Read the book: «Bismarck: Der Monolith - Reflexionen am Beginn des 21. Jahrhunderts»

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Herausgegeben von Tilman Mayer

Geleitwort
Peter Altmaiera

Vor 200 Jahren wurde Otto von Bismarck geboren, und noch immer arbeitet sich die politische Debatte an ihm ab: Bewunderer und Kritiker sind gleichermaßen beteiligt. Kein anderer deutscher Staatsmann stand oder steht seit so langer Zeit im Zentrum der politischen und historischen Kontroverse, über niemanden wurden mehr Bücher und Aufsätze geschrieben als über Otto von Bismarck.

Das mag an seiner Persönlichkeit liegen, die auch heute noch imponiert. Seine physische, seine intellektuelle und seine konzeptionelle Kraft ließen ihn weit herausragen über regierende Fürsten und Politiker seiner Zeit. Egomanie und Egozentrik sondergleichen waren gepaart mit einem Bewusstsein staatspolitischer Verantwortung, wie man es ansatzweise erst wieder bei Konrad Adenauer findet. Es liegt ganz sicher auch daran, dass Otto von Bismarck zeitlebens den Meinungskampf suchte, dass er das Land, das er mit so viel Mühe geeint hatte, hernach fast zwei Jahrzehnte lang lustvoll polarisierte, wie kein anderer vor oder nach ihm.

Es liegt aber auch, und ganz besonders, an seiner ungebrochenen Aktualität: Otto von Bismarck ist ein Mann von heute, nicht von gestern. Auf Schritt und Tritt, wo immer wir gehen oder stehen, wir befinden uns in der Kontinuität seiner Weichenstellungen und Entscheidungen, viel mehr, als den meisten von uns überhaupt bewusst ist. Die moderne Staatlichkeit Deutschlands, seine föderale Verfasstheit, seine Institutionen und politischen Strukturen, seine Wirtschafts- und Sozialverfassung sind im Wesentlichen das Werk Otto von Bismarcks. Die Kraftlinien, die von diesem Werk ausgehen, sind ungebrochen, über alle Wechselfälle der Geschichte hinweg. Die großen Fragen, die ihn bewegt haben, bewegen uns noch heute: von der Außenpolitik über den Freihandel bis hin zum Verhältnis von Staat und Kirche.

Sicher: Manche dieser Fragen sind älter als Otto von Bismarck. Die Fragen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind seit der Aufklärung gestellt, durch die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Französische Revolution wurden sie im modernen Sinne beantwortet. Die deutsche Freiheits-, Einheits- und Demokratiebewegung gab es seit den Befreiungskriegen, sie hat nicht auf Bismarck gewartet. Aber es war Otto von Bismarck, der die damit zusammenhängenden Fragen innerhalb Deutschlands gebündelt und einer dauerhaften Entscheidung zugeführt hat.

Zustandekommen, Grenzen, Form und Inhalt eines Deutschen Nationalstaates waren ungewiss und offen, bis Otto von Bismarck das Amt des preußischen Ministerpräsidenten übernahm und schrittweise, aber unbeirrbar vollendete Tatsachen schuf. Der von ihm geschaffene Staat und die daran gebundene nationale Identität haben die verheerende Niederlage von 1918, das Ende der Monarchie und das Desaster von Weimar, die Zivilisationskatastrophe von 1933 bis 1945 und die Deutsche Teilung überlebt. Selbst 1923, inmitten von höchster Inflation, Staatskrise und Agonie kam es weder zur Separation des Rheinlandes noch zur Abspaltung Bayerns oder Sachsens. Und obwohl es nach 1945 während 40 langer Jahre so aussah, als sei seine Schöpfung gescheitert, fügten sich die getrennten Teile von Bismarcks Deutschlands nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges auf wundersame Weise wieder zusammen: In genau der Form und Struktur, die Bismarck 120 Jahre zuvor ersonnen hatte und in keiner anderen. Natürlich als Republik und nicht als Mo narchie wie seinerzeit. Aber um die Monarchie ging es ihm nicht an erster Stelle und zuletzt immer weniger. Mit der fast schon prophetischen Aussage »Germany is not doomed even if monarchy should be so« hatte er es gegenüber seinem Sohn Herbert bereits 1893 auf den Punkt gebracht.1 Und gegenüber der Baronin Spitzemberg soll er geäußert haben: »Es kann ja sein, dass Gott für Deutschland noch eine zweite Zeit des Zerfalls und darauf eine neue Ruhmeszeit vorhat, auf einer neuen Basis der Republik, das aber berührt uns nicht mehr.«2

Otto von Bismarck hatte sich seinerzeit nach reiflicher Überlegung für den Föderalismus und gegen den Zentralstaat entschieden. Er ist das beherrschende Prinzip der deutschen Staatsorganisation bis heute. Damals wie heute waren die Gliedstaaten von höchst unterschiedlicher Größe, Finanz- und Gestaltungskraft: Mecklenburg-Strelitz und Preußen, das Saarland und Nordrhein-Westfalen. Damals wie heute gab es Vorschläge zuhauf, welche Aufgaben sehr viel besser auf bundesstaatlicher Ebene als auf Länderebene zu lösen seien. Bismarck jedoch war sich sicher, dass die föderale Ordnung mit klarer Kompetenzabgrenzung zwischen Bund und Ländern jeder zentralistischen Lösung in puncto Dauerhaftigkeit, Stabilität und Identität überlegen sei. In den Tagen der Reichsgründung von 1871 war er zum Erstaunen vieler Zeitgenossen wieder und wieder bereit, partikulare Länderforderungen (nicht nur Bayerns) zu akzeptieren, weil er sich davon nicht nur Zustimmung zu seinem Projekt, sondern auch einen langfristigen politischen Mehrwert versprach.

Ob Bundestag oder Bundesrat, Bundeskanzleramt, Ressortprinzip oder Richtlinienkompetenz. Sie alle finden sich in Bismarcks Staatskonstruktion, die er 1866 auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft fernab von Berlin in Putbus auf Rügen mit wuchtigen, gleichzeitig fein ziselierten Federstrichen entwarf. Wir haben in Weimar, während des Nationalsozialismus und in der DDR vielfach daran herumgedoktert und geändert, aber wir kamen im Kern immer wieder auf seine Lösungen zurück. Gründlich geändert haben wir nur die Konstruktion des Bundes- beziehungsweise Reichskanzlers, der nach Bismarcks Vorstellung absolut und nur vom Vertrauen des Kaisers abhängig war: Der Reichstag war auf Gesetzgebung und Budgetrecht beschränkt. Doch selbst hier findet sich eine verborgene untergründige Kontinuität in der Verfassungswirklichkeit der Nachkriegsrepublik, die in dem bekannten Wahlkampfslogan von 1969 »Auf den Kanzler kommt es an« ihren Ausdruck fand und bis heute das kollektive Staatsbewusstsein prägt. Bismarck hätte seine helle Freude daran gehabt. Und am Rande: Auch wenn der Bundeskanzler längst nicht mehr Vorsitzender des Bundesrates in Personalunion ist, wie zu Bismarcks Zeiten – die jährlichen Treffen von Regierungschefs der Länder und Kanzler im Bundeskanzleramt sind ein kleiner Beleg für historische Kontinuität auch in dieser Hinsicht.

Neben Föderalismus und Kanzlerdemokratie verdanken wir Bismarck die Grundzüge unseres Staats-, und Beamtenrechts. Der erste Chef des Kanzleramtes, Rudolf Delbrück, hat im Auftrag seines Herrn in kürzester Zeit die bis heute tragenden Säulen des Handelsrechts und der Wirtschaftsverfassung geschaffen, es folgten Straf-, Zivil- und Prozessrecht, alles innerhalb weniger Jahrzehnte und mit Geltung bis heute. Bismarck mag vielen als konservativ oder gar reaktionär gelten, aber er hat die Zivilehe und die staatliche Schulaufsicht gegen enormen Widerstand eingeführt und letztendlich auch durchgesetzt. Unser heutiges Parteiensystem wurde von ihm zwar nicht geschaffen, aber es ist innerhalb dreier Jahrzehnte in Reaktion auf seine Politik entstanden. Das gilt für Zentrum und Sozialdemokratie, aber es gilt auch für den deutschen Liberalismus, der zwar älter ist als Bismarck, dessen Niedergang aber bereits damals mit mehreren Spaltungen begann, die allesamt mit Bismarcks Politik eng verknüpft waren.

Bismarck ist der Schöpfer des deutschen Sozialstaates. Gegen heftigsten Widerstand von Arbeitgebern und Konservativen hat er seinerzeit die Idee und die Grundzüge des bis heute geltenden Sozialversicherungssystems durchgesetzt und verwirklicht. Europaweit tragen Versicherungssysteme, die an die Ausübung einer Beschäftigung anknüpfen, noch immer die Bezeichnung »Bismarck-Schemes«. Auch wenn er nicht der Vater des Gedankens war, hat er früh – wohl schon in den Gesprächen mit Ferdinand Lassalle – seine Berechtigung erkannt und ihn später mit großer Entschlossenheit realisiert – als erster leitender Staatsmann weltweit. Es war eine Jahrtausend-Innovation, deren Bedeutung man daran erkennt, wie sehr ein modernes Land wie die USA noch heute mit der Frage des Ob und des Wie einer gesetzlichen Krankenversicherung kämpft und hadert.

Dass Bismarck keine großen Kolonien und keine große Flotte wollte, ist bekannt. Er führte drei Kriege, lehnte Präventivkriege aber entschieden ab und bestand entschieden auf dem Primat der Politik gegenüber dem Militär. Die Zeitgenossen ließen es ihm 20 Jahre lang durchgehen, verstanden haben sie ihn leider nicht. Vielleicht lag es an der Camouflage mit Pickelhaube und Uniform, die er gern und ausdauernd betrieb und die sein Bild für die Nachwelt bis heute prägt. Gegner und Anhänger Bismarcks haben sich schon früh, noch zu seinen Lebzeiten, auf ein gemeinsames Bismarckbild geeinigt: Bismarck der kriegerische und reaktionäre Gewalt- und Machtmensch, der Super-Preuße, Antidemokrat und Präceptor Germaniae: Die einen fanden das gut, die anderen fanden es schlecht. An der Würdigung der modernen und aufgeklärten Aspekte von Bismarcks Persönlichkeit und Schaffen hatten weder Linke noch Rechte ein Interesse. Sie bauten lieber gemeinsam einen Popanz, der bis heute wie ein grober Klotz in der Landschaft steht.

Bismarck war der erste wirklich moderne Staatsmann Deutschlands. Auch in seinen politischen Vorstellungen, die stärker von Aufklärung und Französischer Revolution geprägt waren, als seine ersten politischen Reden und Handlungen vermuten ließen. Er galt lange als Reaktionär und benahm sich auch so. Aber 1866, nach dem Sieg bei Königgrätz, hat er den Parlamentarismus in Preußen nicht vernichtet, wie seine damaligen Freunde es erwarteten, sondern den Staat, die Monarchie und sich selbst mit ihm versöhnt. Er hat im Norddeutschen Bund und im Deutschen Reich das gleiche Wahlrecht durchgesetzt, als es in vielen anderen Ländern noch längst nicht gang und gäbe war. Das brachte ihm die Feindschaft der deutschen Konservativen ein und ein Bündnis mit dem deutschen Liberalismus, das über ein Jahrzehnt fruchtbringend war. Seine parlamentarischen Abende mit Abgeordneten waren seinerzeit legendär, seine Gespräche mit Journalisten und Publizisten sind bis heute ein Genuss. Otto von Bismarck erkannte als einer der ersten die Macht der Presse und der Medien und bediente sich ihrer virtuos, weit über seinen Abgang als Reichskanzler hinaus. Noch als Achtzigjähriger war sein Urteil schärfer und manchmal auch moderner als das der meisten Epigonen.

Ein Sympathiebolzen war Otto von Bismarck trotz allem nicht. Er hatte Fehler und Schwächen wie jeder große Staatsmann, war herrsch- und rachsüchtig und stellte die eigene Person und ihre Interessen über vieles andere. Der Umgang mit dem besiegten Frank reich von 1871 und die Annexion von Elsass-Lothringen waren kapitale Fehler, deren Tragweite Bismarck sich wohl bewusst war, und die er dennoch nicht verhinderte. Dass er sich dabei im Einklang mit König, Militär und breitester Öffentlichkeit befand, ist keine Entschuldigung für einen Staatsmann seines Kalibers.

Aber immerhin sollte es nach seinem Tod ein halbes Jahrhundert dauern, bis die deutsche Politik einen Gedanken entwickelte, der über Bismarcks Horizont und Konzeptionskraft hinausging. Die europäische Einigung und die dauerhafte Freundschaft mit Frankreich sind die genuin neue Errungenschaft der Bonner Nachkriegsrepublik und ihr größtes Verdienst bis heute. Möglich wurden sie leider erst nach zwei verheerenden Kriegen und Hekatomben von Opfern. Wäre Bismarck damals von sich aus darauf gekommen, die deutsche und europäische Geschichte wäre wohl anders und wahrscheinlich auch glücklicher verlaufen. Aber wir können die Leistungen Otto von Bismarcks und seiner Zeitgenossen nicht beurteilen nach den Maßstäben von heute und nach dem, was wir heute aus leidvoller Erfahrung gelernt haben.

Wenn wir uns heute erneut mit Bismarck auseinandersetzen, so ist dies nicht nur wichtig für die historische Erkenntnis und unsere eigene geschichtliche Identität, die die gesamte Spanne der letzten 200 Jahre umfasst und umfassen muss. Sie ist auch wichtig und unentbehrlich für die Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen der Gegenwart. Wann immer wir meinen, auf festem Grund zu stehen, stehen wir meist auf Bismarcks Schultern, auch wenn sie tief im historischen Treibsand vergraben sind. Seine Wirkmächtigkeit über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg machen die Auseinandersetzung mit Bismarck auch heute noch zu einem lohnenden Unterfangen. Dazu leistet das vorliegende Buch einen wichtigen Beitrag.

Bismarck vor Augen.
Einführung
Tilman Mayer

Bismarck ist mehr als eine historische Persönlichkeit. Bismarck wirkt über die Zeiten hinweg und hat uns auch im 21. Jahrhundert noch etwas zu sagen. Wir, die wir ungefragt sein Erbe anzutreten haben, wollen ihn sicherlich nicht nur aus seiner Zeit heraus verstehen. Schließlich blicken wir auf Bismarck durch die »Last der Nation«1 hindurch, die das Deutschland des 20. Jahrhunderts in der Form von Katastrophen und Krisen geprägt hat. Unser Blick kann also nicht unbefangen sein.

Wir wollen es bei der Beschäftigung mit Bismarck keinesfalls beim Nacherzählen der Geschichte belassen. Wir treiben keine Historiografie. Wir wollen vielmehr beim Durchpflügen des historischen Stoffes versuchen, Lerneffekte zu erzielen.2 Deshalb wenden wir uns gegen eine blickverengende, nur zeitbezogene Betrachtung; bekanntlich ist jeder gute Historiker ohnehin nie nur ein bloßer Rezipient dessen, was sich historisch ereignet hat.3

Wenn es in der Volksrepublik China etwa ein besonderes Interesse an der Entwicklung des zweiten deutschen Reiches gibt, so gilt dieses Interesse einer aufstrebenden europäischen Großmacht,4 deren Schicksal China für sich vermeiden will. Aufsteigende Mächte sind gefährdete Mächte.5 Auch für uns in Deutschland ist es (immer noch) erkenntnisreich und bedeutungsvoll, den politischen Weg Bismarcks nachzuvollziehen, um als geschichtsbewusst denkende Nachfahren den Bogen in eine historische Konstellation zu schlagen. Zwar differiert diese historische Konstellation mit der unsrigen in vielen Punkten, es stellen sich aber politische Grundfragen, die sich über die Zeiten hinweg erhalten haben. Und diese Grundfragen sollte man artikulieren – nebst den Optionen, die sich aus ihnen ergeben.

Der Herausgeber dieses Bandes über Fürst Bismarck hat auch ein politikwissenschaftliches Interesse. Dabei weiß er sich dem Motto von John R. Seeley von 1896 verbunden: »Political science without history has no root. History without political science bears no fruit.«6 In diesem Sinne geht es in dem vorliegenden Band auch um eine Art Aktualisierung der Betrachtung Bismarcks – anlässlich seines 200. Geburtstages.

Es ist somit von vornherein klar, dass ein Bismarck-Bashing hier und heute genauso verkehrt wäre wie einer simplen Bismarck-Begeisterung zu frönen. Wo viel Licht ist, ist viel Schatten. Und so lautet die Grundaussage dieses Bandes schlicht und ergreifend, dass uns Bismarck im 21. Jahrhundert noch etwas bedeutet. Es stünde schlimm um das nationale Selbstbewusstsein in Deutschland, wenn man geschichtsvergessen nicht auch Größe in der Politik aushalten könnte. Es ist nicht zu verwegen festzustellen, dass wir also im Schatten Bismarcks leben, einfach deshalb, weil seine überragende Größe in der Geschichte selbst noch die Politik im 21. Jahrhundert überragt. Mit Bismarck wurden beispielhaft Maßstäbe gesetzt, die heute, wo man sich eher im Klein-Klein gefällt, vielleicht schwer auszuhalten sind.

Es soll hier also nicht um eine Vereinnahmung gehen, einfach deshalb, weil nur eine kritische Perzeption auch eine realistische ist. Der Größe Bismarcks tut es keinen Abbruch, wenn man sein Werk nicht in toto akzeptieren kann. Es ist keinesfalls kleingeistig, wenn man seinem Werk mit kritischer Distanz gegenübersteht. Schärfer formuliert: Es ist geradezu bedauerlich, dass auch diesem großen Mann Vorwürfe zu machen nicht erspart werden kann. Wir haben Bismarck vor Augen – aber in seinem ganzen Widerspruch, in seiner Größe wie in seinen Unzulänglichkeiten.

An dieser Stelle spätestens meinen angeblich nur zeitbezogen denkende Historiker vielleicht den Vorwurf machen zu müssen, man argumentiere unhistorisch. Denn, so ihre Logik, aus Bismarcks Zeit heraus seien die Dinge eben nicht anders zu machen gewesen beziehungsweise seine Biografie habe keinen anderen Spielraum gelassen. Dieser engstirnige Zirkelschluss – dass man das Handeln der Damaligen auf die damalige Zeit zurückprojiziert – ist steril und führt entsprechend nicht weiter. Im Falle Bismarcks scheint das Bedauern angesichts seiner Größe besonders groß, dass sich verschiedene andere Perspektiven, die man als Sozialdemokrat, Liberaler, Republikaner, Konstitutionalist und sogar als Patriot usw. einnehmen konnte, historisch mit seinem politischem Lebensweg nicht verbinden lassen.

Nur auf den ersten Blick liegt nun der erwähnte Vorwurf der unmittelbar zeitbezogen argumentierenden Historiker nahe, dass man es als Nachgeborener natürlich besser weiß als die Akteure seinerzeit. Doch mit dieser Auffassung bremst man eine Diskussion über Fehler aus, aus denen eine Nation lernen muss. Nimmt man sich China hier zum Vorbild, dann wird deutlich, was ansteht: aus verschiedenen Entwicklungen der Vergangenheit für die heutige Zeit Lehren zu ziehen – auch wenn die KP Chinas für sich vielleicht andere Lehren zieht als wir das für sinnvoll oder richtig halten.

Wir sind auch Bismarck verpflichtet, und zwar insofern er derjenige war, der aus der deutschen Geschichte heraus7 erstmals die Gründung eines Nationalstaats möglich machte. Der Name Bismarck ist allein mit diesem Werk für alle Zeiten verbunden, hierin liegt seine Größe, an die man in Friedrichsruh zu Recht erinnert. Die vielen Bismarck-Denkmäler, die sich bis ins 21. Jahrhundert erhalten haben, drücken genau diese große Anerkennung bis heute aus.8 1871 vor Augen nehmen wir seinen Geburtstag zum Anlass, besonders an diese Leistung zu erinnern. Bekanntlich war es Bismarck nicht in die Wiege gelegt, dass er sich als Junker und als Konservativer mit der damals als revolutionär geltenden Nationalbewegung einmal verbinden, ja sie zum Ziel führen würde. Fast könnte man in Wagnerscher Art von einer Erlösung der deutschen Nation durch die Reichsgründung sprechen – läge in dieser Formulierung nicht doch zu viel Pathos der damaligen Zeit.

Der Geburtstag Bismarcks liefert uns den Anlass, doch die Gründe für die Beschäftigung mit Bismarck müssen tiefer liegen. Den wichtigsten haben wir mit der Reichsgründung schon genannt. Aber natürlich möchte man sich auch das gesamte Werk in einer, wenn auch nur exemplarischen Betrachtung vor Augen stellen – und dazu haben namhafte Autoren dankenswerterweise einen eindrucksvollen Beitrag geleistet.

Die Art und Weise, wie Otto von Bismarck die Reichsgründung erreichte, kann man nicht anders als zeitbedingt ansehen: mit Eisen und Blut – so die saloppe Formulierung der damaligen Zeit9 – und nicht mit Majoritätsbeschlüssen. Es war der berühmte Mantel der Geschichte, den Bismarck ergriff, also die historische Chance, die er in eine Gelegenheit verwandelte – eine Occasione, gegen Frankreich gewendet das Deutsche Reich zu schaffen. Die Gründung des deutschen Nationalstaates ist dabei untrennbar mit der deutsch-französischen Erblast verbunden. Dass die Reichsgründung im Dissens mit Frankreich entstanden ist – dieses Faktum hat Bismarck nicht aus der Welt geschafft, er hat es vielmehr genutzt; obgleich von Anfang an auch in Deutschland Kritik an der okkupatorischen Politik (Elsass-Lothringen) geübt wurde, die die preußischen Militärs dem Kanzler auferlegten.10 Bebel etwa war hier weitsichtiger. Das darwinsche Recht des Stärkeren führte zwar zum Erfolg, aber Stärke ist ein vergängliches Gut. Das Auftrumpfen im Spiegelsaal von Versailles hätte irgendwann eines Ausgleichs mit Frankreich bedurft, um eine Revanche zu verhindern. Nicht nur Bismarck war sich immer im Klaren, dass Frankreich Deutschland gegenüber kritisch bis feindlich eingestellt sei. Insofern könnte man sagen, dass 1871 das Reich mit einem Geburtsfehler zur Welt kam, und eine Heilung dieser Fehlentwicklungen wurde nicht angestrebt. Wir können aus heutiger Sicht verstehen, dass das damalige Deutschland sich gegenüber Frankreich so verhalten hat. Und immerhin ist es Bismarck zu verdanken, dass in Paris nicht gar einmarschiert wurde, so, wie es Napoleon in Berlin getan oder ähnlich wie Napoleon I. im Frieden von Tilsit 1807 Preußen gedemütigt hatte. Aber die Annexion Elsass-Lothringens – so sehr dafür historische Gründe geltend gemacht werden konnten – war eine sich bitter rächende Hypothek im deutsch-französischen Verhältnis.

Dennoch bleibt die Reichsgründung natürlich eine Großtat, auch weil sie sozusagen den Weg der Einigung in Gestalt der Schaffung des Norddeutschen Bundes vollendete – wenn auch um den Preis, dass Österreich seit 1866 auf Distanz gebracht wurde.11 Die Reichsgründung war eben kein revolutionärer Akt von unten, wie 1848 angedacht, sondern eine Revolution von oben, die die bestehenden Monarchien nicht antastete. So gesehen wurde die Wiener Ordnung von 1815 nicht revolutionär verändert, sondern nur die Mitte Europas staatlich integriert, die ökonomisch durch den Zollverein schon eine Prägung erfahren hatte. Es wurde sozusagen nachgeholt, was sich historisch ohnehin in Europa nationalstaatlich abzeichnete. Aber eben darin lag für Deutschland, das kleindeutsche, das revolutionäre und früher nie erreichte späte Einigungswerk. Die deutschen Länder waren nicht mehr Objekt ausländischen Interesses, sondern erhielten Subjektcharakter in einem größeren Ganzen. An der Fortexistenz der Fürstenstaaten ist das Deutsche Reich jedenfalls nicht gescheitert, auch wenn sich die deutsche Nation im Vergleich zu Frankreich nicht une et indivisible verfasste, nicht eine zentralistische Struktur erreichen konnte oder wollte. Das große Preußen war weniger das Problem, wohl aber seine politische Kultur. Die Kunst Bismarcks war es, dieses Reich im Inneren zu schaffen, also nicht an Fürstenegoismen zu scheitern und nach außen abzusichern. Für diese nationale und internationale Staatskunst steht der Name Bismarck. Die Gründung des italienischen Staates, des für Deutschland historisch und kulturell immer wichtigen Italiens,12 war diesem Reichsgründungsakt vorausgegangen. Und im Jahr 2011 konnte ganz Italien 150 Jahre italienische Staatlichkeit begehen – ein Pensum, das Deutschland noch nicht erreicht hat.

Dass der deutsche Staat nichtdeutsche Minderheiten inkorporierte, war aus damaliger Sicht, im Vergleich mit den europäischen Nationalstaaten, nicht besonders auffallend. Andererseits hatte sich der Frühnationalismus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch für andere Nationalbewegungen, etwa die polnische und griechische, engagiert. Doch aus dieser geistigen Tradition heraus zum Beispiel Posen mehr Spielraum zu geben hätte damals bedeutet, das reaktionäre zaristische System herauszufordern. Theodor Schieder allerdings hat auf einige Schwierigkeiten des Deutschen Reiches als Nationalstaat aufmerksam gemacht: etwa, dass im Reichstag von einem elsässischen Vertreter das Selbstbestimmungsrecht einge fordert – und abgelehnt wurde; etwa, dass Polen im Reich nicht nationalitätsbezogen, sondern staatsnational begegnet und im Gegensatz zu Elsass-Lothringen keine kulturnationale, Herdersche Identität erlaubt wurde. »Das polnische Gemeinwesen im preußischen Staat wurde sozusagen ein Anti-Körper im Nationalstaat.«13 Und die nach-bismarcksche Radikalisierung des Denkens bei den Alldeutschen bedeutete gar die Pervertierung des Nationalstaatsgedankens und dessen Instrumentalisierung für einen Imperialismus, der weltpolitischen Fantasien huldigte und schon gar nicht duldete, was nationalitätsrechtlich von polnischen Reichsbewohnern verlangt wurde. Auch was die Flagge des Reiches – im Gegensatz zur 1848er Flagge – signalisierte, dass sie »eine künstlich geschaffene« war, »in der die Farben des Hegemonialstaates Preußen dominieren«,14 zeigt ein Spannungsverhältnis zwischen den Ideen Reich und Nation, das schwelte und über Bismarck nicht zu lösen war, da er selbst eher preußisch gesonnen blieb als unbedingt nationalstaatlich. Paradoxerweise steht dennoch Bismarck mit der Reichsgründung als Inkarnation der Nationalstaatsbildung in der historischen Bilanz in den Büchern.

