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Thomas Christen, Jahrgang 1955, lebt in Düsseldorf und studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Soziologie an der Universität Trier sowie später Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. Nach zwanzig Jahren Tätigkeit in einer Heidelberger Klassikproduktion gründete er im Jahr 2000 das audio-visuelle Konzeptlabel tomtone music (www.tomtone.de).

Er schrieb über zwanzig Jahre Texte für Künstler wie Udo Jürgens, Milva, Veronika Fischer oder das Bremer Ensemble Mellow Melange und verfasste zwei Drehbücher für Music-Features im Auftrag des ZDF.

Im Jahr 2012 wurde sein Debutroman Der Abend vor der Nacht im secession Verlag Zürich/Berlin veröffentlicht.

Des Weiteren sind von ihm die beiden Lyrikbände Ferngespräche (2007) und Windweit der Mensch (2010) sowie die Romane Winterfieber – oder die Überreizung einer Seele und Die Privilegierten (eBook) (2013) erschienen.

Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Thomas Christen

IM SCHATTEN DER

HUNDSTAGE

Erzählungen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die

Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Jesus’ blood

... denn ich wache über euch

Im Schatten der Hundstage

Selma Leitner

Pfr. Kurt Bachmann

Laura Simonsen

Nach dem Winter

Die letzte Fahrt der General Slocum

Haiku

Blindes Licht

Canes venatici (Jagdhunde)

Bis wir uns finden

Der Bericht der Petra Roth

frei nach Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“

15°53’29’’S – 54°31’24’’O

Schwarz/Weiß - Epilog zum Roman „Winterfieber – oder die Überreizung einer Seele“

Im Schatten der Hundstage

Gestreute Blümchen

Die Haltestelle

Anmerkungen

... wenn der Roman wie ein verwirrendes Renaissancegemälde ist, dann ist die Kurzgeschichte wie ein impressionistisches Tableau. Sie sollte eine Explosion der Wahrheit sein. Aus der Erzählung ist die Bedeutungslosigkeit vollkommen verbannt, während andererseits das Leben die allermeiste Zeit bedeutungslos ist.

William Trevor

... und dann gibt es die, die suchen und verloren gehen.

JESUS’ BLOOD

Er hängte die braune Wollmütze an einen der Messinghaken neben der Haustüre und kämmte sich langsam mit der Hand die Haare aus der Stirn. Er spürte einen kurzen Nadelstich an seinem Mittelfinger, senkte mit einem kaum hörbaren Seufzer ein wenig den Kopf und nestelte sich das winzige Stück abgebrochenen Ginsters aus den Haaren. Die Sonne hing wie eine große, glühende Münze in der Mitte des Türrahmens, warf einen Lichtkegel auf die Holzdielen des Flurbodens und hüllte den kleinen, explodierenden Staubnebel vor seinem Hosenbein in ein honigfarbenes Universum, als er sich mit der anderen Hand über den Cordstoff strich. Heute würde ich dich gerne hereinbitten, wenn es denn möglich wäre. So oder so ähnlich hatte sie es einmal gesagt. Er beschattete seine Augen und schaute einen kurzen Moment durch die offene Türe hinaus über das Heidekraut und den schmalen Streifen Meer, hin zu diesem gelben Stern, der unmerklich auf den Horizont sank. Er räusperte sich leise, legte das abgebrochene Stück Ginster und die zerdrückte gelbe Blüte in die leere Tonschale unter den Wandspiegel und betrachtete sie einen Augenblick. Giftig bist du. Und dennoch eine kleine Schönheit. Er merkte, wie seine Zunge über die Zähne fuhr, eine Angewohnheit, eine dumme Eigenart, die er an sich nicht mochte. Ein Bild. Worte. Aber gedacht hatte er sie. Er warf einen Blick auf die Küchentür, die einen Spalt offen stand und durch die, kaum hörbar, Musik erklang. Heute, meine Liebe, habe ich es leider vergessen, sagte er wortlos. Heute waren andere Dinge wichtiger gewesen. Sie liebte diese Pflanze, ihren flüchtigen Duft nach Honig, das Surren der Hummeln, die im Sommer allgegenwärtig waren, und manchmal schnitt er ihr auf dem Heimweg vom Hof ein paar Zweige ab, steckte etwas Heidekraut, ein paar Birkenzweige oder Blaubeergrün dazu und legte es ihr auf den gelben Obstteller neben der Spüle. Am Anfang hatte sie ihm zwei-, oder dreimal morgens stumm die Handschuhe hingehalten, aber er hatte kaum merklich den Kopf geschüttelt und sie nicht genommen. Die Dornen hatten ihm noch nie etwas ausgemacht.

Langsam hob er seine beiden Hände und betrachtete die schmutzigen Handflächen und alten, schwieligen Finger. Sein rechtes Daumengelenk war rot, geschwollen und schmerzte. Ihr Vieleckbein, hatte der Arzt vor fünf Monaten gesagt. Ich fürchte, viel machen kann man da nicht mehr. Sie kennen ihr Geburtsdatum, hatte er unbeholfen nachgeschoben, als wolle er irgendetwas aufmunternd Relativierendes sagen, aber der Satz war zwischen ihnen beiden auf den Tisch gefallen wie ein in der Ferne abgeschossener Vogel, der lautlos hinter dem Horizont verschwindet. Jetzt, wo ihn für ein paar Herzschläge lang nichts ablenkte, spürte er auch wieder seine beiden Fußknöchel, die sich anfühlten, als habe jemand den Knorpel durch winzige Eisenspäne ersetzt. Mit zwei Fingern massierte er sich das Daumengelenk und betrachtete gedankenverloren sein Spiegelbild. In all den Jahren hatte die Mütze in den Haaren auf seinem Hinterkopf eine ständige Delle hinterlassen, die nur für ein paar Stunden verschwand, wenn er ein Bad genommen hatte und die im Winter noch deutlicher zu sehen war, dann, wenn er seine schwarze Kappe trug und abends abnahm. Eine kleine, graue Welle, die immer wirkte, als springe sie ihm gleich in den Nacken. Er wusste, dass sie da war. Er spürte sie, wenn er mit der Hand über sein dünnes Haar strich. Zu Anfang hatte sie es auch manchmal getan. Vor dem Zubettgehen.

Jacob hatte kein Wort gesagt. Er und Mitch hatten nur einen kurzen Blick auf das Loch im Zaun geworfen, sich umgedreht und waren schweigend zurück zum Hof gegangen. Sie hatten die Gegend fast drei Stunden abgesucht, aber die beiden Schafe nicht gefunden. Er hatte Minuten lang vor den zerbrochenen Pfählen gestanden und seinen Blick immer wieder von den blaugefärbten Wollfetzen am auseinandergerissenen Draht zu seiner rechten Hand und zurück wandern lassen. Und dann den hochgeschossenen dunkelroten Ampfer vor seinen Füßen wie in Trance mit der linken Hand auszureißen begonnen.

Sein Zeigefinger spielte mit der Ginsterblüte in der Schale und schob sie von Rand zu Rand. Irgendetwas ist anders, nicht wahr?, fragte er das Gesicht, das ihn schweigend ansah. Es klingt so fremd. Falsch. Sag mir, was es ist? Aber der alte Mann im Spiegel schwieg, und er drehte sein Gesicht zur offenen Haustüre, wo die Sonne in der Ferne anfing dunkle Orangetöne anzunehmen und zu flimmern. Der Lichtkegel war ein paar Schritte in den Flur hinein geflossen und lag auf seinen dreckverschmierten Schuhen, als wolle er die Klumpen dort lautlos ausbrennen. Kümmere dich noch zwei Stunden um die Senke, hatte Jacob ihm vom Gatter aus zugerufen. Wir machen das hier schon. Er war hinunter an den Weidegrund gelaufen, wo sie seit Tagen den Entwässerungsgraben ausbesserten, hatte gegraben, Ginster, Brombeersträucher und verrottete Tonrohre herausgerissen, am Ende das Werkzeug auf den kleinen Anhänger des Traktors geladen und alles zurück auf den Hof gefahren. Er konnte Jacob schon von Weitem sehen. Der Mann stand am Wegesrand, knietief im Heidekraut und schien die beiden Schafe durch pure Willenskraft in sein Blickfeld zwingen zu wollen. Sie hatten sich eine Weile schweigend angeschaut. Was ist los? Sag mir, was los ist? Du weißt, dass wenigstens eines der Schafe von Deinem Lohn abgeht? Wenn wir sie wirklich nicht mehr finden. Du weißt, dass wir jedes einzelne brauchen.

Er hatte Jacobs fragendem Blick standgehalten und nur genickt. Sie hatten kein weiteres Wort gewechselt. Er wusste, dass nur ihm die Wege durch die Welt des Schweigens so vertraut waren wie keinem anderen, und er wusste, dass Jacob es seit langem aufgegeben hatte ihn manchmal ein Stück in das Labyrinth aus unergründbarer Stille jenseits dieser unsichtbaren und unüberwindlichen Grenze seiner sprechenden Augen zu begleiten. Er machte sich wortlos auf den Weg in Richtung Meer, nahm den sandigen Trampelpfad und die Abkürzung durch den Wacholder und die Birken hinauf, jeder Schritt wie eine vage Kopie der Schritte, der Tage, Monate und Jahre zuvor, dorthin von wo er wusste, dass sie ihm um diese Zeit die Kanne Tee auf dem Herd warmhielt.

Gib mir noch einen Augenblick, nur einen Augenblick, baten seine Gedanken, und sein Blick streifte die angelehnte Küchentür. Leise machte er die wenigen Schritte zurück durch den Flur, ging durch die offene Tür nach draußen und setzte sich langsam auf die Bank neben dem Eingang. Ein Meer vor dem Meer, dachte er immer, wenn er an solchen Tagen hier saß. Violette und gelbe Wogen. Der Farn, der bereits anfing braun zu werden. Das Rascheln der in der Ferne tanzenden Birkenzweige, die jetzt, in der abklingenden Hitze des sommerlichen Abends wie aus dem fernen Himmel gestanzt aussahen. Die Hand voll knochiger Kiefern, die sich wenige Meter vor der Klippe wie erstarrte graugrüne Gischthügel um die grauen Steine legten. Und der kaum wahrnehmbare Wind aus Surren, Brummen und Geraschel, der alles durchwob und über alles hinwegzog. Gedankenverloren rieb er seine Hände aneinander und maßregelte sich. Was verstanden sie denn von Poesie und schönen Worten? Was waren sie jemals anderes gewesen, als einfache, einem fernen Gott ergebene Kreaturen, die ihrem Herzschlag lauschten und hofften, dass es ihnen vergönnt wäre, diesen tonlosen Klang noch so lange zu spüren wie ihre Körper in der Lage waren zu arbeiten, die darum beteten, dass dieses Schlagen nicht einfach weitergehen würde, dann, wenn diese Körper längst aufgegeben hatten, dem Sinn ihres Daseins gerecht zu werden. Zwei jener sich dort draußen vor dem Sturm und dem Regen duckenden, kleinen Büsche, verwachsen mit sich selber und ihresgleichen und für eine kurze Zeitspanne, ein paar Jahre lang unscheinbar aufblühend, um sich an sich selbst zu erfreuen. Er betrachtete seine beiden Hände, legte sie einen Moment lang neben sich auf das warme Holz der Bank und stand dann auf. Er ging ins Haus, warf einen kurzen Blick auf die schmelzende Sonne und schloss die Haustüre hinter sich.

Sie stand zwischen Spüle und Tisch und drehte langsam einen Teller durch das karierte Trockentuch. Hatte sie an den Abenden, wenn er die Küche betrat jemals woanders gestanden als dort? Der Gedanke wehte kurz durch seinen Kopf und war so schnell verschwunden wie er gekommen war. Er konnte sich nicht erinnern. Sie nickte ihm unmerklich zu, und dann vollzogen sie für wenige Sekunden das Ritual, von dem er wusste, dass nur sie beide es zu deuten verstanden. Ihre Idee einer Geste. Der für niemanden anders wahrnehmbare Versuch einer mimischen Ausschmückung dieses allabendlich wiederkehrenden Augenblicks. Dieser Hauch eines in alle Ewigkeit zerstörten Lächelns, seine leise Frage: Geht es dir gut? und ihr abermaliges, kaum sichtbares Kopfnicken, von dem er wusste, dass es da war, dem er aber in den letzten Monaten wieder begonnen hatte auszuweichen, indem er seinen Blick auf das Fenster, den Tisch oder irgendeines der Dinge richtete, von denen er wusste, dass sie dort an ihrem angestammten Platz standen, makellos, komplett und rein. Weil sie es so wollte.

