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Thomas Höffgen

Schamanismus bei den Germanen

Götter · Menschen · Tiere · Pflanzen


Edition Roter Drache


Im Mittelpunkt der germanischen Mythologie – im Zentrum des heiligen Haines – steht der Weltenbaum, das universelle Symbol des Schamanismus. In Sibirien gibt es ein Ritual, bei dem der Schamane auf eine Birke klettert, in die neun Einkerbungen geritzt sind, welche die neun Welten symbolisieren. Bei den Germanen ist es Wotan, der den Weltenbaum rituell erklettert, um die neun Welten zu erforschen. Rekonstruktion der Externsteiner Irminsul (mit neun Ästen).

1. Auflage März 2017

Copyright © 2016 by Edition Roter Drache

Edition Roter Drache – Holger Kliemannel, Haufeld 1,

07407 Remda-Teichel

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Umschlag- und Buchgestaltung: Edition Roter Drache

© Foto des Runensteins: Sören Hallgren/ The Swedish History Museum

Lektorat: Sarah Bräunlich

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.

ISBN 978-3-964260-00-0

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Einleitung: Germanischer Schamanismus

Was ist Schamanismus?

Der „Schamane“

Steinzeit-Schamanismus

Heilige Ekstase

Hinter dem Schleier der Natur

Der Jhankri vom Himalaya

Der Weltenbaum

Yggdrasil

Die neun Welten

Kultbäume der Germanen

Odin erklettert den Schamanenbaum

Das Trommelpferd

Drei Götter der Ekstase

Wotan, der Zauberer

Thor, der Donnergott

Loki, der Listige

Balders Träume

Jenseitsreisen und Unterweltmythen

Das Grab der Prophetin

Hermod und Hel

Das „Draußensitzen“

Zauberkünste der Germanen

Die Magie der Runen

Geheimwissen vom Weltenbaum

Was sind Runen?

Das „Futhark“ ()

Runenlieder der Germanen

Zaubersprüche

Lösezauber

Knochenzauber

Neun-Kräuter-Zauber

Alptraumzauber

Flursegen der Frau Holle

Germanische Schamaninnen

Freyja Seiðkona

Weissagung der Völva

Der Zauberstab

Thorbjörg, die „kleine Völva“

Veleda, Albruna, Ganna

Die Hexe Waluburg

Tierverwandlungen

Das Geheimnis der Tiermenschen

Tiere der Germanen

Die Wilde Jagd

Berserker

Werwölfe

Der wilde Mann

Germanische Götterpflanzen

Pflanzen der Schamanen (Odins Äcker)

Der Met der Begeisterung

Fliegenpilz

Hexenpflanze Bilsenkraut

Die Magie der Mandragora

Entheogene Eiben

Der Autor

Literaturverzeichnis

Quellen

Forschung

Weitere Bücher

Anmerkungen

Vorwort

„Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“

Goethe: Erinnerung

Fragt man einen modernen Mitteleuropäer, was Schamanismus sei, verweist er sicher auf die indigenen Völker ferner Länder und ihre fremdartigen Kulte. Stellte man dieselbe Frage einem antiken Mitteleuropäer, vielleicht dem Vorfahren jenes modernen, dann würde dieser höchstwahrscheinlich antworten: „Wenn Sie was von unserm weisen Mann und Zauberer erfahren wollen – der wohnt gleich dahinten, in dem kleinen Haus am Waldrand“.

Schamanismus gilt als etwas Exotisches (altgr. exōtikós: „fremdländisch“): Der Begriff ruft Bilder wilder Eingeborener mit Fell und Federtracht hervor, die in den letzten Winkeln dieser Erde vormoderne Geisterrituale ausüben. Man denkt an Medizinmänner und -frauen, die Trommelkulte praktizieren und unterm Totempfahl in Trance fallen. Edle Wilde, die in den Phänomenen der Natur die Zukunft lesen und die Sprache der Tiere sprechen. Ur-Menschen, die am Gürtel ihres Lendenschurzes einen Lederbeutel tragen, in dem sich entheogene Naturdrogen befinden. Und diese Vorstellung ist mitunter vollkommen korrekt.

Doch sie ist nur die halbe Wahrheit, denn der Schamanismus ist – aus europäischer Perspektive – nicht nur ein exotisches, sondern auch ein einheimisches Phänomen: Auch die Europäer haben eine schamanische Tradition, haben schamanische Mythen und schamanische Kulte. Auch die Europäer haben eine schamanische Kulturgeschichte mitsamt Trancetechniken, Trommelritualen und Tierverwandlungen. Sie haben sie nur fast vergessen, verdrängt und sogar verteufelt. Wer denkt schon noch an Schamanismus, wenn er heute einen Weihnachtsbaum aufstellt, in den Mai tanzt, sich zu Karneval verkleidet oder auch nur jemandem „den Daumen drückt“? Modernes magisches Denken und Handeln, das in die Zeit der alten Europäer führt, als noch Wald den Kontinent bedeckte und vorchristliche Waldvölker in heiligen Hainen ihre heidnischen Naturgötter verehrten. Für diese Ur-Einwohner von Europa war der Schamanismus nicht exotisch, sondern genuin, ein fester Teil der täglichen Kultur und religiösen Praxis. Der Schamanismus war nicht fremd, sondern vertraut und ein wesentliches Element der europäischen Existenz und Lebenswirklichkeit. Daher rührt die Faszination, die exotische Kulturen auf uns ausüben, weil ihr Schamanismus uns so sehr an unsere eigene Kultur und Tradition erinnert, unser eigenes Schamanentum, das tief in unserem kulturellen Kollektivgedächtnis, in unserer Erinnerung, immer noch lebendig ist.


Wotan, der germanische Ur-Schamane, mit Zauberstab und Schlapphut, opferte sein Auge, um aus der heiligen Quelle der Erkenntnis zu trinken, die an den Wurzeln des Weltenbaums entspringt. Georg von Rosen, 1886.

Einleitung: Germanischer Schamanismus

In einer rustikalen Gaststube aus dem 19. Jahrhundert, die in dunkel-hölzernem Barock gehalten war, traf ich mich zu einem Abendessen mit dem Hochschullehrer Hasenfratz. Im Schein der Kerze offenbarte ich dem Schweizer Religionshistoriker die Idee, ein Buch zum Thema „Schamanismus bei den Germanen“ zu verfassen. Freilich ein schillerndes Thema. Der emeritierte Professor fand die Idee jedoch „höchst spannend“ und rezitierte mir sogleich den ersten Merseburger Zauberspruch in althochdeutscher Sprache – ich konterte mit dem zweiten. Hasenfratz sah mich scharf mit einem Auge an und sagte: „Natürlich macht ein solches Unterfangen Sinn. Denken Sie nur einmal an den Weltenbaum, den haben die Germanen ebenso wie alle zirkumpolaren schamanischen Kulturen. – Der Weltenbaum“, sagte Hasenfratz, zahlte das Essen und setzte im Hinausgehen seinen Hut auf, „könnte Sie tatsächlich zu den germanischen Schamanen führen“. Der Mann ließ mich verdutzt zurück, widersprachen seine Worte doch der wissenschaftlich etablierten Lehrmeinung, welche diesem Thema tendenziell mit Ablehnung entgegen tritt. Doch er machte mir auch Mut, meine langjährige Privatforschung, die zum Teil zu unorthodoxen Ergebnissen geführt hat, zu diesem kleinen Büchlein auszuarbeiten.

Tatsächlich ist das Thema „Schamanismus bei den Germanen“ bislang nur unzureichend diskutiert worden. Und die wenigen Untersuchungen, die sich damit befassen, sind gekennzeichnet durch eine geradezu hyperkritische Herangehensweise: Da ist von „Spuren“ und „schamanischen Überbleibseln“ die Rede sowie von Motiven, die „seltsam schamanisch“ sind (Eliade). Man spricht von „schamanistischen Zügen in der altisländischen Überlieferung“ (Buchholz) oder „Zügen des Schamanentums in der germanischen Überlieferung“ (Lichtenberger). Wissenschaftlicher Konsens sind nur mehr „Spuren schamanischer Praktiken“, „Formen des Schamanismus“ und „schamanoide“ Züge (Simek).

Doch sind es wirklich lediglich Spuren, Züge und Einzelheiten, die auf einen germanischen Schamanismus schließen lassen? Oder hat man bisher einfach noch nicht mehr als diese Spuren freigelegt und es außerdem versäumt, den Spuren auch ins Feld zu folgen? Erfüllt die Rede von den Einzelheiten nicht den Tatbestand der wielandschen Verwirrung, in welcher der vorsichtig-übervorsichtige Forscher nur mehr Bäume sieht, ohne sie als Teil des Waldes wahrzunehmen?

Sieht er nicht, dass es sich um Weltenbäume handelt?

In der schamanischen Kosmologie spielt der Weltenbaum eine Schlüsselrolle: Er ist Sinnbild für die axis mundi, die „Himmelsleiter“, die das Weltgefüge konstituiert und strukturiert. An seinem Stamm vermögen die Schamanen die drei Welten zu erklettern. Für den Schamanismus ist der Weltenbaum fundamental, und ohne Schamanismus macht ein Weltenbaum kaum Sinn. Dass ein solcher kosmischer Baum nun auch für die Germanen von zentraler Bedeutung war, lässt sich leichterdings belegen: In der nordischen Mythologie ist von einer Esche Yggdrasil die Rede, die das All verkörpert und in deren Schatten die Götter Rat halten. Äste, Stamm und Wurzeln dieses Baumes umfassen die drei Welten: Asgard, Midgard, Utgard. Von Odin, dem germanischen Ekstasegott, wird der Weltenbaum – eindeutig schamanisch – rituell erklettert.

