Read the book: «Toter Kerl»

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Tim Herden, geboren 1965 in Halle (Saale), arbeitete nach dem Studium­ der Journalistik in Leipzig zunächst als wissenschaftlicher Assistent und Journalist, ehe er 1991 Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk in ­Dresden wurde. Heute ist er Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin. „Gellengold“ war sein erster Krimi.

Handlungen und Figuren entspringen der Fantasie des Autors. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt.


Ein neuer Fall für Rieder und Damp

mitteldeutscher verlag

2. Auflage 2013

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Nachdruck, auch auszugsweise verboten. – Alle Rechte vorbehalten.

Recht zur fotomechanischen und digitalen Wiedergabe nur mit Genehmigung des Verlages.

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

ISBN 9783954620845

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

Inhaltsverzeichnis

Cover

Tim Herden

Titel

Impressum

Die Dämonen...

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

Die Dämonen kamen im Morgengrauen. Langsam schlichen sie sich in seine Träume. Sie krochen durch die Windungen seines Hirns und erschienen hinter seinen geschlossenen Lidern. Er konnte sie dort stehen sehen. Sie waren durchscheinend wie Geister und trugen Gesichter, die er schon lange zu vergessen wünschte. Wenn er sich dann hin und her wälzte, um sie abzuschütteln, erwiesen sie sich als erstaunlich anhänglich. Sie schienen ihn zu rufen, auch wenn er sie nicht hören konnte. Dann sah er sich selbst zwischen ihnen. Sah sich aus einem Auto stürmen, hinein in die nahe Kirche. Er hatte Mühe, die schwere Tür aufzudrücken. Als der Spalt groß genug war für seinen schmalen Körper, hechtete er hinein. Mit einem Knall fiel die Tür wieder ins Schloss. Atemlos rannte er taumelnd zur Turmtür. Sie war nicht verschlossen. Stufe um Stufe kletterte er nach oben auf den Turm der Kirche. Plötzlich hörte er dumpf durch die dicken Mauern das Geheul eines Martinshorns. Wenig später lautes Knallen. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Meist wurde ihm jetzt der Zustand zwischen Halbschlaf und Traum unerträglich. Er schrak aus dem Bett. Die strähnigen Haare hingen ihm feucht über die Stirn. Um den Traumbildern zu entkommen, stand er auf, trat an das kleine Dachfenster. Die Pappeln vor dem Haus wiegten sich sanft im Wind. Der Bodden glitzerte im Schein des tief stehenden Mondes. Vereinzelt blinkten die Lichter der Bojen an der Fahrrinne nach Schaprode oder Wiek.

Er stieg die schmale Treppe hinab und versuchte dabei die knarrenden Holzstufen zu meiden, obwohl außer ihm niemand im Haus war. Aber er fürchtete, ein Geräusch könnte die Traumgestalten wieder zum Leben erwecken. Leise öffnete er die Tür zu seinem Arbeitszimmer. Erschöpft setzte er sich an seinen Schreibtisch, zog die Lade auf und nahm einen weißen Umschlag heraus, auf dem außer seinem Namen und seiner Adresse nichts stand. Keine Briefmarke, kein Poststempel. Sie wussten also, wo sie ihn fanden. Nicht nur im Schlaf. Er nahm das weiße Stück Papier heraus mit den wenigen Worten, die er schon so oft gelesen, gesprochen, gepredigt hatte, ohne sie zu fühlen. „Da ging hin der Zwölfen einer, mit Namen Judas Ischariot, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge.“

Die Buchstaben begannen vor seinen Augen zu tanzen. Sie fügten sich zu einem Mosaik, das ihn wieder zurück in den Kirchturm führte: das Turmfenster. Er sah sich, wie er sich an der Wand neben dem Fenster entlangdrückte, langsam den Kopf drehte und versuchte einen Blick auf den Platz vor der Kirche zu erhaschen. Er sah sich herausschauen und zurückschrecken vor den blitzenden blauen Rundumleuchten der Polizeifahrzeuge und eines Krankenwagens, auf dessen Dach ein breites rotes Kreuz prangte. Daneben sein Auto, immer noch mit der geöffneten Tür. Eine Menschenmenge wogte hin und her, mit Not zurückgehalten von Männern mit grünen Schirmmützen und in Uniform. Zwei Männer brachten eine Trage. Darauf ein Mann. Auch in Uniform. Ein Kind stürmte aus der Masse hervor, auf den Verletzten zu und wurde im letzten Moment von einem Polizisten zurückgerissen. Der Schrei des Jungen drang durch die Mauern in sein Ohr, verfing sich in seinem Gehirn.

Er ließ das weiße Blatt sinken.

I

Montagmorgen. Im Supermarkt von Vitte herrschte Chaos. In den engen Gängen zwischen den Regalen irrten neue Urlauber hin und her. Sie mussten sich erst einmal orientieren, wo sich was befand. Dabei ließen sie ihre Einkaufswagen irgendwo in einem der Gänge stehen. Nachdem sie gefunden hatten, wonach sie suchten, begann wiederum die Suche nach dem Einkaufswagen. Als besonders schwierige Fälle erwiesen sich Ehemänner, die im Urlaub ihren Frauen ein Stück Arbeit abnehmen wollten, aber wahrscheinlich seit Langem erstmals wieder Einkaufen gingen. Einerseits genossen sie die Freiheit, selbst zu entscheiden, was in den vierzehn Tagen Hiddensee-Urlaub in der Ferienwohnung auf den Tisch kommen sollte. Andererseits aber waren sie hilflos im Umgang mit Haltbarkeitsdaten, Fettanteilen und einer passenden Zusammenstellung von Lebensmitteln für Frühstück und Abendbrot. Noch schlimmer wurde es, wenn sie auch beauftragt waren, Waschpulver oder Spülmittel mitzubringen. Auf ihren Einkaufszetteln standen Markennamen, die der durchaus gut sortierte Supermarkt in Hiddensee nicht im Angebot hatte. Und so überfielen sie in verängs­tigtem Tonfall die Verkäuferinnen mit ihren Fragen nach Alternativen. Am Fleisch- und Wurststand konnte man beobachten, wie die Männer wahre Berge von Sülze, Rotwurst, Schinken auf die Waage legen ließen. Rieder konnte sich lebhaft vorstellen, welche Ehedramen sich bald in den Ferienwohnungen abspielen würden, wenn das Speiseangebot ausgepackt wurde. Meist war dieser erste selbstständige Einkauf für die Männer auch der letzte. Am nächsten Tag würden sie den Laden nur noch in Begleitung ihrer Frauen betreten und auch nur noch unter ihrer Anleitung einkaufen dürfen.

Rieder liebte den Supermarkt. Er war für ihn ein Stück Erinnerung an sein früheres Leben. Erst vor knapp einem halben Jahr war er auf die Insel gekommen. Zuvor hatte er in Berlin gelebt und dort in einer der Mordkommissionen des Landeskriminalamtes gearbeitet. Doch irgendwann war ihm das zu viel und zu anstrengend gewesen. Er hatte sich als Zivilbeamter nach Hiddensee versetzen lassen, um dort am Pilotprojekt „Verbrechensprävention in Ostseebädern“ der Polizeidirektion Stralsund teilzunehmen. Als Testort war Hiddensee vom Polizeidirektor Bökemüller ausgewählt worden. Als Zivilbeamter sollte Rieder den örtlichen Streifenpolizisten vor Ort durch unauffällige Präsenz in der Öffentlichkeit dabei unterstützen, mögliche Straftaten auf der Insel zu verhindern.

Rieder wusste nicht, ob er mit dem Inseldasein klarkommen würde. Immerhin war er aus einer Millionenstadt auf eine Ostseeinsel vor Rügen mit ein paar Hundert Einwohnern umgesiedelt. Gerade mal zwölf Kilometer lang und einen Kilometer breit. Und so war es ihm ganz recht, dass die Versetzung nur „auf Probe“ erfolgt und zunächst auf zwei Jahre begrenzt war. Denn Rieder war sich selbst auch noch nicht sicher, ob er auf Hiddensee würde alt werden wollen – als Polizist und als Mensch.

Der Arbeitsalltag eines Polizisten auf der Insel war überschaubar. Mal verschwand ein Fahrrad, mal gab es Streit zwischen Urlaubern in Ferienwohnungen wegen der Lärmbelästigung oder eine Anzeige wegen Mundraubs, wenn die Kirschen im Garten über Nacht verschwunden waren. Aber auch einen richtigen Mordfall hatte Rieder nur wenige Wochen nach seiner Ankunft gemeinsam mit seinem Kollegen auf der Insel schon aufgeklärt. Ein Kunsthistoriker aus Berlin war erstochen am Strand vom Gellen, der Südspitze der Insel, gefunden worden. Er hatte auf Hiddensee nach verborgenen Schätzen gesucht und war nicht ganz sauberen Geschäften nachgegangen. Bei den Ermittlungen hatte Rieder einiges über die Menschen und das Leben auf der Insel gelernt. Seitdem aber herrschte Ebbe, was die kriminalistischen Herausforderungen anging.

Am Montagmorgen war Rieder nicht nur im Supermarkt unterwegs, um sich ein paar frische Brötchen fürs Frühstück zu besorgen. Er wollte auch beobachten, wer übers Wochenende auf die Insel gekommen war. Besonders auf Jugendgruppen richtete er dabei sein Augenmerk. In den letzten Jahren war Hiddensee zu einem Surferparadies geworden. Die Inselverwaltung hatte ­einen Strandabschnitt zwischen Vitte und Kloster für die Windsegler reserviert, und dieser lockte immer mehr Jugendliche an. Sie brachten die Unsitte vom Festland mit, nach Sonnenuntergang am Strand eine gute Welle mit ausgiebigen lauten Trinkgelagen zu feiern. Das verärgerte Insulaner und Urlauber.

Entdeckte Rieder in der Schlange an der Kasse Jugendliche mit mehreren Bierkästen und Paletten voller Alcopops, sprach er sie gleich direkt an. Er stellte sich kurz vor, fragte nach ihren Namen, versuchte sich ihre Gesichter einzuprägen. Und er bat sie, die Regeln auf der Insel einzuhalten. Mit dieser Methode hatte er erste Erfolge. Jedenfalls landeten leere Flaschen jetzt meist in den Müllkörben auf der Strandpromenade. Auch die Beschwerden über Lärmbelästigung waren zurückgegangen. Außerdem hatte er beim Chef des Supermarktes, Henning Hansen, durchgesetzt, dass mehr als früher die Ausweise beim Verkauf von Alkohol kontrolliert wurden. Hansen war darüber nicht gerade erfreut gewesen. Gerade mit Alkohol machte der Supermarkt fette Umsätze. Rieder hatte noch nie ein so gut sortiertes und umfangreiches Alkoholangebot gesehen wie hier im Laden in Vitte, weil nicht nur die Urlauber gern mal einen hoben.

Heute Morgen war die Lage im Supermarkt ruhig. Rieder konnte keine verdächtigen jugendlichen Neuankömmlinge entdecken. So langsam gingen die Sommerferien zu Ende. Er wartete in einer langen Schlange aufs Bezahlen. Obwohl alle Kassen zu dieser frühen Stunde besetzt waren, ging es nur langsam voran. Die neuen Touristen hatten ihre Einkaufswagen vollgeladen, als drohe eine Hungersnot.

Plötzlich hörte er hinter sich heftiges Schnaufen. Dann spürte er eine schwere Hand auf seiner Schulter. Als er sich rumdrehte, blickte er auf eine lebende beigefarbene Wand. Es war die Uniformbluse seines Kollegen Ole Damp. Damp war ein wahrer Riese, um einiges größer und breiter als Rieder. Wenn der schmale Rieder und der hünenhafte Damp gemeinsam am Strand patrouillierten, wirkte das ungleiche Paar immer etwas skurril, um nicht zu sagen komisch. Aber das kam nicht oft vor. Die beiden verstanden sich nicht gut. Ein Grund war, dass der Stralsunder Polizeichef Bökemüller seit der Einstellung von Rieder immer noch nicht entschieden hatte, wer zukünftig Reviervorsteher der kleinen Polizeistation auf Hiddensee sein sollte.

Damp pochte auf seine älteren Rechte. Immerhin tat er schon seit über einem Jahrzehnt auf der Insel Dienst. Dazu gehörte auch, dass er für sich in Anspruch nahm, allein den Polizeiwagen des Reviers zu nutzen. Zunächst war sein Argument gewesen, dass Rieder keine Betriebsfahrerlaubnis für das Land Mecklenburg-Vorpommern besitze. Seine alte aus Berlin sei hier nicht gültig. Rieder hatte seine Fahrkünste durch den Fahrlehrer auf dem Hof der Polizeidirektion in Stralsund überprüfen lassen müssen. Aber als er endlich den entsprechenden Nachweis in den Händen hielt, hatte Damp Rieder trotzdem den Schlüssel verweigert. Er, Damp, wohne im südlichen Inselort Neuendorf, Rieder dagegen in Vitte, nahe der Polizeistation. Da reiche das Dienstfahrrad, um schnell auf dem Revier zu sein.

Was noch gegen Damp sprach: Er war auf der Insel nicht sehr beliebt. Mit einem wahren Kontrollwahn brachte er die Hiddenseer und auch Rieder gegen sich auf. Mal lauerte er am Abend am Straßenrand zwischen Neuendorf und Vitte und hielt jeden an, der ohne Licht am Rad fuhr, und verpasste ihm ein Ordnungsgeld. Mal maß er an den Gaststätten der Insel mit dem Zollstock den Abstand zwischen den Tischen vor den Lokalen zur Straße aus und ließ dann alles wegräumen, was die Vorgaben der Inselordnung überschritt. Ein Bußgeldbescheid folgte natürlich auch noch.

Soweit die Insel und das kleine Büro im Rathaus es zuließen, gingen sich die beiden Beamten jedenfalls aus dem Weg.

Rieder blickte nach oben. Er sah in das stark gerötete Gesicht seines Kollegen. Schweiß stand ihm auf der Stirn.

„Moin, Damp, was gibt’s?“

Damp zog sein Taschentuch aus der Hose, nahm seine Mütze ab und wischte wahre Sturzbäche von seiner Stirn und seinem Gesicht.

„Verdammt, ist das jetzt schon am Morgen heiß.“

„Na ja, es ist August.“

„Trotzdem.“

„Sie sind wahrscheinlich nicht gekommen, um mit mir übers Wetter zu plaudern. Oder ist das nur ein plumper Versuch, die Autorität der Dienstuniform zu nutzen, um sich in der Schlange nach vorn zu drängeln.“

„Ach Quatsch!“ Damp schüttelte seinen mächtigen Kopf. Dann knöpfte er seine Brusttasche auf und kramte einen Zettel heraus. „Hier, ein Anruf vom Steilufer am Enddorn im Norden. Ich habe den Typen nicht so recht verstanden. Geht bestimmt wieder um die Abbrüche an den Kreidefelsen. Wahrscheinlich hat er nasse Füße bekommen, als er um die Nordspitze laufen wollte. Oder was weiß ich. Und da Sie heute in die Richtung wollten, dachte ich, Sie könnten vielleicht mal nachsehen.“

Damit drückte er Rieder den Zettel mit der Telefonnummer in die Hand.

Die Spannungen im Revier hatten nach und nach zu einer Arbeitsteilung zwischen Damp und Rieder geführt. Damp machte vor allem Innendienst und kümmerte sich um den ganzen Schreibkram. Rieder streifte über die Insel und sorgte für Ordnung und Sicherheit. Er musste am Strand aufpassen, dass als Tagestouristen getarnte Taschendiebe dort nicht ihr Unwesen trieben, kümmerte sich um die Sicherheit der Wege und Stege auf der Insel und schaute in den Häfen der Insel nach dem Rechten. An den geraden Tagen durchquerte er den Norden der Insel, an den ungeraden den Süden. Heute war der Norden dran. Er wollte sich am Vormittag mit Thomas Förster, dem Chef des Nationalparkhauses, am Bessin treffen. Die Halbinsel war in den letzten Jahrhunderten durch angespülten Sand und Geröll entstanden. Viele Seevogel­arten hatten am Südende des Alten Bessin ihre Nistplätze.

Letzte Woche hatte Rieder beobachtet, dass sich am Strand auf der Landzunge ein ölartiger Teppich gebildet hatte. Rieder wollte von Förster wissen, ob es sich dabei um eine Verschmutzung durch die Schifffahrt auf der Ostsee handelte oder um Algen.

„Okay, ich schau nach. Kann ich das Auto bekommen?“, fragte er Damp. Er kannte die Antwort bereits, aber einen Versuch musste er wenigstens machen.

Damp nahm noch einmal seine Mütze ab und kratzte sich das dichte wuschelige Haar.

„Gerade heute ist es schlecht.“ Nichts anderes hatte Rieder erwartet. „Ich muss in Kloster schauen, ob die Fernsehleute alles ordentlich hinterlassen und mit ihrem Übertragungswagen nicht zu viel Schaden angerichtet haben. Falls da etwas aufgenommen werden muss, brauche ich das ganze Zeug aus dem Auto. Sie wissen schon, Zollstock, Kamera, vielleicht auch den Laptop. Tut mir leid.“

Rieder konnte sich erinnern, dass sein Kollege am Vortag selbst den Abbau der Fernsehtechnik überwacht hatte, bis der Übertragungswagen auf die Fähre in Vitte gefahren war.

Der regionale Fernsehsender hatte die Verleihung des Deutschen Literaturpreises an den Inselpfarrer Jens-Uwe Schneider übertragen. Schneider hatte viele Jahre unter dem Pseudonym „Jean ­Jacques Hoffstede“ Literaturkritiken in einer bekannten deutschen Wochenzeitung veröffentlicht. Seine Rezensionen waren zum Maßstab für den Erfolg oder Misserfolg eines Buches auf dem deutschen Literaturmarkt geworden. Erst im Frühjahr war durch eine Indiskretion des zuständigen Redakteurs die wahre Identität des Literaturkritikers enthüllt worden. Dem ungläubigen Erstaunen der Kulturwelt darüber, dass der Pfarrer einer Inselkirche über Jahre hinweg bestimmt hatte, was die Deutschen lesen sollten und was nicht, war eine wahre Pilgerfahrt Intellektueller zu dem kleinen Pfarramt und dem alten Gotteshaus in Kloster gefolgt.

