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Tara McKay

Herzstolpern

Portobello Love Story

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Tara McKay

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Charlotte

Lauren

Außerdem von Tara McKay erhältlich

Impressum neobooks

Tara McKay

Über die Autorin:

Tara McKay liebt Edinburgh, Chick-Lit-Romane, einen Spaziergang am Strand von Portobello mit ihren Hunden und das ganz normale alltägliche Chaos in ihrer Familie. Außerdem ist sie eine wenig begnadete Bäckerin, die zum Ausgleich dafür – zur Freude von Mann und Tochter – gut kochen kann.

TARA MCKAY

Herzstolpern

Portobello Love Story

Roman

1.Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung

Copyright © by Kate-O’Connor-Books

Cover: Oliviaprodesign

Alle Rechte, einschließlich das, des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Sämtliche Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

„Seelen begegnen einander nie zufällig.“ (Neale Donald Walsch)

Für alle Angsthasen der Welt,

aber ganz besonders für „meine“,

denen ich im richtigen Augenblick begegnet bin.

Lauren

„Sie müssen sich eine Aktivität außer Haus suchen.“

Dr. Walker sieht mich über den Rand seiner schwarzgeränderten Brille streng an. Ich sitze auf einem roten IKEA-Sessel vor ihm und starre wie hypnotisiert auf sein dichtes gewelltes Haar, das er mit irgendetwas sorgfältig zurückgekämmt hat.

„Benützen Sie Pomade?“, frage ich ehrlich interessiert, völlig ignorierend, was er zu mir gesagt hat.

„Bitte?“ Leicht konsterniert sieht er mich an.

„Ob Sie… Ach, vergessen Sie’s…“ Ein wenig zu spät erkenne ich, dass die Frage völlig unpassend ist. Und gibt es so etwas wie Pomade überhaupt noch?

Dr. Walker räuspert sich, setzt wieder eine ernste Miene auf und beugt sich weit vor, als wolle er gleich über den Schreibtisch klettern.

„Sie igeln sich zu sehr ein“, fährt er mit dem ursprünglichen Thema fort. Er spricht in einer altväterlichen Art zu mir, die nicht zu seinem nur leicht ergrauten Haaransatz und dem sonnengebräunten Gesicht eines wohlhabenden Mannes Mitte vierzig passt, der vermutlich jedes Sommerwochenende auf seiner Yacht im Royal Forth Yacht Club von Granton verbringt.

„Ich bin krank“, gebe ich fast schon panisch zurück.

Das Letzte was ich will, ist, mir eine ‚Aktivität außer Haus‘ zu suchen.

„Das sind Sie nicht“, protestiert Dr. Walker leicht tadelnd. „Sie bilden sich ein, krank zu sein. Das ist ein meilenweiter Unterschied.“

„Ich habe Probleme zu atmen.“ Ich atme probeweise ein und aus. Es fällt mir schwer, die Luft tief in die Lungen zu ziehen.

„Machen Sie die Übung, die ich Ihnen gezeigt habe?“, fragt mein Gegenüber und zieht eine seiner dunklen Augenbrauen hoch.

„Ich zähle bis vier beim Einatmen und mindestens bis sechs beim Ausatmen.“

„Machen Sie das immer, wenn Sie rausgehen?“

Ich spiele verlegen an meinem silbernen Armband herum. Ich gehe nicht gerne raus und Dr. Walker weiß das auch. Genaugenommen unternehme ich nur die Wege, die absolut nötig sind. Allein hier zu sitzen, kostet mich eine Menge Kraft und das einzige, was mich von einer aufsteigenden Panikattacke ablenkt, ist, das Haar des Arztes zu betrachten und zu überlegen, welcher Person in meinem neuen Roman ich einen so vollen, prächtigen Haarschopf zuschreiben soll.

„Ich gehe nicht oft raus“, gebe ich schließlich zähneknirschend zu.

„Genau das meinte ich. Sie müssen sich eine Aktivität außer Haus suchen. Sie haben es nicht nötig rauszugehen, da Sie von zu Hause aus arbeiten. Dabei wäre es gerade für Sie so wichtig zu erleben, dass die Außenwelt nicht gefährlich ist. Kaufen Sie wenigstens selbstständig ein?“

„Ähm…ja…sicher…“, lüge ich eine Spur zu schnell und denke, wie praktisch es doch ist, dass der Supermarkt drei Straßen weiter einen Lieferservice anbietet.

Ein schmalbrüstiger, pickliger Teenager mit flammend roten Locken, der sich nach der Schule etwas dazuverdienen möchte, bringt mir alles, was ich bestelle. Das Internet macht’s möglich. Und genaugenommen kaufe ich selbständig ein, nur eben nicht außer Haus.

Dr. Walker zieht eine Augenbraue fragend hoch.

„Wann verlassen Sie sonst noch das Haus?“

„Ich gehe zu Terminen mit meiner Lektorin.“

Mehr fällt mir beim besten Willen nicht ein. Natürlich hätte ich lügen und irgendwelche Restaurantbesuche mit Freunden erfinden können, die nie stattgefunden haben. Nicht umsonst habe ich eine blühende Fantasie. Aber irgendwie kommt es mir nicht richtig vor, meinen Hausarzt zu belügen. Schon die Sache mit dem Einkauf macht mich nervös und ich frage mich, ob er mich nicht durchschaut. Vermutlich schon.

„Kontakte zu Freunden?“, fragt er auch prompt.

„Ich habe eine Freundin, die mich regelmäßig besucht.“

Selbst in meinen Ohren klingt das ziemlich armselig und ich schrumpfe in meinem roten Sessel förmlich zusammen.

„Haben Sie weitere Freunde? Besuchen Sie diese?“

„Ist das nicht ein wenig zu persönlich?“

„Ich denke nicht, wenn ich Ihnen helfen soll.“

„Vielleicht sollten Sie meine Lunge genauer untersuchen. Ich denke, ich muss zu einem Spezialisten.“

„Das ist nicht nötig, Miss Anderson.“

Dr. Walker steht auf und umrundet seinen Schreibtisch, bis er bei meinem Sessel ankommt. Er legt mir seine große Hand, auf deren Rücken ein paar schwarze Härchen sprießen, in einer vertraulichen Geste auf die Schulter.

„Sie sind gesund. Das einzige was Ihnen fehlt, sind soziale Kontakte. Sie leiden unter Panikattacken, sobald Sie das Haus verlassen und es gibt nur eine Möglichkeit, die Angst zu bekämpfen: Sie müssen rausgehen und sich dem stellen, was Sie nervös macht.“

Das Atmen fällt mir plötzlich noch schwerer, wenn ich nur daran denke, mich länger als nötig außerhalb meines Hauses aufzuhalten.

„Das geht nicht.“, presse ich hervor und stehe auf.

Ich will jetzt nur noch hier raus. Die Wände erscheinen mir zu eng, es ist heiß im Raum und ich zupfe nervös am Ausschnitt meines H&M-Oberteils herum, das ich im Internetshop günstig ergattert habe.

„Miss Anderson, Sie wollen doch irgendwann am Leben wieder teilnehmen.“ Dr. Walker sieht mich eindringlich an. „Bitte nehmen Sie sich meinen Rat zu Herzen. Und suchen Sie sich einen Therapeuten. Ich habe ihnen doch schon vor Monaten ein paar Adressen mitgegeben.“

„Natürlich“, verspreche ich halbherzig.

An dem skeptischen Blick, den er mir zuwirft, sehe ich, dass er mir nicht glaubt. Kein Wunder. Ich glaube mir nicht mal selbst und ich bin ziemlich gut darin, mich zu belügen.

Eilig nehme ich meine Tasche vom Boden auf, drücke Dr. Walker die Hand und lächle ihm so gut es geht zu. Dann fliehe ich förmlich aus der Praxis.

Auf der Straße angekommen atme ich so tief als möglich ein und sehe mich um, als wäre ich noch nie hier gewesen. Der Weg nach Hause ist nicht weit, dennoch bedeutet er für mich eine Herausforderung. Es ist ein ziemlich heißer Tag für schottische Verhältnisse.

„Gott, ich hasse Sonne.“, schimpfe ich leise vor mich hin, presse meine riesige schwarze Handtasche an mich und wappne mich. Das Sonnenlicht sucht sich einen Weg durch die kleinen Reihenhäuser von Portobello, sodass es kaum möglich ist im Schatten zu laufen. Grell fällt es auf die helle Sandsteinfassade von Dr. Walkers Haus. Sorgsam versuche ich die Umgebung auszublenden und nur ans Zählen zu denken, dann marschiere ich mit gestrafftem Rücken los.

1,2,3,4 – einatmen

1,2,3,4,5,6 – ausatmen

Es klappt für eine Weile, ganz so, wie ich es gewohnt bin, doch bereits an der nächsten Straßenbiegung nimmt mir die Angst so sehr die Luft zum Atmen, dass ich nur noch mühsam beim Ausatmen bis vier komme. Mein ganzer Körper beginnt zu kribbeln und ich beschleunige meine Schritte. Ein fataler Fehler, wie ich weiß, denn dadurch fällt mir das gleichmäßige Atmen nur noch schwerer. Doch das einzige, was ich jetzt wirklich will, ist, möglichst schnell wieder in meinen vier Wänden sein. Meine strassbesetzten FlipFlops klatschen laut auf den Boden, mit jedem Schritt den ich mache.

Ich renne schon fast, als ich in die Brunstane Road einbiege, wo ich von weitem mein Häuschen sehen kann. Menschen gehen an mir vorbei, die an diesem schönen Tag auf dem Weg zum Strand sind und ich habe das Gefühl, als würden sie mich anstarren. Als stünde auf meiner Stirn: Ich habe gerade eine Panikattacke.

Wenigstens stirbst du nicht allein, denke ich und haste weiter. Jeden Moment wird mir die Luft ausgehen, da bin ich ganz sicher. Was danach kommt, weiß ich genau. Ich werde nicht sterben, soviel ist klar, wenngleich ich das gerne mal ausblende.

Vor meinem Haus angekommen, suche ich mit zittrigen Fingern die Schlüssel. Nachdem ich durch das schmiedeeiserne Gartentor geschlüpft bin, schaffe ich es gerade noch die Tür aufzuschließen und lasse mich dann ermattet auf den riesigen Ohrensessel sinken, der in der Garderobe steht. Meine Hände beginnen taub zu werden, es kribbelt bis in die Arme hinauf und mein Kopf fühlt sich an, als sei er voller Watte. Doch jetzt bin ich endlich zu Hause, der Atem strömt wieder völlig gleichförmig in meine Lungenflügel und wieder hinaus.

Geschafft!

Die Symptome ebben diesmal schnell ab. Meine Finger entkrampfen sich, das Kribbeln in meinen Armen lässt nach und verschwindet schließlich ganz. Ich bin in meinem sicheren Hafen angekommen.

Noch ein wenig wackelig auf den Beinen stemme ich mich aus dem rosa geblümten Chintzsessel hoch und hebe meinen Schlüsselbund auf, der in aller Eile nicht auf dem dafür vorgesehenen weißlackierten Holztischchen gelandet ist, sondern auf dem abgewetzten lindgrünen Teppich, mit dem sowohl der Flur, als auch die Treppe nach oben ausgelegt sind.

Ich sollte ihn austauschen.

Nicht zum ersten Mal denke ich über die Renovierung des kleinen Reihenhäuschens in Portobello nach, das ich von meiner Patentante Mhairi geerbt habe. Die Teppiche und Böden sind alt und abgewohnt und befinden sich hier im Haus seit ich denken kann – und vermutlich noch viel länger. Eine Renovierung kommt jedoch nicht in Frage, alles erinnert mich hier an glückliche Tage mit meiner Großtante. Erinnerungen, die ich gerade jetzt nicht aufgeben kann, wo ich das Gefühl habe, dass es mir jeden Tag schlechter geht. Auch wenn ich das nur ungern zugebe.

Das Telefon klingelt und reißt mich aus meinen Gedanken. Da ich die schlechte Angewohnheit habe, es überall liegen zu lassen, ist es meist unauffindbar oder der Akku leer. Das Klingeln kommt aus dem Wohnzimmer, wo ich es schließlich unter einem dicken Sofakissen finde.

„Ja?“, frage ich misstrauisch, als ich auf den Knopf mit dem Hörer drücke. Meist sind es Anrufe von einer Telefongesellschaft, die mir unbedingt ihre günstigen Tarife andrehen will. Für derartige Gespräche habe ich keinen Nerv.

„Liebes, wie war es beim Arzt?“ Meine Mutter schreit in den Hörer, als wäre sie tausende von Meilen entfernt auf dem Kontinent und nicht im selben Land wie ich.

„Gut“, antworte ich wortkarg und könnte mich in den Hintern beißen, dass ich ihr von meinem Verdacht, etwas könne mit meiner Lunge nicht in Ordnung sein, erzählt habe.

„Wie, gut? Hast du nun etwas oder nicht?“

Die Antwort ‚gut‘ sollte ihr eigentlich sagen, dass ich an keiner lebensbedrohlichen Krankheit leide, das versteht doch nun wirklich jeder. Nicht so meine Mutter. Sie ist Meisterin darin, nicht zu verstehen, was ihre Umgebung ihr sagen will oder Dinge falsch zu interpretieren. Was wohl der Grund dafür ist, dass keiner ihrer Geschwister noch mit ihr spricht. Das oder dass sie mit Vorliebe über jeden herzieht, egal ob er ihr nahesteht oder nicht.

„Nein, ich habe nichts.“ Zumindest nichts, was ich nicht wüsste.

Meine Mutter zieht die Luft laut ein. Ein äußerst missbilligendes Geräusch.

„Du bist ein ebensolcher Hydrodingsda wie dein Vater.“

„Hypochonder“, verbessere ich sie genervt.

Ich versuche nicht mal, meiner Stimme einen freundlicheren Klang zu geben. Danach ist mir nun wirklich nicht zumute. Die letzte Panikattacke hat zwar nicht lange angedauert, aber mich nichtsdestotrotz ziemlich ausgelaugt.

„Sag ich doch.“ Ich sehe förmlich vor mir, wie sie beleidigt das Gesicht verzieht.

„Ich bin kein Hypochonder, Ma.“

Sie besteht schon seit ich klein bin darauf, dass ich sie ‚Ma‘ nenne und sieht sich gerne als Mutter aus der Serie ‚Die kleine Farm‘. Nun gut, sie ist blond und kümmert sich gerne um ihre Familie, aber da hört die Ähnlichkeit auch schon auf.

„Wenn du sagst, dass dir etwas fehlt und dann ist es doch wieder ein Fehlalarm, dann bist du eben das. Dein Vater stirbt auch bereits seit Jahren und ist immer noch da.“

„Wie geht es Da?“, versuche ich das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. Mein Vater hat sich standhaft geweigert, dass ich ihn ‚Pa‘ nennen soll, weil er Mas Vorliebe für amerikanische Serien und Filme nicht teilt. Das etwas altmodische, schottische ‚Da‘ hat sich als Kompromiss durchgesetzt.

„Er rechnet stündlich mit einem Herzinfarkt, aber ansonsten ist alles in Ordnung. Ich habe ihn dazu verdonnert, den Rasen zu mähen.“

Ich sehe meine Vater förmlich vor mir, wie er in seinen khakifarbenen Shorts und einem seiner unvermeidlichen Polohemden, den Schlapphut gegen die Sonne tief ins Gesicht gezogen, über den Rasen trabt und seinen uralten roten Rasenmäher vor sich herschiebt. Sein Traum ist so ein Ding, auf das man sich draufsetzen kann, aber da er damit in dem kleinen Quadrat, das zu dem Reihenhäuschen meiner Eltern gehört, gerade einmal hin und zurück fahren könnte, wird er den wohl nie bekommen. Eine Welle der Zärtlichkeit überkommt mich und das überwältigende Gefühl, nach Hause fahren zu wollen.

„Sag ihm liebe Grüße, Ma“, sage ich stattdessen. „Ich muss jetzt noch zur Arbeit.“

Bevor meine Mutter noch weitere Fragen stellen kann – und das würde sie mit Sicherheit gerne tun, man muss bei ihr ziemlich auf der Hut sein -, lege ich rasch auf. Dann bleibe ich auf dem Sofa sitzen, als wäre ich dort festgetackert.

Ich muss jetzt noch zur Arbeit…

Eine ziemlich dreiste Lüge, angesichts der Lage. Denn was meine Eltern nicht wissen: vor über einem Jahr habe ich meinen sicheren und gar nicht so schlecht bezahlten Job als Lehrerin an der Portobello High School gekündigt und verdiene meinen Lebensunterhalt als Schriftstellerin. Das klingt nun wirklich nicht so schlimm, dass man es vor seinen Eltern geheim halten müsste. Es sei denn…

„Es sei denn, man kann nicht mehr arbeiten gehen und hat glücklicherweise ein Hobby, das recht erträglich ist und ein Haus, für das man weder Miete, noch eine Hypothek zahlen muss.“

Ich stöhne auf und raufe mir die roten Locken, während ich in der Küche an dem kleinen Tisch aus Kiefernholz sitze und warte, dass Izzy mit dem Tee fertig wird, den sie gerade aufbrüht.

„Wann willst du es ihnen denn endlich sagen?“, fragt meine beste Freundin und stellt einen dampfenden Becher vor mich hin.

Der Duft von Kamillenblüten steigt mir in die Nase und ich atme tief ein und aus.

„Nie.“, antworte ich wahrheitsgemäß.

„Das kannst du nicht machen!“

„Kann ich nicht? Du siehst doch, wie gut das geht.“

„Irgendwann werden sie es merken.“

„Was? Dass ich nicht mehr in der Schule arbeite? Ich wüsste nicht, wie sie es erfahren sollten.“

„Das meine ich nicht.“

Izzys Stimme klingt ungeduldig und versetzt mich in einen Zustand permanenter Anspannung. Meine Handflächen beginnen feucht zu werden und mein Herz klopft etwas heftiger als noch kurz zuvor.

Natürlich weiß ich, was sie mir sagen will - und was sie mir mit Sicherheit mit der schonungslosen Offenheit einer besten Freundin an den Kopf schleudern wird. Fast bedauere ich, dass ich sie nach meinem Telefonat mit Ma angerufen habe, um sie für heute einzuladen.

„Dein Radius wird immer kleiner, Lauren.“

„Das ist nicht wahr“, protestiere ich schwach, will hinzufügen, dass sich mein Zustand seit meinem großen Zusammenbruch vor etwas über einem Jahr nicht verändert hat. Aber es wäre eine Lüge und tief in mir drinnen weiß ich das auch. Vor einem Jahr bin ich noch einkaufen gegangen. Nicht gerne und nicht oft und am Liebsten auch nicht alleine. Aber ich bin gegangen.

„Wohin gehst du, außer zum Arzt?“

Mist! Mit dem Zusatz ist sie meiner Antwort zuvor gekommen. Außerdem habe ich irgendwie das Gefühl, als hätte ich ein Déja-vu. Nur mit Izzy als Großinquisitor statt Dr. Walker.

„Ich fahre ab und an zu dir.“

Izzy schüttelt den Kopf mit dem glatten blonden Haarschopf und ahmt das Geräusch eines Buzzers nach, wie bei dieser Castingshow, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann.

„Du warst schon ewig nicht mehr bei mir, denn dazu müsstest du ja Bus und Bahn fahren oder in dein Auto steigen.“

„Ich fahre Auto!“ Triumphierend hebe ich den Zeigefinger in die Luft. „Ich bin regelmäßig bei Heather im Büro.“

Zufrieden sehe ich Izzy an, muss aber feststellen, dass sie wieder nur den Kopf schüttelt.

„Du triffst Heather nur, wenn es sich per Email nicht erledigen lässt. Was äußerst selten der Fall ist. Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“

Ich muss nachdenken, was ja tendenziell eher schlecht ist. Es kann sein, dass es ein Weilchen her ist, da ich bei meiner Lektorin war. Genaugenommen drei Monate, als mein neuestes Buch fertiggestellt war und sie mit mir Vorschläge für das Cover durchgehen wollte. Außerdem ist mein Verlag in Leith, was bedeutet, dass ich nicht weit fahren muss. Schweiß rinnt mir den Rücken hinab, als ich daran denke, wie ich vor gut drei Monaten das letzte Mal in meinen Vauxhall Corsa gestiegen bin und mein Atem beschleunigt sich allein bei der Vorstellung, es wieder tun zu müssen.

Ich knabbere verlegen an meiner Unterlippe herum und sage gar nichts.

„Bis nach Leith ist es ja nicht allzu weit. Aber wann warst du das letzte Mal bei mir in North Berwick?“

„Warum musstest du mit Rory auch so weit weg ziehen?“, antworte ich mit einer Gegenfrage, dabei ziehe ich einen Schmollmund.

„So weit ist eine Autofahrt von einer Stunde nun wirklich nicht. Aber darum geht es doch auch gar nicht. Dieses Haus ist wie ein Gefängnis, Lauren. Zugegeben, ein recht nettes Gefängnis. Aber du kannst nicht dein ganzes Leben nur hier verbringen.“

„Ich weiß“, flüstere ich leise und umfasse meinen heißen Becher mit beiden Händen, als könne ich mich an der trostspendenden Wärme festhalten. „Ich war heute bei Dr. Walker.“

Izzy ist wenig überrascht. Schließlich gehören die Besuche bei Dr. Walker zu meiner Routine und Izzy, als meine beste Freundin – und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, meine einzige noch verbliebene – kennt mich sehr genau.

„Lass mich raten… Er hat dir zum wiederholten Male bestätigt, dass du kerngesund bist und nichts weiter getan.“

Ich grummele irgendwas zwischen Zustimmung und Verneinung und senke den Kopf, um an meinem Tee zu schnuppern. Er riecht irgendwie tröstlich.

„Wie oft soll er dir noch sagen, dass du nichts hast?“ Izzy beugt sich über den abgenutzten Holztisch zu mir hinüber und legt ihre Hand auf meine. „Dir fehlt nichts.“

Ich blicke zu ihr auf, weiß nicht so genau, was ich empfinden soll. Einerseits steigt Wut wie ein roter Feuerball in mir hoch. Ob auf Izzy oder auf mich selbst kann ich nicht so genau sagen. Andererseits will ich gerne an ihrer Aussage herumkritisieren, aber mir ist selbst klar, dass sie Recht hat. Also überwiegt das bleierne Gefühl der Trauer, das mich so oft umgibt, wenn ich darüber nachdenke, wie ich seit nun fast einem Jahr lebe und es breitet sich rasend schnell in meinem Körper aus und legt sich auf meinen Brustkorb, der sich plötzlich seltsam schwer anfühlt und ich merke kaum, wie mir Tränen in die Augen treten.

„Lass uns rausgehen“, bettelt Izzy wenig später, während ich mir geräuschvoll die Nase putze.

Vermutlich ist sie leuchtend rot von meinen wiederholten Bemühungen, sie endlich wieder frei zu bekommen. Was ich am Heulen am Meisten hasse, ist nicht, dass meine Nase nicht mehr hübsch aussieht, denn das tut dieser Zinken ähnlich einer Skiabschussrampe ohnehin in meinen Augen nie, sondern dass sie so schrecklich verstopft ist, dass ich gezwungenermaßen durch den Mund atmen muss. Und zwar nur durch den Mund.

In der dritten Klasse hat uns unser Klassenlehrer, Mr. MacGillivray, erklärt, dass das Herz doppelt so viel arbeiten muss, wenn man durch den Mund einatmet und man es dadurch dauerhaft schädigt. Ich habe nur sehr wenig behalten, was dieser Mann mir beigebracht hat, denn ich konnte ihn nicht besonders leiden, aber genau das habe ich mir gemerkt und obwohl ich mir nie die Mühe gemacht habe, nachzulesen, ob er Recht hatte, schiebe ich jetzt immer Panik, wenn ich nur durch den Mund atmen kann. Dass die Schleimhäute durch das wiederholte Schnäuzen nur weiter gereizt werden, ignoriere ich komplett.

„Ich kann nicht“, antworte ich mit näselnder Stimme.

Izzy zieht einen Schmollmund, der jeden Mann um den Verstand bringen würde. Einen guten Mann hat sie sich damit schon eingefangen: ihren Ehemann Rory. Das könnte aber auch daran liegen, dass sie insgesamt einfach umwerfend aussieht und dazu noch unkompliziert und nett ist – eine seltene Kombination.

„Natürlich kannst du das. Komm, wir gehen was trinken.“

„Rory wird dich vermissen“, protestiere ich schwach, woraufhin Izzy nur lacht.

„Der ist heute bei seinen Eltern, und ich bin heilfroh, wenn ich nicht mitkommen muss. Es reicht schon, wenn sie ihn um den Verstand bringen, ich will meinen noch behalten.“

Ich bringe ein schwaches Grinsen zustande.

„Vermutlich sehe ich nicht präsentabel aus.“

Izzy zuckt mit den Schultern.

