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Thomas Brezina:

Die Freude Notfall Apotheke

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Satz: Isabella Starowicz

Lektorat: Anatol Vitouch

ISBN 978-3-99001-316-8

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Hilfreich in akuten Fällen von Freudeverlust durch Angst, Verzweiflung, Fehler und Jammerattacken

Vorbeugend und stärkend gegen schwachen Selbstwert, schlechte Morgenstimmung und Unzufriedenheit im Leben

Schnell wirksam bei Überforderung, Leere im Kopf und großkotzigen Leuten

Freude als Wundermittel

Freude-Tropfen gegen nervige Partner, Beziehungsstress und Verlorenheit

Spezialmittel für Schönheit, Mut und Mitgefühl

Freude auf Rezept

Seit Erscheinen meines Buches Tu es einfach und glaub daran – Wie du mehr Freude in dein Leben bringst halten mich manche Leute für einen kleinen grünen Elf, der den ganzen Tag vergnügt von Blüte zu Blüte springt und mit Tautropfen Fußball spielt.

Weit gefehlt! Ich bin ein Mensch, und wie jedem anderen fliegt auch mir jeden Tag jede Menge Mist um die Ohren. Auch in meinem Leben geschehen Dinge, die mich erschrecken, erschüttern, mir Angst machen und mich verzweifeln lassen. Es geht rauf und runter, und auch ich ärgere mich manchmal, jammere oder werde wütend.

Das Wichtigste, das ich in meinem Leben gelernt habe: Ein Held der Freude ist, wer immer wieder die Freude in sein Leben zurückbringt, egal was geschehen ist.

Von allein aber passiert das in den seltensten Fällen. Auf eine freudige Wendung zu warten, kann lange dauern. Heute weiß ich, es ist meine Verantwortung, den Blick wieder auf Freudiges zu lenken.

Ich habe einmal gelesen, dass Freude wie die Sonne ist, die immer scheint, auch wenn sich eine dicke Schicht Wolken davorgeschoben hat. Meine Aufgabe ist, mich wie ein Flugzeug über diese Wolken zu erheben, um die Sonne wieder zu sehen. Oder wenigstens ein Loch in die Wolkendecke zu reißen.

Freude im eigenen Leben sehe ich auch als Verantwortung gegenüber den Menschen rund um mich. Meine Freude kann sie anstecken, bestärken, ihnen eine Atmosphäre geben, in der sie sich gerne aufhalten.

In diesem Buch beschreibe ich 21 Dinge, die mir dabei helfen.

Darf ich sie euch auch verschreiben? Probiert sie aus. Wie immer: Vergesst die Tipps, die bei euch weniger gut wirken. Dafür eine höhere Dosis von allen anderen.

Meine persönlichen Freude-Apotheker heißen Ivo und Joppy. Mit ersterem bin ich verheiratet, und der zweite ist mein Jack-Russel-Terrier. Da Joppy wirklich ein Ausbund an guter Laune ist und mich jeden Tag zum Lachen und Schmunzeln bringt, begegnet ihr ihm zu Beginn jedes Kapitels. Auf dem Einband seht ihr meinen Experten auf vier Pfoten auch.

Jede Minute unseres Lebens kommt genau einmal.

Es liegt an uns, womit wir sie füllen wollen. Freude und Begeisterung, Neugier und Offenheit erscheinen mir die beste Wahl dafür.

Ich wünsche euch viel Kraft und ein breites Lächeln. Wie mein guter Freund, Dr. Vijay (und der ist wirklich Arzt!) gesagt hat: Zuerst müssen wir uns mit Freude anfüllen, bis wir überfließen, damit wir viel Freude geben können.

Meine Freude teile ich sehr gerne mit euch!

Ab jetzt ist meine Sprechstunde eröffnet, und ich zeige euch auf den nächsten Seiten die Rezepte für mehr Freude, die ich mir selbst verschreibe.

Das Allerbeste wünscht euch


Hilfreich in akuten Fällen von Freudeverlust durch Angst, Verzweiflung, Fehler und Jammerattacken

Wenn ich einen Fehler gemacht habe …

… dann erinnere ich mich daran, dass es Fehler nicht gibt.

Wie viel Freude bringt es doch, wenn klar ist, dass wir niemals Fehler machen. Mir ist eine Menge an Ärger über mich und an Selbstvorwürfen erspart geblieben, seit ich erkannt habe, dass ich keine Fehler mache.