Die Hiddenseer hatten die Enthüllung eher gelassen hingenommen. Prominenz war auf der Insel keine Seltenheit. Gerhart Hauptmann hatte hier gewohnt, Thomas Mann auf der Insel Urlaub gemacht. Dass nun aber ausgerechnet Schneider ein journalistisches und literarisches Talent sein sollte, hatte sie dennoch überrascht. Denn seine Predigten in der Inselkirche galten unter den nicht gerade gottesfürchtigen Insulanern als eher langweilig.

Schneiders Vorliebe für Literatur jedoch war durchaus bekannt. Während der Urlaubssaison veranstaltete er zahlreiche literarische Abende und Lesungen mit bekannten Schriftstellern. Auch hier war das Interesse geteilt. Während die Touristen von diesem kulturellen Angebot begeistert waren, glänzten die Insulaner eher durch Abwesenheit. Viele Autoren verbanden dann auch das Angenehme mit dem Nützlichen und verbrachten gern ein paar Tage oder mehrere Wochen in der Ferienwohnung des Pfarrhauses. Kurpastoren, die im Sommer Schneider bei seiner seelsorgerischen Tätigkeit auf der Insel unterstützten, mussten sich dann mit dem weniger luxuriösen Appartement im Gemeindehaus im südlichen Inselort Neuendorf begnügen. Darüber allerdings rümpften die Hiddenseer schon die Nase.

Jedenfalls war Pfarrer Schneider alias Jean Jacques Hoffstede am vergangenen Wochenende mit dem Preis der Literaturkritik ausgezeichnet worden. Viele Prominente, darunter bekannte Schriftsteller, der Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern und sogar der Bundestagsvizepräsident, hatten an dem Festakt in der kleinen Inselkirche in Kloster teilgenommen und im nahen Gerhart-Hauptmann-Haus hatte es noch einen Empfang gegeben.

Für Rieder und Damp war es wahrscheinlich der Höhepunkt ihrer Arbeit als Inselpolizisten in diesem Jahr gewesen. Die Vorbereitung hatte den Großteil ihrer Arbeitszeit in den letzten beiden Monaten in Anspruch genommen. Besonders Damp war richtig aufgeblüht beim Erstellen von Listen und Sicherheitskonzepten. Wie ein Stabschef hatte er seit Samstag die Vorbereitungen überwacht und die von Stralsund und Rügen zur Verstärkung abkommandierten Polizisten in ihre Aufgaben eingewiesen. Am meisten hatte Rieder überrascht, dass selbst die Personenschützer der ­Politiker aus Berlin und der Landeshauptstadt Schwerin sich ohne Murren Damps Anweisungen gebeugt hatten.

Nur die Hiddenseer waren vergrätzt gewesen. Damp hatte angeordnet, dass alle Handwagen aus dem Hafen Kloster verschwinden mussten. Sie wären eine Unfallgefahr für die Ehrengäste, die mit Extrabooten aus Stralsund und Schaprode ankommen sollten. Aber es war auch ein Ferienwochenende. Viele Urlauber reisten ab und neue kamen in Kloster an. Da die Handwagen und Karren fehlten, mussten sie ihr Gepäck allein zu den Pensionen und Ferienwohnungen schleppen oder die Vermieter mussten es tun. Eine Alternative gab es nicht. Der Inselbus fuhr nur von Montag bis Freitag. Und sonst konnte man sich auf Hiddensee nur zu Fuß, per Fahrrad oder mit der Pferdekutsche bewegen. Autoverkehr war auf der Insel verboten bis auf die Ausnahmen: Polizei, Feuerwehr, Arzt und Krankenwagen. Selbst das ortsansässige Transportunternehmen für die Belieferung der Supermärkte, Geschäfte und Gaststätten durfte nur Elektroautos benutzen.

Und so sorgten das an diesem Wochenende von Damp verhängte Handwagenparkverbot im Hafen von Kloster und die Plackerei mit dem Gepäck bei sommerlichen Temperaturen unter Touristen und Einheimischen für einigen Unmut.

Abgesehen davon war alles gut gelaufen. Selbst Bürgermeister Durk, der sonst nicht das beste Verhältnis zu Damp pflegte, hatte den Polizisten nach dem Empfang für seine gute Organisation gelobt.

Nun musste Rieder dieses neue Hochgefühl seines Kollegen ausbaden. Damp wähnte sich am Ziel seiner Wünsche: Revierleiter auf der Insel Hiddensee! Und so blieb Rieder statt des ­Polizeiwagens nur das Dienstfahrrad. Er steckte den Zettel ein. „Ich fahre nach dem Frühstück noch zum Enddorn, bevor ich mich mit Förster am Bessin treffe.“

Damp straffte sich ein weiteres Mal. „Der Herr wartet auf Sie. Ich denke, Sie sollten sofort losfahren. Ich habe ihm außerdem versprochen, dass Sie schnell vorbeikommen.“

Jetzt war Rieders Laune gänzlich im Eimer. Kein Frühstück, nur weil sich irgendein Möchtegernnaturschützer über die abgestürzten Kreidefelsen am Nordufer der Insel aufregte. Da war sowieso nichts zu machen. Die würden weiter abbrechen. Vor den heranrollenden Ostseewellen gab es keinen Schutz.

„Ihre Einkäufe können Sie sicher bei Herrn Hansen im Büro unterstellen und dann später bezahlen. Ich kümmere mich drum.“

Rieder drehte sich um und marschierte aus dem Supermarkt. Er schwang sich auf sein Rad und machte sich auf den Weg in Richtung Kloster.

II

Rieder fuhr über den Deich am Boddenufer. Da waren wenigstens keine Pferdekutschen unterwegs. Es blies ein leichter Kantenwind von Westen und dagegen gab es leicht erhöht über den Wiesen zwischen Vitte und Kloster keinen Schutz.

Über Rügen ging langsam die Sonne auf. Ihre Strahlen verbreiteten auf dem Bodden einen sanften Dunst. Geräuschlos glitt die erste Fähre von Schaprode auf Hiddensee zu. Auf den Feuchtwiesen zwischen den Inselorten Vitte und Kloster weideten Schafe, Rinder und Pferde. Dazwischen stolzierten Möwen, Reiher und Wildgänse, wenn sie nicht gerade in einem der Tümpel ein ausgiebiges Morgenbad nahmen. Rieder hatte sich angewöhnt, immer nach den schwarzen Schafen in den Herden zu suchen. Doch mehr als ein oder zwei fand er nicht.

Diese Idylle entschädigte Rieder immer wieder für die kleinen Zwistigkeiten mit seinem Kollegen. Hier auf der Insel hatte er als einstiger Stadtmensch ein völlig neues Gefühl für die Natur und den Lauf der Jahreszeiten entwickelt.

Im Hafen Kloster duftete es nach frischem Räucherfisch, der dort auf zwei alten ausrangierten Kuttern angeboten wurde. Rieders Magen rebellierte gegen das ausgefallene Frühstück. Dagegen musste er etwas unternehmen. Wahrscheinlich stand ihm auch noch eine Strandwanderung am Enddorn bevor, wenn es wirklich um die Abbrüche an der Steilküste ging. Sie waren einige Hundert Meter vom Fahrradparkplatz entfernt. Rieder bog also nach links ab, ging an der Steigung zum „Hotel Hitthim“ kurz aus dem Sattel und bremste dann vor dem kleinen Lebensmittelladen.

Gestärkt kam er am Enddorn an. Dort erwartete ihn schon ein älterer Herr, der sofort auf ihn zustürmte, nachdem er den Schriftzug „Polizei“ an der Querstange seines Rades entdeckt hatte.

„Das wird aber auch Zeit, dass Sie endlich kommen. Ich warte hier schon über eine Stunde“, maulte er anstelle einer Begrüßung. Er drängte Rieder vom Rad und machte winkende Handbewegungen, ihm an den Strand zu folgen. „Das ist eine Frechheit, was sich die Leute hier erlauben.“

Rieder versuchte, den alten Herrn zu besänftigen. „Die Natur kann man hier nicht aufhalten. Abbrüche gibt es jedes Jahr. Vor den Wellen gibt es keinen Schutz.“

Der alte Mann blieb stehen. „Was faseln Sie da von Abbrüchen, junger Mann, und den Kreidefelsen?“

„Ich dachte, es geht um die Uferabbrüche. Deshalb haben Sie doch angerufen. Der Strand ist verschüttet und man kann nicht mehr trockenen Fußes die Insel umrunden.“

Der Alte schüttelte den Kopf. „So ein Unsinn. Es geht um das Boot.“

Nun guckte Rieder verdutzt. Der Mann deutete in Richtung See und Rieder sah, was gemeint war.

Ein Boot, eine große Motorjacht, lag am Strand, hatte sich auf einige Findlinge geschoben und leicht zur Seite geneigt. Sie wirkte wie ein toter Walfisch.

„Kommen Sie, kommen Sie, schauen Sie sich die Sauerei an.“

Rieder folgte dem Mann zu dem gestrandeten Schiff. In Turnschuhen über den Strand zu laufen kostete viel Kraft, aber barfuß wäre es in diesem Gemisch aus Sand, Kies und Muschelresten eine Tortur geworden. Er staunte, woher der alte Mann seine Kondition nahm. Endlich waren sie an der Stelle angekommen, an der das Boot lag. Als Rieder sich umdrehte, um abzuschätzen, wie weit es bis zum Parkplatz Enddorn war, sah er einen großen hageren Mann in Uniform und mit Mütze den Strand entlangkommen, unverkennbar Thomas Förster, der Chef des Hiddenseer Nationalparkhauses. Rieder winkte ihm zu, dann warf er einen ersten genaueren Blick auf das Schiff. Da hatte der Bootsführer wohl nicht aufgepasst oder die Eintragungen auf der Seekarte nicht beachtet.

„Sehen Sie mal den Ölfilm auf dem Wasser, der sich gebildet hat. Diese Schweine …“

Rieder hob die Hand und versuchte weiteren Tiraden des Mannes Einhalt zu gebieten.

„Halt mal! Haben Sie denn jemanden an Bord gesehen. Es kann sich auch um einen Unglücksfall handeln. Vielleicht ist jemand verletzt?“

„Da hat sich nix bewegt, obwohl ich ein paarmal gerufen und auch Steine geworfen habe. Wahrscheinlich pennen die in der Kajüte ihren Rausch aus.“

Rieder zog die Augenbrauen nach oben. „Das mit den Steinen will ich besser nicht gehört haben.“

Nun war auch Förster angekommen. „Hallo, Rieder. Was ist los?“

Rieder zeigte in Richtung Boot. „Offenbar gestrandet. Öl ist ausgelaufen!“

„Das ist echt eine Sauerei“, schnaubte Förster, „der kann sich auf einen schönen Bußgeldbescheid freuen.“

„Moment“, rief der Polizist, „erst mal müssen wir klären, ob jemand an Bord und vielleicht verletzt ist. Okay?“

Rieder zog die Schuhe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und watete zum Heck des Schiffes. Dort waren die Aufbauten deutlich niedriger und man konnte über die Reling auf das Deck klettern. Die Tür zur Kabine war geöffnet. Rieder stieg über die Sitzbänke und schaute vorsichtig ins Innere des Schiffes. Es war ein lang gestreckter Salon. In der Mitte befand sich ein langer schmaler Holztisch, an den Seiten Sitzbänke. Aber niemand war zu entdecken. „Hallo, ist da jemand?“, rief Rieder in den Raum. Keine Antwort.

Rieder zwängte sich am Tisch vorbei. Hinter dem Salon ging es in eine kleine Schiffsküche mit Hängeschränken, Herd, Kühlschrank, alles aus braunem Schichtholz gearbeitet oder in solches eingefasst. Rechts war eine Schiebetür. Rieder schob sie vorsichtig auf: das Bad, mit Waschbecken, Toilette und sogar einer Dusche. Nicht schlecht, dachte sich der Polizist. Auf einem kleinen Brett unter dem Spiegel über dem Waschbecken standen ein Kulturbeutel und Becher mit Zahnbürsten. Er setzte seine Entdeckungstour durch das Boot fort. Ein paar Stufen führten nach oben in ein richtiges Führerhaus, mit Steuerrad, Radargerät und allen möglichen technischen Armaturen. In der Mitte gab es eine kleine Klappe. Rieder schaute hindurch. Sie stellte sich als Einstieg in eine weitere kleine dreieckige Koje im Bug des Bootes heraus, ausgefüllt mit einem riesigen Bett. Durch die beiden Luken in der Decke konnte man bestimmt wunderbar in den Himmel schauen, dachte sich Rieder. Aber keine Spur von einer Menschenseele.

Rieder kletterte wieder von Bord und ging zu Förster und dem alten Herrn zurück.

„Keiner da.“

Da fiel dem Polizisten ein, dass er den Mann noch gar nicht nach seinem Namen gefragt hatte.

„Thilo Preil. Dr. Thilo Preil“, antwortete dieser beflissen, „und ich möchte hier auf der Stelle gleich Anzeige gegen den Besitzer dieses Bootes erstatten wegen Umweltverschmutzung …“

„Das ist ein gutes Stichwort“, meinte Rieder, „ich werde erst mal feststellen, wer überhaupt der Besitzer des Schiffes ist. Nach dem Schiffskennzeichen könnte es ja einer von der Insel sein.“

Am weißen Bug des Bootes stand „RÜG-JJ 1913“ und daneben der Name „Antonie“.

Rieder nahm sein Handy aus der Jackentasche und wählte die Nummer des Reviers. Sein Kollege meldete sich.

„Was gibt’s?“

„Sie sind noch im Büro?“

„Äh … ich wollte gerade los, nach Kloster“, stotterte Damp in den Hörer.

„Ach so …“ Von wegen in Kloster Schäden durch den Übertragungswagen aufnehmen, dachte sich Rieder. Punkt für mich. „Könnten Sie bitte mal einen Bootseigentümer überprüfen?“

„Okay, höre.“

„Der Kahn heißt ,Antonie‘, Kennzeichen …“

Da hakte Damp schon ein. „Dafür muss ich nicht den Computer anwerfen. Das ist das Boot von Schneider, Jens-Uwe Schneider, dem Pfarrer.“

„Aha.“

„Was ist denn damit?“, fragte sein Kollege.

„Es ist hier auf Grund gelaufen, oder besser gesagt, gestrandet. Hängt auf ein paar Steinen fest. Aber es ist keiner an Bord. Haben Sie eine Nummer von Schneider?“

„Ich schau mal nach.“

Rieder hörte Rascheln in der Leitung, wahrscheinlich schlug Damp in den Akten nach, die er für die Preisverleihung angelegt hatte.

„Die kann ich Ihnen auch geben“, mischte sich Förster ein.

„Lassen Sie, Damp. Förster hat die Nummer“, rief Rieder ins Telefon.

Förster suchte schon im Nummernverzeichnis seines Telefons und tippte auf die grüne Hörertaste. „Der kann sich auf was gefasst machen!“, grummelte der Naturschützer.

Vom Boot her hörten sie das Klingeln eines alten Telefons. Immer wieder. Doch niemand meldete sich.

III

Damp hatte die Beine vom Tisch genommen und das Sudoku aus der „Ostseezeitung“ zur Seite gelegt. „Der Neue macht wieder Stress“, sprach er zu sich selbst. Für ihn war Stefan Rieder immer noch „der Neue“, obwohl sie nun schon seit fast sechs Monaten das Revier in Vitte teilten. Die Hiddenseer würden sagen, „der Zugereiste“, und der Tonfall des Wortes würde den Verdacht nahelegen, Zugereiste seien – gelinde gesagt – nicht willkommen. Eins allerdings musste Damp seinem Kollegen zugestehen: Er hatte sich auf der Insel schon gut eingelebt. Schuld daran war aus seiner Sicht Rieders Nachbar Malte Fittkau. Er hatte Rieder bei den Autoritäten der Insel die Türen geöffnet: beim Hafenmeister, beim Wirt der „Fischerklause“ in Vitte, in der nur die Insulaner verkehrten, bei den Fischern, wo Rieder jetzt schon wie jeder Eingeborene einen deutlichen Rabatt auf Zander und Dorsch bekam. Das war Damp in den vergangenen zehn Jahren nicht gelungen. Fragte er mal einen Fischer nach frischem Fisch, so war der Fang schon ausverkauft oder anderen versprochen. Der Hafenmeister grüßte ihn nicht. Betrat er die „Fischerklause“, machte sich sofort ein ungastliches Schweigen breit.

Damp hatte Fittkau auch in Verdacht, für den einen oder anderen Streich verantwortlich zu sein, der ihm auf der Insel gespielt wurde. Als Rieder vor drei Wochen ein paar Tage nach Berlin gefahren war, meldete eines Morgens der Verkehrsfunk von Radio Mecklenburg-Vorpommern, dass es nach Angaben des Inselpolizisten Ole Damp an diesem Tag möglich sei, die autofreie Insel Hiddensee einmal mit dem Pkw zu besuchen. Kurz darauf bildete sich an der Fähre in Schaprode eine Warteschlange. Dutzende Autofahrer bestanden beim überraschten Fährpersonal darauf, mit dem Auto nach Hiddensee zu fahren. Damp war noch gar nicht im Revier, als ihn der aufgebrachte Kapitän der Fähre „Vitte“ anrief und zur Schnecke machte. Gleich darauf meldete sich Polizeichef Bökemüller aus Stralsund und fragte, was das für ein Schwachsinn sei. Damp schwor, nichts mit der Sache zu tun zu haben, fand aber bei seinem Chef keinen Glauben. Auf Rügen hatten seine Kollegen vom Revier Bergen alle Hände voll zu tun, die wartenden Autofahrer davon zu überzeugen, dass es sich um eine Falschmeldung handele und Hiddensee auch weiter autofrei bliebe.

