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Tilman Thiemig

AHRENSHOOPER SPINNENWEG


Für Hans-Ulrich Weiß

Inhalt

1. Mangora acalypha

2. Eresus moravicus

3. Rhodera hypogea

4. Agelena labyrinthica

5. Hogna truculenta

6. Parafroneta pilosa

7. Devade tenella

8. Urocoras nicomedis

9. Gnaphosa taurica

10. Araneus stella

11. Olios suavis

12. Tegenaria parvula

13. Coelotes mediocris

14. Mogrus incertus

15. Pritha pallida

16. Wabasso replicatus

17. Stalagtia argus

18. Dysderina scutata

19. Odontodrassus mundulus

20. Viktorium putoranicum

21. Floronia bucculenta

22. Langona mallezi

23. Xerolycosa miniata

24. Hadites tegenarioides

25. Malthonica lusitanica

26. Iberina candida

27. Zangherella relicta

28. Bianor albobimaculatus

29. Nuctenea umbratica

30. Wadicosa fidelis

31. Eratigena picta

32. Callobius claustrarius

33. Philodromus albidus

34. Dasumia diomedea

35. Anyphaena pontica

36. Leptoneta crypticola

37. Urozelotes mysticus

38. Berinda hakani

39. Festucula vermiformis

40. Nothophantes horridus

41. Argiope aurantia

42. Pardosa amentata

Dramatis personae

Dank

Quellen

VORAB. »Ahrenshooper Spinnenweg« erzählt eine fiktive Geschichte, die an jene im »Ahrenshooper Narrenspiel« geschilderten Ereignisse anknüpft. Auch wenn das Romangeschehen die Leserschaft abermals zu zahlreichen existierenden Schauplätzen führt, sind die dort anzutreffenden zeitgenössischen Personen jedoch Gestalten meiner Fantasie und mögliche Ähnlichkeiten somit lediglich dem Zufall geschuldet. Zur besseren Orientierung habe ich im Anhang eine Übersicht dieses handelnden Personals beigefügt. Überdies finden sich eine Reihe von oft weniger bekannten Namen aus Kunst und Literatur, die meines Erachtens einer Erinnerung würdig sind. Die Kapitelüberschriften verweisen zudem auf diverse Familien, Gattungen und Arten aus der Ordnung der Webspinnen.

1. Mangora acalypha

OSTSEE-ZEITUNG 14.05.2018

Tödlicher Motorradunfall auf dem Darß

Bei einem schweren Verkehrsunfall auf der L21 zwischen Wieck und Prerow ist in den frühen Morgenstunden des vergangenen Samstags ein Motorradfahrer tödlich verunglückt.

Wieck/Prerow. Der 57-jährige Fahrer des schweren Krades war auf dem Weg von einer privaten Feier in Born zu seinem Wohnsitz in Zingst. Zwischen Wieck und Prerow muss er in der sogenannten »Ellenbogenkurve« die Kontrolle über seine Maschine verloren haben.

Eisheilige fordern Opfer

Nachdem das Motorrad mit der Leitplanke kollidiert war, wurde es durch die Luft geschleudert und infolge des Zusammenpralls mit mehreren Bäumen in zwei Teile gerissen. Der Fahrer prallte ebenfalls gegen einen größeren Baum und erlitt schwerste tödliche Verletzungen. Er starb direkt am Unfallort.

Fahrlehrer aus Zingst

Warum der erfahrene Motorsportler, der in Zingst eine eigene Fahrschule betrieb, von der Fahrbahn abkam, ist bislang ungeklärt. Allerdings herrschte in den frühen Morgenstunden auf diesem Abschnitt der L21 Straßenglätte aufgrund leichter Glatteisbildung. An den Bergungsarbeiten waren die Feuerwehren aus Wieck und Prerow sowie mehrere Rettungsfahrzeuge eingebunden. Nach ersten Angaben der Polizei war kein anderes Fahrzeug am Unfall beteiligt. Zeugenaussagen zufolge soll der Fahrlehrer während der besuchten Feier in Born keinen Alkohol getrunken haben.

Olaf Hoppe

2. Eresus moravicus

»Olaf? Olaf Hegerdorp?« Robert Aaron Zimmermann hatte länger nachdenken müssen, bis ihm der Nachname eingefallen war. Der Vorname war ihm jedoch sofort präsent. War wie ein Blitz durchs Gehirn geschossen. Hatte wie ein solcher eingeschlagen. Als er den alten Mann am Vormittag gesehen hatte. Erkannt. Olaf. Beim Wassertreten in der Therme von Bad Warmbrunn. Das heute jedoch anders hieß. Und in der Republik Polen lag. Statt im Niederschlesien seiner Kinderjahre.

Die Zimmermann beim Anblick des Alten auf einmal wieder zum Greifen nahe erschienen. Wie ein Zitronenfalter auf blassvioletter Skabiosenblüte. Seine Kinderjahre in Ahrenshoop. Zwischen Fischland und Darß, Urwald und Bodden, Ostsee und Hafenträumen. Geplatzten Träumen. Seifenblasenträumen. Die ihm schließlich die Tränen in die Augenwinkel getupft hatten. Getupft? Eher gepiekst. Gestochen. Mit spitzen Fingern, deren Nägel gefeilt. Gepfeilt. Treffsicher.

Der böseste Pfeil für ihn war Olaf gewesen. Olaf Hegerdorp. Sicherlich, auch der kleine Robert hatte 1933 mitbekommen, dass nun eine andere Zeit angebrochen war. Zu Hause in Berlin ebenso wie in den Orten der Sommerfrische. Hatte wahrgenommen, dass die Ahrenshooper Dorfstraße auf einmal Adolf-Hitler-Straße hieß. Mit kleiner Wut die Strandburgen betrachtet. Die Hakenkreuze aus Muscheln gesehen. Die Fahnen, Wimpel. In Schwarz-Weiß-Rot. Sich über die Schriftzüge geärgert: ›Trutzburg‹. ›Deutschland erwache‹. ›Heil!‹. ›Juda verrecke!‹. Mit den Blütenköpfchen disteliger Dünenblümchen in den schönen weißen Sand geschrieben.

Denn sein Vater hatte ihn beizeiten zur Seite genommen. Versucht, seinem Sohn zu erklären, was das alles zu bedeuten habe. Für Deutschland. Die Welt. Und vor allem für die Familie Zimmermann. Allerdings hatte sich Robert Aaron lieber an Großmama Ruth gehalten. Ihren Worten vertraut, wonach nichts so heiß gegessen würde, wie es gekocht sei.

Diese Hoffnung hatte für einige Zeit angehalten. Ihn getröstet. Beruhigt. Getragen. Bis zu jenem Sommertag 1935. Dem Tag des Ahrenshooper Kinderfestes. Dem Tag, an dem Olaf sein wahres Gesicht gezeigt hatte. Und ihn fallengelassen.

Die beiden Jungen waren sich zuerst drei Jahre zuvor im Atelier von Onkel Alfred begegnet. Der Kunstprofessor und Landschaftsmaler Alfred Partikel lud gerne die Freunde seiner Kinder ein, um ihnen die Welt der Farben, Formen und Fantasien nahezubringen. Olaf war Klassenkamerad und Verehrer Barbaras, der ältesten Tochter des Künstlers. Jahrgang 1922. Sowie mit Adrian befreundet. Der im August 1923 geboren worden war. Robert hingegen himmelte Nesthäkchen Cornelia an. Seine Nele. Beide hatten 1927 das Licht der Welt erblickt.

Aufgrund des Altersunterschieds kam natürlich keine wirkliche Freundschaft zwischen ihm und dem Sohn eines Fischers aus Althagen in Frage. Dafür war Olaf sein Held. Sein Idol. So wollte er damals auch werden! Spätestens, seitdem ihm Olaf aus der Bredouille geholfen hatte, als ihn die Fretwurstjungs einmal durchs Brennnesselfeld treiben wollten. Nackig! Da war er einfach nur dazwischen gegangen. Hatte dem Ältesten der Brüder eine Ohrfeige verpasst. Die Köpfe der anderen beiden zusammenkrachen lassen. Um dann den Arm um Roberts schmale Schultern zu legen, dessen Kleidungsstücke aufzuheben und gemeinsam mit ihm den Schauplatz der Schlacht zu verlassen. Was war er dankbar gewesen! Stolz auch. Stolz darauf, so einen starken Freund zu haben.

Das war im Juli 1933 gewesen. Nur ein knappes Jahr später dann der Verrat. Am Tag des Kinderfestes. Er hatte Nele abgeholt. War mit ihr die Dorfstraße entlang geschlendert. In glühender Hitze. In glühender Vorfreude auf das, was sie, ihn erwartete. Er wollte unbedingt beim Tonnenabschlagen gewinnen. Für Nele. Das hatte er sich fest vorgenommen. Da hatte er Olaf gesehen. Im feschen Ornat des Deutschen Jungvolkes. Umgeben von einigen älteren Jungs. Noch älteren. Jene bereits im martialischen Braun der HJ. Zuerst hatte er ihm freundlich zugewunken. Zögerlich zwar. Verlegen auch. Aber noch nichts Böses ahnend. War mit Cornelia nähergekommen. Hatte sogar kurz überlegt, ob er den Großen zuliebe den Arm zum Hitlergruß erheben sollte.

Olaf war ihm zuvorgekommen. »Na, wo wollen wir denn hin? Doch nicht etwa zum Kinderfest? Das schlag dir am besten gleich aus dem Kopf, du Judenbengel. Das würde dem Führer überhaupt nicht gefallen, wenn da so ein kleiner, schmutziger Itzig mitmachen würde. Zieh Leine; Juda verrecke!«

Roberts gestammeltes »Aber Olaf …« war im Gelächter der Kameraden in Durchfallbraun untergegangen. Ein, zwei von ihnen hatten sogar nach ihm gespuckt. Allerdings Nele getroffen. Die sich angewidert umdrehte. Und nach Hause lief. Er jedoch hatte rotgesehen. Sich klein gemacht. Den Kopf auf die Brust gepresst. Wie ein Widder. Und war wie ein solcher auf seinen gefallenen Helden zugestürmt. Mit einem lauten »Er sol kackn mit Blit un mit Eiter.« auf den Lippen. Das sagte sein Vater immer, wenn er ein Foto von Hitler in der Zeitung sah.

Eine solche Reaktion hatte Olaf nicht erwartet. Sich eben noch im Beifall der Hitlerjungen sonnend, war er daher wenige Sekunden später vom »Judenbengel« umgerannt worden und rückwärts über den Zaun vom Vorgarten Dr. Ziels gestürzt. Dort zwischen Lupinen und Rittersporn liegen geblieben. Zuerst fluchend. Dann jammernd. Schließlich weinend. Da es ein Jägerzaun gewesen war. Dessen Zacken Olaf beide Oberschenkel aufgeschlitzt hatten. Eine folgenschwere Verletzung …

Davon hatte Robert aber erst später erfahren. Viel später. Nachdem ihm aufgrund der allgemeinen Überraschung und Bestürzung der jungen Herren der Herrenrasse die Flucht geglückt war, hatte er sich noch am gleichen Tag seinem Vater anvertraut. Der umgehend die Abreise der Familie Zimmermann in die Wege geleitet hatte. Zunächst die aus Ahrenshoop. Gute zwei Monate später dann auch jene aus Deutschland. Die Robert auf Umwegen letztlich nach Kanada führte und ihn zum Bob werden ließ. Dort war er Adrian wiederbegegnet, der ihm berichtete, dass Olaf noch Jahre später mit zwei langen, senkrecht verlaufenden, rotwulstigen Narben an beiden Schenkeln gezeichnet war. Die ihn an Ausrufezeichen erinnerten. Mit den beiden Kniekehlen als Punkten.

Zwei Ausrufezeichen. Mit den Kniekehlen als Punkten. Genau sie hatte Robert Aaron Zimmermann heute am Vormittag gesehen. An, auf den Beinen eines alten, sehr alten Mannes, der vor ihm durch das Wasser der Kurtherme geschritten war. Genauer gesagt, geschlurft. In kurzer, altmodischer Badehose. Sich dabei mühsam am Geländer des Beckens festhaltend. Langsam vortastend. Sicherlich, Falten und sonstige Chiffren des Alters bildeten nun einen etwas unruhigeren Hintergrund als die ansonsten makellose, stets gebräunte Haut des jungen Olaf Hegerdorps. Doch Zimmermann war Adrians Schilderung der Narben so gegenwärtig, dass er den müden Greis genauer betrachtete, ihn überholte, die Augen anschaute, den Mund, die kühne Nase. Ja, diese, ungeachtet aller Flecken, geplatzten Äderchen und wildwuchernder Härchen immer noch kühne Nase war es gewesen, die ihm Gewissheit gegeben hatte.

Allerdings gönnte er sich noch einige Stunden des Privatstudiums seines Objektes der Erinnerung, bis er den ersten Schritt zur Kontaktaufnahme wagte. Zum Mittagessen im Restaurant Caspar war der Alte von einem Ehepaar geleitet worden, das Zimmermann auf etwa Mitte bis Ende sechzig schätzte. Wahrscheinlich Sohn und Schwiegertochter. Beziehungsweise umgekehrt. Mit ihnen zu sprechen, verspürte er jedoch wenig Lust. Daher wartete er geduldig ab, bis die Drei ihr Mahl beendet und bezahlt hatten, und anschließend den Kurpark ansteuerten, wo der mutmaßliche Hegerdorp einschließlich seines Rollators von seinen Verwandten auf einer schattigen Bank unter Rhododendren geparkt wurde, bevor das Paar Richtung historischer Altstadt verschwand.

Zimmermann steuerte die Nachbarbank an, die erfreulicherweise frei war. Setzte seine Betrachtungen fort. Hätte gerne eine Zigarette geraucht. Um sich zu konzentrieren. Die zweiten, dritten Sätze zu formulieren. Sowie sein Ziel dieses Unterfangens. Was wollte er eigentlich von Olaf Hegerdorp? Sich entschuldigen sicherlich nicht. Doch wollte er selbst eine Entschuldigung hören? Nach weit über 80 Jahren? Ja. Genau das wollte er. Eine Entschuldigung! Wenigstens von ihm. Seinem intimsten Nazi. Der für ihn einst ein großer Bruder, starker Freund, fast so etwas wie ein Vorbild gewesen war. Wenigstens er sollte sich bei ihm entschuldigen. Persönlich! Dann hatte er es gewagt.

»Olaf? Olaf Hegerdorp?« Keine Regung. Es schien, als sei der alte Knabe eingeschlafen. Obgleich seine Augen offen waren. Die wenigen Wimpern flirrten unstet im lauen Sommerlüftchen. Ein weiterer Versuch. »Erinnerst du, erinnern Sie sich? Ich bin es, Robert Zimmermann, Robert Aaron Zimmermann. Weißt du noch, wissen Sie noch, damals in Ahrenshoop, bei Onkel Alfred? Zusammen mit Barbara, Adrian, Nele. Und dann das Kinderfest. 1935 war es. Unser, nun ja, Streit. Weißt du noch? Deine Narben …«

Eine erste Reaktion durchfuhr den Angesprochenen. Er wandte Zimmermann den Kopf zu. Mühsam. So als ob es eine ungemeine Anstrengung für ihn wäre, ihm Aufmerksamkeit zu widmen. Der Erinnerung zu begegnen. Sich womöglich der Vergangenheit zu stellen. So zumindest deutete Zimmermann die Bewegung. Dann jedoch traf ihn der Blick des Alten. Wässerig blau. In gallegelben Augäpfeln. Und dennoch zutiefst verachtend. Zutiefst böse. Ein Fluchblick. Ein Verfluchen. Ein Verwünschen. Das Zimmermann all das wünschte, dem er und seine Familie dank der Weitsicht seines Vaters gerade noch entkommen waren. Alle bis auf Großmama Ruth …

Dann schnellte die rechte Hand vor. Umklammerte Zimmermanns Handgelenk. Eine Pranke. Noch immer voller Kraft. Voller Hass. Der zudrückte. Wie ein Schraubstock. Schmerzte. Da entdeckte Zimmermann den Ring. Einfaches Silber. Matt. Anstelle eines Steins ein Vogel. Ein Adler. Mit ausgebreiteten Schwingen. Darunter ein Kreuz. Schwarz. Eisern.

»Hallo, Sie da, was machen Sie da? Lassen Sie sofort meinen Vater los! Aber plötzlich!« Die vermeintlichen Kinder, Schwiegerkinder kehrten zurück. Eilten zur Bank. Schrien auf Zimmermann ein. »Das ist ja eine Unverschämtheit. Sie sollten sich was schämen, einen armen alten Mann zu belästigen. Sie sind doch selber nicht viel jünger. Verschwinden Sie! Auf der Stelle. Sonst rufen wir die Polizei! Komm, Günter, alles ist gut. Wir sind wieder da.«

»Schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich. Eine Verwechslung. Weiter nichts. Eine harmlose Verwechslung. Das kann ja in unserem Alter mal vorkommen, nicht wahr.« Auf weitere Ausführungen verzichtete Zimmermann lieber. Verabschiedete sich. Lächelnd. Grußlos. Nur dem alten Mann zischte er ein »Auf Wiedersehen« zu. Er war sich sicher, dass es dessen Ohren erreicht hatte. Und dass diese Ohren Olaf Hegerdorp gehörten.

Dann beeilte er sich, den Kurpark zu verlassen. Seine Musketiere warteten sicher schon auf ihn.