Sie hatte den Teller auf den Stapel bereits abgetrockneter Teller gelegt, das Handtuch an den Handlauf des Herds gehängt und begonnen den Tisch zu decken. Sechs Scheiben Graubrot in der am Rand ausfransenden Bastschale, die Kanne Tee auf dem Stövchen, der rotumrandete Teller mit Corned-Beef oder Wurst und das Glas mit Sanddornaufstrich. In einer anderen Zeit, eine Woche nach ihrer Hochzeit, hatten sie festgestellt, dass sie beide für süßen Aufstrich am Abend schwärmten. Eine Scheibe, manchmal auch nur eine halbe, reichten ihnen aus. Und seitdem kam er manchmal von der Arbeit zurück und stellte ein Glas mit Honig, Schlehenmarmelade oder eben Sanddornaufstrich auf den Tisch, das ihm Jacob mit besten Grüßen an seine Frau in die Hand gedrückt hatte. Er war an das Küchenfenster getreten, lauschte dem bekannten leisen Klappern, stellte einen flatternden Moment lang mit einer seltsam aufwallenden, schmerzenden Zufriedenheit fest, dass er auch heute Abend wusste, welcher Gegenstand wohin gestellt wurde, dass er dies wusste, ohne sich dafür umdrehen zu müssen und blickte hinaus auf das Meer und den violettgrauen, untergehenden Abend. Warum hatten ihre Blicke wieder begonnen Vertrautes in anderem Vertrauten als ihrer beider Verbundenheit zu suchen?

Er fühlte es wie an beinahe jedem Abend. Dieses das Haus und ihn selber heimsuchende Gefühl einer alles durchdringenden, giftigen Böe, die sich von diesem Punkt dort unten erhob, um hier herauf zu toben und nichts als Ratlosigkeit zu hinterlassen. Die beiden Kühltürme lagen wie ein schwarzer Scherenschnitt auf dem Strand. Zwei Betonwürfel, dessen Zweck er nicht kannte und das Bürogebäude, in dem sie zum Schluss gearbeitet hatte. Irgendwo im zweiten Stock, mit Blick auf die Heide und den Wald. Einschlafende, graue Schemen, die in wenig mehr als einer Stunde für eine Weile in der Dunkelheit der Nacht verschwanden. Als könne man sie auf diese Weise auslöschen, ausschalten und vergessen.

Ein Fahrer wird Sie nach Hause bringen, hatte die Krankenschwester damals gesagt. Machen Sie sich bitte darum keine Gedanken. Ihm waren keine Worte eingefallen, die er hätte erwidern können. Er hatte sich stumm bedankt und der Schwester die Hand gereicht. Niemand sollte denken, dass ihresgleichen sich nicht zu benehmen wüssten. Aber er hatte nicht gewusst, wie er mit dem Gefühl umgehen sollte, das er damals durch seinen ganzen Körper fließen spürte und das ihm sagte, dass Worte zukünftig keine Rolle mehr spielen würden.

„Ich habe zwei Schafe verloren“, sagte er leise gegen das Fenster, und sein Atem ließ die Scheibe vor ihm kurz und kaum wahrnehmbar beschlagen. Jetzt, wo die Sonne nicht mehr zu sehen war schien es draußen spürbar kühler geworden zu sein.

„Ich werde morgen noch einmal suchen gehen. Vielleicht ist eines von der Klippe gestürzt. Wie im letzten Jahr.“ Damals war es nicht seine Schuld gewesen.

Er hörte, wie das Klappern des Geschirrs verstummte. Er spürte ihren Blick in seinem Rücken und sah die winzig kleinen Veränderungen, die über ihr Gesicht zogen vor sich auf der dunklen Scheibe. Sie richtete sich auf, und für einen Augenblick lag ihr Spiegelbild genau vor dem kaum noch zu erkennenden Kraftwerk. Unwillkürlich erschrak er, wischte mit einer Hand über die Tasche seines Jacketts und betrachtete die Fensterbank. Sie tat es nicht bewusst. Es war ein Reflex. Ein ihrem Körper eingebranntes Muster, das immer dasselbe Verhalten abrief, wenn er ihr eine schlechte Nachricht überbrachte. Sie griff sich an ihren Haarknoten, ihre Augen weiteten sich einen Moment, und dann sah sie ihn mit diesem Blick an, den er nicht ertragen konnte und in dem sich dieser grauenvolle Kampf von Mitleid für ihn und eigener Schuld spiegelten.

Und am Ende würde sie sich die Hand auf ihren verstümmelten Unterkiefer legen, hilflos diesen Krater bedecken, als wolle sie dieses abstoßende Nichts endgültig vor den Augen der Welt verstecken.

Manchmal, im Winter, wenn sie abends las, er die Zeitung überflog, wenn sie sich gemeinsam etwas im Fernsehen anschauten, oder wenn sie eine Partie Scrabble spielten, trug sie ihren wollenen Rollkragenpullover an dem sie den Kragen dann immer bis zur Nase hochzog. Er mochte das Spiel nicht, denn ihm fielen nie die passenden Wörter ein. Aber manchmal tat er ihr den Gefallen, denn er würde nie vergessen, wie sie ihm damals nach einem beendeten Spiel, kurz nachdem es passiert war, einen Zettel zugeschoben hatte: Ich kann die Worte nicht mehr zum Klingen bringen. Aber wir können sie noch sehen! Er hatte ihr vorgelogen, draußen noch etwas richten zu müssen. Aber wahrscheinlich hatte sie gewusst, dass er nur mit seiner Übelkeit und den aufkommenden Tränen allein sein wollte.

Man hatte ihr nahezu den gesamten rechten Unterkiefer und weite Teile der Zunge entfernt, und sie hatten jeden Tag gebetet, dass sich keine Metastasen gebildet hatten. Damals war die Stille bei ihnen eingezogen. Heute betete nur noch sie. Manchmal, wenn sie glaubte, dass er es nicht bemerke. Ihm fielen keine Worte mehr ein. Nicht einmal die wenigen, mit denen er bisher vertraut gewesen war. Damals hatte niemand im Dorf ausgesprochen, was die meisten dachten. Aber es sprach auch so gut wie keiner mehr über das Werk. Ellen Campden und Lis Brown hatten kurz darauf gekündigt. Seit einem Jahr fuhren sie jeden Tag fast eine Stunde zu ihrer neuen Arbeitsstelle. Die Mädchen waren noch jung. John Dickens war vor Monaten an Krebs gestorben. Seine Frau versuchte noch immer, den Hof zu verkaufen. Und jeder hier wusste, dass der ein oder andere manchmal zu viel trank, rauchte, oder irgendetwas verheimlichte, über das er mit seinem Arzt nur hinter verschlossener Türe sprach. Sie hatte auch geraucht. Was für Möglichkeiten hätten sie denn gehabt?

Er drehte sich langsam vom Fenster fort und sah sie immer noch reglos, eine Tasse in der Hand haltend, vor dem Tisch stehen. Ihr Blick ruhte einen Moment lang auf seinem geschwollenen Daumen, aber sie wusste, dass er das nicht mochte und drehte den Kopf zur Seite. Ihre Hand stellte wie schlafwandelnd die Tasse auf dem Wachstuch ab, und dann heftete sie ihren Blick auf das Radio, das auf der Anrichte stand und aus dem noch immer leise Musik erklang.

In diesem Augenblick wusste er, was es war. Irgendetwas ist anders, nicht wahr? Er hatte es schon beim Hereinkommen gespürt. Es klang so fremd. So unpassend und falsch. Keine kleinen, banalen Volkslieder, die sie auf diesem Sender manchmal gerne hörte und die nach ein paar Minuten von einer Frauenstimme unterbrochen wurden, die ein neues Rezept zum Besten gab oder Gesundheitstipps anbot. Niemand, der Nachrichten sprach oder den Wetterbericht vorlas. Kein Hinweis auf aktuelle Veranstaltungen in der Stadt. Nichts, was er mit diesem Radio und diesem Sender jemals in Verbindung gebracht hätte. Nur diese brüchige, unendlich traurige Männerstimme und ein Orchester, die wieder und wieder die gleiche Phrase, die gleiche Sequenz wiederholten, eine Schallplatte auf der ein majestätisches klassisches Werk erklingt und bei der die Nadel an einem Kratzer immer wieder dieselbe Stelle abspielt. Nur, dass er spürte, dass das, was sie hier hörten nicht auf einen technischen Fehler zurückzuführen war. Irgendetwas war anders. Das Orchester spielte nicht immer nur das gleiche. Instrumente kamen hinzu und verebbten. Wie eine Welle, die wächst und langsam auf den Strand zurollt. Nur dieser seltsame alte Sänger sang in einer endlosen Schleife immer wieder die gleichen Sätze.

Er merkte, wie sich sein Magen verkrampfte, wie ihm ein hauchdünner Schweißfilm auf die Stirn trat und er das kurze Gefühl hatte, als sei an einem Winterabend ein Fenster aufgeschlagen worden.

Er verstand nichts von Musik. In seinem ganzen Leben war er nie etwas anderes als ein einfacher Mann gewesen, der seiner Arbeit nachgeht. Und in diesem Augenblick fühlte er, dass etwas in ihm aufstieg, an das er sich kaum noch erinnern konnte, etwas, das er seit Jahren nicht mehr empfunden hatte und das er nicht bereit war zu akzeptieren: Furcht. Diese Musik war falsch an diesem Ort. Sie war – beklemmend – und dennoch wunderbar, großartig, erhaben. Vor allem war sie – auf eine Art – endgültig!

Jesus’ blood never failed me yet …

Er wischte sich eine Hand am Ärmel ab und suchte ihren Blick.

„Seit wann wird das gespielt?“, fragte er sie und sah, dass sie zitterte und dort stand, als sei sie mit dem Dielenboden verwachsen. Ihre Augen hatten zu schwimmen begonnen. Sie zuckte mit den Schultern, und dann zeigte sie ihm zweimal alle zehn Finger ihrer beiden Hände.

„Zwanzig Minuten …“, antwortete er tonlos. Sie nickte, deutete stumm ein ungefähr an und hielt noch einmal zaghaft fünf Finger einer Hand in die Höhe.

Sie standen in der Küche und sahen sich an, als wollten sie ihre Gedanken miteinander verschmelzen, als schienen unsichtbare elektrische Entladungen blitzartig von Augenpaar zu Augenpaar zu jagen. Was war das, das er nicht sehen konnte und das plötzlich wie ein Pesthauch in diesem Zimmer hing. Das er nicht fassen konnte, das aber da war, wie giftiger Rauch aus diesem Radio quoll und angefangen hatte ihm die Luft zu nehmen. Er ging in Richtung Anrichte und hatte schon den Arm gehoben, um das Gerät auszuschalten, diese fremde Musik abzustellen, als er sie neben sich hörte.

„... Mmmh – nnh, nnh!“ Als er sie ansah, schüttelte sie heftig den Kopf, machte einen Schritt auf ihn zu und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ratlos sah er sie an, wie sie sich verschämt die Tränen aus den Augen wischte und dann fortfuhr den Tisch zu decken.

„Haben sie irgendetwas in den Nachrichten gebracht? Ist etwas passiert?“, fragte er sie und musste in diesem Augenblick wie von weither gerufen zum Fenster schauen. Er zwang seinen Blick von den Scheiben fort und beobachtete sie, wie sie vorsichtig um den Tisch ging, das Besteck verteilte und zu versuchen schien möglichst leise dabei zu sein. Als wollte sie keinen einzigen Ton versäumen. Abermals bedeutete sie ihm mit einem Kopfschütteln und kurzem Schulterzucken, dass sie es nicht wusste.

