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Grundelemente psychodynamischen Denkens
Konzeptuelle Kritik, klinische Praxis, wissenschaftlicher Transfer
Herausgegeben von Timo Storck
Die Buchreihe basiert auf der gleichnamigen Vorlesungsreihe an der Psychologischen Hochschule Berlin von Timo Storck, die im Herbst 2016 ihren Anfang nahm. Ihr zentrales Anliegen ist die Auseinandersetzung mit den wichtigsten psychoanalytischen Konzepten: Auf die Themen »Trieb« und »Sexualität und Konflikt« folgen »Das dynamisch Unbewusste«, »Objekte«, »Übertragung« und viele andere mehr. Ziel der Reihe ist es, in der öffentlichen Diskussion ein kritisches Kompendium psychoanalytischer Konzepte zu entwickeln, ohne dabei den Anschluss an das Behandlungssetting oder den wissenschaftlichen Austausch zu vernachlässigen.
Erschienene Bände:
Band 1: Trieb, 978-3-17-033748-0
Band 2: Sexualität und Konflikt, 978-3-17-033752-7
Band 3: Das dynamisch Unbewusste, 978-3-17-036000-6
Band 4: Objekte, 978-3-17-036004-4
Band 5: Übertragung, 978-3-17-037571-0
Band 6: Abwehr und Widerstand, 978-3-17-037930-5
Band 7: Ich und Selbst, 978-3-17-041206-4
Band 8: Deutung, 978-3-17-041210-1
Eine Übersicht aller lieferbaren Bände der Reihe finden Sie unter:
https://shop.kohlhammer.de/grundelemente-reihe
Timo Storck
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-041210-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-041211-8
epub: ISBN 978-3-17-041212-5
Inhalt
1 Vorwort
2 1 Einleitung
3 2 Das Konzept der Deutung in der Freud’schen Psychoanalyse
4 2.1 Begriffliche Grundlagen und Differenzierungen
5 2.2 Die Deutung von Träumen
6 2.3 Die Deutung als psychoanalytische Interventionsform
7 2.3.1 Deutung und Widerstand
8 2.3.2 Die Deutung und ihre Bestätigung
9 2.3.3 Deuten und Formen des (Nicht-)Er-innerns
10 2.3.4 Deuten und Durcharbeiten
11 2.4 Probleme der Freud’schen Deutungstheorie
12 2.5 Frühe Konkretisierungen der Deutungstheorie
13 2.5.1 Vorschläge zur Deutungstechnik bei Strachey und Fenichel
14 2.5.2 Klassische Deutungstypen und potenzielle Deutungsfehler
15 3 Psychoanalytische Bedeutungstheorien
16 3.1 Verstehen und Hermeneutik in der Psychoanalyse
17 3.2 Freie Assoziation und Bedeutung
18 3.3 Die Deutung als Prozesselement
19 3.3.1 Szenisches Verstehen
20 3.3.2 Deutung und Abduktion
21 3.3.3 Deutungsoptionen
22 4 Diverse Deutungen
23 4.1 Weitere Formen zeitgenössischer Deutungspraxis
24 4.1.1 Inexakte Deutung
25 4.1.2 Prozessdeutung
26 4.1.3 Ungesättigte Deutung
27 4.1.4 Analytikerzentrierte Deutung
28 4.1.5 Zentripetale und zentrifugale Ausrichtungen der Deutungstechnik
29 4.2 Deutungstechnik in unterschiedlichen psychoanalytischen Richtungen
30 4.2.1 Deutungen im Verständnis Melanie Kleins: Angst macht Dringlichkeit
31 4.2.2 Deutungen im Verständnis Wilfred R. Bions: Ausgewählte Tatsachen
32 4.2.3 Deutungen im Verständnis Jacques Lacans: Wellen schlagen
33 4.3 Diversität in psychoanalytischen Behandlungen
34 4.3.1 Gesellschaftskritik im Deutungsprozess
35 4.3.2 Trans* und Queerness in der Psychoanalyse
36 4.3.3 Der »innere Rassismus«
37 4.3.4 Couch und Tschador
38 4.4 Diversität des psychoanalytischen Behandlungssettings
39 4.5 Fallbeispiel
40 5 Psychoanalytische Veränderungstheorien im Wandel
41 5.1 Drei Akzente in der Konzeption von Veränderung
42 5.1.1 Veränderung durch Einsicht in unbewusste Bedeutungen
43 5.1.2 Veränderung durch korrigierende emotionale Erfahrung
44 5.1.3 Veränderung als Formbildung
45 5.2 Indikationsfragen und Modifikation der Technik
46 5.2.1 Psychoanalytisches Setting – anhand zweier Vorurteile
47 5.2.2 Begrenzung der Regression
48 5.3 Zur Wirkungsweise der Deutung
49 5.3.1 Das Verhältnis von Verstehen und Erklären in der Deutungsarbeit
50 5.3.2 Takt: Der Zeitpunkt der Deutung
51 5.3.3 Deutung und Negativität
52 5.4 Deutung von Kunst und Gesellschaft
53 6 Deutung interdisziplinär
54 6.1 Ein Vorschlag zum Verständnis und Gebrauch der Übertragungsdeutung
55 6.2 Deutung und Veränderung im Dialog mit anderen Wissenschaften
56 6.2.1 Gegenwartsmomente und Begegnungsmomente
57 6.3 Die Deutung im Vergleich der psychotherapeutischen Verfahren
58 6.3.1 Deutung und (kognitive) Verhaltenstherapie
59 6.3.2 Deutung und Gesprächspsychotherapie
60 6.3.3 Deutung und Systemische Therapie
61 6.3.4 Zusammenfassender Vergleich
62 6.4 Veränderungsmechanismen in der zeitgenössischen Psychotherapieforschung
63 7 Zusammenfassung in neun Thesen und Schluss
64 Literatur
65 Stichwortverzeichnis
66 Der Autor
Vorwort
Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine bearbeitete Mitschrift von fünf öffentlichen Vorlesungen, die ich im Sommersemester 2020 an der Psychologischen Hochschule Berlin gehalten habe. Im Zuge der Corona-Pandemie fanden die Vorlesungstermine als Online-Vorträge statt, was zum einen einigen die Teilnahme ermöglichte, denen es sonst nicht möglich gewesen wäre, andererseits den Charakter der Veranstaltung doch deutlich veränderte, zumal sie als Abschluss der insgesamt acht Semester (zwischen Oktober 2016 und Juni 2020) andauernden und 40 Termine umfassenden Reihe fungierte. Die Vorlesungsreihe ist Teil eines Projekts zu den Grundelementen psychodynamischen Denkens gewesen, in dem es unter der dreifachen Perspektive »Konzeptuelle Kritik, klinische Praxis, wissenschaftlicher Transfer« darum geht, sich mit psychoanalytischen Konzepten auseinanderzusetzen: Trieb (Band I), Sexualität und Konflikt (Band II), dynamisch Unbewusstes (Band III), Objekte (Band IV), Übertragung (Band V), Abwehr und Widerstand (Band VI), Ich/Selbst (Band VII) und nun Deutung (Band VIII). Ziel ist dabei gewesen und ist es auch weiterhin, sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch im vorliegenden Format einer Buchreihe eine Art kritisches Kompendium psychoanalytischer Konzepte zu entwickeln, ohne dabei den Anschluss an das Behandlungssetting oder den wissenschaftlichen Austausch zu vernachlässigen. Wenn es um Grundelemente psychodynamischen Denkens geht, soll damit auch der Hinweis darauf gegeben werden, dass aus Sicht der Psychoanalyse jedes, also auch das wissenschaftliche, Denken selbstreflexiv ist: Das Denken über Psychodynamik ist unweigerlich selbst psychodynamisch, d. h. es erkundet die Struktur der Konzeptzusammenhänge auch auf der Ebene der Bedeutung von Konzeptbildung selbst.
Für ein solches Vorgehen ist das Werk Freuds der Ausgangs- und ein kontinuierlicher Bezugspunkt. Mir geht es um eine genaue Prüfung dessen, was Freud mit seinen Konzepten »vorhat«, d. h. welche Funktion diese haben und welches ihr argumentativer Status ist. Dabei soll nicht eine bloße Freud-Exegese geschehen, sondern eher ein Lesen Freuds »mit Freud gegen Freud«. Es wird deutlich werden, dass der grundlegende konzeptuelle Rahmen, den Freud seiner Psychoanalyse gibt, es auch erlaubt aufzuzeigen, wo er hinter den Möglichkeiten seiner Konzeptbildung zurückbleibt. Vor allem soll damit eine weitere Öffnung der oft als zu hermetisch wahrgenommenen Psychoanalyse erfolgen, in den Worten Freuds gesprochen: »Sie können mir glauben, daß wir nicht gern den Anschein erwecken, als seien wir Geheimbündler und betreiben eine Geheimwissenschaft.« (Freud, 1933a, S. 76)
Über den Ausgangspunkt der Vorlesungen erklärt sich die Form des vorliegenden Textes, der nah an der gesprochenen Darstellung verbleibt. Auch sind, wie in jeder Vorlesung, eine Reihe von inhaltlichen Bezugnahmen auf Arbeiten anderer Autorinnen und Autoren eingeflossen, die mein Denken grundlegend beeinflussen, ohne dass dazu durchgängig im Detail eine Referenz erfolgen kann.
Bedanken möchte ich mich bei den Teilnehmenden an den öffentlichen Vorlesungen für ihr Interesse, sowie beim Kohlhammer Verlag, namentlich Ruprecht Poensgen und Kathrin Kastl, für die Unterstützung bei der Vorlesung und der Veröffentlichung. Außerdem danke ich Caroline Huss für die Anfertigung von Transkripten zur Audio-Aufzeichnung der Vorlesung. Cornelia Weinberger, Mona Brettschneider und Morris Hoffmann gebührt Dank für die planerische und technische Unterstützung bei der Durchführung der Vorlesungen. Julia Sieg danke ich für die Unterstützung beim online durchgeführten Rollenspiel. Der Psychologischen Hochschule Berlin danke ich schließlich für die Möglichkeit, eine solche Vorlesungsreihe durchzuführen, die mir großes Vergnügen bereitet hat.
Heidelberg, im Winter 2021
Timo Storck
1 Einleitung
Über die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse ist immer wieder und meist heftig gestritten worden bzw. ist sie ihr gar gänzlich abgesprochen worden. Von dieser Debatte sind verschiedene Bereiche berührt, nicht zuletzt die Frage der Wirksamkeitsnachweise oder die Struktur der psychoanalytischen Theorie. Ich möchte einleitend einen Aspekt herausgreifen, den ich für grundlegend halte und auf dem die meisten anderen Fragen nach Wissenschaftlichkeit und Wirksamkeit aufbauen, nämlich die Frage danach, was ein psychoanalytisches Konzept auszeichnet.
Wissenschaftliche Konzepte lassen sich in allgemeiner Hinsicht derart beschreiben, dass in ihnen abstrakt auf den Begriff gebracht wird, wie sich Phänomene der Erfahrung (einschließlich der »inneren« Erfahrung, also etwa das Gefühlserleben) verstehen und begreifen lassen. Das trifft beispielsweise für physikalische Konzepte (Variablen, Konstanten und deren Verknüpfung in gesetzesförmigen Aussagen) zu: Das Konzept »Schwerkraft« hilft dabei, sich einen Reim darauf zu machen, weshalb die Dinge in der Regel zu Boden fallen. Dabei, und das ist konzeptuell entscheidend, lässt sich »die« Schwerkraft nicht beobachten, sondern es lassen sich bestimmte Vorkommnisse beobachten und beschreiben, die auf das Wirken von etwas, das wir als Schwerkraft konzeptualisieren, zurückgeführt werden. Das erlaubt kausale Erklärungen, Vorhersagen und eine experimentelle Untersuchung in Form von »manipulierter« Erfahrung. In Teilen lässt sich dies auch für Konzepte in der Psychoanalyse sagen. Auch hier sollen Phänomene der Erfahrung (oder »Empirie« im eigentlichen, weit gefassten Wortsinn) begreiflich gemacht werden, indem Konzepte entwickelt werden. Auch hier sind Konzepte Abstrakta, auch »das Über-Ich« oder »die Verdrängung« lassen sich nicht beobachten, denn sie sollen ein Modell dafür bereitstellen, Phänomene auf den Begriff zu bringen, etwa besonders starke innere Vorwürfe oder rigide Forderungen, mit denen jemand sich selbst bedenkt, oder das Nicht-Erinnern-Können gerade von emotional bedeutsamen Erlebnisinhalten.
Wissenschaftliche Konzepte werden entlang eines methodisch geleiteten Zugangs zur Welt der Phänomene gebildet, ob nun im Experiment oder in der Feldforschung. Konzepte werden methodisch gewonnen, sie sind methodenabhängig und diese Methoden wiederum beruhen auf Vorannahmen oder bestehendem Wissen. Ferner sind Konzepte Teil konzeptueller Zusammenhänge, aus denen ich einzelne nicht schlicht herauslösen und in einen anderen Kontext setzen kann, ohne sie diesem – metatheoretisch – vermittelt zu haben. Schließlich sollten Konzepte »sparsam« genug formuliert sein, sie sollen unter Zuhilfenahme möglichst weniger und möglichst einfach formulierter weiterer konzeptueller Annahmen gebildet werden und die Erfahrung begreiflich machen.
Das Spezifische der psychoanalytischen Konzepte liegt – neben dem Hinweis darauf, dass sie einer philosophischen Theorie näherstehen als einer psychologischen – darin, dass ihr Schritt in die Verallgemeinerung (den jedes Konzept geht) nicht in die Vorhersagbarkeit führt (wie im physikalischen Experiment, das ja letztlich Aussagen darüber möglich machen soll, was gesetzesmäßig in allen ausreichend ähnlichen Fällen auch zukünftig geschehen wird), sondern in der Konzeptbildung selbst liegt. Die Konzepte dienen nicht der Prognose, sondern sie sollen Erfahrung zugänglich machen. Anknüpfend an Zepf (2006b, S. 263) kann man sagen, dass psychoanalytische Konzepte nicht etwas darüber sagen sollen, wie Subjekte allgemein sind (wie etwa die Hirnforschung oft Aussagen über das »durchschnittliche Gehirn« machen möchte), sondern allgemein etwas darüber, wie Subjekte im Besonderen sind. Sie sollen den verstehenden und begreifenden Zugang zum Einzelfall (einschließlich des Einzelfalls einer analytischen Beziehung oder eines Prozesses) eröffnen.
