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Theodor Fontane (1819–1898)

Theodor Fontane

Alles ist Zufall

Schriften eines Realisten

Herausgegeben von Günther Rüther


Inhalt

EINLEITUNG

1.DER JUNGE FONTANE IM FREIHEITS- UND EINHEITSFIEBER

2.WANDERUNGEN IN DER FREMDE UND DER MARK BRANDENBURG

3.VOM PATHOS ZUM ALLTÄGLICHEN, VON DER GESCHICHTE ZUR GEGENWART

4.PATRIOTISMUS UND DER GEIST DES MENSCHLICHEN

5.ZEUGEN IHRER ZEIT UND ZEITZEUGEN

6.ERINNERUNGEN ODER WAS DAS ALTER MIT DER JUGEND VERBINDET

7.IM ALTER NEUES VERSUCHEN

8.SUMMA SUMMARUM

In Gedenken an meine Eltern

Einleitung

Theodor Fontane hatte eine glückliche Kindheit. Er verbrachte sie in Neuruppin und Swinemünde, dem heutigen Świnoujście in Polen. Nun sind es nicht Land und Leute allein, die den Wesenszug eines Heranwachsenden prägen. Es ist aber wohl kaum zu leugnen, dass vom Ort der Geburt und Kindheit eine magische Kraft ausgeht, die sich in das Tiefengedächtnis eines Menschen dauerhaft eingräbt und in den folgenden Jahrzehnten des Lebensbaumes immer wieder auf überraschende und wundersame Weise zurückmeldet. Bei Fontane ist es jedenfalls so gewesen. Er hat es auch so empfunden. Wenn sich in den ersten Lebensjahren der Mensch entwickelt und diese Aussage mehr oder weniger »auf Allgemeingültigkeit Anspruch hat, so darf vielleicht auch diese meine Kindheitsgeschichte als eine Lebensgeschichte gelten«, schrieb er. Am deutlichsten belegen dies seine beiden Erinnerungsbücher Meine Kinderjahre und Von Zwanzig bis Dreißig, die er in hohem Alter niederschrieb. In ihnen geht es zwar vor allem um die ersten drei Lebensjahrzehnte, sie stellen aber zugleich eine Bilanz des Lebens dar, indem sie die Gegenwart und jüngere Vergangenheit in den Rückblick einfließen lassen. Wenn ich davon spreche, dass Land und Leute den Wesenszug eines Menschen beeinflussen, so ist in unserem Falle anzufügen, dass ihn mit Neuruppin und Swinemünde zwei Städte prägten, die im Grunde genommen nicht unterschiedlicher sein konnten. Nun liegen die Unterschiede nicht im Grundsätzlichen. Vielmehr handelt es sich um Unterschiede im Kleinen. Aber diese waren durchaus von Gewicht und schufen so etwas wie einen kulturellen und narrativen Spannungsbogen, der sich im Charakter von Fontane spiegelte.


In Neuruppin erlebte er eine Stadt, die nach der großen Feuersbrunst am Ende des 18. Jahrhunderts völlig neu aufgebaut wurde. Ihre Straßen und Häuserreihen erinnern an ein Schachbrett, jedenfalls an eine rechtwinklige Ordnung, die es Fontane schon als Kind leicht gemacht haben dürfte, sich zu orientieren. Dem Besucher heute ergeht es nicht anders. Der Grund dafür lag darin, dass Preußen Neuruppin zu einer bedeutenden Garnisonsstadt ausbaute, in der schon vor dem Brand kein geringerer als der junge Friedrich als Kronprinz das gleichnamige Regiment befehligte. Fontane wuchs folglich mit dem Hurra der Bürger: »die Soldaten kommen«, ihren Platzkonzerten, Paraden, dem Donner der Manöver und dem Pfeifen der Schießübungen auf. Die Einflüsse der Garnisonsstadt und das von ihr ausgehende militärische Treiben und Getöse prägten sein literarisches Schaffen bis in das Alterswerk hinein. Zwölf bittere Jahre, in denen er über die drei preußischen Kriege als Kriegsberichterstatter Auskunft gab, zeugen davon. Seine Erzählung Kriegsgefangen und seine Reportage Aus den Tagen der Okkupation, einer Reise durch Nordfrankreich und das besetzte Elsaß-Lothringen zu Ostern 1871, sowie zahlreiche seiner Gedichte wie etwa die Balladen Männer und Helden sind ohne diese Prägungen, ohne diese tiefe Verbindung mit Preußen und seinem Militär nicht zu erklären.

Neuruppin steht aber in seinem Leben nicht nur für Tradition, Ordnung, Geschichte und Militärwesen. Zur Stadt gehört auch der Ruppiner See mit seiner weichen Landschaft, seinen Promenaden, seinen herrlichen Sonnenuntergängen, seinen Lastkähnen, Fischern, ihren Booten und Netzen, seinen idyllischen Buchten und zum Baden einladenden Ufern. Theodor Fontane wuchs in diese Idylle hinein. Sie schärfte seine Wahrnehmungen und Empfindungen. Sie bildete den Nährboden für viele seiner Gedichte und Landschaftsschilderungen in seinen Reiseberichten und Romanen. Sein Elternhaus, die Löwen Apotheke, die das junge Ehepaar mit der Hochzeit erwarb, die Magistrale der Stadt, die zu seiner Zeit, es wird kaum überraschen, Friedrich Straße hieß und heute nach Karl Marx benannt ist, liegt nur wenige Meter vom See entfernt. Neuruppin und der See tauchen denn auch nicht nur in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg immer wieder auf, auch sein letzter großer Roman Der Stechlin setzt mit der Grafschaft Ruppin und der Beschreibung eines Sees ein. Nur handelt es sich hier um den Stechlin, häufig auch der Große Stechlinsee oder kurz Stechlinsee genannt. Er gehört zum Rheinsberger Seengebiet und liegt nicht weit vom Ruppiner See entfernt. Fontane stellt ihn dem Leser folgendermaßen vor: »Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt ›der Stechlin‹. Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren.«

Rückblickend hat Fontane Neuruppin als eng und langweilig bezeichnet. Doch dürfte er dies als Kind kaum so empfunden haben. Für Augen und Ohren bot die Garnisonsstadt am See viele Reize, die in ihrer Widersprüchlichkeit – Naturlandschaft einerseits und militärische Ordnung andererseits – seine Empfindungen und Charakterbildung durchaus angeregt haben.


In noch viel stärkerem Maße öffnet sich dieser Spannungsbogen in der Hafenstadt Swinemünde, der nächsten Station auf seiner Entdeckungsreise in die Kindheit. Der Umzug erschien ihm rückblickend wie die Abkehr vom Refugium zum Tor der Welt, von einer überschaubaren Schutzzone bürgerlichen Lebens, in die raue, pralle, ungeordnete, schillernde, wilde Wirklichkeit. Wenn Ruppin für ihn für ein behütetes bürgerliches Leben stand, dann Swinemünde für seine Offenheit, eine dem Schicksal des Lebens zugewandte Stadt, die in der Begegnung der Kulturen die Freuden- und Schattenseiten eines offenen Lebensentwurfes aufscheinen ließ.