„Die Ausrede gilt nicht, dagegen kannst du nämlich was tun.“

Ich blase die Backen auf und lasse geräuschvoll die Luft entweichen. Die Vorstellung in ein Pub zu gehen ist nicht gerade verlockend und lässt meine Handflächen bereits wieder feucht werden. Schlechte Luft, viele Menschen, Alkohol…

„Bitte!“, bettelt Izzy mit ihrem besten Dackelblick. „Wir könnten doch nur auf einen Sprung ins Piratenpub gehen.“

Das Piratenpub heißt eigentlich The Dalriada, aber mit Sicherheit sind Izzy und ich nicht die einzigen, die es nach ihrem Eyecatcher benennen. Es liegt am Strand von Portobello und eine riesige Piratenfigur steht an der Eingangstür. Wäre es Jack Sparrow, würde ich sie eines Nachts heimlich klauen und mit nach Hause schleppen, auch wenn das ein ziemlich schweres Unterfangen wäre.

Ich nage ein wenig ratlos an meiner Unterlippe, während sich die gewohnte Unruhe in meinem Körper ausbreitet. Was mich dann doch dazu bewegt, zustimmend zu nicken, ist die Tatsache, dass wir nicht allzu weit dorthin laufen müssen, sodass ich jederzeit wieder in meine Höhle zurückkriechen kann. Außerdem ist es immer noch warm draußen, obwohl es bereits Abend ist, und wir können in dem kleinen Vorgarten mit Blick auf den Strand sitzen und dort unsere Getränke zu uns nehmen.

Rasch gehe ich nach oben, um mich ein wenig herzurichten. Im Hinaufgehen höre ich noch, wie Izzy bei Rory anruft und sich für diesen Abend entschuldigt. Ich grinse in mich hinein. Ein Abend mit ihrer komplizierten Freundin scheint immer noch besser zu sein, als Essen mit den nervtötenden Schwiegereltern, die ständig nach Nachwuchs fragen und entsprechend enttäuscht sind, wenn es in der Hinsicht nichts zu vermelden gibt.

Ein Blick in den Spiegel zeigt mir mehr als deutlich, dass eine umfassende Renovierung meines Äußeren nötig ist. Mein Outfit wird schnell mit ein paar blütenförmigen Ohrringen und einer mit kleinen Perlchen besetzten Kette von Accessorize aufgepimpt, die zu dem schlichten rosa Jerseytop passen, das ich zur grauen Jeans trage. Ein Blick auf meine FlipFlops mit den silbernen Strasssteinchen bestätigt mir, dass hier kein Handlungsbedarf ist.

Schnell schlüpfe ich ins Bad, benetze meine gerötete Haut mit eiskaltem Wasser und genieße die wohltuende Kühle im Gesicht. Wenn ich nicht außer Haus müsste, würde ich mich jetzt pudelwohl fühlen und mich vielleicht, trotz der Hitze, die mir immer Angst macht, auf meine kleine Terrasse setzen. Doch da ich weiß, dass ich bald meine vermeintlich schützende Umgebung verlassen werde, bricht mir schier der Schweiß aus. Vor meinen Augen beginnt mein Gesicht im Spiegel zu verschwimmen, in meinem Kopf dreht sich alles.

Haltsuchend stütze ich mich am Waschbecken ab und taste mich dann zum Badewannenrand, auf dem ich mich niederlasse. Kühl und glatt schmiegt er sich an meine Handflächen. Gerne würde ich jetzt hier einfach sitzenbleiben, bis es Zeit ist, um ins Bett zu gehen. Manchmal verharre ich stundenlang in einer Position, weil ich mich nicht traue sie zu verlassen, bis mich unendliche Müdigkeit überkommt und ich nur noch ins Bett wanken muss, wo ich dann mit viel Glück durchschlafen kann.

Doch dieses Mal weiß ich, dass Izzy unten auf mich wartet. Dass sie heraufkommen und mich holen wird, wenn ich nicht von alleine komme. Und aus irgendeinem Grund will ich mir plötzlich selbst beweisen, dass ich es schaffen kann, wenigstens die wenigen hundert Meter bis zum Pub zu laufen und dort mindestens ein Stündchen zu verweilen. Also stemme ich mich hoch, blicke mein Spiegelbild grimmig an und mache mich daran, mich sorgfältig zu schminken.

Charlotte

Auf leisen Sohlen schleiche ich mich an der Wand entlang durch den Korridor des Schulgebäudes. Dabei komme ich mir fast vor wie irgendein Cop aus einem Actionreißer. Tendenziell Filme, die mich weniger interessieren, aber Mum will nicht, dass ich sie mir ansehe, was mich dann irgendwie immer dazu reizt es doch zu tun.

Als ich mich gerade auf die Mädchentoilette im Erdgeschoss verdrücken will, höre ich Schritte und beeile mich dermaßen, dass mein Rucksack von Eastpak lautstark gegen einen Türrahmen schwingt. Entsetzt beobachte ich, wie mein Smartphone über den Linoleumboden schlittert, während ich hoffe, dass die schwarze Hülle mit der weißen Aufschrift ‚Don’t touch my phone‘, jegliche Erschütterung abgefangen hat. Schnell haste ich dem Telefon hinterher, das vor einem Paar dunkler Lederschuhe zum Stehen kommt.

„Solltest du nicht im Unterricht sein, Charlotte Bothwell?“ Mr. Cummins, mein Erdkundelehrer, sieht mich streng an, wobei ich versuche, ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu machen.

Eigentlich ist es mir auch völlig egal, was er jetzt denkt oder ob mein Fluchtversuch aufgedeckt wird und es irgendwelche Konsequenzen gibt. Es wäre nicht das erste Mal. Möglichst lässig ziehe ich einen Kaugummi von Wrigleys aus meiner Hosentasche, packe ihn aus und stecke ihn provokant in den Mund, dann zucke ich mit den Achseln.

„Sollte ich vielleicht.“

„Kannst du mir dann erklären, warum du hier bist und nicht in deinem Klassenzimmer?“ Sein ohnehin schon faltiges Gesicht zerfurcht sich noch mehr und beim Anblick seiner braunen Augen unter den schweren Lidern, kommt mir der Vergleich mit einem Basset in den Sinn.

Meine Großtante Jean hat einen – Sherlock. Sherlock ist der wohl dümmste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen habe, was den Namen irgendwie grotesk macht, aber er würde fantastisch zu Mr. Cummins passen.

„Mir war nicht danach in den Unterricht zu gehen.“

Falls irgendwie möglich vertiefen sich seine Falten noch, wobei sein Blick langsam richtig ärgerlich wird.

„Und wonach war dir dann, Fräulein?“

Diese Anrede wiederum bringt mich richtig auf die Palme. Ich hasse es wenn jemand ‚Fräulein‘ auf diese herablassende Art sagt, noch schlimmer ist eigentlich nur ‚kleines Fräulein‘.

„Eigentlich wollte ich von hier verschwinden.“ Die patzige Antwort ist draußen, ehe ich mich noch zurückhalten kann.

„Das dachte ich mir fast.“

„Na, Sie sind ja ein ganz Schlauer…“

Ich kann förmlich sehen, wie Mr. Cummins anfängt kleine Rauchwölkchen aus den Nasenlöchern zu blasen, die schließlich zu einem ordentlichen Feuerstoß werden.

„SOFORT INS BÜRO DES DIREKTORS!“, faucht er mich an, was irgendwie dem Begriff ‚Bluthund‘ eine ganz andere Bedeutung gibt.

Ziemlich willenlos lasse ich mich am Arm packen und mitschleifen. Seine Finger graben sich unangenehm in die weiche Haut am Oberarm.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich ins Büro des Direktors muss, sodass ich den Weg fast im Schlaf finden würde. Genaugenommen ist es bereits das dritte Mal in diesem Monat, denn der Drang mitten am Tag einfach aus der Schule abzuhauen ist so übermächtig, dass ich ihm manchmal nicht widerstehen kann.

Auf den Korridoren ist niemand, da alle anderen im Unterricht sitzen, und so bleibt es mir wenigstens erspart, angestarrt zu werden, als wäre ich ein wildes Tier, das gerade gezähmt wird. Manchmal fühle ich mich auch so, aber das kann ich niemandem erklären. Ich wüsste auch nicht wie… In mir drin ist etwas, das mich zwingt abzuhauen, das frei sein möchte, das keinerlei Angst vor den Konsequenzen hat, wobei ich genug Erfahrung habe, um zu wissen, dass es welche geben wird. Es ist mir nur völlig gleichgültig, was mit mir passiert.

Der durch den Kaugummi süßliche Speichel rinnt meinen Hals hinunter. Ich verschlucke mich fast daran, als Mr. Cummins die Tür zum Sekretariat öffnet, um mich unsanft hineinzustoßen. Die Sekretärin empfängt mich mit dem genervten Blick, den sie auch schon die letzten zwei Male drauf hatte. Der ‚Du schon wieder‘-Blick.

Möglichst lässig lasse ich mich auf den Plastikklappstuhl fallen, der an der Wand vor ihrem Tresen steht. Was jetzt kommt, kenne ich schon zu Genüge. Ermahnungen, ein Brief an die Eltern, irgendeine harmlose Strafe wie Nachsitzen… Das Spiel beginnt mich zu langweilen.

Fassungslos hält mein Vater den Brief in den Händen, den die Schule mir mitgegeben hat.

Ich habe überlegt, ihn verschwinden zu lassen, aber das hätte keinen Sinn. Ich muss ihn schließlich unterschrieben wieder abgeben. Natürlich kann ich die Unterschrift meiner Eltern schon auswendig, aber in diesem ganz speziellen Fall hat man mir mitgeteilt, dass der gleiche Brief noch einmal per Post an meine Eltern rausgehen wird. Den ganzen Tag auf den Postboten warten, um den Brief abzufangen, könnte ich zwar; nachdem ich plötzlich so viel Freizeit habe, aber irgendwie will ich das gar nicht.

„Was hast du dir dabei gedacht?“ Der Brief in seiner Hand bebt vor Zorn.

„Ich hatte keine Lust.“

„Wie die letzten Male auch?“

Ich weiß, dass er nicht nur die zwei Male diesen Monat meint. Er meint die vielen anderen Male, die ich erwischt wurde. Er weiß nichts von den Gelegenheiten, da mich niemand bemerkt hat:

„Die Schule langweilt mich.“ Ich zucke gleichgültig die Achseln, versuche, mich besonders cool zu geben.

„Aber deswegen kannst du nicht einfach abhauen, wann immer du willst!“ Die Stimme meiner Mum ist schrill und tut mir in den Ohren weh.

„Wieso nicht?“, gebe ich mit herausforderndem Blick zurück. „Würdest du einen Job machen, der dich langweilt?“

Sie und mein Dad haben einen etwas verwirrten Ausdruck in den Augen, der mich zum Schmunzeln bringt. Ich weiß, dass meine Situation gerade nicht lustig ist, aber ich kann nicht anders. Ich habe sie einfach auf dem falschen Fuß erwischt. Wie so oft… Meine Mum geht gar nicht arbeiten, weil sie nämlich angeblich nichts findet, ‚was zu ihrem Potenzial passt‘.

„Geh in dein Zimmer, Charlotte!“

Das sagt mein Dad immer, wenn er nicht mehr weiter weiß. Dann wendet er sich mit einem Ausdruck abgrundtiefer Enttäuschung von mir ab, geht zum Kamin und starrt hinein, obwohl gar kein Feuer darin brennt. Es ist Sommer und viel zu heiß für einen Abend am Kamin.

Meine Mum misst mich von oben bis unten, dann tritt sie zu ihm. Vermutlich, um mal wieder mit ihm zu streiten.

Ich ziehe mich tiefer in die Falten meines schwarzen Hoodies zurück, während ich mich langsam davonmache. Die Treppen hinaufschreitend, lausche ich ihren Stimmen.

„Diesmal ist sie zu weit gegangen“, stößt mein Vater hervor, durch das Treppengeländer sehe ich, wie er sich durch das schwarze Haar fährt, das ich von ihm geerbt habe. Nur dass er nicht mehr ganz so viel davon auf dem Kopf hat.

„Ich weiß mir keinen Rat mehr, Brian. Wir haben doch schon so oft mit ihr gesprochen und alles was sie sagt, ist, dass die Schule sie langweilt.“

„Vielleicht wäre sie in einem Internat doch besser aufgehoben. Du weißt schon, wegen allem…“

Mein Herz beginnt aufgeregt zu flattern. Es ist nicht das erste Mal, dass sich meine Eltern darüber unterhalten, mich einfach abzuschieben. Doch ich muss mir eigentlich keine Sorgen machen, denn das können sie sich sowieso nicht leisten.

„Das ist keine Option, Brian, wie du sehr wohl weißt“, sagt meine Mum dann auch.

Ich atme erleichtert aus.

Ich habe keine Ahnung, warum ich nicht auf ein Internat will, denn hier zu Hause ist es auch unerträglich. In der Schule habe ich das Gefühl, dass ich ersticke. Ich bin nicht dumm. Ich sehe, dass es meinen Mitschülern nicht so geht. Also stimmt irgendwas nicht mit mir, das ist schon klar. Ich bezweifle aber, dass der Besuch eines Internats mir eine befriedigende Antwort geben wird.

„Herrgott, Liz! Dann bleibt uns nur noch eine Institution für schwererziehbare Kinder.“ Mit einem Ruck dreht sich Dad um, das Gesicht unendlich traurig, der Blick dennoch hart. Und ich weiß in dem Moment, es ist sein Ernst.

Plötzlich höre ich das Blut in meinen Ohren rauschen.

„Nein.“ Mums Stimme bettelt förmlich und das tut sie sonst nie bei Dad. „Ich könnte nochmal mit ihrem Klassenlehrer reden.“

Fast bin ich gewillt, hinunter zu laufen und ihnen zu sagen, dass ich mich bessern werde. Meine Füße wollen nur nicht gehorchen, denn ich weiß ganz genau, dass ich nichts versprechen kann, was ich am Ende nicht halte.

„Ich kann nicht mehr, Liz!“, schreit mein Vater sie jetzt an. „Ein Schulverweis! Weißt du, was das heißt? Nicht, dass sie Nachsitzen muss, oder mal für ein, zwei Wochen nicht kommen darf. Das heißt, dass wir uns sowieso eine scheißneue Schule suchen müssen, auf die Madame Mir-ist-so-langweilig sowieso nicht geht. Sollten wir uns da nicht langsam professionelle Hilfe suchen?“

„Das sollten wir. Das sollten wir wirklich…“ Sie spricht mit tränenerstickter Stimme. Gleich fängt sie richtig zu weinen an und Dad wird sie anschreien, dass ihr Rumgeheule auch nichts bringt. Idyllisches Familienleben eben. Ich mag es nicht, wenn sie sich meinetwegen streiten, aber das ist besser, als die Gleichgültigkeit, mit der sie sich sonst begegnen.

„Dann lass es mich endlich tun. Lass mich einen Platz für sie suchen.“

Ich setze mich auf die Treppenstufe, weil mich meine Beine nicht mehr tragen wollen. Sie fühlen sich an wie das Johannisbeergelee von Hartleys.

Ein wenig ist es wie mit einem unartigen Welpen, den seine Familie nicht mehr will, weil er einmal zu viel auf den teuren Perserteppich gepinkelt hat. Aber statt selbst in eine Hundeschule mit ihm zu gehen, wird er einfach ins Tierheim abgeschoben, wo sich ein anderer mit seinen Marotten herumschlagen kann.

„Ich werde mir etwas überlegen, Brian“, sagt Mum weinerlich.

Fast hoffe ich, dass sie irgendeinen Weg findet, herauszubekommen, warum ich so bin, wie ich bin. Ich weiß es ja selbst nicht. Aber ich bezweifle, dass sie sich viel Mühe geben wird. So ist das eben nicht zwischen Mum und mir.

„Dann heul hier nicht rum, sondern unternimm etwas“, knurrt Dad, dann stapft er wütend in sein Arbeitszimmer und knallt die Tür hinter sich zu.

Lauren

Die Mädchenclique am Nebentisch lacht eine Spur zu laut, was sich fast wie hysterisches Gackern auf einem Hühnerhof anhört. Aber das ist bei einem Junggesellinnenabschied auch nicht weiter verwunderlich. Der Abend ist noch jung, was bedeutet, dass dieses Pub vermutlich die erste Station ist.

„Die haben aber schon ordentlich getankt“, grinst Izzy, während sie mit dem Daumen auf die Gruppe aus pinkgekleideten Frauen deutet. Der Braut – zu erkennen an dem dickgedruckten ‚Ich bin die Braut, hier dreht sich alles um mich!‘ auf ihrem Shirt – hängt bereits ihr Krönchen schief, während sie sich ein Glas Prosecco genehmigt.

Ich bringe nur ein schiefes Lächeln zustande. Die Party, die neben uns im Gange ist, macht mir Probleme, ich fühle mich unwohl. Ich drehe mein Glas Ginger Ale hin und her und bezwinge den Drang aufzuspringen und zu gehen nur mit Mühe.

Anfangs hatte ich nur eine unbestimmte Angst davor, krank zu sein. Irgendetwas Schlimmes, an dem ich bestimmt sterben muss. Mittlerweile ist die Liste meiner Ängste so lang, dass es mir mühsam ist, sie aufzuzählen. Die Angst vor Menschenmengen gehört definitiv dazu und ein übervolles Pub an einem Freitagabend ist nicht eben leer.

„Wir könnten uns in den Garten setzen und aufs Meer raus gucken“, schlage ich deswegen zum wiederholten Mal vor. Das war doch ursprünglich mein Plan. Was ist denn aus dem geworden?

Die Jungesellinnen fangen an, mit dem Barkeeper in voller Lautstärke zu flirten und anzügliche Witze zu machen. Der arme Kerl ist schon schamesrot im Gesicht – obwohl er als Barkeeper doch so einiges gewohnt sein müsste – und windet sich wie ein Aal.

„Nö, lass uns doch lieber da bleiben.“ Izzy grinst und lehnt sich entspannt zurück. Ihre kobaltblauen Augen blitzen schelmisch, während sie genüsslich die Szene betrachtet, die sich uns bietet. „Das ist besser als Kino.“

Mir tut der Barkeeper leid. Er ist groß, breitschultrig und sieht insgesamt nicht so aus, als wenn er sich nicht wehren könnte. Nun ja, vielleicht könnte er bei randalierenden Gästen problemlos einschreiten, aber mit einer Horde wildgewordener Frauen ist er hilflos überfordert.

„Wir fahren später noch nach Old Town. Kommst du mit?“, fragt eine hübsche Blondine, die ihre ausladende Oberweite förmlich über den Tresen auf ihn zu schiebt.

„Tut mir leid, ich bin hier beschäftigt. Wer soll denn sonst die Gäste bedienen?“, antwortet der Barkeeper, dessen Gesichtsfarbe sich immer mehr seinen roten Haaren angleicht. Seinen Blick kann er trotzdem nicht von den üppigen Brüsten auf dem Tresen abwenden, die fast das pinke T-Shirt sprengen.

„Und wer soll mich heute bedienen?“, schnurrt die Blondine, dabei klimpert sie mit den extrem langen, falschen Wimpern.

Oh Gott, wie billig, denke ich angewidert, dann weiß ich nicht, welcher Teufel mich reitet, aber ich schiebe meinen Stuhl zurück und stehe auf. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, doch darüber denke ich gar nicht weiter nach. Ich will mich gerade neben der Blondine an den gutbesetzten Tresen schieben, um noch ein Ginger Ale zu ordern – obwohl meines noch nicht annähernd ausgetrunken ist -, da schiebt ein anderer Barkeeper seinen Kollegen beiseite.

„Liam, wir brauchen noch von dem Merlot“, ruft er ihm zu. „Könntest du in den Keller gehen und noch ein paar Flaschen hochholen?“

Liam fährt sich über das rote Haar, das er zu einem hohen Dutt am Hinterkopf zusammengefasst hat, nickt und verschwindet sichtlich erleichtert.

„Mh… Frischfleisch, Mädels.“ Die Blondine lacht, auch ihre Freundinnen gackern wieder hysterisch. Liams Retter wird von oben bis unten betrachtet und für gut befunden.

„Na, du bist aber auch nicht schlecht.“

„Vielleicht sogar ein bisschen süßer als dein Kollege.“

Da muss ich den Mädels wirklich Recht geben. Der Typ ist wirklich extrem gutaussehend mit seinen schwarzen kurzen Haaren, die nicht – wie bei so vielen – auf ein paar Millimeter abrasiert sind, sondern modisch hochgegelt abstehen. Er ist nicht ganz so groß wie Liam, aber schlank und sportlich mit fein definierten Muskeln, die sich unter seinem Shirt abzeichnen.

Warum ich nicht einfach umdrehe, um mich still und leise wieder zu setzen, weiß ich nicht. Ich spüre Izzys Blick in meinem Rücken und kann mir vorstellen, wie sie verwundert eine Augenbraue hebt. Mit klopfendem Herzen schiebe ich mich zwischen die Blondine und die zukünftige Braut und fange einen Blick von dem Barkeeper auf. Für den Bruchteil einer Sekunde rollt er gespielt genervt die Augen und ich habe das Gefühl, als würde er mir danach zuzwinkern, aber das ist sicher nur Einbildung.

Die üppige Blonde schiebt mich ein wenig beiseite, um besser mit dem neuen Barkeeper flirten zu können. Ich protestiere nicht. Vor Aufregung würde ich sowieso kein Wort herausbringen. Was mache ich eigentlich hier? Mein Ginger Ale wartet doch am Tisch auf mich.

„Nun gut, dann wirst du mich eben zufriedenstellen müssen.“ Die Stimme der blonden Partymaus ist eine einzige Einladung – tief, gurrend, verlockend.

„Ich glaube, ich sollte erstmal die anderen Gäste hier zufriedenstellen“, grinst der Typ hinter dem Tresen, dann wendet er sich ohne mit der Wimper zu zucken mir zu. „Und was kann ich dir bringen?“

Die Blicke aller Mädels vom Junggesellinnenabschied richten sich auf mich. Diesen Moment hat sich meine Angst ausgesucht, um mich in den Würgegriff zu nehmen. Mein Mund fühlt sich wie ausgedörrt an und ich versuche krampfhaft zu schlucken, aber leider bleibt mir schlichtweg die Spucke weg. Außerdem schlägt mein Herz nun so heftig, dass ich meine, es hüpft direkt bis zum Hals hoch, wodurch ich nicht mehr als ein Krächzen zustande bringe, als ich den Mund öffne. Mir schießt das Blut in den Kopf, weil die Situation einfach nur peinlich ist, dann fange ich den belustigten Blick des Barkeepers auf.

Schleunigst drehe ich mich weg und dann renne ich los, zwischen den Tischen hindurch auf den Ausgang zu. Ich höre, wie Izzy meinen Namen ruft, aber ich kann einfach nicht stehenbleiben. Ich stolpere ins Freie, japse nach Luft, meine Hand fährt an meinen Kehlkopf. Draußen sitzen einige Leute, die mich neugierig anstarren. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie jemand aufsteht und auf mich zusteuert und weil ich ganz sicher nicht will, dass man mich anspricht, laufe ich einfach weiter, obwohl mir das Atmen schwerfällt. Ich taste nach meiner Hosentasche, spüre den Hausschlüssel darin wie einen Talisman und renne los.

Charlotte

„Wir sind jetzt weg, Charlotte.“

Ich höre die Stimme meiner Mum, aber ich antworte ihr nicht. Dann fällt die Haustüre ins Schloss und eine willkommene Stille breitet sich aus. Ich gehe zu meinem Mansardenfenster, um zu sehen, wie Mum zu Dad ins Auto steigt, dann fahren sie in unserem silbergrauen VW Sharan davon. Ungeduldig warte ich, bis sie um die nächste Ecke gebogen sind, dann ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche, um zu telefonieren.

„Du kannst jetzt kommen, sie sind weg“, sage ich nur kurz und knapp.

„Yep, bin in zehn Minuten bei dir“, antwortet Lewis, dann legt er auch schon auf.

Lewis ist mein ältester Freund und der einzige Mensch, mit dem ich offen über alles reden kann. Kennengelernt haben wir uns schon im Kindergarten, als ich ihm immer die Stifte weggenommen habe, die er gerade benutzen wollte, mit der Begründung, er könne sowieso nicht malen. Warum er sich trotzdem mit mir angefreundet hat, weiß ich nicht, aber es erklärt, warum er jetzt nicht schreiend vor mir davon läuft.

„Ich kenne die schreckliche Charlie schon“, sagt er immer achselzuckend, wenn ich ihn danach frage. Dann rückt er seine Brille gerade und grinst etwas schief. „Aber ich weiß auch, dass da drinnen eine sehr liebe Charlotte wohnt, sie ist nur gerade öfter mal verreist.“ Und dann piekt er mit dem Finger gegen mein Schlüsselbein.

Lewis wohnt nur wenige Straßen weiter und steht tatsächlich fünf Minuten später vor unserer Haustür. Für meine Verhältnisse extrem schwungvoll öffne ich und lasse ihn hinein, dann steuern wir sofort die Küche an.

„Ich nehme mal an, dass du hungrig bist“, sage ich zu Lewis und grinse ihm mit einem Blick über die Schulter zu.

„Wie immer, Charlie.“ Entschuldigend zuckt er die Achseln.