Psychoanalytische Konzepte nehmen ihren Ausgang von der »Empirie« der klinischen Phänomene, das lässt sich bei Freud im Hinblick auf die unbewusste Fantasie oder die Übertragung zeigen, aber auch im Zuge der Weiterentwicklung psychoanalytischer Konzepte. Die enge Anbindung an den klinischen Einzelfall ist nicht nur ein Merkmal der historischen Konzeptbildung (derart, dass man zu Beginn der Psychoanalyse eben noch nicht so viel Konzeptuelles zur Verfügung hatte), sondern durchzieht psychoanalytisches Denken bis heute (der Einzelfall dient der Erweiterung oder Modifikation der Konzepte). Damit soll keineswegs gesagt sein, dass die Psychoanalyse einer quantitativen, messenden, naturwissenschaftlichen Zugangsweise verschlossen bleiben muss. Aber eine solche würde immer schon ein interdisziplinäres Unterfangen bedeuten. Auch psychoanalytische Konzepte können und sollten operationalisiert werden, es bedeutet aber deren Erweiterung in methodischer Hinsicht, bei der es in Kauf genommen werden muss, dass eine Zuspitzung ihres Gegenstands erfolgt.
Vor dem Hintergrund eines solchen Konzeptverständnisses ist es im Rahmen der vorliegenden Buchreihe zunächst um das Triebkonzept gegangen (Storck, 2018a). Dabei habe ich eine Lesart des Konzepts vorgeschlagen, die es entlang von Bemerkungen Freuds dazu, dass es sich beim Trieb um einen Grenzbegriff zwischen Soma und Psyche handele (Freud, 1915c, S. 214), erlaubt, von »Trieb« als der konzeptuellen Beschreibung einer Vermittlungsfunktion zu sprechen, die physiologische Erregung in psychisches Erleben vermittelt. In dieser Hinsicht ist es ein psychosomatisches, leibliches Konzept, ebenfalls mit Freud gesprochen bezieht es sich darauf, dass körperliche Vorgänge dem Erleben ein »Maß an Arbeitsaufforderung« (Freud, 1915c, S. 214) auferlegen – anders gesagt: »Trieb« beschreibt konzeptuell, weshalb wir konkret in die psychische Repräsentation hineingetrieben werden. So kann man von der psychoanalytischen Triebtheorie als einer Theorie der allgemeinen Motivation des Psychischen sprechen, in ihr ist gefasst, wie Psychisches als solches motiviert ist. Neben diesem »psychosomatischen« Kernaspekt ist das Triebkonzept auch ein sozialisatorisches, insofern diejenigen Empfindungen, die, konzeptuell gesprochen, das Triebgeschehen in Gang setzen, sich zwischen Selbst und anderem, auf einer »zwischenleiblichen« (Merleau-Ponty, 1964) Ebene zeigen. »Triebhafte« Erregung wird angesichts des anderen in der körperbezogenen Interaktion hervorgerufen.
Während sich die Triebtheorie also als eine Theorie der allgemeinen Motivation des Psychischen begreifen lässt, findet sich die psychoanalytische Theorie der speziellen Motivation in der Konzeption des (unbewussten) Konflikts (Storck, 2018b). Dazu ist als Hintergrund das psychoanalytische, erweiterte Verständnis von Sexualität heranzuziehen, in welchem damit das Erleben von Lust (und Unlust) im Kontext körperlicher Berührungen/Empfindungen verstanden wird. In dieser Betrachtung spricht die Psychoanalyse von einer »infantilen« Psychosexualität und dann wird plausibel, in welcher Weise von Lust und Unlust als wichtigen Elementen der psychischen Entwicklung gesprochen wird. So lassen sich im Hinblick auf die psychoanalytische Theorie der psychosexuellen Entwicklung eine »körpernahe« und eine »thematische« Lesart des Oralen, Analen oder Phallisch-Ödipalen formulieren. Die Phasen gründen in den, natürlich auch körperlich mitbestimmten, Entwicklungsaufgaben und altersspezifischen Interaktionen (Nahrungsaufnahme, Sauberkeitserziehung, Auseinandersetzung mit Geschlecht und Geschlechtsunterschieden), im weiteren Verlauf treten stärker »Themen« in den Mittelpunkt, so die Versorgung (Oralität), Kontrolle (Analität) oder das Wirkvermögen (Phallizität). Auch in heutiger Betrachtung kann von ödipalen Konflikten als einem leitenden Strukturierungsprinzip des Psychischen ausgegangen werden, wenn man darunter die Auseinandersetzung mit Generationen- und Geschlechtsunterschieden sowie mit der unausweichlichen Möglichkeit versteht, aus Beziehungen passager und relativ ausgeschlossen sein zu können. Anders gesagt: Ödipale Konflikte drehen sich darum, dass diejenigen, zu denen man in Beziehung steht, prinzipiell auch zueinander in Beziehung stehen, d. h. eine eigenständige Beziehung zueinander haben. So findet man in der Welt ein Geflecht von Beziehungen statt nur diejenigen, die vom Selbst als einzigem Planeten im Universum »wegstrahlen«. Das bringt eine spezifische Dynamik aus Begrenzung und Öffnung mit sich: Das Anerkennen der Möglichkeit von Begrenzung (psychoanalytisch oft beschrieben als Anerkennung der symbolischen Kastration, also dem »Beschnittensein« in der eigenen »Potenz«) ermöglicht es, in der Welt Beziehungen zu finden bzw. sich zu Beziehungen in Beziehung zu setzen. Psychoanalytisch tritt hier das Konzept der Triangulierung auf den Plan, ebenso wie Konzeptionen der Symbolisierung, verbunden mit psychischen Vermögen der Differenzierung, Integration und Regulierung.
Das Konfliktverständnis in der Psychoanalyse betrifft die Auseinandersetzung mit widerstreitenden Motiven bzw. zwischen Wunsch und Abwehr. Konflikte (sexueller, narzisstischer, aggressiver Färbungen) selbst sind dabei kein Anzeichen von Pathologie, das ist erst dann der Fall, wenn die Bewältigungsformen dysfunktional sind, d. h. das Erleben und/oder Handeln einschränken. Beispiele für die grundlegende menschliche Konflikthaftigkeit wären das Ineinander von Beruhigung und Stimulierung in der frühen Versorgung (zum Beispiel im Stillvorgang) oder die zu erarbeitende Ambivalenztoleranz für Liebe und Hass bzw. Verbindendes und Trennendes in derselben Beziehung.
Entscheidend für die Konzeption des Konflikts in der Psychoanalyse ist dessen Unbewusstheit. Das psychoanalytische Konzept des Unbewussten (Storck, 2019a) gehört zu den zentralen Aspekten dessen, was Freud seine Metapsychologie nennt, gleichsam eine »Psychologie mit Unbewusstem« (also eine Konzeption, in der etwas psychisch, nicht naturhaft unbewusst sein kann). Das spezifisch psychoanalytische Unbewusste ist nicht bloß in einem deskriptiven Sinn nicht bewusst, sondern in einem dynamischen, das heißt, es gibt konfliktbedingte Gründe dafür, dass etwas funktional vom Bewusstsein ferngehalten wird, nämlich damit verbundene unlustvolle Empfindungen (Angst, Scham, Schuldgefühle). Da es sich dabei allerdings um etwas handelt, das zugleich auch mit lustvollen Empfindungen verbunden ist, gibt es ein Zusammenwirken von »drängenden« und verdrängenden Kräften. Das Unbewusste ist dabei nicht in einem örtlichen oder anderweitig reifizierenden Sinn zu verstehen, es befindet sich nicht irgendwo anders, sondern weist den Charakter einer Veränderung des Bewussten auf, eine Auslassung, Überdeterminierung, Unterbrechung oder Hemmung. Unbewusstes zeigt sich »am« Bewussten; dabei wurde der Vorschlag gemacht, vom (dynamisch) Unbewussten als etwas auszugehen, das sich im Verhältnis der Vorstellungen und Affekte zueinander zeigt. Konflikte werden von Freud in seiner sogenannten ersten Topik als solche zwischen psychischen Systemen (Bewusst, Vorbewusst, Unbewusst) beschrieben und in der zweiten Topik als solche zwischen psychischen Instanzen (Ich, Es, Über-Ich). Zu beachten ist, dass auch in der Psychoanalyse verschiedene Auffassungen des Unbewussten bestehen bzw. sich der Begriff des Unbewussten auf verschiedene Formen (zum Beispiel auf implizite Aspekte der Beziehungsgestaltung und des Beziehungserlebens) bezieht.
Im Anschluss daran ist es um die psychoanalytische Auffassung zu Objektrepräsentanzen gegangen (Storck, 2019b). Das Konzept des Objekts als Bezeichnung der psychischen Repräsentation des Anderen erwächst terminologisch aus der Triebtheorie, in der das Trieb-Objekt als der Gegenstand psychischer Besetzung verstanden wird. »Objekt« ist also mitnichten etwas Objektives oder Objekthaftes im physikalischen Sinn, sondern Vorstellungsobjekt, erwachsen aus Beziehungserfahrungen. Als grundlegendes Modell kann genommen werden, dass sich Interaktionen mit anderen psychisch in Beziehungsvorstellungen (Selbst und Objekt, verbunden über einen Affekt) niedergeschlagen und dass diese Beziehungsvorstellungen weitere Interaktionen und deren Erleben färben. Aus Beziehungsvorstellungen werden sukzessive Vorstellungen vom Selbst sowie dem personalen Anderen herausgelöst, also Selbst- bzw. Objektrepräsentanzen. Damit ist psychoanalytisch die Fähigkeit zur Symbolisierung berührt, also basal die Möglichkeit, die Welt der Wahrnehmungen durch die Welt der Vorstellungen anreichern zu können, das heißt vor allem: sich Abwesendes vorstellen zu können. Erst dann gibt es eine Objektrepräsentanz im eigentlichen Sinn beziehungsweise wird es möglich, sich das eigene Erleben reflexiv vor Augen zu führen und nicht zuletzt Erinnerung, Erwartung, Fantasie etc. Dabei spielen auch Fragen nach der »Ganzheit« bzw. Integration der Selbst- und Objektrepräsentanzen eine Rolle. In vielen psychoanalytischen Ansätzen gibt es Konzeptionen fragmentierter Objektvorstellungen, das heißt einer Teilung beziehungsweise Spaltung zwischen den als »gut« und den als »schlecht« empfundenen Anteilen, die zum Beispiel als Schutz des Guten vor dem Schlechten getrennt gehalten werden. Daraus erwächst die Entwicklungsaufgabe einer Integration, die differenzierte Bilder vom Selbst und vom Anderen möglich macht. Hier taucht die Idee repräsentationaler statt allein motivationaler Konflikte auf: Teil-Selbst- oder Teil-Objektvorstellungen können mit anderen in Konflikt stehen.
Beziehungsvorstellungen können als »Bausteine« des Psychischen gelten. Aus dem Gedanken, dass das Resultat der Internalisierungen von Interaktion (samt der Anreicherung durch Fantasien) in Form von Beziehungsvorstellungen das weitere Erleben von anderen Interaktionen färbt und leitet, erwächst das psychoanalytische Konzept der Übertragung (Storck, 2020). Im Freud’schen Denken lassen sich zwei konzeptuelle Fassungen der Übertragung unterscheiden: zum einen eine erste, etwas frühere, in der damit gemeint ist, dass die »Besetzungsintensität« einer Vorstellung auf eine andere übertragen wird. Dadurch wird etwas in entstellter Form bewusst, die Übertragung schafft so Bewusstsein, wenn auch um den Preis einer Entstellung. Zum anderen wird wenig später »Übertragung« konkreter beziehungshaft verstanden, also als Ersetzen einer Objektvorstellung durch eine andere, an die sich Affekte und Fantasien heften. Besonders in dieser zweiten Form wird die Übertragung in behandlungstechnischer Hinsicht gebraucht, nämlich derart, dass sich angesichts dessen, wie die Analytikerin1 erlebt wird, Aspekte der internalisierten Objektbeziehungen, besonders aus der Kindheit, zeigen. Aber auch in der ersten, früheren Form ist das Konzept der Übertragung relevant, denn sie erlaubt ein Nachdenken darüber, wie das Bereitstellen der analytischen Beziehung eine Form des Erlebbaren schafft. Das Angebot einer Übertragung bietet zuvor unbewussten Erlebnisaspekten eine Art Bühne oder Kostümierung.
Die Vertiefung von Übertragungsprozessen ist ein Ziel analytischer Behandlungen und dadurch begründen sich auch bestimmte Elemente des Behandlungssettings, das dann nämlich der Regressionsförderung dienen soll, also der »Rückkehr« zu stärker affektgeleiteten, »unvernünftigen« Erlebnisweisen. Es ist davon die Rede, das Herstellen einer »Übertragungsneurose« zu fördern, das meint eine Zentrierung der (neurotischen) Symptome auf die analytische Beziehung, damit sie dort sichtbar, verstehbar und veränderbar werden. Das ist nicht nur für neurotische Symptome der Fall, sondern auch Symptome anderer psychischer Störungen zeigen sich im Erleben und Gestalten von Beziehung und können zum Gegenstand analytischen Arbeitens genommen werden. Veränderung, so die Annahme, beruht in unterschiedlichen (Teil-)Modellen darauf, dass im Rahmen einer emotional bedeutsamen und »korrigierenden« Beziehungserfahrung Einsicht in (unbewusste) Bedeutungen genommen bzw. eine Form für das eigene Erleben gefunden wird. Dabei stellt sich die Frage, wie auf »valide« Weise interveniert wird, so dass dies möglich wird. Die Psychoanalyse folgt methodisch dem szenischen Verstehen, also dem Verstehen derjenigen Szenen, die sich zwischen Analytikerin und Analysandin zeigen – und dies im Hinblick auf ein wiederkehrendes Gerüst oder Muster des Erlebens und Gestaltens von Beziehungen. Diese können dann deutend zugänglich gemacht werden – wie genau, wird im Weiteren diskutiert werden.