Indes ist das doch keine Kleinigkeit, wenn im Mittelpunkt der germanischen Mythologie – im Zentrum des heiligen Haines – ein Weltenbaum gedeiht, also das Symbol des Schamanismus. Vielmehr lässt die exponierte Position des Baumes auf eine besondere, ja substanzielle Bedeutung des Schamanismus bei den Germanen schließen. Das ist zumindest eine ziemlich „heiße Spur“. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die germanische Religionskultur gerade doch und ganz grundsätzlich vom Schamanismus beherrscht und schamanisch strukturiert gewesen ist.

Das Gespräch mit Hasenfratz ließ mich an die Samí denken, jenes letzte indigene Volk Europas, das im zirkumpolaren Skandinavien („Lappland“) beheimatet ist. Wenngleich der Lebensraum der Samí sich über weite Teile Norwegens und Schwedens erstreckt, zählen sie doch nicht zu den Germanen; sie sprechen keine germanische, sondern eine uralische Sprache. Vermutlich wanderten die Samí kurz nach der letzten Eiszeit (ca. 10.000-5.000 v. u. Z.) aus dem nordwestlichen Sibirien nach Nordeuropa ein. Immerhin teilen sie mit den Sibiriern eine sehr spezielle Weltanschauung – den Schamanismus. Die alten Samí verehrten die Natur und gingen von der Allbeseelung des Kosmos aus sowie davon, dass ein Schamane – ein „Nojade“ – die Fähigkeit besitzt, mit dieser von Geistwesen belebten Umwelt in Kontakt zu treten. Das wichtigste Ritualgerät der samischen Nojaden war natürlich die Schamanentrommel (südsamisch: gievrie; nordsamisch: gobdas) mitsamt dem aus Rentiergeweih gefertigten Schlägel. Das Fell vieler dieser Trommeln ist bemalt mit Menschen, Tieren, Pflanzen, Wesen aus der Anderswelt und Ahnengeistern. Es handelt sich um eine Art mythische Weltkarte, die es dem Nojaden möglich macht, sich während seiner Jenseitsreise orientieren zu können. Im mythologischen Bewusstsein der Samí ist diese Schamanentrommel aus dem Holz des Weltenbaums gefertigt.

Die frühste schriftliche Quelle zu den Samí ist ausgerechnet die Germania (98 n. u. Z.) des antiken Historikers Tacitus, ein Buch, das als wichtigste Quelle zur Kultur und Religion der germanischen Stämme gehandelt wird. Dass die Samí gar keine Germanen sind, hat Tacitus zwar geahnt, doch führt er sie gleichwohl in seinem ethnographischen Bericht auf, weil sie der germanischen Kultur so nahestehen. Tatsächlich trieben Samí und Germanen einen regen Tauschhandel, und es ist durchaus naheliegend, dass sie sich auch geistig-kulturell austauschten. Sollte hier der missing link liegen, durch den sich der Schamanismus – als Phänomen zirkumpolarer Völker – in die germanische Kultur transferieren lässt? Bezeichnenderweise werden in der Chronicon Norvegicum (12. Jhd.), der ältesten schriftlichen Quelle zum Schamanismus bei den Samí, die magischen Tätigkeiten der Nojaden mit den altnordischen Worten gandr bzw. galdr beschrieben, Bezeichnungen, die gleichsam zur Beschreibung der Zauberkünste der Germanen dienten. Nicht unwahrscheinlich, dass nicht nur die Worte, sondern auch die Techniken sich überschneiden. Es gibt eine Samí-Gottheit mit dem Namen Horragalles (auch Thora Galles oder Thoron), die verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit dem germanischen Gott Thor/Donar: Beide gelten als Wetter- und Gewittergott und werden dargestellt mit einem Hammer, so auf einer Schamanentrommel aus dem 18. Jahrhundert, die in Lappland (Norwegen) gefunden wurde. Der Frau von Horragalles, Ravdna, sind die Beeren der Eberesche heilig. In der germanischen Edda ist wiederum die Rede davon, dass die Eberesche dem Thor geweiht ist (Skáldskaparmál 18).

Zudem gibt es den berühmten Runenstein von Möjbro (Schweden). Dieses rund zweieinhalb Meter hohe germanische Kultdenkmal aus der frühen Wikingerzeit (5.-7. Jhd.) stellt kunstvoll einen von zwei Hunden begleiteten Reiter dar, der angeblich ein Schwert und einen Rundschild in den Händen hält. Als ich den Stein zum ersten Mal sah, dachte ich jedoch: „Das ist ein germanischer Schamane, der mit einem Stöckel auf die Rahmentrommel schlägt. Er reitet auf dem Schamanenpferd und wird begleitet von den Höllenhunden, den Hütern der Schwelle. Das ist der Schamanengott Odin mit seinen Krafttieren, dem Pferd Sleipnir und den Wölfen Geri und Freki“. Tatsächlich erkennt man bei genauerer Betrachtung, dass der längliche Gegenstand des Reiters an der Oberspitze eine Rundung aufweist – schlecht für ein Schwert, typisch für den Schlägel.

Dass die germanische Mythologie und Religion fürwahr alles das zu bieten hat, was man bei schamanisch strukturierten Völkern findet – Ekstasegötter und Jenseitsreisen, Zauberkünste und Zerstückelungen, Heilmagie und Liebeszauber, Trommelkult und Tierverwandlungen, Rauschorgien und Zauberpflanzen – soll dem Leser im Folgenden vor Augen geführt werden.


Wotan reitet auf dem Schamanenpferd und schlägt die Trommel. Runenstein von Möjbro (Schweden), 5.-7. Jhd.(Rundata U 877)

Was ist Schamanismus?
Der „Schamane“

„Der Schamane ist ein Mensch mit großen magischen Kräften, der sich mithilfe von Tanz, Musik und Drogen in Rauschzustände versetzt, um Seelenreisen zu unternehmen und Verbindung mit den Verstorbenen und Geistern aufzunehmen. Die Schamanen wirken als Priester und Heiler“.1

Diese Definition der Duden-Redaktion klingt zunächst recht zutreffend, ist jedoch zugleich so vage formuliert, dass sich jeder darunter etwas anderes vorzustellen vermag. Tatsächlich besteht hinsichtlich der Frage, was Schamanismus ist, Uneinigkeit. Das liegt auch daran, dass der Begriff in akademischen Traktaten und esoterischen Romanen gleichermaßen anzutreffen ist – mit grundsätzlich differierender Konnotation. Während kritisch-rationale Wissenschaftler in der Regel davon reden, dass es gar nicht einen oder den Schamanismus gibt und ihren Gegenstand zuweilen weg-rationalisieren, sind sich viele Neo-Heiden sicher, dass der Schamanismus so etwas wie die Ur-Religion der Menschheit ist und verwechseln manchmal Evidenz und Einbildung. Während manche Ethnologen noch nie einen Schamanen live erlebt haben, halten einige moderne Ethnos sich gar selbst für authentische Schamanen.

Einen ersten Hinweis darauf, was Schamanismus ist, gibt die Etymologie des Wortes: „Schamane“ leitet sich vom sibirisch-tungusischen Wort šaman ab und heißt „der, der weiß“ bzw. „der erregt ist“ oder auch „weiser Mann“. Der Schamane ist also ein Mensch, der im Zustand der Erregung (Raserei, Ekstase) eine Art von Wissen oder Erkenntnis erfährt. Der Ursprung des Wortes šaman wiederum wird im Hunnisch-Ungarischen kám, „Wahrsager, Seher“, vermutet. Demnach ist der Schamane dazu in der Lage, das in der Erregung geschaute wahre Wissen mythisch mitzuteilen. Vielleicht hängt šaman auch mit dem Sanskrit-Wort cramana „Bettelmönch, Asket“ zusammen, was auf die Funktion des Schamanen als Mystiker und Magier sowie als praktischer Philosoph hindeutet.

Jedoch gilt es zu beachten, dass der Begriff „Schamane“ nicht zwingend eine Selbstbezeichnung derjenigen ist, die „schamanisch“ tätig sind, sondern nur bei ganz bestimmten Völkern Nord- und Mittelasiens verwendet wird. Vielmehr hat jede Kultur und Tradition – sogar unter verwandten Völkerschaften – ihren eigenen Begriff: Noch „im 19.-20. Jahrhundert gab es bei den Völkern Mittelasiens und Kasachstans keine einheitliche Bezeichnung für Schamanen“.2 Nicht der Begriff also, sondern das Phänomen „Schamanismus“ ist weltweit verbreitet – und zeitlos.