Swinemünde empfand Fontane als ein »unschönes Nest«, aber zugleich entdeckte er auch einen »Ort von ganz besonderem Reiz«. Dieser lag für ihn in seiner eigentümlichen Lebendigkeit, die Handel und Schifffahrt mit sich brachten. Der Strom, wie die Swine genannt wurde, übte einen ganz besonderen Zauber auf ihn aus. Die Flöße, Flußbagger und Handelsschiffe, die um die Welt fuhren und nicht nur Waren, sondern auch Geschichten mit in die Stadt brachten, faszinierten ihn. Sie gaben der Stadt ihr eigentümliches Flair. Spießbürgertum und Weltbürgertum bildeten eine Melange, wie sie sich damals nur in Hafenstädten entwickeln konnte. Während die Innenstadt, wo nahe dem Kirchplatz die Familie ihr neues Zuhause fand, der Betulichkeit anderer Kleinstädte nicht nachstand, entdeckte er den Hafen als Abenteuerplatz des Lebens. Fontane schilderte Swinemünde in seinen Lebenserinnerungen als Ort der Poesie, dem die Prosa auf dem Fuße folgte.

In seinem Charakter entfalteten sich zwei Wesenszüge, die es ihm nicht leicht machten, eine Balance zu finden, weil sie sich nur schwerlich zum Ausgleich bringen ließen: eine tiefe Bindung an die Heimat und eine Sehnsucht nach der Fremde, eine nach Sicherheit und Geborgenheit strebende Bürgerlichkeit und eine das Risiko nicht scheuende Abenteuerlust. Ein Jugendfreund schilderte ihn als scharfsinnigen, mit glühender Phantasie ausgestatteten, gutmütigen aber auch in sich widersprüchlichen Menschen, dessen Hauptschwäche die Eitelkeit sei.


Nun erfährt der heranwachsende Mensch seine Prägungen nicht nur von der Umgebung, in der er lebt. Zuallererst sind hier wohl die Eltern zu nennen. Sie übermitteln eine Mitgift, die dem Menschen in die Wiege gelegt ist. Sie trägt mit den Jahren zu seiner Charakterbildung wesentlich bei. Seine Eltern unterschieden sich in vielerlei Hinsicht. Doch in einem stimmten sie völlig überein. Sie fühlten sich als etwas Besonderes, weil sie französische Namen trugen, ihre Vorfahren nach Preußen emigriert waren und sie sich als vom Calvinismus geprägte Hugenotten zu jener Schicht rechnen durften, die es in Preußen geschützt durch das Edikt von Potsdam (1685) zu etwas gebracht hatten. Aber dieser Kolonisten-Stolz genügte ihnen nicht. Sie bemühten sich, unter ihrem Namen, Persönlichkeiten zu finden, die eine herausragende Stellung in Staat und Gesellschaft innehatten, um sie als Vorfahren anzuführen. In diesen mehr der Phantasie als der Wirklichkeit geschuldeten denkbaren Verwandtschaften versuchten sie einander zu übertrumpfen, und daraus für sich jeweils besondere Vorrechte für die Kindererziehung abzuleiten. Fontane schilderte dies in seinem Buch Meine Kindheitserinnerungen mit eben so viel Ironie wie Zustimmung. Er machte aber auch deutlich, dass dieser Wettstreit um die Vorfahren ihn nicht unbeeindruckt ließ. Kolonisten-Stolz hin oder her, seine Eltern standen unter Wahrung ihrer kulturellen Identität loyal zum preußischen Staat und seinen Herrschern. So verwunderte es nicht, dass Fontane mit Stolz auf seine Vorfahren und das Land blickte, in dem er heranwuchs. Doch in dieser Übereinstimmung seiner Eltern zu Stellung, Herkunft und Familie erschöpfte sich das sie einigende Band; ihre Charaktere hätten kaum unterschiedlicher sein können. In der detaillierten Darstellung ihrer Wesensunterschiede hält er sich mit der Milde des Rückblicks im Alter selbst den Spiegel vor.

Seinen Vater, den er in seiner Kindheit besonders verehrte, schilderte er als einen gebildeten Mann, der weit über seine Tätigkeit als Apotheker hinauszublicken vermochte. Er bezeichnete ihn als einen »humoristischen Visionär«, einen Phantasten und Plauderer, der guten Sinnes zu sein und gut zu leben zu den wesentlichen Merkmalen seiner Existenz zählte. Allzu oft entfloh er der Apotheke und ging seiner Spielleidenschaft nach, die das Zusammenleben der Familie erschwerte und sie in den Abgrund schauen ließ. Um seine Spielschulden zu begleichen, musste er mehrfach seine Apotheke verkaufen. Seine Lebensweise nahm auf seine Frau und Kinder wenig Rücksicht. Dennoch liebte der junge Fontane seinen Vater, dessen Großzügigkeit ihm ein Leben eröffnete, das seine Phantasie beflügelte und ihm Freiräume schuf, die seiner Mutter ein Dorn im Auge waren.

Fontane verhehlte nicht, dass er ihr als Kind nicht gerecht geworden sei. Ihre Strenge, ihr Fleiß, ihr Anstand und ihr sittsames Leben, aber auch ihre südfranzösische Heftigkeit, ihre Unduldsamkeit und manchmal auch Härte in Fragen der Erziehung sind Dinge, denen er am Ende viel verdankte, auch wenn er in seiner Jugend wenig Gefallen daran fand. Erst im Alter lernte er schätzen, was sie ihm mit auf den Weg gegeben hatte. »Sie war dem ganzen Rest der Familie, der damaligen wie der jetzigen, weit überlegen«, schrieb er, »nicht an sogenannten Gaben, aber an Charakter, auf den doch immer alles ankommt.«


Die Gegenwelten der Eltern und der Umgebung, in die er hineinwuchs, prägten seine Entwicklung. Sie traten immer dann besonders hervor, wenn er sich an Weggabelungen befand, er entscheiden musste, welchen Lebenspfad er zukünftig beschreiten wollte. Für seine Schulzeit galt dies nur mit Einschränkungen, da er hier dem Willen der Eltern ausgesetzt war, die sich aber über seine schulische Ausbildung nur schwerlich verständigen konnten. So kurz entschlossen wie seine Mutter das Bummelleben mit Privatunterricht in Swinemünde beendete und ihn auf dem Gymnasium in Neuruppin anmeldete, meldete ihn sein Vater nach gut einem Jahr in der Quinta ebendort wieder ab, um ihn in Berlin auf die Friedrichswerdersche Gewerbeschule zu entsenden. In Neuruppin und Berlin lebte er fortan entfernt von seinen Eltern. Das Gymnasium verließ er 1836 als Sechzehnjähriger mit dem »Einjährigen«, damals ein durchaus ansehnlicher Abschluss. Die dreijährige Ausbildung knüpfte an sein Leben in Swinemünde an, da er die schulischen Verpflichtungen nicht sonderlich ernst nahm und lieber durch die Stadt schweifte und sich in Berliner Cafés mit der neuesten Literatur beschäftigte. So war er in der Lyrik seiner Zeit beschlagener als in den meisten Schulfächern. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass seine Neigung zur Literatur in diesen Jahren entfacht wurde. Sein Vater hatte ihn jedoch nicht ohne Hintergedanken an der Gewerbeschule angemeldet, denn er wollte, dass sein Theodor ebenso wie er selbst Apotheker würde. Und so kam es denn auch. Seine Lehrzeit begann er in der Apotheke Zum weißen Schwan in der Spandauer Straße bei Herrn Rose. Pflichtbewusstsein und Leidenschaft traten in diesen Jahren bereits als Wettbewerber auf. Fontane versuchte die Anforderungen der Ausbildung mit seiner Leidenschaft zur Literatur in Einklang zu bringen. Die Apotheke erwies sich dafür als ein gar nicht so ungeeigneter Raum, weil Herr Rose einem Lesezirkel angehörte und die wichtigsten literarischen Neuerscheinungen regelmäßig in die Apotheke flatterten. Schon bald schrieb der Lehrling seine ersten Gedichte, die neben einer Versnovelle am Ende seiner Ausbildungszeit im Berliner Figaro zum Jahreswechsel 1839/40 erschienen.

