das Seufzen wie ein lautloser Tornado den Raum erschüttert hatte.
»Alles gut, Frau Peters«, fühlte sich Cedric angesprochen und grinste schurkisch in sich hinein.
»Ich weiß, dass euch die alte Literatur nicht anhebt«, konnte Rebecca seinen stillen Einwand nachvollziehen. »Aber vielleicht findet ihr ein wenig Gefallen daran. Das ist das erste Werk von Friedrich Schiller. Er hat es in einer Zeit geschrieben, in der er sehr hitzköpfig war. So wie vielleicht manch einer von euch. Diese Stimmung spürt man in seinem Drama. Es geht um zwei verfeindete Brüder, die sich um eine Frau und um die väterliche Nachfolge streiten«, erklärte Rebecca. »Ist ziemlich spannend. Karl, der ältere der beiden, schließt sich einer Räuberbande an, während sein Bruder Franz versucht, den Vater und Karls Geliebte, Amalia, auf seine Seite zu ziehen.«
Rebecca hielt kurz in den Erläuterungen inne. »Bevor wir mit dem Buch einsteigen, werden wir uns ein paar Gedichte ansehen. Nach der Kursfahrt geht es dann sofort mit der Lektüre los. Ihr solltet also bis dahin das Drama gelesen haben.«
Cedric verkniff sich eine weitere Bemerkung, obwohl Rebecca spürte, dass der Protest in ihm schwelte.
Kurz vor dem Ende der Doppelstunde. Rebecca unterdrückte die in der Luft liegende Aufbruchsstimmung, indem sie zu verstehen gab: »Wir werden ab morgen mit den persönlichen Gesprächen beginnen. Obwohl wir nur ein Jahr zusammen sein werden, möchte ich euch trotzdem bestmöglich kennenlernen. Vor allem will ich wissen, welche Stärken und Schwächen ihr habt. Außerdem müssen wir darüber reden, was ihr nach dem Abi mit euch anfangen wollt.«
Sie blätterte in einem Stapel Papier.
»Ich habe schon mal geschaut, wann ihr Freistunden habt und in welcher Stunde ich frei habe, um mit euch zu sprechen. Manchmal müssen wir uns in einer Pause treffen, weil unsere Stundenpläne nicht kompatibel sind. Aber das kriegen wir in den nächsten anderthalb Wochen hin.«
Rebecca wühlte in ihrem Lehrerkalender nach Zetteln, die sie an die Schüler ausgeben wollte. »Ihr erhaltet eine Einladung von mir«, sagte sie und wedelte mit den Papierstücken in der Luft herum. »Darauf findet ihr euren Termin mit mir und ihr erfahrt, worüber wir sprechen wollen. Lisa, bist du bitte so lieb und verteilst die Einladungen an die Mitschüler?« Rebecca übergab ihrer Schülerin den Stapel, den sie eifrig austeilte. Dann klingelte es zur Pause. »Seid bitte pünktlich da. Ich möchte mit euch einiges bereden«, schrie Rebecca über die bereits entstandene Lautstärke hinweg.
Sie beobachtete, wie die Schüler einpackten. Lisa schwirrte wie eine gute Fee durch den Raum und teilte emsig die Zettel aus. Als sie bei Cedric ankam, sah Rebecca, dass er das Schriftstück ergriff und ohne es anzusehen in sein Hausaufgabenheft steckte. Er presste die Lippen fest zusammen. Seine Reaktion war ein Stich ins Herz. Rebecca hatte gehofft, sein Interesse erhalten zu haben. Als habe sie naiverweise geglaubt, dass er sich freut, mit ihr reden zu dürfen. Privat.
Dann übergab Lisa den Zettel an Linus. Er lächelte, ohne seine Zähne zu zeigen, nahm den Zettel an sich und las, was darauf geschrieben stand. Dann schaute er Rebecca an und setzte ein Schmunzeln auf. Nicht schelmisch, sondern freundlich.
Cedric war bereit zum Aufbruch und murmelte Linus etwas zu. Der nickte lediglich, schenkte Rebecca einen letzten Blick und packte dann ebenfalls seine Sachen zusammen. Seine Augen glitten immer wieder Richtung Lehrertisch. Cedric hielt seinen Blick starr auf seinen Rucksack gerichtet und verließ ohne Verabschiedung den Raum. Rebecca hatte auf einen letzten Augenkontakt gehofft.
Der Mittwoch war der kürzeste Tag für Rebecca. Sie konnte bereits nach den ersten drei Stunden die Schule verlassen. Die Pause hatte sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Lehrerzimmer verbracht. Nun schulterte sie ihre Tasche und verließ schlendernd das Schulhaus. Beim Heraustreten glaubte sie, die Sonne wolle ihre braunen Haare versengen. So stark brannte sie unerbittlich auf die Erde herab.
Da waren Oberstufenschüler, die neben der Turnhalle – trotz der Hitze – über die Tartanbahn liefen. Ein älterer Sportlehrer feuerte die Jungs zu mehr Leistung an: »Macht mal ’n bisschen schneller!«, schrie er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Rebecca blieb stehen und sah den Jugendlichen dabei zu, wie sie auf der kurzen Distanz die Meter überbrückten. Sie erspähte Linus in kurzen schwarzen Sportshorts und einem legeren blauen Shirt. Wenn er dort war, konnte sexy Cedric nicht weit sein.
Rebecca trat einen Schritt näher an die Laufstrecke heran, ohne aufdringlich wirken zu wollen.
Linus hatte sie längst bemerkt und strahlte sie an. Er war versucht, die Hand zu heben, unterließ es aber. Seine Augen klebten an ihr, bevor sie sich auf die Laufbahn richteten, auf der er gleich sein Können unter Beweis stellen musste.
Ein Teenager nach dem anderen begab sich in Startposition. Ein lauter Knall, durch den Sportlehrer erzeugt, schwappte über das Gelände und schon rannten drei Schüler auf unterschiedlichen Bahnen gegeneinander. Ihre Bein- und Armmuskulatur war deutlich angespannt. Sie reckten die Hälse nach vorn und legten ein mörderisches Tempo vor, als wollten sie vor einer Gefahr fliehen. Nach hundert Metern am Ziel angekommen, bummelten sie seelenruhig zu ihrem Ausgangspunkt zurück, an dem bereits Mitschüler auf den Startschuss warteten. Ihnen machte die Hitze offenbar gar nichts aus.
Was hatte Rebecca für ein Glück, an einem Sportgymnasium zu sein, an dem lauter gut gebaute, trainierte junge Kerle herumliefen, die sie mit ihren Blicken ausziehen konnte.
Da war Cedric. Er redete mit einem anderen Jugendlichen und schlenderte seelenruhig auf der Bahn zurück, ohne den Kopf zu heben. Er trug, ähnlich wie Linus, kurze Shorts. Seine Waden wirkten wie die eines Radrennfahrers. Kräftig, maskulin. Sein schlanker Bauch wurde durch ein Shirt, das locker seinen Oberkörper umspielte, verdeckt. Was für Oberarme er hatte. Cedric strich sich mit der Hand durch das lange blonde Pony. Doch die Haare fielen ihm augenblicklich zurück in die Stirn. Gebändigt bekam er sie nicht. Rebecca stellte sich vor, dass sie Cedric genauso wenig gezügelt bekam, wie er seine Haare unter Kontrolle hatte.
Sie beobachtete, wie er seinem Kumpel etwas sagte, dann feixte. Während des Redens unterstützte er das Gesagte durch elegante Handbewegungen. Er besaß jenen Sexappeal, der sie schon immer magisch zu Männern hingezogen hatte.