In einem weiteren Schritt ist es um die Bedeutung von Abwehr und Widerstand gegangen (Storck, 2021a). Die psychoanalytische Konflikttheorie steht mit dem Gedanken in Verbindung, dass eine psychische Abwehr dann einsetzt, wenn eine (bewusste) Vorstellung mehr Unlust als Lust nach sich ziehen würde. Sie dient also der Vermeidung unlustvoller Empfindungen und muss dazu ihrerseits unbewusst wirken. Im Rahmen der Freud’schen Werkentwicklung seiner Vorstellungen vom psychischen Apparat ist das ein besonderer Punkt, denn er führt ihn dazu, von unbewussten Anteilen der Ich-Instanz (die prinzipiell dem Realitätsprinzip folgt) auszugehen, also einerseits funktionalen und in irgendeiner Art gerichteten Prozessen (die etwas abwehren sollen), die andererseits aber unbewusst ablaufen, andernfalls wäre ja auch ihr Gegenstand dem bewussten Erleben zugänglich. Deshalb nimmt Freud an, dass ein Teil des Ichs unbewusst ist und konzipiert präziser als zuvor eine internalisierte Instanz von Gewissen, Moral, Geboten und Verboten: das Über-Ich.
Dabei werden umgrenzte Abwehrmechanismen beschrieben (etwa die Verdrängung, die insofern eine besondere Bedeutung hat, als sich in den meisten Fällen ein zweiter Abwehrmechanismus zur Umarbeitung des Verdrängten daran anschließt), aber auch Abwehrformationen, also Strukturen, die stärker die Persönlichkeit und/oder strukturelle Fähigkeiten betreffen, gleichsam stärker in die psychische Struktur eingefasste Abwehrweisen, die insofern globaler sind, als sie sich nicht auf konkrete Vorstellungen oder Handlungen beschränken.
Als Widerstand wird das Auftreten von Abwehrmechanismen und -formationen in der analytischen Arbeit beschrieben, im Wesentlichen als ein Widerstand gegen die Veränderung und das Aufgeben einmal gefasster, dysfunktionaler, aber sinnhafter Abwehr. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Übertragungs-, aber auch dem Gegenübertragungswiderstand zu. In einer zeitgenössischen und potenziell auch schulenvergleichenden Perspektive wird außerdem die Bedeutung von Beziehungskrisen bzw. Brüchen in der Arbeitsbeziehung und deren Reparatur diskutiert.
Ferner ist es in einem nächsten Schritt (Storck, 2022a) um die Konzeptionen des Ich und des Selbst gegangen. Meist wird das Ich in der Psychoanalyse als eine Bezeichnung der Summe der Ich-Funktionen verwendet, was sich in Auffassungen zur psychischen Struktur (als Vermögen der Regulierung, Differenzierung und Integration in Form unterschiedlicher struktureller Fähigkeiten) fortsetzt. Bei Freud kommt dem Ich als Instanz die Aufgabe zu, zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen von Es, Über-Ich oder Außenwelt zu vermitteln. Daraus entwickelt sich die psychoanalytische Strömung der Ich-Psychologie mit zentralen Themen wie der Frage nach einer »Autonomie« des Ichs von den Trieben. Das Selbst wird psychoanalytisch meist im Sinne der Selbstrepräsentanz verstanden, es steht in einem engen Zusammenhang mit Narzissmustheorien. Im Freud’schen Verständnis, in dem gleichwohl die Begriffe »Ich« und »Selbst« verschwimmen, kann man sagen, dass sich die Selbstrepräsentanz in engem Zusammenspiel mit der Repräsentation des eigenen Körpers und seiner Grenzen vollzieht. Die gesonderte Richtung der psychoanalytischen Selbstpsychologie konzipiert den Narzissmus als gegenüber der Triebtheorie eigene Entwicklungslinie, in der es vor allem um die Möglichkeiten der Idealisierung und der Entidealisierung geht. Von besonderer Relevanz sind Ansätze, in denen »Ich« und »Selbst« im Sinne »dynamischer Strukturen«, so etwa bei Fairbairn (1944), verstanden werden, das heißt, dass psychische Funktionen und Repräsentanzen nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können.
Zugleich sind bei der bisherigen Auseinandersetzung einige Fragen offengeblieben, in erster Linie solche, die die Behandlungstechnik und die Theorie der Veränderung in der Psychoanalyse betreffen. Wie kann es gelingen, dass für Konflikte andere Lösungen gefunden werden? Wie wird (dynamisch) Unbewusstes erreicht, wie werden Abwehrstrukturen verändert? Wie können strukturelle Veränderungen auf den Weg gebracht werden? Wieviel muss geredet werden und worüber und wie lange? Welche Unterschiede gibt es dabei bei unterschiedlichen Patientinnen? Im Umfeld des psychoanalytischen Konzepts der Deutung wird dem im vorliegenden Rahmen nachgegangen.
Dazu wird es zunächst (
Kap. 2) um die Konzeption der Deutung bei Freud gehen, bevor im dritten Kapitel psychoanalytische Bedeutungstheorien diskutiert werden, um darauf blicken zu können, wieviel Einsicht in unbewusste Bedeutungen die psychoanalytischen Interventionen möglich machen sollen (
Kap. 3). Danach wird es unter der Bezeichnung »diverse Deutungen« (
Kap. 4) um Fragen dazu gehen, wie in der Psychoanalyse, der oft genug der Vorwurf gemacht wird, nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen entwickelt und/oder geeignet zu sein, Aspekte der Vielfalt im Hinblick auf Geschlecht, Kultur u. a. Berücksichtigung finden und in welcher Weise die Behandlungstechnik und die Behandlungsziele sich im jeweiligen besonderen Fall unterscheiden. Im Anschluss daran wird es um eine Darstellung des Wandels in der psychoanalytischen Auffassung von Veränderung durch klinische Arbeit gehen (
Kap. 5). Beschlossen wird der Band mit Überlegungen zur Stellung der psychischen Veränderung in Relation zu anderen psychologischen Konzepten und insbesondere dem Verhältnis der Deutung zu Interventionen in anderen psychotherapeutischen Verfahren (
Kap. 6). Eine Zusammenfassung beschließt den Band (
Kap. 7).
1 Im vorliegenden Band wechsle ich kapitelweise zwischen einer sprachlichen Verwendung des generischen Femininums und des generischen Maskulinums. Soweit nicht konkrete Personen gemeint sind, sind damit jeweils alle anderen Geschlechter mit gemeint.
2 Das Konzept der Deutung in der Freud’schen Psychoanalyse
Laplanche und Pontalis (1967, S. 117) definieren die Deutung im Freud’schen Sinne als »Aufdeckung der latenten Bedeutung der Worte und Verhaltensweisen eines Subjekts durch die analytische Untersuchung.« Sie erhelle »die Modalitäten des Abwehrkonflikts und zielt letztlich auf den Wunsch ab, der sich in jeder Bildung des Unbewußten ausdrückt.« In einer psychoanalytischen Behandlung sei die Deutung eine »dem Subjekt gemachte Mitteilung, um ihm zu dieser latenten Bedeutung Zugang zu verschaffen« (a. a. O.), sie diene dem »Erhellen der latenten Bedeutung eines Materials« (a. a. O., S. 118). Auch Mertens (2004, S. 91) bezeichnet die Deutung als »das wesentliche Charakteristikum der Tätigkeit des Psychoanalytikers«. Die Deutungen unbewusster Sinnzusammenhänge (
Kap. 3), so Mertens (a. a. O.) weiter, »sollen zur Einsicht in die Entstehung von neurotischen Konflikten, Symptomen und Charakterhaltungen beitragen«. In einer ersten Sichtung kann man also sagen, dass die Deutung damit zu tun hat, etwas dem Bewusstsein nahezubringen, das beziehungsweise dessen Bedeutung ansonsten aus guten psychischen Gründen vom bewussten Erleben ferngehalten wird.
2.1 Begriffliche Grundlagen und Differenzierungen
Dabei muss besonders beachtet werden, dass – auch wenn das Konzept der Deutung viel mit Bedeutungen und der Einsichtnahme darin zu tun hat – zwischen Deutung und Interpretation zu unterscheiden ist (was umso komplizierter wird, wenn man sich die Übersetzungen beispielsweise ins Englische oder Französische ansieht, in denen zwischen beiden zumindest terminologisch nicht unterschieden wird). Eine Interpretation als Teil des verstehenden Vorgehens in einer Hermeneutik besteht im probeweisen Einsetzen möglicher Bedeutungen in Verständnislücken. Der hermeneutische Zirkel, in dem sich eine Interpretation am Interpretandum bewähren muss, verfolgt das Ziel, eine verstehbare Gestalt unter Berücksichtigung der verschiedenen Kontexte der Interpretation, des Interpretandums und des Interpreten zu finden. Das spielt in der Psychoanalyse zweifelsohne eine große Rolle, insofern es ja auch darum geht, einfühlend ein Bild davon zu gewinnen, wie ein Analysand sich fühlt oder mit welchen Fantasien eine Vorstellung oder Handlung verbunden ist – und dies im Kontext von Biografie, sozialen Beziehungen und Affekten. Nichtsdestoweniger ist die Deutung im engeren Sinn etwas, das in erster Linie erstarrte Erlebnisweisen (z. B. im Symptom) in Frage stellen soll; sie soll Zusammengesetztes (etwa eine abwehrbedingte Ersatzbildung oder einen Kompromiss aus Wunsch und Abwehr) auftrennen – und in dieser Weise geht sie analytisch, zerlegend, vor (vgl. zu diesem Gedanken auch Laplanche, 1995). Während die Interpretation etwas zusammenzusetzen helfen soll, dient die Deutung der Auftrennung und damit dem Finden neuer Erlebnisformen, ohne diese bereits bereitzustellen.
Auch mit Mertens (2004, S. 94;
Abb. 2.1) kann gesagt werden, dass der Vorgang des Interpretierens sich intrapsychisch auf Seiten des Analytikers vollzieht (und parallel dazu vor und nach der Deutung auf Seiten des Analysanden). Die Interpretation ist Teil von dessen einfühlendem Erkenntnisprozess, im Zuge dessen er sich ein Bild davon macht, was er hört und anderweitig zu spüren bekommt. Die Deutung als eine Form der Intervention wird im interpersonellen Bereich verortet, sie ist Teil des analysierenden Prozesses, den beide Beteiligten gemeinsam vollziehen. Das bedeutet auch, dass die vom Analytiker ausgesprochene Deutung nicht am Ende eines Verstehensprozesses steht, nicht dessen Ergebnis ist, sondern etwas in Gang setzen soll.
Insofern ist nur zu unterstreichen, dass die Deutung dem Analysanden Zugangsmöglichkeiten zu seinem eigenen Erleben möglich ma-
Abb. 2.1: Interpretation, Intervention und Deutung (aus Mertens 2004, S. 94)
chen soll, sie ist Teil eines Prozesses und soll nicht Inhalte vermitteln, sondern Prozesse, die wiederum eine Formgebung (in Wort, Bild, Affekt) nach sich ziehen. Das findet sich in anderen Worten auch in der Definition von Berns (2014, S. 176), in der Deutungen die »Mitteilungen des Psychoanalytikers an seinen Patienten [sind], die der Aussage des Patienten eine Bedeutung zumessen, die über das bisherige bewusste Selbstverständnis des Patienten hinausgeht, so dass er zu der unbewussten Bedeutung seiner Verhaltensweisen und Worte Zugang bekommen kann«. Auch hier: Die Deutung soll nicht selbst die Bedeutung vermitteln, sondern es ermöglichen, eine solche zu finden. Sie zielt genauer gesagt darauf ab, »Symptome oder Widerstände als pathogene Verarbeitungsformen einer aktuellen Beziehungserfahrung durch Nutzung der freien Einfälle (Derivate des Unbewussten) verstehbar und unnötig zu machen.« (a. a. O., S. 177) Hier findet sich angedeutet, dass die Deutung konzeptuell zunächst einmal (weiter unten wird diskutiert werden, welche Variationen einzubeziehen sind) in ein konfliktbezogenes Modell von (neurotischen) Erkrankungen eingebunden ist. Dabei ist eine Berücksichtigung der »aktuell stattfindenden Interaktionen zwischen Patient und Analytiker« (a. a. O.) nötig.

Abb. 2.2: Die Zusammenhänge zwischen Interaktion, Mitteilung, Bedeutung und Unbewusstem in der Deutung
Es zeigen sich also einige Eckpfeiler in der Konzeption der psychoanalytischen Deutung. Als spezifisch psychoanalytische Interventionsform bezieht sie sich auf (dynamisch) Unbewusstes, den Gegenstand der psychoanalytischen Erkenntnisbemühungen. Sie berührt eine Suche nach Bedeutung, aber gleichsam gebrochen darüber, dass sie keine Bedeutungen vermittelt, sondern einen Prozess anregt, durch den bedeutungsmäßige Formen (nicht nur sprachlicher Art) gefunden werden können sollen. Sie ist ferner angebunden an eine verbale Mitteilung im Rahmen der Interaktion zwischen Analytiker und Analysand (weiter unten wird sich auch zeigen, dass der Zeitpunkt, in dem im Rahmen dieser Interaktion eine Deutung gegeben wird, von hoher Bedeutung ist). Die Deutung findet gerahmt durch das analytische Behandlungssetting (verbindlicher Rahmen, Regressionsförderung) und die Haltung des Analytikers (gleichschwebende Aufmerksamkeit) wie der des Analysanden (freie Assoziation) statt. Das bedeutet auch, dass die Deutung Teil der psychoanalytischen Methode ist – sie steht im Kontext anderer Elemente des Prozesses und kann aus diesem nicht »wild deutend« herausgelöst werden.
