Read the book: «Lockvogel»
THERESE KERSTEN
Therese Kersten:
Lockvogel
Alle Rechte vorbehalten
© 2018 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Lucas Reisigl
ISBN 978-3-99001-282-6
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
INHALT
Doppelt gemoppelt
Ware Liebe
Der fünfte Mann
Der Motor Eifersucht
Ignoranz, Beharrlichkeit – und mein erster Fall
Dick Pics – oder: Das Alter und das Schweinigeln
Die Lizenz zum Flirten?
Oink. Oink. Willst du meine Sau werden?
Wenn Frauen Frauen schöne Augen machen
Die Opfer-Arschloch-Taktik
Karottenmann
Schrecken ohne Ende?
Spätes Glück
Die Nummer am Pool
Willig wider Willen?
Der süchtige Adler
Wäre ich ein Mann, ich wäre …
Paris
DOPPELT GEMOPPELT
Wer sich selbst treu bleiben will, kann nicht immer anderen treu bleiben.
Seltsam, dass dieser Satz Julia immer dann einholte, wenn er ihr so gar nicht gelegen kam. Nicht, weil er sie prinzipiell zu erschüttern verstünde. Nicht, weil er sie auf eigene Umtriebe zurückwürfe. Hier. Heute Abend.
Andererseits wieder doch. Gerade hier. Gerade heute Abend.
Wie auch immer. Jedenfalls schaffte dieser Satz eines: Er führte ihr vor Augen, wie endlos nah Süße und Bitterkeit beisammen lagen, diese vorherrschenden Geschmacksrichtungen auf der Zunge, die sich Leben nannte. War es nun die eigene oder die anderer Leute.
Wer sich selbst treu bleiben will, kann nicht immer anderen treu bleiben.
Längst hatte Julia vergessen, wo sie den Satz gelesen hatte, und auch, wem er zugeschrieben wurde (war es einer der großen deutschen Dichter? Goethe? Schiller? So lange lag die Schulzeit ja noch nicht zurück. Die paar Jahre. Nein. Keiner von denen. Und das andere Extrem? Aber nein. Die schon gar nicht. Nicht selbst ernannte Netzgurus. Wie lachhaft! Schließlich war das ein Sager mit Gehalt.)
War’s der Christian Morgenstern?
Scheißegal. Entscheidend war, jetzt und hier, dass die Menschenmenge, die sie keine hundert Meter voraus im Laternenschein ausmachte, sich in Luft auflöste. Am besten sofort. Ehe sie selbst dort ankamen. Schließlich waren sie nicht zum Vergnügen hier. Julia und Sarah. Zwei Ladies auf … Mission … andererseits … mmhhmm …
Und dann kannte Julia zum Thema noch diesen hier:
Treu bis in den Tod sind nur die Dummköpfe. Die Treue hat ihre Grenze im Verstand.
Der, wusste sie, war wie der Griff ins Klo. Oder auf die zweischneidige Klinge eines Schwertes. Frisch geschliffen, versteht sich. Da wie dort mit bloßen Händen, versteht sich. Das konnte nicht gutgehen. Auch wenn sie sich oft genug genau darin wiederfand.
Ja. Exakt so würde es auch heute Abend laufen. Ob es ihr nun gefiel oder nicht. Sie hatte es im Blut. Weil sie ihre Pappenheimer längst kannte. Weil es einer dieser Abende war, die sie ebenfalls nur zu gut kannte. Einer dieser Abende, dem das Übel vorauslag, obwohl er aufs rechte Gegenteil getrimmt war. Einer dieser vordergründig herrlichen, zauberhaft lauen Abende, die einem schon mal das Herz übergehen, die einen tief nach Atem schöpfen lassen konnten im trügerischen Glauben, nichts wäre mächtig genug, die Stimmung zu trüben.
Oh ja. Sie konnte es verdammt nochmal riechen. Gerade so verhielt es sich jetzt und hier. Alles ringsum wie in Watte gepackt, und die schwüle Lust nach Aufbruch greifbar. Von schräg gegenüber funkelten die Nachtlichter der beiden Museumsriesen herüber. Die Schlussakkorde von Wagners Walküre in der Staatsoper im Rücken hingen noch vage in der Luft. Und aus dem Burggarten zur Rechten trug eine sanfte, nur mäßig kühlende Brise unwiderstehliche Aromen heran.
Bestimmt Jasmin. Oder wenigstens Rosen.
Julia wusste, dass es um diese Jahreszeit in Wirklichkeit nach feuchter Erde und Moos und gewärmten Blättern roch, tatsächlich also modrig und faulig. Doch das, sagte sie sich, sollte nichts zur Sache tun. Insgeheim wollte auch sie an das Ungetrübte glauben. Wie all die Menschen ringsum, denen diese Hoffnung auf die eine oder andere Stunde Unbeschwertheit in die Gesichter geschrieben stand. Einfach ausblenden, dass dort, wo sie und Sarah hinwollten, womöglich ganz andere Gerüche vorherrschen würden. Wenn alles nach Plan lief. Nach wessen Plan eigentlich? Ausdünstungen, die nach menschlicher Niedertracht stanken.
Nein. Daran wollte Julia noch gar nicht denken. Nicht jetzt. Lieber ausblenden. Wie auch die miefige Abgasglocke der vierspurigen Ringstraße, die die Abendstunden nicht fortzublasen vermocht hatten und in deren Riechweite sie beide standen. Julia und Sarah. Einfach ausblenden. Und stattdessen den Duftmolekülen der Vorstellung und ihren eigenen Melodien erliegen. Weil an einem Abend wie diesem im Gehirn bloß ankommen sollte, was auch ankommen wollte: ein wiesenblumenfrisches Bouquet. Es war wie mit einem fabrikneuen Wagen: Er konnte wohlig duften oder abgestanden stinken. Je nachdem, ob der Stolz des Besitzes überwog oder die Sorge um die Leasingraten. Heue Abend jedenfalls war die Welt auf Duft getrimmt.
Frühling über Wien.
Kichernd und beschwingt von einem köstlichen Abendmahl mit gebratenem Seeteufel und Salat und ein, zwei nachgeschossenen Drinks, mehr aber noch in angespannter Erwartung, was da kommen möge, lenkten sie ihre Schritte zielstrebig auf den Abgang zu. Es war kurz vor Mitternacht. Wenig verwunderlich, dass ganze Horden auf dieselbe Location wie sie verfallen waren, abtanzen in der ge, Samstagnacht im Spätmai, und so mussten sie geraume Zeit auf der Treppe ausharren, sich Stufe um Stufe hinabdrängeln, um irgendwann doch noch Einlass zu bekommen.
»Wo sind die Fiaker?«, fragte Sarah, während sie zwei Stufen hinabstieg. Sie hob das Kinn nach der Ringstraße, die nun fast auf Augenhöhe lag.
»Um die Zeit?«, gab Julia ungläubig wider. »Und überhaupt, was willst du mit einem Fiaker? Das ist was für die alten Knacker. Und die Japaner. Und die Dreckskerle, die daheim etwas gutzumachen haben.«
»Stimmt«, sagte Sarah. Ein wissendes Schmunzeln umspielte ihre Lippen. Sie warf einen letzten Blick hinüber zum Ring, ehe es endlich weiter ein Stück treppab ging und sie mit einem Grüppchen in die Katakomben des In-Clubs abtauchten. »Außerdem, wenn ich mich so umsehe, wer braucht schon Fiakerpferde? Freilaufende Stuten gibt’s auch da jede Menge.« Sie lachte laut auf, warf den Kopf in den Nacken, dass ihr die Mähne aufflog.
Julia lachte herzhaft mit. Sie taxierte die junge Frau an ihrer Seite aus den Augenwinkeln. Sarah war, was man echt scharf nannte. Der Reihe nach würden sie auf sie abfahren. Langes, glattes, blitzblondes, gestyltes Haar. Ein hübsches, wie gedrechseltes Gesicht mit maßvoll konturierten Zügen. Ein makelloser Body mit nicht einem überschüssigen Gramm. Wäre sie nicht gefestigt in ihren Vorlieben, und wäre sie nicht ebenso mit einem Selbstbewusstsein und einem Körper ausgestattet, der ihr doch ganz brauchbare Chancen bei Männern einräumte, die sie einmal auserkoren hatte – glatt hätte Julia darauf verfallen können, neidisch zu werden. Oder am besten Sarah gleich selbst anzubaggern.
Doch das stand nicht zur Diskussion.
Es war nicht das erste Mal, dass sie und Sarah gemeinsam auf Tour gingen. Sie waren ein gutes Gespann. Erfolgreich. Einerseits verhielt es sich bei ihnen wie bei Tag und Nacht. Oder Yin und Yang. Oder Sonne und Mond. Teufel und Engel. Andererseits waren sie wie aus einem Guss. Alle beide keine Mitte zwanzig. Alle beide fantastisch aussehend. Alle beide aus demselben Grund hier.
Sie selbst, Julia (darin hob sie sich nun wieder von Sarah ab), hatte sich für den Weniger-ist-mehr-Joker entschieden. Ein Overall in verschossenem Schwarz als schlichtes, fast keusches Outfit. Und gerade darum so reizvoll. Hauteng obendrein. Dazu schwarze, hohe Schuhe. Wie Sarah trug sie ihr Haar offen, kastanienbraun, in fluffig die Schulter hinabwallenden Locken. Einzig schriller Kontrast: der knallrote Lippenstift, den sie aufgelegt hatte.
Beherrschendes Thema beim Abendessen vorhin waren ihre Motive gewesen. Vor allem Sarahs. Was sie daran reizte. Warum sie mit von der Partie war. Warum überhaupt. Warum heute Abend.
»Ich habe meinen Glauben verloren«, sagte Sarah und angelte wie lustlos mit der Gabel nach dem letzten Bissen Fisch.
»Deinen Glauben?«
»Ja. Den Glauben an die Treue. Männer sind Schweine.« Die Erfahrungen mit ihren beiden letzten Verflossenen erlaube ihr keinen anderen Befund als diesen. Bei dem einen habe sie überhaupt erst lange nach der Trennung erfahren, mit wem sie es da zu tun gehabt, mit wem er sie wie oft hintergangen hatte. Darunter der Klassiker: die beste Freundin.
»Darum mache ich es«, sagte sie. Wie auch aus einer Reihe anderer Beweggründe, die sie Julia nach und nach darlegte.
Schweine?, dachte Julia. Ein Buchstabe stieg vor ihrem geistigen Auge empor. Ein fettes, übergroßes S. S wie Schönebeck, jene Stadt im Herzen Sachsen-Anhalts, die ihr vor ein paar Jahren noch Heimat gewesen war. S wie Scheidungskind (auch ohne Heirat der Eltern). S wie Schulabbruch. S wie Schnapsidee. S wie Selfie. S wie Straps. S wie steigern. S wie Sex. S wie siedeln. S wie Stefan.
Stefan.
S wie sympathisch. S wie sprachgewandt. S wie Schmeichler. S wie Schlaftabletten? S wie Schwangerschaft? S wie Sehnsucht nach Sicherheit. Insbesondere aber auch, weil so übermächtig präsent in ihrer jüngsten Erinnerung: S wie Selbstaufgabe. Und, über allem: S wie
Scheißkerl.
Nun waren sie soweit. Endlich Einlass in die Passage. Die mitgeführten dünnen Jäckchen (man wusste ja schließlich nie) an die Garderobe geworfen. Dann ab ins Gewühl. Mit ausgestellten, teils rudernden Armen und im Takt der wummernden Bässe die Menge durchpflügen. Eine erste Runde. Blicke in geisterhaft aufblitzende Gesichter. Datenabgleich. Nein. Und weiter. Quer durch den ganzen verdammten Club. Nichts. Ein resigniertes Kopfschütteln. Ein Drink an der Bar. Lagebesprechung. Eine zweite Runde. Diesmal geteilt. Sarah die eine Hälfe. Julia die andere.
Acht Männer, die Geburtstag feierten. Angeblich. Die mussten doch zu finden sein. Easy cheesy. Die konnten doch nicht … Andererseits, vielleicht waren sie gar nicht …? Vielleicht war auch das bloß …? Das würde bestätigen, was sie im Vorfeld gehört und was sie längst auch selbst zu vermuten begonnen hatte.