3. Rhodera hypogea

D’Artagnan und die Musketiere. Diese Bezeichnung für das Altmännerquartett um Robert Aaron Zimmermann stammte von Richard Sonntag, der dem hochbetagten Anwalt aus Kanada nun seit über einem Jahr zur Seite stand. Eigentlich hatte Zimmermann den angegrauten Taxiunternehmer lediglich für die Dauer seiner Mission in Ahrenshoop als Chauffeur engagiert. Doch inzwischen war er zum vertrauten Gefährten geworden, der ihm nicht nur bei den turbulenten Ereignissen und tragischen Verwicklungen rund um die komplexe wie komplizierte Testamentsangelegenheit treue Dienste geleistet hatte, die Zimmermann vor gut 14 Monaten nach Deutschland geführt hatte. Er war ihm zum Freund geworden. Ans Herz gewachsen.

Das galt auch für Johannes Clauert und Bernhard Gutzeit. Der etwas wunderliche Pfarrer aus Wismar und der kauzige Bestatter a.D. aus Prerow waren Zimmermann im vergangenen Herbst »zugelaufen«, wie es Sonntag gerne schmunzelnd zu formulieren pflegte. Beide Herren weit über 80 und dennoch immer noch ein Stückchen jünger als Zimmermann, der die Gesellschaft dieser neuen Vertrauten überaus schätzte. Zumal er in jenen kalten wie beängstigenden Novemberwochen die tiefe Einsamkeit der beiden Männer gespürt, erkannt hatte. Der verwitwete Clauert lebte in seinem recht chaotisch anmutenden Haus inmitten von abertausenden Büchern, Gemälden, Mineralien, Präparaten und anderen Objekten seiner Sammelleidenschaft wie Hieronymus im Gehäuse. Weniger wohlwollende Zeitgenossen wie zum Beispiel die Mitarbeiter offizieller Behörden bezeichneten ihn zumeist als verwahrlosten Sonderling.

Gutzeit hingegen war von seinem Sohn, dem Juniorchef des gleichnamigen Bestattungshauses, diskret wie entschlossen aufs Altenteil abgeschoben worden. Aufs Abstellgleis in Form eines klitzekleinen Zimmers in einem Heim, das sich euphemistisch als Seniorenresidenz titulierte.

Angesichts dieser Situationen hatte sich Zimmermann entschlossen, den beiden Käuzen ein neues Nest zu bieten. Und zwar in der Pension Kuhfuß in Born, wo er selbst seit seiner Ankunft an der Ostsee logierte, sich mitunter gar zu Hause fühlte. Lore Bradhering, seine Wirtin, hatte zunächst schlucken müssen. Die Perspektive, dass ihr liebevoll eingerichtetes und geführtes Haus nun zum »Männerwohnheim und Obdachlosenasyl« würde, erschien ihr etwas suspekt, zumal Johannes Clauert ein starker Kettenraucher war. Allerdings hatte sie Gefallen an Herrn Gutzeit gefunden. Nicht so viel wie an Robert Zimmermann, das nicht. Doch immerhin reichte ihre Sympathie für den rüstigen Bestatter, um sich breitschlagen zu lassen und einzuwilligen.

Johannes Clauert hatte ebenfalls etwas zögerlich reagiert. So ganz und vollständig mochte er sich nicht von seiner Wismarer Wissenstrutzburg trennen. Zudem wusste er um Lore Bradherings Aversion gegenüber dem Rauchen an sich, seiner Sucht im speziellen. Dennoch war er in den letzten Monaten häufiger Gast im Kuhfuß gewesen und fühlte sich dort zunehmend wohl.

Bernhard Gutzeit hingegen war sofort Feuer und Flamme gewesen. Hatte Zimmermann umarmt und stand schon am nächsten Morgen mit Sack und Pack vor der Pensionstür. Wobei sein Besitz außer zwei bescheidenen Koffern nur noch aus einigen Kisten und Kartons bestand, die seine »Kunstwerke« beherbergten; die Früchte seiner Leidenschaft und künstlerischen Passion: Bernhard Gutzeit schnitzte Särge. Im Streichholzschachtelformat. Und das äußerst artifiziell. Mit Schnörkeln und Arabesken, Mustern und erhabenen Motiven auf der Oberseite. Das Holz dafür erhielt er von den Roloffs, deren Prerower Tischlerei für ihre schönen Darßer Türen bekannt war. Mit denen Gutzeits »Erdmöbel« wiederum eine gewisse Ähnlichkeit aufwiesen. Als Zimmermann die Arbeiten zuerst gesehen hatte, war ihm jedoch eher Queequeg eingefallen, der »gute Wilde« aus Hermann Melvilles ›Moby Dick‹.

Aber Bernhard Gutzeit schuf seine kleinen Särge nicht für die eigene letzte Reise. Nein, in ihnen barg er seine bösen Wünsche und schlechten Gedanken, die er insbesondere gegenüber seinem Sohn Bernd hegte. »Da drin sind die gut aufgehoben. Trocken und sicher. Und ich komm nicht auf dumme Ideen.« So hatte er es Zimmermann erklärt, dem diese kluge und weise Kompensationstechnik beeindruckte.

Als Zimmermann ihn und die anderen Freunde nun vorm Hotel Pod Rózami sitzend erblickte, hatte er auch wieder ein kleines Holzstück in Arbeit, dem er sich mit großem Geschick und kleinem Messerchen widmete. Clauert und Sonntag studierten hingegen die Speisekarte des Rosengartens.

»Was gibt es denn Feines? Haben sie hier Bigos?« Zimmermann klopfte schlapp auf die rotweiß karierte Tischdecke und nahm Platz. Das polnische Leibgericht hatte es ihm angetan und war seine Standardbestellung bei den diversen Besuchen der verschiedenen Gasthäuser und Restaurants auf ihren Streifzügen durch Polen geworden. Er würde es auch jetzt bestellen. Obgleich er nur wenig Appetit verspürte.

»Schau selbst, mein guter Zimmermann.« Johannes Clauert reichte ihm die Karte. Im Dunstkreis der Herren um Zimmermann galt es als ungeschriebenes Gesetz, sich zu duzen, jedoch mit Nachnamen anzusprechen. »Lies, wenn du es verstehst. Prüfe, wenn es gefällig ist«, fügte der Hirte im Ruhestand hinzu. Geheimnisvoll, doch augenzwinkernd. Lies, wenn du es verstehst. Prüfe, wenn es gefällig ist – dieser mysteriöse Sinnspruch aus der Heiligen-Geist-Kirche in Wismar hatte eine wichtige Rolle bei jenem mörderischen Rätsel gespielt, das es für Zimmermann und sein Team im letzten Jahr zu lösen gegolten hatte.

Doch das war Vergangenheit. Ebenso wie der Täter. Die letzten Monate waren voller Frieden und Freude gewesen. Sogar eine Hochzeit war gefeiert worden, der Partikel-Hof, das neue Museum am Ahrenshooper Schifferberg, nahm mehr und mehr Gestalt an und die Exkursionen der Musketiere hatten überwiegend touristischen Charakter, auch wenn es sich ihr D’Artagnan selbst bei der aktuellen Tour nicht verkneifen konnte, einen Abstecher nach Kraków zu machen. Die vage Hoffnung, dort irgendwo irgendeine weitere Spur von Antoni Libuda, Maler und Mörder, Fremdarbeiter und Fälscher aus Zielonki zu finden, ließ ihn immer noch nicht ganz los.

Der Vorschlag, das einstige Hirschberg und speziell den Stadtteil Bad Warmbrunn – heute Jelenia Góra und Cieplice Śląskie-Zdrój – zu besuchen, war von Richard Sonntag gekommen. Als Referenz gegenüber Hans-Emil Oberländer, einem weiteren Maler der zweiten Ahrenshooper Künstlergeneration und Ehemann von Doris Oberländer, die unter anderem die Ahrenshooper Kirche ausgestaltet hatte. Oberländer, kurz zuvor noch im Alter von 59 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen, war Ende Dezember 1944 in einem schlesischen Lazarett in Warmbrunn verstorben und Sonntag empfand es angemessen, ihm durch ihren Besuch die Ehre zu erweisen.

Zimmermann hatte die Anregung begrüßt, zumal er auch mit dem Riesengebirge Kindheitserinnerungen verband. Schneekoppe und Mädelsteine. Märchenbauden und Rübezahl, der launische Berggeist, vor dem es ihm damals arg gegraust hatte. Dass ihm hier in Gestalt von Olaf Hegerdorp ein ganz anderes Gespenst aus der Vergangenheit begegnen würde, hatte er wahrlich nicht gedacht.

Er war sich noch unschlüssig, ob er seinen Freunden von seinen Beobachtungen erzählen sollte. Kurz überlegte er, Clauert um eine Sobieski zu bitten, die jener in Polen bevorzugt rauchte. Verwarf dies aber und griff stattdessen zum jüngsten Werk Gutzeits, das jener gerade vollendet und auf den Tisch gelegt hatte. Nachdenklich betrachtete er die filigrane Schnitzerei, strich über die Oberfläche, die eine Windmühle schmückte. Nickte Respekt.

»Das soll die aus Ahrenshoop sein. Die hat ja der Oberländer auch gemalt, wie Sonntag erzählte.« Gutzeit sonnte sich in der vermeintlichen Anerkennung, die Zimmermanns Blick für ihn ausdrückte. »Wie eine Tür«, bemerkte dieser. »Nur ohne Klinke«, fiel Clauert ein. »Die letzte Tür braucht keine Klinke. Und kein Schlüsselloch. Da möchte keiner durchlinsen.« Seine tiefsinnigen Ausführungen wurden von Zimmermanns Smartphone unterbrochen.

Zimmermann fand es überraschend schnell, meldete sich knapp und angespannt. Lauschte. Verfinsterte seine Miene. Antwortete kurz angebunden. »Ja.« – – – »Gut, beziehungsweise nicht gut.« – – – »Verstanden. Ja. Wir werden es versuchen.« – – – »Doch, sicher. Und wenn es nur wegen der guten Lore ist.« – – – »Ja, tschüss. Bis bald.« Dann kappte er die Verbindung. Steckte das Gerät in die Innentasche seines Leinenjacketts. Sah noch faltenreicher aus als jenes edle Gewand. Wandte sich schließlich an die Ritter seiner Tafelrunde. »Das war Hakala-Holappa. Hans von Wustrow ist tot.«

4. Agelena labyrinthica

Wilhelm Hakala-Holappa wurde vom Flieder geweckt. Dessen Schwersüßduft durch das offene Flügelfenster seines Arbeitszimmers schwebte. Hereingeweht vom Mondenschein. Er musste eingenickt sein. Eingeschlafen. Mit dem Hörer seines greisenalten Telefons in der Hand. Ein ehrwürdiger Apparat: Bakelit, Ringelschnur und das ehrliche Klingeln aus vergangenen Klangkosmen: Firma Hesselbach. Der Kommissar. Stahlnetz. Das Fenster zum Hof.

Der Psychologe und Profiler mit finnischem Vater und Mama aus der Schweiz liebte sein Delifon, schleppte es seit Jahrzehnten von Wohnung zu Wohnung, Land zu Land, Stadt zu Stadt. Wobei sein gegenwärtiger Wohnsitz Born am Darß eher als Ortschaft zu bezeichnen war. Zu später oder früher Stunde durchaus auch als Dorf. Wilhelm lauschte durch die Schemen der Bäume und Büsche des Gartens in die Nacht. Kein Mensch war zu hören. Kein menschlicher Laut. Keine Musik. Kein Auto. Lediglich ein paar schlaflose Rinder vom nahen Gut zählten muhend Schäfchen. Und Wotan, der hochsensible Rauhaardackel der gegenwärtigen Feriengäste in der benachbarten Alten Gärtnerei, ließ sich knurrbellend von Lisbeth ärgern, dem fuchsroten Kater, der inzwischen zum Hausstand von Hakala-Holappa und seinem Mann Matti gehörte.

In erinnerndem Erwachen hob er den Telefonhörer, schaute in die kleinen Öffnungen der Ohrmuschel wie in einen Spiegel und nahm den Verwunderungsfaden wieder auf, der ihn nach dem Gespräch mit Zimmermann wohl in den Schlaf gesponnen hatte. Warum nur war der Freund so kurz angebunden gewesen? Warum hatte der ansonsten zumeist freundliche, konziliante, höfliche alte Mann so unwirsch auf die Nachricht vom Tod Hans von Wustrows reagiert?

Sicherlich, das Verhältnis zwischen Zimmermann und von Wustrow war ein besonderes. Vor allem fühlte sich der Anwalt aus Halifax bis heute verantwortlich für dessen Taten. Außerdem war er von ihm persönlich angegriffen und lebensbedrohlich verletzt worden. Und Hakala-Holappas nicht nur berufsbedingtes Interesse für das »Mini-Monster vom Darß«, wie jenen einst die BILD-Zeitung beschlagzeilt hatte, teilte er auch nur sehr bedingt.

Trotzdem hatte er insgeheim etwas mehr Interesse erwartet. Neugierige Fragen, das ein oder andere Nachfassen, Nachhaken. Gut, der Tod Hans von Wustrows war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Geheimnis. Er war einfach an den Folgen seiner starken Unterkühlung und der anschließenden Lungenentzündung gestorben, die er sich im vergangenen November bei seiner Flucht in die Ostsee zugezogen hatte. Seiner Flucht, die für Hakala-Holappa schon damals deutliche Anzeichen eines Selbstmordversuches aufgewiesen hatte. Eines Versuchs, dessen Vollendung ihm nun jetzt schlussendlich geglückt war.

Was von Wustrow in den ersten Tagen nach seiner Errettung energisch geleugnet hatte und stattdessen von Meerjungfrauen fantasierte, die ihn zum Tanze in den Wellen baten und zu sonstigen Verheißungen einluden. Doch die Phase seiner Redseligkeit war von kurzer Dauer gewesen. Bedauerlicherweise. Wenige Tage und Gespräche später zog er sich wieder in seine bekannte Sprachlosigkeit, sein Schneckenhaus des Schweigens zurück. Allerdings war er nicht gänzlich sprachlos geblieben, sondern hatte in den folgenden Monaten zwischen Klinik, JVA und geschlossener Abteilung, zwischen Prozessunfähigkeit, Prozessbeginn und wiederholter Prozessunterbrechung neue, eigene Formen des Ausdrucks entwickelt, weiterentwickelt.

Denn als ob er nun das Erbe seines Vaters Antoni Libuda angetreten habe, widmete sich Hans von Wustrow in seinem letzten Lebensabschnitt der Kunst. Geradezu besessen. Anfänglich mit den Fingern und alltäglich verfügbaren Flüssigkeiten wie Kaffee, Kirschsaft oder Ketchup begann er auf den unterschiedlichen Untergründen wie Servietten, Zeitungen, Handtüchern oder Bettlaken seine wundersamen Bilderwelten zu zaubern. Wobei es überwiegend Vögel waren, denen er so neues Leben schenkte. Später, nachdem von verschiedenen Gutachtern versichert wurde, dass inzwischen keine Gefahr mehr von ihm ausgehen würde – weder für andere, noch für sich – setzte er seine Arbeiten mit regulären Materialien fort. Dabei wurde er insbesondere von Dr. Johanna Riese unterstützt und gefördert, die von Wustrows Werke überaus schätzte und ihnen beachtliches künstlerisches Niveau bescheinigte.

Die ansonsten eher reservierte und rational handelnde Kunstwissenschaftlerin ließ sich in ihrer Begeisterung sogar soweit hinreißen, Hans von Wustrow als ersten Stipendiaten für den Partikel-Hof vorzuschlagen. Was jedoch von den anderen Mitgliedern des Stiftungsvorstands abgelehnt wurde. Kategorisch. Allein schon aus Gründen der Pietät. Aber auch, weil ein anderer Kandidat, ebenfalls ein Künstler des Art brut, mehr Zustimmung fand. Dieser Bastian, den wiederum die Keramikerin Ann-Kathrin Seegers unter ihre Fittiche genommen hatte, beeindruckte zusätzlich durch sein freundliches Wesen und seine liebenswürdige Ausstrahlung; ungeachtet dass er ebenfalls offenkundig psychisch verstört war und auf eine traurige Lebensgeschichte zurückblicken musste. Ein Tor auch er, allerdings ein reiner.

Diese ablehnende Haltung des restlichen Vorstands gegen Rieses Vorschlag beeinträchtigte das zuvor über Monate hinweg nahezu harmonische Betriebsklima im Team des neuen Museums negativ wie nachhaltig. Daran konnte auch der doch eigentlich glückliche Umstand nichts ändern, dass Hans von Wustrow kurze Zeit vor seinem Tod tatsächlich eine Art Testament verfasst hatte, in dem er dem Partikel-Hof das Œuvre seines Vaters vermachte. Hakala-Holappa war darüber nicht nur hoch erfreut, sondern der kleine, zerknitterte und bekleckste Zettel, den ihm von Wustrow vor gut zwei Wochen bei einem seiner Besuche in die Hand gedrückt hatte, erfüllte ihn auch mit ein wenig Stolz. War doch das zwar kryptisch anmutende, in der Aussage dennoch unzweifelhafte Textlein an ihn adressiert:

Für Wilhelm. Den Till.

Der verlorene Sohn. Trug durch die Wüste.

Seinen Schatz. Das Bild des Vaters. Seine Bildnisse. Die er nun reicht. Aus der Finsternis.

Den Söhnen und Töchtern. Jenes anderen Vaters.

Den er zurückließ.

Unter Stechpalmenkron.

Für ihn ein eindeutiges Vermächtnis. Nur der Till irritierte etwas. War es ein Schreibfehler und sollte es eigentlich Tell heißen? Oder wusste von Wustrow mehr, noch mehr über den Mann aus Müggenburg, der im Herbst nicht nur die Halbinsel in Angst und Schrecken versetzt hatte?