Damp war daraufhin in den Hafen geeilt. Dort hatten sich viele Hiddenseer versammelt, die die Nachricht gehört hatten und nun auf die Fähre warteten, um das einmalige Wunder zu bestaunen. Die Fuhrleute stürmten auf Damp zu und warfen ihm vor, ihr Geschäft kaputt zu machen, andere fragten ihn, wo denn die vielen Autos parken sollten. Damp wusste gar nicht, wie ihm geschah, und beteuerte wiederholt seine Unschuld. Er lief mit durch den Hafen und rief immer wieder, die Nachricht sei falsch, es kämen keine Autos auf die Insel. Die Leute lachten oder schüttelten mit mehr, aber oft auch weniger Mitleid den Kopf über den überforderten Inselpolizisten. Erst als die Fähre wirklich ohne Pkw an Bord kam, beruhigte sich die Lage. Nur einer hatte die ganze Zeit grinsend etwas abseitsgestanden, in seiner blauen Latzhose, mit der Pfeife im Mund und seiner alten Schiffermütze auf dem Kopf, und dem Treiben gelassen zugesehen: Malte Fittkau. Damp hatte Rieder nach seiner Rückkehr gebeten, der Sache auf den Grund zu gehen und Fittkau zu überführen. Aber Rieder hatte natürlich abgewunken. Der steckte doch mit seinem Nachbarn unter einer Decke.

Nun also zerstörte ihm Rieder seine schöne Vormittagsruhe. Allerdings lächelte Damp still in sich hinein bei dem Gedanken, wie sich Rieder bei Westwind von der Seite, praller Sonne von oben und ohne Frühstück mit dem Fahrrad bis zum Enddorn gequält haben musste, während das Polizeiauto schön im kühlen Schatten des Rathauses stand.

Also auf zum Pfarrer. Damp stand auf, stopfte sein zerknittertes Uniformhemd in die Hose und versuchte mit den Fingern seinen strubbeligen Haaren so etwas wie eine Frisur zu geben. Dann stiefelte er aus dem Büro und stieg in seinen Streifenwagen, dessen Federn unter Damps Gewicht ächzten.

Eigentlich kam ihm die Sache mit dem Pfarrer ganz recht. Während der Vorbereitungen für die Preisverleihung und den Empfang hatte Schneider Damp immer von oben herab behandelt und ihn leicht belächelt, weil er viele Ehrengäste nicht kannte. Und gestern nach dem ganzen Aufstand – kein Wort des Dankes.

Zeit fürs Rückspiel. Der Pfarrer würde sich wundern. Wahrscheinlich hatte er besoffen nach der Feier sein Boot auf Grund gesetzt, war dann nach Hause getorkelt und schlief jetzt dort seinen Rausch aus. Damp würde ihn unsanft wecken.

Er parkte den Streifenwagen auf dem Parkplatz für die Pferdekutschen neben der Inselkirche in Kloster. Dann ging er zum Pfarrhaus, das sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand. Bevor er klingelte, fiel sein Blick auf den Spruch an der Häuserwand. Neben einem gemalten Segelschiff stand dort: „Gottes sind Wogen und Wind, aber Segel und Steuer sind Euer …“ Damp musste grinsen. Wie passend! Da hatte wohl der Pfarrer sich etwas zu viel auf die himmlischen Kräfte verlassen und dadurch Schiffbruch erlitten. Nach dem Läuten wurde sofort die Tür aufgerissen. Damp schaute in das entgeisterte Gesicht von Birgit Thurow. Drei Tage die Woche arbeitete sie als Küsterin im Hiddenseer Pfarramt.

Wie in Zeitlupe löste sich ihre Erstarrung. „Was wollen Sie hier?“

„Kann ich Herrn Schneider sprechen?“, fragte Damp und verwendete ganz bewusst nicht die Bezeichnung Pfarrer, denn hier ging es nicht um die Amtsperson, sondern um den Bürger.

Birgit Thurow schnäuzte sich. Wahrscheinlich hatte sie wieder Ärger mit ihrem Mann, dachte sich der Polizist. Manfred Thurow war Fischer, einer der letzten auf Hiddensee. Er galt als Eigenbrötler und seinen Frust über geringen Fang und niedrige Preise ließ er nicht selten an seiner Frau aus. Jedenfalls berichtete der Inselfunk regelmäßig über lauten Streit.

Birgit Thurow war auf Hiddensee geboren, aber nach der Schule nach Rügen gezogen. Sie hatte dort als Restauratorin gearbeitet. Als ihre Eltern Pflege brauchten, war sie nach Vitte zurückgekommen. In dieser Zeit waren sie und Thurow ein Paar geworden. Er war ihr Nachbar, alleinstehend und wohnte in einem alten Fischerhaus. Nach dem Tod der Eltern hatten sie geheiratet und sie war zu ihm gezogen. Ihr Elternhaus in Vitte hatten sie zu einem Ferienhaus umbauen lassen, um mit der Vermietung das Familien­einkommen aufzubessern. Doch da die Zinsen für den Baukredit kaum von den Einnahmen gedeckt wurden, musste sie sich auf der Insel eine Arbeit suchen. So hatte sie im Pfarramt als Küsterin angefangen, drei Tage die Woche. Für sie war es ein Glücksfall, denn die alte denkmalgeschützte Kirche gab ihr Gelegenheit, ihr Fachwissen als Restauratorin einzubringen und zu nutzen.

Birgit Thurow war eine der Wenigen auf der Insel, die Damp grüßten. Und so war ihm auch die Veränderung aufgefallen, die scheinbar ohne jeden äußeren Anlass mit Birgit Thurow passiert war. Bis vor einem Jahr galt sie eher als graue Maus. Frisur war ein Fremdwort für ihre Haare. Sie trug weite Pullover, formlose Jeans, Turnschuhe oder Gummistiefel, je nach Wetterlage. Doch in letzter Zeit hatten ihre langen braunen Haare die Bekanntschaft mit Lockenwicklern gemacht und wallten jetzt über ihre Schultern. Neben der transparenten weißen Bluse, durch die Damp jetzt einen Blick auf die Spitze ihres BHs werfen konnte, war für ein Pfarramt in jedem Fall die mangelnde Länge des eng geschnittenen grauen Rockes, der knapp über dem Knie endete, etwas gewagt. Ihre Füße steckten in hochhackigen Pumps, mit denen sie sicher nicht ohne größeres Unfallrisiko über die holprigen Straßen der Insel balancierte.

Mit leicht zitternder Stimme antwortete sie dem Polizisten: „Pfarrer Schneider ist nicht da.“

Der Anblick der attraktiven, wenngleich offensichtlich verstörten Frau verwirrte Damp. „Äh …“, stotterte er, „ist er in der Kirche?“

„Nein! Ich sagte doch schon, er ist nicht da. Auch nicht in der Kirche. Auch nicht auf dem Friedhof.“ Sie putzte sich noch einmal die Nase, bevor sie nachfragte: „Geht es noch um die Feierlichkeiten? Ist da noch etwas zu regeln?“

„Nein. Sein Boot ist auf Grund gelaufen. Am Enddorn.“

„Um Gottes willen …“, stieß sie hervor.

„Und außerdem muss das Boot da weg, liegt ja mitten im Natio­nalpark.“ Damp hatte nun auch seine Fassung zurückgewonnen und wurde wieder dienstlich. „Jedenfalls ist es verboten, in diesem Gebiet mit Motorschiffen zu ankern oder anzulegen. Herr Schneider muss mit einem empfindlichen Bußgeld rechnen. Es wäre gut, wenn er sich so schnell wie möglich bei mir melden würde. Die Nummer hat er ja. Wenn Sie ihm das ausrichten würden, sobald er nach Hause kommt?“

Birgit Thurow nickte und schloss dann ohne ein weiteres Wort die Tür.

IV

Rieder stapfte um das Boot herum. Die Schleifspuren am Kiel zeigten, dass es mit einiger Geschwindigkeit auf die Steine gefahren sein musste. Er klopfte an die Schiffswand. Es klang nicht wie Holz.

„Harzgetränkte Glasfaser“, meinte Thomas Förster vom Nationalpark. „Hoffentlich ist der Schiffsboden durch die Steine nicht aufgerissen worden. Dann säuft uns der Kahn ab, sobald wir ihn irgendwie auf See bekommen, und der ganze Diesel und noch mehr Öl plempern ins Wasser und versauen den Strand.“

Etwas abseits stand Dr. Preil mit einigen anderen frühen Strandgängern und stieß heftige Tiraden gegen die Bootsbesitzer aus. Dafür erntete er zustimmendes Nicken von den zumeist älteren Zuhörern. Früher sei doch alles viel besser und ruhiger gewesen. Da hätte auch die Polizei dafür gesorgt, dass hier keiner einfach am Strand anlege.

„Der nervt“, knurrte Rieder. Er hatte seine Hosen hochgekrempelt und wanderte im flachen Wasser um das gestrandete Schiff herum. „Ganz schön großes Schiff für einen Pfarrer“, bemerkte er.

Förster zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hat er mit seinen Zeitungsartikeln nicht schlecht verdient. Warum soll er sich davon nicht ein Schiff kaufen. Der Kahn ist auch nicht mehr ganz taufrisch. Schätze frühe Sechzigerjahre.“

Rieder hörte nicht so richtig zu. Etwas an der Schiffswand auf der Steuerbordseite funkelte im Widerschein der Sonne und Wellen. Der Polizist trat näher heran. Es sah aus wie ein Metallplättchen. Aber Rieder kannte aus seiner Berliner Polizeivergangenheit diese Dinge ziemlich genau. Es war ein Projektil, das dort in der Schiffswand steckte. Vielleicht einen halben Meter daneben entdeckte er ein zweites. Sie mussten aus einiger Entfernung abgefeuert worden sein, wenn sie diese Kunststoffwände nicht durchschlagen hatten.

„Was ist?“, fragte Förster, der Rieder beobachtet hatte.

„Zwei Einschüsse.“

Rieder war noch einmal auf das Boot geklettert. Er durchstöberte die Kabine, die Kombüse, das Bad. Er schreckte zusammen, als erneut das nostalgische Telefonklingeln zu hören war. Unter einem Buch auf dem Tisch sah er das Leuchten des Displays. Zweiundzwanzig Anrufe. Der letzte war von Damp. Das sah er an der Nummer. Einer war von ihm selbst. Sechzehn Mal hatte sich die Mailbox gemeldet und vier Mal eine gewisse Birgit. Er wählte die Mailbox an. Nur eine Nachricht befand sich darauf. „Hier Birgit. Bist du schon losgegangen? Melde dich mal. Bis später.“

Die Stimme kannte Rieder von den Vorbereitungen der Preisverleihung. Sie gehörte Birgit Thurow, der Küsterin. Wahrscheinlich hatte Schneider das Fest verlassen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Der Anruf führte also auch nicht wirklich weiter. Allerdings vermerkte er für sich die Zeit des Anrufs. Sonntag, 19.23 Uhr. Rieder stieg ins Führerhaus. Erst jetzt fiel ihm auf, dass neben dem Steuerrad der Zündschlüssel steckte. Er drehte den Schlüssel. Der Motor jaulte, aber sprang nicht an. Er schob die Tür auf und trat auf das Schiffsdeck. Sein Blick fiel auf einen feuchten roten Fleck auf den lackierten Planken. Er hockte sich hin. Rieder war sich sicher: Das war Blut. Da entdeckte er auch auf dem Rahmen des Fensters im Kabinendach dunkelrote Flecken. War auf Schneider geschossen worden und er verletzt oder vielleicht sogar tot ins Meer gestürzt? Wenn ja, wo war er oder vielmehr sein Leichnam abgeblieben?

Als er sich aufrichtete, sah er Damp den Strand entlangkommen. Rieder kletterte vom Boot.

„Also in der Kirche und im Pfarrhaus ist er auch nicht“, brachte Damp kurzatmig heraus, als er bei Rieder und Förster ankam. „Das habe ich schon überprüft. Mensch, ist das heiß.“

Rieder berichtete leise von den Einschüssen und den Blutspuren, damit die umstehenden Schaulustigen davon nichts mitbekamen. Förster und Damp rissen vor Schreck den Mund auf. Rieder versuchte, sie und sich selbst zu beruhigen. „Man muss nicht gleich das Schlimmste annehmen. Vielleicht ist er nur verletzt und hat bei jemandem auf der Insel Hilfe bekommen.“

Doch damit konnte er Förster und Damp offenbar nicht recht überzeugen.

„Er muss doch hier auf der Insel Bekannte oder Freunde haben. Wie lange ist er schon hier? Über zwanzig Jahre.“

Da schüttelte der Mann vom Nationalpark den Kopf. „Also ich bin auch schon eine ganze Weile hier. Aber der Schneider ist nicht so wohl gelitten.“

„Vielleicht ist er schon weiter draußen auf der Ostsee über Bord gegangen?“, warf Damp ein. Das könne man nicht von der Hand weisen, stimmte Rieder ihm zu.

„Dann kann es dauern, bis er wieder auftaucht“, bemerkte der Nationalparkmann trocken. „Bei dem ablandigen Wind landet er irgendwann in Dänemark.“

„Man könnte ein Suchflugzeug mit Wärmebildkamera einsetzen …“, schlug Rieder vor.

„Und wie lange soll das kreisen?“, meinte Damp skeptisch. „Die Ostsee ist doch nicht der Müggelsee.“

Rieder überhörte den kleinen Seitenhieb seines Kollegen. „Aber wir sollten Bökemüller anrufen.“ Der Stralsunder Polizeichef war auch extra zur Preisverleihung an Schneider nach Hiddensee gekommen. „Allerdings kann das Stress geben. Gestern wurde Schneider mit Tamtam ausgezeichnet, heute ist er verschwunden …“

„Da wird unser Chef nicht begeistert sein“, ergänzte Damp die Gedanken seines Kollegen. „Hoffentlich bleibt nicht was an uns hängen.“

V

Rieder, sagen Sie, dass das nicht wahr ist“, brüllte Bökemüller ins Telefon.

„Schneider ist verschwunden. Es gibt Blutspuren auf dem Kahn und zwei Kugeln stecken in der Schiffswand.“

„Können Sie sich vorstellen, was das für einen Aufstand gibt, wenn dem Schneider was passiert ist? Gestern noch vom Minister geadelt, heute vermisst, vielleicht tot, ermordet.“ Die Stimme des Polizeipräsidenten war immer dramatischer geworden. „Ich glaube, das ist eine Nummer zu groß für Sie und Damp. Da werde ich das LKA einschalten müssen.“

Rieder versuchte zu beschwichtigen. „Vielleicht sollten wir nicht gleich die Pferde scheu machen. Vielleicht hat sich Schneider an Land geschleppt und ist bei jemandem hier auf der Insel untergekommen. Der kennt hier doch Hinz und Kunz.“

Rieder konnte förmlich spüren, wie Bökemüller auf der anderen Seite der Leitung abwog, gleich Alarm zu schlagen oder den Fall erst mal auf Sparflamme zu kochen.

„Okay, fahnden Sie nach Schneider. Aber vorsichtig. Wühlen Sie nicht zu viel Staub auf, bevor wir nicht wissen, was wirklich passiert ist. Ich schicke Ihnen Behm. Der soll sich die Sache mal genauer ansehen.“ Das war Rieder sehr recht. Holm Behm war Chef der Stralsunder Spurensicherung. Bei den Ermittlungen zum Mord an dem Kunsthistoriker vor wenigen Monaten am Gellen hatten sich die beiden Beamten angefreundet.

„Und hören Sie, Rieder, News nur an mich. Wenn Sie mich nicht telefonisch erreichen, eine Message übers Mobile. Klar?“

Diese englischen Begriffe in Bökemüllers Sprachgebrauch waren die Spätfolge seiner Zusammenarbeit mit den amerikanischen Sicherheitsbehörden beim Besuch des US-Präsidenten im Frühsommer in Stralsund. Rieder lächelte darüber, versicherte aber im todernsten Ton, sich an die Anweisungen zu halten. „Sie können sich auf mich verlassen … Aber müssen wir nicht die Küstenwache einschalten. Das ist immerhin so eine Art Schiffsunglück?“

Brummen auf der anderen Seite der Leitung. „Dann haben wir gleich die Bundespolizei am Hacken und …“

„Aber das Schiff muss irgendwie geborgen werden“, fiel Rieder seinem Vorgesetzten ins Wort.

„Da werden Sie ja wohl eine Lösung finden. Und zwar just in time. Ich schicke Ihnen Behm mit Gebauers Boot. Vielleicht kann der helfen.“ Gebauer war der Kommandant des Wasserpolizeibootes, das im Schaproder Bodden patrouillierte.

Aus den Augenwinkeln hatte Rieder beobachtet, wie Thilo Preil versucht hatte, etwas von seinem Telefongespräch aufzuschnappen. „Und was machen Sie nun“, fragte er den Polizisten. „Wo ist der Kerl abgeblieben? Ist er abgesoffen? Das geschieht diesen Saufbolden ganz recht. Es gibt noch eine Gerechtigkeit.“ Beifälliges Gemurmel kam dazu von den Umstehenden. Die Gruppe war mittlerweile ganz schön angewachsen.

Rieder riss der Geduldsfaden. „Können Sie nicht einfach mal den Mund halten?“

„Das hätten Sie wohl gern. Aber die Zeiten sind lange vorbei!“

Rieder verdrehte die Augen. Damp schritt zur Tat. Mit ausladenden Armen ging er auf die versammelten Leute zu und trieb sie so langsam in Richtung Enddorn. Rieder schüttelte zwar den Kopf, als Damp ein Strandverbot verhängte, war aber auch froh, die Meute endlich los zu sein.

„Gibt es eine Chance, das Schiff freizubekommen ohne technische Hilfsmittel?“, wandte sich Rieder an Förster. Der schüttelte den Kopf. „Bis heute Abend soll zwar der Wind drehen und dann wird hier der Wasserstand wieder steigen, aber das wird nicht reichen, dass der Bootskörper aufschwimmt. Der Kahn ist zu schwer. Eigentlich geht nur was von Land aus, denn hier kommt kein Schiffskran heran. Außer …“ Sein Gesicht hellte sich auf. Offenbar hatte er eine Idee, denn Förster nahm sein Telefon und wählte eine Nummer.