Natürlich geht immer wieder etwas daneben, denn das ist leider so und gehört zum Leben dazu. Trotzdem würde ich es nicht mehr »Fehler« im herkömmlichen Sinne nennen. Auf euch und euer Tun trifft das genauso zu.

Als Beispiel möchte ich euch etwas aus meinem Privatleben erzählen: Die bisher längste Beziehung meines Lebens hat 19 Jahre gedauert. Das war eine lange, schöne Zeit mit einem Partner, der mich in allem, was ich gemacht habe, irrsinnig toll unterstützt hat.

Das Ende dieser Beziehung aber war absolut schrecklich. Und das Ende hat zwei, drei Jahre gedauert. Erst nach diesen furchtbar mühsamen und traurigen Jahren war der Punkt erreicht, an dem ich in der Lage war, einen Schlussstrich zu ziehen. Ich hatte aus meiner Sicht alles getan, um die Beziehung zu retten, aber es ist einfach nicht mehr gegangen.

Nach dem Ende dieser Beziehung war ich sehr einsam und habe mich sehr, sehr schlecht gefühlt. Einer der Gedanken, die ich längere Zeit nicht loslassen konnte, war dieser: »Wie habe ich nur so einen Fehler machen können, mit diesem Partner so lange zusammenzubleiben? Warum habe ich nicht früher erkannt, dass ich die Beziehung beenden muss?«

Erst viel später, als es mir wieder besser gegangen ist, wurde mir klar, was an diesem Gedanken falsch ist.

Es ist eigentlich ganz einfach:

Wir machen keine Fehler.

Ich nicht, und ihr ganz sicher auch nicht.

Ihr werdet mir jetzt vielleicht widersprechen und mir die schlimmsten Fehler eures Lebens, die ihr immer wieder beklagt und bejammert, aufzählen wollen. Aber dann sage ich: Nur weil euch diese Dinge heute als Fehler erscheinen, heißt das nicht, dass es damals Fehler gewesen sind.

Oder habt ihr den Fehler etwa absichtlich begangen? Habt ihr euch damals hingestellt und gesagt: »So, jetzt mache ich einmal so einen richtig dummen Fehler, von dem ich mir noch in ein paar Jahren denken werde, dass er das Dümmste war, was ich tun konnte.«

Wenn das wirklich so war: Okay, dann gebe ich euch recht. Aber wirklich nur in diesem einen und ziemlich unwahrscheinlichen Fall.

In jedem anderen Fall dagegen habt ihr schlicht und einfach das getan, was euch in der damaligen Situation richtig erschienen ist.

Und weil Menschen sich verändern, ja sogar manchmal wirklich gescheiter werden, seid ihr eben später draufgekommen, dass ihr euch nicht noch einmal so entscheiden würdet wie damals.

Außerdem bekommen wir schon in der nächsten Minute, nachdem wir etwas getan haben, mehr Information.

Nach einer Stunde, einem Tag, einer Woche, einem Monat oder Jahr sehen wir die Sache aus einem völlig anderen Blickwinkel. Wir sind eben etwas klüger geworden (oder vielleicht sogar viel klüger).

Wichtig ist allerdings, wenn etwas nicht gut oder sogar sehr schief gelaufen ist, gelernt zu haben und das Gleiche nicht noch einmal zu tun.

Ihr würdet nicht noch einmal eine Beziehung mit einem Menschen eingehen, von dem ihr jetzt wisst, dass er euch nicht gut getan hat?

Sehr gut.

Ihr würdet nicht noch einmal einen Job annehmen, nur des Geldes wegen, und dafür eine andere Arbeit aufgeben, die euch viel mehr Spaß macht?

Klingt vernünftig.

Heißt das wirklich, dass es damals ein Fehler gewesen ist, diese Entscheidungen so zu treffen?

Überhaupt nicht. Denn es waren eben die Entscheidungen, die euch damals richtig und vernünftig erschienen sind.

Noch einmal:

Wir machen keine Fehler.
Weil es nämlich keine Fehler gibt.

Es gibt nur Entscheidungen, die uns im Rückblick als Fehler erscheinen. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Es bedeutet nämlich, dass wir sofort aufhören dürfen, über vergangene Fehler und verpasste Chancen zu jammern und uns stattdessen damit beschäftigen können, wie wir unser Leben hier und jetzt leben wollen.