„Wenn es eine Konstante in meinem Leben gibt, dann dich, Lewis. Ich wüsste nicht, dass du dich in den letzten Jahren groß verändert hast – bis auf den Stimmbruch. Und wie kann man nur so dünn sein, wenn man den ganzen Tag isst?“

Ich schiebe zwei Scheiben Brot in den Toaster, dann hole ich Butter und Marmelade aus dem Kühlschrank.

Wieder zuckt Lewis nur mit den Achseln. Mit dem Zeigefinger schiebt er seine Brille hoch, die ihm stets die Nase hinunter rutscht.

„Wie läuft es so in der Schule?“, frage ich betont gleichgültig, während ich seinen Toast schmiere.

Eine Strähne meines schwarzen Haares fällt mir ins Gesicht und ich streiche sie absichtlich nicht zurück, damit Lewis nicht sieht, dass ich wirklich neugierig bin zu hören, was in der Schule vor sich geht. Der Unterricht mag ja langweilig sein, aber es gibt schließlich auch noch anderes…

„Wenn du mich durch die Blume fragen willst, was dieser Idiot von Damon Roberts macht, sind meine Lippen versiegelt. Du weißt, dass ich es unter deiner Würde finde, dass du auf Newcastles größten Weiberheld stehst.“

„Ich stehe nicht auf ihn!“, protestiere ich halbherzig und schiebe Lewis seinen Teller zu. „Komm, lass uns nach oben gehen.“

„Ich dachte, deine Eltern sind eine Weile weg.“ Kauend folgt er mir die Treppe hinauf in mein Zimmer.

„Sie sind den ganzen Tag bei meiner Großtante Jean.“, bestätige ich.

„Sagtest du nicht, sie würden verzweifelt nach einer neuen Schule für dich suchen? Stattdessen machen sie Anstandsbesuche bei alten Tanten“, witzelt Lewis und schiebt sich genüsslich den letzten Rest seines ersten Toasts in den Mund. Er isst nicht nur viel, sondern auch extrem schnell.

„Es ist Sonntag“, erwidere ich, dabei verdrehe ich die Augen. „Da hat für gewöhnlich keine Schule geöffnet.“

Lewis lässt sich auf mein Bett sinken und stellt seinen Teller neben sich ab. Ich lümmele mich auf meinen Sitzsack und betrachte ihn schmunzelnd. Jeder andere Fünfzehnjährige würde sich vermutlich auf das Bett fläzen oder zumindest die Füße hochziehen, sich im Schneidersitz hinsetzen oder ähnliches. Nicht so Lewis Seymour, der vermutlich wohlerzogenste Junge den ich kenne. Er bleibt gesittet auf der Bettkante sitzen.

„Nun erzähl schon, reden sie in der Schule über mich?“

„Ich dachte, das wäre dir gleichgültig“, gibt er zurück.

„Ist es mir auch“, maule ich, dann angele ich von meinem Schreibtisch eine Packung Kaugummi und schiebe mir gleich zwei davon in den Mund.

„Dann muss ich dir ja nichts davon erzählen, dass sich alle das Maul über dich zerreißen.“ Lewis guckt ganz scheinheilig.

„Nein, musst du nicht.“ Trotzig verstaue ich meine Hände in den Taschen meiner Jeans.

Eigentlich interessiert es mich wirklich nicht, ob sich die Klatschweiber aus unserer Jahrgangsstufe über mich auslassen – was sie mit Sicherheit tun, wie mir Lewis indirekt bestätigt hat. Wenn ich in der Schule bin, redet außer Lewis sowieso niemand mit mir und ich habe auch nichts dagegen. Das ist schon so, seit wir zusammen die Gosforth Academy besuchen. Außer Lewis habe ich keine Freunde und das ist gut so. Meine Mum, der soziale Kontakte und Abende mit ‚ihren Mädels‘ total wichtig sind, bemängelt oft, dass ich nie eine Freundin mit nach Hause bringe. Wie sollte ich auch, wenn ich keine habe?

„Mich interessiert wirklich nicht, was eine Nell Jenkins und ihre Basketballclique über mich redet“, bekräftige ich noch einmal, wie um Lewis zu überzeugen.

„Das musst du mir nicht erzählen, Charlotte. Wenn es dich interessieren würde, was andere über dich denken, wärest du jetzt nicht in dieser Lage.“

„In welcher Lage?“, frage ich launig und spiele mit einer Haarsträhne, die ich unermüdlich um meinen Zeigefinger wickle und wieder entrolle.

„Dir ist schon klar, dass deine Eltern dich in eine andere Schule schicken müssen, die womöglich keinen so guten Ruf hat wie die Gosforth Academy?“

„Gut. Dann müssen sie nicht mehr so viel Geld für meine Schulbildung ausgeben. Darüber streiten sie nämlich immer.“

„Über deine Schulbildung?“

„Nein, über Geld“, seufze ich.

Wenn ich könnte, würde ich mich in meinem überdimensionalen Shirt noch viel kleiner machen. In meinem Kopf höre ich die laute, dröhnende Stimme meines Vaters und die sich hochschraubende, keifende meiner Mutter. Entschlossen schüttle ich den Kopf.

„Lass uns über etwas anderes reden.“

„Aber bitte nicht über Damon Roberts!“ Lewis verschränkt die Arme vor der Brust seines gestärkten, kurzärmeligen Hemdes, mit den korrekten Bügelfalten.

Selbst wenn wir nicht in der Schule sind, trägt er immer Klamotten, die wie eine Uniform aussehen. Dunkle Hose, hellblaues gebügeltes Hemd. Seine Mutter kauft seine Kleidung ein und ist, wie man nur unschwer erkennen kann, ein wenig spießig und die penibelste Hausfrau von Gosforth, wenn nicht von ganz Newcastle. Wenn ich könnte, würde ich mit Lewis einkaufen gehen und ihn komplett neu einkleiden. Andererseits ist das der Lewis, den ich seit Jahren kenne und da er mich so akzeptiert, wie ich bin, nehme ich ihn auch mit seinen Besonderheiten.

„Wir könnten irgendwohin gehen“, schlage ich vor.

„Du? Ich dachte, du hast Hausarrest.“

„Habe ich auch. Aber wer sollte es merken, wenn ich mit dir raus gehe? Meine Eltern kommen erst spät abends zurück, sagte ich doch schon. Tante Jean und Onkel Allan wohnen in Dumfries, das ist ein ganzes Stück entfernt.“

Lewis hat seine Marmeladenbrote längst verdrückt, also zuckt er gleichgültig mit den Achseln und fragt: „Und wohin möchtest du?“

„Wie wäre es mit einem Eis bei Creams?“, antworte ich mit einer Gegenfrage. Dabei verstecke ich mein Gesicht hinter einem dichten Haarvorhang, damit Lewis nicht sieht, wie mein Kopf die Farbe einer Tomate annimmt. Es ist ein heißer Sonntag im Juni und es besteht eine ziemlich gute Chance, dass Damon Roberts bei Creams ist.

Aber Lewis muss mich nicht ansehen, um das zu wissen. Er stöhnt leise, nickt aber trotzdem, während er aufsteht und seine Hose zurechtstreicht, bis sie keine einzige Falte mehr wirft.

Wie erwartet, ist es ziemlich voll im Creams, sodass ich erstmal keinen freien Tisch entdecke, als wir ankommen. Nach der Hitze auf der Straße draußen, die mich unwillkürlich an Kernschmelze denken lässt, tut es gut den kühlen Windhauch der Klimaanlage auf der Haut zu spüren.

Vor dem Café bis hin zum Tresen stehen Menschen an, die munter schnattern. Kinder drängeln an die Auslage, um die Eissorten zu studieren. Ich blicke mich so lässig wie möglich um. Wie erwartet entdecke ich Damon, der mit seinen Freunden an einem der Tische sitzt. Jeder von ihnen hält sein Handy in der Hand, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht miteinander kommunizieren. Sie stecken die Köpfe zusammen, zeigen sich gegenseitig irgendwelche Sachen auf ihren Smartphones. Ich starre wie gebannt zu ihnen hinüber.

„Wusste ich’s doch, dass wir nur wegen ihm hierher kommen“, flüstert mir Lewis mit einem Kopfrucken in Damons Richtung zu. „Bist du dir echt nicht zu schade, auf den größten Angeber der Schule zu stehen, Charlie? Ehrlich, ich hätte mehr von dir erwartet.“

„Kein Problem. Das Gefühl kenne ich schon.“, gebe ich so lässig wie möglich zurück, aber innerlich tut es ein bisschen weh.

Damon hebt den Kopf von seinem Display und schaut genau in unsere Richtung. Am liebsten würde ich mich noch weiter in meine Kapuzenjacke zurückziehen. Wenn er mich so sieht, wird er sowieso denken, dass ich einen ziemlichen Fehler im System habe. Wer trägt bei dieser Hitze eine Jacke? Doch zu meiner Überraschung, erscheint auf Damons Gesicht sein strahlendstes 32-Zähne-Lächeln und er winkt auch noch zu uns herüber. Er hat ein wirklich tolles Lachen, dabei bilden sich winzig kleine Fältchen um seine tiefbraunen Augen.

Obwohl es überhaupt nicht meiner Art entspricht, habe ich das Gefühl, ich müsse ihm zurückwinken. Es fühlt sich ein wenig seltsam an, denn ich war mir sicher, dass mich ein Typ wie Damon Roberts in der Schule überhaupt nicht bemerkt hat, geschweige denn, dass er mir jemals zuwinken würde. Ich überlege noch hin und her, ob ich jetzt zu seinem Tisch gehen soll, um zwanglos mit ihm zu plaudern – was sich irgendwie noch seltsamer anfühlt -, als mich von hinten links jemand überholt, der in eine Überdosis Wonderstruck von Taylor Swift gehüllt ist.

„Hi, Damon!“ Nell Jenkins drängt sich winkend an mir vorbei, rempelt mir dabei sogar den Ellenbogen in die Seite. Ihr ultrablonder Pferdeschwanz wippt auf und ab, als sie beschwingt auf Damons Tisch zusteuert.

Entsetzt beobachte ich, wie sie sich zu ihm beugt, um ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen, dann erst bemerke ich, dass ich meine Hand immer noch wie ein Idiot erhoben halte.

„Wem winkst du da eigentlich?“, fragt Lewis jetzt irritiert, dann wandert sein Blick zu Damon. „Charlie, bitte sag mir, dass du nicht diesen Superaufreißer begrüßt hast.“

„Ganz sicher nicht!“, fauche ich wütend, lasse meine Hand sinken, die nun neben mir hängt, als würde sie nicht zu mir gehören. Ich wünschte zumindest, sie würde tatsächlich nicht zu mir gehören.

Glücklicherweise hat Damon nicht gemerkt, dass ich ihn mit meiner idiotischen Winkerei meinte. Wie auch, er weiß vermutlich nicht mal, dass ich existiere. Aber Nell weiß es und sie hat sehr wohl mitbekommen, was ich getan habe. Sie wirft mir einen spöttischen Blick zu, dann rutscht sie zu Damon in die Bank und flüstert ihm etwas ins Ohr, dabei ruckt sie mit dem Kinn immer wieder in meine Richtung. Mir wird heiß vor Scham, deswegen drehe ich mich schnell zur Auslage.

„Mit einem Sitzplatz sieht es schlecht aus. Wir könnten uns aber für eine Kugel anstellen“, schlägt Lewis arglos vor, der die Sache mit dem Winken zum Glück nicht vertieft.

Ganz sicher werde ich mich nicht in diese endlose Schlange stellen, um den Blicken der Basketball-Asse der Gosforth Academy ausgesetzt zu bleiben. Mittlerweile sehe ich aus dem Augenwinkel, dass Damon mich anstarrt und dabei bis über beide Ohren grinst.

„Meine Sorte ist heute nicht dabei“, knurre ich deswegen nur unfreundlich, drehe auf dem Absatz um und verlasse das Creams so schnell wie möglich.

Lauren

Ich wache mit einem schalen Geschmack im Mund auf und fühle mich nicht annähernd ausgeschlafen, wie so oft. Eigentlich meistens, denn abends steigt meine innere Unruhe kometenhaft an und lässt mich oft nicht vor zwei Uhr nachts müde werden und selbst wenn ich dann die Augen nicht mehr offenhalten kann, wecken mich nächtliche Panikattacken alle paar Stunden.

Die Sonne schickt ihre Strahlen durch das Fenster meines Schlafzimmers, wie um mir ein schlechtes Gewissen zu machen, dass ich immer noch im Bett liege. Ziemlich zerschlagen krieche ich unter der leichten Sommerdecke hervor, tapse auf bloßen Füßen über die Dielen zum Badezimmer und blicke in mein von der gestrigen Schminke verschmiertes Gesicht. Sofort sind die Erinnerungen an den Abend im Dalriada wieder präsent. Unliebsam aufdringlich, begleitet von einem Knoten im Magen.

„Oh Gott, ich habe mich so blamiert.“ Ich stöhne leise, während der Gedanke laut von meinen Lippen kommt. Meine Hand fährt durch wirre Locken, die mir in die Stirn fallen. Ausgeschlossen, dass ich je wieder ins Dalriada gehen kann, wo mir jemand begegnen könnte, der meinen peinlichen Auftritt mitbekommen hat – allen voran der attraktive Barkeeper.

Zum Glück reißt mich das aufdringliche Klingeln meines Telefons aus meinem Gedankenkarussell, das beginnt, sich unaufhörlich zu drehen, sodass mir schon ganz schwindelig ist. Ich stolpere die Treppe hinunter und fliege förmlich den letzten Absatz hinunter, auf das Kästchen zu, wo das Telefon ausnahmsweise mal auf seiner Station liegt. Unsanft lande ich mit der Hüfte an der Ecke des Möbelstückes und ich schreie leise auf, als ich den Anruf entgegennehme.

„Was ist los?“ Ich höre Izzys alarmierte Stimme, als sie meinen gedämpften Schmerzensschrei vernimmt.

„Nichts. Ich bin mal wieder über meine eigenen Füße gestolpert“, murre ich, dabei reibe ich über die leidgeplagte Hüfte, die schon so manches Eck mitgenommen hat. Das gibt garantiert einen blauen Fleck.

„Das ist ja nicht das erste Mal.“ Izzys Grinsen kann ich förmlich hören.

„Bist du gestern noch gut heimgekommen?“, frage ich, um vom Thema abzulenken. Allerdings bekomme ich sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich Izzy gestern im Pub alleine gelassen habe.

„Ja, bin ich. Sonst könnte ich wohl kaum heute frisch und munter bei dir anrufen.“ Sie sagt es fröhlich, aber ein vorwurfsvoller Unterton ist deutlich merkbar.

Früher ist mir Izzy bei solchen Aktionen hinterhergelaufen, weil sie Angst um mich hatte. Das macht sie schon seit ein paar Monaten nicht mehr. Ich knabbere verlegen an meiner Unterlippe, weil ich mir plötzlich ziemlich dumm vorkomme.

„Es tut mir leid, dass ich so plötzlich abgehauen bin.“

„Das ist ja nicht das erste Mal.“

„Hmpf.“ Mehr fällt mir dazu nicht ein.

„Lauren, es wird immer schlimmer mit deiner Angst. Merkst du das denn gar nicht?“

„Es ist alles in bester Ordnung“, fauche ich zurück, denn obwohl ich weiß, dass sie Recht hat, fühle ich mich angegriffen.

„In bester Ordnung? Du bist schon aus Supermärkten weggelaufen, wenn dir die Schlange an der Kasse zu lang war. Ein paar Mal hast du auch schon fluchtartig ein Café oder Restaurant verlassen, wenn es dir zu voll geworden ist oder der Kellner schlicht zu lange gebraucht hat. Aber so schnell wie gestern warst du noch nie irgendwo raus. Wir waren ja kaum im Piratenpub angekommen, da bist du schon davongelaufen, als wäre der Teufel hinter dir her. Was um alles in der Welt wolltest du eigentlich am Tresen? Dein Glas war doch noch fast voll.“

Genervt stoße ich die Luft aus. Izzys Frage ist durchaus berechtigt. Aber so genau kann ich sie nicht beantworten.

„Mir tat der arme Liam einfach leid.“

„Wer?“

„Liam.“ Mir fällt ein, dass sie nicht wissen kann, wie der Typ heißt, deswegen ergänze ich: „Der Barkeeper mit den roten Haaren.“

„Oh, das Leckerchen, das die ganze Junggesellinnenbande mit Haut und Haaren auffressen wollte.“ Sie kichert.

„Genau der.“ Ich bin froh, dass man durch das Telefon nicht sehen kann, wie mir die Röte ins Gesicht schießt.

„Warum wolltest du ihn denn retten? Gefällt er dir vielleicht?“, fragt Izzy hoffnungsvoll. Es ist ewig her, dass ich mich für einen Mann interessiert habe. Vor lauter Angst habe ich für solch profane Dinge keinen Kopf mehr, weiß aber, dass Izzy förmlich darauf brennt, dass ich jemanden kennenlerne. Sie vertritt die Theorie, dass eine richtig romantische Affäre meine Ängste vertreiben könnte – warum auch immer.

„Spinnst du?“ Ich schüttele energisch den Kopf, dann tapere ich mit dem Telefon in die Küche, um mit einer Hand Teewasser aufzusetzen.

„Also so abwegig ist das ja nun nicht. Er ist nicht unattraktiv und verdammt gut gebaut.“

„Ich glaube, ich habe genug Baustellen. Einen Mann brauche ich im Moment garantiert nicht.“ Und der Gedanke daran macht mir, ehrlich gesagt, auch ganz schön Angst. Ich komme so schon nicht mit meinen Gefühlen zurecht. Noch schlimmer wäre es, wenn zu meiner tagtäglichen Aufregung auch noch die übliche Nervosität des Verliebtseins hinzukommen würde – ganz egal, welche Auffassung Izzy hat.

„Apropos Mann. Der andere Barkeeper – der, vor dem du weggelaufen bist – hat sich bei mir erkundigt, ob mit dir alles in Ordnung ist.“

„Oh nein!“ Mir rutscht fast die Tasse aus der Hand, die ich gerade aus dem Schrank hole. Jetzt ist ganz klar, dass ich leider nie wieder ins Dalriada gehen kann. Was ich ehrlich bedauere. Dass man draußen sitzen kann, findet meine Angst nämlich ziemlich gut. „Was hast du ihm gesagt?“

„Dass du total irre bist?“, meint Izzy trocken. „Quatsch! Ich habe ihm gesagt, dass du dich die ganze Zeit schon nicht wohlgefühlt hast und dir wahrscheinlich übel war. Ich bin dann auch gegangen. Du verzeihst mir, dass ich nicht mehr bei dir vorbeigeschaut habe?“

„Schon gut“, murmele ich beschämt.

„Ich weiß ja, dass du am Liebsten deine Ruhe haben willst, wenn die Panik abebbt.“

Das stimmt. Nach einer schlimmen Angstattacke – und nichts anderes ist es, das weiß ich, auch wenn ich mir gerne einrede, dass ich körperlich krank bin – bin ich meist ziemlich erschöpft. So auch gestern. Ich bin ins Bett gekrochen ohne mich abzuschminken und trage immer noch das rosafarbene Top. Lediglich Schuhe und Hose habe ich mir noch abgestreift, ehe ich todmüde umgefallen bin, so ausgelaugt, als hätte ich einen Marathon hinter mir.

„Du weißt schon, dass wir jetzt nie wieder ins Piratenpub gehen können?“

„Echt jetzt? Langsam wird’s aber verdammt eng. Du verlässt Portobello nicht, bist aber aus fast jedem Restaurant oder Pub dort schon mal geflüchtet, weshalb du nie wieder hingehen willst. Kommt gar nicht in Frage, dass wir nicht mehr ins Dalriada gehen“, protestiert Izzy energisch.

„Aber das ist mir total peinlich. Was denkt dieser Typ jetzt über mich?“

„Keine Ahnung! Dass du zum Abendessen Fisch hattest, der nicht mehr ganz frisch war?“ Izzy prustet in den Hörer und gegen meinen Willen muss ich mitlachen.

„Das ist ja nun nicht das Schlimmste“, gebe ich zu.

„Dann gehen wir gleich am Freitag wieder hin. Und dieses Mal bleibst du, bis ich sage, dass wir nach Hause gehen. Ein Glas Wein ist Pflicht.“

„Aber…“, beginne ich zu protestieren.

„Von einem Glas bist du ja nicht gleich völlig von Sinnen. Wovor hast du also Angst?“

Wenn ich nur daran denke, dass ich wieder außer Haus gehen soll, wird mir jetzt schon schlecht. Der Gedanke an Alkohol macht es nicht besser. Trotzdem sage ich zu. Absagen kann ich ja kurz vorher noch.

Mein neuester Roman nimmt langsam Fahrt auf. Nachdem ich die Protagonisten – einen Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen und eine herzensgute, ziemlich taffe Krankenschwester - ein wenig vorgestellt habe, steige ich jetzt voll in die Handlung ein. Meine Liebesromane sind sicher nicht jedermanns Geschmack. Aber sie sind unterhaltsam, romantisch und haben immer ein Happy End. Mehr, als man vom wirklichen Leben oft sagen kann. Und gerade deswegen schreibe ich sie so gerne. Es macht mir unglaublich viel Spaß, meine Personen mit Leben zu füllen und eine spannende Geschichte darum zu weben, wie sie sich kennen und lieben lernen. Dabei ist durchaus nicht immer alles eitel Sonnenschein. Und die Verkaufszahlen geben dieser Art von Romanen ihre Berechtigung, sind sie doch durchaus beliebt und ich kann meinen Lebensunterhalt davon finanzieren.

Als Lehrerin war ich nicht so der Knaller. Nicht, dass mir das jemals jemand gesagt hätte, aber ich habe mich nie wirklich wohl gefühlt. Manche der Schüler strotzten nur so vor Selbstbewusstsein, sodass ich mir dagegen richtig klein und unscheinbar vorkam, was als Autoritätsperson nicht gerade förderlich ist. Ich schüttele mich unwillkürlich, als ich an meine Zeit in der Portobello High denke und stelle mir, wie so oft, die gleiche Frage: „Würde ich überhaupt wieder als Lehrerin arbeiten wollen, wenn ich keine Angst mehr hätte?“ Aber es ist müßig, darüber nachzudenken, denn ich habe sie. Und keinerlei Hoffnung, dass sie in absehbarer Zeit weggehen wird.

Ich spähe durch das kleine, langgezogene Fenster meines Arbeitszimmers auf die Straße und trinke einen Schluck Wasser (ich halte mich ziemlich streng an diese „Drei Liter am Tag,“-Empfehlung, weil ich damit meinen Körper gesund halten möchte – wenigstens der sollte einwandfrei funktionieren), als ich mich fast an diesem verschlucke. Prustend und keuchend springe ich auf, dann starre ich auf das Auto hinab, das gerade vor meinem Haus äußerst präzise und langsam einparkt. Ich kenne dieses Auto und ich kenne diese Art einzuparken – sehr gut sogar. Da hat einen Hang zur Genauigkeit, den man fast schon penibel nennen kann; etwas, was ich zum Glück nicht von ihm geerbt habe. Obwohl das Auto für jeden anderen Menschen schon ordentlich in der Parklücke steht, hat er den Zwang, noch etliche Male zu rangieren, bis es in seinen Augen wirklich akkurat geparkt ist. Ungläubig starre ich auf den grauen Ford Focus, der jetzt im Abstand von fünfzehn Zentimeter zum Bordstein vor meinem Gartentürchen steht, vor ihm mein knallroter Vauxhall Corsa.

Mein Auto ist über und über mit Staub bedeckt, der vom nahegelegenen Strand heraufweht. Ganz im Gegenteil zu dem meines Vaters, das strahlt, als hätte er es heute Morgen erst poliert. Was bei Da durchaus der Fall sein kann.

Ich fühle mich ein wenig wie paralysiert, kann nur dastehen und zusehen, wie meine Mutter aus der Beifahrertür steigt. Ihr Zetern dringt bis zu mir hinauf.

„Du meine Güte! Ich hätte nicht gedacht, dass ich heute noch aussteigen darf, Allan“, blafft sie meinen Vater an, der jetzt etwas verloren neben seiner Fahrertür steht. Dann streicht sie über ihre Frisur, als würde nicht jedes Haar perfekt sitzen; keine Strähne würde es je wagen, auf Jean Andersons Kopf aus der Reihe zu tanzen.

„Ich hole dann mal den Hund raus.“ Da trottet gutmütig zum Kofferraum, um ihn zu öffnen, dann hebt er Sherlock vorsichtig heraus. Nicht, dass er nicht springen könnte, aber meine Eltern behandeln ihren Hund wie ein rohes Ei und außer laufen, darf er eigentlich nichts selbständig machen. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich durfte als Kind auch keinen Schritt tun, ohne meine Eltern davon zu unterrichten und meist begleiteten sie mich dann bei allen möglichen Aktivitäten. Spätestens als Teenager fand ich das ziemlich nervig.

Mir ist leicht flau im Magen, während ich meine Eltern beobachte. Ich habe sie nicht hergebeten und spüre einen deutlichen Widerwillen, dass sie in mein Territorium eindringen. Mein Haus ist so etwas wie mein Hort des Friedens, wo Panikattacken nichts zu suchen haben – auch wenn sich diese nicht immer an diese Regel halten. Aber alleine der Anblick von Ma und Da stresst mich schon und mir bricht der Schweiß aus. Verärgert drücke ich beide Hände auf den Magen.