Seine entsprechenden Fragen waren auf jeden Fall unbeantwortet geblieben. Würden es bleiben. Fakt war indes, dass ihnen nun das Werk Antoni Libudas zur Verfügung stand, um es der Öffentlichkeit vorzustellen.

Die Anregung Johanna Rieses, dies möglichst zeitnah zur großen Eröffnung zu wagen, war jedoch auf ebenso wenig Gegenliebe bei ihren Mitstreitern und Mitstreiterinnen gestoßen wie ihr Engagement für Libudas Sohn. Vor allem die Mitstreiterinnen hatten sich als unnachgiebige Bedenkenträgerinnen erwiesen. Selbst Dörte Wahnschaffe, die ja Libudas Bilder vor gut einem Jahr überhaupt erst in der einstigen Büdnerei von Gerhard Marcks in Niehagen entdeckt hatte, zeigte sich nun erstaunlich abweisend, verwies auf den avisierten Besuch der Kanzlerin, die zu erwartende Medienpräsenz sowie eine mögliche negative Publicity.

Dieser zweite Affront gegenüber der designierten künstlerischen Leiterin des Partikel-Hofes hatte die Stimmung weiter getrübt, das Klima noch stärker abkühlen lassen. Von atmosphärischen Störungen zu sprechen, wäre eine Untertreibung gewesen. Erstaunlich nur, dass die Vorbereitungen für den bald anstehenden großen Tag trotzdem nahezu reibungslos abliefen. Hakala-Holappa befürchtete, dass dieser Riss im Fundament zwischenzeitlich entstandener Freundschaften weiter mäandern würde.

Er horchte auf. Hinaus. Zwischen die Blütenzweige von Apfelbaum und Felsenbirne. Tatsächlich, eine Nachtigall: »Huit. Tick. Huit. Tick. Düh – düh – düh – düh. Huit. Tick …« Ein verzaubernder Gesang zwitscherte durch das maienhafte Dunkel. Die passende Begleitung für ein, zwei Glas zur Nachtruhe. Er machte sich auf den Weg in die Küche. Fand den passenden Wein. Einen weißen. Einen Vernaccia. Öffnete ihn. Kehrte zurück. Der Zaubervogel war aber leider schon wieder verstummt.

Stattdessen setzten sich finstere Gedankenmahre auf die Fensterbank. Ließen ihre Fledermausflügel hängen. Wilhelm tat es ihnen gleich. Sein Tag war wirklich anstrengend gewesen. Erst die Nachricht vom Tod Hans von Wustrows mit allen dazugehörigen Gedankenkonsequenzen. Wenig später hatte er dann eine vertrauliche wie rätselhafte SMS von Kempowski erhalten, dem Syndikus der Stiftung sowie Zimmermanns juristischem Adjutanten: ›Brauche Rat. Komme morgen vorbei. Was für ein beschissenes Erbe!!! Kempowski‹. Wilhelm war es nach wie vor vollkommen unklar, wieso ein Anwalt und Notar ihn als Psychologen um Rat bei einer Erbschaftsangelegenheit ersuchen sollte.

Anschließend ein langes wie aufreibendes Telefonat mit Lore Bradhering, die als Patenkind Wilhelmine von Wustrows zwar nicht blutsverwandt, dennoch in gewisser Weise die naheste; einzige Angehörige des Verstorbenen war. Und die sich dieser Verantwortung auch stellte, sich schließlich nach quälend langem Abwägen dazu durchrang, dass es im Sinne ihrer Tante Wilhelm sei, wenn ihr »verlorener Sohn« nach seinem Tod zu ihr zurückkehren würde und neben ihr seine letzte Ruhe finden könnte. Eine mutige Entscheidung, wie Hakala-Holappa fand. Nach all dem, was geschehen war. Sicherlich würde es einiges Gerede geben. Nicht nur in der Nachbarschaft. Da war er sich sicher. Doch Lore Bradherings Entschluss stand fest – Hans von Wustrow sollte auf dem Borner Friedhof bestattet werden.

5. Hogna truculenta

Abermals stand Robert Aaron Zimmermann nun auf dem Borner Friedhof am Familiengrab derer von Wustrow. Doch die Trauerfeier für Hans von Wustrow bot keinerlei Nährboden für aufkeimende Déjà-vu-Momente. War in nahezu allen Punkten das extreme Gegenteil der Beisetzung seiner Mutter, der Zimmermann vor etwas mehr als einem Jahr beigewohnt hatte.

Das begann schon damit, dass Pastor Seeberg, im Rücken gestärkt durch seinen Kirchenvorstand und sogar seinem Bischof, die Nutzung der Fischerkirche und auch der kleinen Kapelle verweigert hatte. Selbst ein weltlicher Trauerredner war nicht aufzufinden gewesen, so dass sich letztlich Johannes Clauert und Hakala-Holappa die traurige Aufgabe teilten, Worte des Abschieds zu formulieren. Immerhin hatte man Dottore Lappe, den gewichtigen Gerichtsmediziner mit der Leidenschaft für die italienische Oper gewinnen können, die musikalische Begleitung zu übernehmen. Ihm war es zu verdanken gewesen, dass zumindest bis zu einem gewissen Grade eine würdevolle Stimmung aufgekommen war. Händels ›Largo‹. Puccinis ›Nessun dorma‹. Und natürlich das unvermeidbare ›Ave Maria‹, das Lore Bradhering mit brüchiger Stimme mitgesungen hatte. Ebenso Bernhard Gutzeit. Mehr laut als schön; er wollte jedoch vorrangig seinen Sohn Bernd ärgern. Der, zum wiederum nicht geringen Ärger des Seniors, von Lore den Auftrag erhalten hatte, Hans von Wustrows letzte Reise zu betreuen. Sie hatte sich in diesem Punkt auf keinerlei Diskussion eingelassen. »Das machen wir schon immer so und Punktum. Sieh du lieber zu, dass du in deiner Bude mal Klarschiff machst. Seitdem du die entzückenden Kunstwerke von Tante Wilhelm weggeräumt und durch deine grässlichen Särge ersetzt hast, setze ich keinen Fuß mehr in diese Altmännergruft.«

Die wenigen anderen Trauergäste verzichteten darauf, in Dottore Lappes Gesang einzustimmen. Außer Zimmermann und seinen Musketieren, Hakala-Holappa und dem schmetternden Doktor standen nur noch Johanna Riese und Kempowski im lockeren Halbkreis um das Grab herum. Im sehr lockeren, lichten. Die anderen Ahrenshooper hatten sich entschuldigen lassen, Geschäftigkeiten vorgeschoben und auf die immer näherkommenden Eröffnungsfeierlichkeiten verwiesen. Dafür waren umso mehr Zaungäste erschienen, allen voran diverse Pressevertreter, ein paar Radiojournalisten sowie das Team eines privaten Fernsehsenders. Die sich aber in respektvollem Abstand hielten. Noch. Außerdem schlenderten auffällig viele Einheimische aus Born und den angrenzenden Ortschaften den Kirchweg entlang. Und das, obwohl es inzwischen zu nieseln angefangen hatte.

Zimmermann fröstelte. Von Richard Sonntags Schirm, den jener fürsorglich über den kahlen Schädel seines Chefs und Freundes hielt, tröpfelte es. In schöner Regelmäßigkeit. Stete Tropfen. Die erstaunlicherweise stets jene schmale Lücke zwischen Mantelkragen und seinem faltigen Hals fanden. Und das obwohl er mehrfach seinen Standort ein wenig verändert hatte, ein zwei Schritte nach links, dann wieder nach rechts. Und nach vorn. Sonderbar.

Ebenso sonderbar wie die Tatsache, dass ihn der Tod Hans von Wustrows noch immer nicht berührte. In keinster Weise. Er spürte nichts. Keine Betroffenheit. Keine Genugtuung. Nicht einmal Beruhigung. Das war ihm schon während des Telefonats mit Hakala-Holappa aufgefallen. Diese Unberührtheit. Sicherlich hatte er dennoch umgehend nach dem Gespräch zum Aufbruch geblasen und bereits am nächsten Morgen war die Viererbande aus Bad Warmbrunn abgereist und am späten Abend in Born eingetroffen. Wie gewohnt sicher und souverän von Richard Sonntag chauffiert.

Auch wenn Zimmermann diese vorzeitige Heimkehr seinen Gefährten gegenüber vorrangig mit der Sorge um Lore Bradhering begründet hatte, war ihm im tiefsten Inneren gewahr, dass auch dies nur vorgetäuscht war. Er wollte einzig und allein zurück auf den Darß, die Halbinsel, um Olaf Hegerdorp nachzuspüren. Obgleich er noch nicht recht wusste, wie er das bewerkstelligen, wo er anfangen sollte.

Er wusste nur, dass er es musste. Allein schon, weil ihm Hegerdorp seit ihrem vermeintlichen Wiedersehen jede Nacht in seinen Träumen begegnete. Die alles andere als schöne Träume waren.

»Träumst du, Zimmermann? Es ist vorbei. Wir wollen gehen. Besser gesagt, wir sollen.« Richard Sontag ließ den Freund für einen kurzen Moment richtig im Regen stehen. Ging zwei, drei Meter voraus. Mitsamt Schirm. Zimmermann erwachte in der Gegenwart. Tatsächlich! Die triste Zeremonie war überstanden. Lore verzichtete zudem darauf, am offenen Grab die Kondolenzen der handverlesenen Teilnehmer entgegenzunehmen. Die sich nun, eines solchen obligaten dramaturgischen Fixpunktes beraubt, etwas unsicher umschauten und ohne rechte Ordnung Richtung gähnender Grube stolperten. Dort wählten nahezu alle die kleine Schaufel und ließen Bröckchen bereits durchnässter Erde auf den Sarg niedertrommeln. Nein, für Hans von Wustrow sollte es keine roten Rosen regnen. Lediglich Bernhard Gutzeit machte eine Ausnahme und holte ein kleines Stück Holz aus der ausgebeulten Tasche seines schwarzen Anzuges. Eines seiner kleinen Kunstwerke, auf dessen Oberseite er einen kleinen Korb herausgeschnitzt hatte, wie Zimmermann später von Kempowski erfahren sollte. Gutzeit Junior missbilligte auch diese Geste seines alten Herren mit hochgezogen Augenbrauen.

Die allgemeine Unsicherheit, Verlegenheit setzte sich anschließend fort. Denn die ungastliche Pensionswirtin hatte überdies beschlossen und energisch verkündet, dass es keinen Leichenschmaus geben würde. »Keinen Kaffee und keinen Streuselkuchen. Kein Süppchen. Und erst recht keinen Doppelkümmel. Weder bei Petersson noch im Walfischhaus. Noch sonstwo. Und bei mir schon gar nicht. Das hat er nicht verdient!«

Ach ja, die »schöne Laich« in Peterssons Hof-Café, damals nach Tante Wilhelms Trauerfeier! Zimmermann dachte gerne an das gesellige Beisammensein zurück. An seine Plaudereien mit den Damen. Den alten, sehr alten. Den Scherzen. Doch Omi Marzahn war ja nun auch nicht mehr. Aber – Zimmermann war urplötzlich hellwach – wie hieß denn ihre Freundin noch mal, die sich ins Gespräch eingemischt hatte und noch recht genau über die Zeiten während des Zweiten Weltkriegs erzählen konnte? Irgendetwas Richtung Ingeborg, Hildburga, Brunhilde, oder so. Eben ein seinerzeit typischer Name für ein Mädel, das im BDM gewesen war. Und womöglich ein Auge auf so einen schmucken, ansehnlichen Hitlerjungen wie Olaf geworfen hatte. Zimmermann war sich mehr als sicher, dass der heranwachsende Hegerdorp dem damaligen Ideal eines kernigen deutschen Jungen perfekt entsprochen haben musste. Blond, groß, drahtig, durchtrainiert. In summa stattlich. Abgesehen natürlich von den beiden Ausrufezeichen auf den Innenseiten seiner Oberschenkel. Die er ihm zu verdanken hatte, ihm, dem kleinen Judenbengel.

Ja, diese nette ältere Dame war ein Ansatzpunkt. Wenn ihm bloß der Name einfallen würde. Vielleicht könnte ihm Lore auf die Sprünge helfen, womöglich einen Kontakt vermitteln? Ohne dass er zu viel von seinen Gründen für sein Interesse preisgeben müsste. Er scheute sich immer noch, selbst seinen Vertrauten und Freunden gegenüber von der unheilvollen Begegnung mit den Schatten der Vergangenheit zu erzählen. Vielleicht fürchtete er, seine Souveränität einzubüßen, seine durch weise Gelassenheit gekennzeichnete Position gegenüber der Geschichte, der deutschen ebenso wie jener seines Volkes, dem er spätestens seit dem Beschluss der »Nürnberger Rassengesetze« im September 1935 wohl doch anzugehören schien. Daher mied er seit ihrer Rückkehr auch längere Gespräche mit Kempowski ebenso wie mit Hakala-Holappa. Sowie eigentlich auch mit Lore Bradhering.

Nun hielt er dennoch suchend nach ihr Ausschau. Die Herrin des Kuhfußes hatte sich aber inzwischen bei Bernhard Gutzeit untergehakt und wandelte mit ihm über die Weiten des Friedhofes. Sicherlich wollte sie ihm, dem Experten für Sepulkralkultur, die Gräber ihrer eigentlichen Familie zeigen. Und womöglich sogar noch etwas länger mit ihrem neuen Favoriten zusammen sein. Was Zimmermann prinzipiell durchaus recht war und zupasskam.

Daher beschloss er, sich noch etwas in Geduld zu üben. Außerdem war ihm kalt. So beeilte er sich, Richard Sonntag einzuholen. Den einzigen Menschen, den er momentan um sich haben konnte. Weil Sonntag grundsätzlich keine Fragen stellte. Wenigstens keine persönlichen. Zudem stand ihm der Sinn nach wärmender Sitzheizung und einer kleinen Spritztour, an deren Zielpunkt ein heißer Grog wartete. Oder wenigstens ein Tee. Mit Rum.

Er entdeckte Sonntag in einer der vorderen Gräberreihen nahe des Eingangs. Dort war er vor einem noch recht frischen Grab stehengeblieben und unterhielt sich mit einem rundlichen, mittelalten Herrn in grüner Montur. Mutmaßlich der Friedhofsgärtner.

Zimmermanns Vermutung bestätigte sich, als er näherkam. Der Mann in Grün schimpfte wie ein Rohrspatz, wies aufgebracht und wiederholt auf ein merkwürdiges Gebilde, das mitten zwischen Kränzen, bereits angewelkten Blumensträußen und Gebinden lag. Beziehungsweise thronte. Denn es war anscheinend hochkant in das Erdreich gesteckt worden. Auffällig erschien ihm besonders, dass der nicht genauer zu erkennende Gegenstand mit rotweißem Trassierband umwickelt, verknotet war, das in mehreren Enden fast froh im Nieselwind flatterte.

»So ein Schiet! So eine Schande! Dabei ist der Wolfgang noch keine Woche unter der Erde. Seitdem finde ich jeden Morgen wieder so einen perversen Mist hier auf seinem Grab. Wenn ich den erwische, Richard, das kannste mir glauben, der kriegt so eine Abreibung von mir, dass er das in Zukunft sein lässt, diese Drecksau. Da kannste einen drauf lassen.«

Richard Sonntag nickte zustimmend. Fasste nach. »Da hast du recht, Conny, das sieht wirklich nicht schön aus. Aber um was für einen »perversen Mist« handelt es sich denn da genau?« Zimmermann hingegen hörte nur mit halbem Ohr zu.

»Na, um tote Viecher, Richard. Mal ein plattgefahrener Igel. Mal ein Flügel von ’ner Möwe. Mal ’ne gemangelte Kreuzotter. Solchen Krams eben. Eine vertrocknete Ratte war auch schon dabei. Und ein Kopf von einem Hirschkalb. Halb verwest. Mit Maden drin. Echt eklig. Allein die Augen. Obwohl ich ja ansonsten einiges abkann, so rein aus Berufsgründen. Aber dieser Wahnsinnige … Das geht überhaupt nicht. Schon gar nicht auf meinem Friedhof. Und alles in dieses Flatterband eingewickelt. Richtig fest verschnürt. Kreuz und quer verwurschtelt. Wie so eine olle Mumie. Der ist doch krank. Total krank. So einer gehört weggesperrt.«

»Sicherlich ein bedauerlicher Vorfall, ein schändlicher Frevel. Leider müssen wir jetzt weiter …« Zimmermann räusperte sich. Hoffte, dass Sonntag sein Signal verstanden hätte. Der jedoch war neugierig geworden. »Und was meinst du, was in diesem … nun ja, … Paket ist? Willst du’s nicht mal aufmachen?«

»Warum machst du das nicht selbst? Ich habe langsam die Schnauze voll von diesem Schiet. Hier!« Conny warf Sonntag zwei Arbeitshandschuhe zu. Eine große Gartenschere folgte. Gereicht. Sonntag ließ sich nicht zweimal bitten und bugsierte das mysteriöse Gebilde zunächst auf den Weg und machte sich sogleich ans Werk. Leise fluchend, da die Verschnürung wirklich sehr sorgfältig ausgeführt worden war. Sonntag fuhrwerkte wie ein Chirurg bei einer Notoperation, bis er endlich eine Öffnung eingeschnitten hatte. Aus der sogleich Fliegen ans düstere Tageslicht krabbelten. Frisch geschlüpft. Sich flugs die Flügelchen putzend, um in die Welt zu entfleuchen. Zimmermann schluckte ersten Ekel herunter.