»Rennt schneller!«, schallte der Ruf des Kollegen über den Platz. Rebecca reckte den Kopf zu den Läufern hinüber und bemerkte, wie Linus als Letzter das Ziel erreichte. Er krümmte seinen Oberkörper nach unten und stützte sich mit den Händen an den Knien ab. So wie er erschöpft aufschaute, traf sein Blick auf den von Rebecca.
Was war das für ein mysteriöser Typ Mensch? Linus wirkte, als gehöre er hier nicht her. Zwischen all den athletisch aussehenden Mitschülern wirkte er unbeholfen und schlaff. Sie nahm sich vor, herauszubekommen, was ihn hierher geführt hatte.
Linus stolperte an den Startpunkt zurück. Seine Stirn durchzogen tiefe Furchen und er wagte nicht, aufzuschauen. Wie eine Dampflok keuchte er. Eine Hand stützte er in der Seite ab, die andere schaukelte in der Luft herum.
Am Start der Laufstrecke standen noch immer Cedric und ein Mitschüler. Sie quatschten miteinander. Als Linus zu ihnen stieß, folgte ein kurzer Wortwechsel. Schon drehte sich Cedric blitzartig zu Rebecca herum. Seine blonden Haare umwehten seine Stirn. Allein dieser Blick von ihm war zum Niederknien. Als er dann auch noch seine Hand durch das unbändige Haar wandern ließ, war es vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung und Rebecca hauchte ein kurzes Stöhnen aus. Doch Cedric spielte nicht mit. Beinah arrogant zog er einen Mundwinkel nach oben. Dann murmelte er seinen Mitschülern etwas zu, ohne seine durchdringenden Augen von ihr abzuwenden. Sie gingen ihr durch alle Körperbahnen. Ihn in ihrem Kurs sitzen zu haben – das war absehbar – würde sie um den Verstand bringen und sie regelmäßig mit durchnässtem Höschen nach Hause kommen lassen. Sie ließ sich auf einen äußerst gewagten Kampf ein, vor dem sie schon jetzt die Waffen strecken musste.
Am Abend lag Rebecca im Bett und konnte nicht einschlafen. Die an der Decke festsitzende Hitze hatte sich inzwischen in jedem Winkel ihrer Behausung breitgemacht und Abkühlung schien es noch lange nicht zu geben. In anderthalb Wochen stand die Kursfahrt nach Norditalien an. Rebecca fragte sich, ob bis dahin das Wetter erträglich war. Sollten sie im Bus sitzen und schwitzen, wäre das eine Katastrophe.
Da lag sie also und fand nicht in den Schlaf. Die Schwelle des neuen Tages war bereits überschritten. In wenigen Stunden musste sie aus den Federn steigen. Was brachte sie so aus der Ruhe? Sie hatte den Tag über kaum etwas gemacht, hatte sich immer wieder über die Unterrichtsvorbereitung gesetzt. Dann hatte sie gelesen und ferngesehen. Am Abend hatte Rebecca im Internet gesurft, auf der Suche nach Klamotten für den anstehenden Herbst. Und nun lag sie wach im Bett und konnte nicht in das Reich der Träume hinübergleiten.
Jetzt noch lesen? Darauf hatte sie keine Lust mehr. Rebecca schloss die Augen und ließ die Erlebnisse aus der Schule vor ihren Lidern vorbeiziehen. Deutsch bei den Zwölftklässlern. Lisa teilt Zettel aus. Frühstückspause im Lehrerzimmer. Lautstärke auf dem Gang. Lautstärke im Lehrerzimmer. Deutsch in der neunten Klasse. Eine Schülerin will wissen, ob sie auf Toilette gehen darf. Rebecca im Lehrerzimmer. Lisa teilt Zettel aus. Rebecca verlässt das Gebäude. Hitze. Sonne. Da ist Linus. Er rennt über die Bahn. Cedric sieht ihm zu und macht sich über ihn lustig, weil er als Letzter ankommt. Sein Ernst? Am liebsten würde sie ihn sofort zur Rede stellen, was das soll, dass er seinen Mitschüler auslacht. Die Jungen sehen sie. Gebannt schaut sie auf die Tartanbahn. »Pause!«, brüllt der Kollege. Die Jungen stürmen in die Turnhalle. Irgendwie ist sie schon dort. Sie späht in die Herrenumkleide. Ein verbotener Spalt an der Tür. Bloß ein kurzer, unerlaubter Blick. Vielleicht ist Cedric dort. Niemand da. Die Jungs scheinen duschen zu sein. Ohne Angst davor, die Augen verbotenerweise weiter durch den Raum fliegen zu lassen, setzt sie einen Schritt in die Herrenumkleide hinein. Der Weg in das rechtswidrige Reich der Verlockungen und Versuchungen. Es riecht nach Sport, Schweiß und Mann. Vor allem hängt ein Geruch von durchgeschwitzten Klamotten in der Luft. Muffig und irgendwie, als würde man direkt vor einem Pavianstall stehen.
Nichtsahnend wird sie rabiat von hinten gepackt. Ihre Hände werden ihr auf den Rücken gedrückt. Jemand hält sie mit aller Gewalt fest.
»Wen haben wir denn hier?«, fragt der unbekannte Schüler, der sie festhält. »Eine Lehrerin, die spannt.«
Da steht noch jemand hinter ihr, der die im Duschraum befindlichen Kerle fragt: »Schau mal, Cedric! Ist das nicht deine Tutorin?«
Nun drehen sich alle anderen Oberstufenschüler nach ihr um. Da sind so viele gut aussehende Jugendliche mit muskulösen Oberarmen. Manche sind sogar tätowiert. Einige präsentieren sich lediglich in Boxershorts mit Oberkörpern wie Bodybuilder. Blond, schwarzhaarig, mit brauner Wallemähne. So schlank und gut gebaut. Manche duschen und sind vollkommen nackt. Allein dieser Anblick treibt ihr die Hitze zwischen die Schenkel und benetzt das Höschen mit Feuchtigkeit.
Cedric steht in der Mitte. Er hat nichts mehr an außer seiner schwarzen Shorts, die sich eng gegen sein Gemächt drückt. Sie sieht, wie sich seine strammen Hoden am Stoff abzeichnen und erkennt die Konturen seines Schwanzes. Sein Oberkörper halbnackt – so fest und männlich, glatt. Ob er bereits geduscht hat oder noch immer verschwitzt neben den anderen steht, kann sie nicht abschätzen.
Ob da andere Schüler halbnackt oder komplett unbekleidet dastehen, spielt keine Rolle für sie. Nur er. Sie hat nur Augen für Cedric.
Die Hände werden ihr weiterhin durch einen Schüler, den sie nicht sehen kann, auf den Rücken gepresst. Cedric tritt einen Schritt aus der Duschkabine heraus. »Warum bist du hier?«, fragt er. Er duzt sie vor den Augen der Mitschüler und demonstriert damit seine Machtposition.
Der Griff um ihr Handgelenk lockert sich. Sie reibt sich die schmerzenden Fingerknöchel.
Doch dann – ohne Vorwarnung – streift ihr einer der Schüler, die hinter ihr stehen, das Kleid über den Kopf. War sie nicht in Jeans gekommen? Nur noch der BH und ein knapper Panty bedecken ihren erregten Körper.