„Verdammt, Lauren, es sind nur deine Eltern, die dir spontan einen Besuch abstatten wollen“, schimpfe ich laut mit mir selbst. Aber ich kann mich nicht wirklich beruhigen, denn mein Vater ist alles andere als spontan und wenn er meine Mutter hierher fährt, dann ist das kein Höflichkeitsbesuch, weil wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben.

Langsam mache ich mich auf den Weg nach unten. Jede Schnecke könnte mich überholen, so krieche ich dahin, denn ich verspüre keinen Drang die Türe zu öffnen. Dennoch tue ich es und setze sogar noch ein freundliches Lächeln auf. Ich nenne es gerne mein ‚Arbeitslächeln‘, denn als Lehrerin muss man stets gute Laune verbreiten. Für die Schüler, die Eltern, die Kollegen… Jeder erwartet irgendwie, dass man immer gut drauf ist, auch wenn das natürlich nicht der Fall ist.

„Wir dachten, wir kommen einfach mal bei dir vorbei, wenn du schon nicht zu uns kommst“, flötet Ma, während sie eine Begrüßung einfach mal weglässt und sich an mir vorbei ins Haus schiebt.

Mein Vater trabt ihr hinterher, bleibt aber bei mir stehen und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Sherlock ist währenddessen damit beschäftigt, meinen Buchsbaum zu markieren, wobei er beim Beinchen heben gefährlich schwankt. Mit dem Gleichgewicht hat er so seine Schwierigkeiten, aber das darf man wohl auch wenn man so alt ist wie Sherlock, der mit seinen zwölf Jahren schon als Großvater zu bezeichnen ist.

„Kann ich euch etwas anbieten?“, frage ich, aber Ma flattert bereits in ihrem Fledermausoberteil in die Küche.

„Ich mache das schon, Lauren. Ich weiß doch, wo bei dir alles steht.“

Resolut macht sie sich ans Werk, um einen Tee zu kochen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als resigniert zu seufzen, dann fange ich einen Blick von Da auf, der entschuldigend lächelt.

„Dann setzen wir uns eben schon mal ins Wohnzimmer“, beschließe ich mit einem weiteren aufgesetzten Lächeln, aber der Knoten im Magen wird immer größer, die Übelkeit ebenfalls.

„Du weißt, wie deine Mutter ist…“ Da zuckt die Achseln, lässt Sherlock von der Leine und folgt mir dann ins Wohnzimmer. Sein Blick schweift über die alte Einrichtung von Tante Mhairi, seine Züge werden weicher, entspannter, gleichzeitig beginnen die Augen zu glänzen.

„Es ist schön, dass du nichts verändert hast. Ich erinnere mich an so viele schöne Jahre, die ich hier verbracht habe. Zuerst als ich selbst noch ein Kind war und jeden Sommer nach Portobello zu Tante Mhairi geschickt wurde, damit sie während der Ferien auf mich aufpasst. Meine Eltern haben immer gearbeitet, für so etwas wie Urlaub hatten sie keine Zeit.“ Bei der Erinnerung legt er seine Stirn in tiefe Sorgenfalten, sodass er Sherlock ziemlich ähnlich sieht. Doch dann hellt sich seine Miene wieder auf. „Als ich Jean kennenlernte und bald klar war, dass wir heiraten wollen, habe ich ihr gleich gesagt, dass ich jeden Sommer mit ihr in Portobello verbringen möchte.“

„Und das haben wir ja dann auch getan, Da.“ Wir lassen uns beide auf die abgewohnte Couch sinken, die ich bereits kenne, seit ich denken kann. In nostalgische Gedanken versunken ignorieren wir völlig, dass sie unter unserem Gewicht ächzt. „Wir sind jeden Sommer hergekommen und Tante Mhairi hat sich jedes Mal gefreut, als hätten wir eine Weltreise auf uns genommen. Dabei sind wir nur die knapp 80 Meilen von Dumfries nach Edinburgh hochgefahren.“

„Deine Großtante war eine alte Frau, die niemals irgendwohin gereist ist. Sie lebte in diesem Haus seit ihrer Kindheit und ist, soweit ich weiß, niemals herumgekommen.“

Ich schlucke unwillkürlich, erinnert mich das irgendwie an mich. Auch ich verschwende in letzter Zeit keinen Gedanken mehr ans Reisen und die zweistündige Fahrt nach Dumfries wäre für mich eine Qual, während der ich vermutlich von einer Panikattacke in die nächste fliegen würde.

„Wollte Tante Mhairi nie weg oder konnte sie nicht?“, frage ich zögerlich.

Mein Vater legt den Kopf schief und sieht mich merkwürdig an, das Gesicht ein wenig sorgenvoll. In diesem Moment poltert Ma mit einem Tablett beladen ins Wohnzimmer, sodass mein Vater nicht mehr dazu kommt zu antworten.

„Kann mir das mal jemand abnehmen?“, fragt sie schwer schnaufend, als würde sie gerade Gewichte stemmen.

Sofort springe ich auf. Das Tablett ist, wie erwartet, nicht sonderlich schwer. Meine Mutter übertreibt gerne ein wenig, um immer die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist vermutlich normal, wenn man mit sechs Geschwistern aufgewachsen ist. Da und ich finden ihr Verhalten manchmal sehr befremdlich, schließlich können wir das als Einzelkinder nicht nachvollziehen.

Als schließlich alle mit einer Tasse Tee dasitzen, versuche ich, meinen Eltern ins Gesicht zu sehen, doch sie starren beide wie gebannt in das dampfende Gebräu, als wollten sie mir ausweichen.

„Hast du heute gar keinen Nachmittagsunterricht?“, fragt Ma schließlich mäßig interessiert.

„Nein.“

Sonst wäre ich ja kaum hier, würde ich gerne ergänzen, beiße mir aber auf die Zunge.

„Schön.“ Sie nippt an ihrem Tee, verzieht das Gesicht, weil er noch zu heiß ist und stellt die Tasse auf dem Tisch ab. Dann fährt sie sich mit beiden Händen über das blondgefärbte Haar, das wie ein Helm an ihrem Kopf anliegt und dreht die Spitzen ein, als würden sie es jemals wagen, sich nach außen zu drehen. Es ist eine Angewohnheit von ihr, ständig ihr Äußeres zu kontrollieren, so wie sie alles um sich herum im Griff haben will. Dabei sieht sie immer gut aus; ein wenig wie Olivia Newton-John finde ich, allerdings ohne Botox und Schönheits-OPs.

„Was führt euch denn an einem Montagnachmittag zu mir?“, wage ich einen Vorstoß.

„Als wenn wir, deine Eltern, dich nicht einfach mal besuchen dürften.“ Beleidigt verzieht Ma das Gesicht.

Da starrt zu Boden und studiert eingehend das Muster des Perserteppichs, den er bestimmt schon tausend Mal gesehen hat.

„Was sagst du dazu, Allan?“, ereifert sich meine Mutter, ihre sonst so blassen Wangen färben sich sofort scharlachrot. „Da beschließt man spontan eine zweistündige Autofahrt auf sich zu nehmen, um sein einziges Kind zu besuchen, und dann wird man so empfangen.“ Theatralisch breitet sie die Hände aus, ihre weiten Ärmel flattern, sodass sie tatsächlich große Ähnlichkeit mit einer Fledermaus hat.

Der Knoten in meinem Magen wird immer größer, drückt nun sogar gegen meine Rippen und nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich stelle meine Tasse ein wenig zu heftig auf dem Couchtisch ab, damit ich die Hände frei habe. Schützend lege ich sie auf den schmerzenden Oberbauch.

„Jean, sie hat doch nur gefragt…“ Mein Vater blickt gequält auf.

„Ich weiß schon, was sie gefragt hat. Warum wir einfach hier auftauchen. Aber weißt du was, junge Dame…?“ Sie erhebt den Zeigefinger.

Ich hasse es, wenn sie ‚junge Dame‘ zu mir sagt, als wäre ich noch ein kleines Kind; als wüsste sie nicht, dass ich dieses Jahr bereits fünfunddreißig Jahre werde.

„Nun lass sie doch, Jean.“ Beschwichtigend legt Da eine Hand auf ihren Arm.

Selbst Sherlock eilt mir zu Hilfe und schmeißt sich an Mas Bein, den tieftraurigen Blick zu ihr erhoben. Vermutlich will er einfach nur einen Cookie erbetteln, aber irgendwie hat seine Aktion eine positive Wirkung, denn Ma seufzt tief und lässt die Hand sinken, um den Hund unterm Kinn zu kraulen. Dabei kann sie es aber nicht lassen, ihm zuzugurren, dass er der einzige in der Familie ist, der nett zu ihr ist. Ich presse die Lippen feste zusammen, damit meinem Mund nicht irgendetwas Boshaftes entfleucht.

Das Schweigen, das sich ausbreitet, hat etwas Unangenehmes. Es gibt zwei Kategorien von Schweigen. Mit Izzy kann ich schweigen und es fühlt sich kein bisschen komisch an, wir genießen es manchmal, nebeneinander zu sitzen und einfach nichts zu sagen. Ganz anders ist das mit meinen Eltern. Bei ihnen fühlt sich Schweigen immer schlecht an, wie eine stumme Anklage. Ma nippt verdrießlich an ihrem Earl Grey, Da betrachtet begehrlich die Cookies, traut sich aber nicht, davon zu nehmen, aus Angst, dass seine Cholesterin- und Blutzuckerwerte darunter leiden könnten, die bereits seit 20 Jahren von schwankender Qualität sind. Sein Arzt hat ihm zwar versichert, dass das kein Grund zur Besorgnis sei, aber Da glaubt nicht wirklich daran. Was ich sehr gut nachvollziehen kann.

„Es ist schön, dass ihr mich besucht“, bringe ich schließlich vor, auch wenn ich es nicht so meine. Die drückende Stimmung, die mit ihrer Ankunft hier eingezogen ist, muss ich danach irgendwie wieder loswerden. Izzy wird sicher irgendeinen Zauber kennen, mit dem man die Atmosphäre reinigt, sie glaubt an kosmische Schwingungen, Karma und ähnliches. Als wir noch zusammen in diesem Haus gewohnt haben, hat sie nach Partys immer Unmengen an Räucherstäbchen abgebrannt, um das Haus wieder zu ‚entgiften‘. Vielleicht habe ich ja noch ein paar von diesen Dingern von ihren früheren Duftorgien.

„Tatsächlich?“, fragt Ma spitz und dreht ihre Teetasse versonnen in den Händen hin und her. Sie fixiert irgendeinen Punkt im Raum, um mich nicht ansehen zu müssen. „Liz hat uns gestern besucht. Sie freut sich, wenn sie uns sieht.“

„Ach…“ Mehr fällt mir dazu nicht ein.

„Du erinnerst dich an deine Cousine Liz?“

„Natürlich erinnere ich mich, Ma. Liz war früher oft bei uns auf Besuch, weil du immer wolltest, dass wir uns anfreunden.“

„Was du nie getan hast.“ Mas Blick schwenkt zu mir, aber nur, um mich anklagend anzusehen.

„Sie ist fünf Jahre älter als ich, wir hatten nicht besonders viel gemeinsam.“

Ich erinnere mich an Liz sehr gut. Sie sieht aus wie eine Kopie meiner Ma und ich kam mir neben ihr immer ziemlich unscheinbar vor, was zu einem guten Verhältnis zwischen uns sicherlich nicht beigetragen hat.

„Ich mochte Liz immer ausgesprochen gerne“, betont Ma unnötigerweise. Das weiß ich schon. Liz war die Tochter, die sie gerne gehabt hätte. Stattdessen hat sie mich.

„Wie geht es ihr?“, frage ich, denn ich merke, wie sich die Erinnerungen daran, wie Ma lieber mit Liz als mit mir ins Einkaufszentrum ging, unliebsam ins Gedächtnis drängen und das möchte ich auf keinen Fall. „Lebt sie jetzt nicht in England?“

„Bereits seit etlichen Jahren.“ Wieder klingt Mas Stimme anklagend; als müsse ich das doch wissen. Aber ehrlich gesagt, bin ich froh, dass wir uns aus den Augen verloren haben, als ich nach der Schule zum Studium nach Edinburgh ging. „Sie ist dort mit einem Zahnarzt verheiratet.“

„Stimmt. Bert soundso“, rate ich, während ich mein Gehirn nach Infos durchforste.

„Brian“, korrigiert Da schnell, bevor meine Mutter wieder beleidigt gucken kann. „Dr. Brian Bothwell.“

Ich erinnere mich vage an die Hochzeit. Er war mir nicht sonderlich sympathisch, dieser tolle Fang, den meine Cousine laut meiner Ma gemacht hat. Einen Zahnarzt zu heiraten scheint in ihrer Welt der Gipfel des Olymp zu sein. Den ich natürlich noch nicht erklommen habe – und aller Wahrscheinlichkeit auch nie erreichen werde, selbst wenn irgendwann eine Beziehung wieder denkbar wird.

„Hm… Ja… Also, wegen Liz…“ Es ist einer der wenigen Momente, in denen meine Mutter um Worte verlegen ist. Das ist so ungewöhnlich, dass mein Körper vergisst, Angst zu haben. Der Druck auf meine Magen lässt minimal nach.

„Weißt du noch, dass Liz eine Tochter hat?“, fragt sie schließlich bemüht beiläufig.

„Ja, ich kann mich erinnern, dass sie mit ihrer Familie auf der Party zu deinem fünfzigsten Geburtstag war.“

„Ach Gott, das ist ja schon fast zehn Jahre her!“, ruft Ma aus, als könne sie nicht glauben, dass die Zeit tatsächlich auch vor ihr nicht Halt macht. „Was mich dazu bringt, dass du noch nicht zugesagt hast, ob du im August zu meinem Geburtstag kommst. Naja, vermutlich hast du gedacht, dass du als meine Tochter nicht explizit auf die Einladung antworten musst. Natürlich kommst du! Aber ich schweife irgendwie vom Thema ab… Wo waren wir? Ach ja, mein fünfzigster Geburtstag… Nun, damals war Charlotte noch ein süßes, kleines Mädchen.“

Mich interessiert Charlotte nicht weiter, meine Gedanken beginnen schon um Mas Party zum Sechzigsten zu kreisen, die in wenigen Wochen stattfinden wird. Ich habe nicht zugesagt, weil ich immer noch überlege, wie ich mich davor drücken kann. Mein Mund wird trocken, wenn ich nur an die Reise dorthin denke, deswegen wende ich meine Aufmerksamkeit lieber Sherlock zu. Ich klopfe mit der Hand auf den freien Platz neben mir auf der Couch, damit er zu mir kommt und ich ihn besser streicheln kann. Es hat etwas ungeheuer Beruhigendes an sich, einen Hund an seiner Seite zu haben und vielleicht sollte ich mir einen zulegen. Aber den Gedanken verwerfe ich schnell wieder. Ein Hund braucht seine regelmäßigen Spaziergänge, was ich aufgrund der Angst nicht gewährleisten kann.

Suchen Sie sich eine Aktivität außer Haus, höre ich Dr. Walker sagen. Er fände die Sache mit dem Hund bestimmt total super. Trotzdem tut mir das Tier einfach zu sehr leid, denn ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich das mit den Spaziergängen hinbekomme. Aber für jetzt ist es irgendwie schön, als sich der warme Körper an mich drängt und ich die seidigen Ohren streicheln kann.

„Lauren? Kannst du dich jetzt mal auf mich konzentrieren? Nur dieses eine Mal?“

Dieses eine Mal? Mit viel Mühe kann ich ein ironisches Schnauben unterdrücken. Vor allem, da mein Vater mich so eindringlich ansieht.

„Lauren, das ist jetzt wirklich wichtig“, sagt er dann auch. „Deine Cousine ist in echten Schwierigkeiten und deine Mutter meint…“

„Du musst zugeben, dass die Lösung naheliegend ist, Allan“, sagt Ma im Brustton der Überzeugung.

Und ich verstehe jetzt wirklich nur noch Bahnhof.

„Von was redet ihr eigentlich?“ Mein Zeigefinger kreist nervös um Sherlocks riesige Schlappohren.

„Liz‘ Tochter, Charlotte, hat ein paar Probleme in der Schule. Nun ja, um ehrlich zu sein, bekam sie einen Schulverweis und muss nun wechseln. Liz und ihr Mann sind völlig überfordert mit der Situation. Deswegen hat deine Cousine mit mir gesprochen und mich um Rat gefragt und ich dachte, wenn jemand ihr helfen kann, dann bist das du.“

„Ähm…“ Etwas verlegen knabbere ich an meiner Unterlippe, dann zucke ich die Achseln. „Natürlich versuche ich Liz so gut es geht zu helfen. Sie kann mich gerne anrufen.“

Da räuspert sich umständlich, was mir vermutlich eine Warnung sein soll. Allerdings ahne ich nicht im Entferntesten, was da auf mich zukommt.

„Ich dachte eigentlich, dass deine Hilfe über ein Telefonat hinausgeht.“ Jetzt tut Ma wieder so seltsam verlegen, räuspert sich ebenfalls und verstummt dann.

„Herrgott, dann sag doch einfach, was ich tun soll“, entfährt es mir ungehalten. Ich werde ganz sicher nicht nach England fahren, um meiner ach-so-tollen Cousine vor Ort Erziehungstipps bezüglich pubertierender Teenager zu geben. Wenn ich es nicht mal zu Izzy nach North Berwick schaffe – und da möchte ich wirklich gerne hinfahren -, dann ist alles hinter Schottlands Grenze so gut wie unerreichbar.

„Ich denke, es ist das Beste, wenn Charlotte ihr Umfeld wechselt. Manchmal bewirkt das ja Wunder, so wie bei Die strengsten Eltern der Welt.“

Meine Mutter lächelt triumphierend, so als wäre das Leben tatsächlich eine dieser Reality-TV-Shows, die sie so gerne sieht. Was sie sagt, sickert nur langsam in mein Gehirn, das plötzlich wie gelähmt ist. Dafür verstärkt sich parallel dazu der Druck auf meinen Magen und mein Herz beginnt zu rasen.

„Deswegen dachte ich, dass es sicher das Beste ist, wenn Charlotte erstmal zu dir zieht. Du kennst dich mit Kindern in dem Alter aus und sie kann auf deine Schule gehen. Es ist sicher gut, wenn du den ganzen Tag ein Auge auf sie hast. Sie ist ein wenig… nun, sagen wir, sie ist ein wenig schwierig. Eine Schulschwänzerin.“

Das letzte Wort flüstert sie hinter vorgehaltener Hand hervor. Es ist zum Schießen, wie sie dabei die Augen aufreißt, um die Dramatik zu verstärken, aber mir ist irgendwie gerade nicht nach Lachen. Eine Panikattacke rollt unweigerlich auf mich zu.

„Lauren?“

Ich sehe, wie mich meine Eltern erwartungsvoll ansehen. Gut, Da sieht ein wenig skeptisch aus und zwirbelt nervös an seinem rot-graumelierten Schnauzbart herum, aber Mum ist eindeutig voller Hoffnung, dass ich ihre Idee genauso logisch finde, wie sie selbst. Meine Zungenspitze fährt nervös über meine trockenen Lippen, der Mund fühlt sich wie ausgedörrt an.

„LAUREN?“, versucht es meine Mutter nun etwas lauter.

„Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist“, krächze ich und schüttele den Kopf. Mein Magen tut so unendlich weh, Übelkeit steigt in mir auf.

„Natürlich ist es das. Es ist ja nicht für immer. Nur, bis sich Charlotte wieder gefangen hat.“

„Vielleicht überfordert das Lauren ein wenig“, wirft mein Vater zögerlich ein. „Schließlich hat sie selbst keine Kinder und…“

„Sie arbeitet jeden Tag mit Mädchen und Jungen in demselben Alter wie Charlotte. Warum sollte sie sich nicht auskennen?“

Eigentlich sollte ich mich freuen, dass Ma mir so viel zutraut. Das tut sie sonst eigentlich nicht. Aber irgendwie kann ich sie nur anstarren, als wäre sie ein Alien, und nicht die Frau, die mich großgezogen hat. Ich meine, ich kenne Mas seltsame Einfälle, aber das ist der mit Abstand schlimmste, den sie jemals hatte.

„Ihr entschuldigt mich“, murmele ich, die Hand immer noch auf meinen Magen gepresst und stehe abrupt auf. Um mich dreht sich alles.

Ich muss hier weg.

Charlotte

„Ich gehe ganz sicher nicht zu einer wildfremden Frau in das beschissene Edinburgh!“ Ich höre, wie sich meine Stimme überschlägt. Sie ist laut, kreischend und unangenehm in meinen eigenen Ohren, was sich völlig falsch anfühlt. Ich habe mir schon vor einiger Zeit das Schreien abgewöhnt und spreche eigentlich nur noch betont gelangweilt mit Erwachsenen.

„Portobello“, korrigiert meine Mutter, ihre Stimme ist leise, unsicher, so als wisse sie, dass sie mit ihrem Vorhaben ganz sicher nicht die Auszeichnung ‚Supermum‘ gewinnen wird. „Das ist ein netter Vorort von Edinburgh. Außerdem ist Lauren keine Fremde, sondern meine Cousine.“

„Du wirst überhaupt nicht gefragt.“ Dad klingt wesentlich entschiedener. So, als sei er richtig froh, dass er mich bald loswird. Und vermutlich ist er das auch.

„Tante Jean meinte, es sei die beste Möglichkeit.“

„Seit wann mischt sich Tante Jean in unser Familienleben ein?“, fauche ich wütend und trete einen Schritt auf Mum zu, die sofort zurückweicht.

„Schluss jetzt!“ Dad drängt sich nun zwischen uns, als wolle er sie vor mir beschützen. Also bitte, als würde ich ihr jemals etwas tun… Ein wenig bestürzt realisiere ich, dass sie das vermutlich wirklich denken.

Vor mir treten meine Eltern immer als geschlossene Front auf, was ich total nervig finde. Ich meine, ich weiß, dass sie nicht immer einer Meinung sind, ich höre sie schließlich abends oft streiten. Auch wenn sie denken, dass ich das nicht mitbekomme, weil sie die Wohnzimmertür schließen. Als wenn das ein ausreichender Schutz gegen neugierige Teenager wäre… Ich kann alles hören, was ich will und alles ignorieren und so tun, als wäre es nicht zu meinen Ohren vorgedrungen, was ich nicht hören möchte. Ich glaube, das ist für die meisten Jugendlichen kein Problem, da bilde ich keine Ausnahme.

„Auch wenn Tante Jean meint, es wäre gut für mich…“, setze ich an, werde aber sofort von Dad unterbrochen.

„Nicht nur Tante Jean meint das, sondern auch wir“, verbessert er mich, während er sich neben Mum stellt. Wieder diese geschlossene Einheit, die sie schon seit Jahren eigentlich nicht mehr sind. Es ist lächerlich, wie sie krampfhaft etwas demonstrieren, von dem vermutlich jeder weiß, dass es nicht existiert.

„Dann eben ihr“, versetze ich genervt. „Völlig egal. Denn ich werde nicht gehen.“

Ich habe endlich meine Coolness wiedergefunden, meine Stimme gehorcht mir wieder. Meine Augen blitzen – so hoffe ich – feindselig, meine Stimme klingt aber völlig kalt, als ich meinen Blick zwischen Mum und Dad hin und her gleiten lasse.

„Doch, das wirst du.“ Es gelingt meinem Vater tatsächlich, äußerlich ungerührt zu bleiben und sich nicht aufzuregen. „Wir sind nicht länger gewillt, deine schulischen Eskapaden mitzumachen.“

„Wir brauchen wirklich professionelle Hilfe“, ergänzt Mum, dabei knetet sie unbehaglich ihre Hände.

„Oh, dann kann ich ja froh sein, dass es kein Heim für schwererziehbare Kinder geworden ist.“ Ich erinnere mich noch gut an die Unterhaltung nach meinem Schulverweis. „Und für ein Internat reicht das Geld dann vermutlich doch nicht aus“, ergänze ich noch bissig.

Es ist eine Genugtuung zu sehen, wie Mum und Dad sich einen schuldbewussten Blick zuwerfen, als hätte ich sie auf frischer Tat ertappt.

„Meine Cousine Lauren arbeitet in einer Schule in Portobello mit Kindern deines Alters. Sie weiß ganz genau worauf es ankommt und wird dir helfen, dich in deiner neuen Schule einzuleben. Außerdem soll es ja nicht für immer sein.“ Mum lächelt aufmunternd so gut sie kann; es wirkt nicht echt und sie sieht dabei ziemlich nervös aus.

„Für wie lange wollt ihr mich denn loswerden?“, frage ich geradeheraus.

Mum besitzt wenigstens so viel Anstand, rot anzulaufen und entsetzt die Augen aufzureißen, wohingegen Dad völlig kühl bleibt und nur bedächtig nickt.