Dass Bismarck den deutschen Nationalstaat in seiner 1871er Verfasstheit als saturiert ansah, hätte als pure Selbstverständlichkeit für alle nachkommenden Regierungen gelten müssen. Wir wissen, dass dem leider nicht so war. »Wir haben nichts zu erobern, nichts zu gewinnen, wir sind zufrieden mit dem, was wir haben«, so Bismarck vor dem Deutschen Reichstag im Februar 1876.15 Es hätte die Kardinaltugend des ganzen Reiches sein müssen, sich daran zu halten, sozusagen als eine testamentarische Verfügung. Die deutsche Hybris begann nach Bismarck – als man sich mit dieser eindrucksvollen Größe des zweiten deutschen Reiches und dem jung gegründeten Nationalstaat nicht mehr begnügte. Diese »verspielte Größe«,16 von der Fritz Stern spricht, gehört zur Tragik der deutschen Geschichte der letzten 150 Jahre.

Die Kanzlerschaft Bismarcks verblieb in seiner Regierungsära und nach seinem eigenen Selbstverständnis unmissverständlich im monarchischen Rahmen. Das ist deswegen besonders erwähnenswert wie erklärungsbedürftig, weil die Stellung dieses starken Reichskanzlers eine blieb, die einzig dem Kaiser verantwortlich war. Er war »ein vom Monarchen abhängiger Beamter«, hält Beate Althammer nüchtern fest.17 Und auf etwas Kurioses möchte der amerikanische Biograf Jonathan Steinberg im ersten Satz seines zitatenreichen Werkes hinweisen: »Otto von Bismarck hat Deutschland geschaffen, war aber nie sein Herrscher.« Wenig später fügt er hinzu: »Bismarck gewann und behielt die Macht durch die Kraft und Brillanz seiner Persönlichkeit, aber er hing stets vom Wohlwollen des Königs ab.« Und weiter: »Bismarck brauchte weder Parlamentsmehrheiten noch Parteien. Sein Publikum bestand aus einem einzigen Mann.«18 Bismarck hatte sozusagen eine an seine Person geknüpfte Machtstruktur entwickelt, die sich hauptsächlich aus dieser abhängigen Herrschaftskombination heraus rechtfertigte. Mit Wilhelm I. war ein Auskommen möglich, mit Wilhelm II. definitiv nicht mehr. Letzterer wollte von Gottes Gnaden nochmals selbst Regie führen, Deutschland herrlichen Zeiten entgegen führen. Man könnte – kann man? – sagen, dass Bismarck es versäumt hat, diese Machtasymmetrie, die zu seinen Lasten ging, zu verhindern. Das Bismarck ’sche Regieren war auf ihn persönlich zugeschnitten. Das Reich ruhte auf Bismarcks Schultern – beziehungsweise eben gerade doch nicht! Wilhelm II. entschied 1890 die Machtfrage zu seinen Gunsten und damit zum Verhängnis des Reiches. Hat Bismarck hier nicht versäumt, etwas Grundlegendes rechtzeitig zu verändern? Man kann diese vielfach untersuchte Frage nur ganz entschieden bejahen.

Bismarck hatte genug damit zu tun, das so berühmte Jonglieren mit außenpolitischen Allianzen, Bündnissen und Koalitionen zu überblicken und zu gestalten. Aber innenpolitisch, verfassungsstrukturell gesehen, agierte der Jongleur fatalerweise blind! Sprechen wir von einer Kanzlermonarchie. Sie war zwar ein starkes Regiment, aber die Kanzlermonarchie blieb einzig von der Position des Kaisers abhängig: machtpolitisch gesehen ein Unding. Und mit Blick auf Wilhelm II. ein absolute Tragödie.

Dass diese lange währende Kanzlerschaft dennoch zum Ansehen Bismarcks und zu seiner Macht erheblich beitrug, bleibt unbestritten. Mit dem Gründungsakt war ja innenpolitisch die nationale Integrationsaufgabe nicht erledigt, die Bismarck schließlich auch im deutschen Fürstenstaat zu konzertieren hatte. Dem Eigensinn der deutschen Fürsten musste begegnet werden und Bismarck gelang es, Staatskrisen aufgrund dynastischer Separatismen zu vermeiden.

Dass in Bismarcks Kanzlerschaft die Sozialgesetzgebung europaweit beispielhaft war, wird niemand bestreiten19 und dass sie diese Kanzlerschaft aus der Masse der europäischen Regierungschefs heraushob wohl ebenso wenig. Die Kehrseite dieser sozialpolitischen Errungenschaften, nämlich dass sie einer innenpolitischen Funktionalität entsprechen musste, die Bismarck durch die Sozialistengesetze verursacht hatte, bleibt aber auch unbestritten, auch wenn diese Deutung überstrapaziert wird.

Wir haben es mit einem Paradoxon zu tun. Man kann über die Ära Bismarcks von einer Zeit der Festigung und Stabilisierung des Reiches sprechen und festhalten, dass das Reich gar fortschrittliche Momente umfasste, die weit über das 19. Jahrhundert hinaus wirkten. Aber die Frage – respice finem –, ob das ausreicht, ist nicht ketzerisch. Worin also hätte die Nachhaltigkeit der von Bismarck geschaffenen Strukturen liegen müssen?

Bismarcks Kanzlerschaft imponiert auch deswegen sehr, weil er sozusagen sein eigener Außenminister war und außenpolitische Glanzleistungen vollbracht hat, die im Rückblick als seine Staatskunst ganz besonders hervorzuheben sind. Es ist eben gerade auch die außenpolitische Leistung Bismarcks, die geschichtsträchtig wurde und bis heute enorme Beachtung und entsprechende Würdigungen erfährt. Gerhard Ritter hat der Staatskunst große Aufmerksamkeit gezollt,20 so wie später auch Gordon A. Craig – um nur diese beiden Historiker stellvertretend zu nennen. Bismarcks Bündnissystemkonstruktionen und bilaterale Abkommen sind Legion. Eines der wichtigsten Bündnisse war das Drei-Kaiser-Bündnis von 1881, und natürlich überhaupt das Changieren zwischen Moskau und Wien, ohne London zu vergessen. Russland im Rücken und bei Laune zu halten, etwa durch Rückversicherungsverträge, die geheim gehalten wurden, war eine Selbstverständlichkeit, die nach seiner Ära in ihrer Bedeutung bekanntlich verkannt wurden. Aber letztlich war das außenpolitische Spiel Bismarcks fragil. Solange Bismarck auf der Brücke stand, ging die Fahrt flott voran, aber ohne seine Navigationskunst geriet das Staatsschiff in falsche Hände. »Das deutsche Staatsschiff selbst machte Kurs auf Gewässer, für deren Belastungen und Herausforderungen es von seinen Ingenieuren nicht konstruiert und gebaut war.«21 Auch hier erkennen wir, ungern, wie sehr Bismarcks Politik von seiner Person abhing. Darf man das als Schwäche bezeichnen?

Eine außenpolitisch-diplomatische Glanzleistung war sicherlich der Berliner Kongress von 1878, auch wenn er in Moskau wenig Begeisterung auslöste. Bismarck in der Rolle des ehrlichen Maklers tat seinem Image besonders gut. Die diplomatische Kunst Bismarcks liegt ohne jeden Zweifel darin, dass er tatsächlich international bestens verankert war, über Erfahrungen aus erster Hand verfügte und ein Gespür dafür hatte, welche realpolitischen Interessen die Regierungen bestimmten.

Aber Henry Kissinger hat Recht: »Nach dem Abgang Bismarcks hatte Deutschland kein globales Konzept mehr.«22 Später sagte Kissinger ergänzend: »for the greatest part of history until really the very recent time, world order was regional order«23, und das war eben Bismarcks Leistung, nämlich für eine derartige Ordnung zu stehen; und es war zugleich auch das Manko der Ära Bismarcks: »there were no universally accepted rules«24. Kissinger macht 2014 – im Jahr des Rückblicks auf 1914 – in »World Order« auf das Westfälische System von 1648 aufmerksam, ein »System unabhängiger Staaten, die davon Abstand nahmen, sich in die inneren Angelegenheiten der anderen einzumischen, und die die jeweiligen Bestrebungen der anderen durch ein allgemeines Gleichgewicht der Kräfte zu kontrollieren suchten.«25 Und weiter: »Das Gleichgewicht der Kräfte an sich kann nicht den Frieden sichern, aber wenn es überlegt etabliert und angewandt wird, kann es die Reichweite und Häufigkeit fundamentaler Konflikte begrenzen und, sollten sie denn auftreten, die Erfolgschancen einzelner Akteure verringern.«26 Otto von Bismarck ist diesem Konzept nahe gekommen, ein »globales Konzept« für Europa zu entwickeln, aber hat es dennoch nicht universalisierbar27 angelegt. Bismarck betrieb Realpolitik – wie später Kissinger im 20. Jahrhundert auch – und diese bleibt immer interpretationsbedürftig.

Realpolitik darf ohnehin als Hauptkennzeichen der Politik Bismarcks angesehen werden. Realpolitik heißt, mit den Kräften zu rechnen, die real existieren und sie anzuerkennen, wenn man sie nicht beseitigen kann.28 Nicht Ideologien, Freundschaften oder Feindschaften folgte seine Politik – das hat der Staatswissenschaftler Gustav Schmoller sehr gut herausgearbeitet,29 sondern nüchterne Lageanalyse, die für Deutschland besonders wichtig war, weil das Land in der Mitte Europas geopolitisch über Jahrhunderte Objekt der Begierde seiner geografischen Umgebung wurde.

Mit Blick auf die Verfolgung der Sozialdemokratie kann innenpolitisch allerdings die Realpolitik nicht beeindrucken. Auch die Katholiken dürften an Bismarcks Realismus – um das Mindeste zu sagen – gezweifelt haben.

Die politische Kultur des Bismarck-Reiches war sicherlich ein Teil des Problems:30 Was Parlamentarisierungsprozesse anging, hatte sich das wilhelminische Reich nach 1890 und im Ersten Weltkrieg isoliert. Das Ansehen der Parteien in der Monarchie könnte beinahe schon als Antiparteienaffekt bezeichnet werden. Die Existenz der viel beachteten sogenannten Junker-Klasse trug dazu bei, dass sich in Deutschland beziehungsweise im sogenannten Ostelbien eine Untertanengesinnung verbreitete – eine modernitätsfeindliche Stimmung, die den Fortschritt der Nation verzögerte und den frühnationalistischen Zusammenhang von Patriotismus und Demokratie vernebelte.

Die erwähnte – junkerliche? – Verfolgung der Sozialdemokraten aus einer alarmistischen Haltung heraus hatte weitreichende persönliche Folgen für die Betroffenen und kann nicht anders als eine Fehlentwicklung der politischen Kultur des Kaiserreichs gedeutet werden; ebenso wie auch die Manie, die Katholiken als ultramontane Gruppierung auszugrenzen anstatt sie zu integrieren.

Auch wenn man nicht von einem preußischen Militarismus sprechen möchte und ihn in der alliierten Diktion von 1945 als absolut überbewertet ansieht – schon gar als Begründung für das absurde Verbieten Preußens: Man muss dennoch sagen, dass das Übermaß an militärischer Präsenz in der Gesellschaft des zweiten Reiches auffällig blieb und bleibt.31 Bismarcks Attitüde, oft in Militäruniform aufzutreten, darf aber gerade nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in entscheidenden Momenten seiner Politik das Militär und seine Führung in die Schranken wies, auch gegen deren Widerstand. Das Primat der Politik war eine zentrale Lehre der praktischen Politik Bismarcks.32 Aber wiederum: nur seiner Politik! Das, wenn auch europäisch gesehen zeittypische, gesellschaftliche Ansehen alles Militärischen hat nicht zur Weiterentwicklung Deutschlands in dieser Zeit beigetragen. Allerdings wäre die Stellung Deutschlands / Preußens ohne das erfolgreiche Militär in den dynastischen Kriegen und Konflikten kaum erreicht worden. Ein starkes Militär, aber unter strikter Kontrolle der Politik, davon kann unter Bismarck vielleicht noch die Rede sein, aber spätestens im beziehungsweise mit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr.33 Namen wie die des Generalstabschefs Alfred Graf von Schlieffen oder des Admirals Alfred Tirpitz könnten zusammen mit Wilhelm II. eine ganze hall of shame Deutschlands bestücken.

Es fällt auf – wir hatten dieses Unbehagen schon angesprochen –, dass sich Bismarck immer nur seinem Monarchen gegenüber rechenschaftsschuldig fühlte, hierin seine verfassungspolitische Integrität zu sehen schien, aber es damit versäumte, einer modernen parlamentarischen Basis die entsprechende Unterstützung auf Dauer zu geben, die ihm umgekehrt auch innerhalb der Monarchie beziehungsweise der Staatskonstruktion des Reiches eine entscheidende Machtabsicherung geliefert hätte. So blieb Bismarck dem Hohenzollern gegenüber einseitig abhängig, was während seiner langen Regierungszeit gut ging, aber mit der usurpatorischen, neoabsolutistischen Attitüde des letzten Throninhabers, Wilhelm II., scheiterte, der nun selbst das Heft in die Hand nehmen wollte.34 Der weiße Revolutionär (Henry Kissinger) war hier nicht revolutionär oder vorausschauend genug beziehungsweise: Es vertrug sich diese Rolle nicht mit seinem monarchischen Selbstverständnis. Die Loyalität des großen Staatsmannes Bismarck, der Europa lange Zeit durch seine grandiose Politik bestimmte, galt dem Kaiser. Diese Loyalität mag preußisch gesinnt gewesen sein, aber Bismarck hat damit Deutschland keinen guten Dienst erwiesen, wie sich durch Wilhelm II. zeigte. Bismarck war wie zu schlimmsten Zeiten des Feudalismus plötzlich von einem Parvenü abhängig, der Deutschland »einen Platz an der Sonne«35 (Staatssekretär Bülow 1897) verschaffen wollte, eine Politik, die 1919 beziehungsweise mit Versailles endete. Disraeli und Gladstone in Großbritannien waren hier Bismarck voraus gewesen. So wurde Bismarck erstaunlicherweise letzten Endes ein Opfer des Wilhelminismus. Die parlamentarische Einbindung des Kanzlers, die Max Weber allzu spät erst einforderte – also die Beendigung der skizzierten Kanzlermonarchie – hätte Deutschland vermutlich auf einen anderen Kurs gebracht. Wilhelm II. hat die Kanzlermonarchie nicht länger mitgetragen.36

Die Betrachtung des Bismarck-Reiches im Kontext einer von westdeutschen Historikern fixierten Sonderwegsthese war sicherlich eine überspitzte Beurteilung37 der Entwicklung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die aus heutiger Sicht, in komparativer Betrachtung, nicht zu halten ist und zwischenzeitlich bezeichnenderweise kaum noch vertreten wird. Gerade die eindrucksvoll vergleichende Schrift von Christopher Clark zum Ersten Weltkrieg demonstriert auch im politikgeschichtlichen Bereich, wie sehr eine Abkehr von germanozentrischen Beobachtungen wichtig ist.38 Sonderwege gab es viele, aber es sind nationale Wege in der europäischen Vielfalt von Wegen. Gleichwohl entsteht Erklärungsbedarf in Deutschland, weil nun mal das Deutsche Reich Schiffbruch erlitten hat, und die anderen Regime zwar nicht gut, aber besser weggekommen sind, jedenfalls kein Versailles erfahren mussten. Deshalb ist die Frage meines Erachtens unumgänglich, ob das Versailles von 1919 noch irgendetwas mit Bismarck zu tun hat, ob es in seiner Macht gelegen hätte, Deutschland dieses Schicksal zu ersparen. Und alle Folgen, die sich aus Versailles dann entwickelten.

Es scheint mir unvermeidlich und angemessen zu sein zu fragen, aus welchen Umständen heraus und durch welche Weggabelungen es zu einer Fehlentwicklung Deutschlands gekommen ist, an deren Ende der Erste Weltkrieg stand. Es hilft auch nicht weiter, wenn man weiß, dass es im 20. Jahrhundert Antisemitismen in vielen Ländern Europas gegeben hat, zum Teil radikaler als in Deutschland; und wenn man andererseits festhalten muss, zu welchem Verbrechen der Antisemitismus eben doch in Deutschland führte.

In Übereinstimmung mit Bismarck können wir sagen, dass es zur Staatsräson des Deutschen Reichs gehört hatte, den Bestand zu wahren, sich die Lage in der Mitte Europas immer zu vergegenwärtigen; und sich die Befürchtungen ausländischer Mächte vor Augen zu führen, aus denen heraus um jeden Preis verhindert werden sollte, dass es zu Bündnissen gegen Deutschland kommt.39 Der berühmte cauchemar des coalitions, den Bismarck im Kissinger Diktat von 1877 seiner Nachwelt mit auf den Weg gab, trieb Bismarck zu Recht um – aber sicherlich keinen Wilhelm II., dessen mangelnder politischer Instinkt Deutschland zum Verhängnis wurde.40 Deutschland ist an diesem Wilhelminismus zugrunde gegangen, und nicht an einer Bismarck ’schen Realpolitik. »Bismarck hat in den zwei Jahrzehnten als Reichskanzler seine ganze Kraft daran gesetzt, vom Deutschen Reich die bedrohlichen Folgen seiner Gründung abzuwenden«, so beginnt Andreas Hillgruber seine Ausführungen über die Bismarck-Zeit (1871–1890).41 Bismarck hat nicht den Weltkrieg vorausgesehen,42 aber er hat vorausgesehen, dass Kriege gegen Deutschland geführt werden können und man mit dieser antideutschen Bündniskonstellation absolut rechnen müsste. Diesem Erbe waren seine Nachfolger nicht gewachsen und schon gar nicht der letzte Hohenzoller. Preußen hat diese unrühmliche Figur nicht verdient. Deutschland ist nicht an Preußen und nicht am preußischen Militarismus aufgelaufen, sondern an der Unfähigkeit seiner politischen Führung, an Mängeln seiner politischen Kultur und einer zu wenig beherzten Veränderung der Herrschaftsstrukturen einer Kanzlermonarchie.

Das nationalstaatliche Werk Bismarcks ist über die Katastrophe des 20. Jahrhunderts hinweg – strukturell-geografisch gesehen – noch immer, wenn auch in einer Schrumpfversion von 1990, wahrnehmbar. Es ist existent! Der deutsche Dualismus ist längst beendet, wenn auch um den Preis, dass Wien und Berlin nicht mehr zusammen gedacht werden können; sonstige dynastisch-reaktionäre Kleinstaatereien sind aber verschwunden. Die Okkupation nach 1945 hat das Land ebenso überstanden wie es einer glücklichen Fügung zufolge einer Morgenthauisierung entgangen ist; und sogar die Teilung der ganzen Nation war »nur« ein Transitorium. Deutschland hat durch seine Hybris, die mit dem Wilhelminismus begann, seine Größe verspielt und sich Bismarcks Maxime der Politik43, sich zu bescheiden, versagt. Deutschland hat zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts beigetragen, doch es hat in der Mitte Europas überlebt und es würde gut daran tun, realpolitisch als Macht der Mitte Europas seinen Weg zu finden – getreu der Räson Bismarcks, sich nicht in Europa zu isolieren.

* * *

Bismarck – ein Monolith. Ein großes Wort. Als solcher erscheint er im Rückblick und aus der Ferne eigentlich auch als Unikat und Solitär. Bei näherer Betrachtung – Reflexionen – ändert sich der Eindruck ein wenig, steht er nicht allein, sondern eingebettet in Konstellationen und Bündnisse, war gar abhängig von Kooperationsbereitschaften vieler seiner Kollegen, denen er auch in seinen Erinnerungen ein Denkmal setzte.

Dennoch überragt Bismarck seine politische Klasse und seine Nachfolger; jedenfalls scheint es so, als ob seine große Gestalt noch im 21. Jahrhundert erkennbar ist und dazu einlädt, über sein Erbe nachzudenken.

Zu diesem Band

Eine eigene kleine Abhandlung mit einer breiten politikgeschichtlichen Expertise legt Peter März vor. Seine biografische, porträtorientierte Studie einer amts- und wirkungsgeschichtlichen Betrachtung und seine komparativ akzentuierte Analyse von vier Kanzlerschaften liefern einen tragenden Baustein dieses Bandes. Der Vergleich der vier Kanzler Bismarck, Bülow, Adenauer und Kohl zeigt, dass man Bismarck vielleicht als einen Monolith ansehen kann, der sein eigenes Profil absolut besitzt. März spielt die bekannten Faktoren einer Kanzlerdemokratie zur Analyse der vier Matadore durch. Dabei erwähnt er die schwierige politische Doppelexistenz des preußisch eingebetteten Reichskanzlers, er diskutiert die Rolle und das Verhältnis des Militärs zu Bismarck, er arbeitet die Stellung Bismarcks zu Reichstagsmehrheiten heraus, auf die es dem Reichskanzler zum Regieren ankommen musste, und er skizziert die Entwicklung einer Art Reichskanzlei, mit der Politik betrieben wurde. Wichtig ist auch die Erwähnung, wie sehr Bismarck einen Präventivkrieg, also die in der Gesellschaft diskutierte Sorge um künftige militärische Unterlegenheit – die Situation von 1914 –, ablehnte.

Eine verfassungsgeschichtlich und ebenfalls politikgeschichtlich angelegte filigrane Abhandlung liefert Hans Fenske. Als Verfassungsexperte – auch im Sinne der Verfasstheit einer politischen Ordnung – zeigt er den Verfassungsgebungsprozess im zweiten Reich und zuvor des Norddeutschen Bundes auf. Er kann nachweisen, wie sehr sich Bismarck um diese Verfassungsgebung des Norddeutschen Bundes persönlich bemühte: 17 der 64 Artikel waren von Bismarck entworfen worden. Konstitutionelle Regierungssysteme waren auch in Europa verbreitet, ein parlamentarisches gab es der Sache nach nur in Großbritannien und Belgien, dennoch kann man nach Fenske den Norddeutschen Bund als den verfassungsmäßig modernsten Staat im damaligen Europa bezeichnen. Fenske ist auch der Ansicht, dass es ein drastisches Fehlurteil (Wehler) bedeute, wenn man das Deutsche Reich als eine pseudokonstitutionelle autoritäre Monarchie bezeichne, in der die Parteien ohnmächtig gewesen sein sollen. Auch von einer Kanzlerdiktatur zur Zeit Bismarcks könne wahrlich keine Rede sein.

Längst untergegangen ist der in der deutschen Geschichte lange Zeit bestimmende deutsch-deutsche Dualismus. Golo Mann sprach von der ersten Teilung Deutschlands 1866. Ulrich Schlie schreibt zum Datum 1866 einen spannenden Essay und hält einleitend fest, dass in einem einzigen Gefecht entschieden worden war, ob Deutschland künftig von Berlin oder von Wien aus regiert werden würde. Bismarck hat nach der österreichischen Niederlage Österreich zu gewinnen versucht, was sich im Laufe der Zeit bis zum Zweibund von Preußen und Habsburg, von Deutschland und Österreich entwickelt hat, dessen Verdichtung allerdings vor dem Ersten Weltkrieg zur Nemesis wurde. Zu Recht erwähnt Schlie auch den Wettbewerb zwischen dem System Metternich und dem System Bismarck, der zeitversetzt ausgetragen wurde. Der Einschätzung von Ulrich Schlie, dass die Beschäftigung mit der von Preußen und Habsburg geprägten Vergangenheit verpasste Gelegenheiten zutage treten lasse, kann nur zugestimmt werden. Preußen und Habsburg seien auf ganz unterschiedliche Weise zu Opfern ihrer eigenen Geschichte geworden.

Der Beitrag von Werner Plumpe über Bismarcks Sozialpolitik liefert den überraschenden Befund, der sich in der Fachliteratur abzeichnet: Der vielfach bemühte Zusammenhang von sozialpolitischer Gesetzgebung und Sozialistenverfolgung stelle eine oberflächliche Betrachtung dar. Bismarck sei es tatsächlich um einen umfassenderen Schutz vor Erwerbsunfähigkeit gegangen. Denn die sozialen Nöte seien sehr dringlich, die Kommunen mit den sozialen Problemen unmittelbar konfrontiert gewesen. Der Staat aber habe sich aus den Fragen der sozialen Sicherung herausgehalten, was nicht länger durchhaltbar gewesen sei. Insofern, so Plumpe, folgten die Maßnahmen der Sozialpolitik einer objektiven Logik und nicht einem Reflex an die sozialdemokratische Adresse. Es hat diesen Zusammenhang gegeben, aber er war viel loser. Bismarcks Intention war, dass sich jeder arbeitende Mensch durch Arbeit selbst erhalten können sollte und seine materiellen Interessen befriedigt werden sollten, was auch zur Stabilisierung der sozialen Ordnung beitragen würde. Bismarck wollte die Kosten der Sozialversicherung staatlicherseits aufbringen, während seine Gegner, insbesondere die der Sozialdemokratie, ihre politischen Vorfeldorganisationen (Hilfskassen) mit diesen Aufgaben befasst sehen wollten. Gegner der Gesetzgebung hatten also ihrerseits ein Interesse, zu behaupten, dass die Sozialgesetzgebung nur der Bekämpfung der Sozialdemokratie diente.