Julia war erst ein paar Schritte vorangekommen auf ihrer Solorunde, als sie Sarahs blonde Mähne unvermutet aufblitzen sah. Sie durchtauchte die dampfende Menge mit aller Vehemenz in ihre Richtung. Ein Drängen und Zwängen auf verlorenem Posten und darin ein ähnlich hoffnungsloses Unterfangen wie der Versuch einer Sardine, sich doch noch gegen ihr Schicksal aufzubäumen, wo sie bereits in der Dose lag. Keine drei Meter vor ihr war dann auch Endstation. Eingequetscht zwischen zwei aufgepumpten Hünen, brüllte Sarah ihr etwas zu. Tonlos, wie Julia empfand, denn der Schall der Worte flog mit den dröhnenden Beats von Aviciis Lay Me Down hoffnungslos auf und davon.
»Ich hab ihn«, brüllte Sarah abermals, nun in schrillen Lagen, fast panisch.
Julia las ihr mehr von den Lippen, als dass sie hörte, riss die Augen auf. »Ja? Sicher?«
Sarah nickte aufgeregt. Endlich boten die Muskelpakete einen Spaltbreit Platz, und so zog Sarah sie augenblicklich mit sich fort. »Dieses Schwein!«, fauchte sie in einem fort. »Er knutscht mit irgendeiner Tussi rum.«
Still lächelte Julia in sich hinein, wie zur Bestätigung einer unverbrüchlichen Wahrheit, die sie schon so oft so eindrücklich bestätigt bekommen hatte, während die Kollegin energiegeladen voranstapfte, zielstrebig und unaufhaltsam wie ein Eisbrecher im Polargewässer, dessen stählerner Bug alles aus dem Weg räumte. Es war unübersehbar und zugleich wohlvertraut: Sarah war voll entbrannt, glühte im Jagdfieber, und sie schleppte sie, Julia, nun mit aller Entschlossenheit hinter sich her, um gleichermaßen stolz wie empört ihren Fang zu präsentieren.
»Dort vorne ist er«, rief Sarah und fuchtelte wild mit dem Arm.
Julia dachte an das Foto, das sie aufs Handy geschickt bekommen und das sie beide eben noch eingehend gemustert hatten, bevor sie auf Runde gegangen waren. Auf Kontrollgang. Der Kerl sah darauf alles andere als übel aus. Ende dreißig. Schlank. Hoch aufgeschossen. Kantige Backenknochen. Aber nicht zu kantig. Dunkles, kurzes Haar. Leicht graumeliert. Grundtenor: charismatisch.
Julia sah den Kerl fürs Erste nur von hinten. Das soll er sein? Doch dann, als er sich mit ein paar schunkelnden Bewegungen in ihre Richtung drehte, ohne die Körpereinheit zwischen sich und seiner Begleitung aufzugeben und auch ohne seine Zunge aus ihrem Hals zu bekommen, war jeder Zweifel ausgeräumt: Ja, dieser Scheißkerl.
Wer, verdammt, ist diese Frau?
Da war auch Julia im Jagdmodus. Nun schleppte sie ihrerseits Sarah hinter sich her, hin zur nahen Bar. Während sie zwei Drinks orderte, scannte Julia das Umfeld des Gigolos. Ja, dachte sie, das dürften seine Freunde sein. Sie müssten zusehen, Kontakt zu kriegen.
»Kannst du einen von ihnen anmachen?«, raunte sie Sarah ins Ohr, ohne die Augen von den acht Männern und dem weiblichen Appendix des einen zu nehmen.
Sarah nickte kurz, nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Gin Tonic, dann schlenderte sie los. Betont cool. Julia sah, wie sie ihren Körper auf eine Weise in Szene setzte, die den Widerstand kategorisch ausschloss. Erst recht den des starken, in Wahrheit schwachen Geschlechts. Es sei denn, alle acht waren aus Stahlbeton. Oder vom anderen Ufer.
Keine fünf Minuten später saßen sie und Sarah am Tisch der Gruppe. Ein paar flotte Sprüche. Gelächter. Blickkontakt. Zuprosten. Da eine flüchtige, wie unabsichtliche Berührung am Unterarm. Dort das übliche Geplänkel. Julia maß alledem keine Bedeutung bei. Was wirklich zählte, war er. Um seinetwillen waren sie gekommen.
Er hieß Tobias.
Nach fast schon endlosem Zuwarten, als seine angewachsene zweite Hälfte sich doch einmal von ihm löste, um auf die Toilette oder wohin immer zu tingeln, und auch die Reihe der Freunde am Tisch vorübergehend gelichtet war, ergriff Julia ihre Chance.
»Schade, dass du nicht allein hier bist«, sagte sie.
Tobias sah sie herausfordernd an. »Ja, das ist wirklich schade. So … so interessant, wie du bist.«
Julia ließ es sich nicht anmerken, doch die Blitzartigkeit, mit der Tobias alias Tobi sich bereiterklärte, sie hemmungslos anzubraten, während seine Freundin gerade mal ein paar Schritte entfernt war, machte sie doch einigermaßen sprachlos. Noch dazu, wo sie (wer auch immer sie sein mochte) bestimmt nicht wusste, dass er …
»Tja«, sagte Julia mit verschmitztem Lächeln. »Da bin ich wohl zu spät gekommen.«
»Es ist niemals zu spät.«
»Ach nein? Sieht mir aber nicht danach aus.«
Tobi schnitt eine diffuse Grimasse.
»Um wie viel bin ich eigentlich zu spät?«, setzte sie nach.
Er taxierte sie aus zugekniffenen Augen. »Wenn du es genau wissen willst, um zwei Jahre.«
Tobis Flamme tänzelte zurück an den Tisch und warf sich ihrem Geliebten augenblicklich und auf eine einnehmende, besitzergreifende Art an den Hals, als stünde Ewiges Glück darauf, eingraviert in fetten, bunten Tattoolettern. Während die Unbekannte sich abermals an Tobi zu schaffen machte, löste Julia sich von ihrem Sitz, zwinkerte ihm unbemerkt zu und tanzte wenig später dicht an dicht mit Sarah, die an ihrem Aufriss nur bescheidenen Gefallen fand, was sie durch dezente Zurückhaltung demonstrierte. Mit wenigen Sätzen hatte sie Sarah darüber ins Bild gesetzt, was sie in aller Kürze in Erfahrung gebracht hatte.
»Zwei Jahre schon?«, rief die. Eine Mischung aus Unglauben und Abscheu lag in Sarahs Stimme. »Dieses Dreckschwein!«
Julia nickte. Mission Ärsche hatte Sarah ihr Auftreten heute Abend im Vorfeld genannt. Und sie konnte nicht umhin, ihr uneingeschränkt Recht zu geben. Schlagartig kippte nun auch Julias Stimmung. Es war geworden, was sie vermutet hatte. Und wäre sie privat, rein privat, hier gewesen, mein Gott, wie hätte sie diesem Dreckskerl die Leviten gelesen. Aber so, nein. Das durfte sie nicht. Das war nicht ihre Aufgabe.
Julia hatte mehr als genug gesehen. Sie gab Sarah ein Zeichen. Kurz danach standen sie an der Bar, nahmen demonstrative Distanz ein. Zu Tobi. Zu seiner Flamme. Überhaupt zur ganzen Clique. Zum einen, weil alle beide von Grund auf angeekelt waren, insbesondere von diesem Saukerl mit seiner Andrea, wie sie mittlerweile wussten. Zum anderen aber auch, weil sie sehen wollten, ob er nicht doch bereit wäre, noch einen Schritt weiterzugehen. Darum waren sie letztlich hier. Obendrein hatten sie beschlossen, ein wenig zu feiern. Schließlich waren sie blutjung. Und die Nacht war es auch.
»Rufst du sie an?«, fragte Sarah, während sie an ihrem frisch bestellten Drink nippte.
»Ja«, gab Julia zurück, »aber nicht heute. Würdest du es jetzt wissen wollen? Mitten in der Nacht?«
»Nicht wegen diesem Arsch.« Sarah schüttelte den Kopf, und Julia lachte spontan auf, mehr aus Bitterkeit denn Heiterkeit, doch ihr Lachen ging als ein vermeintlich fröhliches auf die Reise. Und es kam geradewegs dort an, wo es gar nicht ankommen sollte. Eben noch, keine Minute war’s her, hatte Julia erwogen, ob sie nicht doch weitermachen sollten. Ob sie nicht doch noch einen Angriff starten sollte. Eines ultimativen Beweises wegen. Wie auch immer alle beide aussehen mochten. Der Angriff. Und der Beweis.
Und genau da entfuhr ihr dieser Lacher, der auf Reisen ging. Und genau da trat Tobi ihn selbst an: den ultimativen Beweis. Aus gänzlich freien Stücken und im unerschütterlichen Glauben an die Unwiderstehlichkeit seiner Person, an die absolute Kraft seiner Männlichkeit. Eng umschlungen mit seiner Flamme auf der Tanzfläche, mit beiden Händen ihre Pobacken Zentimeter um Zentimeter und auf eine Weise abtastend, als bestünden die Fingerkuppen aus Funksensoren, die ihre Koordinaten direkt in die Datenbank eines Skulpteurs weitergaben, begannen seine Augen, Julia an der Bar auszuziehen. Sie konnte spüren, wie Schicht um Schicht von ihr abfiel. Und dann, als sie ihm wohl bereits splitternackt vor Augen stand, löste er sich mit einem Ruck von seiner Angebeteten, steuerte schnurstracks auf sie zu.
»Here comes Mister Dreckskerl«, knurrte Julia Sarah voller Verachtung aus geschlossenen Zähnen zu, lächelte dabei aber unverfänglich in Tobis Richtung. Blitzartig war er bei ihnen, zwängte sich zwischen die beiden, presste seinen Körper an Julias und orderte zwei Drinks. Währenddessen schob er ihr eine Visitenkarte zu. Unbemerkt, ohne einen Anflug von Nervosität und mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, die auf beträchtliche Routine in solchen Dingen verwies. So schnell er an sie herangerückt war, so schnell war Tobi, zwei volle Gläser in Händen, auch schon wieder weg, ehe sein Vögelchen, das zwischenzeitlich angeflogen kam, sie erreicht hatte.
»Wir gehen«, sagte Julia. Ihr war nicht länger nach Feiern zumute. Feiern? Was auch? Dass sie ein Ekel der Sonderklasse getroffen hatten? Einen Businessman aus dem Bilderbuch, der seit fünf Jahren in festen Händen in Graz war und hier, in Wien, ein nahezu perfektes Doppelleben führte? Aber eben doch nur nahezu perfekt. Weil er in der Unfehlbarkeit, die er in seinem Auftreten für sich reklamierte, doch um einen Tick zu blöd war. Zu hormongeladen. Und darum fehlerhaft agierte. Weil er angefangen hatte, seine Langzeitpartnerin ein ums andere Mal zu versetzen. Weil er Termine, Meetings, Dienstreisen vorschützte, die es natürlich nicht gab. Weil die Ausreden zwar immer schlagartig erfolgten, zugleich aber auch immer schaler, immer billiger, immer unglaubwürdiger ausfielen. Weil er Nachrichten mit schwerem Erklärungsbedarf im Handy hatte stehen lassen. Weil er Frauen unter Männernamen im Kontaktspeicher führte.
Zwei Minuten später waren sie draußen bei der Tür und fassten erstmal tief Atem.
»Willst du sie doch noch anrufen?«, fragte Sarah, da sie sah, wie Julia an ihrem Handy nestelte.
Julia schüttelte den Kopf. »Ich checke bloß die Bilder von drinnen. Das gehört zum Service.«
Nein. Kein Anruf. Nicht mitten in der Nacht. Was sie gesehen hatte, würde bis morgen warten können. Dieses Paket aus Lügen und Testosteron und Selbstüberhebung war es nicht wert, anderen Menschen auch nur eine Sekunde kostbaren Schlafs zu rauben. Das kam ohnedies bald genug. Darum würde sie bis zum nächsten Morgen warten.
Der Gedanke daran schnürte ihr ohnedies die Kehle eng. Jetzt schon, beim allerersten Bissen vom Kebab, den sie sich gleich beim Aufgang des Clubs zur Belohnung gönnten. Das Telefonat. Gleich morgen früh. Schließlich war morgen früh ziemlich bald. Julia gedachte der Fassungslosigkeit, die ihr entgegenschlagen würde. An das Schweigen, das sie nur zu gut kannte. An das Nach-Luft-Ringen. An ein Meer von Tränen, das im Gefolge womöglich durch die Leitung schwappen würde. An die Frage der Fragen, die immer wieder kam.
Warum ich?
