Read the book: «Rebeccas Schüler»

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Böse Spielchen

RO­MAN

TIRA BEI­GE

Impressum

1. Auf­la­ge 2021

Co­py­right © 2021 Tira Bei­ge

Ver­lag: c/o Au­to­ren­Ser­vices.de,

Bir­ke­n­al­lee 24, 36037 Ful­da

tira.bei­ge@gmx.net

Um­schlag­ge­stal­tung und E-Book Kon­ver­tie­rung:

Con­stan­ze Kra­mer, www.co­ver­bou­ti­que.de

Bild­nach­wei­se: ©vla­di­mir­floyd – stock.ad­o­be.com

©vip­man, ©Vio­rel Sima, ©Ljup­co Smo­kovski, ©Life­style Gra­phic, ©Oleg El­kov – shut­ter­stock.com

©d.udo­vi­chen­ko – de­po­sit­pho­tos.com

Alle Rech­te vor­be­hal­ten. Das vor­lie­gen­de Werk darf we­der in sei­ner Ge­samt­heit noch in sei­nen Tei­len ohne vor­he­ri­ge schrift­li­che Zu­stim­mung der Recht­e­in­ha­ber in wel­cher Form auch im­mer ver­öf­fent­licht wer­den. Das be­trifft ins­be­son­de­re, je­doch nicht aus­schließ­lich, elek­tro­ni­sche, me­cha­ni­sche, phy­si­sche, au­dio­vi­su­el­le oder an­der­wei­ti­ge Re­pro­duk­ti­on oder Spei­che­rung und/oder Über­tra­gung des Wer­kes so­wie Über­set­zun­gen. Da­von aus­ge­nom­men sind kur­ze Aus­zü­ge, die zum Zwe­cke der Re­zen­si­on ent­nom­men wer­den.

Vorwort

Lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser,

schön, dass du dich für den zwei­ten Teil von »Rebeccas Schü­ler« in­ter­es­sierst. Wenn du mei­nen De­bütroman noch nicht kennst, darfst du ge­spannt sein, was die Hand­lung und die Fi­gu­ren für dich be­reit­hal­ten. Du wirst die Ge­schich­te die­ses Ban­des ohne Kennt­nis des ers­ten Bu­ches ver­ste­hen. Viel­leicht hast du nach der Lek­tü­re Lust, in die düs­te­re Ge­dan­ken­welt von Rebecca ein­zu­t­au­chen und die Vor­ge­schich­te ken­nen­zu­ler­nen. Dann sei dir »Rebeccas Schü­ler – An­zie­hend, ver­bo­ten und ge­fähr­lich« ans Herz ge­legt.

Du kennst Teil 1? Sei ver­si­chert: Ganz so fins­ter und schwer­mü­tig wird es im zwei­ten Teil nicht wer­den. Pri­ckeln­de Ero­tik ist aber auf je­den Fall ga­ran­tiert. In ei­nem Ka­pi­tel wer­de ich dich mit­neh­men in die Welt der so­ge­nann­ten »Pee-De­spe­ra­ti­on«. Wie du viel­leicht aus mei­nem ers­ten Buch weißt, dreht sich mei­ne Ar­beit um die The­men Macht und Kon­trol­le. Die Ver­zweif­lung (De­spe­ra­ti­on), die Men­schen emp­fin­den, wenn sie sich am Ran­de der Selbst­be­herr­schung be­we­gen, stellt eine be­son­de­re Kom­po­nen­te im Be­reich der Macht und Kon­trol­le über den ei­ge­nen Kör­per dar und kann als sehr an­re­gend emp­fun­den wer­den. Du bist herz­lich ein­ge­la­den, die­se Form der Ero­tik aus dem Be­reich Na­tur­sekt-Fe­tisch zu ent­de­cken. Ich ver­si­che­re dir, dass es nicht ek­lig, son­dern er­re­gend wer­den wird. Ler­ne den be­son­de­ren Reiz ge­mein­sam mit Rebecca ken­nen und kos­te mit ihr zu­sam­men die sinn­li­chen Ge­füh­le aus. Ich bin sehr ge­spannt, wie du auf die­se Spiel­art re­a­gierst.

Mei­ner Mei­nung nach macht ge­ra­de die Viel­falt an ero­ti­schen The­men ein Buch ab­wechs­lungs­reich und in­ter­es­sant. Da ei­ni­ge Le­se­r­in­nen und Le­ser die­ses spe­zi­el­le The­ma, das nicht un­be­dingt zum Main­stream ge­hört, be­un­ru­hi­gend oder ver­stö­rend fin­den könn­ten, emp­feh­le ich die Lek­tü­re erst ab 18 Jah­ren.

Ich möch­te dar­auf hin­wei­sen, dass alle han­deln­den Fi­gu­ren selbst­ver­ständ­lich voll­jäh­rig sind und die im Buch be­schrie­be­nen Hand­lun­gen frei­wil­lig aus­füh­ren.

Auf die Ver­wen­dung von Kon­do­men ver­zich­te ich aus Grün­den des Le­se­flus­ses. Das heißt aber nicht, dass ich sie als be­deu­tungs­los er­ach­te. Im Ge­gen­teil: Kon­do­me schüt­zen vor un­ge­woll­ter Schwan­ger­schaft und vor an­ste­cken­den Ge­schlechts­krank­hei­ten.

Ich wid­me die­ses Buch zwei Men­schen, die den Schreib­pro­zess ent­schei­dend mit­ge­prägt ha­ben: Zum einen mei­nem Schü­ler L., der die In­spi­ra­ti­ons­quel­le die­ses Ro­mans dar­stellt. Ich dach­te, dass es mir nicht noch ein­mal pas­siert, dass mich die Lust zu ei­nem Ober­stu­fen­schü­ler packt – Ich wur­de ei­nes Bes­se­ren be­lehrt. Zum an­de­ren wid­me ich die­ses Buch mei­ner Ins­ta­gram-Be­kannt­schaft Yan­nick, mei­ner Muse wäh­rend des Schreib­pro­zes­ses. Ohne sei­ne Hil­fe wä­ren die ero­ti­schen Sze­nen nur halb so in­ter­es­sant ge­wor­den.

Prolog
Mon­tag, ers­ter Tag nach Be­en­di­gung der Herbst­fe­ri­en

Kon­rad Mayer saß in sei­nem Stuhl und grü­bel­te. Ner­vös dreh­te er sei­nen dun­kel­blau­en Füll­fe­der­hal­ter zwi­schen den Fin­gern hin und her, wäh­rend sein star­rer Blick nach drau­ßen auf die graue Stra­ße schweif­te. Seit heu­te Mor­gen nur Re­gen, so­weit das Auge reich­te. Die Au­tos fuh­ren durch die Pfüt­zen, die sich auf der Fahr­bahn aus­ge­brei­tet hat­ten. Die pat­schen­den Lau­te dran­gen trotz des ge­schlos­se­nen Fens­ters an Mayers Ohr. Aber er nahm sie nicht wahr, son­dern stier­te geis­tes­ab­we­send ins Freie.

Was war nur in sie ge­fah­ren, ein­fach nicht mehr in der Schu­le zu er­schei­nen? War ihr et­was zu­ge­sto­ßen? War­um mel­de­te sie sich nicht? Und was soll­te er jetzt mit den Klas­sen und Kur­sen ma­chen, die auf ihre Leh­re­rin war­te­ten?

Mayer stand auf, ging zum Aus­gang und riss die Tür sei­nes Bü­ros auf. Die Se­kre­tä­rin zuck­te zu­sam­men. »Huch«, ent­fuhr es ihr. Ent­geis­tert blick­te sie den Schul­lei­ter aus weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen an.

»Frau Tei­chert«, sag­te er auf­ge­wühlt, »hat sich Frau Pe­ters in­zwi­schen ge­mel­det?« Die Se­kre­tä­rin schüt­tel­te den Kopf. »Sie wür­de doch an­ru­fen, wenn sie krank wäre«, mur­mel­te Mayer vor sich hin und um­griff die Hal­te­rung der Tür. Soll­te er etwa je­den Kol­le­gen ein­zeln be­fra­gen, um her­aus­zu­be­kom­men, wo sei­ne Mit­a­r­bei­te­rin ge­blie­ben war? Viel­leicht wuss­te Ro­bert et­was?

»Su­chen Sie die Num­mer des städ­ti­schen Po­li­zei­re­viers her­aus«, bat Mayer die Se­kre­tä­rin und ver­schwand in sei­nem Büro hin­ter dem Schreib­tisch. Kei­ne zwei Mi­nu­ten spä­ter hat­te Frau Tei­chert eine Te­le­fon­ver­bin­dung her­ge­stellt. Ein jung klin­gen­der Mann nahm am an­de­ren Ende der Lei­tung ab. »Hier ist Kon­rad Mayer, der Di­rek­tor des Sport­gym­na­si­ums.«

»Gu­ten Tag, was kann ich für Sie tun?«

Mayer klopf­te mit dem Fül­ler, den er wie­der zur Hand ge­nom­men hat­te, mehr­fach auf die Schreib­tisch­un­ter­la­ge. Sie er­zit­ter­te un­ter den dump­fen Schlä­gen.

»Eine mei­ner Mit­a­r­bei­te­rin­nen, Rebecca Pe­ters, ist heu­te Mor­gen nicht zum Un­ter­richt er­schie­nen. Sie ist sehr zu­ver­läs­sig und mel­det sich im­mer ab. Aber heu­te ist sie selt­sa­mer­wei­se nicht in die Schu­le ge­kom­men. Nicht, dass et­was pas­siert ist.«

Eine kur­ze Pau­se am an­de­ren Ende der Lei­tung ent­stand, wäh­rend Mayer tief durch­at­me­te.

»Heu­te ist doch der ers­te Tag nach den Herbst­fe­ri­en, rich­tig?«, frag­te der Po­li­zist.

Mayer be­jah­te.

»Viel­leicht ist sie noch im Ur­laub und kann aus dem Aus­land her­aus kei­nen Kon­takt zur Schu­le her­stel­len?«

Der Di­rek­tor über­leg­te. Soll­te sie tat­säch­lich al­lein weg­ge­fah­ren sein? So­weit er wuss­te, war sie seit ge­rau­mer Zeit Sin­gle. Aber in Wahr­heit kann­te er sei­ne Mit­a­r­bei­te­rin da­für nicht gut ge­nug. Nur die Tat­sa­che, dass sie stets ver­trau­ens­wür­dig war, ließ ihn an der Fra­ge des Po­li­zis­ten zwei­feln.

»Sie hät­te si­cher­lich eine E-Mail oder SMS ge­schrie­ben. Ich wür­de mei­ne Hand da­für ins Feu­er le­gen, dass sich Frau Pe­ters ge­mel­det hät­te. Selbst, wenn sie nicht vor Ort wäre.«

Wie­der sag­te nie­mand der bei­den ein Wort. Dann er­klang die war­me Stim­me des Po­li­zis­ten: »Herr Mayer, ich kann Ihre Be­sorg­nis nach­voll­zie­hen. Al­ler­dings las­sen wir im­mer acht­und­vier­zig Stun­den ver­strei­chen, bis wir Ver­miss­te­n­an­zei­gen nach­ge­hen.«

Mist! Das hat­te er be­fürch­tet.

»Also wer­den Sie erst am Mitt­woch bei Frau Pe­ters vor­bei­schau­en, wenn sie sich bis da­hin nicht bei uns ge­mel­det hat, rich­tig?«, frag­te der Schul­lei­ter.

»Ge­nau.«

Mayer wech­sel­te noch zwei drei Wor­te mit dem Po­li­zis­ten, dann ließ er den Hö­rer in die Ver­an­ke­rung zu­rück­sin­ken. Was war nur in sie ge­fah­ren?

Teil 1

Au­gust

Kapitel 1

Sie woll­te ge­hen, schon lan­ge her­aus sein aus die­ser Dis­co­thek. Eine Wol­ke aus Schweiß, ver­brauch­ter Atem­luft, trie­fen­den Kör­per­ge­rü­chen, Pa­r­fum und von drau­ßen mit­ge­brach­tem Zi­ga­ret­ten­qualm wa­ber­te über den Köp­fen der Men­schen. Zu­dem er­füll­te der Ge­schmack von Te­s­tos­te­ron den Raum. Ein Zu­viel an Aus­düns­tun­gen, die um­her os­zil­lier­ten und die Dis­co­thek in ein Kli­ma drü­cken­der Schwe­re tauch­ten. Alle Sin­ne über­reizt, flo­gen die Lei­ber nur noch me­cha­nisch durch den Saal, ohne über den Sinn ih­rer Be­we­gun­gen nach­zu­den­ken. Es wa­ren auf­ge­kratz­te Tan­zen­de, an­ge­säu­selt vom Al­ko­hol, be­rauscht von der At­mo­sphä­re, die dumpf auf ih­nen las­te­te.

Und mit­ten­drin Rebecca, die schon vor ei­ner hal­b­en Stun­de auf­bre­chen woll­te. Doch ir­gen­d­et­was hielt sie da­von ab, den Heim­weg an­zu­tre­ten. Sie ver­sank in der schie­ren Mas­se an schö­nen Kör­pern, ließ sich mit­rei­ßen von den halt­los Zap­peln­den um sie her­um und ver­web­te sich mit ih­nen. Hin­zu kam, dass sie ih­ren Blick nicht von ihm ab­wen­den konn­te. Den ge­sam­ten Abend über hat­te sie den Un­be­kann­ten be­ob­ach­tet, wie er an der Bar stand, an sei­nem Bier nipp­te und sich mit sei­nen Kum­pels un­ter­hielt. Ein jun­ger Typ ohne Na­men, der zur nä­he­ren Be­trach­tung ein­lud. Und doch kam Rebecca nie nah ge­nug her­an, um ihn ge­nau­er zu er­grün­den. Sie sah bloß, dass der Ju­gend­li­che schlank war, dunk­le Kla­mot­ten trug und kur­ze, hel­le­re Haa­re be­saß.

Er war seit Lan­gem das At­trak­tivs­te, was Rebecca vor die Au­gen ge­kom­men war. Eine Er­obe­rung – knackig ge­nug, um sich zu loh­nen.

Um Mit­ter­nacht ging mit ei­nem Schlag die Mu­sik aus und der gut aus­se­hen­de Kerl wur­de vom DJ auf die Büh­ne ge­holt. Als wür­de er je­den Tag von hun­der­ten Schau­lus­ti­gen ge­mus­tert wer­den, stol­zier­te die­ser Bur­sche auf die Büh­ne, die ihm vom ers­ten Mo­ment an ge­hör­te. Er strahl­te eine un­ge­heu­re Prä­senz aus, die Rebeccas Blut in Wal­lung brach­te. Sie be­wun­der­te, wie selbst­be­wusst er zum Misch­pult schritt, an dem der DJ stand und ihn in Emp­fang nahm.

»So­eben«, schrie der Disc­jo­ckey ins Mi­kro­fon, »hat die­ser jun­ge Mann hier eine wich­ti­ge Gren­ze in sei­nem Le­ben über­schrit­ten. Er ist näm­lich ge­ra­de acht­zehn Jah­re alt ge­wor­den und da­mit voll­jäh­rig.«

Ju­bel­schreie durch­zo­gen den Saal. Ein paar Ju­gend­li­che er­ho­ben die Glä­ser und pros­te­ten dem auf der Büh­ne Ste­hen­den zu, der sich selbst­si­cher im Bei­fall der Men­ge aal­te und bei­de Au­gen­brau­en tri­um­phie­rend hob. Er ge­noss es, im Mit­tel­punkt zu ste­hen und an­ge­st­arrt zu wer­den. Bei­de Hän­de hat­te er in der Jeans ver­gra­ben und mit stolz ge­schwell­ter Brust bau­te er sich ne­ben dem Misch­pult auf. Sein durch­drin­gen­der Blick glitt über die Mas­sen hin­weg, die ihn un­ver­hoh­len an­gaff­ten. Rebecca ein­ge­schlos­sen, die sich an dem Schön­ling nicht satt­se­hen konn­te.

»Gra­tu­lie­re dir«, sag­te der DJ. »Fang was Or­dent­li­ches mit dei­nem Le­ben an, sonst lan­dest du hier oben.« Ge­läch­ter bran­de­te auf, be­vor sich der Disc­jo­ckey sei­ne Kopf­hö­rer auf­setz­te und die Mu­sik wie­der laut­hals aus den Bo­xen drin­gen ließ.

Der Acht­zehn­jäh­ri­ge ver­ließ das Po­dest über das gan­ze Ge­sicht strah­lend und fiel ge­ra­de­wegs in die Arme sei­ner Kum­pels, die ihn mit Al­ko­hol in Emp­fang nah­men und ihm ka­me­rad­schaft­lich auf die Schul­ter klopf­ten. Ei­ni­ge Mäd­chen, die ab­seits der Grup­pe stan­den, wa­r­fen dem hüb­schen Ge­burts­tags­kind schwär­me­ri­sche Bli­cke zu.

Wie schön wäre es, noch ein­mal so jung zu sein, träum­te Rebecca. Gute fünf­zehn Jah­re la­gen zwi­schen ihr und die­sem Ju­gend­li­chen, der sein gan­zes Le­ben noch vor sich hat­te. Der al­len Flau­sen, die er im Kopf aus­brü­te­te, nach­ja­gen und sein Schick­sal von nun an selbst in die Hand neh­men konn­te.

Sie schau­te er­neut auf die Uhr. Ja, es war spät und sie war er­schöpft. Aber wer war­te­te schon zu Hau­se auf sie? Nie­mand be­grüß­te sie um drei Uhr mor­gens. Es gab kei­ne wär­me­n­den Hän­de, die sie um­fan­gen wür­den, wenn sie da­heim an­kam. Kein Mund, der ihr sag­te: »Du bist aber spät dran. Hast du je­man­den ken­nen­ge­lernt?« War­um soll­te sie den Heim­weg an­tre­ten? Statt­des­sen be­weg­te sie sich Rich­tung Tanz­flä­che, wo das Ge­burts­tags­kind an­ge­hei­tert zwi­schen an­de­ren Leu­ten eine Show ab­zog. Wild ges­ti­ku­lier­te er mit den Ar­men in der Luft her­um, tanz­te aus­ge­las­sen. Ne­ben ihm sei­ne grau­en Freun­de mit den durch­schnitt­li­chen Ge­sich­tern. Al­ler­welt­s­ty­pen, wie sie über­all her­um­lie­fen.

Rebecca be­trach­te­te den Acht­zehn­jäh­ri­gen. Zum ers­ten Mal an die­sem Abend, in die­ser Nacht, hat­te sie es ge­wagt, sich in sei­nen Dunst­kreis zu be­ge­ben, ob­wohl sie sei­ne in­ter­es­san­te Aura schon seit ei­ni­gen Stun­den fas­zi­nier­te. Er be­saß dun­kel­blon­de Haa­re, die an der Stirn län­ger wa­ren und ihm ins Ge­sicht hin­ein­rag­ten. Im­mer wie­der strich er die wil­den Sträh­nen ver­füh­re­risch mit der gan­zen Hand nach hin­ten ins vol­le Haar hin­ein. Er sah gut aus, hat­te aber kein eben­mä­ßi­ges Ge­sicht. Viel­mehr war es mar­kant, denn die leicht schrä­ge Nase ver­lieh ihm ein ed­les Aus­se­hen. Dazu pas­send trug er einen Drei­ta­ge­bart, der ihn deut­lich äl­ter aus­se­hen ließ.

Aus der Nähe be­trach­tet, er­kann­te Rebecca, dass der Acht­zehn­jäh­ri­ge au­ßer­or­dent­lich viel Sport be­trei­ben muss­te, denn ihr fie­len so­fort sei­ne gut trai­nier­ten Ober­ar­me auf.

Die Wei­ber, die um ihn her­um tanz­ten, be­rühr­ten ihn im­mer wie­der wie zu­fäl­lig am Ober­kör­per oder stri­chen über sei­ne Arme. Rebecca frag­te sich, ob er die Mä­dels kann­te oder sich zum Spaß von ih­nen an­bag­gern ließ. Er selbst ge­fiel sich of­fen­bar dar­in, die Be­rüh­run­gen zu­rück­zu­ge­ben. Mal lan­de­te sei­ne Hand auf ei­nem Hin­tern, mal auf ei­ner Brust. Die Mäd­chen zupf­ten ihre knap­pen Ober­tei­le zu­recht oder fuh­ren sich mit der Hand durch ihre lan­gen Mäh­nen. Vor al­lem zo­gen sie den Kerl mit ih­ren Bli­cken aus.

Rebecca war nicht bes­ser. Auch sie glotz­te und pro­vo­zier­te den Blick­kon­takt. Aber noch hat­te er kei­ne No­tiz von ihr ge­nom­men, son­dern sich den Mä­dels ge­wid­met, die ne­ben ihm tanz­ten. Bis jetzt. Denn mit ei­nem Schlag la­gen sei­ne Au­gen auf Rebecca und fuh­ren an ih­rem Kör­per auf und ab. Hat­te sie bis eben die Mus­te­rung her­bei­ge­sehnt, war sie ihr mit ei­nem Male un­an­ge­nehm. Stimm­te et­was nicht, weil er die Au­gen­brau­en so skep­tisch ver­zog und die Stirn run­zel­te? Rebecca hat­te an die­sem schwül­war­men Abend ex­tra ein kur­z­es schwa­r­zes Kleid mit tie­fem Aus­schnitt ge­wählt. Nor­ma­le­r­wei­se zog sie in der Dis­co lie­ber Weiß an, um das flu­o­res­zie­ren­de Licht auf ih­rem Kör­per zu ver­ei­ni­gen. Aber sie hat­te Lust zu flir­ten. Sie woll­te mit ih­rem Kleid, das viel nack­te Haut zeig­te, die Auf­merk­sam­keit frem­der Män­ner auf sich len­ken. Vor al­lem die der Jün­ge­ren. Aber die­ser Kerl, der sie jetzt so kri­tisch be­trach­te­te, war wohl doch eine Num­mer zu jung für sie. Nein, er sah viel zu gut für sie aus. Rebecca war noch nie der Typ Frau, der Män­ner mit ei­ner der­art of­fen­sicht­li­chen Ero­tik an­zog. Das mach­te ihn gleich noch mal so at­trak­tiv.

Nicht lan­ge und der Un­be­kann­te schau­te wie­der weg.

Schä­men brauch­te sich Rebecca wahr­lich nicht: Dass sie Mit­te drei­ßig war, ver­ri­et ihr Äu­ße­res auf kei­nen Fall. Ihre lan­gen brau­nen Haa­re, die wel­len­ar­tig über ihre Schul­tern fie­len, ver­lie­hen ihr den nö­ti­gen Sex­ap­pe­al und die Run­dun­gen sa­ßen ex­akt da, wo sie sein soll­ten. Wie­so das nicht zei­gen?

Doch der Blick die­ses Tee­n­a­gers sprach eine an­de­re Spra­che. Be­schämt dreh­te sich Rebecca weg und war da­bei, die Tanz­flä­che zu ver­las­sen, als sie un­er­war­tet am Arm fest­ge­hal­ten wur­de. »Halt!«, rief ihr je­mand hin­ter­her. »Wo­hin so schnell?« Als sie sich um­dreh­te, er­kann­te sie einen der Kum­pels des Acht­zehn­jäh­ri­gen. Der schwa­rz­haa­ri­ge Mann konn­te nicht viel äl­ter sein, sah aber nicht halb so sexy und fes­selnd aus wie das Ge­burts­tags­kind. Eben Durch­schnitt.

Sein nach Al­ko­hol stin­ken­der Atem stieg Rebecca au­gen­blick­lich in die Nase, als er dicht vor sie trat und sei­ne Zäh­ne zeig­te. »Mir ge­fällt dein Look«, schrie der Ju­gend­li­che über die Mu­sik hin­weg, die in­zwi­schen nur noch nerv­te. Woll­te er mit ihr flir­ten?

»Bin ich nicht eine Num­mer zu groß für dich?«, rief Rebecca, um ihn auf Ab­stand zu hal­ten. »Und zu alt?« Ohne Er­folg. Ihre Wor­te schie­nen ihn nur wei­ter an­zu­sta­cheln. Als wür­de er aus­tes­ten wol­len, ob er sie ha­ben konn­te.

»Li­nus«, über­ging er ge­ra­de­wegs ih­ren Ein­wurf und ver­kürz­te die Di­stanz, in­dem er auf sie zu­trat, Rebecca aber­mals am Arm er­griff und wie­der auf die Tanz­flä­che zerr­te, wo sie in die Men­ge ein­tauch­te, die ek­sta­tisch zum Rhyth­mus der ihr un­be­kann­ten Bäs­se wipp­te.

Sie woll­te ge­hen. Wie spät es wohl in­zwi­schen war?

»Wie heißt du?«, woll­te Li­nus wis­sen.

»Rebecca.«

Er streck­te selbst­be­wusst den Kopf in die Höhe und tanz­te vor ihr. Sei­ne Be­we­gun­gen sa­hen we­nig ge­schmei­dig aus. Ih­nen fehl­te jeg­li­che Re­gel­mä­ßig­keit und An­mut. Li­nus’ dunk­les Shirt flat­ter­te um sei­nen dün­nen, schlak­sig wir­ken­den Kör­per. Pein­lich be­rührt be­trach­te­te Rebecca sei­ne un­ge­len­ken Schritt­fol­gen. Sie dreh­te ih­ren Kör­per nach links und ent­fern­te sich stü­ck­wei­se von Li­nus, denn ne­ben ihm ge­se­hen wer­den woll­te sie nicht. Der Tee­n­a­ger hat­te of­fen­bar schon den gan­zen Abend zu tief ins Glas ge­schaut, weil er sich an eine Frau her­an­pirsch­te, die fast dop­pelt so alt war wie er. Konn­te er kein Mäd­chen in sei­nem Al­ter ab­be­kom­men, dass er aus­ge­rech­net sie für sich in An­spruch nahm?

Rebecca pass­te sich zwar sei­nem Tanz­stil an, schau­te aber im­mer wie­der in die Rich­tung des Acht­zehn­jäh­ri­gen, der in­zwi­schen von ei­nem Pulk an Mäd­chen um­rahmt wur­de, die ihn ei­sern in den Blick nah­men. Die meis­ten ga­cker­ten auf­rei­zend. Ein Mäd­chen warf ihre Haa­re über die Schul­tern, um ihr De­kol­leté frei­zu­le­gen, aus dem ihre Früch­te bei­nah her­au­spur­zel­ten. Das Ge­burts­tags­kind sprang doch glatt auf die­ses bil­li­ge Ge­ha­be an, in­dem es sie an­lä­chel­te und ihre Schrit­te nach­ahm­te.

»Das ist Ce­d­ric«, rief ihr Li­nus ent­ge­gen. »Er ist heu­te acht­zehn ge­wor­den.«

»Ja, ich weiß«, sag­te Rebecca bei­läu­fig. »Habt ihr das für ihn or­ga­ni­siert?«

Li­nus über­leg­te an­ge­strengt. Of­fen­bar ar­bei­te­te sein Ge­hirn un­ter Al­ko­ho­l­ein­fluss nicht mehr so gut. »Na, dass er um Mit­ter­nacht auf die Büh­ne ge­zerrt wird«, er­klär­te Rebecca er­schöpft. Sie woll­te jetzt heim.

»Ach so, ja. Wir dach­ten, wir über­ra­schen ihn mit et­was Be­son­de­rem.«

Sie nick­te in Be­zug auf sei­ne nichts­sa­gen­de Äu­ße­rung und schau­te wie­der zu Ce­d­ric hin­über, der un­ge­ni­ert mit den Mä­dels flir­te­te, die ihn ein­kreis­ten.

»Bist du müde?«, frag­te Li­nus, nach­dem Rebecca zum zwei­ten Mal in sei­ner An­we­sen­heit gähn­te.

»Ich will ab­hau­en. Aber wenn du mich jetzt wei­ter­hin auf­hältst …«

Li­nus’ Mund­win­kel zuck­ten nach oben. »Ist doch schön hier«, rief er und strei­chel­te wie zu­fäl­lig über ih­ren Un­ter­arm. Es war ganz si­cher kein Zu­fall, dass sei­ne Hand ihre nack­te Haut streif­te. Die Be­rüh­rung ließ Rebecca auf­zu­cken. Viel zu lan­ge schon hat­te sie kei­nen Mann mehr in ih­ren Ar­men, ge­schwei­ge denn im Bett ge­habt. Seit der Tren­nung von Paul vor drei Jah­ren gab es nur Sex ohne Be­deu­tung. Die Män­ner, die sie seit­dem ken­nen­ge­lernt hat­te, wa­ren alle nicht an et­was Fes­tem in­ter­es­siert ge­we­sen. Im Grun­de war es Rebecca egal, denn sie such­te eben­falls nicht mehr nach der gro­ßen Lie­be. Nur nach Aben­teu­ern. Nach Män­nern, die an­sehn­lich ge­nug aus­sa­hen, um einen One Night Stand zu ris­kie­ren. Heu­te wür­de dar­aus nichts wer­den. Li­nus kam op­tisch nicht in Fra­ge und Ce­d­ric – der mit Ab­stand in­ter­es­san­tes­te Typ hier – schien kein In­ter­es­se an ihr zu be­sit­zen. Au­ßer­dem er­tapp­te sich Rebecca im­mer wie­der da­bei, zu gäh­nen oder ab­we­send ins Lee­re zu stie­ren. Kla­res Zei­chen da­für, dass es an der Zeit war, end­lich ab­zu­rück­en.

»Ich muss jetzt ge­hen«, rief sie und ver­ließ zü­gig die Tanz­flä­che, da­mit Li­nus nicht auf die Idee kam, ihr zu fol­gen. Sie zwäng­te sich durch die ein­en­gen­de Men­schen­trau­be hin­durch, die schein­bar nichts an­de­res im Sinn hat­te, als sie am Ge­hen zu hin­dern. Müh­sam quetsch­te sich Rebecca an den Tan­zen­den vor­bei und steu­er­te ziel­si­cher auf die Gar­de­ro­be zu, wo sie ihr leich­tes Som­mer­jäck­chen ent­ge­gen­nahm.

Am Aus­gang an­ge­kom­men, sah sie Li­nus. Er brei­te­te die Arme aus, ge­treu dem Mot­to: »War­um haust du ein­fach ab?« Rebecca spür­te, dass ihm ge­nau die­ser Spruch auf den Lip­pen lag.

»Hör mal, Li­nus«, kam sie ihm zu­vor. »Ich weiß ja nicht, was du vor­hast. Aber mit uns wird das nichts.« Er zog ver­wun­dert die Stirn in Fal­ten. Aus sei­nem be­trun­ke­nen Ge­sichts­aus­druck konn­te sie ent­neh­men, dass sie ge­nau ins Schwa­r­ze ge­trof­fen hat­te.

Er rich­te­te sei­ne gla­si­gen Au­gen auf Rebecca. »Was ich vor­ha­be?«, frag­te er und kratz­te sich mit ei­ner Hand am Hin­ter­kopf. Erst hier, ab­seits der dröh­nen­den Laut­stär­ke, fiel ihr das leich­te Lal­len in sei­ner Stim­me auf. Wie­der er­reich­te sie sein al­ko­ho­li­sier­ter Atem, der sie an­ge­wi­dert einen Schritt nach hin­ten tre­ten ließ.