Sonntag war jedoch jetzt in Rage gekommen. Zerrte. Schnippelte. Riss am Bandsalat. Und förderte schließlich einen Lauf hervor. Einen Hinterlauf. Rötlichgraue Haare. An denen diffuse angetrocknete Flüssigkeiten klebten. Sämig. Vermutlich Gedärm. Sowie eingesprenkelter Schottersplitter. Fast stolz hielt er das Stück Aas in die Höhe. Wedelte damit herum. »Na, wen haben wir denn da? Erkennst du ihn wieder, Zimmermann?«

»Ja, ich schätze, das …« Er bemühte sich, flach zu atmen. Wollte dem Freund nicht das fragwürdige Vergnügen verderben. Schluckte abermals. Säuerlichkeit hinunter.

»… gehört zu diesem Goldschakal, der uns im letzten Herbst schon einmal begegnet ist. Da zwischen Prerow und Wieck. Kurz hinter der Kurve. Du hast ja …«

»Zwischen Prerow und Wieck?« Conny fiel ihm ins Wort. »Komisch, dort ist auch der Wolfgang gestorben. Also der hier …« Er wies auf das frische Grab vor ihnen. »Am 12. Mai erst. Ist mit seinem Motorrad ins Schlingern geraten. Glatteis. In eben dieser beschissenen Ellenbogenkurve. Und dann über die Planke. Mitten innen Wald. Obwohl der die Strecke eigentlich in- und auswendig kannte. Außerdem war er ja auch noch Fahrlehrer. Jetzt isser trotzdem tot. Merkwürdige Geschichte. Zwischen Prerow und Wieck. Ob das irgendwie zusammenhängt?«

6. Parafroneta pilosa

»Also diese Kurve zwischen Wieck und Prerow hat es wirklich in sich. Diese Ellenbogenkurve. Ist schon einiges passiert. Böse Unfälle. Aber dass es den Wolfgang Tiedje da erwischt? Wirklich merkwürdig. Hab das nur am Rande mitbekommen. Wir waren ja unterwegs. Doch, das finde ich mehr als merkwürdig. Kam doch aus der Gegend der Bursche, aus Pruchten, glaube ich. Feiner Bengel war das. Ganz feiner Bengel. Hat früher sogar Rennen gefahren. Speedway und so. Dass so einer sich von ein bisschen Glatteis aus der Bahn werfen lässt? Unglaublich. Das ist so, als wenn sich ein Frisör beim Rasieren das Ohr abschneidet und daran verblutet. Guck mal, gleich sind wir da.«

Richard Sonntag sprudelte wie ein Wasserfall. Derweilen der Regen mit nahezu gleicher Intensität gegen die Frontscheibe prasselte. Zimmermann war es gleich. Er war nur froh, dem Friedhof entkommen zu sein. Den Freunden, ihren unausgesprochenen Fragen, traurigen Frageblicken. Er hatte sich knapp rundum entschuldigt: »Wisst ihr, mir geht es nicht so gut. Das Wetter, der Regen, das Alter …« Und hatte sich dann mit seinem Fahrerfreund durch die Phalanx der Medienvertreter geschlagen. Widerwärtig. Wie nach so einem großen Prozess. Wie die Schmeißfliegen hatten sie die Trauergäste bedrängt. Auf sie eingeschrien. Fragend, bellend, fotografierend. Kempowskis Verweise auf Datenschutz und das Recht am eigenen Bild waren höhnisch weggeknipst worden. Ja, wie die Schmeißfliegen. Und ekliger als jene, die im mürben Hinterlauf des Goldschakals ihre Kinderstube gefunden hatten.

Nun waren sie auf dem Weg zur Prerower Teeschale. Doch zuvor musste Richard Sonntag natürlich noch die Unfallstelle genau in Augenschein nehmen, wo sich dieser unglückselige Fahrlehrer mit seinem Motorrad zu Tode gefahren hatte. Was Zimmermann eigentlich recht gleichgültig war. Doch dem Freunde zuliebe tat er so, als ob er zuhörte. Interessiert sogar. Besser zuhören als selbst reden zu müssen.

»Ach du grüne Neune, was ist das denn? Zimmermann, siehst du das? Nicht zu glauben!« Sonntag steuerte seinen Wagen, einen größeren mit Stern, behutsam durch die nun auch noch regennassschmierige Kurve und hielt wenige Meter weiter etwas schräg in einer kleinen Nothaltebucht. »Hast du das gesehen? Das muss ich mir aus der Nähe anschauen! Kommst du mit?« »Eher ungern. Nein, danke für die sicher vielversprechende Einladung. Aber, du hast ja gehört, was ich den anderen gesagt habe: Der Regen, das Alter …« Zimmermann zog das trockene und gemütlich warme Fahrzeuginnere irgendwelchen verwegenen Manövern inmitten des mehr als regen Verkehrs vor. Beobachtete im Rückspiegel, wie sich der Wütende in eine grellorange Warnweste zwängte und mit nervösen Gesten die Straße überquerte. Bald jedoch hatten Innenwärme und Außennass die Scheiben in Milchglas verwandelt. Das monotone Blinkblank des aktivierten Alarmlichtes tat ein Übriges. Er drusselte leicht ein.

Wurde jedoch wenig später jäh geweckt. Aufgeschreckt. Von aufgerissener Fahrertür. Sowie aufgedrehter Fahrerstimme: »So eine Schweinerei! Da war dieser Irre vom Friedhof auch zugange. Hat sich am Kreuz vergangen, das die Familie für Wolfgang aufgestellt hat. Seine Yvonne und Svenja, seine Tochter. Da hängen jetzt Schädel dran; wenigstens blanke, ohne Fell, Fleisch und anderen Schmadderkrams. Einen Rehbock habe ich erkannt. Einen Dachs, glaube ich, auch. Und noch ein paar kleinere. Von Vögeln. Mäusen. Unglaublich! Ich habe ein paar Fotos gemacht. Wir wollen ja sowieso nach Prerow. Da werde ich gleich einmal in der Wache vorbeischauen und denen Bescheid sagen. Das geht doch nicht, sowas! Sag doch mal was, Zimmermann. Was ist denn bloß los mit dir, dass dir auf einmal alles, verzeih mir, dass ich direkt werde, aber auch wirklich alles irgendwie am Arsch vorbeigeht?«

Er hatte es befürchtet. Kommen sehen, dass irgendwann auch Richard Sonntag seine Zurückhaltung ablegen würde. Um zum Bohrer zu werden, der seinen Nerv traf.

»Verzeih mir, mein Bester. Ich weiß ja, dass ich die letzten Tage komisch bin. Eine Zumutung für euch. Doch …« Zimmermann machte eine Pause. Suchte nach Worten. Sowie jenem Knopf am Armaturenbrett, mit dem man den gebetsmühlengleichen Klingklang der Warnblinkanlage abstellen konnte. Sonntag half ihm. Erlöste ihn. Und die nun eintretende Ruhe löste endlich auch Zimmermanns Knoten. Er offenbarte sich.

»Ich bin jemanden begegnet. Während unseres Besuches in Cieplice Śląskie-Zdrój, dem alten Bad Warmbrunn. Im Kurpark. Eigentlich schon etwas früher, in der Therme. Jemanden, der Macht über mich hat. Und das seit mehr als 80 Jahren. Eine Macht, von der ich gar nicht mehr wusste, dass sie existent ist. Die ich verdrängen wollte, als Kind schon, als junger Mann sowieso. Mit Vehemenz. Vergessen. Und die ich schließlich auch vergessen habe. Hatte. Verdrängt. Irgendwo in der Tiefe meiner Seele. Doch dann, in diesem schönen, lauschigen Park an jenem herrlichen Maientag, da hat ein Blick nur ausgereicht, um sie zu neuem Leben zu erwecken. Hervorzuholen. Und nun sitzt dieser Knabe wie ein Alb auf meiner Brust und die Gedanken an ihn spinnen all mein anderes Denken ein. Wie die Gespinste von diesem Falter, die Zweige, Äste, ganze Bäume befallen, überfallen …«

»Du meinst diesen Eichenprozessionsspinner. Ich kenne das nur von meinen Sorgen um mein kleines Unternehmen; Rechnungen, jede Menge Abgaben und dann natürlich das Finanzamt. Ja, das kann einen schon ersticken. Doch, wer ist denn dieser Bursche, der so eine Macht über dich hat? Wenn es ein richtiger Mensch aus Fleisch und Blut ist, muss er, sorry, auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben.«

»Die hat er, unbestreitbar. Ist sogar noch etwas älter als ich. Jahrgang 1922. Uralt. Hinfällig. Ein richtiger Tattergreis. Selbst ich könnte ihn wahrscheinlich mit einer kräftigen Ohrfeige zu Boden strecken.« Die vage Andeutung eines Lächelns huschte über Zimmermanns Lippen. Ein kurzer Anflug nur.

»Und doch ist er für mich das … ja, das Gesicht des Hakenkreuzes. Nicht Hitler, noch Goebbels, auch nicht Himmler, Heydrich, Göring und wie sie alle hießen. Ebenso wenig die Millionen Erfüllungsgehilfen, Mitläufer und Ich-hab-von-nichts-gewusst-Chargen. Nein, für mich hat der Faschismus deutscher Machart einen einzigen Namen, eine Seele, ein Gesicht. Dem ich noch ein einziges Mal begegnen möchte. Dabei weiß ich eigentlich gar nichts über ihn, seinen weiteren Werdegang im sogenannten Dritten Reich. Außer, dass er 1935 ein glühender Nazi war. Der mir wehgetan hat. Sehr weh. Unfassbar tief.«

»Dann lass uns den alten Knaben finden, mein Freund. OK, du hast ihn in Warmbrunn wiedergesehen. Wo er aber wahrscheinlich nicht wohnt, sondern nur im Urlaub war, zur Kur oder als Tagesausflügler. Das müsste man recherchieren. Allerdings sollte man das Pferd vielleicht besser von hinten aufzäumen. Wo kommt er denn her, dein böser Dämon?«

»Vielen Dank für dein Angebot. Ja, du hast recht, ich, wir sollten die Geschichte von hinten aufrollen. Und – von hier aus. Denn Olaf, Olaf Hegerdorp kommt aus dieser Gegend. Genauer gesagt aus Althagen. Wo heute aber keine Menschen mehr dieses Namens leben. Das habe ich schon überprüft. Auch in den anderen Orten nicht. Außerdem nennt er sich inzwischen Günter. So wurde er wenigstens von einer Frau angesprochen, die ich für seine Tochter oder Schwiegertochter halte. Dieser Umstand der Namensänderung bestätigt mich ja in meiner Ahnung, dass es mit ihm und seiner Karriere bis 1945 eine besondere Bewandtnis hat.« »Da stimme ich dir zu. Neue Namen, neue Existenzen, das lässt einiges an Vermutungen zu. Aber, weißt du was? Wir machen Nägel mit Köpfen. Gleich heute. Jetzt.« Sonntag startete das Auto. Blinkte. Gab Gas. Vollgas. »In Prerow sitzt doch dieser Herr von Stenglin in seiner Bücherstube. Hinten am Bernsteinweg. Und der ist beinahe so in deinem Alter. Ich weiß zwar nicht, ob er schon immer hier oben gelebt hat, damals schon. Allerdings stammt seine Frau definitiv aus Prerow. Seine Barbara. Geborene von Wedelstädt. Der Stenglin ist noch richtig fit im Kopf. Vielleicht weiß der ja mehr? Den besuchen wir. Subito. Die Polizei kann warten.«

Zimmermann fühlte, wie seine latente Schwermut der letzten Tage einer gewissen Abenteuerlust wich. Doch, er wollte unbedingt herausfinden, wer Olaf Hegerdorp gewesen war. Was er getan oder nicht getan hatte. Und wo er jetzt lebte. Und er ahnte auch, dass ihm bei dieser Suche Zeitzeugen am meisten helfen würden. Ungeachtet aller modernen Technologien und Möglichkeiten.

Eine gute Viertelstunde später erhielt seine neugewonnene Zuversicht allerdings einen kleinen Nasenstüber. Die Nordische Buch- und Kunsthandlung war geschlossen. Wegen Urlaub. Und auch unter der an der Ladentür angeschlagenen Telefonnummer meldete sich niemand.

»Lass den Kopf nicht hängen. Wir finden den Kerl. Morgen ist auch noch ein Tag. Dann eben doch erstmal zur Polizei. Die Teeschale hat ja leider auch zu.« Flugs wendete Richard Sonntag und setzte die Fahrt fort. Die ihn forderte. Seine ganze Konzentration erforderte. Denn es hatte aufgehört zu regnen. Sogar einige Sonnenstrahlen trauten sich hervor. Sowie Unmengen von Radfahrern. Mountainbikes und hochwertige Tourenräder, die überwiegende Zahl davon mit Elektromotoren, strömten über die Straßen. Kreuz und quer. Von links nach rechts. Stets ohne Blick nach hinten. Geschweige denn irgendwelcher Rücksicht. Man trug ja Helm.

Sonntag stöhnte. »Diese Deppen werden auch von Jahr zu Jahr mehr. Eine echte Plage. Doch wenn ich es wagen würde zu hupen, nur ganz kurz, dann würden die uns aus dem Auto zerren und am nächstbesten Laternenpfahl aufknüpfen.« Zimmermann nickte stumme Zustimmung. Auch er empfand das allgegenwärtig rollende Radlerheer unangenehm, störend, nahezu bedrohlich. Selbst wenn der Anblick so mancher Strampler, deren übergewichtige Körper und Gliedmaßen in farbenfrohe und trendig teure Trikots und Höschen gezwängt worden waren, einen eher erheiternden Anblick boten.

Der Höhepunkt nervlicher Herausforderung wartete aber noch auf sie. Etwa in der Ortsmitte kam auf einmal ein skurril anmutendes Gespann wie aus dem Nichts auf die Waldstraße geschossen. Ein uraltes Fahrrad mit Anhänger. In dem aber keine Krabbelkinder oder Kurzbeinhunde durch die Gegend chauffiert wurden. Sondern ein Gebirge aus Schrott. Sperrmüll. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das Konglomerat aus diversen Metallteilen, Stangen, Schilfmatten, Zeltplanen, Netzen, Teppichen und sonstigen ausgedienten Objekten quoll in mehrfacher Meterbreite über das kleine Gefährt. Es gab kein Vorbei. Zimmermann hatte daher Zeit, sich den Fahrer genauer anzuschauen. Soweit dies von hinten möglich war. Er wirkte auf gewisse Weise fröhlich. Bewegte sich beim Treten der Pedale, als ob er singen und mitschwingen würde. Passend dazu tanzte sein wildgelockter Rotschopf munter verwegen im Fahrtwind. Er erinnerte Zimmermann ein wenig an den jungen Art Garfunkel. Das war garantiert kein Tourist. Zumal der Schrotterer auch nicht die typische praktische Pfötchengarderobe oder die Pseudoprofipellen jener Klientel trug. Stattdessen einen etwas angeschmuddelten Strickpullover, auf der Farbskala irgendwo zwischen Eierschale und Ocker anzusiedeln. Auf dem ein Name prangte. In Großbuchstaben. Mit grünen Stofffetzen aufgenäht: BASTIAN.

7. Devade tenella

»Bastian ist ein Künstler! Ohne Wenn und Aber. Und das was er macht, ist echte Kunst. Richtige. Ernsthafte. Ernstzunehmende. Nenne es nun Art brut, Outsider Art oder sonst wie. Warum willst du das nicht kapieren, Hanne? Das versteh ich wirklich nicht. Wo du doch sonst so ein Gespür für echte Künstler hast. Gerade für schwierige. Denk doch nur an deine Vorliebe für unseren Hans Brass. Den ewigen Flüchter, den Unsteten in seiner Liebe zu Ahrenshoop und seiner Martha. Oder an unseren Jo. Den armen Majakowski.« Ann-Kathrin Seegers hatte sich in Rage geredet. Rupfte einen Zweig von einem der gerade erst im Kunstgarten des Partikel-Hofs gepflanzten Ginstersträucher. Fuchtelte damit herum wie Herbert von Karajan auf LSD.

Andreas Kempowski war heilfroh, dass diese »klärende Aussprache« zwischen der ansonsten eher friedfertigen, geradezu harmoniesüchtigen Keramikerin und Dr. Johanna Riese, Direktorin des Ahrenshooper Kunstmuseums sowie eine der Leiterinnen des neuen Hauses am Paetowweg, im Freien stattfand. Hier konnte er, den die beiden als Mediator, ausgleichenden Schiedsrichter hinzugebeten hatten, wenigstens rauchen. Den Blick von den streitenden Frauen abwenden, über wogendes Schilf, die Wellen des Boddens wandern lassen. Beruhigend! Ganz anders der Disput der Damen. Von denen nun Johanna Riese zum Gegenangriff ansetzte. Die Augen zusammengekniffen. Zu schmalen Schlitzen. Zwischen denen es loderte. Durch deren Wimpern Blitze funkelten. Abschussbereit.