Dem Phänomen Junker widmet sich Heinz Reif in einer Rekonstruktion. Das Bild erfahre von Jahrzehnt zu Jahrzehnt eine immer aggressiver werdende Zuschreibung von Negativmerkmalen. Gerade der äußere Habitus dieses ostelbischen Ritterguts- und Militäradels trug zur Feindbildwerdung bei. Schon der Freiherr vom Stein hatte die Klasse als herzlos, hölzern und halbgebildet bezeichnet. Mit dem Junker wird seit dem 19. Jahrhundert das Bild verbunden: ein wenig bevölkertes Land, riesige stagnierende Gutswirtschaften, Kulturlosigkeit eines Koloniallandes. Als problematisch gilt, dass dieser Adelsstand im Militär und Beamtentum zeitweise überhand nahm. Hugo Preuß habe in den Junkern eine Gefährdung des Bürgertums gesehen, weil die Demokratisierung des Bürgertums aufgehalten wurde, ja es sich in Richtung einer Feudalisierung entwickelt habe. Bei Werner Sombart werde diese Feudalisierung des Bürgertums ebenfalls erwartet, als Selbstfeudalisierung. Bei Max Weber behindere diese sinkende Klasse durch ihre reaktionäre Politik die Dynamisierung der Gesellschaft. Franz Mehring spreche gar von einer monarchisch verschleierten Junkerrepublik in der man existiere. Wilhelm Röpke sehe in dem Junker einen Bauern mit Monokel, der charakterlich defizitär sei und dazu beitrage, das Preußen-Bild in Deutschland verhasster zu machen. Ein Reflex dieser Feindbildbestimmung finde sich in jeder Propaganda der Alliierten in beiden Kriegen, vor allen Dingen aber im zweiten, nach dem Preußen verboten wurde.

Der verfolgten Sozialdemokratie in der Ära Bismarck setzt Brigitte Seebacher ein eindrucksvolles Denkmal. Zunächst würdigt sie Lassalle, mit dem Bismarck sich zu arrangieren begonnen hatte. Im Kern geht es dann aber um August Bebel, um dessen Kampf- und Leidensgeschichte im zweiten Reich. Er hat die Annexion Elsass-Lothringens abgelehnt und einen ehrenvollen Frieden mit Frankreich verlangt. Bebel hat die Reichsgründung nur aus der Haft miterleben können und war wegen der Kritik an der Annexion im Dezember 1870 verhaftet worden – wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«! Noch 1889 standen in Elberfeld-Barmen 128 Sozialdemokraten vor Gericht und 400 Zeugen wurden geladen. Das Ausmaß an Diskreditierung und Verfolgung hat die politische Kultur des zweiten Reiches vergiftet. Wenn Willy Brandt 1967 Walther Rathenau zitiert: die Bismarck ’sche Zeit sei für alle Zeiten vorüber, dann ist dies nachvollziehbar.

Ulrich Lappenküper skizziert ein eindrucksvolles und einfühlsames Porträt einer Einrichtung, die sich dem Erinnern an Bismarck widmen kann, ohne einem Mythos frönen zu müssen. Der Autor zeichnet ein Bild einer Memorialkultur, die im Sachsenwald, parteiübergreifend und wissenschaftlich besten Ansprüchen genügend, eine historische Leistung erbringt. Lappenküper spiegelt aber auch die Geschichte des Bismarck-Bildes in den unterschiedlichen deutschen Gesellschaften. Vor allem wird der sehr lange Weg bis zur Einrichtung der Otto-von-Bismarck-Stiftung aufgezeigt, der belegt, wie schwierig es in Deutschland ist, ein Erbe anzutreten, das die Geschichte hinterlassen hat – und dem man sich stellen können muss, denn, so zitiert Lappenküper, »jede Kultur beruht auf Erinnerung« (Norbert Lammert).

Henry Kissinger verweist gleich zu Beginn seiner berühmten, 1968 zuerst erschienen Studie über den weißen Revolutionär auf den Anstoß, warum man sich mit Bismarck beschäftigen sollte, auch im 21. Jahrhundert. Bismarck habe die Landkarte Europas neu gestaltet, aber sein Erbe sei von nicht zu bewältigender Größe gewesen. Kissinger geht methodisch so vor, dass er schon in der biografischen Entwicklung Bismarcks dessen Naturell herausarbeiten möchte. Weiterführender ist vielleicht seine Bemerkung, die auch den späteren Außenminister Kissinger bestimmt haben dürfte: »Friedliche Veränderung ist nur dann möglich, wenn die Mitglieder eines internationalen Staatensystems den Wert ihrer Ordnung über jede zwischen ihnen auftretende Uneinigkeit hinaus anerkennen.« Diese Erkenntnis schließt fast zum jüngsten Buch Kissingers, World Order (2014), auf, in dem das Westfälische System von 1648 gewürdigt wird. Dass die Zustände, die in Deutschland herrschten, der Schlüssel für das europäische Gleichgewicht waren, führt zu Bismarcks Leistung hin. Bismarck versuchte die Realität nach seinen Zielen hin zu gestalten und war insofern revolutionär. Eine Politik, die die Ereignisse nur abwartet, würde leicht von ihnen bestimmt werden. Eine von Kissingers Thesen lautet, dass die von der Revolution, der deutschen Einheit, entfesselten Kräfte einer eigenen Logik folgen, die mit den ursprünglichen Zielvorstellungen ihrer Initiatoren nichts mehr gemein haben, sondern machtbezogen sich verselbständigen. Nur solange Bismarck regierte, konnte seine tour de force in der Geschichte des 19. Jahrhunderts, auf der Grundlage eines um Deutschland zentrierten komplizierten Bündnissystems, die Engpässe beziehungsweise Starrheit des internationalen Systems überspielen. Der hier wiederaufgelegte Aufsatz von Henry Kissinger besticht, weil er Bismarck wegführt vom stereotypen Bild eines Konservativen, eines junkeraffinen Politikers und ihm ganz im Gegenteil die nötige Anerkennung für seine realpolitischen Leistungen zollt und damit einen Politikertyp goutiert – übrigens 1968 ihn mit de Gaulle! vergleicht –, den man später vielleicht als großen Reformer wiederfindet, in Gestalt Bismarcks aber als Gründerfigur (Deutsches Reich) und als Anstifter von neuen, sozialstaatlichen Politikfeldern ausgewiesen findet.

Der große Bismarck-Kenner Michael Stürmer nimmt sich vor, die alten Erzählungen zu überprüfen. An sich sei das Bismarck-Reich, insbesondere im Bewusstsein der Westdeutschen bis 1989, kein Gegenstand ernsthafter Betrachtungen mehr gewesen. Doch wenn die Weltgeschichte mit der Tür ins Haus falle, so Stürmer, könne das Haus nicht unverändert bleiben. Auch Stürmer fällt es nicht schwer, von einer Staatskunst zu sprechen, die sich 1989 / 90 nach innen ebenso wie nach außen behauptet hat und Sinn für Geschichte und Geografie und speziell Geopolitik entwickelt habe. Stürmer spricht von den Lehren der Geschichte, die man im Verhältnis zu Russland etwa ziehen könne – bis in unsere Tage!

Vergleichen was vergleichbar ist, heißt ja nicht, dass man etwas gleichsetzt – in diesem Sinne nimmt sich Hans-Peter Schwarz mit einer gewissen Courage die Einigungsbewegungen von 1871 und 1989 / 90 einmal vor. Dabei wecken sowohl die Unterschiede als auch die aufgezeigte Vergleichbarkeit gleichermaßen Erstaunen. Beide Male gelang es, einen deutschen Nationalstaat zu errichten, von dem angesichts der Widerstände im In- und Ausland weder Bismarck noch Kohl es vernünftig fanden, unmittelbar zu sprechen. Genauso wie im 19. Jahrhundert schon geschehen, hatten sich in Westdeutschland viele Widerstände gegen eine Nationalbewegung etabliert. Dass ein späterer deutscher Außenminister noch eine Woche nach dem Fall der Mauer die Wiederherstellung des deutschen Nationalstaates mindestens 25 Jahre lang verhindert wissen wollte, steht für sich. Willy Brandt war diese Metternich ’sche Ängstlichkeit nicht zu eigen. Weder Bismarck noch Kohl hatten per se einen größeren Bezug zur jeweiligen Nationalbewegung, an deren Spitze sie sich aber rasch zu stellen wussten. Beide Staatsmänner wussten ausländische Mächte für ihr Vorhaben zu gewinnen. Innenpolitisch galt es für beide, Anti-Preußentum oder antinationales Denken aufzufangen. Der faszinierende Vergleich, der dem Biografen Adenauers wie Kohls hier gelungen ist, steht für sich.

* * *

Ich danke allen Autoren, dem Verlag, meinen Mitarbeitern, beratenden Kollegen und der Jakob-Kaiser-Stiftung für die Möglichkeit, eine derart wertvolle Sammlung von Betrachtungen im Bismarck-Jahr zusammenstellen zu dürfen.

»Genie« im Kanzleramt?
Otto von Bismarck als erster deutscher Kanzler und als preußischer Regierungschef
Peter März
1. Expositionen

An Bismarck-Verherrlichung war in Deutschland schon früh, bereits nach seiner Entlassung durch Kaiser Wilhelm II. am 18. März 1890, kein Mangel. Zu den Höhepunkten von Bismarcks Glorifizierung nach der Verbannung aus seinen Ämtern zählten seine ausgedehnte Reise im Sommer 1892 nach Dresden, Wien und München – aus Anlass der Vermählung seines Sohnes Herbert mit der Gräfin Marguerite von Hoyos in der österreichischen Hauptstadt –, sein 80. Geburtstag 1895 und später, in der Zeit nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, die nostalgische Sehnsucht in die scheinbar gute alte Zeit des Kaiserreiches unter Wilhelm I.

Schon zwei Jahre nach seiner Entlassung war Bismarck im Geschichtsbild großer Teile der Öffentlichkeit, auch und gerade unter Einschluss des 1866 geschlagenen Österreichs, vom reaktionären preußischen Junker zum Idol des nationalen Bürgertums geworden.1 Vom »Genie« aber spricht ein anderer, wenn auch nicht frei von zweifelndem Unterton: der Historiker, Sicherheitspolitiker und ehemalige US-amerikanische Außenminister Henry A. Kissinger. Er gebraucht, auf Bismarck bezogen, die bekannte Formel vom weißen Revolutionär, also vom Staatsmann, der die Revolution von oben durchgesetzt habe, um die von unten abzufangen, und er schreibt über die Verfasstheit, die Bismarck in Deutschland seit Ende der 1860er-Jahre durchsetzte: »Die neue Ordnung, die den Konservativen zu demokratisch, den Liberalen zu autoritär und den Legitimisten zu machtorientiert erschien, war auf ein Genie zugeschnitten, das sich vornahm, die widerstreitenden Kräfte sowohl auf der innenpolitischen als auch auf der außenpolitischen Ebene, dadurch zu bändigen, dass es sie jeweils gegeneinander ausspielte.«2

Will man sich Bismarcks Regieren nähern und will man es in eine vergleichende – deutsche – Perspektive zu rücken suchen, dann liefert uns Kissinger hier vermutlich in der Tat fast so etwas wie einen archimedischen Punkt. Es ist das Moment des Undogmatischen, die Art und Weise, sich eine große Variationsbreite in Bündnisoptionen innen- wie außenpolitisch zu erhalten und immer wieder die Zeitgenossen und insbesondere darunter die Gegenspieler durch abrupt anmutende Wendungen zu verblüffen, sie schachmatt zu setzen, im Einzelfall aber auch zu gewinnen. Beispielhaft demonstriert erscheint das durch die Einführung des gleichen Wahlrechts in Norddeutschem Bund und Deutschem Reich 1867 beziehungsweise 1871.

Freilich: Von einer Harmoniegeschichte mit schlechthin versöhnendem Abschluss kann bei Bismarck gewiss nicht die Rede sein. Ein Urpreuße, wenn auch nicht im politischen Sinn Hochkonservativer, Theodor Fontane, schrieb aus Anlass von Bismarcks 80. Geburtstag 1895 mit sehr kritischem Unterton an seine Tochter Martha: »Diese Mischung von Übermensch und Schlauberger, von Staatengründer und Pferdediebstahl-Steuerverweigerer […], von Heros und Heulhuber, der nie ein Wässerchen getrübt hat, erfüllt mich mit gemischten Gefühlen und läßt eine reine helle Bewunderung in mir nicht aufkommen, es fehlt ihm gerade das, was recht eigentlich die Größe leiht.«3 Nimmt man den deutschen Kulturraum, dann erscheint der südwestdeutsche Liberale und erste Bundespräsident Theodor Heuss als fast so etwas wie ein Antipode zu Theodor Fontane; beide sind nicht nur durch gute zwei Generationen getrennt. Aber auch bei Theodor Heuss bleiben ähnliche Vorbehalte, und die Gründe können nicht nur im zwischenzeitlichen Untergang des von Bismarck gestifteten Deutschen Reiches durch Hybris und Verbrechenspolitik des nationalsozialistischen Regimes liegen; denn auch über die Schwelle des Jahres 1945 hinweg finden wir zugleich bis in die Mitte der 1960er-Jahre eine ganze Menge Zustimmung zu Bismarck. Sie gründet wesentlich in dessen Bescheidung mit der sogenannten »kleindeutschen« Lösung und in seiner Intention wie in seinem Vermögen, von 1871 bis 1890 mit hohem Erfolg Kriegsvermeidungspolitik zu treiben und insgesamt in seinen politischen Management-Kapazitäten.4 Theodor Heuss nun hat ersichtlich Bismarck auch ungeachtet der Zäsur, die die Phase des sogenannten Dritten Reiches von 1933 bis 1945 bedeutet, durchgängig eher skeptisch gegenüber gestanden oder, um es etwas anders zu formulieren: Er fand gar kein echtes Verhältnis zu ihm. Wie Heuss’ Biograf Joachim Radkau beschreibt, war der spätere erste Bundespräsident ganze drei Jahre alt, als Bismarck bei den sogenannten Septennatswahlen zum Reichstag 1887 mit der nationalen Parole einer gebotenen Stärkung der Wehrkraft den Linksliberalen eine ihrer schwersten Niederlagen in der Geschichte des Kaiserreiches beibrachte; dieser familiär vermittelte Eindruck ist bei Heuss haften geblieben.5 Über 60 Jahre später, 1951, ließ sich Heuss dafür gewinnen, zu Bismarcks Gedanken und Erinnerungen eine Einführung beizusteuern. Es ist ein umfangreicher Text, der beachtliche historische Kenntnis verrät.6 Gewiss wägt Heuss in ihm vieles gegeneinander ab, aber letztlich lässt er sich dann doch von einem Verdikt bestimmen, bei dem die eigene Rolle als prinzipiell liberaler Publizist und Parlamentarier die Maßstäbe festlegt. Heuss’ Abgrenzung gegenüber Bismarck erreicht da ihren Höhepunkt, wo er dem preußischen Reformer Freiherrn vom Stein attestiert, im Grunde die modernere und die legitimiertere Figur gewesen zu sein: Neben ihn trete »Bismarck fast als eine Figur des 18. Jahrhunderts, letzte große Verwirklichung der ›Kabinettspolitik‹, im Grunde Metternich näherstehend als dem nassauischen Retter und Erneuerer der zerschlagenen preußischen Staatlichkeit.«7 Mit guten Gründen kann man sagen: Eine Wertung mit Voreingenommenheit. Stein wurzelte im Alten Reich, Bismarck im Politikbetrieb des 19. Jahrhunderts. Schlagen wir den Bogen bis in unsere Gegenwart, dann begegnet uns, zumal in den 1970er-Jahren, dominierend eine Interpretationslinie, die in Bismarck wesentlich den großen Manipulator sieht, einen Akteur, der ein an sich überholtes Regime für lange Zeit stärkte und stabilisierte und dafür im Resultat fatale politische Kosten in Kauf nahm: Es geht um die preußische Militärmonarchie. Obwohl angesichts der ökonomischen und sozialen Prozesse der Zeit überlebt, habe sie dank Bismarcks Instrumentalisierung außenpolitischer Erfolge wie außenpolitischer Gefahren, dank seines manipulativen Einsatzes nationaler Parolen und dank der Spaltung des Bürgertums in Nationalliberale und Linksliberale auf fatale Weise über einen längeren Zeitraum hin stabilisiert werden können.8 Wie nun also heute vorgehen, nicht nur 200 Jahre nach Bismarcks Geburt, sondern auch ein Vierteljahrhundert nach der Wiederherstellung jenes Nationalstaates, den der ursprüngliche preußische Junker aus Schönhausen an der Elbe, also ganz in der Mitte des damaligen Deutschlands, »geschmiedet« hatte, wie seine Zeitgenossen sagten, und der, gegen alle Erwartungen, 1990 wieder zusammengefügt wurde, wenn auch räumlich auf weniger als zwei Drittel seines ursprünglichen Bestandes reduziert, konstitutiv ganz anders ausgestaltet und in seiner Verankerung heute europäisiert? Denn daran kann kein Zweifel sein: Das seit dem 3. Oktober 1990 wiedervereinigte Deutschland, ob nun als sogenannter postklassischer Nationalstaat oder ganz einfach als Nationalstaat, es steht jedenfalls in einer eindeutigen Kontinuität zur Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und des Deutschen Reiches 1871. Alle Systemwechsel haben daran nichts geändert – Systemwechsel heben Nationalstaaten nicht auf, denken wir nur an den Fall Frankreich. Und je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr wird aus heutiger Perspektive die eben zeitweilige Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend wenn schon nicht zu einer Episode, so doch zu einem Kapitel unter anderen in der deutschen Nationalgeschichte.

2. Referenzrahmen Kanzlerschaften

Das kann aber auch heißen: Das Agieren des ersten Deutschen Bundes- (1867–1871) wie des ersten deutschen Reichskanzlers (1871–1890) kann, zumindest versuchsweise, auch gedeutet und gewissermaßen getestet werden im Vergleich mit anderen Kanzlerschaften in der deutschen Geschichte. Natürlich wird man dabei die Unterschiede, nicht nur in den Ordnungs- und Verfassungssystemen, stets mit bedenken müssen, also im Blick auf die Rolle des Landes als unabhängige Großmacht oder heute als integrierte Mittelmacht, im Blick auf die Parteienverhältnisse und die Rahmenbedingungen, wie sie politische Kulturen und mediale Kommunikationen vorgeben.

Aus diesen letzteren Feststellungen ergibt sich bereits zugleich indirekt, dass für »Kanzlervergleiche« mit Bismarck kein Akteur aus der Zeit der Weimarer Republik infrage kommt. Das soll hier nicht weiter verfassungsrechtlich erörtert werden – unbestreitbar ist wohl, dass seit der Gründung des deutschen Nationalstaates 1871 die Regierungschefs auf nationaler Ebene konstitutiv nie in einer schwächeren Position waren als in der Zeit von 1919 bis 1933. Sie waren vom Parlament, das heißt von den Parlamentsmajoritäten, ebenso abhängig wie von der Gunst des Staatsoberhauptes, des Reichspräsidenten. Das unterscheidet sie von den Kanzlern bis 1918, die Parlamentsmajoritäten nicht stürzen konnten, ebenso wie von denen nach 1949, die nach dem Wortlaut der Verfassung im Wesentlichen nur durch das sogenannte konstruktive Misstrauensvotum zum Rücktritt gezwungen werden können, also durch die Wahl eines Nachfolgers mit der Mehrheit der Abgeordneten. Die beiden wesentlichen politischen Akteure im System der Weimarer Republik, Friedrich Ebert und Gustav Stresemann, waren nur marginal Regierungschefs gewesen. Der letzte kaiserliche Reichskanzler Prinz Max von Baden hatte, unter Bruch der Reichsverfassung, Ebert am 9. November 1918 mit dem Reichskanzleramt designiert; Ebert stand dann an der Spitze des sogenannten Rates der Volksbeauftragen, wurde aber am 11. Februar 1919 zum ersten Reichspräsidenten gewählt und starb in diesem Amt am 28. Februar 1925. Stresemann war im Herbst 1923 für einige Monate Kanzler an der Spitze der ersten Großen Koalition in Deutschland, über längere Zeit amtierte er aber erst im Anschluss daran als Reichsaußenminister (wie als Vorsitzender der Deutschen Volkspartei) bis zu seinem Tod am 3. Oktober 1929.9 Nach alledem scheint es angeraten, Bismarck als Kanzler sozusagen in ein Quartett von bisher vier deutschen Kanzlern einzureihen; dazu gehören Bernhard von Bülow, amtierend von 1900 bis 1909, Konrad Adenauer, amtierend von 1949 bis 1963, Helmut Kohl, amtierend von 1982 bis 1998.10 Natürlich erhebt sich zwischen den beiden kaiserzeitlichen und den beiden bundesdeutschen Kanzlern so etwas wie eine prinzipielle Schranke oder Barriere. Beide Gruppen, Bismarck und Bülow hier, Adenauer und Kohl da, agierten unter deutlich verschiedenen konstitutiven Voraussetzungen, einmal in der Monarchie mit Anbindung an den deutschen Kaiser und preußischen König in Personalunion, im anderen Falle in einer parlamentarischen Demokratie, mit konstitutiv schwachem Staatsoberhaupt, verglichen mit den Verhältnissen bis zum Ende der Weimarer Republik, und zugleich im formalen Amt des Parteiführers, das es so für die Kanzler des Kaiserreiches nicht gegeben hatte: Adenauer wurde Vorsitzender für den CDU-Bereich der alten Bundesrepublik auf dem Parteitag in Goslar von 1950 und blieb es bis weit in die Kanzlerschaft seines Nachfolgers Ludwig Erhard hinein. Helmut Kohl war schon neun Jahre CDU-Parteivorsitzender, als er 1982 Bundeskanzler wurde, und er behielt den Parteivorsitz bis zum Ende seiner Kanzlerschaft als eine zentrale Machtressource inne – am 27. Oktober 1998 wurde Gerhard Schröder zum Nachfolger Helmut Kohls als Bundeskanzler gewählt, 11 Tage später, auf dem CDU-Parteitag vom 7. November 1998, wurde Wolfgang Schäuble zum, wie man heute wohl sagen kann, mäßig geschätzten Nachfolger Kohls im Amt des CDU-Vorsitzenden.

Geradezu klassisch hat Karlheinz Niclauß für die (west-)deutsche Kanzlerdemokratie sechs Bestimmungsfaktoren entwickelt: Dominanz des Kanzlerprinzips über das Ressort- und das Kabinettsprinzip, Kanzlerbonus im Regierungslager und beim Gros der Wähler, Personalisierung der Auseinandersetzung zwischen Amtsinhaber und oppositionellem Kanzlerkandidaten, enge Verbindung zwischen dem Amt des Kanzlers und der Führung der größten Regierungspartei, deutliche Abgrenzung zwischen regierungstragendem und regierungsbekämpfendem Lager und Profilierung durch die Außenpolitik.11 Es wird hier jeweils zumindest kursorisch zu prüfen sein, welche Elemente aus diesem Set auch auf die Spezifik der Regierungsführungen Bismarcks (und Bülows) gegebenenfalls Anwendung finden können. Um hier mit dem Thema Behauptung im Amt unter demokratischen Bedingungen abzuschließen – auch dabei wird dann die Frage der Anwendbarkeit auf wesentlich vordemokratische Zeiten von Interesse sein: Karl-Rudolf Korte, mit der beste Kenner der Kanzlerschaft Helmut Kohls, geht für bundesdeutsche Normalkanzlerschaften von einer Dauer von acht Jahren aus. Er sieht gegen Ende dieses Zeitraumes den Reiz des Neuen ebenso erschöpft wie Verschleißfaktoren allmählich überhand nehmend. Und als »Vorboten des Machtwechsels« benennt er: »1. Machterosionen: Fehlende Unterstützung; 2. Steuerungsverluste: Endloser Politikstau; 3. Kommunikationsdefizit: Anhaltendes Meinungstief; 4. Realitätseinbußen: Die Stufen der Vereinsamung.«12 Die achtjährige »Normaldauer« erscheint für die Geschichte der Bundesrepublik, vor wie nach der Wiedervereinigung von 1990, überraschend oft zu gelten, zumal dann, wenn man es mathematisch nicht gar zu akkurat nimmt: Bei Adenauer war gewissermaßen der obere Wendepunkt mit dem Triumph bei der dritten Bundestagswahl von 1957 und dem bisher erstmaligen Gewinn der absoluten Mehrheit durch eine Parteienformation erreicht. Der Niedergang setzte mit der »Präsidentschaftskrise« von 1959 ein, dem Hin und Her um die Nachfolge des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, in dem Adenauer, zeitweilig selbst Kandidat für das Amt des Staatsoberhauptes, eine denkbar unglückliche Figur abgab. Im Falle Helmut Schmidts waren es circa achteinhalb Jahre, vom Frühjahr 1974 bis zum Herbst 1982, am Ende ausgelaugt durch die Kontroversen um Haushaltskonsolidierung und NATO-Doppelbeschluss. Bei Helmut Kohl wären es – ohne die historische Zäsur der deutschen Wiedervereinigung von 1989 / 90 – aller Voraussicht nach auch acht Jahre geblieben, bis zu einer wahrscheinlichen Wahlniederlage bei einer Bundestagswahl vom Anfang 1991; stattdessen avancierte Kohl zum Kanzler der Einheit und absolvierte eine zweite Achtjahressequenz, von 1990 bis 1998. Im Falle von Gerhard Schröder waren es sieben Jahre, von 1998 bis 2005; Angela Merkel ist drauf und dran, die Achtjahresregel deutlich zu übertreffen, wenn auch in jeweils sehr verschiedenen Konstellationen: Sie amtiert derzeit, seit Ende 2013, in einer für sie zweiten großen Koalition, dazwischen hatte es, von 2009 bis 2013, das Bündnis von Unionsparteien und FDP gegeben. Hier liegt aber ein gravierender Unterschied zu den beiden Urgestalten der Unionsparteien: Adenauer hatte zwar am Ende, seit 1961, mit einer großen Koalition geliebäugelt, de facto aber durchgängig mit kleinen Koalitionen regiert, bei denen die FDP bis zum Ausein anderleben Mitte der 50er-Jahre der wesentliche bürgerliche Partner gewesen war – und 1961 wurde sie es wieder.13 Für Kohl war die FDP durchgängig der gegebene Koalitionspartner.