Steinzeit-Schamanismus

Der Schamanismus führt in die Ur-Geschichte der Menschheit, die Zeit der Jäger und Sammler, die Altsteinzeit. Das Jungpaläolithikum (40.000-10.000 v. u. Z.) gilt nicht nur als die Geburtsstunde des modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) und als Blütezeit der bildenden Kunst, sondern auch als Hochphase des Schamanismus. Aus Mammut-Elfenbein gefertigte Figuren gelten als die ältesten Kunst- und Kulturwerke der Menschheit; ihr Bezug zum Schamanismus wird nicht bestritten. Hervorzuheben ist eine knapp 30 Zentimeter große Figur aus Mammut-Elfenbein, die bei archäologischen Ausgrabungen in einer Höhle der Schwäbischen Alb (Deutschland) gefunden wurde. Sie ist rund 35.000 Jahre alt und stellt einen menschlichen Körper mit dem Kopf und den Extremitäten eines Höhlenlöwen dar. Offensichtlich handelt es sich um einen in ein Tier verwandelten Schamanen. In die Geschichte eingegangen ist die Skulptur als der „Löwenmensch vom Hohlenstein“.3

Weltberühmt sind außerdem die Höhlenmalereien in Frankreich, die zoomorphe Mischgestalten abbilden, man denke an den Mann mit Hirschgeweih und Mann mit Stierhörnern und Mundbogen in der Grotte des Trois-Frères in Montesquie-Avantès:

Im Magdalénien von Mas d‘Azil aber tritt uns ein Mann mit Bärenkopf, in der Grotte von Espélugues bei Lourdes, ebenfalls in Südfrankreich, ein solcher mit Pferdekopf entgegen. Dies waren sicher Maskentänzer, die sich mit einem entsprechenden Fell und Kopf als Bär oder Pferd verkleidet vor einem geplanten Jagdzug auf diese Tiere Zauberkraft zu deren Erbeutung zu verschaffen versuchten.4

Tierverwandelte Ekstatiker begingen hier, im Bauch der Mutter Erde, schamanische Kulte: In der Brillenhöhle bei Blaubeuren (Schwäbische Alb) fand man bei Ausgrabungen einen fast 20.000 Jahre alten Trommelschlägel aus Rengeweih, der stark an diejenigen erinnert, die von den Samí-Schamanen verwendet werden.

Der vielleicht beeindruckendste Beleg für den mitteleuropäischen Schamanismus im Mesolithikum (ca. 10.000-5.000 v. u. Z.) ist die sogenannte „Bestattung von Bad Dürrenberg“, die älteste Bestattung in Sachsen-Anhalt (Deutschland). In dem rund 8.000 Jahre alten Grab fand man das Skelett einer (aufrecht sitzenden) Frau, die zwischen ihren Schenkeln einen Säugling hielt. Das Grab war rund 30 Zentimeter (!) hoch mit rotem Ocker befüllt. Roter Ocker oder „Rötel“ ist ein Zaubermittel, das weltweit in schamanischen Kulturen verwendet wurde und wird. Außerdem fand man über 100 Skelettreste von verschiedenen Säugetieren, über 120 Muschelstücke, unzählige Feuersteinfragmente und die Panzer von mindestens drei Sumpfschildkröten, ein Beil aus Hornblendschiefer mitsamt Fassung aus Hirschgeweih sowie rund 100 Schmuckstücke aus Tierzähnen und -hauern. Kurz, das Grab war voll mit schamanischen Ritualobjekten. Man fand auch die Fragmente einer kultischen Kopfbedeckung aus Schädelknochen mit dem Geweih von Rehen, welche überdeutlich an die Tracht sibirischer Schamanen erinnern. Gewiss waren dies die heiligen Requisiten, die der Schamanin von Bad Dürrenberg dabei halfen, sich in Trance zu versetzen und in ein Tier zu verwandeln.

Den Funden von der Schwäbischen Alb und aus Sachsen-Anhalt nach zu urteilen, mussten vielleicht gar nicht erst die Samí den Germanen den Schamanismus bringen. Warum sollte sich der Steinzeit-Schamanismus nicht bis in die Germanenzeit erhalten haben? Bekanntermaßen gab es auch bei den Germanen Menschen, die zu gewissen Zeiten Fell anlegten, Tiermasken trugen und sich mit Leder, Federn und Gehörn verkleideten – und rituell zum Tier wurden. Handelt es sich bei den germanischen Berserkern, Werwölfen und Geißmännlein nicht um die Urenkel dieser steinzeitlichen Tiermenschen?

Heilige Ekstase

Als Begründer der modernen Schamanismus-Forschung gilt der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade. Er betrachtete den Schamanismus als eine rituelle Praxis, mittels derer der Schamane bewusst (nämlich durch bestimmte Techniken, die tranceartige Zustände hervorrufen) außerkörperliche Erfahrungen induziert. Ziel der Praxis sei es, den gewöhnlichen Bewusstseinszustand zu verändern und die subjektive Wirklichkeit zu transzendieren, um mit den Göttern oder Geistern – das heißt: gewöhnlich unsichtbaren Entitäten – in Kontakt zu treten. „Eine allererste Definition dieses komplexen Phänomens“, schreibt Eliade, „wäre: Schamanismus = Technik der Ekstase“.5

Von der jüngeren Forschung wurde diese Definition übernommen:

Die wichtigste, schlechthin unabdingliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Séance aber war, daß der Schamane in Trance fiel, genauer: in Ekstase geriet, das heißt ganz Seele wurde und sich so vom Leib befreien und ins Jenseits begeben konnte. Dazu hatten Schamanen in aller Welt eine Fülle von ‚Techniken‘ entwickelt.6

Das altgriechische Wort ἔκστασις (ekstasis: „Ekstase“) bezeichnet das „Aus-sich-Heraustreten“, die „Begeisterung, Verzückung“. „Als Ekstase wird das in höchster Form von Erregung stattfindende ‚Heraustreten der Seele‘ aus den Körpergrenzen bezeichnet“.7

Ekstase ist ein Bewusstseinsphänomen, bei dem die Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich durchlässig sind und das mitunter als Verzückung, Rausch, Trance, Besessenheit, Enthusiasmus oder Begeisterung beschrieben wird. Psychische Zustände des Außersichseins können durch halluzinogene Stoffe, durch Drogen und Alkohol, aber auch durch asketische Übungen oder rituellen Tanz hervorgerufen werden. […] Berichte über ekstatische Erlebnisse handeln von Reisen in die Ferne, zu Göttern, Geistern und in den Himmel. Schamanen beziehen ihre Kraft und Erkenntnisse über medizinische Mittel häufig aus ekstatischen Reisen zu den Geistern, die für die Heilung der Menschen zuständig sind.8

Der Begriff „Ekstase“ ist insbesondere im Kontext der vorchristlichen Mysterien im antiken Griechenland gebräuchlich (Eleusis, Delphi, Dodona etc.). Ein bestes Beispiel für diese heidnischen Ekstasekulte der Hellenen sind die Dionysien, rituelle Festspiele und Verkleidungskulte zu Ehren des Rauschgottes Dionysos, die fest in der griechischen Kultur verwurzelt waren. In archaischer Zeit bestanden die Dionysien aus wilden Umzügen, bei denen die Teilnehmer unter Trommelrhythmen und Obertonmusik freudentaumelnd durch die Wälder brausten. Die weiblichen Kultanhängerinnen des Dionysos nennt man „Mänaden“; sie hüllen ihre nackte Haut in Hirschkalbfelle, werfen tanzend ihre Köpfe in den Nacken und empfinden keinen Schmerz – ihr Name deutet auf den Schamanismus (μανία [mania]: „Raserei“). Die männlichen Kultanhänger nennt man Satyrn; sie sind Mischwesen aus Mensch und Tier und transzendieren die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis – „Ekstase“ bedeutet immer auch „das Aus-der-Kultur-Heraustreten“. Die Dionysien dienten als eine Art „Ventil“ und Ausgleich zur gesellschaftlichen (apollinischen) Ordnung; sie waren die gezielt eingeleitete Erfahrung des ‚ganz Anderen‘. Zwar waren die griechischen Mänaden und Satyrn wohl keine Schamanen im engeren Sinne, doch lässt sich am Beispiel der archaischen Dionysien vorzüglich festmachen, wie eine schamanisch strukturierte Kultur aussehen kann.

Hinter dem Schleier der Natur

„Die gesellschaftliche Funktion des Schamanen war es, als Dolmetscher und Vermittler zwischen dem Menschen und den Mächten hinter dem Schleier der Natur zu wirken“9, schreibt Joseph Campbell. Hier gilt es zu beachten, dass der Schamanismus per defintionem in Kulturen vorkommt, die von einer Art Allbeseelung oder Alldurchgeisterung des Kosmos ausgehen (Animismus): Die ganze Natur wird als heilig und belebt empfunden, und mit allen Dingen lässt sich – im ekstatischen Bewusstsein – kommunizieren. Denn hinter (besser: in) der materiellen Welt existiert eine dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgene Welt der Geister, in der gleichsam die metaphysischen Ursachen für die physischen Zustände und Ereignisse liegen. Als Meister der Ekstase ist es der Schamane, dessen Aufgabe es ist, mit den kosmischen Entitäten in Kontakt zu treten, um Einfluss auf die Wirklichkeit zu nehmen und für das Wohlergehen des Stammes zu sorgen. Ihrer Funktion entsprechend erscheinen ihm die Geister der Natur in personifizierter Form: als Mutter Erde, Herr der Tiere, Himmelsherrscher, Berg-, Baum- oder Flussgeist. In Trance verhandelt der Schamane mit den Geistern, einige sind persönliche Verbündete, andere gefährliche Feinde, und arrangiert sich mit ihnen, um die Heiligkeit und Harmonie des Kosmos zu erhalten.

Auch heute noch wird Schamanismus praktiziert, nämlich überall dort, wo Menschen noch in einer traditionellen, vermeintlich primitiven Kulturform leben. Das sind die letzten Winkel dieser Erde, in denen die Mechanismen der Zivilisierung noch nicht greifen konnten, im dichten Dschungel oder höchsten Hochgebirge. So haben die archaischen Ekstasetechniken im Regenwald von Südamerika bis heute eine enorme kulturelle Bedeutung, man denke an das stark psychoaktive „Nationalgetränk“ von Amazonien, Ayahuasca, mit dem dort jedes Kind vertraut ist: In nächtlichen Zeremonien singen die Ayahuasqueros (Ayahuasca-Schamanen) die Icaros genannten Heillieder, die sie von den Geistern selbst gelehrt bekamen und die die Ritualteilnehmer in eine Welt voll unfassbarer Visionen führen. Für den Schamanen ist diese Welt die wahre Wirklichkeit, in der die Alltagsrealität spirituell begründet liegt. Hier, hinter dem Schleier der Natur, behandelt er die Ursachen für Krankheiten und Not, weshalb man ihn auch Curandero („Heiler“) nennt.