„Das kommt ganz auf dich an, Charlotte. Wenn du dich dort gut machst, bin ich mir sicher, dass wir bald eine neue Schule in Newcastle für dich finden.“

Ich fühle mich plötzlich ziemlich müde und spüre, dass ich dieser Unterhaltung nicht mehr gewachsen bin. Es wäre einfach, zu beteuern, dass ich alles tun werde, um in meiner neuen Schule nicht anzuecken, wenn sie mich bloß nicht wegschicken. Irgendein kleiner Teil in mir will ihnen das sagen, der größere ist dafür aber zu erschöpft. Deswegen drehe ich mich ohne ein Wort um, gehe in den Hausgang und schnappe mir meinen Rucksack, der am Treppengeländer hängt.

„Wo gehst du hin?“ Mums Stimme klingt panisch, als würde sie meinen, ich würde einfach hier rausmarschieren und auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Aber ich bin viel zu müde um zu antworten. Müde, weil ich mich wieder wie der unartige Welpe fühle, der jetzt einfach an eine andere Familie weitergegeben wird. Immerhin ist es nicht das Tierheim…

„Ich kenne diese Tussi überhaupt nicht“, ereifere ich mich mit neugewonnener Energie, als ich auf dem Hochflorteppich in Lewis‘ Zimmer auf und ab marschiere. „Ich meine, woher soll ich wissen, ob ich sie überhaupt mag? Wobei ja eigentlich schon klar ist, dass ich sie nicht leiden kann. Sie ist immerhin Lehrerin!“

Der zehnminütige Weg zu den Seymours hat mein Gehirn von dem dichten Nebel befreit, der sich kurzzeitig dort festgesetzt und mich mit dieser bleiernen Müdigkeit befallen hatte. Jetzt fühle ich nur heiße Wut und tiefe Verachtung für meine Eltern.

„Scheiße“, murmelt Lewis zum wiederholten Male. Etwas anderes hat er bislang nicht gesagt.

„Das kannst du laut sagen.“ Ich kicke gegen einen riesigen Pikachu aus Plüsch, den ich letztes Jahr auf dem Rummel für Lewis gewonnen habe. Auch wenn ich seine Begeisterung für Pokémon-Go total lächerlich finde. „Ich meine, was soll der Scheiß eigentlich? Sie wissen nicht was sie tun sollen und geben ihre Verantwortung einfach an jemand anderen ab. Was sind denn das für Eltern?“

„Dieses Mal hast du es dir wirklich versaut.“

„Scheiße!“, sage ich und zwar richtig laut und deutlich.

„Was soll ich denn hier ohne dich machen?“, fragt Lewis. „Ich habe mich mit dem Gedanken mittlerweile angefreundet, dass du auf eine andere Schule gehst. Aber gleich eine andere Stadt?“

„Ich gehe nicht. Sie können mich schließlich nicht zwingen, oder?“ Ich bleibe vor Lewis stehen, der auf seinem Schreibtischstuhl sitzt und mit den Rollen nervös vor und zurück fährt. „Könntest du das deinen Onkel nicht mal fragen? Er arbeitet doch bei einem Rechtsanwalt oder sowas in der Art.“

„Hm.“ An der Art, wie er sich jetzt am Kinn kratzt, merke ich, dass er ein wenig verlegen ist.

„Was ist?“, frage ich deswegen, meine Stimme klingt nun aggressiver als beabsichtigt.

„Meine Eltern sind gerade nicht besonders gut auf dich zu sprechen. Eigentlich wollen sie gar nicht, dass ich mich mit dir abgebe.“

„Dann hat sich mein Schulverweis also schon herumgesprochen.“

„Gosforth ist ein Dorf.“ Lewis zuckt die Achseln, dann kratzt er sich wieder so umständlich am Kinn. „Meine Mum kommt jeden Moment vom Einkaufen wieder und…“ Der Satz bleibt unvollständig in der Luft hängen.

Aber ich weiß genau, was er mir sagen will. Ich weiß, wann ich unerwünscht bin.

„Ich soll gehen, bevor sie kommt. Nicht wahr?“ Jetzt klinge ich genau so aggressiv, wie ich es will.

„Du darfst nicht denken, dass ich das will. Aber meine Eltern sollen nicht mitbekommen, dass wir uns weiterhin treffen.“

Er sieht total unglücklich aus, wie er so zu mir hochsieht, die grüngesprenkelten Augen viel zu groß hinter den Brillengläsern. Er streicht sich nervös durch das kurze, braune Haar.

„Keine Angst, sie werden schon nichts mitbekommen“, ätze ich. Ein Kloß hat sich in meinem Hals gebildet, der mir fast die Luft zum Atmen nimmt. Aber ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr geweint und ich werde ganz sicher nicht wegen Lewis Seymour und seinen beschissenen Eltern damit anfangen. „Vielleicht ist es nämlich doch keine so schlechte Idee, nach Edinburgh zu gehen. Dann musst du keine Geheimnisse vor deinen Eltern haben, denn wir werden uns nicht mehr sehen.“

„Charlie…“ Er steht auf, bleibt unsicher vor mir stehen.

„Und ich dachte, dass wenigstens du mein Freund wärest“, sage ich leise, schneidend. Meine Stimme ist hauchdünn, aber dennoch rasiermesserscharf. Ein Glück, dass ich gelernt habe, sie unter Kontrolle zu halten.

„Ich bin dein Freund.“ Er greift vorsichtig nach meinem Shirt, als wolle er sich an mir festhalten, aber ich stoße seine Hand weg.

„Fass mich nicht an!“, fauche ich wie eine angegriffene Katze. Genauso geschmeidig drehe ich mich um und laufe auf die Tür zu.

„Charlie, bleib! Bitte!“

Aber ich drehe mich nicht mal um, geschweige denn, dass ich stehenbleibe. Zum zweiten Mal an diesem Tag fühle ich mich ausrangiert, ausgemustert und ich will nicht, dass es weh tut, aber das tut es trotzdem. Mit aller Gewalt würge ich die Tränen hinunter, die in mir aufsteigen, dann renne ich die Treppen im Hause der Seymours hinunter, zur Haustür hinaus auf die Straße. Es scheint, als wäre Davonlaufen mein Lebensinhalt. Warum dann nicht nach Edinburgh?

Weder meine Eltern, noch Lewis wissen, was sie mit mir anfangen sollen und nach dem peinlichen Auftritt vor Nell Jenkins und Damon Roberts ist es mir sowieso ganz willkommen, dass ich aus Gosforth fliehen kann.

Ich spüre meine Traurigkeit, die hart wie ein Tennisball in meiner Brust festsitzt, wo sie zwar schmerzt, nach außen aber keine Verletzbarkeit mehr anzeigen kann. Und das ist gut so.

Dieses Mal hast du es gründlich versaut.

Lewis‘ Stimme ist plötzlich in meinem Kopf; unwillkommen.

Ach ja?, höhne ich. Vielleicht habe ich es dieses Mal genau richtig gemacht und alle sind besser dran ohne mich.

Lauren

„Natürlich hätte ich einfach sagen können, dass ich nicht mehr an der Portobello High arbeite“, sage ich, während ich eine hübsche Sommerbettwäsche auf mein Gästebett aufziehe. „Aber damit hätte ich ja eine Lüge enttarnt, die ich seit einem Jahr aufrechterhalte.“

„Es wäre die Gelegenheit gewesen, damit Schluss zu machen“, hält Izzy dagegen, die mir dabei hilft, das seit ewigen Zeiten ungenutzte Zimmer wohnlich zu gestalten und zwei Poster aus einer Jugendzeitschrift hochhält. „Justin Bieber oder Shawn Mendes?“

„Keiner von beiden, wenn du mich fragst.“ Ich verdrehe die Augen.

„Es geht hier nicht um deinen Geschmack, sondern wen ein fünfzehnjähriges Mädchen toll finden könnte.“

„Das weiß ich doch nicht!“ Ich raufe mir verzweifelt die Haare. „Ich kenne Charlotte noch nicht mal. Okay, ich habe sie an Mums 50. Geburtstag gesehen, aber da war sie ein kleines Mädchen mit adretten Zöpfen und einem süßen Spitzenkleidchen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das nicht mehr ist, nach allem, was mir Mum erzählt hat.“

„Hast du denn schon mit deiner Cousine telefoniert?“

„Ja. Aber ich habe sie nicht nach dem Musikgeschmack ihrer Tochter gefragt, falls du das wissen willst.“

„Findest du es nicht reichlich merkwürdig, dass sie ihre einzige Tochter einfach weggibt?“

„Sie gibt sie nicht weg.“ Gegen meinen Willen verteidige ich Liz. Dabei schüttele ich energisch das Bettzeug auf, lege es ordentlich gefaltet auf das Bett und streiche es glatt. Ich bin sehr sorgsam und gründlich dabei, was ich sonst nie bin, aber es lenkt mich von meiner Nervosität ab. „Ich habe es eher so verstanden, als wollten sie und ihr Mann Charlotte einen kleinen Denkzettel verpassen. Sie wissen nicht, warum sie nicht zur Schule gehen will. Und auch die Schulpsychologin hatte keinen Rat für sie – zu der Charlotte allerdings nur einmal ziemlich widerwillig gegangen ist.“

„Aber der Plan, den sich deine Mutter so geistreich ausgedacht hat, kann nicht aufgehen, Lauren. Weil du nämlich gar nicht mehr an der Portobello High arbeitest.“

Izzy hat sich mittlerweile für Shawn Mendes entschieden und nagelt sein Poster über das Bett. Ich nehme mir den Spiegel über der Kommode vor, den ich so blank poliere wie noch nie, seit ich hier wohne. Es ist das Zimmer, das ich mit meinen Eltern immer bewohnt habe, wenn wir den Sommer bei Tante Mhairi verbrachten und alles ist mir vertraut und lieb. Auch als ich von Dumfries hierher zog, um in Edinburgh zu studieren, wohnte ich zuerst in diesem Zimmer, bis Tante Mhairi in meinem dritten Studienjahr starb. Ihr Schlafzimmer ist der einzige Raum, den ich im ganzen Haus renoviert habe, als ich dort einzog. Denn einerseits vermisste ich sie schrecklich und wollte ihr gerne nahe sein, weswegen ich auch ihr Zimmer bezog, doch andererseits hätte ich es nicht ertragen, dort in ihrem Bett zu schlafen.

„Hoffentlich wird sich Charlotte in diesem Zimmer so wohlfühlen, wie ich früher“, meine ich und streiche verträumt über die glattpolierte Oberfläche der Kommode.

„Hallo? Jemand zuhause?“ Mit den Händen wedelnd steht Izzy nun vor mir. „Ich hoffe doch, dass du deinen Eltern und deiner Cousine die Wahrheit sagen wirst. Und dann wird Charlotte hier womöglich gar nicht mehr einziehen. Damit hättest du zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Erstens hättest du es dann endlich hinter dich gebracht, deinen Eltern zu sagen, dass du nicht mehr als Lehrerin arbeitest. Und zweitens müsstest du dann nicht eine pubertierende Göre bei dir aufnehmen, die dir vermutlich nichts als Schwierigkeiten bereiten wird.“

In mir bildet sich schon wieder dieser schmerzende Knoten, der eine unangenehme Übelkeit aufsteigen lässt. Ich versuche ihn wegzudrücken, weiß aber genau, dass das nicht geht.

„Das kann ich nicht, Izzy. Ich kann meinen Eltern nichts von meinen Ängsten erzählen. Und das müsste ich, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht mehr als Lehrerin arbeite.“

„Warum? Sag ihnen einfach, dass du etwas anderes machst, was dich mehr ausfüllt. Und das wäre die reine Wahrheit.“

Obwohl Izzy nicht begeistert ist, dass die Tochter meiner Cousine bei mir einzieht – sie meint, ich hätte so schon genug Probleme und damit hat sie absolut recht -, dekoriert sie mit Feuereifer weiter. Eine Ausgabe des Magazins von Top of the Pops legt sie auf das Nachtkästchen, über die danebenstehende Lampe hängt sie ein Chiffontuch.

„Brandgefahr“, sage ich nur knapp.

„Ich habe in diesem Zimmer auch schon gewohnt, Lauren. Und ich hatte immer ein Tuch über diesem hässlichen Ding, wenn du dich erinnerst.“

Sie geht einen Schritt zurück, als müsse sie zwischen sich und die Lampe – ein Original aus den 60er-Jahren – einen gewissen Sicherheitsabstand bringen. Zugegeben, sie ist unfassbar hässlich, aus Messing mit einem Lampenschirm aus dickem Kristallglas.

„Es hat nie gebrannt.“, gibt sie zu bedenken und sieht mich triumphierend an.

„Das stimmt.“, gebe ich mich geschlagen. Das zentimeterdicke Kristallglas wird mit Sicherheit verhindern, dass das Tuch zu heiß wird.

Es stimmt mich wehmütig wenn ich daran denke, wie es war, als Izzy hier gewohnt hat. Wir kannten uns von der Uni und als ich das Haus von Tante Mhairi erbte, war ich einsam, Izzy hingegen suchte eine Bleibe in Edinburgh und Umgebung, da sie jeden Tag von Perth pendelte.

„Dieses Haus hat damals ein paar ziemlich geile Partys erlebt.“

„Oh ja“, seufzt Izzy. „Unsere Partys waren legendär.“

„Das kommt mir vor, als wäre es in einem anderen Leben passiert.“ Ich starre in den Spiegel, den ich so schön geputzt habe. Ich bin nicht mehr das Mädchen Anfang Zwanzig, das wilde Feiern mit Alkohol und jeder Menge Jungs veranstaltet; das will ich auch gar nicht mehr sein. Aber ein wenig vermisse ich die unbekümmerte Seite an mir. Die, die Angst überhaupt nicht gekannt hat.

„Das kommt nicht nur dir so vor.“ Izzy lässt sich mit mürrischer Miene auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal auf einer wilden Party war. Die langweiligen Essen bei Rorys Eltern kann ich wohl kaum mitzählen, ebenso wenig die steifen Veranstaltungen, zu denen ich immer mitgehen muss, um das Familiengeschäft zu repräsentieren.“

„So schlimm?“ Ich vergesse für einen Moment meine eigenen Sorgen, weil Izzy so gequält dreinblickt.

„Noch schlimmer. Ich möchte mich in kein Cocktailkleid mehr quetschen, nur um dann keinen Happen mehr essen zu können. Wer entwirft diese Dinger nur so verdammt eng um den Bauch herum? Und dann wird man von den Damen aus den diversen Golfclubs ständig gefragt, wo man das Kleid gekauft hat und von welchem Designer es ist. Als hätte ich Ahnung davon…“ Sie wirft einen bedeutungsvollen Blick auf ihre Skinnyjeans mit riesigen Cut Outs am Knie und ihr Tanktop – ihre bevorzugte Kleidung.

Es ist nicht so, dass Izzy sich für Klamotten nicht interessiert, sie mag es nur eben gerne praktisch. Das war schon immer so, weshalb ich auch nie so ganz verstanden habe, wie sie und Rory zu einander finden konnten. Er ist vielleicht kein Modefreak, aber er läuft immer nur in Markenkleidung herum, bevorzugt Ralph Lauren.

Rorys Eltern sind nicht direkt reich, aber auch nicht unvermögend. Sie haben ein Geschäft für exklusive Golfkleidung in North Berwick und verkehren deswegen in ziemlich guten Kreisen. Ich habe keine Ahnung von Golf, deshalb weiß ich auch nicht so genau, was sie dort verkaufen und warum es so exklusiv ist. Ich habe nur ab und zu solche Fetzen wie ‚Cabrettaleder‘ oder ‚atmungsaktives Piquégewebe‘ aufgeschnappt und nur Bahnhof verstanden. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie mit ihrem Laden in einem Golfparadies wie East Lothian ein gutes Geschäft machen. Allerdings habe ich den Verdacht, dass Izzy im Grunde genauso wenig von dem Ganzen versteht wie ich. Und das ist ganz und gar nicht gut.

„Schön und gut, wenn du nicht über Designermode reden kannst, das muss ja nicht unbedingt sein. Aber hast du denn Ahnung von den Sachen, die ihr verkauft?“

„Ich verkaufe sie nicht.“ Izzy verschränkt demonstrativ die Arme und schiebt die Unterlippe vor. „Das machen Rory und seine Eltern.“

Okay, sie hat also keinen blassen Schimmer von dieser ganzen Golfgeschichte. Ich meine, ich weiß ja, dass Izzy ein wunderbarer Mensch ist und eigentlich wundert es mich auch nicht, dass Rory das sofort erkannt hat, als sich die Beiden in einer Bar in Glasgow kennengelernt haben. Aber wenn sie irgendwo nicht hinpasst, dann in die spießige Welt des Golfs. Und Rory… Was soll ich sagen? Er ist die personifizierte spießige Welt des Golfs mit seinen Polohemden, den über die Schulter gehängten Strickpullis, seinen adrett gebügelten Hosen und den teuren Segelschuhen, die er so gerne trägt. Davon ab ist er aber ein wirklich toller Mensch, der für seine Freunde alles geben würde. Auch das letzte Polohemd.

„Vielleicht ist es an der Zeit, dass du dich mit der Welt, in die du hineingeheiratet hast, auch mal beschäftigst.“ Ich lege Izzy liebevoll einen Arm um die Schultern

„Das habe ich ja versucht.“ Sie sieht zu mir hoch, verdreht die Augen und auch wenn das Thema gar nicht lustig ist, muss ich gegen meinen Willen lachen.

„Das hast du nicht ernsthaft. Es ist dir nämlich zutiefst zuwider und deswegen gehst du es erst gar nicht an. So war das schon immer. Erinnerst du dich an den Einführungskurs an der Uni? Du hattest überhaupt keine Lust hinzugehen, weil du dich lieber gleich ins Studium reingehängt hättest. Du warst so selten da, dass ich dachte, sie würden dich von der Uni werfen.“

Izzy grinst bei der Erinnerung daran von einem Ohr zum anderen. Sie hat die meiste Zeit, die sie nicht beim Studieren war, im Bett mit so einem Möchtegernrockstar namens ‚Harrycane‘ verbracht. Wie sein Name vermuten lässt, war er eine Granate zwischen den Laken, aber ansonsten nicht die hellste Kerze auf der Torte.

„Du hast ja Recht“, gibt sie schließlich zu und knabbert verlegen an einem Stückchen Edinburgh Rock, die ich in eine Schale auf dem Schreibtisch gestellt habe. Die klebrige pastellfarbene Süßigkeit ist typisch schottisch und soll ein Willkommensgruß für Charlotte sein. Wie gut, dass der Supermarkt um die Ecke alles liefert. Und wie dumm, dass ich vergessen habe, dass Izzy die Dinger liebt. Ich ziehe die Schale vorsichtshalber zu mir.

„Rory wäre dir sicher dankbar, wenn du dich ein wenig für sein Geschäft interessieren würdest. Besuch ihn doch einfach mal im Laden, frag ihn ein bisschen aus.“

„Es gibt nichts, was mich weniger interessiert“, jammert Izzy, dabei fischt sie erneut ein Edinburgh Rock aus der Schale, die ich nun rigoros an mich nehme. „Naja, außer vielleicht ein Bericht über Nagelpilz und Hornhaut an den Füßen. Wusstest du, dass Rorys Mutter total auf medizinische Sendungen steht?“

„Izzy!“

„Na gut! Ich werde deinen Rat befolgen und Rory ein bisschen über das ausfragen, was er da so macht.“

„Ihr seid seit einem halben Jahr verheiratet und schon zwei Jahre zusammen. Hättest du das nicht schon längst tun sollen?“

„Hätte ich vielleicht, aber irgendwie bin ich bisher auch ganz gut so durchgekommen. Allerdings wird es langsam auf diesen ganzen Partys ein wenig peinlich, wenn mich die Leute in ein Fachgespräch verwickeln wollen. Letztens wollte eine der Damen über Handschuhe aus Cabrettaleder reden und ich meinte nur, dass ich mich mehr für Ciabatta interessiere. Seltsamerweise fand sie das nicht besonders witzig.“

Ich finde das gar nicht so schlecht. Zumindest ist es eine sehr schlagfertige Antwort, wenn auch nicht besonders hilfreich.

„Rorys Eltern sind, denke ich mal, ziemlich enttäuscht von der Wahl ihres Sohnes“, bekennt Izzy. „Aber dann hätte er eben keine Biologin heiraten sollen, sondern eine der unzähligen Tussis, die ihm hinterherlaufen. Selbst jetzt noch, wo wir verheiratet sind, lassen ihm die ledigen Mädels aus den diversen Golfclubs keine Ruhe.“

„Umso mehr solltest du dich in diese Sache reinhängen. Das würde eine meiner Heldinnen machen, wenn sie in der Situation wäre.“

In meinen Büchern verkörpern meine Protagonistinnen immer Stärke und Mut, gehen keiner Aufgabe aus dem Weg. Vielleicht sind sie so, wie ich gerne wäre.

„Aber Rory ist doch nicht enttäuscht von dir, oder?“, frage ich vorsichtig und nehme die letzten Putzarbeiten in Angriff.

„Nein“, antwortet Izzy, erhebt sich vom Stuhl und rückt alles auf dem Schreibtisch gerade. Die Schale mit den Süßigkeiten holt sie von der Kommode, wo ich sie kurzfristig abgestellt hatte, um sie wieder dort zu platzieren, wo sie ursprünglich war. Jedoch nicht, ohne sich noch ein kleines rosa Rock in den Mund zu schieben. „Rory lacht mich meistens aus, wenn ich mal wieder keine Ahnung habe, aber er ist mir deswegen nicht böse. Allerdings betont er immer wieder, wie sehr er meine Unterstützung bei Geschäftsessen und Partys braucht und ich denke, es wäre eher kontraproduktiv, wenn ich mich von dem Ganzen noch mehr zurückziehe. Deswegen werde ich das tun, was du sagst und in die Welt des Golfs eintauchen. Hey, vielleicht macht mir das am Ende sogar richtig Spaß!“

Ich lache kurz auf, es klingt etwas ungläubig. Aber als gute Freundin sollte ich mehr an Izzy glauben. Dann sehe ich mich im Zimmer um, das mittlerweile sehr wohnlich aussieht, sogar für einen Teenager.

„Gute Arbeit, Mrs. McKenzie“, lobe ich Izzy.

„Das kann ich nur zurückgeben. Auch wenn ich dich dringend darum bitte, dieses Mädchen nicht hier einziehen zu lassen. Ich denke, jetzt haben wir uns eine Stärkung nach getaner Arbeit verdient.“

„Ich könnte uns schnell etwas kochen.“

Große Lust habe ich keine. Ich fühle mich nach der ganzen Putzerei ziemlich erschöpft. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir meine Angst auch jegliche Energie geraubt hat, selbst kleine körperliche Aufgaben sind mir schon zu viel.

„Du willst dich doch nicht jetzt hinstellen und zu kochen anfangen!? Ich dachte eher, wir gehen einen Happen im Dalriada essen, das ist doch nicht weit.“

„Auf gar keinen Fall!“, protestiere ich sofort, mir wird heiß und kalt zugleich. „Nach dem letzten Besuch dort kann ich nicht mehr hingehen.“

„Komm schon, ich habe dir doch eine gute Ausrede für deine Flucht besorgt und außerdem wird sicher nicht derselbe Barkeeper wieder da sein. Und du schuldest mir einen Besuch, schließlich wollte ich schon gestern auf einen Wein mit dir hingehen.“

Ich spüre ein Flattern in meinem Brustkorb, meine Atmung beschleunigt sich kaum merklich. Am liebsten würde ich mich jetzt zuhause verkriechen, selbst Izzys Anwesenheit ist mir dann zu viel. Aber urplötzlich sehe ich Dr.Walker vor mir, spüre seine Hand auf meiner Schulter.

Sie müssen sich dem stellen, was Sie nervös macht.

„Na gut“, gebe ich nach. „Gehen wir.“

Samstagmittag gibt es im Dalriada immer eine Kleinigkeit zu essen und es ist deswegen meist ziemlich voll, aber heute ist der Himmel wolkenverhangen und ab und zu öffnet er seine Schleusen für einen Platzregen, weshalb nicht viele am Strand unterwegs sind. Die Bar ist fast leer, als Izzy und ich sie betreten und wir haben so gut wie freie Wahl bei den Tischen.

Wir entscheiden uns für einen Platz an einem riesigen Erkerfenster mit Blick auf das Meer. Ich bin nervös, das kann ich nicht leugnen. Alleine der Weg hierher war aufregend und ich habe mich mit sinnlosem Geplapper über meinen neuen Roman abgelenkt. Doch jetzt bin ich fast ein wenig stolz, dass ich hier sitze, das Blatt mit den Speisen in der Hand. Zwar verschwimmen die Buchstaben vor meinen Augen, sodass ich nichts lesen kann, aber ich bin hier.

„Was kann ich euch bringen?“ Ein junges, kaugummikauendes Mädchen Anfang Zwanzig steht plötzlich neben unserem Tisch.

Ich kann mir ein lautes Aufatmen nicht verkneifen. Ich hatte wirklich die Befürchtung, dass der Barkeeper von neulich da sein könnte. Was noch eine zusätzliche Herausforderung bedeutet hätte.