Und sie dachte an die systematische Schmierenkomödie, die hinter alledem stand. An die viele, durchaus knochenharte Arbeit des Verschleierns. Das Löschen von Nachrichten. Mails. Chatverläufen. Das Verbergen von unerklärlichen Unkosten. Kreditkartenabrechnungen. Essensbelege. Hotelrechnungen. Kilometerstände auf Tachos. Was immer. Das Umschiffen von Orten, wo Bekannte, Freunde des ersten Lebens anzutreffen sein könnten. Das Erklären jäh geänderter Lebensgewohnheiten. Vom neuen Körperbewusstsein über den neuen Kleidungsstil bis zu sprachlichen Gepflogenheiten, weil Affären, Parallelbeziehungen meist auch ihre eigenen Codes generierten, über die man sich verständigte. Die Menschen zusammenschweißten und Welten schufen, in die andere keinen Zutritt bekamen.
All das bedeutete einen enormen Energieaufwand, der anderswohin floss. Nur nicht in die eigene Beziehung. Oder wenigstens in die Kraft zum Mut, endlich Farbe zu bekennen, endlich ehrlich zu sein.
Daran musste Julia vor so einem Telefonat denken. Und wie es wohl Polizisten ergehen musste, die Hiobsbotschaften zu den Menschen trugen. Nichts anderes war im Prinzip, was sie tat. Auch sie legte fremde Welten in Trümmer. Nicht immer. Aber oft genug. Der entscheidende Unterschied war bloß, dass sie nicht die Gewissheit vom Tod eines Menschen brachte, sondern schlimmstenfalls die Gewissheit vom Tod einer Beziehung, die ohnedies nicht erhaltenswert war. Den Einsturz eines Gebäudes mit durch und durch morschen Grundfesten. Wie auch, dass sie nicht aus eigenem Antrieb Schicksalsengel spielte, sondern letztlich immer darum gebeten wurde. Weil Menschen nach Gewissheiten suchten, die sie auf andere Weise nicht erhielten. Weil Menschen die Courage aufbrachten wissen zu wollen, woran sie waren. Oder vielleicht auch, weil sie inbrünstig hofften, sich zu irren. Oder die Kunst des Manipulierens durch ihre Partner so weit fortgeschritten war, dass sie für alles bei sich selbst die Schuld suchten. Und manchmal auch fanden. Und sich für Dinge entschuldigten, die der andere verbrochen oder zumindest verursacht hatte.
*
Am Folgemorgen, kurz nach neun, rief Julia Frau B. an. Ihre Auftraggeberin aus Graz. Sie hatte wissen wollen, ob ihr Lebensgefährte allzu leicht für einen Flirt und ein bisschen mehr zu haben wäre. Ob er sich (was sie ohnedies im Grunde ihres Herzens vermutete) zu einem Seitensprung entschließen, schlimmstenfalls sogar eine Affäre anfangen würde.
Frau B. war auf der Suche nach Gewissheit. Und nach Erfüllung einer schon angeschlagenen Hoffnung: dass nämlich sie die Einzige wäre, die über alles Geliebte. Darum schrieb sie das Mail an Die Treuetester. Nach einer (wenngleich wackeligen) Sicherheit hat sie gesucht. Bekommen hat sie das seit Jahren praktizierte Doppelleben eines skrupellos notorischen Betrügers. Natürlich zog ihr das fürs Erste die Schuhe aus. Dann aber war Frau B. dankbar, ist es heute noch. Weil man ihr die Augen geöffnet hat.
Man. Das sind in diesem Fall Julia und Sarah. Im Gespann. Manches lässt sich eben nur zu zweien wirklich effektiv bewerkstelligen.
Sarah, die Gelegenheits-Detektivin, die es liebt, Sherlock Holmes im Kleinen zu spielen, die ein Faible fürs Hobby-Psychologisieren hat, wie sie es nennt, es insbesondere aber darum tut: Weil sie Menschen wie Tobi aufs Blut nicht ausstehen kann, mehr noch, weil sie Menschen wie Frau B. vor Menschen wie Tobi um jeden Preis zu schützen gedenkt. Da sind sie schon zwei. Sarah und Julia.
Mission Ärsche.
Und Julia? Die mit dem knallengen, schwarzen Overall und den grell aufgeschminkten Lippen?
Ja, Julia, das bin ich.
Und Die Treuetester?
Das bin auch ich. Meine Agentur, um präzise zu sein. Mit einer Heerschar von Testerinnen und Testern an meiner Seite. An die dreihundert sind es inzwischen, Frauen und Männer jeden Alters, jeden Aussehens, der Querschnitt eines Blicks auf eine belebte Straße. Erlauben Sie, dass ich mich nun selbst vorstelle:
Mein Name ist Kersten.
Therese Kersten.
Ja, auch ich mag Martini. Nein, es spielt keine Rolle, ob geschüttelt oder gerührt. Ja, auch ich neige bisweilen dazu, mich in seltsamen Situationen wiederzufinden. Nein, nicht aus Prinzip seltsam. Ja, auch ich neige zu etwas bizarren Vorgehensweisen. Nein, keinesfalls verbotene. Ja, auf gewisse Weise bin auch ich auf Mission. Nein, ich trage keine scharf geladene … ich bin die Waffe. Ja, ich könnte es gut verstehen, würden Sie darauf verfallen, mich allerspätestens am Ende dieses Buches süffisant Agentin 006 zu nennen. Nein, freuen Sie sich bloß nicht zu früh über Ihr Späßchen.
Doppelnull Sex.
Seien Sie stattdessen versichert: In den allermeisten Fällen, die Ihnen auf den folgenden mehr als zweihundert Seiten begegnen, dreht es sich, wenn schon, um das Duell Sex gegen Doppelnull. Einen anderen Schluss lassen die ernüchternden, erschreckenden Einblicke in Moral und Werte, Raffinesse und Durchtriebenheit, Risikofreude und Selbsteinschätzung, kurzum: in die Psyche mancher Zeitgenossen (und -innen) kaum zu.
Ja, man kann mich buchen. www.die-treuetester.eu. Sie können es in Ihrem eigenen Interesse tun. Andere Leute in deren, was dem Ihren womöglich grundlegend widerstrebt. In diesem Fall bin ich nicht länger ein Traum, sondern der Alp. Seien Sie also auf der Hut, ehe Sie auch nur erwägen, den Partner, die Partnerin … andererseits … sind wir Menschen denn geschaffen für absolute, ewige Treue?
Mein Name ist Kersten.
Therese Kersten.
Alter: 27 Jahre.
Beruf: Lockvogel.
PS.: Frau B. wollte es ganz genau wissen. Genauer als genau. Also gab sie einen zweiten Test in Auftrag. Ob (da immer noch ihr) Tobi tatsächlich bereit wäre, sich mit mir zu treffen. Privat. Für … na, Sie wissen schon, Frau Kersten. Für eindeutige Dinge eben. Und ob er dabei zugleich seine Freundin eingestünde.
Schriftlich.
Zehn Minuten nach meinem SMS funkte Tobi zurück. Ja, natürlich wolle er mich (treffen). Nein, natürlich sei das mit der Freundin kein Problem. Also vereinbarten wir ein Treffen. In Wien.
Wer an meiner statt in das Hotel in der City kam, war Frau B. Eigens aus Graz angereist. Das, verriet sie im Vorfeld, sei ihr den letztmaligen Aufwand wert. Ein letzter Aufwand. Für ihn. Das Letzte.
PPS: Erinnern Sie sich noch an den Wortlaut des zweiten, eingangs erwähnten Zitats?
Treu bis in den Tod sind nur die Dummköpfe. Die Treue hat ihre Grenze im Verstand.
Dieser Satz geht auf einen gewissen Talleyrand zurück. Charles Maurice de Talleyrand-Périgord. Erst Bischof von Autun. Dann Außenminister Napoleons. Dann Vertreter auf dem Wiener Kongress von 1814.
Ist demnach schon ein Weilchen von uns gegangen, der gute, alte Talleyrand. Und ohnedies ein Mann, den das historische Gedächtnis Frankreichs weitgehend von der Festplatte getilgt hat. Insbesondere, weil er im Ruf stand und steht, ein recht spezielles Verhältnis zur Loyalität und Treue (wenngleich im politischen Sinne) gehabt zu haben. Ein williger Diener vieler Herren. Ein Meister von Beweglichkeit und Anpassung, Lüge, Verrat und Intrige. Manche nennen es schlichtweg: Opportunismus.
Talleyrand ist vergessen. Ein vom Sturm der Geschichte fortgeblasenes Staubkorn. Durchaus Bestand hat jedoch die Kernaussage zu ihm, weil sie ins Heute reicht und für zahlreiche der Spezialisten, die ich Ihnen nun mit all ihren Besonderheiten (und dabei wieder Alltäglichkeiten) näherbringen möchte, nach wie vor Gültigkeit hat. Ein Zitat, das Bonaparte zugeschrieben wird und an aktuellem Bezug und Treffsicherheit kaum überbietbar scheint.
Wie also sagte Napoleon Bonaparte einst über Talleyrand?
Ein Haufen Scheiße in Seidenstrümpfen.
WARE LIEBE
Was lässt einen Menschen seine Haut zu Markte tragen? Einen so jungen Menschen obendrein? Ein Mädchen von gerade mal 19 Jahren? Aus gewöhnlichen Verhältnissen. Durchschnitt. Weder ganz oben, noch ganz unten.
Was ist das überhaupt? Ganz oben? Ganz unten?
Die Eltern jedenfalls nicht verheiratet. Und auch nicht länger zusammen. Seit Gedenken. Genau genommen seit das Mädchen fünf ist. Seit ich fünf bin. Der Patchwork-Klassiker: Aufwachsen bei der Mutter. Mit sechzehn die erste Wohnung. Nun ja, etwas früh vielleicht in mancher Leute Augen. Mit 19 zurück in den elterlichen Schoß. Gewissermaßen. Diesmal ein Leben beim Vater. Im selben Haus mit seiner neuen Familie und den Großeltern.
Ein Zuhause, das mir nie wirklich eines gewesen ist. Dennoch alles im Rahmen. Keine bewegenden Probleme, die ein Mädchen, eine junge Frau von 19 Jahren aus der Spur werfen, in solche Bahnen lenken, sie diesen Schritt setzen lassen würden.
Es ist nur wie eBay. Nichts weiter.
Nur wie eBay.
Aber ja, sage ich mir, während ich wie besessen auf meinen Schoß starre. Aber ja. Menschen stellen allerlei Verrücktheiten an, wenn der Tag lang und die Mischung aus Phantasie und Durchsetzungsvermögen begrenzt ist. Sie machen sich abhängig. Von anderen Menschen. Von überzogenen Vorstellungen. Von Wünschen, deren Preis zu hoch ist. Sie arbeiten viel zu viel für viel zu wenig Geld. Sie tun es für die grundfalschen Leute. Sie begeben sich in prekäre Umstände.
Wir schreiben das Jahr 2009. Ein Frühfrühlingstag.
Prekäre Umstände, Therese? Aber es ist doch bloß … es ist nur wie eBay. Nichts weiter. Nur wie eBay.
Die Wiederholung, weiß ich in der Theorie, macht das Falsche nicht richtiger. Dennoch sage ich es mir wieder und wieder vor. Gebetsmühlenartig. Das beruhigt. An der Oberfläche. Darunter brodelt es. Wofür immer es steht. Andere tun es auch. Kein Abschaum. Menschen wie du und ich. Aus oftmals behüteteren Häusern. Haben die auch alle denselben Schaden, den mir manche nachsagen? Weil man das nicht macht, unter normalen Umständen? Dabei will ich doch nur eines: raus.
Weil all das nichts für mich ist. Weil der Traum anderer Leute, schon mit zwanzig felsenfest zu wissen, wo sie mit fünfzig stehen, mein Alptraum ist. Dreißig Jahre derselbe Job. In derselben Firma. Von da weg nur noch fünfzehn bis zur Rente. Dreißig Jahre dieselbe biedere Kleinstadt. Und mit fünfzig? Ende Gelände.
Oh nein, Therese. Du musst da raus. Bloß, du hast kein Geld. Weil du die 800 monatlich, die du als Polizeischülerin bekommen hast, jetzt eben nicht mehr bekommst. Weil du aufs Wirtschaftsgymnasium gehst und von dem Bisschen abhängst, das man dir gibt. Du musst da raus. Weil du erst 19 bist. Weil du ein Leben vor dir haben willst. Und nicht eines, das in Gedanken bereits hinter dir liegt. Weil das Abenteuer ruft. Weil du das Reisen, das Unterwegssein in den Genen hast. Weil du am Jagdfieber leidest.
Darum, Therese, tust du es. Darum hast du diesen Schritt gesetzt. Und nicht, weil du ein verkommenes Miststück bist, wie manche leichtfertig meinen könnten.