Der Schamane, der hinter den Schleier der Natur blickt, ist ein praktischer Philosoph: Er unternimmt eine Seelenreise in die Welt der Ur-Ideen, der platonischen Ur-Bilder, von denen die materielle Welt bloß ein Abbild ist. Dort steht er in Kontakt mit den Dämonen wie schon der weise Sokrates. Die hellenischen Gelehrten hatten sogar einen philosophischen Fachbegriff für diese Sphäre hinter der Natur: „Metaphysik“ (metá „hinter, jenseits“ und phýsis: „Natur“).

Der Jhankri vom Himalaya

Auch auf dem „Dach der Welt“ – im Himalaya – ist der Schamanismus noch lebendig. In der Kosmologie der nepalesischen Schamanen, Jhankris, spielt der Weltenbaum eine zentrale Rolle und ist mit dem wichtigsten Ritualgerät verbunden: Der sogenannte Phurba ist ein dreiseitiger, zugespitzter Holzstab, der als „Geisterdolch“ fungiert, den der Schamane bei der Jenseitsreise in den Händen hält, um etwaige Dämonen in die Flucht zu schlagen. Der Phurba symbolisiert die Weltachse, mit seiner Hilfe manövriert sich der Jhankri durch die drei Welten. Deshalb findet sich der Phurba traditionell an der nepalesischen Schamanentrommel: Die beidseitig mit Fell bespannte Rahmentrommel wird im Sitzen gespielt, mit der einen Hand an einem Griff gehalten und mit der anderen mit einem Schlägel geschlagen – dieser „Griff“ ist der Geisterdolch, der Weltenbaum.

Vor ein paar Jahren hatte ich die Gelegenheit, der séance eines Himalaya-Schamanen vom Stamme der Tamang beizuwohnen, die m. E. mustergültig exemplifiziert, was man sich – zumindest äußerlich – unter der schamanischen Ekstase vorzustellen hat. Der Schamane trug die traditionelle weiße Tracht eines nepalesischen Jhankris, eine mit Pfauenfedern verzierte Kopfbedeckung und schwere Glockenketten um den Körper. Mantras murmelnd warf der Jhankri ein paar Reiskörner auf die Ritualwerkzeuge und Kultgegenstände, die vor ihm auf dem Boden ausgebreitet waren. Er schloss die Augen und begann rhythmisch auf die Trommel einzuschlagen – und zwar viel härter als ich es erwartet hatte. Aus den Mantras wurden lautstarke Gesänge und im Takt der Trommel bewegte sich der Jhankri (im Schneidersitz) heftig auf und ab. Der Schlagrhythmus mutierte immer mehr zu einem monotonen Trommelfeuer, das den verräucherten Raum dröhnend erfüllte wie ein tosendes Gewitter. Klirrender Lärm ging von den Ketten aus, die sich mit den heftigen Bewegungen des Schamanen syn-ästhetisch verbanden; die Gesänge klangen jetzt erhaben-hymnisch, gleichsam urtümlich-naturgewaltig. Das Szenario ließ mich unwillkürlich an die Wilde Jagd denken, jenen germanischen Geisterzug, der unter Peitschenknall und Hörnerblasen lautstark durch die nebeligen Rauhnachtstürme galoppiert. Immer fester schlug der Jhankri auf die Trommel und es sah so aus, als würde er gleich aufspringen, umfallen und sich über den Boden winden. Er hyperventilierte, riss die Augen heftig auf und schien für diese Augenblicke Dinge anzustarren, anzurufen, die nur er allein wahrnahm. Er verdrehte seinen Kopf, gab laute Zischgeräusche von sich und schnalzte mit der Zunge – die Stimmen der Geister. Mit rüttelnden Bewegungen und Zuckungen am ganzen Körper sah der Schamane aus wie einer, der vollkommen den Verstand verloren hat. Und in der Tat, der Mann war völlig außer sich, war in Ekstase. Endlich nahmen Geschwindigkeit und Lautstärke des Trommelrhythmus wieder ab, taumelnd kehrte der verschwitzte Jhankri in die Alltagswelt zurück. Mit letzter Puste sprach er Mantras und warf noch ein paar Reiskörner, bevor er sich erschöpft zurücklehnte und freundlich lächelte.


Germanischer Werwolf – Schamanentanz zu Ehren Odins. Bronzeplatte aus Torslunda, 6.-7. Jhd

Der Weltenbaum
Yggdrasil

Im Mittelpunkt der germanischen Mythologie steht der Weltenbaum, der älteste und schönste aller Bäume, an dessen Stamm die Götter alltäglich Gericht halten. In der nordgermanischen Überlieferung trägt der Weltenbaum den Namen Yggdrasil und ist eine immergrüne Esche. Im ältesten Lied der Edda beschreibt eine Seherin (Schamanin) den Weltenbaum:

Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasil,

ein hoher Baum, überschüttet mit glänzendem Nass;

von dort kommt der Tau, der in den Tälern niederfällt,

sie steht immer grün über dem Urdbrunnen.

(Völuspa 19)

„Die Esche ist der größte und beste aller Bäume. Ihre Äste breiten sich über die ganze Welt aus und erstrecken sich über den Himmel“ (Gylfaginning 15). An den Wurzeln des Weltenbaumes sprudelt eine Quelle, der Urdbrunnen, der heilige Brunnen der Nornen. Die Nornen sind drei Göttinnen, die das Schicksal der Welt aus Runen lesen und die Schicksalsfäden der Menschen weben. Am Stamm des Weltenbaumes leben die Menschen; er ragt säulenartig hoch empor bis in den Götterhimmel. Die Krone ist der Wohnsitz der Götter. Ein Drache schlingt sich um die Wurzeln, vier Hirsche äsen an den Zweigen, ein Eichhörnchen flitzt entlang des Stammes und obenauf sitzt ein Adler. Der Tau, der vom Weltenbaum zur Erde fällt, wird Honigtau genannt.

Der Weltenbaum ist keine Fiktion, sondern ein philosophisches Gleichnis. Er ist ein Sinnbild für das harmonische Zusammenwirken aller Dinge und für die kosmische „All-Einheit“. Der Weltenbaum ist ein mikrokosmisches Abbild des Universums, in dem alles sinnvoll ineinandergreift und einen einheitlichen Organismus bildet. Alles steht in Beziehung zueinander, und aus dem Wechselspiel entsteht die Wirklichkeit. Er ist der Baum des Lebens und des Todes, der Baum der Erkenntnis und der Weisheit – der „Nabel der Welt“. Eliade nennt ihn den „Ausdruck der Heiligkeit, der Fruchtbarkeit und Ewigkeit der Welt“ sowie „der absoluten Realität“.10 Der Weltenbaum ist ein kosmisches Symbol und fungiert als eine „Weltachse“ (axis mundi), welche die drei Weltebenen miteinander verbindet: Erde, Mittelwelt und Himmel.

Es handelt es sich um ein Symbol für die kosmische Ordnung, das in der Mythologie zahlloser Naturvölker angetroffen werden kann: Der Weltenbaum ist ein Archetyp, ein Ur-Bild. Er kommt überall vor, kulturübergreifend und zeitlos, vor allem aber in schamanisch strukturierten Kulturen. In Sibirien zum Beispiel, wo der Begriff „Schamanismus“ ursprünglich herkommt, erzählt man sich,

[…] daß es einen Baum mit vielen Wipfeln gibt. Die Schamanen aus der ganzen Welt werden alle an diesem Baume aufgezogen. Je größer der Schamane nach Bedeutung und Kraft ist, um so höher liegt seine Seele auf dem Baum. Das heißt, die Seele liegt dort in verschiedener Höhe. Die Schamanen selbst sagen gewöhnlich, daß als Erzieher ein Rabe erscheint, der auf den Zweigen dieses Baumes sitzt und die Seele groß zieht.11

Eine andere Schamanengeschichte aus Sibirien besagt:

Im Himmel ist ein Baum mit Namen Yjyk-Mas. Sein Wipfel reicht bis in den neunten Himmel, seinen Umfang kann niemand feststellen. Von der Wurzel bis zur Spitze ist dieser Baum mit Auswüchsen bedeckt. Keine freien Zweige sind an ihm zu sehen. In diesen Auswüchsen werden die Schamanen geboren, die Schamaninnen und alle diejenigen, die mit Zauberei und Hexerei bekannt sind. Starke werden am Fuße des Stammes geboren, Schamanen mit voller Kraft entstehen an der Wurzel des Baumes in einem Auswuchs, der groß ist wie ein kleiner Grabhügel.12

Nun ist der Weltenbaum für den Schamanen aber nicht nur eine Metapher für die Harmonie des Kosmos, sondern auch – ganz praktisch – eine Verbindungsachse zwischen den Welten, an der er in das Reich der Götter, Geister und Dämonen klettert: Im veränderten Bewusstseinszustand imaginiert der Schamane diese Achse, um an ihren Sprossen in die Anderswelt zu klettern und sich bei der Reise in das Jenseits orientieren zu können. Der Weltenbaum wird auch Seelenranke genannt, weil der Schamane an ihr ins Wolkengeisterreich des Himmels fliegt. Der Weltenbaum ist gleichfalls die Liane, die der Schamane in den Händen hält, wenn er in das unterirdische Reich der Toten eintritt. Das Bild vom Weltenbaum ist eine Art kognitive Landkarte, die der Schamane stets vor Augen hat, wenn er in Ekstase tritt.