Der zukünftige Apotheker und der Schriftsteller Theodor Fontane lebten so nebeneinander bis er nach dem Militärdienst, seiner Approbation und der Revolution von 1848 sein Apotheker-Dasein an den Nagel hängte und das Wagnis einging, als freier Schriftsteller zu reüssieren. In den Beruf des Apothekers kehrte er danach nie wieder zurück. In der auf die Revolution folgenden Zeit der Reaktion unter König Friedrich Wilhelm IV. und Ministerpräsident Freiherr von Manteuffel bedeutete diese Entscheidung den Verzicht auf ein bürgerliches Leben in Sicherheit und Wohlstand. Dieses Risiko ging er trotz der überaus widrigen Umstände ein. Er spielte Vabanque, wie es sein Vater auch getan hatte und vertröstete seine Verlobte Emilie Rouanet-Kummer auf bessere Tage. Es waren seine Freunde, die er vor allem durch seine Aufnahme in den Tunnel über der Spree, einem literarischen Club, gefunden hatte, die ihm über diese schwierige Anfangszeit hinweg halfen und ihm schließlich eine Anstellung als Lektor im Literarischen Kabinett bei Innenminister Manteuffel verschafften, der im Dezember 1850 zum Staatsminister aufstieg. Dies war nun deshalb besonders prekär, weil er zuvor auf der Seite der Revolution gestanden hatte. Wider Willen nahm er seine Arbeit in der preußischen Regierung auf. Es fiel ihm schwer als inzwischen durchaus anerkannter Dichter, im »Tunnel« hatte er seine ersten Gedichte mit Erfolg vorgestellt und die Balladen Männer und Helden sowie den Romanzenzyklus Von der schönen Rosamunde veröffentlicht, sich in subordinierter Stellung abzurackern für eine Politik, die er entschieden ablehnte. Doch als seine Dienststelle zum Ende des Jahres vorübergehend aus politisch-organisatorischen Gründen aufgelöst wurde, erfuhr er, dass er als freier Schriftsteller nur in bitterer Armut leben konnte. Da er im Glauben ein hinreichendes Einkommen zu haben, im Oktober 1850 geheiratet hatte und sich alsbald die Geburt seines Sohnes Georg ankündigte, kehrte er ohne Zögern in die Dienste des preußischen Staates zurück, als sich die Chance dazu bot. Ihm diente er in verschiedenen Verwendungen, u. a. verbrachte er mehr als fünf Jahre in London, bis zum Jahresende 1860. In dieser für sein Leben prägenden Zeit war er auf vielfältige Weise schriftstellerisch tätig. Zu seinen herausragenden Arbeiten zählten Ein Sommer in London 1954, die Ballade Archibald Douglas und seine Reise durch Schottland, die 1860 als Vorläufer der Wanderungen unter dem Titel Jenseit des Tweet erschien.


Zum Entsetzen seiner Familie und Freunde verließ er die gut dotierte Stelle in London, heute würden wir sagen als Kulturattaché der preußischen Botschaft, um wieder als Schriftsteller tätig zu werden. Abermals entschied er sich gegen eine bürgerliche Existenz, um als freier Schriftsteller zu arbeiten; abermals musste er erfahren, dass sein ungeheurer Fleiß, seine Arbeitsdisziplin und sein Talent nicht ausreichten, um seine Familie zu ernähren. Doch das ihm von der Mutter mit ins Leben gegebene Verantwortungsbewusstsein, auch wenn er es immer wieder strapazierte und seine arme und geduldige Frau vor kaum überwindbare Probleme stellte, veranlasste ihn einmal mehr, sich den Notwendigkeiten zu stellen und über seinen Schatten zu springen.

Nach sechs Monaten ohne feste Anstellung begann er als sog. englischer Korrespondent in der erzkonservativen Kreuzzeitung, die bis dahin nicht zu seinen bevorzugten Blättern zählte. Zwar hatte er während seines Aufenthaltes in England dort schon hin und wieder publiziert, doch die freie Mitarbeit bedeutete etwas völlig anderes als die feste Anstellung in einem Blatt, dass als Reaktion auf die Revolution ins Leben gerufen worden war und das Eiserne Kreuz als Emblem im Titel trug. Die »Kreuz« stand dem Hofe und der preußischen Regierung nahe. Einmal mehr erwies Fontane sich als pflichtbewusst, wenn es darum ging, die Existenz der Familie zu sichern. Jedoch ist zu erwähnen, dass die Redaktion der »Kreuz« ihren Mitarbeitern erhebliche Freiräume bot, solange sie zu Krone und Staat loyal blieben. Dies war für Fontane selbstverständlich. Er musste sich nicht verbiegen und lernte das Arbeitsklima mehr und mehr schätzen. Bei der »Kreuz« schrieb er seine Wanderungen durch die Mark Brandenburg, hier versuchte er sich als Berichterstatter der drei preußischen Kriege und publizierte seine ersten Kriegsbücher. Hier machte er sich einen Namen als dem Staat und dem Adel verpflichteter Autor. Rückblickend bezeichnete er diese Jahre als die glücklichsten zehn Jahre seines Lebens.

Fontane war ein Meister der Anpassung. Aber ihn als Opportunisten zu bezeichnen, wäre falsch. Er lebte vielmehr in dem Spannungsverhältnis, sein Pflichtbewusstsein und sein Arbeitsethos mit seinem Leben als unbekümmerter und zur Leichtsinnigkeit neigender Künstler, kurz Bohemien, sein Streben nach einem bürgerlichen Leben in Wohlstand mit seiner schriftstellerischen Leidenschaft, seine öffentliche Anerkennung als angesehener Autor mit seinem Erwerbsleben in Einklang zu bringen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gelang es ihm auch in staatlichem Auftrag, seine Haltung zu bewahren und seine Ideale zu verteidigen. Er strebte nach einem Leben in Freiheit in einer humanen Gesellschaft. Doch immer wieder machten ihm sein Geltungsbedürfnis, seine Abneigung gegen jedwede Form der Subordination und seine Eitelkeit einen Strich durch die Rechnung. So kam es im April 1870 nach einer Kontroverse mit dem Chefredakteur zu einer abrupten Beendigung der Zusammenarbeit, weil Fontane keine dauerhafte Zukunft mehr für sich in der »Kreuz« sah. Er nutzte die Reise seiner Frau nach London, damit er sich nicht vor ihr rechtfertigen musste und erklärte sich in ihrer Abwesenheit. Eine schwere Ehekrise war die Folge, denn Emilie fürchtete nicht zu Unrecht, erneut in wirtschaftliche Turbulenzen mit nunmehr vier Kindern zu geraten. Denn trotz beachtlicher literarischer Erfolge und öffentlicher Anerkennung reichten die Einnahmen ihres Mannes nur schwerlich aus, ein standesgemäßes Leben zu führen.