»Erstens, mein liebes Ännchen, mag ich es nicht, wenn du, wenn man mich Hanne nennt. Überhaupt nicht. Das weißt du nur zu gut. Und zweitens finde ich es nun einmal unverantwortlich, dass du, obgleich das nun gar nicht in deinem definierten Aufgabenbereich im Komplex unserer Stiftungsarbeit liegt, diesen Bastian dergestalt protegierst, ja unser Team geradezu in einer Art Handstreich überrumpelt hast, auf dass unsere »Freunde« – Riese machte eine Pause. Provokant. – »Freunde« sich vor deinen Karren haben spannen lassen. Doch die Wahl dieses Bastians als ersten Stipendiaten unseres Hauses ist nicht nur aufgrund seiner zweifelhaften künstlerisch autonomen Qualität unverantwortlich. Allein schon der versicherungstechnische Aspekt bereitet mir schlaflose Nächte. Denn wenn ich sein, euer, dein »Konzept« richtig verstehe, deute, sollen sich seine zusammengebastelten Scheiterhäuflein ja vorsätzlich während der angedachten Ausstellungsdauer auflösen, von Wind und Wetter abgetragen, fortgetragen werden.« Erneut hob sie die Anführungsstriche rhetorisch akzentuiert hervor. »Was nun, wenn da jemand zu Schaden kommt? Von irgendwelchen herumfliegenden, herunterstürzenden Teilen verletzt wird? Darüber stolpert? An die ästhetische Komponente mag ich gar nicht denken. Unser schönes Anwesen, die Sanddorngehölze. Die Stechpalmen, der Ginster, die Feldsteinmauern mit Mohn und Heckenrosen. Und natürlich die wundervollen Skulpturen von der von mir so hochgeschätzten Hertha von Guttenberg. Zusätzlich überall der Müll deines Schützlings, irgendwelche Stangen, Ranken, Schnüre, Netze, womöglich Plastikzeugs. Das dann über die Wiesen zieht. Im Bodden landet. Das kann doch nur Schwierigkeiten mit sich bringen. Anzeigen. Prozesse womöglich; Schadenersatz, Konflikte mit dem Nationalparkamt, Umweltauflagen und was da noch alles auf uns zukommt.«

Kempowski gratulierte sich, dass er daran gedacht hatte, seinen kleinen Aschenbecher für unterwegs einzustecken. Wenn er jetzt auch noch seine Kippe auf dem Mulchweg austreten würde, hätte er von der aufgewühlten Kunstdoktorin mehr als nur einen bösen Blick geerntet. Allerdings gab er ihr schon ein wenig recht. Er schaute zu den acht Pavillons, die ihn an Jurten erinnerten, wobei die Zeltbahnen noch aus Beständen der NVA zu stammen schienen. Seegers hingegen bezeichnete sie als Werkhütten. Als Laboratorien der Kreativität. In denen Großartiges entstehen würde. Einzigartiges. Vor denen zurzeit aber noch wirre Haufen der unterschiedlichsten Materialien lagerten. Jede Menge »gebrauchte Gegenstände«, die man getrost als Schrott oder, positiv wertend, als Altmetall bezeichnen könnte. Der Anblick ähnelte für ihn ein bisschen diesem abenteuerlichen Grundstück am Wiecker Müggenberg, dessen Eigentümer ebenfalls eine ausgeprägte Sammelleidenschaft besaß und seine Schätze bisweilen im Rahmen eines Hofflohmarktes den vorbeiradelnden Touristen zum Kauf anbot.

Für Bastian waren diese Objekte jedoch Wesen, fast schon Lebewesen. Denen er, so hatte es Kempowski zumindest aus Seegers Ausführungen herausgehört, ihre wahre Würde zurückschenken wollte, indem er sie in verschiedene Schichten einhüllte, einkleidete und auf diese Weise ihre äußere Erscheinung umgestaltete. Die dann aber in der Gedankenwelt des Künstlers wiederum die eigentliche, die authentische Aura des jeweiligen Dinges darstellen würde. Dessen wahres Wesen. Doch nur situativ, temporär, ephemer, für kurze Dauer, da diese Umhüllungen aus Schilf, anderen Gräsern, Farnwedeln, Zweigen, Wurzeln und weiteren, überwiegend organischen Stoffen anschließend der Unbill der Natur ausgesetzt würden. Von Regen und Sonnenschein, Gewitter und Sturm zerfleddert, vertrocknet, aufgeplatzt, abgelöst, bis dann sukzessive wieder der eigentliche Corpus erscheinen würde. Ein eigentümlicher Prozess. Der für Bastian den Weg des Lebens darstellte. Zwischen Geburt und Tod. An dessen Ende allem und jedem ein Ende im falschen Schein erwartete. Diese düstere Sicht, diese Arbeitsweise, nach der die Zerstörung das Ziel des Schaffens darstellte, passte für Kempowski eigentlich überhaupt nicht zur Person dieses Bastians, den er richtig nett, sympathisch fand. Ein freundlicher, sanfter, fröhlicher Mann Mitte Fünfzig, der stets lächelte, vor sich hin summte oder flötete. Sicherlich, schon eigen und eben nicht normal, doch Kempowski fiel es schwer, ihn als Behinderten einzuordnen, als »Menschen mit psychischem Handicap«. Klar, Bastian hatte »einen an der Waffel«. Aber traf das nicht auch für ihn zu? Für Zimmermann, Hakala-Holappa, Clauert, den alten Bestatter und die ganze Künstlerbande? Mit Sicherheit. Besondere Menschen mit Charakter und Charisma waren nun einmal etwas eigen.

Dr. Johanna Riese natürlich mitgerechnet. Die nun auf ihre ganz eigene, spitzfindige wie schmallippige Art ihre Vorbehaltskanonade und Vorwurfssuade fortsetzte. »Last, but not least ist da noch die vollkommen ungeklärte Situation mit Werners-Wiedehopf. Der das vermeintliche Talent deines Bastians ja schließlich entdeckt hat und ihn als Galerist vertritt. Mit nicht geringem Erfolg; auch wenn mir das als Kunstexpertin wie Kunstliebhaberin vollkommen schleierhaft ist.«

»Hör mir doch mit dem auf, Hanne. Werners-Wiedehopf, dieser widerwärtige, aalglatte Schnösel und Galerist der Schönen und Reichen. Das ist doch der reinste Ausbeuter. Sicherlich, er hat früh erkannt, welches Potenzial in Bastian schlummert, als er ihm auf irgendeiner Charityveranstaltung von den Rotariern begegnet ist. Adventsbasar oder so. Hat sich dann als großer Entdecker und Förderer aufgespielt. Zugegebenermaßen die ersten Arbeiten verkauft. Sogar bis nach Japan. Wo Bastians frühe Werke richtig gut ankommen. Seine Einschnürungen, Flechtwerke. Aus seiner Schutzphase, wo er die Sachen vor den Blicken der Bösen verstecken wollte. Aber sonst; Werners-Wiedehopf ist Bastian als Mensch und Künstler scheißegal. Der will nur Kohle mit ihm machen. Von der er bis zum heutigen Tage nur Almosen gesehen hat. Ein paar läppische Geschenke. Wie dieses uralte Fahrrad mit dem Anhänger. Mal neue Stiefel, tatsächlich neue; waren wohl runtergesetzt. Ein paar Knäuel Bindfaden und Drachenschnüre noch. Und eine Spende für das Atelier der Lebenshilfe. Aber ansonsten – Pustekuchen. Nulla, niente di niente. Beruft sich darauf, dass der große Geldsegen kommt, wenn er dann offiziell sein gesetzlicher Betreuer ist. Aber, soweit wird es nicht kommen. Bislang sind die Behörden vorsichtig. Glücklicherweise. Außerdem bin ich ja auch noch da.«

Die letzten Worte hatte Ann-Kathrin Seegers nur noch zu sich selbst gesprochen. Und zu Kempowski. Dr. Johanna Riese hatte sich wortlos verabschiedet. Mit vielsagendem Augäpfelrollen. Einer wegwerfenden Geste. Dann war sie im Hauptgebäude des Museums des Verschwindens verschwunden. Widmete sich nun wahrscheinlich den letzten Hängungen ihrer Ausstellung zum Wirken Alfred Partikels, ihrem Beitrag zur großen Premiere des Partikel-Hofes. Unter dem poetischen wie ahnungsvollen Titel ›Als der Pirol im Garten sang‹ erwarteten das Publikum dort Arbeiten des Landschaftsmalers zu seinen drei Kindern Barbara, Adrian und Cornelia sowie dem Motivkreis Familie. Begleitet und kongenial akzentuiert von Zeichnungen, Skizzen, auch plastischen Arbeiten von Gerhard Marcks zu diesem Thema, der ein enger Freund Partikels gewesen war. Eine schöne Präsentation, in diesem Punkt war sich nicht nur Kempowski sicher. Harmonie mit einer Spur, einem Schatten Melancholie. Auf jeden Fall ein Besuchermagnet. Und garantiert konfliktfrei.

Für das ambitionierte Experiment Ann-Kathrin Seegers befürchtete er das Gegenteil. Sicherlich. Ihm gefielen die krausen Gedankengänge Bastians. Sein verschrobenes wie verschobenes Spiel mit Schein und Sein, Aura und Karma, Wesen und Wirklichkeit, Täuschung und Enttäuschung. Gerade, weil Bastian die Definitionen spiegelte und bekannte Denkmuster durcheinander pustete. Doch es mangelte Kempowski dann schon an Fantasie und Vorstellungskraft, um sich das wahre Wesen von Gebilden wie zum Beispiel dieser ausgedienten Betonmischmaschine zu visualisieren, die der Künstler gerade in eines seiner Zauberzelte schob. Da waren ihm die frühen Arbeiten näher, diese eingewickelten, verschnürten, verwebten und in anderen Techniken verpackten Dinge des Alltags, von denen er bislang nur Fotos gesehen hatte.

Auch der dahinterstehende Gedanke, dass Bastian diese Objekte durch seinen Eingriff vor den Blicken anderer Menschen schützen, beziehungsweise sie vor einer Nutzung gemäß ihrer eigentlichen Funktion bewahren wollte, gefiel ihm. Das war schön verquer. Unnütz. Irrational.

Wie ihm die Seegers erzählt hatte, fand Bastian wohl als Jugendlicher zu dieser Ausdrucksform. Etwa im Alter von 16, 17 Jahren. Damals befand er sich in Stralsund, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seine Eltern und seine jüngere Schwester Irmela waren einige Monate zuvor bei einem Fluchtversuch mit einem Fischerboot in der Ostsee ertrunken. Bastian hatte überlebt und war nach einigen Wochen in der Klinik wieder zurück ins Elternhaus in Pruchten gekommen, wo noch die Großmutter lebte. Ann-Kathrin hatte das Drama seinerzeit mehr oder weniger miterlebt, da sie nur ein paar Häuser entfernt aufgewachsen war und die Familie kannte. Bastian war schon vor der Tragödie ein merkwürdiger Junge gewesen, der viele Probleme in der Schule und im sonstigen Leben hatte. Seine Sonderbarkeit war letztendlich der ausschlaggebende Grund für die geplante Republikflucht gewesen. Ungeachtet seiner sich nach dem Unglück immer mehr verstärkenden Verschlossenheit war er sich dieses Zusammenhanges bewusst. Hatte sich schuldig gefühlt. Und schließlich versucht, sich umzubringen. Aufzuhängen. Die vollkommen überforderte Großmutter konnte ihn zwar noch in letzter Minute retten, hatte dann jedoch schweren Herzens seiner Einweisung in eine Einrichtung zugestimmt.

Dort hatte er dann begonnen, seine wenigen Besitztümer mit zerrissenen Bettlaken einzuwickeln. Sein erstes Werk war wohl sein Kinderbesteck gewesen, das ihm seine Oma einst zur Geburt geschenkt hatte und an dem er sehr hing. Ein Löffel, ein Messer, eine Gabel. In einfacher Ausführung. Mit kleinen Tierchen. Im Griff eingeprägt. Ein Bienchen. Ein Schmetterling. Und ein Marienkäfer. Die Schwestern hatten das zunächst unterbunden. Natürlich. Normal war ein solches Verhalten ja nicht. Und ihm das Besteck abgenommen. So folgte als nächstes sein Sandmännchen. Und die gleiche Reaktion von Seiten des Personals. Als er nach einigen Wochen keinerlei Spielzeug oder sonstiges besaß, begann er, sein Bett, den Nachtschrank und schließlich sich selbst dergestalt zu »mumifizieren«, wie es in seiner Krankenakte vermerkt worden war. Ein beschissenes Schicksal.

»Ein Rätsel für Herrn Andreas. Was ist das?« Das nun vor ihm stand. Breitbeinig. Kraftvoll. Fröhlich. Kempowski hatte gar nicht mitbekommen, dass Bastian sein Werkstattzelt verlassen hatte. Den Garten durchschritten. Nun vor ihm stand. Angesichts dessen, was er über den Leidensweg des Jungen, jungen Mannes durchs Leben, durch Psychiatrien, Heime, Jugendwerkhof und sonstige Anstalten wusste, wunderte es ihn immer wieder, wie gesund und natürlich Bastian wirkte.

Der nun sein Fragespiel fortsetzte »Was ist das? Das kleine Ding plumpst ins Meer. Das große Tier schnappt zu. Schluckt es herunter. Was ist das?« Kempowski musste unwillkürlich an Kaspar Hauser denken. An die grandiose Verfilmung von Werner Herzog. Mit dem unvergleichlichen Bruno S. als Findling. Der ja auch irgendwo aus der Ecke von Asperger kam. Sein Verwandter im Geiste streckte ihm nun seine Hände entgegen. Kräftige Werkzeuge. Geschlossen. Auf den braun gebrannten Handrücken kräuselten sich rote Härchen. Kempowski spielte mit. Schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich bin nicht so gut im Raten.« Und freute sich nun an der Freude des Fragestellers. »Eine Walnuss, Herr Andreas. Der Kern des Walfisches ist die Walnuss. Denn das Kleine ist größer als das Große.« Glucksend drehte Bastian seine Hände um. Öffnete sie. In seiner linken Handfläche lag eine taube Nuss. Mit Loch. Von einem Siebenschläfer angeknabbert. Er reichte sie Kempowski. Die andere, frische Walnuss nahm er selbst. Knackte sie. Ein kräftiger Biss. Strahlend weißer Zähne.

8. Urocoras nicomedis

Die Möwe fixierte Zimmermann. Genauer gesagt das Gebäckstück in seiner Hand. Entschied dann aber, dass es sich hierbei weder um ein Fischbrötchen – am liebsten mochte sie Matjes – noch um ein Schälchen mit Backfisch handeln würde. Verzichtete daher auf einen Angriff. Verharrte aber weiterhin auf ihrem Posten. Dem Poller. Eine weise Entscheidung. Für beide.

So konnte Robert Aaron Zimmermann sein Teilchen weiterhin ungestört genießen. Seinen Wiecker Wickel, Walnusswickel. Die Spezialität der Wiecker Backstube. Von deren Inhaberin Zimmermann vor einer guten halben Stunde nicht nur ein Tütchen mit vier dieser kleinklebrigen Köstlichkeiten erstanden hatte. Frau Tanja hatte ihm auch die Telefonnummer von Holger Baum zukommen lassen. Und erfreulicherweise hatte er den Wiecker Ortchronisten sogleich erreicht. Nicht nur das. Baum hatte sich auch zu einem Gespräch unter vier Augen bereit erklärt und als Treffpunkt den kleinen Hafen des Jachtclubs am Ende des Johann-Segebarth-Weges vorgeschlagen.

Nun wartete Zimmermann gespannt. Schaute den Möwen zu, den emsig flatternden Schwalben sowie einer Handvoll Segelschiffe und kleiner Motorboote, die im sanft kräuselnden Boddenwasser vor sich hin dümpelten.

Richtig aufgeregt war er. Endlich würde er mehr über den Darß unterm Hakenkreuz erfahren. Seine weiteren Versuche, den Herrn von Stenglin zu erreichen, waren leider erfolglos geblieben. Er weilte zur Erholung in der Karibik. Wo er weder telefonisch noch via E-Mail zu erreichen war. Beziehungsweise erreicht werden wollte. Wie Zimmermann von dessen Sohn erfahren hatte. Herr von Stenglin wollte einmal andere Wellen sehen. Ungestört.

Gleiches galt für Hildegard Fretwurst, seinem zweiten Strohhalm der Erinnerung. Zwar hatte ihm Lore Bradhering bereitwillig Namen und Adresse der letzten noch lebenden Freundin ihrer Tante Wilhelm mitgeteilt. Nur vergnügte sich auch die »wilde Hilde«, wie sie Lore mit einem bezeichnenden Augenaufschlag nannte, fernab der heimischen Gefilde. Die muntere Dame kreuzte an Bord der AIDA auf der Hurtigruten durchs Nordmeer. Bemerkenswert, je oller, desto doller. Unter den betagteren Eingeborenen schien es einen gewissen Hang zu Fernreisen zu geben. Senile Nestflucht, sozusagen.

Eine Fahrradklingel unterbrach seine Gedankenspielereien. Er drehte sich um. Erkannte den Heimatkundler mit der Prinz-Eisenherz-Frisur, der auf klapprigem Drahtesel über die Wiese gerumpelt kam.

»Morgen, Herr Zimmermann, dann wollen wir mal in See stechen! Zur kleinen Zeitreise durch den braunen Sumpf.« Behände sprang Holger Baum vom Rad. Lehnte es leger an eine Laterne. Verzichtete auf irgendeine Sicherung. Wechselte dann das Gefährt. Und begann die diversen Taue eines nussschaligen Seelenverkäufers zu lösen.

Zimmermann beschlich ein mulmiges Gefühl. Auf eine Seereise war er nicht vorbereitet. Nur gut, dass er erst einen der Wiecker Wickel verspeist hatte. Und wenigstens musste er nicht an Bord eines Seglers seinen Mann stehen. Der in einem solchen Falle mit Sicherheit ein Klabautermann werden würde. Mit zaghaften Schritten näherte er sich über den schmalen Steg dem urigen wie uralten Boot in Blaugelb. Kletterte etwas unsicher über die Reling. Ergriff Baums Hand zur Hilfe wie zum Gruße.