Das ist übrigens keine neue Erkenntnis. Schon die alten Chinesen haben das gewusst. Sie hatten folgendes Sprichwort:

»Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, ist vor dreißig Jahren – oder jetzt.«

War es also ein Fehler, den Baum nicht schon vor dreißig Jahren gepflanzt zu haben? Das Sprichwort zeigt, dass die Frage falsch gestellt ist. Sie ist ganz einfach sinnlos. Wenn ich einen Baum pflanzen möchte, dann kann und sollte ich es genau jetzt tun.

Wäre es schön gewesen, das schon vor dreißig Jahren getan zu haben und jetzt den starken Stamm und das weit verzweigte Geäst meines selbst gepflanzten Baumes bewundern zu können?

Ja, sicher. Aber so ist es eben nicht. Also muss ich den Baum jetzt pflanzen, wenn mir das wichtig ist.

Dieses Prinzip gilt aus meiner Sicht buchstäblich für alles im Leben. Wir haben immer nur die Gegenwart, das Hier und Jetzt für unsere Handlungen zur Verfügung.

Hätte ich meine 19 Jahre dauernde Beziehung schneller beenden, mir die letzten Jahre des Leidens sparen sollen?

Aus heutiger Sicht: Ja, wahrscheinlich. Aber damals war es mir eben nicht möglich, ich war noch nicht so weit. Und wer weiß, vielleicht würde ich bis heute darüber nachgrübeln, ob diese Beziehung nicht doch noch zu retten gewesen wäre, wenn ich sie wirklich früher beendet hätte.

Vor allem aber: Ich lebe heute in einer sehr glücklichen Beziehung mit meinem Mann Ivo. Es fehlt mir an nichts. Warum soll ich also »Fehler« in der Vergangenheit suchen?

Wichtig ist aber eines: Schließt einen Vertrag mit euch ab. Tut das am besten schriftlich und wie bei einem Rechtsanwalt oder Notar, mit Unterschrift. Mit diesem Vertrag mit euch selbst und dem Bewusstsein, wirklich euer Bestes zu tun, werdet ihr viel, viel weniger das Gefühl haben, Fehler gemacht zu haben. Rechts siehst du, wie dein Vertrag aussehen könnte.




Mein geheimer Trick bei dicker Luft und missmutigen Gesichtern …

… besteht aus drei Worten, die ich im Notfall viele Male in der Minute und der Stunde denke.

Diesen Trick wende ich bei verschiedenen Gelegenheiten an:

wenn mir eine Person gehörig auf die Nerven geht, ich aber weder aufstehen und gehen kann noch zu streiten beginnen will

wenn ich in eine hitzige Diskussion gerate und alle recht haben wollen (ich auch, aber ich weiß, dass das nichts bringt)

wenn ich Krach mit jemandem hatte und es mir ehrlich leidtut

wenn mich jemand geärgert oder sogar verletzt hat und ich merke, dass ich mich immer mehr darüber aufrege

wenn ich auf der Straße gehe und Leute so missmutige Gesichter machen

wenn ich in einer Besprechung sitze, in der die Stimmung knapp unter dem Gefrierpunkt liegt

Warnung:

Wenn ich euch gleich sage, wie der Trick funktioniert, werdet ihr mich vielleicht für verrückt halten.

Als ich das erste Mal von dieser Technik erfahren habe, konnte ich nicht glauben, dass so etwas funktionieren kann. Die einfachste Form geht so:

In jeder Situation, in der mehr Einklang, freudige Stimmung oder Verzeihen gut wäre, denke ich ständig:

Ich liebe dich
Ich liebe dich
Ich liebe dich

In einem fort und immer weiter. Nur denken. Nur im Stillen. Nicht aussprechen also.

Wichtig aber ist es, diese Liebe auch wirklich zu fühlen. Am besten im Herzen. Ich stelle mir vor, ein Leuchtturm zu sein und jedes

Ich liebe dich
Ich liebe dich
Ich liebe dich

auszusenden wie das die Schiffe rettende Blinklicht, das ein Leuchtturm ausstrahlt.

