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Thomas Brose
Kein Himmel über Berlin?

Thomas Brose
Kein Himmel über Berlin?
Glauben in der Metropole
Mit einem Geleitwort von Weihbischof Matthias Heinrich und einem Nachwort von Felicitas Hoppe
Butzon & Bercker
Für Heinz Hirschberg
„Orientierung durch Diskurs“ Die Sachbuchsparte bei Butzon & Bercker, in der dieser Band erscheint, wird beratend begleitet von Michael Albus, Christine Hober, Bruno Kern, Tobias Licht, Cornelia Möres, Susanne Sandherr und Marc Witzenbacher.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Gesamtprogramm von Butzon & Bercker finden Sie im Internet unter www.bube.de
ISBN 978-3-7666-1863-4
E-Book (Mobi): ISBN 978-3-7666-4267-7
E-Book (PDF): ISBN 978-3-7666-4268-4
E-Pub: ISBN 978-3-7666-4269-1
Fotos Umschlaginnenseiten: © Frank Vetter, Walter Wetzlar
Informationstexte Umschlaginnenseiten: © Pressestelle Erzbistum Berlin
Abbildung „Romano Guardini“: © Archiv Freundeskreis Mooshausen
Die Rechte für die übrigen Abbildungen liegen beim Autor.
Briefe Guardinis (Dokument 9):
Alle Autorenrechte liegen bei der Katholischen Akademie in Bayern.
„Ich fühle, daß Großes im Kommen ist.“ Romano Guardinis Briefe an Josef Weiger 1908 – 1962, hrsg. von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
1. Auflage 2008, 240 f; 243 f; 246 f; 250 f.
© 2014 Butzon & Bercker GmbH, Hoogeweg 100, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Christoph M. Kemkes, Geldern
Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Printed in the European Union
Inhalt
Geleitwort Weihbischof Matthias Heinrich
Vorwort
Einleitung: Stadt ohne Gott?
I. Himmel und Metropole
Ein religiös-politischer Erinnerungsort
Kirche in Berlin: Spiegel der Zeitgeschichte
Wie mir Romano Guardini begegnete
Himmel über der Halbstadt
II. Christ und Stadt
Babel und Bibel
Glaube, Geschichte und Großstadtleben
Die Metropole Berlin: Unheilig – Heilig
Magnet Metropolis: Die Großstadt-Welt in einem Film
Modern in Metropolis? Vision und Wirklichkeit
Zwischen Babylon und Jerusalem
Menschenwürdig in der Großstadt
Stadtmitte
Alfred Döblin: Literarisch-theologische Stadterkundung mit Franz Biberkopf
Bertolt Brecht: Glückssuche auf der Großbaustelle des Lebens
Michail Bulgakow: Auf teuflische Weise Gutes bewirken in Moskau und Jerusalem
Katholisch in Berlin
Vorsicht, Katholiken: In der Hauptstadt nicht vorgesehen
Die Gründung des Bistums Berlin
Doppelt fremd
Theologie für die Großstadt: BERLINER ANSATZ
Carl Sonnenschein
Dietrich Bonhoeffer
Romano Guardini
III. Memoria und Mauerfall
Heimatkunde
Weltall – Erde – Mensch
Wie macht man eine Revolution?
Weltveränderung Berlin 1989
IV. Glaube vor Ort
St. Hedwig
Gedenkkirche Maria Regina Martyrum
Im Herzen der Hauptstadt
Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Katholische Akademie in Berlin
Humboldt-Universität und „Guardini“
V. Zeit und Stadt
Berlin im Überblick: Religion und Gesellschaft
Berlins katholische Bischöfe im Überblick
Religion in Deutschland und Berlin im Überblick
Religion in Deutschland
Religion in Berlin
VI. Kirche und Gesellschaft
Dokument 1: Carl Muth und die Zeitschrift „Hochland“
Dokument 2: Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann
Dokument 3: Ausrufung der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht
Dokument 4: Die Tagebücher von Harry Graf Kessler
Dokument 5: Carl Sonnenschein
Dokument 6: Berliner Vaterunser (Carl Sonnenschein)
Dokument 7: Ernst Thrasolt
Dokument 8: Kurt Tucholsky
Dokument 9: Romano Guardini
Nachwort Felicitas Hoppe
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Geleitwort
Weihbischof Matthias Heinrich
Der Himmel über Berlin ist nicht nur ein Thema für Meteorologen oder Filmemacher. Auch und gerade Theologen könnten dazu einen entscheidenden Beitrag leisten, wobei Himmel dann eben mehr meint als „only sky“.
Geistreiches und weniger Geistreiches ist denn auch zu diesem Thema gesagt worden, ohne dass es damit schon erschöpfend behandelt wäre. Insofern ist das jetzt vorliegende Buch Kein Himmel über Berlin? eine Bereicherung, nimmt sich der Verfasser, Thomas Brose, dieses Themas doch aus unterschiedlichen Perspektiven an und versucht es nutzbar zu machen für eine generelle „Theologie der Stadt“.
Das Fragezeichen im Buchtitel kann zudem deutlich machen, dass es hier nicht nur um Antworten geht, sondern auch Fragen gestellt werden, ohne damit gleich infrage zu stellen.
Als einer, der in dieser Stadt geboren und aufgewachsen ist, habe ich ganz persönlich erleben können, wie viel sich hier – nicht erst durch den Mauerfall – immer wieder verändert hat.
Der bitter-geheimnisumwobene Charakter des „Kalten Krieges“ und der revoltierend-morbide Charme der Sechziger- und Siebzigerjahre ist vielfach einer oberflächlichen Partylaune gewichen, was der Attraktivität der alten und neuen Hauptstadt allerdings keinen Abbruch getan hat.
Multikulti und Eigenvermarktung, Selbstverwirklichung und Toleranz sind zu Lieblingsworten dieser Stadt geworden, wenngleich manche behaupten, es sei gar kein Selbst mehr da, das es zu verwirklichen lohnt, und in Berlin müsste man das Wort Toleranz wohl eher mit einem doppelten „l“ schreiben. Nichtsdestotrotz hat sich der Eindruck erhalten, hier könne jeder „nach seiner Façon selig“ werden. „Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin“, jene alte Persiflage zitieren viele auch heute noch.
Und in der Tat hatte und hat Berlin viel Positives und Ansprechendes, viel Interessantes und Originelles und eben viel Ver-rücktes zu bieten: Natur und Kultur, Weltweite und Esprit, Armseligkeit und Glanz, Herz und Schnauze.
Religion hat es angesichts solcher, historisch unterschiedlicher Gemengelage in Berlin allerdings niemals leicht gehabt. Das ist, wie der Verfasser deutlich machen kann, kein neuzeitliches Phänomen. Gerade die katholische Kirche kann ein Lied davon singen.
Dass aber auch der Katholizismus das Bild dieser Stadt durchaus mitgestaltet hat, verdankt er Menschen, die dem katholischen Glauben hier ein Gesicht und eine Stimme gegeben haben. Auch von solchen Menschen ist in diesem Buch dankenswerterweise zu lesen.
Will man den Himmel über Berlin auf diesem Hintergrund beschreiben, steht für mich fest: Es gibt den Himmel – auch über Berlin.
Diese Stadt ist keine gottlose Stadt, auch wenn sie sich oftmals so geben möchte. Aber zur Gottlosigkeit gehören eben zwei: Gott selber, der sich entzogen hat, und der Mensch, der sich von Ihm lossagen will. Und selbst wenn man Letzteres unterstellte, bleibt noch das Wort des hl. Augustinus: „Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir.“
Doch muss man so weit m. E. gar nicht gehen. Wer die religiöse Szene Berlins betrachtet, kann nicht verleugnen: In dieser Stadt leben die oftmals totgesagte Religiosität und auch der christliche Glaube. Allein im ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg sind dreißig Mitgliedskirchen zusammengeschlossen, die gemeinsam versuchen, ihren christlichen Glauben zu leben und zu bezeugen. Hier gibt es starke jüdische sowie muslimische Gemeinden, und es gibt eine große Zahl von ehrlichen Gottsuchern.
Die katholische Kirche in Berlin jedenfalls hat – entgegen mancher gegenteiliger Prophezeiung – alle politischen Systeme überlebt, ja sie wächst – wenn auch durch nationale wie internationale Zuwanderung. Und ich habe nicht wenige getroffen, die ihre „ererbte“ katholische Sozialisation erst in dieser Stadt wirklich reflektieren mussten und so zum Glauben (zurück-)gefunden haben.
Aber ebenso muss man sagen: Der Himmel über Berlin ist bewölkt.
Denn tatsächlich gibt es in dieser Stadt Gottvergessenheit und (kämpferischen) Atheismus. Es gibt religiöse Blindheit, Interessenlosigkeit und religiösen Analphabetismus. Es gibt Heidentum und Heidenangst. Und es gibt eine besinnungslose Aktivität, die versucht, die religiösen Bedürfnisse der Menschen zu überspielen.
Nicht wenigen gilt Berlin zudem als „Hauptstadt des Okkultismus und der Esoterik“, in der sich viele in einer Supermarktmentalität ihre persönliche Religion aus unterschiedlichen Religionen oder Pseudoreligionen patchworken. Möglichkeiten dafür gibt es hierzulande genug.
Einer christlichen Kirche jedenfalls gehört nur noch etwa jeder dritte Berliner an – mit absteigender Tendenz. Und mancherorts ist der christliche Glaube müde geworden. Von einer heiteren Wetterlage kann also kaum gesprochen werden.
Aus all dem Gesagten folgt deshalb für mich:
Der Himmel über Berlin muss offen gehalten und auch „geerdet“ werden – um der Menschen willen.
Dazu bedarf es einer Kirche, die im Leben der Stadt präsent ist, einer Kirche, die sich zu Wort und zu Tat meldet, gelegen oder ungelegen.