Einmal mehr stand das Glück Fontane zur Seite. In der liberalen Vossischen Zeitung wurde die Stelle des Theaterkritikers frei. Er bewarb sich und erhielt den Zuschlag, obwohl zwischen der »Vossin«, wie er sie nannte, und der »Kreuz« politisch Welten lagen. Mehr als einmal hatte Fontane erfahren, mit welcher Ablehnung gerade in liberal-intellektuellen Kreisen von der »Kreuz« gesprochen wurde. Den Zuspruch erhielt er nicht als politischer Redakteur, sondern als anerkannter und inzwischen über Berlin hinaus geschätzter Schriftsteller. So hielt diese Zusammenarbeit, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, fast zwanzig Jahre. Fontane eröffneten sich dadurch neue Leserkreise. Er wurde zu einer stadtbekannten Persönlichkeit. Seine Kritiken setzten Maßstäbe, obwohl er im engeren Sinne des Wortes kein Theaterfachmann war. Vielmehr erwies er sich als ein hellsichtiger, feinfühliger Beobachter, der seine Unabhängigkeit nutzte und mit eigenem unverstellten Blick auf die Bühne schaute. Dabei hatte er den Zeitgeist stets fest im Blick. Schnell geriet seine vorherige Verbindung zur »Kreuz« bei den Lesern seiner Theaterkritiken in Vergessenheit. Unterbrochen wurde seine Tätigkeit durch den deutschfranzösischen Krieg und seine Bewerbung auf die Stelle als »Ständiger Sekretär der Akademie der Künste«. Diese hochdotierte und angesehene Beamtenstelle weckte sein Interesse. Er sah darin die Chance, seine berufliche Laufbahn auf festen Grund zu stellen und endlich einen Weg einzuschlagen, der ihm nicht nur hohes Ansehen verschaffen würde, sondern auch im Alter feste, gut auskömmliche Bezüge. Der alte Widerstreit zwischen einem Künstlerleben in Freiheit und einem Beamtenleben in Abhängigkeit trat erneut hervor. Dass seine Frau diese Bewerbung unterstützte, versteht sich nach den zurückliegenden Turbulenzen des Schriftsteller-Daseins von selbst. Seine Majestät äußerte Bedenken, da er in Fontane nicht den für diese Position geschaffenen Kandidaten erblickte. Dennoch gelang es mit Hilfe seiner Freunde aus dem Umfeld des »Tunnels«, diese Vorbehalte zu überwinden. Im März 1876 wurde er in sein neues Amt eingeführt. Doch die Bedenken des Königs von Preußen und Deutschen Kaisers Wilhelm I. bestätigten sich. Fontane zeigte sich dem Ränkespiel zwischen den Akademie-Oberen und den allgemeinen Akademie-Angelegenheiten nicht gewachsen und reichte nach wenigen Wochen sein Entlassungsgesuch ein. Da der preußische König ihn förmlich berufen hatte, musste er ihn auch um »gnädigste Entlassung« bitten. Seinem Verhältnis zu Wilhelm I. war dies nicht förderlich. Emilie war schockiert. Die Ehe stand vor dem Scheitern. Doch Fontane konnte auf seine Position als Theaterkritiker zurückkehren, so dass diese Episode keine erneuten existenziellen Probleme auslöste. Eher war das Gegenteil der Fall. Fortan kannte Fontane seinen Platz in der Gesellschaft und Familie. An der Seite seiner Frau schlug er als Schriftsteller ein neues Kapitel in seinem Leben auf. Nie mehr trug er sich fortan mit dem Gedanken, eine feste Anstellung beim Staat oder bei Hofe anzunehmen. Vielmehr ließ er sich auf das ein, was er schon immer sein wollte: zu allererst Fontane – ein freier, nur sich selbst verpflichteter Schriftsteller.


Inzwischen Mitte Fünfzig gelang es ihm, noch einmal von vorne anzufangen, oder sollten wir sagen, als Schriftsteller einen neuen Weg einzuschlagen. Denn er blieb seiner Mitgift verbunden. Er begann seinen bereits vor Jahren begonnenen, aber immer wieder unterbrochenen Roman Vor dem Sturm zu vollenden. Er erschien 1878. Sein »Schmerzenskind«, weil er nach vielen inneren Widerständen endlich fertig gestellt wurde, entwickelte sich zu einem Debut mit weitreichenden poetischen Perspektiven. Seinem Verleger Wilhelm Herz schrieb er Ende der siebziger Jahre: »so lächerlich es klingen mag, ich darf – vielleicht leider – von mir sagen: ›ich fange erst an.‹ Nichts liegt hinter mir, alles vor mir; ein Glück und ein Pech zugleich.« Mit knapp sechzig Jahren war dies im 19. Jahrhundert eine mutige Ansage, die einmal mehr davon zeugte, dass Fontane mit einem guten Selbstbewusstsein und noch größerem Lebensoptimismus ausgestattet war. Beides hatte ihm besonders sein Vater mit auf den Weg gegeben. Und er sollte in dieser Lebenseinschätzung Recht behalten. Die Kritik bescheinigte ihm, ein großes Thema mit tiefem Ernst aber eben so viel Humor gestaltet zu haben.


In den folgenden Jahren schrieb Fontane zahlreiche weitere Romane und leitete damit nach eigenem Empfinden die literarisch produktivste Phase seines Lebens ein. Sie wurde zu einer Erfolgsstory, die bis in unsere Tage hineinreicht. So gesehen bewirkte die Episode als Sekretär der Akademie der Künste einen Wandel, der Fontane zu sich selbst führte und die auf sein Leben einwirkenden schöpferischen aber auch widersprüchlichen Kräfte harmonisierte. Seine späten Romane zeugen von dem »neuen« Fontane, der sich allerdings bereits mit Vor dem Sturm ankündigt hatte. In seinem Alterswerk – Unwiederbringlich, Frau Jenny Treibel, Die Poggenpuhls und eben die Meisterwerke Effi Briest und Der Stechlin – fand er zu einer Schreibweise, die später als »Fontane-Ton« charakterisiert wurde. Mit seinem unnachahmlichen, verbindlich daherkommenden Plauderton gelang es ihm, das allzu Menschliche mit einer sanften Gesellschaftskritik zu verbinden. Ohne zu verletzen oder zu schulmeistern hielt er seinen Zeitgenossen den Spiegel vor. Diese »verantwortungsvolle Ungebundenheit«, wie sie Thomas Mann bezeichnete, erlaubte ihm, die Neureichen wie den sich an seine Privilegien klammernden Adel in die Pflicht zu nehmen und auf ihre gesellschaftliche Verantwortung hinzuweisen. Während dies in seinen Romanen in abwägender, stets vermittelnder Form geschah, die dem vorgetragenen Urteil oder der geäußerten Meinung Raum für Widerspruch ließ und dieser auch formuliert wurde, äußerte er sich in seinen Briefen oft unverblümt über die ihn bekümmernden Zeiterscheinungen. Dabei schonte er weder den Kaiser noch seine Umgebung. Bismarck, den er in mehreren Gedichten würdigte und in seinen Romanen hier und da mit kleinen Episoden einflocht, nahm er einerseits gegenüber Kaiser Wilhelm II. in Schutz, andererseits bezeichnete er ihn als größten Prinzipienreiter und zugleich größten Prinzipienverächter, je nachdem, wie es die politische Situation gerade erforderte. Fontane war kein Bismarckianer, aber er würdigte seine außergewöhnlichen Leistungen als Staatsmann. Dieses Sowohl-als-auch, die Achtung und der Respekt vor dem Alten und die Offenheit und Zugewandtheit gegenüber dem Neuen, wurde zur Partitur seiner »Lebensmusik« im Alter. Sein sich aus Tradition und Geschichtsbewusstsein speisender Konservatismus verband sich hier mit einer zukunftsoffenen Modernität, die dem Wandel der Zeit gerecht zu werden versuchte.