Wenn mich Leute sehr nerven und ich mich rechtzeitig daran erinnere, mache ich das Gleiche:

Ich liebe dich
Ich liebe dich
Ich liebe dich

Natürlich grinse ich dabei nicht zynisch oder provokant, auch wenn ich das manchmal gerne tun würde. Das aber würde den Effekt kaputt machen. Ich spüre stattdessen einfach nur das warme Gefühl in meiner Brust von

Ich liebe dich
Ich liebe dich
Ich liebe dich

Mir ist es schon einige Male passiert, dass die andere Person auf einmal zu stottern begonnen und von sich aus, ohne Hinweis von mir, nach einer Lösung für unser Problem gesucht hat.

Wenn ihr, so wie ich zu Beginn, der Sache skeptisch gegenübersteht, dann probiert es auf der Straße aus. Auf dem Weg zum Bus, an der Haltestelle, in der U-Bahn, wo auch immer, einfach denken:

Ich liebe dich
Ich liebe dich
Ich liebe dich

Mit größter Wahrscheinlichkeit bekommt ihr – ohne irgendetwas anderes zu tun – positive Reaktionen.

Wichtig:

Es muss aus tiefstem Herzen ehrlich gemeint sein!

Das ist das Schwierige an der Technik und der Grund, warum sie Konzentration und die richtige Einstellung erfordert, um zu wirken.

Die Technik stammt aus Hawaii und trägt den klingenden Namen Ho‘oponopono. Sie wird dort erweitert durch Sätze des Vergebens, mir selbst und anderen gegenüber. Persönlich habe ich vor allem aber das Ich liebe dich verwendet und damit wirklich sehr erstaunliche Erfolge erlebt.

Liebe ist eine starke Energie, und mir erscheint es nur logisch, dass wir diese Energie selbst in Gedanken aussenden können. Negative Nebenwirkungen sind mir keine bekannt. Schaden kann ein Ich liebe dich ebenfalls nicht. Als Alternative zu Groll oder dazu, »So ein Idiot« zu denken, ist es auf jeden Fall vorzuziehen.

Probiert es aus!



Bei Ich-bin-das-ärmste-Schwein-Attacken

… hilft mir Freude von A bis Z.

Die Idee dazu habe ich in einer Ausstellung über Michael Jackson bekommen.

In London gab es vor Kurzem eine Ausstellung mit Portraits und Bildern von Michael Jackson, die verschiedene Künstler fotografiert und gemalt haben. Ein sehr großes Bild hat das ganze Alphabet gezeigt, jeden einzelnen Buchstaben. Die Buchstaben waren verstreut über die riesige Leinwand, und jeder hat den Anfang zu einem Wort über Michael Jackson gebildet.

Als ich die Ausstellung besucht habe, war ich sehr müde, und in den Stunden davor hatte ich jede Menge beruflichen Ärger. Leider kann ich nicht nur den ganzen Tag schreiben, sondern muss mich manchmal auch mit nervigen Leuten herumschlagen.

Die Idee mit dem A bis Z über das Leben von Michael Jackson hat mir gefallen. Ich habe begonnen zu überlegen, wie so ein A bis Z über mich aussehen würde. Vor allem mit Momenten und Dingen, die mir Freude bereiten.

A wie Armbanduhr (Ich liebe Armbanduhren und habe sie früher gesammelt. Heute habe ich noch die sieben liebsten, die mir viel bedeuten. Früher hatte ich mehr. Manche sind Geschenke meiner Eltern, manche habe ich mir zu besonderen Anlässen gekauft.)

B wie Bücher (braucht keine große Erklärung)

C wie China (wo ich völlig unerwartet riesigen Erfolg mit meinen Büchern hatte)

D wie Danke (Um mich zu beruhigen, denke ich oft an alles, wofür ich dankbar bin.)

I wie Idee (Ich liebe das Gefühl, wenn mir etwas eingefallen ist.)

So ging das weiter, und mit jedem Buchstaben habe ich mich wohler gefühlt.

Einfach war das übrigens nicht. Ich habe richtig nachdenken müssen. Allerdings war die Wirkung wirklich unerwartet stark und gut. Mein Frust und Ärger sind dahingeschmolzen wie Schnee in der Sonne. Mit jedem Buchstaben habe ich mich noch ein wenig mehr gefreut.

Es geht nicht um »große« Dinge im Leben, sondern einfach um alles, das Freude macht. Das Alphabet der Freude hilft uns, coacht uns, hält uns bei der Stange, wie ein guter Trainer, der nicht zulässt, dass wir uns hängen lassen.