„Ich nehme erstmal nur ein Wasser“, beeile ich mich zu sagen. „Wegen dem Essen schaue ich noch.“

„Ich nehme ein Magners Birne und die Suppe des Tages“, meint Izzy schnell entschlossen.

Suppe des Tages! Es wäre zu einfach gewesen das zu sagen, dafür muss ich nicht mal die Karte lesen können. Aber anstatt dem gelangweilt kauenden Mädchen hinterher zu rufen, dass ich das Gleiche nehme, starre ich weiter auf das Blatt in meinen Händen.

„Zwischen was schwankst du? Vielleicht kann ich dich ja beraten.“

„Ähm… zwischen mehreren Sachen“, lüge ich, mein Herz beginnt zu rasen.

Wieso kann ich Izzy nicht einfach sagen, dass ich keine Ahnung habe, was da auf dem Blatt steht, denn meine Augen spielen mir einen Streich, wie sie es manchmal tun, wenn ich aufgeregt bin. Außerdem fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Dr. Walker hat mir schon mehrfach versichert, dass Sehstörungen bei Panikattacken nicht außergewöhnlich sind, da man in einem Zustand permanenter Anspannung ist. Das verursacht Muskelverspannungen, gerade im Hals- und Kopfbereich. Ich hatte ja eher auf einen Tumor am Sehnerv getippt.

Unauffällig kreise ich mit dem Kopf, schiebe den Kiefer hin und her, um die Verspannung zu lösen. Dabei habe ich das Gefühl, mich immer mehr zu verkrampfen, weil ich nicht möchte, dass Izzy Verdacht schöpft. Auch wenn sie meine beste Freundin ist, will ich sie nicht ständig mit meiner Krankheit belasten. Und als Krankheit sehe ich es, auch wenn Dr. Walker etwas anderes behauptet.

„Ich würde das Panini mit Bacon und Brie nehmen, das ist wirklich gut.“ Eine Stimme hinter mir reißt mich aus meiner Grübelei

Ich drehe mich ruckartig um - und da ist er. Der dunkelhaarige Barkeeper vom letzten Samstag. Er sieht immer noch unverschämt gut aus, das kann ich erkennen obwohl mein Blick verschwommen ist. Mein Herz setzt für einen unangenehmen Moment aus, als würde es kurz stolpern, dann schlägt es ganz normal weiter, wenn auch ziemlich schnell.

„Oh, danke“, murmele ich. „Dann nehme ich das.“

„Cait!“, ruft er der Bedienung zu. „Ein Panini mit Brie.“

Zu meinem Entsetzen steuert er nun zielsicher auf unseren Tisch zu und lässt sich auf einen freien Stuhl neben mir sinken. Jetzt schlägt meine Herz bis zum Hals hoch und ich bin mir sicher, dass ich jeden Moment tot umfalle. Der Mensch, dem ich am Allerwenigsten begegnen wollte, sitzt nun so nah neben mir, dass ich sein Knie an meinem Oberschenkel spüren kann.

„Hi!“, sagt er.

„Hi“, antwortet Izzy, ich nicke nur.

„Wie geht es dir? Dein Magen hat sich hoffentlich beruhigt“, meint er an mich gewandt.

„Mein Magen?“, presse ich hervor. Ich bin überrascht, dass ich doch sprechen kann, wenn auch etwas rau. Aber das ist das Seltsame bei meiner Angst. Ich habe häufig das Gefühl, etwas absolut nicht tun zu können, nur um mich dann selbst eines Besseren zu belehren. „Oh… ja… Mein Magen… Ja, dem geht es mittlerweile wieder gut. Eine kleine Magenverstimmung, mehr nicht.“

„Und ich dachte zuerst, du wärest vor dieser Horde Weiber davongerannt.“ Er verdreht die Augen.

„Vor denen?“ Jetzt bin ich regelrecht empört, sodass ich meine ganz normale Stimme wiedergefunden habe. „Ganz sicher nicht, mir wollten sie ja nicht an die Wäsche. Das wäre dann wohl eher dein Part gewesen.“

Er grinst und fährt sich durch das pechschwarze Haar.

„Solche Anmachen gehören zu meinem Job, das erlebe ich öfter als du denkst.“

„Junggesellinnenabschiede sind immer eine ziemliche laute Angelegenheit“, vermute ich.

„Aber hallo!“, mischt sich nun Izzy in das Gespräch ein. „Schade, dass du meinen verpasst hast.“

Ich konnte nicht hingehen, wegen… Naja, ist ja klar weswegen. Wie ich die Hochzeit überlebt habe, ist mir bis heute schleierhaft, aber ich erinnere mich, dass es einer der grauenvollsten Tage meines Lebens war und das sollte er eigentlich nicht sein, denn ich liebe Izzy und ihren Mann Rory.

„Siehst du, deine Freundin scheint zu wissen, was ich meine.“ Der Barkeeper grinst immer noch, jetzt ein bisschen breiter. „Bei solchen Anlässen sind die Frauen meist ziemlich enthemmt und man bekommt als Barkeeper das ein oder andere unmoralische Angebot. Aber ich hatte schon den Eindruck, als hätten die Mädels dich verschreckt.“

„Warum sollten sie?“, protestiere ich. Gleichzeitig kann ich mir schon vorstellen, welchen Anblick ich geboten habe. Schreckgeweitete Augen, krächzende Stimme… „Ich finde es einfach nur peinlich, wenn manche meinen, sich so aufführen zu müssen. Ich würde mich niemals einem Mann derart an den Hals werfen.“

„Auch nicht, wenn du schon ein bisschen angetrunken wärest?“, fragt er neugierig.

Izzy hüstelt nicht eben diskret. Mit erhobenen Augenbrauen schaue ich zu ihr hinüber. Sie kennt diesen Blick der besagt: „Sag jetzt bloß nichts Falsches!“

„Es ist nicht so, dass ich nicht für Spaß zu haben wäre, wenn ich getrunken habe“, beginne ich.

Wenn ich denn mal trinke, denke ich für mich. Unter dem Einfluss von Alkohol zu stehen macht mir nämlich auch Angst.

„Ich finde nur, dass es etwas Billiges an sich hat, wenn man sich dermaßen an einen Mann ranmacht.“

„Da bin ich ganz deiner Meinung“, sagt er zu meiner Überraschung, dann hält er mir die Hand hin. „Kieran MacLaughlin.“

„Lauren Anderson.“ Ich nehme seine Hand in meine. Sie fühlt sich warm, aber trocken an und sein Händedruck ist kräftig, ohne mir die die Hand zu zerquetschen. „Und das ist meine Freundin Izzy McKenzie.“

Er nickt, dann erhebt er sich so plötzlich von seinem Stuhl, wie er gekommen ist und ruckt seinen Kopf zur Bar hinüber, wo nun ein Pärchen steht und verloren um sich blickt.

„Ich muss dann mal was tun. Man sieht sich.“

„Er ist süß!“, quietscht Izzy leise, als er außer Hörweite ist.

„Das ist er nicht“, antworte ich, trotzdem schaue ich zum Tresen, wo Kieran dem Pärchen zwei Gläser Stout zapft und mit ihnen locker darüber plaudert, dass jemand von der Speyside Brauerei im nächsten Monat bei ihnen zu Gast sein wird, um sich mit den Gästen über ihr Bier zu unterhalten und eine Verkostung anzubieten.

„Er hat sich an dich erinnert und wollte wissen, wie es dir geht Das ist süß.“

„Sich nicht an diesen Auftritt zu erinnern, dürfte wohl sehr schwer sein“, gebe ich mit vor Sarkasmus triefender Stimme zurück. „Nicht alle Tage rennt jemand fluchtartig aus einer Bar, oder?“

„Als Barkeeper hat er sicher schon Schlimmeres erlebt. Aber er hat sich sofort Sorgen um dich gemacht an diesem Abend.“

Ich starre diesen Kieran MacLaughlin noch ein Weilchen länger an. Er unterhält sich mit dem jungen Paar genauso zwanglos, wie eben noch mit Izzy und mir. Sicher, bereits die Mädels vom Jungesellinnenabschied haben bemerkt, dass er gut aussieht und ich kann mich dem auch nicht verschließen. Auf eine kantige, maskuline Art tut er das wohl mit seinem Drei-Tage-Bart. Aber darüber muss ich mir jetzt keine Gedanken machen, es gibt andere Baustellen in meinem Leben.

„Er ist nett“, gebe ich zu, als ich mich wieder Izzy zuwende.

„Nett? Nett ist die kleine Schwester von…“

„Nein, ist es nicht.“, unterbreche ich sie ungehalten. „Nett ist einfach nett. Nicht mein Typ, aber sehr freundlich.“

Als mein Blick zufällig auf die Speisekarte fällt, wird mir erst bewusst, dass ich meine Umgebung wieder ganz normal wahrnehmen kann. Und dass meine Angst plötzlich wie verflogen ist.

Charlotte

Nichts fühlt sich wirklich an. Nicht, als wir meine Sachen in sämtliche verfügbare Koffer und Taschen packen und auch nicht, während der Fahrt von Newcastle nach Edinburgh. Die Häuser hier unterscheiden sich nicht großartig von denen bei uns, dennoch bin ich entschlossen, alles zu hassen.

„Es ist spießig hier.“ Ich betrachte die georgianischen Gebäude, die Seite an Seite die Brunstane Road säumen und verspüre keinen Drang, das Auto zu verlassen.

„Es ist eben ein altes Haus. Und nicht weit vom Strand.“ Mum sieht mich erwartungsvoll, als müsse ich jetzt in Freude ausbrechen, während sie sich abschnallt.

„Ich habe nicht viel für den Strand übrig“, gebe ich zurück.

Als Antwort darauf knallt Dad seine Autotür von außen zu, als wäre er der unglaubliche Hulk. Ich denke, er ist ziemlich erleichtert, wenn er endlich ohne mich nach Hause fahren darf.

Nach meinem Besuch bei Lewis habe ich meinen Eltern sofort mitgeteilt, dass ich doch nach Edinburgh gehe. Beide waren erleichtert, doch während mein Vater die ganze Woche über geradezu verboten gut drauf war, war meine Mum auch häufig traurig und wenn sie glaubte, keiner würde es bemerken, wischte sie sich verstohlen ein paar Tränen weg.

„Bist du auch sicher, dass du alles eingepackt hast?“ Mum fragt das zum hundertsten Mal. Zum hundertsten Mal antworte ich nicht darauf, woraufhin sie einfach weiterplappert. „Naja, ich habe dir ja beim Kofferpacken geholfen, es wird schon alles da sein.“

„Und selbst wenn nicht, wohnen wir nicht gerade Lichtjahre entfernt, Liz.“

Mittlerweile sind wir ausgestiegen. Dad betrachtet Mum genervt über das Autodach hinweg. Es ist der typische Dad-Mum-Blick. Bevor ich mir das weiter antue, hole ich lieber meine Sachen aus dem Kofferraum.

„Liiiiiz! Huhu!“

Ich vergrabe mich hinter dem Kofferraumdeckel, als ich Tante Jeans laute, etwas schrille Stimme höre, die von der Haustür zu uns herüber dringt. Dad tut es mir gleich und taucht ebenfalls tief in den Kofferraum ein, um in der hintersten Ecke eine Tasche von mir zu suchen.

„Die solltest du nicht vergessen“, sagt er, als wäre das enorm wichtig. Dabei hat er auf Tante Jean einfach so viel Lust wie auf eine Vasektomie.

Allerdings hilft das Versteckspiel nicht viel, denn die Koffer und Taschen sind schnell aus dem Auto geholt. Steif stehe ich da, während Tante Jean in einer Wolke aus rosa Chiffon auf uns zueilt, um erst Mum ein Küsschen links und rechts auf die Wange zu drücken und es dann bei Dad und mir gleichzutun. Hinter ihr her tapert Sherlock, der asthmatisch keucht, gefolgt von Onkel Allan, der uns allen nur steif die Hand gibt. Er ist, im Gegensatz zu Tante Jean, nicht so sehr für Körperkontakt, was ihn mir sehr sympathisch macht.

„Da seid ihr ja endlich!“ Der Traum in Rosa breitet die Arme aus und zeigt auf das Reihenhäuschen vor uns. Es sieht ein wenig heruntergekommen aus im Gegensatz zu seinen Nachbarn links und rechts, die anscheinend kürzlich renoviert worden sind. Die Fassade ist schmuddelig, an manchen Stellen bröckelt sie schon.

„Es gab einen Stau kurz vor Edinburgh“, verteidigt sich Mum, obwohl niemand sie angegriffen hat.

„Das Übliche, wenn man Freitagnachmittag irgendwohin fährt“, ergänzt Dad.

„Zum Glück sind Allan und ich schon heute Morgen hergekommen, da war noch alles ruhig.“

„Brian musste noch bis Mittag in der Praxis arbeiten.“ Mum wirft Dad einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich bücke mich zu Sherlock hinunter, um ihn hinter den Ohren zu kraulen, damit niemand sieht wie genervt ich bin.

Als ich wieder hochkomme, entdecke ich sie. Lauren. Sie steht im Rahmen ihrer Haustür und sieht zu uns hinüber, macht aber keinerlei Anstalten uns zu begrüßen. Eigentlich wirkt sie so, als würde sie gar nicht hierher gehören, obwohl es doch ihr Haus ist.

„Kommt rein“, fordert uns Tante Jean auf und eilt voraus. Über die Schulter ruft sie noch: „Allan, hilf Brian doch bitte mit dem Gepäck.“

Als Dad und Onkel Allan wie zwei Esel bepackt mit meinen Koffern und Taschen ins Haus gehen und Mum folgen, die schon längst Tante Jean hinterher gehastet ist und nun ihre Cousine begrüßt, bleibe ich neben dem Auto stehen. Vom Meer weht eine kühle Brise die Straße hinauf, die einen salzigen Duft mit sich trägt, der ferne Erinnerungen an Strandurlaube in Spanien mit sich bringt. Das war, bevor Mum und Dad sich gleichgültig wurden und fortan getrennt in Urlaub fuhren – Dad meist mit mir auf irgendeinen Städtetrip und Mum mit ihren Mädels in diverse Wellnesshotels.

„Charlotte?“ Mum sieht mich von der Haustür aus auffordernd an. Ich seufze missmutig. Mein Blick wandert das kleine Reihenhäuschen auf und ab, das ab sofort auf unbestimmte Zeit mein Zuhause sein wird, dann setze ich mich in Bewegung.

Drinnen gibt es den unvermeidlichen Tee. Tee scheint für Erwachsene in jeder Lebenslage die richtige Lösung zu sein, was für mich überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Immer und überall gibt es ihn. Wenn eine schwierige Situation zu meistern ist, wird zunächst eine Tasse Tee aufgebrüht und während einer Diskussion ist der Lieblingssatz aller Erwachsenen meines Erachtens: „Lasst uns doch bei einer schönen Tasse Tee darüber reden.“ Als hätte die schon jemals irgendeine Lösung gebracht. Ich habe noch nie davon gehört, aber trotzdem schwören alle darauf.

Ich setze mich an den klobigen Esstisch aus dunklem Holz, der in dem kleinen Erker fast überdimensioniert wirkt und sehe mich um. Alles in diesem Haus scheint alt und reichlich ramponiert zu sein. Fast erwarte ich, dass auf dem durchgesessenen Sofa zehn Katzen liegen, denn alles wirkt genauso, wie ich mir das Heim einer alten, schrulligen, alleinstehenden Lehrerin mit tausend Katzen vorstelle.

„Hi, ich bin Lauren.“

Gut, sie ist keine alte Lehrerin. Aber definitiv alleinstehend und vielleicht auch schrullig.

„Hast du Katzen?“

„Äh… Nein. Nicht, dass ich wüsste. Vielleicht ist mir in den letzten zehn Minuten eine zugelaufen, da war ich abgelenkt, aber falls dem nicht so sein sollte, dann habe ich keine.“

Sie lächelt dabei nicht, sondern runzelt nur zerstreut die Stirn. Dennoch finde ich Lauren gegen meinen Willen ein bisschen witzig.

„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragt sie, dabei ist es doch ihr Haus und ihr Esstisch.

„Tu dir keinen Zwang an.“

„Charlotte!“, ermahnt mich Mum streng. „Sei etwas höflicher zu Lauren.“

„Schon gut.“ Lauren lässt sich auf den freien Platz neben mir sinken. Als sie die Hand nach der Teekanne ausstreckt, bemerke ich, dass sie zittert.

„Ich mache das schon.“ Tante Jean schnappt so schnell nach der Kanne wie ein Piranha nach einem Happen Fleisch. Sie steht, während alle anderen sitzen, bedient einen nach dem anderen, als wäre sie die Gastgeberin. „Es ist so schön, euch alle mal hier zu haben. Lauren, Liz, ihr habt euch sicher schon ewig nicht mehr gesehen.“

„Seit deinem 50. Geburtstag nicht mehr, Mum, das weißt du doch.“

„Ach stimmt, du erwähntest so etwas.“

Endlich setzt sich auch Tante Jean, ihr Stuhl ächzt und wackelt, obwohl sie wirklich alles andere als dick ist.

„Das ist der Stuhl, der schon ziemlich kaputt ist, Mum.“ Lauren springt auf. „Wir können tauschen, wenn du willst.“

„Nein, nein.“ Tante Jean fuchtelt abwehrend mit der Hand. „Mir macht das gar nichts aus, auf diesem Stuhl zu sitzen.“

Dabei wirft sie Lauren einen solch anklagenden Blick zu, dass allen hier Versammelten klar ist, dass dem nicht so ist. Langsam bilden sich rote Flecken auf dem Dekolleté von Mums Cousine, sodass ihr Hautton sich ihrem hummerfarbenen Shirt anpasst, das sich ohnehin fürchterlich mit ihrer Haarfarbe beißt. Das hier verspricht richtig interessant zu werden.

„Ich bin dir so dankbar für das, was du für uns tust.“ Mum ergreift Laurens Hand, woraufhin diese noch mehr Hektikflecken bekommt. Gut, vielleicht steht sie genauso wenig auf Körperkontakt wie ich. Dann werden wir uns wenigstens in der Hinsicht gut verstehen.

„Das ist schon in Ordnung“, murmelt sie bloß.

„Du hast Charlotte sicher bereits in deiner Schule eingeschrieben, sodass sie gleich am Montag mit dir mitgehen kann“, mischt sich nun wieder Tante Jean ein.

„Ich… äh…“ Lauren stockt, dann räuspert sie sich. „Ich dachte, dass es sich doch gar nicht lohnt, für zwei Wochen noch in die Schule zu gehen. Das Schuljahr endet bereits am 28. Juni. Und Charlotte findet sicher leichter in die Klasse, wenn sie Mitte August startet und wir einfach sagen, sie ist über die Ferien zugezogen. Es gibt weniger peinliche Fragen.“

„Oh.“ Ich sehe Tante Jean an, dass ihr das nicht ganz passt, aber sie kann sich der Logik nicht entziehen.

Auch Mum und Dad wechseln einen raschen, unsicheren Blick, nicken dann aber zustimmend.

„Das ist aus pädagogischer Sicht vermutlich richtig“, meint Dad, dabei reibt er unsicher über sein Kinn.

„Das klingt sehr vernünftig, Lauren“, bestätigt auch Mum. „Auch wenn es sicher trotzdem Fragen geben wird, warum ein junges Mädchen zu einer entfernten Verwandten zieht. Und die Schulleitung wird doch sicherlich von dem Schulverweis der Gosforth Academy wissen.“

„Sicher, aber das regele ich schon mit der Direktorin, sodass die Mitschüler nichts davon erfahren müssen.“ Lauren lächelt. Ein nettes, freundliches Lächeln, das Mum sofort beruhigt. Aber ihre Augen flackern unruhig.

Auch Dad seufzt erleichtert, dabei hätte ich wetten mögen, dass es ihm egal ist, wie es mir auf der neuen Schule geht. Und auch mich durchströmt eine gewisse Erleichterung, dass ich mir um die Schule die nächsten zwei Monate keine Gedanken machen muss. Vor allem nicht über irgendwelche nervigen Mitschüler.

„Vielleicht kann sie ja ein paar Sommerkurse besuchen“, schlägt Tante Jean munter vor. Sie strahlt über das ganze Gesicht ob ihrer guten Idee.

Herrgott, kann sie nicht endlich den Mund halten? Wer ist sie eigentlich, dass sie sich dauernd in unsere Familie einmischt?

„Sommerkurse gibt es an der Portobello High School nicht“, beeilt sich Lauren zu sagen, als sie meinen Blick auffängt. „So etwas machen nur Universitäten, Mum.“

„Wirklich? Ich meine, davon schon gehört zu haben.“ Etwas verwirrt schüttelt sie die blondgefärbten Haare, die fast denselben Ton haben wie Mums.

„Vermutlich in einem dieser amerikanischen Highschool-Filme, die du seit neuestem auf Netflix anschaust“, wirft Onkel Allan ein. Seinem Tonfall ist deutlich anzuhören, was er davon hält, nämlich gar nichts.

Oh Gott, sie ist wirklich ein Klon von Mum. Oder eher umgekehrt angesichts des Alters. Die guckt sich diesen Schrott nämlich auch regelmäßig an und will dann immer, dass ich mir die Filme auch ansehe. Als wenn mich die Pubertätsprobleme anderer interessieren würde. Ich habe genug eigene.

„Ich liebe diese Filme auch“, meldet sich Mum natürlich prompt zu Wort und schon ist sie mit Tante Jean in eine Diskussion darüber verwickelt, welchen sie am besten finden. Es ist, als wollten sie unbedingt die Fassade eines netten Familientreffens aufrecht erhalten.

„Diese Eigenproduktionen von Netflix finde ich ja nicht so gut.“

„Da stimme ich dir vollkommen zu. Es wirkt alles ein wenig steif und konstruiert.“

Als wäre das nicht immer so bei dieser Art von Filmen. Ich meine, wie realistisch ist dieser ganze Blödsinn eigentlich, in dem die Heldin immer ein graues Mäuschen ist, dabei aber natürlich wahnsinnig schlau und auf irgendeine Art und Weise es am Ende schafft, den beliebtesten Typen der Schule zu bekommen? Dabei fällt mir siedend heiß wieder die Situation im Creams mit Damon Roberts ein und alleine bei der Erinnerung daran winde ich mich innerlich.

„Hast du denn schon Girlsclub gesehen?“, fragt Mum gerade.

„Fuck!“, entfährt es mir unwillkürlich. „Merkt ihr eigentlich, was für einen Mist ihr da anschaut? Das ist nicht das wirkliche Leben.“ Auch wenn die Szene im Creams haargenau in einen dieser Teeniefilme gepasst hätte.

Fast gleichzeitig schlagen Mum und Tante Jean die Hand vor den Mund. Ein weiterer Beweis dafür, dass sie Klone sein müssen. Dad zieht die Luft scharf ein und Onkel Allan stellt geräuschvoll seine Teetasse ab. Alle Augen sind nun auf mich gerichtet.

Nur nicht die von Lauren, wie mir auffällt. Die grinst unauffällig in ihren Schoß. Aber ihre Haut ist immer noch ziemlich rotfleckig und ihr Brustkorb hebt und senkt sich hektisch.

„Vielleicht sollten wir noch ein paar Formalitäten regeln“, meint sie schließlich, schiebt ihren Stuhl zurück und steht auf. „Liz, Brian, ich habe einige Vollmachten vorbereitet. Kommt ihr mit in mein Arbeitszimmer?“

Sichtlich erleichtert über die Unterbrechung stehen meine Eltern ebenfalls vom Tisch auf. Onkel Allan murmelt etwas von „Sherlock spazierenführen“ und Tante Jean macht sich geschäftig daran, das Geschirr in die Küche zu tragen. Ich bleibe alleine zurück, was mir nicht ungelegen kommt. Endlich kann ich mein Handy aus der Hosentasche ziehen, auch wenn ich nicht wüsste, wer mir geschrieben haben soll.

Mein Whatsapp zeigt lediglich ein paar neue Nachrichten von Lewis an, die ich ignoriere. Lewis Seymour kann mich mal!

Lauren

Endlich verabschieden sich Ma und Da, dabei steigen sie winkend in ihren Ford. Gleichzeitig verkünden Liz und Brian, dass sie ebenfalls los müssen.

„Wir wollen nicht wieder in irgendeinen Stau geraten“, meint Brian, der verlegen seinen dunklen Bart kratzt, der ein wenig so wirkt, als wolle er mit der üppigen Gesichtsbehaarung das kahler werdende Haupthaar ausgleichen.

Ich weiß genau, dass um diese Uhrzeit nicht mehr mit viel Verkehr in Richtung Newcastle zu rechnen ist, dennoch nicke ich verständnisvoll. Eigentlich bin ich ganz froh, wenn sie endlich weg sind. Aber Charlotte sieht ziemlich erschrocken aus, als ihre Eltern so abrupt ihre Abfahrt ankündigen. Für einen Moment sehe ich ihre verletzliche Seite, als Unsicherheit in ihren Augen aufflackert, doch schnell zieht sie ihre Fassade absoluter Coolness wieder hoch.