Dazu braucht es Menschen, die der christlichen Botschaft ein authentisches Gesicht geben, Menschen wie Carl Sonnenschein und Romano Guardini, wie Bernhard Lichtenberg und Dietrich Bonhoeffer, wie Maximilian Kaller und Alfred Bengsch, Menschen, die ihren Glauben leben.
Und schließlich braucht es eine „Theologie der Stadt“, die „geerdet“ ist, d. h. eine Theologie, die nicht Wort oder Idee bleibt, sondern Fleisch wird, verständlich und greifbar auch noch und gerade für eine urbane Glaubenslosigkeit.
Eben für eine solche Theologie will der Verfasser werben.
Den Himmel über Berlin offen zu halten, bleibt somit Aufgabe für Gegenwart und Zukunft.
Das Buch von Thomas Brose kann dafür Hilfestellung leisten.
Vorwort
Dass ich eines Tages dieses Buch schreiben werde, habe ich gehofft – seitdem ich die Mauer das erste Mal überwunden habe: am 9. November 1989. Davor war es für mich zwar möglich, vom Ostteil Berlins nach Sofia oder Bukarest zu reisen, aber undenkbar, die andere „Halbstadt“ zu besuchen – und plötzlich genügte eine einfache S-Bahn-Fahrt, um vom „Tränenpalast“ an der Friedrichstraße zum Bahnhof Zoo zu gelangen. Die Friedliche Revolution hat Europa und die Welt verändert – aber nirgendwo radikaler als in Berlin.
Seitdem ist die deutsche Metropole dabei, ihre alte Schwerkraft wiederzuerlangen und erneut Weltstadt zu werden. Wie nach dem Ersten Weltkrieg gewinnt die Frage nach Religion und Urbanität so herausragende Bedeutung. Dieser Band hat deshalb ein großes Thema: Er handelt von Babel und Bibel, genauer von der Möglichkeit, eine Theologie für Berlin zu entwickeln und damit der postsäkularen Gesellschaft auf die Spur zu kommen. Wie also sind Glaube, Gott und Großstadtleben verbunden?
Dieses Buch brauchte Zeit zum Wachsen: Wenn ich unterwegs war, habe ich Gedanken auf Zetteln, Zeitungsrändern oder Buchseiten notiert. Der Text entwickelte sich dann weiter, indem ich mit Freunden sowie Kolleginnen und Kollegen aus Theologie, Philosophie, Geschichte, Religions- und Kulturwissenschaft darüber diskutiert habe. Viele waren daran beteiligt, ein neues Forschungsfeld zu erkunden. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.
Mein Dank gilt in besonderer Weise dem Berliner Weihbischof, Dr. Matthias Heinrich, sowie der Schriftstellerin Felicitas Hoppe, die diesen Band durch ein Wort „Zum Geleit“ und ein Nachwort gewürdigt und bereichert haben; ich sehe darin einen ermutigenden Ausdruck katholischer Weite.
Was vor fünfundzwanzig Jahren mit einer Buchidee zum Himmel über Berlin begann, hat der Verlag Butzon & Bercker mit Berthold Weckmann aufgegriffen und in feste Form gegossen. Auf zugewandte Weise wurde ich von Christine Hober zum Weiterschreiben ermutigt; durch das kluge Lektorat von Bruno Kern hat das Buch den Weg zum Publikum gefunden. Ihnen allen sei herzlich gedankt.
Berlin, am Fest der hl. Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein), 9. August 2014
Thomas Brose
Einleitung: Stadt ohne Gott?
Uralt ist die Vorstellung von der Existenz heiliger Orte. Die Metropole Berlin scheint heute für viele – in Negation dieser wirkmächtigen Vorstellung – ein ganz und gar unheiliger Platz zu sein: eine Stadt ohne Gott. „In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang / Versehen mit jedem Sterbesakrament: / Mit Zeitungen. Und Tabak. Und Branntwein.“ Der fortschrittsgläubige Bertolt Brecht (1898 – 1956), der im Gedicht Vom armen B. B. die urbane Welt der 1920er-Jahre besingt, hat Anteil daran, dass die moderne Großstadt unter Gläubigen nicht gerade den besten Ruf genießt, sondern als religionszerstörend gilt. Auf der anderen Seite der politischen Skala verklärt Oswald Spengler (1880 – 1936) das Landleben zur beschaulichen Idylle. Der Untergangsprophet lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass Berlin-Babylon mit seiner Massenkultur, mit „Kino, Expressionismus und Boxkämpfen“ längst seinem Ende entgegentaumelt.
Dabei sind Glaube, Gott und Großstadtleben, das Säkulare und das Sakrale, historisch auf engste Weise miteinander verknüpft. Große mittelalterliche Städte mit hohen Einwohnerzahlen besitzen ein klar definiertes Zentrum. Die Grundrisse von Paris (100.000), Köln (50.000), Magdeburg (30.000), Straßburg (20.000) oder Erfurt (20.000) stimmen darin überein, dass große Gotteshäuser ihren urbanen Mittelpunkt bilden. In der Vormoderne ist die Affinität von Christsein und Stadt deutlich sichtbar. Denn dort war „die Mitte genau markiert, präzise und sorgfältig gestaltet“, wie der Soziologe Richard Sennett die mittelalterliche Architektur „liest“.1 Zwischen religiöser Sphäre und Alltagsleben bestand eine geradezu osmotische Verbindung. Schließlich führen alle Wege nach Rom, in die Ewige Stadt, wo der Papst residiert und seinen Segen spendet: „Urbi et Orbi“, der Stadt und dem Erdkreis.
Großstadt = Selbstentfremdung = Gottlosigkeit? Sind die modernen Metropolen mit ihren Lebensrhythmen überhaupt dafür geeignet, ihren Bewohnern ein Zuhause zu geben? Brauchen Menschen die Nähe zur Natur, um Sinn fürs Emotionale, Gefühlvolle und Spirituelle zu entwickeln? Die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat sich, angeregt von Edmund Husserl, Max Scheler und Martin Heidegger, auf den Weg gemacht, die Großstadt in ihren vielfältigen Erscheinungsformen – etwa in der Großstadtliteratur – zu begreifen. Dieser Ansatz einer existenziellen Phänomenologie ist prägend geworden für die hier vorgelegten Überlegungen.
Also vielleicht doch lieber ein Exodus aufs Land? Ist die Großstadt tatsächlich eine Stadt ohne Gott, wie der Theologe Harvey Cox (geb. 1929) mit seinem sprichwörtlich gewordenen Buchtitel nahelegt? Der Klassiker The Secular City2 kann für diese Interpretation keineswegs in Anspruch genommen werden. Kritiker urbaner Lebensverhältnisse können sich nicht darauf berufen. Denn der Autor will genau das Gegenteil zum Ausdruck bringen: Die Metropole, so Cox' realistische Utopie, eröffnet dem Christsein neue Räume – nicht zuletzt durch die unmittelbare Nachbarschaft zu anderen Religionen und zu Nichtglaubenden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat daran erinnert, dass es gar keine säuberliche Trennung zwischen Weltlichem und Heiligem gibt. Das Säkulare und das Sakrale durchdringen einander.
Dass das Christentum nicht an einen bestimmten Kulturkreis gebunden sei, davon ist Karl Rahner (1904 – 1984) überzeugt. Nach der anfänglichen Periode (1) eines judenchristlichen Glaubensverständnisses und der ihr folgenden Phase (2) hellenistisch-westlich-abendländischer Imprägnierung müsse sich der christliche Glaube nach zwei Jahrtausenden (3) dafür öffnen, sich weltweit zu inkulturieren. Weil der Mensch auf Glauben angelegt ist, erweist sich auch die Großstadt als genuine Stätte der Transzendenz und als Ort, an dem das Wort „Gott“ zum Vokabular lebendiger Sprache gehört. Der Theologe und Religionsphilosoph formuliert deshalb prägnant: Eigentlich existiert der Homo sapiens nur da ganz als Mensch, wo er das Wort „Gott“ in Freiheit aussprechen kann. Eine Anthropologie ohne Gottesvorstellung, so Rahner, stehe dagegen in Gefahr, das spezifisch Menschliche aufzugeben. Ihr drohe die Zerstörung des Humanen durch die „Rückkreuzung zum findigen Tier“3. Ein Zweites ist jedoch – gerade im Berliner Kontext – mit Dietrich Bonhoeffer und Romano Guardini hinzuzusetzen: Theologie und Kirche stehen vor der Herausforderung, von Gott nicht in einer Weise zu reden, die ihren historischen Ort vor der Emanzipation des modernen Menschen, vor seinem Großstädtisch-Werden, ansetzt. Damit wird nicht allgemeinem Libertinismus oder autonomer Moral das Wort geredet. Im Gegenteil. Es geht vielmehr darum, theologisch zu begreifen, welches Glaubenspotenzial in den vorher gebundenen, jetzt freigesetzten Kräften des Homo sapiens liegt.
Berlin – Stadt und Kirche: Das ist ein packendes Phänomen. Als die Metropole gerade dabei war, sich ihre Weltstadtsporen zu verdienen, veröffentlichte Georg Simmel (1858 – 1918) im Jahr 1903 seinen klassisch geworden Grundlagentext: Die Großstädte und das Geistesleben. Damit avancierte der Berliner Kulturphilosoph zum Begründer einer weltweilt neuen Wissenschaftsrichtung: der Stadtsoziologie. Kaum eine Studie über das Wesen moderner Urbanisierung verzichtet bis heute darauf, diesen Text, der großstädtisches Leben auf seine gesellschaftlich-anthropologischen Folgen hin bedenkt und bei Großstädtern eine mächtige „Steigerung des Nervenlebens“ diagnostiziert, als Referenz zu zitieren. Simmels Analysen, die er mitten im Zentrum der sich neu entfaltenden Lebensform Großstadt, in der Berliner Friedrichstraße, entwickelte, bleiben mit den Themen rationale Verstandestätigkeit, Geldwirtschaft, Marktorientierung der Produktion sowie private Verfügung über städtischen Boden aktuell und zukunftsweisend. „Über seinem Geburtshause (an der Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße) flammte nicht, wie über Betlehems Krippe, der Frieden verheißende Weihestern. Nein! Schreiende Lichtreklamen prahlten von einer Schmutzwelt großstädtischer Lustorgien. Bahnen rasselten! Omnibusse keuchten vorüber. Und die Geschäftswagen stauten sich in den vier einander kreuzenden Straßenzügen.“4 – Wie die Ankunft des messianischen Kindes hat Theodor Lessing die Geburt seines akademischen Lehrers geschildert.