Blicken wir nun zurück ins Kaiserreich: Auch hier gab es, analog zu Ludwig Erhard (1963–1966) und Kurt Georg Kiesinger (1966–1969), kürzere Kanzlerschaften, bei denen die Inhaber sich schon nach wenigen Jahren verschlissen, wie im Falle Leo von Caprivis, im Amt von 1890 bis 1894, im Falle des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, in den folgenden Jahren bis zur Jahrhundertwende; neben Bülow und seiner Kanzlerschaft von 1900 bis 1909 steht die Kanzlerschaft seines Nachfolgers Theobald von Bethmann Hollweg – die ebenfalls in ein Zeitraster von acht Jahren passt, über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 hinweg, von 1909 bis 1917. Die folgenden kurzzeitigen Kriegskanzler Graf von Hertling, Georg Michaelis und Max von Baden können hier außer Betracht bleiben. Auch bei Bismarck selbst ergibt die Achtjahresformel, zugegeben extensiv interpretiert, durchaus Sinn: Gut acht Jahre waren es von seiner Bestallung als preußischer Ministerpräsident im September 1862 bis zum Aufstieg in das Amt des deutschen Reichskanzlers 1871. Und ähnlich wie man für Helmut Kohl postuliert hat, bei normalem Fortgang der Dinge wäre seine Kanzlerschaft 1990 / 91 an ihr Ende gelangt, lässt sich für den preußischen Ministerpräsidenten (und seit 1867 Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes) Otto von Bismarck feststellen, dass die letzte Phase vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges im Juli 1870 für ihn eher perspektivlos verlief: Die Wahlen zum Zollparlament, durch das der nach dem innerdeutschen Krieg von 1866 wiederhergestellte Deutsche Zollverein einen parlamentarischen Unterbau erhielt, waren in den süddeutschen Ländern 1868 durchaus antipreußisch ausgefallen. In Bayern hatte die klerikal-partikularistische »Patriotenpartei« obsiegt.14 (Für die Länder nördlich der Main-Linie waren die Abgeordneten des Norddeutschen Reichstages in Personalunion zugleich Mitglieder des Zollparlaments.) Nachdem wie ein deus ex machina der deutsch-französische Krieg von 1870 / 71 für hinreichende nationale Integration gesorgt und die Möglichkeit zur Nationalstaatsgründung eröffnet hatte, amtierte Bismarck, ähnlich wie Kohl ab 1990, frisch bestärkt und neu legitimiert, über die siebziger Jahre im Zeichen einer liberalen Politik der inneren Einigung in Wirtschaft und Gesellschaft. Für Letzere stand geradezu symbolhaft der Kulturkampf mit der katholischen Kirche. Das nächste Jahrzehnt wiederum, ab etwa 1878 / 79, stand im Zeichen einer konservativ-patriarchalischen Sammlungspolitik: Das liberale Element bis einschließlich des von Eduard Lasker geführten linken Flügels der Nationalliberalen wurde zurückgedrängt. Das Sozialistengesetz vom 21. Oktober 1878 stand nicht nur für die unmittelbare Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie, sondern insbesondere für das Leitbild von einem starken monarchischen Staat; es richtete sich mit seinen Mustern von Integration und Ausgrenzung de facto nicht zuletzt gegen die politischen Ambitionen des Liberalismus.

Schließlich das Ende der Kanzlerschaften Bismarcks wie Bülows: Beide schienen jeweils, Bismarck seit dem Tode Kaiser Wilhelms I. 1888, Bülow seit dem Desaster um das Daily-Telegraph-Interview Kaiser Wilhelms II. 1908, ihrer realen Machtgrundlagen beraubt. Zunächst Bismarck: Bei den »Septennatswahlen« zum Reichstag 1887 hatte er seinen letzten Wahltriumph mit der Parole nationaler Sicherheit durch Aufrüstung errungen und konnte sich nunmehr auf ein festgefügtes Kartell aus Deutschkonservativen, Freikonservativen und nach rechts gewendeten Nationalliberalen stützen. Nun aber zerbrach sehr schnell seine Machtbasis: Erfolgreich intrigierte gegen ihn Graf Waldersee, der Nachfolger des Grafen Moltke im militärischen Spitzenamt des Generalstabschefs. Die Reichstagswahlen vom 20. Februar 1890 zertrümmerten Bismarcks Kartell von 1887. Sie reduzierten die Zahl seiner Parlamentssitze von 220 auf 135. Damit war auch jede Verlängerung des Sozialistengesetzes ausgeschlossen. Bismarck neigte am Ende zu Staatsstreichüberlegungen. Der junge Kaiser Wilhelm II. hingegen wollte seine Regierung nicht mit der Gefahr des Bürgerkrieges beginnen und präferierte große sozialpolitische Konzessionen, die der Kanzler wiederum vehement ablehnte. Und naturgemäß wollte der Kaiser auch nicht, dass sich mit den Bismarcks – Herbert von Bismarck amtierte als Staatssekretär im Auswärtigen Amt – eine Art Zweitdynastie installierte, die die Hohenzollern ins Abseits drängte. Jenseits aller Emotionen und jenseits der insbesondere nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg so oft ventilierten Frage, ob die Bismarcks in einer weiter geführten Verantwortung für die deutsche Außenpolitik die Konstellation des Jahres 1914 hätten verhindern können, bleibt die schlichte sachliche Erkenntnis, dass der Konflikt und das Ausscheiden des Kanzlers am Ende wohl unvermeidbar waren.

In gewisser Analogie das Ende der Kanzlerschaft Bernhard von Bülows 1909: Hier kurz vor dem Ende ein triumphal anmutender Wahlsieg, die Reichstagswahlen des Jahres 1907, die sogenannten Hottentottenwahlen: Bülow hatte sie geschickt gegen den linken Zentrumsflügel unter dem aufstrebenden württembergischen Abgeordneten Matthias Erzberger instrumentalisiert, der die Kolonialpolitik des Reiches, Verschwendung wie Grausamkeiten, heftig und gut munitioniert angegriffen hatte. Das daraufhin zustande gekommene Bülow-Kartell umspannte den ganzen parteipolitischen Bogen von den Deutschkonservativen bis zur linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei. Bei Kaiser wie Bürgertum machte Bülow vor allem dadurch Punkte, dass ihm nahezu die Halbierung der sozialdemokratischen Mandatszahl von bislang 81 auf nun nunmehr 43 gelang, allerdings nicht mittels Stimmenrückgängen, sondern mittels Isolierung der SPD beim zweiten Wahlgang (»Stichwahl«) am 5. Februar 1907 in den Wahlkreisen, in denen beim ersten Wahlgang kein Kandidat mindestens die Hälfte der Stimmen erreicht hatte. Aber bis zum Ende war es nurmehr eine kurze Frist.

Der Kaiser, der sich durch waghalsige Aussagen im Interview mit der britischen Zeitung Daily Telegraph 1908 entblößt hatte, sah sich durch seinen Kanzler nicht gedeckt, sondern förmlich verraten. Bülow, dessen Regierungsapparat die redaktionelle Verantwortung trug, ließ den Kaiser im Regen stehen. Am 24. Juni 1909 zerbrach dann der Bülow-Block bei der innenpolitisch entscheidenden Abstimmung über eine große Finanzreform.15 Die insbesondere zur Finanzierung der stetig wachsenden Militärausgaben, zumal für die Flotte, dringend erforderliche Reichsfinanzreform war vor allem daran gescheitert, dass die (preußischen) Konservativen Besitzsteuern auf Reichsebene nach wie vor ablehnten.

Wer Kanzlerschaften bis 1918 mit Kanzlerschaften seit 1949 vergleicht, wird vermutlich an erster Stelle an die zentralen konstitutiven Unterschiede denken, einmal an ein Amtieren in monarchischen Zeiten und zugleich ohne Sorge, vom Parlament gestürzt werden zu können, zwar in Bündnis wie in Absprache mit Parteien, aber ohne an deren Spitze zu stehen, und zum anderen ein Regieren im parlamentarischen System, in einer Parteien- und Mediendemokratie, dazu unter den Bedingungen einer stetig fortentwickelten europäischen Integration. Sie lassen das Bild souveräner Großmachtpolitik wie aus einer sehr fernen Vergangenheit anmuten. Ein weiterer Faktor aber wird bei all diesen zutreffenden Überlegungen gern übersehen, nämlich die politische Doppelexistenz Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident (zudem noch preußischer Außenminister). Man stelle sich dazu nur einmal vergleichend vor, die gegenwärtige Bundeskanzlerin führe zugleich die Regierung im Lande Nordrhein-Westfalen, das im Bundesstaat eine im Vergleich zu seiner tatsächlichen sehr viel gewichtigere Rolle spielt. Bismarck begann als preußischer Ministerpräsident auf der Grundlage der Verfassung des Landes von 1850, nachdem er auf dem Höhepunkt des Konfliktes zwischen Landtag und Monarch um die Heeresreform bei seiner berühmten Begegnung mit König Wilhelm I. im Schlosspark von Babelsberg am 22. September 1862 seine künftige Stellung so definiert hatte: »Ich fühle wie ein kurbrandenburgischer Vasall, der seinen Lehnsherren in Gefahr sieht. Was ich vermag, steht Euer Majestät zur Verfügung.«16 Die Personalunion beider Ämter seit 1867 (Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes) beziehungsweise 1871 (Reichskanzler) war im Kaiserreich dann die Regel, nur zweimal wurde von ihr abgewichen: Von Januar bis November 1873 gab Bismarck das Amt des preußischen Regierungschefs an den ihm befreundeten Kriegsminister Albrecht von Roon ab – und er hat in der Folge immer wieder diese Konstruktion als wenig glücklich bezeichnet. Sein Nachfolger Leo von Caprivi musste schließlich in den letzten beiden Jahren seiner Kanzlerschaft, von 1892 bis 1894, in Preußen den hochkonservativen Grafen Botho zu Eulenburg als Ministerpräsident amtieren lassen, ein politisch antagonistisches Verhältnis, das nicht lange gut gehen konnte. Die preußische Verfassung von 1850 kannte an sich gar keinen Ministerpräsidenten, er war de facto nur ein »primus inter pares innerhalb des kollegial verfassten Kabinetts«.17 Eine förmliche Richtlinienkompetenz gab es nicht, vielmehr eher eine politisch bedingte. Und erst durch die be rühmte Kabinettsordre vom 8. September 1852 wurde sichergestellt, dass die Ministerpräsidenten die Politik der Ressortinhaber wirksam zu koordinieren vermochten und an der Kommunikation zwischen einzelnen Ministern und Monarchen beteiligt werden mussten. Bismarck war gleichwohl von Anfang an Chef im preußischen Staatsministerium beziehungsweise in der preußischen Regierung. Das hatte drei Gründe:

Er war der letzte Joker, den Militärs und Konservative im Verfassungskonflikt zwischen Monarch und Landtag über die preußische Heeresreform im Ärmel hatten, und er wusste das natürlich. Ansonsten gab es nur die Alternativen Nachgeben, Abdankung des Königs und Übergang zu einem parlamentarischen Regieren oder offener Staatsstreich – und beides war unbedingt zu vermeiden. Zweitens war Bismarck, der ja als Verwaltungsbeamter im unmittelbaren Sinne gescheitert war – als Referendar hatte er vor dem zweiten Staatsexamen und angesichts der Mühsal des üblichen Staatsbetriebes kapituliert –, zugleich ein homo politicus par excellence. Und drittens war er Spezialist in allen Fragen der Außenpolitik, bezogen auf Preußens Rolle im Deutschen Bund wie in den europäischen Großmächtebeziehungen. Dazu hatte er eine elfjährige Lehrzeit verbracht, von 1851 bis 1859 als preußischer Gesandter am Bundestag in Frankfurt am Main, dann bis 1862 als Botschafter in Sankt Petersburg und zuletzt noch für kurze Zeit in diesem Jahr als Botschafter in Paris. Kein Zweifel: Von Anfang an stand mit ihm die Person im Zentrum, nicht der Amtsträger.

3. Sozialisation

Bismarck trat mit 32 Lebensjahren als Parteigänger, aber nicht als Parteisoldat der legitimistischen preußischen Konservativen in die Politik ein, am Vorabend der Revolution von 1848 / 49. Von Anfang an liebte er es zu provozieren, unkonventionell zu sein, Grenzen zu überschreiten und war dabei stets bereit, über alle Grenzen hinweg zu kommunizieren. Der geistreiche Gegenspieler war ihm zumeist lieber als der konforme Parteigänger – Letzteren pflegte er zu instrumentalisieren, aber schwerlich zu respektieren. Blickt man auf den jungen Abgeordneten und konservativen preußischen Troubleshooter, so findet man eine Figur, die förmlich aus Lust provozierte. Gegen die nationale Mehrheitswoge setzte er das preußische Staatsinteresse. Im preußischen Landtag provozierte er am 21. April 1849 gegen die Annahme der von der Frankfurter Nationalversammlung verabschiedeten Reichsverfassung: »Preußen soll zum Staatenhause 40 Abgeordnete nach Frankfurt schicken, also 1 auf 400 000. Die Bayern sind schon mehr wert, da kommt auf 200 000 einer; Weimar auf 120 000 […] und Liechtenstein, was soviel Einwohner hat als Schöneberg – hier vor dem Halleschen Tor – würde im Staatenhause denselben Einfluss ausüben als die Mehrzahl der preußischen Regierungsbezirke mit 400 000 und mehr Einwohnern.«18 Preußen, so damals der Kern von Bismarcks Überzeugungen, durfte eben nicht in Deutschland aufgehen, es durfte keinesfalls für deutsche nationale Zwecke in Großmachtkonflikte hineingezogen werden, und es musste um jeden Preis als Staat mit monarchischer Prärogative erhalten bleiben. Vier Jahre später, im September 1853, schrieb er an Prinz Wilhelm, den späteren König und Kaiser: »Preußen ist keineswegs durch Liberalismus und Freigeisterei groß geworden, sondern durch eine Reihe von kräftigen, entschlossenen und weisen Regenten, welche die militärischen und finanziellen Kräfte des Staates sorgfältig pflegten und schonten, sie aber auch in eigner, selbstherrschender Hand zusammenhielten, um sie mit rücksichtslosem Muthe in die Waagschale der europäischen Politik zu werfen, sobald sich ein günstiger Moment dazu darbot. Dieses System müssen wir auch noch ferner beibehalten, wenn die Monarchie zu einem haltbaren Abschluß gelangen soll. Der parlamentarische Liberalismus kann dabei als ein vorübergehendes Mittel zum Zweck dienen, aber er kann nicht selbst der Zweck unsres Staatslebens sein.«19 Wie lässt sich diese Passage nun deuten?

Die monarchische Prärogative blieb unangetastet, im Grunde ungeschmälert bis zu Bismarcks Ende im politischen Amt, mehr als eine Generation später. Aber sie erfuhr bereits jetzt gravierende Flankierungen: Es geht nicht um Prinzipienpolitik, sondern um »Realpolitik«, um das Wahrnehmen günstiger Chancen für Staat und Monarchie, die sich dann eher kurzfristig aus bestimmten Konstellationen heraus bieten. Gleichzeitig wird eine bestimmte Bandbreite der politischen Kräfte akzeptiert: Das liberale Moment soll gewiss nicht die Hegemonie in der preußischen Monarchie gewinnen dürfen, wohl aber im Kräfteparallelogramm für eine nützliche instrumentelle Verwendung dienen. Hinzu kommt eine zweite Dimension: In der Revolutionszeit hatte der junge Abgeordnete von Bismarck die nationale, über Preußen hinausweisende Formel zumeist zynisch von sich gewiesen, sozusagen als ein Spielfeld von »Kreisrichtern, Professoren und anderen Schwätzern«, eine Formulierung, zu der er sich sehr viel später verstieg. Dazu hatte auch gehört, dass er die andere deutsche, protokollarisch höherrangige Großmacht Österreich mit Respekt behandelte; wenn die nationale Frage gar nicht im Vordergrund stand, sondern die Frage nach der Selbstbehauptung Preußens, dann war es ja auch kontraproduktiv, nur der Verwirklichung einer kleindeutschen Schimäre halber sich auf einen Konflikt mit Österreich einzulassen. Deshalb war es auch nur folgerichtig, dass Bismarck die faktische preußische Kapitulation in Olmütz 1850 vor Österreich, mit Russland im Hintergrund, das heißt die Preisgabe einer preußisch dominierten deutschen Union, guthieß. Dieser Bezugsrahmen sollte sich nun aber gravierend mit seinem Amtsantritt als preußischer Vertreter am Deutschen Bundestag in Frankfurt 1851 wandeln. Einmal wurde hier Bismarck sozusagen in einen deutsch-mitteleuropäischen Kommunikationsraum hineingestellt. Damit stieß er intensiviert auf so etwas wie die deutsche Frage aus preußischer Perspektive. Was sich daraus zusehends entwickelte, war das Bild einer die deutsche Frage instrumentalisierenden preußischen Realpolitik, die zugleich hochkonservative, alteuropäische Muster über Bord warf. Damit wuchs auch das für die preußischen Konservativen indiskutable bonapartistische Frankreich für Bismarck in die Rolle eines mit Interesse zu beobachtenden Akteurs, gegebenenfalls auch Partners hinein. So schrieb er am 21. Dezember 1854 an seinen alten politischen Ziehvater Leopold von Gerlach – und hier deuteten sich die Brüche der späteren Zeit zwischen Bismarck und diesem Lager über die Reichsgründung hinweg bereits an: »Das Unglück aber, was Sie aus einer Verbindung mit Frankreich für uns kommen sehn, erwarte ich vielmehr aus unserer Hingabe für Österreich; etwa aus dem Grunde, weil mich mein Bettgenosse viel leichter betrügen, vergiften, erdolchen kann als ein Fremder, mit dem ich in gelegentliche Geschäftsverbindung trete, besonders wenn der Bettgenosse der Ruchlosere und Feigere ist. Ich bin aber weit entfernt, eine Verbindung mit Frankreich als etwas Erwünschtes, freiwillig Erstrebendes anzusehn. Nur halte ich nicht für gut, […] daß wir nie und unter keinen Umständen uns mit Louis Napoleon alliiren würden; der Glaube, daß diese Möglichkeit für uns gar nicht existire, schwächt unsre Stellung m. E. erheblich.«20

Bismarck eignete sich in den ersten Jahren seiner Amtszeit als Ministerpräsident, noch intensiver als zuvor in den Botschafterjahren, ein Denken und Agieren in Alternativen an; »Realpolitik« steht damit in engstem Zusammenhang. Bismarck suchte es prinzipiell zu vermeiden – vermutlich kann man hier ein, wenn nicht sein grundlegendes Politikmuster erkennen –, in eine Lage der Alternativ- beziehungsweise Optionslosigkeit gedrängt zu werden. Das gilt für die Innen- wie für die Außenpolitik und vor allem für jene Sphäre, in der beide Dimensionen einander nahekommen, zuvörderst in der deutschen Frage, in den Beziehungen Preußens beziehungsweise Norddeutschlands zu Süddeutschland wie zu Österreich.

Der »kurbrandenburgische Vasall«, als der Bismarck bei seinem König im September 1862 Punkte gemacht und als der er um ihn geworben hatte, ist tatsächlich doch eine auch imaginierte, teilweise kokettierende Figur. In Wirklichkeit ist der Monarch von Anfang an eine instrumentelle Größe unter anderen. Der Ministerpräsident führt einerseits den Verfassungskonflikt auf die denkbar härteste Weise durch; er versucht liberale Beamte ebenso zu disziplinieren, wie er gefährlich nahe am Staatsstreich operiert; ziemlich gleichzeitig spricht er mit Ferdinand Lassalle über Sinn und Nutzen der Einführung des gleichen Wahlrechts – gegen das in Preußen herrschende Dreiklassenwahlrecht; Lassalle verspricht sich davon etwas für das wachsende Proletariat, Bismarck einiges von der gestärkten Repräsentanz der Bauern und Landarbeiter in den konservativen Strukturen des ostelbischen Preußen. Im Sinne Wilhelms I. ist das alles nicht. Und gleichzeitig wiederum kommuniziert Bismarck mit führenden Liberalen – er signalisiert ihnen, dass die dreijährige Dienstzeit für die Wehrpflichtigen, auf der der König beharrt, für ihn selbst gar kein Dogma sei; er führe hier nur den Willen des Königs aus, aber das werde sich schon ändern. Liberale Minister, so sie den Mut aufbrächten, unter so widrigen Umständen in die Regierung einzutreten, müssten da nur einen langen Atem haben. Im Grunde hintergeht er mit solchen Avancen diesen König, dem er sich als »kurbrandenburgischer Vasall« angedient hat.

Die preußische Innenpolitik jener Jahre ist stets zugleich die deutsche Politik Preußens: Auch hier hält sich Bismarck bis zuletzt, bis zum innerdeutschen Krieg vom Sommer 1866, mehrere Optionen offen. Und er präpariert zugleich das Gelände, indem er, auch unter Verletzung von mancherlei Prinzipien, die Geneigtheit der beiden außerdeutschen Großmächte gewinnt, des bonapartistischen Frankreichs und des zaristischen Russlands. Bismarck ist wohl sehr bald klar geworden, dass trotz des Scheiterns der Revolution von 1848 / 49, an dem er selbst ja einen, wenn auch marginalen Anteil genommen hatte, der Status quo in Mitteleuropa nicht einfach auf lange Zeit erhalten bleiben konnte. Aber ebenso wenig wie Helmut Kohl Ende der 1980er-Jahre, hatte er in den 1860er-Jahren einen »Masterplan«. Zunächst einmal wusste Bismarck, was er nicht wollte und wen es gegebenenfalls zu instrumentalisieren galt:

Er wollte keine organische Weiterentwicklung des Deutschen Bundes zu einer stetig verdichteten Konföderation, bei der die gesamtösterreichische Ländermasse zusammen mit den deutschen Mittelstaaten gegenüber Preußen auf Dauer hegemonial bleiben würde. Insofern war sein schärfster Gegenspieler in diesen Jahren der Leiter der sächsischen Politik, Graf Beust, der genau diesen Weg anstrebte.21 Gegen diesen Trend setzte er sich mit aller Härte zur Wehr, als er nahezu brachial 1863 seinen König daran hinderte, am Frankfurter Fürstentag unter dem Präsidium des österreichischen Monarchen Kaiser Franz Joseph teilzunehmen. Gleichzeitig verschreckte er, das wurde hier schon angedeutet, die preußischen Hochkonservativen, indem er das bonapartistische Frankreich ins Kalkül nahm – und auf der anderen Seite schloss er, auch 1863, die »Alvenslebensche Konvention« mit Russland.22 Für alle, die dem liberalen freiheitlichen Prinzip anhingen, war diese Konvention förmlich ein Schlag ins Gesicht – für Bismarck hingegen waren solche Positionen »Professorenpolitik«; dafür hatte er nur abfällige Worte. Ohne dass der spätere Showdown mit Österreich damals schon absehbar war, schuf Bismarck so jedenfalls Voraussetzungen, um Österreich gegenüber in die Vorhand gelangen zu können. Was aber stellte er sich hier vor?

Die schließliche Verdrängung Österreichs aus Deutschland war nicht zwingend von Anfang an in Bismarcks Vorstellungen angelegt, auch in dieser Hinsicht zeigte er sich alles andere als dogmatisch. Vielmehr bot er gewissermaßen eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten an, wobei die Extreme das Verschwinden Österreichs aus Deutschland oder ein Kondominium mit jeweiliger Hegemonie beider Seiten, Preußens in Norddeutschland, Österreichs südlich der Mainlinie, sein sollten. Gegenüber dem österreichischen Botschafter Graf Károlyi führte er schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt als Ministerpräsident aus:

»Preußens Stellung in Deutschland verstehe ich folgendermaßen. Parallel mit dem Zollverein müssten auf dem materiellen Gebiete, wie Eisenbahnen usw., nicht durch den Bund, sondern durch freie Vereinbarung zwischen Preußen und jedenfalls den norddeutschen Staaten ähnliche Institute gegründet und die Führung der beiden norddeutschen Armeekorps Preußen überlassen werden, während die beiden andern dem österreichischen Kommando zufielen.«23 Am Ende pokerte Bismarck hoch und gewann, worüber er selbst sich durchaus nicht sicher gewesen war: In der finalen Krise des Deutschen Bundes vom Mai und Juni 1866 schlug er, in Berlin immer noch im Konflikt mit der weit überwiegenden liberalen Mehrheit im Landtag, für die Lösung der deutschen Frage einen neuen engeren Bund auf der revolutionären Grundlage des gleichen Wahlrechts vor – und eben diesem Bund sollte Österreich nicht mehr angehören. Und zugleich waren außenpolitisch die Voraussetzungen geschaffen, um den Waffengang mit Österreich und seinen Verbündeten mit einiger Aussicht auf Erfolg führen zu können: Russland stand tendenziell im preußischen Lager, Frankreich erwartete die preußische Niederlage und versprach sich Kompensationen am Rhein bei diplomatischer Hilfestellung für Preußen. Italien, das auf Venetien und weitere Territorien schielte, stand im Bündnis mit Preußen, so dass die Österreicher, was vermutlich mehr als das preußische Zündnadelgewehr den Ausschlag gab, einen Teil ihres Heeres südlich der Alpen operieren lassen mussten.

Am Tag der Entscheidungsschlacht von Königgrätz, am 3. Juli 1866, wurde in Preußen ein neuer Landtag gewählt. Er brachte eine gewichtige, ja fast revolutionäre, eher wohl konterrevolutionäre Gewichtsverschiebung. Der Erfolg, obwohl noch nicht vollständig eingetreten, nährte den Erfolg: Die Konservativen stiegen von 35 auf 119 Mandate. Bismarcktypisch – und wieder, wie beim Fürstentag von 1863, gegen den Monarchen gerichtet – war auch die Friedensgestaltung: Sie war insofern radikal, als sie jene eliminierte, für die auf dem Spielfeld aus Bismarcks Sicht kein sinnvoller Platz mehr war – und jene schonte, die für künftige Kombinationen gebraucht werden würden. Der Monarch hingegen wollte einen herkömmlichen Friedensvertrag: Sogenannte »Schuldige« sollten bezahlen, möglichst alle Gegner auch Gebietsverzicht leisten, wie es nun einmal üblich war. Zugleich aber sollten nicht revolutionär Dynastien wie im Falle des welfischen Königreiches Hannover einfach radikal entthront werden. Bismarck, der sogenannte Vasall, führte den Konflikt an zwei, wenn nicht drei Fronten: Einmal ein schneller Friedensschluss, um Frankreich nicht die Chance zu eröffnen, auf einer Vermittlungsprämie zu beharren und durch Gebietsgewinne im Linksrheinischen die preußische Politik unter nationalen Gesichtspunkten zu desavouieren. Zum Zweiten Schonung der süddeutschen Staaten und vor allem Österreichs gegen den Willen des Königs, der Teile Nordbayerns – die alten Hohenzollernschen Markgrafschaften – und Böhmens annektieren wollte. Bismarck hat sich dagegen nahezu mit Brachialgewalt durchgesetzt. Selten in seiner gesamten Amtszeit hat er gegen den eigenen Monarchen so hoch gepokert, so viel zerschlagenes Porzellan in Kauf genommen und sich am Ende durchgesetzt: »Von Österreich ist durch die doppelte Erklärung, daß es aus dem Deutschen Bunde austrete und eine Rekonstruktion desselben ohne seine Teilnahme und unter Preußens Führung zulassen und daß es alles anerkennen werde, was Eure Königliche Majestät in Norddeutschland zu tun für gut befinden werde, alles wesentliche gewährt, was Preußen von ihm zu fordern hat. […] Wenn dieses Ziel […] gesichert werden kann, so würde es […] ein politischer Fehler sein, durch den Versuch, einige Quadratmeilen mehr von Gebietsabtretungen oder wenige Millionen mehr von Kriegskosten von Österreich zu gewinnen, das ganze Resultat wieder infrage zu stellen […].«24

Gewiss hat Bismarck 1866, als er Österreich »schonte«, noch nicht den späteren Zweibund von 1879 zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn im Blick haben können. So langfristig-determiniert agierte er nicht. Aber ebenso sicher ist, dass ihm 1866 bereits die Konstellation eines Ausgleiches zwischen Preußen beziehungsweise Preußen-Norddeutschland oder Preußen-Kleindeutschland und dem historisch und kulturell ja doch so eng verbundenen Österreich vor Augen stand.