Sie sitzt in der Falle, ist den Jugendlichen hilflos ausgeliefert. Alles könnten sie mit ihr anstellen. Sie will, dass sie alles mit ihr anstellen. Das weiß Cedric. Der Teufel tanzt um seinen Mund und zeigt Rebecca an, sämtliche Zügel in der Hand zu halten.
Ein Schüler, der bisher geduscht hat, sagt zu Cedric: »Ich wünschte, meine Tutorin würde auch nur ansatzweise so geil aussehen.« Gelächter brandet hinter Cedric auf. Robert und Sabrina eignen sich um Längen nicht als Wichsvorlage.
»Kann ja nicht jeder so ein Glück haben wie ich«, aalt er sich im Neid seiner Mitschüler. Er wirkt, als würde ihm zum ersten Mal bewusst werden, wie sexy und gut aussehend seine Lehrerin ist.
Am liebsten hätte sie seine anbetungswürdige Erotik sofort mit ihrem vor Lust brennenden Körper vereint. Sie leckt sich mit der Zunge über die Lippen, beißt darauf. Cedric starrt, glotzt sie an, ohne zu handeln. Dann gibt er den hinter ihr stehenden Schülern ein Zeichen, ihr den Slip und BH vom Körper zu streifen.
Cedric verkürzt die Distanz zu ihr und flüstert, ohne dass es die Mitschüler hören können, in ihr Ohr: »Knie dich hin und lutsch’ meinen Schwanz!« Ihre Nippel stehen vor Erregtheit hart ab. Was würde er tun, wenn sie sich weigern würde? Ein Blick zu den anderen Jungs in der Duschkabine. Ein Blick und sie weiß, sie würden eiskalt ihre Lust an ihr ausleben, wenn sie nicht tut, was Cedric sagt. Und sie will ihn. Ob sie ihn zwischen ihren Beinen spürt oder in ihrem Mund, ist nebensächlich. Sie will ihn. Daher sinkt sie nach unten, ohne ihren Schüler aus den Augen zu lassen. Niemals mehr wollte sie sich von einem Mann beherrschen lassen. Aber dieser selbstverliebte Kerl zwingt sie dazu, ihre guten Vorsätze über Bord zu werfen.
Sie kauert devot vor ihm auf dem Boden. Seine Geilheit schwebt direkt vor ihrem Gesicht. Noch immer hat er seine Unterhose an, aber seine Erregung ist nicht mehr zu verbergen. Es ist still geworden. Sollen die anderen Teenager im Kreis um sie herum stehen, gaffen, wichsen. Es ist egal. Kann ruhig jeder sehen, wie sehr es sie gerade anmacht, von ihm Befehle zu empfangen, die direkt zwischen ihre Beine schießen.
Es scheint ihn gehörig aufzugeilen, wie sie da so unterwürfig vor ihm hockt. Ein Blick in seine Augen genügt, um sich Gewissheit zu verschaffen, dass es genauso ist. Vorsichtig streichelt sie mit ihrer Hand über den Stoff seiner Shorts. Sinnlich fährt sie die Konturen seiner Schwanzspitze nach und gleitet nach unten zu den Hoden. Sie genießt, dass er ihr die volle Aufmerksamkeit schenkt. Außerdem geilt es sie auf, im Mittelpunkt der Jungs zu stehen, die um sie herum einen Kreis gebildet haben. Ihre schamlosen Blicke durchbohren jeden Zentimeter ihres Bodys.
Noch immer berührt ihr Finger den Stoff seiner Unterwäsche. Dann zieht sie am Saum und streift Cedric seine Bekleidung vom Po, hinab in die Kniekehlen. Er besitzt einen knackigen Arsch, den er unter ihren Berührungen fest anspannt. Bestimmt geht er regelmäßig laufen oder macht Krafttraining, um sich in Form zu halten. Am liebsten würde sie sein göttliches Gesäß sehen wollen, anstatt bloß ihre Nägel darüber kratzen zu lassen.
Verführerisch schwebt seine Erektion vor ihrem Gesicht. Sie braucht sich nur wenige Millimeter nach vorn zu beugen, um ihn in ihrer Mundhöhle zu versenken. Seinen Penis zu beschreiben, würde einem Verbrechen gleichkommen, denn wie soll sie Worte für etwas finden, das nur das Prädikat perfekt verdient. Genauso perfekt wird er sich zwischen ihren Zähnen anfühlen.
Cedric scheint noch nicht geduscht zu haben, da sich ein verschwitzter Geruch in ihrer Nase ausbreitet. Trotz des Sports stinkt er nicht, sondern duftet betörend nach Mann, Anstrengung und männlichen Hormonen.
Wieder ist es ihre Hand, die seinen Unterleib erkundet. Ihre Finger zeichnen sein Glied nach, hangeln sich an den feinen Äderchen entlang. Feinfühlig tastet sie sich näher an sein Geheimnis heran, als würde sie zum ersten Mal ein Glied sehen und in der Hand haben. Die Eichel zwischen ihren Fingerspitzen fühlt sich weich und samtig an. Wie sie glänzt: rosa und kräftig, so wie sie es mag. Sie ist gut durchblutet und stimmig, in sich vollkommen.
Sie rutscht ein Stück nach vorn und stößt mit den Lippen an der Schwanzspitze an. Leicht benetzt sie die Spitze mit ihrem Speichel. Sie befeuchtet sie nur ganz wenig, während ihre Finger den Schaft entlang einen Weg bis zur Wurzel finden und, dort angekommen, die Hoden einer Massage unterziehen.
Jetzt ist sie bereit, ihn in sich aufzunehmen. Sie möchte seine Erregung schmecken. Den Saft des Lusttropfens kosten, der ausgetreten ist. Der hypnotisierende Geruch und der Geschmack seines Saftes auf ihren Lippen rauben ihr sämtliche Vernunft. Am liebsten hätte sie diese Macht zwischen ihren Schenkeln gespürt – und doch kauert sie nur vor ihm, öffnet ihren Mund und befeuchtet die Eichel mit der Innenseite ihrer Lippen. Noch hat die Zunge keine Möglichkeit gehabt, ihn genauer zu schmecken. Erst als sie sie zu seiner glänzenden Pracht ausstreckt, trifft ein Hauch des Verbotenen auf ihre Geschmacksknospen.
Sie kann ihm den Blowjob verpassen, den er sich wünscht. Ihr ganzer Mund drängt danach, tiefer auf Wanderschaft zu gehen und der Verlockung nachzugeben, das perfekt geformte Glied in sich aufzunehmen. Auf und nieder, bis hinab zur Peniswurzel, an der sie mit ihren Lippen anstößt.
Den Würgereflex übergeht sie, indem sie kräftig durch die Nase atmet. Zu erregt, um wahrzunehmen, wie dick sein Schwanz ist. Während sie ihn bläst, fahren ihre Hände an der Innenseite seiner Schenkel entlang. Sie fühlt die samtige Haut, die sich unter den Haaren seiner Beine verbirgt.
Bisher hat sie die Augen immer wieder geschlossen. Jetzt schlägt sie sie auf und ungebremst jagt der Augenkontakt mit Cedric durch sie hindurch. Er will zusehen, wie seine Tutorin nach den verbotenen Freuden lechzt.
Zu gern würde sie nicht nur von Cedric beherrscht werden, sondern wollen, dass der dicke Schwanz eines anderen Jungen von hinten in sie eindringt, während sie weiter ihren Schüler mit ihrer Zunge verwöhnt. Es sollte jemand hinter ihr sein, der sie an der Hüfte packt, ihre Nässe mit seiner Schwanzspitze an ihrer Spalte verteilt und sie wund vögelt. Ihr endlich den Höhepunkt schenkt, dem sie entgegenfiebert. Bisher blieb ihr jegliche Befriedigung versagt. Sie presst ihre Oberschenkel eng gegeneinander, aber es hilft nicht, dem Drang nachzugeben, selbst Hand an sich zu legen. Sie ist so hochgradig erregt, dass sie nicht weiß, wo ihr der Kopf steht und unwillkürlich ihre Finger an ihrer eigenen Scham entlangtreibt.