In der germanischen Mythologie heißt es übrigens, dass in der Krone des Weltenbaums eine „schwankende Himmelsstraße“ (bifröst) oder Regenbogenbrücke erscheint, die den Himmel und die Erde miteinander verbindet: Die Götter nutzen diese Brücke, um in die Menschenwelt zu reiten. Warum sollten nicht auch die Menschen auf demselben Weg das Götterreich begehen können?

Die neun Welten

Der Weltenbaum strukturiert das Universum. Er ist die „All-Säule“, an deren Ästen die Seele des Schamanen in die verschiedenen Weltebenen klettert. Meistens unterteilt der Weltenbaum den Kosmos in drei Dimensionen, es können aber auch neun (3x3) oder zwölf (3x4) sein. In der germanischen Mythologie gibt es neun Welten, so weissagt die Seherin der Edda:

neun Welten gedenk ich, neun Ästen

des herrlichen Weltenbaums unter der Erde.

(Völuspa 3)

Zwar ist an keiner Stelle genau überliefert, wie sich die neun Welten Yggdrasils konstituieren. Doch werden in der germanischen Mythologie verschiedene Weltennamen genannt und kontextualisiert, die sich durchaus sinnvoll zusammenfassen lassen. Von einem ‚genormten Weltenbaum‘ ist bei den Germanen ohnehin nicht auszugehen, sondern von stammgebundenen individuellen Ausformungen (Varianten) ein und derselben Sache (Mythologem). Bei der folgenden Darstellung handelt es sich um eine Rekonstruktion der neun Welten Yggdrasils unter Einbezug der Ausführungen von Snorri Sturluson:

OBERE WELT

1. Asgard heißt die prunkvolle Wohnstätte des Göttergeschlechtes der „Asen“, zwölf Himmelsburgen aus Gold und Silber, umgeben von gigantischen Mauern. Hier hat Odin seinen Hochsitz. Hierhin kommen die Helden – die Einherjer – nach dem Tode: Zu Odin (Walhall) oder Freyja (Folkwang). Die Regenbogenbrücke Bifröst reicht von Asgard in die Menschenwelt Midgard.

2. Wanenheim ist der Name der Wohnstätte der Wanen, des zweiten Göttergeschlechtes der Germanen. Hier haben die Geschwister Frey („Herr“) und Freyja („Herrin“) ihren Sitz, alte, vielleicht vor-indoeuropäische Fruchtbarkeitsgötter. Freyja ist auch die Göttin der Liebe und der Magie, die ‚Venus des Nordens‘.

3. Lichtalbenheim ist der Ort, an dem die Lichtalben leben, also das Feenreich. Alben bzw. Elfen sind Naturgeister, die in den Phänomenen erscheinen, in Pflanzen, Steinen oder Bächen. Sie sind lieblich-zarte Lichtwesen, die an Sonnenstrahlen erinnern und im Morgentau tanzen. Beim „Álfablót“ brachten die Germanen ihnen Opfer dar.

MITTLERE WELT

4. Midgard heißt die Menschenwelt, die Welt, wie wir sie kennen. Midgard ist zugleich die Bezeichnung für die Hecke, die das germanische Gehöft vom Wald abgrenzt, bezeichnet also den vom Menschen kultivierten Lebensraum im Gegensatz zur Wildnis. Im mythologischen Bewusstsein der Germanen wird Midgard von der Midgardschlange umschlungen.

5. Jötunheim ist das Reich der Riesen, Elementarwesen, die die Naturgewalt verkörpern. Jötunheim wiederum liegt in Utgard, das ist die „Außenwelt“, die Welt außerhalb von Midgard. In der Volksdichtung werden Riesen in Zusammenhang gebracht mit den wilden Leuten, also Menschen, die aus rituellen Gründen den vertrauten Lebensraum verlassen und „aus-Midgard-heraus-treten“.

6. Muspellsheim liegt im Süden, wo das Feuer dominiert; hier leben die Feuergeister und Feuerriesen. Die Funken des Feuerlandes sind die Gestirne am Firmament: Sonne, Mond und Sterne. Das Feuer ist aber auch ein Symbol für die Erkenntnis und die Wesensschau, den Geistesblitz, man denke nur an die Erfindung des Feuermachens mit dem Feuerstein.

UNTERE WELT

7. Schwarzalbenheim wird die Wohnstätte der Zwerge, Kobolde und Erdgeister genannt. Diese Wesen leben unterirdisch in Höhlen und Gebirgen oder unter Bäumen, sind zauberkundig und kräftig und manchmal etwas eigenwillig. Sie lieben (Edel-)Metalle und Waffen und sind vorzügliche Schmiede. Schwarzalben sind nicht ‚schwarz‘ im Sinne von ‚bösartig‘, sondern ‚erdverbunden‘.

8. Niflheim liegt im Norden, wo das Eis ist. Ein Wolkenschleier zieht sich über diesen Ort: Niflheim heißt „Nebelheim“. Volkstümlich wird der Herbst- bzw. Winternebel mit dem Erscheinen der Geister assoziiert. Doch nicht nur kalter Nebel steigt hier auf, sondern auch kochend-heißer Dunst: In Niflheim entspringt die heiße Quelle Hvergelmir („brodelnde Quelle“), die alle Flüsse speist.

9. Hel ist sowohl der Name des unterirdischen Totenreichs, als auch von dessen Herrscherin. Eine goldene Jenseitsbrücke – eine Schamanenbrücke – führt die Seelen der Verstorbenen zu diesem Ort. „Hel“ ist verwandt mit dem Wort „Hölle“. Doch mitnichten droht hier ewige Verdammnis; diese Vorstellung ist christlich. Vielmehr heißt „Hel“ (indogerm *kel) „verhüllen, verbergen, schützen“.

Kultbäume der Germanen

Über eine Rolle Yggdrasils im Kult sei nichts bekannt, heißt es in der einschlägigen Forschungsliteratur. Dies gilt es anzuzweifeln. Zwar fällt im Kontext eines Kultes nirgendwo der Name „Yggdrasil“, aber warum auch, wenn der Baum woanders in Germanien ganz anders heißt? Tatsächlich scheinen die mittelalterlichen Nordgermanen aber ihre Heiligtümer und Naturdenkmäler explizit mit Yggdrasil assoziiert zu haben. So berichtet der Theologe Adam von Bremen im 11. Jahrhundert in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte, dass die Heiden unweit ihres Tempels in Uppsala (Schweden) einen „sehr großen Baum“ verehren, „der seine Zweige weithin ausbreitet und im Winter, wie im Sommer immer grün ist. Welcher Art derselbe ist, weiß niemand“. Am Fuße dieses Baumes, an einer „Quelle“, kamen die heidnischen Germanen zum Kult zusammen und brachten „Opfer“ dar. Wer denkt bei der Beschreibung nicht an die immergrüne Esche Yggdrasil mit ihrer Schicksalsquelle?

Sicher belegt ist, dass die Germanen gewisse Bäume ihren Göttern weihten. Dies waren meist besonders alte Bäume, die an exponierter Stelle in den Hainen standen und in deren Schatten der jeweilige Stamm über hunderte von Jahren sich zum Thing versammelte. Die südgermanischen Chatten beispielsweise, die alten Hessen, huldigten dem Gewittergott Donar unter einer mächtigen Eiche unweit des heutigen Dörfchens Geismar – der „Donareiche“. Ein jähes Ende fand dieser Kult jedoch, als Bonifatius, der sogenannte „Apostel der Deutschen“, die heidnischen Hessen zwangschristianisierte und im Jahre 723 die Donareiche niederhauen ließ.

Die alten Sachsen verehrten einen Weltenbaum in stilisierter Form als kunstvoll gefertigte Ikone unter dem Namen „Irminsûl“ im Sauerland. Traurige Berühmtheit erlangte die Irminsûl im Jahre 772, als der Christenkönig Karl der Große in das Sachsenland einfiel und das Heiligtum zerstörte. Die einzige nähere Beschreibung dieses Weltenbaumes stammt aus dem Jahre 863 vom Mönch und Missionar Rudolf von Fulda:

Sie verehrten auch unter freiem Himmel einen senkrecht aufgerichteten Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Muttersprache ,Irminsul‘ nannten, was auf lateinisch columna universalis bedeutet, welche gewissermaßen das All trägt.13

Wie die Irminsûl tatsächlich aussah, ist unbekannt. Ein ernstzunehmender Hinweis findet sich indessen an den Externsteinen im Teutoburger Wald. Die Externsteine sind eine markante Sandsteinfelsformation, die nachweislich schon in der Altsteinzeit von Menschen aufgesucht wurde. Nicht unwahrscheinlich, dass hier die Germanen einen Kultplatz hatten. An einer Seite dieses Felsens findet sich jedoch ein christliches Relief, das die Kreuzabnahme Christi zeigt. Schaut man genau hin, erkennt man etwas weiter unterhalb ein weiteres Symbol, nämlich einen abgeknickten Baum, der unter der Last des Kreuzes leidet. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um ein Bildnis der zerstörten Irminsûl, das Karl als Mahnmal in das heidnische Heiligtum hat eingravieren lassen.14

Das Aussehen dieser externsteiner Irminsûl ist höchst bedeutungsvoll. Es handelt sich um eine sogenannte Gabelsäule, also einen Stamm, der sich am oberen Ende in zwei Richtungen ausbreitet und eine Art „T“ bildet, eben eine columna universalis, eine „Säule, die das All trägt“. Bedeutsam deshalb, weil exakt dieselbe Form im Schamanismus bei den zirkumpolaren Kulturen Eurasiens vorkommt: Bei den Lappen lassen sich solche Gabelsäulen bis ins 17. Jahrhundert nachverfolgen, bei den sibirischen Schamanen sogar bis ins 20. Jahrhundert.