»Willkommen an Bord der KUBA, einst von mir und anderen Lehrlingen der ehrwürdigen Bootswerft Kraeft in Eigenarbeit geschaffen. Hier vorne gleich. Einer der letzten Erben der einst ruhmreichen Wiecker Werftentradition. Wussten Sie in diesem Zusammenhang, dass Wieck im frühen 18. Jahrhundert mehr Schiffe als die große Stadt Barth unter Segeln hatte? Ja, hier lief so einiges. Nicht nur vom Stapel. Doch, setzen Sie sich und genießen Sie unseren Törn. Frische Luft und weiter Himmel sind meines Erachtens die besten Rahmenbedingungen für ein so düsteres Thema.«

Baum startete den Motor und manövrierte den kleinen Pott geschickt aus der engen Liegebox. Man nahm Fahrt auf. »Ist schon schön.« Zimmermann blinzelte übers glitzernde Wasser. »Allerdings ist Genuss nicht mein vorrangiges Anliegen. Ich möchte ja eigentlich …«

»Ich weiß, ich weiß. Und muss Sie gleich enttäuschen. Von einem Olaf Hegerdorp habe ich noch nie etwas gehört. Konnte den Namen auch nicht in meinem Archivregister entdecken. Doch das will nichts heißen. Gerade dieses Kapitel unserer Geschichte weist noch viele weiße Seiten und offene Fragen auf. In dieser Hinsicht macht unsere Gegend keine Ausnahme. Zudem ist »faschistische Vergangenheit« nicht unbedingt etwas, was sich touristisch erfolgreich vermarkten lässt. Da ziehen Kraniche und Künstler, Weststrand und Windflüchter schon besser. Und Forstmeister Mueller-Darß sieht man lieber als gemütlichen Rauschebartförster mit Pfeife und Jägerhut als denn in der Uniform und Denkungsart eines SS-Brigadeführers. Doch, warum in den Darß abschweifen, wenn …« Der Heimatkundige drosselte den Motor, steuerte in eine kleine Bucht und wies zum Ufer; sie waren gerade einmal wenige hunderte Meter in östlicher Richtung gefahren. »Dort vorne, Müggenberg Ecke Kielstraße, stand einst der Alte Krug, der schon in Segebarths maritimer Räuberpistole ›De Darßer Smuggler‹ eine wichtige Rolle als Gerichtsgebäude spielt. Und der über viele Jahrzehnte geselliger Mittelpunkt des Dorfes gewesen ist. Hochzeiten und Maskenbälle, Vereinssitzungen und Chorauftritte, im Krug war immer was los. Um 1930 warb der damalige Wirt in seinem Prospekt explizit mit dem ›schönen großen Saal‹. Der dann nur elf Jahre später zum Außenlager des KZ-Neuengamme werden sollte. Etwa Anfang Januar 1941 wurden hier rund 50 Häftlinge einquartiert. Überwiegend Zeugen Jehovas. Die dann zum Schilfschneiden ins Röhricht geschickt wurden. Wo sie in dünnen Drillichanzügen und schadhaftem Schuhwerk den ganzen Tag im eiskalten Wasser standen. Nach der »Ernte«, Rohr lässt sich am besten bei Frost bearbeiten, wurden die Männer Ende Februar wieder nach Neuengamme zurückgebracht. Viele von ihnen krank und mit Erfrierungen. Und …« »Entschuldigung …« unterbrach ihn Zimmermann, »aber ist bekannt, wer zur Wachmannschaft gehörte?«

»Ja, weitgehend. Da die Lagerleitung davon ausging, dass die sogenannten »Bibelforscher«, die SS übernahm die ursprüngliche Selbstbezeichnung dieser Glaubensgemeinschaft ironisierend gemeint in ihren KZ-Jargon, aus Gründen ihrer Religion nicht fliehen würden, kam man mit relativ wenig Bewachung aus. Eine Handvoll Männer reichten. Geführt vom SS-Kommandoführer Ewald Jauch. Als sein Stellvertreter wird ein Wiehagen angeführt. Und als Postenführer ein SS-Hauptscharführer Braun. Der von Überlebenden als jähzornig und sadistisch geschildert wird. Ebenso wie der Funktionshäftling Kreft, der als Kapo fungierte. Doch ein Olaf Hegerdorp wird weder in den offiziellen Akten noch in den später aufgezeichneten Zeugenberichten erwähnt. Das gilt leider auch für das Folgelager, das im Dezember 1941 auf dem Zingst errichtet wurde. Mutmaßlich in einem Kuhstall eines verlassenen Gehöfts im Bereich der Sundischen Wiesen. Das Gebiet wurde seinerzeit von der Luftwaffe unter anderem als Bombenabwurfgelände benutzt, sodass die Bevölkerung bereits 1937 umgesiedelt worden war. Wieder war die Mehrzahl der abermals zum Schilfrohrschneiden eingesetzten Gefangenen Zeugen Jehovas. Die allerdings länger blieben. Bis April 1942. Im Stammlager war eine Fleckfieberepidemie ausgebrochen. Merkwürdigerweise wurde bei dieser Aktion die Stärke der Wachmannschaft deutlich erhöht. Ein Augenzeuge berichtete von etwa 50 Posten. Warum auch immer. Einen Hegerdorp habe ich aber in den mir zur Verfügung stehenden Unterlagen nicht finden können. Doch …«

Trommelschlag ertönte. Fanfarenklänge. Und undeutliche Stimmen. Schnarrend. Dumpf. Ein bisschen übersteuert. Undeutlich:

»Ahndungsgrau …, … mutig. … icht der … oße Morgen an. … die Sonne, … alt und blutig, leuchtet … blut’gen … nächsten Stunde … … liegt das … einer Welt. … zittern schon … … Würfel … … legt noch die … feig’ … Schoß? … legt noch die … feig’ … Schoß? … Volk steht … Sturm bricht …«

Zimmermann erkannte das Lied dennoch. Den Text. Den Kontext. Da ertönte eindeutig jener Theodor Körner-Mix aus der Innentasche von Baums Lederjacke, der einst dem Lieblingsfilm Joseph Goebbels Sound und Seele verliehen hatte: ›Kolberg‹. Jener patriotische Streifen mit dem der Propagandaminister dem deutschen Volke im Frühjahr 1945 die Zuversicht des nahen Endsieges ins Blut treiben wollte. »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!«

Ein solcher Klingelton bei einem Menschen, der ihm gerade von KZ-Außenlagern berichtet hatte, irritierte Zimmermann. Mehr als nur ein wenig. Zumal das Lied nun bereits zum dritten Mal übers Boot schmetterte. »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!«

»Entschuldigen Sie bitte, aber das Scheißding ist mal wieder ins Innenfutter geflutscht und hat sich irgendwie verheddert.« Holger Baum kämpfte immer noch mit seiner Jacke und den Tücken des Objekts. »Und, sorry, aber ich habe nun mal einen etwas speziellen Humor. Das ist nur meine Wetter-App, die mich warnt, wenn ich auf dem Bodden bin und es ungemütlich wird. Fand ich passend …«

Auch Zimmermann hatte einen etwas eigenen Humor. Dennoch ließ ihn der Vorfall ein wenig misstrauisch werden. Vorsichtig. Wenn nun Baum womöglich Hegerdorp kannte? Vielleicht ja sogar ein Gesinnungsgenosse war? Und Olaf seinen jungen Freund im Geiste auf ihn angesetzt hatte? Er schüttelte sich kurz. Seinen Argwohn ab. Bemühte sich, die angenehme Atmosphäre von zuvor wieder aufleben zu lassen. »Und was sagt der Wetterfrosch in Ihrem Telefon nun?«

»Gar nichts Gutes.« Endlich war es Baum gelungen, sein Smartphone zu befreien. Es kommt tatsächlich ein kleiner Sturm auf uns zu. Acht Beaufort und Regenböen. Wir sollten zusehen, dass wir wieder in den Hafen kommen. Leider …«

Wie zur Bestätigung seiner Prognose dröppelten bereits die ersten Regentropfen aufs Deck.

»Ich schlage vor, dass wir unsere Exkursion abbrechen und in den nächsten Tagen fortsetzen. An Land. Und zwar in Born.«

»Gerne, aber warten Sie bitte einen Moment.«

Nun hatte Zimmermann sein Smartphone gezückt. Wählte Sonntags Nummer und bat den Freund, ihn aus Wieck abzuholen. Wenn es denn möglich wäre. Es war. Für Zimmermann machte Richard Sonntag alles möglich. Fast alles. Das kleine Gerät verschwand wieder.

»Danke. Und was erwartet mich dort?«

»Zunächst ein weiterer Gasthof. Der ebenfalls von der SS beschlagnahmt wurde. Der Borner Hof. Im Frühjahr 1944. »Umgenutzt«. Wiederum als Außenlager des KZ-Neuengamme. Wobei die Häftlinge hier für die Holzkohleherstellung eingesetzt wurden. Ausgenutzt.«

»Holzkohle?« Zimmermann schaute etwas irritiert.

»Ja, als Treibstoff. Vor allem für die Lkw. Räder müssen rollen für den Sieg. Das war damals ein großes Problem, besonders in den letzten Kriegsjahren. Die Treibstofffrage hat die Oberste Heeresleitung ebenso beschäftigt wie den inneren Zirkel um Hitler. Holzkohle war da ein echter Hoffnungsträger.«

9. Gnaphosa taurica

Kempowski blickte in die glühende Holzkohle. Gedankenvoll. Es ging ihm so manches durch den Kopf. Da kam ihm eine Runde meditatives Grillen auf der Terrasse durchaus zupass. Auch wenn er eigentlich alles andere als ein Barbecue-King war und sich nicht mit Hakala-Holappa messen konnte, der ein wahrer Meister mit Zange am Rost war. Und so ein Monstergrill wie dessen Bredow würde ihm auch nicht ins Haus kommen. Wobei die hübsche Villa am Ahrenshooper Weg zum Hohen Ufer zugegebenermaßen eigentlich Elisabeth gehörte. Was ihm auch recht war, obwohl sie ja nun bereits seit gut fünf Monaten verheiratet waren.

Doch diese uralte Konstruktion aus Ziegelsteinen und Metallgestängen, die noch aus den Tagen ihrer Großtante Elfriede Paul stammte, hatte er wieder fit gemacht. Eigenhändig.

Es zischte. Fett spritzte auf. Und holte Kempowski in die Gegenwart zurück. Die Schweinemedaillons wollten gewendet werden. Außerdem musste er sich um den ausgelösten Rehrücken kümmern. Sowie um die Spieße mit Garnelen und Lachs. Es würde köstlich werden und seiner Ansicht nach perfekt zum Spargel passen, um den sich Elisabeth in der Küche kümmerte. Zimmermann und Sonntag würde es munden. Da konnte Lore Bradhering sagen, was sie wollte. Die wiederum seine Einladung kopfschüttelnd abgelehnt hatte. »Komm mir nicht mit so einem Schnickschnack. Spargel mit Grillfleisch. Das ist doch barbarisch. Zu Spargel gehören nur Salzkartoffeln und braune Butter. Höchstens noch eine Scheibe Schinken. Alles andere ist überflüssig. Nee, esst man euren neumodischen Krams alleine. Und am nächsten Sonntag kommt ihr beiden zu mir. Dann zeige ich euch mal, wie man das richtig macht.«

Richtig beleidigt hatte sie geklungen. Das Telefonat abrupt beendet. Als ob sie seine Experimentierfreude als persönlichen Angriff empfinden würde. Merkwürdig. Kempowski erschien es, als ob allesamt in der letzten Zeit dünnhäutiger geworden wären. Empfindlicher, gereizter. Das galt für Lore ebenso wie für das Team vom Partikel-Hof, wo die Spannungen zwischen Johanna Riese und Ann-Kathrin Seegers von Tag zu Tag mehr die Stimmung beeinträchtigten. Hakala-Holappa war auch nicht viel besser mit seiner geradezu manischen Besessenheit, mit der er das Schweigen Hans von Wustrows brechen wollte. Doch das hatte sich ja nun erledigt …

Dann noch Zimmermann und seine grüblerische Art. Aber er selbst konnte, musste sich ebenfalls an die eigene Nase fassen. Seitdem er wusste, dass er einen Halbbruder hatte, war er auch zumeist mit seinen Gedanken ganz woanders. Schließlich ging es ja nicht nur um einen Seitensprung seiner Mutter vor vielen Jahren, von dem sie ihm nie etwas erzählt hatte. Das war nicht das Problem. Aber zu wissen, durch Untersuchungen belegt, dass man mit einem Serienmörder verwandt ist, ihm zudem sogar äußerlich ähnelt, das beschäftigte ihn schon sehr. Was wäre, wenn ihn dann womöglich mehr mit dem Mann aus Müggenburg verbinden würde als nur die äußere Ähnlichkeit? Erst in der letzten Nacht hatte ihn diese Ungewissheit in schweißnasse Träume getrieben. Die frisch gewaschene Bettwäsche auf der Leine unterm Lindenbaum zeugte davon. Auch wenn sie scheinbar fröhlich im linden Maienwind flatterte. Erfreut beobachtet von Akeleien, Pfingstrosen, ersten Klatschmohnblüten. Ein friedliches Bild. Scheinbar. Doch trügerisches Postkartengartenidyll.

Denn hinzu kam, dass er Elisabeth noch nichts davon erzählt hatte. Aussprachen über Probleme waren nun mal nicht seine Art. Allerdings führte dies wiederum dazu, dass sein geliebtes Elseken ihm vermehrt zusetzte, seine Schweißattacken auf sein Rauchen zurückführte, seine Vorliebe für große Weine und kleine Brände. Was seine Seelennot weiter verschlimmerte.

»Kemp, wie sieht es aus, Robert hat gerade angerufen, sie werden in gut zehn Minuten da sein.«

Schon stand sie auf der Terrasse, richtete mit geschickten Griffen die Jasminblüten in kleinen Silbervasen, das gute Besteck in gleichem Material, die kunstvoll gefalteten weißen Servietten auf feinstem Tischtuch. Tauben, Schwäne und ein Pfau; Elisabeth Müller-Paul wusste um die Affinität Zimmermanns zur Vogelwelt.

»Wunderbar, mein Elseken, ich denke, in gut zwanzig Minuten wäre ich soweit. Dann passt das doch bestens und wir haben noch Zeit für einen Hugo.«

»Aber halt dich bitte zurück, ja, mein geliebter Kemp. Denk an die vergangene Nacht!« Sie versuchte neckisch mit dem Zeigefinger zu drohen. Ihr Blick zur tanzenden Wäsche sprach eine andere Sprache. Glücklicherweise verhinderte die schellende Türklingel weitere Reglementierungen. Sie enteilte.

Kehrte wenige Augenblicke später mit Zimmermann und Sonntag im Gefolge zurück. »Schau mal, mein Lieber, was die beiden Herren mitgebracht haben!«

Sie schwenkte einen riesigen Blumenstrauß vor ihrem Gesicht. »Lisianthus und Levkojen. Was für eine Pracht! Vielen …« »Besser als Jauche und Levkojen.« Zimmermann fiel ihr ins Wort und schmunzelte. Er wusste um die Freude der Bibliothekarin an literarischen Anspielungen und Verweisen. »Apropos Landidyllen. Die Herren Bernhard und Johannes lassen sich nochmals wie vielfach entschuldigen. Sie müssen zur Probe. Seitdem ihre Liebe zur Bühne erwacht ist, gibt es für die beiden nur noch eine Muse. Rund um die Uhr nahezu. Und gegen Thalias Charme sind selbst Sie machtlos, verehrte Elisabeth.«

Bernhard Gutzeit und Johannes Clauert waren tatsächlich erst vor wenigen Tagen als neue Sterne am Bühnenhimmel der Darß-Festspiele entdeckt worden. Im Borner Hafenbistro. Dort hatte Hermann Hutsch, der Intendant der Freilichtbühne, beobachtet, wie sie bei Fischbrötchen und Doppelkümmel saßen und ihre Scherze über gierige Möwen wie ungeduldige Touristen machten. Hutsch hatte auf den ersten Blick erkannt, was für komische Talente in ihnen schlummerten und sie vom Fleck weg für seine neue Inszenierung der ›Heiden von Kummerow‹ engagiert. Den pensionierten Pastor als Nachtwächter Bärensprung, einen etwas verlotterten Veteran, der nun im Armenhaus lebt. Für den Bestatter a.D. hatte Hutsch sogar eine neue Rollenidee kreiert: den tollpatschigen Totengräber Otto Diestelbruch. In beiden Fällen eine Traumbesetzung.

»Ja, das finde ich ja köstlich, dass die beiden Käuze noch einmal als Schauspieler reüssieren dürfen. Und dann noch mit Ehm Welk. Wie schön!« Müller-Paul wuselte hin und her. Derweilen sie sich weiter mit ihrem Besuch unterhielt. Suchte und fand schließlich ein passendes Gefäß fürs Bouquet im Fischlanddesign. Das natürlich hervorragend mit dem aufgedeckten Geschirr korrespondierte. Löbers typische Libellen aus dem Dornenhaus schwirrten mit Levkojen und Lisianthus einem besonderen Gaumengenuss unter freiem Himmel entgegen. Während die Hausherrin weiter schnatterte. Kempowski konzentrierte sich hingegen schweigend und verbissen auf das Finale seiner Grillperformance. Richard Sonntag assistierte ihm dabei. Sah in stiller Vorfreude dem verheißungsvollen Mahl entgegen.

Elisabeth Müller-Paul hatte derweilen mehrere Schüsseln mit Spargel sowie Saucieren aufgetischt. Sonntag ließ seinen Blick über die Speiselandschaft wandern. Suchend. Die Gastgeberin nahm ihn auf. Kam seiner Frage zuvor. »Auf Kartoffeln werden Sie verzichten müssen, mein lieber Herr Richard. Low-Carb heißt die Devise. Damit wir alle bald wieder eine Bella Figura für den Strand haben.« Ihr »alle« galt jedoch vornehmlich Kempowski, dessen Leibesmitte seine Gattin bei ihren Worten Missbilligung geschenkt hatte.