Die unterschiedlichen Veranlagungen der Eltern und die Umgebung, in die Fontane hineinwuchs, prägten seinen Lebensweg. Sie halfen ihm, schwierige Zeiten zu meistern, führten ihm aber auch oft den Abgrund vor Augen. Schließlich, wenn auch erst in fortgeschrittenem Alter, fand er für sich einen Weg, diese Mitgift produktiv für sich als freier Schriftsteller zu nutzen. In dem Roman Schach von Wuthenow heißt es im Schlusskapitel: »Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt.« So ist es wohl auch. Und deshalb kann diese Einleitung auch nicht mehr sein, als der Versuch einer Annäherung an einen großartigen, in seiner Menschenkenntnis, Beobachtungsgabe und poetischen Kraft herausragenden Schriftsteller.


Die Auswahl der nachfolgenden Texte spiegelt die literarische und zeitkritische Entwicklung des Autors. Zudem zeigt sie seine Vielfältigkeit und Meisterschaft als Dichter, Schriftsteller, Briefeschreiber und Publizist. Neben sehr bekannten Texten finden sich auch solche, die in Vergessenheit geraten sind oder weniger Beachtung gefunden haben, aus welchen Gründen auch immer. Allen gemeinsam ist, dass ihnen etwas Besonderes eigen ist. Dieses Besondere ergibt sich daraus, dass sie wie etwa die Balladen und einzelne Gedichte über Jahrzehnte zum Literaturkanon zählen. Es ergibt sich aber auch aus der getroffenen Zusammenstellung selbst und aus dem Eigenleben, das sie als Auszug aus einem größeren Zusammenhang dadurch zu entwickeln vermögen, weil sie sich hier ein Stückchen weit verselbständigen, so dass sie inhaltlich und sprachlich ihre Kraft und ihren Glanz losgelöst von einem weiteren Kontext entfalten können.

Die Gedichte und Balladen werden ungekürzt wiedergegeben. Sie finden sich zum Teil in einzelne Kapitel eingestreut, wenn sich dies thematisch empfiehlt. Das Kapitel 3: »Vom Pathos zum Alltäglichen, von der Geschichte zur Gegenwart« schenkt ihnen besondere Aufmerksamkeit. Fontane hat bis zu seinem Lebensende Gedichte geschrieben. Verse zu schmieden, gehörte zu seinem Leben. Doch so wie sich seine Prosa im Alter veränderte, veränderten sich auch seine Gedichte. Dies soll hier sichtbar werden.

Die Texte sind in acht Kapitel gegliedert, in die eingeführt wird. Die Überschriften stammen von Fontane, wenn nicht sind sie durch * gekennzeichnet. Zitiert wird nach der Nymphenburger Gesamtausgabe von 1959 ff., die Briefe nach der Gesamtausgabe von Hanser 1976 ff.

Günther Rüther

1. Der junge Fontane im Freiheits- und Einheitsfieber

Vorbemerkung

Fontane veröffentlichte schon als Apotheker-Lehrling seine ersten Texte. In diesen folgte er der Mode der Zeit. Nicht zufällig finden sich darin Anklänge an Eichendorffs Romantik sowie Herweghs und Freiligraths Freiheits- und Einheitspathos. Neben Gedichten, die noch epigonale Züge verraten, entwickelte Fontane aber bereits seinen eigenen Ton, und lässt die Vielfalt seiner dichterischen Ausdruckskraft erkennen. Die Strandbuche weist auf seine Balladen voraus. Die kurzen Prosastücke zeigen, dass der junge Fontane nicht nur als Dichter, sondern auch als Publizist voller Leidenschaft war. Das Gedicht Unterwegs und wieder daheim entstand während seines dritten Englandaufenthalts nach einem Besuch in der Heimat. Es leitet zum zweiten Kapitel, seinen Wanderungen, über.

Frühlingslieder
I.

Der Frühling hat des Winters Kette

Gelöst nach altem, gutem Brauch;

O, daß er doch zerbrochen hätte

Die Ketten unsrer Freiheit auch!

Er nahm das weiße Totenlinnen,

Das die gestorb’ne Erde trug,

Und sieht die Fürsten weiterspinnen

An unsrer Freiheit Leichentuch.

Wird nie der Lenz der Freiheit kommen?

Und werden immer Schnee und Eis

Und nimmer Ketten uns genommen?

Es seufzt mein Herz: Wer weiß, wer weiß?

II.

Der Frühling kam, der Weltbefreier,

Die Erde liebt und grünt und blüht,

Am Himmel keine Wolkenschleier,

Und ohne Wolken das Gemüt.

Die Vögel und die Menschen singen,

Und wie die Lerche himmelwärts,

Will sich empor zur Gottheit schwingen

In Dankgebet das Menschenherz.

O, Herz! Es brach die Frühlingssonne

Des Winters Ketten wohl entzwei;

Wohl ziemt der Erde Dank und Wonne,

Doch bist auch du von Ketten frei?

um 1841, Sämtliche Werke, im Folgenden SW, S. 415 f.

Einigkeit
(bei Gelegenheit des Hamburger Brandes, 1842)

Kein Jubel mehr! die Freude sei bemeistert

Ob deutschen Sinns und deutscher Einigkeit;

Es gilt nicht viel, wenn sich ein Volk begeistert

In unsrer krankhaft-überreizten Zeit.

Was Ihr gesehn – des Mitleids frommes Walten

Erlöst noch lang vom alten Fluch uns nicht,

Und unsre Heimat ist und bleibt zerspalten,

Bevor uns nicht ein festres Band umflicht.

Begeisterung! ja, bei Gott, auf allen Gassen

Und aller Orten macht sie jetzt sich breit,

Und wessen Herz sich will begeistern lassen,

Der eile sich – jetzt ist die rechte Zeit,

Es ist die Zeit, wo sich die deutsche Jugend,

Unwürdig, vor den Künstlerwagen spannt;

Sie stempelt auch die Mode ’mal zur Tugend,

Und schwärmt für Einigkeit im Vaterland.