Es ist nur wie eBay. Nichts weiter. Nur wie eBay.
Rein technisch gesehen ist es das allemal. Der Gedanke kühlt mir die Hitze, senkt mir den Puls, hat etwas Beschwichtigendes. Rein technisch gesehen ist es nichts anderes. Wie eBay. Die einen bieten an. Die anderen kaufen.
Tack. Tack. Tack.
Ein Frühfrühlingstag im Spätmärz. Die Kräfte der Sonne steigen, sind allgegenwärtig. Die Großwetterlage ist stabil. Und der Mikrokosmos? Weniger. Draußen schlagen die ersten Bäume aus. Auch hier drinnen, in diesem miefigen Raum mit zwei Dutzend Leidensgenossen, ist das Wurzelwerk in Bewegung. Ringsum beginnen sie, nervös auf ihren Stühlen zu wetzen. Auch mich hält es kaum noch. Mittagszeit. Das Hungergefühl ist raumgreifend. Nur nicht in mir. Von Hunger keine Spur. Stattdessen ein Gefühl schaler Übelkeit, das in mir emporsteigt. Denn von jetzt weg gerechnet sind es nur noch exakt vier Stunden, siebenundzwanzig Minuten und … Therese, verdammt. Worauf hast du dich da eingelassen? Wie kannst du dich nur selbst versteigern?
Worte wehen heran, nur ein paar Schritte entfernt, losgeschickt vom anderen Ende des Raumes, und doch endlos distanziert. Lehrende, bisweilen belehrende Worte. Sie wehen heran. Sie wehen an mir vorüber. Sie verwehen. Unverstanden. Wie nicht gehört. Wie gar nicht erst gesagt. Die Unruhe ist mit allen Sinnen spürbar, hängt greifbar über mir, klebt mir an der Haut.
Das Einzige, was in mir, an mir noch ruht, ist mein Blick. Er ist stet, liegt in meinem Schoß. Auf dem, was ich fahrig, klammheimlich zwischen den Fingern hin und her gleiten lasse, was mit meinen zappeligen Beinen auf- und abspringt. Ein Gustostückerl technischer Raffinesse dieser Tage ist es, auf das ich hinabstiere. Das Google-Handy. Brandnew. Generation eins. Der Dernier Cri auf dem Handymarkt. Voll internettauglich. Und seit wenigen Wochen mein.
Echt scharf. Echt sündhaft teuer.
Ich hebe den Kopf, senke ihn in der Sekunde. Wie besessen starre ich aufs Display. Seit Wochen nun schon. Vormittag um Vormittag. Und mit jedem verstrichenen Tag, mit jeder Veränderung oder Nicht-Veränderung öfter. Länger. Intensiver. Wie besessen tippe ich manchmal auch darauf ein. Wie nun.
Was dort vorne nach Aufmerksamkeit heischt, ist nicht länger meine Welt. Nicht jetzt wo es darauf ankommt. Wo es ins Finale geht. Wo es gilt. Längst bin ich wieder dort. Anderswo. Weit weg in Gedanken. An einem fernen Ort, der World Wide Web heißt, verkrochen in einem seiner endlos vielen Schlupfwinkel, der über mich urteilt. Dessen User über mich richten. Über meinen Wert. Meinen alles andere als fiktiven Wert.
Tack. Tack. Tack.
Wie wird es sein? Wer wird es sein? Wann? Wo? Um welchen Preis? Wem bin ich wie viel wert?
Ich spüre die sanfte Schweißschicht meiner Hände. Spüre das latente Zittern der vergangenen Tage allmählich zu einem Beben aufwallen. Es ist nicht länger beherrschbar. Spüre das Rauschen in mir. Oh ja, verdammt, und wie es rauscht. Was immer es ist. Ach, das habe ich auch schon? Egal. Denn dieses Es ist mehr als ungewiss. Doch es ist da, rauscht und tobt. Wie spät ist es? 13 Uhr? Dabei ist dieser Augenblick der Entscheidung doch gerade erst ein endlos ferner gewesen.
Zwei Wochen ist es her. Und jetzt? Wo es doch nur wie bei eBay ist?
Jetzt.
Jetzt heißt dieser Augenblick, der mir Gewissheit verschaffte über einen bizarren Wert, der mich auf einmal ausmachen soll. Und, ja, auf gewisse Weise tatsächlich ausmacht. Wenigstens in anderer Leute Augen. Doch auf seltsame Art, wie mir bewusst wird, auch in meinen eigenen. Jetzt wird mir als Zahl erscheinen. Ein nacktes Zifferngebilde. Nichts weiter. Und doch wird mich diese Zahl definieren. In wenigen Stunden schon. Wie viele?
Oh mein Gott.
Vier Stunden, dreiundzwan… Es ist nur eine Zahl, Therese. Eine schlichte Zahl, die am Ende der Zeit auf einem Bildschirm aufblinken wird. Sonst nichts. Wirklich, sonst nichts? Wie viel würde es am Ende sein? An diesem so drängend nahen Ende?
800 Euro? 1000? 1500?
Beruhige dich, Therese. Zwei Wochen, denke ich, stöhne halblaut auf und ziehe ein sanftes Nicken auf mich. Nachgereicht die bestätigenden Blicke meiner Sitznachbarin. Was sie nicht weiß: Ihre Gründe zu stöhnen sind allein der an Mattigkeit und schalem Beigeschmack kaum zu übertrumpfenden Szenerie dort vorne geschuldet und grundlegend andere. Vor zwei Wochen, denke ich. Meine Güte. In zwei Wochen erfinden Menschen meines Alters die Welt tausendmal neu.
Tack. Tack. Tack.
Unausgesetzt liegt der Blick auf meinem Schoß. Dort, wo seit ein paar Wochen über mich und meinen reellen Wert befunden wird. In unterschiedlichem Takt. Mal tagelang nichts. Dann wieder geht es hin und her. Wie Pingpong. 300. 400. 600. Abermals 50 oben drauf. Noch vier Stunden, dreiundzwanzig Minuten und zwölf Sekunden.
Zwei Wochen.
Eine völlig ungewisse Zukunft für eine junge Frau mit Vergangenheit. Ja, sage ich mir. Das bist du. Ein Mädchen, eine junge Frau mit Vergangenheit. Jetzt schon, gerade mal 19. Doch bestimmt keine von denen. Nein, Therese, das bist du nicht. Du bist kein Miststück. Welcher Teufel, verdammt noch mal, hat dich da geritten?
Du bist keine von denen.
Dennoch eine junge Frau, ein Mädchen auf Abwegen. Abgründe würden sie sagen. Sie. Die Kollegen ringsum? Die nicht zwingend. Die Kolleginnen allemal. Der Schlampenfaktor unter uns Frauen. Und wenn es breiter die Runde machte? Wenn es von Haus zu Haus ginge? Hier, in dieser kreuzbiederen Kleinstadt Schönebeck? Du könntest dich nicht mehr blicken lassen.
Scheiß drauf.
Und Mama? Wäre sie entsetzt? Mama vielleicht. Papa ganz bestimmt. Und Anna? Ja, auch sie. Anna, die beste Freundin, auf den Tag genau zwei Jahre jünger. Ich sehe ihr leicht pausbackiges Gesicht. Sehe sie nach Luft schnappen, vor blankem Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ich sehe mich sie anlügen. Es würde unausweichlich sein. Und doch, sage ich mir, habe ich keine andere Wahl. Jetzt nicht mehr.
Nein?
Natürlich hast du! Immer noch kannst du es canceln. Einfach »Stopp« sagen. Als wäre nichts gewesen. Bestimmt würdest du Storno zahlen müssen. Na und? Würdest du überhaupt? Wie war das gleich nochmal mit den AGB? Außer Spesen nichts … Du kannst es immer noch stoppen, Therese. Noch ist Zeit. Vier Stunden und wie viel …? Vier Stunden und noch irgendwas. Vier Stunden, Therese, sind nicht bloß eine Last. Nein. Sie sind auch eine Chance.
Ich blicke kurz hoch wie zur Bestätigung, dass der Typ dort vorne nicht Wichtiges von sich gibt. Nein. Keine Gefahr. Er ist weiterhin gefangen in seinem eigenen Universum, das nicht das meine ist. Der Blick wieder hinab. Vertraute Bilder, Icons, Einträge funkeln empor. Der knallorange Balken zuoberst. Startseite. Verkaufen. Login. Registrieren. Hilfe. Impressum. Presse. Die diversen Kategorien. Räume. Reisen. Bilder. Kunst gibt es auch. Kunst. Zwischendrin Einträge, die mit dem Kamasutra kokettieren. Dann wieder Werbung. Statistiken.
Alles wie bei eBay.
Nur eben um den Tick krasser. Und anstelle Biedermann und Söhne, anstelle von Haus und Garten, Technik, Musik, Games, Filme, und natürlich – für die Männer – Auto und Motorrad, anstelle von alledem das Kontrastprogramm. Für ihn.
Aber auch für sie.
Ich starre auf die Empfangsdame der Site im linken oberen Eck. Ihr fliegendes, feuerrotes Haar. Ihr eines zum koketten Zwinkern zugedrücktes Auge. Ihre spindeldürren, abgespreizten Finger. Ihre nackten, prallen Dinger mit den abspringenden Warzen, die dir sofort im Profil entgegenhüpfen wie eine dieser Jumping-Jack-Springfiguren. Hüftabwärts endet der Körper, sitzt auf einem grauen Schildchen mit dem Namen der Site. Das alles wie die Momentaufnahme eines Comicstrips. So, als wäre alles, was dahinter, alles, wofür die Zeichnung steht, diese Verballhornung aus Comic und Strip, gar nicht ernst gemeint.
Ich starre auf diese … ja, was? Ikone? Sie verschwimmt mir vor Augen, den äußeren, und räumt den Blick frei für die inneren. Bilder wehen heran. Lachhafte zwei Wochen und ein paar Tage alte Bilder, als das alles begonnen hat. Es.
Ich sehe mich auf dem Bett liegen, im ersten Stockwerk des Hauses meines Vaters. Unschlüssig, was zu tun ist. Wohin mich das Leben treibt. Wohin ich das Leben treibe. Je nachdem. Sehe die Jahre vorüberfliegen. Zwei, drei Jahre wie im Turbowaschgang. Erst die Jahre der absoluten Strenge. Dann der Entschluss: Ich will Polizistin werden.
Die Ausbildung? In Berlin.
Wow. Berlin. Zwei Jahre wie eine einzige große Explosion. Erst gar nichts. Dann alles. Das pralle Leben. Berlin empfängt mich mit offenen Armen. Was vorher strikt untersagt war, ist jetzt Programm. Geradezu Pflicht. Die Nächte in den Clubs. Mit 16 überall reinkommen, wo es nicht erlaubt ist. Weil so ein Polizeiausweis entscheidend hilft. Auch wenn du noch in der Ausbildung bist. Die vielen Clubs. Die vielen Stands im Gefolge. Fast ausnahmslos One Night. Fast ausnahmslos bedeutend ältere Männer. Ist es, weil mir ein Vater gefehlt hat über die Jahre? Ich weiß es nicht. Bloß, dass keiner von ihnen mir je etwas bedeutet hat. Nicht über den Moment hinaus.
Und dann, irgendwann, der Entschluss, die Polizeiausbildung sein zu lassen. Weil die Bilder des Ausblicks in mir übermächtig werden. Weil ich wieder diesen Alptraum vor Augen habe. Mich selbst. Mit fünfzig. Als Polizeimeisterin, was weiß denn ich. Und den immer selben Job. In der immer selben, biederen Kleinstadt mit seinen immer selben, gezirkelten Vorgärten und den immer selben, identen Fassaden. Wo immer. Wie immer. Aber auf jeden Fall: Ende Gelände.
All das sehe ich, während mir die Zeit erbarmungslos zwischen den Fingern zerläuft und ich die Minuten herunterzähle.
Tack. Tack. Tack.
Wieder Bilder von vor zwei Wochen. Zweieinhalb vielleicht. Ich sehe mich am Fenster meines Wohnzimmers stehen. Sitzen. Eine um die andere rauchend. Ich sehe das Gesicht meines Vaters. Die Enttäuschung, die darin geschrieben steht, weil ich die Ausbildung habe sausen lassen. Zugleich aber auch den Hoffnungsschimmer, weil ich wenigstens weitermache. In der Wirtschaftsschule, wo sie mich auch mitten im Schuljahr haben einsteigen lassen. Wegen meiner ansprechenden Noten zuvor.