„Alles Gute, mein Schatz.“ Liz drückt Charlotte kurz an sich, doch es ist keine besonders innige Umarmung und das Mädchen bleibt völlig steif.

Brian hingegen verzichtet gänzlich auf einen emotionalen Abschied, was mich ein wenig schockiert.

„Hör auf alles was Lauren dir sagt“, meint er nur, hebt die Hand zum Gruß und steigt in sein Auto ein.

Vermutlich stehe ich mit offenem Mund da und sehe wie ein Idiot aus, denn Liz beeilt sich, ihren Mann halbherzig zu verteidigen.

„Er hat es nicht so mit Abschieden. Männer eben.“ Ihr Lächeln ist aufgesetzt.

„Ja, Männer eben.“ Als wenn ich Ahnung davon hätte…

Ich werfe einen verstohlenen Blick auf Charlotte, die in ihrem XXL-T-Shirt völlig zu verschwinden scheint, so klein hat sie sich mittlerweile gemacht, ihre Miene ist eingefroren. Keine Ahnung, warum sie so ein riesiges Oberteil trägt, unter dem man ihre Figur überhaupt nicht erahnen kann. Zumindest sehe ich aber, dass es nicht passt, sondern einfach nur an ihr schlackert.

Liz lässt ihr Fenster hinunter, um noch kurz zu winken, dann fahren sie los. Als sie abbiegen und nicht mehr zu sehen sind, stoße ich Charlotte aufmunternd mit dem Ellbogen in die Seite.

„Wir werden schon miteinander zurechtkommen.“

Dabei bin ich mir überhaupt nicht sicher, ob ich mir selbst glauben soll. Der Nachmittag war eine reine Tortur für mich, bin ich doch von einer nahenden Panik in die nächste gefallen, ohne dass eine Attacke jedoch vollständig ausgebrochen wäre. Jetzt fühle ich mich einfach nur noch ausgelaugt und müde. Und ein Ende meiner Nervosität ist noch nicht in Sicht, denn schließlich habe ich ab heute die Verantwortung für einen Teenager. Ausgerechnet ich.

„Mach dir keine Gedanken, ich werde dir nicht mal auffallen. Ich verbringe gerne Zeit in meinem Zimmer.“ Charlotte blickt immer noch die Straße hinunter, wo das Auto ihrer Eltern eben verschwunden ist. Eine Gefühlsregung ist jedoch nicht erkennbar.

„Hey, apropos Zimmer. Ich habe dir dein Reich noch gar nicht gezeigt.“

Wie ein Sprinter auf den letzten Metern haste ich ins Haus, weil ich es draußen immer unerträglicher finde. Vor allem, da gerade Gail von nebenan nach Hause kommt. Sie ist in meinem Alter, hat einen Mann und zwei kleine Kinder und ich habe das Gefühl, dass sie sich mit mir anfreunden will. Zumindest drängt sie mir zu jeder Gelegenheit ein Gespräch auf, was mir wirklich überhaupt nicht recht ist. Ich brauche keine neue Freundin.

„Komm mit nach oben“, fordere ich Charlotte auf, dann steige ich die knarzenden Stufen hoch, die ebenfalls dringend renovierungsbedürftig wären, wie so vieles in diesem Haus.

Als ich die Türe zu Charlottes Zimmer öffne, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es Izzy und mir besonders gut gelungen ist. Vielleicht sind wir mit der Farbe Pink ein wenig zu verschwenderisch umgegangen, da Izzy meinte, dass Mädchen darauf abfahren. Wenn ich mir die ganz in Schwarz gekleidete Charlotte ansehe, bin ich plötzlich anderer Meinung.

„Es ist…“ Ich suche nach den richtigen Worten. ‚Girlymäßig‘ würde es am ehesten treffen. Aber erstens bin ich mir nicht sicher, ob es dieses Wort überhaupt noch gibt und zweitens ist Charlotte alles, nur eben das nicht.

„Süß“, meint sie hingegen und das finde ich, trifft es eigentlich auch ganz gut. Wie eines der Edinburgh Rock, die jetzt wieder auf dem Schreibtisch bereitstehen. Ich konnte einige vor Izzy retten und nun liegen die pastellfarbenen Würfelchen wie ein passendes Accessoire da, inmitten eines Traumes in Rosa.

„Es tut mir leid, dass es so… süß ist. Ich wusste ja nicht, was du magst und wie du bist.“

„Da hast du Recht, es passt nicht zu mir. Ich bin nicht süß.“

„Das wollte ich damit nicht sagen.“

„Hast du aber irgendwie. Und es stimmt ja auch. Eine Schulschwänzerin, die man ins Exil verbannt hat, ist ganz sicher nicht süß.“

„Exil?“ Ich muss mir ein Lachen verkneifen. „Edinburgh ist nicht gerade St. Helena.“

„Und ich kein Kriegstreiber wie Napoleon.“

„Dafür, dass du die Schule nicht oft besuchst, kennst du dich in Geschichte zumindest ganz gut aus.“

„Ich lese viel“, gibt Charlotte kühl zurück.

Als wäre es feindliches Terrain, betritt sie vorsichtig ihr neues Zimmer und betrachtet alles misstrauisch. Man muss keine Gedanken lesen können, um zu sehen, dass es ihr nicht sonderlich gefällt. Mir fallen ihre Koffer und Taschen ein, die immer noch im Flur unten stehen.

„Sicherlich wird das alles mehr nach deinem Geschmack sein, wenn du deine Sachen ausgepackt hast. Soll ich dir helfen, deine Koffer hochzutragen?“

„Nein. Das schaffe ich alleine.“ Wenn Blicke töten könnten, wäre ich spätestens jetzt nicht mehr am Leben.

„Es war nur ein Angebot.“ Ich zucke mit den Achseln, tue so gleichgültig wie möglich. Gleichzeitig kriecht Panik in mir hoch – mal wieder.

Was soll ich nur mit diesem Mädchen, das ganz offensichtlich keine Lust darauf hat bei mir zu leben? Was ich durchaus verstehen kann… Gott, was haben sich Ma und Liz bei diesem Plan nur gedacht?

„Ich bin unten und räume auf, falls du mich brauchst“, würge ich hervor, mein Mund eigentlich viel zu trocken um zu sprechen. Dann flüchte ich so schnell wie möglich vor der Situation.

„Was soll ich mit ihr anfangen?“ Zur Sicherheit flüstere ich ins Telefon, obwohl ich mir sicher bin, dass Charlotte mich nicht hören kann.

Wütend stampfend hat sie lautstark ihre Sachen aus dem Flur geholt und nach oben gebracht. Jedes Mal wenn sie nach unten oder oben ging, hatte ich Angst, dass die alte Treppe zusammenbrechen könnte, die bei jedem Gang ächzte. Anscheinend hat sie Lautsprecher in einem ihrer Koffer gehabt, denn mittlerweile dröhnt Musik durch das ganze Haus, weswegen ich mir auch so sicher bin, dass sie mich nicht telefonieren hören kann. Wenn ich jeden Song höre, als würde ich direkt neben der Box stehen, dann muss es in ihrem Zimmer ohrenbetäubend sein.

„Lass sie doch für heute einfach in Ruhe“, schlägt Izzy vor. „Sie muss doch erstmal ankommen und sich an die neue Umgebung gewöhnen.“

„Sie ist kein Hundewelpe.“

„Wo ist denn da der Unterschied? Als wir Joy bekamen, fühlte sie sich anfangs auch extrem unwohl. Schließlich war sie das erste Mal von ihrer Familie getrennt. Aber irgendwann hat sie sich eingelebt.“

„Joy ist ein Spaniel! Charlotte ist ein Teenager und im Gegensatz zu Hunden erinnern sich Menschen an ihre Familie. Sie vermissen sie.“

„Denkst du wirklich, dass sie Eltern vermisst, die es fertigbringen sie einfach wegzugeben?“

„Ich habe dir schon hundert Mal erklärt, dass es so nicht gedacht ist. Es ist eine Art Lektion.“

„Pah!“, höhnt Izzy.

„Ja, schon gut. Ich halte auch nicht viel davon, aber…“

„Aber du konntest dich mal wieder nicht gegen deine Mutter durchsetzen. Wann fängst du endlich an, ihr Kontra zu geben?“

„Was hilft mir das jetzt, Izzy? Soll ich sie anrufen und ihr sagen, was für eine beschissene Idee sie und Liz hatten? Ach ja, und dann bitte ich Liz und Brian als nächstes, ihre Tochter wieder abzuholen.“

Wenn ich dachte, Charlotte hätte die Leistung ihrer Lautsprecher bereits ausgeschöpft, habe ich mich getäuscht, denn die Musik wird noch einen Tick lauter.

„Was sagst du? Ich verstehe dich kaum, Lauren. Kannst du die Musik ein bisschen leiser drehen?“ Izzy schreit fast in den Hörer.

„Das ist nicht meine Musik, sondern Charlottes.“ Genervt schmeiße ich die Wohnzimmertür hinter mir zu, damit das Gedröhne ein wenig abgeschwächt wird.

„Oh! Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen. Teenager leben ihre Gefühle über Musik aus. Was hört sie denn?“

„Keine Ahnung.“ Ich zucke die Achseln. „Aber es klingt alles ziemlich depri.“

„Das ist gar nicht gut“, meint Izzy alarmiert. „Sie sollte sich nicht in eine Depression hineinsteigern, was in ihrer Situation gut sein könnte.“

Izzy liest leidenschaftlich gerne Psychologieartikel in allen erdenklichen Frauenzeitschriften und hält sich deswegen für eine Expertin auf diesem Gebiet. Nur schade, dass sie bislang noch keinen Bericht über Ängste gelesen hat und mir damit helfen könnte.

„Und was soll ich tun?“ War das nicht schon meine Ausgangsfrage? Ich habe das Gefühl wir drehen uns im Kreis.

„Geh mit ihr etwas essen, oder zeig ihr den Strand. Ihr könntet an der Promenade ein Eis kaufen.“

„Du weißt aber schon, mit wem du sprichst?“

„Es sind nur 200 Meter bis zum Strand. Das schaffst du schon, Lauren.“

An schlechten Tagen schaffe ich es nicht mal zur Haustür hinaus und heute ist ganz sicher einer davon. Aber ich bin es leid, das Izzy immer wieder sagen zu müssen. Wenn ich nur daran denke, dass ich mit Charlotte vor die Tür gehen und dabei auch noch gute Miene zum bösen Spiel machen soll, dreht sich mir der Magen um. Aber das versteht vermutlich niemand, der dieses Gefühl nicht kennt.

„Mädchen lieben den Sonnenuntergang am Meer, das ist so romantisch. Sie fühlen sich dann in einen ihrer Liebesromane versetzt. Sowas wie Twilight.“

Ich bezweifle, dass Izzy Twilight gelesen hat, denn dann wüsste sie, dass das nicht ganz die rosarote Liebesgeschichte ist, die sie sich vorstellt. Und so überhaupt nichts mit Sonnenuntergängen am Meer zu tun hat, sondern eher mit Vampiren und Werwölfen, diesigen Regengebieten und - ja, gut, zugegeben - auch mit der großen Liebe. Die ist allerdings ein wenig schwülstig dargestellt, weshalb sowas für Charlotte wohl eher nichts ist. Vampirgeschichte ja, Liebesschnulze nein. Ich muss ja nur daran denken, wie sie das rosa Zimmer angeekelt betrachtet hat, als würde sie in einen riesigen Erdbeerkaugummi treten, der am Boden liegt und darauf wartet, dass man hineinstolpert und ihn fortan nicht mehr loswird, damit er bei jedem Schritt seinen künstlich süßen Geruch verströmen kann.

Ich merke schon, Izzy ist keine große Hilfe, was Mädchen in der Pubertät betrifft. Oder sollte ich besser sage, was Charlotte betrifft. Das ist nämlich ein Unterschied, wie ich finde. Ich kenne den Durchschnittsteenager, und Charlotte ist keiner.

„Ich überleg mir was.“, versuche ich das Gespräch lahm zu beenden.

Die Wohnzimmertür schwingt geräuschvoll auf, knallt gegen das Bücherregel und lässt eine alte, zerlesene Ausgabe von ‚Stolz und Vorurteil‘ zu Boden fallen, die ich immer lese, wenn ich nicht einschlafen kann. Jane Austen hat etwas sehr Beruhigendes an sich, vor allem in Kombination mit einem Kamillentee.

„Hast du vielleicht Powerstrips im Haus?“ Charlotte hebt eine ihrer hübschen schwarzen Augenbrauen, die ein wenig zu buschig sind, gerade deshalb aber ihre Augen so ausdrucksstark machen. Sie schreit, denn anders können wir uns nicht verständigen. Ein stampfender Beat und Gitarren treiben ein ansonsten eher ruhiges Lied vorwärts, bis es im Refrain seinen Höhepunkt erreicht.

„Klar, ich gebe sie dir“, rufe ich ihr zu, dann schreie ich in den Hörer: „Ich muss Schluss machen, Izzy. Charlotte braucht mich.“

„Alles klar“, brüllt sie zurück und bevor ich auflege höre ich noch, wie sie mir zuruft: „Hey, das ist ja Shawn Mendes!“

Okay, ich habe eine Sache richtig gemacht. Ich habe ein Poster von einem Star aufgehängt, den Charlotte gerne mag (ja, ich weiß, es war eigentlich Izzy). Deshalb durfte Shawn Mendes wohl auch über ihrem Bett hängenbleiben. Ansonsten erkenne ich mein Gästezimmer nicht wieder. Nur zu sagen, es ist schwarz, würde es nicht ausreichend treffen. Es ist nicht nur alles schwarz, sondern es ist auch düster. Und damit meine ich dunkel. Und ein bisschen deprimierend.

Das Fenster ist mit einem schwarzen Tuch verhangen, das meine Nachbarn vermutlich für einen Trauerflor halten würden. Zum Glück geht es aber zum Garten raus, sodass es niemand sieht. Überhaupt hat Charlotte eine beinahe exzessive Vorliebe für Schwarz. Ihr Bettbezug ist schwarz mit kleinen schnörkeligen silbernen Ornamenten darauf. Überall sind schwarze Kerzen aufgestellt, die Izzys kleines Chiffontüchlein über der Lampe brandtechnisch völlig in den Schatten stellen. Und sogar ein schwarzer Langflorteppich ist auf dem Boden ausgerollt, von dem ich mich frage, aus welchem Koffer sie den hervorgezaubert hat. Auf dem Schreibtisch liegen sämtliche Bücher von ‚Vampire Diaries‘, was meine Vermutung bestätigt, dass Charlotte auf Vampirgeschichten steht. Ich weiß zu wenig darüber, um sagen zu können, ob auch hier eine schwülstige Liebesgeschichte im Vordergrund steht, bezweifle es aber.

„Danke für die Powerstrips.“ Sie nimmt mir die Packung aus der Hand und macht sich daran, ein Poster aufzuhängen.

„Oh, ‚Vampire Diaries‘ wurde wohl auch verfilmt.“, sage ich nur dümmlich, als ich das Poster betrachte. Ich habe wirklich so gar keine Ahnung.

„Natürlich.“ Sie verdreht die Augen. „Das einzige, was man sich auf Netflix anschauen kann.“

„Hm.“ Mehr sage ich nicht. Kann ich auch gar nicht, ich habe nämlich kein Netflix. Eigentlich schaue ich auch sehr selten Fernsehen. Genau genommen, seit mir alles Angst macht. Actionfilme, weil sie oft brutal sind. Liebesfilme, weil man da manchmal weinen muss. Und Komödien, weil ich Angst habe, dass ich beim Lachen ersticke. Und das ist jetzt ganz und gar nicht komisch.

„Du bist doch nicht etwa eine von den altmodischen Tanten, die Fernsehen verbieten?“ Sie betrachtet mich argwöhnisch.

„Nein… Nein! Du kannst gerne Fernsehen so viel du willst, so lange ich nicht mitschauen muss…“

Ihr Gesichtsausdruck sagt mir ganz deutlich, dass sie darauf auch keinen gesteigerten Wert legt. Ich fühle mich unter ihrem Blick extrem unwohl, weshalb ich die Flucht nach vorne starte.

„Wir könnten heute Abend Essen gehen. Ich habe nichts zum Abendessen vorbereitet und es wäre doch ganz nett, um deine neue Heimat kennenzulernen.“

„Okay.“

Enthusiastisch ist etwas anderes, so viel ist klar. Dennoch nehme ich es als gutes Zeichen, dass sie nicht sofort dankend abgelehnt hat.

„Wie wäre es um sieben?“

Charlotte nickt nur und ich trete den Rückzug an. Auf dem Weg nach unten wird mir klar, was ich gerade getan habe. Wie konnte ich Charlotte nur fragen, ob sie mit mir Essen gehen möchte? Hatte ich so fest angenommen, dass sie ablehnen würde? Eigentlich nicht, ich hatte ja sogar gehofft, dass sie mein Angebot annehmen würde. Ich muss diesen mutigen Vorstoß als einen Augenblick geistiger Umnachtung einstufen.

Mir bricht augenblicklich der Schweiß aus, in der Küche werfe ich einen hektischen Blick auf die altmodische Uhr, die über der Tür hängt. Ich habe noch eine Stunde Zeit, um mich seelisch darauf einzustellen, dass ich das Haus verlassen muss. Fieberhaft denke ich darüber nach, wohin ich mit Charlotte gehen kann. Das Dalriada wäre naheliegend, aber sie haben freitags kein Essen, außerdem weiß ich nicht so recht, ob ich Lust habe diesem Kieran schon wieder zu begegnen. Zur Beruhigung sollte ich mir vielleicht einen Kamillentee aufbrühen, aber irgendwie bringe ich nicht mal das zustande. Stattdessen tigere ich im Erdgeschoss auf und ab und überlege fieberhaft, wie ich mein Dilemma lösen kann. Denn eines ist klar: ich kann auf keinen Fall in einem Restaurant sitzen, wenn ich innerlich so aufgewühlt bin. Vermutlich hält es mich keine fünf Minuten auf meinem Stuhl.

Charlotte ist pünktlich, was ich ihr hoch anrechne. Ich habe schon viele Schüler erlebt, die es damit nicht so genau nehmen und nur die Augen verdrehen, wenn man sie darauf hinweist, dass der Unterricht nicht erst dann anfängt, wenn sie sich bequemen zu erscheinen. Sie trägt immer noch das überdimensionierte T-Shirt und schwarze Skinnyjeans, das lange schwarze Haar hat sie allerdings mit einem Haargummi zu einem nachlässigen Dutt gebunden und ihre hübschen Augen umrahmt schwarzer Kajal, den sie eigentlich gar nicht nötig hat. Charlotte gehört zu jenen bewundernswerten Mädchen, die auch ohne Make-up hübsch sind.

„Ähm…“ Jetzt, da sie sich extra hergerichtet hat, ist es mir ein wenig peinlich, ihr meinen Plan zu unterbreiten. „Ich dachte, wir holen uns etwas vom China Express, der ist direkt am Strand. Dann nehmen wir unsere Sachen und machen ein Picknick am Meer.“

Ich halte eine Picknickdecke in die Höhe, sowie einen Kühlkorb, den ich irgendwo als Werbegeschenk bekommen habe und in dem nun Getränke, Pappbecher und Teller liegen.

„Cool“, meint Charlotte zu meiner Überraschung, fügt dann aber noch hinzu: „Nicht, dass ich besonders auf so einen Kitsch stehen würde, wie ein Picknick am Meer. Aber noch weniger mag ich es, wenn mich Leute in einem Restaurant anstarren.“

Ich weiß ganz genau, was sie meint. Ich meine, nicht dass ich so auffällig wäre, dass man mich immer und überall anstarren würde, aber manchmal kommt es mir gerade in Restaurants so vor. Vielleicht, wenn die Leute zwischen den Gängen nichts zu tun und mit ihrem Gegenüber nichts zu reden haben.

„Okay“, sage ich erleichtert. „Ich hatte gehofft, dass du die Idee gut finden würdest.“

Als wir aus der Haustür treten, spüre ich, wie sich mein Herzschlag beschleunigt. Aber dann werfe ich einen Blick auf Charlotte, die für einen Moment ziemlich verloren aussieht, als sie sich in der ihr unbekannten Umgebung umsieht und plötzlich wird mir klar, dass ich ihr unmöglich zeigen kann, wie unsicher ich bin. Also straffe ich die Schultern und laufe los, mein Schützling folgt mir zögernd.

„Hat hier kein Geschäft mehr geöffnet?“, fragt sie überrascht, als wir die High Street entlanggehen.

Gegen Newcastle muss ihr alles hier wie ein verschlafenes Nest vorkommen, denke ich.

„Sorry, in Portobello klappen sie die Gehsteige schon ziemlich früh hoch. Ich glaube, einzig die Supermärkte haben noch offen.“

Ich zucke entschuldigend die Achseln, als ich mich nach ihr umdrehe und füge an: „Aber mit dem Bus ist es nicht weit ins Stadtzentrum von Edinburgh.“

Um mich ein wenig von meiner Nervosität abzulenken, zeige ich ihr auf unserem Weg die Bushaltestellen und erkläre ihr den Fahrplan. Ich bin zwar seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr Bus gefahren, aber ich weiß immer noch, welcher wohin fährt. Charlotte sagt nichts zu meinen Erläuterungen, aber ich registriere, dass sie mir aufmerksam zuhört.

Beim China Express angekommen, frage ich sie, was sie gerne mag und gemeinsam studieren wir die Karte. Da wir uns nicht so wirklich entscheiden können, bestellen wir einfach vier verschiedene Hauptgerichte, zwei Suppen und gebackene Bananenbällchen. Genaugenommen bestelle ich, Charlotte murmelt nur hin und wieder etwas, das ich als Zustimmung auffasse.

„In einer Viertelstunde fertig“, informiert uns der nette asiatische Verkäufer mit einem Lächeln, während sein Zeigefinger energisch auf seine Uhr ein piekt.

„Komm, lass uns so lange noch ein wenig nach draußen gehen“, schlage ich vor.

Mein Herz rast, ganz egal, ob wir weiter im China Express bleiben, oder ein wenig am Strand bummeln. Unauffällig reibe ich meine verschwitzten Handflächen an meiner Jeans ab, zwinge mich, regelmäßig ein und aus zu atmen. Meine größte Sorge ist, dass Charlotte auffallen könnte, dass etwas mit mir nicht in Ordnung ist.

Doch darüber hätte ich gar nicht weiter nachdenken müssen, denn Charlottes Interesse an mir ist doch eher bescheiden. Kaum sind wir aus der Tür des Takeaway getreten, steuert sie auch schon zielstrebig auf die Promenade zu, wo sie sich auf eine Mauer setzt, die Beine baumeln lässt und auf das Meer hinaus guckt. Seufzend folge ich ihr und setze mich neben sie.

„Gefällt es dir?“

„Ich sagte ja schon, dass ich nicht viel für den Strand übrig habe.“

„Naja, ich kann auch nicht behaupten, dass ich zu den Menschen gehöre, die den ganzen Tag hier verbringen können. Aber auf das Meer zu schauen und dem Rauschen der Wellen zu lauschen, hat etwas Faszinierendes.“

Tatsächlich entschleunigt es mich ein wenig hier zu sitzen und die Wellen zu beobachten, die sanft über den Strand hinwegspülen. Die Sonne steht schon sehr tief zu unserer Linken, als wolle sie das Wasser küssen und der Himmel färbt sich langsam orange. Ich schließe die Augen und strecke mein Gesicht der untergehenden Sonne entgegen. Ich habe keine Ahnung was Charlotte macht, aber sie rennt zumindest nicht weg, sondern bleibt einfach neben mir sitzen und so verharren wir einträchtig, bis die Viertelstunde um ist. Zumindest ist sie das, als ich die Augen wieder öffne und auf die Uhr schaue.

„Ich hole die Sachen alleine ab“, bietet sich Charlotte an, dabei deutet sie auf das Haus am Eck, in dem der China Express ist. „Du könntest ja schon mal die Picknickdecke ausbreiten und die Getränke rausholen.“

Ich muss vor Überraschung über ihre bereitwillige Hilfe den Mund offenstehen gelassen haben, denn sofort setzt sie mürrisch hinzu, dass sie jetzt wirklich schon Hunger und Durst habe. Dann schwingt sie ihre langen, schlanken Beine über die Mauer und läuft den kurzen Weg die Promenade entlang. Ich schnappe mir meinen Kühlkorb und die Decke, rutsche von dem Vorsprung direkt in den Sand hinunter und gehe einige Schritte nach links und dann Richtung Wasser, ehe ich mich dort ausbreite. Ich kann nur hoffen, dass uns kein Ball ins Essen fällt, denn wie immer gehen hier viele Hundehalter mit ihrem Vierbeiner spazieren und gefühlt jeder hetzt hinter einem Tennisball her.

Als Charlotte zurückkommt, habe ich ihr bereits einen Pappbecher hingestellt und präsentiere eine Auswahl an Getränken, von denen ich denke, dass Jugendliche sie mögen: Cola, Tizer und Irn-Bru. Alles sehr ungesund und alles dafür gedacht, dass sich Charlotte wohlfühlt. Zumindest heute mal. Die nächsten Tage kann ich dann sanft auf Wasser umsteigen, was mir persönlich sowieso am Liebsten ist. Sie setzt sich, wir packen unser Essen aus. Alles geschieht schweigend, aber das ist durchaus nicht unangenehm.