Als Wissenschaftler nähert sich Simmel den neuen sozialen Phänomenen nüchtern und vorurteilslos. Entgegen allen „kulturpessimistischen Vorbehalten seiner Zeitgenossen“ führt das Großstädtische für ihn „nicht zum Untergang der Zivilisation, sondern zu deren Weiterentwicklung!“5 Simmel diagnostiziert jedoch die Herausbildung einer spezifischen Individualität des Städters, die sich durch eine „Steigerung des Nervenlebens“ auszeichnet – ein Echo davon ist bei Kurt Tucholsky nachzulesen. „Noch brausten und dröhnten in ihnen die Geräusche der großen Stadt, der Straßenbahnen, Gespräche waren noch nicht verhallt, der Lärm der Herfahrt […], der Lärm ihres täglichen Lebens, den sie nicht mehr hörten, den die Nerven aber doch zu überwinden hatten, der eine bestimmte Menge Lebensenergie wegnahm, ohne dass man es merkte“, schreibt Tucholsky 1912 in seinem Roman Rheinsberg. „Aber hier war es nun still, die Ruhe wirkte lähmend, wie wenn ein regelmäßiges, langgewohntes Geräusch plötzlich abgestellt wird. Lange sprachen sie nicht, ließen sich beruhigen von den schattigen Wegen der stillen Fläche des Sees, den Bäumen […]. Wie alle Großstädter bewunderten sie maßlos einen einfachen Strauch, überschätzten seine Schönheit und, ohne das Praktische aller sie umgebenden ländlichen Verhältnisse zu ahnen, sahen sie die Dinge vielleicht ebenso einseitig an wie der Bauer – nur von der anderen Seite.“6 Das Großstadtleben beruht nach Simmel auf Machbarkeit, Schnelligkeit und Massenhaftigkeit. Aufgabe einer zeitgemäßen Theologie der Großstadt wäre es demnach auch, die „Schönheit des Gemachten“, die „Gutheit des Schnellen“ und die „Wahrheit des Massenhaften“7 aufzuspüren und zu ergründen.
Wie „Christ und Stadt“ zusammenpassen, ist wesentlicher Inhalt dieses Buches. Damit sich Christsein in einer urbanen Zukunft, die längst begonnen hat, weiter als segensreich für die humanitas des Menschen erweist, ist es entscheidend, dass Glaube und Kirche im religiösen Feld der Cities, der Riesenstädte und Agglomerationen anwesend sind – wie zu den Anfangszeiten des Christentums in Jerusalem, Antiochia, Athen und Rom. Heute lauten die Namen Tokio, Mumbai, Delhi oder Mexiko-Stadt. In den neuen Stadt-Staaten der Welt geht es um grundlegende Probleme der einen Menschheit: Wie gelingt Nachbarschaft von Kulturen und Religionen? Wie glücken Verständigung, Friede und Inkulturation des Christentums in der Lebenswelt Großstadt? Wie erhält der autonome, freigesetzte Mensch Wegweisung für eine ethisch verantwortliche, solidarische Existenz?
Um diese Fragen zu erörtern, ist die Wirksamkeit von drei großstädtischen Theologien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu betrachten: Carl Sonnenschein, Dietrich Bonhoeffer und Romano Guardini. Diese haben – auf exemplarische Weise – durch persönliches Zeugnis und theologische Existenzform das umgesetzt, was ich als BERLNER ANSATZ charakterisiere.
Es war zu keiner Zeit einfach, von Gott zu sprechen. Aber in Berlin scheint es besonders schwer zu sein. Bis zur Zeitenwende von 1989 galt das heutige Erzbistum als „schwierigste Diözese der Welt“. Am Brandenburger Tor kamen sich zwei waffenstarrende Weltsysteme bis auf Ruf- und Hörweite nahe. Was hätte die Welt erwartet, wenn kurz nach dem Mauerbau am regnerischen Abend des 27. Oktober 1961 wirklich Schüsse gefallen wären? Nach sechs Tagen, in denen die Stimmung an der innerstädtischen Grenze immer nervöser wurde, standen sich am Checkpoint Charlie plötzlich zehn sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. Atemlos blickte die Welt in diesem Augenblick auf Berlin. Das gescheiterte Chrustschow-Ultimatum, der Mauerbau und die Kuba-Krise lehrten beide Seiten jedoch, dass weitere Eskalationen in den Abgrund führen würden. Weltpolitisch bewegte das die feindlichen Blöcke mit der Zeit zu einer vorsichtigen Entspannungspolitik im Zeichen von „Wandel durch Annäherung“.
„Wieder in Berlin. Wieder geteilter Himmel und so weiter. Zwei Busse halten vor dem Wahrzeichen der Stadt, in gehörigem Abstand, zwei Führer sprechen dieselbe Sprache und doch nicht dieselbe, zitieren Baedeker oder VEB Brockhaus. Zweimal dreißig Teilnehmer der Stadtrundfahrt staunen hinüber, hinauf, fragen, hantieren mit der Kamera. Klick – klick: der Auslöser. Simultanaktionen. Aber die Erinnerungsfotos zeigen zwei verschiedene Ansichten: auch der rosselenkenden Friedensgöttin [auf dem Brandenburger Tor], die so lange schon – wie lange noch? – vergeblich urbi et orbi ihren Segen erteilt“, so hält Hans Joachim Bonhage 1970 seine Erfahrungen im alten Zentrum der Stadt fest.8
Ohne die zerschnittene Metropole im Brennpunkt der Geschichte hätten sich Politiker in West und Ost, in Washington, Moskau und den beiden Berliner Halbstädten jedenfalls viel Aufregung erspart. Der Kalte Krieg erreichte an der Spree ungeahnte Dimensionen. Aber was wäre aus Deutschland und Europa geworden ohne die geteilte Kapitale? Die Viersektorenstadt war ein ständiger Stein des Anstoßes; beide Blöcke mussten sich immer wieder Neues einfallen lassen, um damit fertig zu werden. In den zwölf Berliner Stadtbezirken, in denen die Westalliierten bestimmten, kamen die ostdeutschen Machthaber nicht zum Zug; „dort fanden ihre Gegner Zuflucht und Unterstützung, dort entwickelte sich allmählich sogar ein Gegenbild zu ihren Vorstellungen, dort war – wohl das Schlimmste – die Alternative zu besichtigen. Was in den Westzonen, später in der Bundesrepublik geschah, kannten die Ostbürger meist nur vom Hörensagen; in Berlin aber konnten sie von den Nylonstrümpfen bis zum Wahlsystem selber prüfen und vergleichen.“9
Welche Sprache spricht die Hauptstadt in der Gegenwart? Gibt es so etwas wie eine Botschaft, die heute von Berlin ausgeht – 25 Jahre nach dem Mauerfall? Ich glaube: Jedes Jahr kommen Millionen von Besuchern auch deshalb hierher, weil sie spüren: An diesem besonderen Erinnerungsort10, der seit hundert Jahren ständig im Fokus der Weltöffentlichkeit stand, lassen sich vitale Erfahrungen machen.
Und weil Berlin anders als Rom oder Paris keineswegs zu den bevorzugten Orten der Weltkirche gehört, ist es an der Zeit, den Himmel über der Hauptstadt neu zu entdecken und zu beschreiben.
I. Himmel und Metropole
Am Anfang stand ein simpler Verwaltungsakt. Das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ wurde am 27. April 1920 von SPD und USPD ins Preußische Parlament eingebracht und konnte – dank Enthaltung der katholischen Zentrumspartei – am 1. Oktober des gleichen Jahres in Kraft treten. Dadurch entstand das politisch-soziale Ballungszentrum Groß-Berlin mit 3,8 Millionen Einwohnern: gebildet aus Alt-Berlin (1,9 Millionen), sieben angrenzenden Städten (1,2 Millionen) sowie 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken (0,7 Millionen), die von jetzt ab einer gemeinsamen urbanen Region angehörten. Damit wurde die zu damaliger Zeit drittgrößte Metropole der Welt aus der Taufe gehoben. In ihr lebten 1930 bereits 4,3 Millionen Einwohner, darunter 440.000 Katholiken.
Ein religiös-politischer Erinnerungsort
Tatsächlich hat die Millionen-, Kaiser- und Weltstadt seit dem Ende des Ersten Weltkriegs wüste Kapriolen hinter sich gebracht. In den Goldenen Zwanzigerjahren galt Berlin als europäische Hauptstadt des Amüsements und Nachtlebens. Dadaisten und Surrealisten eroberten die Bühnen. In Bars wurde Jazz gespielt, und die Berliner tanzten dazu. Aber nach dem Zwischenspiel der Jahre 1924 bis 1929, die so golden nicht waren, wirbelten Willkür und Wahn, Terror und Teilung bald alles durcheinander. Vielfalt und Intellektualität der Metropole wurden systematisch zerstört. Wie viele Reiche zerbrachen in den letzten hundert Jahren? Wie viel Vernichtung und Tod? Wie viele größenwahnsinnige und verbrecherische Pläne, geschmiedet in Berlin, endeten auf dem Trümmerhaufen der Geschichte?