Das Konzept der Deutung ist schillernd und hat eine Reihe von Erweiterungen und Anpassungen erfahren. Bei aller Vorsicht gegenüber einer solchen Dichotomie und nur scheinbaren Abgrenzbarkeit können eine eher »klassische« und eine »erweiterte« Betrachtungsweise unterschieden werden. In klassischer Hinsicht sind Deutungen bezogen auf Abwehr und Widerstand (besonders in der Übertragung) und darauf, wie sich darin unbewusste Wünsche und nicht-zugängliche Affekte zeigen. Dies erfolgt auf der Grundlage der freien Assoziation, die ja gerade diese Abwehrbewegungen und die Kompromissbildungen aus Wunsch und Verbot zu erhellen helfen soll. Dabei werden Übertragung und Gegenübertragung auch insofern beachtet, als dies – unter Förderung der Regression – das Feld ist, in dem sich Wiederholungen zeigen und verstanden werden können, so dass Veränderung (als das Finden neuer, funktionsfähigerer Ersatzbildungen) möglich wird. In erweiterter Betrachtung (dazu nicht im Widerspruch stehend, aber der Möglichkeit nach auch auf andere Leidenszustände und analytische Prozesse beziehbar) sollen Deutungen vor allem die Möglichkeit einer psychischen Repräsentation von Affekten und Beziehungserleben (anders gesagt: das Erleben von Affekten in Beziehungen) sowie deren Verarbeitungsmodi voranbringen, auch hier unter besonderer Beachtung von Übertragung und Gegenübertragung (
Kap. 5 zu verschiedenen Veränderungsmodellen in der Psychoanalyse).
2.2 Die Deutung von Träumen
Der Terminus »Deutung« kann außerhalb der Psychoanalyse Verschiedenes meinen. Auch hier ist er eng verbunden mit dem interpretatorischen »Aus«-Deuten von etwas, in erster Linie von Texten (eine Google-Suche zu »Deutung« liefert unter den Vorschlägen zur Vervollständigung des Suchbegriffs u. a. »Deutungshypothese Faust« oder »Deutungshypothese Steppenwolf«…). Deutung im allgemeinsprachlichen Verständnis meint das Finden einer vermeintlich korrekten oder wahren Bedeutung; hinzu kommen Konnotationen wie das Deuten auf etwas, im Sinne eines Hindeutens. Laut Duden meint Deutung den »Versuch, den tieferen Sinn, die Bedeutung von etwas zu erfassen; Auslegung, Interpretation«. Der Begriff ist eng verbunden mit dem der Interpretation und taucht im Umfeld der Hermeneutik als Methodenlehre der Interpretation beziehungsweise des Verstehens auf.
Ferner, und das ist eine wichtige Brücke zur Psychoanalyse, wird mit einer »Deutung« die Deutung von Träumen verbunden. In der Historie ist mit der Traumdeutung meist die Vorstellung fixer Bedeutungen im Sinne von Traumsymbolen gemeint gewesen: ganz so, als würde ein bestimmtes Traumbild überindividuell ein Platzhalter für ein anderes Bild oder einen Vorgang sein. Neben der Auseinandersetzung mit Traumsymbolen finden sich Vorstellungen von Offenbarungsträumen oder prophetischen Träumen. So mythologisch überladen und »unaufgeklärt« einem das heute erscheinen mag, so sehr muss man sich vielleicht zugleich eingestehen, dass wohl bei den meisten Menschen auch heute noch der Gedanke aufkommen würde, morgens einen Verwandten anzurufen, von dessen Flugzeugabsturz man in der Nacht geträumt hat …
Nichtsdestoweniger sind solche Beschäftigungen mit Träumen weit entfernt von einer psychologischen oder psychoanalytischen Betrachtung, in der ein Traum nämlich etwas über den Träumer und dessen Gefühle, Erinnerungen und Befürchtungen aussagt, statt etwas über die »äußere« Realität zur Anschauung bringt.
Das ist auch Freuds Perspektive auf den Traum. Im Zusammenhang seines Anliegens der Formulierung einer Metapsychologie, also einer »Psychologie mit Unbewusstem«, geht es ihm um die Konzeption »allgemeiner« psychischer Prozesse, nicht nur der psychopathologischen Phänomene. Zum einen formuliert er daher in seinem Entwurf einer Psychologie von 1895 (Freud, 1950a) eine allgemeine Psychologie, u. a. in einer Verbindung der miteinander im bewussten und unbewussten Erleben verbunden Vorstellungen einerseits und neuronaler Bahnungen im Sinne von Assoziationen andererseits: Auf beiden Betrachtungsebenen lässt sich dann beschreiben, wie vor dem Hintergrund vorangegangener Erfahrungen Besetzungen und Hemmungen (mit dem Resultat von sogenannten Seitenbesetzungen) erfolgen – was letztlich bedeutet, das Lust und Unlust die (neuro-)psychische Struktur zu bilden helfen.
Als ein zweiter Kontext der Freud’schen Überlegungen zu einer »allgemeinen« Psychologie kann die klinische Methode genommen werden – aus den Erfahrungen in seiner Praxis erwächst die psychoanalytische Methode, in welcher die freie Assoziation die Grundlage dafür liefern soll, dass sich dem bewussten Erleben unzugängliche, abgewehrte Erlebnisaspekte zeigen können. Freud verfolgt die Konzeption einer psychischen Verdrängung von Vorstellungen, die mit allzu unlustvollen Empfindungen verbunden sind und aus dem Bewusstsein verschwinden sollen, allerdings insofern in einen psychischen Konflikt führen, als sie zugleich Lust versprechen. Im Kern von Freuds allgemeiner Psychologie, seiner allgemeinen Theorie des Psychischen liegen daher Konflikt und (dynamisch) Unbewusstes.
Das Anliegen, etwas über »allgemeine« psychische Prozesse zu entwickeln, verfolgt Freud auch in der Traumdeutung (Freud, 1900a). Indem er den Traum als einen »anderen Schauplatz« (a. a. O., S. 51; mit G.T. Fechner) gegenüber dem Wachleben bezeichnet, wird unterstrichen, dass die Mechanismen des Psychischen im Traum keine anderen sein können als im Wachzustand, sie stehen nur in einem anderen Verhältnis zueinander (im Hinblick auf psychische »Zensur« oder die Zugänglichkeit von Affekten und Vorstellungen). Daher dient der Traum Freud als ein Feld, in dem sich die Rolle des Unbewussten, der Wünsche und der Abwehr studieren lässt (neben den anderen Feldern, die ihn zu Beginn seiner psychoanalytischen Arbeiten besonders beschäftigen: Symptom, Witz, Fehlleistung). So schreibt er: »Der Traum ist selbst eine der Äußerungen dieses Unterdrückten […] Das seelisch Unterdrückte, welches im Wachleben durch die gegensätzliche Erledigung der Widersprüche am Ausdruck gehindert und von der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde, findet im Nachtleben und unter der Herrschaft der Kompromißbildungen Mittel und Wege, sich dem Bewußtsein aufzudrängen. […] Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben.« (Freud, 1900a, S. 613; Hervorh. aufgeh. TS) Die Deutung des Traumes, also die Auseinandersetzung mit seinen Elementen, ist der Königsweg im Hinblick auf eine Erkenntnis des Unbewussten, denn das Rückgängigmachen der Traumarbeit zeigt den Prozess seiner Entstehung, das heißt die ihm zugrundeliegenden Motive, deren Äußerungen und Ablenkungen.
Ich habe bereits knapp erwähnt, dass sich die psychischen Prozesse im Traum besonders durch ein Zurücktreten der psychischen Zensur auszeichnen. Freuds Vorstellungen von einer solchen wandeln sich im Verlauf seines Werks (und münden in die Konzeption des Über-Ichs als internalisierter Gewissensinstanz), zentral bleibt, dass sie mit dem Ziel der Vermeidung von Unlust in Verbindung steht: Dabei geht es darum, dass die Zensur dazu dient, unlustvolle Gefühle (Angst, Scham, Schuldgefühle) zu vermeiden und daher für eine Umarbeitung des dem bewussten Erleben Zugänglichen sorgt, um so eine Gebote und Verbote aussprechende psychische Instanz zu besänftigen.
Jedenfalls kann gesagt werden, dass die psychische Zensur im Traum zurückgesetzt ist, die psychischen Prozesse stehen in einem anderen Verhältnis zueinander als im Wachbewusstsein, was zumindest im klassischen Verständnis im Wesentlichen bedeutet, dass sich das Verhältnis von Wunsch und Verbot verändert und die ansonsten verpönten oder ängstigenden Wünsche stärker ins Erleben drängen. Einer der Gründe, weshalb Freud dies annimmt, ist die Ausschaltung der Motorik im Schlaf bzw. Traum. Er nimmt an, dass aufgrund dieser keine Triebabfuhr (über eine Art motorischer Entladung) erfolgt und sich daher Triebhaftes stärker in Fantasien beziehungsweise Traumbilder umsetzen kann. Neben dem Zurücktreten der Zensur (im Traum ist »mehr erlaubt«) ist daher ein zweiter Grund, weshalb der Traum zu einem besonders gut geeigneten Objekt der Untersuchung psychischer Prozesse wird, dass hier psychische Mechanismen weniger durch eine Abfuhr ohne Beteiligung des Psychischen beeinträchtigt sind.
Freud unterscheidet dabei zwischen manifestem Trauminhalt und latenten Traumgedanken: Im Traum zeigen sich Bilder und Teil-Narrative, denen bestimmte Aspekte des Psychischen zugrunde liegen. Unzugängliches lässt entstellte Bilder entstehen, Kompromissbildungen unter etwas weniger strengen »Zensur-Vorgaben« bzw. Verboten. Die Aufgabe der Traumdeutung sieht Freud nun darin, »die Beziehungen des manifesten Trauminhalts zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist« (Freud, 1900a, S. 283). In diesem Sinne bedeutet die Traumdeutung ein »Rückgängigmachen« der Mechanismen der Traumarbeit. Auch die Traumbilder zeigen nicht »das Unbewusste«; vielmehr zeigen sie die Weise, in der etwas umgearbeitet wird (und zu was es umgearbeitet wird), und ausgehend davon werden Annahmen über das gebildet, was in dieser Weise und mit diesem Ergebnis umgearbeitet worden ist. Deutend rückgängig gemacht werden soll also die Traumarbeit im Sinne von Verdichtung, Verschiebung und Rücksicht auf Darstellbarkeit. Hier taucht ein wichtiger allgemeiner Gedanke Freuds zur Analyse und deren deutender Aufgabe auf: Analytische Arbeit bedeutet eine Zerlegung. Auch in der Traumdeutung wird das Konstruierte, der manifeste Trauminhalt, dekonstruiert, in das zerlegt, was hier zusammengefügt wurde. Es ist nicht (immer) davon auszugehen, dass im Anschluss an diese Zerlegung etwas Sinnhaft-Kohärentes auftaucht.
Gleichwohl lohnt sich das Rückgängigmachen, denn »Traumgedanken und Trauminhalt liegen uns vor wie zwei Darstellungen desselben Inhalts in zwei verschiedenen Sprachen, oder besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise« (a. a. O.). Allerdings ist wohl hinzuzufügen, dass dieses Modell nicht analog zur Übersetzung einer Vokabel o. ä. gedacht werden sollte. Latente Traumgedanken werden nicht im selben Modus, in derselben Logik in den manifesten Trauminhalt übersetzt (das von Freud verwendete Bild des Rebus ist hier m.E. irreführend), sondern im Zuge einer Umarbeitung verändert sich auch die Psycho-Logik des inneren Erlebens. Deutlich wird dies, wenn man sich vor Augen führt, dass auch die Rücksicht auf Darstellbarkeit in der Bildung des Trauminhalts eine Rolle spielt.
Dieser Gedanke findet sich in Freuds Hinweis angedeutet, man verschaffe sich Kenntnis der latenten Traumgedanken, »indem man den manifesten Trauminhalt ohne Rücksicht auf seinen etwaigen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zerlegt und dann die Assoziationsfäden verfolgt, die von jedem der nun isolierten Elemente ausgehen.« (a. a. O., S. 182f.) Weiter unten (
Kap. 3) wird der Gedanken wieder aufgenommen werden, dass psychoanalytische Verstehens- und Deutungspraxis vor allem Assoziationen folgen beziehungsweise diese in Gang setzen will. Entscheidend sind also auch bei der Traumdeutung die Einfälle, die der Träumende zu seinem Traum äußert. Das dürfte der wichtigste Punkt sein, in dem sich die Traumdeutung Freud’scher Prägung von derjenigen seiner Vorgänger unterscheidet: Sind die Einfälle des Träumenden zu seinem Traum das entscheidende Element für dessen Deutung, wird damit auch einer überindividuellen Bedeutung von Traumsymbolen eine Absage erteilt.
Freud führt so den Gedanken, dass Träume eine individuelle Bedeutung haben, in die moderne Wissenschaft ein, und zwar nicht mehr länger, wie er kommentiert, als eine »symbolische Traumdeutung« (in einem überindividuellen Sinn) oder einer »Chiffriermethode« folgend (a. a. O., S. 102), denn »[f]ür die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes keinen Moment lang zweifelhaft sein.« Stattdessen will er die Mechanismen der Traumarbeit (deren Verhältnis sich gegenüber dem Wachbewusstsein verändert) erkennen und nachverfolgen – indem die Assoziationen erfragt und die Mechanismen der Umarbeitung von etwas Unbekanntem in etwas Bekanntes adressiert werden.