Jesus’ blood never failed me yet, never failed me …

Das Stück hatte sich unmerklich verändert. Ein zweiter Sänger war hinzugekommen. So zerbrechlich die Stimme des ersten Mannes bisher gewesen war, so rau, grob und polternd klang die des anderen. Blasinstrumente. Ein Chor? Warm klingende tiefe Streicher. Und wieder und wieder und immer wieder die gleichen Sätze. Etwas, das sich im Kreise drehte und größer und größer zu werden schien, alles umschlang, unendlichen Trost spendete und - heilte. Er tadelte sich wortlos, ballte die Faust, aber seine Unsicherheit verschwand nicht. Wie kam er auf so etwas? Warum dachte er solche Worte? Warum fühlte er … Jacob hätte ihm etwas gesagt. Er verspürte keinerlei Appetit mehr, aber ließ sie gewähren.

Seit Jahren nannten alle das Kraftwerk nur den Meiler. Wann hatte er es in der Zeitung gelesen? Dass man ihn ein paar Tage, wie sie es nannten, heruntergefahren hatte. Wegen Kontrollarbeiten. Der Vorgang bedeute keinerlei Gefahr für die Umwelt. Routinearbeiten.

Jesus’ blood never failed me yet, never failed me, Jesus’ blood …

Sie hatte angefangen Äpfel zu schälen und legte die Schnitze in ein Glasschälchen.

... never failed me yet, Jesus’ blood …

Sein Atem ging schwerer. Er bemerkte es erst, als er sah, dass sie dort stand und ihn beobachtete. Dann bedeutete sie ihm mit einer Handbewegung, dass er sich setzten könne.

„Einen Augenblick noch“, sagte er leise und musste sich wieder räuspern. „Eine Minute. Ich möchte nachsehen, ob man draußen etwas …“

Er ließ den Satz unvollendet. Dann ging er langsam an ihr vorbei, verließ die Küche und öffnete die Haustüre. Der Tag war gegangen. Grau, dunkel violett und fast schwarz lag die Heide dort draußen. Man erkannte nicht mehr viel. Nur die ersten Sterne waren zu sehen. Er setzte sich auf die Bank. Planta …, Plant – das Wort fiel ihm nicht mehr ein. Ihre Nichte hatte ihm einmal während eines Besuches erzählt, dass der Ginster vor langer Zeit das Wappen eines englischen Königsgeschlechts geziert hatte. Sie war ein gutes Mädchen. Klug und auf ihre Art und Weise sogar hübsch. Sie liebte ihre Nichte über alles. Waren die Schafe irgendwo da draußen? Hatte sie jemand gefunden? Würden sie morgen noch einmal losgehen, um sie zu suchen? Leise drang die um sich selber kreisende Musik aus dem Flur. Wieder und wieder. Immer dasselbe. Und doch jedes Mal ein klein wenig anders.

Ihr Schatten erschien unter dem Türrahmen. Sie zögerte einen Augenblick, trat hinaus und setzte sich neben ihn. Und dann legte sie ihm eine Postkarte auf sein Knie und ihre Hand darauf, gerade so viel, dass sie nicht hinunter fallen und er das Motiv erkennen konnte. Auch diese Karte hatte ihnen vor Jahren ihre Nichte geschickt. Sie hing, mit einer Nadel festgesteckt an der Seite des Tellerregals. Und er hatte nichts von dem vergessen, was auf der Rückseite stand: … ich habe ein Bild von euch gefunden! Nein, seid mir nicht böse, es ist nur ein kleiner Spaß. Ihr würdet niemals so traurig schauen. Eure Annie.

Und kleingedruckt, unten am Rand standen Wörter, die ihm nichts sagten. American Gothic/Grant Wood.

Ihre Hand lag noch immer auf seinem Bein.

Die Stimme im Radio hatte etwas erzählt.

Ruhig und ergriffen.

Die Musik hatte aufgehört.

... DENN ICH WACHE ÜBER EUCH

Grün, orange, gelb, blau, braun, blau, braun, rosa, blau, rot, gelb … Becher … schief … Becher, becherschief, orange, grün, orange, gelb, weiß, rosa, blau, gelb, gelb, orange … Becher … Scheiße, Schokolade, Meer, Blut, Käse … Becher … Näher, näher, noch näher, langsam, ganz langsam, noch langsamer, sonst sehen sie es, Miller, rot, Edwards, gelb, Watson, rosa, das passt, das passt, das passt, das passt, Watson, das passt, das passt, scheiße, das passt, Gibbons, gelb, McCarthy, weiß, jetzt gleich, noch näher, Kirkpatrick, rot, rotrotrotrotrot …

Seine rechte Hand schnellte hervor wie der Kopf einer zubeißenden Viper und riss die verschimmelte, braunfleckige Zahnbürste aus der Halterung. Meine, meine … meine-meine-meine. Der herausbrechende Haken hinterließ ein zersplittertes Loch im Holz des Regalbretts, und der sporfleckige Turm aus ineinandergesteckten Kunststoffbechern polterte zu Boden. Spielzeug, Spielzeug, Apfelsine, Wiese, Käse, Schnee. Langsam verebbte das Plastikgeklingel der uralten Zahnbürsten. Der Lärm versiegte. Sie hingen wieder gerade. Alles begrabende Stille. Nichts, absolut nichts, kein Ton, kein Luftzug war zu hören.

Gerade, gelb, gerade, Johnson, gerade, dachte er, und dann starrte er minutenlang die rote Bürste in seiner Faust an. Er tippte mit dem Fuß an die auf dem Boden liegenden Becher. Sie rollten langsam in einem Halbkreis davon. Das leise, hohle Geräusch glich einem nicht enden wollenden Donner. Er sah einen Moment von der Zahnbürste auf und folgte den Plastikbechern mit den Augen. Dann bückte er sich, nahm den verdreckten kleinen Turm hoch, pulte sich den obersten Becher mit den Fingernägeln heraus und steckte ihn in die Tasche seines Kittels. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen, wippte bei jedem Schritt leicht mit dem Oberkörper nach vorn und zurück und verließ den Raum. Er schaute nach links und rechts den Gang hinunter und entschied sich für die rechte Seite.

„Gute Nacht!“, deklamierte er laut, nahm einen kurzen Anlauf und sprang über die beiden verschlissenen Matratzen, die vor ihm auf dem Boden lagen. Grünes Licht floss aus der nächsten Türe und ergoss sich auf den schartigen Holzfußboden des Flurs. Er blieb stehen und schloss die Augen. Das Bein gehoben! Hand an die Hosennaht! Reeechts um! Mit militärischer Steifheit machte sein Körper eine hölzerne Drehung, und dann betrat er den Waschraum.

Zerrissene Dachpappe, Holzbretter, verbogene Rohrstücke und zerbröselter Schutt bedeckten den Boden. Hinter den beiden Fenstern an der Stirnseite des Zimmers standen alte Buchen und hatten ihre Zweige von außen an die Rahmen gelegt, als wollten sie anklopfen. Jeweils fünfzig gleich große Holzquadrate ohne den kleinsten Rest von sie ausfüllendem Glas siebten das hereinfallende Sonnenlicht. Er machte eine zweite Drehung und stieg wie ein aufgezogener Spielzeugsoldat über einen morschen Holzbalken. Durch die Löcher in der Decke fielen Efeuranken, krallten sich an die dort oben an der Wand verlaufenden Rohrleitungen und wuchsen die zerplatzten Fliesen herunter. Er öffnete umständlich seine Hose und pinkelte in das an der Wand hängende Pissoir. Leise prasselte der Urin auf die braun verwelkten Blätter. Edward, gelb, Gibbons, gelb, sagte er leise vor sich hin. Scheiße, braun. Er kicherte. Scheiße, braun. Er zog den Reißverschluss hoch und dreht sich um. Unter seinen Füßen knirschten Sand und zerkrümeltes Laub. Er studierte die vier gleich großen, schmalen Türen an der Gegenseite. Alle standen offen. Hinter dreien verlief ein schmaler Gang. Schwarzer, modernder Stauraum. Hinter der vierten Tür hingen zwei Regalbretter auf denen, ineinander verkeilt, verrostete Bettfedern lagen. Er fingerte eine der größeren Federn frei, drehte sie langsam hin und her und schob dann vorsichtig seinen linken Arm hindurch.

Gladiator Kirkpatrick! Bereit in den Kampf zu ziehen, schworen seine Gedanken, und er umfasste die Feder und drehte sie sich über den Ärmel des Kittels.

Er ging den Flur entlang, vorbei an den endlosen beiden Reihen von Türen und leeren Zimmern und zeigte jedes Mal mit einem seiner Zeigefinger nach links oder rechts.

„Smith, du alter Stecher. Alles klar?“ Links. „Robinson, trink endlich deine Milch. Miller, hör auf zu wichsen, deine Birne ist schon ganz rot.“ Rechts.

Wieder musste er kichern. Rot wie deine Zahnbürste, dachte er. Wieder rechts. „Donovan, schmink dir das lächerliche Grinsen vom Gesicht. Zu dir komme ich gleich noch. Keine Chance zu fliehen.“ Das Echo seiner Stimme wehte wie Nebel hinter ihm her und kroch in den Muff der toten Zimmer.

Abrupt blieb er stehen, um dann langsam ein paar Schritte rückwärts zu machen. Die Farbe klebte in winzigen bunten Fetzen an der Wand. Das dorthin gemalte Bild war kaum noch zu erkennen. Wie aufgeplatzte und verkrustete Blattern klammerte sich der eingefärbte Putz an die Steine. Der Heiligenschein war nahezu völlig verblasst. Von dem Lamm am unteren Rand war nur noch der Kopf zu sehen, und die beiden kleinen Jungen, die dort auf einer angedeuteten Wiese knieten und diesen übergroßen Heiland anstarrten waren von Rissen und Löchern überzogen. In ein rosa wallendes Gewand gehüllt und die Arme zur Seite gestreckt stierte dieser Jesus in den Flur und grinste ein weibisches Lächeln.

„Watson“, brüllte er, „Watson, du schwule Sau! Für eine Schwuchtel wie dich gibt es gleich wieder die kalte Dusche …“

Er schrie die Sätze einfach vor sich in den Gang und marschierte weiter.

„Dieses warme Geschmiere ist abartig, hörst du! Widerlich! Warum schneidest du ihn dir nicht einfach ab? Oder soll das jemand anderes für dich machen?! Scheiße, vergiss es. Den Spaß gönn ich dir nicht! Vergiss es einfach!“

Am Ende des Flures ließ er sich auf einen grün bezogenen Bürostuhl fallen, rollte ein paar Meter über zerbrochene Glassplitter den Gang entlang und begann dann die leeren Lichthalterungen an der Decke zu studieren. Ganz schön hell, die Neonröhrchen, dachte er, schnitt eine Grimasse und ließ seine Augen über die Stromkabel fließen, bis er den Kopf tief in den Nacken legen musste. Langsam drückten seine Füße den Bürostuhl in die Mitte des Ganges. Die Halterung genau über seinem Kopf war an einer Seite aus der Decke gebrochen und zeigte wie ein entbeinter Blechfinger auf seine Brust, als wolle sie im nächsten Moment herabstürzen und ihn aufspießen.

Er hob den Zeigefinger und tippte sich mindestens zwanzig Mal auf sein Brustbein.

„Ich – ich – ich, ihr dümmlichen Weißkittel, ich bin hier der Chef“, flüsterte er. „Ihr seid bloß so porentief verblödet, dass ihr es noch nicht gemerkt habt.“

Er grinste die verrostete Halterung an.

„Euch Dampfquasslern wird schon noch der Kronleuchter aufgehen. Denn ich“, und er machte genüsslich eine Pause, „ich, Thomas Randolf Kirkpatrick habe – die – Schlüssel!“

Er stemmte sich aus dem Stuhl, trat ihn wütend zur Seite, wo er zwei Sekunden später krachend und scheppernd an der Wand entlang kratzte, drehte sich um und öffnete dann mit geschlossenen Augen die hinter ihm liegende Gittertüre.

Links herum und dann rechts durch die nächste vergitterte Tür. Station 5. Heruntergefallene Deckenplatten, wieder nur offene Türen und in regelmäßigen Abständen von Wand zu Wand laufende, dunkle Schlagschatten. Zebrastreifen, fuhr es ihm in den Kopf. Vorfahrt für Direktor Kirkpatrick, und zwei-, oder dreimal versuchte er nur auf die dunklen Schatten zu treten. Am Ende, vor dem letzten Türenpaar, hing ein verbogener Ventilator an der Wand. Er blieb kurz stehen, starrte die krummen Rotorblätter an und blies einen Lufthauch in die Richtung, als wolle er eine Kerze ausblasen. Dann hob er einen Zeigefinger, als schien er sich selber ermahnen zu wollen und verließ auch diesen Gang.