„Hallo, Gerd. Wie geht’s? Brummt der Laden?“ Er schilderte kurz die Lage. „Ja, ja, am Enddorn. Genau. Habt ihr noch diese Luftkissen. Damit könnte man das Schiff vielleicht anheben, wenn das Wasser wieder steigt?“

„Okay. Ich melde mich wieder.“

Rieder hatte mit ungutem Gefühl zugehört. Das verstand Bökemüller sicher nicht unter „keinen Staub aufwirbeln“, aber wie er die Insel in den letzten Monaten kennengelernt hatte, pfiffen das Lied vom gestrandeten Schiff des Pfarrers schon die Möwen von den Schilfdächern.

„Das war Gerd Barnhöft von der freiwilligen Feuerwehr. Die könnten das Schiff vielleicht mithilfe von Luftkissen bei ansteigendem Wasser durch anlandigen Wind wieder flottbekommen.“

Rieder war unentschieden. „Gute Idee, aber …“

Förster beruhigte ihn. „Rufen sie Barnhöft an. Einen anderen Weg ohne viel Aufhebens gibt es nicht. Und die Jungs sind zuverlässig.“ Damit verabschiedete sich Förster. Er tippte kurz mit zwei Fingern an die Stirn. „Mich finden Sie im Nationalparkhaus.“

Rieder stimmte ihm innerlich zu und Bökemüller mit seinen Bedenken war ihm deshalb auch im Moment ziemlich egal.

VI

Rieder und Damp waren ins Revier zurückgekehrt, nachdem Gebauer und Behm mit dem Polizeiboot am Enddorn eingetroffen waren. Die Besatzungsmitglieder von Gebauers Polizeiboot hatten die Absperrung der Unglücksstelle übernommen. Behm hatte sich ausgebeten, das Schiff, die Einschüsse und die Spuren auf Deck allein zu inspizieren. „Ich kann es nicht leiden, wenn ihr mir da dauernd auf die Finger schaut oder um mich herumscharwenzelt. Habt ihr nix in eurem Revier zu tun?“

Damp hackte auf die Tasten seines Computers ein. Kaum hatte er die Entertaste gedrückt, folgten ein kurzes Klingeln und kurz danach ein heftiger Fluch des Polizisten. Seit gut einer viertel Stunde wiederholte sich dieses Schauspiel im Abstand von einer Minute. Jetzt allerdings war eine neue Eskalationsstufe erreicht. Damp hob nach dem letzten Klingeln seine Tastatur an und warf sie wieder auf den Schreibtisch. Rieder blickte erschrocken auf.

„Ich verstehe es nicht“, brüllte Damp. „Warum nimmt diese verdammte Personendatei nicht die Daten des Pfarrers an, sondern meldet mir immer ‚Zugriff verweigert‘?“

Rieder ging um den Schreibtisch herum und sah Damp über die Schulter. „Vielleicht ist Ihr Passwort abgelaufen?“

Damp blickte beleidigt zu seinem Kollegen auf. „Für wie blöd halten Sie mich eigentlich? Das habe ich natürlich schon überprüft. Aber bitte, versuchen Sie es doch selbst.“

Er schob die Tastatur zu Rieder hinüber. Der begann seine Zugangsdaten für die Personendatei einzugeben und wurde auch sofort auf die Seite mit der Suchmaske weitergeleitet. Rieder konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wo sind die Daten von Schneider?“

Damp reichte ihm einen Zettel. Rieder tippte die Daten ein und drückte „Enter“. Es folgte ein kurzes Klingeln und auf dem Bildschirm erschien der Hinweis „Zugriff verweigert“.

„Das ist ja komisch“, bemerkte Rieder, nun auch ratlos.

Damp triumphierte. „Tja, da sind Sie mit Ihrem Berliner Polizistenlatein wohl auch am Ende?“

„Vielleicht stimmt was mit der Leitung nicht“, versuchte Rieder seinen Fehlversuch zu rechtfertigen.

„Das ist unlogisch, lieber Kollege, dann würde die Datei auch nicht unsere Zugangsdaten akzeptieren, oder?“

Rieder nickte. Er stützte sein Kinn auf seine Hand und starrte in den Computer. „Irgendetwas stimmt hier nicht.“

In diesem Moment betrat Behm das kleine Revierzimmer im Hiddenseer Rathaus. Er hatte noch die letzten Worte von Rieder gehört.

„Da habt ihr recht, hier stimmt etwas nicht!“

Er holte ein kleines Tütchen aus seiner Jackentasche, in dem sich zwei Projektile befanden, und zeigte sie den beiden Inselpolizisten.

„Ich musste ziemlich lange in meinen schlauen Dateien kramen, bis ich ein Vergleichsstück für diese Munition gefunden hatte. Die ist nämlich steinalt, aber original, stammt aus den Dreißigerjahren und passt nur zu einer Waffe, einer Luger P08.“

„Eine Luger P08? Was soll das sein?“, fragte Damp.

„Eine Armeepistole, verwendet bis Ende der Dreißigerjahre. Wer heute noch so eine besitzt, verwendet sie eigentlich nicht zum Schießen, sondern verwahrt sie in einer Vitrine. Und soweit es meine ersten Untersuchungen zeigen, wurde auch die hier benutzte Luger wahrscheinlich gehegt und gepflegt.“

Rieder und Damp waren einigermaßen beeindruckt von Behms Vortrag.

Rieder nahm das Tütchen und hielt es gegen das Fenster. „Eine alte Waffe und eine breite Streuung der Einschüsse. Vielleicht auch ein alter Schütze?“

Behm winkte ab. „Das ist gut kombiniert, aber kein Beweis. Die Luger P08 galt nicht unbedingt als Präzisionswaffe und ihr schlechtes Treffverhalten auf größere Entfernungen führte zu ihrem Ende als Dienstwaffe im deutschen Militär.“

„Was ist mit dem Blut?“

„Da müsst ihr euch gedulden. Ich habe die Blutspur gesichert. Auf dem Holm über der Kabinendecke fanden sich auch noch einige Haare. Ich werde sie mit denen von einer Bürste vergleichen, die ich im Kulturbeutel im Bad auf dem Boot gefunden habe. Ich nehme an, dass die Sachen von Schneider stammen. Aber die Staatsanwaltschaft wird wohl kaum einem DNA-Test zustimmen, wenn nicht auch ein Verbrechen vorliegt. Das könnte also dauern. Noch Fragen?“

„Wie bist du eigentlich hierhergekommen?“

„Dein Nachbar.“

„Malte?“

„Genau. Er kam mit seinem Motorboot vorbei. Da ihr den Strand gesperrt habt, kommen die Schaulustigen mit allem, was schwimmen kann, und beobachten unser Treiben rund um den gestrandeten Pott eben von der Ostsee aus. Fittkau traute sich am nächsten heran. Da habe ich ihn gefragt, ob er mich nach Vitte bringen kann. Zwanzig Euro und die Sache war perfekt.“

Rieder grinste über die Geschäftstüchtigkeit seines Nachbarn. Eigentlich betrieb er eine kleine Ferienpension, aber den einen oder anderen Euro verdiente er noch nebenbei mit selbst gemachter Marmelade, geräuchertem Aal oder „neuen“ Marktlücken, wie dem Transport von Polizisten mit dem eigenen Boot.

„Gebauer ist weiter vor Ort, um das Boot freizuschleppen, wenn das mit den Luftkissen klappen sollte. Sieht aber gut aus. Der Wind hat gedreht und der Wasserstand steigt. Die Feuerwehrleute sind jedenfalls Feuer und Flamme.“ Behm lachte über seinen Gag, allerdings allein. „Ihr seid ja echt gut drauf. Aber ich mache euch noch eine Freude.“

Holm Behm zog eine Plastikfolie aus seiner Jacke. Darin befanden sich ein Briefumschlag und ein Schreiben. „Ich habe das sicherheitshalber gleich mal eingetütet, falls es zum Äußersten kommt und unter mein Mikroskop geschoben wird.“ Damit reichte er die Hülle Rieder. Damp stand auf, um auch einen Blick auf das mutmaßliche Beweisstück zu erhaschen.

Der Briefumschlag war an Jens-Uwe Schneider adressiert, der Poststempel stammte aus Stralsund. Aber es gab keinen Absender. Rieder las laut vor, was auf dem weißen Briefbogen stand: „Darum bekenne ich dir meine Sünde und verhehle meine Missetat nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Sünden bekennen.“

Rieder sah Behm fragend an. „Der Anfang einer Predigt vielleicht?“

„Und den hat sich der Herr Pfarrer selbst mit der Post geschickt.“ Behm tat so, als müsste er sich schütteln. „Rieder, enttäusch mich nicht! So lange bist du doch noch nicht auf der Insel. Allerdings trennt sich hier die Spreu vom Weizen, oder besser gesagt, der Atheist vom Christen.“

„Ist aus der Bibel“, mischte sich nun Damp zum Erstaunen Rieders ein. „Weiß jetzt nicht ganz genau wo. Aber ist aus der Bibel. Ganz bestimmt.“

„Eins! Setzen!“, spottete Behm, hob aber gleichzeitig anerkennend den Daumen.

„Wo hast du’s gefunden?“, fragte Rieder.

„In dem Buch, das auf dem Tisch lag.“

Rieder las den Text noch einmal. „Na ja, Schneider war Pfarrer.“

Behm wiegte seinen Kopf hin und her. „Keine Erklärung dazu. Keine Notizen, ob er es in eine Predigt einfügen wollte. Ich will ja mal nicht die Pferde scheu machen, aber das wirkt für mich eher wie ein Drohbrief.“

„Wer sollte Schneider drohen?“, überlegte Rieder. „Einer der verrissenen Schriftsteller?“

Behm zuckte mit den Schultern. „Das ist ja wohl eher euer Job, das herauszufinden.“ Damit wollte sich Behm verabschieden. „Ich würde versuchen, die Fähre nach Stralsund zu bekommen.“

„Wart mal … Wir wollten Schneiders Daten abgleichen, um nachzuforschen, ob er noch Angehörige hat“, erzählte Rieder, „aber wir bekommen keinen Zugriff auf die Personendatei. Vielleicht ein technisches Problem?“

„Gebt mir die Daten. Ich schaue, ob ich von unserem Computer in Stralsund mehr Glück habe.“

Damp kopierte den Zettel und gab ihn Behm. „Melde mich ab. Falls es was Neues gibt, ruft mich an. Irgendwie ist das eine komische Geschichte.“

VII

Immer heftiger wurde der Wellengang auf der Ostsee. Der Wind drückte das Wasser an den Strand von Hiddensee. Und so gelang es den Feuerwehrmännern, durch die angebrachten Luftkissen die „Antonie“ so weit anzuheben, dass sie auf die offene See gezogen werden konnte. Kommandant Uwe Gebauer stand im Führerhaus der „Antonie“, gab über Funk Kommandos an seine Kollegen auf dem Polizeiboot, alle Klippen aus Findlingen und den Resten der alten Metallbuhnen zu umschiffen. Dann nahm der Konvoi Kurs auf Vitte. Dort wurde die „Antonie“ am Steg des Anglervereins festgemacht. Diese Anlegestelle war durch ein eisernes Tor mit Schloss vor dem Zutritt von Fremden geschützt. Jedenfalls von Land aus.

Der Pfarrer allerdings blieb verschwunden. Birgit Thurow hatte auf Bitten von Damp alle Mitglieder des Gemeindekirchenrates abtelefoniert. Keiner hatte Schneider nach der Feier im Gerhart-Hauptmann-Museum gesehen oder gesprochen. Ansonsten kannte sie angeblich auch keinen Menschen weiter auf der Insel, zu dem Pfarrer Schneider näher Kontakt gehabt hätte. Seine engeren Bekannten seien die Schriftsteller gewesen, von denen einige zwar gestern zur Preisverleihung gekommen, aber nun auch schon wieder abgereist seien.

Rieder war zu den alten Häusern der Leuchtturmwächter nördlich von Grieben gefahren, dieses Mal mit dem Polizeiauto. Sie lagen in einer Senke unterhalb des Bakenberges, auf dem der weiße Leuchtturm Dornbusch mit seiner roten Kuppe thronte. Die alten Backsteinhäuser waren zu Ferienwohnungen umgebaut worden. Doch die derzeitigen Mieter hatten in der Nacht keine Hilferufe vom nahen Steilufer gehört und es hatte auch niemand an ihre Tür geklopft.

Auch in Grieben, der nördlichsten Siedlung auf Hiddensee, hatte den Pfarrer seit Sonntag niemand mehr gesehen. In den Gaststätten und in den Geschäften, überall nur Kopfschütteln und Schulterzucken, wenn Rieder nach dem Verbleib von Schneider fragte.

Bökemüller war bei Rieders Bericht über die erfolglose Suche nach dem vermissten Pfarrer immer nervöser geworden. Er überlege, den Innenminister zu informieren, die Sache werde ihm langsam zu heiß.

Rieder schwankte in seinen Gefühlen. Einerseits reizte ihn ein neuer Fall, andererseits hatte er keine Lust, sich mit Beamten und Hierarchen des Landeskriminalamtes von Mecklenburg-Vorpommern herumzuschlagen und von denen als Inselpolizist wie ein Laufbursche behandelt zu werden. Er war immerhin Kriminalhauptkommissar.

Bökemüller und Rieder einigten sich, die Nacht noch abzuwarten und dann am nächsten Morgen eine Entscheidung über das weitere Vorgehen zu treffen.

Es war schon früher Abend, als Rieder erschöpft von den Touren wieder ins Revier nach Vitte kam. Damp packte gerade seine Sachen zusammen. „Feierabend für heute“, meinte er. Rieder war noch etwas unschlüssig, was er tun sollte. Konnte er jetzt einfach nach Hause gehen, obwohl es immer noch keine Spur vom Pfarrer gab?

Damp setzte seine Mütze auf und straffte die Uniform. „Was machen Sie?“

Rieder zuckte mit den Schultern. „Sie können mich mit nach Neuendorf nehmen.“

Das Polizeiauto kam nur langsam voran. Zu dieser Tageszeit waren nicht nur die Urlauber zwischen Neuendorf und Vitte unterwegs. Die meisten Pferdekutschen rollten wie eine Karawane in Richtung Inselsüden, nachdem sie die letzten Tagestouristen in Vitte oder Kloster zu den Ausflugsschiffen und Fähren gebracht hatten. Damp konnte nicht überholen und musste Schritt fahren, denn die Pferde machten kaum noch Tempo. Sie trabten nach dem langen Tag und mehreren Touren von Neuendorf im Süden bis ins Hochland beim Leuchtturm Dornbusch im Norden müde vor sich hin.

„Kannten Sie eigentlich Pfarrer Schneider besser?“, fragte Rieder.

„Kaum“, antwortete Damp, „wir hatten manchmal miteinander zu tun, wenn was los war oder er eine größere Veranstaltung hatte und nun bei der Vorbereitung der Preisverleihung, aber sonst …“, Damp räusperte sich. „Der hat mich doch auch nicht ernst genommen.“ Das klang bitter.

„Ich habe ihn eigentlich auch nur einmal gesprochen“, meinte Rieder nachdenklich, „letzten Samstag. Und da wirkte er nicht wirklich glücklich. Trotz Preisverleihung.“

Vor zwei Tagen hatte Rieder einen Streit zwischen dem Fernsehteam und den Fuhrleuten schlichten müssen. Der Übertragungswagen für die Preisverleihung sollte zwar auf dem Park- und Wendeplatz der Fuhrleute neben der Kirche stehen, aber nicht gleich den ganzen Platz einnehmen. Die Fuhrleute bestanden auf ihrem Recht, dort zu parken wie sonst auch, und blockierten dann aus Protest den Kirchweg, die Hauptstraße von Kloster. Der Begriff Hauptstraße war allerdings für den ungepflasterten, mit Schlaglöchern übersäten Weg vom Friedhof bis zum Inselmuseum eigentlich nicht angebracht. Damp hatte im Hafen mit den Vorbereitungen für die Ankunft der vielen Gäste zu tun und stritt sich dort außerdem mit den Vermietern von Ferienwohnungen herum, die ihre Gepäckwagen nicht wegräumen wollten. So eilte Rieder zur Kirche, um dort die Gemüter zu beruhigen. „Scheißorganisation! Wo ist Damp?“, riefen ihm die Kutscher schon zu, als er von der neuen Pension „Zur Post“ kommend auf den Kirchweg einbog. Dort standen ein Dutzend Planwagen, immer drei nebeneinander. Die Leute kamen weder rechts noch links und schon gar nicht „mittenmang“ durch. Klaus Treue, ein Fuhrunternehmer aus Neuendorf und eher ein friedlicher Typ, kam auf den Polizisten zu.

„Hallo, Rieder, verstehen Sie uns nicht falsch, aber wir müssen auch unser Geschäft machen können.“ Rieder kramte eine Skizze hervor, die Damp ihm gegeben hatte und auf der der Standplatz des Übertragungswagens eingetragen war, sowie ein Protokoll, in dem sich die Fuhrleute, die Fernsehfirma und Damp schriftlich über die Platzverteilung geeinigt hatten. Statt längs zur Kirche, wie auf der Zeichnung vermerkt, parkte der riesige Übertragungswagen quer über den Platz und hatte nach rechts und links noch kleine Container ausgefahren. Jedenfalls war so kein Platz mehr für die Fuhrwerke, um dort zu wenden. Dicke rote Kabel waren von dem Fahrzeug zur Kirche gezogen worden. Mehrere Männer in dunkelblauen Jacken mit dem Symbol ihres Fernsehsenders auf dem Rücken waren damit beschäftigt, Scheinwerfer und Fernsehkameras zum Gotteshaus zu tragen. Andere saßen auf Campingstühlen um einen kleinen Klapptisch. Alle hatten Papier und Stift in der Hand und hörten aufmerksam einer Frau mit roten Haaren zu.

Rieder hatte sich durch die wütenden Fuhrleute nach vorn gearbeitet. „Oh, der Berliner persönlich“, war ihm nachgerufen worden. „Scheint ja ’ne Chefsache zu werden.“

Rieder wusste, jetzt ging es für ihn ums Ganze. Jetzt würde sich entscheiden, ob er in den Augen der Insulaner Kerl oder Weichei war.