Odin erklettert den Schamanenbaum

Dass der Weltenbaum auch in der germanischen Mythologie eine schamanische Funktion erfüllt, belegt der Mythos von Odin und Yggdrasil. Wie ein Schamane erklettert dieser Gott den Weltenbaum und verharrt neun Tage und neun Nächte kopfüber in den Zweigen, vom eigenen Speer verwundet, hungernd, dürstend:

Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum

neun ganze Nächte,

vom Speer verwundet und Odin geopfert,

selber mir selbst,

an dem Baum, von dem niemand weiß,

aus welchen Wurzeln er wächst.

(Hávamál 138)

Im körperlichen und geistigen Ausnahmezustand – in Ekstase – gelangt Odin zur Erleuchtung:

Da begann ich zu gedeihn und klug zu sein

und zu wachsen und mich wohl zu fühlen;

Wort gab mir Wort aus dem Wort,

Werk gab mir Werk aus dem Werk.

(Hávamál 141)

Sakrales Wissen offenbart sich ihm, Runen fallen von den Zweigen. Er wird eingeweiht in die geheimen Künste der Magie, lernt zu ritzen und zu röteln, lernt magische Lieder und Zaubersprüche:

Weißt du, wie man ritzen soll, weißt du, wie man raten soll?

Weißt du, wie man färben soll, weißt du wie man prüfen soll?

Weißt du wie man beten soll, weißt du wie man opfern soll?

Weißt du wie man darbringen soll, weißt du wie man vernichten soll?

(Hávamál 144)

Man zählt dieses Gedicht der Edda zur Weisheitsliteratur. Die Neunzahl (neun Nächte) ist wohl symbolisch zu verstehen: Es sind die neun Welten, die Odin am Stamm des Weltenbaumes durchwandert. Sein Geist durchdringt den Kosmos und gelangt noch in die letzten Winkel der neun Welten. Nach neun Tagen und neun Nächten kehrt er als „weiser Mann“ zurück – als ša-man.

Der germanische Mythos erinnert deutlich an die Selbstopfer, die anzugehende Schamanen im Zuge ihrer Ausbildung erbringen müssen: durch isoliertes Fasten in der Einsamkeit des tiefen Waldes, umgeben von den Tieren und den Geistwesen der Wildnis. Sie sind am ganzen Körper angemalt, stigmatisiert, und für den Rest des Stammes verkörpern sie die ‚Anderen‘, die ‚Toten‘ und die ‚Ahnen‘. Sie sind „aus-der-Kultur-ausgetreten“. Irgendwann beginnt der Initiand zu ‚fantasieren‘ und mit den Waldgeistern zu ‚sprechen‘; diese werden dann zu seinen Freunden und Verbündeten, Krafttieren und Hilfsgeistern. Schließlich wird er selbst zum wilden Tier, dann ist er ein Schamane.

Bei den Burjat-Mongolen in Sibirien gibt es einen schamanischen Initiationsritus, bei dem der Einzuweihende – er ist am ganzen Körper angemalt mit dem Blut eines geopferten Bockes – auf eine Birke klettert, in die neun Einkerbungen geritzt sind, welche die neun Welten symbolisieren. In der Hand trägt der Initiand ein Schwert (bei Odin ist es der Speer). Auf dem Baum sitzend fällt der Jungschamane in Ekstase. Nicht nur in Sibirien, auch bei den amerikanischen Indianern gibt es diese rituellen Baumbesteigungen. Deshalb haben einige Forscher vermutet, dass es sich bei Odins Runenlied und Weltenbaumgeschichte um das mythische Modellverfahren einer Initiation zum Odinskrieger und Ekstasekünstler handelt – eine ‚Proto-Initiation‘. Odin hat es vorgemacht, er ist der erste Eingeweihte und der Ur-Schamane, nun gilt es, es ihm gleichzutun.

Durch die Initiation wird der junge Mann zum Krieger Odins und eingeweiht in die ‚wütige‘ Schar, das ‚wilde Heer‘ der Toten. Das Ritual enthält: Scheinhängen und Speermarkierung und (vielleicht) Mutproben. Durch Speermarkierung (Ritzen mit einem Speer, der Waffe Odins) wird der Initiand Eigentum des Kultgottes. Und Scheinhängen ist eine Technik, ekstatische Erlebnisse zu induzieren (andere Kulturen bedienen sich dazu asketischer und meditativer Praktiken, bestimmter Körperhaltungen, des Tanzes, verschiedener Rauschgifte und narkotischer Getränke): der Einzuweihende wird an einem Strick (um den Hals) hochgezogen, bis er das Bewusstsein verliert, dann wieder heruntergelassen. Er erfährt an sich den ‚kleinen Tod‘, eine neue, tiefere Dimension des Seins, das Außer-sich-Sein, die spirituelle Wirklichkeit. […] Der Mythus von der Einweihung Odins dürfte die wichtigsten Elemente des männerbündischen Aufnahmerituals und seiner Wirkungen – auf menschliches Maß reduziert – wiedergeben. Die Initiation in den Männerbund eröffnet dem jungen Mann den Zugang zum Training bestimmter Ekstatsetechniken, die ihn befähigen, an sich die sog. Berserker-Wut zu erzeugen, eine Kampfekstase, die mit Unverwundbarkeit durch Eisen und Unempfindlichkeit gegen Feuer und mit Gestaltwandel oder Seelenexkursion verbunden ist: der Kämpfer vermag sich in ein wildes Tier (Bär oder Wolf) mit dessen Eigenschaften zu verwandeln oder seelische Kräfte in Tiergestalt (Bär) von seinem Körper zu trennen und in den Kampf auszusenden, während der Körper in Untätigkeit (Schlaf) verfällt.15

Das Trommelpferd

Das altnordische Wort drasil heißt „Pferd“. Yggr ist ein Beiname des Odin. Yggdrasil heißt also „Odins Pferd“. Wieso ist der Weltenbaum nach einem Reittier benannt? Er ist das Schamanenpferd, auf dessen Rücken Odin in das Jenseits und durch die neun Welten reitet. Das Ross des Gottes trägt eigentlich den Namen Sleipnir, hat acht Beine und ist schnell wie der Wind. Es führt die wilde Jagd an, ein wütiger Gaul, ein feuriger Hengst. In Niedersachsen war es noch lange Sitte, dem Pferd des Wotan ein Ernteopfer darzubringen, indem man einiges vom Korn des Feldes stehen ließ: Unter „Wode! Wode!“-Rufen wurde Wodelebier gereicht und sich berauscht. In der germanischen Überlieferung wird mehrfach davon berichtet, dass einer der Götter – zumal Odin und sein Sohn Hermod – Sleipnir sattelt und in die Unterwelt reitet, um von den Toten Auskunft einzuholen oder mit der Todesgöttin Hel über eine Seele zu verhandeln. Die Geschichten von und mit Sleipnir – Jenseitsreisen und Unterweltfahrten – tragen klassische schamanische Züge.

Für Eliade ist das Pferd das Schamanentier par excellence. Es diene dem Schamanen zur Herbeiführung der Ekstase; der Ritt symbolisiere den ekstatischen Flug, die Trance und den mystischen Tod. Er berichtet von Ritualen in Sibirien, bei denen die Schamanen einen Stock mit Pferdekopf zum ekstatischen Tanz benutzen, und von einem indischen Todesmythos, bei dem die Seele des Verstorbenen von einem achtbeinigen Pferd ins Jenseits getragen wird:

Nun ist das achtbeinige Pferd, wie wir wissen, typisch schamanisch. [ ] Die Pferde mit acht Füßen oder ohne Kopf sind in den Riten und Mythen der ‚Männerbünde‘ bezeugt und zwar im germanischen wie im japanischen Bereich. In allen diesen Kulturzusammenhängen haben die mehrfüßigen und Gespensterpferde zugleich die Funktion eines Toten- und Ekstasetiers.16

Im Tengrismus, das ist die schamanische Weltanschauung Zentralasiens (Mongolen, Turkvölker), wird die Seele des Menschen allegorisch als „Windpferd“ bezeichnet; der Sitz des Pferdes ist die Brust des Menschen. In der mongolisch-türkischen Überlieferung gibt es ein achtbeiniges Pferd, das fliegen kann. Es gilt als die Kraft des Menschen, Himmel und Erde harmonisch zu verbinden. Stärken lässt sich diese Kraft durch Rituale, Gebete und Opfer sowie das Inhalieren bestimmter Zauberkräuter.

In Sibirien ist der Weltenbaum fest mit dem Schamanenpferd verbunden – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn dort dient dieser Baum – „ein heiliger Baum mit durchsichtigem, duftendem Harz, mit Rinde, die nicht trocknen wird und nicht platzt, mit schön gemustertem, nie bleichendem Laub, mit Früchten gleich Reihen umgekehrter Kumysbecher“ – als Pfosten, an dem die Schamanen ihre Pferde festbinden: „Der Wipfel dieses Baumes wuchs hinauf in den siebenschichtigen Himmel und bildete dort den Hauptanbindepfahl für die Pferde“.17

Denn das Pferd ist die Schamanentrommel. Wenn der Schamane rhythmisch auf sie einschlägt, klingt sie wie ein rennendes Pferd, und zwar im achtbeinigen Galopp. Auf dem Rücken dieses Pferdes, im Einklang mit dem monotonen Trommeltakt, in Trance, reitet der Ekstatiker über die Regenbogenbrücke in die Anderswelt. Zugleich geben die sibirischen Schamanen an, dass ihre Trommeln aus dem Holz des Weltenbaums gefertigt werden, die es dann gewissermaßen ‚einzureiten‘ gilt. Um die Trommel magisch zu beleben, streift der Schamane sich ein Fell über, ruft die Hilfsgeister herbei und setzt sich im Schneidersitz auf den Boden – auf ein ausgebreitetes Pferdefell. Dann beginnt er zu singen und rhythmisch auf die Trommel zu schlagen:

Dich verwandeln meine Worte in ein Roß von Heldengröße.