»Nun darf ich Sie aber zu Tisch bitten, meine Herren. Und zugleich um noch einen klitzekleinen Augenblick für …«

Zimmermann ahnte, was nun kam. So gut kannte er die Bibliothekarin und Büchernärrin, dass ihm klar war, dass sie es nicht bei einem einfachen »Guten Appetit!« bewenden lassen konnte.

Mindestens ein Zitat oder einige poetische Zeilen als Vorspeise mussten es sein. Er sollte recht behalten.

»… für ein, zwei Verse meiner verehrten Martha Müller-Grählert:

›Mailied

Maientied, güldne Tied,

Endlich werret ist’s sowiet!

Blaumenbläder fallen sacht,

Sünnenschien, de blänkt un lacht,

Un min Seel, so wintermeud,

De juchzt vör Freud!‹«

Sie machte eine kurze Pause. Bedeutungsvoll. Setzte dann fort.

»›Maientied, gülden Tied,

Ach, so rasch büst du avsiet!

Nächstes Johr, dat kann woll sin,

Dat ick hier denn nich mihr bün,

Blumenbläder fallen av

Denn up min Grav!‹

Schön, nicht wahr? Aber was schaut ihr denn so bedröppelt? Martha war nun einmal auch eine Freundin der melancholischen Töne. Ließ nicht nur die Ostseewellen munter an den Strand trecken, sondern auch den Herbst, den Tod, die Vergänglichkeit zu Worte kommen. Doch, ich habe auch noch etwas Heiteres auf Lager. Ohren auf:

›Asparagus

Wenn im Mai bläst Pan die Flöte,

Weil es Wonnemonat ist,

Schießt der Spargel auf vom Beete,

Das gedüngt mit Pferdemist.

Morgens kommen weiße Köpfe

Aus der grauen Erd’ heraus.

Mittags schleicht schon aus Töpfen

Wundersamer Duft ums Haus.

Ach, welch eine schöne Gabe

Hast Du, Herr uns da bestellt!

Wenn ich einen Spargel habe,

Habe ich die ganze Welt.‹

Julie Schrader, der ›Welfische Schwan‹. Allerdings ist ja ihre Autorinnenschaft inzwischen sehr umstritten. Auch so eine Geschichte. War eine ganz einfache Frau aus dem Hannöverschen. Hat als Magd, Hausdame gearbeitet. Und ist ins Wasser gegangen. Am 17. November 1939. Einen Tag später ist dann Martha Müller-Grählert gestorben. Ist das nicht sonderbar? Wie so alles zusammenhängt … Doch …«

Die drei Männer wurden langsam ungeduldig. Konnten den einladenden Aromen kaum noch widerstehen. So erlöste sie die Gastgeberin. Endlich.

»Laat jo nich lang nödigen!«

Das ließen sich die drei Hungerherren wahrlich nicht. Sie legten los. Füllten Teller. Leerten sie. Genossen Wein, Grillgut und die subterranen Leckerstangen. Still. Schweigend. Dezent schmatzend.

Derweilen Elisabeth Müller-Paul weiter plapperte. Natürlich von ihrem Lieblingsthema. Der Bücherwelt. Lobpreiste so wortreich die neue Entdeckung für das Literaturprogramm des Partikel-Hofes: Hans Jürgen von der Wense, eine schillernde wie originelle Universalgelehrtenpersönlichkeit, der zum Freundeskreis der Wustrower Künstlerin Hedwig Woermann gehört hatte. In den Zwanzigerjahren war er oftmals auf dem Fischland, durchwanderte die Halbinsel, bevorzugt in den Wintermonaten, und arbeitete eine Zeitlang vor Ort, wo ihm Woermann und ihr Künstlergatte Johann Jaenichen in der alten Fischräucherei in Barnstorf Arbeitszimmer und Unterschlupf eingerichtet hatten.

Müller-Paul war vollkommen fasziniert von diesem Paradiesvogel, der zeitlebens keinem offiziellen Beruf nachgegangen war, dafür aber als Komponist, Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Übersetzer höchst exotischer Sprachen einen ganz eigenen Kosmos geschaffen hatte. Sie bezeichnete ihn als »Mystagogen«, als Priester geheimnisvoller Mysterienkulte. Gerhard Schiffers würde von der Wense zum Eröffnungsspektakel des neuen Museums einen Vortrag widmen und ihn in den folgenden Wochen in mehreren Lesungen vorstellen.

Kempowski kam nicht umhin, Elisabeths Begeisterung mit etwas gemischten Gefühlen zu registrieren. Schließlich waren sie und der Buchhändler lange Jahre ein Paar gewesen. Er zog es dennoch vor, auf bissige Kommentare zu verzichten, die ihm auf der Zunge lagen. Schiffers doch etwas unstetes Liebesleben lieferte dafür ja genug Stoff.

Stattdessen ließ er sich das letzte Spargelköpfchen auf der Zunge zergehen und hüllte sich in Schweigen wie freudige Erwartung des Desserts. Ein leichtes Erdbeer-Sorbet.

Elisabeth holte es gerade aus der Küche, als das Telefon klingelte. Festanschluss. Dennoch mit Marthas Lied von den Ostseewellen als Fanfare. Sie balancierte das Tablett mit den vorgekühlten Schälchen in der einen Hand. Nahm mit der anderen den Hörer ab. Meldete sich flötend. »Elisabeth Müller-Paul. Einen wunderschönen Maientag.« Wenige Momente später nur knallte der Nachtisch aufs Korridorparkett. Scherben klirrten. Erdbeereiskristalle kullerten über den Boden. Und Elisabeths Erschrecken bahnte sich den Weg zur Tafelrunde. Lauthals. »Was? Oh Gott, das darf doch nicht wahr sein! Eine Leiche? In Zingst? Auf dem Friedhof? Mitten auf dem Grab von Martha Müller-Grählert?«

10. Araneus stella

Eine gute halbe Stunde später näherten sich Kempowski und Elisabeth Müller-Paul dem Friedhof der Peter-Pauls-Kirche. Zimmermann hatte darauf verzichtet, sie nach Zingst zu begleiten. Mit neuen Leichen wollte er so wenig wie möglich zu tun haben. Ihm reichte die Leiche im Keller seiner Erinnerung. Stattdessen hatte er angeboten, dass Sonntag und er in Ahrenshoop aufräumen würden, die Spuren des Sorbets entsorgen und auch Klarschiff auf der Terrasse machen.

So waren die Bibliothekarin und ihr Mann unverzüglich aufgebrochen, um sich selbst vor Ort ein Bild zu machen. Der Anruf von Herrn Arlt hatte Elisabeth zutiefst erschüttert. Nicht nur, dass es sie empörte, die Grabstelle der von ihr so geschätzten Heimatdichterin dergestalt entweiht zu wissen. Ihr lagen auch die Arlts am Herzen, die sich als geistige Nachlassverwalter mit Leidenschaft und Liebe um das Werk Müller-Grählerts kümmerten.

»Mist. Pass doch auf, du Hornochse!« Kempowski fluchte. Hupte. Sehnte sich nach einer Zigarette. Wandte sich dann an sein geliebtes Elseken. »Nur Idioten unterwegs. Und kein Parkplatz in Sicht. Ein Auftrieb hier wie beim Hafenfest.« Er hatte recht. Die ohnehin engen Straßen des Seebades waren mit Autos verstopft, die sich alle im Schritttempo scheinbar nur einem Ziel zu nähern schienen – dem Friedhof. Hinzu kamen die obligaten Schwärme von Radfahrern sowie jede Menge Fußgänger. Die Nachricht vom Leichenfund auf dem Grab der Poetin hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen und Touristen wie Eingeborene mobilisiert. Allerdings hatte die Polizei das Areal der Begierde weiträumig abgesperrt und etliche Uniformierte eingesetzt, um den Massen der Schaulustigen Einhalt zu gebieten.

Das erkannte auch Kempowski, der zudem Sorge um seinen Wagen hatte – einen wunderschönen Wartburg in Cabrioausführung und Zweifarbenlack. »Weißt du was? Bevor mir hier noch einer eine Schramme oder Beule verpasst, schlage ich vor, du rufst deinen Herrn Arlt an, wir holen ihn an seinem Standort ab und suchen uns ein etwas friedlicheres Plätzchen, wo er uns alles in aller Ruhe erzählen kann. Am besten, du zwängelst dich schon mal nach hinten auf die Rückbank.«

»Ich muss mich nicht zwängeln, mein lieber Kemp.« Elisabeth klang beleidigt. Betonte das »Ich« mit Nachdruck. Nutzte dann jedoch einen weiteren Augenblick des Stoppens, um flink die Sitzposition zu wechseln. »Aber dein Vorschlag ist gut. Halt, da vorne steht er ja schon. Huhu, hallo, Herr Arlt, hier sind wir!«

Der so angerufene ältere Herr wirkte zunächst etwas verwirrt. Schaute sich suchend um und erkannte dann doch Elisabeth Müller-Paul. Zögerlichen Schrittes näherte er sich dem noch immer stehenden Wartburg und kletterte ins Wageninnere.

»Vielen lieben Dank, Frau Müller-Paul, dass Sie gleich gekommen sind. Auch an Sie, Herr Kempowski. Das ist ja alles so fürchterlich schrecklich, wissen Sie …«

»Entschuldigen Sie bitte, aber wenn Sie sich noch ein bisschen gedulden möchten. Ich muss mich hier höllisch konzentrieren, damit es keine weiteren Toten gibt.« Kempowski hatte zu einem waghalsigen Wendemanöver angesetzt. Steuerte unter abermaligem Fluchen und Hupen sein Gefährt in entgegengesetzte Richtung. Fort von Friedhof und Unruheherd.

Nach einigen weiteren Kehren und Haken lichtete sich das Gewusel. Und vorm hübschen Café Rosengarten in der Strandstraße warteten dann tatsächlich ein freier Parkplatz sowie ein ebensolcher Tisch mit drei Stühlen auf sie. Was außergewöhnlich war. Doch der Brennpunkt des allgemeinen Interesses lag nun aktuell anderenorts. Wenige Minuten später saßen sie. Bereits mit der ersten Bestellung versorgt. Drei stillen Wassern. Das Beste bei so viel Tumult.

»So, nun lieber Herr Arlt, erzählen Sie doch bitte ganz in Ruhe, was genau passiert ist. Möchten Sie nicht doch einen Espresso, vielleicht einen Irish Coffee, ein Stückchen Kuchen? Sie sehen blass aus. Brauchen Sie etwas Süßes? Wegen der Unterzuckerung?« Elisabeth reichte ihm die Karte. Schaute ihn besorgt an.

»Nein danke, mir ist jeder Appetit vergangen.« Arlt nippte an seinem Wasser. »Aber, das werden Sie gleich verstehen. Also, die Martha, nicht unsere, nein, die Martha Ahlfänger, eine Schulfreundin von meiner Gattin, hat schon allein aufgrund des Vornamens eine besonders innige Beziehung zum »lütten Sparling«, wie wir die Dichterin gerne unter uns nennen. Lütten Sparling, so hat sie sich ja auch selbst bezeichnet, bescheiden wir sie war, die Gute. Aber, zurück. Die Martha kümmert sich daher seit Jahren, Jahrzehnten liebevoll um die Grabstätte, pflanzt, gießt, schneidet alte Blüten ab, harkt die Wege. Ist auch wirklich immer tadellos in Schuss.« Er nahm einen weiteren Schluck.

»Das macht sie meistens immer schon in aller Frühe. Aller Herrgottsfrühe, der Friedhof wird ja nicht abgeschlossen und die Martha kann nicht mehr so gut und lange schlafen. Und gerade so zu dieser Jahreszeit ist das ein herrlicher Ort. Oft nimmt sie auch noch ein Büchlein mit, liest dem »lütten Sparling« etwas vor …«

»Sicherlich sehr idyllisch, doch … Stört es Sie, wenn ich rauche?« Kempowski hatte sich eigentlich zurückhalten wollen. Aus Rücksicht auf den arg angeschlagenen Herren. Doch dessen Weitschweifigkeit ließ ihm keine andere Wahl. Er griff zu Etui und Feuerzeug.

»So, nur zu, nur zu. Haben Sie vielleicht auch eine für mich? Habe zwar vor über dreißig Jahren aufgehört, aber …« Mit etwas zittrigen Fingern nahm er die angebotene Zigarette, benötigte drei Versuche, bis sie brannte, inhalierte ungeübt, musste hüsteln.

»Danke sehr. Wo war ich stehengeblieben? Genau, bei Martha. Heute am frühen Morgen. Schon als sie durch die kleine Tür schritt, spürte sie, dass etwas nicht stimmt. Allerdings sieht sie nicht mehr so gut. Konnte daher zunächst nur erahnen, dass da etwas auf der Grabstelle steht. Irgendetwas Großes, Weißes, nicht der normale Müll, der da doch mal so landet wie alte Papiertaschentücher, Getränkedosen und so. Als sie dann nähergekommen war, dachte sie zunächst an einen Scherz von Kindern oder Jugendlichen. Wissen Sie, wie bei diesem Halloween-Unfug, da werden ja manchmal Gartenpforten, Laternen, sogar Autos mit Klopapier eingewickelt. Dann jedoch, ein paar Schritte weiter, hätte sie beinahe der Schlag getroffen. Doch, sehen Sie selbst. Denn Martha hat wirklich Courage bewiesen. Und Fotos gemacht. Mit ihrem Smartphone. Hat erst vor Kurzem so einen Kurs gemacht. Im Max Hünten Haus. Wurde ihr von ihrem Enkel spendiert.«

Herr Arlt nestelte nun sein eigenes Gerät hervor. Wischelte mit Zitterfingern über die Oberfläche. Die gewünschten Aufnahmen erschienen. Die verwünschten.

»Schauen Sie! Ist das nicht entsetzlich? Hat sie mir gleich geschickt. Noch bevor sie die Polizei angerufen hat.« Müller-Paul und Kempowski schauten wie gebannt auf das Display. Folgten dem Weg der Bilder. Was sie preisgaben, war wirklich entsetzlich. Entsetzlich wie grotesk. Mitten auf dem Grab, inmitten eines kleinen Rondells von platt getrampelten Stiefmütterchen in Blassblau und Schwarzgelb saß eine Person auf einem Rollator. Eigentlich und abgesehen vom Standort kein unüblicher Anblick. Gerade auf Friedhöfen.

Eigentlich, denn dieser Ruhende ruhte sich für alle Ewigkeiten aus. Und war zudem nahezu vollkommen eingehüllt. In Verbandsstoff. Es mussten etliche Meter Mullbinde sein, mit dem der Tote eingewickelt worden war. Kopf, Körper, alle Gliedmaßen eingeschlossen. Mumiengleich. Arme und Beine am Rollator fixiert. Im Bereich der Augen zeichneten sich zwei Flecken ab. Rote. Dunkelrote. Und um den Hals eine Schlinge aus gleichem Material, deren anderes Ende um das schöne Kreuz im Hintergrund geknotet war. Kurz unter den Zeilen Hier ist mine Heimat, hier bün ick tu Hus. Ein paar Bänder hatten sich gelöst. In einem Ginsterstrauch verfangen. Marthas geliebter gäler Ginster.

»Makaber. Auch noch eine?« Kempowski fand nur langsam die Sprache wieder. Zumal ihm schon beim Anblick der ersten Fotos ein Gedanke gekommen war. Den er aber fortwischen wollte. Wegpusten. Mit dem Rauch einer weiteren Zigarette.

Auch die ansonsten so redselige und wortreiche Literaturfreundin fand nur langsam aus der Sprachlosigkeit zurück. »Unglaublich, einfach unglaublich. Weiß man schon, wer der Unglückliche ist? Dürfte ja ein Mann sein, auch wenn man das Gesicht nicht sieht.«

»Ja, das ist, das war der Dr. Eibesfeld. Dr. Hanno Eibesfeld. Ein ehemaliger Arzt. Aber schon lange im Ruhestand. Hat hier um die Ecke gewohnt. Rosenberg. Rosenberg 1. Sehr schönes Haus. Ein unglaublich sympathischer Herr. Älter schon, so Mitte achtzig. Aber noch sehr rüstig. Ist, war auch ein großer Freund von unsrem »lütten Sparling«. Tragisch ist das. Unfassbar. Kann ich noch eine haben?« Arlt schien das Defizit aus dreißig Jahren Nichtrauchersein an einem Nachmittag kompensieren zu wollen. Gewann zunehmend Routine. Zog kräftig.

»War fast immer bei unseren Lesungen und Vorträgen dabei, hier im Museumshof wie bei uns in Barth. Außerdem hat er unsere Arbeit unterstützt. Finanziell. War immer sehr großzügig. Ein herber Verlust. Als Mensch wie als Mäzen …« Ein tiefer Seufzer begleitete einen weiteren Rauchkringel.

»Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wer das gemacht hat?« Ein Raucherwölkchen von Kempowski gesellte sich zu dem des Müller-Grählert-Enthusiasten.