Karl Jaspers, der in den 1920er-Jahren von der Medizin zur Geisteswissenschaft gewechselt war, verfügte über eine umfassende Kenntnis psychiatrischer Krankheitssymptome. Der Philosoph erwies sich daher als besonders geeignet, heraufziehende Krisen und Verwerfungen zu beschreiben. In seiner 1931 publizierten Analyse Zur geistigen Situation der Zeit hat er festgehalten: „Dem Glauben an den Anbruch einer großartigen Zukunft steht das Grauen vor dem Abgrund, aus dem keine Rettung mehr ist, entgegen. Es ist wohl ein Bewusstsein verbreitet: Alles versagt; es gibt nichts, das nicht fragwürdig wäre; nichts Eigentliches bewährt sich; es ist ein endloser Wirbel, der in gegenseitigem Betrügen durch Ideologien seinen Bestand hat. Das Bewusstsein des Zeitalters löst sich von jedem Sein und beschäftigt sich mit sich selbst. Wer so denkt, fühlt sich zugleich selbst als nichts. Sein Bewusstsein des Endes ist zugleich Nichtigkeitsbewusstsein seines eigenen Wesens.“11
Um diesem tief im Untergrund wirksamen Bewusstsein eigener Nichtigkeit etwas entgegenzusetzen, sollte auf dem Boden der deutschen Hauptstadt Germania die bombastische Kapitale eines „Tausendjährigen Reiches“, imposanter als Paris und Rom, entstehen. „Nicht ,Werke für die Ewigkeit‘ vermochte Hitler im Vorkriegs-Berlin zu erkennen, sondern lediglich Bauwerke ,für den augenblicklichen Bedarf‘. Hier ist der Urantrieb seiner Bausucht zu begreifen, die später in Albert Speer ihr williges und ehrgeiziges Werkzeug findet: die Fixierung in Stein als sinnfälliger Ausdruck eines ,Tausendjährigen Reiches‘ von eschatologischer Kraft.“12 Der verhinderte Architekt Hitler entwarf dazu mit Speer, seinem Rüstungsminister und Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, gigantomanische Zukunftspläne mit dem größten Versammlungsort auf dem Globus. „Die größte bis dahin erdachte Versammlungshalle der Welt“, beschreibt Speer Hitlers Pläne für die „Große Halle des Volkes“, „bestand aus einem Raum, der 150.000 bis 180.000 stehende Zuhörer fassen konnte. Im Grunde handelte es sich […] um einen Kultraum, der im Lauf der Jahrhunderte durch Tradition und Ehrwürdigkeit eine ähnliche Bedeutung gewinnen sollte wie St. Peter in Rom für die katholische Christenheit. Ohne einen solchen kultischen Hintergrund wäre der Aufwand für Hitlers Zentralbau sinnlos und unverständlich gewesen.“13 Die „Große Halle“ sowie ein sieben Kilometer langer und 120 Meter breiter Boulevard mit einem gewaltigen Triumphbogen von 170 Metern Breite und 117 Metern Höhe sollten – da, wo sich in mittelalterlichen Städten die Kathedralen befanden – zum neuen Zentrum von „Germania“ werden: das „image des civilisations totalitaires“. Im Mai 1945 wurde der zukünftige Bauplatz der „Welthauptstadt“ von der Roten Armee erobert und von den Alliierten, die zu vier Besatzungsmächten wurden, in Sektoren aufgeteilt.
Aber schon bald fand das Welttheater des Kalten Krieges in Berlin seine beste Bühne. Die deutsche Metropole wurde gleich auf doppelte Weise neu erfunden: als sozialistische Musterstadt und als Schaufenster der freien Welt. „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“, rief der Regierende Bürgermeister von Berlin am 9. September 1948 Hunderttausenden in der blockierten Halbstadt zu. „Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen ist, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.“14 Ernst Reuters religiös konnotierte Botschaft an die Welt macht deutlich: Die geteilte Hauptstadt bleibt eine himmelschreiende Wunde, ein städtischer Raum, aufgeladen mit symbolischer Bedeutung. Nur hier konnte sich darum ein so elektrisierender Augenblick ereignen, wie ihn die weltberühmte Freiheitsrede markiert. Die unübersehbare Menschenmenge vor der Rednertribüne bei der Ruine des Reichstagsgebäudes ist daher zu einer Ikone kollektiver Erinnerung geworden. Ein unvergesslicher Erinnerungsort aus der Frühgeschichte des Kalten Krieges: Als Reuter auf dem Höhepunkt der sowjetischen Blockade der Westsektoren ans Mikrofon trat, schauten tatsächlich die Völker der Erde auf diese Stadt; der Funke sprang über; seine Worte erzeugten ein Echo, das weltweit Widerhall fand; die sowjetische Blockade wurde schließlich aufgehoben, und die Halbstadt West-Berlin begann zu florieren.
Dem Lebenskünstler, Lyriker und Maler Günter Bruno Fuchs (1928 – 1977) gelingt in seinem Gedicht Berlin15 aus dem Jahr 1957 eine beeindruckend-bedrohliche Momentaufnahme der Atmosphäre im Nachkriegsberlin. Die Viersektorenstadt gilt ihm als „Würfelbrett und Jagdrevier“ der Besatzungsmächte. „Der Bär ist noch das Wappentier“, aber die Zukunft erscheint ungewiss, wobei Leben und Sterben („Webers Trauermagazin“) weiter ihren Gang gehen – und die Spree beide Halbstädte heilsam-„bettelnd“ verbindet.
Berlin
Drei Strophen Sonntagssouvenir:
Der Himmel färbt die Dächer leise.
Die Stadt, ein Würfelbrett und Jagdrevier,
summt ihre viergeteilte Weise.
Der Bär ist noch das Wappentier.
Der Hund des Kohlenhändlers bellt.
Nachmittagsstunde. Straßenstille.
Im Rinnstein singt der Zeichner Werner Heldt
den Nekrolog von Peter Hille
auf eine unerlöste Welt.
Vom höchsten Charité-Kamin
fällt eine Zeile Rauch herab
auf die Fassade: Webers Trauermagazin –
(Tritt im Zylinder an des Liebsten Grab!)
Die Spree geht bettelnd durch Berlin.
„Solange eine S-Bahn-Fahrkarte genügte, um ins westliche Deutschland zu gelangen, schien für viele Deutsche im Osten die deutsche Frage noch offen zu sein; es schien nicht alles entschieden und noch Hilfe aus dem Westen möglich. Der Mauerbau zerstörte die Einheitshoffnungen in der DDR, nicht mit einem Mal, aber allmählich. […] Das ,Schaufenster des Westens‘ war vernagelt, die ,Speerspitze der Freiheit‘ stumpf, die ,Brücke‘ zwischen den Deutschen abgebrochen, das ,Symbol der Einheit‘ zum Monument der Trennung geworden.“16 Spätestens mit dem Mauerbau 1961 wurde das Brandenburger Tor zum symbolisch nicht zu überbietenden Gedächtnisort globaler Teilung: Berlin, die einzig geteilte Stadt der Erde mit einer später bis zu 4,10 m hohen und 16 cm starken, L-förmigen Betonplattenwand. Die mehrmals erneuerte Berliner Mauer hatte schließlich eine Gesamtlänge von 166 km, wobei 45,9 km auf den innerstädtischen Bereich entfielen, 120 km auf die Grenze zwischen dem Westteil der Stadt und der DDR. Die einstige Weltmetropole vereinigte damit in sich die beiden Halbstädte (West) mit 2,2 Mio. und (Ost) mit 1,2 Mio. Menschen.