Rebecca zog sich die Ja­cke über, denn durch die of­fen ste­hen­de Tür weh­te eine kal­te Bri­se in den Ein­gangs­be­reich der Dis­co­thek hin­ein und ließ sie frös­teln.

»Wie meinst du das denn?«, frag­te er. »Ich woll­te …« Li­nus stock­te und über­leg­te be­müht. Rebecca wuss­te ge­nau, was er woll­te, näm­lich eine x-be­lie­bi­ge Frau auf­ga­beln, die er schnell wie einen Scho­ko­rie­gel ver­na­schen und des­sen Pa­pier er da­nach weg­wer­fen konn­te. Ge­nau­so soll­te es ab­lau­fen. So lief es im­mer ab. Sie wuss­te es, denn sie war kei­nen Deut bes­ser. Hat­te schon des Öf­te­ren Män­ner mit nach Hau­se ge­nom­men und sie am nächs­ten Tag »ent­sorgt«. So what.

Rebecca ver­schränk­te die Arme vor der Brust und blick­te ge­nervt auf ihre Arm­band­uhr, die in­zwi­schen 3:40 Uhr an­zeig­te. »War eine lan­ge Nacht, ich will jetzt end­lich nach Hau­se ge­hen.« Sie tipp­te mit den Fin­ger­kup­pen ner­vös auf ihre Ober­ar­me und wipp­te von ei­nem Bein auf das an­de­re. Nach­dem Li­nus nichts mehr sag­te, glitt sie, ohne ihn an­zu­se­hen, ele­gant an ihm vor­bei und ver­ließ die Dis­co­thek. Ei­ni­ge Men­schen stan­den da­vor und rauch­ten. Den Ge­ruch von Ta­bak konn­te sie um die­se Uhr­zeit gar nicht er­tra­gen und ent­fern­te sich da­her schleu­nigst vom Ein­gangs­be­reich. Ab­seits da­von er­kann­te sie ein knut­schen­des Pär­chen. Nei­disch wand­te Rebecca den Blick ab. Es war schon zu lan­ge her, dass sie so be­gehrt wor­den war.

Als sie sich um­blick­te, sah sie, dass eine dunk­le Ge­stalt ihr schwan­kend hin­ter­her­lief. Li­nus war et­was grö­ßer als sie. Trotz sei­nes un­si­che­ren Gangs hat­te er et­was Be­droh­li­ches an sich.

Rebecca blieb ste­hen, so­dass er den Ab­stand zu ihr ver­kür­zen konn­te. »War­um ver­folgst du mich?«, frag­te sie auf­brau­send. In der Dun­kel­heit, die sie um­hüll­te, hät­te er wer weiß was mit ihr an­stel­len kön­nen. Aber da­für sah er zu brav aus. »Ich sage es dir noch ein­mal«, setz­te Rebecca an, »ich bin zu alt für dich. Da drin sind vie­le jun­ge Mäd­chen, die be­stimmt auf dich ste­hen.« Sie nicht, ob­wohl es ihr schmei­chel­te, dass er sie so um­garn­te und nicht lo­cke­r­ließ, sie ab­zu­schlep­pen. Er hat­te zwar einen sport­li­chen Kör­per, aber sein pe­ne­tran­ter Schweiß­ge­ruch, den er durch ein auf­dring­lich rie­chen­des Pa­r­fum zu über­de­cken ver­such­te, wi­der­te sie an. Au­ßer­dem war sie zu aus­ge­laugt, um sich mit ihm zu un­ter­hal­ten oder Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu füh­ren.

»Geh zu­rück, Li­nus.« Rebecca dreh­te sich um und ließ ihn ste­hen.

So viel Ge­gen­wehr schien ihn wohl zu über­for­dern, denn er folg­te ihr nicht mehr. Statt­des­sen hör­te sie, wie je­mand nach ihm rief. »Komm rein, Al­ter! Was willst du denn da drau­ßen?« Rebecca schüt­tel­te den Kopf und ließ sich von den Häu­sern und der Dun­kel­heit ver­schlu­cken.

Ein Hund bell­te ir­gend­wo sei­ne schril­len Töne in die Nacht­luft, die als bi­zar­res Echo an den Häu­ser­fron­ten wi­der­hall­ten. An­sons­ten durch­schnitt kein Laut die To­ten­stil­le der schla­fen­den Stadt. Die Stra­ßen wa­ren er­starrt und grau. Jeg­li­ches Le­ben war aus ih­nen ge­wi­chen, als Rebecca über den As­phalt husch­te und auf­pas­sen muss­te, nicht das Gleich­ge­wicht auf ih­ren High­heels zu ver­lie­ren. Ihr schwa­r­zes Kleid flat­ter­te um die Knie, wäh­rend sie das leich­te Jäck­chen fest um ih­ren Kör­per schloss. Sie konn­te gar nicht schnell ge­nug den Wohn­block er­rei­chen, in dem sie die letz­ten drei Jah­re ih­res Le­bens zu­ge­bracht hat­te. Es war nicht das schi­cke Le­ben, das sie mit Paul ge­führt hat­te. Die we­nig ge­räu­mi­ge Woh­nung, die Rebecca be­zahl­te, war kein Ver­gleich zu dem ed­len Häus­chen, dem gro­ßen Gar­ten und dem üp­pi­gen Platz, den das Grund­s­tück ge­bo­ten hat­te. Das be­que­me Le­ben, das sie einst be­ses­sen hat­te, gab es nicht mehr. Nun reich­te ihr Aus­kom­men ge­ra­de so, um nicht in Selbst­mit­leid zu zer­flie­ßen.

Ab­ge­kämpft er­reich­te Rebecca die Häu­ser­front, an de­ren Fas­sa­de sie sich mit den Hän­den ab­stütz­te, um nicht ins Tau­meln zu ge­ra­ten. Ihr Atem ging schwer und sie hör­te das Blut in ih­ren Oh­ren ra­sant rau­schen, als sie sich nach vorn beug­te und ge­gen den Schwin­del an­kämpf­te, der sie über­fiel, als sie den Kopf senk­te. Der Abend und die Nacht hat­ten sie in die Schraub­zwin­ge ge­nom­men und hin­ter­lie­ßen ein Ge­fühl er­drü­cken­der Matt­heit. Rebecca spür­te, wie ihre Au­gen­li­der schwe­rer wur­den und sie nichts sehn­li­cher wünsch­te, als end­lich in die Fe­dern zu fal­len. Ob sie es noch schaf­fen wür­de, sich das Kleid über den Kopf zu zie­hen?

Die Trep­pen­stu­fen im fins­te­ren Haus­flur ka­men ihr un­ge­wöhn­lich hoch vor. Im­mer wie­der blieb sie mit den Pumps dar­an hän­gen und muss­te auf­pas­sen, nicht das Gleich­ge­wicht zu ver­lie­ren. Ob die Nach­barn von ih­rem lär­men­den Ge­stol­per, das den Haus­flur er­füll­te, auf­wach­ten, war Rebecca egal. Es wäre wohl ein­fa­cher ge­we­sen, den Licht­schal­ter zu be­tä­ti­gen, aber das hät­te ihre Netz­haut nicht mehr er­tra­gen. Nicht nach die­ser Nacht. Wäre Paul in ih­rer Nähe, hät­te er wohl ge­sagt: »Muss­test du aus­ge­rech­net noch einen Cock­tail trin­ken? Hat dir der letz­te um kurz nach zwei nicht ge­reicht?« Was für eine be­scheu­er­te Hal­lu­zi­na­ti­on, ih­ren Ex vor sich zu se­hen. Er hat­te sich seit ih­rer Tren­nung nur ein ein­zi­ges Mal ge­mel­det und das bloß, weil Rebecca noch einen Kar­ton auf dem Dach­bo­den hat­te ste­hen las­sen. Sie woll­te nicht an ihn den­ken …

Es war stock­dus­ter, als sie in ihre Woh­nung ein­trat. Ein­zig durch die Fens­ter im Wohn­zim­mer und Flur drang das schwa­che oran­ge Licht ei­ner Stra­ßen­la­ter­ne. Bloß ab ins Bett! Es muss­te kurz vor vier Uhr sein. Nicht mehr lan­ge und es wür­de hell wer­den.

Rebecca schaff­te es nur müh­sam, ins Bad zu ge­hen und das Make-up zu ent­fer­nen. Sie mach­te noch nicht ein­mal das Licht an, son­dern rieb sich in der schwa­chen Be­leuch­tung le­dig­lich grob die Spu­ren der Dis­co­nacht aus dem Ge­sicht, um nicht mor­gen früh die Au­gen­tu­sche und das Pu­der auf ih­rem Kis­sen vor­zu­fin­den.

Wie er­schla­gen sank sie mit dem Kopf vor­an in die La­ken und glitt so­fort in einen schumm­ri­gen Däm­mer­schlaf hin­ein, der sie wie ein Was­ser­stru­del nach un­ten zog, ge­nau dort­hin wie­der zu­rück, wo sie ge­ra­de erst her­ge­kom­men war …

Her­ge­kom­men war … Ge­ra­de her­ge­kom­men war …

Be­fremd­lich dun­kel ist es um sie her­um, als sie, einen Fuß lang­sam vor den an­de­ren set­zend, über den As­phalt tip­pelt. War­um kommt sie nur so müh­se­lig vor­wärts? Ir­gend­ei­ne Kraft hält sie auf, sich schnel­ler zu be­we­gen. Ver­rä­te­rische Schrit­te hin­ter ihr nä­hern sich un­auf­halt­sam. Sie dreht nur leicht den Kopf in die Rich­tung und sieht hin­ter sich zwei Män­ner. Die Ge­sich­ter kann sie nicht se­hen. Sie möch­te so gern ei­li­ger lau­fen, doch es funk­tio­niert schlicht­weg nicht. Sie scheint auf der Stel­le ste­hen zu blei­ben, kann kaum das Bein he­ben und nach wie vor sind die dunk­len Ge­stal­ten hin­ter ihr, die sie bei­nah er­reicht ha­ben. Auch sie ist fast da. Sie sieht be­reits den ver­trau­ten Wohn­kom­plex. Nur noch we­ni­ge Me­ter. Doch schon wird sie am lin­ken Hand­ge­lenk fest­ge­hal­ten.

»Sie ge­hört mir.« Wem soll sie ge­hö­ren? Sie ist eine freie Frau.

Der an­de­re Mann packt sie am rech­ten Ober­arm an. »Sie ge­hört mir.« Es ist die Stim­me von Li­nus. Ob der Un­be­kann­te Ce­d­ric ist? Die Fins­ter­nis ist be­klem­mend und noch im­mer er­kennt sie nicht, wer ne­ben ihr steht. Bei­de zer­ren wei­ter an ihr. Ei­ner will nach rechts ge­hen, der an­de­re nach links. War­um ist nie­mand auf der Stra­ße, der das sieht?

Sie ge­hört mir.

Nun ist sie sich si­cher, dass es die bei­den Ker­le aus der Dis­co sein müs­sen. Wo­her sie das weiß? Ce­d­ric lässt ihre Hand sin­ken und nä­hert sich mit sei­nem Ge­sicht dem ih­ri­gen. Schon im nächs­ten Mo­ment glei­ten sei­ne Lip­pen ver­lan­gend über ih­ren Mund und sei­ne Zun­ge bahnt sich einen Weg nach in­nen. Li­nus, der hin­ter ihr steht, fährt mit sei­ner Hand un­ter ihr schwa­r­zes kur­z­es Kleid, strei­chelt sinn­lich über ihre Po­b­a­cken, um an­schlie­ßend mit sei­nen Fin­gern in ih­ren Slip ein­zu­drin­gen und über ihre Schamlip­pen zu rei­ben. Sie stöhnt in den Mund des at­trak­ti­ven Ju­gend­li­chen, der im­mer un­ge­zü­gel­ter sei­ne Zun­ge mit ih­rer ver­schmilzt.

Sie ge­stat­tet, dass Li­nus sei­ne Hand in ih­rem Hös­chen lässt. Mit dem Zei­ge­fin­ger lieb­kost er ihre emp­find­li­che Knos­pe. Sie wird feucht. Er soll sie wei­ter be­rüh­ren. Dass sie noch im­mer auf der Stra­ße ste­hen und je­den Mo­ment je­mand vor­bei­kom­men kann, macht sie tie­risch an.

Doch schon ver­liert sie den Halt un­ter ih­ren Fü­ßen und schwebt nach oben in die Luft, tie­fer hin­ein in die Dun­kel­heit. Es kommt ihr nicht selt­sam vor, dass die Schwer­kraft nicht mehr exis­tiert. Sie fühlt sich fe­der­leicht. Die zwei Män­ner zie­hen sich aus. Sie sieht, wie ihre Kla­mot­ten nach un­ten fal­len. Zu­erst se­geln die Ho­sen wie ei­gen­ar­ti­ge En­gels­fi­gu­ren durch die Luft. Dann flat­tern die Shirts hin­ab, als wä­ren sie über­gro­ße Vö­gel mit bun­ten Schwin­gen und zu­letzt sin­ken die So­cken und Shorts zu Bo­den. Al­les lan­det ir­gend­wo ver­streut auf der Stra­ße, die mitt­ler­wei­le kaum noch zu er­ken­nen ist. Le­dig­lich ein paar Stra­ßen­la­ter­nen sind als win­zi­ge gel­be Punk­te aus­zu­ma­chen.

Und wo ist ei­gent­lich ihr Kleid? Sie ist voll­kom­men nackt, ge­nau wie die zwei Män­ner, die sich im­mer wei­ter mit ihr in die Lüf­te schrau­ben und hö­her flie­gen. Ihr Wohn­block wirkt von oben er­schre­ckend un­be­deu­tend. Da ist die Schu­le, in der sie über­mor­gen das ers­te Mal ihre neu­en Kol­le­gen ken­nen­ler­nen wird. Und ne­ben ihr – wie zwei zu groß ge­ra­te­ne Vö­gel – die bei­den nack­ten Män­ner.

Je­der von ih­nen will sie mit sich rei­ßen. Der nack­te Li­nus zerrt links, der gut trai­nier­te Ce­d­ric rechts. Es tut ihr weh, wie an ih­ren Ar­men ge­zo­gen wird. Sie är­gert sich dar­über, dass die zwei Ju­gend­li­chen sich strei­ten, wo sie doch eben noch zu­sam­men­ge­ar­bei­tet ha­ben und je­der einen Teil von ihr be­rüh­ren durf­te.

»Sie ge­hört mir!«, schreit ei­ner von bei­den.

»Mir!«, brüllt der an­de­re.

Die Ge­sich­ter ver­än­dern sich, je mehr die Tee­n­a­ger in Streit ge­ra­ten. Sie ha­ben kei­ne mensch­li­chen Na­sen mehr, son­dern Schnä­bel.

»Sie ge­hört mir«, faucht es aus ei­nem Schna­bel und wie­der­holt wird so fest an ihr ge­ris­sen, dass sie meint, gleich zer­bers­ten zu müs­sen. Ei­ner wird ge­win­nen. Aber sie wird die Ver­lie­re­rin sein, denn sie fühlt auf ein­mal, wie ihre Arme er­lah­men und ih­ren Geist auf­ge­ben. Im glei­chen Mo­ment fällt sie ge­mein­sam mit den Män­nern nach un­ten.

Doch was ist das? Die Jungs ent­wi­ckeln un­er­war­tet Ad­ler­schwin­gen an ih­ren Ar­men und se­geln durch die Luft, wo­bei sie sich schnell von ihr ent­fer­nen. Sie ver­sucht nun selbst wie ein Vo­gel zu flat­tern, aber da ist nichts, was ihr Auf­trieb ver­leiht! Ihre Arme sind noch im­mer wie be­täubt. Sie be­sitzt kei­ne Flü­gel, die sie vor dem Auf­prall be­wah­ren wer­den. Und die Stra­ße kommt im­mer nä­her. Krach!

Rebecca er­schrak, auf dem Bauch lie­gend, und rich­te­te sich dö­sig in ih­rem Bett auf. Ihre Au­gen brann­ten, als sie die Li­der öff­ne­te. In ih­rem Kopf und Be­cken häm­mer­te es. Die Bett­de­cke lag auf dem Fuß­bo­den. Of­fen­bar hat­te sie sie von sich ge­wir­belt, als sie wie ein Vo­gel durch die Lüf­te flie­gen woll­te. So wie es die bei­den Frem­den ge­tan hat­ten.

Was für ein wir­rer Traum.

Rebeccas Blick ging Rich­tung We­cker. Der zeig­te ihr an, dass sie gute an­dert­halb Stun­den ge­schla­fen hat­te. Drau­ßen war es be­reits hin­rei­chend hell, so­dass sie auf­stand und in ih­rem Schlaf­zim­mer die Ja­lou­si­en her­un­ter­ließ, um das Zim­mer voll­stän­dig zu ver­dun­keln. Dann stieg sie er­neut ins über­hitz­te Bett und ver­schlief den Tag.

Kapitel 2

Was war das bloß für ein Ge­schnat­ter? Noch schlim­mer als an ih­rer al­ten Schu­le!

Schüch­tern be­trat Rebecca die Aula des Sport­gym­na­si­ums. Hier sah es aus wie in ei­nem rie­si­gen Ki­no­saal. Die Stüh­le wa­ren mit ro­tem Pols­ter be­zo­gen. Eine gi­gan­ti­sche Büh­ne, die an den Rän­dern mit schwe­ren, roséfa­r­be­nen Vor­hän­gen um­säumt war, bot einen im­po­san­ten An­blick. Sie er­kann­te den Schul­lei­ter, der am Steh­pult stand und mit Je­man­dem im Ge­spräch ver­sun­ken war. Da­bei fuch­tel­te er im­mer wie­der mit den Ar­men in der Luft her­um und hielt das Mi­kro­fon zu. Mayer trug einen schwa­r­zen An­zug mit wei­ßem Hemd und hell­blau­er Kra­wat­te. Rebecca hat­te den Di­rek­tor nur bei ih­rem Ein­stel­lungs­ge­spräch ken­nen­ler­nen dür­fen. Sie schätz­te ihn auf Ende fünf­zig, was vor al­lem an sei­ner Glat­ze lag, die durch die Schein­wer­fer der Büh­nen­be­leuch­tung wie eine Bow­ling­ku­gel glänz­te.

Rebecca nahm am Rand der drit­ten Stuhl­rei­he Platz und schau­te sich in­ter­es­siert ihre neu­en Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen an. Sie be­fand sich zwar an ei­ner Sport­s­chu­le, doch die meis­ten der Män­ner und Frau­en, die im­mer zahl­rei­cher in den Saal ström­ten und die Laut­stär­ke da­mit wei­ter an­schwel­len lie­ßen, er­schie­nen ihr nicht be­son­ders trai­niert zu sein. Die Schü­ler wür­den es ohne Zwei­fel sein, denn im­mer­hin stan­den meh­re­re Wo­chen­stun­den Sport im Stun­den­plan.

»Ent­schul­di­gung, darf ich mal?«

Ein Mann, wohl zehn Jah­re äl­ter als sie, zwäng­te sich an ihr vor­bei. In der Mit­te der Stuhl­rei­he an­ge­kom­men, traf er auf einen äl­te­ren Herrn, der ihm ka­me­rad­schaft­lich die Hand reich­te und ihn freu­de­strah­lend be­grüß­te.

Als sich der An­kömm­ling auf sei­nem Stuhl nie­der­ließ und sei­ne Schreib­sa­chen aus­pack­te, warf er einen ver­stoh­le­nen Blick zu Rebecca hin­über und lä­chel­te sie an. Dann dreh­te er sich zu dem äl­te­ren Kol­le­gen um, der ihn in ein Ge­spräch ver­wi­ckel­te.

Sie be­trach­te­te den Mann, der eben an ihr vor­bei­ge­huscht war: Er trug ein grau­es, ka­rier­tes Hemd und eine blaue Jeans. Beim Sit­zen zeich­ne­te sich ein klei­ner Bauch­an­satz ab. Sein rund­li­ches Ge­sicht mit den wei­chen Kon­tu­ren er­in­ner­te Rebecca an das von Paul. Nur dass ihr neu­er Kol­le­ge kur­ze brau­ne Haa­re hat­te und eine Bril­le mit di­cker Um­ran­dung trug. Ir­gend­wie wirk­te der Mann von sei­nen Be­we­gun­gen und von sei­ner Mi­mik her selt­sam un­sym­me­trisch, ohne dass sie sa­gen konn­te, wo­her die­ser Ein­druck rühr­te.

Es war mitt­ler­wei­le kurz vor 9 Uhr und noch im­mer flu­te­ten mas­sen­haft Men­schen die Aula. Das muss­ten lo­cker acht­zig Au­gen­paa­re sein, die Rebecca gleich mit ih­ren neu­gie­ri­gen Bli­cken durch­boh­ren wür­den. Das Ge­plap­per der gut acht­zig Mün­der er­füll­te den Saal. Am liebs­ten hät­te sie sich die Oh­ren zu­ge­hal­ten, weil sie die Laut­stär­ke nicht er­trug. An­de­rer­seits: dass die Schu­le so groß war, wür­de von Vor­teil sein. Hier konn­te sie pro­blem­los in der brei­ten Mas­se un­ter­tau­chen: Her­kom­men, Job er­le­di­gen, Schu­le ver­las­sen. Hier muss­te sie kei­ne Freund­schaft heu­cheln. Ober­fläch­li­che Ge­sprä­che in den Pau­sen wür­den aus­rei­chen, um wahr­ge­nom­men zu wer­den.

Mayer fum­mel­te am Mi­kro­fon her­um, be­vor er sich räus­per­te und die An­we­sen­den freund­lich, fast fei­er­lich be­grüß­te. Die Aula soll­te nur der Um­rah­mung die­nen. Die ei­gent­li­che Leh­rer­kon­fe­renz wur­de an ei­nem an­de­ren Ort ab­ge­hal­ten. Dies re­a­li­sier­te Rebecca, als sie den Ab­lauf­plan für den heu­ti­gen Tag stu­dier­te.

»Ich möch­te Sie, möch­te euch, lie­be Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, recht herz­lich an die­sem ers­ten Tag in der letz­ten Wo­che der Som­mer­fe­ri­en be­grü­ßen. Ich freue mich, dass ich Sie und euch ge­sund wie­der­se­hen darf.« Ap­plaus setz­te ein. Rebecca ließ ih­ren Blick durch den Saal schwe­ben. Die Mehr­zahl der an­we­sen­den Per­so­nen war männ­lich und äl­ter. Im glei­chen Mo­ment schau­te sie der Kol­le­ge, der sich an ihr vor­bei­ge­zwängt hat­te, an und wie­der husch­te ein Lä­cheln um sei­nen Mund.

»Wir dür­fen in die­sem Schul­jahr drei neue Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen be­grü­ßen.«

Rebecca rieb sich die feuch­ten Hän­de an ih­rem Rock ab. Gleich wür­de sie auf­ste­hen müs­sen, denn schon rief Mayer den Ers­ten auf, der sich prompt er­hob und ein­mal wink­te, um sich be­merk­bar zu ma­chen. Mayer gab ein paar Per­so­na­li­en be­kannt, die Rebecca so­fort wie­der ver­gaß, und schau­te da­nach auf das Pult, um sei­ne Un­ter­la­gen zu sor­tie­ren.

»Wir dür­fen als Nächs­tes Rebecca Pe­ters in un­se­rer Run­de will­kom­men hei­ßen.« Mayer zeig­te mit der Hand auf sie. Rebecca stand auf und schau­te sich scheu im Saal um. Nie­man­den wür­dig­te sie län­ger als eine Se­kun­de ei­nes Bli­ckes. Das, was sie wahr­nahm, wa­ren le­dig­lich die über­wie­gend grau me­lier­ten Haa­re der An­we­sen­den. Mehr nicht. Sie wink­te ver­hal­ten, be­vor sie er­mat­tet in den Stuhl zu­rück­fiel. Hof­fent­lich sah das Lä­cheln nicht zu un­si­cher und ver­steift aus.

»Frau Pe­ters wird in die­sem Schul­jahr als Schwan­ger­schafts­ver­tre­tung für Frau Frit­sche ein­sprin­gen. Sie hat bis vor drei Jah­ren als Leh­re­rin für Deutsch und Kunst an ei­ner an­de­ren Schu­le ge­ar­bei­tet.« In­stän­dig hoff­te Rebecca, dass der Schul­lei­ter nie­mals her­aus­be­kam, wie es da­mals dort zu Ende ging! Hof­fent­lich sag­te er nicht, dass sie sich in der Zwi­schen­zeit mit Halb­tags­jobs und Kell­ner­a­r­bei­ten über Was­ser ge­hal­ten hat­te. Wich­tig war nur, dass ihr das Un­ter­rich­ten nach so lan­ger Zeit wie­der ge­lang.

»Frau Pe­ters über­nimmt den Kurs von Frau Frit­sche als Tu­to­rin in Klas­se 12 und wird aus die­sem Grund an der Kurs­fahrt teil­neh­men. Vie­len Dank da­für im Vor­feld«, nick­te ihr Mayer zu. »Frau Pe­ters wird haupt­säch­lich in den obe­ren Klas­sen un­ter­rich­ten und die Leis­tungs­kur­se in Deutsch über­neh­men.«

Dass sie nur we­ni­ge Stun­den da sein wür­de und sich an­sons­ten ab­du­cken konn­te, war der Grund, war­um sie sich über­haupt auf die An­zei­ge als Stütz­leh­re­rin be­wor­ben hat­te. Wenn sie hier Voll­zeit ar­bei­ten ge­hen müss­te, wür­de es wohl wie­der in ei­ner Voll­ka­ta­s­tro­phe en­den und sie end­gül­tig an den Rand ei­nes Bur­nouts trei­ben.

Mayer nick­te ihr wohl­wol­lend zu und lä­chel­te freund­lich, be­vor er dazu über­ging, den nächs­ten neu­en Kol­le­gen vor­zu­stel­len. Rebecca putz­te sich ein wei­te­res Mal die schweiß­nas­sen Hän­de an ih­rem Rock ab. Ihr Herz schlug noch im­mer bis zum An­schlag und eine hei­ße An­span­nung durch­flu­te­te sie.

Nach drei an­stren­gen­den Stun­den en­de­te die ers­te Leh­rer­kon­fe­renz an der neu­en Schu­le und Rebecca konn­te nicht schnell ge­nug aus dem lau­ten Raum flüch­ten. Ihre Schul­ta­sche hing be­reits über der Schul­ter, als sich ihr der Kol­le­ge nä­her­te, der ihr in den Mor­gen­stun­den in der Aula mehr­fach sein Lä­cheln ge­schenkt hat­te. Bis­her war sie jeg­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on aus dem Weg ge­gan­gen und hat­te nicht vor, heu­te und hier An­schluss zu fin­den. Da­für war schließ­lich das ge­sam­te Schul­jahr Zeit.

»War­ten Sie kurz!«, rief er ihr nach und hol­te mit gro­ßen Schrit­ten auf, vor­bei an den Kol­le­gen, die eben­falls nach drau­ßen stürm­ten. Rebecca war­te­te, um nicht un­höf­lich zu er­schei­nen, hat­te aber kei­ne Lust auf Small­talk.

»Ich bin Ro­bert Kan­ter, der Mit­tu­tor in Klas­se 12.« Er ent­blößte sei­ne Zäh­ne und streck­te ihr sei­ne Hand ent­ge­gen, die sich ver­schwitzt an­fühl­te.

»Rebecca Pe­ters. Schön, Sie ken­nen­zu­ler­nen.«

»Wir du­zen uns hier.«

Sie nick­te.

»Und wer ist noch Tu­tor bei den Zwöl­fern? Nur wir bei­de?«, woll­te Rebecca wis­sen.

»Nein, Sa­bri­na. Aber sie war heu­te nicht da, sonst hät­te ich sie dir vor­ge­stellt.«

Da er nichts sag­te, ent­stand eine un­an­ge­neh­me Pau­se. Ver­le­gen strich sich Ro­bert durch sein vol­les brau­nes Haar.

»Und du un­ter­rich­test Deutsch für Ka­tha­ri­na?«

»Frau Frit­sche? Ja. Aber nur we­ni­ge Stun­den. Bin ja bloß die Ver­tre­tung«, lach­te Rebecca, pein­lich be­rührt von ih­ren dümm­li­chen Wor­ten.

»Was un­ter­rich­ten Sie? Äh du.«

»Ma­the und Phy­sik.« Ir­gend­wie pass­te die­se Fä­cher­kom­bi­na­ti­on zu sei­nem Aus­se­hen, das leicht ab­ge­dreht wirk­te. In­zwi­schen stan­den sie na­he­zu al­lein vor der Tür zum Kon­fe­renz­zim­mer. Nur Mayer und ein paar Mit­glie­der der Schul­lei­tung wa­ren noch drin, um die Tech­nik ab­zu­bau­en.

»Warst du schon im Leh­rer­zim­mer?«, frag­te Ro­bert und Rebecca nick­te aber­mals.

Sie war dort, hat­te sich vor der Leh­rer­kon­fe­renz sämt­li­che Un­ter­la­gen ge­schnappt und sie in ihre Ta­sche ge­stopft. Ein­zig der Stun­den­plan in­ter­es­sier­te sie. Mit den frem­den Na­men auf den Kurs­lis­ten konn­te sie nichts an­fan­gen.

»Gehst du jetzt es­sen?«, frag­te Ro­bert.

»Ich ko­che zu Hau­se.« Auf aus­ufern­de Ge­sprä­che hat­te Rebecca kei­ne Lust. Der Schä­del brumm­te nach dem lan­gen Sit­zen, Zu­hö­ren und Mit­schrei­ben. Sie ver­schränk­te die Arme vor der Brust, weil sie nur noch eins woll­te: schleu­nigst heim.

»Ich gehe zum Chi­ne­sen ne­be­n­an. Komm mit, wenn du magst. Dann kön­nen wir über die Schü­ler in dei­nem Kurs spre­chen.« Soll­te sie sein An­ge­bot ein­fach aus­schla­gen? War es un­höf­lich, jetzt »Nein« zu sa­gen?

»Okay«, gab sie knapp zur Ant­wort.

Rebecca häng­te ihre Ta­sche um und folg­te Ro­bert. Er hum­pel­te ein we­nig. Ihr war auch nicht ent­gan­gen, dass sein Ge­sicht nicht ganz eben­mä­ßig war. Beim Spre­chen hing ein Mund­win­kel von ihm leicht nach un­ten. Bei­nah so, als wäre eine Kör­per­par­tie ge­lähmt. Der ver­schro­be­ne Ge­sichts­aus­druck mach­te ihr ein we­nig Angst.

Das China­re­stau­rant lag nur ein paar Me­ter von der Schu­le ent­fernt. Ob­wohl Ro­bert nicht si­cher lief, be­saß er einen schnel­len Gang. Rebecca hat­te Mühe, sei­nen ra­schen Schrit­ten zu fol­gen.

»Wohnst du schon lan­ge hier?«, griff er das Ge­spräch auf, als sie sich dem Lo­kal nä­her­ten.