Und ein Pferd von großer Schnelle wird geschaffen.

Sei ein Springer unermüdlich, schnell und ruhig sei dein Schritt!

Dann sei stark, mein Pferd, und feurig, jung wie Sturm und voller Glück!

Lass auf deinem runden Rücken rhythmisch mich den Schlägel schwingen!

– Niemals läuft der Sinn der Wohltat von dir fort, mein kühnes Pferd!

Heilung werden bringen wir, ich und du, mein Pferd und Trommel.

Dieses seist du, kühne Trommel, Wundertrommel, Trommelpferd!

Pferd zum Fahren! Roß zum reiten!

Kühnes Roß, gebändigt Tier du!

Kühnes, gehorsames, scheckiges Pferd,

Soll ein wunderschöner Knabe

Dich an Zaum und Zügel halten!

Soll dir nie der Sattel rutschen!

Sei das beste kühne Pferd

Auf dem großen Opferwege!

Großes Wunder! Trommelpferd!

Große, starke, hohle Trommel,

Spannpferd bist du, trägst ein Halfter!

Schwerer Krankheit, schnellen Unglücks,

Wisse deren Grundursache,

Jag, verfolg sie, reib sie auf,

Werd nicht schwankend, werd nicht schwach! –18

Drei Götter der Ekstase
Wotan, der Zauberer

Wohlbefugt lässt sich Odin (nordgerm.) bzw. Wotan (südgerm.) als der germanische Schamanengott bezeichnen. Auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir – einem Symbol für die Schamanentrommel – durchreist er die neun Welten. Der Weltenbaum ist „Odins Pferd“. Die substanziellen Fertigkeiten eines Schamanen – Tranceinduktion und Bewusstseinstechnik – sind dem ersten Eingeweihten seit der Initiation am Baum der Bäume wohlvertraut. In einem alten Götterlied der Edda heißt es, dass Odin beim Zaubern (in der Trance) „zusammensackt“, und zwar beim „Schlagen“ auf die „Trommel“.19

Odin ist ein „weiser Mann“ (ša-man), weil er aus der heiligen Quelle getrunken hat, die an der Wurzel des Weltenbaumes entspringt, „in der Klugheit und Verstand verborgen sind. Mimir heißt der, dem sie gehört. Er ist voller Weisheit, denn er trinkt mit dem Horn Gjallarhorn aus dieser Quelle. Dorthin kam Allvater (Odin) und erbat sich einen Trunk aus ihr. Aber er bekam nichts, bevor er sein Auge als Pfand gab“ (Gylfaginning 15). Deshalb ist Odin einäugig. Als Mimir der Kopf abgeschlagen wird, konserviert Odin diesen und trägt den Totenschädel immer bei sich, um ihn beizeiten um Rat zu fragen – eine divinatorische Technik, die auch die sibirischen Schamanen kennen.

Odin ist der germanische Schamanengott, weil er dazu in der Lage ist, die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits zu überschreiten und „hinter den Schleier der Natur“ zu blicken. Er ist ein Grenzgänger, der – wenn es sein muss – ohne zu zögern in den Tod reitet, um sich dort geheimes und dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgenes Wissen anzueignen. Dafür weckt er auch schon einmal eine tote Seherin aus ihrem Todesschlaf, um sie durch Zauberwort zu bannen, dass sie ihm ihr Wissen preisgebe. Er ist „des Zaubers Vater“ (Baldrs draumar).

Odin ist auch der Hauptgott der ekstatischen Geheimbünde der Germanen, archaische Verkleidungskulte, bei denen Menschen rituell zu Tieren wurden und die Toten darstellten. Das wichtigste Hilfsmittel bei diesen Kulten war naturgemäß die Maske, wie denn Odin in den Mythen selbst mannigfach in Maskerade auftritt: Ein Beiname des Odin ist Grímr, das heißt „Maske“ (gríma). Aber über 180 weitere Namen bezeugen, dass es sich bei diesem Gott um einen schamanischen Gestaltwandler per se handelt. Odin ist ein wahrer Meister der Verkleidungs- und Verwandlungskunst. Er erscheint als Weisheitsgott, Totengott und Kriegsgott, als Gott der Dichter und der Mettrinker. Er ist ein Schwarzmagier und Heilkünstler. Mal erscheint er als Greis mit langem Bart und Schlapphut, mal als junger Krieger auf der Höhe seiner Manneskraft.

In der altisländischen Ynglingasaga (ca. 1230) werden Odins Zauberkünste ausführlich beschrieben. Die Passage liest sich wie ein Lexikoneintrag zum Stichwort Schamane:

Odin konnte seine Gestalt verändern. Sein Körper lag wie tot oder schlafend da; er war aber ein Vogel oder ein Tier, ein Fisch oder eine Schlange und fuhr in Augenblicken in andere Länder, in die Angelegenheiten seiner selbst oder anderer Leute. Allein mit Worten konnte er Feuer schlagen und das Meer beruhigen und den Wind in jede Richtung bewegen, wie er wollte. Odin hatte ein Schiff, das Skídbladnir hieß, das über die Maßen groß war, aber das man wie ein Tuch zusammenlegen konnte. Odin trug immer Mímirs Haupt bei sich, welches ihm Nachrichten aus der anderen Welt weissagte. Manchmal weckte er sogar die Toten aus der Erde auf oder setzte sich unter Gehenkte; deswegen nannte man ihn auch Herr der Wiedergänger oder Herr der Gehenkten. Er hatte zwei Raben, denen er die Sprache der Menschen beigebracht hat; sie flogen weit übers Land und erzählten ihm viele Neuigkeiten. Er war in allen Dingen besonders weise. All dies lernte er mit Runen und den Liedern, die Zaubersprüche heißen. (Ynglingasaga 7)

Aber nicht nur in der Mythologie des hohen Nordens erscheint Odin als Schamanengott. In der südgermanischen Überlieferungen heilt Wotan die Kranken mit Mantras und magischen Gesängen (Merseburger Zauberspruch). Den Medizinmännern und -frauen lehrt er Pflanzenpharmakologie (Neun-Kräuter-Segen). Grimm nennt Wotan den „größten zauberer oder wunderer von allen“.20 Als weiser Mann mit Stock und Schlapphut durchstreift er die kontinentaleuropäischen Wälder. Er ist der Reiter mit dem langen Zaubermantel. Als Kopf der wilden Jagd führt er die Toten durch die Rauhnachtstürme, er ist der wilde Jäger. Wenn Wotan sich in Fell hüllt, dann geht er um als Werwolf oder Bärenmann.

Dass Wotan der Beherrscher der Ekstase ist, lässt sich eindeutig an seinem Namen festmachen: Das gemeingermanische Wort *woda heißt „besessen, erregt“, was sich auf das Schütteln des Schamanen beim Eingehen in die Geisterwelt bezieht, auf das „Außer-sich-geraten“ in der Trance. „Wuodan id est furor“, charakterisiert der Theologe und Historiker Adam von Bremen in seiner Hamburger Kirchengeschichte (11. Jhd.) diesen Gott. Wotan, das ist Wut, Raserei und wilde Leidenschaft, Verzückung, Wahnsinn und Besessenheit. Volkstümlich wird Wotan auch Tolljäger oder Tollmann genannt, der, der die Tollkirsche gegessen hat.

Die älteste namentliche Erwähnung des Gottes Wotan findet sich als Runeninschrift auf einer Bügelfibel (Gewandspange) aus dem 6. Jahrhundert, die im bayrischen Nordendorf gefunden wurde – die Nordendorfer Runenspange. Die alte Inschrift ist nach wie vor geheimnisvoll, sie lautet: „logaþore wodan wigiþonar“. Mit der vollständigen Übersetzung dieser Gravur hat die wissenschaftliche Forschung lange Zeit ihre Schwierigkeiten gehabt. Die Wörter wodan und wigiþonar sind eindeutig den germanischen Göttern Wotan und Donar zuzuordnen, letzterem in seiner Form als Weihe-Donar (germ. wigian: „weihen“) oder Kampf-Donar (germ. wigan: „kämpfen“). Das erste Wort logaþore jedoch ist rätselhaft. Es könnte auf den Gott Loki hindeuten. Dreifachnennungen von Götternamen – wie Loki, Wodan, Donar – waren bei den Germanen weit verbreitet; sie dienten der magischen Beschwörung. Vielleicht handelt es sich bei dem ersten Wort aber auch nicht um einen Eigen-, sondern Gattungsnamen (Appellativ) zum altenglischen Glossenwort logeþer für „Zauberer“. Dann lautete die Inschrift: „Zauberer (sind) Wodan (und) Donar“. Was auch immer die Nordendorfer Inschrift nun genau bedeuten mag, kraftvolle Schamanengötter sind sie alle drei: Wotan, Donar und Loki.