„Berlin hat bis heute keinen Frieden gefunden. Es ist nie zur Normalität zurückgekehrt. Es führt seit fast fünfzig Jahren ein Inseldasein zwischen den Fronten des alten Krieges, ein Niemands-Land, das noch dazu seit bald 30 Jahren durch eine Mauer geteilt ist: ein geteiltes Bruchstück. Welche Stadt kann das aushalten? […] Aus der extrovertierten Weltmetropole wurde die introvertierte Insel, in der die Spannungselemente wie unter Laborbedingungen aufeinanderprallen. Linke und Rechte, Alternative und Konservative, Ausländerproblem und Studentenprotest – alles tritt in Berlin unverhüllter und schärfer zutage. Die deutschen Verhältnisse finden in Berlin ihren deutlichsten Ausdruck, einschließlich des Besatzungsregimes, unter dem die Stadt fast ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende immer noch lebt“, schreibt Heinrich Jaenecke im Sommer 1989 vor allem mit Blick auf den Westteil der Stadt.17 Dass Berlin tatsächlich neuralgischer Punkt globaler Konflikte und intellektuelles Zentrum der Ost-West-Konfrontation war, bringt Boris Groys zum Ausdruck: Viele Intellektuelle, so der Philosoph, „waren stark elektrisiert, waren enerviert, involviert, alle hatten das Empfinden, Medium der Weltpolitik zu sein, an einem Ort zu leben, der mit der ganzen Welt nicht nur äußerlich, sondern innerlich verbunden ist. Durch ihre Körper und ihr Nervensystem waren sie in Netze eingebunden; sie empfanden körperlich nach, wie die Welt sich fühlte – das hat mir gefallen.“18
An keinem anderen Ort auf dem Globus waren daher Glücksmomente und Freudentränen beim Fall des Eisernen Vorhangs heftiger als hier. „Die Bilder von den jubelnden, Sekt versprühenden, ohnmächtigen Wasserwerfern standhaltenden Menschen auf der Mauer sind zum Zeichen für das Ende einer leidvollen Epoche, ja einer ganzen Jahrhundertgeschichte geworden. Diese ökumenische Bedeutung wird das Brandenburger Tor behalten; in der Nacht vom 9./10. November 1989 wurde es umgetauft.“19
Dass sich Geschichte nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum ereignet, darauf hat Karl Schlögel aufmerksam gemacht. Immer wieder kommt der Historiker auf die Friedliche Revolution zu sprechen; sie markiert für ihn einen welthistorischen Einschnitt: „Nicht nur ein Imperium hatte sich aufgelöst, sondern auch der Raum, der Ostblock hieß. Nicht nur eine politische Revolution hatte sich ereignet, sondern eine ,Raumrevolution‘, die keinen Aspekt des Lebens unberührt gelassen hatte. 1989 war das Datum, das das Ende der Nachkriegszeit bezeichnete, die Berliner Mauer war der Ort, an dem sie zu Ende gegangen war. Unter den Augen der bald hoffnungsfrohen, bald verängstigten Zeitgenossen lief ein Lehrstück ab, um das andere Generationen sie beneidet haben würden. Sie wurden Augenzeugen, wie die Welt aus dem einen in einen anderen Zustand, aus dem Davor in ein Danach überging.“20 Tatsächlich ist Berlin seit 1991 wieder Regierungssitz. Angesichts der dramatischen Raum-Revolution wird aber zugleich klar: Die Metropole an der Spree ist mehr als eine große Stadt. Sie ist gesellschaftspolitischer Brennpunkt für ein ganzes Land und mehr: kulturelles Zentrum mitten in Europa. „Was die Stadt Berlin interessant macht“, erklärt der Religionsphilosoph Hans-Joachim Höhn, sei „ihre selbstauferlegte Nötigung, mit dem Sitz von Regierung und Parlament, nicht nur die ,Kapitale‘ des vereinten Deutschland zu sein, sondern ebenso als kulturelle Metropole möglichst rasch wieder jenen Weltruf zu erlangen, den sie einst in den Zwischenkriegsjahren des 20. Jahrhunderts besaß.“21
Was Räume und Orte angeht, die für den „christlichen Glauben“ besondere Relevanz besitzen, haben die beiden Kirchenhistoriker Christoph Markschies und Hubert Wolf eine Pionierleistung vollbracht. Das von ihnen herausgegebene Lese- und Studienwerk trägt den Titel Erinnerungsorte des Christentums22. Damit nehmen die bekannten Wissenschaftler den ganzen Orbis christianus in den Blick. Einleitend zu ihrem Sammelband bemerken die Forscher: Die Identitätsstiftung des Glaubens beruht ganz wesentlich auf „memoria“. Sie greifen damit das Konzept der „Erinnerungsorte“ und geistigen Kristallisationspunkte des französischen Historikers Pierre Nora auf, geben dem Ganzen aber eine spezifische Begründung. „Erinnerung ist nicht irgendeine periphere theologische Kategorie des Christentums. Im Gegenteil. Gedächtnis ist ein theologischer Zentralbegriff, denn als Offenbarungsreligion ist das Christentum eine Erinnerungsreligion.“23
Die beiden Theologen bieten eine beeindruckende Topografie des Glaubens. Dazu schicken sie vierzig Autoren ins Treffen, um das Terrain des Christentums sorgfältig zu vermessen. Bei dieser Kartierung entsteht das Panorama einer Erinnerungsreligion mit buchstäblichen und metaphorischen „Orten“. Keine Frage: Vor allem die sieben „Zentralorte“ mit Rom (Walter Kasper), Konstantinopel (Martin Tamcke), dem calvinistischen Genf (Jan Rohls) und lutherischen Wittenberg (Wolfgang Huber) vermitteln eine lebhafte Vorstellung davon, was es überhaupt heißt, Christ zu sein und eine konfessionelle Identität zu besitzen.
Aber anders, als die ambitionierte Einleitung in Aussicht stellt: nämlich – um es mit Friedrich Schleiermacher zu sagen – gerade den „Gebildeten unter den Verächtern der Religion“ eine Vorstellung davon zu vermitteln, was Glauben in der Gegenwart heißt, steht dieser „nachbarschaftliche“ Aspekt nicht im Vordergrund. Es scheint vielmehr, als würde zum Verstehen des Bandes bereits eine allgemeine „Christlichkeit“ als etwas „Normales“ vorausgesetzt. Davon ist aber immer weniger auszugehen. Ostdeutschland bietet dafür Anschauungsunterricht – fast 75 Prozent der dort lebenden Menschen gehören keiner Religion an. Wo jedoch – wie auch in Berlin – bald drei Viertel der Bevölkerung nicht mehr getauft sind, ist Christsein etwas Erklärungsbedürftiges und Besonderes. Ein genaueres Hinsehen, das die Existenz von Nichtglaubenden und anderen Religionen ins christliche Sprechen und Argumentieren einbezieht, erscheint daher unbedingt notwendig.
Wenn selbst Erinnerungsorte in Dresden und Leipzig in dem Sammelband als Chiffren für Kunst bzw. Kirchenmusik behandelt werden – warum ist dann die geistige, politische und theologisch-kirchliche Topografie von Berlin für Christsein in Deutschland ein Totalausfall? Dieser Band unternimmt den Versuch, diese Leerstelle zu füllen.
Kirche in Berlin: Spiegel der Zeitgeschichte
„Dieses Kreuz passte wirklich nur für Berlin“, erklärt mir Wolfgang Weider, als ich ihn auf sein erstes Brustkreuz anspreche. Er trug es ab 1982 als Berliner Weihbischof und wurde damit im gesamten Bistum bekannt. Weider: „Mir kam der Gedanke, etwas von der zerrissenen Situation unserer Stadt auf meinem Bischofskreuz darzustellen.“ Wer heute die Unterkirche von St. Hedwig besucht, findet dieses sprechende Erinnerungsstück, das von dem Künstler Hubert Kleemann aus Neu-Zittau gestaltet wurde, in der kleinen Domschatzkammer. Wie eine Dornenkorne sind da die Konturen der Stadt im Schnittpunkt des Kreuzes abgebildet – für mich ist das die kürzeste Predigt über eine ganze Epoche. „Dieses Kreuz mit dem Hinweis auf die Mauer und West-Berlin war in der damaligen politischen Situation für die ,roten Machthaber‘ natürlich eine Provokation. Ich wurde zwar nie darauf angesprochen, weiß aber heute, dass die Staatssicherheit dieses Symbol sehr wohl verstanden hat“, meint der Weihbischof emeritus nachdenklich.
Tatsächlich spiegelt das Schicksal der katholischen Kirche in der Hauptstadt gemeinsam-geteilte deutsche Vergangenheit in besonderer Weise. Das 1930 gegründete Bistum wurde nach dem Mauerbau – anders als sämtliche Gesamtberliner Institutionen, darunter auch die Evangelische Kirchenprovinz – nicht zerstückelt, sondern konnte seine kirchenpolitische Einheit entlang der systempolitischen Demarkationslinie des Kalten Krieges verteidigen. Nicht zuletzt wurde dies durch die Politik von Kardinal Preysing (1880 – 1950) vorbereitet, der 1947 alle Priester des Bistums dazu verpflichtete, „Erklärungen zu Zeitfragen“ nicht abzugeben. Für solche Statements im Namen der katholischen Kirche sei vielmehr „die Gesamtheit der Bischöfe Deutschlands“ zuständig. Es blieb Wilhelm Weskamm, Preysings Nachfolger, mit seiner ostdeutschen Diasporaerfahrung vorbehalten, auf dem 75. Deutschen Katholikentag 1952 in Berlin zum Bau einer Gedenkkirche zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit aufzurufen. Dieser Plan, der schließlich in Maria Regina Martyrum seine Ausführung fand, wurde von den Machthabern im Ostteil Berlins als Zeichen kirchlich-katholischer Selbstvergewisserung durchaus wahrgenommen.
Das war und ist für katholische Berliner ein Grund, das Pontifikat von Alfred Bengsch (1961 – 1979) als „Bewahrer der Einheit“ besonders in Ehren zu halten. „Der Rat der EKD, deren Vorsitzender Präses Scharf ist“, hieß es dagegen im Neuen Deutschland wenige Wochen nach dem Mauerbau, „hat durch seine offizielle Zustimmung zum Militärseelsorgevertrag der westdeutschen Kirche mit Adenauer und Strauß die schwere Verantwortung und volle Schuld für diese verhängnisvolle Unterwerfung der westdeutschen und Westberliner Kirchenleitungen unter das Kommando der NATO auf sich geladen.“ Wer solche „aggressiven Zielsetzungen“ wie Präses Dr. Scharf und der Rat der EKD vertrete, der könne „selbstverständlich nicht auf dem Territorium der DDR und ihrer Hauptstadt wirksam sein“24.
Dem gebürtigen Berliner Bengsch dagegen gelang es, die Einheit des Bistums nicht zuletzt durch einen Amtssitzwechsel in Richtung Osten abzusichern. Als die DDR das „Fluchtloch“ zumauerte, entging der sechste Oberhirte des 1930 gegründeten Bistums jenem Schicksal, das am 13. August 1961 Präses Scharf als Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg ereilte: die Aussperrung. Drei Tage nach dem Mauerbau dagegen konnte der im Osten lebende Weihbischof – als Nachfolger von Julius Kardinal Döpfner (1957 – 1961) – zum neuen Gesamtberliner Oberhirten ernannt werden.