Er durchquerte die angrenzende Halle ohne nach links und rechts zu schauen. In der Mitte stand ein großer, verrotteter, halbrunder Holztresen. Im Vorbeigehen schlug er mit einer Hand auf die Ablage. Eine Staubwolke stieg in die faden Lichtkegel des durch die vernagelten Fenster scheinenden Lichts, und ein Teil des Tresens sackte zerbrechend nach unten. Er hielt kurz inne.

„Sie müssen Mason sein. Schwester Mason! Wir kennen uns noch nicht. Nein, ihr Gesicht ist mir fremd. Aber das wird sich ändern, da bin ich mir ganz sicher. Glauben Sie mir! Ich kenne hier jeden.“

Er schaute einen Augenblick ins Leere und spürte, dass er etwas Falsches, Unsinniges, Unlogisches gesagt hatte. Wütend schlug er ein zweites Mal auf das Holz, und wieder begann dicker Staub in das Zimmer aufzusteigen.

„Ein Saustall ist das hier!“, brüllte er. „Ein Drecksloch! Haben Sie keine Augen im Kopf? Es kümmert mich einen Scheißdreck, ob das bei Ihnen zuhause genauso aussieht. Hier wird Ordnung einkehren, verstehen Sie? Sorgen Sie dafür, dass das Chaos verschwindet, oder …“ Aber dann verstummte sein Geschrei abrupt und er schien vergessen zu haben, wie er den Satz zu Ende bringen wollte.

Station 4. Türen, abbröckelnde Farbe, alte Stühle, Dreck. Station 3. Türen, abbröckelnde Farbe, noch mehr Schmutz und in einer Ecke aufgetürmte alte Sitzkissen. Die Schatten waren dunkler geworden. Die Konturen begannen zu verblassen. Er musste sich beeilen.

Die Türe war aus Stahl und trug einen großen Spion in der Mitte. Station 1+2 stand auf dem aufgeschraubten Metallschild. Er öffnete sie vorsichtig und betrat den nächsten Gang. Wenige Schritte entfernt bildeten zwei aufeinander folgende Gittertüren eine Art Schleuse. Er blieb stehen. Keine Türen! Nur Rollgitter! Ja, ja, hauchte er leise. Mit dicken, schweren Eisenstangen! Und kleinen Öffnungen für den Fraß, der euch zusteht! Langsam machte er einen Schritt nach vorne, vorbei an dem Metallpaneel mit den beschrifteten Hebeln.

So, und jetzt passt gut auf, ihr Hurensöhne. Ihr werdet schön in Euren Käfigen bleiben. Ihr werdet euch nicht bewegen, nicht atmen und das Maul halten. Und wenn auch nur einer einen Schritt zu viel macht, dann passiert genau das, wovor ihr jetzt schon die Hosen voll habt. Habt ihr das verstanden, ihr Scheißkerle? Habt ihr das verstanden? Und dann begann er zu laufen, schneller und immer schneller, den Gang entlang, über zwei verbeulte Putzeimer springend, dem dämmerlichtdurchfluteten Fenster am anderen Ende entgegen. Als er dort ankam stützte er sich einen Moment keuchend auf seine Knie und lauschte seinem rasselnden Atem. Er drehte sich um, grinste breit und hielt den ausgestreckten Mittelfinger seiner linken Hand in Richtung Gang.

Die beiden Treppen, die nach unten führten nahm er, indem er sich auf den Handlauf setzte und sich auf den geraden Strecken hinabrutschen ließ.

Die Tunnel waren nahezu stockdunkel. Eine Hand voll mit grünem Schimmel überzogene Oberlichter spendeten gerade so viel Licht, dass er sich entlang der an der Decke verlaufenden dicken Rohre und Versorgungsleitungen orientieren konnte. Schaltkästen, Schilder, Pfeile an den Wänden und tote Lampen. Ganze Areale mit Zaunwänden eingefasst. Auf die Wände gemalte, weiß grundierte Hinweise. Bethlehemhalle. Laboratorium A, Verwaltung 3b, Station 5+10, Westgarten, Hauptküche. Er nahm die erste Tür auf der rechten Seite und kramte im Halbdunkel durch einen der bis unter die Decke gestapelten Kartons. Kabelreste, Steckdosen, Drahtrollen. Aber er wusste, dass er das, was er suchte finden würde. Er hatte sie vor langer Zeit entdeckt, und sie waren noch da. Blind durchwühlte er den klammen Karton, und dann zog er zufrieden zwei alte Batterien hervor. Er griff in die Tasche seines Kittels und legte die beiden Batterien in die Taschenlampe. Der Lichtkegel war blassgelb und schwach.

Er musste sich beeilen.

Er durchquerte zwei Lagerräume, von denen er wusste, dass dort alte Reifen und Maschinenteile im Dunkeln lagen. Als er vor der Stahltür stand begann er zu lächeln, holte tief Luft und legte eine Handfläche auf das kalte Metall. Dann streifte er sich das Band mit dem Schlüsselbund über den Kopf und suchte ein paar Sekunden lang durch die mit Schildchen gekennzeichneten Schlüssel, bis er den richtigen gefunden hatte.

T.-R. Kirkpatrick. Sie sind der einzige intelligente, fürsorgende und verantwortungsbewusste Mensch in dieser beschissenen Stadt, dachte er. Quietschend öffnete sich die Stahltür und der Geruch von Plastik, Holz und Kartonagen schlug ihm entgegen. Er trat leise hinter das unmittelbar vor der Türe stehende Regal in die Halle und duckte sich hinter die nächste mannshohe Holzkiste.

Vorsichtig, immer ganz vorsichtig. Herr Kirkpatrick ist schlau. Schlauer als alle anderen. So ist es gewesen, und so wird es bleiben. Und komm ja nicht auf den Gedanken, jetzt hier hereinzuschneien. Sonst müsste ich dir wehtun. Schrecklich wehtun, alter Mann! Oh, ja! Ich weiß, dass du manchmal hier herein kommst. Immerhin musst du ja all die schönen Sachen hier für mich verstauen. Du bist ein guter Mann. Dort draußen. Dort draußen bist du ein guter Mann.

Er schlich sich zwischen Wand und gestapelten Kisten entlang und kroch zu einem am Rand stehenden mannshohen Palettenstapel.

Ich habe dich gesehen. Ja, ich kenne dich. Oben, vom Flurfenster aus sehe ich dir manchmal zu. Wenn du hinter dem Schornstein hervorkommst und deinen Anhänger oder dieses komische Gabeldingsbums in die Halle fährst. Wenn du all diese schönen Geschenke bringst. Nein, natürlich siehst du mich nicht. Du weißt das ja nicht. Kannst es nicht wissen. Denn ich bin scheißclever!

Er griff sich einen herumliegenden, leeren Karton und begann zielstrebig an der Folie der eingeschweißten Paletten herumzureißen.

Leckeres Wasser! Glitzernde Wasserflaschen! Dann drehte er sich um und huschte kriechend zu einer Reihe aufeinandergestellter Kartons. Er nestelte am Klebeband herum, riss es ab und öffnete die Kiste. Ihr idiotischen Kochlöffelhalter, seht ihr das? Seht ihr das! Der ausgefuchste Kirkpatrick ist gleich wieder bei euch in der Küche und präsentiert den Menüplan der kommenden Woche.

Er nahm die Dosen heraus und stapelte sie in den leeren Karton. Nudelsuppe mit Hühnerfleisch, Gulasch in Tomatensauce, Rinderbrühe mit Einlagen …

Wetzt die Löffel und räumt eure Drecksküche auf. Ich komme! Er setzte die Dosen auf die Wasserflaschen, hob einmal kurz den Karton an und prüfte, ob er auch nicht zu schwer würde. Dann schlug er die vier Deckel ineinander, wuchtete die Kiste auf seine Schulter und kroch zurück. Er schloss die Stahltür von innen ab und ruhte sich einen Moment auf dem Karton aus. Er zog die Taschenlampe aus dem Kittel und drückte auf den Knopf. Einen Augenblick lang strahlte das Birnchen in gelbem Licht, und dann erlosch es. Für den Weg zurück würde er sie kaum brauchen.

Das Fenster war ein grauer, durchbrochener und nachts kaum wahrnehmbarer Rahmen. Er lag auf der Matratze seines Metallbetts und stierte in die Dunkelheit, die Arme vor seiner Brust gekreuzt und dem leisen Prasseln des Regens lauschend. Wenn das Geräusch nachließ, für wenige Minuten einmal ganz aussetzte, hörte er die Tropfen irgendwo draußen, jenseits des Ganges in einem der Zimmer weiterfallen, auf ein Stück Blech oder in eine Pfütze tropfend. Er fror und begann unmerklich zu zittern. Er setzte sich auf und starrte den Karton an, der in der Zimmerecke auf dem Boden stand. Langsam verschwand das Zittern. Er verspürte keine Müdigkeit, und er verspürte keinen Hunger. Aber er musste für sie sorgen! Für alle! Für Edward, Gibbons, McCarthy und die anderen. Selbst Watson, das lauwarme Arschloch hatte Essen verdient. Sie waren nicht in der Küche gewesen. Hingen sicherlich wieder irgendwo herum und vernachlässigten ihren Dienst. Hatten die Küche wie einen Saustall hinterlassen und soffen sich jetzt in irgendeiner Ecke ihr letztes bisschen Verstand aus dem Schädel. Aber er würde nichts sagen. Er war ein gütiger Chef. Ein verständnisvoller Chef. Die Männer waren seine Freunde. Sie alle waren die Küchencrew. Die beste, die es auf diesem Scheißerdball gab. Er war für sie verantwortlich. Er, der unersetzbare Thomas Randolf Kirkpatrick. Chefkoch. Direktor. Schlüsselhalter. Und Freund. Ja – er würde schweigen. Und sie würden es ihm lohnen, ihm auf die Schulter klopfen und irgendwann mit ihm, eines fernen Tages, diese ganze verfluchte Stadt umkrempeln, säubern, auskehren und – heilen. Watson und seinesgleichen die Schwänze abschneiden. Die Teufel in ihren Käfigen verjagen und Schwester Mason lehren, auf ewige Sauberkeit zu achten.

Seine Augen weiteten sich und plötzlich begann er wieder am ganzen Körper zu zittern.

„Lissi?! Bist du es?! Lissi, du – du hier? Scheiße, großer, blinder Gott, wie bist du hier hereingekommen? Wie hast du es an Miller und den anderen vorbei geschafft? Du bist eine Frau? Eine Frau! Lissi, du bist – meine Frau! Meine liebe, gute, hübsche, zarte, schöne, schweigsame, wunderbare Lissi!“

Er beugte sich vorsichtig vor und durchbohrte die Dunkelheit mit einem ängstlich fragenden Blick.

„Du weinst? Du weinst, meine Liebe! Du darfst nicht weinen. Nein, ich erlaube nicht, dass du weinst! Warum weinst du denn …“, flüsterte er und drückte sich von der Matratze hoch. Und als die Antwort ausblieb, schrie er in das Zimmer: „Bei aller Dreifaltigkeitsscheiße, sag mir endlich, warum du weinst. Ich verbiete dir zu weinen …“

Dann kniete er sich vor den Karton und begann nervös an den Deckeln zu hantieren.

„Schau, schau hier, schau! Schau mal, ich habe etwas für dich. Schau doch!“ Er zerrte eine Dose hervor, riss hektisch am Ring des Deckels und schnitt sich am aufspringenden Metallrund in den Finger.

„Hier, nimm! Iss. Iss. Nur für dich, meine unvergleichliche Lissi. Du musst sicherlich entsetzlichen Hunger haben.“ Er hielt die Dose in die Dunkelheit und wartete. Er presste die Lippen aufeinander und knirschte mit den Zähnen.

„Du magst das nicht! Warum magst du nicht, was ich dir anbiete?“

Er nahm den Arm zurück, hielt sich die offene Dose an den Mund und ließ einen Teil des Inhalts zwischen seine Zähne fließen. Winzige Gemüsestücke und ein Rinnsal aus roter Sauce rannen über sein Kinn und tropften zu Boden.

„Du verachtest meine Geschenke, nicht wahr?“ Er musste leise sprechen. Ganz leise. Das taten kluge Leute immer.