Thor, der Donnergott

Thor (nordgerm.) bzw. Donar (südgerm.) bewohnt das größte Haus in Asgard. Er ist der Sohn und Zauberlehrling Odins/Wotans und strotzt nur so vor magischer Kraft: Sein mächtiger Wunderhammer – geschmiedet von zwei Zwergen – verfehlt niemals das Ziel und kehrt nach jedem Wurf zur Hand zurück. Ein paar Handschuhe aus Eisen helfen ihm, den schweren Hammerschaft zu fassen. Außerdem besitzt er einen Kraftgürtel, der die Asenkraft noch um das Doppelte erhöht. Dies sind gewiss schamanische Ritualobjekte, die Donar als einen mächtigen Schamanen auszeichnen. Seine Reisen in das Riesenland, die „Außen-Welt“ (Utgard), erinnern deutlich an die Reisen der Schamanen in die Anderswelt. „Und niemand ist so klug, daß er alle seine Großtaten erzählen wüßte. Ich könnte so manche Nachricht von ihm berichten, daß der Tag vergehen würde, ehe alles gesagt wäre, was ich weiß“ (Gylfaginning 21).

Thor ist der kraftstrotzende Beschützer der Menschen wie der Götter. Wer ihn an seiner Seite weiß, muss sich nicht fürchten. Das ist auch gut so, weil einige der jenseitigen Mächte immer wieder Ärger machen und Krankheit oder Missernte und Schneesturm bringen.21 Solche Angelegenheiten regelt Donar mit dem Hammer. Legendär sind seine Reisen in das Reich der Riesen und seine Kämpfe mit den schlangenartigen Dämonen aus der Außenwelt. Dabei kommt der Hammer immer dann zum Einsatz, wenn es darum geht, feindselige Geschöpfe fernzuhalten oder in die Flucht zu schlagen. Hammer und Funktion erinnern deutlich an den (im Vorwort bereits erwähnten) Zauberdolch der nepalesischen Schamanen, der seinerseits zumeist aus Holz gefertigt ist und wiederum den Weltenbaum verkörpert. Dieser „Phurba“ genannte Geisterdolch ist eine magische Waffe, die der Schamane in der Hand hält, wenn er in das Jenseits reist, und die er einsetzt, um etwaige bösartige Dämonen in die Flucht zu schlagen, etwa die negativen Nagas, krankmachende Schlangengeister.

Im naturmythologischen Bewusstsein der agrarisch lebenden Germanen spielte Thor/Donar – dessen Mutter Jörð heißt: „Mutter Erde“ – eine zentrale Rolle als Wettergott. Für alle Ackerbauern ist der Wetterzauber wichtig. Sie sind auf Regen angewiesen, der die Saat aufgehen lässt. Die Germanen, die Himmel und Erde verehrten, huldigten also dem Gott, der den Boden fruchtbar macht, dem „Donnerer“ bzw. „Donner“ (westgerm. þonar, ahd. donar). Wenn es regnete und grollte, dann sagte man: Thor zieht auf seinem von Böcken gezogenen Wagen am Firmament entlang. Sein Wunderhammer trägt den Namen Mjölnir, das heißt „Blitz“. Mit diesem lässt Donar es krachen, trommelt Wind und Wetter, schleudert Blitze aus den Wolken und donnert was der Himmel hergibt.

„Alte Götter sind Zauberer“22, heißt es bei Grimm. Und Thor/Donar ist gewiss einer der ältesten. In einem eddischen Mythos heißt es, dass dieser Gott einst in einen Streit geriet mit dem Riesen Hrungnir und es zum Zweikampf kam. Die Waffe, die der Riese mit sich führte, war ein gigantischer Wetzstein. Thor trug seinen metallischen Wunderhammer Mjölnir bei sich. Als beide Waffen aufeinanderprallten, zersplitterte der Stein am Hammer; auch Hrungnirs Haupt wurde zerschmettert. Manche Forscher vermuten, dass in dieser Geschichte der Übergang von der Steinzeit zur Metallzeit überliefert ist.

Gewiss ist, dass der Donnergott schon in der Bronzezeit bekannt war und verehrt wurde. Zahlreiche Felsritzungen aus dieser Zeit bilden einen Gott ab, der in den Händen einen Hammer hält, etwa der sogenannte „Axtgott von Lilla Flyhov“ (ca. 1.500-1.000 v. u. Z.). Weltberühmt sind außerdem die über 3.000 Jahre alten Felsritzungen von Tanum (Schweden), die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören und Hammergötter abbilden. Besonders auffällig ist dabei, dass diese Figuren häufig mit den Attributen eines Tieres, nämlich eines Bockes, ausgestattet sind und also sehr deutlich an die steinzeitlichen Höhlenmalereien von tierverwandelten Schamanen erinnern. Einige dieser Hammerböcke sind mit erigiertem Penis dargestellt, genau wie der Schamanen-Vogelmensch in der Steinzeithöhle von Lascaux. Zugleich erinnern diese Darstellungen an die antiken ithyphallischen Satyrn, aber auch an die wilden Leute mit der Keule in der Hand, die noch im Mittelalter durch die Wälder zogen.

Das mag man „Einzelheiten“, „Züge“ oder „Spuren“ nennen. Dass es sich bei Donar jedoch ganz sicher um einen germanischen Schamanengott handelt, belegt eine Geschichte, die in der Edda überliefert ist:

Am Anfang dieser Geschichte steht, daß Ökuthor (Thor) mit seinen Ziegenböcken und dem Wagen loszog, und bei ihm war der Ase, der Loki heißt. Am Abend kamen sie zu einem Bauern und erhielten dort ein Nachtlager. Und an diesem Abend nahm Thor seine Böcke und schlachtete beide. Danach wurden sie abgehäutet und in einen Kessel gelegt. Als sie fertig gekocht waren, setzten sich Thor und seine Begleiter zum Nachtmahl. Er lud auch den Bauern mit seiner Frau und den Kindern zum Essen ein. Der Sohn des Bauern hieß Thjalfi, die Tochter Röskwa. Thor legte die Bocksfelle vor das Feuer und sagte, der Bauer und seine Hausleute sollten die Knochen darauf werfen. Thjalfi, der Sohn des Bauern, hielt den Oberschenkelknochen eines Bocks, öffnete ihn mit seinem Messer und brach ihn bis zum Knochenmark auf. Thor verbrachte dort die Nacht, aber er stand noch vor Tagesanbruch auf und kleidete sich an. Er nahm den Hammer Mjölnir, hob ihn empor und weihte die Bocksfelle. Da standen die Böcke auf, einer jedoch hinkte auf dem Hinterbein. Thor bemerkte dies und sprach, der Bauer oder jemand aus dem Haus müsse nicht vorsichtig mit den Knochen des Bockes umgegangen sein. Er stellte fest, daß der Oberschenkelknochen gebrochen war. Nicht mehr ist davon zu erzählen; alle vermögen zu wissen, wie erschrocken der Bauer gewesen sein wird, als er sah, wie Thor seine Augenbrauen über die Augen senken ließ. Aber das, was er von den Augen noch sah, dünkte ihm so, als müsse er von seinem Blick allein schon sterben. Seine Hände umschlossen den Hammerschaft so fest, daß die Fingerknöchel weiß wurden. Der Bauer machte, was zu erwarten war, und ebenso alle seine Leute: Sie schrien laut und baten um Schonung; alles, was sie besaßen, boten sie als Buße an. Aber als er ihre Angst sah, da verging sein Zorn, und er beruhigte sich. Und zum Ausgleich nahm er von ihnen ihre Kinder, Thjalfi und Röskwa. Sie sollten seine Diener sein. Seitdem folgen sie ihm überallhin.

(Gylfaginning 44)

Hinter diesem Mythos steckt ein Initiationsritus, der im Schamanismus weit verbreitet ist: die sogenannte „Zerstückelung“ – das Schlachten, Häuten, Kochen und Wiederbeleben des angehenden Schamanen. Die sibirischen Berichte sind voll davon. Die Zerstückelung ist eine Traumvision, ein Fiebertraum im Zuge der Schamanenkrankheit oder eine drogeninduzierte psychedelische Erfahrung. Das Ritual kann so aussehen, dass der angehende Schamane einen menschenleeren Ort aufsucht, wo er sich niederlegt und drei, sieben oder neun Tage lang fastet. Sein Haupt ist mit einem Strick umwunden, der den baldigen Tod symbolisiert. Dann erscheinen ihm die Geister – wie die Geier über einem Sterbenden. Sie beginnen, den Einzuweihenden bei lebendigem Leibe Stück für Stück auseinanderzunehmen und aufzufressen. Sie trennen die Gelenke auf, reißen die Gliedmaßen vom Körper ab und verzehren die Eingeweide, so dass das Blut spritzt.23 Manchmal werden die Glieder zuvor in einem großen Hexenkessel gekocht. Die Augen werden aus den Höhlen genommen und an einen erhobenen Ort gelegt, so dass der Initiand das schauerliche Schauspiel seiner eigenen Zerstückelung die ganze Zeit mit ansehen muss. Doch geben die Geister auch sorgsam darauf acht, dass die abgetrennten Knochen nicht zu Bruch gehen. Sie sammeln diese nämlich und sortieren sie. Sobald der Körper vollständig zerlegt ist, wenn der Initiand also ‚gestorben‘ ist, beginnen die Geister, diese Knochen fein säuberlich zu reinigen und sorgfältig zum ursprünglichen Skelett zusammenzusetzen. Sie fügen auch die Augen wieder in die Höhlen. Und mit Zauberkraft beleben sie zuletzt den Körper, so dass der Initiand aus dem luziden Traum erwacht. Er wird ‚wiedergeboren‘ und ist jetzt ein Schamane.

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0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
207 p. 63 illustrations
ISBN:
9783964260000
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