Ach, Einigkeit! die Liebe kann sich regen

In einem Herzen, das der Haß verzehrt,

Es schlägt dem Feinde zornentbrannt entgegen,

Und hält ihn dennoch seines Mitleids wert.

Wer hat von Euch die namenlosen Schmerzen

Zerschossener Feinde frohen Muts erblickt?

So hassenswert lebt nie der Haß im Herzen,

Daß er des Mitleids Stimme selbst erstickt.

Nein, soll die Zukunft uns ein Deutschland bringen,

Da gilt es mehr als eine milde Hand,

Da gilt’s ein mutig Ringen und Bezwingen,

Ein Frühlingswehn durch’s ganze deutsche Land.

Wenn überall der Freiheit Banner rauschen,

Und kein bedrücktes Volk um Rettung schreit,

Dann will auch ich die Zweifel froh vertauschen,

Und gläubig baun auf Deutschlands Einigkeit.

SW XX, S. 438 f.

Hinaus!

Ich bin es satt, auf Polstern mich zu dehnen,

Es ekelt mich dies weibergleiche Tun,

Ich möcht’ im Kampf anspannen alle Sehnen,

Mich müd und matt an die Lafette lehnen

Und käm’ der Schlaf, auf bloßer Erde ruhn.

Ich möcht’ hinaus! Umbrüllt von Sturm und Wettern

Möcht’ ich zu Schiff auf hohem Meere sein;

Vom Blitz umflammt möcht’ ich den Mast erklettern,

Und wenn die Wellen unser Schiff zerschmettern,

Ein kühner Schwimmer um das Leben frei’n.

Ich möcht’ hinaus! Mag schleudern mich die Reise,

Wohin sie will, mir gilt es gleich fürwahr;

Heraus nur endlich aus dem alten Gleise,

Das Leben steigt mit der Gefahr im Preise –

Ach denn, hinaus! Zu Taten und Gefahr.

1844, SW XX, S. 383

Die Strandbuche

Hoch auf meerumbrauster Düne ragt in voller Maienpracht

Eine Buche. »Mutter« – ruft sie »wieder kam das Meer bei Nacht

Wieder hat’s aus grünem Seetang viel der Kränze mir geschlungen,

Hat mir Bernsteinschmuck gespendet und von Liebe viel gesungen.

Mutter, schilt es nicht Verführer, sag’ nicht, daß es treulos wär’,

Treulos ist allein die Schwäche, und gewaltig ist das Meer,

Hieltest du mich nicht umklammert, Mutter Erde, liebestrunken,

Wär’ ich nachts, als es mich lockte, hin an seine Brust gesunken.«

»Sturm herbei!« rief ich wild aufjauchzend jetzt das liebesichre Meer,

Und auf hundert Wolkenrossen jagte schnaubend er einher.

»Auf! entwurzle mir die Buche, ’s gilt der Sehnsucht Schmerz zu kürzen,

Wär’ sie frei, sie würde selber sich in meine Arme stürzen.

»Arme Törin, die des Meeres eitlen Liebesschwüren traut!

Jeder Tanne spend’ ich Bernstein, jede Buche nenn’ ich Braut;

Nicht um unerfüllte Hoffnung, um betrogene sollst du trauern,

Und der Liebe Wonne wird dich bald wie Todesfrost durchschauern.«

Tiefes Schweigen; – aber plötzlich kracht die Buche, sturmgepackt,

Blätterstiebend stürzt sie nieder wie ein grüner Katarakt;

Laut erbrausend heißt sein neues Opfer jetzt das Meer willkommen,

Hochaufschäumend hat’s der Riese an die Wellenbrust genommen.

»Weh, halt ein in deinem Rasen, das mich zu vernichten droht,

So entblättert nicht die Liebe, so entblättert nur der Tod!«

Doch die Leidenschaft des Riesen kennet nicht der Lieb’ Erbarmen,

Und er spielt mit seinem Opfer, bis es tot in seinen Armen.

Aber dann, als ob er Abscheu gegen eine Leiche fühlt,

Hat er seiner Lüste Spielzeug wieder an den Strand gespült;

An dem Fuß der Düne, deren Gipfel einst der Baum beschattet,

Hat die alte Mutter Erde ihr entführtes Kind bestattet.

1844, SW XX, S. 456 f.

»Liebchen, komm!«

Liebchen, komm, vor dieser Zeit, der schweren,

Schutz zu suchen in den Kordilleren;

Aus der Anden ew’gem Felsentor

Tritt vielleicht noch kein Konstabler hervor.

Statt der Savignys und statt der Uhden,

Üben dort Justiz die Botokuden,

Und durchs Nasenbein der goldne Ring

Trägt sich leichter als von Bodelschwingh.

Ohne Wühler dort und Agitator

Frißt uns höchstens mal ein Alligator,

Schlöffel-Vater und selbst Schlöffel-Sohn

Respektieren noch den Maranon.

Dort kein Pieper, dort kein Kiol-Bassa,

Statt der Darlehnsscheine Gold in Kassa,

Und in Quito oder Santa Fé

Nichts von volksbeglückender Idee.

Laß die Klänge Don Juans und Zampas,

Hufgestampfe lockt uns in die Pampas,

Und die Rosse dort, des Reiters wert,

Sichern dich vor Rellstabs Musenpferd.

Komm, o komm! Den heimatlichen Bettel

Werfen wir vom Popokatepettel

Und dem Kreischen nur des Kakadu

Hören wir am Titicaca zu.

1848, SW XX, S. 447 f.

Preußens Zukunft

Die deutschen Stämme werden mehr und mehr erkennen, daß ihre Interessen dieselben sind, die Scheidewände werden fallen mit den Dynastien, und Deutschland wird groß, frei und einig sein.

Diese Auferstehung Deutschlands wird schwere Opfer kosten. Das schwerste unter allen bringt Preußen. Es stirbt. Jeder andere Staat kann und mag in Deutschland aufgehen; gerade Preußen muß darin untergehen. Was unsere Zeit so schön charakterisiert, ist Gerechtigkeit gegen jede Nationalität. Die eigene schützen, die fremde achten, das ist Losung und Feldgeschrei. Innerhalb der Nationalitäten aber werden Stammesverschiedenheiten wieder in ihr Recht treten, und diese Rückkehr zum Natürlichen bringt Preußen um seine Existenz. Bayern, Sachsen, Schwaben, sie werden in Deutschland aufgehen, der großen deutschen Republik werden diese Namen nicht fehlen. Aber eine preußische Republik ist eine Unmöglichkeit; Preußen muß zerfallen. Seine Provinzen gleichen ebensovielen Eisenstäben, die ohne Anziehungskraft untereinander nur durch das Tau eines absoluten Willens zusammengehalten wurden. Das Tau ist mürbe geworden, es wird zerrissen, und die Eisenstäbe werden folgen, wohin der Magnet der Stammesgleichheit sie zieht. Preußen war eine Lüge, das Licht der Wahrheit bricht an und gibt der Lüge den Tod. Mögen Tausende sich erheben und Preußen eine Wahrheit, mich aber einen Lügner nennen, mögen sie in Ermangelung eines andren Beweises das Paradepferd unserer glorreichen Geschichte reiten – ich antworte ihnen: das jetzige Preußen hat keine Geschichte. – Was gilt dem Schlesier die Schlacht bei Fehrbellin, was gilt ihm selbst der Siebenjährige Krieg mit seinem zweifelhaften Recht? Was gelten dem Sachsen, dem Rheinländer unsere Siege bei Dennewitz und Großbeeren? Sie fochten auf feindlicher Seite, als wir den Tempel unseres Ruhms mit Trophäen schmückten. – Vergebens suchen unsere Staatsmänner einen Ausweg, Österreich und Preußen unterliegen der Nemesis der Geschichte; welche Politik wir auch verfolgen mögen, ob eine hochherzig deutsche oder eine königlich preußische, der Ausgang bleibt derselbe: das jetzige Preußen hört auf zu sein. Preußen hat nur die Wahl zwischen einem Untergehen in Deutschland oder einem Zusammenschrumpfen auf das Ländergebiet von 1740. Es kann nicht zweifelhaft sein, was schöner wäre: ein solcher Tod oder ein solches Leben.