Er marschierte hinüber zu den Fernsehleuten. Die Frau mit den roten Haaren schien ihm hier die Chefin zu sein. Als Rieder sich vorgestellt hatte, nahm sie die halbe Brille ab und musterte den Mann in Jeans, T-Shirt, grüner Windjacke und Baseballkappe von unten bis oben.

„Sie sind also der Inselpolizist?“, stellte sie zweifelnd fest. „Ihr Name ist mir neu. Ich habe immer mit einem Herrn Damp verhandelt.“

Rieder nickte. „Der hat an anderer Stelle zu tun. Ich kümmere mich heute hier um die Vorbereitungen an der Kirche. Darf ich fragen, mit wem ich es zu tun habe?“

Langsam stand die Frau aus ihrem Campingstuhl auf und streckte dann, geradezu graziös, Rieder die Hand entgegen. „Carmen von Kreuznach. Ich bin die Regisseurin der morgigen Sendung. Und das“, sagte sie darauf mit einer ausschweifenden Bewegung über die Männer am Tisch, „sind meine Kameramänner. Wir machen gerade eine Regiebesprechung.“ Ihr Ton drückte deutlich aus, dass sie sich durch Rieder gestört fühlte.

„Ich will mich nicht lange mit der Vorrede aufhalten, aber so geht es nicht.“

„Was meinen Sie?“

Rieder tippte auf das Protokoll und die Zeichnung.

„Wir hatten erstens mit einem kleineren Ü-Wagen gerechnet und zweitens sollte er längs zur Kirche stehen und hier nicht den ganzen Platz blockieren. Und daran müssen Sie sich bitte halten.“

Die Regisseurin zog die Mundwinkel nach unten und bedachte den Polizisten mit einem Blick, als ob er nicht ganz bei Trost wäre.

„Guter Mann“, rief sie mit Emphase aus, „das ist unmöglich! Schauen Sie, wie weit wir schon mit der Verkabelung sind. Und meinen Sie wirklich, Sie können das einschätzen, was man für eine richtig gute Fernsehübertragung braucht?“ Frau von Kreuznach warf die Haare zurück, stemmte eine Hand in die Hüften und wies mit der anderen auf das Papier in Rieders Hand. „Diese Planung mit dem kleinen Ü-Wagen, der nur drei Kameras an Bord hat“ – sie machte eine Pause, als wollte sie abwarten, ob Rieder ihre Worte auch verstanden hätte – „diese Planung war völlig inakzeptabel. Ich bitte Sie!“ Dann deutete sie in Richtung der Kirche. „Dieses Juwel muss doch richtig in Szene gesetzt werden.“ Wieder eine Pause. „Also unter sechs Kameras geht da gar nichts. Und dazu braucht man eben auch so ein Fahrzeug.“ Dann beugte sie sich ganz nah an Rieders Gesicht und flüsterte ihm verschwörerisch zu: „Äh, diese Fuhrleute. Die werden auch mal einen Tag zu Hause bleiben können.“ Sie drehte sich noch einmal um, um sich zu versichern, dass auch keiner der Umstehenden ihre Worte hörte. „Mal ganz unter uns, können Sie nicht was machen, dass die verschwinden? Sie verderben mir den schönen Außenschuss.“

Rieder trat einen Schritt zurück und wollte gerade antworten, da tauchte hinter dem Übertragungswagen der Arm eines Krans auf, der sich immer weiter in die Höhe schob. Er hatte dieses zweite Fahrzeug hinter dem Übertragungswagen gar nicht gesehen. Am Ende des Kranarms hing eine kleine Gondel mit einer Kamera.

„Was ist das?“, fragte er empört.

„Unser Steiger … eh, Kamerakran“, erklärte Frau von Kreuznach mit unschuldiger Miene. „Hatten wir das vergessen zu sagen?“

Rieder bekam einen richtigen Wutanfall.

„Den können Sie gleich einklappen. Oder hat der eine Genehmigung zum Befahren von Hiddensee?“

„Äh, die Kollegen von der Fähre waren so nett …“

„Okay, einklappen, wegfahren zur Fähre und zurück nach Schap­rode.“

Frau von Kreuznach war die Farbe aus dem Gesicht gewichen. Mit schriller Stimme schrie sie: „Was bilden Sie sich eigentlich ein! Ich werde sofort meinen Direktor informieren und dann läuft das über den Minister und …“

„Okay, bis der Minister entschieden hat oder wer sonst, entscheide ich. Entsprechend der Absprachen und des Protokolls, das Ihre Unterschrift trägt.“ Die hatte Rieder noch rechtzeitig auf dem Protokoll entdeckt. „Also, Kran zurück zur Fähre und dann nach Rügen. Und der Ü-Wagen wird umgeparkt. Sofort!“

„Aber die Kabelwege …“, versuchte die Regisseurin einen letzten Widerstand. Doch Rieder fiel ihr ins Wort: „… sind auch nicht länger, wenn Sie umparken, wahrscheinlich sogar kürzer. Bis Morgen ist noch viel Zeit.“

Pfarrer Schneider hatte die Debatte zwischen Rieder und der Regisseurin aus einiger Entfernung beobachtet. Doch nun hatte Frau Kreuznach ihn entdeckt und stürzte auf ihn zu. Schneider war schlank und hatte ein etwas pausbäckiges Gesicht. Sein dünnes mittellanges Haar war etwas strähnig und er hatte es zurückgekämmt. Wie immer trug er ein schwarzes Hemd und eine schwarze Jeans. Da er immer den Kopf leicht vorbeugte, wirkte er in seiner schwarzen Kleidung wie ein Rabe. Er schaute über seine kleine runde Brille, als wollte er genauer wissen, was dort passiert war. Doch noch ehe die Regisseurin ihn erreichte hatte, drehte er sich um und ging mit schnellen Schritten auf die Kirche zu und verschwand darin. Frau von Kreuznach blieb daraufhin stehen. Eine junge Frau war gerade aus der Kirche gekommen, ebenfalls in einer Jacke wie alle anderen Mitarbeiter des Fernsehteams und mit einem Klemmbrett unterm Arm. Rieder nahm an, dass es sich dabei um die Aufnahmeleiterin handelte, die hier vor Ort alles für die Fernsehleute organisieren musste und nun in ihr Unglück gelaufen war. Denn die Regisseurin ging mit lautem Geschrei und erhobenen Händen auf die junge Frau los. Er befürchtete schon, dazwischengehen zu müssen. Aber es blieb bei lautem Kreischen und leisen Rechtfertigungen. Als er sich umdrehte, hatten auch die Kameramänner die Köpfe eingezogen, einige allerdings mit verschmitztem Grinsen. Zur Linken hatten die Fuhrleute ein Freudengeheul angestimmt und zeigten mit erhobenen Daumen in Rieders Richtung. Das war für ihn ein Sieg auf ganzer Linie gewesen.

Danach war Rieder in die Kirche gegangen. Pfarrer Schneider hatte sich hinter den kleinen Verkaufstisch gesetzt, an dem kleine Mönche aus Ton, eine blaue Kachel mit einer aufgemalten Rosenblüte und Postkarten von Hiddensee angeboten wurden, alles Eigenproduktionen der Kirchengemeinde, um Geld für dringende Sanierungsarbeiten zu sammeln.

„Herr Schneider“, sprach Rieder den Pfarrer an, „es tut mir leid, dass …“

Aber der Pfarrer winkte ab. „Sie machen Ihren Job. Frau von Kreuznach natürlich auch.“ Dann stand er auf und gab Rieder ein Zeichen, ihm auf die kleine Sitzbank an der linken Seite des Altarraumes zu folgen. Dort setzten sie sich ganz hinten hin.

„Mir ist das alles sowieso zu viel. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich über die Ehrung, aber alles eine Nummer kleiner wäre mir lieber gewesen. Außerdem kann ich jetzt nicht mehr meinem Hobby nachgehen. Und das schmerzt mich sehr.“

Rieder schaute verdutzt.

„Na ja, nachdem jeder weiß, wer sich hinter Jean Jacques Hoffstede verbirgt, traut sich kaum noch einer, mir seine Manuskripte zu schicken. Manche Autoren, mit denen ich sehr freundschaftlich verkehrt habe, fühlen sich hintergangen oder gekränkt. Nicht alle, aber …“

Die Worte des Pfarrers rauschten an Rieders Ohren vorbei, denn plötzlich nahm ihn die Schönheit der kleinen Inselkirche völlig gefangen.

Die Sonne schien gleißend durch die hohen gotischen Kirchenfenster. Die Strahlen ließen die Aufhängung des dicken spärlich gekleideten Taufengels, der im Altarraum von der Decke hing, verschwinden. Und so hatte Rieder den Eindruck, der Engel würde wirklich unter dem Kirchendach schweben wie unter einer Himmelswiese, denn die Holzdecke war in einem sanften Blau gehalten und verziert mit Rosenblüten. Dazu passten die weißen Kirchenbänke mit den abgesetzten blauen Kanten. Das waren die Farben Hiddensees: Weiß, Rosa und Blau.

Wie viele Menschen hatten hier in den letzten Jahrhunderten gesessen und Trost gesucht? Setzte sich jemand auf eine der harten Holzbänke, gab es ein knarrendes Geräusch, als ächzte das Gestühl unter der Last der Gebete und Fürbitten. Der Fußboden bestand aus roten Backsteinen und war so uneben wie die Oberfläche einer rauen See. Eine schmale Treppe führte hinauf zur Orgel in der Empore. In der Mitte ihrer weißen Balustrade hing ein Gemälde. Männer in einem offenen Boot kämpften mit ihren Rudern gegen dunkle Wellen des Meeres. Ob sie wohl das rettende Ufer erreicht hatten?

Dahinter die Orgel in dunklem Holz. Sie war der einzige dunkle Punkt in dieser hellen Kirche. Doch ihre Pfeifen wirkten filigran und schmal, passend zu dem kleinen Gotteshaus.

„Wie haben Sie sich auf der Insel eingelebt?“, riss der Pfarrer Rieder aus seinen Gedanken.

„Geht so. Hier läuft das Leben anders als in Berlin. Ruhiger.“

„Sie sind auch erst ein paar Monate da.“

„Es werden jetzt fünf. Und der Sommer lässt nicht mal den Gedanken auf Langeweile aufkommen. Es ist immer noch schön, abends von meinem kleinen Dachfenster in Vitte den wandernden Lichtstrahl des Leuchtturms zu sehen.“

Der Pfarrer lachte auf. „Klingt wie eine Urlaubspostkarte. Die Winter können lang werden, und wenn man dann nicht fliehen kann …“ Dabei sah er zu einem Kirchenfenster, vor dem sich die Äste der riesigen Bäume vor der Kirche sanft im leichten Ostseewind wiegten. „Eigentlich bin ich hier nie richtig heimisch geworden.“

„Kamen Sie auch aus einer Großstadt?“

„Nein, aus einem kleinen Nest. Aber es ist nicht nur das“, antwortete Schneider nachdenklich. Dann wandte er sich wieder Rieder zu. „Die Hiddenseer sind einfach schwer zu knacken. Und wir sind nie richtig miteinander warm geworden. Was schlecht ist für einen Pfarrer. Verstehen Sie.“

„Ich weiß, was Sie meinen. Aber es ist auch noch nicht ausgemacht, dass ich mein ganzes Leben hier verbringen werde.“

„Das kann ich Ihnen auch kaum raten. Sie sind zu verschieden von dem Menschenschlag hier.“ Nach einer kurzen Pause fügte der Pfarrer hinzu: „Man kann schnell sehr einsam werden auf der Insel.“

Dann aber war Schneider mit Schwung aufgestanden, als hätte er sich dieses Eingeständnis nicht erlauben dürfen. „Aber es gibt kaum einen schöneren Platz auf dieser Erde.“

VIII

Soll ich Sie am ‚Strandcafé‘ absetzen?“ Rieder erschrak. Sie hatten den Ortseingang von Neuendorf erreicht. Das Polizeiauto fuhr gerade über den kleinen Deich am Ortseingang von Neuendorf.

„Ja, das wäre nett.“

Das „Strandcafé“ betrieb Rieders Freundin Charlotte Dobbert. Die junge Frau mit den blonden Haaren stand hinter dem Tresen und kommandierte von dort wie ein Feldmarschall ihre beiden Kellnerinnen durch das voll besetzte Lokal, versorgte sie ohne Unterlass mit Getränken und Speisen aus der Küche, rief ihnen zu, für welchen Tisch gerade die Bestellung bereitstand. Weder auf der Terrasse zum Meer noch im Gastraum war ein Platz frei. Rieder stellte sich an die Bar. Charlotte beugte sich kurz rüber und küsste ihn.

„Und habt ihr ihn gefunden“, fragte sie.

„Wen?“

Sie zog die Augenbrauen nach oben. „Na wen wohl? Den Pfarrer?“

„Hat sich das schon rumgesprochen?“

Sie schüttelte lachend den Kopf. „Wann begreifst du das endlich: Hiddensee ist ein Dorf. Außerdem muss es da oben am Enddorn einen ganz schönen Auflauf gegeben haben, nachdem die Feuerwehr angerückt ist.“

„Kann ich ein Bier haben?“, versuchte Rieder das Thema zu wechseln.

„Erst wenn ich Informationen bekomme.“ Und damit wanderte das nächste frisch gezapfte Bier an ihm vorbei auf ein wagenradgroßes Tablett für einen Tisch mit acht Personen.

Frauen konnten anstrengend sein, dachte Rieder, aber was soll’s. Er gab nach.

„Wir haben ihn nicht gefunden.“

Das nächste Bier landete bei ihm.

„Siehste, geht doch. Und stimmt das mit den Einschüssen?“

Rieder wunderte sich. „Sag mal, Damp war doch noch gar nicht hier. Woher weißt du das alles?“

„Quellen, mein Lieber. Was zu essen?“

Rieder nickte.

„Einmal Dorschfilet in Senfsoße plus extra Bratkartoffeln zum Tresen“, rief Charlotte in die Küche.

Wenig später landete vor dem Polizisten ein Teller mit duftendem gebratenen Fisch, der in einer honiggelben Soße schwamm, dazu ein Berg Bratkartoffeln. Allein der Anblick lös­te Glücksgefühle in ihm aus. Vor weiteren Fragen von Charlotte blieb er verschont, denn kaum leerte sich ein Tisch, nahmen auch schon neue Gäste Platz. So würde es noch bis kurz nach neun gehen. Dann wären auf einen Schlag die Gäste verschwunden. Einige zog es noch zum Strand, um den Sonnenuntergang zu genießen, andere pilgerten nach Vitte zur Spätvorstellung im Zeltkino. Ansonsten war Hiddensee kein Pflaster für Nachtschwärmer. Die überwiegende Zahl der Gäste waren ältere Ehepaare oder Familien mit Kindern. Sie zogen sich am Abend meist in ihre Unterkünfte zurück. Stille senkte sich über die Insel.

Rieder hatte sich mit seinem Bier an einen der Tische auf der Terrasse gesetzt und die Augen geschlossen. Er lauschte dem Anschlagen der Wellen am nahen Strand. Als er sie wieder öffnete, saß Charlotte neben ihm und lächelte ihn an.

„Na, wo drückt der Schuh?“

„Na wo wohl? Der Pfarrer ist nicht irgendjemand. Bökemüller ist ziemlich nervös.“ Er machte eine kurze Pause, nahm einen Schluck. „Und ich auch. Wenn Schneider etwas passiert ist, gibt es einen Aufstand. Dann schicken die sicher Leute vom LKA.“

Charlottes Miene hatte sich verdüstert. „Du meinst, er ist tot?“

Rieder winkte mit der Hand, um ihren Ton zu dämpfen. „Nicht so laut.“ Dann zuckte er mit den Schultern. Nachdenklich fragte er mehr sich selbst: „Wo könnte er sonst sein?“

Mitten in der Nacht erwachte Rieder. Sofort drehten sich seine Gedanken um den verschwundenen Pfarrer. Charlotte hatte versucht, ihn abzulenken. Nachdem sie in ihre kleine Wohnung über dem Restaurant gegangen waren, hatte sie sich den Geruch von gebratenem Fett und kaltem Rauch in einer langen Dusche vom Körper gespült. Dann war sie nackt aus dem Bad getreten, einige Wassertropfen glänzten noch auf ihrer Haut. Rieder war eigentlich schon kurz vor dem Einschlafen gewesen, doch ihr Anblick hatte ihn erregt, er hatte sich aufgerichtet und seine Freundin an sich herangezogen … Als sie sich später aus ihrer Umarmung gelöst hatten, waren beide erschöpft in den Schlaf gesunken.

Doch nur wenige Stunden hatte dieser Zustand bei Rieder angehalten. Ein Blick auf den Wecker: kurz vor drei. Hatte er etwas am Schiff übersehen? Einen Hinweis? Was bedeutete der Brief? Rieder versuchte, Jens-Uwe Schneider wenigstens noch für ein paar Stunden aus seinem Gehirn zu vertreiben. Er griff nach seinem MP3-Player, stopfte sich die Kopfhörer in die Ohren und ließ sich von Bachs Chorälen umspülen. Er versank in der Musik und döste langsam wieder ein.

IX

Else Bars schnaufte. Der Rucksack mit den Farben, dem kleinen Wasserkanister und der darüber gebundenen Staffelei drückte auf ihren Rücken. Unter dem Arm trug sie eine bespannte Leinwand. Der Weg hinauf zum Swantiberg war beschwerlich. Immer wieder schlugen ihr die Äste der Ginsterbüsche ins Gesicht. Die feinen Netze der Spinnen, sorgsam gewebt in der Nacht, wenn keiner ihre Ruhe störte, verfingen sich in Elses Haaren. Sie schüttelte sich. Hin und wieder war das Summen von Fliegen und Hummeln zu hören. Vögel schreckten durch ihre Schritte aus dem Gestrüpp und flogen ihr ein Stück voraus, bis sie wieder im dichten Blätterwald und Buschwerk verschwanden. Endlich hatte sie die Anhöhe erreicht. Auf der Bank konnte sie ausruhen. Bis zum Gipfel des zweithöchsten Inselberges mit seiner doppelten Kuppe war es noch ein Stück.