»Also ich will ja nichts sagen«, stöhnt er über ihr, seine Sätze an die Jungs gewandt, »aber sie ist verdammt gut.«
Tiefer nimmt sie seine Männlichkeit in ihrem Mund auf. Sie kann nicht fassen, dass er tatsächlich vor ihr steht. Immer wieder dringen gestöhnte Laute an ihr Ohr. Zu gern würde sie ihn in sich fühlen.
Mit jeder Minute, die vergeht, zuckt sein Glied verlangender in ihrem Mund. Er hilft nach, indem er seine Hand an ihren Kopf legt. Ohne fordernd zu werden, hilft er ihr in den Bewegungen. Der Penis wird kräftiger, sein Stöhnen kehliger. Gleich wird es ihm kommen.
Kurz vor dem Orgasmus zieht er seinen Schwanz aus ihrem Mund heraus. Er reibt mit zwei Fingern über seine Eichel und ergießt sich kraftvoll auf ihrer Brust. Der Samen klebt jetzt wie ein finsteres Mahnmal auf ihrem Busen. Als würde er sie ewig daran erinnern wollen, dass sie mit ihm diesen intimen Moment geteilt hat. Als wolle er sie markieren und zeichnen.
Er sieht sie erlöst an. Ohne auf das gerade Geschehene zu reagieren, zieht Cedric seine Unterhose nach oben, schaut in die Runde der Mitschüler und lächelt befriedigt.
»Geh dich duschen«, fordert er. Hier? Vor allen anderen? Und was ist mit ihr: Bekommt sie endlich die wohlverdiente Belohnung für das, was sie ihm geschenkt hat?
Sie wankt an den Jungs vorbei, beinah auslaufend vor Begierde. Manche reiben sehr auffällig über ihre Schwengel, stellen sich vermutlich vor, wie es wäre, selbst das zu erhalten, was Cedric bekommen hat. Beim Anblick dieser etwa fünfzehn männlichen Jugendlichen pocht ihre Weiblichkeit, sich noch mehr sehnend nach Berührungen und Nähe.
Sie taumelt zur einzigen leeren Dusche. Neben dieser stehen immer noch ein paar Schüler, die sich das Wasser über ihre sportlichen Körper laufen lassen oder sich mit Duschgel einreiben. Die Ständer, die viele von ihnen vor sich hertragen, lässt sie vor Lüsternheit erzittern. Erst recht, wenn sie ihre hungrige Blicke zu ihr aussenden.
Sie schaltet das Wasser an. Sie genießt es, dort zu stehen und das angenehm warme Nass auf ihrer Haut zu fühlen, das sich in Kaskaden über ihren Körper ergießt. Ihre angespannten Nervenbahnen werden damit nicht beruhigt, im Gegenteil. Sie hat Bock auf einen sündhaften Fick. Das Verlangen ist so übermächtig, dass sie selbst über ihren Kitzler reibt, weil es niemand wagt, sie anzufassen. Sie presst eng die Schenkel zusammen, verreibt die Nässe mit ihrer Hand und keucht vor Begierde auf. Als wäre sie allein unter der Dusche, stimuliert sie sich mit dem Wasserstrahl und ihren Fingerkuppen, vor Geilheit triefend.
Jemand scheint Mitleid mit ihrem unüberhörbaren Sehnen zu haben, denn überraschend schiebt sich eine männliche Person hinter sie, umfasst ihre Taille mit seinen warmen Fingern. Die Hand gleitet hinauf in Richtung Busen. Dort streichelt sie über die Brustwarzen. Ein vor Lust gequältes Lachen stiehlt sich auf ihr Gesicht. CEDRIC! Sie. Will. Ihn. JETZT! Der Jemand drückt mit seiner ganzen Potenz gegen ihren Unterleib, der vor purer Ekstase explodieren will. Die Hand aber ist zu wenig fordernd, als dass sie nur ansatzweise zur Befriedigung taugen würde. »Oh Rebecca«, stöhnt derjenige und sie glaubt, die ferne Stimme ihres Schülers Linus zu erkennen, den sie bis dato gar nicht wahrgenommen hat.
Rebecca schlug die Augen auf. Oranges Sonnenlicht fiel in einzelnen Punkten durch die Jalousien. Sie drehte sich verschwommen zum Wecker um, der 4:51 Uhr anzeigte. Sie musste sich während des Träumens irgendwie von ihrem Nachthemd gelöst haben. Der Stoff befand sich zusammengerafft an ihrer Brust, sodass ihr Unterleib vollkommen brach lag. Da sie für gewöhnlich keinen Slip trug, scheuerten ihre überreizten Schamlippen aneinander. Rebecca führte die Hand an ihren Schoß und fühlte nichts außer der blanken Gier nach Erlösung.
Sie tat es erneut. Sie war drauf und dran, sich in Cedric zu verlieben.
Kapitel 6
Es würde ein Marathon werden, alle zwölf Jungs und Mädchen zu interviewen. Aber es musste sein, damit Rebecca von Anfang an einen Draht zu ihnen aufbaute. Wie eng der sein würde, hing jetzt ganz allein von ihrem pädagogischen Geschick ab.
Mit Emely würde sie heute das erste Gespräch führen. Gleich vor der ersten Stunde sollte es stattfinden. Rebecca hatte einen leeren Klassenraum organisiert. Die Schülerin erschien pünktlich und klopfte pflichtbewusst an der Tür an. »Herein!«, rief Rebecca, die bereits am Lehrertisch saß, einen Kugelschreiber zwischen ihren Fingern drehte und auf ihre Schülerin wartete.
Emely steckte schüchtern ihren Kopf durch den Türschlitz. »Darf ich reinkommen?«, fragte sie mit ihrer piepsigen Stimme. Rebecca wies mit der Hand auf den Stuhl gegenüber ihres Tisches und Emely huschte scheu auf den freien Platz. Sie war ein bildhübsches Mädchen mit einem rundlichen Gesicht und einer niedlichen Stupsnase. Ihre Haare besaßen einen ähnlichen Braunton wie die von Rebecca. Statt aber wellig zu sein, fiel ihr die lange Mähne glatt über die Schultern. Beim Reden fingerte Emely immer wieder an den Spitzen ihrer Haare herum oder wickelte Locken mit Daumen und Zeigefinger.
Die Zeit verging rasch. Das Mädchen erzählte nahezu allein von dem, was sie preisgeben sollte, ohne dass Rebecca nachfragen musste. Sie schien eine Schülerin mit durchschnittlichen Noten zu sein. Zwar ehrgeizig, aber nicht so erpicht darauf, die Beste sein zu müssen.
Rebecca wollte mehr über das Privatleben von ihr erfahren und fragte Emely nach ihren Hobbys. »Sport natürlich«, gab sie feixend zurück und erzählte, wie gern sie joggen ging und wie oft in der Woche sie Volleyball mit ihren Freundinnen spielte. Während sie sprach, zwirbelte sie die Spitzen ihrer Haare zwischen den Fingern, roch daran und ließ sie los.