»Das haben mich die Beamten von der Kripo auch gefragt. Haben mich stundenlang gepiesackt. Bloß weil ich natürlich nach Marthas Anruf rübergekommen bin. Schließlich fühle ich mich ja auch verantwortlich für das hier, in gewisser Weise. Aber, ich habe keine Ahnung. Familie hatte der Hanno nicht mehr. Zumindest hat er darüber nie gesprochen. Gekümmert hat sich um ihn seine Zugehfrau. Eine sehr nette junge Dame aus Polen. Doch da war nichts anderes im Spiel, also über Einkaufen, Saubermachen, Wäsche waschen, Bügeln und so hinaus. Obwohl das die Polizisten natürlich bezweifeln. Aber die haben sogar allen Ernstes die Überlegung in den Raum gestellt, dass sich dieser Leichenfund möglicherweise »positiv« auf das Interesse an unserer Martha auswirken wird. Was ja durchaus in meinem Interesse als Verleger ihres Werkes sein könnte. Eine Unverschämtheit, solch eine infame Unterstellung. Ich behalte mir vor, das nicht auf sich beruhen zu lassen.«

»Handelt es sich bei den Beamten vielleicht um ein Vater und Sohn-Team namens Meinhard? Rico und Leon Meinhard?«

»Richtig, Herr Kempowski, genau. Die Meinhards. Unmögliche Leute. Woher wissen Sie das? Kennen Sie die beiden?«

»Kennen ist zu viel gesagt. Aber, ich habe so meine Erfahrungen mit ihnen machen dürfen. Müssen. Die verdächtigen gern auf blauen Dunst hinaus. Machen Sie sich bloß keine Sorgen. Obwohl, ich glaube nicht, dass der arme Doktor zufällig auf dem Grab der armen Dichterin drapiert wurde. Haben die Meinhards irgendeine Bemerkung fallen lassen, ob der Fundort auch der Tatort ist? Das machen die nämlich auch gerne, sich vorschnell verplappern und interne Informationen an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen.«

»Stimmt, da war was. Während ich mit dem Junior im Bus saß und der mir Löcher in den Bauch fragte; hatte natürlich überhaupt keine Ahnung, wer Martha Müller-Grählert war, dieser Kulturbanause, hat der Senior draußen mit einem recht dicken Mann in so einem weißen Anzug gesprochen. Bei offener Wagentür. So konnte ich aufschnappen, dass Hanno schon länger tot war, als er …« Arlt suchte nach Worten. Fand keine passenden. Fuhr mit kleiner Pause fort.

»… und höchstwahrscheinlich am frühen Abend getötet wurde. Erdrosselt. Und dann haben sie ihm auch noch die Augen ausgestochen.«

»Wie bei Majakowski. Und diesem Wittenborn. Damals, im Dornenhaus. Damals, vor einem guten Jahr. Kemp, mir ist unheimlich.« Elisabeth Müller-Paul fand ins Gespräch zurück. Griff nach Kempowskis Arm. Krallte sich beinahe hinein. »Geht das schon wieder los?«

Darauf wusste er keine Antwort. Er drehte sich um. Fühlte sich auf unangenehme Weise beobachtet. Konnte aber niemanden entdecken, der ihn fixierte. Stattdessen erblickte er drei neue Gäste, die sich den Weg durch die gerade erst erblühenden Rosensträucher des Gartens bahnten. Zarte Knospen harrten ihrer Entfaltung. Ihre eigene Blüte lag hingegen schon länger zurück. Die älteste der Damen machte auf halber Strecke einen Zwischenstopp. Musste kurz verschnaufen. Setzte sich umständlich wie vorsichtig auf die kleine Sitzfläche ihres Rollators. Eine kleine Gänsehaut eroberte Kempowskis Unterarme.

11. Olios suavis

Zimmermann schwitzte. Humpelte. Stöhnte. Wünschte sich insgeheim so einen Rollator an seiner Seite, über den er noch in den Morgenstunden mit Holger Baum gelästert hatte. Beziehungsweise felsenfest geleugnet hatte, dass er so einer Gehhilfe bedürfe. »Wissen Sie, junger Mann, wenn ich erst einmal hinter so einem Wägelchen hertröppele, dann ist es nicht mehr lange hin bis zum Treppenlift, zum Badewannenkran, geriatrischen Hygieneartikeln und ähnlichen Utensilien des Untergangs. Wenn es soweit ist, schaffe ich mir doch lieber eine großkalibrige Handfeuerwaffe an. Auf Ratenzahlung.«

Dem Heimatpfleger hatte Zimmermanns Haltung imponiert. »Respekt, Herr Zimmermann, aber Sie wissen schon, dass wir einen Fußmarsch durch den Ort vor uns haben?«

Er hatte nur milde gelächelt. Lakonisch geantwortet. »Ich habe schon ganz anderes überstanden.« Das stimmte wohl: Shoa. Emigration. Die Odyssee, bis Zimmermanns endlich in Kanada eine neue Heimat gefunden hatten. Das Erlernen der neuen Sprache. Und dann das ganz normale Hamsterradrennen: Highschool, Studium, Selbstständigkeit. Mehrere berufliche Schiffbrüche. Zwei Ehen. Kinderlos. Womöglich dadurch begründet zwei Ehefrauen mit Alkoholproblemen. Zuletzt dann noch die Rückkehr nach Deutschland und das Chaos, das er durch sein Auftauchen in Ahrenshoop ausgelöst hatte. Da würde er doch einen Spaziergang durch Born mit links wegstecken. Überdies besaß Zimmermann noch genügend männliche Eitelkeit, um mehr als nur ein bisschen stolz darauf zu sein, dass er noch so gut in Schuss war. In jederlei Hinsicht. Immerhin war er im März neunzig geworden. Ohne dies jedoch in seinem Kreis großartig publik zu machen oder gar zu feiern. Derlei Saturnalien lagen ihm nicht.

»Außerdem kann so ein Zwiebelporsche ja auch einen Risikofaktor darstellen. Denken Sie an den »Mumienmörder«, wie der Täter inzwischen in den Schlagzeilen genannt wird.« Natürlich hatte es sich Holger Baum nicht verkneifen können, auf den Rollator vom Zingster Friedhof anzuspielen. Der Fund des toten Arztes war seit der grausigen Entdeckung vor zwei Tagen Gesprächsthema Nummer eins auf der Halbinsel. Auch in der Pension Kuhfuß. Lore Bradhering ließ keine Gelegenheit ungenutzt, davon zu sprechen und nornenhaft darüber zu räsonieren, dass es nun wieder losginge und sie alle in Gefahr seien. In großer. Sie verließ seitdem das Haus nicht mehr alleine und hatte sich daher für den heutigen Tag Richard Sonntag als Begleiter für diverse Arztbesuche und Besorgungswege reserviert. Zimmermann war es recht gewesen; beschäftigte sich doch auch der treue Gefährte für seinen Geschmack zu intensiv mit dem Mordgeschehen. Gestern Abend hatte er ihm ernsthaft vorgeschlagen, dass das Borner Team auf eigene Faust Ermittlungen anstellen solle, um möglicherweise Ärgerem vorzubeugen. Wo sie doch im vergangenen Herbst maßgeblichen Anteil an der Lösung jener mysteriösen Mordserie gehabt hatten, insbesondere er, Robert Aaron Zimmermann, wertvolle Hinweise liefern konnte.

Er hatte abgelehnt. Kategorisch. Auf seine eigene, persönliche Mission verwiesen, der er sich ganz und gar mit voller Energie widmen wollte. Der Suche nach Olaf Hegerdorp.

Ebenso energisch hatte er Holger Baum gebeten, den »Mumienmörder« ruhen zu lassen und zu ihrem eigentlichen Ansinnen zu wechseln: dem KZ-Außenlager Born.

Ausgangspunkt ihrer kleinen Zeitreise war der Borner Hof am Ende der Schulstraße gewesen. Um 1872 hatte der Kapitän Reinhold Witt an dieser Stelle zunächst einen Kolonialwarenladen eröffnet, den er 1885 zur Gastwirtschaft mit Saal und Fremdenzimmern ausbauen ließ. Unter dem Namen Witt’s Hotel entwickelte sich der Betrieb in wenigen Jahren zum ersten Haus am Platz. Unter anderem ließ sich Prinz Eitel Friedrich, der zweite Sohn des Kaisers, von hier aus mit erlesenen Getränken und Tabakwaren beliefern, wenn er und seine Entourage zur Jagd auf dem Darß weilten.

In den Dreißigerjahren wechselte der Besitzer und fortan führte Max Albitius die Wirtschaft als Borner Hof. Dem übrigens, wie der Heimatkundige augenzwinkernd anmerkte, Martha Müller-Grählert ein Gedicht gewidmet hatte.

Im Frühjahr 1944 dann die Beschlagnahmung durch die SS. Die Fenster wurden vergittert und im ehemals von Lachen und Juchzen erfüllten Festsaal zog das Schweigen der ersten Häftlinge ein. Wobei, wie Baum einfügte, bereits vorher in der Alten Oberförsterei vier Häftlingsfrauen untergebracht worden waren. Alle Zeuginnen Jehovas, abkommandiert aus dem KZ-Ravensbrück. Das Forsthaus, das heute das Forst- und Jagdmuseum Ferdinand von Raesfeld beherbergt, sollte später auch noch von ihnen angesteuert werden.

Zunächst hatten sich Baum und Zimmermann aber auf den Weg zum einstigen Standort der Borner SS-Meilerei begeben. Mitten durch den Ort. Mitten durch den damaligen Alltag der Bevölkerung. So wie mutmaßlich jene Männer damals; anfangs eine relativ kleine Gruppe von 15 Mann, die im September 1944 um gut 100 russische Kriegsgefangene aufgestockt wurde.

Für den Heimatfreund war es wichtig, den Weg der Häftlinge nachzuschreiten. Jeden Meter. Er hatte das mit Verve begründet. »Sicherlich, die Geschehnisse und Verhältnisse hier vor Ort sind nicht mit jenen in den großen Lagern zu vergleichen. Nicht einmal mit denen in Barth. Doch gerade diese Verankerung mitten im Dorf hat für mich etwas Besonderes. Hier gehörten Faschismus und Unmenschlichkeit zum ganz normalen Leben. Wohnten sozusagen Tür an Tür. Lauerten hinter Gartenzaun, Sonnenblumen und Eibenhecken. Die täglich präsente »Banalität des Bösen«. Wie es auch etliche Aussagen von Zeitzeugen belegen. Hier konnte man nicht wegschauen, von nichts wissen wollen. Das Gedenken daran ist, gerade weil nichts Spektakuläres zu sehen ist, für mich auch ein Bestandteil der Erinnerungskultur. Insbesondere in der gegenwärtigen Zeit.«

So waren sie vom Borner Hof über Schulstraße und Kurze Straße zum Straßenzug Im Moor marschiert. Dann ein längeres Stück geradeaus. Am Friedhof vorbei. Und dann rechts abgebogen und Am Wald entlang. »Hier müssen Sie sich die Meilerei vorstellen.« Holger Baum hatte auf ein Waldstück vor ihnen gewiesen, das zwischen den beiden Männern und der L21 im Hintergrund lag. »Wobei dies ja die zweite war. Die erste war anfangs bei Bliesenrade. Können wir nachher auch noch hin. Mittelfristig war der Betrieb zu uneffektiv, sodass man direkt an den Darßrand wechselte. Direkt zum begehrten Rohstoff, dem wertvollen Holz. Für dessen Einschlag der überwiegende Teil der Gefangenen zu sorgen hatte. Es ging ja eben auch um wirtschaftliche Interessen.«

Zimmermann hatte aufmerksam zugehört. In das schöne Stückchen Natur vor sich geschaut. Und versucht, sich Szenen aus jener fernen Zeit vorzustellen, die ihm gegenwärtig sehr nah war. Zu nah. Denn außer hochinteressanten Informationen hatte der Chronist leider auch eine negative Nachricht in seinem kleinen Wanderrucksack. In den erhaltenen Dokumenten zu den SS-Wachmannschaften war kein Olaf Hegerdorp zu finden. Die meisten der eingesetzten Männer kamen zudem nicht aus der Gegend.

Ungeachtet dieser Enttäuschung fühlte Zimmermann, dass ihn dieser Gang seinem Ziel nähergebracht hatte, bringen würde. Er war ein Stück weiter in die Atmosphäre jener Epoche eingedrungen, spürte den Zeitgeist jener Jahre.

So hatte er weiter versonnen auf die grünbraune Wand vor ihm geblickt. Impressionen imaginiert. Hatte die Köhleröfen, die sogenannten »Retorten« gesehen. Die arbeitenden Männer in verschlissener Sträflingskleidung und derben Holzschuhen. Russische Wortfetzen gehört. Deutsche Befehle. Bellende Schäferhunde. Und das Lied der schlagenden Äxte und fallenden Bäume.

Sowie ein sich näherndes Fahrrad, dessen Rumpeln von Singsang begleitet gewesen war. »Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg …« Und sich genähert hatte. Der Gegenwart entgegen. Zimmermann hatte Ross und Reiter, Gespann und Radler sogleich erkannt: Bastian, den eigenwilligen Künstler und Stipendiaten des Partikel-Hofes. Auf seinem vollgeladenen Anhänger Dung. Von den Rindern des Gutes. Den er wahrscheinlich für eine seiner Arbeiten benötigte.

»Kennen Sie den?« Holger Baum hatte Bastian kurz, aber freundlich zugenickt. »Komischer Vogel. Doch eine Seele von Mensch. Kümmert sich ganz rührend um das »Russengrab« auf unserem Friedhof. Ganz in der Ecke. Im Armesünderwinkel. Wo im Oktober 1944 fünf Männer verscharrt wurden, die von der SS auf der Flucht erschossen worden waren. Dieser Bursche hat tatsächlich den Gedenkstein gesäubert, die Inschrift erneuert, das Gesträuch beschnitten. Und eine Art Gesteck gebastelt. Aus Stacheldraht, den er um einen alten Löffel gewunden hat. Einen uralten Löffel. Verbogen. Patiniert. Den er hier im Wäldchen ausgegraben haben will. Oh, Entschuldigung …« Baums Smartphone hatte sich bemerkbar gemacht. Diesmal mit der dezenten Melodie der Müller-Grählertschen Ostseewellen. »Meine Mutter …«

Nach zwei, drei Minuten Wortgewechsel hatte er das Gespräch beendet. Und leider auch die gemeinsame Exkursion. »So ein Mist, tut mir leid, aufrichtig leid. Aber wir haben einen Wasserschaden. Die alte Waschmaschine in der Küche. Da ist irgendein Schlauch losgegangen. Während meine Frau Mama einkaufen war. Jetzt ist Sturmflut in unserer Hütte angesagt. Sorry, aber den Rest des Programms können wir ja die Tage nachholen. Wollen Sie mit zurück zum Borner Hof? Habe dort meinen Wagen geparkt.«

Zimmermann hatte sich entschieden, noch zu bleiben. Beziehungsweise seinen Fantasien zu folgen. Das Bild vom Löffel hatte ihn angeregt. Zutiefst bewegt. So hatte er sich von Holger Baum dankend verabschiedet, ihm viel Glück im Kampf mit den Wassermassen gewünscht. Und sich in seinen eigenen gestürzt. Ins Unterholz des Waldes.

Mit stetem Blick auf den Boden war er so durch den Forst gestromert. In der vagen Hoffnung, womöglich auch ein Artefakt zu entdecken. Dem Waldboden zu entreißen. Dem Vergessen. Was ihm jedoch nicht beschieden war. Zudem hatte er sich verfranzt. Die Orientierung verloren. Obgleich er sogar sein Smartphone am Mann hatte. Was ihm jedoch ohne Empfang auch nichts nützte.

Gut eine Stunde war er so durchs Dickicht gestolpert. Von Mücken zerstochen. Von Farnwedeln gepeitscht. Bestimmt hatte er sich auch noch Zecken eingefangen.

Endlich hatte sich der Urwald gelichtet und er war an eine Weide gelangt. An dessen Elektrozaun er vorsichtig Richtung Straße weitergegangen war. Die erste Abzweigung von der Bäderstraße nach Born. Höhe Ibenhorst.

Nun schwitzte er. Kratzte seine Insektenstiche. Fluchte leise. Vor ihm lagen noch mindestens drei Kilometer. Und das bei nunmehr prallem Sonnenschein.

So besann sich Zimmermann aufs gute alte Hitchhiking. Jene günstigste Form des Reisens, die ihn als Studenten oft durch die Weiten Kanadas geführt hatte.

Er drehte sich um. Hielt keck den Daumen in die Höhe. Setzte eine vertrauenserweckende Unschuldsmiene auf.

Prompt näherte sich ein Auto. Als ob es auf ihn gewartet hätte. Ein älteres Fahrzeug. Der ziemlich verschmutzte Kombi verringerte die Geschwindigkeit. Bremste. Hielt an. Zimmermann beglückwünschte sich zu seinem Einfall. Begrüßte den Fahrer. Äußerte seine Bitte. »Guten Tag, fahren Sie nach Born, Ortsmitte, und können mich ein Stück mitnehmen?«

»Kein Problem. Steigen Sie ein. Nur herein in die gute Stube.« Der Fahrer lächelte mit einladender Geste. Ein junger Mann. Etwa Anfang dreißig. Das dunkle Haar kurz geschnitten. Der Vollbart ebenfalls gestutzt. Dazu ein schwarzrot kariertes Hemd. Hochgekrempelte Ärmel. Zimmermann fand ihn sympathisch. Wusste inzwischen, dass der Look kanadischer Holzfäller auch hierzulande recht beliebt war.

Plötzlich ertönte etwas von der Rückbank. Schon wieder ein Handy. Mit höchst unangenehmen Klingelton. »Die Fahne hoch, die Reihen festgeschlossen …«

Das Horst-Wessel-Lied. Zimmermann erkannte es. Drehte sich um. Und sah nun in das runde, fette und mit Pickeln übersäte Gesicht eines kahlgeschorenen Mannes. Der ihn frech angrinste und blitzschnell ein mit einer stark riechenden Flüssigkeit getränktes Tuch vors Gesicht presste. Dann schwanden ihm die Sinne.

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331 p. 2 illustrations
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