»Seit drei Jah­ren.«

»Hört man.« Ro­bert stier­te per­ma­nent beim Ge­hen auf sei­ne Füße, als be­fürch­te­te er, hin­zu­fal­len.

»Wie­so?«

»Dein Di­a­lekt klingt nicht un­be­dingt so, als wür­dest du schon im­mer hier le­ben.«

Er muss­te ja nicht gleich am ers­ten Tag er­fah­ren, dass man ihre Hei­mat erst nach et­li­chen Au­to­stun­den er­reich­te.

In­zwi­schen wa­ren sie am Re­stau­rant an­ge­kom­men. Ro­bert hielt ihr gent­le­m­an­like die Tür auf. Ein schwe­rer Bra­ten­ge­ruch durch­setz­te die Luft. Die Fens­ter lie­ßen nur we­nig Son­nen­licht in die Gast­stät­te, so­dass sie sti­ckig, dumpf und be­klem­mend wirk­te – wie eine her­un­ter­ge­kom­me­ne Spe­lun­ke.

»Gu­ten Tag«, sag­te eine klei­ne, asia­tisch aus­se­hen­de Kell­ne­rin, die Rebecca und Ro­bert am Ein­gang der Gast­stät­te emp­fing. Auf dem Arm trug sie zwei, in ro­ten Samt ein­ge­bun­de­ne Spei­se­kar­ten. Die Be­die­nung ent­sprach ge­nau dem Kli­schee ei­ner Asia­tin mit ih­ren pech­schwa­r­zen, kur­z­en Haa­ren und dem auf­fal­lend rund­li­chen Ge­sicht.

»Einen Tisch für zwei Per­so­nen«, or­der­te Ro­bert.

»Möch­ten Sie drin­nen oder drau­ßen es­sen?«, frag­te die Kell­ne­rin mit fast me­lo­di­schem Klang.

»Wol­len wir drau­ßen sit­zen?«, wand­te sich Ro­bert an Rebecca, die mit ei­nem Kopf­ni­cken be­jah­te.

Die Be­die­nung voll­führ­te eine ein­la­den­de Hand­be­we­gung und ge­lei­te­te sie hin­aus ins Freie. Im Hin­ter­hof des Re­stau­rants wa­ren Ti­sche aus Me­tall auf­ge­stellt. Die Stüh­le be­sa­ßen einen ein­heit­li­chen Grau­ton, der we­nig ge­fäl­lig wirk­te. Im­mer­hin sorg­ten grü­ne Son­nen­schir­me und asia­ti­sche De­ko­ra­ti­on für den nö­ti­gen Char­me. Ir­gend­wo muss­ten sich Bam­bus­höl­zer be­fin­den, die ge­gen­ein­an­der schlu­gen und einen hoh­len Klang ver­brei­te­ten, der har­mo­nisch ins Ohr ging.

Rebecca und Ro­bert er­hiel­ten einen schat­ti­gen Platz ne­ben ei­ner mit­tel­gro­ßen Bud­dha­s­ta­tue zu­ge­wie­sen. Das brei­te Lä­cheln zeig­te ex­akt auf Rebecca.

»Du musst über sei­nen di­cken Bauch strei­cheln. Das bringt Glück«, flö­te­te Ro­bert, der ähn­lich breit grins­te wie die Skulp­tur.

Rebecca zog bei­de Au­gen­brau­en nach oben. »Wer weiß, wer den schon al­les an­ge­fasst hat.«

»Dann eben kein Glück«, sag­te Ro­bert. Sei­ne strah­len­den Zäh­ne bil­de­ten einen auf­fal­len­den Kon­trast du sei­nem schie­fen Mund. Rebecca ver­kniff sich, ihn auf sei­ne Läh­mungs­er­schei­nun­gen an­zu­spre­chen. So et­was ge­hör­te sich ih­rer Mei­nung nach nicht gleich am ers­ten Tag des Ken­nen­ler­nens. Si­cher­lich wür­de er ihr das ir­gend­wann in ei­nem spä­te­ren Ge­spräch an­ver­trau­en.

Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten er­schien die Kell­ne­rin er­neut. »Ha­ben Sie schon ein Ge­tränk ge­wählt?«

»Ich neh­me einen Sekt«, spru­del­te es aus Rebecca her­aus.

»Ich be­kom­me ein Rad­ler«, sag­te er höf­lich und die Be­die­nung stie­fel­te von dan­nen.

Rebecca nahm sich die Kar­te zur Hand und such­te nach ei­nem Ge­richt.

»Die En­ten­brust ist ganz gut«, ver­si­cher­te Ro­bert, als er be­merk­te, dass sie stän­dig in der Kar­te vor- und zu­rück­blät­ter­te.

»Gehst du hier öf­ter es­sen?«, frag­te sie, ohne das Ge­sicht von der Kar­te zu neh­men.

»Ich kom­me hin und wie­der mit Kol­le­gen her. Mit mei­ner Fa­mi­lie bin ich auch manch­mal hier.«

Rebecca über­leg­te, ob es zu un­ver­schämt war, ihn über den In­halt sei­nes letz­ten Sat­zes aus­zu­quet­schen. Sie schwieg und biss sich auf die Un­ter­lip­pe.

»Na gut, dann neh­me ich die Ente«, sag­te sie.

Ro­bert blies an­ge­hei­tert Luft durch die Nase aus und blick­te amü­siert in die Kar­te.

»Was ist?«, woll­te Rebecca wis­sen. »War­um lachst du?«

»Ich dach­te, du fragst mich jetzt nach mei­ner Fa­mi­lie.«

Er hat­te also ihr Zö­gern be­merkt. Ro­bert schien ein sehr auf­merk­sa­mer Mensch zu sein.

Be­vor Rebecca et­was er­wi­dern konn­te, hielt die Kell­ne­rin mit schnel­len Schrit­ten auf ih­ren Tisch zu. Auf dem Ta­blett trug sie zwei Glä­ser, an de­nen Was­ser­trop­fen ab­perl­ten. Sie be­stell­ten ihr Ge­richt und sa­hen der Be­die­nung hin­ter­her, die ge­nau­so schnell ver­schwand, wie sie ge­kom­men war.

Ver­lo­ckend pri­ckel­te der gold­gel­be Sekt im Glas, das vor Rebecca stand. Sie setz­te das köst­lich kal­te Ge­tränk an ih­ren Mund an. Schon be­netz­te der Spru­del ihre Lip­pen, noch be­vor sie dar­aus trank. Eine fruch­ti­ge Süße nach Pfir­sich lieb­kos­te ihre Nase. Sie ge­noss die­se klei­nen Mo­men­te des Le­bens. Der ers­te Schluck war be­le­bend und zog zi­schend ihre Keh­le hin­un­ter.

Ohne dass Rebecca nach­frag­te, griff Ro­bert den Ge­sprächs­fet­zen von eben auf: »Ich bin ver­hei­ra­tet. Habe zwei Söh­ne, elf und neun. Und du?«

»Ich habe kei­ne Kin­der«, er­wi­der­te Rebecca.

»Bist du ver­hei­ra­tet oder hast du einen Part­ner?«

Rebecca schüt­tel­te den Kopf. Ohne ih­rer Mi­mik an­mer­ken zu las­sen, wie sie über ih­ren Be­zie­hungs­sta­tus dach­te, fass­te sie zu­sam­men: »Be­vor ich vor drei Jah­ren hier­her ge­zo­gen bin, habe ich mit ei­nem Mann zu­sam­men­ge­lebt. Gute acht Jah­re lang. Seit­dem gab es nichts Fes­tes mehr.«

Ro­berts stahl­graue Au­gen ver­fins­ter­ten sich. Fa­mi­li­en­mensch durch und durch, dach­te Rebecca.

»Du brauchst kein Mit­leid mit mir zu ha­ben«, gab sie schnell zu­rück, als sie re­gis­trier­te, dass Ro­berts un­be­schwer­te Mie­ne von eben durch ihre Wor­te gänz­lich ver­schwun­den war. »Wir ha­ben uns ein­ver­nehm­lich ge­trennt. Es gab ein paar … Pro­ble­me.«

Du bist fremd­ge­gan­gen, Rebecca. Nun gut. Ihr Sei­ten­sprung mit ih­rem Schü­ler war schuld. Nach­dem Paul die Wahr­heit ver­daut hat­te, war schnell klar, dass es kei­ne Zu­kunft mit ihm ge­ben wür­de. Die Part­ner­schaft stand schon vor ih­rer Af­fä­re auf der Kip­pe. Zum Ein­sturz ge­bracht hat­te sie letzt­lich ihre Un­fä­hig­keit, mit Paul über ihre Ge­füh­le re­den zu kön­nen. Heu­te wünsch­te sie, sie hät­te sich eher ge­traut, ihm zu ge­ste­hen, wie un­g­lü­ck­lich sie die lieb­lo­se Part­ner­schaft ge­macht hat­te. Die Jah­re mit Paul wa­ren si­cher­lich nicht ver­geu­det, aber herz- und freud­los.

Nie wie­der woll­te sie es so weit kom­men las­sen, sich ihre Ge­füh­le nicht ein­zu­ge­ste­hen und in ei­ner Part­ner­schaft zu en­den, die nur Still­stand kann­te. Nun galt es zu le­ben, mit je­der Fa­ser des Kör­pers und der See­le den Mo­ment zu ge­ni­e­ßen. Nur noch das Hier und Jetzt soll­te zäh­len.

»Lass uns über die Schü­ler spre­chen, die ich be­kom­me«, schlug sie vor, um nicht mehr an ih­ren Ex und an die ver­lo­re­ne Lie­be zu ih­rem Schü­ler den­ken zu müs­sen.

»Lass uns erst mal es­sen«, mach­te Ro­bert den Ge­gen­vor­schlag, als er sah, dass die Mahl­zeit ser­viert wur­de. Die Be­die­nung stell­te den Tel­ler mit der damp­fen­den En­ten­brust auf eine Warm­hal­te­plat­te. Dann lief sie da­von und brach­te als Nächs­tes den Reis in klei­nen, weiß-blau­en Por­zel­lan­schäl­chen her­bei.

Rebecca nahm sich et­was von dem ver­füh­re­risch duf­ten­den Fleisch auf ih­ren Tel­ler. Da­ne­ben sta­pel­te sie eine or­dent­li­che Por­ti­on von dem Kle­be­reis, der sich schwer vom Por­zel­lan­löf­fel lös­te. Wie Kleis­ter hing er dar­an. Ro­bert schau­fel­te sich ähn­lich viel da­von auf sei­nen Tel­ler drauf.

Es schmeck­te in der Tat sehr ap­pe­tit­lich. Ihr neu­er Kol­le­ge hat­te nicht über­trie­ben.

»Kennst du mei­ne Schü­ler, die ich be­kom­me?«, frag­te Rebecca kau­end.

Ro­bert schluck­te sei­nen Bis­sen hin­un­ter und sag­te: »Ich bin vie­le Jah­re lang Klas­sen­leh­rer in die­ser Jahr­gangs­stu­fe ge­we­sen. Ich ken­ne alle Schü­ler sehr gut. Als Tu­tor muss man sich na­tür­lich noch mal ganz an­ders um sie küm­mern. Man be­glei­tet sie bis zum Ab­itur, steht ih­nen sehr nahe.«

Rebeccas Er­fah­rung ging bis­her nicht über die ei­ner Klas­sen­leh­re­rin hin­aus. Dass sie in die­ser Ver­ant­wor­tung nicht er­folg­reich war, weil sie kei­nen Draht zu den Kin­dern auf­bau­en konn­te, ver­schwieg sie. Tu­to­rin zu sein, stell­te für sie eine gänz­lich neue Her­aus­for­de­rung dar. Nun muss­te sie be­wei­sen, dass sie Em­pa­thie be­saß und fä­hig dazu war, die Schü­ler zu Stu­die­ren­den zu ma­chen.

»Mein Leis­tungs­kurs in Deutsch wird mein Tu­tor­kurs«, sag­te Rebecca. »Ich möch­te nicht nur un­ter­rich­ten, son­dern die Schü­ler ken­nen­ler­nen.« Das Ziel muss­te dies­mal kon­se­quent ver­folgt wer­den, um von vorn­her­ein Kom­pli­ka­ti­o­nen mit den Ju­gend­li­chen aus­zu­schlie­ßen.

Ro­bert nick­te und schob sich einen Hap­pen von der En­ten­brust in den Mund, ge­nau wie Rebecca.

»Aber du hast Glück mit dei­nen Leu­ten«, ant­wor­te­te er und lä­chel­te sie mit sei­nen di­cken Wan­gen an. Sei­ne Kie­fer­mus­ku­la­tur wirk­te beim Kau­en noch ver­scho­be­ner.

»Du hast nur zwölf Schü­ler in dei­nem Kurs. Zehn Mäd­chen und zwei Jungs. Aber die ha­ben es in sich«, deu­te­te Ro­bert ver­schwö­re­risch an und schau­te von sei­nem Ge­richt auf. Sein schel­mi­sches Grin­sen ver­stell­te sei­nen oh­ne­hin schie­fen Mund.

»Du meinst, die Jungs ha­ben es in sich?«, woll­te Rebecca wis­sen.

Ro­bert schnitt mit der Ga­bel ein Stück En­ten­brust ab, be­vor er tief ein­at­mend sag­te: »Ich war der Klas­sen­leh­rer von Ce­d­ric und Li­nus und rate dir, ein Auge auf die bei­den zu ha­ben.«

Krach!!! Die Ga­bel kam schep­pernd auf dem Por­zel­lan­tel­ler auf.

Die bei­den Ker­le aus der Dis­co wür­den ihre neu­en Schü­ler sein?!

»Was ist los?«, frag­te Ro­bert, sicht­lich er­schro­cken von dem lau­ten Ge­räusch, den das Me­tall ver­ur­sacht hat­te.

»Nichts. Mir ist die Ga­bel aus der Hand ge­fal­len«, be­kräf­tig­te Rebecca, die Mühe da­mit hat­te, den di­cken Klum­pen En­ten­brust, der sich in ihre Luft­röh­re ver­irrt hat­te, nach oben zu wür­gen. Has­tig er­griff sie das Sekt­glas und leer­te es in we­ni­gen Zü­gen.

»Ce­d­ric vor al­lem soll­test du im Blick be­hal­ten.« Das Ge­burts­tags­kind aus der Dis­co­thek, er­gänz­te Rebecca im Geist. »Ziem­li­cher Drauf­gän­ger. Macht im­mer einen auf cool, tanzt schnell aus der Rei­he. Weiß nicht, ob er sich in­zwi­schen mehr von Er­wach­se­nen sa­gen lässt. In der Un­ter­stu­fe je­den­falls war er nicht sehr ko­ope­ra­tiv.« Sei­ne Wor­te wa­ren sehr auf­schluss­reich. »Ce­d­ric hat nicht viel auf dem Kas­ten. Der wird Mühe ha­ben, über­haupt zum Abi zu­ge­las­sen zu wer­den. Wenn er Pech hat, ver­geigt er das ers­te Halb­jahr, dann kann er sei­ne Zu­las­sung zur Prü­fung ver­ges­sen.«

Rebecca hör­te ih­rem neu­en Kol­le­gen auf­merk­sam zu, saug­te jede In­for­ma­ti­on, die sie er­hielt, ein.

»Und der Zwei­te?«, frag­te sie in­ter­es­siert nach, nach­dem Ro­bert nichts mehr über Ce­d­ric sag­te.

»Li­nus ist ein Jahr äl­ter als die an­de­ren. Er kam in der zehn­ten Klas­se an die Schu­le. Hat sei­nen Re­al­schul­ab­schluss in der Ta­sche und will jetzt das Ab­itur ma­chen. Ja …«, brach Ro­bert sei­nen Satz ab und kau­te am Reis her­um.

»Li­nus ist an­ders. Wirst du se­hen. Biss­chen schüch­tern, in sich ge­kehrt. Als er in der zehn­ten Klas­se zu uns stieß, war Ce­d­ric der­je­ni­ge, der ihn in die Au­ßen­sei­ter­rol­le ge­drängt hat.«

Wie­der beließ es Ro­bert bei An­deu­tun­gen, weil er auf­hör­te, wei­ter­zu­spre­chen. Statt­des­sen schob er sich das Ge­mü­se in den Mund.

»Lern’ sie erst mal ken­nen. Wir ha­ben in Klas­se 11 mit je­dem Schü­ler Ein­zel­ge­sprä­che ge­führt.«

»Wozu?«, woll­te Rebecca wis­sen.

»Wenn du als Tu­tor ar­bei­test, soll­test du dei­ne Schü­ler sehr ge­nau ken­nen. Du musst wis­sen, wo­mit sie Pro­ble­me ha­ben, was sie in ih­rer Frei­zeit ma­chen, wie sie an Haus­auf­ga­ben her­an­ge­hen, wie sie mit Stress um­ge­hen. Au­ßer­dem ist es gut zu wis­sen, was sie nach dem Abi ma­chen wol­len, um ih­nen die nö­ti­ge Mo­ti­va­ti­on zu ge­ben, an ih­rem Traum zu ar­bei­ten. Es schafft eine ganz an­de­re At­mo­sphä­re, wenn du dei­ne Schü­ler im Vor­feld ken­nen­lernst. Glaub mir, das ma­che ich schon seit vie­len Jah­ren so, wenn ich in der Ober­stu­fe ein­ge­setzt bin.«

Sol­che Er­kennt­nis­se wa­ren voll­kom­men neu für Rebecca. Ein­zel­ge­sprä­che. Aber so schloss sie von vorn­her­ein Pro­ble­me aus und stell­te einen per­sön­li­chen Draht zu den Schü­lern her.

»Nutz’ die Kurs­fahrt da­für«, durch­brach Ro­bert ihre Ge­dan­ken.

»Kann ich euch hel­fen? Ist noch was zu er­le­di­gen?«

»Eine Wo­che vor der Kurs­fahrt füh­ren wir einen El­tern­abend durch. Da soll­test du auf je­den Fall an­we­send sein. Be­rei­te ein­fach einen Zet­tel mit der Ein­la­dung vor, mehr brauchst du nicht zu tun. Auf dem El­tern­abend er­fährst du dann al­les über die Fahrt. Ach so, und wir wol­len dich dort na­tür­lich als neue Tu­to­rin vor­stel­len«, grins­te Ro­bert und kratz­te das Ge­mü­se von sei­nem Tel­ler.

Das hat­te Rebecca be­fürch­tet. Noch mehr Men­schen­mas­sen, die sie mus­ter­ten.

»War­um fah­ren wir ei­gent­lich so zei­tig im Schul­jahr?«, woll­te sie wis­sen. »Nor­ma­le­r­wei­se fin­den doch Klas­sen­fahr­ten im Früh­jahr und Som­mer statt, oder?«

»Ja, das stimmt. Die Ab­itu­ri­en­ten sol­len aber den Kopf frei ha­ben für die Prü­fun­gen, die im Früh­ling und Som­mer statt­fin­den. Da­her nut­zen wir den Be­ginn des Schul­jah­res zur Ab­schluss­fahrt. Au­ßer­dem be­kommt man leich­ter eine Un­ter­kunft, wenn man au­ßer­halb der Sai­son fährt.«

Ro­bert wisch­te sich den Mund ab und leg­te die Ser­vi­et­te bei­sei­te. Auch Rebecca war papp­satt. Vom Es­sen und von den In­fos.

Nach an­dert­halb Stun­den ver­lie­ßen Ro­bert und Rebecca mit vol­len Mä­gen das Re­stau­rant.

»Wir se­hen uns am Mon­tag!«, ver­ab­schie­de­te sich der neue Kol­le­ge fröh­lich und stie­fel­te in ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung nach Hau­se.

Rebeccas Woh­nung lag nicht weit ent­fernt von der Gast­stät­te und ih­rer neu­en Schu­le, so­dass sie lau­fen konn­te. Bei ih­rer al­ten Ar­beits­s­tät­te hat­te sie stets das Auto neh­men müs­sen. Wie prak­tisch, gleich in der Nach­bar­schaft zu woh­nen.

Die kom­men­den frei­en Tage nutz­te Rebecca, um akri­bisch die Stun­den vor­zu­be­rei­ten, die sie in der nächs­ten Wo­che er­war­ten wür­den. Sie hat­te an ih­rem ers­ten Tag einen de­tail­lier­ten Plan er­hal­ten, wie weit die schwan­ge­re Kol­le­gin mit ih­ren Lern­grup­pen ge­kom­men war. Ob­wohl ihr letz­ter Un­ter­richt ei­ni­ge Jah­re zu­rück­lag, konn­te sie die feh­len­den Lern­in­hal­te gut her­lei­ten.

Nach­dem Ro­bert ihr von den Schü­lern er­zählt hat­te, stu­dier­te Rebecca die Klas­sen- be­zie­hungs­wei­se Kurs­lis­ten. Den Leis­tungs­kurs in Klas­se 12, ih­ren Tu­tor­kurs, wür­de sie fünf­mal in der Wo­che zu Ge­sicht be­kom­men.

Sie über­flog die Na­men.

Nächs­te Wo­che wür­de sie wis­sen, mit wem sie es zu tun hat­te. Wenn sie wirk­lich Ein­zel­ge­sprä­che mit den Schü­lern füh­ren soll­te, war sie schon jetzt auf die letz­ten bei­den Na­men auf ih­rer Lis­te ge­spannt. Li­nus Voigt. ­Ce­d­ric Wei­se.

Kapitel 3

Am Sonn­tag­nach­mit­tag schäl­te sich Rebecca in ih­ren Jog­ging-Dress, be­vor sie das Haus ver­ließ. Sie trug ein ro­sa­fa­r­be­nes, bauch­frei­es Top und einen knap­pen schwa­r­zen Lauf­rock. Sie war mehr als stolz auf ihre schlan­ke Fi­gur, die sie mit re­gel­mä­ßi­gem Fit­ness­pro­gramm in Sha­pe hielt. Rebecca strich über den Stoff der Funk­ti­ons­klei­dung und dreh­te sich vor dem Spie­gel nach links und nach rechts, um ih­ren Kör­per zu be­trach­ten.

Die kleb­ri­ge Hit­ze, die sie an ih­rem ver­schwitz­ten Kör­per fühl­te, ge­fiel ihr gar nicht. Ge­nau­so we­nig wie der glü­hen­de As­phalt, der vom Kü­chen­fens­ter aus sicht­bar war. Die At­mo­sphä­re flim­mer­te durch­sich­tig und ver­schlei­er­te die Um­ge­bung. Und doch ent­schloss sich Rebecca dazu, lau­fen zu ge­hen, um nach der Un­ter­richts­vor­be­rei­tung den Kopf frei zu be­kom­men.

Im Stadt­park traf sie nur auf we­ni­ge Fa­mi­li­en mit Kin­dern. Ei­ni­ge der Klei­nen, die in Kin­der­wä­gen über den an­thra­zit­fa­r­be­nen Schot­ter ge­scho­ben wur­den, quen­gel­ten.

Ge­gen 14 Uhr hat­te sich die Hit­ze so­weit an­ge­staut, dass es nur noch ein Ven­til gab. Der Him­mel ver­fins­ter­te sich schlag­ar­tig wie auf ein Kom­man­do hin. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te Rebecca noch gut die Hälf­te der Lauf­stre­cke vor sich. Ihre Fit­nes­s­arm­band­uhr zeig­te 3,6 ge­lau­fe­ne Ki­lo­me­ter an. Es groll­te be­reits und die dunk­le Wol­ken­front schob im­mer ener­gi­scher dunk­le Strei­fen über das Fir­ma­ment. Bald wür­de ein Ge­wit­ter mit Star­k­re­gen ein­set­zen.

Rebecca sporn­te sich zu mehr Tem­po an, jogg­te un­barm­her­zig an den Fa­mi­li­en und Pär­chen vor­bei, die wohl nicht das dro­hen­de Un­heil wit­ter­ten, son­dern sorg­los auf dem Geh­weg wei­ter ent­lang fla­nier­ten. Das Tem­po an­zu­zie­hen war nicht ein­fach, weil sich die Tem­pe­ra­tu­ren im­mer stär­ker in die Höhe schau­kel­ten und der Druck auf ih­ren Kör­per un­auf­halt­sam zu­nahm.

Bei­nah in letz­ter Se­kun­de er­reich­te sie das schüt­zen­de Dach ei­ner Bus­hal­te­stel­le, die sich un­weit ih­rer Woh­nung be­fand. Ers­te di­cke Trop­fen pras­sel­ten hin­ab. Völ­lig aus­ge­po­w­ert stütz­te sich Rebecca an der Glas­wand ab und sah zu, wie der Re­gen­guss den Geh­weg mit Pfüt­zen flu­te­te. Sie roch die vom Re­gen an­ge­feuch­te­te Erde und sah ver­zau­bert zu, wie der Schau­er nie­der­ging. Die Re­gel­mä­ßig­keit, mit der die Trop­fen zu Bo­den knall­ten, hyp­no­ti­sier­te Rebecca. Sie streck­te die Hand in den Guss aus und ge­noss die Ab­küh­lung, die ih­ren Arm über­zog.

Schwer keu­chend rang sie nach Luft, beug­te sich nach vorn und starr­te auf ih­ren schlan­ken Bauch, der sich gleich­mä­ßig hob und senk­te. Sie war schon lan­ge nicht mehr so aus der Pus­te ge­kom­men. Ihre Uhr zeig­te einen er­höh­ten Puls an, den sie so in der Art nicht von sich ge­wohnt war. Aber der Sport tat ihr gut. Mitt­ler­wei­le stell­te er den wich­tigs­ten Aus­gleich für stres­si­ge Tage dar. Nach der Tren­nung von ih­rem Part­ner vor drei Jah­ren hat­te sie sich im­mer öf­ter in die­se Ak­ti­vi­tät ge­flüch­tet und mein­te, in­zwi­schen eine pas­sa­ble Lang­stre­cken­läu­fe­rin ab­zu­ge­ben. Heu­te war es aber wohl doch ein we­nig zu schnell, vor al­lem zu viel ge­we­sen.

Nach ge­fühlt ei­ner Vier­tel­stun­de des War­tens zog die Re­gen­wand ab und Rebecca schlen­der­te ge­mäch­lich nach Hau­se, be­glei­tet von leich­tem Nie­sel­re­gen, der sich mit dem Schweiß ih­rer Haut ver­misch­te.

Als sie ins Trep­pen­haus ein­trat, um­fing sie eine an­ge­neh­me Küh­le, die ih­ren über­hitz­ten Kör­per her­un­ter­re­gu­lier­te. Sie sehn­te die kal­te Du­sche her­bei. Gleich nach dem Auf­schlie­ßen der Haus­tür ver­zog sie sich ins Bad, wo sie ih­ren Lauf­rock und das enge Top los­wur­de, be­vor sie sich un­ter die Du­sche stell­te und das küh­le Nass ge­noss. Sie hät­te jetzt gern einen Mann an ih­rer Sei­te ge­habt, der sie un­ter dem Was­ser­strahl in sei­nen star­ken Ar­men wieg­te, sei­ne Schwanz­spit­ze zwi­schen ihre Bei­ne schob und an des­sen Brust sie ih­ren Bu­sen pres­sen konn­te. Aber da war nie­mand.

Nackt lief sie ins Schlaf­zim­mer. Die Bett­de­cke lag noch zer­wühlt vom Mor­gen da. Rebecca leg­te sich seit­lich auf die Ma­trat­ze. Vom Nacht­tisch nahm sie einen Auf­le­ge­vi­bra­tor, der als Män­ne­rer­satz her­hal­ten muss­te, und leg­te ihn an ihre Kli­to­ris an. Mit der an­de­ren Hand rieb sie sanft über ihre lin­ke Brust­wa­r­ze, die sich un­ter der zar­ten Be­rüh­rung auf­rich­te­te. Ce­d­ric und Li­nus wa­ren also in ih­rem Tu­tor­kurs. Ce­d­ric, die Ver­su­chung und Li­nus, das Mys­te­ri­um.

Rebeccas Ge­dan­ken kreis­ten und fan­den kei­nen Halt. Die Er­re­gung muss­te zur Be­frie­di­gung wer­den. Da­her schal­te­te sie den Auf­le­ge­vi­bra­tor an und ließ ihre Fan­ta­sie Ach­ter­bahn fah­ren …

Schul­ball in ih­rer al­ten Schu­le. Schon den gan­zen Abend über be­ob­ach­tet sie die Ober­stu­fen­schü­ler da­bei, wie sie von Tisch zu Tisch ei­len, dar­auf be­dacht, die Gäs­te zu be­wir­ten.

Es herrscht eine aus­ge­las­se­ne Stim­mung im Foy­er der Schu­le, denn es wur­de kur­zer­hand zur Tanz­flä­che um­funk­tio­niert. Lau­te Acht­zi­ger­jah­re-Mu­sik dröhnt aus den Bo­xen.

Um die Tanz­flä­che her­um ste­hen Ti­sche, an de­nen sich die Be­su­cher un­ter­hal­ten. Im­mer wie­der hu­schen die Mäd­chen der Ab­schluss­klas­sen von ei­ner zur an­de­ren Ta­fel und neh­men Ge­trän­ke­be­stel­lun­gen auf. Die Jun­gen ha­ben sich An­zü­ge über­ge­wor­fen. Sie wir­ken da­mit wie Busi­ness­män­ner. Er­wach­sen, at­trak­tiv, ge­ra­de­zu ver­füh­re­risch.

Rebecca steht mit ei­nem Sekt­glas in der Hand am Rand der Tanz­flä­che und schaut da­bei zu, wie die Tanzwü­ti­gen über das Par­kett flie­gen. Ihr Blick schweift durch den Saal und bleibt auf Ce­d­ric und Li­nus hän­gen. Die Jungs lun­gern vor der Tanz­flä­che her­um und be­trach­ten ihre Mit­schü­le­rin­nen, die sich in ih­ren knap­pen Klei­dern und Rö­cken an ih­nen vor­bei­steh­len. Da­bei ver­fan­gen sich die Bli­cke der Jun­gen auf den knacki­gen Hin­tern der Mä­dels.

Per­ma­nent flüs­tert Ce­d­ric sei­nem Freund et­was ins Ohr und lä­chelt da­bei schlüpf­rig. Er streicht sich mit der Hand­flä­che ein paar blon­de Sträh­nen, die in sein Ge­sicht ra­gen, aus der Stirn.

Ohne Vor­war­nung fi­xie­ren sei­ne Au­gen Rebecca und wie­der zeich­net sich ein schur­ki­scher Zug auf sei­nem Ge­sicht ab. Sein Blick tas­tet ih­ren Kör­per ab. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand tu­schelt er Li­nus et­was ins Ohr. Ir­gend­wie schmei­chelt es Rebeccas Ego, ihre Auf­merk­sam­keit auf sich ge­zo­gen zu ha­ben. An­de­rer­seits ist ihr die Mus­te­rung durch ihre Schü­ler un­an­ge­nehm. Wol­len sie sich über sie lus­tig ma­chen?