»Hast du einen Freund?«, wollte Rebecca interessiert wissen. Emely schüttelte den Kopf und kicherte. »Was ist los?«, fragte Rebecca nach. »Du stehst doch auf jemanden oder warum druckst du so herum?« Sie waren unter sich. Die Schülerin wusste, dass nichts von dem Gespräch nach außen dringen würde.
»Cedric …«, deutete Emely an, ohne aufzuschauen. Sie griente wie eine verknallte Dreizehnjährige. Offensichtlich hatte sie noch nie einen Freund gehabt, da sie so blauäugig reagierte.
»Magst du ihn?«, fragte Rebecca vorsichtig nach.
Emely nickte und flüsterte kaum hörbar, als würde sie sich schämen, mit ihrer neuen Tutorin darüber zu sprechen: »Er ist so süß.« Wie naiv sie den Satz aussprach. Zusammengekauert und unschuldig verträumt hockte sie Rebecca gegenüber. Gegen die feuchten Träume mit Cedric, mit denen sie selbst im Bett lag, verblassten die sicherlich mehr als arglosen Mädchenfantasien dieser Schülerin.
Rebecca wagte einen Vorstoß: »Hat Cedric eine Freundin?«
»Ich glaube nicht«, antwortete Emely. »Aber da müssen Sie Lara fragen. Die hängt immer mit ihm ab.« Autsch. Rebecca ahnte, einen wunden Punkt getroffen zu haben. Emely verzog ihren Mund zu einem schmalen Spalt. Sie war neidisch auf die dürre Lara, die in Rebeccas Augen null Potential besaß, Cedric in ihre hageren Hände zu bekommen.
»Kopf hoch«, tröstete sie Emely. Doch das Lächeln, das sie ihr zurückgab, war nicht ehrlich genug, um Rebecca zu überzeugen.
Auf dem Gang hörte sie Geräusche: Stimmen durchdrangen den Flur; zudem Schuhe, die über das Linoleum trappelten. Jeden Moment würde der Gong erschallen, der den Beginn der ersten Stunde ankündigte.
»Wir müssen jetzt Schluss machen«, sagte Rebecca. »Danke, dass du so offen warst.«
Jetzt strahlte Emely wieder. »Gern.« Sie mochte ihre Schülerin schon jetzt.
Am Freitag führte Rebecca weitere Gespräche mit den Mädels ihres Kurses. Cedric und Linus hatte sie sich für die neue Woche aufgehoben, genau wie einige der Mädchen. Die Gespräche offenbarten, was sie bereits geahnt hatte: Dass sie ganz freundliche Menschen besaß, die sie den Rest des Schuljahres begleiten durfte. Ein enger Draht wurde noch nicht aufgebaut, aber zumindest erste Bande geknüpft, die die Basis für einen gelungenen Start boten.
Am Montagabend, eine Woche vor der Kursfahrt, hatten Robert und Sabrina den Elternabend angesetzt, an dem Rebecca offiziell als dritte Tutorin und als Vertretung für die sich im Babyjahr befindliche Kollegin vorgestellt werden sollte. Obwohl es bereits 18:30 Uhr war, drückte sich die Hitze in alle erdenklichen Winkel der Aula des Sportgymnasiums hinein. Als Rebecca erschien, riss Robert gerade an den Griffen sämtlicher Fenster, die es in dem Saal gab, während Sabrina auf der Bühne stand und sich mit einem Papierstreifen Luft zufächelte. »Ich glaube nicht, dass du Erfolg damit hast, Robert. Immerhin ist es draußen auch nicht kälter als hier drin!«, rief sie mit ihrer kratzigen Stimme dem Kollegen zu. Unablässig wedelten ihre knolligen Hände durch die stickige Luft.
Rebecca steuerte auf Sabrina zu, die an den Tisch trat, der sich neben dem Rednerpult befand. Dort sortierte sie zwei Stapel mit Zetteln, Belehrungen und Übersichten der Unternehmungen. Die Eltern kannten den groben Ablauf und sollten nun genauere Instruktionen erhalten.
»Meinst du, dass alle Eltern da sein werden?«, fragte Rebecca zögerlich, weil sie einen brechend vollen Raum befürchtete mit hunderten Augenpaaren, die sie wie Dolche durchstoßen würden.
»Nein. Du brauchst keine Angst zu haben. Guck mal, manche Eltern haben ihr Kind am Internat untergebracht, weil sie in einem ganz anderen Bundesland wohnen. Auf der anderen Seite«, wägte Sabrina ab, »nehmen sich etliche Eltern auch bewusst frei, damit sie herkommen können.«
Bitte nicht. Rebecca hoffte auf einen abgemilderten Zustrom, wurde aber eines Besseren belehrt, denn die ersten Mütter und Väter fluteten bereits den Saal. Während ein Bruchteil Richtung Bühne lief und die Tutoren persönlich begrüßte, ließen sich die meisten Elternteile gleich nach dem Eintreten auf den Stühlen nieder. Da sich viele aus den Jahren der Klassengemeinschaft kannten, folgten laute Wortwechsel, teils über ganze Sitzreihen hinweg.
»Erkennst du Eltern aus meinem Kurs?«, fragte Rebecca ihre neue Kollegin, während sich ihr gehemmter Blick durch den Saal bewegte und versuchte, Ähnlichkeiten zwischen Mutter und Tochter beziehungsweise zwischen Vater und Sohn zu entdecken.
»Da sind schon welche da. Julias Eltern sehe ich«, sagte Sabrina, drehte ihren Kopf aber wieder weg, um sich erneut der Zettelwirtschaft auf dem Tischchen zuzuwenden.
»Und sonst?«, fragte Rebecca zögerlich.
Sichtlich genervt strichen Sabrinas skeptische Augen durch die Reihen der Anwesenden. »Ja, da sind noch welche da, glaube ich. Robert hatte mehrheitlich deine Leute in seiner Klasse. Ich kann dir da wenig helfen.«
Robert redete abseits der Bühne stark gestikulierend mit einem Elternteil. Er lachte. Geheucheltes Getue, schoss es Rebecca durch den Kopf. Obwohl: Bei Robert war sie sich da nicht so sicher. Er hatte irgendwie immer gute Laune.
Rebecca dachte zurück an die Zeit an ihrer alten Schule: Sie hasste Elternabende, weil sie sich einen ganzen Abend lang ein Dauergrinsen ins Gesicht meißeln musste. Positive Worte zu finden hatte, wo es Kritik geben sollte. Bloß nicht anecken, um nicht beim Schulleiter zu sitzen und sich rechtfertigen zu müssen.
So hing Rebecca ihren Gedanken nach. Verloren stand sie auf der Bühne und betrachtete die namenlose Masse, die sich in die Sitzreihen zwängte. Sie musste zusehen, ihre Aufregung, die Vibrationen und Elektrostöße durch ihren Körper schickte, unter Kontrolle zu bekommen.
Es war heiß in der Aula.
Wie bereits in den Einführungsveranstaltungen fühlte Rebecca einen unsäglichen Druck auf ihrem Körper. Da sie nur leicht bekleidet war – sie hatte sich einen sommerlich kurzen Rock übergeworfen – konnte sie wenigstens das Schwitzen halbwegs regulieren. Bei ihrem Bauch war sie sich da nicht so sicher. Es drückte und gurgelte laut hörbar. Hätte sie doch bloß zu Hause Abendbrot gegessen, anstatt mit leerem Magen in die Schule zu gehen.