„Das hast du von Anfang an getan. Du hast, verflucht noch mal, von Anfang an geglaubt, dass es mir gleichgültig wäre. Nicht wahr, Lissi? Aber es war mir nicht gleichgültig! Nie!“, brüllte er seine Füße an und schmetterte die halbleere Dose an die Wand. Scheppernd fiel sie zu Boden, und ein roter, klebriger Strom zerfloss auf der zerschundenen Wand.

„Aber ich werde dir sagen, was du jetzt machen wirst. Ich werde es dir sagen! Du wirst essen, und du wirst trinken. Du wirst aufhören zu weinen, und du wirst lächeln! Und alles, weil ich es dir sage. Es wird keine Widerrede geben, keine einzige, meine geliebte, zerbrechliche, engelhafte Lissi! Denn, wenn doch, dann, dann, dann …“ Er ballte die Fäuste so heftig zusammen, dass sie schmerzten, dass die Haut über den Knöcheln weiß zu schimmern begann. Und immer und immer und immer wieder schlug er sie sich gegen die Schläfen.

Er zog die Stirn in Falten und verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen.

„Du bist undankbar, mein Mädchen! Sehr, sehr undankbar! Aber – aber – aber ich werde dir wieder einmal verzeihen. Denn meine Güte kennt keinerlei Grenzen. Du kannst immer zu mir kommen, wenn du es willst. Jederzeit. Mir deine Sorgen erzählen. Dein Tommy ist dir nicht böse. Niemals. Wie könnte er? Er bleibt dein Beschützer. Deiner und der aller anderen. Er weiß, wie man mit all den Arschgeigen hier umzugehen hat, und er wird euch alle in ein besseres Leben führen.“

Er machte eine lange Pause und lauschte nachdenklich dem Regen, der wieder eingesetzt hatte.

„Aber jetzt geh! Er möchte Pläne schmieden. Dein Tommy möchte große Plane schmieden!“

Eine halbe Stunde saß er im Dunkeln und schwieg. Dann stand er auf und folgte dem Tropfen und Plätschern des irgendwo durch das Dach fallenden Regens. Als er den Raum gefunden hatte, aus dem die Geräusche kamen kramte er den Plastikbecher aus seiner Kitteltasche und hielt ihn in den Faden aus hereinregnenden Tropfen. Er trank einen Schluck, und dann putzte er sich die Zähne.

Das Fiepsen der Ratte weckte ihn. Sie saß in einer Ecke des Raumes und putzte sich lautlos. Er quälte sich von der Matratze hoch und überlegte einen Moment, ob er eine der Dosen nach ihr werfen sollte. Aber das Tier war durch seine Bewegung längst aufgeschreckt wie ein Pfeil durch die Türe verschwunden. Er hatte noch immer keinen Hunger, aber er leerte den Rest der auf dem Fensterbrett stehenden Wasserflasche in seinen Plastikbecher und trank ihn in einem Zug aus.

Die Sonne schien durch das Fenster und warf ein verzogenes Schattenkreuz auf den Boden. Er stand auf und ging aus dem Zimmer. Dann schlenderte er gedankenverloren durch sieben Stationen, hob in der fünften einen alten, verschossenen Lederkoffer von den Dielen auf und stellte ihn zwei Stationen weiter wieder auf den Flurboden. Er betrat wahllos eines der angrenzenden Zimmer, schaute eine Weile aus dem Fenster und musterte dann den offenen Schrank hinter ihm aus dem eine Unmenge alter Turnschuhe quollen. Er wählte ein rotes Paar, probierte es an und ließ seine alten Schuhe einfach im Zimmer zurück. Dann ging er den Flur bis zum Ende und stieg die Treppe in den nächsten Stock hinauf. An der Flügeltüre, die in die Turnhalle führte lehnte ein Schild: Bitte nur mit Turnschuhen betreten!

Weiß Kirkpatrick doch, dachte er und deutete im Weitergehen mit beiden Zeigefingern auf seine neuen rote Schuhe. Aber die anderen nicht! Dämlich wie sie sind! Geht schon in Ordnung. Eins und zwei und drei und eins, nuschelte er laut vor sich hin und betrat das erstbeste Zimmer an dem er vorbei kam. Eine Weile stand er unschlüssig in der Mitte des Raumes und betrachtete sich im Spiegel an der Wand. Dann zog er lustlos eine der Schubladen auf, durchwühlte den Haufen unterschiedlicher Kämme und Bürsten, nahm eine Bürste heraus und fing an sich die Haare zu kämmen. Als ihm das zu langweilig wurde, warf er die Bürste zurück in die Schublade und drehte den Kaltwasserhahn am Waschbecken vor ihm auf. Der Knopf machte ein kurzes schabendes Geräusch und ließ sich dann nicht mehr bewegen. Scheißladen!, dachte er und ging wieder nach draußen. Dann schaute er ins Patientencafé, blieb aber nur unter der Türe stehen und ließ den Blick durch den menschenleeren Saal streifen. Die Reihe festgeschraubter Hocker vor dem Tresen. Heruntergeregneter Putz, zwei Schiefertafeln links und rechts des Fensters und der halb herausgerissene Sicherungskasten an der Wand. Habt ihr heute Nacht wieder alles leer gesoffen, ihr tumben Alkoholiker. Und wo liegt ihr jetzt schnarchend herum? Er machte einen kleinen Satz auf den Flurläufer in der Mitte des Ganges und hörte auf seine Schritte. Tip – tap – tip – tap. Gute Schuhe, bestätigte er sich. Leise Schuhe. Dann lief er die Stufen hinauf auf die schmale Empore und drückte die doppelflügelige Holztür auf.

Die Reihen der dunkelblau gepolsterten, durchnummerierten Sitze drehten ihm ihre Rücken zu. Er folgte den flachen mit Teppichboden ausgelegten Stufen hinunter und lehnte sich an das Geländer der Empore. Es roch nach uraltem Stoff, Glimmstengelqualm und Schweiß.

Unten im Parkett lagen leere Flaschen und zerdrückte Zigarettenschachteln zwischen den Sitzen. Auf der Bühne war der rote, mit Mustern verzierte flache Brokatvorhang halb heruntergelassen und verdeckte den dahinter liegenden schweren Samtvorhang. Mens sana in corpore sano stand zwischen den Mustern. Blablablablablablabla …, spie er in den Saal, schüttelte seinen Kopf und hämmerte auf die Brüstung. An der Ecke zur Bühne lehnte eine Leiter an der Empore. Er stieg über das Geländer, die Leiter hinab und setzte sich im Parkett in die erste Reihe. Eine Weile saß er schweigend da und fuhr sich unentwegt über sein gebürstetes Haar. Dann stand er auf, ging die schmale Holztreppe hinauf auf die Bühne, zog seinen dreckigen Kittel aus, breitete ihn vor sich aus und stellte demonstrativ und theatralisch einen Fuß darauf.

„Freunde“, rief er und ließ das Wort durch den Saal rollen. „Die Zeit ist nah, dass sich alles ändern wird. Und ich werde es sein, der euch diese Veränderung schenkt. Ich werde es sein, dem ihr ein Freudenfeuer entzünden werdet, den ihr auf den Schild hebt, um ihn durch dieses verfluchte Labyrinth zu tragen. Singend, schreiend, klatschend, johlend, saufend. Ich, Thomas Randolf Kirkpatrick, euer Freund und Beschützer, euer Licht im Dunkeln, euer Halt, wenn ihr stolpert, der Engel an eurer Seite, euer Trost in der Nacht. Der Motor eures Lebens. Die Sonne eurer Tage. Ihr ewigen Wichser.“ Er machte eine abfällige Handbewegung. „Haltet einfach einmal das Maul. Wer von uns würde denn aufstehen und sagen wollen, dass irgendeiner neben ihm kein Wichser wäre. Also hört mir einfach zu! Die Zeit ist nicht mehr weit. Eine andere Zeit. Ohne schleimigen Fraß. Ohne bunte Pillen. Ohne glasklare Gläser voller glasklarem Gift. Ohne verwanzte Betten. Ohne eiskaltes Wasser. Ohne stinkende Scheißhäuser. Ohne Schreie. Ohne Schmerzen. Ohne Folterzangen. Ohne Albträume, ohne … ohne …“ Er rang nach Worten, wedelte theatralisch mit den Armen und stierte schweigend in die erste Reihe.

„Denn ich – euer Freund und Wegweiser, euer Vater, euer … Gott! Ich wache über euch. Ich habe es immer getan und werde es immer tun. Verzagt nicht. Fürchtet euch nicht. Weinet nicht. Glaubt nur. Glaubt an das, was ich sage. Glaubt an mich.

Ich sage euch was, Higgins, der alte Bücherfresser und Klugscheißer hat mir einmal etwas erzählt. Ich habe nicht mehr die geringste Ahnung was es war, das der alte Arsch mir ins Ohr gequatscht hat. Aber es klang gut. Es klang verdammt gut. Groß. Der Mann hieß Caligula. Higgins hat niemals einen Namen vergessen. In seinem ganzen Leben hat Higgins keinen Namen vergessen. Ihr wisst das doch selber! Also glaubt mir gefälligst, ihr Schwachköpfe, was ich euch hier erzähle. Caligula hieß der Mann. Und er war Kaiser. Verfluchter Kaiser im verfluchten, steinalten Rom.“

Er schlug sich mehrmals mit der flachen Hand auf die Brust und begann zu husten.

„Scheiß drauf, was er gesagt hat. Als Higgins es mir erzählt hat, klang es großartig. Ahh … ich wusste, dass ich es nicht vergessen würde. Niemals auch nur einen Tag: Trefft sie so, dass sie das Sterben fühlen!

Das hat Higgins gesagt. Oder dieser Wichser Caligula. Ist ja auch völlig egal. Wir werden sie treffen … Wir werden sie – nein, nein, wir werden Güte walten lassen, Güte und Nachsicht, denn wir sind aus Fleisch und Blut. Wir werden gütig und nachsichtig sein. Sie werden bereuen müssen, tief bereuen – und wir werden Watson den Schwanz abschneiden. Verdammt noch mal, das werden wir! Jawohl! Denn ich wache über euch. Seit jeher und in alle Ewigkeit.“

Er lehnte am Fenster und starrte in den herandräuenden Morgen. Gewitterwolken hingen über den verwilderten Beeten neben dem riesigen Wasserbehälter. Er hatte fast vierundzwanzig Stunden durchgeschlafen und fühlte sich noch immer gerädert und hundsmiserabel. Auf der Fensterbank lagen zwei Messer, die er sich aus der Küche mitgenommen hatte. Jetzt wanderte sein Blick auf ihre Spitzen und versuchte zu ergründen, ob sie sich zu ihm hingedreht hatten oder nicht. Aber sie lagen dort so, wie er sie dort abgelegt hatte. Stumm und blank.

Das Geräusch war ein fernes Rattern, ein dumpfes Grollen. Wie das erste kaum wahrnehmbare Heranrollen eines Bebens. Die beiden Planierraupen bogen um die Ecke des Schornsteins, kamen genau den Weg entlang, den der alte Mann immer mit seinem Anhänger herauffuhr. Der Alte wäre abgebogen, um an das entfernte Ende der Gebäudeflucht zu fahren. Um Kisten abzuladen. Geschenke abzugeben.

Die Raupen nahmen den Weg zum Haupteingang und blieben dann einfach stehen, als wüssten sie nicht weiter. Zwei Männer stiegen aus und setzten sich auf die Zähne einer der halbhoch gezogenen Schaufeln.

Er zog die Augenbrauen hoch und rückte einen Schritt vom Fenster weg.

Meine Lieben, meine Freunde – wir haben neue Besucher! Seht ihr sie? Seht ihr, wie sie ihre Stullen fressen, weil sie Angst haben, hier gäbe es nichts Anständiges zwischen die Zähne. Kommt her, ihre verblödeten Penner. Schaut sie euch an. Wenn sie wüssten, was es hier alles zwischen die Zähne gibt! Aber sagt mir, müssen sie Angst haben? Haben diese Männer irgendetwas zu befürchten? Nein, haben sie nicht! Wir werden sie empfangen wie Menschen. Denn das gehört sich so. Wir werden sie begrüßen, ihnen zeigen, dass sie willkommen sind. Ihnen den Tisch decken und die Hände reichen. Ihnen ihre Angst nehmen und sie nach ihren Träumen fragen.