Rebecca stellt das Glas auf dem Tisch ab und blickt ein letz­tes Mal ver­stoh­len in Rich­tung der Ju­gend­li­chen, be­vor sie sich aus dem Schul­ge­bäu­de hin­aus be­gibt. So­fort schlägt ihr die un­ver­brauch­te Abend­luft ent­ge­gen. Da sie ih­ren Ge­dan­ken nach­hän­gen und al­lein sein möch­te, fla­niert sie über den dunk­len Schul­hof. Wäh­rend hier sonst aus­ge­las­se­ner Kin­der­lärm zu hö­ren ist, legt sich in ei­ner Nacht wie heu­te eine wohl­tu­en­de Ruhe über die Wie­se.

Nach­dem sie die ho­hen Schu­he aus­ge­zo­gen hat, be­netzt das feuch­te Gras ihre Füße.

Je klei­ner der Ein­gang des Schul­ge­bäu­des wird und je we­ni­ger Licht zu ihr vor­dringt, des­to mehr wird sie von der Dun­kel­heit ver­schluckt. Ein­zel­ne Ster­ne fun­keln am Nacht­him­mel. Das schwa­che Licht des Halb­monds fällt punk­tu­ell auf die Bu­chen, die den Schul­hof über­ra­gen.

Wäh­rend sie ge­dan­ken­ver­lo­ren über die Wie­se schlen­dert und das Ge­läch­ter so­wie die Mu­sik aus dem Schul­haus kaum noch ihr Ohr er­rei­chen, be­merkt sie et­was Selt­sa­mes hin­ter sich. Ein Ra­scheln im Gras. Die Schrit­te ver­ra­ten, dass es zwei Men­schen sein müs­sen. Un­heim­lich.

Rebecca ver­schränkt die Arme vor der Brust und schließt den Bla­zer en­ger um ih­ren Kör­per. Ein zö­ger­li­ches Um­dre­hen. Sie er­kennt die schlan­ken Um­ris­se von Ce­d­ric und Li­nus. Mit je­dem Schritt ver­rin­gern sie den Ab­stand.

Als Rebecca ste­hen bleibt, um die Heels an­zu­zie­hen, wird sie von bei­den ein­ge­holt. Da die Lich­ter im Schul­ge­bäu­de nur sche­men­haft aus­zu­ma­chen sind, kann sie nie­mand hier be­ob­ach­ten.

Die Zwölft­kläss­ler blei­ben ste­hen und schau­en zu, wie sie um­ständ­lich in die eng sit­zen­den Schu­he schlüpft. »Kön­nen wir Ih­nen hel­fen, Frau Pe­ters?«, fragt Li­nus für­sorg­lich.

Ohne auf sei­nen Kom­men­tar ein­zu­ge­hen, fragt sie: »Was wollt ihr, Jungs?«

»Ein biss­chen fri­sche Luft schnap­pen«, ant­wor­tet ­Ce­d­ric. »Und was ma­chen Sie hier drau­ßen?«

»Fri­sche Luft schnap­pen.«

Ein Lä­cheln um­rahmt sei­nen Mund.

»Müsst ihr nicht im Schul­haus sein und die Gäs­te be­wir­ten? Also wenn ich eure Tu­to­rin wäre, wür­de ich euch flin­ke Bei­ne ma­chen, dar­auf könnt ihr wet­ten!«

»Und wie wür­den Sie das an­stel­len, Frau Pe­ters?« Ist Ce­d­ric etwa so ein ver­damm­ter Till Eu­len­spie­gel, der al­les wort­wört­lich ver­steht? Auf sei­ne Fra­ge hin zieht sie die Stirn in Fal­ten und ver­engt die Au­gen. Was bil­det sich die­ser über­heb­li­che Kerl ein? Sie ein­fach so zu ne­cken!

Rebecca will sich ge­ra­de um­dre­hen und dem Um­feld die­ser Halb­star­ken ent­kom­men, da er­greift Ce­d­ric ihr Hand­ge­lenk. Sie fährt in­ner­lich zu­sam­men und schluckt am di­cken Kloß vor­bei, der ihre Keh­le spannt. Mit ei­nem star­ren Blick quit­tiert sie sei­ne un­pas­sen­de Aus­sa­ge, doch er setzt noch einen drauf: »Zei­gen Sie uns, wie sie uns Bei­ne ma­chen wür­den!« Die Selbst­herr­lich­keit, die in sei­nen Au­gen auf­blitzt, ist nicht zum Aus­hal­ten. Noch im­mer um­fasst er ihr Hand­ge­lenk, wäh­rend Li­nus da­ne­ben­steht und nicht weiß, ob er sei­nen Freund stop­pen oder ab­war­ten soll.

Ce­d­rics Hän­de­druck drückt sich in Rebeccas Fleisch.

»Was soll das?« Der Griff um ihr Hand­ge­lenk lo­ckert sich. Dann gibt Ce­d­ric sie frei; aber nicht, ohne da­bei doof zu grin­sen.

»Du müss­test über das Knie ge­legt wer­den«, knurrt Rebecca, al­ler­dings mehr zu sich selbst. Un­fass­bar, dass sie sich von ihm pro­vo­zie­ren lässt. Na war­te, Freund­chen!

Wie­der dreht sie sich zum Ge­hen weg, da wird sie er­neut grob am Hand­ge­lenk an­ge­fasst. Ob er ih­ren fins­te­ren Blick be­merkt, den sie ihm wie einen Gift­pfeil ent­ge­gen­schleu­dert?

»Wol­len Sie mich wirk­lich übers Knie le­gen? Ich wüss­te zu gern, wie sich das an­fühlt«, gibt er zu­rück, feixt teuf­lisch und lässt Rebecca los.

Wie­der geht sie we­ni­ge Me­ter, doch die bei­den ho­len sie schnel­ler ein, als ihr lieb ist. Of­fen­bar ge­fällt sich Ce­d­ric dar­in, sie bis aufs Blut zu rei­zen.

Lang­sam fin­det sie al­ler­dings Ge­fal­len dar­an, das be­gon­ne­ne Spiel­chen fort­zu­set­zen. Wer weiß, wie weit ihn sein ju­gend­li­cher Leicht­sinn treibt.

Über dem Ge­spräch be­merkt Rebecca nicht, wie weit sie sich vom Schul­haus ent­fernt ha­ben. Stän­dig woll­te sie ih­ren Schü­lern aus­wei­chen, ist aber nur tie­fer in die düs­te­ren Ecken des Ge­bäu­des ge­ra­ten. An ei­ner Wand, die rechts und links durch Sträu­cher ver­deckt wird, hal­ten sie an.

»Zei­gen Sie uns jetzt, wie Sie mich über das Knie le­gen?«, greift Ce­d­ric den ro­ten Fa­den wie­der auf.

»Ts«, ent­fährt es ihr pi­kiert. »Ver­ra­tet ihr mir im Ge­gen­zug, war­um ihr mir ge­folgt seid?«

Wie zwei mys­te­ri­öse Ge­stal­ten po­si­tio­nie­ren sich die Schü­ler ihr ge­gen­über und sie kann gar nicht so schnell re­a­gie­ren, wie sie von Ce­d­ric ge­gen das Ge­mäu­er ge­drückt wird, wo sie hart auf­trifft. So­fort ar­bei­tet sich die Käl­te an ih­rem Rü­ck­grat hoch. Sein Ge­sicht schwebt schat­ten­haft nah vor ih­rem und sie fängt wie­der die­ses selbst­ge­fäl­li­ge Lä­cheln ein. Li­nus steht wie ein bö­ser Dä­mon hin­ter ihm und wirkt auf­grund der Fins­ter­nis voll­kom­men in Schwa­rz gehüllt.

Ce­d­ric nä­hert sich ver­lo­ckend Rebeccas Ge­sicht. Wie eine Fe­der kit­zeln sei­ne Lip­pen über ih­ren Mund, wäh­rend sei­ne Au­gen sie fo­kus­sie­ren und sie ge­bannt dar­auf war­tet, wo­mit er wei­ter­macht.

Mit der Hand­flä­che fährt er an ih­rer Wan­ge ent­lang, dann Rich­tung Schlä­fe und Ohr. Er er­weckt den Ein­druck, mit sei­nen Au­gen durch sie hin­durch­se­hen zu wol­len. Die Düs­ter­nis, die ihn um­gibt, ver­leiht ihm et­was Mys­ti­sches, das sie nicht er­grün­den kann.

»Wol­len Sie nicht viel­mehr«, flüs­tert er nah an Rebeccas Ge­sicht in ihr Ohr, »lieb sein, an­statt mich be­stra­fen zu wol­len?«

Kommt gar nicht in­fra­ge! Sie ver­sucht sich aus sei­nem drän­gen­den Zu­griff zu be­frei­en, wird je­doch an der Schul­ter er­neut ge­gen die Wand ge­presst. Mit ge­wei­te­ten Au­gen und schwer at­mend, spürt sie, wie sich die Käl­te ih­res Rü­ckens be­mäch­tigt.

Was ist mit die­sem Bur­schen los? Hat er sie eben noch ge­gen die Mau­er ge­sto­ßen, strei­chelt er nun zärt­lich über ih­ren Arm. Wie­so hält er nicht inne, mit den Fin­gern von ih­rem Hals aus zu­erst ihr Kinn und da­nach die Lip­pen nach­zu­zeich­nen?

Rebecca ver­steht nicht, wor­auf das Gan­ze hin­aus­lau­fen soll. Noch ge­heim­nis­vol­ler er­scheint Li­nus, der sie le­dig­lich an­blickt und erst, als Ce­d­ric sie an der Wan­ge be­rührt, sei­ne Fin­ger über ih­ren Arm wan­dern lässt. Sie ver­gisst un­ter den sanf­ten Be­rüh­run­gen schlicht­weg, wie Ce­d­ric sie vor­hin zur Weiß­glut ge­bracht hat, weil ihre Sin­ne auf ein­mal hell­wach sind.

Über­all sind Hän­de, die auf Er­kun­dungs­tour ge­hen. Ei­ner von bei­den schiebt ihr den Bla­zer über die Schul­tern und lässt ihn un­be­dacht zu Bo­den sin­ken.

Weil der Mo­ment ge­ra­de so bi­zarr ist, fühlt sie sich be­täubt und ver­harrt reg­los am Fleck. Ihre Hän­de pres­sen sich ge­gen die Hüf­te und sie wagt nicht, Ce­d­ric ir­gend­wo zu tan­gie­ren. Sein un­durch­dring­li­ches Ge­sicht schwebt so dicht vor ih­rem, dass Rebecca ein her­bes Pa­r­fum in die Nase steigt und sei­ne Lip­pen jede Se­kun­de auf die von ihr tref­fen wer­den.

Die eben noch ver­spiel­te Si­tua­ti­on schlägt ab­rupt in eine knis­tern­de um.

Wie ein Schmet­ter­ling flat­tert sein Mund über Rebeccas leicht ge­öff­ne­te Lip­pen – kaum, dass er über­haupt dar­auf trifft. Es wirkt, als wür­de sich die­ser Fal­ter kurz aus­ru­hen, be­vor er sich wie­der in die Lüf­te schwingt. Ein leich­ter Hauch, fast nichts.

Sie schließt die Au­gen und lässt zu, dass er er­neut ihre Lip­pen streift; nur dies­mal kommt sie ihm mit ih­rem ei­ge­nen Mund ent­ge­gen. Sie öff­net sich ihm. Die Zun­ge ih­res Schü­lers fin­det ziel­si­cher die ih­ri­ge. Es ist kein stür­mi­scher Kuss, wie man es von ei­nem tem­pe­ra­ment­vol­len Ju­gend­li­chen sei­nes Al­ters er­war­ten wür­de. Das kes­se Spiel von eben ist be­en­det. Er agiert zag­haft, ist da­bei aber – ver­mut­lich ohne es zu wol­len – un­ge­wohnt zärt­lich.

Der Schmet­ter­ling, der eben noch das Wei­te su­chen woll­te, hat einen fes­ten Platz zum Nie­der­las­sen ge­fun­den. Rebecca ge­ni­eßt, dass sie von sei­nem zar­ten Atem in die Nacht ge­tra­gen wird und dass sein Duft die Um­ge­bung er­füllt. So lang­sam er­fasst sie, dass Ce­d­ric sie nur des­halb ver­wirrt und auf­ge­wühlt hat, weil er wis­sen woll­te, wie auf­ge­schlos­sen sie ist.

Rebecca lässt zu, dass er nicht nur feuch­te Küs­se mit ihr aus­tauscht, son­dern auch ihre Arme be­rührt. Oder ist es Li­nus? Sie öff­net die Au­gen und sieht, dass er ne­ben ihr steht und ge­fühl­voll mit den Fin­gern die Ober­ar­me streift.

Sie macht es an, dass sich bei­de gleich­zei­tig um sie küm­mern und dass sie ihre Schü­ler sind, de­nen ein der­art in­ti­mer Mo­ment mit ihr nie ver­gönnt sein soll­te.

Rebeccas Hän­de lö­sen sich aus der ver­krampf­ten Hal­tung. Wa­ren sie vor­her streng an die Hüf­te an­ge­legt, hebt sie sie jetzt vor­sich­tig zu Ce­d­rics Brust em­por. Der wei­che Stoff sei­nes Hem­des fühlt sich ma­gisch an, wäh­rend sei­ne Mus­ku­la­tur ver­mu­ten lässt, wie viel Sport er treibt. Hart spannt sich sein Bauch an, als sie sei­ne Tail­le um­fasst. Nach wie vor ver­liert sich Rebecca in ei­nem schier hyp­no­ti­sie­ren­den Kuss, der nach Mehr schmeckt. Nach so viel er­re­gen­dem Mehr.

Wo sich ge­nau wes­sen Hän­de be­fin­den, dringt nicht mehr bis in ihr Be­wusst­sein vor. Sie nimmt le­dig­lich wahr, dass ei­ner der bei­den von ih­rem Arm aus­ge­hend nach oben Rich­tung Nacken wan­dert und von dort aus die Kon­tu­ren ih­rer Brüs­te um­fährt. Das ver­lo­cken­de Spiel der Fin­ger, ver­mischt mit dem Kuss, be­ne­belt gänz­lich ih­ren Geist.

Ir­gend­ei­ner der zwei Jungs – ver­mut­lich ist es Li­nus – be­rührt den Stoff ih­res Klei­des, so­dass sich Rebeccas Brust­wa­r­zen dar­un­ter krib­belnd zu­sam­men­zie­hen.

Die Jungs ver­ste­hen sich dar­in, den Mo­ment Mo­ment sein zu las­sen und ihre Lust durch ihre Be­rüh­run­gen an­wach­sen zu las­sen.

Wes­sen Fin­ger­kup­pen ge­ra­de ihr Ge­sicht er­for­schen, wes­sen Hän­de sich in ih­ren Haa­ren ver­ha­ken und von dort aus in­ter­es­siert zu­rück über ih­ren Kör­per wan­dern, den sie mitt­ler­wei­le au­ßer Ge­fecht ge­setzt ha­ben, ist ir­re­le­vant. Wie eine Pup­pe klebt sie an den Lip­pen ih­res Schü­lers, lässt die Hän­de von sei­nem Bauch hin­ab sin­ken und fühlt eine Er­he­bung an sei­nem Ho­sen­bund. So tief darf sie sei­nem Ge­heim­nis nicht auf den Grund ge­hen, aber Rebeccas Hand macht, was sie will. Sie fin­gert am Reiß­ver­schluss sei­ner Stoff­ho­se her­um, wo sie nichts zu su­chen hat. Aus! Pfui! Doch sie pfeift auf die An­sa­gen des Kop­fes. Der in­ten­si­ve Kuss und die vie­len Zun­gen­schlä­ge leh­ren ih­ren Ver­stand end­gül­tig das Schwei­gen.

Sie stöhnt in Ce­d­rics Mund, als sich eine Hand un­ter ihr Kleid ver­irrt und zwei Fin­ger zwi­schen den Schen­keln zum Slip em­porglei­ten. Wie küh­ne Ent­de­cker be­ge­ben sich die Hän­de auf Wan­der­schaft und su­chen nach den ver­bo­te­nen Or­ten der Lei­den­schaft. Auch die ha­ben da nichts zu su­chen. Schweig, Ge­hirn! Ge­ni­eß, was sie dir schen­ken.

Ein kaum zu un­ter­drü­cken­des Pri­ckeln über­zieht Rebeccas Kör­per, der von al­len Sei­ten sinn­lich lieb­kost wird und nach wei­te­ren Strei­chel­ein­hei­ten lechzt.

Sie weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, weil von al­len Sei­ten Be­rüh­run­gen auf sie ein­reg­nen und sie selbst da­mit be­schäf­tigt ist, ihre Hän­de un­ter Kon­trol­le zu brin­gen. Wie im Rausch gibt sie sich ihm hin und lässt al­les mit sich an­stel­len. Sie will ver­führt wer­den und wie Eva von der ver­bo­te­nen Frucht des Bau­mes im Pa­ra­dies kos­ten. Der süße, knacki­ge Ap­fel, der als Po ihre Hand­flä­che aus­füllt.

Trotz wei­cher Knie und zitt­ri­ger Fin­ger ge­lingt es ihr, Ce­d­rics Hose zu öff­nen. Sie reibt mit der Hand­flä­che über die Er­re­gung in sei­ner Shorts. Gleich­zei­tig rutscht sie, wäh­rend er mit sei­ner Zun­ge ihre mas­siert, un­will­kür­lich nä­her an ihn her­an. Im­mer auf­dring­li­cher drückt sich sei­ne Erek­ti­on ge­gen ih­ren Schoß.

Li­nus steht nicht mehr seit­lich ne­ben ihr, son­dern hat Rebecca leicht von der Wand nach vorn ge­scho­ben und sich hin­ter sie plat­ziert, so­dass sie sei­ne Geil­heit auf ih­rem Po wahr­nimmt.

Das Wis­sen, ihre Schwän­ze zwei­fach am Be­cken zu spü­ren, lässt die Syn­ap­sen in ih­rem Hirn auf Hoch­tou­ren lau­fen und heizt ihre Er­re­gung an. Be­reit zu so viel mehr, keucht Rebecca lust­voll auf, um ih­nen zu si­gna­li­sie­ren, dass sie auf kei­nen Fall in­ne­hal­ten sol­len in ih­ren Be­we­gun­gen und Be­rüh­run­gen.

Doch Ce­d­rics Mund löst sich un­er­war­tet von ih­rem. »Öff­ne ihr Kleid«, be­fiehlt er Li­nus mit so­no­rer Stim­me, die Do­mi­nanz ausstrahlt. Des­sen Fin­ger rü­cken ihre Haa­re ein Stück bei­sei­te, kit­zeln hauch­zart über ih­ren Nacken und ma­chen sich dar­an, den Reiß­ver­schluss zu öff­nen. Ein fes­ter Griff von ihm, schon fällt das Kleid über die Schul­tern hin­ab auf den Bo­den. Nur noch in Un­ter­wä­sche be­klei­det, steht sie vor ih­ren Schü­lern.

Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter neh­men sie die nack­te Haut für sich in An­spruch. Die Hän­de, die ih­ren Kör­per er­for­schen, fe­gen ihre Selbst­be­herr­schung hin­weg. Das Ter­rain ist be­reits er­obert, denn sie ka­pi­tu­liert in dem Mo­ment, als Li­nus hin­ter ihr ste­hend den Ver­schluss des Büs­ten­hal­ters zu öff­nen be­kommt und den Bu­sen fest mit sei­nen Hän­den um­spannt.

Ce­d­rics Au­gen fes­seln sie, doch nicht lan­ge, schon lässt er sei­ne Zun­ge er­neut ver­füh­re­risch zwi­schen ih­ren Lip­pen krei­sen. Li­nus mas­siert die Brüs­te, zwir­belt die Brust­wa­r­zen, die sich un­ter sei­nen Fin­gern er­he­ben. Sie ha­ben Rebecca in ih­rer Ge­walt, hit­zig und zu­gleich zärt­lich.

Ce­d­ric presst ihr sei­ne sam­ti­gen Lip­pen auf den Mund und er­greift ihre Hän­de, die er an sei­nen Schritt her­an­führt. Sie hat­te sich so un­ter ih­ren Ein­flüs­sen fal­len las­sen, dass ihr die Hän­de wie ge­lähmt nach un­ten ge­rutscht sind. Jetzt strei­chen sie ehr­fürch­tig über Ce­d­rics Här­te, die sich ih­ren Weg aus sei­ner Bo­xers­horts zu su­chen scheint. »Fas­sen Sie ihn an«, stöhnt er auf.

Rebecca um­fasst zu­erst sei­nen knacki­gen Arsch, der sich un­ter den Avan­cen an­spannt, be­vor sie sei­ne Hän­de nach vorn zu sei­ner Man­nes­kraft be­wegt. Wie­der um­hüllt sie mit der Hand­flä­che sei­ne Erek­ti­on, lässt ih­ren Dau­men über sei­ne stram­me Ei­chel krei­sen, die sich ihr wil­lig ent­ge­gen reckt.

Schon längst ha­ben sich die Hän­de un­kon­trol­liert auf die Su­che be­ge­ben und eine Hand von ihr win­det sich in Ce­d­rics Shorts hin­ein. Rebecca zieht ihm da­bei leicht die Un­ter­ho­se nach un­ten, be­vor sie mit ei­ner Mas­sa­ge an sei­nem Schaft ent­lang be­ginnt. Nun ist er es, der ihr in den Mund keucht und ihr im­mer gie­ri­ger sei­ne Lip­pen ent­ge­gen presst.

Rebecca kommt gar nicht so schnell hin­ter­her, zu re­gis­trie­ren, dass Li­nus ihr Hös­chen nach un­ten streift und sei­ne Fin­ger ihre Schamlip­pen fin­den. Er ver­reibt die Feuch­tig­keit und um­kreist – un­be­wusst oder be­ab­sich­tigt – den Lust­punkt, so­dass sie die Schen­kel an­spannt, um die Emp­fin­dun­gen noch stär­ker zum Auf­lo­dern zu brin­gen. Wenn er wüss­te, wie gött­lich es sich an­fühlt, sich un­ter sei­nen Emp­fin­dun­gen zu ver­ges­sen.

Ce­d­ric hat sich sei­ner Shorts ent­le­digt, so­dass sei­ne Schwanz­spit­ze ih­ren Ve­nus­hü­gel und Li­nus’ Fin­ger trifft. In Rebeccas Kli­to­ris pocht es ver­lan­gend. Al­lei­ne das Zu­sam­men­spiel zwi­schen Ce­d­rics Ei­chel, Li­nus’ Fin­ger­spiel und ih­rem hoch­ex­plo­si­ven Kopf hät­te sie zum Or­gas­mus ge­bracht. Sie wis­sen, wie weit sie ge­hen kön­nen, um ihr Be­geh­ren auf die Spit­ze zu trei­ben.

Wei­ter her­zen sie ihre Knos­pe. Rebecca ist dem Hö­he­punkt so ver­flucht nah, dass sie nur noch die heiß er­sehn­te Klip­pe über­sprin­gen will, die sie vom Zu­sam­men­kramp­fen ih­res In­ne­ren trennt.

»Bit­te macht wei­ter«, ani­miert sie ihre Schü­ler auf­stöh­nend und schließt die Au­gen. An­ge­fixt durch eine ge­wal­ti­ge Kon­trak­ti­on in ih­rem Be­cken, ringt Rebecca nach Luft und fühlt, wie sich die Schei­den­wän­de eng um Li­nus’ Fin­ger, die er in sie ein­ge­führt hat, zu­sam­men­zie­hen.

Ce­d­ric grinst, als er sie voll­kom­men weg­ge­tre­ten den Gip­fel der Lust er­rei­chen sieht. Li­nus weicht zur Sei­te, so­dass Ce­d­ric Rebecca ge­gen die Wand quet­schen und sie hart un­ter sich neh­men kann. An­ge­sichts des über­wäl­ti­gen­den Or­gas­mus schwebt sie in sei­nen Ar­men und lässt ihn ge­wäh­ren. Rebeccas Bei­ne um­klam­mern sei­nen Un­ter­leib, da­mit sie je­den sei­ner tie­fen Stö­ße ge­ni­e­ßen kann. Da­bei kral­len sich ihre Hän­de an sei­nen Schul­tern fest.

Mit je­dem wei­te­ren Stoß stei­gert sich die Lei­den­schaft. Sie spürt, wie kräf­tig er in ihr pumpt. Die Luft ist an­ge­füllt von Te­s­tos­te­ron. Das Pa­r­füm wird über­deckt von ei­nem ani­ma­li­schen Schweiß­ge­ruch, der ihre Nase über­reizt.

Rebeccas Blick schweift nach rechts und wird auf Li­nus ge­lenkt. Er ist ein Stück zur Sei­te ge­tre­ten, öff­net den Reiß­ver­schluss sei­ner Stoff­ho­se und holt sei­ne Här­te her­aus. Da­bei zwingt er ihre Au­gen dazu, ihm zu­zu­schau­en. Kei­ne Se­kun­de lässt er sie aus dem Blick. Er nimmt sei­nen Schwanz in die Hand und mas­siert mit zwei Fin­gern über sei­ne Ei­chel. Rebecca er­regt der An­blick die­ses ma­stur­bie­ren­den Ju­gend­li­chen.

Ihre ei­ge­ne Be­gier­de ist noch nicht voll­stän­dig ab­ge­klun­gen, als sie spürt, wie Ce­d­rics Phal­lus in ihr zu zer­bers­ten droht und er sich schwer at­mend zum Hö­he­punkt bringt.

Rebecca um­fasst mit der Hand sei­nen Hin­ter­kopf und fühlt er­neut eine hef­ti­ge Kon­trak­ti­on auf sich zu­rol­len, je mehr sie Li­nus’ Auf und Ab an sei­ner Här­te zum Zu­schau­en nö­tigt. So wie sei­ne Lei­den­schaft auf dem höchs­ten Punkt der Lust an­ge­kom­men ist und er sein Sper­ma auf dem Bo­den ne­ben dem Schul­haus ver­teilt, wird sie von ei­ner zwei­ten, ge­wal­ti­gen Woge über­rollt, die sie ihre Lust in die Nacht keu­chen lässt.

»Ah!« Schwer at­mend lag Rebecca auf der Sei­te ih­res Bet­tes und ließ sich vom Or­gas­mus über­schwem­men. Das Po­chen ih­rer Kli­to­ris, das Zu­sam­men­zie­hen der Schei­den­wän­de, das be­kann­te Rau­schen in den Oh­ren. Al­les war in ei­ner ein­zi­gen Mi­nu­te über­wäl­ti­gend.

Nie wür­de sie ih­ren Schü­lern pro­fes­si­o­nell be­geg­nen kön­nen, wenn sie schon jetzt von ih­nen fan­ta­sier­te, als wä­ren sie Män­ner, die es zu er­obern galt.

Was soll­te sie mit dem an­ge­bro­che­nen Tag an­fan­gen? Nach­dem sie ein­fach nur da­ge­le­gen hat­te, ohne Ge­dan­ken an Zeit und Raum, stand Rebecca auf und lief nackt zum Fens­ter. Der Re­gen hat­te nach­ge­las­sen. Sie sah vom obe­ren Stock­werk aus, wie die Au­tos durch die Pfüt­zen fuh­ren.

Rebecca be­schloss, ih­rer Freun­din Ly­dia zu schrei­ben. Das hat­te sie lan­ge schon nicht mehr ge­tan.

Bis auf we­ni­ge Be­kannt­schaf­ten hat­te sie nach ih­rem Um­zug die Kon­tak­te ab­ge­bro­chen. Ly­dia war ihr als ein­zi­ge Be­zugs­per­son aus Pauls Freun­des­kreis ge­blie­ben. Sie und ihr Mann Tom hat­ten sich nach ei­ner schwie­ri­gen Zeit der Kri­se – Tom war fremd­ge­gan­gen und kurz­zei­tig aus dem ge­mein­sa­men Haus aus­ge­zo­gen – wie­der zu­sam­men­ge­rauft. Es klapp­te wohl mehr schlecht als recht, aber in­zwi­schen er­war­te­te Ly­dia ihr zwei­tes Kind. Of­fen­bar soll­te es die Ehe kit­ten. Ly­di­as wah­re Mo­ti­ve, bei ih­rem Mann zu blei­ben, hat­ten sich Rebecca nie er­schlos­sen. Zu fei­ge dazu, ihre Freun­din aus­zu­quet­schen, beließ sie es bei der Tat­sa­che, dass Ly­dia of­fen­bar kei­ne Rat­schlä­ge von ihr be­nö­tig­te und nicht über die Ver­gan­gen­heit re­den woll­te.

Ly­dia hat­te ihr ein­mal ge­sagt, sie wür­de dem Kind zu­lie­be bei ihm blei­ben, egal, wie ab­trün­nig er wäre. Sie brauch­te sich nicht zu fra­gen, ob dies eine ge­eig­ne­te Grund­la­ge für eine Part­ner­schaft dar­stell­te. Sie selbst hat­te ih­rem lang­jäh­ri­gen Freund die hei­le Welt vor­ge­spielt und ihn hin­ter sei­nem Rü­cken be­tro­gen.

Lie­be Ly­dia,

wie geht es dir? Ich hof­fe, dass dich die Schwan­ger­schaft nicht all­zu sehr mit­nimmt und du dich trotz di­ckem Bauch im Haus be­tä­ti­gen kannst. Im wie­viel­ten Mo­nat bist du jetzt? Im sechs­ten oder schon im sieb­ten? Ich drü­cke dir alle Dau­men, die ich habe, dass du den Rest der Schwan­ger­schaft un­be­scha­det über­stehst und du einen ge­sun­den Jun­gen zur Welt bringst. Ich weiß, wie sehr ihr euch auf den Nach­wuchs freut. Das hast du ja im­mer wie­der die letz­ten Male ge­schrie­ben. Und ich gön­ne euch das Glück von gan­zem Her­zen. :-)

Mor­gen geht bei mir die Schu­le wie­der los. Du kannst dir gar nicht vor­stel­len, wie furcht­bar auf­ge­regt ich bin!! Es ist ja schließ­lich das ers­te Mal seit drei Jah­ren, dass ich wie­der vor eine Klas­se oder einen Kurs tre­te. Am ers­ten Schul­tag steht für mich zwar noch kein Un­ter­richt an, aber ich ler­ne trotz­dem die Schü­ler bei der Be­grü­ßung in der Aula ken­nen. Also nicht alle, das wäre ge­lo­gen. Die Schu­le ist recht groß, so­dass die klei­nen Klas­sen um 8:30 Uhr be­grüßt wer­den, die »Gro­ßen« um 9 Uhr. Da ich aus­schließ­lich in Klas­se 9, 10, 11 und 12 Un­ter­richt gebe, wer­de ich nur in der zwei­ten Ver­an­stal­tung »ein­ge­führt«. Du weißt, was ich mei­ne. ;-)

Ir­gend­wie habe ich Angst da­vor, nach so lan­ger Zeit wie­der zu un­ter­rich­ten. Es ist ja nun schon ei­ni­ge Jah­re her, dass ich vor Kin­dern und Ju­gend­li­chen ge­stan­den habe. Gut, ich habe Gott sei Dank grö­ße­re Klas­sen zu be­treu­en, so­dass ich mir kei­ne Sor­gen dar­über ma­chen muss, ob der Un­ter­richt ru­hig ab­lau­fen wird. Aber trotz­dem muss ich mich erst ein­mal auf ganz vie­le neue Ge­sich­ter ein­stel­len. Sei­en es die Kol­le­gen, die Schü­ler oder auch das Per­so­nal an der Schu­le. Al­les ist neu. Wird si­cher­lich eine an­stren­gen­de Wo­che für mich! Von da­her mel­de ich mich heu­te, falls wir uns nicht gleich wie­der hö­ren …

Wie geht es Tom und eu­rer Toch­ter? Habt ihr mal was von Paul ge­hört?