Auf einer ersten Ebene ist die Konsequenz, dass es der Träumende selbst ist, der »deutet«, indem er den Einfällen zum Traum (oder eher: seiner Traumerinnerung) nachgeht. Freud plädiert dafür, den Traum nicht als Ganzes, sondern in seinen einzelnen Teilen zu betrachten. Man müsse dem Analysanden »den Traum gestückelt vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stück eine Reihe von Einfällen, die man als die ›Hintergedanken‹ dieser Traumpartie bezeichnen kann.« (a. a. O., S. 108) Zwar wird dabei der Traum »als etwas Zusammengesetztes, als ein Konglomerat von psychischen Bildungen« betrachtet (a. a. O.), aber ohne dass es einen »fixierten Schlüssel« (a. a. O., S. 109) dazu gibt. Hier werden die Grundlagen für ein Verständnis der Psycho-Analyse als einer Zerlegung gelegt, die Assoziationen folgen einzelnen Traumteilen. So soll die Entstehung des Traums nachvollzogen werden können, indem die Traumarbeit rückgängig gemacht wird. Es werden die latenten Traumgedanken offengelegt, eine Art assoziative Linie des Wunsches und seiner Ablenkung.
Anhand des Traumes lässt sich also etwas über psychische Mechanismen erkennen, die anders auch im Wachbewusstsein am Werk sind; aber, und das ist im vorliegenden Kontext noch bedeutsamer, die Traumdeutung liefert auch ein Modell der klinischen Arbeit angesichts unbewusster Prozesse, und zwar über den methodischen Gedanken der (freien) Assoziation. Auch in der klinischen psychoanalytischen Arbeit jenseits der Traummitteilung gibt es die Anregung, alle Einfälle frei mitzuteilen, ohne Rücksicht auf diskursive Regeln, vermeintliche Relevanz oder Kohärenz, und auch hier liegt der Gedanke zugrunde, dass so psychische Verbindungen relativ zensurfrei zutage treten können.
Was für den Traum gilt, nämlich dass er »in die psychische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer pathologischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen ist« (a. a. O., S. 105), weitet Freud aus. Es führt zur psychoanalytischen Grundregel der freien Assoziation, mit der gemeint ist, »daß [der Patient; TS] alles beachtet und mitteilt, was ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den einen Einfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint.« (a. a. O., S. 105) Der Analysand soll sich »völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten«, denn »gerade an der Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auflösung des Traums […] u. dgl. zu finden« (a. a. O.). Freud meint, dass sich in der »ungefilterten« Rede die Verbindungen zeigen. Das gilt für das Erkunden der Bedeutung eines Traums, das dann allein dadurch möglich wird, dass man möglichst »kritikfrei« spricht beziehungsweise denkt, aber auch für das Sprechen in der analytischen Stunde überhaupt. Wenn sich also die Traumdeutung der Bedeutung des Traums darüber nähert, den spontanen Einfällen nachzugehen, ist dies auch das Grundmodell des Verstehens in der analytischen Stunde überhaupt – dort, wo es um unbewusste Bedeutungen in Form der Verbindungen von Vorstellungen und Affekten geht.
Die Traumtheorie liefert die Grundlage für eine allgemeine Theorie der Bedeutung und des Verstehens. Was hier zum Traum und dessen Deutung gesagt wird, ist in Grundzügen ein Modell für die Deutung überhaupt. Freud meint, dass Manifestes (Trauminhalt, Symptome etc.) als eine Kompromissbildung aus Wunsch und Verbot zu verstehen ist. Die Via Regia zu den unbewussten Bedeutungen in dieser Hinsicht ist es, den Assoziationen zu folgen (und dabei Abwehr und Widerstand zu benennen). Zum Traum bemerkt Freud daher, »daß jene Arbeit, welche den latenten Traum in den manifesten übersetzt, die Traumarbeit heißt. Die in entgegengesetzter Richtung fortschreitende Arbeit, welche vom manifesten Traum zum latenten gelangen will, ist unsere Deutungsarbeit. Die Deutungsarbeit will die Traumarbeit aufheben.« (Freud, 1916/17, S. 174), also die Arbeit an den Entstellungen. Auf die Folgerungen dessen im Hinblick auf die Bedeutungstheorie der Psychoanalyse werde ich weiter unten zurückkommen (
Kap. 3). Greenson (1970, S. 160) bringt dabei die Assoziationen des Analytikers zum Traumbericht des Analysanden als relevanten Faktor ein: »Um mit dem Traum eines Patienten wirkungsvoll zu arbeiten, muß der Analytiker seine eigenen theoretischen Interessen, seine persönliche Neugier unterordnen und versuchen, mit dem in Kontakt zu kommen, was zur gegebenen Zeit im Seelenleben des Patienten lebendig, zugänglich und vorherrschend ist. Seine Assoziationen zum Material des Patienten müssen so einfühlsam sein, als hätte er dessen Leben geteilt.« Hier wird eine weitere allgemeine Frage am Beispiel der Technik der Traumdeutung aufgeworfen, nämlich die danach, welche Deutung zutreffend ist. Was ist eine einfühlsame beziehungsweise einfühlsam geäußerte Deutung?
2.3 Die Deutung als psychoanalytische Interventionsform
Viele dieser aus der Arbeit mit Träumen erwachsenden Aspekte betreffen also die Deutung als Teil der psychoanalytischen Behandlungstechnik in allgemeiner Weise. Die Deutung ist eine verbale Interventionsform (vgl. Loch, 1993; Mertens, 2004; Körner, 2016), neben Klarifikation oder Konfrontation; zu nennen sind ferner Mitteilung, (emotionale) Validierung oder Konstruktion (vgl. außerdem Tuckett, 2007, zu verschiedenen Formen der Deutung). Übergeordnet betrachtet soll die Deutung das Durcharbeiten (von Behandlungswiderständen, Übertragung oder unbewussten Konflikten) möglich machen.
Tuckett (2007, S. 1062) unterscheidet unter den analytischen Interventionsformen zwischen folgenden Funktionen:
• »Aufrechterhaltung des basalen Settings« (z. B. »Nächste Woche beginnen meine Ferien«)
• »Hinzufügung eines Elements, um den unbewußten Prozeß zu fördern« (z. B. Wiederholungen des vom Analysanden Gesagten, wenn dieses auf etwas Mehrdeutiges hinweist oder selbst mehrdeutig ist)
• »Fragen, Klärungen, Neuformulierungen, die etwas bewußt machen sollen« (z. B. Nachfragen, Zusammenfassungen, die der Vertiefung dienen)
• »Benennung der emotionalen und phantasierten Bedeutung, die der Situation mit dem Analytiker im Hier und Jetzt zukommt«;
• »Konstruktionen, die eine differenziertere Bedeutung aufzeigen sollen«
• »Unvermittelte und scheinbar eklatante Reaktionen, die der normalen Methode des Analytikers nicht ohne weiteres zu entsprechen scheinen« (einschließlich möglicher »Fehler«).
2.3.1 Deutung und Widerstand
Allgemein kann man sagen, dass die Deutung im herkömmlichen psychoanalytischen Verständnis »hinter« dem Widerstand (als Äußerungsform der Abwehr in Behandlungen) den unbewussten Wunsch adressieren, mithin die Einsicht darin fördern soll. Das folgt dem Gedanken Freuds, dass man dem Patienten nicht schlicht Hinweise auf sein Unbewusstes geben könnte, da sich der Bewusstmachung Hemmnisse entgegenstellen: »Wir haben einmal gemeint, [das Unbewusste durch das Bewusste zu ersetzen; TS] ginge ganz einfach, wir brauchten nur das Unbewußte zu erraten und es ihm vorzusagen.« (Freud, 1916/17a, S. 453) Implizit ist damit bereits auch gesagt, dass die Deutung stärker als ein (gestufter) Prozess vorzustellen ist, nicht als das Mitteilen einer Information. Freud (a. a. O.) meint weiter, wenn seitens des Analytikers schlicht vermeintliches »Wissen« über unbewusste Zusammenhänge mitgeteilt werde, habe der Patient es nicht »an Stelle seines Unbewußten, sondern neben demselben«. Auf diese Weise würde das Unbewusste nicht, und schon gar nicht verändernd, adressiert. Auch Fenichel (1935, S. 336) meint: »Wir können nie und nimmer Unbewußtes deuten«. Dem Bewusstmachen des Unbewussten stellt sich ein Widerstand entgegen bzw. ist ergänzend zu sagen, dass dieses Bewusstmachen selbst eine Umarbeitung des Unbewussten bedeutete.
Aufgrund der engen Verbindung der Deutung zum Widerstand (Freud, 1910k, S. 123f.) müsse »der Kranke durch Vorbereitung selbst in die Nähe des von ihm Verdrängten gekommen« sein (Mertens, 2004, S. 92). Das verweist auf den wesentlichen Grund einer nötigen Unterscheidung zwischen Interpretation (als innerem Prozess des Analytikers) und Deutung (als verbale Mitteilung). Nicht unbedingt im selben Moment, in dem eine Verstehenshypothese gebildet wird, müsste auch die Deutung erfolgen, denn es macht einen großen Unterschied, zu welchem Zeitpunkt sie gegeben wird. Entsprechend heißt es auch andernorts bei Freud (1926b, S. 250f.): »Sie müssen den richtigen Moment abwarten, um dem Patienten Ihre Deutung mit Aussicht auf Erfolg mitzuteilen. […] Sie begehen einen schweren Fehler, wenn Sie etwa im Bestreben, die Analyse zu verkürzen, dem Patienten Ihre Deutungen an den Kopf werfen, sobald Sie sie gefunden haben. […] Die Vorschrift ist, zu warten, bis er sich [dem Verdrängten; TS] soweit angenähert hat, daß er unter der Anleitung Ihres Deutungsvorschlages nur noch wenige Schritte zu machen braucht.« Die Denkfigur der genügenden Nähe (vgl. a. Busch, 1993) des Analysanden zum in der Deutung Angesprochenen findet sich auch bei Fenichel (1935, S. 336), wenn er den Hinweis gibt, das Deuten solle um »ein kleines Etwas mehr« erfolgen, »das der Analytiker schon spürt, der Patient aber noch nicht«, statt den Patienten »mit Deutungen an[zu]schießen«. Ferner beruht die gelingende Deutung auf einer genügenden »Attachierung« des Patienten an den Arzt im Sinne der (unanstößigen) Übertragung (Freud, 1910k, S. 124).
Körner (2020, S. 13) stellt die Geschichte der Deutung entlang von Patientenerwartungen dar und differenziert dabei zwischen einer ersten Haltung/Phase, die er »Aufklären und bewusst machen« nennt. Hier sei es darum gegangen, dass ein Patient auf die Erläuterungen des Analytikers lausche. In einer zweiten Phase, der »Arbeit im Subjektmodell«, sei es darum gegangen, dass ein Patient nach Verständigung darüber suche, wie die soziale Welt zu verstehen sei. Als drittens nennt Körner schließlich das »intersubjektive Modell« der Deutung, in dem der Patient vom Analytiker erwarte, dass dieser sich persönlich zur Verfügung stellt.
2.3.2 Die Deutung und ihre Bestätigung
Bereits bei Freud wird zudem ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet, wie eine Deutung vom Patienten beantwortet wird. Freud nimmt hier den Ausgang von einem möglichen Einwand gegen die psychoanalytische Methode der Deutung, nämlich dass sie, angesichts dessen, dass sie sich auf Unbewusstes richtet und im Feld des Widerstands operiert, jedwede Antwort des Patienten, die Bejahung wie die Zurückweisung der Deutung, deren Bestätigung bedeuten könne: Nimmt ein Patient sie zustimmend auf, wird sie als korrekt angesehen; weist er sie zurück, ist dies Zeichen seines Widerstands gegenüber der umso treffenderen Deutung. Freud bringt diesen Vorwurf auf die Formulierung: Heads I win, tails you lose – die Deutung wäre dann immer richtig: »[W]enn er uns zustimmt, dann ist es eben recht; wenn er aber widerspricht, dann ist es nur Zeichen seines Widerstandes, gibt uns also auch recht. Auf diese Weise behalten wir immer recht gegen die hilflose arme Person, die wir analysieren, gleichgiltig wie sie sich gegen unsere Zumutungen verhalten mag.« (Freud, 1937d, S. 43) Freud polemisiert hier, aber in der Tat wirft die Konzeption der Deutung angesichts des Widerstands die Frage auf, wann eine Deutung von Unbewusstem als falsch oder letztlich gleichgültig angesehen werden soll. Freud begründet nun weiter, es sei durchaus »richtig, daß ein Nein unseres Patienten uns im allgemeinen nicht bestimmt, unsere Deutung als unrichtig aufzugeben« (a. a. O.). Für sich genommen besagt es nicht viel. Der Hintergrund, der sich durch die Konzeption des dynamisch Unbewussten bezieht, verweist darauf, dass der Analytiker »das Vergessene aus den Anzeichen, die es hinterlassen, zu erraten oder, richtiger ausgedrückt, zu konstruieren« hat (a. a. O., S. 45; Hervorh. aufgeh. TS), also aus den Anspielungen, Auslassungen oder irritierenden Verdichtungen. Freud präzisiert, dass es um den Versuch einer »Rekonstruktion« gehe (a. a. O.; vgl. zur Frage der möglichen Rekonstruktion auch der Überblick aus gedächtnispsychologischer Sicht bei Billhardt & Storck, 2021, Kap. 3.2.5). Freud gebraucht den Vergleich zur Arbeit des Archäologen, der »Schlüsse aus Erinnerungsbrocken, Assoziationen und aktiven Äußerungen« (a. a. O.) ziehen müsse, wobei der Analytiker auf das Problem der »Bestimmung des relativen Alters eines Fundes« (a. a. O., S. 46) stoße. Anders als bei einem archäologischen Fundstück, das bei ausreichender Kennerschaft hinsichtlich seines Alters gut bestimmbar ist, ist bei den Phänomenen in einer analytischen Stunde weniger leichter erkennbar, was es genau ist, das sich gerade aktualisiert. Anders als in der Archäologie gebe es in der Psychoanalyse allerdings einen Vorteil: »Alles Wesentliche ist erhalten, selbst was vollkommen vergessen scheint, ist noch irgendwie und irgendwo vorhanden, nur verschüttet, der Verfügung des Individuums unzugänglich gemacht. Man darf ja bekanntlich bezweifeln, ob irgend eine psychische Bildung wirklich voller Zerstörung anheimfällt.« (a. a. O., S. 46) Allerdings lässt sich zurecht fragen, ob zwischen einem Herstellen (von Verbindungen in einer Konstruktion) und einem Ausgraben nicht doch entscheidende Unterschiede bestehen. Hinz (2009, S. 72f.) weist zum Beispiel auf den schlichten Umstand hin: »Es gibt keine Erinnerung aus der Kindheit, sondern an die Kindheit.«. Folgt man diesem Gedanken, bedeutet das auch, »daß der Analytiker keine präexistente Phantasie reproduziert, sondern durch seine Rede [Deutung] etwas produziert, was es vorher so nicht gab« (Loch, 1993, S. 59) – es ist eine Formgebung, keine Freilegung von etwas Verschüttetem, bereits so Geformten, das man nur wiederentdeckte.