Schließlich drittens die Indemnitätsvorlage gegenüber dem preußischen Landtag, der Formelkompromiss, mit dem nachträglich die parlamentarische Billigung für die ungenehmigten Haushalte seit Beginn des Verfassungskonfliktes und damit auch für die Heeresreform eingeholt wurde. Auch hier argumentierte Bismarck »realpolitisch« gegenüber einem Monarchen, der in diesem Schritt so etwas wie ein Schuldeingeständnis sah – und ihn zunächst vehement ablehnte. Bismarck hingegen beharrte darauf, im Lande ein erträgliches Verhältnis wiederherzustellen – bei dem er selbst dann freilich als Regierungschef der eigentliche Nutznießer war. Denn wenn es gelang, das Konfrontationsverhältnis gegenüber dem Parlament zu überwinden, dann sank zugleich seine eigene Abhängigkeit vom Monarchen.

4. Regieren und Regierungsapparat

Einen Kanzler beziehungsweise Staatskanzler hatte es in Preußen nur einmal gegeben, mit Karl August von Hardenberg vom 4. Juni 1810 bis zu seinem Tode am 26. November 1822.25 König Friedrich Wilhelm III. hatte in der Ernennungsurkunde für Hardenberg eine besondere Prärogative des Staatskanzlers zum Ausdruck gebracht: »Ich habe beschlossen, Euch zum Staatskanzler zu ernennen und Euch unter meinen unmittelbaren Befehlen die obere Leitung aller Staatsangelegenheiten zu übertragen.«26 Der Ministerpräsident im Königreich Preußen hingegen war unter den Bedingungen der Verfassung von 1850 an sich eine schwache Figur, ein primus inter pares – darauf wurde schon eingegangen. Im Falle Bismarcks kam zumindest hinzu, dass er sich frühzeitig ein hohes Maß an persönlicher Autorität erkämpfte; nach elf Jahren als preußischer Chefdiplomat und als political animal schlechthin, dazu als Joker im preußischen Verfassungskonflikt war er eine erhebliche politische Kapazität. Aber das war er mehr als Einzelakteur, von seinen Kollegen im Staatsministerium hielt er zumeist wenig – man wird hier, ausnahmsweise, der Charakteristik in seinen Memoiren folgen dürfen: »Ebenso war der Handelsminister Graf Itzenplitz nicht im Stande, das Steuer seines überladenen ministeriellen Fahrzeugs selbstständig zu führen, sondern trieb in der Strömung, welche seine Untergebenen ihm herstellten.«27 Die Ausnahme war sicherlich der ihm auch persönlich nahestehende Kriegsminister Albrecht von Roon. Roon war ja schon im September 1862 massiv daran beteiligt gewesen, Bismarck in einer Art Nacht-und-Nebel-Aktion nach Berlin beziehungsweise Potsdam zu holen, um den König von der Abdankung und damit vom Übergang Preußens zu einem liberalen Regime abzuhalten. Aber die preußischen Kriegsminister hatten in der Hohenzollern-Monarchie sowie auch später im Deutschen Reich eine Art Sonderstellung. Denn da die Armee uneingeschränkt der Kommandogewalt des Königs unterstand – und Bismarck selbst legte zumindest äußerlich stets den größten Wert darauf, dass es dabei blieb –, war der Kriegsminister eine Art Zwitter zwischen zivilem Minister und General in der autonomen Militärhierarchie.

Für Bismarcks konstitutive Stellung bedeutete der Aufstieg zum Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes 1867 und vier Jahre später zum deutschen Reichskanzler – mit nahezu unveränderten Kompetenzen – einen Quantensprung. Er behielt die Funktionen des preußischen Ministerpräsidenten und, nunmehr deutlich an Gewicht zulegend, auch des preußischen Außenministers; denn als solcher »dirigierte« er die 17 preußischen Stimmen im Bundesrat. Der Kanzler aber, ernannt und entlassen allein vom preußischen König als Inhaber des Bundespräsidiums, beziehungsweise – seit 1871 – vom Deutschen Kaiser, war von nun an, formal bis zum 9. November 1918, der einzige Minister auf der Ebene des neu geschaffenen Bundesstaates. »Er wurde ein Verfassungsorgan ersten Ranges, das gerade aus seiner Zwischenstellung zwischen Bundespräsidium und Bundesparlament (Reichstag, P.M.) die Freiheit des selbstständigen Handels gewann.«28 Im verfassungsrechtlichen Sinne bedurfte der Kanzler zwar nicht einer Mehrheit im Reichstag. Parlamentarische Missbilligungen konnten seine Stellung gegenüber dem Monarchen gegebenenfalls – punktuell – sogar stärken; gegen das Parlament war freilich auf Dauer nichts auszurichten: Denn ohne Reichstagsmehrheiten und damit ohne gebilligte Haushalte ließ sich über längere Zeit nicht regieren, es sei denn der Kanzler ließ es, wie zuvor in Preußen, auf einen Konfliktkurs gegenüber dem Parlament ankommen. Das Reich war aber nicht mehr die enge preußische Monarchie, sondern ein differenziertes politisches System. Bismarck liebte das Spiel mit mehreren Bällen auch in der Innenpolitik, gegen das tendenziell unitarische Verfassungsorgan Reichstag setzte er das konföderale Element der Einzelstaaten und ihrer Monarchen, darauf ist noch zurückzukommen. Seine Zentralbehörde war zunächst das 1867 geschaffene »Bundeskanzleramt«, seit 1871 als »Reichskanzleramt« weitergeführt. An seiner Spitze stand bis 1876 der liberale preußische Karrierebeamte Rudolf von Delbrück. Delbrück war Freihändler, er hatte im Herbst 1870 in Versailles an den Verhandlungen zur Einbindung der süddeutschen Staaten in den neuen künftigen Nationalstaat mitgewirkt; er war vom Typus her so etwas wie ein Modernisierer und Technokrat, der nun mit vielerlei ökonomischen und zivilrechtlichen Regelungen die Rahmenbedingungen für die innere Einheit des neuen Nationalstaates herzustellen suchte. Bismarck wurde bald misstrauisch, nichts fürchtete er so sehr wie Machtkonzentration an ihm vorbei. Dazu kam in seinem Regieren eine Art Fundamentalkrise ab der Mitte der 70er-Jahre. Der Kanzler nahm lange Urlaube, bis zu zehn Monate, auf seinen Gütern Varzin in Hinterpommern und später Friedrichsruh bei Hamburg, während derer, wie auch bei seinem Kuraufenthalten im bayerisch-unterfränkischen Bad Kissingen, er darüber nachdachte, wie es denn an der politischen Spitze des Reiches und Preußens weitergehen solle. Die im Parlament oft mit Vehemenz geforderte Einführung von Reichsministern lehnte Bismarck entschieden und bis an das Ende seiner Tage ab, nichts wäre für ihn inakzeptabler gewesen als ein weiteres Kollegialorgan, dazu noch am Ende mit parlamentarischer Verantwortlichkeit. Dazu war ihm die sozusagen immanent-technokratische Machtausweitung des Reichskanzleramtes suspekt. An den Kaiser schrieb er am 22. Januar 1878: »Das Reichskanzleramt in der Gestalt eines zentralisierten Reichsministeriums mit dem unabweislichen Streben, seinen Einfluss auf die ihm nicht untergeordneten Landesregierungen zu üben und zu verstärken, hat schon bisher periodisch in sehr fühlbarer Weise die Wirkungen gehabt, dass die Minister der größeren Bundesstaaten und namentlich E. M. preußische Minister nur selten und mit Zurückhaltung an den Arbeiten des Bundesrates teilnahmen.«29 Im Ergebnis wurde das »Reichskanzleramt« 1879 zu einem »Reichsamt des Innern« mit vielerlei Verwaltungszuständigkeiten degradiert und entpolitisiert. Dazu traten stetig neue Reichsämter, entsprechend der Ausweitung von Politikmaterien auf nationaler Ebene, etwa das Reichspostamt, das Reichsschatzamt, schließlich ein Reichskolonialamt. An der Spitze all dieser Einrichtungen aber standen auf Reichsebene weisungsgebundene Staatssekretäre, eben nicht Minister mit politisch eigenständiger Führung von Geschäftsbereichen. Anstelle des expandierenden Reichskanzleramtes erhielt der Reichskanzler 1878 die Reichskanzlei. Sie war wohl das, was Bismarck wollte, äußerlich unscheinbar, ein besseres Sekretariat, tatsächlich die zentrale Kommunikations- und Koordinationsinstanz auf Reichsebene.

Am Ende gewinnt man, liest man die Vielzahl an Stellungnahmen und auch Parlamentsreden Bismarcks zur Struktur der Reichsleitung, den Eindruck, dass ihm, der einmal als preußischer Ministerpräsident begonnen hatte, die Reichsfunktionen schließlich näher standen. Als Reichskanzler war er eine Art administrativer Autokrat, freilich nicht im luftleeren Raum, sondern im Mit- und Gegeneinander verschiedener Größen. Als preußischer Ministerpräsident musste er sich bis zum Ende seiner aktiven Tage mit Themen wie Bildungs- und Schulwesen, Kommunalordnungen und Verkehrswegebau abplagen. Wenn derlei Themen nicht auf höherer politischer Ebene instrumentalisiert und damit zweckentfremdet werden konnten, dann war diese Prosa schwerlich eine Welt, die ihn faszinierte.

Was ergibt sich nun, wenn man die wirklich singuläre Konstruktion des Bundes- beziehungsweise Reichskanzlers in der deutschen Geschichte von 1867 bis 1918 mit der des Bundeskanzlers seit 1949 vergleicht? Und ist ein solcher Vergleich überhaupt anzustellen?

Versucht man es, dann erscheinen zwei Punkte bemerkenswert: Der Kanzler im Kaiserreich war der einzige Minister auf Nationalstaatsebene, er hatte es aber zugleich mit einem sehr viel stärkeren Staatsoberhaupt zu tun – aber diese Feststellung bedarf wiederum der Relativierung: Denn der deutsche Kaiser und preußische König konnte seinen Kanzler und Premier in Preußen in der Realität nicht einfach nach der Laune eines absolutistischen Duodezfürsten auswechseln. Ohne ein Mindestmaß an Akzeptanz in der politischen Klasse des Reiches ging es nicht. So ist auch nie, trotz mancherlei Unkenrufen, ein wirklich hochkonservativer preußischer »Reaktionär« ins Kanzleramt gelangt.

Schließlich: Bismarck war zwar bei allen Reichstagswahlen bis 1890 nie ein »Spitzenkandidat«. Er nahm aber mit seinem Apparat stets Einfluss auf das Wahlgeschäft und die Wähler wussten sehr wohl, welche Kräfte der Kanzler favorisierte. Allerdings ging es am Wahltag nicht unmittelbar um sein Leben und Überleben im Amt. Helmut Kohl wurde 1998 abgewählt, Bismarcks Ergebnis bei der Reichstagswahl 1890 war ähnlich desaströs. Aber zunächst einmal schwächte es nur seine Stellung; hätte der Monarch ihm weiter den Rücken gestärkt, dann hätte er, wie er so gern formulierte, »weiterkämpfen« können, zumindest für einige Zeit.

5. Politische Fraktionierungen, Parteien

Der Bezug zum Staatsganzen, die Bindung an den Monarchen, die viel geringere Rolle der Parteien im öffentlichen Leben und schließlich ihre konstitutive Beschränkung weitestgehend auf Funktionen außerhalb der Exekutive, all diese Momente führten dazu, dass Gestaltung in den hohen Staatsämtern sich in einem nur mittelbaren Verhältnis zu Parteien, Fraktionen und Parlamentsmehrheiten sah. Die Eigenart dieses Systems bestand somit darin, dass der Akteur an der Spitze des Staats- und Regierungsapparates sich zwar nicht als politisches Neutrum verstand, es aber bei allen Präferenzen zu verschiedenen Zeiten für bestimmte Parteien, Fraktionen und Konstellationen doch stets vermied, sich ganz mit einer Richtung oder Fraktionierung zu identifizieren. Bismarck hat darüber selbst im Reichstag reflektiert, so am 29. November 1881: »Die stärkeren Fraktionen stellen an mich den Anspruch, ich soll (sic!) ihnen nicht nur meine Person, sondern das kaiserliche Gewicht zur Verfügung stellen für ihre Fraktionszwecke, dann würden sie […] mit mir zusammen wirtschaften. Ja, wenn das meine Überzeugung wäre, wenn meine Überzeugung mit einer dieser Fraktionen vollständig übereinstimmte, so würde ich mich gern der Fraktion anschließen und würde aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, vorausgesetzt, dass ich voraussähe, mit dieser Fraktion kann ich mein Jahrhundert in die Schranken fordern, und die ist stark genug, um das Deutsche Reich mit ihrer Hilfe zu festigen, auszubilden und zu regieren.«30 Im Weiteren reflektierte der Kanzler dann darüber, er könne sich so etwas unter britischen Bedingungen vorstellen, also bei nur zwei relevanten Parteien im Parlament, deren Majoritäten sich jeweils in Regierungsbildung und politischer Führung ablösten. Es spricht nun sehr viel dafür, dass er hier mit Nebelkerzen warf. Denn genau dieses britische System der parlamentarischen Verantwortlichkeit hat er im Prinzip ja stets abgelehnt und an seiner Stelle eben jene Konstellation befürwortet – und mit den Verfassungsregelungen von 1867 und 1871 selbst wesentlich mit herbeigeführt –, bei der er die zentrale Funktion in einem System von Zuordnungen und Verantwortlichkeiten besaß. Parlament und Fraktionen waren dabei kein unwichtiger Faktor, aber nicht der einzige und unter keinen Umständen sollten sie dominant werden. Vielleicht am klarsten hat Bismarck die Nichtakzeptanz einer Parteidominanz in seiner ganz entscheidenden Reichstagsrede vom 9. Juli 1879 zum Ausdruck gebracht. Es war möglicherweise die Schlüsselszene bei jener zentralen innenpolitischen Kurskorrektur, die das liberale Jahrzehnt in Preußen-Deutschland beendete. Materiell hieß dies: ein Finanzpaket aus Zöllen (Eisen und Getreide) wie Verbrauchssteuern (Tabak) und damit zugleich ein ganz neues Einnahmeniveau für die Reichsfinanzen, sowie partieller Ausgleich mit dem katholischen Zentrum, das diesen Kurs mittrug, ja mit gestaltete. Hinter diesem Politikwechsel stand eine Lobby aus Schwerindustrie und Landwirtschaft, die die Kräfte im Reichstag neu justieren half. Dieser neue Kurs entsprach nicht nur den Interessen der agrarischen und in Teilen der bürgerlichen Wählerschaft. Das Zentrum mochte so hoffen, seinerseits Bismarck in Abhängigkeit zu bringen und den Kulturkampf mildern, vielleicht ganz aus der Welt schaffen zu können. Es ging aber, und das ist ganz typisch für Bismarcks Agieren, nicht einfach darum, nunmehr das Zentrum an der Stelle der Nationalliberalen zu einer Art Koalitionspartei zu machen. Einmal ließ der Stand des Kulturkampfes das grundsätzlich noch nicht zu, es sollte fast noch ein Jahrzehnt ins Land gehen bis zu seiner Abschwächung. Vor allem war es Bismarck darum zu tun, eine relative Präferenz durch eine andere relative Präferenz zu ersetzen, mehr nicht. Und damit verband sich die Taktik, auch innerhalb der betroffenen Parteien beziehungsweise Fraktionen Gunst und Hader zu verteilen.

Es war eine Sensation, als der Reichskanzler am 3. Mai 1879 den führenden, aber eben nicht den alleinführenden Repräsentanten des Zentrums, Ludwig Windthorst, in seinem Haus zur parlamentarischen Soiree empfing und ostentativ in ein langes Gespräch zog.31 Freilich war und blieb Windthorst trotz aller Signale eine Figur, die Bismarck denkbar fern stand: Nicht nur als führende Kapazität im Zentrum, sondern auch als Anwalt des alten Königreiches Hannover und der 1866 entthronten Welfen-Dynastie. So hat Bismarck den eigentlichen Schlussstein der damaligen Neuregelung der Reichsfinanzen mit dem zentralen Rivalen Windthorsts an der Spitze des Zentrums, dem bayerisch-fränkischen Freiherrn von Franckenstein, ausverhandelt. Es ging um die berühmte Franckensteinsche Klausel, die der Reichskanzler schließlich akzeptierte: Reichseinnahmen aus den neuen Finanzquellen, die 130 Millionen Mark jährlich überstiegen, sollten proportional an die Länder überwiesen werden; der bayerisch-fränkische Aristokrat von Franckenstein, obwohl ursprünglich gegenüber der kleindeutschen Reichsgründung strikt ablehnend, war für Bismarck eine deutlich akzeptablere Figur als der konfliktorientierte Windthorst – und Letzterer »tobte«32, weil der Kanzler nicht mit ihm die entscheidenden Verhandlungen geführt hatte. Bismarck gelang es bei dieser Operation nicht nur, das bis dahin so vehement bekämpfte Zentrum taktisch geschickt auf seine Seite zu ziehen. Bei der Verbannung der Nationalliberalen 1879 aus der Gunst des Kanzlers handelte es sich keineswegs um eine Reise ohne Wiederkehr. Und ein Teil der Fraktion blieb auch jetzt im Kanzlerlager. Es waren jene, die den nationalen Integrationskurs über (ökonomisch-) liberale Prinzipien stellten. Derlei »Ordnungspolitik« wurde von Bismarck als akademisch-weltfremd abgetan. Und mit aller Offenheit hatte er drei Tage zuvor im Reichstag erklärt, wie er sein Verhältnis zu Fraktionen sah: »Eine Fraktion kann sehr wohl die Regierung unterstützen und dafür einen Einfluss auf sie gewinnen, aber wenn sie die Regierung regieren will, dann zwingt sie die Regierung, ihrerseits dagegen zu reagieren.«33

Die sogenannte liberale Ära, die im Grunde mit dem preußischen Sieg über Österreich 1866, mit der Indemnitätsvorlage und mit der Errichtung des Norddeutschen Bundes begonnen hatte, und die nun, im Sommer 1879, endete, hatte im Zeichen einer vergleichbaren Konfrontation Bismarcks gestanden, im Zeichen seiner Abwendung von den preußischen Konservativen. Vielleicht war dies der schmerzhafteste innenpolitische Bruch, mit dem er je konfrontiert war, denn hier ging es um die zumindest weitgehende Abwendung von jenem Milieu, dem er selbst eigentlich entstammte. Aber auch in den späten 1860er- und frühen 1870er-Jahren kam für ihn eine gewissermaßen zementierte Bindung an eine Partei, an eine Richtung und an ein Dogma nicht infrage. Für die altpreußischen Konservativen hingegen begann das Verhängnis 1866: Ihre Welt gründete im Bündnis von Thron und Altar, in den patriarchalischen Lebensverhältnissen auf dem Lande, in der Einbindung der preußischen Monarchie in die Integrität der dynastischen Verhältnisse im Zentrum Europas wie auch in das Kooperationsmuster der drei konservativen europäischen Ostmächte Preußen, Österreich und Russland. In idealer Weise hatte die Heilige Allianz nach dem Ende der napoleonischen Ära diese Welt verkörpert. Nun stellte die von Bismarck repräsentierte preußische Politik mit einem Mal Fundamente dieser Ordnung infrage: Sie entthronte die Welfen in Hannover, sie sprengte die legitime Ordnung des Deutschen Bundes, sie ventilierte den Gedanken eines nach gleichem Wahlrecht bestimmten deutschen Nationalparlaments, sie ging auf die Liberalen zu und beantragte die nachträgliche Billigung der Haushaltsvorlagen und ging damit zugleich im Verfassungskonflikt einen ansehnlichen Schritt in Richtung Parlamentarisierung.

Bismarcks alter politischer Ziehvater, von dem er sich freilich schon getrennt hatte, Ludwig von Gerlach, brandmarkte den innerdeutschen Krieg von 1866: »Das war Kains Brudermord, Judas Verrath und die Kreuzigung des Herrn auch.«34 Nun überwarf sich Bismarck mit früheren Weggefährten wie Hans von Kleist-Retzow und Moritz von Blanckenburg. Der innerdeutsche Krieg von 1866 und sein Ausgang zeitigten zweierlei parteipolitische Klärungen beziehungsweise Neuformationen: Im liberalen Lager entstand die Nationalliberale Partei. Sie sah sich vorderhand als die Partei des nationalen Kompromisses mit der preußischen Staatsführung und im Ergebnis als die Partei der schließlichen Reichsgründung, bis es 1879 zum weitgehenden Bruch kam. Im konservativen Lager, in dem die Altkonservativen nun in Opposition zum Regierungskurs gerieten, bildete sich mit den Freikonservativen eine neue Formation heraus: Pragmatischer und nationaler als die Altkonservativen, durchweg auf Regierungskurs, gouvernemental, rekrutiert vor allem aus Beamten-, Offiziers- und Industriellenmilieu, weniger aus dem Milieu der streng evangelischen, vielfach pietistischen ostelbischen Gutsbesitzer und Adeligen. Erst, als sich 1876 die »Deutschkonservativen« formierten, die sich innerlich auf den Boden der neuen Nationalstaatsgründung stellten, und sich eher als agrarische ökonomische Lobbypartei verstanden, begann der Bruch allmählich zu heilen.

Zunächst aber eskalierte die Konfrontation zwischen Bismarck und dem herkömmlichen altpreußischen Konservativismus weiter, über den Einschnitt der Reichsgründung hinweg.

Der preußische und deutsche Kulturkampf gegen die katholische Kirche war – jedenfalls auch – Teil eines etatistischen Modernisierungsprozesses. Zwei Reformmaßnahmen in Preußen provozierten in besonderer Weise den Protest der Altkonservativen, das Schulaufsichts- und das Kreisreformgesetz. Beide griffen in die althergebrachten Verhältnisse ein: Das Schulaufsichtsgesetz von 1872 definierte die Schulaufsicht als eine Funktion des Staates, nicht mehr der Kirche. Das Kreisreformgesetz griff in die lokalen politischen Besitzstände der Gutsbesitzer und Landadeligen ein. »Das Gesetz hob die Polizei- und Verwaltungsbefugnisse der Rittergutsbesitzer auf.«35 Es fand am 23. März 1872 eine breite Mehrheit im preußischen Landtag – gegen die Minderheit von Rittergutsbesitzern und Landräten aus dem ostelbischen Preußen. Aber es fiel ein halbes Jahr später im preußischen Herrenhaus geradezu krachend durch, mit 145 gegen 18 Stimmen. Hier hatte das alte, monarchisch-ständische Preußen seine letzte Rückzugsbastion. Bismarck, auch hier wie oft von überschießender Emotionalität, wollte daraufhin das Herrenhaus, in dem der landständische Adel den Ton angab, geradezu gleichschalten: Künftig sollten hier auf Loyalität getrimmte hohe Beamte und bürgerliche Profiteure des Wirtschaftsaufschwunges den Ton angeben. Stattdessen kam es zu geringen Modifikationen des Kreisreformgesetzes und im Herrenhaus nur zu einem »Pairs-Schub« durch die Ernennung von 24 neuen Mitgliedern, hohen Offizieren und Beamten, auf deren Loyalität die preußische Regierung baute. Damit wurde schließlich die Akzeptanz des Kreisreformgesetzes erreicht.

Bismarcks weiterer und gegenläufig erscheinender Kurswechsel von 1879, zurück in ein nun nationaler gewordenes und stärker auf ihn zugeschnittenes konservatives Lager, erfolgte freilich weder abrupt noch kurzfristig, und vollständig war er schon gar nicht. Einer der engsten Verbündeten Bismarcks im nationalliberalen Lager war der aus dem Hannoverschen stammende Rudolf von Bennigsen, insofern ähnlich Windthorst eine preußische Kriegsbeute von 1866. Gerade weil Bennigsen mit seiner Biografie nicht die gewissermaßen innerpreußischen Belastungen des Verfassungskonfliktes von 1862 mit sich herumtrug, war er für Bismarck und dessen Avancen in besonderer Weise zugänglich – und umgekehrt bemühte sich Bismarck in der Endphase seiner verdichteten Kooperation mit den Nationalliberalen, Bennigsen für ein Ministeramt in Preußen zu gewinnen. Bezeichnend auch für seine ganz persönliche Kultur als patriarchalischer Gutsherr und gewissermaßen guter Hausvater ist, wie er Bennigsen am 9. Juli 1877 kurzfristig für einige Tage nach Varzin in Hinterpommern bat. Da es »ohne gesellschaftliche Ansprüche« zugehe, könne der Gast auch gerne den Frack zuhause lassen, solle aber feste Stiefel mitbringen. Die Ministerkandidatur Bennigsens scheiterte am Ende. Ebenso wie Bismarck sich von ihr eine Rechtswendung der Nationalliberalen versprochen hatte, ging es Bennigsen umgekehrt und ganz plausibel darum, durch zusätzliche nationalliberale Minister in Preußen eben das zu erreichen, was der Kanzler und Ministerpräsident unbedingt vermeiden wollte, eine mehr oder weniger förmliche liberale Regierungskonstellation. Bismarck, das zeigte die innenpolitische Konstellation in der zweiten Hälfte der 1870er-Jahre, wog ab, er ging nicht radikal von A nach B, er akzeptierte das Neue, hier die Einbeziehung von reformierten Konservativen und Zentrum, nur eingeschränkt, und er brach, auch wenn es verbal noch so heftig zuging, die Brücken hinter sich keineswegs vollständig ab.