S wie Spazierengehen (oder Schreiben)

M wie Morgensonne

E wie Espressotasse (Ich habe eine spezielle aus dem Caffè Florian in Venedig, die ich liebe.)

N wie Notizbuch (abgegriffen und alt, aber geliebt)

T wie Tagebuch (Ich liebe es, darin etwas einzutragen.)

Probiert es selbst. Es kann eine ganze Weile dauern, bis euer Alphabet der Freude vollständig ist. Aber es lohnt sich. Bei manchen Buchstaben wird es mehrere Möglichkeiten geben: umso besser! Allerdings ist das kein Ersatz für andere Buchstaben. Ihr solltet trotzdem das ganze Alphabet füllen.



Bei einem Angstanfall …

… denke ich an feine Leute, die im Auto in der Nase bohren.

Als Geschichtenerzähler ist es mein Talent, aus kleinen Beobachtungen oder Erlebnissen große Geschichten wachsen zu lassen.

Leider lässt sich diese Gabe in meinem Privatleben nicht ausschalten wie das Licht im Badezimmer. So kann es leicht passieren, dass in meinem Kopf ungeheure Gedanken-Ketten ablaufen. Ich bin großartig, wenn es darum geht, Gründe dafür zu finden, Angst zu haben.

Ein Beispiel: Ich habe eine wunderbare Assistentin, die meine Termine koordiniert, mit meinen Verlagen in Kontakt ist, mir Tage nur für das Schreiben freihält und noch hundert andere wichtige Dinge organisiert.

Eines Abends habe ich eine SMS von ihr bekommen:

Wir müssen morgen reden.

Wenn ich so etwas lese, dann will ich sofort erfahren, was los ist. Also habe ich sie angerufen – aber ihr Handy war ausgeschaltet. Mehrere weitere Versuche blieben ebenfalls erfolglos.

Und schon ging es in meinem Kopflos. Was ich jetzt beschreibe, ist keine Übertreibung:

Sie schreibt, wir müssen reden, weil…

… sie unglücklich bei mir ist und kündigen will.

Ich war heute in einem Telefonat auch etwas kurz angebunden und vielleicht heftig, weil ich mich über ein unerfreulich verlaufenes Treffen geärgert habe.

Das hat sie mir krummgenommen und will jetzt hinschmeißen. Aber sie kennt sich so hervorragend aus!

Wo finde ich nur einen Ersatz?

Vielleicht will sie sofort gehen, dann stehe ich allein da, und gerade jetzt bin ich ständig unterwegs oder am Schreibtisch.

Das neue Buch wird nie fertig werden, ich werde den Abgabetermin nicht einhalten können, das Buch kann vielleicht gar nicht erscheinen.

Aber es ist doch schon eine Tour durch die Buchhandlungen vereinbart, die muss dann abgesagt werden. Die Buchhändler werden alle sauer auf mich sein.

Das könnte ein negativer Wendepunkt in meinem Arbeitsleben sein … Und so weiter – Horror! Und alles nur wegen einer beängstigenden SMS:

Wir müssen morgen reden.

Gruselgeschichten zu schreiben ist die Kunst, anderen Gänsehaut und wohliges Grauen zu bereiten.

Angst zu haben, bedeutet meiner Erfahrung nach nicht selten, sich selbst die schlimmsten Horrorgeschichten zu erzählen, die in vielen Fällen weder wahr sind noch jemals eintreffen.

Angst lähmt mich und macht mich müde. Ich habe oft dagegen angekämpft, aber das Ergebnis war frustrierend: Ich hatte dann nicht weniger Angst, die Angst ist sogar noch größer geworden.

Meiner Erfahrung nach wächst sie proportional zum Druck, den ich auf sie ausübe. Presse ich sie in ein Loch hinein und ist sie endlich scheinbar verschwunden, dann poppt sie einen halben Meter daneben aus dem nächsten Loch wieder heraus. Manchmal sogar aus zwei gleichzeitig.

Was mir in solchen Situationen hilft, ist, mich an die feinen Nasenbohrer im Auto zu erinnern.

Was geschieht, wenn man an der Ampel neben so einem Nasenbohrer steht, sich zu ihm hindreht und ihn oder sie ansieht?

Meistens spüren die Leute den Blick. Ertappt zieht natürlich jeder schnell den Finger wieder aus der Nase und tut so, als müsste er sich nur auf die Ampel konzentrieren.