Freud selbst sieht zudem einen Unterschied darin, dass die Rekonstruktion für den Archäologen das Ziel der Arbeit sei, für den Analytiker hingegen »nur eine Vorarbeit« (1937d, S. 47). Die Konstruktion (durch den Analytiker) wird in Form einer Mitteilung an den Analysanden gegeben und wird/bleibt so Teil des Prozesses (statt dass der Analytiker erst fertig rekonstruiert und damit bereits seit Ziel erreicht hätte). Freud meint an dieser Stelle ferner, dass Konstruktion gegenüber Deutung »die weitaus angemessenere Bezeichnung« sei (a. a. O.). Der Ausdruck Deutung bezieht sich für Freud »auf das, was man mit einem einzelnen Element des Materials, einem Einfall, einer Fehlleitung u. dgl. vornimmt«, während mit »Konstruktion« gemeint sei, »wenn man dem Analysierten ein Stück seiner vergessenen Vorgeschichte […] vorführt« (a. a. O.).
Nun geht es auch Freud um die Frage der Korrektheit der Deutung bzw. um deren Validierung. Er fragt, welche Garantie es gebe, »daß wir nicht irre gehen und den Erfolg der Behandlung durch die Vertretung einer unrichtigen Konstruktion aufs Spiel setzen?« (a. a. O., S. 48) In die Irre gegangen sei man, so Freud weiter, dann, wenn der Patient »wie unberührt bleibt, weder mit Ja noch mit Nein […] reagiert« (a. a. O.). Eine Deutung ist also vor allem dann falsch, wenn sie den Patienten nicht erreicht. Freud folgt der Annahme, dass es zwar richtig sei, »daß wir ein ›Nein‹ des Analysierten nicht als vollwertig hinnehmen« (wie von vorgestellten Kritikern an der Psychoanalyse angesichts von deren Widerstandskonzeption beklagt), »aber ebensowenig lassen wir sein ›Ja‹ gelten« (a. a. O., S. 49).
Freud begründet dies darüber, dass das »direkte ›Ja‹ des Analysierten« »vieldeutig« sei (a. a. O.). Es könne heißen, dass er »die vernommene Konstruktion als richtig anerkennt«, es könne aber auch »bedeutungslos« sein. Der Analysand könne eine »nicht aufgedeckte Wahrheit durch eine solche Zustimmung weiterhin […] verbergen« (a. a. O.). Dabei handelt es sich im Übrigen um eine Denkfigur, die Freud in seiner Konzeption des Unbewussten häufiger verwendet, so beispielsweise auch in der Begründung des Nutzens von Tagesresten: Für das bewusste Erleben werden Vorstellungen gewählt, denen bedenkenlos psychisch zugestimmt werden kann, weil sie ungefährlicher sind als etwas darunter Liegendes; dieses wird dadurch zugleich verdeckt, aber jemand gerät auch in ausreichende (= erträgliche) Nähe dazu. Für die Bejahung einer Deutung, die »relativ daneben« zielt, kommt hinzu, dass so die Abwehr leichter aufrechterhalten werden kann. Ein schlichtes »Ja« zu einer Deutung kann also sehr viel eher dem Widerstand dienen als ein »Nein«. Entsprechend heißt es auch bei Freud: »Einen Wert hat dies Ja nur, wenn es von indirekten Bestätigungen gefolgt wird, wenn der Patient in unmittelbarem Anschluß an sein Ja neue Erinnerungen produziert, welche die Konstruktion ergänzen und erweitern.« (a. a. O.) Das dürfte als ein Dreh- und Angelpunkt der Freud’schen Deutungstheorie gelten: Der Wert der Deutung und der Antwort des Patienten auf sie bemisst sich daran, ob prozessual Neues in die Analyse kommen kann. Freud gibt dazu zwei Beispiele; einmal dass ein Patient sagt: »Das (daran) habe ich (oder hätte ich) nie gedacht« und einmal das Aufkommen einer Assoziation, »die etwas dem Inhalt der Konstruktion Ähnliches oder Analoges enthält.« (a. a. O., S. 50)
Daraus ergeben sich entsprechende Konsequenzen für das »Nein« des Patienten. Freud meint: »Das Nein des Analysierten ist ebenso vieldeutig und eigentlich noch weniger verwendbar als sein Ja« (a. a. O., S. 49), es sei nur in seltenen Fällen »Ausdruck berechtigter Ablehnung«, sondern häufiger »Äußerung eines Widerstandes, der durch den Inhalt der mitgeteilten Konstruktion hervorgerufen wird« (oder durch einen anderen »Faktor der komplexen analytischen Situation«). Sein Argument ist, dass das »Nein« zunächst einmal besagt, dass eine Deutung nicht angenommen wird. Weiter heißt es: »Das Nein des Patienten beweist also nichts für die Richtigkeit der Konstruktion, es verträgt sich aber sehr gut mit dieser Möglichkeit. […] Die einzig sichere Deutung seines ›Nein‹ ist also die auf Unvollständigkeit« (a. a. O., S. 49f.). Ein »Nein« zur Deutung also ist derart einzuschätzen, dass diese nicht annehmbar ist – was bedeuten kann, dass sie unrichtig ist, aber auch, dass sie nur einen Teil erfasst oder auch, das wird unten noch genauer auszuführen sein, dass sie in unpassender Weise gegeben wird, etwa zu einem schlechten Zeitpunkt. Zudem ist zu beachten, dass eine Deutung in aller Regel nicht »punktuell« wirkt oder als korrekt einzuschätzen ist, sondern Teil eines Deutungs- und Veränderungsprozesses ist.
Das Verhältnis der Deutung zum Widerstand, aber auch zum Durcharbeiten durchzieht Freuds behandlungstechnische Schriften, so auch die Arbeit »Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten« (Freud, 1914g). Zunächst folgte Freud (im sogenannten kathartischen Modell des psychoanalytischen Prozesses, also im Sinne eines Abreagierens oder »Aberzählens«) dem methodischen Gedanken einer Erinnerung oder Einsicht zum Zweck eines Abreagierens, beispielsweise eines »einklemmten« beziehungsweise nicht mit den dazugehörigen Vorstellungen verbundenen Affekts. In dieser Betrachtung ist dies mit einer Trieb- oder Spannungsabfuhr verbunden, die neurotische Symptome auflöst. Zunehmend tritt dann in Freuds Vorstellung der Behandlungstechnik der Stellenwert der freien Einfälle und der »Deutungsarbeit« (a. a. O., S. 126) ins Zentrum. Dabei wird die »Deutungskunst« »wesentlich dazu benützt, um die an dieser hervortretenden Widerstände zu erkennen und dem Kranken bewußt zu machen« (a. a. O., S. 127). Die Technik wandelt sich vom Mitteilen einer Einsicht (in die Verbindung von Vorstellungen und Affekten) hin zu einer Analyse (sowohl im Sinne eines Erkundens als auch eines Auflösens) von Widerständen, davon also, was dazu führt, dass symptomatische Lösungen nicht aufgegeben werden können.
2.3.3 Deuten und Formen des (Nicht-)Er-innerns
Freud spricht dabei weiterhin von einem »Erinnern«, also von einem Auffüllen der durch die Verdrängung/Abwehr bedingten Lücken. Er-innern bedeutet Einsicht zu nehmen, auch in der Bedeutung dessen, etwas innerlich zu machen, also repräsentieren und bewusst erleben zu können, statt dass es »ver-äußert« wird, also abgeführt in Handlungen. In Freuds Wahrnehmungs- und Gedächtnistheorie kann die Erinnerung als aktuelle innere Wahrnehmung betrachtet werden (Billhardt & Storck, 2021, s. Kap. 3.2.1).
Angesichts des dynamischen Geschehens von Bewusstheit und Unbewusstem lassen sich so auch Deckerinnerungen, Symptome oder Träume als eine Art von »Erinnerung« begreifen, in unterschiedlichen Graden der Entstellung, aber immer als ein Zeigen und Verbergen zugleich. Wenn Freud also auch behandlungstechnisch von einem Erinnern (als Teil-Ziel) spricht, dann bedeutet das auch, dass etwas vom »Vergessenen«, also dem bewussten Erleben abwehrbedingt nicht Zugänglichen, in der Analyse zum Vorschein kommt und zwar in erster Linie in einem (entstellten) »Erinnern« in Gestalt der Übertragung. Das »Wiederholen« im Dreischritt aus Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten bezieht sich hier also darauf, dass etwas aus früheren Beziehungen Stammendes in der Beziehung zum Analytiker wieder erlebbar wird, insofern dieser, einem Tagesrest ähnlich, etwas bereitstellt, an das sich Unbewusstes »anheften« kann (Storck, 2020).
Freud spricht davon, man dürfe sagen »der Analysierte erinnere überhaupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten, sondern er agiere es. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er es wiederholt.« (a. a. O., S. 129; Hervorh. aufgeh., TS) Damit ist in besonderer Weise das »Benehmen gegenüber dem Arzt« gemeint, also die Re-Inszenierung einer Beziehung bzw. Beziehungsfantasie. Hier entwickelt Freud das Konzept des Agierens (vgl. a. Storck, 2013b), das bei ihm zum einen das Handeln (statt zu sprechen/assoziieren) betrifft. Freuds Grundgedanke dabei ist, dass – motorisches – Handeln dazu führt, dass sich Triebhaftes nicht in Fantasien umsetzt, sondern gleichsam reflexionslos abgeführt wird. Zum anderen ist in Grundzügen die Beziehungsinszenierung angesprochen, in der die Übertragung besteht. Das steht in direktem Zusammenhang mit dem Konzept des Widerstands, denn: »Je größer der Widerstand ist, desto ausgiebiger wird das Erinnern durch das Agieren (Wiederholen) ersetzt sein.« (Freud, 1914g, S. 130)
Ebenso wie man für die Übertragung im Freud’schen Sinn sagen kann, dass sie zum einen ein Widerstandsphänomen ist (sie bedeutet immer auch ein Festhalten am Bestehenden und ein Ausweichen der Arbeit mit dem Analytiker als Analytiker), zum anderen aber auch die verinnerlichen Beziehungserfahrungen auf die Bühne bringt, so kann auch für den Widerstand gesagt werden, dass er Veränderung hemmt, sich aber darin gerade zentrale Ängste und Konflikte zeigen (vgl. Storck, 2021a).
Wenn also, wie Freud meint, der Patient »unter den Bedingungen des Widerstands« wiederholt (Freud, 1914g, S. 131), heißt das, dass sich zunächst ein »Erinnern« (»ohne es zu wissen«) zeigt, also Beziehungsinszenierungen und -fantasien, was, wenn es als eine Wiederholung begriffen wird, behandlungstechnisch zugänglich wird. Im Grunde kann man dann von einem »Erinnern, Wiederholen, Erinnern, Durcharbeiten« sprechen, bei dem zunächst das Erinnern eines ist, das noch nicht erkannt oder reflektiert wird, jedoch, verstanden als Wiederholung und solcherart in eine Deutung gefasst, ein Erinnern im Sinne des Einsichtnehmens erlaubt. Die Deutung würde dann genau an der Schnittstelle des »bewusstlosen« Erinnerns und des »einsichtsvollen« Erinnerns stehen.
Dann wird, wie Freud schreibt, »Stück für Stück [des] Krankseins […] nun in den Horizont und in den Wirkungsbereich der Kur gerückt« (a. a. O.) und dann prozessual durch die fortgesetzte Deutungsarbeit durchgearbeitet. Dazu müssen sich Konflikte und problematische Affekte zeigen bzw. Beziehungsmuster aktualisiert werden: Man kann, so Freud, keinen Feind umbringen, der »abwesend oder nicht nahe genug ist« (a. a. O., S. 132).
2.3.4 Deuten und Durcharbeiten
Das zeigt auch, dass die Deutung für Freud nicht bloß Erläuterung oder Instruktion ist und dass sie in einen Veränderungsprozess eingebettet ist, in dem sie nicht, und schon gar nicht einmalig, am Ende steht. Freud merkt an: »Ich bin oft in Fällen zu rate gezogen worden, in denen der Arzt darüber klagte, er habe dem Kranken seinen Widerstand vorgestellt, und doch habe sich nichts geändert« (a. a. O., S. 135). Die Deutung ist Teil eines Durcharbeitens (vgl. zum Begriff Storck, 2016c). Freud meint, man müsse »dem Kranken die Zeit lassen, sich in den ihm unbekannten Widerstand zu vertiefen, ihn durchzuarbeiten, ihn zu überwinden, indem er ihm zum Trotze die Arbeit nach der analytischen Grundregel fortsetzt.« (a. a. O.)