Diese Kultur der innenpolitischen Politikgestaltung sollte von ihm ein letztes Mal mit großem Erfolg bei der Auseinandersetzung um zwei große Militärvorlagen in den Jahren 1886 bis 1888 praktiziert werden. Wieder ging es im Zeichen eines nationalen Integrationsprozesses um die Position der Mittelparteien, der Nationalliberalen und des Zentrums. Die Sozialdemokratie stand ohnehin außerhalb jeglichen Kalküls. Und die Linksliberalen, die Freisinnigen, wurden von Bismarck vielfach wegen ihres prinzipiellen Rechtsstaatskurses trotz aller ideologischen Gräben als de facto Helfershelfer der Sozialdemokraten denunziert. So blieben für eine nationale Integration beziehungsweise Sammlung im Wesentlichen die beiden konservativen Parteien, die Nationalliberalen und das Zentrum, Letzteres weiterhin am wenigsten geschätzt wegen seiner Orientierung hin zum Heiligen Stuhl und zur katholischen Welt, seiner Rolle als eine Art politisch-parlamentarischer Schutzherr der Polen in den preußischen Ostprovinzen, kurzum wegen seiner inneren Unabhängigkeit gegenüber dem kleindeutschen Hohenzollernreich.

1887 kam zweierlei zusammen: Einmal bedurfte es prinzipiell einer neuen Militärvorlage im Reichstag; seit 1874 galt als Kompromiss zwischen Kanzler und Militärapparat auf der einen Seite, Parlament auf der anderen Seite die gesetzliche Festlegung der Präsenzstärke der Armee auf jeweils sieben Jahre, das berühmte Septennat. Nach 1881 stand damit eine solche Neufestlegung, ein letztes Mal in der Bismarck-Zeit, für 1887 / 88 an. Hier berührten sich nun zwei Problemkreise:

Zum einen ging es um die parlamentarische Mitsprache im Militär- und Rüstungsbereich und damit, nach den Erfahrungen des preußischen Verfassungskonfliktes, um einen hochsensiblen Konfliktgegenstand im System des preußisch-deutschen Konstitutionalismus. Die zweite Dimension war die außenpolitische, mit ihren ganz eigenen innenpolitischen Konsequenzen: Das Jahr 1887 stand im Zeichen einer außenpolitischen Doppelkrise, auf der einen Seite einer innenpolitisch instrumentalisierten Kriegsgefahr im Verhältnis zu Frankreich. Dafür gab der aggressiv auftretende französische Kriegsminister Boulanger die rechte Zielscheibe ab. Am 14. Januar 1887 hatte Bismarck durch den Kaiser den Reichstag auflösen und Neuwahlen ausschreiben lassen, zweieinhalb Wochen später erschien im Blick auf die französische Bedrohung in der Zeitung Post ein Artikel unter dem Titel: »Auf des Messers Schneide«36. Tatsächliche Kriegsgefahr ging auf der anderen Seite hingegen in diesen Monaten eher von dem belasteten Verhältnis zwischen Deutschland – mit Österreich-Ungarn – und Russland im Zeichen der Bulgarienkrise aus. Die führenden Militärs im Generalstab drängten in dieser Situation auf einen Präventivkrieg gegenüber Russland, auf ein gemeinsames Vorgehen mit Österreich-Ungarn, das in einem Feldzug in Kongresspolen eine militärische Entscheidung herbeiführen sollte. Bismarck war gegen den Krieg, aber dieser Kurs ließ sich nur durchhalten, wenn er mit selbstbewussten nationalen Parolen verbunden wurde und für innenpolitische Sammlung im Zeichen einer klaren Polarisierung zwischen nationalem und nichtnationalem Lager stand. Wieder waren Nationalliberale und Zentrum die parlamentarischen Kräfte, um die im Kern der Konflikt geführt wurde. Und umgekehrt sollten Aufrüstung und innere Stärkung die Politik in die Lage versetzen, den Militärs die Begründung für den tatsächlichen Waffengang zu nehmen: Denn ein Präventivkrieg aus einer Situation angenommener oder künftiger potenzieller Schwäche, und sei es auch im Zeichen eines Zweifronten-Krieges gegen Frankreich und Russland, werde dann überflüssig werden, wenn das Reich aus eigener Stärke nichts zu befürchten habe. Hier wird deutlich, wie sehr bei Bismarck Innen- und Außenpolitik, Strategie, Taktik und Instrumentalisierung in enger Wechselbeziehung zueinander standen. Und um das katholische Zentrum unter Druck zu setzen, verfügte Bismarck über eine Waffe, die förmlich genial anmutet, den eigens dazu in Stellung gebrachten Heiligen Vater, Papst Leo XIII. Anfang Januar 1887 wies der Vatikan den in München amtierenden Nuntius an: »Sie wollen daher aufs Lebhafteste die Führer des Centrums dafür interessieren, daß sie allen ihren Einfluß bei ihren Kollegen anwenden und dieselben versichern, daß sie durch die Unterstützung des Septennats dem Heiligen Vater eine große Freude bereiten und das für die Sache der Katholiken sehr vortheilhaft sein wird.«37 Zugleich gewann Bismarck die kommunikative Hegemonie gegenüber Parlament und Öffentlichkeit durch zwei große Reichstagsreden, die in Teilen geradezu in den nationalen Sprachhaushalt eingegangen sind, der vom 11. Januar 1887 und der vom 6. Februar 1888. Bei der ersten Rede schob er jenen Abgeordneten, die der bereits vorliegenden Septennatsvorlage die Zustimmung versagten, die Verantwortung für einen künftigen, gegenüber Frankreich verlorenen Krieg und für die Folgen zu, und er sparte dabei nicht mit nationaler Dramatisierung: »Man würde dafür sorgen, dass das Deutsche Reich so stark nicht bleibt, wie es ist. Man würde, von der Rheingrenze ausgehend, uns vom Rhein soviel abnehmen, wie man könnte; […] wir würden Schleswig ganz ohne Zweifel an Dänemark verlieren. […] Nun meine Herren, ich kann mir danach nicht denken, wer überhaupt sich stark genug fühlte, die Verantwortung für die Möglichkeiten des Eintritts solcher Zustände zu übernehmen. Die verbündeten Regierungen sind es ganz sicher nicht […]. Die verbündeten Regierungen haben […] dem Volk gegenüber die Verantwortlichkeit dafür, dass dieser Schutz jederzeit vorhanden sei.«38 Mit den »verbündeten Regierungen« kommt hier eine weitere, für die spätere Bismarckzeit typische Referenzebene ins Spiel. Je mehr Bismarck den Reichstag unter Druck zu setzen suchte, desto mehr bedurfte er dazu außerparlamentarischer Verbündeter. Die föderale, in Teilen konföderale Struktur des Bismarck-Reiches legte es dazu nahe, sie im Bundesrat wie bei den Monarchen und Regierungen der anderen deutschen Staaten zu suchen, von außerdeutschen Partnern wie dem wie ein deus ex machina auf die Bühne gezauberten Papst ganz abgesehen. Der Papst selbst hatte durchaus plausible Gründe, sich mit dem evangelischen deutschen Reichskanzler gegen das katholische Zentrum zu verbinden: Das Deutsche Reich stand im Bündnis mit Österreich-Ungarn, der einzig verbliebenen substantiell katholischen Großmacht in Europa. Frankreich und Italien hingegen waren zwar sozusagen auf dem Taufschein katholisch, Frankreich aber politisch laizistisch, und das neue italienische Königreich hatte 1870 den letzten Rest des Kirchenstaates militärisch beseitigt und stand im Fundamentalkonflikt mit dem Heiligen Stuhl. Zusätzlich erhoffte sich der Papst, nicht ohne Grund, die weitgehende Beseitigung der Kulturkampfgesetze, wenn er hier mit dem deutschen Kanzler konform ging.

Auf der monarchischen Ebene suchte der bayerische Prinzregent Luitpold, als Angehöriger des wittelsbachischen Hauses 1870 noch ganz auf der Seite der Gegner des bayerischen Eintritts in das neue Reich, in denkbar brüsker Form die bayerischen Abgeordneten im katholischen Zentrum anlässlich einer Begegnung in der Berliner bayerischen Gesandtschaft am 9. Dezember 1886 zur Annahme der Septennatsvorlage buchstäblich zu vergattern.39 Bismarcks Mobilisierungsstrategie ging bei der Reichstagswahl vom 21. Februar 1887 voll auf: Die Wahlbeteiligung stieg auf 77 Prozent gegenüber 60 Prozent bei der Reichstagswahl von 1884. Insbesondere die Nationalliberalen, die sich wieder nach rechts gewandt und hinter die Septennatsvorlage gestellt hatten, profitierten von der Loyalität mit Kaiser, Kanzler und Reich im Zeichen nationaler Sammlung: Sie stiegen von 997 000 Wählern auf jetzt 1 678 000, von 51 auf 99 Mandate; die drei Kartellparteien, Deutschkonservative, Freikonservative und Nationalliberale erreichten 220 von 397 Mandaten. Für Bismarck hatte es sich also voll ausgezahlt, das Septennat vom Vorgänger-Reichstag mit 183 gegen 154 Stimmen ablehnen und dann neu wählen zu lassen. Der sogenannte Kartell-Reichstag billigte die Septennatsvorlage, darunter auch eine Reihe von Zentrumsabgeordneten, der größte Teil von ihnen enthielt sich. Kaum war aber die neue Friedenspräsenzstärke der Armee gebilligt, erfolgte der nächste rüstungspolitische Paukenschlag, die Ausdehnung der Dienstpflicht in der Landwehr vom 32. auf das 39. Lebensjahr. Für den Mobilisierungsfall brachte sie zusätzliche rund 700 000 Soldaten, oder wie Bismarck plastisch sagte »die Armee einer zweiten Großmacht«. Zur Begründung holte der Kanzler im Reichstag am 6. Februar 1888 über volle zwei Stunden weit aus. Sein Kernargument war:

Durch die Einbeziehung der älteren, ausgebildeten Jahrgänge für den Mobilisierungsfall sollte Deutschland eine so hohe Kriegsstärke erreichen, dass die potenziellen Gegner, Frankreich und Russland wurden hier ganz offen genannt, entweder vom Krieg abgeschreckt werden würden – ein Argument, das im Blick auf den Kalten Krieg ab 1946 / 47 sehr modern klingt – oder, falls es doch zum Waffengang komme, Deutschland zuversichtlich auf den Kriegsausgang blicken dürfe. Die Schlussfolgerung lautete: Für einen Präventivkrieg aus Sorge um künftige Unterlegenheit gebe es also keinen Anlass, und daher könne Deutschland unbesorgt, wie in den bald schon zwei Jahrzehnten seit der Reichsgründung, weiter Friedenspolitik betreiben: »Diese gewaltige Verstärkung wird, wie ich glaube, auch beruhigend auf unserer eigenen Landsleute wirken und wird die Nervosität unserer öffentlichen Meinung, unserer Börse und unserer Presse einigermaßen ermäßigen.«40 Und um einer etwaigen Kriegspolitik weiter den Boden zu entziehen, fügte der Reichskanzler hinzu, dass Krieg kein Instrument (mehr) einer opportunistisch kalkulierenden Kabinettspolitik sei. Friedenspolitik und nationale Parole kamen so zusammen: »Wenn wir in Deutschland einen Krieg mit der vollen Wirkung unserer Nationalkraft führen wollen, so muss es ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen, alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation einverstanden ist; es muss ein Volkskrieg sein.«41 Man kann es auch so sagen: Bismarck stellte hier die nationale und plebiszitäre Referenzebene gegen die repräsentative, die parlamentarische. Parlament, Parteien und Fraktionen wurden dabei sozusagen von oben und unten unter Druck gesetzt, von oben durch Monarchen und Regierungen, von unten durch das nationale Wohl, das er durch sich repräsentiert sah und das er agitatorisch geschickt gegen die im Parlament vertretenen politischen Fraktionierungen ins Feld zu führen verstand. Ausschalten, beseitigen wollte er Letztere damit freilich keineswegs. Bismarck hat oft und glaubhaft versichert, prinzipiell kein Anhänger eines absolutistischen Systems zu sein. Es ging ihm vielmehr um ein Kräfteparallelogramm, dessen Nutznießer er selbst sein wollte.

6. Weitere Bezugsfaktoren

Der frühe Bismarck war preußisch-royalistisch gesinnt, dazu kokettierte er mit dem gleichen Wahlrecht, um die, aus seiner Sicht, Preußen mediatisierende Struktur des Deutschen Bundes plebiszitär in die Luft sprengen zu können. Österreich kam in der ungünstigeren Alternative die Rolle des entfernten Partners in einem mitteleuropäischen Kondominium zu, in der besseren wurde es aus Deutschland verdrängt. Die deutschen Mittelstaaten schließlich, darunter die profiliertesten Bayern und Sachsen, waren so etwas wie Störelemente. Sie drohten Preußen in einer Weise zu fesseln wie die Zwerge den Gulliver. Dieser gesamte Bezugsrahmen wandelte sich grundlegend schon beim deutschen Einigungsprozess im Herbst 1870. Bismarcks journalistischer Adlatus Moritz Busch zitierte ihn beim Abendgespräch nach der Einigung mit der bayerischen Delegation über den Beitritt des Landes zum Deutschen Bund, wie es damals noch hieß, am 23. November 1870: »Die Zeitungen werden nicht zufrieden sein […], der dumme Kerl hätte mehr fordern sollen; er hätte es erlangt, sie hätten gemußt; und er kann recht haben – mit dem Müssen. Mir aber lag mehr daran, daß die Leute mit der Sache innerlich zufrieden waren – was sind Verträge, wenn man muß! –, und ich weiß, daß sie vergnügt fortgegangen sind. Ich wollte sie nicht pressen, die Situation nicht ausnutzen.«42 Die konföderale Struktur des Reiches bot Bismarck die Chance, dem nach seiner Funktionslogik unitarischen Verfassungsorgan Reichstag – denn je zentralstaatlicher das Reich werden würde, desto mächtiger musste sein Parlament werden –, so etwas wie Gegenmacht entgegenzusetzen. Es ging dabei vor allem um die Kooperation der großen Einzelstaaten Preußen, Bayern an nächster Stelle, aber auch Sachsen und Württemberg – was naturgemäß den Kleineren schmeichelte. Das ging mitunter so weit, dass Bismarck klagte, im neuen Nationalstaat sei Preußen eigentlich zu groß; insofern habe er die Annexionen von 1866 nur notgedrungen durchgeführt, um Preußen zur geostrategisch so wichtigen Landbrücke von Ostelbien ins Rheinland zu verhelfen. Diese föderale Tendenz verstärkte sich noch mit dem Ende der liberal dominierten Ära gegen Ende der siebziger Jahre, und nun kam ein weiterer, staatsrechtlich außerdeutscher Faktor hinzu: Öster reich: Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht dabei der deutsch-österreichische Zweibund vom 7. Oktober 1879. Die Frage ist, in welchen Kontext er sich eigentlich einfügt, 13 Jahre nach der Schlacht bei Königgrätz und dem österreichischen Eingeständnis, fortan kein innerdeutscher Faktor mehr zu sein. Zunächst einmal war der Zweibund eine klassische Großmächteallianz, seinem Wortlaut nach ein Defensivbündnis gegen Russland. Sein Abschluss stellte damit zunächst nichts anderes dar als eine Station in der Gesamtentwicklung der Sicherheits-, Friedens- und Bündnispolitik auf dem europäischen Kontinent nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870 / 71. Vorausgegangen waren das Dreikaiserabkommen der drei klassischen Ostmächte von 1873, die sogenannte Krieg-in-Sicht-Krise von 1875, bei der Deutschland tatsächlich oder vermeintlich einen zweiten Feldzug gegen Frankreich ins Auge gefasst hatte, und daran, tatsächlich oder vermeintlich, von Russland und Großbritannien gehindert wurde, und die zunehmenden Vorstöße des St. Petersburger Hofes, Preußen-Deutschland solle sich nun endlich für die Dienste erkenntlich zeigen, die Russland ihm bei den Kriegen von 1866 und 1870 / 71 geleistet habe, indem es der Berliner Politik den notwendigen Manövrierraum schuf.43 Das Erbe der preußischen Außenpolitik wies entschieden in die prorussische Richtung, seit sich Friedrich der Große mit Zarin Katharina 1764 verbündet hatte, ein Jahr nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges. Hier war eine Tradition entstanden, in der die preußischen Offiziere und Diplomaten über Generationen aufwuchsen. Preußen war, mit dem Höhepunkt in der Zeit der Heiligen Allianz 1815, so etwas wie die Assistenz-Großmacht Russlands in Mitteleuropa; beide sicherten sich gegenseitig, beide hatten keinerlei territoriale Ansprüche gegeneinander, und beider Dynastien, Hohenzollern und Romanows, waren eng miteinander verbunden und verwandt. Nun aber hatten sich Bezugsrahmen und Interessen gravierend gewandelt: Für das Deutsche Reich kam die Verbindung mit dem zaristischen Imperium und damit die Akzeptanz eines subalternen Status schwerlich infrage. Ließ Deutschland sich auf eine Verbindung mit Russland ein, dann lag die Kompetenzkompetenz für Konflikte in Europa in St. Petersburg, nicht in Berlin. Kam es dann zum Krieg zwischen Russland und England, dann musste Deutschland als eine Art Vasall mitgehen. Österreich-Ungarn hingegen war die unbestreitbar schwächere Macht; es würde, so durfte Bismarck kalkulieren, nicht von Deutschland Gefolgschaft erwarten, sondern auf einen erheblichen Gewinn an Sicherheit spekulieren. Und die Verbindung zu Wien werde Berlin auch keinesfalls die Feindschaft mit London einbringen, denn Österreich-Ungarn und Großbritannien waren im Grunde Partner auf dem Balkan beim Bemühen, das Vordringen Russlands in dieser Region und gegen die türkischen Meerengen einzudämmen – das war eine der Lehren des Berliner Kongresses von 1878 gewesen. Bismarck hatte also allerhand außenpolitische Gründe, für ein Bündnis mit Österreich-Ungarn zu optieren. Es gab aber noch eine zweite, innenpolitische Dimension. An Kaiser Wilhelm I., dem diese neue Kombination so heftig widerstrebte, dass er an Abdankung dachte, schrieb der Kanzler am 7. September 1879: »Schließlich gestatte ich mir, mit Bezugnahme auf die nationalen Empfindungen im gesamten Deutschen Reiche noch auf die geschichtliche Tatsache ehrfurchtsvoll hinzuweisen, daß das ›deutsche Vaterland‹ nach tausendjähriger Tradition sich auch an der Donau, in Steiermark und in Tirol noch wieder findet, in Moskau und Petersburg aber nicht. Diese Tatsache bleibt für die Haltbarkeit und für die Popularität unserer auswärtigen Beziehungen im Parlamente und im Volke von wesentlicher Bedeutung.«44 Hier gilt es nun, die einzelnen Stränge zusammenzuführen: 1879, das ist das Jahr des inneren Umbaus des Reiches, der Schaffung einer neuen Steuer- und Finanzordnung, der Distanzierung von den Liberalen und der Gewinnung von so etwas wie einer neuen Geschäftsgrundlage gegenüber dem Zentrum und mit ihm der katholischen Welt. Was konnte dabei von größerem Wert sein als das Verheilen auch der großdeutschen Wunden von 1848 / 49 und vor allem von 1866? Bismarcks ursprüngliches Konzept war es 1879, über eine reine Militärallianz hinaus, eine »organischen Union« beider Staatswesen herzustellen, durch parlamentarische Ratifikationen in besonderer Weise und vor allem öffentlichkeitswirksam legitimiert. Jenseits einer reinen Sicherheitsallianz sollten wirtschaftliche und kulturelle Kooperationen vereinbart werden – ein wenig fühlt man sich an den deutsch-französischem Vertrag vom 22. Januar 1963 und die darin enthaltenen Vereinbarungen über Zusammenarbeit auf den verschiedensten Gebieten erinnert. Kein Zweifel: Diese Kombination sollte in der Tradition der Vorstellungen von einem engeren und einem weiteren Bund in Mitteleuropa stehen, einem engeren in Gestalt des 1871 gegründeten kleindeutschen Reiches, und einem weiteren in Gestalt der Verbindung mit Österreich-Ungarn. Das war die Lösung von 1849 gewesen, die schließlich gescheitert war; mit diesem Modell war auch Bismarck noch 1866 in die agitatorische Feldschlacht bei den letzten Sitzungen des Bundestages in Frankfurt gezogen. Die so seit 1867 bestehende österreichisch-ungarische Doppelmonarchie widersetzte sich allerdings dieser Struktur unter ihrem aus Ungarn stammenden Außenminister Graf Julius Andrássy, denn in Wien und Budapest wusste man, was eine solche Teilfusion bedeuten musste: nämlich die Position der Zweitrangigkeit, vielleicht der Gefolgschaft gegenüber dem deutschen Vormund. So blieb es beim reinen Sicherheitsbündnis mit antirussischer Stoßrichtung, das überdies fürs Erste offiziell geheim gehalten wurde. Gleichwohl wusste man in den beiden Ländern und in ganz Europa sehr bald, dass hier eine neue Allianz entstanden war, und auch von ihrer kulturnational-identitären Unterfütterung, ob nun förmlich verbrieft oder nicht, war vielfach die Rede. Der preußische Staatsminister von Lucius berichtete von der Sitzung der preußischen Regierung am 28. September 1879: »Diese Allianz ist die Wiederaufrichtung des Deutschen Bundes in einer neuen, zeitgemäßen Form. Ein Bollwerk des Friedens für lange Jahre hinaus. Populär bei allen Parteien, exklusive Nihilisten und Sozialisten.«45 Und bei dieser geradezu großdeutschen Tonlage blieb es weiter. Vor der Reichstagsauflösung, mit der Bismarck 1887 in den Wahlkampf um das Septennat ging, erklärte er bei seiner großen Parlamentsrede vom 11. Januar 1887: »Unsere Aufgabe haben wir zuerst darin erkannt, die Staaten, mit denen wir Kriege geführt hatten, nach Möglichkeit zu versöhnen. Es ist uns dies vollständig gelungen mit Österreich. Die Absicht und das Bedürfnis, dahin zu gelangen, beherrschten bereits die Friedensverhandlungen in Nikolsburg im Jahre 1866, und es hat uns seitdem nie das Bestreben verlassen, die Anlehnung an Österreich wiederzugewinnen, die wir vor 1866 nur scheinbar und buchstäblich hatten, die wir jetzt in der Wirklichkeit vollständig besitzen (Bravo!). Wir stehen mit Österreich in einem so sicheren und vertrauensvollen Verhältnisse, wie es weder wie im Deutschen Bund trotz aller geschriebenen Verträge noch früher im Heiligen Römischen Reiche jemals der Fall gewesen ist (Bravo!) …«46

Bismarck mag die hier gefundene Lösung nahezu ideal angemutet haben: Im Zweibund war das Deutsche Reich unbestreitbar der stärkere Partner, es stabilisierte mit der außenpolitischen auch die innenpolitische Lage in Österreich und hier naturgemäß an erster Stelle die Position der Deutschen in den Ländern der Donaumonarchie. Das bedeutete aber zugleich, dass das Auseinanderbrechen Österreich-Ungarns möglichst vermieden werden musste, und dass man sich, solange es ging, auch gar nicht die Frage stellte, wie sich das Deutsche Reich im Falle eines Untergangs der Donaumonarchie verhalten sollte. Denn für die preußisch-deutschen Führungsschichten wäre dies naturgemäß die denkbar unerwünschteste Eventualität gewesen: Traten diese Länder auf sich gestellt dem Deutschen Reich bei, dann brachten sie ihm jede Menge Minderheitenkonflikte ein, verstärkten das katholische Element, und außenpolitisch gab es mit einem Mal keinen Bündnispartner mehr, sondern eine isolierte Position.