Und nun stand sie auch noch auf der Bühne! Sie konnte sich nicht einfach in die erste Reihe setzen und sich verkriechen. Erst recht durfte sie nicht abhauen. Obwohl sie nichts zu sagen brauchte, sondern von ihren beiden Kollegen vorgestellt wurde, drohte ihr Herz aus der Brust zu springen, als sie die immer voller werdende Aula registrierte und die interessierten Blicke der Eltern wahrnahm, die sie erdolchten.
»Guten Abend, liebe Eltern«, unterbrach die resolute Stimme von Sabrina die Unruhe im Saal. Rebecca knetete ihre durchtränkten Hände vor dem Schoß und mühte sich zaghafte Freundlichkeit ab. »Ich freue mich, dass Sie so zahlreich zu unserem Elternabend erschienen sind.« Eine kurze Pause. Rebeccas Augen wanderten über die Unbekannten. »Wir werden Sie an diesem Abend über die Fahrt nach Italien aufklären. Sie erhalten das detaillierte Programm vorgestellt. Außerdem bekommen Sie die Belehrungen mitgeteilt, die auch die Schüler von ihren Tutoren erhalten haben oder noch erhalten werden.«
Wieder ließ Sabrina einige Sekunden vergehen, bevor sie weitersprach: »Zunächst aber zu der Frau, die hier neben mir steht.« Sabrina streckte ihre wulstige Hand nach Rebecca aus. »Frau Peters wird in diesem Schuljahr die Schwangerschaftsvertretung für Frau Fritsche übernehmen. Als Tutorin wird sie uns selbstverständlich nach Italien begleiten.« Sabrina hielt kurz das Mikrofon zu und wandte sich an Rebecca: »Willst du noch selbst ein paar Worte zu dir sagen?«, fragte sie.
Sabrina hatte noch nicht einmal den Satz beendet, da schüttelte Rebecca schon mit schreckgeweiteten Augen den Kopf. Ihr war gleichgültig, wie das auf die anwesenden Eltern wirken musste. Solange sie nicht gezwungen wurde zu sprechen.
»Frau Peters steht Ihnen für ein persönliches Kennenlernen zur Verfügung. Am Ende dieser Veranstaltung können Sie gern mit ihr in Kontakt treten, wenn Sie Fragen zum Kurs haben oder wenn Sie unsere neue Kollegin kennenlernen möchten.« Rebecca hoffte, dass nicht allzu viele davon Gebrauch machen würden. Innerlich dankte sie ihrer neuen Kollegin dafür, dass sie nicht selbst vor allen Anwesenden einen Monolog führen musste. Sabrina zog die Mundwinkel in die Höhe. Rebecca erkannte die Gequältheit, die in ihrer Mimik lag. Offenbar war sie nicht die Einzige, die Freundlichkeit vortäuschte.
Mit jedem weiteren Satz, den Sabrina durch das Mikrofon sandte, entspannten sich ihre Nerven und ihr Herz schlug in einem gesünderen Rhythmus. Ihre Kollegin schien schon öfter derartige Elternabende abgehalten zu haben, da sie mit einer Leichtigkeit sprach, die Rebecca ehrfürchtig werden ließ. Sogar Robert brauchte kaum Ergänzungen vorzunehmen, als Sabrina den detaillierten Ablauf mithilfe einer Power Point Präsentation erklärte und an die Einhaltung der Regeln appellierte. Erst, als gegen Ende der Veranstaltung Fragen gestellt werden durften, mischte sich Robert in die Erläuterungen ein. Aber auch er wirkte kein bisschen unsicher.
Insgesamt dauerte es eine geschlagene Stunde, bis alle Unklarheiten beseitigt waren und die Eltern zufrieden die Aula verließen. Nur wenige kamen noch einmal nach vorn, um Rebecca persönlich die Hand zu schütteln und mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie lernte die Eltern von Julia kennen, und auch die Mutter von Emely war erschienen. Ihre Schülerin machte immer so einen eingeschüchterten Eindruck. Ihre Mutter hingegen strahlte Lebensmut und Elan aus. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, als sie wissen wollte, wie es ihrer Tochter ging. Da Rebecca die Klassenkonstellationen davor nicht kannte, konnte sie der Mutter wenig Rückmeldungen geben. Sie zog trotz allem beruhigt ab und Rebecca war froh, dass niemand sonst ihre wertvolle Abendruhe störte.
Am Dienstag erwartete sie Linus. Rebecca saß auf einer Bank im Schulhof. Über ihr spendete das dichte Geäst einer Kastanie ein wenig Schutz vor der Sonne, die nach wie vor unerbittlich ihre Kraft zur Erde schickte. Rebecca spürte das heiße Holz unter ihrem Oberschenkel, da sie einen karierten Faltenrock trug, der ihr noch nicht einmal bis zum Knie reichte.
Sie wartete. Entweder kam Linus nicht pünktlich aus dem Unterricht oder er ließ sie bewusst warten. Letzteres glaubte Rebecca allerdings nicht, da sie ihren Schüler für zuverlässig und achtsam hielt. Doch nun das: Fünf Minuten waren verstrichen, ohne dass Linus erschien. Kostbare Zeit, die sie dringend benötigte, um mit ihm zu sprechen.
Die Schwingtür des Schulgebäudes öffnete sich und heraus trat Linus, der sofort in eine Gloriole aus Sonnenlicht getaucht wurde, als er den Schulhof durchschritt. Seine weiße Haut an den Armen und an den Beinen bildete einen auffallenden Kontrast zu der dunklen Kleidung, die er am Körper trug.
»Entschuldigen Sie bitte, Frau Peters«, sagte er, »aber Herr Krenz hat noch mit mir …«
»Ist gut«, fiel sie ihm ins Wort. »Setz dich erst einmal hin und dann reden wir in Ruhe, okay?«
Linus nickte, stellte seinen Rucksack ab und ließ sich auf die Bank nieder.
Rebecca blickte in ihre Unterlagen. Sie wollte nachsehen, welche Fragen sie ihrem Schüler unbedingt stellen musste. Linus drehte seinen Oberkörper leicht in ihre Richtung.
»Erzähl mir, wie du an diese Schule gekommen bist. Du bist immerhin ein Jahr älter als deine Mitschüler.«
»Ich komme ursprünglich nicht aus dieser Stadt. Meine Familie wohnt gute hundert Kilometer weg. Ich habe in meiner alten Heimat die zehnte Klasse mit ganz passablen Noten abgeschlossen.«
»Und da wolltest du das Abitur nachholen, oder wie?«
»In der Grundschule war ich in einem Handball-Verein. Ich habe wahnsinnig gern Handball gespielt, müssen Sie wissen. Viele Kinder kamen und gingen. Ich war irgendwie immer in diesem Verein aktiv, viele viele Jahre lang. Mit jeder Trainingsstunde verbesserte ich mich. Das gab mir unglaublich Selbstvertrauen. Irgendwann kam der Trainer auf mich zu und meinte, dass er mehr in mir sieht. Er sagte, wenn ich weiter übe, würde ich es noch weit bringen mit dem Sport. Er erkannte, dass ich sehr ehrgeizig war. In der Schule hatte ich damals keine besonders guten Noten. Ich schwamm immer im Mittelfeld mit, aber es gab kein Fach, in dem ich besonders gut war. Sport allerdings habe ich schon immer gern gemacht, obwohl es einige Jungen gab, die besser waren als ich. Als mich der Trainer unseres Vereins gelobt hat, war es das erste Mal, dass mir jemand ein Kompliment gemacht hat, das sich auf den Sport bezog. Ich war mega stolz auf mich. Also dachte ich: Mach was aus deiner Leidenschaft und studiere Sport! Dafür reichte aber der Realschulabschluss nicht aus. Also habe ich mich nach der zehnten Klasse hier beworben und wurde genommen. Die Aufnahmeprüfung war schwer. Da wurden Disziplinen abgeprüft, die mir nicht so liegen. Sprint zum Beispiel ist gar nicht meins.« Linus senkte den Kopf und starrte auf die ausgedörrte Erde zu seinen Füßen. Mit den Turnschuhen zeichnete er Kreise in den trockenen Sand.