Dass der kirchenpolitische Weg der Berliner Katholiken jedoch alles andere als klar und deutlich vorgezeichnet war, geht aus einem Brief von Döpfner, der bald darauf Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz wurde, an Bengsch hervor: „Lieber Alfred! Mit tiefer Sorge schreibe ich dir diese Zeilen, die dir wohl qualvolle Überlegungen bereiten, da ich glaube, dir neue Entschlüsse empfehlen zu müssen.“ Der Münchener Erzbischof, der sich als Kämpfer gegen den Kommunismus profiliert hatte, legte seinem pastoral-diplomatisch orientierten Nachfolger nämlich nahe: „Mittlerweile haben sich Tatsachen ergeben, die gebieterisch ein neues Durchdenken fordern. Aus maßgebenden Äußerungen wird deutlich, dass der Bruch zwischen Ost- und West-Berlin als endgültig gedacht ist, dass Ost- und West-Berlin als total entgegengesetzte, unvereinbare Lebensräume gesehen werden. Ein Wirken der Kirche, das der jeweiligen Situation gerecht wird, steht also für diese ideologische Sicht in einem unvereinbaren Gegensatz und kann darum nicht auf die Dauer von ein und demselben Bischof verantwortlich geführt werden. Die Folgerung aus dieser grundsätzlichen Sicht wurde für Präses Scharf gezogen. […] Aber falls du deine Aufgabe jeweils richtig erfüllen willst, und dazu bist du doch fest entschlossen, gehst du unweigerlich dem Punkt entgegen, wo auch deine Stunde gekommen ist. Ich glaube, du müsstest um der rechten Seelsorge in Ost und West willen aus deiner Verantwortung für West-Berlin entlassen werden, solange die gegenwärtige Lage andauert. Wenn du in irgendeiner Weise nach Westen abgeschoben würdest, hätte dies für den Ostteil des Bistums und die Kirche in der DDR unausdenkbar ernste Auswirkungen.“25
Die DDR gestattete Bengsch jedoch, seine im Westteil liegenden Gemeinden zunächst an drei Tagen im Monat zu besuchen. Im Lauf zäher Verhandlungen wurde diese Erlaubnis später auf dreißig Tage im Quartal ausgedehnt. „Auch wenn die DDR die monatlichen Westberlin-Tage erwiesenermaßen erpresserisch handhabte, muss die Ost-West-Zugehörigkeit des Bischofs zum kirchlichen Kapital der Katholiken zu beiden Seiten der Mauer gerechnet werden. Der Ausbau Westberlins zum ,Schaufenster des Westens‘ etwa kam finanziell auch der Kirche Berlins zugute. Ein reges kirchliches Leben, vermittelt durch kirchliche Medien, sollte Ostberliner und ostdeutsche Katholiken ermutigen und die Atheisierungskampagnen der DDR entschärfen. In der Kirche war sogar von der ,Mission Westberlins‘ die Rede.“26
In den Zeiten des Kalten Krieges war es tatsächlich oft einfacher, „von Ost-Berlin nach Pjöngjang zu reisen als nach West-Berlin, obwohl es sich um ein und dieselbe Stadt handelte. Die alten Nachbarschaften von Wien und Budapest, von Sankt Petersburg und Helsinki, von Prag und Nürnberg galten nicht mehr, seit die einen im Bereich des Warschauer Paktes lagen und die anderen im Bereich der Nato.“27 Das alles hat sich vor 25 Jahren grundsätzlich geändert. Berliner reagierten in allen Lebensbereichen besonders sensibel auf politische Vorzeichen am Himmel über der Hauptstadt. Aber wie weiter nach dem Wunder des 9. November 1989? Millionenstädte gab es viele auf dem Globus, aber nur ein geteiltes Berlin. Mit dem Mauerfall ging der Stadt mit einem Mal die Ausnahmestellung verloren. Wurde damit aus dem schwierigsten Bistum der Welt wieder eine ganz normale Diözese?
Dass die einstige „Hauptstadt der DDR“ und die privilegierte Insel „West-Berlin“ keine Sonderrolle mehr spielen sollten, beobachteten manche in Ost und West mit großer Genugtuung. Aber schon bald machten sich Gegenkräfte bemerkbar: Nach der deutsch-deutschen Teilung redete alles vom Zusammenwachsen – und die Hauptstadt wurde plötzlich zur Zukunftswerkstatt und zum Prüfstein für das Deutsche Neuland.
Wie mir Romano Guardini begegnete
Dass so etwas „bei uns“ überhaupt möglich war – noch dazu mitten im Herzen der DDR –, erschien mir ganz außergewöhnlich. Denn die Sozialistische Schule, die mich zu einem Leben ohne Gott erziehen sollte, hatte mir bereits einige Lektionen erteilt. Darum nahm ich jene Ansammlung frommer Gegenstände, die sich in einem öffentlich zugänglichen Geschäft in der Nähe des S-Bahnhofs Marx-Engels-Platz darbot, nicht mehr mit kindlicher Selbstverständlichkeit hin: Kerzen, Kreuze, Rosenkränze und vor allen Dingen christliche Bücher waren in dem Laden direkt am Hackeschen Markt zu haben. War so etwas überhaupt erlaubt? Durfte man das hier außerhalb von Kirchen wirklich verkaufen?
Meine Sorgen sind beim Blättern in einem Erstkommunionbuch zur Ruhe gekommen, aber selbst heute erscheinen sie mir nicht völlig unbegründet. Einen vergleichbaren öffentlichen Laden, der sich als katholische Buchhandlung entpuppte, hatte ich noch nie gesehen. An jenem Tag habe ich in der Schule des Lebens etwas Wichtiges dazugelernt: Die Welt war doch nicht so eindeutig in Schwarz und Weiß geteilt: in Religiös und Atheistisch, in einen privaten Bereich, in dem der Glaube einfach dazugehörte, und in einen schulischen, in dem ein sonntäglicher Kirchgang vom Lehrer mit Lachen und Spott bedacht wurde: „Religion ist was für alte und ungebildete Menschen, die es nicht schaffen, sich auf unsere neue Gesellschaft einzustellen.“
Dagegen wusste ich plötzlich: Mitten in Berlin existiert ein kleines Reich, in dem ein anderer Geist regiert. Hier bildeten die Welt der Bücher und die Welt des Glaubens eine harmonische Einheit. Auf dem Heimweg in der S-Bahn, der mir sehr lang vorkam, habe ich mir über dieses erstaunliche Lese-Land Gedanken gemacht. Ich hatte genug Muße, mir den Namen des Buchladens einzuprägen. Ich fand, er passte gut: „Sonnenhaus Ziegler“.
Dieser Besuch blieb nicht ohne Folgen. Wenn sich unsere Familie in größeren Abständen entschloss, aus dem Umland ins Berliner Zentrum zu fahren, um dort knappe, begehrte Güter und Gerätschaften zu kaufen, bat und bettelte ich, bis ein kurzer Abstecher zum „Sonnenhaus“ genehmigt wurde. Bei solchen Streifzügen wechselten dann nicht nur elektronische Geräte und seltene Südfrüchte den Besitzer, sondern auch Kerzen und christliche Bücher. Wenn ich heute mit dem Finger über meine Bücherregale fahre, finde ich noch einige Bände, die von solchen Tagestouren stammen. Dabei entdecke ich auch Titel aus dem St.-Benno-Verlag, die mir später meine ältere Schwester geschenkt hat und die dem damals Zwölf- oder Dreizehnjährigem ziemlich komisch vorkamen: Glaube – Gnosis – Griechischer Geist oder Theologisches Jahrbuch 1975, in dem mir, wie einige Anmerkungen mit Bleistift zeigen, ein Artikel über Die Unbrauchbarkeit Gottes in einer säkularisierten Welt zumindest kurzfristig Kopfzerbrechen bereitet hat.
Bücher in totalitären Systemen – eine brisante Sache! Darum wurde die Verteilung dieser gefährlichen Güter vom staatlich organisierten Buchhandel genau reglementiert. Guter Lesestoff war knapp. Er gelangte zuerst in die Buchläden der NVA, der „Nationalen Volksarmee“, in die Regale sogenannter gesellschaftlicher Einrichtungen und Betriebe und schließlich in den Volksbuchhandel. Das katholische „Sonnenhaus“ musste sich ganz am Schluss der Leseschlange anstellen und darauf warten, was übrig blieb. Bestellungen beim „VD“, dem zentralisierten Vorankündigungsdienst, wurden oft ignoriert. Einen Vorteil aber hatte der Laden: Er durfte auch die Produktion kirchlicher Verlagshäuser, des Benno-Verlags in Leipzig und der Evangelischen Verlagsanstalt in Berlin, im Sortiment führen.
Weil die „Sonnenhäusler“ aber ständig im gesamten Ostteil des Bistums – von der Insel Rügen bis hinauf nach Brandenburg – mit ihren Büchertischen unterwegs waren, wurden sie nicht wie eine private, sondern fast wie eine kirchliche Institution betrachtet. Sie konnten sich auf ihre treue Stammkundschaft in den Gemeinden verlassen. Natürlich fühlten sich auch Touristen vom unkonventionellen Charme des Ladens angezogen. So mischte sich in den engen Gängen zwischen Bücherstapeln meist ein buntes Publikum.
Genau weiß ich nicht mehr, ob ich Zeuge dieses Dialogs war oder ob mir davon erzählt wurde. Jedenfalls ist er für das besondere Klima im „Sonnenhaus“ geradezu typisch: Ein Kunde fragt, wo ein soeben erschienener Band von Böll oder Frisch zu haben sei. Darauf Rudolf Ziegler: „Da müssen sie bloß zwei Stationen mit der S-Bahn fahren.“ „Also von hier aus bis zur Jannowitzbrücke?“ „Nee, andere Richtung.“ Jeder wusste natürlich, dass die nächste Station Friedrichstraße hieß und dass dort die Grenze zum Westen verlief. Es gab nicht gerade viele, die die Chuzpe aufbrachten, so zu reden. Überhaupt muss Rudolf Ziegler, der die Unabhängigkeit seines Bücherreichs lebenslang verteidigte, ein ungewöhnlicher Mann gewesen sein. Kaum 24 Jahr alt, eröffnete er 1925 mit großer Begeisterung für den Quickborn den katholischen „Buch- und Werkladen Sonnenhaus“.
Ich würde einiges darum geben, um zu erfahren, was sich der Bücher-Patriarch dabei dachte, als er meiner fürsorglichen Schwester den Tipp gab, mir, dem fußballspielenden Tagedieb, einen Band mit Aufsätzen von Romano Guardini28 zu schenken. Später erfuhr ich, es soll öfter vorgekommen sein, dass der „Herr der Bücher“ seine Kundinnen und Kunden so beriet, dass sie den Laden mit Ausgaben von Autoren verließen, deren Namen sie vorher kaum kannten.
Das schwesterliche Geschenk verschwand auf Jahre in einem Bücherregal. Lange blieb es dort ungelesen liegen. Es dauerte seine Zeit, ehe ich diese geheime Einladung endlich annahm: Schließlich begegnete mir Romano Guardini beim Lesen, versehen mit einem Gruß vom „Sonnenhaus Ziegler“. Ich entdeckte den Religionsphilosophen zu Beginn der Achtzigerjahre, als ich bereits selbst begonnen hatte, Theologie zu studieren. Das hat mein Leben verändert. Es wurde für mich zum Anruf, im Herbst 1989 mit katholischen jungen Leuten an die Humboldt-Universität zu ziehen und dort eine Forderung zu erheben, die zur Friedlichen Revolution passte: Wir wollen, dass es für Romano Guardini hier einen Neuanfang gibt.