In einer gewissen Analogie mag man auf der innerstaatlichen Ebene die Kommunikation Bismarcks in dieser Phase mit den Süddeutschen, namentlich dem bayerischen König Ludwig II., sehen. Auch hier ging es um Kommunikation, um Vertrauensgewinn, um den Abbau innerdeutscher Barrieren. Bismarck urlaubte beziehungsweise kurte fast regelmäßig während des Sommers in Bad Kissingen, sozusagen dem nördlichsten bayerischen Vorposten, bereits nördlich der Main-Linie. Dazu stellte ihm der bayerische König stets eine Kutsche mit Pferden zur Verfügung. Das gab jedes Mal den äußeren Anlass für einen relativ intensiven Austausch von Dankschreiben mit umfangreichen politischen Darlegungen. Der bayerische Monarch sollte sich privilegiert, informiert und in die Reichspolitik einbezogen fühlen können.47 Am 4. August 1879 schreibt der Reichskanzler aus Bad Kissingen an den bayerischen König im Blick auf die parteipolitischen Entwicklungen auf Reichsebene: »Das Centrum hat zum ersten Male begonnen, sich im positivem Sinne an der Gesetzgebung des Reiches zu betheiligen. […] Die nationalliberale Partei, wird, wie ich hoffe, durch die letzte Reichstagssession ihrer Scheidung in eine monarchische und eine fortschrittliche, also republikanische Hälfte entgegengeführt werden.« Und zum Moment des Persönlichen: »Einen wesentlichen Antheil an der guten Wirkung hat die Leichtigkeit, mit welcher E.W.M. Gnade mich in den Stand setzt, die gute Luft der umgebenden Wälder zu genießen. Die ausgezeichneten Pferde des Marstalls E.W.M. machen es leicht, jeden Punkt der schönen Umgebung Kissingens zu erreichen […].«48 Fünf Wochen später ist Bismarck in Bad Gastein, der Vertragsschluss mit Österreich bahnt sich an. Aus Bad Gastein richtet er am 10. September 1879 ein bemerkenswert umfangreiches Schreiben an den bayerischen König. Es erläutert detailliert die außenpolitische Lage in der Dreiecksbeziehung zwischen Deutschland, Russland und Österreich aus seiner Sicht, und auch hier kommt die großdeutsch-mitteleuropäische Komponente wieder zum Ausdruck: »Ich würde es für eine wesentliche Garantie des Europäischen Friedens und der Sicherheit Deutschlands halten, wenn das Deutsche Reich auf eine […] Abmachung mit Österreich einginge, welche zum Zweck hätte, den Frieden mit Russland nach wie vor sorgfältig zu pflegen, aber wenn trotzdem eine der beiden Mächte angegriffen würde, einander beizustehen […]. Der rein defensive Charakter dieser gegenseitigen Anlehnung der beiden deutschen Mächte an einander könnte auch für niemanden etwas Herausforderndes haben, da die selbe gegenseitige Assekuranz beider in dem deutschen Bundesverhältniß von 1815 schon 50 Jahre völkerrechtlich bestanden hat.«49 Auch hier also der Zweibund von 1879 ganz in der Kontinuität der Beziehungsmuster von Altem Reich und Deutschem Bund. Im Folgejahr, am 1. Juni 1880, appelliert Bismarck an den bayerischen König, die monarchische Solidarität gegen die parlamentarische Linke, das heißt die ihm nicht botmäßigen Kräfte im Reichstag, zu setzen: »Wenn der Reichstag in einer starken und conservativen Mehrheit den verbündeten Regierungen gegenüber eine wohlerwogene Stellung einnimmt, so wird eine verständige Politik gewiß mit derselben rechnen wollen; wenn aber gerade die turbulenten, demokratischen und unitarischen Elemente des Reichstags unter Benutzung der Stimmvortheile, welche sie aus der principiellen Opposition des Centrums ziehn in die Rechte der Regierung mit eingreifen wollen, so darf meines Erachtens unter Letzteren die Nachgiebigkeit keine Vertretung finden.«50 Eine solche Wunschkombination hatte Bismarck deutlich später mit den Reichstagswahlen vom Februar 1887 ansatzweise erreicht: Die beiden konservativen Parteien und die nach rechts gewendeten Nationalliberalen fest in seinem Lager, das Zentrum von der nationalen Sammlungsparole des Kanzlers durchaus nicht unbeeindruckt, die Monarchen weitgehend auf seiner Seite. War doch mehr als bezeichnend gewesen, wie der De-facto-Nachfolger des am 13. Juni 1886 unter mysteriösen Umständen im Starnberger See zu Tode gekommenen Königs Ludwig II., Prinzregent Luitpold, am 9. November dieses Jahres die bayerischen Reichstagsabgeordneten in Berlin zusammengestaucht und auf Bismarck-Kurs zu bringen versucht hatte. Aber diese Phase unbestrittener innenpolitischer Hegemonie hielt nicht lange an. Am 9. März 1888 starb, über 90-jährig, Kaiser Wilhelm I. Bismarck, der ihm 27 Jahre als Regierungschef gedient hatte, verlor damit im Ergebnis doch die entscheidende Stütze seiner Macht. Zum Nachfolger, Kaiser Friedrich III., dem Monarchen für 99 Tage, hatte er stets ein problematisches, oft kritisches Verhältnis unterhalten. Umso mehr galt das für dessen Gemahlin Victoria, mit ihrer britisch-liberalen Sozialisation. Aber die hier begründeten, jahrzehntelangen Konflikte spielten nun eigentlich keine Rolle mehr. Der todkranke Kaiser Friedrich III. konnte in seiner kurzen Regentschaft keine Akzente mehr setzen. Am Ende ging es ihm um Kontinuität, und auf dem Totenbett legte er die Hände Bismarcks und seiner Frau ineinander. Schließlich ahnten wohl beide, Bismarck wie Friedrich III., dass der unfertige neue Kronprinz Wilhelm zu verlässlicher Führung des Reiches schwerlich im Stande sein werde. Der Bruch mit diesem war bald so tief, dass ein gleitender Übergang nicht möglich war. Das fruchtlose Nachspiel der Bismarck ’schen Kanzlerschaft von 1888 bis 1890 bleibt hier außer Betrachtung.

7. Spezialität im preußisch-deutschen Reich:
Bismarck und das Militär

An sich war Bismarck, der, je älter er wurde, desto lieber die Uniform der Halberstädter Kürassiere trug, Zivilist. Selbst dem Schmalspurmilitärdienst als Einjährig-Freiwilliger, zuerst bei den Garde-Jägern in Potsdam, dann bei den Pommerschen Jägern in Greifswald, hatte er mit dem Verweis auf eine »Muskelschwäche«, die er sich bei einer studentischen Mensur zugezogen habe, zu entkommen versucht.51 An dieser Stelle der vergleichende Blick auf die drei anderen Kanzler, die hier fakultativ in die Betrachtung mit einbezogen werden: Von den insgesamt Vieren, Bismarck, Bülow, Adenauer und Kohl, hatte nur einer je wirklich Pulverdampf gerochen, Bernhard von Bülow im deutsch-französischen Krieg von 1870 / 71. Bülow war als Student, mit ausgedehntem Freizeit-, Gesellschafts- und Kulturprogramm, bei Ausbruch des Krieges als Freiwilliger eingetreten, avancierte nach dem Ende der Feindseligkeiten zum Leutnant bei der Kavallerie, begann sich freilich beim Militär unter Friedensbedingungen zu langweilen, legte die juristischen Examina ab und trat schließlich 1873 mit väterlicher Protektion – sein Vater Bernhard von Bülow war inzwischen Staatssekretär im Auswärtigen Amt – in den diplomatischen Dienst ein.52 Bülow fühlte sich offenkundig in Zivil sehr viel wohler, Aufnahmen, die ihn als Diplomaten beziehungsweise Reichskanzler zeigen, präsentieren ihn in aller Regel in Gehrock oder Frack. Anders Bismarck: Im formalen militärischen Dienstrang kletterte er immer höher bis in Generalsränge. Am Krieg von 1870 / 71 nahm er mit seinen Mitarbeitern aus dem Auswärtigen Amt, die zumeist Zivil tragen mussten und damit gegenüber den sogenannten Halbgöttern in Uniform deklassiert erschienen, selbst bevorzugt in Uniform teil.

Ganz anders die Verhältnisse in der zweiten deutschen Nachkriegszeit, nach 1945: Konrad Adenauer wie Helmut Kohl hatten nie gedient; Kohl hatte als Halbwüchsiger noch ein sehr konkretes Bild von den Gefahren des Krieges und vom Untergang des NS-Regimes gewinnen können. Adenauer kokettierte eher damit, dass er als zivil-katholischer Rheinländer dem preußischen Militärsystem habituell distanziert gegenüberstand. Zugleich aber war niemand anders als er der Schöpfer der westdeutschen Armee der Nachkriegszeit, der Bundeswehr. Nach dem Ausbruch des Korea-Krieges Ende Juni 1950 schlug Adenauer den westlichen Siegermächten einen deutschen Wehrbeitrag im Rahmen einer westlichen Streitmacht vor.53 Im Ergebnis kamen zwei Momente zusammen: Schutz des Bundesgebietes, damit Friedenssicherung vor einer Aggression von Osten, und Aufstieg der jungen Bundesrepublik in einen möglichst gleichberechtigten Status im Rahmen der westlichen Staatenwelt. Was sich dann entwickelte, war trotz vielerlei personeller Kontinuitäten mit dem Militärapparat der Reichswehr beziehungsweise Wehrmacht bis 1945 eine gänzlich neue Tektonik deutscher Militärverfassung: Das Zivil beanspruchte die absolute Hegemonie gegenüber der Uniform. Die zivilen Staatssekretäre rangierten im Verteidigungsministerium über den militärischen Spitzen, die »Befehls- und Kommando-Gewalt« hatten die durchweg bis heute zivilen Verteidigungsminister inne, im Kriegsfall sollte sie auf den Regierungschef übergehen. Es gab und gibt weder einen verselbstständigten Generalstab noch einen eigenständigen Strang militärischer Kommandohierarchie an Parlament und Regierung vorbei – im Gegenteil. Noch entscheidender für den Bruch gegenüber der Welt vor 1945, vor 1933 oder vor 1918 war aber noch etwas ganz anderes: Die Integration der Bundeswehr als eine Kontingentsarmee in die festgefügte Struktur der NATO. Insofern ähneln formale Anbindung und Struktur der Bundeswehr in der Zeit des Kalten Krieges auf bestimmte Weise den Verhältnissen, denen das bayerische Kontingentsheer im Kaiserreich unterworfen war: mit einer relativen Autonomie, von der im Kriegs- beziehungsweise Verteidigungsfall nichts mehr übrigblieb, mit dem verfassungsmäßig verbürgten Recht des Oberbefehlshabers, des deutschen Kaisers und preußischen Königs, Standard und Leistungsvermögen dieser Kontingentsstreitmacht auf dem allgemein festgelegten Niveau sichergestellt zu wissen, so wie es auch für die Bundeswehr im NATO-Verbund galt. Und schließlich galt und gilt für die gesamte Zeit des Kalten Krieges, dass konkrete Kriegsführung unter nuklearen Bedingungen als suizidal zu gelten hat. Daraus resultierte die Maxime von der Friedenswahrung durch Abschreckung. Krieg als konkret operatives Mittel von Politik erschien ausgeschlossen.

Auch Helmut Kohl war Zivilist, und auch ihm war die Bundeswehr, zu seiner Zeit in der NATO nach den Streitkräften der USA die zweitgrößte konventionelle Armee, vor allem ein politisch wichtiges Instrument. Gegenüber der in Rüstungsfragen stets besonders tough auftretenden britischen Premierministerin Margret Thatcher wie auch gegenüber den Amerikanern konnte er immer wieder mit dem Argument Punkte machen, die Westdeutschen unterhielten anders als ihre angelsächsischen Verbündeten eine Wehrpflichtarmee mit allen daraus resultierenden psychologischen Belastungen.54

Wie fügt sich nun Bismarck in dieses Tableau ein? Für die Sicherheitspolitik in seiner Zeit als Reichskanzler, insgesamt knapp zwei Jahrzehnte, ergibt sich jedenfalls in einem entscheidenden Punkt der merkwürdige Befund, dass sie in gewisser Weise den Kriegsverhinderungsstrategien der Nachkriegszeit nach 1945 ähnelte, obwohl von der Welt des nuklearen Zeitalters noch um Generationen getrennt. Höhepunkt waren, wenn man diese relativ moderne Begrifflichkeit auf das späte 19. Jahrhundert anwenden kann, die hier schon geschilderten Konflikte um so etwas wie eine »Nachrüstung« von 1886 / 88. Anders als bei den Auseinandersetzungen um NATO-Doppelbeschluss und Nachrüstung mit Pershing 2-Raketen und sogenannten Marschflugkörpern gegen die sowjetische Vorrüstung mit SS-20-Mittelstreckenraketen im sogenannten zweiten Kalten Krieg von 1979 bis 198355 ging es damals naturgemäß nicht darum, Waffensysteme von unerhörter Vernichtungskapazität operativ und technisch so präzise gegeneinander zu positionieren, dass die wechselseitige Wirksamkeit den konkreten Einsatz möglichst ausschloss. Aber der politische Grundgedanke, wie ihn Bismarck gegen Ende der 1880er-Jahre formulierte, war doch verblüffend ähnlich: Deutschland sollte militärisch so stark sein, dass jede Bedrohung, und sei sie der worst case eines Zweifrontenkrieges durch Frankreich und Russland, militärisch aussichtslos sei, so dass die potenziellen Kontrahenten ihn daher möglichst erst gar nicht unternähmen. Freilich: Mehr als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Kriegsführung, nicht nur bei den Militärs, sondern auch bei politischen Akteuren wie Bismarck immer noch eine zwar denkbar unerwünschte, aber doch konkret mögliche Eventualität, und gegen sie galt es sich auch zu wappnen. Schließlich bedeuteten Krieg und Niederlage nicht wechselseitige Auslöschung wie im Nuklearzeitalter, sondern »nur« erhebliche Verluste: territoriale Einbußen, hohe Reparationen, möglicherweise die Rückgängigmachung der Reichsgründung und Verlust des Großmacht-Status. Ein solcher worst case sah naturgemäß noch anders aus als ein worst case in der Zeit nach Hiroshima und Nagasaki.

Bismarck trat in Uniform auf, aber er erweckte zugleich, insbesondere bei der Glorifizierung seiner Rolle in den acht verbleibenden Lebensjahren nach der Entlassung vom März 1890, den Eindruck, er, der Zivilist, habe es in kritischen Situationen immer verstanden, die Militärs in die Schranken zu weisen und seine Letztverantwortlichkeit sicherzustellen. Vor kräftigen Manipulationen scheute er dabei nicht zurück: Eine Schlüsselszene dafür sind die Auseinandersetzungen im preußischen Hauptquartier nach der Schlacht von Königgrätz am 3. Juli 1866 über die Frage, wie es nun weitergehen solle: ein schneller, für alle Beteiligten möglichst schmerzfreier Friedensschluss oder die Fortsetzung des Feldzuges durch Böhmen und Mähren, um Österreich möglichst weitgehend zu schwächen und territoriale Gewinne zu erzielen? Bismarck schreibt dazu in seinen Memoiren Erinnerung und Gedanke: »Die Lage war eine schwierige; allen Generalen war die Abneigung gemeinsam, den bisherigen Siegeslauf abzubrechen, und der König war militärischen Einflüssen im Laufe jener Tage öfter und bereitwilliger zugänglich als den meinigen […].«56 In Wirklichkeit verhielt es sich aber ganz anders, als Bismarck es Jahrzehnte nach den Ereignissen in Friedrichsruh diktierte: Für eine Fortsetzung des Feldzuges war der Monarch, König Wilhelm II.; seine militärischen Spitzen aber vertraten ganz andere Auffassungen, sie standen mit Bismarck im Friedenslager. Denn die militärische wie auch die politische Lage war schwierig und unübersichtlich: Die österreichische Armee war schwer angeschlagen, aber keineswegs vernichtet; Wien zog nun mit dem neuen Oberbefehlshaber Erzherzog Albrecht die in Oberitalien stehenden Truppen, die dort erfolgreich gegen den preußischen Verbündeten Italien gekämpft hatten, über die Alpen zum Schutze des österreichischen Kernlandes heran. Die preußische Armee drohte sich in den ungarischen Weiten gewissermaßen zu verlieren. Dazu war sie durch die Cholera zusehends geschwächt, und über allem stand die Sorge vor einer französischen Intervention am Rhein. Gerade die militärische Logik sprach also dafür, diesem Krieg so schnell es ging ein Ende zu setzen. Bismarck aber legte Wert darauf, dem König und seinen weitergehenden Ambitionen nicht im größeren Kreis, sondern als einsamer Held widerstanden zu haben.

Berühmt ist eine weitere Episode, bei der er im Nachhinein kräftig an seiner Heldenrolle feilte. Es geht um die Zugfahrt des preußischen Hauptquartiers nach Ausbruch des Krieges gegen Frankreich im Sommer 1870 von Berlin an den Rhein. Bismarck schreibt darüber in seinen Memoiren: »Schon bei der Abreise nach Köln erfuhr ich durch einen Zufall, daß beim Ausbruch des Krieges der Plan festgestellt war, mich von den militärischen Berathungen auszuschließen. Ich konnte das aus einem Gespräch des Generals von Podbielski mit dem Grafen Roon entnehmen, dessen unfreiwilliger Ohrenzeuge ich dadurch wurde, daß es in einem Nebencoupé stattfand, dessen Scheibenwand von einer breiten Oeffnung über mir durchbrochen war.«57 Im preußisch-deutschen Hauptquartier von Versailles eskalierte dann der Konflikt zwischen Bismarck und dem Generalstab im Dezember 1870. Man gewinnt fast den Eindruck eines kleinen Krieges mit Papier und Tinte vor dem Hintergrund des großen Krieges am Belagerungsring um die französische Hauptstadt. Bismarck attackierte Generalstabschef Moltke, und es kann kein Zweifel daran sein, dass er in dieser Auseinandersetzung der offensivere, der heftigere, ja der um Einschüchterung bemühte Teil war. Die Militärs fürchteten um die Einheitlichkeit des Oberbefehls und die Stringenz ihres professionellen Vorgehens. Der Kanzler, ganz dem Primat des Politischen verhaftet, wollte eine möglichst schnelle Kriegsbeendigung durch militärische Eskalation, damit nicht andere europäische Akteure, Großbritannien oder Russland, auf den Plan traten. Das hieß: Artillerieeinsatz gegen Paris, Verschärfung der Kriegsführung wie der Okkupationspolitik in den besetzten Regionen; dem Generalstab unterstellte er ein Übermaß an Rücksichtnahme gegenüber dem Gegner, es reichte bis hin zu der Annahme, daran seien die aus Großbritannien stammende Gattin des Kronprinzen, Prinzessin Victoria, wie die familiären britischen Verbindungen von Generalstabschef Moltke schuld. Für die Kriegführung selbst vertrat Bismarck die Auffassung, »unmittelbar auf die französische Armee selbst einwirken und einen heilsamen Schrecken verbreiten würde es, wenn es möglich wäre, die Truppen Eurer Majestät daran zu gewöhnen, daß weniger Gefangene gemacht und mehr die Vernichtung des Feindes auf dem Schlachtfeld ins Auge gefaßt würde.«58 Auf eine knappe Formel gebracht war die Position des Leiters der preußischen Politik: Härtere, verlustreichere Kriegführung zur schnellen Beendigung der Feindseligkeiten, um weitergehende politische Verwicklungen zu verhindern.

Die Schwebelage zwischen Politik und Militär in Preußen-Deutschland ist oft beschrieben worden. Für die spätere Bismarckzeit, das heißt die Jahre nach der Reichsgründung, kann man zunächst eindeutig davon ausgehen, dass der Kanzler die Kompetenzkompetenz fest in Händen hielt, gegenüber den Militärs vermutlich nicht weniger als gegenüber den Parlamentariern. Das hing zusammen mit seinem Prestige, wobei er die Generalstäbler weiterhin nervte, mit der eher diplomatischen Grundhaltung des Generalstabschefs von Moltke, der Konflikte nicht auf die Spitze trieb, sondern gegebenenfalls einen Schritt zurücktrat, und mit der Konfliktbereitschaft des Kanzlers gegenüber dem Monarchen. Darüber hinaus gab es eine ganze Reihe von politischen Festlegungen, die den Militärs durchaus ganz in ihren Kram passten, an erster Stelle die bündnispolitische Grundsatzentscheidung durch den Zweibund mit Österreich-Ungarn von 1879.

Um hier ein Zwischenfazit zu ziehen: Der Kanzler und mit ihm die Sphäre der Politik waren durchaus stärker, die Sphäre des Militärischen damit eher schwächer beziehungsweise eher weniger übergriffig, als es in manchem Klischee vom preußisch-deutschen Militärstaat den Anschein hat. Man muss aber auch hinzufügen: Diese Gewichtung war weniger strukturell bedingt als durch Rolle und Bedeutung der konkreten Akteure.

Es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Bismarck agierte seinerseits beachtlich in die Sphäre des Militärischen hinein: Das ging bei Rüstungsfragen bis in technische, ja physikalische und ballistische Details. Ähnlich wie bei der Steuerpolitik59 zeigte sich Bismarck auch bei der Rüstungspolitik von einer verblüffenden Detailkenntnis. Der in seinen jungen Jahren gescheiterte Verwaltungsbeamte, gescheitert, weil ihn die administrative Filigranarbeit langweilte, wurde auf seine älteren Tage zum Faktenhuber. Und auch in seinem Falle galt: Wissen ist Macht. In der Rüstungspolitik gerierte sich Bismarck, ganz patriarchalisch-fürsorglich, als so etwas wie der gute Hausvater der Armee. Soldaten bräuchten zweckmäßige, wärmende Kleidung, und vor allem bräuchten sie leistungsfähige, international wettbewerbsfähige Infanteriewaffen. Die 1870er- und 1880er-Jahre waren eine Zeit mehrfacher Umrüstungen und Quantensprünge bei den europäischen Armeen. Grundlegende technische Weiterentwicklungen folgten vor allem beim Infanteriegewehr aufeinander, zunächst vom Vorder- zum Hinterlader, dann zum Repetiergewehr und schließlich zum Gewehr mit rauchlosem Pulver und geringerem Kaliber, das mit höherer Rasanz schießen konnte. Bismarck zeigte beziehungsweise gerierte sich hier als der besorgte Experte, der die professionellen Experten förmlich vor sich her trieb. Dazu kokettierte er mit seinen Kenntnissen als passionierter Jäger. Beim rauchlosen Pulver, das einen Quantensprung bei der Infanteriebewaffnung darstellte, kommunizierte er eng mit dem Fabrikanten Max Duttenhofer, an den staatlichen Instanzen vorbei. Duttenhofer behauptete, höhere Qualität als staatliche Fabriken herstellen zu können.60 Ganz persönlich beteiligte sich der Kanzler sogar an der Auseinandersetzung um die Frage, wie lange man welches Schießpulver funktionsfähig lagern könne und wann durch Feuchtigkeit Unbrauchbarkeit drohe. Modern gesprochen: Das war das Gegenteil eines Generalisten, das war Detailverliebtheit.

8. Ruhestand und Selbststilisierung

Von den vier hier kursorisch betrachteten Kanzlern verlor nur einer sein Amt durch eine Wahlniederlage, Helmut Kohl 1998. 108 Jahre zuvor war die Niederlage des Bismarck-Kartells bei der Reichstagswahl unbestreitbar ein beschleunigendes Moment für seinen Abgang, aber nicht unmittelbar und nicht in einem formalen Maße zwingend. Aber von den Vieren, Bismarck, Bülow, Adenauer und Kohl, scheint nur Letzterer einigermaßen in Frieden aus dem Amt geschieden zu sein. Er hatte eine beispiellose Agenda auf der Habenseite, mit der niemand, er auch nicht, bei Antritt seiner Kanzlerschaft 16 Jahre zuvor hatte rechnen können: den Vollzug der deutschen Wiedervereinigung und die Weiterführung der europäischen Integration in einem Maße, das jedenfalls er als historisch ebenso notwendig wie legitimiert ansah. Kohl blieb im Geschäft; die Funktion des Ehrenvorsitzenden der CDU, die ihm wie selbstverständlich zugefallen war, interpretierte er durchaus politisch. Beim Europäischen Rat vom 11. Dezember 1998 avancierte er zum »Ehrenbürger Europas«.61 Dann riss mit einem Mal die Spendenaffäre, gemessen am historischen Zäsurcharakter der Phase vom Fall der Mauer in Berlin bis zur Entscheidung für die Einführung des Euro, eine Fußnote, Kohl medial-kommunikativ in den Abgrund. Und als er sich davon politisch einigermaßen erholt hatte, beraubten ihn körperliche Gebrechen weitgehend der Fähigkeit, seine historische Rolle selbst vital darzustellen. Anders sein Vorgänger Helmut Schmidt. Schmidt, dem wortgewandten Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, stand und steht die ganze mediale Zunft der Elbmetropole zur Verfügung. Sie schreibt ihn je länger, desto intensiver zum Staatsmann und Intellektuellen von singulärer Urteilskraft hoch. Es dauert vermutlich lange, bis der deutschen Gesellschaft allmählich wenigstens in Teilen dämmern wird, dass dabei vielfach die Grenze zur peinlichen Hagiographie überschritten wird.62

Adenauer schied im Oktober 1963 mit viel Galle aus dem Amt. Schwer zu sagen, ob es besser gewesen wäre, hätte er einen von ihm stärker akzeptierten Nachfolger im Amt als Ludwig Erhard gefunden, von dem er noch dazu befürchtete, dass er das letzte Erbe seiner Politik, die privilegierte Beziehung zum gaullistischen Frankreich, ausschlagen werde.63 Adenauer behielt den Parteivorsitz solange es ging, bis zum 21. März 1966. Und er kommunizierte und intrigierte gegen Erhard und gegen die neuen Verhältnisse mit jedem, der nur in Frage kam: mit Charles de Gaulle, mit Franz Josef Strauß, mit Eugen Gerstenmaier; auch der Bundespräsident Heinrich Lübke war in diesem Spiel. Und so wurde auch Erhards letzter großer Triumph, der Sieg bei der Bundestagswahl 1965, ein »ungeheurer und unerwarteter Wahlsieg«, für den Vorgänger »eine böse Überraschung«64.

Bernhard von Bülow, inzwischen Fürst und »Durchlaucht«, schied 1909 aus dem Amt, mit kaum gebändigter Wut auf den Kaiser wie auf den ebenso ungeliebten wie verachteten Nachfolger Theobald von Bethmann Hollweg und ohne ersichtlich je über die eigenen großen Fehler wie Fehlschläge in seiner Politik zu reflektieren: über den Verrat des Kaisers in der Daily-Telegraph-Affäre 1908, über das Nichtzustandekommen einer umfassenden Finanzreform und schließlich – das war vielleicht der wundeste Punkt – über die Misserfolge in der sogenannten »Weltpolitik«. Bülow, der gelernte Diplomat, hatte Weltpolitik als strategische außenpolitische Aufgabe des Deutschen Reiches formuliert. Aber an strategischen Positionen war in seiner Amtszeit eigentlich nichts hinzugekommen. Viel schlimmer: Die Isolierung Deutschlands, ob nun Einkreisung oder Selbstauskreisung, machte ihre entscheidenden Fortschritte gerade in den Jahren seiner Kanzlerschaft. Die erste Marokko-Krise zeigte 1904 / 05 ein Zusammengehen Großbritanniens und Frankreichs, zwei Jahre später erreichten die vermeintlichen weltpolitischen Antipoden, London und St. Petersburg, ein Arrangement. Die Berliner Diplomatie hatte stets darauf gebaut, dass es eben dazu, zu einer Kooperation von Walfisch und Bär, nie kommen werde. Seine Wut arbeitete Bülow im dritten Band seiner Denkwürdigkeiten ab, der der Zeit nach seiner Entlassung über den Ersten Weltkrieg hinweg bis in die zwanziger Jahre gewidmet ist.65 Die ersten Kapitel des Buches dienen allein der Abrechnung, Abrechnung mit Kaiser wie Nachfolger, Abrechnung mit Staatssekretären und preußischen Ministern, die entweder unfähig seien oder ihn verraten hätten. Was folgt, ist eine Enzyklopädie von Begegnungen mit und Zuschriften aus der preußisch-deutschen Oberschicht, zumeist liberal-konservative Professoren, die Bülow als großem Staatsmann huldigen.