Haben wir es nicht immer so gehalten? Nun kommt schon, ihr dämlichen Schweiger und Nichtsnutze. Watson, du Schwanzlutscher, sieh aus dem Fenster! Ist etwas dabei? Nein – nein – schmink es dir einfach ab! Ich werde dafür sorgen, dass diese neuen Gäste sich bei uns wohlfühlen. Es ist unsere Pflicht! Pflicht! Verdammte Pflicht!

Es war nie anders. Darf nie anders werden.

Denn ich, Thomas Randolf Kirkpatrick – wache über alles. Habt ihr das endlich verstanden, ihr Wichser? …

Anmerkung:

Im Jahr 1928 kaufte der Staat New York auf Long Island über vierhundert Hektar Land, um die größte Nervenheilanstalt der Welt zu bauen. Mitte der fünfziger Jahre lebten in den Pilgrim State Hospitals über vierzehntausend Patienten. In der Geschichte der Vereinigten Staaten spielten solch gewaltigen Heilanstalten schon immer eine große Rolle. Es waren riesige, nicht selten in viktorianischem Stil gehaltene, prunkvolle Gebäudekomplexe, die, miteinander verbunden, Ausmaße von über einem Kilometer erreichen konnten und die, meist außerhalb der Stadtgebiete liegend, zu den ranghöchsten Statussymbolen eines jeden Staates gehörten. Autarke, eigenständige Ansiedlungen mit eigenen Kraftwerken, Wasseraufbereitungsanlagen, landwirtschaftlichen Betrieben und Handwerksstätten.

Galt das Augenmerk in den ersten Jahrzehnten nahezu ausschließlich den Patienten, die in einer „für sie gestalteten Welt“ lernen sollten mit ihrer Krankheit zu leben (oftmals über viele Jahre bis zum Tod), so führten zunehmender Mangel an finanziellen Mitteln, an Fachpersonal, vor allem aber der medizinische Fortschritt, sich ändernde Behandlungsideologien und die Entwicklung von Psychopharmaka dazu, dass diese „geschlossenen Institutionen“ zu reinen und oftmals überfüllten Verwahranstalten verkamen.

Hinter nach außen weiterhin prachtvoll wirkenden Fassaden lebten Gewalt, Vernachlässigung und Gleichgültigkeit, und die Mittel der Wahl waren Sedierung und Verschluss (auch in Deutschland wurden beispielsweise erst in den siebziger Jahren Lobotomien eingestellt).

Heute stehen die meisten dieser Heilanstalten leer, werden, soweit das überhaupt möglich ist ganz oder teilweise in anderer Funktion genutzt, vermietet oder aber abgerissen. Es war sicherlich nicht die Regel, aber es ist vorgekommen, dass Patienten entlassen wurden und sich Jahre später, nachdem sie in der „realen Welt“ straffällig geworden waren, in derselben Einrichtung wiederfanden, die mittlerweile zu einer Strafanstalt umgebaut war.

Das Pilgrim State Hospital in seiner ursprünglichen Form existiert heute nicht mehr. Das Land wurde im Jahr 2002 für einundzwanzig Millionen Dollar an einen Geschäftsmann verkauft. Viele der ehemaligen Gebäude sind abgerissen. Andere sehen ihrem Abriss mit zugemauerten Fenstern entgegen.

IM SCHATTEN DER HUNDSTAGE

Selma Leitner

Ferdinand blickte von seinem Buch auf. Vor einer Stunde hatte er den kleinen Ledersessel ein wenig weiter in das Zimmer gerückt. Dort, wo er eigentlich immer stand, lag das Sonnenlicht jetzt gleißend hell auf dem Couchtisch und wärmte den Stapel Bücher und Zeitungen in deren Schatten er das Glas Wasser gerückt hatte, damit es noch eine Weile genießbar blieb und Erfrischung spendete. Aber inzwischen war es selbst im Schatten so warm geworden, dass er das Glas einfach dort stehen gelassen und sich die angebrochene Flasche neben den Sessel gestellt hatte. Hier in seinem Zimmer, wenn er allein war, trank er schon einmal aus der Flasche. Ließ das Glas im Schrank. Jedes Mal, wenn er dies tat, überkam ihn dieses eigenartige Gefühl, dieser winzige Schauer aus lausbübischer, ungestümer Freude und peinlichem Schamgefühl. Und jedes Mal verband dieser Moment für Sekunden das Gestern mit dem Heute. Malte zwei in sich verschwimmende Bilder, den jungen Mann, der im Hochsommer mit nacktem Oberkörper auf dem Balkon der Studentenwohnung stand und die Flasche Limonade beinahe in einem Zug leerte und den grauhaarigen Alten, der bei dieser Hitze in Anzughose und Unterhemd in seinem Zimmer saß und verschämt zum offenen Fenster schaute, ob ihn vielleicht nicht doch jemand gesehen hatte. In genau dem Augenblick in dem ihm das Wasser am Kinn heruntergelaufen und auf seine Hose getropft war.

In seinem Alter trank man nicht mehr aus der Flasche.

Man zitterte zu oft. Schlabberte und bekleckerte sich vielleicht. Man benutzte ein Glas, auch wenn man es hinterher spülen musste. Auch, wenn man selbstverständlich wusste, dass hier oben, im zweiten Stock niemand hereinschauen würde. Außer den gelegentlich vorbei huschenden Amseln und Schwalben, die es heute allerdings vorgezogen zu haben schienen unter irgendwelchen Dächern oder auf irgendwelchen Bäumen im Schatten der Blätter den Tag zu verdösen. In der Ferne ratterte leise ein Traktor über die Felder. Anton Moosbach hatte sich noch nie um irgendwelches Wetter geschert. Er arbeitete, weil der Hof es vorschrieb. Wintertags oft ohne Jacke und Handschuhe und im Sommer meist nur mit einer kurzen Hose und seinen schweren Arbeitsschuhen bekleidet. Seine Haut schien aus Leder zu sein. Altes, hartes, rissiges, tiefbraunes Leder.

Die heiße Luft lag dort draußen wie auf die Welt gegossen und dann erstarrt. Sie schien diesen heißen Sommertag nicht mehr aus ihren Krallen entlassen zu wollen.

Er stand auf, ging die Schritte zum Couchtisch, nahm das Glas hoch und leerte das lauwarme Wasser in die Spüle der Küchenzeile. Dann ging er zu seinem Sessel zurück, hob die Flasche hoch und goss das Glas halbvoll. Eine Weile stand er schweigend im Zimmer, hielt das Glas in der Hand und horchte in sich hinein. Warum war die Zufriedenheit, mit der er heute Morgen aufgewacht war, noch nicht wieder völlig zurückgekehrt? Es fehlte etwas. Er leerte das Glas in einem Zug. Wahrscheinlich war es einfach nur zu heiß. Er setzte sich zurück in den Sessel, nahm das Buch von der Lehne und schlug es auf, wo der Faden lag. Er hatte es heute Morgen wieder entdeckt. Es war ihm fast in die Hände gefallen, als er wahllos am Bücherregal vorbeischlenderte, das ein oder andere Buch herausnahm und überlegte, welches er sich noch einmal vornehmen könnte. Gertrude Stein, Three Lives. Eine englische Ausgabe, die noch aus der Zeit vor seiner Pensionierung stammte, als er noch jeden Wochentag mit dem Bus in die Stadt gefahren war, um seinen Schülern anständiges Englisch und außergewöhnliche Lektüre nahe zu bringen. Morgens um sieben Uhr fünfunddreißig Minuten hin und nachmittags um halb drei fünfunddreißig Minuten zurück. Tagein, tagaus. Guten Morgen, Herr Wengler! Auf Wiedersehen, Herr Wengler! Grüß Gott, Herr Wengler! Er hatte dieses Leben geliebt. Seine Schüler. Die Fahrten. Die Schule. Den Unterricht. Der Bus fuhr heute noch. Dreimal täglich. Außer an den Wochenenden und Feiertagen.

Wildes Gebell und Geschrei zerrissen die sommerliche Stille, und Ferdinand musste unwillkürlich lächeln. Ach, Josef! Lass doch den armen Hund in Ruhe, dachte er und überlegte kurz, ob er aufstehen und sich das irrwitzige Schauspiel vom Fenster aus ansehen sollte. Warum hasst du diesen harmlosen Köter nur so? Er entschied sich, sitzen zu bleiben.

Er hatte das alles oft genug mitbekommen. Anton Moosbachs Promenadenmischung streunte jeden Tag durch das Dorf und die Gegend. Anton und seine Frau ließen den Hund einfach seine unergründlichen Wege ziehen. Zeit, sich um ihn zu kümmern, hätten sie sowieso nicht gehabt. Sie wussten, dass der arme Kerl jeden Abend nach seinen ausgiebigen Streifzügen wieder auf den Hof zurückgetrottet kam, um seinen Fressnapf zu plündern und sich für die Nacht in seine Hütte zu verkriechen. Die meisten im Dorf beachteten das Tier kaum noch. Nur der junge Gruber schien den Hund zu hassen. Offensichtlich hatte er panische Angst um seine Brote und Brötchen. Es war immer das gleiche Spiel. Das schwarze Wollknäuel schlich sich vorsichtig heran, stellte sich in die offene Türe, bellte zwei, dreimal, und wenn Gruber in der Nähe war, folgte dieser perfiden tierischen Einleitung jedes Mal das Geschrei und Gezeter seiner Bäckerstimme, bis der massige, weißgekleidete Körper des Mannes selber unter der Türe auftauchte, um dem davonrasenden Mischling mit hochrotem Kopf ein paar deftige Flüche hinterher zu schicken. Nur im Winter, wenn die Ladentür meistens geschlossen blieb, fand dieses verrückte Theaterstück seltener statt.

Ferdinand überlegte kurz und schüttelte den Kopf. In all den Jahren hatten Gruber, sein Vater und die Moosbachs kein einziges Mal Streit deswegen bekommen. Man grüßte sich auf der Straße, wechselte sonntags ein paar Worte nach der Messe oder traf sich zufällig abends in der Blautanne.

Ferdinand widmete sich wieder seinem Buch. Melanctha. Er erinnerte sich. Oh ja, er erinnerte sich. Die meisten seiner Schüler hatten mit der Geschichte damals nichts anfangen können. Vielleicht hatte er die falsche Wahl getroffen. Vielleicht war Gertrude Steins Stil zu schreiben eine Überforderung für die Jugendlichen gewesen. Er schlug den Anfang noch einmal auf und suchte mit dem Zeigefinger die Seite ab. Er begann erneut zu zweifeln, ob diese Lektüre etwas war, dass er ihr zukommen lassen könnte. Er legte das Buch beiseite.

Der Bleistift besaß Härte 4B. Der Zettelblock und das Schreibgerät lagen dort, wo sie immer lagen. Eigentlich war es für ihn mehr als nur ein Schreibgerät. Er mochte die dicken, weichen und tiefschwarzen Linien, die aus den Wörtern beinahe kleine kunstvolle Skizzen machten. Er ging zum Küchentisch, riss einen Zettel vom Block und kehrte zu seinem Sessel zurück.

Ein halbes Pfund Butter, eine Dose Blutwurst, ein Glas Gurken, Zwiebeln, ein Zweig Tomaten, ein Pfund Zucker (wieder das alte Zeichen für Pfund), zwei Flaschen Bier, neues Wasser, ein kleines Paket Toilettenpapier. Ferdinand überlegte. Der Senf ging zur neige, und, ja – eine kleine Packung Schwarzbrot. Er würde nicht auf die andere Straßenseite zu Gruber gehen, um Brot zu kaufen. Das Schwarzbrot reichte ihm völlig aus. Und es freute ihn, dass er es bei ihr kaufen konnte. Er blickte auf den sonnenüberfluteten Boden. Als der alte Gruber damals ernsthaft erkrankt war, hatte sie im Stillen gehofft, dass er die Bäckerei aufgeben würde. Bis dahin hatte sie auch immer ein wenig Brot im Angebot. Manchmal waren es zwei-, drei Laibe, die sie selber gebacken hatte. Aber als Grubers Sohn die Bäckerei übernahm und von Grund auf renovierte, den Tresen erweiterte, hatte sie das mit den Backwaren gelassen. Er stand auf und holte den gefalteten Stoffbeutel aus der Schublade. Dann zog er sich ein frisches Hemd an, band sich eine Krawatte um und öffnete die Zimmertüre. Einen Augenblick hielt er die Klinke gedrückt und überlegte, ob er etwas vergessen hatte. Vielleicht sollte er bei solchen Temperaturen noch eine Flasche Saft mitnehmen. Außerdem fiel ihm in diesem Moment ein, dass er heute Morgen kaum noch Milch im Kühlschrank vorgefunden hatte. Das merke ich mir so, dachte er und steckte den Einkaufszettel in seine Geldbörse. Morgen würde er nicht einkaufen gehen. Morgen würde er auf den Friedhof gehen. Er war noch nie am selben Tag einkaufen und auf den Friedhof gegangen.