Von Juni bis September war das Elses täglicher Lebensrhythmus. Kaum war die Sonne über dem Bodden blutrot aufgetaucht und hatte ihr Licht durch das kleine Dachfenster ihrer Ferienwohnung geworfen, stand sie auf. Früher war das kleine Holzhäuschen auf dem brögeschen Grundstück, rechter Hand, kurz vor Grieben, der Hühnerstall gewesen. Und schon damals, in den Achtzigerjahren, hatte Else Bars in dem kleinen Abstellraum unter dem Dach im Sommer ihren Urlaub auf Hiddensee verbracht. Die Hühner waren längst geschlachtet und Bröges hatten das Häuschen umgebaut. Unten gab es einen Raum mit kleiner Kochnische und ein paar alten Möbeln aus dem Haupthaus. Oben unterm Dach war die kleine Schlafkammer. Aufs Klo musste sie weiter zu Bröges ins Haus. Zum Waschen blieb ihr das kleine Abwaschbecken. Eine Dusche brauchte Else sowieso nicht. Dafür gab es die Ostsee. Und fünfzehn Euro pro Tag waren ein unschlagbarer Preis für Hiddenseer Verhältnisse. Doch auch die mussten erst mal verdient werden. Und für Essen und Trinken brauchte Else auch noch etwas Geld. Außerdem musste sie für den Winter ein kleines finanzielles Polster anlegen, um die kalte Jahreszeit auf den Kanaren zu verbringen. Sie hasste die Kälte in Deutschland.

So zog sie jeden Morgen los, um die Insel mit Kreide, Pastell- oder Ölfarben ins Bild zu setzen. Nachmittags baute sie einen Campingtisch in Kloster auf, neben dem Supermarkt auf der Straße zum Hafen, und versuchte ihre Bilder zu verkaufen. Der Standort war günstig, denn hier kamen alle Reisegruppen auf dem Weg zum Schiff vorbei und mancher wollte eine besondere Erinnerung an die Insel mitnehmen. Von den Inseleindrücken froh gestimmt, wurde dabei oft auch nicht lange über den Preis diskutiert. Und dann drängte auch die Zeit, das Schiff zu erreichen.

Else hatte festgestellt: Leuchtturm ging immer. Der Signalturm oberhalb des Dornbuschs war bei den Inselgästen als Motiv besonders gefragt. Else hatte sich aber einen kleinen Vorteil verschafft. Die anderen Inselmaler setzten den Leuchtturm immer mit dem Windflüchter daneben in Szene, einer Kiefer, deren Spitze vom dauernden Ostseewind fast rechtwinklig umgebogen war und wie ein Finger zum Turm zeigte. Else dagegen nahm den steilen Pfad zum Swantiberg auf sich. Von dort gesehen fügte sich der weiße Turm mit der roten Spitze harmonisch in die sanften grünen Hügel des Inselhochlandes ein. Und dieser ungewöhnliche Blick zog bei den Touristen. Heute hatte sie sich ein neues Motiv überlegt.

Else atmete noch einmal kräftig durch. Dann stand sie auf und erklomm den kleinen sandigen Pfad hinauf zur Spitze des Swantiberges. Unten in der Tiefe rauschte die Ostsee. Der Wind pfiff hier oben auch stärker. Aber das schreckte Else nicht ab. Ein paar Sandkörner auf einem Bild sah sie weniger als Verschmutzung, vielmehr als authentisches Souvenir. Der Käufer nahm dann wirklich ein Stück von der Insel mit nach Hause. Heute Morgen wollte sie aber etwas bergab in Richtung Enddorn. Dort stieg sie über den Holzzaun, der die Touristen davon abhalten sollte, die Kante des Steilufers zu betreten. Else hielt das nicht auf. Sie wollte den Leuchtturm malen mit der schroffen Steilküste im Vordergrund. Dazu musste sie fast bis an die Abbruchkante, um Leuchtturm und Steilküste auf ein Bild zu bekommen. Dort baute sie ihr kleines Freiluftatelier auf. Beim Blick in die Tiefe wurde ihr etwas schwindelig. Außerdem plagten sie heftige Kopfschmerzen. Else hatte gestern den neuen Elsässer Rotwein im „Wieseneck“ entdeckt. Aber irgendetwas stimmte auch bei nüchterner Betrachtung nicht an dem Bild. Es war dieser rote Farbfleck auf dem Felsvorsprung, gut zehn Meter unter der Felskante. Sie holte ihr altes Fernglas aus dem Rucksack und schaute in die Tiefe. Ein Schrecken durchfuhr ihre Glieder. Sie stieß einen Schrei aus. Nur mit Mühe konnte sie das Gleichgewicht halten. Der rote Fleck entpuppte sich als Jacke und gehörte zu einem leblosen Körper, der rücklings über den Felsvorsprung lag. Aus dem Ärmel der Jacke ragte eine Hand heraus und zeigte in den Himmel.

X

HK Rieder? Hören Sie mich?“ Der Polizist schaute verschlafen auf das Display seines Mobiltelefons. „Hier ist die Einsatzzentrale Bergen.“

„Ja, hier ist Hauptkommissar Rieder, was gibt’s?“

„Abgestürzte Person am Steilufer am Swantiberg auf Hiddensee. Könnten Sie bitte übernehmen?“

Rieder schüttelte sich. „Wo in Gottes Namen ist der Swantiberg?“

„Lieber Kollege, das ist Ihr Revier, nicht unseres. Es wäre eigentlich ganz nett, wenn Sie wüssten, wo was auf Hiddensee ist. Vielleicht kann Ihnen ja der Kollege Damp weiterhelfen.“

„Ja, sicher. Super Tipp“, gab Rieder sarkastisch zurück. „Sonst noch was?“

„Eine Frau Else Bars hat den Fund gemeldet. Wir haben auch schon die freiwillige Feuerwehr und den Inselarzt informiert. Sie sind zur Fundstelle unterwegs. Ende.“

„Ende.“

„Was ist los?“, meldete sich Charlotte Dobbert von der anderen Seite des Bettes. Ihre langen Haare hatten sich wie ein Schleier über das Kopfkissen gelegt.

„Jemand ist am Steilufer abgestürzt.“

Sie richtete sich auf und fragte entsetzt: „Der Pfarrer?“

Rieder zuckte mit den Schultern, arbeitete sich aus dem Bett und schlüpfte in seine Sachen. Für eine Dusche blieb keine Zeit. Gerade darauf hatte er sich gefreut, weil sein kleines Häuschen in Vitte nicht den Luxus eines Badezimmers bot. Er setzte sich noch einmal auf die Bettkante und wählte die Nummer von Damp. Der war schon beim Frühstück, worum ihn Rieder beneidete. Denn das würde wohl wie die Dusche auch ausfallen. Damp versprach, sofort zum „Strandcafé“ zu kommen, um ihn abzuholen.

Keine drei Minuten später saß Rieder neben Damp im Wagen und mit Blaulicht und Sirene ging es in den Inselnorden. Auf dem Wiesenweg in Vitte rannten Männer in braunen Uniformen in Richtung Hafen. Dort stand das Fahrzeug der freiwilligen Feuerwehr schon vor seiner Garage und wartete auf die Reste der Rettungsmannschaft. Der rote Lkw aus DDR-Zeiten tuckerte schon. Der Auspuff über dem Fahrerhaus blies blaue Rauchwolken her­aus. Hinter Vitte, auf der Straße nach Kloster, gab Damp richtig Gas und holte noch den Jeep vom Inselarzt ein. In Kloster schloss sich ihnen der Krankenwagen an. Der kleine Konvoi durchfuhr in hohem Tempo Grieben.

Touristen und Insulaner, die so früh schon unterwegs waren, sprangen zur Seite und blickten verdutzt den Fahrzeugen hinterher. Rieder konnte im Seitenspiegel erkennen, dass einige mit Fahrrädern oder zu Fuß die Verfolgung aufnahmen. Hinter Grieben bogen die Autos links ab in den Honiggrund. Der Weg führte zu den alten Leuchtturmwärterhäuschen. Die Stoßdämpfer mussten Schwerstarbeit leisten bei der rasanten Fahrt über die alten Betonplatten. Sie kamen zu einer kleinen Lichtung kurz vor dem Steil­ufer. Dort wartete eine grauhaarige Frau in einer gelben Regenjacke und winkte ihnen hektisch zu. Damp bremste scharf. Die Polizisten, der Arzt und der Sanitäter sprangen aus ihren Fahrzeugen.

Die Frau stürmte den Männern voran den schmalen Pfad zum Swantiberg hinauf, führte sie im Laufschritt um dessen Kuppe her­um zu den Kreidefelsen. Dort deutete sie in Richtung Abgrund.

Rieder konnte zunächst nichts erkennen. „Wo soll da was sein?“, fragte er Else Bars ungeduldig. Die Frau riss sich ihr Fernglas von der Brust und reichte es Rieder. Er schaute hindurch. Da entdeckte auch er den leblosen Körper in der roten Jacke auf dem Felsvorsprung.

Inzwischen kam Feuerwehrkommandant Barnhöft mit seinen Männern am Unglücksort an. Einige hatten Seile über den Schultern.

Rieder fragte Barnhöft: „Kommen Sie da ran?“

Lutz Barnhöft nahm die blaue Schirmmütze vom Kopf, wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und schüttelte den Kopf. „Zu gefährlich. Wenn wir hier an der Abbruchkante einen Mann abseilen, besteht die Gefahr, dass wir alle in der Tiefe landen. Die Kreidefelsen sind hier so brüchig. Da ist nix zu machen.“

„Aber irgendwie müssen wir doch rankommen? Vielleicht lebt er noch?“

„Ein Rettungshubschrauber“, warf Inselarzt Doktor Müselbeck ein. „Die könnten jemanden abseilen und die beiden dann mit einer Winde an Bord nehmen.“

„Die Rettungshubschrauber von Stralsund sind aber mit so was nicht ausgestattet“, gab Barnhöft zu bedenken. Rieder wurde ungeduldig. Er schaute sich nach Damp um. Der saß völlig erschöpft etwas abseits. Sein massiger Körper pumpte noch immer heftig. Das Gesicht war tiefrot gefärbt. Die Uniformbluse klebte ihm klatschnass am Körper. Rieder machte sich Sorgen um seinen Kollegen. „Alles okay?“

Damp winkte nur ab. Dann stieß er hervor: „Küstenwacht anfordern! Die haben so einen Hubschrauber mit Winde.“

„Genau“, sagte Barnhöft und wählte auch schon die Nummer der Einsatzzentrale.

Müselbeck trat an Rieder heran und zog ihn am Ärmel etwas zur Seite. „Ich denke, wir wissen beide, wer dort liegt“, flüsterte er dem Polizisten zu. „Pfarrer Schneider trug vorgestern so eine rote Wetterjacke. Ich habe ihn getroffen, als er auf dem Weg zu seinem Boot im Seglerhafen von Vitte war.“

Rieder nickte. „Ich denke auch, dass es Schneider ist.“ Nach ­einer kurzen Pause fragte er den Arzt: „Kann er den Sturz überlebt haben?“

Müselbeck schüttelte den Kopf. „Das sind gute fünfzehn bis zwanzig Meter. Und jetzt im Sommer ist die Kreide trocken und damit hart wie Beton. Er müsste schon viel Glück gehabt haben. Und es gibt keine Regung, kein Lebenszeichen.“

Barnhöft verkündete, dass die Küstenwacht sofort ihren in Warnemünde stationierten Helikopter nach Hiddensee losschicken würde.

Kaum zwanzig Minuten später erfüllte ein Brummen die Luft. Von der Ostsee näherte sich ein Hubschrauber. Am Heck prangte der Schriftzug „Bundespolizei“. Barnhöft dirigierte per Funk den Piloten zu der Fundstelle. Ein Notarzt ließ sich an einer Winde langsam herab in die Tiefe, untersuchte dann die leblose Person und teilte mit, es handele sich um eine tote männliche Person. Die Polizisten müssten entscheiden, ob sie den Leichnam gleich nach Rostock fliegen oder ob der Hubschrauber kurz landen sollte, um sich den Toten anzusehen.

„Kurz landen“, befahl Rieder.

Die Besatzung hatte den Toten schon in einem Leichensack verstaut.

„Kein schöner Anblick“, meinte der Pilot. Der Notarzt und ein Sanitäter öffneten den Reißverschluss des Leichensacks. Schon an den hellbraunen, dünnen Haarsträhnen erkannte Rieder den Pfarrer. Die hohe Stirn war voller Schrammen, die Gläser der Brille waren zersplittert. Der Anblick der Wangen ließ alle erschaudern, sie waren blutig und voller Löcher. Müselbeck schluckte und ging ein Stück zur Seite. „Vogelfraß. Möwen fressen, was sie kriegen können“, bemerkte der Sanitäter trocken.

„Können Sie etwas zur Todesursache sagen?“ Kopfschütteln. „Schussverletzungen?“

„Nein, habe ich nicht entdeckt. Am Hinterkopf hat er eine Wunde, kann aber eher durch den Aufprall auf den Felsen passiert sein“, sagte der Mann im olivgrünen Overall. „Näheres muss der Pathologe herausfinden.“

„Wir sollten ihn nach Greifswald bringen“, mischte sich der Pilot ein. „Das ist wohl deren Revier hier. Die melden sich dann bei Ihnen. Können Sie uns was über die Identität des Toten sagen?“

„Es ist der hiesige Pfarrer, Jens-Uwe Schneider.“

„Und wie heißt der Fundort da oben an der Steilküste?“

Rieder zuckte mit den Schultern.

„Toter Kerl“, sagte Damp.

XI

So was habe ich schon geahnt“, erwiderte Bökemüller auf Rieders neueste Mitteilung. „Die Einsatzzentrale hat mich auch gleich informiert, nachdem diese Frau den Fund gemeldet hatte. Ich komme zur Insel. Ich muss sowieso mit Ihnen sprechen. Können Sie da irgendwo einen Raum mieten für ein Meeting.“

„Im Rathaus gibt es dafür nichts Passendes. Vielleicht im ‚Godewind‘?“ Das „Godewind“ war ein Hotel im Zentrum von Vitte.

Bökemüller war einverstanden. Er wollte gegen Mittag auf der Insel sein. Behm von der Spurensicherung würde mitkommen. Zuerst wollten sie sich den Fundort an der Steilküste ansehen und dann ins „Godewind“ fahren, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

„Das wird einen ganz schönen Aufruhr geben. Ich muss das Ministerium in Schwerin umgehend informieren und natürlich die hiesige Kirchenleitung“, sprach der Polizeichef von Stralsund mehr zu sich als zu Rieder ins Telefon. „Wie wird man es auf der Insel aufnehmen?“

„Keine Ahnung“, meinte Rieder. „Ich bin zu kurz auf Hiddensee, um zu wissen, welche Rolle der Pfarrer hier gespielt hat.“ Gleichzeitig fiel ihm ein, er müsste so schnell wie möglich auch Bürgermeister Durk von den neuen Entwicklungen in Kenntnis setzen. Der war äußerst empfindlich, wenn man ihn überging oder nicht sofort über Vorkommnisse auf der Insel informierte.

„Ich rede mal mit dem Bürgermeister.“

Damp stand etwas abseits, hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt. Rieder, der sich noch einmal die Abbruchkante der Steilküste in der Nähe der Fundstelle angesehen hatte, ging zu ihm. „Könnten Sie einen Raum im ‚Godewind‘ besorgen. Bökemüller will dort gegen Mittag eine Einsatzbesprechung abhalten.“

Damp drehte langsam den Kopf in Rieders Richtung. Er schaute ihn lange an. „Wieso? Sie legen sich doch so mächtig ins Zeug? Dann können Sie das doch auch selbst machen.“ Damit drehte er sich um und schlenderte davon, als ginge ihn das hier nichts an. Rieder eilte ihm hinterher. „Damp, was soll das?“

Der Inselpolizist blieb stehen. „Was das soll? Überlegen Sie mal? Sie haben sich den Fall auf Ihre Seite des Schreibtischs gezogen. Also bitte … ich muss hier nicht den Kommissar spielen.“

Ging das wieder von vorne los, dachte Rieder wütend. Schon beim letzten Fall hatten sich die beiden Hiddenseer Polizisten ständig in die Haare gekriegt.

„Okay, ich bin vielleicht etwas vorgeprescht“, räumte Rieder ein, „aber … Sie haben mich immerhin gestern hierher geschickt, wenn Sie sich erinnern.“

Damp zeigte wütend mit dem Finger auf Rieder. „Sie spielen hier den Chef. Aber: Sie sind nicht der Chef, jedenfalls nicht mein Chef, und ich bin nicht Ihr Fahrer oder Befehlsempfänger. Also suchen Sie sich die Nummer vom ‚Godewind‘ raus und bestellen Sie Ihren Tisch zum Kuscheln mit dem Chef gefällig selbst.“ Damit ließ er Rieder stehen und lief den Pfad zurück zu der Stelle, wo der Polizeiwagen stand. Dabei stieß er fast mit einem gleichgroßen dunkelhaarigen Mann mit Vollbart zusammen. „Damp!“, brüllte dieser den Polizisten an. „Warum werde ich nicht informiert?“ Das war Michael Durk, Bürgermeister von Hiddensee. Rieder konnte beobachten, wie Damp zur Salzsäule erstarrte und irgendetwas stammelte. Dabei zeigte er mit seinem Arm in Richtung Rieder. Durk schob Damp beiseite, sodass der riesige Körper des Polizisten fast ins Gestrüpp gekippt wäre. Der Bürgermeister stürmte den Weg nach oben und rief nun nach Rieder. Die umstehenden Feuerwehrleute konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen, denn alle wussten um das angespannte Verhältnis zwischen den Inselpolizisten und der Inselobrigkeit. Rieder war ihm unheimlich mit seiner Vergangenheit als Ermittler einer Berliner Mordkommission. Damp störte ihn mit seiner penetranten Ordnungsliebe.