Mir selbst geht es den Um­stän­den ent­spre­chend gut. Ich gehe ganz viel lau­fen. Jog­gen ist zu ei­nem mei­ner wich­tigs­ten Hob­bys ge­wor­den. Ne­ben dem Le­sen na­tür­lich. Ein gu­tes Buch habe ich im­mer ir­gend­wo rum­lie­gen. Bin auch viel in der Bi­blio­thek, um mir was aus­zu­lei­hen.

Ich hat­te dir ja schon ge­schrie­ben, dass ich an ei­nem Sport­gym­na­si­um an­fan­ge. Da­her wer­den die Schü­ler si­cher noch mal mehr dar­auf schau­en, wie ich selbst aus­se­he. Ob­wohl ich zu­ge­ben muss, dass die meis­ten Kol­le­gen nicht un­be­dingt den Ein­druck er­we­cken, recht fit zu sein. ;-) Aber zu­min­dest möch­te ich von An­fang an im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes eine gute Fi­gur ab­ge­ben.

Apro­pos Kol­le­gen: Ich habe einen sehr net­ten Mann an mei­nem ers­ten Tag an der Schu­le ken­nen­ge­lernt. Er heißt Ro­bert. Wir wa­ren ge­mein­sam beim Chi­ne­sen es­sen. Er wird mein Kol­le­ge in der zwölf­ten Klas­se – ist näm­lich auch Tu­tor, ge­nau wie ich. Ro­bert hat mir ei­ni­ges über mei­ne Schü­ler er­zählt, die ich in mei­nem Kurs habe. Da sind zehn Mäd­chen und zwei Jungs. Ich bin schon ge­spannt, wie sie auf mich re­a­gie­ren. Vor al­lem will ich sie erst ein­mal ge­nau­er un­ter die Lupe neh­men und Ein­zel­ge­sprä­che mit ih­nen füh­ren. Ro­bert hat mir den Tipp ge­ge­ben, dass ich so am schnells­ten mehr über sie er­fah­re.

Mei­ne Ach­ter, die ich an der al­ten Schu­le hat­te, wa­ren ja eher schwie­rig. Ich hof­fe, dass die Schü­ler, die ich jetzt im Kurs habe, an­ge­neh­mer zu hand­ha­ben sind. :-) Sie sind ja ei­ni­ge Jah­re äl­ter als die Kin­der, die ich da­mals als Klas­sen­leh­re­rin vor mir hat­te. Von da­her bin ich sehr zu­ver­sicht­lich. Ro­bert hat aber schon an­ge­kün­digt, dass die bei­den Jungs et­was kom­pli­zier­ter sein sol­len. Oder an­ders: Er mein­te, dass ich ein Auge auf sie ha­ben soll­te. So oder so las­se ich mich über­ra­schen.

Nun gut, da­mit bist du erst ein­mal auf dem ­neu­es­ten Stand. Ich wür­de mich freu­en, wenn du was von dir hö­ren lässt.

Lie­be Grü­ße

Rebecca

Dass sie ihre Freun­din nicht mehr zu Ge­sicht be­kam, schmerz­te Rebecca. Der Um­zug vor drei Jah­ren soll­te einen Schluss­strich un­ter die Ver­gan­gen­heit set­zen und da­her war es ihr wich­tig, mög­lichst weit weg von Paul zu zie­hen. Seit ih­rem Um­zug hat­te Rebecca Ly­dia nicht mehr ge­se­hen.

Ob sie je­mals Fuß in der neu­en Hei­mat fas­sen wür­de? Die Stadt war zu groß, zu an­onym, zu fremd, als dass es Rebecca bis­her ge­lun­gen war, Be­kannt­schaf­ten zu schlie­ßen. Nach­barn wa­ren für sie da, wenn sie Hil­fe brauch­te. Aber gleich­alt­ri­ge Freun­de zu fin­den, blieb ihr ver­sagt. Dazu fehl­te ihr die Kon­takt­freu­de. Ein­fach raus ge­hen und neue Per­so­nen an­spre­chen? Dazu fehl­te ihr der Mut.

Ihre Ge­le­gen­heits­jobs, mit de­nen sie sich die letz­ten drei Jah­re über Was­ser ge­hal­ten hat­te, stell­ten sich eben­falls nicht als Kon­takt­bör­sen her­aus. In den ers­ten Mo­na­ten nach ih­rem Um­zug jobb­te Rebecca als Kell­ne­rin. Die weib­li­chen Be­die­nun­gen läs­ter­ten über Rebecca, weil sie aus ei­nem gut be­zahl­ten Be­ruf kam. Nun stand sie auf glei­cher Stu­fe mit ih­nen und muss­te aufs Geld schau­en. Im­mer glaub­te Rebecca trat­schen­de Wor­te zu ver­neh­men, über­all fühl­te sie sich un­be­hag­lich und be­ob­ach­tet. Da­her war eine Kün­di­gung dort un­ver­meid­lich, nach­dem sie eine Ho­no­ra­ran­stel­lung bei ei­ner Zei­tung er­hal­ten hat­te. Als Deut­sch­leh­re­rin fiel ihr das Schrei­ben nicht son­der­lich schwer, so­dass sie sich frag­te, ob sie nicht als Jour­na­lis­tin ihr Aus­kom­men si­chern konn­te. Die Zei­tung war aber un­ter kei­nen Um­stän­den be­reit ge­we­sen, sie als Re­dak­teu­rin an­zu­stel­len. Es han­del­te sich um einen klei­nen Be­trieb. Eine Chef­re­dak­teu­rin, ein Lo­kal­jour­na­list, zwei Ho­no­rar­kräf­te, ein Fo­to­graf. Ent­spre­chend dürf­tig fiel ihre Be­zah­lung aus. Nicht viel mehr als das, was sie in der Knei­pe ver­dient hat­te. Es reich­te ge­ra­de so, um die Mie­te zu be­glei­chen.

Ne­ben der schlech­ten Ent­loh­nung hat­te Rebecca Mühe, über­haupt einen Fuß in die Tür zu be­kom­men. Lo­ka­le The­men aus­zu­gra­ben, glich selbst nach gut zwei Jah­ren An­stel­lung ei­ner Su­che nach der Na­del im Heu­hau­fen. Ihr haf­te­te im­mer­fort der Ma­kel der Zu­ge­zo­ge­nen an, so­dass sie nie wirk­lich bei der klei­nen Lo­kal­re­dak­ti­on hei­misch wur­de. Das zeig­ten ihr die Kol­le­gen nicht, aber ihre Ar­ti­kel wur­den gründ­li­cher vor Ab­druck über­prüft und oft hat­te die pe­dan­ti­sche Chef­re­dak­teu­rin et­was dar­an aus­zu­set­zen, än­der­te zum Bei­spiel noch kurz vor Druck Rebeccas Sät­ze ab, ohne mit ihr über die An­pas­sung zu spre­chen.

Als im Früh­jahr die­sen Jah­res das Sport­gym­na­si­um eine An­zei­ge ein­reich­te, über­leg­te Rebecca nicht lan­ge und be­wa­rb sich auf die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le der Stütz­leh­re­rin, noch be­vor die An­non­ce in den Druck ging. Schwan­ger­schafts­ver­tre­tung zu über­neh­men, er­weck­te den An­schein, kein son­der­lich an­stren­gen­des Un­ter­fan­gen zu sein. Chan­ce auf Über­nah­me be­stand nicht.

Bei ih­rem Be­wer­bungs­ge­spräch hat­te ihr neu­er Chef zu ver­ste­hen ge­ge­ben, dass kei­ne neu­en Leh­rer an der Schu­le ge­braucht wür­den. »In Ma­the, Phy­sik und In­for­ma­tik su­chen wir Kol­le­gen«, hat­te er be­tont. Der be­deu­tungs­schwan­ge­re Satz wirk­te noch lan­ge in Rebecca nach. Sie war als Deutsch- und Kunst­leh­re­rin un­wich­tig. Nie­mand brauch­te Leh­rer, die Kin­der zu Kre­a­ti­vi­tät an­lei­te­ten. Wich­tig wa­ren Leh­rer, die die Schü­ler in die hoch­do­tier­ten, best­be­zahl­ten Jobs der Wirt­schaft hin­ein­prü­gel­ten. Wer brauch­te schon das Wis­sen über Ge­mäl­de des Ba­rock? Wem soll­te es nut­zen, den »Erl­kö­nig« re­zi­tie­ren oder Aus­zü­ge aus Schil­lers »Räu­ber« in­ter­pre­tie­ren zu kön­nen?

Eins hoff­te Rebecca in­stän­dig: Dass sie, ob­wohl sie nur die Ver­tre­tung war, trotz­dem die Lei­den­schaft für Li­te­ra­tur an die Schü­ler über­tra­gen konn­te. Denn was, wenn nicht Li­te­ra­tur und Kunst, cha­rak­te­ri­sier­ten den Men­schen in sei­ner Mensch­lich­keit. Ge­schlos­se­ne The­a­ter? Das konn­te nur das Ende der Kul­tur be­deu­ten. Und eine Welt ohne Bü­cher? Das wäre eine Welt ohne Par­al­le­l­uni­ver­sum.

Kapitel 4

Der Mon­tag­mor­gen be­gann, wie der Sonn­tag­nach­mit­tag ge­en­det hat­te: spät­som­mer­lich warm. Das Ge­wit­ter und der Re­gen taug­ten kaum dazu, die heiß ge­wor­de­nen As­phalt­stra­ßen auf eine er­träg­li­che Wär­me zu sen­ken. Die Hit­ze stau­te sich zwi­schen den Häu­ser­fron­ten und den ab­ge­stell­ten Au­tos. Sie drück­te sich selbst in die engs­ten Gas­sen hin­ein. Sie saß auf und zwi­schen den Bän­ken des Stadt­parks. Sie be­fiel die ei­ge­nen vier Wän­de wie ein bö­ses Vi­rus. Die Hit­ze kroch an den Schlaf­zim­mer­wän­den bis zur De­cke hin­auf. Dort hock­te sie und war­te­te.

Rebecca stand nackt vor dem Spie­gel ih­res Klei­der­schranks. Sie war sich un­sch­lüs­sig dar­über, was sie an ih­rem ers­ten Ar­beits­tag in der neu­en Schu­le an­zie­hen soll­te. Schon jetzt roch die Luft nach Fun­ken und Flir­ren, als dro­he ein na­hes Ge­wit­ter, das die Schwü­le hin­weg­fe­gen wür­de.

Rebecca zog un­ge­dul­dig ein Kleid nach dem an­de­ren aus dem Schrank, warf es auf das Bett oder press­te es ge­gen ih­ren schweiß­durch­näss­ten Kör­per. Dann sah sie ihre som­mer­lich bun­ten Blu­sen schim­mern, die mit ei­ner Shorts oder ei­nem Rock be­stimmt ganz adrett an­mu­te­ten. Das kur­ze Schwa­r­ze, das sie kürz­lich in der Dis­co an­hat­te, als sie Ce­d­ric und Li­nus erst­mals traf, düns­te­te noch im Wä­sche­korb vor sich hin.

Nach ei­ni­gem Hin und Her fiel ihre Wahl auf einen eng ge­schnit­te­nen, kur­z­en Rock und eine rote Blu­se. Da­mit wür­de sie zu­gleich pro­fes­si­o­nell wir­ken und sexy aus­se­hen. Eine Kom­bi, mit der sie schon an ih­rer al­ten Schu­le be­vor­zugt pro­vo­ziert hat­te. Durch den Spit­zen­string schmieg­te sich der wei­che Stoff des Rocks haut­nah an ih­ren Po an. Ihre Hän­de konn­ten gar nicht so schnell ge­zü­gelt wer­den, wie sie neu­gie­rig über den Hin­tern stri­chen. Die Blu­se lag eben­falls ver­bo­ten dicht am Kör­per an und be­ton­te, was es zu ak­zen­tu­ie­ren gab.

Rebecca neig­te den Kopf leicht schräg und be­gut­ach­te­te das Re­sul­tat ih­rer Ent­schei­dung im Schlaf­zim­mer­spie­gel. Im­mer wie­der dreh­te sie sich nach links und nach rechts, glät­te­te den Stoff des Rocks oder zog sich die Blu­se ge­ra­de. Noch war das Out­fit nicht per­fekt, denn ohne die pas­sen­den Schu­he, ohne ein de­zen­tes Make-up und ohne den rich­ti­gen Schmuck war das Er­geb­nis nur halb ide­al. Es muss­te vom ers­ten Tag an den rich­ti­gen Ein­druck ver­mit­teln. Nie­mand soll­te auf die Idee kom­men, sie für bie­der oder alt­ba­cken zu hal­ten.

Es brauch­te noch wei­te­re drei­ßig Mi­nu­ten, be­vor Rebecca ih­ren ho­hen Ansprü­chen ge­recht wur­de und zu­frie­den mit ih­rem Aus­se­hen aus ih­rer Woh­nung stol­zier­te. Das Trep­pen­haus stemm­te sich ei­sern ge­gen die som­mer­lich drü­cken­de Hit­ze. Die kal­ten grau­en Wän­de trotz­ten der Wär­me von au­ßen und jag­ten klei­ne Schau­der über Rebeccas Rü­cken. Die Ab­sät­ze ih­rer Pumps schlu­gen hart auf und lie­ßen den Flur er­zit­tern. Um ih­ren Arm schwang eine Hand­ta­sche. Am ers­ten Tag be­durf­te es nicht vie­ler Uten­si­li­en: Kurs­lis­ten, Mit­schrif­ten aus der Leh­rer­kon­fe­renz, ihr Fe­der­mäpp­chen. Mehr muss­te sie nicht ein­ste­cken.

Als sie aus dem Haus hin­aus­trat, roll­te ihr ein Schwall knis­tern­der Ener­gie ent­ge­gen. Dass sich be­reits um kurz nach halb neun eine so ge­wit­ter­schwe­re At­mo­sphä­re über die Stadt leg­te, war un­ge­wöhn­lich und ver­hei­ßungs­voll. Rebecca sehn­te sich nach Ab­küh­lung, denn schon nach we­ni­gen Schrit­ten be­netz­te Schweiß ihre Stirn. Ihre Wan­gen glüh­ten wie im Fie­ber­wahn. Nicht nur, weil ihr die Hit­ze zu Kopf stieg. Sie glimm­ten vor Auf­re­gung und Neu­gier­de. Was wür­de sie heu­te er­war­ten? Wäh­rend sie Rich­tung Schu­le lief, fan­ta­sier­te sie, wie sie in der Aula vor­ge­stellt wur­de: Wie sie sich er­hob. Wie sie an­ge­gafft und ers­te Ur­tei­le über sie ge­fällt wur­den. Und dann ihre ers­te Stun­de im Kurs. Sie sah eine ge­sichts­lo­se Mas­se an Mäd­chen vor sich sit­zen, da­zwi­schen Ce­d­ric und Li­nus. Wie wür­den die bei­den Jungs re­a­gie­ren, wenn sie fest­stell­ten, dass sie mit ih­rer neu­en Leh­re­rin und Tu­to­rin be­reits Be­kannt­schaft ge­schlos­sen hat­ten? Wür­den sie sich über­haupt an sie er­in­nern oder hat­ten sie die Be­geg­nung in der Dis­co längst aus dem Ge­dächt­nis ge­stri­chen?

Rebecca nä­her­te sich dem Sport­gym­na­si­um. Als sie noch bei der Zei­tung an­ge­stellt war, muss­te sie öf­ter dar­an vor­bei­fah­ren. Ihre Jog­ging­stre­cke führ­te sie eben­falls manch­mal an dem weiß­grau­en, klotz­ar­ti­gen Ge­bäu­de vor­bei. An der gro­ßen Turn­hal­le, an dem Fuß­ball­ra­sen mit dem üp­pi­gen Grün und an der oran­ge schim­mern­den Tar­tan­bahn. Al­les sah ak­ku­rat ge­pflegt aus, wie sie es von ei­ner Schu­le die­ser Aus­rich­tung er­war­te­te. Des Öf­te­ren hat­te sie beim Vor­bei­lau­fen Schü­ler ren­nen, sprin­gen oder spie­len ge­se­hen, ohne zu ah­nen, dass sie hier ir­gend­wann ar­bei­ten wür­de. Heu­te war es so­weit. Sie be­trat den Ein­gang als Leh­re­rin.

Die Ner­vo­si­tät ma­xi­mier­te sich, als sie die Schu­le er­reich­te und ei­ni­ge Schü­ler zeit­gleich mit ihr hin­ein­ström­ten. Noch nahm kaum je­mand No­tiz von ihr. Rebecca steu­er­te wie die Schü­ler der vo­lu­mi­nö­sen Aula zu. Dort ver­lie­ßen ge­ra­de die Fünft- bis Acht­kläss­ler den Saal. Gleich wür­den die Klas­sen 9 bis 12 eine Ein­füh­rung ins neue Schul­jahr er­hal­ten.

Ei­ni­ge Ju­gend­li­che sa­ßen be­reits auf ih­ren Plät­zen und plau­der­ten. Scheu blick­te sich Rebecca im Raum um, als sie nach vorn Rich­tung Büh­ne lief. Je­der Schritt fühl­te sich wie der Gang zum Scha­fott an. Mit je­dem wei­te­ren, den sie nach vorn ab­sol­vier­te, glaub­te sie, die Bli­cke der Schü­ler im Nacken zu spü­ren.

In der ers­ten Rei­he sa­ßen ihre neu­en Kol­le­gen und starr­ten Lö­cher in die Luft. Auf ih­ren Ge­sich­tern ruh­te die Ent­span­nung, wäh­rend Rebeccas Au­gen von Ner­vo­si­tät ge­zeich­net wa­ren. Sie hat­te ge­hofft, dass Ro­bert schon da war. Er hät­te ihr die Kraft ge­ge­ben, die sie jetzt brauch­te, und ih­ren Puls be­ru­higt. Doch er war nicht da.

Mayer stand auf der Tri­bü­ne und fum­mel­te ge­mein­sam mit ei­nem Kol­le­gen am Mi­kro­fon her­um. Rebecca setz­te sich ne­ben eine äl­te­re Kol­le­gin und strich ner­vös über ih­ren Rock. Ihre klatsch­nas­sen Fin­ger rie­ben an­ge­spannt über den Stoff. Ein Blick auf die Uhr. In zehn Mi­nu­ten wür­de die Ein­füh­rung be­gin­nen. Ihre trie­fen­den Hän­de ver­keil­ten sich in­ein­an­der. Rebecca blick­te sich er­neut um. Eine Wand an Ge­sprä­chen drang in ihr Ohr, im­mer wie­der über­tönt durch das Rü­cken von Stüh­len oder das Ra­scheln von Ta­schen. Zwi­schen den vie­len un­be­kann­ten Ge­sich­tern sa­ßen ir­gend­wo Ce­d­ric und Li­nus. Viel­leicht wur­de sie ge­ra­de von ih­nen oder von den Mäd­chen in ih­rem Tu­tor­kurs an­ge­schaut. Lä­cheln, Rebecca. Sie rang sich Freund­lich­keit ab, doch die pri­ckeln­de Ge­spannt­heit ih­rer Ner­ven über­tünch­te schlicht­weg ihre gut ge­mein­ten Vor­sät­ze. Die Mund­win­kel fie­len bei­nah au­to­ma­tisch nach un­ten zu­rück. Da­her dreh­te sich Rebecca weg von der Mas­se der Frem­den und rich­te­te ih­ren Blick starr auf die Büh­ne, auf der Mayer sei­ne Zet­tel sor­tier­te.

»Gu­ten Mor­gen!« Das ers­te be­kann­te Lä­cheln an die­sem Mon­tag­mor­gen. Ro­bert strahl­te sie an. Sicht­lich er­freut, sein wohl­tu­en­des Ge­sicht mit dem schie­fen Mund zu se­hen, grins­te Rebecca ihm ent­ge­gen. »Ich set­ze mich ne­ben dich, wenn das okay ist«, sag­te Ro­bert und nahm den Platz be­reits in An­spruch, noch wäh­rend der Satz sei­ne Lip­pen ver­ließ.

»Auf­ge­regt?«, frag­te er mit­füh­lend und dreh­te sei­nen Kopf zu ihr her­um.

»Und ob«, keuch­te sie an­ge­strengt und fä­chel­te sich Luft mit der Hand zu. Es half nur be­dingt.

»Brauchst du aber nicht zu sein«, be­ru­hig­te Ro­bert. »Der Schul­lei­ter wird grob das neue Schul­jahr vor­stel­len, Mut ma­chen für die an­ste­hen­den Wo­chen und für die Prü­fun­gen im nächs­ten Se­mes­ter. Die neu­en Kol­le­gen wer­den meist gleich nach der Be­grü­ßung vor­ge­stellt. So wie bei der Leh­rer­kon­fe­renz. Du musst nicht auf die Büh­ne ge­hen.«

Sei­ne Wor­te be­sänf­tig­ten Rebeccas ge­spann­te Ner­ven, die kurz vorm Zer­rei­ßen stan­den. Sie dreh­te sich noch ein­mal um und blick­te in die Men­ge der Un­be­kann­ten.

»Tu’s bes­ser nicht«, raun­te ihr Ro­bert zu.

»Was?«

»Dich um­dre­hen. Das macht dich nur noch ner­vö­ser. Du zer­fließt ja jetzt schon vor Auf­re­gung. Ich mer­ke doch, dass du am liebs­ten flüch­ten wür­dest, so auf­ge­kratzt, wie du auf dem Stuhl her­um­rutschst.« Er war ein wirk­lich wach­sa­mer Mensch. Rebecca war gar nicht auf­ge­fal­len, dass sich ihre Bei­ne be­weg­ten. Mal über­kreuzt, mal lang aus­ge­streckt, mal zu Ro­bert ge­neigt, mal nach hin­ten hin an­ge­win­kelt. Doch ihr Kopf konn­te nicht an­ders. Er muss­te sich im­mer­fort um­bli­cken. Als wür­de eine in­ne­re Kraft sie dazu zwin­gen, in die frem­den Ge­sich­ter zu bli­cken.

Un­er­war­tet leg­te sich Ro­berts Hand auf ihr Knie und Rebeccas Kopf schnell­te zu ihm her­um. Mit gro­ßen Au­gen schau­te sie ih­ren Kol­le­gen an. Der aber schien ab­so­lut un­be­ein­druckt von der in­ti­men Ges­te sei­ner Hand zu sein. »Hier­her, Rebecca«, flüs­ter­te er und zog so­gleich sei­ne Hand von ih­rem Knie ab. Er woll­te sie bloß be­ru­hi­gen und ihre Bli­cke nach vorn zwin­gen.

Es schien los­zu­ge­hen, denn Mayer räus­per­te sich ins Mi­kro­fon. Es wur­de sicht­lich lei­ser im Saal.

»Gu­ten Mor­gen!«, schall­te die so­no­re Stim­me des Di­rek­tors durch die Aula und ließ die letz­ten Schwät­zer ver­stum­men. Es folg­te ein mo­ti­vie­ren­des Zi­tat ei­nes Phi­lo­so­phen, das Rebecca so­fort ver­gaß. Sie hör­te kaum den Aus­sa­gen des Schul­lei­ters zu, weil der Druck einen di­cken Klum­pen in ih­rem Hals er­zeug­te und sich schwer auf ihre See­le leg­te. Sie schluck­te ihn hin­un­ter. Das sorg­te nur da­für, dass sich der Kloß in ih­rem Bauch fest­setz­te und als di­cker Bro­cken ihre Ein­ge­wei­de mal­trä­ti­er­te. Am liebs­ten wäre sie auf­ge­sprun­gen und hät­te auf der Stel­le den Raum ver­las­sen. Sie glaub­te, auf ein­mal Durch­fall zu be­kom­men und schleu­nigst auf die Toi­let­te zu müs­sen. Es glu­cker­te und groll­te hör­bar in ih­rem Bauch und Ge­där­men. Der Schweiß rann von ih­rer Stirn, lief an den Schlä­fen hin­ab. Die Hän­de flos­sen weg. Rebeccas Bei­ne wuss­ten nicht mehr, wo sie hin soll­ten. Weg, weg von hier, schri­en sie.

Je mehr Wor­te Mayer ins Mi­kro­fon goss, des­to un­woh­ler fühl­te sich Rebecca in ih­rer Haut. Sie muss­te sich dazu quä­len, auf sei­ne Sät­ze zu hö­ren und nicht auf ih­ren ver­rä­te­rischen Kör­per, der mit Ent­kom­men re­a­gie­ren woll­te. Das ers­te Mal Leh­re­rin nach drei Jah­ren.

»Das neue Schul­jahr bringt uns auch im­mer neue Kol­le­gen.« Mayer wirk­te un­ge­heu­er sou­ve­rän, wie er da vorn an sei­nem Red­ner­pult stand und Herr sei­ner selbst war. Er strahl­te Do­mi­nanz und Be­herr­schung aus. Sein sei­di­ger schwa­r­zer An­zug schim­mer­te im Licht der Büh­nen­be­leuch­tung. Die Schü­ler zoll­ten ihm Ach­tung, denn sei­ne Wor­te brach­ten alle im Saal zum Schwei­gen.

»Ihr wisst, dass Frau Frit­sche im Ba­by­jahr ist. Sie wird ver­tre­ten von Frau Pe­ters.« Mayer rich­te­te sei­nen Blick auf Rebecca und deu­te­te mit ei­ner Hand­be­we­gung an, dass sie auf­ste­hen soll­te. Sie woll­te Stär­ke ausstrah­len, aber ihr Kör­per zwäng­te sich le­dig­lich trä­ge in die Senk­rech­te. Ein flüch­ti­ger Blick, ein kur­z­es Ni­cken über die Köp­fe der An­we­sen­den hin­weg, dann sank Rebecca in ih­ren Stuhl zu­rück. Als wäre sie von ei­nem mehr­stün­di­gen Marsch aus dem Ge­bir­ge wie­der­ge­kom­men. Hat­te sie ge­lä­chelt?

»Frau Pe­ters wird die Tu­to­rin für den Kurs von Frau Frit­sche. Au­ßer­dem über­nimmt sie …« Rebecca war nicht mehr in der Lage, Mayer zu fol­gen. Zu sehr fol­ter­te es sie, dass sie nicht selbst­be­wusst auf­ge­tre­ten war. Die ers­te Stun­de in ih­rem Kurs muss­te un­be­dingt an­ders ab­lau­fen.

Nach an­stren­gen­den zwan­zig Mi­nu­ten be­en­de­te Mayer sei­nen Mo­no­log und entließ die Klas­sen und Kur­se so­wie die Leh­rer in ihre ers­ten ge­mein­sa­men Stun­den. Jetzt muss­ten die or­ga­ni­sa­to­ri­schen Din­ge ge­klärt wer­den. Rebecca woll­te den Schwer­punkt heu­te auf das Ken­nen­ler­nen len­ken.

»Du packst das schon«, lä­chel­te Ro­bert, als Un­ru­he im Saal auf­bran­de­te. Die ers­ten Schü­ler ver­lie­ßen schnat­ternd die Aula und dräng­ten in die Klas­sen­zim­mer. Rebecca blick­te sich scheu nach den Ju­gend­li­chen um, die im­mer zahl­rei­cher als na­men­lo­se Mas­se nach drau­ßen ver­schwan­den.

»Du hast net­te Leu­te in dei­nem Kurs. Die fres­sen dich nicht auf«, be­ru­hig­te Ro­bert. »Wenn du magst, be­glei­te ich dich in dei­nen Raum.« Sein An­ge­bot war lieb ge­meint. Aber wie sähe es aus, wenn der Kol­le­ge sie ab­setz­te wie ein Klein­kind, das in den Kin­der­gar­ten ge­bracht wur­de?

»Dan­ke, ich schaff das al­lein«, sag­te Rebecca. Nicht über­zeu­gend, aber mit der nö­ti­gen Kraft, um ihn zu­frie­den­zu­stel­len.

»Okay. Dann se­hen wir uns in der Früh­stücks­pau­se im Leh­rer­zim­mer?«, hak­te er nach.

Rebecca nö­tig­te sich ein un­si­che­res Kopf­ni­cken ab und ver­ließ mit den letz­ten Ju­gend­li­chen die Aula.

Sie wuss­te, wo sie gleich erst­mals auf ih­ren Kurs tref­fen wür­de. Den Raum hat­te sie aus­ge­kund­schaf­tet, als sie vor ein paar Ta­gen zur Leh­rer­kon­fe­renz er­schie­nen war. Sie woll­te nicht hin. Sie muss­te hin. Dass sie zwei Schü­ler vom Se­hen kann­te, be­schwich­tig­te ei­ner­seits ihr zer­rüt­te­tes Ner­ven­ko­s­tüm. An­de­rer­seits fürch­te­te sie sich vor dem Zu­sam­men­tref­fen. War­um, das wuss­te ihr fla­ckern­der Kör­per wohl selbst nicht ge­nau.

Auf dem Gang war es ru­hig. Die meis­ten Kin­der und Ju­gend­li­chen be­fan­den sich in ih­ren Klas­sen- und Kurs­räu­men. Vie­le Tü­ren wa­ren ge­schlos­sen. Die lau­tes­ten Ge­räu­sche ver­ur­sach­ten ihre Heels, die, Ma­schi­nen­ge­wehr­ku­geln gleich, an den Wän­den des Flurs wi­der­hall­ten. Die Tür zu ih­rem Raum stand of­fen. Ge­mur­mel drang bis auf den Gang hin­aus. Rebecca ver­harr­te in ih­rer Be­we­gung. Ihre At­mung ging ab­ge­hackt und flach. Ein kur­z­es Schlie­ßen der Au­gen brach­te kei­ne Be­ru­hi­gung. Sie strich sich ein letz­tes Mal den Schweiß von der Stirn. Jetzt gab es kein Zu­rück. Der di­cke Klotz in Rebeccas Bauch grum­mel­te ein fins­te­res Lied. Es wäre falsch, sei­ner Me­lo­die zu lau­schen und dem Drang, aus dem Ge­bäu­de zu ver­schwin­den, nach­zu­ge­ben.

Ein tie­fer Atem­zug von der sti­cki­gen Luft des Flu­res, dann presch­te Rebecca in den Kurs­raum hin­ein und flog auf den Lehrer­tisch zu. Sie mein­te, im Ge­hen den Kopf ge­dreht und den Schü­lern eine lei­se Be­grü­ßung durch ihre hoch­ge­zo­ge­nen Mund­win­kel ge­ge­ben zu ha­ben.