»Aber nun bist du ja hier«, lächelte Rebecca ihn an. Linus hob sein Gesicht und blickte sie an. Da lag etwas in seinen grünen Iriden, das sie nicht ergründen konnte.
»Ich bin nach der Schule umgezogen, im Internat untergekommen und musste die zehnte Klasse wiederholen. Seitdem kenne ich auch Cedric.« Ein dunkler Schatten legte sich um seine Augen. Zumindest glaubte Rebecca, eine kurze Reaktion, ein Zucken um seine Augenpartie, wahrgenommen zu haben.
Da er die Andeutung selbst gab, bohrte Rebecca weiter nach. »Wie ist dein Verhältnis zu ihm?«
Er hielt kurz inne, dann fragte Linus: »Bleibt das Gespräch unter uns?«
Sie nickte. Das gab ihm das nötige Vertrauen, um weiterzusprechen: »Als ich in nach meinem Abschluss herkam, war Cedric der Schwarm der Mädchen. Sowohl in unserer Klasse als auch in der Stufe. Ich glaube, dass ihn auch manche Acht- oder Neuntklässlerin angeschmachtet hat.« Der Neid zerfraß ihn. »In unserer Klasse gab es noch elf andere Jungs, mit mir zwölf, aber Cedric war der absolute Star. Beim Sport war er immer der Beste, obwohl er ansonsten nicht unbedingt gute Noten hatte. Aber dazu können Sie ihn selbst befragen.«
Rebecca hörte interessiert zu. Obwohl Linus sehr kontrolliert sprach, merkte sie trotzdem, dass es in dem Jugendlichen arbeitete, denn er zog die Augenpartie zusammen und verkniff den Mund zu einem dünnen Schlitz. Sein Gesicht war schmal, aber nicht unbedingt hässlich. Er besaß eine gerade Nase, die ihm einen eleganten Touch verlieh. Seine schwarzen Haare waren akkurat geschnitten. Nicht so ungezähmt wie die seines Mitschülers. Linus trug ein ziemlich aufdringliches Parfum, das Rebecca bereits in der Disco unangenehm aufgefallen war. Es stach in ihrer Nase. Da sie nicht unfreundlich sein wollte, blieb sie nah neben ihm sitzen, auch wenn der penetrante Geruch ihr zu schaffen machte.
»Jedenfalls ließ er mich recht offensichtlich wissen, dass er von meinen sportlichen Leistungen nicht viel hielt.« Linus presste die Lippen noch fester aufeinander und überlegte bemüht, was er preisgeben wollte. Er sprach aber nicht weiter.
»Wurdest du gemobbt?«, sprach Rebecca die Vermutung offensiv aus.
»Nicht direkt«, deutete er an. »Er hat es mir nie ins Gesicht gesagt, was er von mir hält. Aber wenn ich zum Beispiel gerannt bin, hat er manchmal seltsame Geräusche von sich gegeben, gepfiffen oder sich in einem ganz speziellen Tonfall geräuspert. Alle anderen Jungs haben mich komisch angeglotzt. Ich denke, dass sie hinter meinem Rücken gelästert haben. In der Umkleidekabine wurde es jedenfalls immer still, wenn ich reinkam.«
Rebecca beschloss, Cedric unauffällig dazu zu befragen, ohne ihr Gespräch mit Linus zu erwähnen. »Reden wir doch mal darüber, dass ihr beide in einem Kurs seid.«
»Sie meinen, weil wir beide Deutsch-Leistungskurs gewählt haben und nicht Mathe? Nun ja, ich bin eine Niete in Mathe. Von daher war klar, dass ich nach der zehnten Klasse Deutsch als Leistungskurs nehmen werde. Cedric hatte ähnliche Probleme mit den Zahlen und Gleichungen. Alle anderen Jungs haben sich für den Mathe-Leistungskurs entschieden. Ich habe inständig gehofft, im anderen Deutsch-Kurs zu sein, aber das Schicksal wollte es, dass wir zusammenbleiben. Hm…« Ein angespanntes Grinsen trat auf sein Gesicht.
»Hat sich das Verhältnis zwischen euch gebessert, als ihr in die elfte Klasse gekommen seid?«, wollte Rebecca wissen, weil Linus nach wie vor aufgerührt wirkte.
»Wir waren die einzigen Jungen im Kurs. Irgendwie hat sich Cedric am ersten Schultag in der elf neben mich gesetzt. Frau Fritsche hat ganz erstaunt geguckt, als sie uns auf einer Bank gesehen hat. Sie wusste natürlich, dass wir keine Freunde waren. Aber scheinbar hatten die Sommerferien davor bewirkt, dass Cedric einfach die zehnte Klasse vergessen hat. Er saß dort am ersten Tag nach den Ferien und seitdem immer. Aber nur im Tutorkurs. Sobald Pause war und er mit seinen Freunden abhing oder wenn er mit seinen früheren Kumpels zusammen Unterricht hatte, war ich Luft.«
Rebecca schwieg. Ließ nachwirken, was er ihr offenbarte.
»Hast du noch den Wunsch, Sport zu studieren?«
»Unbedingt. Ich arbeite sehr hart dafür, trainiere immer fleißig, wenn ich nachmittags im Internat bin.« In seiner Stimme lag der unbedingte Wille, sein Ziel zu erreichen. Das achtete Rebecca sehr. Bisher hatte sie geglaubt, in Linus einen wenig ehrgeizigen Schüler zu finden. Doch er steckte voller Überraschungen. Auch als er ihr erzählte, dass er sehr gläubig erzogen wurde und sich später eine Familie mit Kindern wünschte.
»Hast du schon eine Freundin, mit der du diesen Plan durchziehen willst?«
Doch auch darauf reagierte Linus seltsam in sich versunken. »Ich hatte noch nie eine Freundin«, sagte er und blickte Rebecca zum ersten Mal in dieser Unterhaltung für längere Zeit in die Augen, ohne weiterzusprechen. Ein Kribbeln durchzuckte die Luft. Der Schulhof knisterte. Das Grün über ihren Köpfen bewegte sich keinen Millimeter. Rebecca spürte den verdorrten Boden unter ihren Fußsohlen. Sie hatte die Pumps ausgezogen und streifte mit dem großen Zeh den warmen Sand. Linus stieß mit seinem Bein an ihr nacktes Knie an. Statt es sofort zurückzuziehen, harrte es dort aus. Er drückte sein Bein sogar noch fester gegen ihres. Sie hielten die Zeit mit ihrem Schweigen an.
Die Hand von Linus, die bisher auf seinem Oberschenkel gelegen hatte, rückte nur wenige Zentimeter in Richtung seines Knies. Zentimeter, die ausreichten, um auch Rebeccas Haut zu streifen. Sie schluckte und ließ zu, dass er sie zart berührte. Sekunden verstrichen, in denen sie gar nichts fühlte, außer den sanften Druck der Fingerkuppen auf ihrem Knie. Erst ein Windhauch riss sie aus ihrer Lethargie.