1848, Auszug, SW XIX, S. 45 f.

Einheit oder Freiheit

Unsere Einheit ohne das ganze Maß der Freiheit ist ein Unding; sie bleibt ein unlösliches Problem. Ohne Freiheit gibt es wohl eine Einheit der Kabinette, eine Einheit der Polizei, eine Einheit von allem möglichen, nur nicht eine Einheit des deutschen Volks. Nein, keine Einheit um jeden Preis, überhaupt kein Streben nach Einheit; sie muß sich geben wie die Liebe – aller Zwang ist ihr Tod. Nur »Freiheit um jeden Preis«! Ihr nachgestrebt, ihr jedes Opfer gebracht – das sei unverändert die Losung des Tages. Dann ist die Zeit nahe, wo kein Schwanken mehr ist, »ob einig, ob frei?« Dann werden wir einig sein durch die Freiheit und frei sein durch die Einigkeit.

1848, Auszug, SW XIX, S. 52

Das Volk ist immer reif für die Freiheit.*
Brief an Bernhard von Lepel v. 12. Oktober 1848

Das Jahr 13 kam; das Volk, und nochmals und nur das Volk befreite sich und seinen König mit. Friedrich Wilhelm III. bekundete damals seine ganze Schwäche und Unbedeutendheit. Die Schlacht bei Belle-Alliance war geschlagen; das Volk pflanzte Freiheitsbäume, in seinem Jubel vergaß es daran zu denken, daß es auch innere Feinde giebt, die ein freies Volk nicht dulden darf. Nicht großgezogen in der Freiheit, noch ohne Sinn und Zunge für ihren Feuerwein – wohl aber, nach Tagen voll Muth und Kraft, von dem verzeihlichen Wunsche beseelt, nun auch in aller Muße des Sieges und seines Theils daran sich zu freuen, in dieser Stimmung schlich sich jene politische Flauheit ein, die von der königlichen Herrschsucht so schnöde mißbraucht und der Grund zu allen Kämpfen wurde, deren kleinster Theil wir erst bestanden haben. Der Sturz Humbolds und Boyens, die Beseitigung aller freisinnigen, ehrlichen Männer, die dem Volke nun auch geben wollten, was ihm versprochen war, die Metternichsche Politik und als ihre Blühte, die Karlsbader Beschlüsse, alle diese Einzelheiten sind Schandflecke auf den Purpurmänteln unsrer Fürsten. Ich weiß, daß milde Seelen bemüht gewesen sind, dies geizige Zurückhalten mit der Phrase zu entschuldigen: »das Volk war noch nicht reif«; ich aber erwidere darauf: »ein gutes und gesittetes Volk ist immer reif für die Freiheit.«

Auszug, Hanser Briefe (im Folgenden HB), Bd. 1. S. 45 f.

Preußen ein Polizeistaat?*

Blicken wir nun auf das jetzige Preußen! Da gibt es auch eine Sonderstellung, da gibt es auch Dünkel und Übergriffe; aber es sind nicht die lustigen Streiche großer Männer, die sich wohl gar eine halbe Zustimmung zu erobern wissen, es sind die nackten, durch nichts entschuldigten Unverschämtheiten einer ebenso ruhm- wie rücksichtslosen Polizei.

Und was das Schlimmste ist, diese Polizei steht über dem Gesetz! Kein Ruhm, keine Bevorzugung hätte vorzeiten irgendwelchen Rechtsverletzer gegen die Hand des Gesetzes geschützt. Die Gesetze unsrer Tage dringen überall hin; nur vor dem Nimbus der Polizei schrecken sie zurück. Jeder Tag bringt neue Übergriffe, neue Rechtsverhöhnungen dieser heiliggesprochenen, unantastbaren Kaste, und vergeblich bettelt das Volk bei den vorgesetzten Behörden dieser staatsrettenden Grobiane um ein Fünkchen Recht.

Daß wir es sagen müssen; dies Recht- und Genugtuungfordern seitens der Demokratie ist zur Lächerlichkeit geworden. Die Handlanger der Polizei handeln in höchsten Aufträgen; wie mögen Übergriffe da gerügt werden, wo sie, vielleicht wohlüberlegt, angeordnet wurden.

Man will die Volkspartei aufs äußerste bringen, man will den Kampf und – wir zweifeln nicht – man wird ihn haben. Wer mag den Ausgang bestimmen! Wie er sich aber auch gestalten möge, wir wenden uns, in altpreußischem Stolz, mit Schmerz und Scham von einer Regierungsform ab, die, unsre Armee zu Polizeiknechten degradierend, an die Stelle eines militärisch organisierten Rechtsstaates das Schreckensregiment polizeilicher Willkür gesetzt hat.

1848, Auszug, SW XIX, S. 74

Guter Rat

An einem Sommermorgen

Da nimm den Wanderstab,

Es fallen Deine Sorgen

Wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitere Bläue

Lacht dir ins Herz hinein,

Und schließt, wie Gottes Treue,

Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe

Und Halme von Segen schwer,

Dir ist, als zöge die Liebe

Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget

Als wie im Vaterhaus,

Und über die Lerchen schwinget

Die Seele sich hinaus.

1850, SW XX, S. 7

Unterwegs und wieder daheim
1

Erst Münchner Bräu aus vollen Krügen,

Die Deckel klappten wie ein Reim,

Dann Neckarwein in vollen Zügen

Und endlich Rot von Ingelheim.

Und all die Zeit kein regentrüber

Verlorener Tag, kein nasser Schuh,

Die Bilder zögen uns vorüber,

Wir taten nichts als schauten zu.

Und graue Dome, bunte Fresken,

Und Marmor reichten sich die Hand,

Und weinblattdunkle Arabesken

Zog drum das Rhein- und Schwabenland.

2

Mit achtzehn Jahr und roten Wangen,

Da sei’s, da wandre nach Paris,

Wenn noch kein tieferes Verlangen

Sich dir ins Herze niederließ;

Wenn unser Bestes: Lieb’ und Treue,

Du nicht begehrst und nicht vermißt,

Und all das wechselvolle Neue

Noch deine höchste Gottheit ist.