Himmel über der Halbstadt
Eines Tages in den 1970er-Jahren – kurz nach der Entdeckung des katholischen Sonnenhauses – fand auch ich mich plötzlich in luftiger Höhe wieder: Dabei spürte ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Immerhin hatten wir innerhalb weniger Sekunden fast 207 Meter überbrückt. Das erinnerte uns, Mädchen und Jungen aus meiner Schulklasse in einem überfüllten Fahrstuhl, an so etwas wie einen „Raketenstart“. Alle redeten aufgeregt durcheinander. Aber es mussten noch bange Momente vergehen, ehe die Stahltür aufsprang und wir laut lärmend losrennen konnten. Die halbe Klasse – und ich mittendrin – stürmte auf die kreisrunde Aussichtsplattform. Wir waren überwältigt. Mit einem Mal wurde es still. Die ungewohnte Höhe, der wunderbare Ausblick, dazu ein sanftes, sachtes Schwanken und Schwingen des ganzen Baus. Diese Herrlichkeit machte uns geradezu andächtig.
In einem Kinderlied über den Fernsehturm heißt es: „Wollt ihr hinauf zum Turmcafé, / Turmcafé, Turmcafé, / fahrt mit dem Aufzug in die Höh', / Steigt alle ein Raketenstart! / Gleich kommt der Aufzug groß in Fahrt. / Turmcafé, in die Höh, Aufzug groß in Fahrt.“ Der Besuch des monumentalen Bauwerks, den wir damals absolvierten, war zu meiner Zeit obligatorisch. Die himmelstürmende Architektur des Turms mit der markanten Kugel sollte uns, formbare Mädchen und Jungen, von der Überlegenheit des Systems überzeugen. Beim rasanten Hochfahren hatte ich tatsächlich an so etwas wie „Raketenstart“ mit gezündeten Triebwerken gedacht. Allerdings musste ich mir ernüchtert eingestehen, dass sich mein Magen dabei nicht sonderlich weltraumtauglich verhalten hatte. Jedenfalls war der äußere Rahmen unserer Exkursion zur „Stadtkrone“ ganz darauf ausgerichtet, sich tief ins Gedächtnis einzugraben. Und so habe ich diesen Augenblick in Erinnerung behalten – anders allerdings, als sich das die Ideologen ausgedacht hatten.
Ausgerechnet Walter Ulbricht war es, der mir, dem vorlauten Schüler, hoch über den Dächern der Halbstadt eine Lektion erteilte. Dass ich unter dem geteilten Berliner Himmel damals was fürs Leben lernte, halte ich heute für eine List der Geschichte. Der formidable Vorsitzende, für den Architektur gebaute Weltanschauung war und der darum Kirchen als Relikte der Vergangenheit hasste – die Leipziger Universitätskirche, die Potsdamer Garnisonkirche und die Christuskirche in Rostock ließ er bedenkenlos zerstören –, hatte sein Prestigeprojekt zum Ruhm des jungen Staates, aber mehr noch für die eigene Unsterblichkeit erbauen lassen. Zugleich konnte der Mauer-Erbauer aber nicht verhindern, dass der von der Peripherie (Müggelberge) ins Zentrum transferierte Fernsehturm zwar sein Ansehen steigerte, aber auch verdrängte Probleme der beiden Berliner Halbstädte offenkundig machte.
Der Historiker und Korrespondent Peter Bender hat das, was ich als Kind diffus wahrnahm, in begrifflicher Klarheit beschrieben: „Oft vergessen wird schließlich das Dauerproblem, das die Enklave [West-Berlin] ihrem Umland bereitet. Vom Tage der Staatsgründung bis heute [1987] hat die DDR nur eine halbe Hauptstadt – halb im geografischen Sinn, der größte Teil Berlins gehört nicht dazu; halb auch im rechtlichen Sinn, Ost-Berlin ist nach westlicher Auffassung nach wie vor der sowjetische Besatzungssektor der Viermächtestadt. Das gab es noch nie: eine Hauptstadt, die nicht einmal ihren Namen ganz für sich hat, sondern erst durch einen Zusatz, ,Ost‘ oder ,DDR‘, identifizierbar wird. Eine Hauptstadt, die bis in die jüngste Zeit im Schatten einer attraktiveren Schwester stand […]. Eine Hauptstadt, die von den Diplomaten, Korrespondenten und Handelsleuten einfach verlassen wird, wenn die Damen und Herren einkaufen, sich amüsieren oder ungestört bleiben wollen. Eine Hauptstadt, die eine Mauer braucht, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen. Eine Hauptstadt auch, in der fremde Soldaten Kontrolle fahren und die eigene Armee nicht paradieren kann, ohne dass nebenan eine Weltmacht protestiert.“29
Am 3. Oktober 1969 kam der große Augenblick. Im Vorfeld des 20. Jahrstages der DDR-Gründung, also auf dem Höhepunkt ihrer Existenz, „konnte Walter Ulbricht sein persönliches Großprojekt einweihen. Dass Ulbricht dabei von den wichtigsten Funktionären der Partei- und Staatsführung der DDR begleitet wurde, unterstreicht die Bedeutung, die man diesem Bauwerk beimaß. Euphorisch titelte das Neue Deutschland: ,Der Turm – ein Meisterwerk der Republik‘.“30 Beim Aussteigen im 207 Meter hoch gelegenen Telecafé konnte sich der Parteichef mit Recht dem Gefühl überlassen, im Berliner Stadtbild eine unverrückbare Konstante geschaffen zu haben.
Was ich damals beim Turmbesuch fühlte, ging mir unter die Haut: Zum ersten Mal erblickte ich den „Westen“ und sah eine Welt, die gar nicht wirklich existierte. Diese Entdeckung konnte ich kaum für mich behalten. Darum habe ich sie an eine vertraute Mitschülerin verraten. Aber vor unseren Kinderaugen wurde bald etwas sehr Trostloses sichtbar: Mitten durch Berlin zog sich die Mauer. Mit ihrem frisch geeggten Spurensicherungsstreifen sah das aus wie eine Wunde im Gesicht der doppelten Halbstadt. Uns wurde klar, dass es da unten schlimme Dinge gab, auch wenn wir damals noch keine Begriffe dafür parat hatten: Kontaktzaun mit Akustik- und Lichtsignalen, Minenfelder, Patrouillenwege, Hundelaufzonen, Stacheldraht und Spanische Reiter. Jahre später erkannte ich bei einem weiteren Besuch, dass die tödliche Grenze am Abend von Peitschenlampen angestrahlt wurde. Die urbane Welt unten zeigte sich von oben deutlich zweigeteilt in hell und dunkel. Hinter dem Brandenburger Tor begann die Halbstadt zu leuchten.
Im Westen gab es also etwas zu sehen, was eigentlich gar nicht existierte: quirliges Leben. Aus Stadtplänen und Schulbüchern war uns der unzugängliche Teil der Halbstadt nämlich nur als weißlich-beiger Farbton vertraut. Jenseits der Spree – suggerierten die Landkarten – befanden sich allenfalls Seen und Wälder, die in Umrissen angedeutet waren. Diese fremde Welt schien eine Art Reservat für wilde Tiere zu sein. Aber als Kind erblickte ich damals eine einzige Berliner Silhouette.
II. Christ und Stadt
„In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang / Versehen mit jedem Sterbesakrament: / Mit Zeitungen. Und Tabak. Und Branntwein.“ Nicht bloß Bertolt Brecht, der im Gedicht „Vom armen B. B.“ die Welt der Zwanzigerjahre besingt, hat Anteil daran, dass die Großstadt unter Gläubigen nicht gerade den besten Ruf genießt. Auf der anderen Seite der politischen Skala stehen für Oswald Spengler „Kino, Expressionismus und Boxkämpfe“ am Ende einer abschüssigen Entwicklung, die mit der großstädtisch-westlichen Massenkultur definitiv dem Untergang geweiht ist.
Babel und Bibel
Wer die Bibel liest, dem bleibt kaum eine Chance, sich an den großen Städten vorbeizudrücken: Jerusalem und Babylon, Ninive und Nazaret, Athen und Rom – sie alle stehen für mehr als geografische Orte. Im Buch der Bücher geht es aber nicht bloß um Geografie. Daher ist es notwendig, all die klangvollen Ortsnamen zu entziffern. Sie sind Realsymbole für geschöpfliche Wirklichkeit vor Gott: Menschsein in Freude und Angst, verstrickt in Sünde und Schuld, hoffnungsvoll und sehnsüchtig. Dennoch: Glaube und dörfliche Gemeinschaft, Großstadt und Gottlosigkeit – für viele reimt sich das noch heute. Aber die Welt-Gesellschaft ändert sich rasant. Das ist besonders an den urbanen Ballungsräumen abzulesen: Begriffe dafür sind demografischer Wandel, Migration, Integration, Bildung, Krankenversorgung, Gentrifizierung sowie beschleunigter Wandel der Arbeitswelt.