„Warum erfahre ich als Letzter, was passiert ist?“, fuhr Durk Rieder an. Der wollte sich rechtfertigen, aber der Bürgermeister schnitt ihm das Wort ab. „Alle da unten“, damit deutete er auf die Ansammlung an den Leuchtturmwärterhäusern, „wissen, dass der Pfarrer tot aufgefunden wurde. Nur ich weiß es nicht!“

„Tut mir leid“, versuchte Rieder sich zu rechtfertigen, „aber wir mussten erst mal die Leiche bergen und …“

„Und was? Wie lange hat der Hubschrauber hierher gebraucht? Da war nicht Zeit, mal anzurufen?“ Durk holte noch mal tief Luft. „Das hat ein Nachspiel, Rieder, verlassen Sie sich drauf!“

Mit diesen Worten drehte sich Durk um und marschierte zurück. Damp hatte nicht ohne Genugtuung beobachtet, wie der Bürgermeister seinen Kollegen vor allen Leuten runtergemacht hatte. Nun sprang er zur Seite, um den immer noch wütenden Ortsvorsteher vorbeizulassen. Rieder blieb mit gebeugtem Kopf und zusammengesunkenem Oberkörper einsam zurück. Alle schienen von ihm abzurücken.

Else Bars schnappte sich ihren Rucksack mit den Malsachen. Heute würde hier kein Bild mehr entstehen. Ihr zitterten immer noch die Knie. Der jüngere der beiden Polizisten tat ihr leid. Offensichtlich war er nicht von hier und konnte es auch keinem recht machen. Ihr hatte es gefallen, wie er gleich die Initiative an sich gerissen hatte. Jetzt kam er auf sie zu.

„Ich müsste noch Ihre Aussage notieren und Sie bitten, heute Nachmittag oder morgen aufs Revier nach Vitte zu kommen, um sie zu unterschreiben. Wie war Ihr Name?“

Else Bars nannte ihren Namen, ihr Geburtsdatum. Schwieriger wurde es mit einer Adresse. Sie versuchte, Rieder mit ihrer Urlaubsanschrift auf Hiddensee und ihrer Handynummer zufriedenzustellen, denn Else Bars hatte keinen festen Wohnsitz. Im Sommer war sie auf Hiddensee, im Winter auf den Kanaren. Ihre Habe passte in einen großen Reisekoffer, ihr Arbeitsmaterial in den Rucksack. Was sie an Bildern auf der Insel nicht verkaufte, konnte sie bei Bröges unterstellen, die auch hin und wieder während ihrer Abwesenheit eines ihrer Bilder an Urlaubsgäste verkauften.

„Keinen festen Wohnsitz?“, fragte Rieder leise.

„Hat sich so ergeben“, antwortete Else Bars. „Im Sommer bin ich hier, im Winter auf La Palma. Eine Wohnung würde sowieso nur leer stehen und Kosten verursachen.“

„Okay, dann lassen wir es mal bei der Anschrift in Grieben.“

Ein Lächeln ging über ihr Gesicht. „Danke. Das hätte Damp sicher nicht akzeptiert. Der ist mir schon ein paarmal wegen einer Gewerbegenehmigung auf die Pelle gerückt. Aber Sie sind schwer in Ordnung.“

Rieder konnte diese kleine Aufmunterung gebrauchen. Er notierte, wie sie zum Swantiberg gekommen war und den Toten entdeckt hatte.

„Und gestern haben Sie hier auch gemalt? Da ist Ihnen nichts aufgefallen?“

„Gestern habe ich dort oben auf dem Gipfel des Swantiberges gemalt. Von da kann man nicht die Steilküste herabblicken. Die Sanddornbüsche mit ihren gelben Beeren wollte ich mit auf dem Bild haben.“

„Wie lang waren Sie hier?“

„So von acht Uhr morgens bis mittags. Genau kann ich Ihnen das nicht sagen. Wenn ich fertig bin und das Bild trocken, packe ich meine Sachen. Spätestens 14 Uhr muss ich in Kloster stehen. Dann kommen die Reisegruppen zurück von ihren Inselrundfahrten. Das ist die beste Geschäftszeit, so bis 16.30 Uhr. Dann herrscht Flaute. Nur freitags läuft dann noch was. Die Urlauber, die am nächsten Tag abreisen, kaufen oft Bilder auf der Suche nach einem Souvenir der Insel. Sozusagen Last Minute, wie man neudeutsch sagt.“

„Und der Pfarrer ist während dieser Zeit am Vormittag nicht vorbeigekommen …“

„… und dann abgestürzt oder in die Tiefe gesprungen, ohne dass ich es gemerkt hätte? Lieber Mann, ich bin zwar etwas älter, aber noch nicht taub oder blind. Hier war es sehr ruhig. Montags kommen nicht so viele Touristen vorbei. Vielen ist der Weg bis auf den Berg zu beschwerlich. Und die Fuhrwerke fahren nur bis zur Lichtung hinter den Leuchtturmwärterhäuschen und drehen dort.“

„Kannten Sie den Pfarrer?“

„Ich war ein paarmal in der Kirche zum Gottesdienst. Wenn es am Sonntag geregnet hat. War kein Gewinn. Predigen konnte der nicht, kaum zu glauben, wenn man jetzt hört, was der so verfasst haben soll und dafür sogar einen Preis kriegt … Komisch nicht?“

Rieder wusste nicht, was er darauf antworten sollte und überspielte seine Verlegenheit, indem er sein Notizbuch zusammenklappte und eine Visitenkarte aus der Brieftasche zog. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich doch bitte an.“

Jetzt musste er im „Godewind“ anrufen, um den Raum für Bökemüller zu reservieren, und dann dafür sorgen, dass im Pfarrhaus die Zimmer versiegelt wurden. Damp war nirgendwo zu sehen.

Diesen plagte ein wenig das schlechte Gewissen. Vielleicht war er etwas zu hart mit Rieder umgesprungen. Warum musste der Neue auch immer so den Chef raushängen lassen?

Der Polizist saß im Hiddenseer Streifenwagen, der neben dem Inselfriedhof vor der örtlichen Informationstafel, genau gegenüber vom Pfarrhaus stand. Vielleicht war es auch nicht in Ordnung gewesen, so einfach von der Steilküste hierher zu fahren, ohne Rieder Bescheid zu sagen. Aber er wollte ihm einfach mal zeigen, dass er auch sein Handwerk gelernt hatte. Er versuchte, seine Kleidung zu ordnen. Seine Uniform hatte bei der Hetzerei durch das Gestrüpp am Steilufer gelitten. Er roch an seinen Achselhöhlen und verzog das Gesicht. Damp öffnete das Handschuhfach. Nach einigem Wühlen kam ein Deospray zum Vorschein. Großzügig sprühte er sich damit den Oberkörper ein und bekam von den ausströmenden Gasen einen Hustenanfall. Er kurbelte das Seitenfenster herunter, um wieder Luft zu bekommen.

Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, stieg er aus, setzte ordentlich die Dienstmütze auf den Kopf und ging zum Pfarrhaus. Er drückte den Klingelknopf neben der Tür.

Birgit Thurow öffnete. Ihre Augen waren gerötet. Sie trug heute einen eng anliegenden kurzärmligen schwarzen Rollkragenpullover und Damps Blick glitt unwillkürlich auf den sich abzeichnenden vollen Busen. Doch er riss sich zusammen.

Ehe er etwas sagen konnte, sagte die Küsterin: „Ich habe es schon gehört.“ Dann gab sie den Weg frei und Damp trat ein.

Das dunkle Gemeindebüro wurde nur vom Schein einer riesigen brennenden Kerze auf dem Schreibtisch erhellt. Birgit Thurow blieb davor stehen. Damp wusste nicht so recht, wie er es anfangen sollte.

„Frau Thurow …“ Er machte eine Pause, bemerkte, dass er noch die Mütze auf dem Kopf hatte, und riss sie augenblicklich herunter. „Eh … es tut mir leid. Mein Beileid. .Ich müsste die Räume des Pfarrhauses versiegeln.“

Sie schaute ihn mit leerem Blick an, als hätte sie ihn nicht verstanden.

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Der Tod von Herrn Schneider geht auch mir nah … aber die Spurensicherung will die Räume untersuchen, auch die Zimmer des Pfarrers in der oberen Etage.“

Statt zu antworten, brach Birgit Thurow in einen heftigen Weinkrampf aus. Sie warf sich auf einen Stuhl. Damp war hin und her gerissen. Gern hätte er die Frau jetzt getröstet. Er wollte aber auch nicht seine Rolle als Polizeibeamter verlassen.

„Soll ich Ihren Mann informieren, dass er Sie abholt?“

Birgit Thurow schüttelte den Kopf. Da klingelte Damps Handy. Mit gedämpfter Stimme meldete er sich. „Wo sind Sie?“, rief ihm Rieder aus dem Hörer entgegen.

„Im Pfarrhaus.“

„Was? Was tun Sie dort?“

Damp straffte sich etwas, als müsste er sich für die Antwort an seinen Kollegen rüsten. Er flüsterte: „Ich wollte die Räumlichkeiten versiegeln, damit keine Spuren verwischt werden.“

Im Hörer herrschte plötzlich Stille. Dann gab es ein kurzes Räuspern.

„Sehr gut … Können Sie bitte Bökemüller und Behm vom Hafen in Kloster abholen und hierher bringen, zum Toten Kerl?“

Damp konnte sich, trotz der Situation, ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. „Ja, gern. Wenn ich das hier geklärt habe.“

„Okay.“

Damit beendeten beide das Gespräch.

Birgt Thurow war aufgestanden und hatte einige Unterlagen auf dem Schreibtisch zusammengesammelt. „Ich werde am besten erst mal mit dem Gemeindebüro in die Galerie am Torbogen umziehen.“ Die Galerie am Torbogen war früher das Küsterhaus der Hiddenseer Kirchengemeinde gewesen, aber vor einigen Jahren umgebaut worden. Der Name bezog sich auf ein kleines Backsteinportal, das gleich neben dem Gebäude am Weißen Weg stand und die letzte Spur des einstigen Klosters auf Hiddensee war. Im Erdgeschoss befanden sich Ausstellungsräume, im Obergeschoss ein Zimmer, das sowohl als Beratungsraum, Büro oder Bleibe für die ausstellenden Künstler diente.

Damp nickte zustimmend. Als Birgit Thurow die Unterlagen in die Tasche schieben wollte, hielt der Polizist seine Hand dazwischen. „Verzeihen Sie, aber ich muss sehen, was Sie mitnehmen.“ Die Küsterin überließ sie ihm. Damp schaute sie kurz durch, konnte aber nichts entdecken, was mit Schneider zu tun gehabt hätte.

„Sagen Sie, kennen Sie die Angehörigen des Pfarrers?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Seine Eltern sind tot. Sie liegen auf dem Inselfriedhof. Geschwister hatte er keine. Und sonst hatte er, soweit ich weiß, keinen Kontakt zu Verwandten. Wenn es überhaupt jemanden geben sollte.“

Damp notierte sich die Information, während Birgit Thurow noch ein Hinweisschild schrieb, das sie beim Verlassen des Pfarrhauses an die Tür heftete. Damp holte ein papiernes Dienstsiegel aus seiner Tasche und klebte es quer über Türschloss und Türrahmen. Grußlos ging Birgit Thurow davon. Damp blickte ihr nicht ohne Wehmut hinterher.

XII

Bökemüller, Behm, Rieder und Damp betraten das „Godewind“. Das Hotel mit dem gläsernen Vorbau galt in Vitte mit seinem Restaurant als erstes Haus am Platze. Der Gastraum war rustikal eingerichtet, mit dunklen Tischen und Stühlen. Jetzt, zu Mittag, saßen die meisten Gäste draußen, auf dem kleinen Rasenstück zur Straße und genossen ihr Essen in der warmen Mittagssonne. Beim Betreten des Restaurants waren Rieder zwei Herren aufgefallen, die so gar nicht nach Hiddensee passten. Sie trugen dunkle Anzüge mit weißen Hemden und Krawatte. Die beiden waren gerade beim Mittagessen. Rieder hatte beobachtet, dass Bökemüller ihnen kurz zugenickt hatte. Die Kellnerin zeigte den Polizisten den Weg in einen Nebenraum. Der war hell und fast schon festlich zu nennen. Auf den Tischen lagen weiße Tischdecken, die Polsterstühle waren mit feinem Stoff bespannt. Rieder wusste, dass dieser Raum oft an Hochzeitsgesellschaften vermietet wurde. Die Kellnerin zeigte auf einen großen runden Tisch, eingedeckt mit Gläsern, Besteck und Tellern für eine Vorspeise.

„Ich dachte eher an einen schlichten Beratungsraum“, meldete sich Bökemüller.

Doch es gab nur diesen Raum. Die vier Polizisten nahmen um den Tisch Platz und wirkten dabei etwas verloren. Da kamen auch die beiden Herren aus dem Gastraum dazu. Bökemüller sprang auf. „Darf ich Ihnen vorstellen, Dr. Riel und Herr Kubicki vom Innenministerium in Schwerin. Dr. Riel leitet dort ein Referat, das sich mit Terrorismusbekämpfung im weitesten Sinne beschäftigt. Herr Kubicki ist sein persönlicher Referent.“ Die beiden Herren griffen simultan in die Brusttaschen ihrer Anzugjacken, holten Visitenkarten heraus und reichten sie Rieder und Damp. Rieder blickte erstaunt auf die weißen Pappkärtchen. Dr. Sebastian Riel, Referatsleiter Innenministerium. Markus Kubicki, Referent. Dazu eine ganze Reihe von Telefonnummern. Die Herren schienen wichtig zu sein. Aber hatte Bökemüller den Fall nicht vorerst unter der Decke halten wollen? Damp wirkte verunsichert, nachdem er die Kärtchen studiert und eingesteckt hatte. Er versuchte, seine Uniform, möglichst unbemerkt von den anderen, in Ordnung und mit seinem massigen Körper in Einklang zu bringen. Behm schien dagegen schon mehr zu wissen als die beiden Inselpolizisten, denn er nickte den beiden Landesbeamten freundlich zu und bekam auch keine Visitenkarten.

„Meine Herren“, begann Bökemüller, als sich alle wieder gesetzt hatten, „ich begrüße Sie zu diesem kleinen Brainstorming.“ Er hatte Rieders und Damps verwunderte Blicke registriert. „Keine Bange. Ich werde die Anwesenheit von Dr. Riel und Herrn Kubicki gleich aufklären, aber vielleicht fasst Kollege Rieder kurz den Stand der Dinge zusammen, damit wir alle auf der Höhe sind.“

Rieder erntete von Damp noch einen verächtlichen Blick, bevor er begann. Dann berichtete er über die Erkenntnisse, die Damp, Behm und er seit dem Auffinden des gestrandeten Boots des Pfarrers am Enddorn bis zum Fund seiner Leiche am Toten Kerl gesammelt hatten. Riel und Kubicki folgten stumm den Ausführungen und machten sich Notizen.

Nachdem Rieder geendet hatte, herrschte Stille am Tisch. Dann schaute Dr. Riel auf, schlug kurz mit beiden Händen auf die Tischkante und meinte: „Gut so weit, oder auch nicht.“ Das war das Zeichen für Referent Kubicki. Der stand auf, hob einen schwarzen Pilotenkoffer auf den Tisch. Geräuschvoll ließ er die Schlösser aufschnappen, klappte die beiden Deckel zur Seite, zog eine schwarze Mappe heraus und legte sie mitten auf den Tisch. Dann setzte er sich wieder.

„Gestern Nachmittag gab es einen Zugriffsversuch auf die Daten einer besonders geschützten Person von einem Computer des Polizeireviers der Insel Hiddensee“, erklärte Riel. Er zog sich die Mappe heran, klappte sie auf und nahm ein paar Papiere heraus. Dann setzte er seinen Vortrag in schönem Amtsdeutsch fort. „Wie wir feststellen mussten, versuchten sowohl die Beamten Damp als auch Rieder, in die personenbezogenen Dateien des Bürgers Jens-Uwe Schneider einzudringen. Unser Überwachungssystem im Landeskriminalamt gab daraufhin Alarm. Nach der Identifizierung der beiden Nutzer nahmen wir Kontakt zum Leiter der Polizeidirektion Stralsund, Herrn Bökemüller, auf und baten ihn, uns gegenüber diese Zugriffsversuche zu rechtfertigen …“ Da platzte Rieder der Kragen. Diese Bürohengste hatte er schon zu seiner Berliner Zeit gefressen. Schon ihr Auftauchen sorgte bei ihm für einen deutlichen Adrenalinschub. „Was soll das heißen, eindringen, rechtfertigen … wir hatten eine vermisste Person …“ Bökemüller versuchte mit Handbewegungen, Rieder zu beruhigen. Riel hatte den Polizisten mit starrem Blick fixiert. „Vielleicht könnte Hauptkommissar Rieder etwas mehr Geduld aufbringen“, meinte er mit ruhiger Stimme. Damp hatte die Arme vor der mächtigen Brust verschränkt, Behm spielte mit seinem Bleistift und versuchte wegzuschauen.