Kein Zweifel: Bismarck, obwohl nach der Entlassung in keinerlei Funktion mehr, war von allen vier Kanzlern für die verbleibende Lebenszeit die mit Abstand wichtigste Potenz. Gewiss. Das Bild ist ambivalent. Sein Biograf Otto Pflanze schreibt: »Kaum jemand konnte sich vorstellen, wer seinen Platz einnehmen sollte. […] Dennoch war die Reaktion auf Bismarcks Sturz in der Presse und im Parlament eher schwach. Nach zwanzig Jahren Sicherheit und Frieden erschien das Reich […] als eine unverrückbare Realität, die bestehen bleiben würde, wer immer an seiner Spitze stand.«66 Einen anderen Eindruck gewinnt, wer die Bilder auf sich wirken lässt, die eine der besten Chronistinnen der Zeit, die Baronin Spitzemberg, in ihrem Tagebuch von der Abfahrt Bismarcks am 29. März 1890 malt: »Wie eine Sturmflut warf sich die Menge dem Wagen entgegen, ihn umringend, begleitend, aufhaltend, Hüte und Tücher schwenkend, rufend, weinend, Blumen werfend. […] Frau von Hirschfeld war im Lehrter Bahnhof und schilderte den Enthusiasmus als unermesslich; die inneren Räume waren zum Erdrücken voll, die Fenster wurden ausgehoben, an den Säulen hingen die Menschen bis hoch oben, jubelnd, weinend, sich die Hände drückend; plötzlich fing einer an, die ›Wacht am Rhein‹ zu singen, und ›wie Donnerhall‹ pflanzte sich der Sang fort, bis draußen die Zehntausende entblößten Hauptes das alte Siegeslied sangen; den Kürassierschwadronen liefen die hellen Tränen von den Wangen […]«67 Bismarck nahm ein nationalliberales Reichstagsmandat an, er ging auch noch sehr viel mehr als in seiner Zeit als Reichskanzler auf den publizistischen Markt, gewann die Hamburger Nachrichten als sein Sprachrohr, daneben auch die Münchner Allgemeine Zeitung, und er konspirierte und kommunizierte mit Maximilian Harden, einem verlässlichen publizistischen Feind des Kaisers. Zu seiner Genugtuung konnte Bismarck erleben, dass die Ära seines Nachfolgers Caprivi, innenpolitisch im Zeichen einer liberalen Öffnung, außenpolitisch im Zeichen der Nichtfortsetzung des geheimen Rückversicherungsvertrages mit Russland, auf den sich Bismarck so viel zugute hielt, denkbar kurz blieb: zwei Jahre im Amt des preußischen Ministerpräsidenten, vier Jahre im Amt des Reichskanzlers. Bismarcks Anhängerschaft umfasste nicht die ganze deutsche Gesellschaft, aber doch einen beachtlichen Teil. Überspitzt formuliert kann man es vielleicht so sagen: Jetzt, in seinen letzten Lebensjahren, erreichte der Prozess einer Entborussifizierung wie Germanisierung seinen Abschluss. Bismarck wurde zum nationalen Idol des Bürgertums, der Akademiker, in besonderer Weise der Burschenschaften an den deutschen Universitäten. Und man kann mit einigem Grund sagen: Er inszenierte und genoss diesen Prozess, der seinen Höhepunkt bei zwei Anlässen fand: bei Bismarcks Mittel europareise von 1892, über Dresden, Wien, München und Bad Kissingen, aufgezogen wie ein nationales beziehungsweise großdeutsches Happening;68 und bei Bismarcks 80. Geburtstag am 1. April 1895, der zum großen Nationalfest und zugleich schon zum Abschied von ihm wurde. Dabei kam es Bismarck noch zugute, dass eine Reichstagsmehrheit aus Zentrum, Linksliberalen und Sozialdemokraten eine Woche zuvor, am 23. März, eine Grußadresse des Parlaments an den Jubilar abgelehnt hatte. Nun musste sich der Kaiser süß-säuerlich mit seinem Exkanzler solidarisieren. Er gab ein Bankett im Berliner Schloss, während in Friedrichsruh sechs Militärkapellen aufspielten, 10 000 Telegramme und 450 000 Zuschriften eingingen. Gut drei Jahre später verstarb Bismarck. Aber auch aus dem Schatten des Toten konnte sich Wilhelm II. zeit seines Lebens nicht befreien. Der Reichsgründer ragte als Mythos und als stiller Vorwurf gegen den seit dem 10. November 1918 im niederländischen Exil weilenden Kaiser bis weit in die zwanziger Jahre hinein. Den einen, die sich wie Gustav Stresemann nun an eine Ausgleichspolitik mit den Siegern des Ersten Weltkrieges machten, galt Bismarck als Vorbild für Realpolitik; den anderen, die wie die Deutschnationalen schlicht die Vergangenheit glorifizierten, diente er als Symbol einer überhöhten Vergangenheit und damit zugleich als stiller Vorwurf gegen die neue Republik.

Jeder der vier hier in die Betrachtung einbezogenen Kanzler war bemüht, das Urteil der Nachwelt möglichst selbst zu prägen, ja, was in keinem Falle gelingen konnte, gültig festzuzurren. Den größten Aufwand trieb aus diesem Quartett bis heute Helmut Kohl, am wenigsten manipulativ und am meisten wohl im Stile eines Chronisten ging Konrad Adenauer vor. Seine Erinnerungen gelten heute noch als aussagekräftige Quelle dafür, wie die frühe Bundesrepublik auf Westkurs getrimmt wurde.69 Bismarcks und Adenauers Memoirenwerk unterscheiden sich gravierend. Adenauer arbeitete mit hohem Dokumenteneinsatz, Bismarck wollte Genugtuung. Die jeweilige Gegenwart stimulierte ihn dazu, danach die jeweils geschilderte Vergangenheit auszurichten. »Bismarck, der Realist, war darauf bedacht, die Unfähigkeit seiner Nachfolger bloßzustellen. Bismarck, den Narzissten, gelüstete es, aller Welt zu offenbaren, wie schäbig man mit ihm verfahren war. Bismarck, der Pädagoge wollte die nächste Generation in den Prinzipien unterweisen, auf denen jede deutsche Außenpolitik gründen müsse. Bismarck, der Monarchist, zögerte, das Ansehen der Dynastie zu beschädigen. Dieser letzte Bismarck scheint die Vorherrschaft gehabt zu haben, doch nur um Haaresbreite […].«70 Aber so antipodisch Bismarck und Adenauer auch vorgingen, beide bedurften sie einer verlässlichen disziplinierenden, mitunter verzweifelnden Hilfestellung: In Adenauers Fall war es seine frühere Mitarbeiterin Anneliese Poppinga. Sie stellte das Gerüst zur Verfügung und recherchierte die Materialien. Ohne sie hätte es ebenso wenig je Memoiren Adenauers gegeben wie ohne Lothar Buchers Fron in Friedrichsruh die Erinnerungen Otto von Bismarcks. Bucher tat sich noch sehr viel schwerer als Anneliese Poppinga: Mit sehr viel weniger Material musste er aus den assoziativ-unsystematischen Erzählungen Bismarcks etwas machen, die Diktate wie ein Puzzle neu zusammenlegen. Die Gedanken und Erinnerungen erschienen wenige Monate nach Bismarcks Tod im November 1898. Der dritte Teil, mit der Kritik an Kaiser Wilhelm II. und der Entlassung im Mittelpunkt, folgte erst nach dem Ende der Monarchie 1921. Bismarck und Helmut Kohl haben sich über ihr je eigenes Memoirenwerk hinaus eines weiteren Kunstgriffes bedient: Sie gewährten ihnen nahestehenden Historikern noch in ihrer Amtszeit privilegierten Aktenzugang und taten so das ihnen Mögliche, um ein wissenschaftliches Bild ihrer Zeit vermitteln zu können. In beiden Fällen stand dabei naturgemäß das Zentralereignis ihrer Epoche im Mittelpunkt, bei Bismarck die Reichsgründung, bei Kohl die deutsche Wiedervereinigung. Mit anderen Worten: Was für Bismarck der nationalliberale, kleindeutsch orientierte Historiker Heinrich von Sybel war, wurde für Helmut Kohl der Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld mit einer Arbeitsgruppe, die die verschiedenen für die Wiedervereinigung Deutschlands 1989 / 90 relevant anmutenden Themenfelder darstellte. Sybel war seit 1875 Direktor der preußischen Staatsarchive. Bismarck gewährte ihm qualifizierten Aktenzugang, und auf dieser Grundlage erschien 1889 bis 1894 das siebenbändige Werk Die Begründung des Deutschen Reichs durch Wilhelm I. Der einschlägige Brockhaus-Artikel resümierte 1934: »Die Darstellung erstreckt sich ausschließlich auf die politische Entwicklung und das Wirken Bismarcks.«71 Der erst in Mainz, dann in München lehrende Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld galt als CDU-orientiert und in diesem Spektrum deutlich eher auf dem europäischen als auf dem nationalen Flügel stehend. Weidenfeld war vor allem durch Publikationen zur Legitimierung einer stetig fortschreitenden Intensivierung der europäischen Integration hervorgetreten. Er gehörte zu jenen, die die Deutsche Frage in einer künftigen europäischen Struktur aufgehoben sahen.72 Sein eigenes Opus magnum über den außenpolitischen Kontext der deutschen Wiedervereinigung »basiert auf einer Fülle von internen Dokumenten der Bundesregierung, die in der Regel einer dreißigjährigen Sperrfrist unterliegen. Eine Sondergenehmigung hatte den Zugang bereits wenige Jahre nach Abschluss des Einigungsprozesses eröffnet, was sonst nach dem Jahr 2020 ein Fall für die Historiker gewesen wäre.«73 Freilich ließ es Kohl nicht damit sein Bewenden haben. Im selben Jahr wie die Bände der Arbeitsgruppe um Werner Weidenfeld zur Geschichte der Deutschen Einheit 1998 erschien eine Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes zum Wiedervereinigungsgeschehen.74 Und dieses Gesamtopus wurde also gerade noch auf den Weg gebracht und abgeschlossen, bevor durch den Wechsel im Kanzleramt von Helmut Kohl zu Gerhard Schröder Hindernisse hätten aufgebaut werden können. Kohl selbst hat bislang, neben einem Spezialband zur deutschen Einheit75, ein dreibändiges Memoirenwerk vorgelegt. Und dies einmal mehr mit dem Anspruch des politischen Akteurs, seine und die Geschichte seiner Zeit definitiv darstellen zu können – was ihm freilich so wenig gelingen wird, wie allen anderen Memoirenschreibern vor und nach ihm: »In meinen Erinnerungen geht es mir wesentlich darum, zu erklären, was wir damals warum und wie entschieden haben […]. Damit erhalten die Leserinnen und Leser einen unverstellten Einblick in jene schicksalhaften Jahre unserer Republik und in die komplizierten politischen Zusammenhänge dieser Zeit.«76 Im Falle der vierbändigen Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülow, die er aus gutem Grund erst nach seinem Tode 1930 und1931 erscheinen ließ, ist der extrem hohe, auf die Spitze getriebene Subjektivitätsgrad so offenkundig, dass sich die Frage nach einer Dekonstruktion dieses Memoirenwerkes gar nicht mehr stellt. Bülow erscheint als genialer Politiker, unbestechlicher Beobachter von Zeit und Zeitgenossen wie als unübertrefflicher Bildungsbürger mit einem Zitatenvorrat ohnegleichen. Aber wer all das als Lektürevoraussetzung mit einer gewissen Ironie akzeptiert, mag von diesen vier Bänden Denkwürdigkeiten, die die Geschichte des Kaiserreiches auf ihre Weise bemerkenswert vielgestaltig vermitteln, vielleicht mehr profitieren als von einem Memoirenwerk, das auf der uneinlösbaren Prämisse von Objektivität beharrt.

9. Schlussfolgerungen

Das Quartett der vier Kanzler Bismarck, Bülow, Adenauer und Kohl erscheint durch so viele ganz unterschiedliche Bedingungs- und Handlungsfaktoren in sich differenziert, dass ein Vergleich nur sehr fragmentarisch angestellt werden kann. Er wurde in diesem Beitrag daher auch nur ansatzweise versucht, in manchem angedeutet. Zwei von den vier Akteuren waren Adelige, zwei, die beiden Kanzler aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, kleinbürgerlicher Abkunft. Bismarck und Bülow agierten in einem Bezugsrahmen mit weiterhin bestehender preußischer Monarchie, deutschem Kaiser beziehungsweise preußischem König, Sonderstellung des Militärs, Groß-, in Ansätzen Weltmachtanspruch des Nationalstaates, den es in so hohem Maße ab 1918 und ab 1949 endgültig nicht mehr gab. Adenauer und Kohl führten ein Staatswesen mit tatsächlich nicht mehr vorhandener Souveränität, einbezogen in die NATO und integriert in die Europäische Union, am Ende sogar ohne eigene Währung. Dazu kam ihre Rolle als Parteipolitiker in einer parlamentarischen Demokratie. Und es fiele gewiss nicht schwer, weitere, markante Gegensätze ausfindig zu machen.

Gleichwohl stellt sich doch die Frage, ob nicht alle vier Akteure in zwar nicht gleichzusetzenden, aber wenigstens in Teilen vergleichbaren Bezugsrahmen handeln mussten und ob nicht bei Bismarck, Adenauer und Kohl auf eine bestimmte, durchaus ähnliche Weise historische Größe geltend gemacht werden kann. Jacob Burckhardt schreibt in Weltgeschichtliche Betrachtungen in einem ausführlichen Kapitel über »Das Individuum und das Allgemeine« zu historischer Größe: »Der große Mann ist ein solcher, ohne welchen die Welt uns unvollständig schiene, weil bestimmte große Leistungen nur durch ihn innerhalb seiner Zeit und Umgebung möglich waren und sonst undenkbar sind; er ist wesentlich verflochten in den großen Hauptstrom der Ursachen und Wirkungen.«77 Zunächst einmal: Auch historische Größe wurzelt vermutlich nicht nur in Person, Gestaltungskraft und Umständen, sondern sie bedarf ebenso trivial anmutender Hilfen: Bismarck, Adenauer und Kohl verfügten je über einen Mitarbeiter, in konservativem Deutsch würde man wohl besser formulieren Gefährten, der ihnen mit größter Intensität zuarbeitete und ihr vollständiges Vertrauen genoss. In Bismarcks Falle war das sein Sohn Herbert, der 1873 ins Auswärtige Amt eintrat, hier de facto bis zu beider dienstlichem Ende 1890 als Privatsekretär des Kanzlers diente, 1886 formal zum Staatssekretär aufstieg. In Adenauers Fall war dies der Amtschef des Kanzleramtes Hans Globke; ähnlich wie bei den Bismarcks verließ Globke zusammen mit »seinem« Kanzler 1963 das Amt. Im Falle Helmut Kohls ist wohl an erster Stelle Horst Teltschik zu nennen. Kohl holte den gelernten Politikwissenschaftler und Fachmann für Internationale Beziehungen 1972 in die Mainzer Staatskanzlei. Teltschik stand dann im Bundeskanzleramt Helmut Kohl von 1982 bis 1991 zur Seite. In der Wiedervereinigungsphase 1989 / 90 war er der eigentliche strategische Kopf im Kanzleramt und damit zugleich Rivale des Apparates von Außenminister Genscher. Teltschiks frühzeitiges Ausscheiden, sieben Jahre vor dem Ende von Kohls Kanzlerschaft, gibt auch ein Beispiel dafür, wie viel die Führungsfigur verlieren kann, wenn es zur Trennung von der wichtigsten Vertrauensfigur kommt.

In allen drei Fällen dominierte gesellschaftspolitisch die Distanz gegenüber oder auch die Abkehr von einer reinen, liberalen Lehre zur Gestaltung von Wirtschaft und Sozialsystem. Ganz einfach formuliert: Die Politik ist wichtiger als die Ökonomie. Es geht darum, gesellschaftliche Gruppen zu pazifizieren, wenn es geht zu gewinnen, etwaige Gegner sozialpolitisch von links zu überholen, Bündnisse mächtiger Gruppen und Verbände zu schmieden und gesellschaftspolitische Integration zu leisten.

Bei Bismarck dokumentiert sich eine solche Grundausrichtung von Politik im Ende der liberalen Ära nach dem Gründerkrach und ersten wirtschaftlichen Eintrübungen, personifiziert im Ausscheiden des Leiters des Reichskanzleramtes Rudolf von Delbrück 1876. Was dann folgte, war eine Politik zur Abschirmung vor allem der ostelbischen Landwirtschaft gegen Importbedrohungen, im Bündnis mit den Grundstoffindustrien durch die forcierte Zollpolitik, und ein Jahrzehnt später, in den 1880er-Jahren, die Bismarck ’sche Sozialpolitik mit den neuen Versicherungssystemen gegen Krankheit, Unfälle, Invalidität und Alter, von Bismarck selbst als Staatssozialismus und Therapie gegen das Aufkommen der Sozialdemokratie bezeichnet. In gewisser Weise hat Adenauer diese Bismarck ’sche Kontinuität fortgesetzt: Durch Konzessionsbereitschaft gegenüber den Gewerkschaften in der Frage der Mitbestimmung am Anfang der fünfziger Jahre suchte er das Bündnis zwischen Gewerkschaften und Sozialdemokratie zu schwächen, die Gewerkschaften so – im Gegensatz zur ablehnenden Haltung der Sozialdemokratie – für die Politik der Westintegration zu gewinnen. Vor Wahlen wurden kostspielige sozialpolitische Wahlgeschenke verteilt, mit dem Höhepunkt der großen Rentenreform von 1957. Die reine ordoliberale Lehre, wie sie das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard repräsentierte, war Adenauer stets ein Dorn im Auge. Das galt ebenso grenzüberschreitend in der Außenhandelspolitik: keine globale Open-Door-Politik im Sinne Ludwig Erhards, sondern kontinentaleuropäische Schwerpunktbildung mit dem Frankreich Charles de Gaulles. Helmut Kohl verfügte nicht mehr über die großen Verteilungsspielräume der Wirtschaftswunderjahre. Aber von einem radikalen Schnitt in der Wirtschafts- und Sozialpolitik konnte ab 1982 nicht die Rede sein: Heilige Kühe wie die Subventionen im Kohlebergbau konnten weiter grasen. Die Gelegenheit der Wiedervereinigung 1989 / 90 wollte niemand beim Schopfe packen, um strukturelle Eingriffe in den Sozialstaat vorzunehmen. Dazu kamen in der Ära Kohl ganz neue Leistungen wie Erziehungsgeld, Erziehungsurlaub, Anerkennung von Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung und Einführung der Pflegeversicherung.

Wer Bismarck, Adenauer und Kohl ernsthaft historische Größe zusprechen will, wird freilich jenseits integrierender und kostspieliger Gesellschaftspolitik das jeweilige Zentralereignis ihrer Kanzlerschaft in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken müssen: Bei Bismarck den Durchbruch zum Nationalstaat 1870 / 71, bei Adenauer den Aufbau und die Stabilisierung der alten Bundesrepublik im westlichen Verbund, mit dem Höhepunkt von NATO-Beitritt, Aufhebung des Besatzungsstatutes und wenigstens ansehnlichem Souveränitätsgewinn 1955, bei Kohl die Wiedervereinigung Deutschlands 1989 / 90 und in Verbindung damit, ob nun unmittelbar oder mittelbar, eine strukturelle Weiterentwicklung der europäischen Integration. Alle drei Zäsuren haben den deutschen Zug auf ein neues Gleis gesetzt, in eine neue Richtung fahren lassen. Das ist im Kern das, was mit vollem Recht von historischer Größe bei diesen drei Kanzlern sprechen lässt. Natürlich gibt es aber gravierende Unterschiede:

Adenauer musste sich die Aufgabe, als er 1949 als Bundeskanzler begann, nicht suchen, und er musste auch nicht auf den historischen Zufall setzen. Seine Agenda war gewissermaßen naturgegeben: Selbstbehauptung Westdeutschlands in der fundamentalen Systemauseinandersetzung des Kalten Krieges, Überwindung der durch Verbrechen und Blutspur des Dritten Reiches geradezu zwangsläufigen Stigmatisierung des Landes, ökonomischer Wiederaufbau – das »Auferstanden aus Ruinen« der DDR-Hymne traf in sehr viel höherem Maße auf die Bundesrepublik als auf die DDR zu. Bismarck und Kohl haben nach den zentralen Zäsuren in ihrer politischen Biografie, bei Bismarck 1870 / 71, bei Kohl 1989 / 90 stets betont, das, was das schließliche Resultat war, in einem Fall das (kleindeutsche) Deutsche Reich, im anderen das wiedervereinigte Deutschland, von Anfang an gewollt zu haben. Unbestreitbar haben dabei beide Legenden gestrickt. Sie haben jeweils die Gelegenheit beim Schopf gepackt, als an sich wenig auf den Gewinn beziehungsweise Wiedergewinn nationaler Einheit hindeutete – und als dann mit einem Mal neue Umstände plötzliche Chancen eröffneten.

In Süddeutschland hatten sich gegen Ende der 1860er-Jahre hin die Distanzierungsbemühungen gegenüber Preußen und dem Norddeutschen Bund verstärkt. In Bayern stürzte über die Jahreswende 1869 / 70 der preußenfreundliche Ministerpräsident Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst nach einer Landtagswahl, bei der in Gestalt der bayerischen »Patriotenpartei« das katholisch-konföderale Element die Mehrheit errungen hatte. Erst der Ausbruch des Krieges gegen Frankreich im Juli 1870, geschickt als Nationalkrieg gegen den »Erbfeind« inszeniert, schuf die psychologischen Voraussetzungen zur Überwindung der Mainlinie.

In den 1980er-Jahren schien nationale Einheit im geteilten Deutschland in weite Ferne gerückt. Die politischen und publizistischen Eliten in Westdeutschland hielten dieses Ziel zumeist für historisch überholt und für antieuropäisch. Helmut Kohl betrieb, dokumentiert in seiner Zehn-Punkte-Erklärung vor dem Deutschen Bundestag vom 28. November 1989, drei Wochen nach dem Fall der Mauer in Berlin, eine improvisierte Wiedervereinigungspolitik. Auf sie war man weder in den Bonner Ministerien und Fraktionen noch in den Redaktionen der meinungsbildenden Medien vorbereitet.

Es bleibt der große Unterschied, dass 1870 / 71 Krieg geführt wurde und viel Blut floss – über 100 000 Kriegstote auf französischer, über 40 000 auf deutscher Seite –, und dass 1989 / 90 in Europa kein Schuss fiel, sieht man vom Untergang des Ceauçescu-Regimes im Dezember 1989 in Rumänien ab. Und das wiedervereinigte Deutschland profilierte sich dann, wider alle unterstellten deutschen Unsicherheiten, als verlässlicher Teil der europäischen Integration. Das Deutsche Reich hingegen habe, so die vergleichende Kritik, als »halbhegemoniale« Größe in Europa mehr oder weniger isolierte Machtpolitik betrieben, mit dem schließlichen Fiasko des Ausbruches des Ersten Weltkrieges 43 Jahre nach der Reichsgründung. Derlei Vergleiche, zuungunsten Bismarcks und seiner Schöpfung, verleugnen aber die historischen Kontexte, die stets mit zu bedenken sind. Kriegführung galt im 19. Jahrhundert als sozusagen naturgegebenes Instrument der Politik. Alle europäischen Großmächte hatten daran Anteil, Frankreich dreimal, im Krimkrieg 1853 bis 1855, 1859 im oberitalienischen Feldzug gegen Österreich und schließlich 1870 / 71 im Krieg gegen Preußen-Deutschland. Dazu kam ein imperiales Abenteuer wie seine Intervention in den sechziger Jahren in Mexiko. Russland führte in dieser Phase zweimal Krieg, im Krimkrieg und gut 20 Jahre später gegen das Osmanische Reich. Mit blutigen Feldzügen integrierte es die Kaukasus-Region in sein Imperium. Die europäischen Konfliktlagen der Zeit hat Bismarck auf dem Berliner Kongress von 1878 zu entschärfen versucht. Entscheidender für eine faire Bewertung erscheint aber, dass er nach der Reichsgründung auf eine sehr ernsthafte Weise das Deutsche Reich für »saturiert« erklärte, künftige Kriege zwar nicht ausschloss, das war unter den Bedingungen der Zeit eben schlechthin unmöglich, wohl aber unbestreitbar bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt im März 1890 in bemerkenswertem Maße Friedens- und Sicherheitspolitik betrieb. Was ihn in seiner Politiktypologie eher von manchen Kanzlern – und zumal der amtierenden Bundeskanzlerin – der 1949 ins Leben getretenen Bundesrepublik unterschied, war ein stetes Bemühen um Optionen und Alternativen. Die Außen- und Sicherheitspolitik ist nur ein Beispiel dafür: Neben der Konstante des 1879 vereinbarten Zweibundes mit Österreich stand die Sorge auch um Stabilität in den Beziehungen zu Russland, zuletzt dokumentiert im Rückversicherungsvertrag von 1887. Und nahezu gleichzeitig lotete Bismarck in der Korrespondenz mit dem britischen Außenminister Salisbury die Möglichkeit für ein deutsch-britisches Bündnis aus. Das hätte zugleich bedeutet, dass Deutschland seine sehr autonome, »halbhegemoniale« Stellung aufgegeben und sich an die Flügel- und Weltmacht Großbritannien angelehnt hätte. Es war somit eine Politik, die jeweils weit entfernte Optionen prüfte und in Betracht zog.

Ähnliches gilt für die Innenpolitik. Auch hier spielte Bismarck stetig die verschiedensten Kombinationen durch. Stets galt es, mit »Alternativlosigkeit« zugleich Sackgassen zu vermeiden.

Bismarck war heftig, emotional, oft hasserfüllt. Zugleich konnte er charmant und werbend sein. Auch diejenigen, die ihm sehr oft mit guten Gründen politisch, gesellschaftlich oder kulturell fern standen, waren sich sehr im Klaren darüber, dass er ein Großer war. Im Nachruf Alfred Kerrs vom 4. August 1898 hieß es: »Am Sonntagmorgen wußte man, daß er tot war. […] In dieser Sekunde fühlt man, mag eine Art Hass die Grundempfindung gegen ihn gewesen sein, wie tief man ihn immer grollend geliebt hat. Ein Stück von Deutschland ist es, das in den Fluten des Weltgeschehens für alle Ewigkeit versank.«78 Bismarck bleibt ein Thema, für die »Berliner Republik« vermutlich mehr als für die alte Bundesrepublik.

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9788711446935
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