»Okay«, sagte sie und zerschnitt den Moment mit ihrer lauten Stimme. Linus zog die Hand zurück und erhob sich gemeinsam mit ihr. »Ich danke dir, dass du so offen warst und mir so viel erzählt hast. Ich denke, dass du das Abi schaffen kannst, aber dir auch irgendwie klar machen musst … Dass es ein weiter Weg für dich ist. Ich meine, dass du in den Fächern, die dir Probleme bereiten … Also in Mathe und Physik irgendwie die Kurve schaffst.« Sie eierte furchtbar herum, anstatt klare Ansagen zu machen. Seine Augen lagen trotzdem konzentriert auf ihrem Gesicht und bewegten sich erst von dort weg, als sie ihre Tasche ergriff und mit ihm Richtung Schulhaus ging.
»Verzeihen Sie mir?«, wechselte Linus unerwartet das Thema und sorgte dafür, dass Rebecca kurz vor dem Eintritt ins Gebäude innehielt.
»Was?«
Linus forcierte einen Augenkontakt, der viel zu intensiv war.
»Dass ich in der Disco mit Ihnen geflirtet habe.«
Er wusste es also doch noch. »Ich dachte, du wärst zu betrunken gewesen, um dich daran zu erinnern.«
»Cedric war sehr spendabel an diesem Abend. Er hat alle aus der Stufe, die in die Disco kommen wollten, eingeladen. Er hat den Eintritt bezahlt, die Getränke. Einfach alles.« Woher hatte er so viel Geld? Bevor sie nachfragen konnte, redete Linus weiter. »Es hat mich gefreut, dass ich mal rauskam und Cedric ausgegeben hat. Da hatte ich vielleicht das ein oder andere Bierchen zu viel intus.«
»Und dann hast du mich gesehen und gedacht …« Sieht gut aus, kann ich mal probieren. Rebecca verkniff sich, ins Detail zu gehen. Sie ahnte, dass er mehr für sie fühlte.
»Alle Mädchen hatten nur Augen für Cedric an diesem Abend«, sagte er. Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Sie auch.« Dass er sich traute, mit ihr über solche pikanten Dinge zu sprechen. Rebecca wusste nicht, wie sie dem Gespräch etwas Unverfängliches abgewinnen konnte, ohne sich zu verstricken. Ohne ihm Antworten zu liefern, die sich nicht geziemten.
Sie schwieg daher einfach. Und siegte, denn Linus setzte die Unterhaltung fort: »Also, was ist? Verzeihen Sie mir?«
»Schwamm drüber. Ich muss jetzt in den Unterricht.«
Er nickte, hielt ihr die Tür zum Schulgebäude auf und verschwand in die entgegengesetzte Richtung. Nicht ohne Rebecca vorher ein doppeldeutiges Lächeln zum Grübeln mitzugeben.
»Ich hatte euch ja schon gesagt, dass wir uns einige Gedichte aus der Zeit des Sturm und Drang ansehen, bevor wir nach der Kursfahrt mit den ›Räubern‹ von Friedrich Schiller einsteigen. Ich habe ein Arbeitsblatt vorbereitet, auf dem vier Gedichte enthalten sind«, sagte Rebecca und zeigte den vorbereiteten Blätterstapel in die Höhe.
»Ihr werdet gleich zu dritt zusammenarbeiten und sollt jeweils ein Gedicht davon untersuchen.« Damit übergab sie Victoria den Schwung an Blättern, die sofort aufstand und mit dem Verteilen begann.
Das Los entschied. Linus wurde Sarah und Julia zugeteilt. Cedric sollte mit Emely und Helena zusammenarbeiten. Als die Zuordnung vorgelesen wurde, strahlte Emely wie ein Honigkuchenpferd. Sie war so was von verknallt in Cedric, dass sie errötete, als sie sich an einen gemeinsamen Tisch setzten und ihr männlicher Mitschüler ihr direkt gegenübersaß. Scheue Blicke wurden gewechselt. Emely konnte dem Augenkontakt mit ihm überhaupt nicht standhalten. Sie schaute immer wieder auf das Papier, das sich unter ihren klammen Fingern verbog. »Er ist so süß«, waren ihre Worte, als sie vor Kurzem mit Rebecca das Gespräch geführt hatte. Cedric schien gar nicht zu bemerken, dass die Mitschülerin tiefere Gefühle für ihn hegte, sondern war nur daran interessiert, die Aufgabenstellung möglichst schnell zu erfüllen, um danach quatschen oder auf sein Handy schauen zu können.
Einige Gruppen verzogen sich nach draußen, zwei blieben im Klassenraum sitzen, darunter Cedric mit seinen Mädchen. Rebecca beobachtete, wie er zur Interpretation eines Gedichts ansetzte, aber von Helena aus den Angeln gehoben wurde. Mit ihr hatte sich Rebecca gestern unterhalten. Sie war eine der Spitzen des Kurses, unglaublich ehrgeizig, in allen Fächern sehr bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden. Das strebsame Aussehen unterstrich sie durch einen strengen Zopf, der ihr gemeinsam mit dem strammen Gesicht und den böse blickenden Augen das Aussehen einer Domina verlieh.
Cedric hatte ihren Aussagen überhaupt nichts entgegenzusetzen und so wurde letztlich die Deutung von Helena gewählt. Emely hatte sowieso nichts zur Unterhaltung beizutragen, sondern saß stumm auf ihrem Platz und glitt mit ihren Augen an Cedric auf und ab, der noch immer nicht durchschaute, mit welcher Inbrunst er angestarrt wurde. Nur Rebecca merkte das Knistern in der Luft. Sie würden ein verdammt süßes Pärchen abgeben, mutmaßte sie, als sie die beiden betrachtete.
Nach zwanzig Minuten tauchten die anderen Gruppen auf, sodass die Präsentationen der Gedichte beginnen konnten. Cedrics Gruppe war die letzte. Als sie dran waren, erhob er sich wenig energisch vom Platz und schlenderte nach vorn. Helena ging strammen Schrittes Richtung Lehrertisch. Sie strahlte ein Selbstbewusstsein aus, das Rebecca Angst machte. Wenn Sie jemals mit Helena in einen Disput geriet, konnte sie schon jetzt die Geigen einpacken. Der lange Zopf von Helenas pechschwarzen Haaren flog von links nach rechts, als sie sich nach vorn bewegte. Emely trottete ihren Mitschülern hinterher. Es war klar, dass sie nichts zu melden hatte. Mit einem solchen Auftreten würde sie unmöglich bei Cedric landen können, der sicherlich auf Mädchen mit Charakter stand. Emely sah zwar besser aus als Helena, aber sie würde nie über den Status eines grauen Mäuschens hinausgelangen.
»Wir haben uns das Gedicht ›Der Bauer an seinen Durchlauchtigen Tyrannen‹ von Gottfried August Bürger angesehen«, stieg Helena forsch in die Interpretation ein.
»Wie ihr lesen könnt, geht es um einen Bauern, der seinen Herrn anklagt. Er wirft ihm zum Beispiel vor, dass sein Jagdhund über den Acker rennt, den er bewirtschaften muss.«
Während Helena das Gedicht für die Mitschüler auseinandernahm, standen Cedric und Emely schweigend daneben. Cedric schaute entweder gelangweilt aus dem Fenster oder warf genervte Blicke in Richtung Lara. Es war offensichtlich, was er davon hielt, Deutsch zu haben. Emely schaute scheu durch den Raum oder lugte verstohlen nach rechts zu Cedric. Dabei knabberte sie nervös an ihrer Unterlippe herum. Helena beendete ihre Ausführungen souverän.
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