„Kann ich fortfahren?“ Als kein Widerspruch erfolgte, berichtete Riel, dass er in diesem Telefongespräch von Bökemüller erfahren habe, dass Pfarrer Jens-Uwe Schneider verschwunden sei. „Es ist Ihnen doch sicher klar, dass uns das nicht ganz kaltlassen kann. Immerhin war unser Minister persönlich am Sonntag hier, bei der Preisverleihung für Herrn Schneider alias Jean Jacques Hoffstede.“ Riel und Kubicki waren deshalb am Morgen nach Stralsund gefahren, um sich bei Bökemüller über die Situation zu informieren. „Tja, doch dann wurden wir von den Ereignissen überrollt, meine Herren.“ Sie waren gerade in der Polizeidirektion angekommen, als Bökemüller und Behm nach Hiddensee aufbrechen wollten, um den Fundort der Leiche Schneiders aufzusuchen, und entschlossen sich, auch gleich nach Hiddensee zu fahren. „Warum stand Jens-Uwe Schneider unter unserem besonderen Schutz?“ Riel schaute wie ein Schullehrer nacheinander jeden am Tisch an, als erwarte er von ihnen eine Antwort, die er dann aber selbst gab. „Jens-Uwe Schneider, geboren 1955 in Hessisch-Oldendorf bei Hameln, Vater Pfarrer, Mutter Hausfrau, ist 1981 von, wie heißt es hier im Osten noch immer so schön, von der BRD in die DDR übergesiedelt. Zuvor hatte er an den Vorbereitungen eines Banküberfalls durch Angehörige der Roten Armee Fraktion und Unterstützer dieser Gruppe teilgenommen. Kurz vor der Tat hat er sich den Behörden offenbart, man könnte auch sagen, er hat kalte Füße bekommen. Jedenfalls hat er mitgeholfen, seine beiden Komplizen, darunter einen lang gesuchten Terroristen, auf frischer Tat zu überführen. Leider kam es bei dem Überfall, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, zu einem Schusswechsel, bei dem ein Polizist so schwer verletzt wurde, dass er später im Krankenhaus starb. Schneider wurde zwar Straffreiheit zugesichert, aber er wurde nicht in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Er ist deshalb dann in die DDR gegangen. Das erschien ihm offensichtlich der sicherste Weg, um einer möglichen Racheaktion zu entgehen. Seit 1985, aber das wissen Sie ja alle selbst, war Schneider hier Pfarrer.“

Rieder, Damp und nun auch Behm waren sprachlos. Bökemüller dagegen wirkte wenig überrascht. „Sie wussten das“, fragte ihn Rieder.

„Seit gestern Abend.“

„Aber da hätten Sie doch mal …“

„Hätte er nicht“, mischte sich Riel ein. „Ich habe ihren Chef um Stillschweigen gebeten, und darum muss ich Sie alle nun auch bitten.

„For eyes only“, bemerkte vielleicht etwas unpassend Bökemüller.

Da meldete sich Behm. „Das hätte doch ganz schön schiefgehen können, denn einige RAF-Leute waren doch in der DDR?“

„Es war Schneiders Entscheidung und, auch wenn das von vielen in Zweifel gezogen wird, damals wusste man im Westen und also wohl auch Schneider noch nicht, dass sich viele RAF-Aussteiger in der DDR aufhielten.“

„Und die DDR hat ohne zu fragen Schneider Tür und Tor geöffnet“, warf Rieder ein. „Das glauben Sie doch selbst nicht, oder? Die Staatssicherheit wird ihn doch überprüft haben?“

„Darüber kann ich nichts sagen“, erklärte Riel. „Jedenfalls wurden durch das Landesinnenministerium nie Recherchen bei der Stasiunterlagenbehörde über Schneider angestellt.“

„Und das soll ich Ihnen glauben?“, bohrte Rieder weiter. „Seine Vergangenheit ist Ihnen bekannt, der Minister kommt zu seiner Preisverleihung und Sie wollen nicht nachgefragt haben, ob Schneider nicht ein paar Leichen im Keller hatte, vielleicht sogar Zuträger der Staatssicherheit gewesen war?“ Doch er erntete nur ein vielsagendes Schweigen der beiden Beamten.

„Aber wieso stand Schneider unter Ihrem Schutz? Und warum waren seine Daten nicht zugänglich? Ich denke, er fiel nicht unter das Zeugenschutzprogramm?“, fragte Behm.

„Schneider wandte sich nach der Enttarnung der RAF-Aussteiger in der damaligen DDR an die Behörden in Niedersachsen. Da sein Wohnsitz nun in Mecklenburg war, wurde die Angelegenheit an uns weitergeleitet. Es gab ein Gespräch Schneiders mit dem damaligen Referatsleiter. Er bat ihn um einen gewissen Schutz, vielleicht auch um Unterstützung, das Land zu verlassen. Versprochen wurde ihm aber nur, seine Daten vor fremdem Zugriff zu schützen.“

„… und uns dann zu kümmern, wenn es wirklich mal Probleme geben sollte“, ergänzte Kubicki.

„Hat er Sie denn nochmals um Ihre Hilfe gebeten?“, fragte Rieder nach. „Vielleicht in der letzten Zeit.“ Er dachte dabei an den anonymen Brief mit dem Bibelzitat, das auf den Verrat Schneiders hinweisen könnte.

„Hat er nicht“, antwortete Riel. „Außerdem hatte er sich äußerlich so verändert, dass kaum noch eine Ähnlichkeit mit Bildern aus seiner Studentenzeit zu erkennen war.“

Zum Beweis zog Kubicki diensteifrig Fotos aus der Mappe und reichte sie herum. „Das sind Bilder von Schneider aus den späten Siebziger-, frühen Achtzigerjahren.“

„Und auch seine Legende, dass er in Lateinamerika aufwuchs, war gut. Seine Eltern sind tot. Es gibt keine Verwandten. Wenn da einer graben würde, wäre wenig zu finden“, fügte Riel hinzu.

Die Polizisten beugten sich über die Bilder. Der Mann darauf schien keine Ähnlichkeit mit Schneider zu haben. Volles langes Haar, das sich in Locken bis auf die Schultern wellte. Vollbart. Der Mann war nicht dick, aber schon etwas übergewichtig. Kein Vergleich mit dem schmalen, hageren Schneider, den Rieder kennengelernt hatte.

„Das wäre alles, was wir Ihnen zu sagen haben“, meinte Riel und Kubicki schlug die Mappe zu.

Rieder zweifelte weiter. „Und das haben Sie alles gestern Nachmittag recherchiert? Zufällig lag auch die Akte Schneider obenauf im Archiv des Ministeriums. Sie mussten nur hingehen und zugreifen.“

„Herr Rieder, ich kann Ihnen nicht vorschreiben, was Sie denken“, erklärte Riel, „ich kann Ihnen nur Informationen geben.“

„Tja, meine Herren“, mischte sich Bökemüller ein, der einen Streit zwischen Rieder und den Beamten befürchtete, „vielleicht ergeben sich damit für uns ein paar Ermittlungsansätze.“

„Für uns?“, fragte Behm ungläubig. „Das ist doch wohl eher ein Fall für das LKA oder BKA.“

Bökemüller gestikulierte sofort mit den Händen, als wollte er den Chef der Stralsunder Spurensicherung bitten, leiser zu reden. Doch bevor er etwas sagen konnte, erklärte Riel: „Wir wären weiter sehr daran interessiert, die Angelegenheit um Schneiders Vergangenheit nicht an die große Glocke zu hängen. Sie können uns sicher verstehen, da bleibt, wenn es bekannt werden würde, immer etwas hängen.“

„Deshalb haben wir“, Bökemüller bezog mit einer Handbewegung Riel und Kubicki mit ein, „natürlich nicht ohne Rücksprache mit dem Minister entschieden, dass nur eine kleine Ermittlungsgruppe den Tod von Pfarrer Schneider untersuchen sollte. Denn wenn jetzt hier auf der Insel ein Haufen LKA-Beamte anrücken, Fragen stellen und Staub aufwirbeln, können schnell Dinge an die Oberfläche kommen …“

„… die die beiden Herren lieber weiter vertuschen wollen“, ergänzte Rieder.

„Ich wüsste nicht, was es zu vertuschen gäbe“, widersprach ­Kubicki aufgeregt.

„Mensch Rieder“, echauffierte sich dessen Chef nun doch lautstark, „seien Sie doch nicht naiv!“ Sofort senkte er wieder die Stimme. „Außerdem ist es noch gar nicht geklärt, ob Schneider einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist oder nur durch einen tragischen Unfall zu Tode kam.“

„Da sprechen aber der anonyme Brief und die beiden frischen Einschüsse in sein Boot eine andere Sprache“, unterstützte nun Behm die Einwände seines Kollegen von der Insel. „Das riecht doch alles, wenn ich den Inhalt des Briefes richtig deute, sehr nach Rache seiner alten Kumpane. Die werden doch nicht mehr hinter Schloss und Riegel sitzen, über ein Vierteljahrhundert nach diesem ominösen Banküberfall?“

Riel zuckte mit den Schultern. „Das müssen Sie herausfinden.“

„Ich möchte jedenfalls, dass eine kleine Ermittlungsgruppe erst mal die Fakten sammelt“, beharrte Bökemüller. „Sie drei, Rieder, Damp und Behm, werden an dem Fall arbeiten. Gebauer mit seinem Boot und seiner Mannschaft überlasse ich Ihnen zur logistischen Unterstützung. Neue Informationen nur an mich, face to face.“ Bökemüllers Ton ließ eigentlich keinen Widerspruch zu. Überraschend kam er von Damp, der zuletzt mit halb gesenkten Lidern und vor der Brust verschränkten Armen dem Bericht der Herren vom Ministerium und den Anweisungen seines Chefs zugehört hatte. „Ich bin nicht zuständig für die Jagd auf Terroristen, und darum könnte es doch gehen, oder?“ Alle drehten sich zu ihm um. Im gleichen Moment stand Damp auf, zwängte sich um den Tisch, verließ den Raum und knallte die Tür hinter sich zu. Bökemüller blickte dem Inselpolizisten mit offenem Mund hinterher.

XIII

Rieder stürmte ins Büro des Hiddenseer Polizeireviers. Er stürzte an seinen Schreibtisch. Behm folgte ihm in ­einigem Abstand. Der Polizist durchwühlte die Papiere. „Irgendwo sind die mir doch untergekommen“, brabbelte er vor sich hin. Damp schaute von der Zeitung auf, die vor ihm lag. „Kann ich helfen?“

Rieder hielt kurz inne. „Ich suche die Bußgeldanzeige für das illegale Anlegen am alten Fähranleger in Kloster vom Wochenende.“

Damp schaute etwas verdutzt. „Was ist denn jetzt passiert? Ist die Großwildjagd wieder abgeblasen?“

Dann drehte er sich um und zog aus dem Regal den Ordner mit den Bußgeldbescheiden und reichte ihn Rieder. Da ihn sein Kollege nicht aufklärte, bemerkte er trocken: „Na ja, muss ich auch nicht verstehen. Der Bescheid ist übrigens schon auf dem Weg. Der Besitzer darf sich bald über eine Zahlung an das Ordnungsamt Rügen in Höhe von dreißig Euro freuen. Letzte Seite.“

Rieder schlug die Kladde auf. „Wusste ich es doch“, rief er aus, „die Namen hatte ich schon gehört!“ Er warf den Hefter auf den Tisch und riss einen kleinen weißen Zettel ab, um sich darauf die Namen und Adresse aus dem Bußgeldbescheid zu notieren.

„Welche Namen haben Sie schon gehört?“, unternahm Damp einen erneuten Versuch, von Rieder zu erfahren, was eigentlich los sei.

„Ach so, Sie sind ja früher gegangen. Die beiden Staatsdiener haben noch die Namen der Komplizen von Schneider bei dem Banküberfall verraten. Und die kamen mir bekannt vor. Andreas­ Neuner und Ralf Kelling. Und …“, Rieder machte eine Kunstpause, „Bingo! Ralf Kelling habe ich als Bootsführer am Samstag diesen Bußgeldbescheid ausgestellt, weil er illegal an dem alten Fähranleger in Kloster mit seinem Zeesenboot festgemacht hatte. Und seinen Begleiter, Herrn Neuner, habe ich notiert, weil er gleich etwas aufdrehte, als ich die beiden bat, dort wieder abzulegen und sich einen Platz im Seglerhafen zu suchen. Das kann kein Zufall sein!“

Das konnte wirklich kein Zufall sein, dachte sich Rieder, als er die Adresse der beiden Männer las. Sie wohnten zusammen in Prerow auf dem Darß, also ganz in der Nähe von Hiddensee. Das sollten Riel und Kubicki nicht gewusst haben? Was wurde hier gespielt?

Für Damp war Rieders plötzliches Schweigen ein weiteres Anzeichen dafür, ihn auszugrenzen.

„Na, dann ist der Fall ja so gut wie gelöst“, meinte er eingeschnappt, stand auf und setzte seine Dienstmütze auf. „Ich geh’ dann mal auf Streife an den Strand. Muss ja auch noch gemacht werden.“ Damit drängte er sich an Behm und Rieder vorbei zur Tür. Als er schon draußen war, drehte er sich noch einmal um. „Übrigens, die Schlüssel vom Pfarrhaus liegen im Tresor. Frau Thurow, die Küsterin, ist in der Galerie am Torbogen in Kloster zu erreichen.“ Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Behm stieß heftig Luft aus. „Tolle Stimmung hier.“

Rieder zuckte mit den Schultern.

„Du musst mit ihm reden!“

„Warum?“, fragte Rieder.

„Weil wir ihn brauchen. Oder wie soll das hier funktionieren mit den Ermittlungen?“

Rieder antwortete nicht.

Behm schüttelte den Kopf über Rieders Uneinsichtigkeit. „Er ist Dein Kollege. Du darfst ihn bei Bökemüller nicht gegen die Wand laufen lassen. Das wäre unfair. Kann ich den Schlüssel vom Pfarrhaus haben, damit ich mit der Durchsuchung dort beginnen kann? Vielleicht finden wir da noch was Brauchbares.“ Rieder holte den Schlüssel aus dem Tresor. Ohne Gruß verließ Behm das Revier.

Rieder lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Plötzlich überkam ihn richtige Wut. Er warf seinen Bleistift gegen die Wand.

„Scheiße!“

Damp konnte noch nicht allzu weit weg sein. Wahrscheinlich lief er am Strand in Richtung Süderende, denn Rieder konnte sich nicht vorstellen, dass es Damp in die andere Richtung nach Klos­ter trieb, wo er auf die Kollegen von der Spurensicherung aus Stralsund treffen könnte. Rieder lief den Plattenweg zum Strand, vorbei an der alten Mühle. Als er an der Strandpromenade angekommen war, entdeckte er Damp. Er saß auf einer Bank neben dem kleinen Badewärterhäuschen. Sein riesiger Körper ragte über das dichte Buschwerk der Heckenrosen mit den vielen rosa Blüten. Rieder ging zu ihm hin.

Damp schaute auf, als sein Kollege vor ihm stand. „Was gibt‘s? Haben sie den Code vom Tresor vergessen?“

Rieder verdrehte die Augen. „Mensch Damp.“ Er setzte sich zu ihm. „Was ist los?“

Damp nahm seine Mütze ab, strich sich mit dem Taschentuch über die nasse Stirn. „Was los ist? Ich habe darauf keinen Bock. Rache. Mord. Terroristen. Mir brummt der Schädel. Ihr seid alle Feuer und Flamme. Aber dafür bin ich nicht hier.“

„Aber das ist doch mal ein richtiger Fall …“

Damp drehte sich zu Rieder um. Seinen Blick konnte Rieder durch die verspiegelten Gläser der Sonnenbrille nicht sehen. „Richtiger Fall?“, fragte Damp süffisant. „Dass ich nicht lache. Haben Sie den beiden Lackaffen aus Schwerin nicht richtig zugehört? Hier soll hübsch die Vergangenheit vom lieben Herrn Pfarrer unter den Teppich gekehrt werden. Sie sind doch sonst nicht so blöd?“

Rieder musste Damp recht geben. Er hatte an der ganzen Geschichte auch seine Zweifel. Man konnte sie hier auch hübsch für die Schublade recherchieren lassen. Eines hatten Riel und Kubicki klargemacht: Sie wollten auf keinen Fall, dass etwas über die Vergangenheit von Schneider publik würde.

„Vielleicht haben Sie recht, aber trotzdem sind wir ein Team und sollten da gemeinsam durch.“

„Team? Sie behandeln mich die ganze Zeit wie Ihren Laufburschen. Sobald Bökemüller auftaucht, komme ich mir vor wie ein Idiot.“

Rieder nickte. „Da bricht bei mir immer der Kriminalbeamte durch. Verstehen Sie, es ist für mich mal eine Abwechslung …“, versuchte sich Rieder zu rechtfertigen.

„Dann hätten Sie in Berlin bleiben sollen“, konterte Damp.

„Ich dachte, darüber wären wir hinweg.“

Damp schwieg.

„Bitte, machen Sie mit bei dem Fall, Damp. Wir schaffen es doch nicht allein, Behm und ich. Sie kennen doch die Leute hier auf der Insel gut und bekommen sicher viel mehr über den Pfarrer heraus als ich oder Behm.“

Damp zog die Augenbrauen zusammen, als hätte er Rieder nicht richtig verstanden. Dann winkte er ab. „Das glauben Sie doch selbst nicht, oder? Sie wissen ganz genau und ich auch, wie mein Stand hier auf der Insel ist.“

Beide schwiegen eine Weile, bis sich Damp räusperte. „Das Einzige, was mich bewegt mitzumachen, ist die Angst vor Bökemüller“, erklärte er leise. „Er hat mich sowieso auf dem Kieker. Aber ob Sie es glauben oder nicht, ich arbeite gern auf der Insel und möchte hier auch bleiben und nicht irgendwo in einem Revier in Mecklenburg versauern. Allerdings finde ich das ganze Theater um den toten Schneider übertrieben. Wahrscheinlich ist er nur besoffen von der Klippe gefallen.“

„Und die Einschüsse? Es liegt doch irgendwie auf der Hand …“

„Schon gut. Schon gut. Ich bin dabei.“

Rieder schlug ihm erfreut auf die Schulter. „Toll und … danke.“ Er schien richtig ein bisschen gerührt.

„Da nicht für“, antwortete Damp. „Aber eins möchte ich klarstellen, ich bleibe auf der Insel und fahre hier nicht kreuz und quer über den Bodden zu irgendwelchen Verdächtigen.“

„Gut, dann übernehmen Sie die Befragung der Leute auf der Insel. Sie könnten gleich heute Nachmittag damit anfangen?“

Rieder stand auf und ging in Richtung Revier davon. Damp folgte ihm in einigem Abstand. Leise brummte er in sich hinein: „Trotzdem glaube ich nicht an den ganzen Quatsch. Terroristen auf Hiddensee? Dass ich nicht lache.“

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Release date on Litres:
26 May 2021
Volume:
321 p. 3 illustrations
ISBN:
9783954620845
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