»Durcharbeiten« kann sich dabei auf verschiedene Bereiche richten beziehungsweise unterschiedliche Bedeutungen haben. Es kann damit das Durcharbeiten von Behandlungswiderständen gemeint sein (durch beide am analytischen Prozess Beteiligten), ferner im engeren Sinn das Durcharbeiten von Deutungen (durch den Analysanden), also die Wirkung, die eine Deutung im Sinne einer inneren Arbeit anstößt oder möglich macht. Greenson (1967) meint zudem, dass Deutungen mehr als einmal gegeben, das heißt, dieselben Sachverhalte in ihren Wiederholungen gedeutet werden sollten. Auch Werthmann (1983, S. 154) meint: »Nicht die glänzende verbale Einzelaktion eines begnadeten psychoanalytischen Intellekts wird im Normalfall einen mutativen Effekt haben, sondern der geduldige Deutungsprozeß«. Schließlich kann sich das Durcharbeiten auf das Durcharbeiten der Übertragungsneurose im engeren Sinn beziehen, also das Durcharbeiten dessen, was sich in der Übertragung zeigt. Dem korrespondiert ein Durcharbeiten (in) der Gegenübertragung, als ein wichtiger Teil dessen, wodurch der Analytiker dem Analysanden Veränderung möglich macht. Beim Konzept des Durcharbeitens ist daher immer zu fragen, was und durch wen durchgearbeitet wird: eine Deutung (durch den Analysanden), ein Behandlungswiderstand oder die Übertragungsneurose (durch beide) oder die Gegenübertragung (durch den Analytiker).
2.4 Probleme der Freud’schen Deutungstheorie
Die »klassische« Theorie und Praxis der Deutung hat sich einigen Kritikpunkten ausgesetzt gesehen. Mertens (2004, S. 118) merkt an, die Deutung sei gelegentlich aufgetaucht als ein »suggestives Oktroyieren von Interpretationen und Schlußfolgerungen über Vorgänge im Dort und Damals, die ein eingeschüchterter Patient von seinem mit Charisma ausgestatteten Therapeuten willfährig und unterwürfig übernimmt«. Das zeigt sich ganz konkret an der Figur eines durch die Deutung möglich werdenden »Erinnerns« (vgl. allgemein zum sogenannten false memory syndrome auch Volbert, 2017): Wie suggestiv ist die Deutung in ihrer Wirkung? Immerhin wird sie im Kontext der Übertragungsbeziehung gegeben, samt der Erwartungen, Ängste oder Sehnsüchte, die darin Einzug erhalten.
Hier kommt bereits ein zweiter möglicher Kritikpunkt ins Spiel, nämlich die Position des Analytikers als Experte, der vermeintliche Wahrheiten in der inneren (und biografischen) Welt des Analysanden erkennt und aufzeigt. Etwa seitens Lacan (1964) ist hier nachdrücklich darauf hingewiesen worden, dass dem Analytiker zwar die Position des »Subjekts, dem Wissen unterstellt wird«, zugewiesen wird, er diese aber zum Wohl des Analysanden nicht annehmen soll oder kann. Für den Analysanden ist vielmehr entscheidend, dass der Analytiker eine Position vertritt, in der ein Mangel nicht illusionär bzw. imaginär vervollständigt wird. Bion (1967) spricht davon, dass der Analytiker frei von Erinnerung und Wunsch sein solle, was ebenfalls darauf bezogen ist, dass er nicht aus einer wissenden Haltung heraus arbeiten und deuten, nicht als ein Sammler von Fakten oder Wahrheiten über seinen Analysanden, sondern in resonanter Weise ein Gegenüber darstellen sollte. Auch im Ansatz der Mentalisierungsbasierten Therapie (z. B. Taubner, Fonagy & Bateman, 2019) ist die Forderung zentral, eine Haltung des Nicht-Wissens einzunehmen und in Interventionen keine Setzungen vorzunehmen, sondern zur Erkundung anzuregen.
Während also denkbar unterschiedliche psychoanalytische Ansätze das Nicht-Wissen oder das Nicht-Expertentum in einzelnen Behandlungen unterstreichen, muss zugleich darauf hingewiesen werden, dass der Analytiker zweifelsohne Kompetenzen und Verpflichtungen hat und der Analysand zurecht von ihm erwartet, dass in der Analyse etwas bereitgestellt wird, was er nicht für sich selbst leisten könnte – nur ist dies eben in erster Linie ein Beziehungsangebot sowie das Angebot, über diese Beziehung nachzudenken.
Hinsichtlich der Deutungstechnik und ihrer Ziele ist außerdem bedeutsam, die Abwägungen zwischen historischer oder narrativer Wahrheit (Spence, 1982) aufzunehmen, um die sich einige Debatten ranken (Überblick bei Billhardt & Storck, 2021, Kap. 3.2.5). In vielen psychoanalytischen Richtungen wird heutzutage die Position vertreten, dass es nicht um die Rekonstruktion früherer Erinnerungen geht, sondern um psychische Formbildung – in Gestalt innerer Repräsentanzen von Affekten, Beziehungen oder Selbstzuständen (im Sinne der Narration gesprochen: sich seine eigene Geschichte, sein So-Geworden-Sein, vor Augen führen zu können, aber als etwas, das nur in der Gegenwart entstehen kann). Hier steht die Mentalisierung oder Symbolisierung im Zentrum und weniger der Anspruch, vormalig präsente, aber verloren gegangene Erinnerungen wieder herbei zu holen.
Schließlich ist insgesamt der (zu) wenig beziehungshafte Charakter der klassischen Deutungspraxis kritisiert worden. Mertens (2004, S. 99) diskutiert die möglichen Probleme am Beispiel der Übertragungsdeutung. Diesem liege der Gedanke vom Analytiker als »reiner Projektionsschirm« zugrunde, als »Aufhänger für die verzerrten, aus der Vergangenheit stammenden Sichtweisen des Patienten«. Dabei werde der Blick nur wenig auf die (momenthafte und womöglich ko-kreierte) Entstehung bestimmter Vorstellungen gerichtet, sondern ein Eindruck zu rasch auf die Vergangenheit zurückgeführt, angereichert mit genetischen Deutungen und Rekonstruktionen. Hier tauche eine »Haltung der Allwissenheit beim Analytiker« auf und die unbewusste Kommunikation zwischen Analytiker und Patient bleibe »weitgehend außerhalb des Vorstellungshorizonts«.
2.5 Frühe Konkretisierungen der Deutungstheorie
Für die 1920er und 1930er Jahre kann von einem »(Behandlungs-)Technik-Boom« in der Psychoanalyse gesprochen werden, auch über die Freud’sche Konzeption im engeren Sinn hinaus. Dessen metapsychologische Schriften der 1910er Jahre waren weitgehend abgeschlossen (1923 erschien noch Das Ich und das Es). In recht rascher Abfolge erscheinen dann, neben weiteren eigenen behandlungstechnischen Schriften Freuds, die Entwicklungsziele der Psychoanalyse von Ferenczi und Rank (1924), Ranks (1926; 1929; 1931) Arbeiten zur Technik der Psychoanalyse, Stracheys (1934) Aufsatz »Die Grundlagen der therapeutischen Wirkung der Psychoanalyse« und 1938 Vorlesungen Fenichels zu Problemen der psychoanalytischen Technik. Ferenczis und Ranks Arbeit beispielsweise ist hoch einflussreich gewesen in Richtung einer Auffassung des analytischen Prozesses als einer Beziehungserfahrung, auch im Hinblick auf das, was später konkret als eine resonante Haltung des Analytikers beschrieben worden ist.
2.5.1 Vorschläge zur Deutungstechnik bei Strachey und Fenichel
Stracheys (1934) Arbeit ist, insbesondere zur Klärung einiger Probleme der Deutung, in ihrem Einfluss auf die heutige Psychoanalyse kaum zu überschätzen. Er formuliert: »Was ist also die Deutung? Und wie wirkt sie? Man scheint außerordentlich wenig über sie zu wissen, was aber einen fast allumfassenden Glauben an ihre besondere Wirksamkeit als Waffe nicht hindert. Die Deutung hat, das muß eingestanden werden, viele Eigenschaften einer Zauberwaffe.« (Strachey, 1934, S. 499) Das zeigt zunächst einmal ein zumindest heute problematisches Selbstverständnis der Deutungstechnik in der Psychoanalyse. Zwar weiß man nicht erst seit Franks (1961) für die Geschichte der Psychotherapieforschung maßgeblichen Arbeit, dass nur der Zauber wirkt, an den der Durchführende selbst auch glaubt, nichtsdestoweniger kann von der Deutung ja mehr gesagt werden, als dass sie ein magisches Instrument ist. Strachey (1934, S. 499) fährt fort: »In nichtanalytischen Kreisen wird die Deutung entweder als lächerlich abgetan oder als schreckliche Gefahr gefürchtet. Die letztere Haltung wird, glaube ich, öfter als man denkt, von einer gewissen Anzahl von Analytikern geteilt.« Die Deutung scheint zu verunsichern.
Strachey sichtet einige, teils widersprüchliche Positionen im Zusammenhang der Theorie und Praxis der Deutung: So heißt es einerseits, dass nicht allzu früh und nicht allzu rasch gedeutet werden sollte, aber andererseits gibt es den Hinweis, unverzüglich und tief zu deuten. Einerseits wird darauf hingewiesen, dass Deutungen »unerträgliche und unbeherrschbare Ausbrüche von Angst« (durch deren Entbindung) hervorrufen, andererseits finden sich ebenso auch Bemerkungen dazu, dass nur durch Deutungen solche Ängste aufgelöst werden könnten. Einerseits sollen sich Deutungen immer auf Material richten, das bewusstseinsnah genug ist, andererseits werden diejenigen Deutungen als nützlich bezeichnet, die »tief« sind. Im Wesentlichen lassen sich die widersprüchlichen technischen Hinweise einmal als »Seid vorsichtig mit euren Deutungen« und einmal als »Im Zweifelsfall (tief) deuten« karikieren.
Strachey selbst versucht sich an der Konzeption dessen, was eine »mutative«, also veränderungswirksame Deutung ausmacht, demonstriert am Beispiel der Deutung einer aggressiven Regung: »Kraft seiner Macht […] als Hilfs-Über-Ich gibt der Analytiker einer gewissen kleinen Quantität von Es-Energie des Patienten […] Erlaubnis, bewußt zu werden. Da es in der Natur der Dinge liegt, daß der Analytiker auch das Objekt der Es-Regungen des Patienten ist, wird die Energie dieser Regungen, die jetzt ins Bewußtsein eingelassen werden, bewußt auf den Analytiker gerichtet werden« (a. a. O., S. 499f.). In der Deutung soll es also darum gehen, dass sich diese »Es-Energie« (anders formuliert: zuvor unzugängliche Affekte) in erträglichem Ausmaß und zentriert auf den Analytiker äußern kann. Weiter heißt es: »Wenn alles gut geht, wird das Ich des Patienten den Kontrast zwischen dem aggressiven Charakter seiner Gefühle und der wirklichen Natur des Analytikers bemerken, der sich nicht wie die »guten« oder »bösen« archaischen Objekte benimmt. Das heißt, der Patient wird einen Unterschied bemerken zwischen seinem archaischen Phantasie-Objekt und dem realen äußeren Objekt.« (a. a. O.) Strachey geht davon aus, dass mit der Zentrierung der Es-Regungen auf den Analytiker immer auch das potenzielle Gewahrsein einhergeht, dass das Gegenüber hier nicht (in Gänze) dem Übertragungsobjekt entspricht, dass also diese Diskrepanz erkennbar ist (ein solcher Aspekt wird in kognitiver Hinsicht im Cognitive Behavioral System of Psychotherapy, CBASP, einem Verfahren der »Dritten Welle« der Verhaltenstherapie mit dem Ausdruck Interpersonelle Diskriminationsübung aufgenommen;
Kap. 6.3.1).
Die Deutung weckt also Affekte, kennzeichnet aber auch die Differenz zur Wiederholung. Sie ist »zur mutativen geworden, da sie in den neurotischen circulus vitiosus eine Bresche gelegt hat. Denn der Patient wird, nachdem er das Nichtvorhandensein von Aggressivität beim realen äußeren Objekt erkannt hat, fähig sein, seine eigene Aggressivität zu vermindern; das neue Objekt, das er introjiziert, wird weniger aggressiv sein und daher wird auch die Aggressivität seines Über-Ichs vermindert werden. Als weitere Folgeerscheinung dieser Vorgänge und gleichzeitig damit wird der Patient Zugang zu dem infantilen Material erlangen, das er in seiner Beziehung zu dem Analytiker wieder neu durchmacht.« (a. a. O.) Schließlich also liefert die Deutung auch den Ausgangspunkt für neue Internalisierungen beziehungsweise für eine Änderung an den Objekt- und Beziehungsvorstellungen.
In genauerer Betrachtung weist Strachey dies als einen zweiphasigen Prozess aus (a. a. O., S. 501ff.). Erstens geht es um die Bewusstmachung des Teils der Es-Beziehung des Patienten zum Analytiker. Dabei wird »dem Patienten zuerst ein Spannungszustand in seinem Ich bewußt gemacht, dann wird ihm klargemacht, daß ein Verdrängungsfaktor am Werk ist (daß sein Über-Ich ihm mit Strafe droht), und dann erst wird ihm gezeigt, daß eine Es-Regung den Protest seines Über-Ichs herbeigeführt und so die Angst in seinem Ich erweckt hat.« Man muss wohl sagen, dass dies eher gleichzeitig als nacheinander von statten gehend gedacht werden kann, zudem klingt die Beschreibung hier sehr direktiv.