Beim Auf­bli­cken zeig­te sie das schöns­te Lä­cheln, das sie sich in die­sem Mo­ment ab­rin­gen konn­te. Ihre Au­gen blie­ben auf den Ge­sich­tern hän­gen. Man­che Mäd­chen de­mon­s­trier­ten of­fen ihre Sym­pa­thie. Wie­der­um an­de­re schau­ten neu­tral nach vorn. Man­che mus­ter­ten Rebecca mit kri­ti­schem Blick. Wel­ches Bild moch­te sie wohl ab­ge­ben? Jetzt, da sie am Lehrer­tisch stand und sich mit ei­ner Hand an der Kan­te fest­krall­te.

Ganz links, auf der letz­ten Bank, sa­ßen Ce­d­ric und Li­nus. Ce­d­rics hüb­sches Ge­sicht konn­te nur glot­zen. Li­nus’ Mund stand of­fen. Sie wuss­ten, wer sie war. So­fort steck­ten bei­de die Köp­fe zu­sam­men und mur­mel­ten sich et­was zu.

»Ich be­grü­ße euch ganz herz­lich«, sag­te Rebecca mit der fes­tes­ten Stim­me, die ihr zur Ver­fü­gung stand. Sie schluck­te einen er­neu­ten Bat­zen Auf­re­gung nach un­ten. »Ich möch­te mich vor­stel­len.« Jetzt lä­chel­te sie. »Mein Name ist Rebecca Pe­ters. Ich wer­de in die­sem Schul­jahr eure Tu­to­rin sein. Au­ßer­dem un­ter­rich­te ich euch im Leis­tungs­kurs Deutsch.« Wie­der ein di­cker Klum­pen im Hals, der ver­schluckt wur­de. »Ich bin et­was auf­ge­regt, wie ihr si­cher se­hen könnt.« Sie lach­te auf, um ihre Hek­tik zu über­spie­len. Man­che Schü­le­rin­nen nick­ten ver­hal­ten. Die Per­son, die die sou­ve­räns­te Hal­tung ausstrah­len soll­te, stand vorn und mach­te al­les an­de­re als einen selbst­si­che­ren Ein­druck.

»Ich bin auch des­we­gen so auf­ge­regt, weil es das ers­te Mal seit Jah­ren ist, dass ich wie­der vor Schü­lern ste­he.« Ge­mur­mel. »Ich bin vor drei Jah­ren in die­se Stadt ge­zo­gen und bin seit­dem nur Mi­ni­jobs und ei­ner An­stel­lung bei ei­ner Zei­tung nach­ge­gan­gen.« Wie­der Ge­tu­schel. »Aber ich bin stu­dier­te Leh­re­rin für Deutsch und Kunst und war an mei­ner letz­ten Schu­le auch als Klas­sen­leh­re­rin tä­tig. Lei­der zwang mich ein Um­zug dazu, mich neu aus­zu­rich­ten.«

Bullshit, Rebecca! Nie­mand soll­te er­fah­ren, was sie wirk­lich hier­her trieb. Die Af­fä­re zu ih­rem ehe­ma­li­gen Schü­ler Elou­an muss­te un­ter al­len Um­stän­den ver­tuscht wer­den. Nie­mals soll­te ihre Ver­gan­gen­heit auf den Tisch kom­men!

»Wenn wir uns bes­ser ken­nen, kön­nen wir gern dar­über spre­chen, wie schwie­rig es ist, ir­gend­wo neu an­zu­fan­gen. Aber heu­te nicht. Heu­te geht es dar­um, dass wir uns ein we­nig ›be­schnup­pern‹.« Rebecca zwang sich zu ei­nem Lä­cheln durch, das ihr nach wie vor schwer­fiel.

»Ich weiß, dass wir nur ein Schul­jahr zu­sam­men ha­ben wer­den. Das reicht viel­leicht ge­ra­de aus, um als Kurs zu­sam­men­zu­wach­sen. Ich möch­te in den kom­men­den Ta­gen mit euch Ein­zel­ge­sprä­che füh­ren. Ich will her­aus­fin­den, was ihr für Men­schen seid, was ihr euch vor­ge­nom­men habt für die­ses Schul­jahr und ich will wis­sen, was ihr mit dem Abi ma­chen wollt. Ich den­ke, dass wir uns vor al­lem wäh­rend der Kurs­fahrt an­nä­hern wer­den.«

Klang das halb­wegs si­cher? Rebecca poch­te mit den Fin­ger­kup­pen auf den Lehrer­tisch. »Okay, dann stellt euch mal vor, da­mit ich euch mit Na­men an­spre­chen kann«, bat sie, setz­te sich hin und er­stell­te einen Sitz­plan. »Gut, be­gin­nen wir bei dir hier vorn.«

Zur Früh­stücks­pau­se ver­ließ Rebecca den Raum und stol­per­te Rich­tung Leh­rer­zim­mer, wo sie hoff­te, auf Ro­bert zu tref­fen. Schon beim Auf­schlie­ßen des Raums pras­sel­te ein laut­star­ker Schwall auf sie ein. Kol­le­gin­nen rann­ten wie auf­ge­scheuch­te Sup­pen­hüh­ner durch das Zim­mer. Ei­ni­ge sa­ßen an den Ti­schen zu­sam­men und aßen ihre mit­ge­brach­ten Früh­stücks­bro­te, wäh­rend sich ei­ner lau­ter als der an­de­re über den ers­ten Schul­tag aus­tausch­te. Auch Ro­bert war mit ei­ner Frau im Ge­spräch ver­sun­ken. Als er Rebecca ent­deck­te, hob er die Hand und wink­te sie her­bei. Als Rebecca am Tisch an­kam, streck­te ihr die äl­te­re Kol­le­gin mit den röt­lich-grau­en Haa­ren die Hand ent­ge­gen und stell­te sich als Sa­bri­na Wink­ler vor, die drit­te Tu­to­rin.

»Und wie war dei­ne ers­te Stun­de im Kurs?«, frag­te sie Rebecca herz­lich. Die neue Kol­le­gin be­saß eine ein­neh­men­de Er­schei­nung. Ihre Sta­tur war sehr kräf­tig. In Kom­bi­na­ti­on mit den kur­z­en Haa­ren wirk­te Sa­bri­na leicht bu­ben­haft. Trotz ih­res re­so­lu­ten Auf­tre­tens er­weck­te sie den Ein­druck, eine Ka­me­ra­din fürs Le­ben zu sein.

»Ich war tie­risch auf­ge­regt«, sag­te Rebecca und ver­senk­te ihre Hand­flä­chen ins Ge­sicht.

»Ach Quatsch!«, rief Sa­bri­na aus und patsch­te ihr auf die Schul­ter. Es war ein ker­ni­ger Hand­schlag. Fast wie bei ei­nem Mann. Auch Sa­bri­nas Stim­me war sehr dun­kel ge­färbt.

»Du hast ganz lie­be Mä­dels drin. Die un­ter­stüt­zen dich bei al­lem, was du mit de­nen vor­hast.«

»Ich habe Rebecca«, schal­te­te sich Ro­bert ins Ge­spräch ein, »schon ge­sagt, dass sie ein­zig Ce­d­ric und Li­nus im Auge be­hal­ten muss.« Aus Sa­bri­nas Mund ent­rang ein keh­li­ges La­chen. Si­cher­lich rauch­te sie schon seit Jah­ren, so me­tal­lisch wie ihre Stimm­la­ge klang.

»Ja, die bei­den sind eine Num­mer für sich«, grien­te Sa­bri­na und ent­blößte ihre gelb­li­chen Zäh­ne.

»Sind mir nicht wei­ter auf­ge­fal­len«, sag­te Rebecca schnell. Tat­säch­lich hat­ten sich die Jungs wäh­rend der Ein­füh­rungs­stun­de be­nom­men. Kei­ner hat ir­gend­ei­nen ko­mi­schen Kom­men­tar ver­lau­ten las­sen. Eine An­spie­lung auf die Dis­co­nacht wäre auch mehr als un­pas­send ge­we­sen.

»Sie ken­nen dich noch nicht«, mein­te Ro­bert und nahm einen Bis­sen von sei­ner Wurst­stul­le. Rebecca be­kam nichts her­un­ter, ob­wohl sie ihre Schnit­te ein­ge­packt mit ins Leh­rer­zim­mer ge­nom­men hat­te. Zu groß war der in­ne­re Bro­cken, den sie seit gut an­dert­halb Stun­den in sich trug.

»So, ich glau­be, wir müs­sen wie­der«, sag­te Sa­bri­na und er­hob sich mit ih­rem gan­zen Ge­wicht vom Stuhl. Mit ei­ner Hand auf der Tisch­kan­te ab­ge­stützt, drück­te sie ih­ren wuch­ti­gen Kör­per nach oben. Dann zwäng­te sie sich an den an­de­ren Kol­le­gen vor­bei, die ihr kei­ne Be­ach­tung schenk­ten. Rebecca be­ob­ach­te­te, wie ihr mas­si­ger Leib beim Ge­hen von ei­ner in die an­de­re Rich­tung schwenk­te. Mit die­sem Aus­se­hen am Sport­gym­na­si­um zu be­ste­hen, war be­stimmt nicht ein­fach. Aber die Kol­le­gin strahl­te die nö­ti­ge Stär­ke aus, die es brauch­te, um als Leh­rer­per­sön­lich­keit ge­ach­tet zu wer­den.

»Wel­che Fä­cher un­ter­rich­tet sie?«, frag­te Rebecca, als Sa­bri­na aus ih­rem Blick­feld ver­schwand.

»Geo­gra­fie«, er­wi­der­te er.

»Nur ein Fach? Dann hat sie si­cher­lich nicht vie­le Stun­den.«

»Man sieht es ihr nicht an, aber bis vor zehn Jah­ren hat Sa­bri­na so­gar Sport un­ter­rich­tet.« Als könn­te er sei­ne Wor­te selbst nicht glau­ben, lach­te Ro­bert nach Be­en­di­gung des Sat­zes laut auf.

»Sa­bri­na ar­bei­tet schon über fünf­zehn Jah­re hier. Ich bin seit acht Jah­ren da­bei. Ich habe sie nie als Sport­leh­re­rin ge­se­hen. Sie hat es mir mal ir­gend­wann ge­sagt, als wir auf Klas­sen­fahrt wa­ren.«

Schon ko­misch, wie sich Men­schen ver­än­dern konn­ten.

»Sie un­ter­rich­tet na­he­zu alle Klas­sen in ih­rem Fach. Ich glau­be über fünf­und­zwan­zig.«

Auf­bruch im Leh­rer­zim­mer. Ro­bert er­hob sich und wünsch­te ihr gu­tes Ge­lin­gen. Rebecca war dank­bar, zwei Kol­le­gen zu ha­ben, die sie un­ter­stütz­ten. Mit die­sem Back­ground konn­te sie ru­hi­gen Ge­wis­sens ins neue Schul­jahr star­ten.

Kapitel 5

Den ers­ten Ar­beits­tag über­stan­den zu ha­ben, war kein Ga­rant da­für, dass die an­de­ren ge­nau­so aal­glatt ab­lie­fen. Am Mitt­woch, als Rebecca ih­ren ei­ge­nen Kurs in Deutsch zu un­ter­rich­ten hat­te, konn­te sie sich einen ers­ten Ein­druck da­von ver­schaf­fen, wer ernst­haft an Li­te­ra­tur in­ter­es­siert war und wer das Fach ge­wählt hat­te, weil der Ma­the-Leis­tungs­kurs zu schwer war. Ce­d­ric und Li­nus schie­nen ein­deu­tig der letz­te­ren Ka­te­go­rie an­zu­ge­hö­ren.

Deutsch war für die ers­te und zwei­te Un­ter­richts­stun­de mit neun­zig Mi­nu­ten an­ge­setzt. Rebecca hat­te ex­tra am Tag da­vor den Ab­lauf pe­ni­bel ge­plant, um einen po­si­ti­ven Ein­druck von sich als Leh­rer­per­sön­lich­keit zu ver­mit­teln. Wie­der stand sie vor dem Spie­gel und wuss­te nicht, mit wel­chen Waf­fen sie heu­te zu­schla­gen soll­te. Mon­tags, mitt­wochs und frei­tags wa­ren die Tage, an de­nen sie ih­ren Leis­tungs­kurs sah. Da­ne­ben über­nahm sie Stun­den in den Klas­sen 9 bis 11 – Jahr­gän­ge, die Rebecca ganz recht wa­ren. So hat­te sie nach­mit­tags aus­rei­chend Zeit, sich dem Sport zu wid­men oder Un­ter­richt vor- und nach­zu­be­rei­ten.

Rebecca ent­schied sich da­für, eine knacki­ge Jeans mit ei­nem en­gen wei­ßen Shirt dar­über an­zu­zie­hen. Ob es die rich­ti­ge Ent­schei­dung war? Das Ge­wit­ter, das am Mon­tag­abend über die Stadt ge­fegt war, hat­te zu­min­dest die brü­ten­de Hit­ze weg­ge­wischt, die die Be­woh­ner ge­lähmt hat­te. Noch hock­te das Biest an der Zim­mer­de­cke und ver­schwand nur müh­sam aus dem Schlaf­zim­mer. Lüf­ten al­lein half nicht, es zu ver­trei­ben. Rebecca schlief bei of­fe­nem Fens­ter und ver­ram­mel­te es, wenn die Son­ne auf die Roll­lä­den knall­te. Bloß um abends fest­zu­stel­len, dass die Wär­me noch im­mer nicht ge­wi­chen war. Ihre en­gen Jeans saug­ten sich au­gen­blick­lich am Bein fest, so sehr schwitz­te sie dar­in. Trotz­dem ging sie mit ih­nen vor dem Be­ginn des Schul­ta­ges hin­aus.

Nun stand sie also vor ih­rem Kurs, in ih­rer Hose, die das Bein fest­zurr­te und mit ih­rem Shirt, das an den Brüs­ten fest­kleb­te. »Wir wer­den uns in die­sem Schul­jahr mit drei wich­ti­gen Wer­ken be­schäf­ti­gen. Als Ers­tes müsst ihr euch das Dra­ma ›Die Räu­ber‹ von Fried­rich Schil­ler be­sor­gen. Wir wer­den näm­lich die Epo­che des Sturm und Drang be­han­deln und die­ses Werk be­spre­chen.«

Aus der hin­ters­ten Rei­he ver­nahm Rebecca ein tie­fes Stöh­nen. Noch konn­te sie nicht un­ter­schei­den, von wel­chem der bei­den Jun­gen es her­rühr­te. Sie ver­mu­te­te, dass es Ce­d­ric war, da er bei­de Au­gen­brau­en in die Höhe zog, als er sich die ISBN-Num­mer, die Rebecca an die Ta­fel an­ge­schrie­ben hat­te, in sei­ne Auf­zeich­nun­gen über­nahm.

»Was ist los, Jungs?«, frag­te sie, nach­dem das Seuf­zen wie ein laut­lo­ser Tor­na­do den Raum er­schüt­tert hat­te.

»Al­les gut, Frau Pe­ters«, fühl­te sich Ce­d­ric an­ge­spro­chen und grins­te schur­kisch in sich hin­ein.

»Ich weiß, dass euch die alte Li­te­ra­tur nicht an­hebt«, konn­te Rebecca sei­nen stil­len Ein­wand nach­voll­zie­hen. »Aber viel­leicht fin­det ihr ein we­nig Ge­fal­len dar­an. Das ist das ers­te Werk von Fried­rich Schil­ler. Er hat es in ei­ner Zeit ge­schrie­ben, in der er sehr hitz­köp­fig war. So wie viel­leicht manch ei­ner von euch. Die­se Stim­mung spürt man in sei­nem Dra­ma. Es geht um zwei ver­fein­de­te Brü­der, die sich um eine Frau und um die vä­ter­li­che Nach­fol­ge strei­ten«, er­klär­te Rebecca. »Ist ziem­lich span­nend. Karl, der äl­te­re der bei­den, schließt sich ei­ner Räu­ber­ban­de an, wäh­rend sein Bru­der Franz ver­sucht, den Va­ter und Ka­rls Ge­lieb­te, Ama­lia, auf sei­ne Sei­te zu zie­hen.«

Rebecca hielt kurz in den Er­läu­te­run­gen inne. »Be­vor wir mit dem Buch ein­stei­gen, wer­den wir uns ein paar Ge­dich­te an­se­hen. Nach der Kurs­fahrt geht es dann so­fort mit der Lek­tü­re los. Ihr soll­tet also bis da­hin das Dra­ma ge­le­sen ha­ben.«

Ce­d­ric ver­kniff sich eine wei­te­re Be­mer­kung, ob­wohl Rebecca spür­te, dass der Pro­test in ihm schwelte.

Kurz vor dem Ende der Dop­pel­stun­de. Rebecca un­ter­drück­te die in der Luft lie­gen­de Auf­bruchs­s­tim­mung, in­dem sie zu ver­ste­hen gab: »Wir wer­den ab mor­gen mit den per­sön­li­chen Ge­sprä­chen be­gin­nen. Ob­wohl wir nur ein Jahr zu­sam­men sein wer­den, möch­te ich euch trotz­dem best­mög­lich ken­nen­ler­nen. Vor al­lem will ich wis­sen, wel­che Stär­ken und Schwä­chen ihr habt. Au­ßer­dem müs­sen wir dar­über re­den, was ihr nach dem Abi mit euch an­fan­gen wollt.«

Sie blät­ter­te in ei­nem Sta­pel Pa­pier.

»Ich habe schon mal ge­schaut, wann ihr Frei­stun­den habt und in wel­cher Stun­de ich frei habe, um mit euch zu spre­chen. Manch­mal müs­sen wir uns in ei­ner Pau­se tref­fen, weil un­se­re Stun­den­plä­ne nicht kom­pa­ti­bel sind. Aber das krie­gen wir in den nächs­ten an­dert­halb Wo­chen hin.«

Rebecca wühl­te in ih­rem Leh­rer­ka­len­der nach Zet­teln, die sie an die Schü­ler aus­ge­ben woll­te. »Ihr er­hal­tet eine Ein­la­dung von mir«, sag­te sie und we­del­te mit den Pa­pier­stü­cken in der Luft her­um. »Dar­auf fin­det ihr eu­ren Ter­min mit mir und ihr er­fahrt, wor­über wir spre­chen wol­len. Lisa, bist du bit­te so lieb und ver­teilst die Ein­la­dun­gen an die Mit­schü­ler?« Rebecca überg­ab ih­rer Schü­le­rin den Sta­pel, den sie eif­rig aus­teil­te. Dann klin­gel­te es zur Pau­se. »Seid bit­te pünkt­lich da. Ich möch­te mit euch ei­ni­ges be­re­den«, schrie Rebecca über die be­reits ent­stan­de­ne Laut­stär­ke hin­weg.

Sie be­ob­ach­te­te, wie die Schü­ler ein­pack­ten. Lisa schwirr­te wie eine gute Fee durch den Raum und teil­te em­sig die Zet­tel aus. Als sie bei Ce­d­ric an­kam, sah Rebecca, dass er das Schrift­stück er­griff und ohne es an­zu­se­hen in sein Haus­auf­ga­ben­heft steck­te. Er press­te die Lip­pen fest zu­sam­men. Sei­ne Re­ak­ti­on war ein Stich ins Herz. Rebecca hat­te ge­hofft, sein In­ter­es­se er­hal­ten zu ha­ben. Als habe sie na­i­ve­r­wei­se ge­glaubt, dass er sich freut, mit ihr re­den zu dür­fen. Pri­vat.

Dann überg­ab Lisa den Zet­tel an Li­nus. Er lä­chel­te, ohne sei­ne Zäh­ne zu zei­gen, nahm den Zet­tel an sich und las, was dar­auf ge­schrie­ben stand. Dann schau­te er Rebecca an und setz­te ein Schmun­zeln auf. Nicht schel­misch, son­dern freund­lich.

Ce­d­ric war be­reit zum Auf­bruch und mur­mel­te Li­nus et­was zu. Der nick­te le­dig­lich, schenk­te Rebecca einen letz­ten Blick und pack­te dann eben­falls sei­ne Sa­chen zu­sam­men. Sei­ne Au­gen glit­ten im­mer wie­der Rich­tung Lehrer­tisch. Ce­d­ric hielt sei­nen Blick starr auf sei­nen Ruck­sack ge­rich­tet und ver­ließ ohne Ver­ab­schie­dung den Raum. Rebecca hat­te auf einen letz­ten Au­gen­kon­takt ge­hofft.

Der Mitt­woch war der kür­zes­te Tag für Rebecca. Sie konn­te be­reits nach den ers­ten drei Stun­den die Schu­le ver­las­sen. Die Pau­se hat­te sie mit ih­ren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im Leh­rer­zim­mer ver­bracht. Nun schul­ter­te sie ihre Ta­sche und ver­ließ schlen­dernd das Schul­haus. Beim Her­aus­tre­ten glaub­te sie, die Son­ne wol­le ihre brau­nen Haa­re ver­sen­gen. So stark brann­te sie un­er­bitt­lich auf die Erde her­ab.

Da wa­ren Ober­stu­fen­schü­ler, die ne­ben der Turn­hal­le – trotz der Hit­ze – über die Tar­tan­bahn lie­fen. Ein äl­te­rer Sport­leh­rer feu­er­te die Jungs zu mehr Leis­tung an: »Macht mal ’n biss­chen schnel­ler!«, schrie er und wisch­te sich den Schweiß von der Stirn. Rebecca blieb ste­hen und sah den Ju­gend­li­chen da­bei zu, wie sie auf der kur­z­en Di­stanz die Me­ter über­brück­ten. Sie er­späh­te Li­nus in kur­z­en schwa­r­zen Sports­horts und ei­nem le­ge­ren blau­en Shirt. Wenn er dort war, konn­te sexy Ce­d­ric nicht weit sein.

Rebecca trat einen Schritt nä­her an die Lauf­stre­cke her­an, ohne auf­dring­lich wir­ken zu wol­len.

Li­nus hat­te sie längst be­merkt und strahl­te sie an. Er war ver­sucht, die Hand zu he­ben, un­ter­ließ es aber. Sei­ne Au­gen kleb­ten an ihr, be­vor sie sich auf die Lauf­bahn rich­te­ten, auf der er gleich sein Kön­nen un­ter Be­weis stel­len muss­te.

Ein Tee­n­a­ger nach dem an­de­ren be­gab sich in Start­po­si­ti­on. Ein lau­ter Knall, durch den Sport­leh­rer er­zeugt, schwapp­te über das Ge­län­de und schon rann­ten drei Schü­ler auf un­ter­schied­li­chen Bah­nen ge­gen­ein­an­der. Ihre Bein- und Arm­mus­ku­la­tur war deut­lich an­ge­spannt. Sie reck­ten die Hälse nach vorn und leg­ten ein mör­de­ri­sches Tem­po vor, als woll­ten sie vor ei­ner Ge­fahr flie­hen. Nach hun­dert Me­tern am Ziel an­ge­kom­men, bum­mel­ten sie see­len­ru­hig zu ih­rem Aus­gangs­punkt zu­rück, an dem be­reits Mit­schü­ler auf den Start­schuss war­te­ten. Ih­nen mach­te die Hit­ze of­fen­bar gar nichts aus.

Was hat­te Rebecca für ein Glück, an ei­nem Sport­gym­na­si­um zu sein, an dem lau­ter gut ge­bau­te, trai­nier­te jun­ge Ker­le her­um­lie­fen, die sie mit ih­ren Bli­cken aus­zie­hen konn­te.

Da war Ce­d­ric. Er re­de­te mit ei­nem an­de­ren Ju­gend­li­chen und schlen­der­te see­len­ru­hig auf der Bahn zu­rück, ohne den Kopf zu he­ben. Er trug, ähn­lich wie Li­nus, kur­ze Shorts. Sei­ne Wa­den wirk­ten wie die ei­nes Rad­renn­fah­rers. Kräf­tig, mas­ku­lin. Sein schlan­ker Bauch wur­de durch ein Shirt, das lo­cker sei­nen Ober­kör­per um­spiel­te, ver­deckt. Was für Ober­ar­me er hat­te. Ce­d­ric strich sich mit der Hand durch das lan­ge blon­de Pony. Doch die Haa­re fie­len ihm au­gen­blick­lich zu­rück in die Stirn. Ge­bän­digt be­kam er sie nicht. Rebecca stell­te sich vor, dass sie Ce­d­ric ge­nau­so we­nig ge­zü­gelt be­kam, wie er sei­ne Haa­re un­ter Kon­trol­le hat­te.

Sie be­ob­ach­te­te, wie er sei­nem Kum­pel et­was sag­te, dann feix­te. Wäh­rend des Re­dens un­ter­stütz­te er das Ge­sag­te durch ele­gan­te Hand­be­we­gun­gen. Er be­saß je­nen Sex­ap­pe­al, der sie schon im­mer ma­gisch zu Män­nern hin­ge­zo­gen hat­te.

»Rennt schnel­ler!«, schall­te der Ruf des Kol­le­gen über den Platz. Rebecca reck­te den Kopf zu den Läu­fern hin­über und be­merk­te, wie Li­nus als Letz­ter das Ziel er­reich­te. Er krümm­te sei­nen Ober­kör­per nach un­ten und stütz­te sich mit den Hän­den an den Kni­en ab. So wie er er­schöpft auf­schau­te, traf sein Blick auf den von Rebecca.

Was war das für ein mys­te­ri­öser Typ Mensch? Li­nus wirk­te, als ge­hö­re er hier nicht her. Zwi­schen all den ath­le­tisch aus­se­hen­den Mit­schü­lern wirk­te er un­be­hol­fen und schlaff. Sie nahm sich vor, her­aus­zu­be­kom­men, was ihn hier­her ge­führt hat­te.

Li­nus stol­per­te an den Start­punkt zu­rück. Sei­ne Stirn durch­zo­gen tie­fe Fur­chen und er wag­te nicht, auf­zu­schau­en. Wie eine Dampf­lok keuch­te er. Eine Hand stütz­te er in der Sei­te ab, die an­de­re schau­kel­te in der Luft her­um.

Am Start der Lauf­stre­cke stan­den noch im­mer Ce­d­ric und ein Mit­schü­ler. Sie quatsch­ten mit­ein­an­der. Als Li­nus zu ih­nen stieß, folg­te ein kur­z­er Wort­wech­sel. Schon dreh­te sich Ce­d­ric blitz­ar­tig zu Rebecca her­um. Sei­ne blon­den Haa­re um­weh­ten sei­ne Stirn. Al­lein die­ser Blick von ihm war zum Nie­der­kni­en. Als er dann auch noch sei­ne Hand durch das un­bän­di­ge Haar wan­dern ließ, war es vor­bei mit ih­rer Selbst­be­herr­schung und Rebecca hauch­te ein kur­z­es Stöh­nen aus. Doch Ce­d­ric spiel­te nicht mit. Bei­nah ar­ro­gant zog er einen Mund­win­kel nach oben. Dann mur­mel­te er sei­nen Mit­schü­lern et­was zu, ohne sei­ne durch­drin­gen­den Au­gen von ihr ab­zu­wen­den. Sie gin­gen ihr durch alle Kör­per­bah­nen. Ihn in ih­rem Kurs sit­zen zu ha­ben – das war ab­seh­bar – wür­de sie um den Ver­stand brin­gen und sie re­gel­mä­ßig mit durch­näss­tem Hös­chen nach Hau­se kom­men las­sen. Sie ließ sich auf einen äu­ßerst ge­wag­ten Kampf ein, vor dem sie schon jetzt die Waf­fen stre­cken muss­te.

Am Abend lag Rebecca im Bett und konn­te nicht ein­schla­fen. Die an der De­cke fest­sit­zen­de Hit­ze hat­te sich in­zwi­schen in je­dem Win­kel ih­rer Be­hau­sung breit­ge­macht und Ab­küh­lung schien es noch lan­ge nicht zu ge­ben. In an­dert­halb Wo­chen stand die Kurs­fahrt nach Nor­d­i­ta­li­en an. Rebecca frag­te sich, ob bis da­hin das Wet­ter er­träg­lich war. Soll­ten sie im Bus sit­zen und schwit­zen, wäre das eine Ka­ta­s­tro­phe.

Da lag sie also und fand nicht in den Schlaf. Die Schwel­le des neu­en Ta­ges war be­reits über­schrit­ten. In we­ni­gen Stun­den muss­te sie aus den Fe­dern stei­gen. Was brach­te sie so aus der Ruhe? Sie hat­te den Tag über kaum et­was ge­macht, hat­te sich im­mer wie­der über die Un­ter­richts­vor­be­rei­tung ge­setzt. Dann hat­te sie ge­le­sen und fern­ge­se­hen. Am Abend hat­te Rebecca im In­ter­net ge­surft, auf der Su­che nach Kla­mot­ten für den an­ste­hen­den Herbst. Und nun lag sie wach im Bett und konn­te nicht in das Reich der Träu­me hin­über­glei­ten.

Jetzt noch le­sen? Dar­auf hat­te sie kei­ne Lust mehr. Rebecca schloss die Au­gen und ließ die Er­leb­nis­se aus der Schu­le vor ih­ren Li­dern vor­bei­zie­hen. Deutsch bei den Zwölft­kläss­lern. Lisa teilt Zet­tel aus. Früh­stücks­pau­se im Leh­rer­zim­mer. Laut­stär­ke auf dem Gang. Laut­stär­ke im Leh­rer­zim­mer. Deutsch in der neun­ten Klas­se. Eine Schü­le­rin will wis­sen, ob sie auf Toi­let­te ge­hen darf. Rebecca im Leh­rer­zim­mer. Lisa teilt Zet­tel aus. Rebecca ver­lässt das Ge­bäu­de. Hit­ze. Son­ne. Da ist Li­nus. Er rennt über die Bahn. Ce­d­ric sieht ihm zu und macht sich über ihn lus­tig, weil er als Letz­ter an­kommt. Sein Ernst? Am liebs­ten wür­de sie ihn so­fort zur Rede stel­len, was das soll, dass er sei­nen Mit­schü­ler aus­lacht. Die Jun­gen se­hen sie. Ge­bannt schaut sie auf die Tar­tan­bahn. »Pau­se!«, brüllt der Kol­le­ge. Die Jun­gen stür­men in die Turn­hal­le. Ir­gend­wie ist sie schon dort. Sie späht in die Her­re­num­klei­de. Ein ver­bo­te­ner Spalt an der Tür. Bloß ein kur­z­er, un­er­laub­ter Blick. Viel­leicht ist Ce­d­ric dort. Nie­mand da. Die Jungs schei­nen du­schen zu sein. Ohne Angst da­vor, die Au­gen ver­bo­te­ner­wei­se wei­ter durch den Raum flie­gen zu las­sen, setzt sie einen Schritt in die Her­re­num­klei­de hin­ein. Der Weg in das rechts­wid­ri­ge Reich der Ver­lo­ckun­gen und Ver­su­chun­gen. Es riecht nach Sport, Schweiß und Mann. Vor al­lem hängt ein Ge­ruch von durch­ge­schwitz­ten Kla­mot­ten in der Luft. Muf­fig und ir­gend­wie, als wür­de man di­rekt vor ei­nem Pa­vi­an­stall ste­hen.