Mir sind dahin die leichten Zeiten,

Es läßt mich nüchtern, läßt mich kalt,

Ich bin für diese Herrlichkeiten

Vielleicht zu deutsch, gewiß – zu alt.

3

Und wieder hier draußen ein neues Jahr –

Was werden die Tage bringen?!

Wird’s werden, wie es immer war,

Halb scheitern, halb gelingen?

Wird’s fördern das, worauf ich gebaut,

Oder vollends es verderben?

Gleichviel, was im Kessel braut,

Nur wünsch’ ich nicht zu sterben.

Ich möchte noch wieder im Vaterland

Die Gläser klingen lassen

Und wieder noch des Freundes Hand

Im Einverständnis fassen.

Ich möchte noch wirken und schaffen und tun

Und atmen eine Weile,

Denn um im Grabe auszuruhn,

Hat’s nimmer Not und Eile.

Ich möchte leben, bis all dies Glühn

Rückläßt einen leuchtenden Funken

Und nicht vergeht wie die Flamm’ im Kamin,

Die eben zu Asche gesunken.

4

Ich bin hinauf, hinab gezogen

Und suchte Glück und sucht’ es weit,

Es hat mein Suchen mich betrogen,

Und was ich fand, war Einsamkeit.

Ich hörte, wie das Leben lärmte,

Ich sah sein tausendfarbig Licht,

Es war kein Licht, das mich erwärmte,

Und echtes Leben war es nicht.

Und endlich bin ich heimgegangen

Zu alter Stell’ und alter Lieb’,

Und von mir ab fiel das Verlangen,

Das einst mich in die Ferne trieb.

Die Welt, die fremde, lohnt mit Kränkung,

Was sich, umwerbend, ihr gesellt;

Das Haus, die Heimat, die Beschränkung,

Die sind das Glück und sind die Welt.

1856, SW XX, S. 21 ff.

2. Wanderungen in der Fremde und der Mark Brandenburg

Vorbemerkung

Zwischen 1844 und 1860 besuchte Fontane drei Mal England. Zunächst für einen kurzen Urlaub während seiner Militärzeit, dann für einige Monate und schließlich für fünf Jahre im Auftrag der preußischen Regierung. Während dieser Zeit entstanden neben zahlreichen Aufsätzen für Zeitungen auch zwei Bücher. Jenseit des Tweed gilt als Vorläufer seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg, deren erster Band bereits 1861 erschien. Nach der Erkundung der Fremde wandte er sich der Heimat zu, der festen Überzeugung, dass sich darüber auch trefflich berichten ließe, was weithin unbekannt sei. Insgesamt arbeitete er an den Wanderungen fast dreißig Jahre. 1889 erschien mit Fünf Schlösser der letzte Band, den Fontane aber nur mit gewissen Vorbehalten dazu zählte, weil es sich dabei weniger um Plaudereien, häufig um historische Spezialitäten handelte.

Ein Sommer in London
Von Gravesend bis London

Von Smithfield nach Paddington, quer durch die Stadt hindurch, ist eine schlimmere Reise wie von London-Bridge bis Gravesend; nicht mehr Mile-End ist die längste Straße Londons, sondern der prächtige Themsestrom selbst: statt der Cabs und Omnibusse befahren ihn Hunderte von Böten und Dämpfern, Greenwich und Woolwich sind Anhaltspunkte, und Gravesend ist die letzte Station.

Der Zauber Londons ist – seine Massenhaftigkeit. Wenn Neapel durch seinen Golf und Himmel, Moskau durch seine funkelnden Kuppeln, Rom durch seine Erinnerungen, Venedig durch den Zauber seiner meerentstiegenen Schönheit wirkt, so ist es beim Anblick Londons das Gefühl des Unendlichen, was uns überwältigt – dasselbe Gefühl, was uns beim ersten Anschauens des Meeres durchschauert. Die überschwängliche Fülle, die unerschöpfliche Masse – das ist die eigentliche Wesenheit, der eigentliche Charakter Londons. Dieser tritt einem überall entgegen. Ob man von der Paulskirche oder der Greenwicher Sternwarte herab seinen Blick auf dies Häusermeer richtet – ob man die Citystraßen durchwandert und, von der Menschenwoge halb mit fortgerissen, den Gedanken nicht unterdrücken kann, jedes Haus sei wohl ein Theater, das eben jetzt seine Zuhörerschwärme wieder ins Freie strömt – überall ist es die Zahl, die Menge, die uns Staunen abzwingt.

Ein Sommer in London
Parallelen

Es gibt Leute, die alles Raisonnement über den Charakter eines Volkes, geschweige ein Parallelziehen zwischen dem einen und dem andern, eine müßige Beschäftigung nennen und einem versichern, daß man von Glück sagen könne, in Darlegung solcher Ansichten nicht jedesmal die Kehrseite der Wahrheit zu seinem Glaubensbekenntnis gemacht zu haben. Ich gebe das teilweise zu; aber es hat mir jederzeit auch ferngelegen, dem Leser Weisheit predigen oder ihm tiefste Anschauung und Aufschlüsse geben zu wollen. Die immer nur beziehungs- und bedingungsweise Richtigkeit alles dessen, womit ich meine Briefe vielleicht mehr erweitert als bereichert habe, ist von Anfang an niemandem einleuchtender gewesen als mir selbst, und dem eigentlichsten Zweck dieser Zeilen: zu unterhalten und anzuregen, hat immer nur das Verlangen eines unumwundenen, mir selber Bedürfnis gewordenen Bekenntnisses zur Seite gestanden, aus dem – teils im Zusammenklang, teils im Widerstreit mit andern Meinungen – sich eine Wahrheit entwickeln möchte. […].

Englands Kraft besteht in der anspruchsvollen Schätzung seiner selbst. Deutschlands Größe in der bescheidenen Würdigung alles Fremden. England ist selbstsüchtig bis zur Begriffsverwirrung, Deutschland gerecht bis zur eigenen Preisgebung.

Und nun zum Schluß: England ist praktisch, Deutschland ideal. Wunderbarer Widerspruch! Dasselbe Volk, das den Schein über die Wahrheit setzt, das Millionen im Götzendienst der Eitelkeit und hohler Repräsentation verprunkt, das Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um beim Herzog von Wellington vorfahren und dem alten Herrn einen Kratzfuß machen zu können, – dasselbe Volk ist praktisch vom Wirbel bis zur Zeh, von der Magna Charta an bis zur neupatentierten Häcksellade und erobert die Welt, nicht – wie sonst wohl Eroberer – aus Ruhm und Tatendurst, sondern um unterm Zusammenströmen aller Schätze daheim einen praktischen Nutzen und einen komfortablen Platz am Kamin zu haben. Und wir?! Dasselbe Volk, das die Wahrheit liebt und dem Wesen der Dinge nachforscht, es verliert im Suchen nach dem Wirklichsten die Wirklichkeit unter den Händen und wird zum Träumer, dem das Leben in seiner Welt über die Welt da draußen geht.

1854, Auszug, SW XVII, S. 7 f., 173 u. 177 f.

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