Strachey plädiert für das Befolgen eines »Prinzip[s] der minimalsten Dosen« im Sinne einer Balance aus Angstentbindung und Beruhigung, die Deutung soll etwas wecken, das (gerade noch) erträglich ist. In einem zweiten Schritt geht es um das Einsehen des Patienten, »daß seine Regung auf ein archaisches Phantasieobjekt und nicht auf ein wirkliches gerichtet ist« (a. a. O., S. 503), was Leupold-Löwenthal (1989, S. 12) als eine »Entflechtung von Vergangenheit und Gegenwart« bezeichnet. Strachey meint hierzu, der »Analytiker darf sein wirkliches Selbst dem Patienten nur in kleinen Dosen präsentieren« (Strachey, 1934, S. 504), er solle »Phantasieobjekt« werden, ohne seinen Charakter als reales Objekt zu verlieren. Im selben Jahr erscheint Sterbas (1934) Arbeit zur therapeutischen Ich-Spaltung, deren Hauptgedanke hier ebenfalls zentral ist: Für beide Beteiligten am analytischen Prozesse geht es darum, sich in eine Beziehung zu begeben und auf diese Beziehung blicken zu können; für den Analytiker geht es hier um das Angebot einer Beziehung, in der er sich selbst und seinen Patienten zugleich »beobachtet«, für den Analysanden geht es im Prozess darum, die zunächst basal erforderliche Fähigkeit, auf sich selbst in Beziehungen blicken zu können, im Verlauf des analytischen Prozesses auszubauen und zu verfeinern.
Neben der wichtigen Akzentuierung der erforderlichen Dosis der Deutung weist Strachey außerdem auf etwas hin, das er den »Dringlichkeitspunkt« (point of urgency) der Deutung nennt. Er meint, jede mutative Deutung müsse »gefühlsmäßig ›unmittelbar‹ sein, der Patient muß sie als etwas Gegenwärtiges empfinden. […] Deutungen müssen immer auf den ›dringlichsten Punkt‹ hinzielen. In jedem bestimmten Moment wird eine besondere Es Regung in Bewegung sein; diese Regung und keine andere ist dann für eine mutative Deutung gerade empfänglich.« (Strachey, 1934, S. 507) Er gibt also den Hinweis, dass eine Deutung nicht für sich betrachtet als korrekt oder veränderungswirksam eingeschätzt werden kann, sondern dies bemisst sich daran, ob sie in einem Moment gegeben wird, wo sie das in ihr Gefasste auch treffen kann. Dabei meint Strachey, es sei zweifellos »weder möglich noch wünschenswert, die ganze Zeit mutative Deutungen zu geben; aber wie Melanie Klein hervorgehoben hat, ist es eine sehr wertvolle Eigenschaft eines Analytikers, jeden Augenblick den »Dringlichkeitspunkt« herausfinden zu können« (a. a. O.). Das verschiebt den Fokus: Ein guter Analytiker ist dann nicht allein der, der gute Deutungen findet und verbalisiert, sondern der auch erkennt, wann sie (nicht) gegeben werden sollten.
Auch Fenichel (1938) nutzt eine Untersuchung der praktischen Probleme der Deutungstechnik für den Versuch einer Präzisierung. Er meint, es sei »relativ leicht, zu sehen, wo ›aufgetaut‹ werden muß«. Es gehe um die »Stellen und Zeiten, wo der Kampf zwischen Trieb und Abwehr noch am lebendigsten geblieben ist« (a. a. O., S. 57), jedoch unter Anerkenntnis dessen, dass sich hier auch die Widerstände deutlich zeigen, so dass Deutungsarbeit in der Psychoanalyse auch aus seiner Sicht zu einem wesentlichen Teil als Widerstandsanalyse anzusehen ist. Daher kann man nicht davon ausgehen, dass eine Deutung, auch wenn sie korrekt und zum geeigneten Zeitpunkt gegeben wird, direkt zu einer Auflösung von Symptomen führt. Aber ihre Wirkung auf den Prozess soll beachtet werden: »Wie der Patient die Deutung aufnimmt, darauf reagiert, was er während des Gespräches an Gefühlen erlebt, muß dann wieder in Worte gebracht werden.« (a. a. O.) Die Deutung liefert also in ihrer Wirkung etwas, das weiterer Deutung harrt.
Als »allgemeine Regeln« (a. a. O., S. 58f.) der Deutungstechnik nennt Fenichel die Folgenden:
• »Man deute immer von der Oberfläche aus«
• »Der Patient bestimmt das Thema der Stunde«
• »Widerstandsdeutung geht vor Inhaltsdeutung«
• »Man vermeide zu tiefe und zu oberflächliche Deutungen« (vor allem hinsichtlich der Affektbeteiligung)
Davon ausgehend untersucht Fenichel, in welchen aufeinander folgenden Schritten eine Deutung wirken sollte beziehungsweise kann (a. a. O., S. 63f.; Hevorh. aufgeh., TS):
1. »Das zu Deutende wird vom erlebenden Ich isoliert« (und so gleichsam hervorgehoben, um betrachtet werden zu können)
2. »Der Patient wird auf seine Aktivität aufmerksam gemacht« (das bedeutet, auf seine Gestaltung dessen, was er erlebt, statt eines bloßen passiven Erleidens)
3. »Er sieht ein, daß er zu dieser Aktivität Motive hatte, die er bis dahin nicht kannte«
4. »Er bemerkt, daß er Ähnliches […] auch an anderer Stelle hat«
5. Er kann durch solches Bemerken weniger entstellte Abkömmlinge produzieren, wodurch die Genese seines Verhaltens rekonstruierbar wird
Dann geht es wiederum in einem nächsten Schritt um die Frage, warum ein Patient eine Deutung annehmen könne (a. a. O., S. 64). Zunächst einmal ist das aus Sicht Fenichels dann der Fall, wenn/weil er das Gedeutete »in sich als wahr erkennt«, was dann möglich sei, wenn »ein kleines Etwas mehr« als das ihm bislang Einsichtige gedeutet werde, »das dadurch bewußtseinsfähig wird«. Ferner werde der Patient aufgrund seiner »positiven Gefühlseinstellung« zum Analytiker (bei Freud: die mild positive, unanstößige Übertragung) der Deutung gegenüber weniger skeptisch. Schließlich fügt Fenichel noch hinzu, dass die Deutung infolge der Identifizierung des Patienten mit dem deutenden Analytiker angenommen werde.
2.5.2 Klassische Deutungstypen und potenzielle Deutungsfehler
Zumindest in abstrakter Hinsicht lassen sich im klassischen Verständnis drei wesentliche Deutungstypen unterscheiden, die Inhaltsdeutung, die Widerstandsdeutung und die Übertragungsdeutung, wobei zu beachten ist, dass eine Inhaltsdeutung sich natürlich auf Widerstandsaspekte in der Übertragung richten kann.
Inhaltsdeutungen »übersetzen den manifesten Inhalt in den latenten« (Zepf, 2006b, S. 398), bei Fenichel (1941, S. 71) taucht auch der Ausdruck »Es-Deutung« auf. Ferner lässt sich zwischen »aktualgenetischen« Inhaltsdeutungen im Hier und Jetzt und genetischen Inhaltsdeutungen unterscheiden (Ermann, 2020, S. 493f.).
Abwehr- beziehungsweise Widerstandsdeutungen (es bietet sich an, die Abwehr dort und so zu deuten, wie sie sich in der Behandlung als Widerstand zeigt) »zielen darauf ab, dem Patienten die Mechanismen und Manöver vor Augen zu führen, die er zur Bewältigung von Unlust bei einem bestimmten Konflikt verwendet hat« (Zepf, 2006b, S. 398).
In Übertragungsdeutungen schließlich »wird die aktuelle Beziehung zum Analytiker als Mystifikation einer anderen gedeutet« (a. a. O.). Auch hier können aktualgenetische Übertragungsdeutungen im Hier und Jetzt von genetischen/rekonstruktiven Übertragungsdeutungen unterschieden werden (Ermann, 2020, S. 494).
In klassischer Perspektive findet sich zudem meist der Anspruch einer »vollständigen genetischen Deutung«, die, wie in der Definition Greensons (1967, S. 109), das Biografische mit dem Aktuellen, Wunsch und Abwehr einsichtsfördernd zusammenbringt. Gleichwohl ist zum einen zu fragen, ob es sich bei der Möglichkeit einer solchen umfassenden und genauen Deutung nicht um eine Illusion handelt, und zum anderen, ob dem Patienten damit geholfen ist oder ob nicht der Raum verschlossen zu werden droht, den er für eine Veränderung gerade bräuchte. In heutigem Verständnis kann zumindest einiges an Skepsis gegenüber einer Deutung geäußert werden, die »vollständig« zu sein beansprucht.
Gängig ist auch im klassischen Verständnis ein Deuten »von der Oberfläche zur Tiefe«, was auch in der Forderung, die Widerstandsdeutung habe vor der Inhaltsdeutung zu kommen, auftaucht. Der Hinweis Fenichels (1941, S. 58) ist hier folgerichtig: »Wenn eine Deutung nicht wirkt, fragt man oft: ›Wie hätte ich tiefer deuten können?‹ Aber oft lautet die richtigere Frage: ›Wie hätte ich oberflächlicher deuten können?‹« Eine Deutung, die wirkungslos bleibt, ist vermutlich vom aktuellen Erleben des Patienten zu weit entfernt. Sie ist, um in den Worten Fenichels zu bleiben, eben nicht »ein kleines Etwas mehr«, sondern ein zu großes Etwas, oder mit Busch (1993) gesprochen, nicht genügend in der »Nachbarschaft« des Erlebens des Patienten.
Unter möglichen Fehlern führt zum Beispiel auch Reich (1933, S. 55; zit. n. Mertens, 2004, S. 93) auf, dass Deutungen des Unbewussten zu früh gegeben werden, dass zu unsystematisch gedeutet wird, dass Inhaltsdeutungen gegeben werden, bevor der Widerstand (deutend) bearbeitet worden ist oder dass Widerstände inkonsequent gedeutet werden.
Auch Ferenczi und Rank (1924, S. 44; Hervorh. aufgeh., TS) kritisieren einen »Deutungsfanatismus, der dazu führte, daß man über der Fixigkeit lexikonhafter Übersetzungen übersah, daß auch die Deutungstechnik nur eines der Hilfsmittel zur Kenntnis des unbewußten Seelenzustandes des Patienten ist und nicht der Zweck oder gar der Hauptzweck der Analyse.« Auch ist hier erneut der Hinweis heranzuziehen, dass etwas zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Kontexten im Verlauf einer Behandlung Unterschiedliches bedeutet kann beziehungsweise vermutlich wird.
Das bedeutet allerdings auch, dass über eine »fehlerhafte« Deutung wiederum nur kontextuell entschieden werden kann; so sind mit Mertens (2004, S. 117ff.) zu berücksichtigen: Deutungstyp, Länge und Elaboriertheit des bis dahin erfolgten Deutungsprozesses, Art der Übersetzung Art des zu deutenden oder zu rekonstruierenden »Ereignisses«.
Die Auseinandersetzung mit »klassischer« Deutungstechnik und potenziellen Fehlern zeigen bereits die Bereiche auf, in der sich das Spektrum der Deutungspraxis und Deutungsformen erweitert hat (vgl. zuletzt empirisch auch Firmansyah et al., 2021). Heutzutage kann zusammenfassend von Deutungen als »Transportmittel für ein Beziehungslernen« (Mertens, 2004, S. 91) gesprochen werden, wobei Deuten nicht zuletzt als ein »hindeuten« (Will, 2018, S. 390, unter Rückgriff auf Arbeiten Müller-Pozzis) verstanden werden kann, in einer »designativen« Funktion (Tuckett, 2019). Zu den klassischen Formen treten stärker auch Außerübertragungsdeutungen, Mertens spricht außerdem von einer »Deutung nach unten« und einer »Deutung nach oben« (2004, S. 110). Damit ist die Differenzierung gemeint, ob ausgehend von einem Phänomen die biografischen Wurzeln (»nach unten«) fokussiert werden oder ob etwas Berichtetes auf seine Bedeutung im Hinblick auf die Übertragung (»nach oben«) vertieft wird. Die Deutungstechnik etwa in der Kleinianischen Psychoanalyse unterscheidet sich hinsichtlich der stärkeren Tiefe und der Beziehung zu unbewussten Fantasien deutlich von der Deutungspraxis zum Beispiel relational-psychoanalytischer Ansätze, in der es mehr um das Ko-Kreative in der gegenwärtigen Beziehung geht. Auf einige weitere Formen werde ich in Kapitel 4.1 genauer eingehen, so die inexakte Deutung (Glover), die ungesättigte Deutung (Bion, Will), die Prozessdeutung (Plassmann) oder die Unterscheidung zwischen analytiker- und patientenzentrierten Deutungen (Steiner) (
Kap. 4.1).
Dabei wird der Referenzrahmen der Deutung im Hinblick darauf, was sie bezwecken soll, einen kontinuierlichen Bezugsrahmen und Kontext liefern. Dabei kann Deuten erstens heißen, Unbewusstes bewusst zu machen (Will, 2018, S. 391), vor allem Wunsch-Abwehr-Konflikte und das darin Abgewehrte, aber auch bisher Unrepräsentiertes. Zweitens kann Deuten meinen zu kontextualisieren, Verbindungen zu schaffen und zu vernetzen: »Noch wichtiger sind jedoch die Verbindungen, die der Patient in seiner Reaktion auf die Deutung schafft.« (a. a. O.) Drittens schließlich lässt sich Deuten als »eine Aufforderung zur Arbeit« (Ungar, 2015, S. 429) auffassen, was ich im weiteren Verlauf als prozessuale Wirkung der Deutung aufgreifen werde. Kürzlich hat außerdem Will (2020) von drei Dimensionen psychoanalytischer Deutungen gesprochen. Erstens geht es um den »intersubjektiven Quellgrund der Deutung« im Zusammenhang der Übertragungs-Gegenübertragungs-Beziehung. Zweitens umfasst eine Deutung eine »Weil-Überlegung«, indem sie etwas Manifestes mit dem Latenten verbindet, also mit Motiven; sie sucht eher Gründe als Ursachen in der Auseinandersetzung mit den Phänomenen. Drittens schließlich umfasst eine Deutung auch eine »evokative Dimension«, es geht in ihr um die Wirkung auf den Veränderungsprozess.
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