Nichts­ah­nend wird sie ra­bi­at von hin­ten ge­packt. Ihre Hän­de wer­den ihr auf den Rü­cken ge­drückt. Je­mand hält sie mit al­ler Ge­walt fest.

»Wen ha­ben wir denn hier?«, fragt der un­be­kann­te Schü­ler, der sie fest­hält. »Eine Leh­re­rin, die spannt.«

Da steht noch je­mand hin­ter ihr, der die im Dusch­raum be­find­li­chen Ker­le fragt: »Schau mal, Ce­d­ric! Ist das nicht dei­ne Tu­to­rin?«

Nun dre­hen sich alle an­de­ren Ober­stu­fen­schü­ler nach ihr um. Da sind so vie­le gut aus­se­hen­de Ju­gend­li­che mit mus­ku­lö­sen Ober­ar­men. Man­che sind so­gar tä­to­wiert. Ei­ni­ge prä­sen­tie­ren sich le­dig­lich in Bo­xers­horts mit Ober­kör­pern wie Bo­dy­buil­der. Blond, schwa­rz­haa­rig, mit brau­ner Wal­le­mäh­ne. So schlank und gut ge­baut. Man­che du­schen und sind voll­kom­men nackt. Al­lein die­ser An­blick treibt ihr die Hit­ze zwi­schen die Schen­kel und be­netzt das Hös­chen mit Feuch­tig­keit.

Ce­d­ric steht in der Mit­te. Er hat nichts mehr an au­ßer sei­ner schwa­r­zen Shorts, die sich eng ge­gen sein Ge­mächt drückt. Sie sieht, wie sich sei­ne stram­men Ho­den am Stoff ab­zeich­nen und er­kennt die Kon­tu­ren sei­nes Schwan­zes. Sein Ober­kör­per halb­nackt – so fest und männ­lich, glatt. Ob er be­reits ge­duscht hat oder noch im­mer ver­schwitzt ne­ben den an­de­ren steht, kann sie nicht ab­schät­zen.

Ob da an­de­re Schü­ler halb­nackt oder kom­plett un­be­klei­det da­ste­hen, spielt kei­ne Rol­le für sie. Nur er. Sie hat nur Au­gen für Ce­d­ric.

Die Hän­de wer­den ihr wei­ter­hin durch einen Schü­ler, den sie nicht se­hen kann, auf den Rü­cken ge­presst. Ce­d­ric tritt einen Schritt aus der Dusch­ka­bi­ne her­aus. »War­um bist du hier?«, fragt er. Er duzt sie vor den Au­gen der Mit­schü­ler und de­mon­s­triert da­mit sei­ne Macht­po­si­ti­on.

Der Griff um ihr Hand­ge­lenk lo­ckert sich. Sie reibt sich die schmer­zen­den Fin­ger­knö­chel.

Doch dann – ohne Vor­war­nung – streift ihr ei­ner der Schü­ler, die hin­ter ihr ste­hen, das Kleid über den Kopf. War sie nicht in Jeans ge­kom­men? Nur noch der BH und ein knap­per Pan­ty be­de­cken ih­ren er­reg­ten Kör­per.

Sie sitzt in der Fal­le, ist den Ju­gend­li­chen hilf­los aus­ge­lie­fert. Al­les könn­ten sie mit ihr an­stel­len. Sie will, dass sie al­les mit ihr an­stel­len. Das weiß Ce­d­ric. Der Teu­fel tanzt um sei­nen Mund und zeigt Rebecca an, sämt­li­che Zü­gel in der Hand zu hal­ten.

Ein Schü­ler, der bis­her ge­duscht hat, sagt zu Ce­d­ric: »Ich wünsch­te, mei­ne Tu­to­rin wür­de auch nur an­satz­wei­se so geil aus­se­hen.« Ge­läch­ter bran­det hin­ter Ce­d­ric auf. Ro­bert und Sa­bri­na eig­nen sich um Län­gen nicht als Wichs­vor­la­ge.

»Kann ja nicht je­der so ein Glück ha­ben wie ich«, aalt er sich im Neid sei­ner Mit­schü­ler. Er wirkt, als wür­de ihm zum ers­ten Mal be­wusst wer­den, wie sexy und gut aus­se­hend sei­ne Leh­re­rin ist.

Am liebs­ten hät­te sie sei­ne an­be­tungs­wür­di­ge Ero­tik so­fort mit ih­rem vor Lust bren­nen­den Kör­per ver­eint. Sie leckt sich mit der Zun­ge über die Lip­pen, beißt dar­auf. Ce­d­ric starrt, glotzt sie an, ohne zu han­deln. Dann gibt er den hin­ter ihr ste­hen­den Schü­lern ein Zei­chen, ihr den Slip und BH vom Kör­per zu strei­fen.

Ce­d­ric ver­kürzt die Di­stanz zu ihr und flüs­tert, ohne dass es die Mit­schü­ler hö­ren kön­nen, in ihr Ohr: »Knie dich hin und lutsch’ mei­nen Schwanz!« Ihre Nip­pel ste­hen vor Er­regt­heit hart ab. Was wür­de er tun, wenn sie sich wei­gern wür­de? Ein Blick zu den an­de­ren Jungs in der Dusch­ka­bi­ne. Ein Blick und sie weiß, sie wür­den eis­kalt ihre Lust an ihr aus­le­ben, wenn sie nicht tut, was Ce­d­ric sagt. Und sie will ihn. Ob sie ihn zwi­schen ih­ren Bei­nen spürt oder in ih­rem Mund, ist ne­ben­säch­lich. Sie will ihn. Da­her sinkt sie nach un­ten, ohne ih­ren Schü­ler aus den Au­gen zu las­sen. Nie­mals mehr woll­te sie sich von ei­nem Mann be­herr­schen las­sen. Aber die­ser selbst­ver­lieb­te Kerl zwingt sie dazu, ihre gu­ten Vor­sät­ze über Bord zu wer­fen.

Sie kau­ert de­vot vor ihm auf dem Bo­den. Sei­ne Geil­heit schwebt di­rekt vor ih­rem Ge­sicht. Noch im­mer hat er sei­ne Un­ter­ho­se an, aber sei­ne Er­re­gung ist nicht mehr zu ver­ber­gen. Es ist still ge­wor­den. Sol­len die an­de­ren Tee­n­a­ger im Kreis um sie her­um ste­hen, gaf­fen, wich­sen. Es ist egal. Kann ru­hig je­der se­hen, wie sehr es sie ge­ra­de an­ma­cht, von ihm Be­feh­le zu emp­fan­gen, die di­rekt zwi­schen ihre Bei­ne schie­ßen.

Es scheint ihn ge­hö­rig auf­zu­gei­len, wie sie da so un­ter­wür­fig vor ihm hockt. Ein Blick in sei­ne Au­gen ge­nügt, um sich Ge­wiss­heit zu ver­schaf­fen, dass es ge­nau­so ist. Vor­sich­tig strei­chelt sie mit ih­rer Hand über den Stoff sei­ner Shorts. Sinn­lich fährt sie die Kon­tu­ren sei­ner Schwanz­spit­ze nach und glei­tet nach un­ten zu den Ho­den. Sie ge­ni­eßt, dass er ihr die vol­le Auf­merk­sam­keit schenkt. Au­ßer­dem geilt es sie auf, im Mit­tel­punkt der Jungs zu ste­hen, die um sie her­um einen Kreis ge­bil­det ha­ben. Ihre scham­lo­sen Bli­cke durch­boh­ren je­den Zen­ti­me­ter ih­res Bo­dys.

Noch im­mer be­rührt ihr Fin­ger den Stoff sei­ner Un­ter­wä­sche. Dann zieht sie am Saum und streift Ce­d­ric sei­ne Be­klei­dung vom Po, hin­ab in die Knie­keh­len. Er be­sitzt einen knacki­gen Arsch, den er un­ter ih­ren Be­rüh­run­gen fest an­spannt. Be­stimmt geht er re­gel­mä­ßig lau­fen oder macht Kraft­trai­ning, um sich in Form zu hal­ten. Am liebs­ten wür­de sie sein gött­li­ches Ge­säß se­hen wol­len, an­statt bloß ihre Nä­gel dar­über krat­zen zu las­sen.

Ver­füh­re­risch schwebt sei­ne Erek­ti­on vor ih­rem Ge­sicht. Sie braucht sich nur we­ni­ge Mil­li­me­ter nach vorn zu beu­gen, um ihn in ih­rer Mund­höh­le zu ver­sen­ken. Sei­nen Pe­nis zu be­schrei­ben, wür­de ei­nem Ver­bre­chen gleich­kom­men, denn wie soll sie Wor­te für et­was fin­den, das nur das Prä­di­kat per­fekt ver­dient. Ge­nau­so per­fekt wird er sich zwi­schen ih­ren Zäh­nen an­füh­len.

Ce­d­ric scheint noch nicht ge­duscht zu ha­ben, da sich ein ver­schwitz­ter Ge­ruch in ih­rer Nase aus­brei­tet. Trotz des Sports stinkt er nicht, son­dern duf­tet be­tö­rend nach Mann, An­stren­gung und männ­li­chen Hor­mo­nen.

Wie­der ist es ihre Hand, die sei­nen Un­ter­leib er­kun­det. Ihre Fin­ger zeich­nen sein Glied nach, han­geln sich an den fei­nen Äder­chen ent­lang. Fein­füh­lig tas­tet sie sich nä­her an sein Ge­heim­nis her­an, als wür­de sie zum ers­ten Mal ein Glied se­hen und in der Hand ha­ben. Die Ei­chel zwi­schen ih­ren Fin­ger­spit­zen fühlt sich weich und sam­tig an. Wie sie glänzt: rosa und kräf­tig, so wie sie es mag. Sie ist gut durch­blu­tet und stim­mig, in sich voll­kom­men.

Sie rutscht ein Stück nach vorn und stößt mit den Lip­pen an der Schwanz­spit­ze an. Leicht be­netzt sie die Spit­ze mit ih­rem Spei­chel. Sie be­feuch­tet sie nur ganz we­nig, wäh­rend ihre Fin­ger den Schaft ent­lang einen Weg bis zur Wur­zel fin­den und, dort an­ge­kom­men, die Ho­den ei­ner Mas­sa­ge un­ter­zie­hen.

Jetzt ist sie be­reit, ihn in sich auf­zu­neh­men. Sie möch­te sei­ne Er­re­gung schme­cken. Den Saft des Lust­trop­fens kos­ten, der aus­ge­tre­ten ist. Der hyp­no­ti­sie­ren­de Ge­ruch und der Ge­schmack sei­nes Saf­tes auf ih­ren Lip­pen rau­ben ihr sämt­li­che Ver­nunft. Am liebs­ten hät­te sie die­se Macht zwi­schen ih­ren Schen­keln ge­spürt – und doch kau­ert sie nur vor ihm, öff­net ih­ren Mund und be­feuch­tet die Ei­chel mit der In­nen­sei­te ih­rer Lip­pen. Noch hat die Zun­ge kei­ne Mög­lich­keit ge­habt, ihn ge­nau­er zu schme­cken. Erst als sie sie zu sei­ner glän­zen­den Pracht ausstreckt, trifft ein Hauch des Ver­bo­te­nen auf ihre Ge­schmacks­knos­pen.

Sie kann ihm den Blo­w­job ver­pas­sen, den er sich wünscht. Ihr gan­zer Mund drängt da­nach, tie­fer auf Wan­der­schaft zu ge­hen und der Ver­lo­ckung nach­zu­ge­ben, das per­fekt ge­form­te Glied in sich auf­zu­neh­men. Auf und nie­der, bis hin­ab zur Pe­nis­wur­zel, an der sie mit ih­ren Lip­pen an­stößt.

Den Wür­ge­re­flex über­geht sie, in­dem sie kräf­tig durch die Nase at­met. Zu er­regt, um wahr­zu­neh­men, wie dick sein Schwanz ist. Wäh­rend sie ihn bläst, fah­ren ihre Hän­de an der In­nen­sei­te sei­ner Schen­kel ent­lang. Sie fühlt die sam­ti­ge Haut, die sich un­ter den Haa­ren sei­ner Bei­ne ver­birgt.

Bis­her hat sie die Au­gen im­mer wie­der ge­schlos­sen. Jetzt schlägt sie sie auf und un­ge­bremst jagt der Au­gen­kon­takt mit Ce­d­ric durch sie hin­durch. Er will zu­se­hen, wie sei­ne Tu­to­rin nach den ver­bo­te­nen Freu­den lechzt.

Zu gern wür­de sie nicht nur von Ce­d­ric be­herrscht wer­den, son­dern wol­len, dass der di­cke Schwanz ei­nes an­de­ren Jun­gen von hin­ten in sie ein­dringt, wäh­rend sie wei­ter ih­ren Schü­ler mit ih­rer Zun­ge ver­wöhnt. Es soll­te je­mand hin­ter ihr sein, der sie an der Hüf­te packt, ihre Näs­se mit sei­ner Schwanz­spit­ze an ih­rer Spal­te ver­teilt und sie wund vö­gelt. Ihr end­lich den Hö­he­punkt schenkt, dem sie ent­ge­gen­fie­bert. Bis­her blieb ihr jeg­li­che Be­frie­di­gung ver­sagt. Sie presst ihre Ober­schen­kel eng ge­gen­ein­an­der, aber es hilft nicht, dem Drang nach­zu­ge­ben, selbst Hand an sich zu le­gen. Sie ist so hoch­gra­dig er­regt, dass sie nicht weiß, wo ihr der Kopf steht und un­will­kür­lich ihre Fin­ger an ih­rer ei­ge­nen Scham ent­lang­treibt.

»Also ich will ja nichts sa­gen«, stöhnt er über ihr, sei­ne Sät­ze an die Jungs ge­wandt, »aber sie ist ver­dammt gut.«

Tie­fer nimmt sie sei­ne Männ­lich­keit in ih­rem Mund auf. Sie kann nicht fas­sen, dass er tat­säch­lich vor ihr steht. Im­mer wie­der drin­gen ge­stöhn­te Lau­te an ihr Ohr. Zu gern wür­de sie ihn in sich füh­len.

Mit je­der Mi­nu­te, die ver­geht, zuckt sein Glied ver­lan­gen­der in ih­rem Mund. Er hilft nach, in­dem er sei­ne Hand an ih­ren Kopf legt. Ohne for­dernd zu wer­den, hilft er ihr in den Be­we­gun­gen. Der Pe­nis wird kräf­ti­ger, sein Stöh­nen keh­li­ger. Gleich wird es ihm kom­men.

Kurz vor dem Or­gas­mus zieht er sei­nen Schwanz aus ih­rem Mund her­aus. Er reibt mit zwei Fin­gern über sei­ne Ei­chel und er­gießt sich kraft­voll auf ih­rer Brust. Der Sa­men klebt jetzt wie ein fins­te­res Mahn­mal auf ih­rem Bu­sen. Als wür­de er sie ewig dar­an er­in­nern wol­len, dass sie mit ihm die­sen in­ti­men Mo­ment ge­teilt hat. Als wol­le er sie mar­kie­ren und zeich­nen.

Er sieht sie er­löst an. Ohne auf das ge­ra­de Ge­sche­he­ne zu re­a­gie­ren, zieht Ce­d­ric sei­ne Un­ter­ho­se nach oben, schaut in die Run­de der Mit­schü­ler und lä­chelt be­frie­digt.

»Geh dich du­schen«, for­dert er. Hier? Vor al­len an­de­ren? Und was ist mit ihr: Be­kommt sie end­lich die wohl­ver­dien­te Be­loh­nung für das, was sie ihm ge­schenkt hat?

Sie wankt an den Jungs vor­bei, bei­nah aus­lau­fend vor Be­gier­de. Man­che rei­ben sehr auf­fäl­lig über ihre Schwen­gel, stel­len sich ver­mut­lich vor, wie es wäre, selbst das zu er­hal­ten, was Ce­d­ric be­kom­men hat. Beim An­blick die­ser etwa fünf­zehn männ­li­chen Ju­gend­li­chen pocht ihre Weib­lich­keit, sich noch mehr seh­nend nach Be­rüh­run­gen und Nähe.

Sie tau­melt zur ein­zi­gen lee­ren Du­sche. Ne­ben die­ser ste­hen im­mer noch ein paar Schü­ler, die sich das Was­ser über ihre sport­li­chen Kör­per lau­fen las­sen oder sich mit Dusch­gel ein­rei­ben. Die Stän­der, die vie­le von ih­nen vor sich her­tra­gen, lässt sie vor Lüs­tern­heit er­zit­tern. Erst recht, wenn sie ihre hung­ri­ge Bli­cke zu ihr aus­sen­den.

Sie schal­tet das Was­ser an. Sie ge­ni­eßt es, dort zu ste­hen und das an­ge­nehm war­me Nass auf ih­rer Haut zu füh­len, das sich in Kas­ka­den über ih­ren Kör­per er­gießt. Ihre an­ge­spann­ten Ner­ven­bah­nen wer­den da­mit nicht be­ru­higt, im Ge­gen­teil. Sie hat Bock auf einen sünd­haf­ten Fick. Das Ver­lan­gen ist so über­mäch­tig, dass sie selbst über ih­ren Kitz­ler reibt, weil es nie­mand wagt, sie an­zu­fas­sen. Sie presst eng die Schen­kel zu­sam­men, ver­reibt die Näs­se mit ih­rer Hand und keucht vor Be­gier­de auf. Als wäre sie al­lein un­ter der Du­sche, sti­mu­liert sie sich mit dem Was­ser­strahl und ih­ren Fin­ger­kup­pen, vor Geil­heit trie­fend.

Je­mand scheint Mit­leid mit ih­rem un­über­hör­ba­ren Seh­nen zu ha­ben, denn über­ra­schend schiebt sich eine männ­li­che Per­son hin­ter sie, um­fasst ihre Tail­le mit sei­nen war­men Fin­gern. Die Hand glei­tet hin­auf in Rich­tung Bu­sen. Dort strei­chelt sie über die Brust­wa­r­zen. Ein vor Lust ge­quäl­tes La­chen stiehlt sich auf ihr Ge­sicht. CE­D­RIC! Sie. Will. Ihn. JETZT! Der Je­mand drückt mit sei­ner gan­zen Po­tenz ge­gen ih­ren Un­ter­leib, der vor pu­rer Ek­sta­se ex­plo­die­ren will. Die Hand aber ist zu we­nig for­dernd, als dass sie nur an­satz­wei­se zur Be­frie­di­gung tau­gen wür­de. »Oh Rebecca«, stöhnt der­je­ni­ge und sie glaubt, die fer­ne Stim­me ih­res Schü­lers Li­nus zu er­ken­nen, den sie bis dato gar nicht wahr­ge­nom­men hat.

Rebecca schlug die Au­gen auf. Oran­ges Son­nen­licht fiel in ein­zel­nen Punk­ten durch die Ja­lou­si­en. Sie dreh­te sich ver­schwom­men zum We­cker um, der 4:51 Uhr an­zeig­te. Sie muss­te sich wäh­rend des Träu­mens ir­gend­wie von ih­rem Nacht­hemd ge­löst ha­ben. Der Stoff be­fand sich zu­sam­men­ge­rafft an ih­rer Brust, so­dass ihr Un­ter­leib voll­kom­men brach lag. Da sie für ge­wöhn­lich kei­nen Slip trug, scheu­er­ten ihre über­reiz­ten Schamlip­pen an­ein­an­der. Rebecca führ­te die Hand an ih­ren Schoß und fühl­te nichts au­ßer der blan­ken Gier nach Er­lö­sung.

Sie tat es er­neut. Sie war drauf und dran, sich in Ce­d­ric zu ver­lie­ben.

Kapitel 6

Es wür­de ein Ma­ra­thon wer­den, alle zwölf Jungs und Mäd­chen zu in­ter­view­en. Aber es muss­te sein, da­mit Rebecca von An­fang an einen Draht zu ih­nen auf­bau­te. Wie eng der sein wür­de, hing jetzt ganz al­lein von ih­rem päd­ago­gi­schen Ge­schick ab.

Mit Eme­ly wür­de sie heu­te das ers­te Ge­spräch füh­ren. Gleich vor der ers­ten Stun­de soll­te es statt­fin­den. Rebecca hat­te einen lee­ren Klas­sen­raum or­ga­ni­siert. Die Schü­le­rin er­schien pünkt­lich und klopf­te pflicht­be­wusst an der Tür an. »Her­ein!«, rief Rebecca, die be­reits am Lehrer­tisch saß, einen Ku­gel­schrei­ber zwi­schen ih­ren Fin­gern dreh­te und auf ihre Schü­le­rin war­te­te.

Eme­ly steck­te schüch­tern ih­ren Kopf durch den Tür­schlitz. »Darf ich rein­kom­men?«, frag­te sie mit ih­rer piep­si­gen Stim­me. Rebecca wies mit der Hand auf den Stuhl ge­gen­über ih­res Ti­sches und Eme­ly husch­te scheu auf den frei­en Platz. Sie war ein bild­hüb­sches Mäd­chen mit ei­nem rund­li­chen Ge­sicht und ei­ner nied­li­chen Stups­na­se. Ihre Haa­re be­sa­ßen einen ähn­li­chen Braun­ton wie die von Rebecca. Statt aber wel­lig zu sein, fiel ihr die lan­ge Mäh­ne glatt über die Schul­tern. Beim Re­den fin­ger­te Eme­ly im­mer wie­der an den Spit­zen ih­rer Haa­re her­um oder wi­ckel­te Lo­cken mit Dau­men und Zei­ge­fin­ger.

Die Zeit ver­ging rasch. Das Mäd­chen er­zähl­te na­he­zu al­lein von dem, was sie preis­ge­ben soll­te, ohne dass Rebecca nach­fra­gen muss­te. Sie schien eine Schü­le­rin mit durch­schnitt­li­chen No­ten zu sein. Zwar ehr­gei­zig, aber nicht so er­picht dar­auf, die Bes­te sein zu müs­sen.

Rebecca woll­te mehr über das Pri­vat­le­ben von ihr er­fah­ren und frag­te Eme­ly nach ih­ren Hob­bys. »Sport na­tür­lich«, gab sie fei­xend zu­rück und er­zähl­te, wie gern sie jog­gen ging und wie oft in der Wo­che sie Vol­ley­ball mit ih­ren Freun­din­nen spiel­te. Wäh­rend sie sprach, zwir­bel­te sie die Spit­zen ih­rer Haa­re zwi­schen den Fin­gern, roch dar­an und ließ sie los.

»Hast du einen Freund?«, woll­te Rebecca in­ter­es­siert wis­sen. Eme­ly schüt­tel­te den Kopf und ki­cher­te. »Was ist los?«, frag­te Rebecca nach. »Du stehst doch auf je­man­den oder war­um druckst du so her­um?« Sie wa­ren un­ter sich. Die Schü­le­rin wuss­te, dass nichts von dem Ge­spräch nach au­ßen drin­gen wür­de.

»Ce­d­ric …«, deu­te­te Eme­ly an, ohne auf­zu­schau­en. Sie grien­te wie eine ver­knall­te Drei­zehn­jäh­ri­ge. Of­fen­sicht­lich hat­te sie noch nie einen Freund ge­habt, da sie so blau­äu­gig re­a­gier­te.

»Magst du ihn?«, frag­te Rebecca vor­sich­tig nach.

Eme­ly nick­te und flüs­ter­te kaum hör­bar, als wür­de sie sich schä­men, mit ih­rer neu­en Tu­to­rin dar­über zu spre­chen: »Er ist so süß.« Wie naiv sie den Satz aus­sprach. Zu­sam­men­ge­kau­ert und un­schul­dig ver­träumt hock­te sie Rebecca ge­gen­über. Ge­gen die feuch­ten Träu­me mit Ce­d­ric, mit de­nen sie selbst im Bett lag, ver­blass­ten die si­cher­lich mehr als arg­lo­sen Mäd­chen­fan­tasi­en die­ser Schü­le­rin.

Rebecca wag­te einen Vor­stoß: »Hat Ce­d­ric eine Freun­din?«

»Ich glau­be nicht«, ant­wor­te­te Eme­ly. »Aber da müs­sen Sie Lara fra­gen. Die hängt im­mer mit ihm ab.« Autsch. Rebecca ahn­te, einen wun­den Punkt ge­trof­fen zu ha­ben. Eme­ly ver­zog ih­ren Mund zu ei­nem schma­len Spalt. Sie war nei­disch auf die dür­re Lara, die in Rebeccas Au­gen null Po­ten­ti­al be­saß, Ce­d­ric in ihre ha­ge­ren Hän­de zu be­kom­men.

»Kopf hoch«, trös­te­te sie Eme­ly. Doch das Lä­cheln, das sie ihr zu­rück­gab, war nicht ehr­lich ge­nug, um Rebecca zu über­zeu­gen.

Auf dem Gang hör­te sie Ge­räu­sche: Stim­men durch­dran­gen den Flur; zu­dem Schu­he, die über das Lin­ole­um trap­pel­ten. Je­den Mo­ment wür­de der Gong er­schal­len, der den Be­ginn der ers­ten Stun­de an­kün­dig­te.

»Wir müs­sen jetzt Schluss ma­chen«, sag­te Rebecca. »Dan­ke, dass du so of­fen warst.«

Jetzt strahl­te Eme­ly wie­der. »Gern.« Sie moch­te ihre Schü­le­rin schon jetzt.

Am Frei­tag führ­te Rebecca wei­te­re Ge­sprä­che mit den Mä­dels ih­res Kur­ses. Ce­d­ric und Li­nus hat­te sie sich für die neue Wo­che auf­ge­ho­ben, ge­nau wie ei­ni­ge der Mäd­chen. Die Ge­sprä­che of­fen­bar­ten, was sie be­reits ge­ahnt hat­te: Dass sie ganz freund­li­che Men­schen be­saß, die sie den Rest des Schul­jah­res be­glei­ten durf­te. Ein en­ger Draht wur­de noch nicht auf­ge­baut, aber zu­min­dest ers­te Ban­de ge­knüpft, die die Ba­sis für einen ge­lun­ge­nen Start bo­ten.

Am Mon­tag­abend, eine Wo­che vor der Kurs­fahrt, hat­ten Ro­bert und Sa­bri­na den El­tern­abend an­ge­setzt, an dem Rebecca of­fi­zi­ell als drit­te Tu­to­rin und als Ver­tre­tung für die sich im Ba­by­jahr be­find­li­che Kol­le­gin vor­ge­stellt wer­den soll­te. Ob­wohl es be­reits 18:30 Uhr war, drück­te sich die Hit­ze in alle er­denk­li­chen Win­kel der Aula des Sport­gym­na­si­ums hin­ein. Als Rebecca er­schien, riss Ro­bert ge­ra­de an den Grif­fen sämt­li­cher Fens­ter, die es in dem Saal gab, wäh­rend Sa­bri­na auf der Büh­ne stand und sich mit ei­nem Pa­pier­strei­fen Luft zu­fä­chel­te. »Ich glau­be nicht, dass du Er­folg da­mit hast, Ro­bert. Im­mer­hin ist es drau­ßen auch nicht käl­ter als hier drin!«, rief sie mit ih­rer krat­zi­gen Stim­me dem Kol­le­gen zu. Un­ab­läs­sig we­del­ten ihre knol­li­gen Hän­de durch die sti­cki­ge Luft.

Rebecca steu­er­te auf Sa­bri­na zu, die an den Tisch trat, der sich ne­ben dem Red­ner­pult be­fand. Dort sor­tier­te sie zwei Sta­pel mit Zet­teln, Be­leh­run­gen und Über­sich­ten der Un­ter­neh­mun­gen. Die El­tern kann­ten den gro­ben Ab­lauf und soll­ten nun ge­nau­e­re In­struk­ti­o­nen er­hal­ten.

»Meinst du, dass alle El­tern da sein wer­den?«, frag­te Rebecca zö­ger­lich, weil sie einen bre­chend vol­len Raum be­fürch­te­te mit hun­der­ten Au­gen­paa­ren, die sie wie Dol­che durch­sto­ßen wür­den.

»Nein. Du brauchst kei­ne Angst zu ha­ben. Guck mal, man­che El­tern ha­ben ihr Kind am In­ter­nat un­ter­ge­bracht, weil sie in ei­nem ganz an­de­ren Bun­des­land woh­nen. Auf der an­de­ren Sei­te«, wäg­te Sa­bri­na ab, »neh­men sich et­li­che El­tern auch be­wusst frei, da­mit sie her­kom­men kön­nen.«

Bit­te nicht. Rebecca hoff­te auf einen ab­ge­mil­der­ten Zu­strom, wur­de aber ei­nes Bes­se­ren be­lehrt, denn die ers­ten Müt­ter und Vä­ter flu­te­ten be­reits den Saal. Wäh­rend ein Bruch­teil Rich­tung Büh­ne lief und die Tu­to­ren per­sön­lich be­grüß­te, lie­ßen sich die meis­ten El­tern­tei­le gleich nach dem Ein­tre­ten auf den Stüh­len nie­der. Da sich vie­le aus den Jah­ren der Klas­sen­ge­mein­schaft kann­ten, folg­ten lau­te Wort­wech­sel, teils über gan­ze Sitz­rei­hen hin­weg.

»Er­kennst du El­tern aus mei­nem Kurs?«, frag­te Rebecca ihre neue Kol­le­gin, wäh­rend sich ihr ge­hemm­ter Blick durch den Saal be­weg­te und ver­such­te, Ähn­lich­kei­ten zwi­schen Mut­ter und Toch­ter be­zie­hungs­wei­se zwi­schen Va­ter und Sohn zu ent­de­cken.

»Da sind schon wel­che da. Ju­li­as El­tern sehe ich«, sag­te Sa­bri­na, dreh­te ih­ren Kopf aber wie­der weg, um sich er­neut der Zet­tel­wirt­schaft auf dem Tisch­chen zu­zu­wen­den.

»Und sonst?«, frag­te Rebecca zö­ger­lich.

Sicht­lich ge­nervt stri­chen Sa­bri­nas skep­ti­sche Au­gen durch die Rei­hen der An­we­sen­den. »Ja, da sind noch wel­che da, glau­be ich. Ro­bert hat­te mehr­heit­lich dei­ne Leu­te in sei­ner Klas­se. Ich kann dir da we­nig hel­fen.«

Ro­bert re­de­te ab­seits der Büh­ne stark ges­ti­ku­lie­rend mit ei­nem El­tern­teil. Er lach­te. Ge­heu­chel­tes Ge­tue, schoss es Rebecca durch den Kopf. Ob­wohl: Bei Ro­bert war sie sich da nicht so si­cher. Er hat­te ir­gend­wie im­mer gute Lau­ne.

Rebecca dach­te zu­rück an die Zeit an ih­rer al­ten Schu­le: Sie hass­te El­tern­aben­de, weil sie sich einen gan­zen Abend lang ein Dau­er­grin­sen ins Ge­sicht mei­ßeln muss­te. Po­si­ti­ve Wor­te zu fin­den hat­te, wo es Kri­tik ge­ben soll­te. Bloß nicht an­e­cken, um nicht beim Schul­lei­ter zu sit­zen und sich recht­fer­ti­gen zu müs­sen.