Ich sehe Berlin. Das kunterbunte Leben, das ich dort zwei fantastische Jahre lang habe führen dürfen. Mein Dasein als Single mit Anschluss. Sehe sie schemenhaft herauftauchen, meine Affären für eine Nacht. Viele von ihnen so bedauernswert, dass sie … ja, dass sie wenigstens dafür hätten bezahlen sollen. Müssen.
Ich sitze auf meinem Stuhl, blicke hinab auf mein brandneues Google-Handy, auf den knallorangen Balken der Startseite, sehe ihn vor meinen Augen fortwummern und sehe stattdessen mich. Sehe mich mit dem Fahrrad fahren. Nachhause vom Unterricht. Hinein in die Vorboten des Frühlings. Sehe die grelle, bunte Vielfalt, die ringsum erwacht. Die sprießenden Gräser und Blumen. Höre das muntere Gezwitscher der Vögel. Ein Erwachen überall, wohin die Sinne nur reichen.
Doch ich weiß, es ist ein Erwachen ohne mich.
Berlin. Ja. Das war das prall gefüllte Leben. Eines mit vielen Menschen. Mit Trubel an jeder Ecke. Mit der Spree, an der ich so gerne spazieren gegangen bin. Ein Leben mit vibrierender Großstadtluft. Und auch eines mit Sex. Viel Sex.
Und jetzt? Würde eine Beziehung etwas daran ändern? Würde sie Farbe in mein Grau bringen? Wenigstens dem Sex will ich nicht mir nix dir nix entsagen. Hallo? Ich bin 19. Und ich liebe das Leben. Aber hier? In der Kleinstadt? Und vor allem, ohne mich gleich fix binden zu müssen. Weil mir genau danach so gar nicht der Sinn steht. Keine zwei Monate, sage ich mir, und du bist das Gesprächsthema. Im Supermarkt an der Ecke. Von Gartenzaun zu Gartenzaun.
Zwangsläufig. Im doppelten Sinne.
Und den amtlichen Stempel, eine verfluchte Schlampe zu sein, kriegst du gratis obendrein. Während es bei Männern zumeist auch noch ein anerkennendes Schulterklopfen gibt. Nein, Therese. Das ist unzumutbar. Das willst du dir nicht antun. Dir nicht. Und deinem Vater zweimal nicht.
Also raus hier. Nichts wie weg.
Eine unduldsame Hast überfällt mich. Die letzten Meter bis zum Haus strample ich bei vollem Tempo. Runter vom Fahrrad. Ein fahriges Kramen in der Tasche nach dem Schlüssel. Rein. Die Stufen empor in die Wohnung. Eine Zigarette am Fenster. Eine zweite. Noch eine. Das beruhigt. Aber nur für den Augenblick. Danach rastloses Hin- und Herwälzen auf dem Bett. Dann: den Laptop aufklappen. Ordination Dr. Google. Und da stehen sie vor mir in der Suchleiste, diese beiden Begriffe:
Suche Sex.
Mehr als eine Million Seiten sind die Antwort. Und sie alle haben eines gemeinsam: Überall wird Sex gegen Geld angeboten. Bist du völlig verrückt geworden, Therese? Ich schlage den Laptop zu. Die Vorstellung, es mit einem wildfremden Mann zu tun, Sex gegen Geld zu haben, schnürt mir den Hals zusammen. Brechreiz kommt auf. Und mit ihm flattern sie alle heran, die Klassifikationen: Prostituierte. Hure. Nutte. Drecksschlampe.
Am Folgetag das gleiche Prozedere. Schon in der Schule packt mich eine kaum zu bezähmende Unrast. Abermals fliege ich auf dem Rad nachhause. Abermals die Stufen empor. Der Laptop liegt noch auf dem Bett. Wonach soll ich suchen? Ohne mich gleich in dieses Eck zu stellen?
Mit Sex Geld verdienen.
Ist das denn um einen Deut besser? Escort, denke ich laut, als ich auf den Begriff stoße, der mir bis dahin ein Fremdwort gewesen ist. Und auch jetzt, beim ersten Hinschauen, ein Buch mit tausend Siegeln ist.
Escort? Es handelt sich um Begleitagenturen, die Frauen und Männer für eine bestimmte Zeit gegen Geld vermitteln, lese ich. Also doch wieder Prostitution.
Abermals befällt mich Übelkeit. Nein, damit will ich mich nicht abfinden. Nicht mit dieser Bezeichnung. Ist es nicht gleichgültig, ob man Geld dafür bekommt oder nicht? Auf eine gewisse Weise? Schläfst du als Frau mit mehreren Männern innerhalb von kurzer Zeit, bist du ohnedies die Hure. Gehst du fremd, als Frau, bist du die Hure. Verlässt du einen Partner wegen eines anderen, bist du die Hure. Lehnst du einen ab, der dir nicht zu Gesicht steht, bist du es auch. Die Hure. Warum immer. Die Verwendung des Wortes ist inflationär, sage ich mir, und die Möglichkeiten, es über jemand nach Lust und Laune auszugießen, endlos. Eine innere Stimme sagt mir, dass das Blödsinn ist. Doch eine zweite, stärkere, sagt mir, dass es sich genau so verhält.
Warum also nicht gleich gegen Geld?
Dutzende, Aberdutzende Seiten besuche ich, studiere Agenturen, arbeite die Unterschiede heraus. Wäge Preise gegeneinander ab. Durchforste Foren. Erfahrungsberichte. Von Frauen wie Männern gleichermaßen. Ohne mir dessen überhaupt bewusst zu sein, kippe ich jählings in die Thematik. Bis der Kopf raucht.
Ein Bad muss her. Ehe ich ins dampfende Wasser gleite, glüht mein Körper bereits. Den Kopf im Nacken, fliegen mir die Gedanken zur Decke empor. Sie sind nicht frei. Sie sind gefangen von alledem, was ich gesehen habe. Von Eindrücken. Mutmaßungen. Hochtrabend und niederschmetternd zugleich.
Therese, was geht in dir vor? Dann wieder: Ist bezahlter Sex so grundlegend anders als unbezahlter? Kannst du das überhaupt? Kann dir etwas zustoßen?
Die Zeit in Berlin stieg in meiner Erinnerung hoch. Die vielen Stands. Wenigstens einige, in der Rückbeschau, ziemlich entbehrlich. Weil die Männer entweder grottenschlecht im Bett waren. Oder weil es so schnell ging, dass ich beim besten Willen nicht mehr beurteilen kann, ob sie nun gut waren oder nicht. Oder hätten gut sein können. Unter besseren Umständen. Und bei wieder anderen, denke ich, wäre es in der Tat besser gewesen, wenn sie wenigstens … ja, wenn sie wenigstens dafür bezahlt hätten.
Ich blicke auf mein Google-Handy und sehe mich aus der Wanne steigen an diesem Abend. Sehe mich splitternackt vor den Spiegel hintreten. Meine Figur? Ziemlich normal wie ich befinde. Die Brüste? Nun ja, für mein Dafürhalten etwas zu klein geraten. Aber nicht um viel. Außerdem gibt es Einlagen. Die Knie hingegen sind entschieden zu dick. Du kannst eben nicht alles haben, Therese. Und dann, mit dem Urteil über meinen Körper, fälle ich auch eine Entscheidung:
Ich will es tun. Gegen Geld.
Gegen alle Bedenken. Gegen jede Vernunft. Weil ich raus muss. Den Kopf durchsetzen, weil ich es so entschieden habe. Der typische Widder, der ich nun mal bin. Sagt Mama. Erneut klemme ich mich hinter den Laptop, recherchiere fieberhaft weiter. Bis ich auf jene in ihrem Auftreten eBay nachempfundene Seite stoße, die auch jetzt, hier, in der Schulbank, von meinem Handy zu mir emporblinkt mit ihrer so eingängigen Eingangsbotschaft:
Heute schon geseXt?
Vorne an der Tafel turnt der Lehrkörper von einer Seite zur anderen, kratzt mit kreischender Kreide Runen hin und faselt Entbehrliches. Von … ja, wovon denn? Welche Stunde haben wir überhaupt? Englisch? BWL?
Aber ja doch. Rechnungswesen. Non vitae sed scholae discimus. So, oder so ähnlich. Nicht fürs Leben lernen wir, sondern für die Schule. Oder umgekehrt. Wer weiß das schon. Das echte Leben, Leute, spielt sich anderswo ab. Vier Stunden, einundzwanzig Minuten und null Sekunden. Bei 700 stehen wir schon. 700 Euro! 20 Prozent ziehen sie dir ab. 20 Prozent von wieviel? 800? 1000? 1500? Minus 20 Prozent Provision … das macht … einen Haufen Kohle allemal für ein Mädchen, eine junge Frau von 19 Jahren. Ja, Leute, das nennt sich angewandtes Rechnungswesen.
Du musst nach Hause, Therese!
Tack. Tack. Tack.
Die Schlagworte aus Richtung Tafel erreichen mich nur noch schwach. Nichts dringt durch. Über allem schwebt der Gedanke: Welcher Teufel hat dich da geritten? Und mit dem Wort geritten hat mich die Site auch schon wieder eisenhart im Griff. Gleich an zweiter Stelle, inmitten der mit einem + markierten, angepriesenen Vorzüge, seine Haut (wenn schon) hier und nicht anderswo zu Markte zu tragen, gleich an zweiter Stelle also dieser Eintrag, der nach Reiten und Stall und Pferden klang.
+ KEINE Einstellgebühren für Standardauktion
Tack. Tack. Tack.
Vier Stunden, zwei Minuten und null Sekunden. Was für ein Irrsinn, Therese. Ach was, ist doch bloß eine Versteigerung wie auf … und anstelle einer neuen (alten) Lampe, anstelle eines Sets kaum gebrauchter Schraubenzieher, eines Motorrads, eines Billardtischs erhältst du eben einen echten Menschen. Einen Mann, um präzise zu sein. Rückgaberecht? Return to sender? Nein. Betriebsanleitung? Garantie? Iwo. Worauf auch? Auf erfüllten Sex?
Oh nein, Therese. Nicht du erhältst den Mann. Er erhält dich. Nicht er wird frei Haus geliefert. Nicht er ist die Ware. Du bist es.
Alles nur wie bei eBay also?
Noch einmal, ein allerletztes Mal an diesem Mittag in der Wirtschaftsschule in Schönebeck, blicke ich zurück, sehe mich vor zwei Wochen. An diesem einen entscheidenden Tag. Ich spüre der Ernüchterung nach, die mich wie eine Horde wilder Tiere befallen hat, als ich mir das Wort vergegenwärtige, das wie ein Überbau dasteht: Versteigerung. Noch einmal empfinde ich die tiefe Scham, die mich dabei durchdrungen hat.
Auch sehe ich die geistige Waage mit ihren vielen Fürs und Widers mal nach der einen, mal nach der anderen Seite ausschlagen. Spüre dem Druck meines prallvollen Schädels nach. Der Erkenntnis, dass es sich hierbei um keine mathematische Gleichung handelt, die sich nach vorgefassten Parametern auflösen ließe. Ja, sogar dem Druck der Fingerkuppen spüre ich nach, als ich mich tatsächlich einlogge, als ich das Bild hochlade, das ich von mir gemacht habe, keck posierend, in den allerbesten Dessous, die der Schrank ausgespuckt hat: hauchdünne Nylons; ein Strapshalter, der die Hüfte ziert; ein BH mit Silikon-Einlagen. Alles in Schwarz gehalten.
Nickname meines Profils: Alessa.
Warum ausgerechnet Alessa? Ich weiß es nicht. Es klingt so exotisch. So italienisch. Später, viel später erst werde ich wissen, wofür Alessa steht, und es mutet geradezu absurd ab: die Verteidigerin, die Beschützerin.
Vor allem aber auch: die Männer Abwehrende.
Ja, du siehst verdammt sexy aus, denke ich. Ohne dass jemand weiß, wer du tatsächlich bist. Bloß kein Foto mit Gesicht. Bloß keines von den Tattoos, die dich verraten könnten. Was, wenn jemand am anderen Ende sitzt, der dich kennt? So gut kennt, dass er dich an Details identifizieren kann? Ein Freund? Ein Verwandter?
Endlich. Die Glocke nach der letzten Stunde. Endlich nachhause. Manches läuft nun wie in Trance. Dort, auf meinem Bett, den Laptop auf den Knien, kann ich den Blick kaum noch vom Display lösen. Die letzte Stunde verbringe ich überhaupt nur noch am Bildschirm. In fiebriger Erwartung. Ein dumpfes, fast rauschhaftes Hinwarten. Ab und an blitzen Nachrichten vor dem inneren Auge auf, die ich in den vergangenen zwei Wochen erhalten und beantwortet habe. Anfragen von Interessenten zu meiner Person. Dunkle Phasen. Helle Phasen. Insbesondere, wenn dein Wert aufs Neue gestiegen ist. Am Ende sogar von Minute zu Minute. Als hätte es, so kurz vor Schluss, dieser Wertsteigerungen bedurft, um ganz sicher zu gehen. Um nicht im letzten Moment doch noch aufzugeben. Nein. Längst ist das Fieber der Hinnahme einem Fieber der Jagd gewichen.