Leise schloss er die Wohnungstür und ging die Stufen ins Erdgeschoss hinunter. Die Türglocke rasselte, und die kleine Reisdorf schoss mit einer vollen Plastiktüte aus dem Laden, nuschelte ihm ein Grüß Gott entgegen und verschwand auf der Straße. Die Reisdorfs wohnten oben gegenüber der Kirche. Der Vater war Busfahrer. Manchmal hatte er sich damals ganz nach vorne auf den ersten Sitz hinter ihn gesetzt, und sie hatten während der Fahrt in die Stadt ein paar Worte gewechselt. Und wenn Heinz Reisdorf keine Schicht hatte, saß er am Fenster in der Reihe ganz am Ende. Es waren seine beiden Stammplätze, und er mochte das Geschaukel und Geholper während die Landschaft an ihm vorbei zog.

Anna und Ferdinand Wengler hatten in der Dorfstraße 2 gewohnt. Es war das zweite Haus nach dem Ortsschild gewesen. Anna servierte in der Blautanne und half Lorenz Keller manchmal bei der Buchhaltung. Sie hatte seinerzeit darauf bestanden, dass diese kleinen Dienste nicht entlohnt wurden. Dafür gingen sie und ihr Mann zweimal im Monat abends in Kellers Restaurant und speisten ohne etwas dafür zahlen zu müssen. Nach Annas Tod empfand Ferdinand die Wohnung mit jedem Tag größer, stiller, kälter und unheimlicher. An einem Herbsttag, zwei Jahre nach ihrem Begräbnis war er in das Zimmer über Selma Leitners Lebensmittelgeschäft gezogen. Ein Zimmer mit zwei Fenstern zur Straße und einem kleinen Badezimmer zum Hinterhof hinaus. Die Behausungen werden immer kleiner, hatte er Selma Leitner einmal bei einem seiner Einkäufe gesagt, bis nur noch eine Kiste übrig bleibt. Sie hatte die Stirn in Falten gelegt und ihn mit einem freundlichen Lächeln gemaßregelt. Ein Mann wie Sie sollte sich nicht solchen düsteren Gedanken hingeben, hatte sie geantwortet.

„Grüß Gott, Ferdl. Wie geht es Ihnen heute? Meine Güte! Diese Hundstage sind wirklich nichts für mich.“ Selma Leitner stand hinter ihrer Theke und wedelte sich mit der Hand ein wenig Luft ins Gesicht.

„Waren Sie im Wald spazieren? Dort ist es sicherlich wesentlich angenehmer. Es tut mir wirklich leid, Ferdl, wenn es bei Ihnen oben kaum auszuhalten ist. Das Dach ist immer noch nicht isoliert. Wenn Sie es nicht für aufdringlich halten, frage ich nachher einmal bei Maria nach, ob sie Ventilatoren führt. Sie soll mir einen für Sie leihen. Was meinen Sie?“

Maria Steinhaus und ihrem Mann gehörte der kleine Haushaltswarenladen in der Feldraingasse, und Ferdinand dachte, wenn es dort jemals Ventilatoren gegeben hatte, waren sie dieser Tage mit Sicherheit ausverkauft.

„Bitte, machen Sie sich keine Mühe, Selma. Es hat alles seine Ordnung, und so warm ist es oben eigentlich gar nicht.“ Er zog den Einkaufszettel aus seiner Börse und legte in ihr auf den Tresen. Er wusste, dass er ihr die Dinge auch hätte aufsagen können. Aber sie wollte es so. Und es hatte ihm von Anfang an gefallen. Sie machte immer eine nette Bemerkung zu seiner schönen Schrift, zu den gezirkelten, schwarzen Wörtern, die fast etwas von japanischer Kaligraphie hatten.

„Nein, ich war nicht oben im Wald. Vielleicht mache ich später aber noch einen Abendspaziergang“, schob er die Antwort auf ihre Frage nach, während sie seinen Zettel studierte.

„Butter, Blutwurst, Gurken, Zwiebeln“, las sie vor und begann an den Holzregalen entlangzuwandern.

Heute trug sie einen blauen Rock, eine weiße Bluse mit einem gestickten Kragen, die er an ihr noch nie gesehen hatte und ihren weißen Kittel. Ihre Wangen waren noch rosiger als an anderen Tagen und glänzten ein wenig. Sie schnippte sich eine graue Locke aus der Stirn und sammelte Ferdinands Bestellung ein.

„Ich habe Ihren Ratschlag befolgt und mir das Buch gekauft. Ich bin noch nicht dazu gekommen es zu lesen. Aber ich verspreche Ihnen, ich werde Ihnen sofort sagen, wie es mir gefallen hat. Und ich bin sicher, es wird mir gefallen. Ihre Empfehlungen waren immer äußerst anregend und unterhaltsam!“

Ferdinand überlegte einen Moment. Er hatte ihr vor längerer Zeit einmal Sense and Sensibility empfohlen. Er wusste, dass sie gerne las und sie wusste, dass er Bücher verschlang. Irgendwie hatte er das Gefühl gehabt, so etwas könnte ihr gefallen. Er hätte ihr auch Annas Exemplar leihen können, das bei ihm im Regal stand. Aber irgendetwas hatte ihn davon abgehalten. Und natürlich hatte er Selma zu einer deutschen Ausgabe geraten. Verstand und Gefühl, meinte er zu ihr. „Miss Marianne Dashwood! Eine bemerkenswerte Romanfigur. Man könnte fast sagen: der zweite Teil des Titels“, und im nächsten Augenblick war ihm seine direkte und vieldeutige Bemerkung peinlich gewesen, und er hatte schnell hinzugefügt: „Meine Frau und ich fanden das Buch damals sehr unterhaltsam.“

Selma stapelte ihm die Einkäufe in seinen Beutel, den er ihr offen auf die Theke hielt und begann dann Zahlen in die Registrierkasse zu drücken.

„Einundzwanzig zwanzig. Sagen wir zwanzig.“

Er schüttelte schweigend den Kopf und lächelte sie verlegen an.

„Ach, Selma! Sie beschämen mich wieder. Ich möchte das nicht.“ Aber er wusste, dass sein Widerstand zwecklos war. Sie machte es immer so. Es war wie ein Ritual. Ein Spiel, das sie gerne zu spielen schien und das er so zu schätzten gelernt hatte. Sie hatte immer abgerundet.

„Ferdl! Nun gönnen Sie einer alten Frau doch ihren Spaß.“ Er nahm den Beutel und verabschiedete sich.

„Und wenn ich den Ventilator bekommen sollte, gebe ich Ihnen bescheid. In Ordnung?“, rief sie ihm nach, als er durch die Ladentüre verschwand und die Treppe hinaufstieg. Diese Frau ist ein wahrer Engel, dachte er und betrat sein Zimmer aus dem ihm die Hitze entgegenschlug. Er freute sich auf den Mittwoch, wenn er wieder mit ihr sprechen konnte, sie anschauen und ihr beinahe unerschütterliches Lächeln entgegennehmen würde.

Es hatte sich so ergeben, und er hatte es so beibehalten. Sonntags, wenn die anderen aus der Messe kamen, ging er auf den Friedhof. Montag, Mittwoch und Freitag waren seine Einkaufstage. Und manchmal, ohne, dass er es zu einer Regel werden lassen wollte, erlaubte er sich ausnahmsweise auch einen Einkauf am Samstag. An zwei aufeinander folgenden Tagen brauchte er nicht an ihr Grab zu gehen. Sie hätte das sicher nicht gewollt. Aber es gab Momente an denen er sich unwohl fühlte, an denen er vor dem gemeißelten Stein stand und sich schweigend bei ihr entschuldigte, dass ihm diese Wochenenden besonders angenehm waren.

Um acht Uhr sah er sich die Nachrichten im Fernsehen an und las danach bis zehn. Als es dunkel genug geworden war und die Luft nicht mehr ganz so bleiern im Raum hing, faltete er sein Hemd zusammen, legte es auf den Stuhl neben das Bett und seine Armbanduhr darauf. Er spannte die Hose in den Spanner und hängte sie an den Schrank. Seltsam, dachte er. Wir sind uns noch nie auf dem Friedhof begegnet. Alle begegneten sich doch früher oder später auf dem Friedhof. Alle. Früher oder später. Und dann schlief er ein.

Auf die Hundstage im Juli folgte ein sehr viel angenehmerer August. Der September brachte acht Tage, an denen es fast ununterbrochen regnete, und im Oktober feierte er seinen vierundsiebzigsten Geburtstag mit zwei ehemaligen Kollegen in einem italienischen Lokal in der Stadt. Anfang November fiel der erste Schnee, der am nächsten Morgen aber wieder spurlos verschwunden war. Moosbachs Hund stand ein paar Tage lang vor verschlossener Türe und würde seine Vorstellung bis zum Frühjahr verschieben müssen. Den Ventilator hatte er Maria Steinhaus schon im Spätsommer persönlich vorbei gebracht und sich mit einer Flasche Wein bedankt. Die Wochen zogen träge und grau über den Hügel, und er begann sich auf das Frühjahr zu freuen. Der Winter war nicht seine Jahreszeit.

Sechzehn achtundzwanzig. Sagen wir fünfzehn. Achtundzwanzig sechsunddreißig. Etwas mehr als sonst, Ferdl! Macht dann sechsundzwanzig. Probieren Sie einmal diesen Zitronentee, Ferdl! Er soll ganz vorzüglich sein. Ich habe ihn ganz neu hereinbekommen. Nein, nein, dieses Päckchen ist zum Ausprobieren. Macht zwölf. Siebzehn. Fünf. Versuchen Sie das einmal, Ferdl. Und sagen Sie mir, ob es sich lohnt, dass ich mir ein kleines Kontingent davon hinlege.

Er wehrte sich nicht mehr und hatte begonnen ihr zum Abschied die Hand zu geben. Meistens wischte sie sich ihre Hand schnell noch an ihrem Kittel ab und lächelte ihn dann freundlich an. Montag, Mittwoch und Freitag, und immer häufiger auch der Samstag waren Tage, an denen ihm der Winterhimmel nicht ganz so verhangen schien wie an den anderen. Eben mehr Himmel und weniger dunkles Tuch. Mitte Dezember hatte es zu schneien begonnen.

Eine Woche vor Weihnachten war er an einem Spätnachmittag zur Blautanne geschlendert. Er wollte etwas zu Abend essen und sich in die Liste für die diesjährige Weihnachtsfeier eintragen. Lorenz Keller und seine Frau veranstalteten jedes Jahr in der Tanne ein kleines Fest für die alleinstehenden Senioren im Dorf. Ferdinand fand, es war eine nette Geste. Und er fand es für Lorenz schade, dass jedes Jahr so wenige kamen. Nach Annas Tod hatte er jeden zweiten Weihnachtsfeiertag an diesem Abend teilgenommen. Und einmal hatte er sogar Selma Leitner getroffen, deren jüngere Schwester in diesem Jahr wohl keine Zeit für ein gemeinsames Weihnachtsfest gehabt hatte.

Er ging die Hauptstraße hinauf und sah ihn von weitem an der Bushaltestelle sitzen. Hannes Reisdorf, der älteste Sohn von Heinrich Reisdorf, dem Busfahrer. Als er auf Höhe des Wartehäuschens angekommen war, blieb Ferdinand stehen.