So hing Rebecca ih­ren Ge­dan­ken nach. Ver­lo­ren stand sie auf der Büh­ne und be­trach­te­te die na­men­lo­se Mas­se, die sich in die Sitz­rei­hen zwäng­te. Sie muss­te zu­se­hen, ihre Auf­re­gung, die Vi­bra­ti­o­nen und Elek­tro­stö­ße durch ih­ren Kör­per schick­te, un­ter Kon­trol­le zu be­kom­men.

Es war heiß in der Aula.

Wie be­reits in den Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tun­gen fühl­te Rebecca einen un­säg­li­chen Druck auf ih­rem Kör­per. Da sie nur leicht be­klei­det war – sie hat­te sich einen som­mer­lich kur­z­en Rock über­ge­wor­fen – konn­te sie we­nigs­tens das Schwit­zen halb­wegs re­gu­lie­ren. Bei ih­rem Bauch war sie sich da nicht so si­cher. Es drück­te und gur­gel­te laut hör­bar. Hät­te sie doch bloß zu Hau­se Abend­brot ge­ges­sen, an­statt mit lee­rem Ma­gen in die Schu­le zu ge­hen.

Und nun stand sie auch noch auf der Büh­ne! Sie konn­te sich nicht ein­fach in die ers­te Rei­he set­zen und sich ver­krie­chen. Erst recht durf­te sie nicht ab­hau­en. Ob­wohl sie nichts zu sa­gen brauch­te, son­dern von ih­ren bei­den Kol­le­gen vor­ge­stellt wur­de, droh­te ihr Herz aus der Brust zu sprin­gen, als sie die im­mer vol­ler wer­den­de Aula re­gis­trier­te und die in­ter­es­sier­ten Bli­cke der El­tern wahr­nahm, die sie er­dolch­ten.

»Gu­ten Abend, lie­be El­tern«, un­ter­brach die re­so­lu­te Stim­me von Sa­bri­na die Un­ru­he im Saal. Rebecca kne­te­te ihre durch­tränk­ten Hän­de vor dem Schoß und müh­te sich zag­haf­te Freund­lich­keit ab. »Ich freue mich, dass Sie so zahl­reich zu un­se­rem El­tern­abend er­schie­nen sind.« Eine kur­ze Pau­se. Rebeccas Au­gen wan­der­ten über die Un­be­kann­ten. »Wir wer­den Sie an die­sem Abend über die Fahrt nach Ita­li­en auf­klä­ren. Sie er­hal­ten das de­tail­lier­te Pro­gramm vor­ge­stellt. Au­ßer­dem be­kom­men Sie die Be­leh­run­gen mit­ge­teilt, die auch die Schü­ler von ih­ren Tu­to­ren er­hal­ten ha­ben oder noch er­hal­ten wer­den.«

Wie­der ließ Sa­bri­na ei­ni­ge Se­kun­den ver­ge­hen, be­vor sie wei­ter­sprach: »Zu­nächst aber zu der Frau, die hier ne­ben mir steht.« Sa­bri­na streck­te ihre wuls­ti­ge Hand nach Rebecca aus. »Frau Pe­ters wird in die­sem Schul­jahr die Schwan­ger­schafts­ver­tre­tung für Frau Frit­sche über­neh­men. Als Tu­to­rin wird sie uns selbst­ver­ständ­lich nach Ita­li­en be­glei­ten.« Sa­bri­na hielt kurz das Mi­kro­fon zu und wand­te sich an Rebecca: »Willst du noch selbst ein paar Wor­te zu dir sa­gen?«, frag­te sie.

Sa­bri­na hat­te noch nicht ein­mal den Satz be­en­det, da schüt­tel­te Rebecca schon mit schreck­ge­wei­te­ten Au­gen den Kopf. Ihr war gleich­gül­tig, wie das auf die an­we­sen­den El­tern wir­ken muss­te. So­lan­ge sie nicht ge­zwun­gen wur­de zu spre­chen.

»Frau Pe­ters steht Ih­nen für ein per­sön­li­ches Ken­nen­ler­nen zur Ver­fü­gung. Am Ende die­ser Ver­an­stal­tung kön­nen Sie gern mit ihr in Kon­takt tre­ten, wenn Sie Fra­gen zum Kurs ha­ben oder wenn Sie un­se­re neue Kol­le­gin ken­nen­ler­nen möch­ten.« Rebecca hoff­te, dass nicht all­zu vie­le da­von Ge­brauch ma­chen wür­den. In­ner­lich dank­te sie ih­rer neu­en Kol­le­gin da­für, dass sie nicht selbst vor al­len An­we­sen­den einen Mo­no­log füh­ren muss­te. Sa­bri­na zog die Mund­win­kel in die Höhe. Rebecca er­kann­te die Ge­quält­heit, die in ih­rer Mi­mik lag. Of­fen­bar war sie nicht die Ein­zi­ge, die Freund­lich­keit vor­täusch­te.

Mit je­dem wei­te­ren Satz, den Sa­bri­na durch das Mi­kro­fon sand­te, ent­spann­ten sich ihre Ner­ven und ihr Herz schlug in ei­nem ge­sün­de­ren Rhyth­mus. Ihre Kol­le­gin schien schon öf­ter der­ar­ti­ge El­tern­aben­de ab­ge­hal­ten zu ha­ben, da sie mit ei­ner Leich­tig­keit sprach, die Rebecca ehr­fürch­tig wer­den ließ. So­gar Ro­bert brauch­te kaum Er­gän­zun­gen vor­zu­neh­men, als Sa­bri­na den de­tail­lier­ten Ab­lauf mit­hil­fe ei­ner Pow­er Point Prä­sen­ta­ti­on er­klär­te und an die Ein­hal­tung der Re­geln ap­pel­lier­te. Erst, als ge­gen Ende der Ver­an­stal­tung Fra­gen ge­stellt wer­den durf­ten, misch­te sich Ro­bert in die Er­läu­te­run­gen ein. Aber auch er wirk­te kein biss­chen un­si­cher.

Ins­ge­samt dau­er­te es eine ge­schla­ge­ne Stun­de, bis alle Un­kla­r­hei­ten be­sei­tigt wa­ren und die El­tern zu­frie­den die Aula ver­lie­ßen. Nur we­ni­ge ka­men noch ein­mal nach vorn, um Rebecca per­sön­lich die Hand zu schüt­teln und mit ihr ins Ge­spräch zu kom­men. Sie lern­te die El­tern von Ju­lia ken­nen, und auch die Mut­ter von Eme­ly war er­schie­nen. Ihre Schü­le­rin mach­te im­mer so einen ein­ge­schüch­ter­ten Ein­druck. Ihre Mut­ter hin­ge­gen strahl­te Le­bens­mut und Elan aus. Die Wor­te spru­del­ten nur so aus ihr her­aus, als sie wis­sen woll­te, wie es ih­rer Toch­ter ging. Da Rebecca die Klas­sen­kon­stel­la­ti­o­nen da­vor nicht kann­te, konn­te sie der Mut­ter we­nig Rü­ck­mel­dun­gen ge­ben. Sie zog trotz al­lem be­ru­higt ab und Rebecca war froh, dass nie­mand sonst ihre wert­vol­le Abend­ru­he stör­te.

Am Diens­tag er­war­te­te sie Li­nus. Rebecca saß auf ei­ner Bank im Schul­hof. Über ihr spen­de­te das dich­te Ge­äst ei­ner Kas­ta­nie ein we­nig Schutz vor der Son­ne, die nach wie vor un­er­bitt­lich ihre Kraft zur Erde schick­te. Rebecca spür­te das hei­ße Holz un­ter ih­rem Ober­schen­kel, da sie einen ka­rier­ten Fal­ten­rock trug, der ihr noch nicht ein­mal bis zum Knie reich­te.

Sie war­te­te. Ent­we­der kam Li­nus nicht pünkt­lich aus dem Un­ter­richt oder er ließ sie be­wusst war­ten. Letz­te­res glaub­te Rebecca al­ler­dings nicht, da sie ih­ren Schü­ler für zu­ver­läs­sig und acht­sam hielt. Doch nun das: Fünf Mi­nu­ten wa­ren ver­stri­chen, ohne dass Li­nus er­schien. Kost­ba­re Zeit, die sie drin­gend be­nö­tig­te, um mit ihm zu spre­chen.

Die Schwing­tür des Schul­ge­bäu­des öff­ne­te sich und her­aus trat Li­nus, der so­fort in eine Glo­ri­o­le aus Son­nen­licht ge­taucht wur­de, als er den Schul­hof durch­schritt. Sei­ne wei­ße Haut an den Ar­men und an den Bei­nen bil­de­te einen auf­fal­len­den Kon­trast zu der dunk­len Klei­dung, die er am Kör­per trug.

»Ent­schul­di­gen Sie bit­te, Frau Pe­ters«, sag­te er, »aber Herr Krenz hat noch mit mir …«

»Ist gut«, fiel sie ihm ins Wort. »Setz dich erst ein­mal hin und dann re­den wir in Ruhe, okay?«

Li­nus nick­te, stell­te sei­nen Ruck­sack ab und ließ sich auf die Bank nie­der.

Rebecca blick­te in ihre Un­ter­la­gen. Sie woll­te nach­se­hen, wel­che Fra­gen sie ih­rem Schü­ler un­be­dingt stel­len muss­te. Li­nus dreh­te sei­nen Ober­kör­per leicht in ihre Rich­tung.

»Er­zähl mir, wie du an die­se Schu­le ge­kom­men bist. Du bist im­mer­hin ein Jahr äl­ter als dei­ne Mit­schü­ler.«

»Ich kom­me ur­sprüng­lich nicht aus die­ser Stadt. Mei­ne Fa­mi­lie wohnt gute hun­dert Ki­lo­me­ter weg. Ich habe in mei­ner al­ten Hei­mat die zehn­te Klas­se mit ganz pas­sablen No­ten ab­ge­schlos­sen.«

»Und da woll­test du das Ab­itur nach­ho­len, oder wie?«

»In der Grund­schu­le war ich in ei­nem Hand­ball-Ver­ein. Ich habe wahn­sin­nig gern Hand­ball ge­spielt, müs­sen Sie wis­sen. Vie­le Kin­der ka­men und gin­gen. Ich war ir­gend­wie im­mer in die­sem Ver­ein ak­tiv, vie­le vie­le Jah­re lang. Mit je­der Trai­nings­stun­de ver­bes­ser­te ich mich. Das gab mir un­glaub­lich Selbst­ver­trau­en. Ir­gend­wann kam der Trai­ner auf mich zu und mein­te, dass er mehr in mir sieht. Er sag­te, wenn ich wei­ter übe, wür­de ich es noch weit brin­gen mit dem Sport. Er er­kann­te, dass ich sehr ehr­gei­zig war. In der Schu­le hat­te ich da­mals kei­ne be­son­ders gu­ten No­ten. Ich schwamm im­mer im Mit­tel­feld mit, aber es gab kein Fach, in dem ich be­son­ders gut war. Sport al­ler­dings habe ich schon im­mer gern ge­macht, ob­wohl es ei­ni­ge Jun­gen gab, die bes­ser wa­ren als ich. Als mich der Trai­ner un­se­res Ver­eins ge­lobt hat, war es das ers­te Mal, dass mir je­mand ein Kom­pli­ment ge­macht hat, das sich auf den Sport be­zog. Ich war mega stolz auf mich. Also dach­te ich: Mach was aus dei­ner Lei­den­schaft und stu­die­re Sport! Da­für reich­te aber der Re­al­schul­ab­schluss nicht aus. Also habe ich mich nach der zehn­ten Klas­se hier be­wor­ben und wur­de ge­nom­men. Die Auf­nah­me­prü­fung war schwer. Da wur­den Dis­zi­pli­nen ab­ge­prüft, die mir nicht so lie­gen. Sprint zum Bei­spiel ist gar nicht meins.« Li­nus senk­te den Kopf und starr­te auf die aus­ge­dörr­te Erde zu sei­nen Fü­ßen. Mit den Turn­schu­hen zeich­ne­te er Krei­se in den tro­ckenen Sand.

»Aber nun bist du ja hier«, lä­chel­te Rebecca ihn an. Li­nus hob sein Ge­sicht und blick­te sie an. Da lag et­was in sei­nen grü­nen Iri­den, das sie nicht er­grün­den konn­te.

»Ich bin nach der Schu­le um­ge­zo­gen, im In­ter­nat un­ter­ge­kom­men und muss­te die zehn­te Klas­se wie­der­ho­len. Seit­dem ken­ne ich auch Ce­d­ric.« Ein dunk­ler Schat­ten leg­te sich um sei­ne Au­gen. Zu­min­dest glaub­te Rebecca, eine kur­ze Re­ak­ti­on, ein Zu­cken um sei­ne Au­gen­par­tie, wahr­ge­nom­men zu ha­ben.

Da er die An­deu­tung selbst gab, bohr­te Rebecca wei­ter nach. »Wie ist dein Ver­hält­nis zu ihm?«

Er hielt kurz inne, dann frag­te Li­nus: »Bleibt das Ge­spräch un­ter uns?«

Sie nick­te. Das gab ihm das nö­ti­ge Ver­trau­en, um wei­ter­zu­spre­chen: »Als ich in nach mei­nem Ab­schluss her­kam, war Ce­d­ric der Schwarm der Mäd­chen. So­wohl in un­se­rer Klas­se als auch in der Stu­fe. Ich glau­be, dass ihn auch man­che Acht- oder Neunt­kläss­le­rin an­ge­schmach­tet hat.« Der Neid zer­fraß ihn. »In un­se­rer Klas­se gab es noch elf an­de­re Jungs, mit mir zwölf, aber Ce­d­ric war der ab­so­lu­te Star. Beim Sport war er im­mer der Bes­te, ob­wohl er an­sons­ten nicht un­be­dingt gute No­ten hat­te. Aber dazu kön­nen Sie ihn selbst be­fra­gen.«

Rebecca hör­te in­ter­es­siert zu. Ob­wohl Li­nus sehr kon­trol­liert sprach, merk­te sie trotz­dem, dass es in dem Ju­gend­li­chen ar­bei­te­te, denn er zog die Au­gen­par­tie zu­sam­men und ver­kniff den Mund zu ei­nem dün­nen Schlitz. Sein Ge­sicht war schmal, aber nicht un­be­dingt häss­lich. Er be­saß eine ge­ra­de Nase, die ihm einen ele­gan­ten Touch ver­lieh. Sei­ne schwa­r­zen Haa­re wa­ren ak­ku­rat ge­schnit­ten. Nicht so un­ge­zähmt wie die sei­nes Mit­schü­lers. Li­nus trug ein ziem­lich auf­dring­li­ches Pa­r­fum, das Rebecca be­reits in der Dis­co un­an­ge­nehm auf­ge­fal­len war. Es stach in ih­rer Nase. Da sie nicht un­freund­lich sein woll­te, blieb sie nah ne­ben ihm sit­zen, auch wenn der pe­ne­tran­te Ge­ruch ihr zu schaf­fen mach­te.

»Je­den­falls ließ er mich recht of­fen­sicht­lich wis­sen, dass er von mei­nen sport­li­chen Leis­tun­gen nicht viel hielt.« Li­nus press­te die Lip­pen noch fes­ter auf­ein­an­der und über­leg­te be­müht, was er preis­ge­ben woll­te. Er sprach aber nicht wei­ter.

»Wur­dest du ge­mobbt?«, sprach Rebecca die Ver­mu­tung of­fen­siv aus.

»Nicht di­rekt«, deu­te­te er an. »Er hat es mir nie ins Ge­sicht ge­sagt, was er von mir hält. Aber wenn ich zum Bei­spiel ge­rannt bin, hat er manch­mal selt­sa­me Ge­räu­sche von sich ge­ge­ben, ge­pfif­fen oder sich in ei­nem ganz spe­zi­el­len Ton­fall ge­räus­pert. Alle an­de­ren Jungs ha­ben mich ko­misch an­ge­glotzt. Ich den­ke, dass sie hin­ter mei­nem Rü­cken ge­läs­tert ha­ben. In der Um­klei­de­ka­bi­ne wur­de es je­den­falls im­mer still, wenn ich rein­kam.«

Rebecca be­schloss, Ce­d­ric un­auf­fäl­lig dazu zu be­fra­gen, ohne ihr Ge­spräch mit Li­nus zu er­wäh­nen. »Re­den wir doch mal dar­über, dass ihr bei­de in ei­nem Kurs seid.«

»Sie mei­nen, weil wir bei­de Deutsch-Leis­tungs­kurs ge­wählt ha­ben und nicht Ma­the? Nun ja, ich bin eine Nie­te in Ma­the. Von da­her war klar, dass ich nach der zehn­ten Klas­se Deutsch als Leis­tungs­kurs neh­men wer­de. Ce­d­ric hat­te ähn­li­che Pro­ble­me mit den Zah­len und Glei­chun­gen. Alle an­de­ren Jungs ha­ben sich für den Ma­the-Leis­tungs­kurs ent­schie­den. Ich habe in­stän­dig ge­hofft, im an­de­ren Deutsch-Kurs zu sein, aber das Schick­sal woll­te es, dass wir zu­sam­men­blei­ben. Hm…« Ein an­ge­spann­tes Grin­sen trat auf sein Ge­sicht.

»Hat sich das Ver­hält­nis zwi­schen euch ge­bes­sert, als ihr in die elf­te Klas­se ge­kom­men seid?«, woll­te Rebecca wis­sen, weil Li­nus nach wie vor auf­ge­rührt wirk­te.

»Wir wa­ren die ein­zi­gen Jun­gen im Kurs. Ir­gend­wie hat sich Ce­d­ric am ers­ten Schul­tag in der elf ne­ben mich ge­setzt. Frau Frit­sche hat ganz er­staunt ge­guckt, als sie uns auf ei­ner Bank ge­se­hen hat. Sie wuss­te na­tür­lich, dass wir kei­ne Freun­de wa­ren. Aber schein­bar hat­ten die Som­mer­fe­ri­en da­vor be­wirkt, dass Ce­d­ric ein­fach die zehn­te Klas­se ver­ges­sen hat. Er saß dort am ers­ten Tag nach den Fe­ri­en und seit­dem im­mer. Aber nur im Tu­tor­kurs. So­bald Pau­se war und er mit sei­nen Freun­den ab­hing oder wenn er mit sei­nen frü­he­ren Kum­pels zu­sam­men Un­ter­richt hat­te, war ich Luft.«

Rebecca schwieg. Ließ nach­wir­ken, was er ihr of­fen­bar­te.

»Hast du noch den Wunsch, Sport zu stu­die­ren?«

»Un­be­dingt. Ich ar­bei­te sehr hart da­für, trai­nie­re im­mer flei­ßig, wenn ich nach­mit­tags im In­ter­nat bin.« In sei­ner Stim­me lag der un­be­ding­te Wil­le, sein Ziel zu er­rei­chen. Das ach­te­te Rebecca sehr. Bis­her hat­te sie ge­glaubt, in Li­nus einen we­nig ehr­gei­zi­gen Schü­ler zu fin­den. Doch er steck­te vol­ler Über­ra­schun­gen. Auch als er ihr er­zähl­te, dass er sehr gläu­big er­zo­gen wur­de und sich spä­ter eine Fa­mi­lie mit Kin­dern wünsch­te.

»Hast du schon eine Freun­din, mit der du die­sen Plan durch­zie­hen willst?«

Doch auch dar­auf re­a­gier­te Li­nus selt­sam in sich ver­sun­ken. »Ich hat­te noch nie eine Freun­din«, sag­te er und blick­te Rebecca zum ers­ten Mal in die­ser Un­ter­hal­tung für län­ge­re Zeit in die Au­gen, ohne wei­ter­zu­spre­chen. Ein Krib­beln durch­zuck­te die Luft. Der Schul­hof knis­ter­te. Das Grün über ih­ren Köp­fen be­weg­te sich kei­nen Mil­li­me­ter. Rebecca spür­te den ver­dorr­ten Bo­den un­ter ih­ren Fuß­soh­len. Sie hat­te die Pumps aus­ge­zo­gen und streif­te mit dem gro­ßen Zeh den war­men Sand. Li­nus stieß mit sei­nem Bein an ihr nack­tes Knie an. Statt es so­fort zu­rück­zu­zie­hen, harr­te es dort aus. Er drück­te sein Bein so­gar noch fes­ter ge­gen ih­res. Sie hiel­ten die Zeit mit ih­rem Schwei­gen an.

Die Hand von Li­nus, die bis­her auf sei­nem Ober­schen­kel ge­le­gen hat­te, rück­te nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter in Rich­tung sei­nes Knies. Zen­ti­me­ter, die aus­reich­ten, um auch Rebeccas Haut zu strei­fen. Sie schluck­te und ließ zu, dass er sie zart be­rühr­te. Se­kun­den ver­stri­chen, in de­nen sie gar nichts fühl­te, au­ßer den sanf­ten Druck der Fin­ger­kup­pen auf ih­rem Knie. Erst ein Wind­hauch riss sie aus ih­rer Le­thar­gie.

»Okay«, sag­te sie und zer­schnitt den Mo­ment mit ih­rer lau­ten Stim­me. Li­nus zog die Hand zu­rück und er­hob sich ge­mein­sam mit ihr. »Ich dan­ke dir, dass du so of­fen warst und mir so viel er­zählt hast. Ich den­ke, dass du das Abi schaf­fen kannst, aber dir auch ir­gend­wie klar ma­chen musst … Dass es ein wei­ter Weg für dich ist. Ich mei­ne, dass du in den Fä­chern, die dir Pro­ble­me be­rei­ten … Also in Ma­the und Phy­sik ir­gend­wie die Kur­ve schaffst.« Sie ei­er­te furcht­bar her­um, an­statt kla­re An­sa­gen zu ma­chen. Sei­ne Au­gen la­gen trotz­dem kon­zen­triert auf ih­rem Ge­sicht und be­weg­ten sich erst von dort weg, als sie ihre Ta­sche er­griff und mit ihm Rich­tung Schul­haus ging.

»Ver­zei­hen Sie mir?«, wech­sel­te Li­nus un­er­war­tet das The­ma und sorg­te da­für, dass Rebecca kurz vor dem Ein­tritt ins Ge­bäu­de in­ne­hielt.

»Was?«

Li­nus for­cier­te einen Au­gen­kon­takt, der viel zu in­ten­siv war.

»Dass ich in der Dis­co mit Ih­nen ge­flir­tet habe.«

Er wuss­te es also doch noch. »Ich dach­te, du wärst zu be­trun­ken ge­we­sen, um dich dar­an zu er­in­nern.«

»Ce­d­ric war sehr spenda­bel an die­sem Abend. Er hat alle aus der Stu­fe, die in die Dis­co kom­men woll­ten, ein­ge­la­den. Er hat den Ein­tritt be­zahlt, die Ge­trän­ke. Ein­fach al­les.« Wo­her hat­te er so viel Geld? Be­vor sie nach­fra­gen konn­te, re­de­te Li­nus wei­ter. »Es hat mich ge­freut, dass ich mal raus­kam und Ce­d­ric aus­ge­ge­ben hat. Da hat­te ich viel­leicht das ein oder an­de­re Bier­chen zu viel in­tus.«

»Und dann hast du mich ge­se­hen und ge­dacht …« Sieht gut aus, kann ich mal pro­bie­ren. Rebecca ver­kniff sich, ins De­tail zu ge­hen. Sie ahn­te, dass er mehr für sie fühl­te.

»Alle Mäd­chen hat­ten nur Au­gen für Ce­d­ric an die­sem Abend«, sag­te er. Und nach ei­ner Pau­se füg­te er hin­zu: »Sie auch.« Dass er sich trau­te, mit ihr über sol­che pi­kan­ten Din­ge zu spre­chen. Rebecca wuss­te nicht, wie sie dem Ge­spräch et­was Un­ver­fäng­li­ches ab­ge­win­nen konn­te, ohne sich zu ver­stri­cken. Ohne ihm Ant­wor­ten zu lie­fern, die sich nicht ge­ziem­ten.

Sie schwieg da­her ein­fach. Und sieg­te, denn Li­nus setz­te die Un­ter­hal­tung fort: »Also, was ist? Ver­zei­hen Sie mir?«

»Schwamm drü­ber. Ich muss jetzt in den Un­ter­richt.«

Er nick­te, hielt ihr die Tür zum Schul­ge­bäu­de auf und ver­schwand in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Nicht ohne Rebecca vor­her ein dop­pel­deu­ti­ges Lä­cheln zum Grü­beln mit­zu­ge­ben.

»Ich hat­te euch ja schon ge­sagt, dass wir uns ei­ni­ge Ge­dich­te aus der Zeit des Sturm und Drang an­se­hen, be­vor wir nach der Kurs­fahrt mit den ›Räu­bern‹ von Fried­rich Schil­ler ein­stei­gen. Ich habe ein Ar­beits­blatt vor­be­rei­tet, auf dem vier Ge­dich­te ent­hal­ten sind«, sag­te Rebecca und zeig­te den vor­be­rei­te­ten Blät­ter­sta­pel in die Höhe.

»Ihr wer­det gleich zu dritt zu­sam­me­n­a­r­bei­ten und sollt je­weils ein Ge­dicht da­von un­ter­su­chen.« Da­mit überg­ab sie Vic­to­ria den Schwung an Blät­tern, die so­fort auf­stand und mit dem Ver­tei­len be­gann.

Das Los ent­schied. Li­nus wur­de Sa­rah und Ju­lia zu­ge­teilt. Ce­d­ric soll­te mit Eme­ly und He­le­na zu­sam­me­n­a­r­bei­ten. Als die Zu­ord­nung vor­ge­le­sen wur­de, strahl­te Eme­ly wie ein Ho­nig­ku­chen­pferd. Sie war so was von ver­knallt in Ce­d­ric, dass sie er­rö­te­te, als sie sich an einen ge­mein­sa­men Tisch setz­ten und ihr männ­li­cher Mit­schü­ler ihr di­rekt ge­gen­über­saß. Scheue Bli­cke wur­den ge­wech­selt. Eme­ly konn­te dem Au­gen­kon­takt mit ihm über­haupt nicht stand­hal­ten. Sie schau­te im­mer wie­der auf das Pa­pier, das sich un­ter ih­ren klam­men Fin­gern ver­bog. »Er ist so süß«, wa­ren ihre Wor­te, als sie vor Kur­z­em mit Rebecca das Ge­spräch ge­führt hat­te. Ce­d­ric schien gar nicht zu be­mer­ken, dass die Mit­schü­le­rin tie­fe­re Ge­füh­le für ihn heg­te, son­dern war nur dar­an in­ter­es­siert, die Auf­ga­ben­stel­lung mög­lichst schnell zu er­fül­len, um da­nach quat­schen oder auf sein Han­dy schau­en zu kön­nen.

Ei­ni­ge Grup­pen ver­zo­gen sich nach drau­ßen, zwei blie­ben im Klas­sen­raum sit­zen, dar­un­ter Ce­d­ric mit sei­nen Mäd­chen. Rebecca be­ob­ach­te­te, wie er zur In­ter­pre­ta­ti­on ei­nes Ge­dichts an­setz­te, aber von He­le­na aus den An­geln ge­ho­ben wur­de. Mit ihr hat­te sich Rebecca ges­tern un­ter­hal­ten. Sie war eine der Spit­zen des Kur­ses, un­glaub­lich ehr­gei­zig, in al­len Fä­chern sehr be­müht, den An­for­de­run­gen ge­recht zu wer­den. Das streb­sa­me Aus­se­hen un­ter­strich sie durch einen stren­gen Zopf, der ihr ge­mein­sam mit dem stram­men Ge­sicht und den böse bli­cken­den Au­gen das Aus­se­hen ei­ner Do­mi­na ver­lieh.

Ce­d­ric hat­te ih­ren Aus­sa­gen über­haupt nichts ent­ge­gen­zu­set­zen und so wur­de letzt­lich die Deu­tung von He­le­na ge­wählt. Eme­ly hat­te so­wie­so nichts zur Un­ter­hal­tung bei­zu­tra­gen, son­dern saß stumm auf ih­rem Platz und glitt mit ih­ren Au­gen an Ce­d­ric auf und ab, der noch im­mer nicht durch­schau­te, mit wel­cher In­brunst er an­ge­st­arrt wur­de. Nur Rebecca merk­te das Knis­tern in der Luft. Sie wür­den ein ver­dammt sü­ßes Pär­chen ab­ge­ben, mut­maß­te sie, als sie die bei­den be­trach­te­te.

Nach zwan­zig Mi­nu­ten tauch­ten die an­de­ren Grup­pen auf, so­dass die Prä­sen­ta­ti­o­nen der Ge­dich­te be­gin­nen konn­ten. Ce­d­rics Grup­pe war die letz­te. Als sie dran wa­ren, er­hob er sich we­nig ener­gisch vom Platz und schlen­der­te nach vorn. He­le­na ging stram­men Schrit­tes Rich­tung Lehrer­tisch. Sie strahl­te ein Selbst­be­wusst­sein aus, das Rebecca Angst mach­te. Wenn Sie je­mals mit He­le­na in einen Dis­put ge­ri­et, konn­te sie schon jetzt die Gei­gen ein­pa­cken. Der lan­ge Zopf von He­le­n­as pech­schwa­r­zen Haa­ren flog von links nach rechts, als sie sich nach vorn be­weg­te. Eme­ly trot­te­te ih­ren Mit­schü­lern hin­ter­her. Es war klar, dass sie nichts zu mel­den hat­te. Mit ei­nem sol­chen Auf­tre­ten wür­de sie un­mög­lich bei Ce­d­ric lan­den kön­nen, der si­cher­lich auf Mäd­chen mit Cha­rak­ter stand. Eme­ly sah zwar bes­ser aus als He­le­na, aber sie wür­de nie über den Sta­tus ei­nes grau­en Mäus­chens hin­aus­ge­lan­gen.

»Wir ha­ben uns das Ge­dicht ›Der Bau­er an sei­nen Durch­lauch­ti­gen Ty­ran­nen‹ von Gott­fried Au­gust Bür­ger an­ge­se­hen«, stieg He­le­na forsch in die In­ter­pre­ta­ti­on ein.

»Wie ihr le­sen könnt, geht es um einen Bau­ern, der sei­nen Herrn an­klagt. Er wirft ihm zum Bei­spiel vor, dass sein Jagd­hund über den Acker rennt, den er be­wirt­schaf­ten muss.«

Wäh­rend He­le­na das Ge­dicht für die Mit­schü­ler aus­ein­an­der­nahm, stan­den Ce­d­ric und Eme­ly schwei­gend da­ne­ben. Ce­d­ric schau­te ent­we­der ge­lang­weilt aus dem Fens­ter oder warf ge­nerv­te Bli­cke in Rich­tung Lara. Es war of­fen­sicht­lich, was er da­von hielt, Deutsch zu ha­ben. Eme­ly schau­te scheu durch den Raum oder lug­te ver­stoh­len nach rechts zu Ce­d­ric. Da­bei knab­ber­te sie ner­vös an ih­rer Un­ter­lip­pe her­um. He­le­na be­en­de­te ihre Aus­füh­run­gen sou­ve­rän.

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492 p. 4 illustrations
ISBN:
9783754176450
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Second book in the series "Rebeccas Schüler"
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