Und auf einmal, irgendwann am späten Nachmittag, fast unbemerkt, läuft der Countdown ab. Einfach so. Das Verfließen von Zeit ohne das Pochen der inneren Uhr. Wie ein Bächlein, das still im Nirgendwo versiegt.
Kein tack, tack, tack.
Beinahe unspektakulär. Aber vielleicht ist es auch so, weil mich die Stunden, Tage zuvor so unter Strom gesetzt, so ausgelaugt, mir so viel abverlangt haben, dass ich das Ende nicht mehr anders hinnehmen kann.
Die Auktion ist beendet, lese ich.
Also doch nur wie bei eBay?
Als Titel der ersten Versteigerung meiner selbst habe ich diesen gewählt: Tausendundeine Nacht. Weil mir das nach dem rechten Maß Verlockung geklungen hat. Nach einem Hauch Orient. Nach Scheherazade. Ohne gleich das volle Programm morgenländischer Erzählkunst heraufbeschwören zu wollen. Mit Tod und sonstigem Firlefanz.
Dafür mit Sultanen. Einem von ihnen würde ich demnächst, in ein paar Tagen schon, von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Berlin wird es sein. Berlin. Aber wohl kaum mein Traummann. Dafür mein Bestbieter. Für exakt tausend Euro hat er den Zuschlag erhalten.
Tausend Euro für Alessa aus Tausendundeiner Nacht.
Alles wie bei eBay. Nur bedeutend krasser.
Es sind nur eine Handvoll Tage bis zu unserem Treffen. Sie verfliegen, getragen von dieser einen übergroßen, immer selben Frage, die im Hinterkopf pocht:
Wer ist er?
DER FÜNFTE MANN
Sein Name war Michael.
Wir hatten uns für Punkt 16 Uhr verabredet. Vor dem Eingang des Riverside Hotels. Ich hatte keine Augen dafür, was mich in den gut zwei Stunden im Zug von Schönebeck bis nach Berlin umgab. Alles kam und ging ungesehen, flog wie aus Glas an mir vorüber: Magdeburg mit seinem Dom und seiner Grünen Zitadelle, einem Hundertwasserhaus, und seinem Reiter. Dörfer, Äcker, Wiesen. Erwachende Landstriche. Desgleichen Brandenburg an der Havel mit seinem, ja, womit eigentlich?
Ich schaute ausschließlich in mich selbst hinein. Betrachtete meine Erwartungen. Das diffuse Bild, das ich von ihm hatte und das zu schärfen ich unentwegt versuchte. Ich kannte ein Bild vom Profil der Homepage, doch mehr als ein nicht allzu gut erkennbares Gesicht war da nicht. Der Mensch dahinter, der Schattenriss seiner Seele, war, was mir ernsthafte Sorgen bereitete auf der Fahrt in die Hauptstadt.
Dieser Michael bot sich mir (wie denn auch nicht?) als durch und durch Fremder dar. Ein blinder Fleck auf meiner Landkarte. Ein Mann mit einem offenkundig fetten Bankkonto, von dem ich sonst genau nichts wusste.
Wirklich nichts?
Aber nein, Therese, sagte ich mir zur Beschwichtigung. Nicht nichts. Du weißt doch so viel. Du weißt, was er in seinen Nachrichten vorab von sich gegeben hat.
Nachrichten? Nichts als Worte.
Was, wenn er dir etwas antut? Was, wenn er dir Dinge abverlangt, die du unter keinen Umständen zu geben bereit bist? Stärker beruhigend, wie ein Sedativum, wogen da schon die Bewertungen über ihn im Netz. Michael war keineswegs ein Newcomer bei gesext.de. Und die Benotungen meiner Vorgängerinnen durchaus positiv, nein, geradezu schwärmerisch euphorisch. Fast hymnisch. Das half mir über die Stunden der Anreise einigermaßen hinweg.
Dann wieder, während meine Gedanken dem Zug nach Berlin in Lichtgeschwindigkeit vorausflogen, ruderten sie zwischendurch, kraftvoll und fordernd, zurück nach Schönebeck. Zurück zu Anna, der besten Freundin, zu ihrem Anruf vom Vorabend. Ich memorierte ihre so unbedarft freudige Stimme, als ich abhob und sie augenblicklich ins Handy rief:
»Hallo, mein Schatz! Sehen wir uns heute noch?«
Und dann hörte ich mich sie anlügen. Nahezu schamlos. Zum allerersten Mal. Gerade sie, jenen Menschen, der meine Unaufrichtigkeit am allerwenigsten verdient hatte, der mir Wochenende um Wochenende ein Lächeln ins Antlitz zauberte, wenn wir uns sahen und was immer taten. Hauptsache wir. Hauptsache gemeinsam.
»Sorry, Süße«, schnurrte ich und blickte auf die Reisetasche, die ich soeben zu packen begonnen hatte. »Aber ich ersticke in Arbeit. Ich kann heute nicht.«
»Dann eben morgen«, rief sie.
Morgen wird es auch nicht spielen, sagte ich. Still. Bei mir. Morgen ist Samstag. Und morgen ist mein Date. In Berlin. Doch genau das vermochte ich ihr beim besten Willen nicht mitzuteilen. Ich würde auf Tauchstation gehen müssen.
Mein erster Weg vom Bahnhof Friedrichstraße führte mich an diesem Samstagnachmittag schnurstracks zur Weidendammer Brücke, Berlins drittältestem Brückenschlag im alten Zentrum: Schauplatz der hohen Literatur, unter Denkmalschutz, täglicher Knotenpunkt für Hunderttausende und all das. Mitten auf der Brücke blieb ich für einige Momente stehen und atmete tief ein. Sog die kühlenden Schwaden ein, die von der Spree zu mir emporstiegen. Dann erst weiter, die paar Schritte zum vereinbarten Treffpunkt.
Ich stand keine fünf Minuten vor dem Riverside, als ich die Stimme in meinem Rücken vernahm.
»Bist du Alessa?«
Ich fuhr herum und sah ihn da vor mir stehen, scannte ihn von oben bis unten. Mittelgroß. Mittelalt. Mittlere Statur. Mittelscheitel. Auf eine gewisse Weise war alles mittel an ihm. Dachte ich jedenfalls. Denn schon auf den zweiten Blick erwies dieser Michael sich als überaus charmant, kultiviert und gepflegt. Unaufdringliche Eleganz, nagelneue Jeans, ein sportliches Sakko, braune, leicht klobige Schuhe, die nach Maßanfertigung rochen.
Küsschen links, Küsschen rechts. Dann: »Möchtest du dein Gepäck nach oben bringen? Ich warte hier inzwischen solange. Wir haben alle Zeit der Welt.«
Hatten wir? Den Zimmerschlüssel in den Händen, betrat ich den Aufzug. Ja, ich war ihm dankbar dafür, dass er mir diese Momente unverlangt gönnte, mich allein nach oben fahren ließ. Nein, natürlich entsprach er nicht dem Idealbild, das ich von einem Mann hatte. Aber hatte ich überhaupt eines? Seine Unaufdringlichkeit von der ersten Minute weg behagte mir. Und was ich dann vier Etagen weiter oben zu sehen bekam, behagte mir noch mehr. Nein, es warf mich richtiggehend um.
Ein Zimmer, eine Luxury Suite, wie ich noch nie zuvor eine gesehen hatte, nahm mich in Empfang. Weitläufiger als die Wohnung vieler Leute. Mobiliar in gedämpften Farben. Ein riesiger Flachbildschirm. Ein Wasserbett. Eine freistehende, vergoldete Wanne. Desgleichen in dem riesigen Badezimmer: ein Jacuzzi, der nur darauf wartete, mich aufzunehmen, mich und meine Gänsehaut mit seinen Blubberbläschen zu umschmeicheln. Überwältigend auch der Blick von der großzügig angelegten Terrasse: direkt vor mir, unter mir, die heiß geliebte, meine heiß geliebte Spree. Ganz Berlin, hatte ich für einen Augenblick das Gefühl, lag mir unvermutet zu Füßen.
Wieder zurück, empfing mich Michael, der Charmeur. »Du bist noch hübscher, als ich vermutet habe«, sagte er. Ein Lächeln. Keine Spur von Selbstgefälligkeit darin. »Ein Drink?«
Es wurde ein Glas Wein in einer nahen Bar. Ein zweites. Es sei dies mein erstes Mal, gestand ich bald ein. Für jeden sei es irgendwann das erste Mal, erwiderte er. Ich müsse mich nicht sorgen. Er würde nichts verlangen, was ich nicht auch wollte. Und wenn ich mich am Ende entschlösse, gar nichts zu wollen, kein Problem.
Ein Schaudern durchflutete mich von Kopf bis Fuß. Erleichterung in seiner reinsten Form. Noch ein Schluck Wein. Noch einer. Aus dem stockenden Tröpfeln von einzelnen Worten, Phrasen wurde allmählich ein sanftes, fast geschmeidiges Gesprächsplätschern. Sein Job. Seine Beziehung. Warum er denn keine habe? Seine ersten Erfahrungen mit dem Ersteigern von Fra… diesbezüglich. Dann ich. Was mich dazu bewogen hätte.
»Ich brauche endlich wieder Farbe in meinem Leben«, hörte ich mich sagen.
»Farbe?« Michael sah mich verdutzt an.
»Ich habe das Gefühl, dass mir Sex fehlt.«
Er schwieg für einen Moment. »Kannst du den nicht jederzeit haben? Mit jedem, den du kriegen willst?«
Ich sprach von Schönebeck, der kleinen, biederen Stadt, in der ich wohnte. Den kleinen, biederen Leuten, die ich dort vermutete, kannte. Und dem Mangel an Anonymität. Ganz anders als hier in Berlin.
»Natürlich«, erwiderte er. »In Berlin ist vieles einfacher. Aber du hättest dich ebenso gut für Sex ohne Geld entscheiden können.«
Die Art wie seine graublauen Augen dabei in den meinen hingen, wie sie Antwort auf eine gar nicht gestellte Frage erhofften, machte mir Bange. Ein faustdicker Kloß belegte meinen Hals. »Vielleicht … vielleicht brauche ich meine Unabhängigkeit wieder?«, sagte ich zögerlich.
»Und die erreichst du auf diese Art?«
Ich sprach von meinen zwei Jahren in Berlin. Vom Leben bei meinem Vater. Vom eigenen Geld, das ich erst hatte. Dann wieder nicht. Und von dem brennenden Wunsch, auf eigenen Beinen stehen zu können. Allein und fest.
»Apropos Geld«, sagte er. »Auf dem Bett wartet ein Kuvert auf dich.«
Ich weiß nicht mehr, ob es allein der viele Wein war. Oder schlicht die Erleichterung, mit einem Unbekannten so ungezwungen reden zu können. Oder die Mischung aus beidem. Jedenfalls sprudelte es von da an aus mir wie aus einem weit offen stehenden Ventil. Vieles, alles wollte hinaus. Nahezu ohne Widerstand. Das Einzige, was ebenso leicht und flutschend in mich hineinwollte, war der Wein. Und ein famoses Essen, zu dem er mich hinterher ausführte.
Später, viel später und bereits auf dem Weg zum Hotel fasste Michael mich unvermutet und fest am Arm, hielt inne. Ich sah ihn aus großen Augen an.
»Du bist viel zu schade dafür«, sagte er. »Ich habe schon viele Frauen getroffen. Aber du bist anders. Du bist nicht nur bildhübsch. Du bist auch intelligent. Du kannst alles erreichen. Du hast das hier nicht nötig.«
Ich lachte auf, spürte, dass ich betrunken war. Zugleich spürte ich aber auch, dass in diesem Augenblick etwas von mir abfiel. Eine Last. Dieses schmuddelige Image der Hure, die ich nicht war, nicht sein wollte, oder das, was dieser Art des Geldverdienens anhaftete. Hier Sex. Dort Money. Nicht länger diesem Gefühl ausgeliefert zu sein, Ware eines modernen Sklavenmarktes zu sein. Begehrtes Objekt einer Reihe von anonymen Bietern, Gebietern zu sein, die weder dein Gesicht kannten noch den Geist, der in dir schlummerte, noch die Seele, nein, die einfach nur deinen Körper kannten und genau ihn wollten. Eine Sklavin, ja. Wenngleich ich mich selbst dazu gemacht hatte.