„Guten Abend, Hannes! Was machen Sie denn bei dieser Kälte und um diese Zeit hier? Ausgerechnet Sie sollten doch wissen, dass um diese Uhrzeit kein Bus mehr kommt! Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Der junge Mann zuckte nur unmerklich mit den Schultern und schien durch ihn hindurch zu schauen. In seinem Schoß lagen zwei fein säuberlich geschälte Mandarinen in einem kleinen Berg aus Schalen, die Hannes Hände gedankenverloren in immer winzigere Stücke zerrissen.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“ Aber Hannes schwieg. „Na ja, nichts für ungut! Aber erkälten Sie sich nicht. Und grüßen Sie bitte ihre Eltern.“

Eine Sekunde trafen sich ihre beiden Blicke, aber dann schob Hannes seinen Kopf noch tiefer in seinen Wintermantel und starrte in die Dunkelheit.

„Ich bin angekommen und plane meine nächsten Schritte.“ „Wie bitte?“ Ferdinand hatte sich noch einmal umgedreht, aber der junge Mann saß wie versteinert auf seinem Sitz. Ich habe mich wohl getäuscht, dachte Ferdinand, hob noch einmal die Hand zum Gruß und setzte gedankenverloren seinen Weg fort.

„Sechs Eier. Zwei Dosen Ravioli. Ein Tütchen Petersiliensamen. Einmal Kartoffeln. Zwei Liter Milch – Ferdl, Sie dürfen aber nicht vergessen, die Sämereien zu gießen, hören Sie?“

„Ich werde es nicht vergessen. Ganz bestimmt nicht, Selma!“ Manchmal fragte sich Ferdinand, ob ihm ihr gelegentlich unterschwelliger mütterlicher Ton gefiel, oder ob ihn etwas daran störte.

Mitte März begannen Anton und die anderen Bauern ihre aus dem Tal heraufwehenden leise tuckernden Runden zu ziehen, und zwei Tage vor dem ersten Mai errichteten die Jugendlichen auf dem Platz vor der Kirche den jährlichen Maibaum.

Ferdinand hatte den Blumenkasten von innen nach außen auf die Fensterbank gestellt, die Folie abgezogen und wässerte die Petersilienpflänzchen. Er hörte wie Selma den Laden abschloss. Sie winkte von der Straße zu ihm herauf, und er erwiderte ihren Gruß mit erhobener Hand.

„Einen schönen Abend. Und bis morgen“, rief er ihr nach, und sie winkte ihm noch einmal zu. Morgen würde Mittwoch sein, und er hatte seinen Einkaufszettel schon geschrieben und auf den Couchtisch gelegt. Er zog seine Strickjacke an und ging die Treppe hinunter.

In der Mitte des Dorfes, dort, wo die Hauptstraße ihre kleine Biegung machte, zweigte die Steingasse ab, verlief den Hügel hinauf zum Kirchplatz und verlor sich hinter dem Friedhof in den Obstwiesen. Oben auf dem Höcker, wie alle ihn nannten, stand eine riesige Kastanie und eine Bank, die Anton im letzten Jahr repariert hatte, damit sich niemand die Kleider an der zerbrochenen Holzleiste aufriss. Ferdinand öffnete das Tor zum Friedhof und füllte eine der Gießkannen, die ein Stück weiter neben dem Wassertrog standen. In der grünen Plastikvase standen vier Zweige aus blauer Akelei, die er am Sonntag gepflückt hatte. Er goss ein wenig Wasser nach, richtete die Blumen und stellte die Gießkanne neben sich ab. Er atmete einmal tief ein und aus und versuchte, den Gedanken zu vertreiben, der ihm schon beim Verlassen der Wohnung durch den Kopf gegangen war. Wieder einmal. Der Gedanke, den er kannte. Der ihn manchmal ansprang. Vor dem er sich fürchtete. Für den er sich schämte: Manchmal weiß ich nicht einmal mehr, wie du aussahst … Er drehte sich um und schaute lange auf die Ebene hinunter, aus der ein kaum wahrnehmbares Rauschen heraufwehte. Dann stellte er die Kanne an ihren Platz zurück und stieg weiter den Hügel hinauf Richtung Höcker. Oben setzte er sich langsam auf die Bank und schloss einen Moment die Augen, vor sich das weite Tal und hinter sich, einen Steinwurf entfernt der Waldrand mit seinen duftenden Tannen. Im wunderschönen Monat Mai, als alle Vögel sangen, da hab ich ihr gestanden, mein Sehnen und Verlangen. Er dachte es nicht einmal wirklich. Es wehte durch ihn hindurch, wie der leise Luftzug, der hier oben umherzog. Die Idee einer Idee. Und doch war dieses Heinegedicht allgegenwärtig, lag auf dem Wind, wanderte durch die Straßen und nistete in seinem Zimmer. Und zum abertausendsten Mal fragte er sich, ob ein Mensch sich dazu zwingen konnte, bewusst etwas zu vergessen. Vor drei Wochen war er hier in aller Frühe hinaufspaziert und in den Wald gegangen. Er hatte seinen Beutel mitgenommen und eine gute Stunde Samtfußrüblinge gesammelt. Zwei Grünspechte waren auf Ameisenjagd gewesen, und auf dem Rückweg hatte ein Kolkrabe sein gespenstisches Nimmermehr! in den frühen Morgen gekrächzt. Zurück in seinem Zimmer hatte er den Spankorb gesucht, in dem er allen möglichen Krimskrams aufbewahrte, ihn ausgeleert und die Pilze zu putzen begonnen. Und dann war er die Treppe hinuntergestiegen und hatte ihr den Korb im Laden auf die Theke gestellt.

„Heute habe ich einmal etwas für Sie, Selma! Die Japaner nennen den Pilz Enoki. Er wird dort sehr gerne gegessen. Gönnen Sie ihn sich selber, oder verkaufen Sie ihn. Auf jeden Fall sollten Sie ihn probieren.“ Sie hatte vor lauter Rührung nicht gewusst, was sie sagen sollte und dann gemeint: „Oh Gott, Ferdl, das ist aber nett. Ich danke Ihnen vielmals!“ Oben auf den Pilzen hatte der kleine weiße Zettel gelegen, auf den er mit dem Bleistift fein säuberlich das Wort Enoki geschrieben hatte.

Ferdinand öffnete die Augen und blinzelte in den Himmel. Er hörte das leise Knirschen näherkommender Schritte auf dem Weg und schaute Richtung Waldrand. Kurt Bachmann kam langsam den Weg herunter und schien völlig in seinen Gedanken versunken zu sein.

„Grüß Gott, Herr Pfarrer“, rief Ferdinand und nickte dem Geistlichen zu. Kurt Bachmann schreckte unvermittelt hoch und blieb unterhalb der Bank stehen.

„Aah – Herr Wengler! Ich grüße Sie. Ich – ich“, er deutete mit dem Finger hinter sich, „ich habe einen Spaziergang zum alten Granitstollen gemacht. Ich dachte …“ Aber dann brach er mitten in seinem Satz ab und schüttelte einen Moment irritiert den Kopf.

„Wie geht es Ihnen? Ich hoffe gut. Wann sehen wir Sie denn einmal wieder bei uns? Ich weiß, dass Sie eine wunderbare Stimme haben, und Gott liebt wunderbare Stimmen!“

„Sie wissen doch: Liebe und Singen kann man nicht zwingen. Und außerdem: Was für Sünden bleiben denn einem alten Mann wie mir zu beichten, Herr Pfarrer?“, antwortete Ferdinand und die beiden tauschten ein Lächeln.

„Wer spricht denn von Sünden oder Zwang, Herr Wengler! Unser Herrgott liebt alle Lieder, auch die leisen. Ich zähle auf Sie! Kommen Sie nächsten Sonntag einfach einmal in die Messe. Ich würde mich freuen. Grüß Gott.“

Der Pfarrer machte ein paar Schritte den Weg hinunter, drehte sich dann aber noch einmal um. „Ach, Herr Wengler, was ich Sie noch fragen wollte. Gibt es in unserem schönen Dorf ein neues Schäfchen? Wissen Sie – ich meine – ist jemand – ich dachte mir nur, ich als Pfarrer …“ Aber dann brach er wieder ab und kratzte sich am Kopf.

„Nun ja, vielleicht ein anderes Mal. Ist auch nicht so wichtig. Und wie ich sagte: Bis Sonntag!“

Er hob die Hand zum Gruß und setzte seinen Weg in Richtung Kirche fort.

Pfarrer Bachmann!, dachte Ferdinand. Manchmal verstehe Sie wer will. Es hieß, seine Predigten seien manchmal arg verworren. Aber der Mann war ein sehr sympathischer Mensch. Das musste er sich eingestehen. Auch wenn er selber es mit dem Kirchgang nicht mehr ganz so genau hielt. Vor allem war dieser Geistliche von deutlich mehr Weltlichkeit durchdrungen als seine beiden Vorgänger. Ferdinand stand von der Bank auf und spazierte ins Dorf zurück.

Morgen würde er auch einmal wieder zur Teifelstiege, dem geschlossenen Granitstollen wandern. Die Erwähnung des Pfarrers hatte ihn auf die Idee gebracht. Der Wald war dort besonders still und majestätisch. Manchmal konnte man durch das verrostete Eingangsgitter das Rascheln der Mäuse und Igel belauschen, die leise fiepsend und hustend durch das feuchte Laub huschten. Und nirgends wuchsen so viele Heidelbeeren wie an diesem Ort.

Am letzten Freitag im Juli ging er schon am Vormittag zu Selma Leitner in den Laden. Sie kniete auf dem Boden und wischte die Spuren eines zerplatzten Sahnebechers auf, murmelte mit hochrotem Gesicht ihren Zorn in den Putzeimer und schien trotz des Klingelns der Türglocke nicht bemerkt zu haben, dass er den Laden betreten hatte.

Er sah ihre wippenden, grauen Locken, die nassen Arme und den leicht schaukelnden Ausschnitt ihres Oberteils und drehte sich sofort zum Fenster um. Dann räusperte er sich und schaute auf die Straße.

„Du lieber Himmel! Entschuldigen Sie, Ferdl, ich habe Sie nicht hereinkommen hören.“ Sie erhob sich und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

„Diese heißen Tage sind grauenvoll. Ich vertrage den Sommer von Jahr zu Jahr weniger.“ Sie schob den Putzeimer mit dem Fuß zur Seite und ging hinter ihre Theke.

„Und jetzt ist mir auch noch die Sahne hingefallen und hat diese Schweinerei angerichtet. Von Jahr zu Jahr älter und ungeschickter. Aber was darf es denn heute sein?“ Ferdinand hatte sich ihr wieder zugewendet. Sie bemühte sich zu lächeln und schloss die Tür des Kühlschranks hinter sich an der Wand.

„Ich glaube, heute geht es ganz ohne Zettel“, sagte Ferdinand. „Ich werde eine Woche fort sein, um einen alten Freund zu besuchen und wollte ihm ein Glas Ihres außergewöhnlich schmackhaften Honigs mitbringen.“

„Dann hoffe ich, dass Ihrem Freund mein Honig auch zusagt.“ Sie ging um die Theke und nahm ein Glas vom Regal.

„Zwei fünfzig“, sagte sie. Ferdinand schüttelte kurz den Kopf. „Ich streite nicht mit Ihnen, Selma. Das wissen Sie!“ Das Preisschild wies drei fünfunddreißig aus. „Ganz herzlichen Dank. Wir werden an Sie denken, sollten wir ihn in den nächsten Tagen schon probieren. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.“ Wäre seine Wohnung nur ein wenig größer, dann hätte er seinen Freund zu sich eingeladen. Er verspürte nicht die geringste Lust die nächste Woche anderswo zu verbringen, aber nun hatte er ihm schon zugesagt.

Ferdinand stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf und versuchte die Bilder zu vertreiben, die durch seine Gedanken wirbelten.

Er kam mit dem Frühbus am Montagmorgen zurück. Es war wieder nicht Reisdorfs Schicht gewesen, und er hatte die ganze Fahrt schweigend auf seinem hinteren Stammplatz gesessen und aus dem Fenster geschaut. An der Endstation im Dorf nahm er seine kleine Tasche, stieg aus und ging die Hauptstraße hinauf. Brot, Butter und etwas Kaffee würden ausreichen, hatte er sich unterwegs überlegt. Er stieg die beiden Stufen zur Haustüre hinauf und öffnete die Ladentür. Abrupt blieb er stehen. Die Frau hinter der Theke war nicht Selma Leitner, auch wenn er sie eine Sekunde lang dafür gehalten hatte.

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Release date on Litres:
23 December 2023
Volume:
231 p. 2 illustrations
ISBN:
9783957442840
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