Geständnis: Ich mache das auch manchmal, und fast immer sieht es jemand. Peinlich!

Diese Bilder helfen mir bei Angst, weil das, wovor ich mich fürchte, oft eine Art Nasenbohrer ist. Wenn ich mich traue und genauer hinsehe, dann wird meine Angst sehr oft kleiner. Manchmal verschwindet sie sogar zum Großteil.

Außerdem sind Bilder wie der Nasenbohrer Flaggen, die wehen sollen, wenn ein kleiner oder größerer Notfall eintritt, der Angst bereitet. Solche Bilder haben Humor, und der hilft mir immer. Sobald ich an den Nasenbohrer denke, erinnere ich mich selbst daran, mir Fragen zu stellen. Diese Fragen sind das »Hinsehen«.

FRAGEN, DIE GEGEN ANGST HELFEN:

Was ist es genau, wovor ich mich fürchte?

Was wäre das Schlimmste, das geschehen könnte?

Wie wahrscheinlich ist es, dass das geschieht?

Sehe ich das übertrieben? Ist die Sache vielleicht viel kleiner und unbedeutender, als ich sie mir gerade ausgemalt habe?

Genauer betrachtet, passt es zum Beispiel gar nicht zur Art meiner Assistentin, etwas so Wichtiges wie eine Kündigung per SMS vorzubereiten. Es könnte auch viele andere, harmlosere Gründe dafür geben, dass sie morgen mit mir reden möchte.

Und noch genauer betrachtet: Sollte sie sich wirklich entscheiden, schon am nächsten Tag zu kündigen, dann wäre das natürlich ein ziemlicher Schlag. Aber es kommt im Arbeitsleben eben manchmal vor, dass einen gute Mitarbeiter verlassen. Ich bin in der Vergangenheit mit ähnlichen Situationen fertig geworden, ohne dass meine Karriere plötzlich zu Ende war. Auch in diesem schlimmsten Fall würde ich es, wenn es auch weh täte, schon irgendwie schaffen.

UND DIE WICHTIGSTE FRAGE:

Was kann ich jetzt tun, damit das, wovor ich mich so fürchte, gar nicht eintritt?

In unserem Beispiel: Nichts, weil ich sie telefonisch ja nicht erreichen konnte. Also ist es viel gescheiter, mich einfach zu beruhigen. Morgen werde ich sowieso erfahren, was los ist, und es ist viel klüger, dann ausgeruht und entspannt zu sein.

Bitte denkt jetzt nicht, dass ich aufgrund des Nasenbohrer-Tricks ein heldenhafter Ritter geworden bin, furchtlos und unerschrocken. Ich fürchte mich genauso wie jeder andere immer noch vor kleinen und großen Bedrohungen. Aber der Trick schützt mich dann oft davor, dass die Angst zu groß wird. Er ist eine Art Rettungsring, den ich mir selbst zuwerfe.

Eine Freundin von mir denkt statt an die Nasenbohrer lieber an eine feine Dame, die auf dem Parkplatz des Supermarktes versteckt hinter ihrem Auto pinkelt. Wenn sie entdeckt wird, sucht sie schnell das Weite. Sie bevorzugt dieses Bild, und schon wenn sie darüber spricht, muss sie grinsen.

Natürlich könnt ihr eure eigenen Erinnerungen wählen, die euch bei Angst einfallen und den Hinweis geben sollen: Sieh hin! Vielleicht könnt ihr dann mit der Angst und vor allem ihren Auslösern und Gründen besser umgehen.

Übrigens: Die Erklärung, was die SMS meiner Assistentin bedeutete, habe ich am nächsten Morgen bekommen. Meine Assistentin war mehr als erstaunt, gezählte 15 verpasste Anrufe von mir angezeigt zu bekommen. Ihr Handy hat nicht funktioniert und sich, obwohl der Akku noch halb voll war, von selbst abgeschaltet. Die SMS war als Erinnerung gedacht, dass wir morgen über genaue Termine für meinen Urlaub reden müssen. Sie hatte sie nur halb getippt und aus Versehen unfertig abgesendet.

Meine ganze Angst ist also, wie so oft, unbegründet gewesen.


The free sample has ended.

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0+
Volume:
92 p. 55 illustrations
ISBN:
9783990013168
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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