Ohne dass ich es gewollt hätte, und ohne dass ich es hätte beeinflussen können, überwog ein spontanes Gefühl von Euphorie ähnlich dem, als mein Wert in den letzten Stunden, Minuten der Versteigerung stieg und stieg: Ich fühlte mich auf einmal wertvoll und überaus geschätzt. »Komm«, sagte ich zu Michael. »Lass uns ins Hotel gehen. Lass uns jetzt Tausendundeine Nacht verbringen.«
Den Sex hatte ich bis dahin nicht gehabt. Jenen Sex also, der mit einem tiefen Gefühl jenseits des rein Körperlichen einhergeht. Und den Sex hatte ich auch mit Michael nicht. Bald schon würde ich ihn ein zweites Mal treffen. Wir würden abermals eine Nacht zusammen verbringen. Ein ganzes Wochenende. In Berlin. Bei ihm. Mit fein Essen gehen im Felix. Mit Abtanzen hinterher. Ohne Geld diesmal. Und auch ohne Sex. Wie zwei Menschen, die auf andere Weise beglückende Stunden verleben konnten.
Doch das wusste ich an jenem gleißenden Morgen, als ich das Hotel verließ und hinaus in den Frühling trat, noch nicht. Wie auch nicht, dass es bis dahin, bis zu dem Sex mit der ersten großen Liebe meines Lebens nicht mehr weithin sein sollte.
Was ich an diesem Morgen in Berlin nach dieser Nacht mit Michael definitiv wusste, war, dass die Farben um mich her, auf der Heimreise nach Schönebeck, beim Blick hinaus aus dem Zugfenster bedeutend kräftiger leuchteten.
Und noch etwas wusste ich: Ich wollte es wieder tun.
*
Oops, I did it again.
Der Refrain des Songs, mit dem Britney Spears Jahre zuvor einen ihrer zahllosen Megahits gelandet hatte, wollte mir an jenem anderen, nächsten Morgen nicht aus dem Kopf gehen. Denn ja, auch ich hatte es wieder getan. Ein zweites Mal. Mit einem anderen Mann in einer anderen Stadt. Und bald schon ein drittes Mal. Und ein viertes. Innerhalb von nur zwei Monaten. Vielleicht drei.
Die eindrücklichste Erfahrung, die ich mit meinem ersten Höchstbieter Michael gemacht hatte, war jene: Man kann durchaus am nächsten Morgen neben einem Mann aufwachen und sogar gemeinsam mit ihm frühstücken. Das war Neuland für mich gewesen. Ich hatte niemals bei einem meiner One-Night-Stands aus den Berliner Clubs übernachtet und war dann wie ein richtiges Paar beim Frühstück mit ihnen gesessen, ausgenommen der Bewohner meiner biederen Kleinstadt, zu dem ich in jenen Tagen eine äußerst lose Affäre unterhielt. Sein Status war dennoch ein besonderer: Er war mir zum Vertrauensmann herangewachsen. Mit ihm konnte ich ganz unverblümt reden.
Darüber.
Zu meinem Erstaunen verurteilte er mich nicht nur nicht, sondern fand solchen Gefallen an der Idee, dass er sich selbst zur Versteigerung anbot. Mit allerdings mäßigem, sprich: gar keinem Erfolg. Das lag keineswegs daran, dass er ausgesehen hätte wie Quasimodo. Oder Mickey Rourke nach dreißig Jahren Alkoholexzessen quer durch die Bars von ganz Hollywood. Oder ein männliches Pendant zu Jeannine Schiller. Mitnichten. Ich möchte ihn aus meiner Erinnerung als durchaus ansprechenden, attraktiven Mann bezeichnen. Doch es gab und gibt dafür schlichtweg keinen Markt. Wie es auch keine Bordelle für Frauen gab und gibt.
Ob ich es nun wollte oder nicht: Neben meinem (einzigen) Vertrauensmann in Schönebeck musste ich schon bald auch Anna ins Vertrauen ziehen. Der Rausch der ersten Versteigerung hatte etwas in Gang gesetzt, das die zweite, dritte und schließlich vierte in eine unbezähmbare Lust steigerte: Der Rausch des Ersteigertwerdens war in einen Rausch des Konsumierens gemündet. Ich wollte, nein: musste mir etwas Gutes tun.
Dieses Gute trug mehrere Namen. Gucci. KaDeWe. Louis Vuitton und andere. Wie Sarah J. Parker alias Carrie Bradshaw aus Sex and the City stolzierte ich, eine zunehmend sprachlosere Anna im Schlepptau, den Ku’damm in Berlin rauf und runter. Nichts war vor mir sicher. Und so blieb die Frage der Fragen naturgemäß nicht aus. Die Frage nach dem Woher.
»Woher«, fragte also Anna, als auch die dritte Tasche prallgefüllt an meinem Arm hing, »woher hast du all das Geld?«
Ich wagte nicht, ihr in die Augen zu blicken, sagte es bloß vor mich hin. »Das wird nicht verraten.«
»Wie bitte?«
»Ich kann es dir nicht sagen.«
»Was heißt, du kannst es – bin ich nun deine beste Freundin, oder bin ich es nicht?!«
»Hast du nicht auch Geheimnisse? Vor mir?«
»Du weißt alles von mir«, brummte sie. Trotz und bittere Enttäuschung schwangen in ihrer Stimme.
»Lass uns ein andermal darüber –« Ich unterbrach mich selbst, musterte Anna von der Seite, während wir an einem weiteren Designerladen vorbeistolzierten. Ich sah ihre verhärteten Gesichtszüge, und da war mir klar, ich würde aus dieser Nummer nicht mehr rauskommen. Krampfhaft, auf dem Weg ins nächste Café, wo ich die Beichte abzulegen gedachte, suchte ich nach einer Eingebung. Doch die Erleuchtung einer schonenden Erklärung blieb aus. Erst Annas Versicherung, sie würde mir, was immer es sei, nicht den Kopf abreißen, löste mir die Zunge.
»Also gut, Anna«, sagte ich mit brüchiger Stimme. »Ich sage es frei heraus: Ich habe Sex gegen Geld.«
Stille. Nur das gedämpfte Klappern von Gabeln auf Kuchentellerchen und Kaffeetassen ringsum, und irgendwo weit hinten das Fauchen der Espressomaschine. Gefühlte zwei Stunden musste ich ihr alles auseinandersetzen. Bis ins Kleinste. Letztlich war meine Sorge, sie würde mich verdammen, unbegründet.
Sie versuchte gar nicht erst, es mir auszureden. Sie wusste um meine Unbeirrbarkeit, hatte ich mir etwas erstmal in den Kopf gesetzt, doch sie rang mir das Versprechen ab, beim nächsten Mal Bescheid zu geben, wohin es mich verschlug. Exakte Positionsangabe. Exakte Uhrzeit. Wie eine Art Versicherungspolizze für den Fall, dass etwas schieflief.
Dafür gab es auch allen Grund. Nicht aufgrund meiner Erfahrungen mit Nummer zwei und Nummer drei. Dafür umso mehr nach Nummer vier. Das Treffen lag erst wenige Tage zurück, und auch die fünfte Auktion steuerte bereits ihrem Ende entgegen. Sie sollte meine letzte sein. Und so trug sie auch eben diesen Titel:
Meine letzte Auktion. Ein Wochenende mit mir.
Den Namen von Nummer vier hatte ich da bereits verdrängt. Keineswegs jedoch die Umstände. Er hatte mich vom Hotel abgeholt, in einem klapperigen Mercedes, der beim Anfahren an jeder Kreuzung auseinanderzufallen drohte. Wir fuhren in seine Wohnung. Ein winziger Verschlag irgendwo in Nürnberg, gerammelt voll mit allerlei Zeugs. Wie die Bude eines Messies. Doch das wirklich Beunruhigende war die Erkenntnis, die mich erst in seinen vier Wänden ereilte, warum er nämlich vorab eine einzige Bedingung an mein Kommen geknüpft hatte: Ich sollte knallrote Stöckelschuhe tragen. Je höher die Absätze, desto besser.
Er war ein kleiner, wenig gepflegter, um nicht zu sagen widerwärtiger Mann Anfang fünfzig mit überproportional großen Augen. Die ganze Zeit über fasste er mich nicht ein einziges Mal an. Stattdessen verlangte er, was mir einen Schauder den Rücken rauf und runter jagte und einen zutiefst negativen Kick auslöste: Ich sollte, während er sich auf dem Boden vor mir krümmte, unablässig mit den Absätzen nach ihm treten. Mitten hinein in die Trias seiner Männlichkeit, sodass er vor Schmerzen gellend aufschrie.
Während ich den Wagen meines Vaters hinaus aus Berlin und zügig in Richtung meiner Heimatstadt lenkte, hielten Anna und ich Kriegsrat. Natürlich wusste mein Vater genau nichts darüber, wie ich meine Wochenenden zuletzt verbracht hatte. Er wähnte mich bei Anna, und daran, sagte ich, dürfe sich auch nichts ändern.
Zuhause schaffte ich es gerade noch, die Taschen mit den Designerfetzen im Schrank zu verstecken. Ich warf den Laptop an, um zu sehen, wie Meine letzte Auktion in die Zielgerade bog und überflog die Site mit routiniertem Blick. Wie schlafwandlerisch bewegte ich mich mittlerweile auf der Plattform. Ich kannte sie alle: die Gepflogenheiten der Bieter. Die Bodys der anderen jungen Frauen, meiner Kolleginnen. Ihre nach Aufmerksamkeit heischenden Sprüche, Werbetexte, mit denen sie auf ihren Profilen um das Augenmerk der anonymen Bieter ritterten, weg von den Konkurrentinnen und hin zu ihnen.
Da fanden sich Headlines wie diese, verfasst von einer Kollegin im gleich doppelten Sinne, schenkte man ihren Angaben Glauben, die jedoch, anders als ich, ihre Ausbildung für den Staatsdienst nicht abgebrochen hatte. Sie empfahl sich als Die süßeste Bestrafung seit es Polizistinnen gibt.
Oder auch der Titel: Ode an die Weiblichkeit.
Angepriesen wurde alles Erdenkliche und noch mehr: Rollenspiele, Begleitungen mit Tiefgang und Niveau, blonde Blödchen, Frauen mit Dackelblick, rechtzeitig vor Weihnachten (wie ich später einmal nachlesen sollte) ein geiler Adventfick, ein getragener Büstenhalter, eine Begleitung für den Swingerclub. Massagen. Was immer. Da das Bild eines gerade nicht restlos entblößten Oberkörpers von vorne, dort ein Bild aus der Vogelperspektive: Der Blick von hinten über die Schulter einer jungen Frau geworfen, die in Seidenunterwäsche am Herd stand und Spiegeleier (!) briet.
Ja, selbst die Aufgabe der Jungfräulichkeit wurde feilgeboten.
Jahre später würde mich ein abermaliger Blick auf die Site zusammenzucken lassen im Bewusstsein, mich selbst ebenfalls dort angepriesen zu haben, und aus heutiger Sicht erscheint es mir überhaupt denkunmöglich. Doch damals, an jenem Nachmittag im Mai 2009, war ich wie selbstverständlich ganz allein darauf fokussiert: meine letzte Auktion.
Sie lief nur noch wenige Minuten, ausgerechnet als Vater nachhause kam und den Kopf zur Türe hereinsteckte. Mehr aus Routine denn Interesse fragte er, ob ich, ob wir in Berlin erfolgreich gewesen wären. Auf unserer Schnäppchenjagd. Ich verneinte vorsichtshalber, ohne verräterisch in Richtung der Schranktüren zu starren. Er machte bereits Anstalten, wieder zu gehen, als ich sagte: »Können wir reden?«
Vater sah mich überrascht an. »Natürlich.«
Wir wechselten das Zimmer. »Ich werde«, hob ich schließlich an, zögerte, »ich werde in nächster Zeit nicht so oft Zuhause sein.«
»Ach nein?«
»Nein. Ich habe ein Jobangebot.«
Er kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich meinen Kopf in der Regel durchzusetzen pflegte. Ich wiederum kannte ihn gut genug, um zu wissen, worauf es ihm ankam. Die Schule durfte nicht zu kurz kommen. Nichts anderes zählte. Die Ausbildung, damit ich eines Tages doch noch etwas Vernünftiges, etwas Solides und Sicheres ansteuern könnte. Entsprach es auch nicht seinen insgeheim vorgefassten Plänen für mich. Dass ich ihm etwas Oberflächliches von einer Arbeit als Messehostess vorflunkerte, vom Verteilen von Werbematerial und Ähnlichem, schien Vater nur am Rande zu interessieren. Lief trotz Jobs am Wochenende in der Schule alles glatt, war seine Welt im Großen und Ganzen in Ordnung. Und meine in diesem Augenblick gewissermaßen auch, weil ich ihn nicht restlos anzulügen brauchte. Immerhin stimmte die Jobbeschreibung, die ich ihm gegeben hatte, in groben Zügen. Sie war genau genommen sogar zu präzise.