Die Stadt ist Ursprung der Zivilisation, Schmelztiegel von Kulturen und Religionen – ein Ort der Nachbarschaft. Seit Anfang des Jahres 2007, so die definitive Feststellung des Berichts der Vereinten Nationen State of the World's Cities 2006/07 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in städtischen „Agglomerationen“, nicht zuletzt auf dem verstädtertsten Kontinent: dem „katholischen“ Lateinamerika. Gab es im Jahr 1950 erst 96 Metropolen mit einer Bevölkerung von über einer Million Einwohner, geht man heute etwa von 400 solcher Großstädte aus. Als „Megastadt“ wird eine Agglomeration von mehr als 10 Millionen bezeichnet; eine „Megacity“ wie Tokio, Mumbai, Delhi oder Mexiko-Stadt zählt danach 20 Millionen Einwohner. Bis zum Jahr 2030, so die Prognose, werden fast 60 % von geschätzten acht Milliarden Menschen in großen Städten zu Hause sein.31
„Los Angeles, die Stadt der Engel“, erklären Michael Sievernich und Knut Wenzel am urbanen Beispiel, „gilt als paradigmatischer Umschlag einer antik-abendländischen Stadtgeschichte in die gegenwärtige Epoche der Megalopolen. Diese werden uns vor Augen geführt vor allem als ungeheure Gebilde: das schiere Quantum ihrer Ausdehnung, ihrer Einwohnerzahl […], ihre komplex ineinander geschichteten Strukturen, ihre Reproduktionsfrequenz – all dies zur ikonisch verdichteten Darstellung gebracht im Bild der endlos identisch in die Fläche reproduzierten Einfamilienhäuser einer Stadt wie Phoenix, Arizona oder der räumlich hochverdichteten Wohnhochhausquartiere chinesischer Städte oder der unüberschaubar fraktalen Topografien lateinamerikanischer Favelas oder der alle politischen, sprachlichen, kulturellen Grenzen unabsehbar überschreitenden Stadtrhizome europäischer Agglomerationen.“32
Glaube, Geschichte und Großstadtleben
Religion und Großstadtleben sind aufs Engste miteinander verknüpft: schon im Alten Orient, später im antiken Athen und schließlich im imperialen Rom. Das illustriert der lateinische Begriff paganus. Er bezeichnet zugleich den Nichtgläubigen sowie den Landmann. Das ist ein sprechender Hinweis: Nicht der ländliche Raum, sondern die große Stadt gilt seit alter Zeit als genuine Stätte der Gottesverehrung. „Von den frühesten Gründungen an bestimmten der Tempel und das Haus des Herrschers sowie die kultisch bedeutsamen Tore das Gepräge der Stadt. Sie hat ihren Stadt- oder Schutzgott, der ursprünglich Herr oder Herrin der Stadt hieß, dessen Eigentum sie ist.“33 Wer sich daher am Leben einer Metropole beteiligte, nahm vor allem am Tempelkult teil. Das gilt auch für Athen.
„Ungeheures ist viel, und nichts / Ungeheurer als der Mensch. / Der nämlich über das graue Meer / Im stürmischen Süd fährt er dahin … / Und so, begabt mit Kunst und Wissen / Über Verhoffen, geht er bald zum / Bösen, bald zum Edlen hin, / Ehrt Gesetze des Landes und Recht / Der Götter vom Eide besiegelt, / Hochstädtisch; unstädtisch.“34 In der Tragödie Antigone, die 422 vor Christus in Athen uraufgeführt wurde, kommt Sophokles der Zerrissenheit des städtebauenden Menschen in besonderer Weise auf die Spur. Dabei geht es um die zeitlos aktuelle Frage: Ist es überhaupt möglich, in der Polis friedlich und gerecht zusammenzuleben? Antigone verkörpert bei dem antiken Autor gegenüber Kreon, dem König und Gesetzgeber von Theben, eine Existenzweise, die sich an göttlichen Geboten stärker orientiert als an staatlichen Gesetzen. Antigone, die Schwester des Polyneikes, übertritt das Gesetz, indem sie heimlich Erde auf den Leichnam ihres Bruders streut und damit den Brauch der Bestattung vollzieht – an einem Stadtverräter und Usurpatoren. Damit nimmt die Tragödie, die Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes eindringlich analysiert, ihren Lauf. Über den Anlass der Auseinandersetzung, die Bestattungszeremonie, hinaus sieht der Altphilologe Michael Grant als eigentliches Thema der Tragödie den Konflikt zwischen den Geboten der Polis „und den höheren Rechten einer ewigen Weltordnung. In der Terminologie der zeitgenössischen Sophisten, deren Denken Sophokles wohlvertraut war, müsste man sagen, dass es um den Gegensatz zwischen dem begrenzten Geltungsanspruch menschlicher Gesetze und Gebräuche (nomos) und den transzendenten Anforderungen ewig gültiger Naturgesetze (physis) geht.“35
Rom bildete über Jahrhunderte den Mittelpunkt des Imperium Romanum. Durch die Pax Romana ordnete das kaiserliche Rom den Erdkreis, den orbis terrarum. Auf dem Forum Romanum befand sich der Nabel der Welt, der umbilicus mundi, von dem alle Straßen des ganzen Reiches ausgingen – und von dem alle Wege vermessen wurden. „Dass die Stadt in Rom wirklich religiös gesehen wurde, zeigt die römische Stadtgründungszeremonie, in der das etruskische Vorbild weiterlebt. Das ,Pomerium‘, die Grenze zwischen urbs und ager (zwischen Stadt und offenem Land), hatte sakralen Charakter und sollte die feindlichen Gewalten abhalten. Sie wurde unter dem Beistand der Priester nach einem religiösen Ritual gezogen. Innerhalb dieses Bezirks legte man die Straßen systematisch in vier Hauptrichtungen an; auf der Kreuzung wurde eine Grube ausgehoben, ,mundus‘ [Welt] genannt, wodurch sich die Stadt als Welt im Kleinen darstellte.“36
Das Christentum verwurzelte sich zuerst in den Großstädten der Antike, keineswegs in ländlichen Regionen. Der Theologe Peter Pilhofer greift eine Terminologie auf, die der Althistoriker Eduard Meyer geprägt hat. Der Neutestamentler unterscheidet danach den „Ursprung“ (Jesus) vom „Anfang“ (Paulus) des Christentums; er macht damit deutlich, dass diese Religion weder exklusiv an ländliche noch an urbane Strukturen gebunden ist. Pilhofer beschreibt mit Blick auf die Synoptiker eine sukzessive Aufwertung kleiner Ortschaften zu regelrechten Städten – sozusagen ad maiorem Dei gloriam. Der Marktflecken Nazaret wird deshalb beim Evangelisten Lukas zur „Polis“. „Jesus wirkt nicht, wie es historisch gesichert ist und bei Markus entsprechend geschildert wird, in einer ländlichen Region, sondern er ist in Städten tätig, wie man das als Christ am Ende des ersten Jahrhunderts sich gar nicht anders vorstellen kann.“37
Wie die Umbrüche der 1989er-Freiheitsrevolution in europäischen Großstädten ihren Ausgangspunkt nahmen – Budapest, Warschau, Prag, Leipzig, Berlin und Bukarest –, so kamen politische und religiöse Reformimpulse auch in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten nicht vom Land, sondern bahnten sich, wie der Neutestamentler Martin Ebner in seiner Studie Die Stadt als Lebensraum der ersten Christen38 zeigt, in den Metropolen ihren Weg: Das Christentum ist in der Stadt groß geworden. Es waren die Großstädte des Römischen Reichs, in denen christliche Gemeinden aus dem Boden schossen – so auch im syrischen Antiochien, mit einer halben Million Einwohner damals die drittgrößte Stadt des Imperium Romanum. Hier entstand erstmals eine Gemeinde, die Juden und Heiden unter einem Dach vereinte. Dieser religiösen Gruppe wurde damals ein Name und damit eine neue Identität beigelegt, die den Unterschied zu einer rein jüdischen Gruppierung markierte: Die Antiochener nannten sie christianoi – die Christusanhänger (Apostelgeschichte 11,26).
Es ist kein Zufall, dass ein identitätsstiftendes Dokument der neuen Glaubensrichtung, der Brief an die Römer, an Christen in der damaligen Welthauptstadt adressiert wurde. „Mit diesem für antike Maßstäbe recht ausführlich geratenen Brief stellte sich Paulus der christlichen Gemeinde in der Reichshauptstadt als von Gott berufener Apostel vor und erläuterte die Grundzüge seiner Missionsbotschaft. Obwohl der im kleinasiatischen Tarsus geborene und nach Jahren der Ausbildung in Jerusalem seit den frühen 30er-Jahren des ersten Jahrhunderts als christlicher Wanderprediger in Syrien, Kleinasien, Makedonien und Griechenland wirkende Jude Paulus die römische Gemeinde persönlich nicht kannte, kündigte er gleich zu Beginn des Briefes an, er werde seine Missionspredigt vor Ort auch noch einmal mündlich wiederholen (Römerbrief 1,15).“39 Auf der Liste des Paulus standen vor allem Großstädte: Damaskus, Antiochia, Ephesus und Rom. Durch die Missionierung der Metropolen machte der Apostel das Christentum zu einer regelrechten Stadtreligion.
„Im Mittelalter wirkt das Symbol der himmlischen Stadt vielfach auf die Gestaltung der städtischen Gemeinwesen ein. In Anspielung auf die heilige Stadt Jerusalem nennt sich die Metropole Köln ,heilig‘ (hille Kölle) und Mainz ,golden‘ (goldenes Mainz). Auf dem Trierer Hauptmarkt wird 985 das Säulenkreuz errichtet, das die apokalyptischen Symbole des Lammes und des Lebensbaums in die Mitte der Stadt stellt. In nicht wenigen Städten (z. B. Köln) wird der Mauerring mit 12 Toren ausgestattet, um durch den Bezug zum himmlischen Jerusalem ein neues städtisches Gemeinschaftsbewusstsein zu verankern.“40 Dass Glaube, Gott und Großstadtleben, das Säkulare und das Sakrale, historisch auf engste Weise miteinander verknüpft sind, lässt sich an großen mittelalterlichen Städten mit hohen Einwohnerzahlen also regelrecht ablesen. Die räumliche Mitte des Gemeinwesens ist daher durch ein architektonisches Zentrum ausgewiesen. Die Grundrisse von Paris, Köln, Magdeburg, Straßburg oder Erfurt stimmen darin überein, dass Hauptkirche, Dom bzw. Kathedrale ihren spirituellen Konzentrationspunkt bilden. Die Affinität von Christsein und Stadt ist deutlich sichtbar.
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