Messehostess. Man musste bloß die Messe weglassen.
Zurück im Schlafzimmer, sprang mir das schon vertraute Insert entgegen: Die Auktion ist beendet. Zwei Wochen später bestieg ich abermals einen Zug. Ein letztes Bahnticket, um es ein letztes Mal für Geld zu tun. Verhieß die Fahrt zu Michael, meinem ersten Höchstbieter, noch einen verhältnismäßig kleinen Abschied (vom alten Leben, alten Vorstellungen, alten Erfahrungen), so sollte diese Fahrt im Zeichen eines großen Abschieds stehen.
Nicht bloß, weil ich diesmal gleich acht Stunden in einem Abteil saß.
*
Ich hatte hoch gepokert bei meiner fünften und letzten Auktion.
Die Einträge der Mitbewerberinnen hatten mir vor allem gezeigt, wie man es nicht machte. Wie man sich nicht entscheidend von der Masse abhob. Also schaltete ich nicht einen, sondern gleich drei Gänge nach oben bei meiner Eigenbewerbung.
Ich hatte zu diesem Zweck zwei Versteigerungen parallel laufen, deren eine allein als Appetizer gedacht war. Die Chancen, jemand würde sie für bare Münze nehmen, waren in der Tat verschwindend gering: Auf den Tag genau ein Jahr lang würde ich, so mein Anbot, als Freundin an der Seite eines finanzkräftigen Mannes von Welt stehen. Eines finanzkräftigen Mannes, denn er würde mir nicht bloß einen Mercedes der S-Klasse mit allem Pipapo (circa 300.000 Euro) schenken, sondern obendrein ein Leben in Freude und zügellosem Luxus berappen müssen mit allem, was in den Augen eines Mädchens meines Alters dazugehörte. Summa summarum also eine schlappe halbe Million.
Abgerundet.
Für die Betreiber der Site wie auch manche Bieter mussten sich meine Vorstellungen wie eine lupenreine Diagnose gelesen haben. Doch alleiniges Ziel dieser natürlich zum Scheitern verurteilten Auktion war, auf meine zweite, ernstgemeinte aufmerksam zu machen. Mein erster PR-Gag, der voll einschlug. Schließlich war auch Stefan, wie er mir bald eingestand, genau dadurch auf mich gestoßen.
Schon die Wochen, da er noch aus dem Nirgendwo an einer fernen Tastatur um mich bot, hoben sich von denen anderer Auktionen ab. Mich faszinierten die Botschaften, die er zwischendurch in meine Richtung absetzte, persönliche Nachrichten, die jeder User ungesehen von anderen übermitteln konnte. Seine Art zu kommunizieren, sich auszudrücken, humorvoll zu sein. Auch schaltete ich ihm (was man selbst verfügen und auch jederzeit wieder zurücknehmen konnte) bereits während der Auktion Fotos von mir frei, auf denen er mein Gesicht sehen konnte. Empfehlenswert, wie ich indes wusste, war dieser Schritt nur bei Usern, die seit längerem auf der Plattform aktiv waren und auch entsprechende Bewertungen vorzuweisen hatten. Zudem bestand die Möglichkeit, vorab das Konterfei des Bietenden zu sehen zu bekommen, um auf Nummer sicher zu gehen, mit wem man es zu tun hatte. Vor allem, ob es nicht doch der Nachbar war. Oder der Papa.
Später, nachdem Stefan bereits das Rennen um mich gemacht hatte, waren wir in regelmäßigem Kontakt, ehe es zum ersten Treffen kam. Oftmals ausschweifende Telefonate überbrückten die Zeit, die von einer kaum zu zügelnden Neugierde meinerseits geprägt war, wie ich sie zuvor nicht erlebt hatte, und als ich ihn dann an jenem 28. Mai 2009 auf dem Bahnsteig des Wiener Westbahnhofs erstmals in natura zu Gesicht bekam, ihn aus der Menge herausblitzen sah wie einen Leuchtturm an einer fernen, dunklen Küste, war mir dieser Wildfremde auf eine seltsame Weise wohlvertraut.
Natürlich hatte ich mir auch über Stefan so meine Gedanken im Vorfeld gemacht. Mitunter, was Männer dazu anhielt, diesen Weg und nicht einfach ins Bordell zu gehen, wo sie ihre überbordenden Hormone bedeutend spontaner ruhigstellen, wo sie Sex um ein Vielfaches billiger haben konnten. Von allen bekam ich auf die eine oder andere Weise zu hören, es wäre unkompliziert. Auch würde keine Taxiuhr mitlaufen wie anderswo. Vordergründig mochte das in ihren Augen vielleicht stimmen, doch in Wahrheit, sagte ich mir, ging es um die Ausübung von Macht. Um das Beibehalten der schiefen Gesellschaftsebene, die am oberen Ende den fesselnden, einflussreichen, in jeder Hinsicht potenten Prinzen zeigte und am unteren das ihn bewundernde, gefügige, ja, was?
Männer, hatte ich außerdem gelernt, waren entschieden anhänglicher als wir Frauen. Bestimmt, sagte ich mir, erhofften sich die meisten Kunden solcher Plattformen bedeutend mehr als ein im Idealfall bezauberndes Wochenende mit grandiosem Sex. Warum sonst hätte Michael mich zu sich nachhause eingeladen? Obendrein barg der Versuch, eine Angebetete aus ihren Escort-Diensten freizukaufen, praktisch kein Risiko außer jenem einer Abfuhr. Andere wiederum ersparten sich auch das, da sie die Macht des Geldes sprechen und sich Frauen per Katalogentscheid aus Fernost kommen ließen. Im Milieu dagegen, mit seinen wenig zimperlichen Strippenziehern im Hintergrund, sah die Sache entschieden anders aus.
Stefan gab sich von Anfang an cool. Er gab mir die Unwiderstehlichkeit seines Wesens oder das, was er dafür hielt, auf charmante, doch jedenfalls bestimmte Weise zu verstehen. Er, der sich selbst als weitgehend emotionslos und gefühlskalt bezeichnen sollte. Er, der sich über alle Mitmenschen allein kraft seiner Existenz erhob, der sich seiner Raffinesse rühmte, da er doch jeden für einen Idioten ansah, der es anders machte als er (bloß: wie machte er es?), der also von montags bis freitags einer geregelten Arbeit nachging und sich dafür viel zu schlecht bezahlen ließ. Er hielt wenig von den Menschen, doch das stets mit einer gehörigen Portion Schmäh und Selbstverständnis, sodass ich es lange Zeit für sich stehen lassen würde.
Ja, er war ein Leuchtturm, dieser Stefan aus Wien. Ein Leuchtturm, baumlang, nicht ein Haar auf dem Kopf (an jenem Tag wenigstens, aus der Ferne besehen, denn tatsächlich schor er sich den Kopf meist auf eine Weise, dass ein kaum sichtbarer Flaum stehenblieb, wie von einem Küken). Und er war auch ein Leuchtturm in puncto verbesserungswürdigem Geschmack, was sein Äußeres betraf. Dennoch auf eine einnehmende Weise faszinierend. Er verstand es von der ersten Sekunde weg, jeden Zweifel an sich mit der größten Nonchalance vom Tisch zu fegen. Einer wie er dachte gar nicht erst daran, seine Defizite abzubauen, zu schmälern oder wenigstens zu kaschieren.
In der Hand einen alten, braunen Koffer, wie er hässlicher und klobiger kaum sein konnte, kletterte ich an jenem Maitag also aus dem Zug, schwamm mit der Menge ans Ende des Bahnsteiges und dachte schon, er hätte mich womöglich versetzt, weil ich ihn nirgendwo ausmachen konnte, als ich ihn aufblitzen sah. Sein Antlitz ähnelte dem seiner Fotos nur bedingt, sie waren nicht die allerbesten gewesen, und der erste Eindruck, wie er mit seinen gut eins neunzig dastand, lässig mit dem Handy in der Hand spielte, und seinen kräftigen, etwas gedrungenen Körper in Szene setzte wie auch seine markante Glatze, ließ mir diesen einen spontanen Gedanken einschießen: Der sieht aus wie ein typischer Russe.
Wenngleich ich mich im nächsten Augenblick fragte, wie denn ein typischer Russe aussah. Später jedoch sollte sich dieser Eindruck auf andere Weise mehrfach vertiefen. Sein unbeugsamer Hang zu Mädchen aus dem Osten, seine generelle Affinität für Osteuropa, seine nahezu perfekten Russischkenntnisse und insbesondere die notorische Geheimniskrämerei, die er zu jeder Zeit um seine Geschäfte betrieb. Doch soweit war ich da noch lange nicht.
»Willkommen in Wien«, sagte er mit breitem Lächeln.
Wir fuhren ins Hotel in der Innenstadt, das »Schick« am Parkring. In einem schnittigen Flitzer, einem M3. Stefan geleitete mich ins Zimmer, entschuldigte sich, weil er auf einen Sprung nachhause müsse, und zischte ab. Seltsam, hätte ich denken können. Doch ich war einfach nur überwältigt. Dieser Ausblick über den Dächern Wiens. Die Schönheit der Stadt, schon das Wenige, das ich bis dahin zu sehen bekommen hatte, nahm mich in Beschlag. Dazu der Ausblick auf das, was da kommen mochte. Weniger unser sexuelles Abenteuer als vielmehr der Mensch, den ich hinter der Fassade freizulegen hoffte. Ich duschte, zog mein Blumenkleid an, trug mein damals langes, schwarzes Haar offen (ich wusste da schon, dass er verzopfte Frauen hasste, wenn sie also ihre Haarpracht zu einem Knäuel verunstalten, wie er es nannte) und trat hinaus auf die Terrasse meines Zimmers. Jedem einzelnen Sonnenstrahl spürte ich nach, und die Unruhe, die mich eben noch fest im Griff gehabt hatte, flog auf und davon.
Stefan rief an. Er wollte mich vor dem Hotel abholen. Als ich auf die Straße trat, hupte es. Einmal. Ein zweites Mal. Erst da begriff ich. Und für einen Moment kam Pretty Woman-Stimmung in mir auf, als ich ihn angeritten kommen sah. In einem Cabrio. Einem silbernen Aston Martin. Bloß von der Eleganz eines Richard Gere war er nach wie vor meilenweit entfernt. Er lege keinen Wert darauf, würde er irgendwann einmal sagen, weil man mit Schönheit genau nichts erreichen könne. Er mache es mit seinem Intellekt. Er, der Doktor der Psychologie, obendrein studierter Jurist, und irgendwann einmal, wie er sagte, in grauer Vorzeit, in der Politik tätig. In Wahrheit, denke ich, war ihm bloß bewusst, dass an seiner Erscheinung nicht viel zu machen sein würde.
Ich lachte hell auf, als er neben mir hielt und den Wagenschlag von innen aufdrückte. »Der Herr hat wohl eine Schwäche für schöne Autos.«
»Und für schöne Frauen«, erwiderte er augenblicklich.
Wir fuhren ins MAREDO am Opernring. Perfekt gegrillte Steaks. Perfekte Weine. Ein erstes Gespräch.
»Bin ich tatsächlich dein letztes Date?«, fragte er mittendrin.
»Du meinst die Auktion? Ja, für den Augenblick wenigstens.« Er sah mich erstaunt an.
»Aber ich bin doch bestimmt nicht dein letztes, oder?«, fuhr ich fort.
Er grinste linkisch. Es sei nichts Besonderes für ihn, Frauen auf diese Weise zu bekommen. Er habe das wiederholte Male getan. Es sei in dem einen Moment lustig, und im nächsten schon wieder vergessen. Überhaupt wisse er gar nicht, mit wie vielen Frauen er schon Sex gehabt habe. Unverhohlener Stolz blitzte in Stefans stahlblauen Augen auf. Und da war er wieder, der feine Unterschied, egal ob Geld im Spiel war oder nicht: Männer, die vorgaben, ihre sexuellen Kontakte nicht mehr zählen zu können, waren Helden. Frauen Schlampen.
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