„Scheiße!“, entfährt es mir, ich schlage sofort die Hand vor den Mund, aber es ist ja schon draußen.

Charlotte zieht die Augenbrauen hoch, grinst dann aber. Das erste Lächeln, das ich von ihr sehe. Naja… Oder zumindest etwas in diese Richtung.

„Was ist los?“

„Ich habe das Besteck vergessen.“ Sofort beginnt mein Puls zu rasen, mir bricht der Schweiß aus.

„Vielleicht hat der Takeaway Plastikbesteck.“, schlägt Charlotte vor.

„Nein, das hat er nicht.“ Ich stöhne über meine eigene Dummheit. „Ich werde nach Hause laufen und es holen.“

Allein der Gedanke ist schon beängstigend. Hierher zu kommen war eine Herausforderung, ich hatte mich gerade ein wenig akklimatisiert und mit der Situation angefreundet. Und dann das…

„Kann man euch irgendwie helfen?“

Ein Schatten taucht plötzlich über uns auf. Ich blicke gehetzt auf und sehe geradewegs in die blitzenden blauen Augen von Kieran, dem Barkeeper aus dem Dalriada.

„Nein“, gebe ich automatisch zurück und rapple mich hoch. „Außer, du hast zufällig Messer, Gabel und Löffel einstecken.“

„Ausgerechnet heute habe ich mein Besteck zu Hause gelassen“, gibt er schlagfertig zurück. „Sonst habe ich es ja immer dabei…“

„Schon gut.“, murmele ich.

„Ich warte hier“, meint Charlotte unbekümmert, nimmt sich die Bananenbällchen und beißt von einem ab. Die kann man ja auch super als Fingerfood essen.

„Vielleicht kann ich euch ja trotzdem helfen, obwohl ich den Besteckkoffer ausnahmsweise mal daheim gelassen habe“, mischt sich Kieran ein. Mit dem Daumen deutet er hinter sich ein Stück die Promenade hinunter. „Ich könnte euch Messer, Gabel und sogar Löffel aus dem Dalriada borgen.“

Ich sehe ihn an, etwas verunsichert, ob sein Vorschlag ernst gemeint ist. Kieran hebt fragend die dunklen Augenbrauen.

„Das wäre wirklich total nett“, bringe ich gerade so raus. Um mich dreht sich schon wieder alles, mein Herz macht seltsame kleine Aussetzer.

„Bin gleich wieder zurück.“ Er zwinkert mir zu, dann joggt er lässig durch den Sand davon.

Erst als ich ihm nachsehe, fällt mir auf, dass er eine Sporthose und ein T-Shirt trägt und eine leuchtendrote Wasserflasche in der Hand hält, die beim Laufen vor und zurück schwenkt. Ganz offensichtlich ist er einer dieser Sportfreaks, die jeden Abend hier an der Strandpromenade ihre Runden drehen.

„Wer war das denn?“, fragt Charlotte neugierig zwischen zwei Bissen Bananenbällchen.

Ich lasse mich wieder zu ihr auf die Picknickdecke sinken, kann aber nur die Achseln zucken und Charlotte lässt es dabei bewenden.

Charlotte

Auch wenn Lauren so tut, als würde sie diesen Typen nicht kennen und mir nicht antwortet, bin ich mir ziemlich sicher, dass sie ihm nicht zum ersten Mal begegnet. Ich mag ja erst fünfzehn sein, aber sicher nicht dumm. Aber wenn mir Lauren nichts erzählen möchte, ist das ihre Sache. Ich kann gut verstehen, wenn man über seine Angelegenheiten nicht sprechen will.

Als er wieder zurückkommt, wirft er mir ein Bündel Besteck zu, das in eine Serviette eingeschlagen ist, dann lässt er sich unvermittelt zu uns auf die Picknickdecke nieder. Ich rutsche ein wenig von ihm ab, schließlich kenne ich ihn ja gar nicht. Laurens Blick ist Gold wert, sie starrt diesen Typen so entgeistert an, als hätte er sich gerade vor aller Augen entblättert.

„Als Lohn für meine Mühen könnte ich vielleicht einen Happen ab haben“, schlägt er grinsend vor.

Laurens Augen flackern unruhig, aber sie nickt nur zustimmend und jetzt bin ich mir ganz sicher, dass sie ihn kennt, denn niemand würde einfach einen Wildfremden mitessen lassen. Vielleicht ist Lauren aber auch einfach nur durchgeknallt, was ich gar nicht für so unwahrscheinlich halte, denn sie ist die einzige Erwachsene, die ich kenne, die nicht furchtbar nervig ist.

„Ich bin Kieran“, stellt sich der Typ vor und hält mir eine Hand hin.

„Charlotte“, antworte ich, schlage jedoch nicht ein. Ohne mit der Wimper zu zucken zieht er seine Hand zurück und ignoriert mein Benehmen.

Tatsächlich hat dieser Kieran von jedem Besteckteil drei Stück eingepackt, als hätte er bereits fest damit gerechnet, dass Lauren ihn mitessen lässt. Schweigend reiche ich ihm Messer, Gabel und Löffel. Ich bin wirklich hungrig, weshalb ich ohne nachzudenken einfach anfange zu essen. Normalerweise würde ich das nicht tun – in der Öffentlichkeit, mitten am Strand. Zuhause wäre es mir unendlich peinlich im Gosforth Park mit meinen Eltern zu picknicken – obwohl das fast jeder aus der Gegend tut -, hier aber kennt mich niemand und das Essen ist wirklich total lecker. Auch Kieran greift zu, doch plötzlich hält er inne und betrachtet Lauren, die wie versteinert dasitzt.

„Hast du denn gar keinen Hunger?“, fragt er. „Oder esse ich dir irgendwas weg?“

Angesichts der vielen Gerichte die vor uns stehen, ist das eine ziemlich dumme Frage, wie ich finde.

„Nein, nein.“ Sie schüttelt den Kopf, blinzelt, als würde sie gerade aus einem Traum erwachen. „Ich glaube, ich habe keinen Appetit.“

Lauren hat bereits zum Tee nichts gegessen. Es ist mir aufgefallen, weil ich neben ihr gesessen bin. Sie müsste also längst Hunger haben. Es sei denn, sie ist eine dieser Frauen, die mit praktisch nichts zu essen auskommen, wie meine Mum. Die ist ständig auf irgendeiner Diät. So sieht Lauren aber gar nicht aus. Nicht, dass sie dick wäre, aber so spindeldürr und durchtrainiert wie Mum ist sie nicht. Ich bin mir sicher, dass sich Mum dafür, dass sie heute Kuchen gegessen hat, morgen nur noch von Gemüserohkost ernähren wird. Dafür ist Lauren aber ganz und gar nicht der Typ – und das ist jetzt echt nicht böse gemeint. Ihre Figur ist einfach nur völlig normal.

„Störe ich euch vielleicht?“ Jetzt guckt Kieran ziemlich schuldbewusst, als wäre ihm gerade erst klar geworden, dass er sich uns im Grunde genommen regelrecht aufgedrängt hat.

Lauren schüttelt den Kopf, sodass ihre roten Locken um sie herum wogen. Ihr Gesicht ist ganz bleich, ihre Sommersprossen stechen richtig hervor. Sie sieht aus, als wenn ihr übel wäre. Kein Wunder, wenn man nie etwas isst, deswegen schiebe ich ihr vorsichtshalber ein bisschen Hühnchen süß-sauer rüber.

„Vielleicht solltest du mal was essen“, schlage ich vor, was ich ziemlich nett von mir finde. Eigentlich viel zu nett für meine Verhältnisse. „Du siehst irgendwie gar nicht gut aus.“

„Ist dir etwa schon wieder schlecht?“, fragt Kieran und fährt sich nachdenklich über das stoppelige Kinn.

Jetzt ist also ganz klar, dass sie sich irgendwoher kennen. Und dass Lauren bei dieser Begegnung wohl schlecht war. Ob das bei ihr öfter der Fall ist? Vielleicht ist sie todkrank und Mum weiß nichts davon. Sie hätte mich ganz sicher nicht zu einer Verwandten gegeben, die kurz vorm Sterben ist, wenn sie davon gewusst hätte, auch wenn sie mich momentan vielleicht nicht besonders leiden kann und ganz allgemein nicht die Umsichtigste aller Mütter ist.

„Es geht mir gut.“ Lauren wedelt abwehrend mit den Händen, sieht aber ganz und gar nicht so aus.

„Tief durchatmen“, rät Kieran, dabei legt er eine Hand vertraulich auf Laurens Schulter.

Sie sieht ihn zwar ziemlich verschreckt an, leistet seiner Anweisung aber Folge. Ich beobachte, wie sich ihr Brustkorb langsam hebt und senkt. Nach wenigen Atemzügen bekommt ihr Gesicht wieder eine rosige Farbe, soweit das bei ihrem blassen Teint überhaupt möglich ist. Sie schließt die Augen, atmet noch einmal tief ein und aus, dann öffnen sich ihre Lider und sie sieht diesen Typen und mich an, als hätte sie völlig vergessen, dass wir auch noch da sind.

„Es tut mir leid“, sagt sie an mich gewandt. „Mir ging es gerade nicht so gut, aber jetzt ist es besser.“

„Vielleicht solltest du dich an den Rat deiner Tochter halten und etwas essen“, schlägt Kieran vor.

Sowohl Lauren als auch ich sehen ihn verdutzt an, dann breche ich gegen meinen Willen in lautes Gelächter aus. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so gelacht habe und eigentlich will ich es auch gar nicht. Aber alleine die Vorstellung, jemand könnte ernsthaft denken, dass Lauren und ich Mutter und Tochter sind, ist völlig abwegig.

Es ist ungewohnt, dieses Glucksen in mir aufsteigen zu spüren und mein lautes Lachen klingt seltsam fremd in meinen eigenen Ohren, fast ein wenig eingerostet. Und als ich Laurens entsetztes Gesicht sehe, muss ich noch mehr lachen, bis mir die Tränen aus den Augen laufen und da fällt sie in mein Gelächter mit ein. Doch irgendetwas scheint sie dabei zurückzuhalten, denn sie unterdrückt das Lachen ziemlich schnell wieder und schluckt heftig, als wolle sie es zurück in den Körper zwingen. Ich beherrsche mich ebenso. Es ist mir fast peinlich, dass ich so laut und heftig gelacht habe. Kierans Blick wandert verwirrt von mir zu Lauren und wieder zurück.

„Entschuldige“, sagt Lauren und hält die Hand an den Brustkorb, als könne sie so ihr Lachen im Zaum halten. „Wir wollten dich sicher nicht auslachen.“

„Schon gut.“ Kieran macht eine wegwerfende Handbewegung und schmunzelt. „Aber klärt mich doch mal auf, was denn so lustig an meiner Bemerkung war.“

„Sehe ich etwa aus wie ihre Tochter?“, werfe ich patzig ein. „Außerdem hätte sie mich dann mit achtzehn Jahren oder so bekommen.“

„Was es ja durchaus gibt“, bemerkt Kieran trocken.

„Gott bewahre!“ Lauren verdreht die Augen in gespieltem Entsetzen. „Meine Mutter hätte mich gesteinigt, wenn ich in dem Alter in Dumfries mit einem dicken Bauch rumgelaufen wäre. Unverheiratet schwanger? Gar nicht gut.“

Als sie Kieran über unser Verwandtschaftsverhältnis aufklärt, fragt dieser nicht, warum ich hier bin. Vielleicht kommt es ihm auch gar nicht seltsam vor. Vielleicht denkt er, ich bin nur übers Wochenende auf Besuch. Auf alle Fälle bin ich dankbar, dass er nicht nachfragt und Lauren ihm auch von sich aus nichts darüber erzählt, dass ich bei ihr wohne, weil ich von der Schule geflogen bin.

Ich beobachte, wie ungezwungen Lauren mit ihm plaudert. Anders als noch am Nachmittag mit ihren Eltern und Mum und Dad, da schien sie ständig unter Strom zu stehen. Auch als wir gemeinsam an den Strand gingen, wirkte sie alles andere als entspannt. Aber als Kieran von seinem kleinen Neffen erzählt, auf den er ab und zu aufpasst, fängt sie sogar zu essen an, obwohl sie doch behauptet hat, keinen Appetit zu haben.

Ich höre ihnen nur zu, ziehe die Wan-Tan-Suppe zu mir her und löffle sie hungrig aus. Es ist kein so schlechter erster Abend, auch wenn ich für den Strand immer noch nicht viel übrig habe. Besonders nicht, da immer wieder neugierig schnüffelnde Hunde an unsere Picknickdecke getrabt kommen. Ich liebe Hunde, nur nicht gerade an meinem Essen. Ein besonders aufdringlicher schwarzer Labrador kommt mir sogar ziemlich nahe und obwohl ich keine Angst vor ihm habe, weiche ich instinktiv zurück.

„Komm her, Frodo“, ruft ein Junge, der ungefähr in meinem Alter ist, und nickt mir entschuldigend zu. Er ist mit ein paar Jungs unterwegs, die lautstark lachen und in meine Richtung sehen.

Sofort drehe ich mich weg. Mir wird wieder bewusst, dass gar nichts hier gut ist. Auch hier gibt es eine Schule, auf die ich ab September gehen soll. Und auch hier gibt es Schüler, zu denen ich irgendwie nicht richtig passen werde. Nichts wird sich jemals verändern.

Lauren

Kieran besteht darauf, uns nach Hause zu begleiten.

„Musst du denn gar nicht ins Dalriada?“, frage ich, aber dann sehe ich an seiner Sportkleidung hinunter und komme mir mal wieder ziemlich doof vor. Ganz offensichtlich war er zum Joggen am Strand, als er auf uns stieß und mich aus meiner misslichen Lage gleich auf mehrere Arten rettete.

„Dieses Wochenende habe ich frei.“

„Schön.“ Mehr fällt mir dazu leider nicht ein. Ich packe hastig unsere Sachen zusammen und verfluche mich innerlich, weil ich nicht an eine Mülltüte für unseren Abfall gedacht habe. Hoffentlich wird der Korb nicht total dreckig von den leeren Schalen mit klebrigen Soßenresten und sirupartigem Honig von den Bananenbällchen. Das mit dem Picknick muss ich wohl noch ein paar Mal üben.

Ich werfe einen verstohlenen Blick auf Kieran, der sich damit abmüht, die Picknickdecke wieder so zu falten, wie sie ursprünglich war – ein nicht ganz so einfaches Unterfangen. Irgendwie sieht sie am Ende aus wie eine Wurst, die er hastig mit dem Klett verschließt, damit sie sich nicht wieder entrollt.

Wenn ich so neben ihm stehe, ist er ungefähr einen Kopf größer als ich. Sein muskulöser Oberkörper zeichnet sich unter dem enganliegenden olivfarbenen Shirt ab, das er zu seiner schwarzen Sporthose trägt. Er wuschelt sich durch das dunkle Haar, als er mir das Würstchen im Schlafrock überreicht, das er fabriziert hat.

„Besser habe ich es nicht hinbekommen.“

„Das musst du allerdings noch etwas üben“, gebe ich kritisch zurück, dabei lächele ich aber.

„Wenn sich die Gelegenheit dazu nochmal ergibt…“

Er lässt den Satz zwischen uns hängen, als hoffe er, ich würde ihn aufgreifen. Was ich nicht tue. Auch wenn ich mich in seiner Gegenwart mit der Zeit unglaublich entspannt habe und froh bin, dass er uns noch bis zu mir nach Hause bringt, habe ich kein Interesse daran, ihn nochmal zu treffen. Ich bezweifle, dass ich den Nerv habe einen Mann in mein chaotisches Leben einzuweihen. Mir reicht Charlotte, die während des ganzen Essens sehr schweigsam war.

Ihren Lachanfall habe ich allerdings nicht vergessen. Es war schön zu sehen, dass dieses Mädchen, das ich als verschlossen kennengelernt habe und das mir als äußerst schwierig beschrieben wurde, so fröhlich sein kann. Und es tut mir sehr leid, dass ich ihr Lachen beendet habe, denn das habe ich sehr wohl wahrgenommen. Als ich anfing mein eigenes Lachen zu unterdrücken, weil es mir Angst macht, wenn ich meinen Körper scheinbar nicht mehr unter Kontrolle habe, hörte sie schlagartig auf.

„Ich kann den Korb tragen“, bietet sich Kieran an und nimmt ihn mir kurzentschlossen aus der Hand. Das hat etwas von einem altmodischen Gentleman aus einem Jane Austen Roman, der den Korb für das Sonntagspicknick mit einer feinen, tugendhaften Lady trägt, was mir ein zaghaftes Lächeln entlockt.

Als wir uns auf den Weg nach Hause machen, sind wir alle ziemlich schweigsam. Ich bin damit beschäftigt meinen Atem zu kontrollieren, außerdem überlege ich fieberhaft, warum Kieran so nett zu mir ist. Ich meine, ich habe ihn nicht dazu ermuntert oder so. Und er gehört ganz sicher nicht zu den Männern, die es nötig haben einer Frau hinterher zu rennen. Schon gar nicht einer, die ihm keinen Anlass gibt zu denken, dass sie auf ihn steht. Ich kann ihn aber unmöglich danach fragen, deswegen brüte ich schweigend vor mich hin.

„Wo wohnst du?“, fragt er schließlich, als wir in die Brunstane Road einbiegen.

„Wir sind gleich da.“ Ich zeige die Straße hinunter auf mein Haus. „Und du?“

„In der Nähe der Portobello High School, in der Hope Lane. Ein ziemlich hässlicher Klotz, im Gegensatz zu den netten Reihenhäusern hier unten am Strand.“ Er wirft einen bewundernden Blick auf die Reihe alter Gebäude.

„Vielleicht kennst du das Haus ja.“, meint Kieran an Charlotte gewandt, die hinter uns her trottet, als würde sie nicht dazu gehören.

Sie hat sich wieder vollständig in sich zurückgezogen, aber das kann ich ihr auch nicht verdenken. Kieran bleibt nun stehen, wartet auf eine Antwort, die ihm Charlotte aber schuldig bleibt.

„Charlotte geht nicht auf die Portobello High School“, werfe ich rasch ein, um die Situation für sie angenehmer zu gestalten. Sie sollte sich einem völlig Fremden nicht erklären müssen.

„Oh! Ich dachte, du wohnst mit deinen Eltern auch hier in der Gegend.“

„Sie kommt aus Newcastle upon Tyne.“

„Wow! Schöne Stadt. Man kann dort richtig gut weggehen“, kommentiert Kieran bloß und ich bin froh, dass er auf das Thema nicht weiter eingeht.

Vor meinem Gartentor bleibe ich stehen, mache eine Handbewegung zu meinem Häuschen und murmele etwas wie: „Et voilà!“, komme mir danach aber gleich albern vor. Kieran guckt die Straße entlang, von unserem Standort aus kann man einen Blick auf das Meer erhaschen.

„Schöner kann man wohl nicht wohnen“, seufzt er. „Ich wünschte, das wäre mein Haus. Dann hätte ich es nicht so weit zum Joggen und zu meiner Arbeit. Sowohl zu der einen, als auch zu der anderen.“

„Du hast zwei Jobs?“, frage ich verwundert.

Da schiebt sich plötzlich Charlotte ruppig zwischen uns, funkelt mich verärgert an und platzt in unser Gespräch: „Kann ich schon mal den Hausschlüssel haben? Ich habe keine Lust mir euer Geflirte hier länger anzuschauen.“

„Ähm… klar…“ Verlegen krame ich in meiner Handtasche und fördere den Schlüssel zutage, der sich natürlich mal wieder bis auf den Grund geschmuggelt hat. Ich reiche ihn ihr und bin mir dabei nur allzu bewusst, dass mein Kopf ähnlich feuerrot ist wie meine Locken.

„Na danke auch“, faucht sie, während sie mir den Schlüsselbund aus der Hand reißt, dann schmettert sie mit Schwung das Gartentor auf und marschiert auf das Haus zu.

„Und wir flirten übrigens nicht“, beeile ich mich noch klarzustellen, ehe sie im Haus verschwindet.

Dann beginnt sich alles um mich herum zu drehen. Ich weiß nicht, ob es daher kommt, dass wir den ganzen Abend in der Sonne gesessen haben, die – obwohl bereits am Untergehen – ziemlich stark war, oder ob eine Panikattacke im Anmarsch ist. Sollte es eine sein, dann kommt sie recht plötzlich, ohne Vorwarnung, und das ist neu. Ich stütze mich am Zaun ab und die Angst, jetzt auf der Stelle zu sterben, ergreift völlig von mir Besitz. Ich merke, wie ich verzweifelt versuche, im Kopf zu zählen, während ich hektisch atme, aber es gelingt mir nicht, über zwei hinauszukommen. Unerwartet packt mich Kieran an den Schultern und legt den Arm um mich.

„Lauren? Was ist los?“, fragt er. Ich höre echte Besorgnis in seiner Stimme und das ist mir so unendlich peinlich, dass ich mich mit letzter Kraft von ihm losreiße. Ein wenig heftiger, als beabsichtigt, aber das ist mir egal.

„Alles in Ordnung“, stammele ich bloß, dann stolpere ich durch das weit geöffnete Gartentor und stoße es hinter mir zu. Dieser Kieran MacLaughlin soll bloß nicht auf die Idee kommen, mir zu folgen. Wie blind laufe ich zur Haustüre, sehe mich nicht noch einmal um und werfe auch diese ins Schloss, als ich endlich im rettenden Inneren bin.

Mit einem Schwung lasse ich mich in den Sessel im Hausgang sinken, mein ganzer Körper zittert, in meinem Kopf ist es, als würde ich Karussell fahren. Zum Glück ist Charlotte bereits in ihrem Zimmer und bekommt von alldem nichts mit.

Ich weiß nicht, wie lange ich einfach nur da sitze und darauf warte, dass das Zittern aufhört. Als auch die Karussellfahrt endlich ein Ende findet, weiß ich ganz sicher, dass die Symptome nichts mit einem Hitzestich zu tun haben. Es ist mal wieder die verdammte Angst! Ich vergrabe mein Gesicht in einem Kissen, das auf dem Sessel gelegen hat und das ich unbewusst in meinen Händen zerknautscht habe. Wenn ich Glück habe, begegne ich Kieran MacLaughlin nie wieder. Und selbst wenn, bin ich mir sicher, dass er mir aus dem Weg gehen wird. Wer redet schon gerne mit einer Verrückten?

Charlotte

Es ist Montagmorgen und obwohl ich nicht in die Schule muss, breitet sich ein unangenehmes Gefühl in mir aus. Dieses Kribbeln im Körper, das ich immer vor dem Unterricht habe. Aber heute kann ich mich in aller Ruhe nochmal strecken und in meinem neuen Zimmer umsehen. Alles ist fremd und fühlt sich seltsam an, obwohl ich mittlerweile jeden Zentimeter mit meinen Sachen belegt habe.

Mit Lauren habe ich die letzten zwei Tage kaum gesprochen und sie schien sich nicht weiter daran zu stören, dass ich mein Zimmer nur zum Essen verlassen habe. Eine große Köchin ist sie nicht, es gibt immer nur irgendein Fertiggericht. Das macht aber nichts, ich kann dieses ganze Diätzeug, das Mum ständig kocht, sowieso nicht leiden. Sie achtet auf ihre Linie. Dass Dad und ich dabei zwangsläufig mitmachen müssen, ist ihr völlig egal.

Unten höre ich, wie Lauren mit dem Geschirr hantiert und werfe einen erstaunten Blick auf die Uhr. Es ist fast neun und ich denke, um diese Zeit sollte Lauren schon längst in der Schule sein. Also wenn das nicht gerade die Putzfrau ist (hat Lauren überhaupt eine?), dann frage ich mich, wer gerade in der Küche das Geschirr spült. Vorsichtig tapse ich zur Treppe und schiele hinunter, aber von hier aus kann man die Küche nicht einsehen, deswegen wage ich mich langsam, Stufe für Stufe bis ins Erdgeschoss.

„Guten Morgen!“, begrüßt mich Lauren, die sich gerade vom Spülbecken wegdreht, um die sauberen Teller aufzuräumen.

„Bist du krank?“, frage ich verwundert. Sie sieht wirklich nicht besonders gut aus, aber das tut sie eigentlich nie, seit wir am Freitag vom Strand wiedergekommen sind.

Von ihrem Bürofenster aus habe ich beobachtet, wie sie sich von Kieran verabschiedet hat. Eigentlich wollte ich nur sehen, ob sie sich küssen oder sowas. Es erschien mir gar nicht so abwegig, denn dieser Kieran machte mir schon den Eindruck, als wäre er an Lauren interessiert. Er hatte sogar den Arm um sie gelegt. Aber dann ist Lauren wie von der Tarantel gestochen ins Haus gestürmt und seither ist sie noch komischer, als sie ohnehin schon war. Ich glaube, wir kommen wunderbar miteinander aus, wenn wir uns aus dem Weg gehen. Irgendwie scheint das bei mir mit jedem so zu sein.

„Wieso sollte ich krank sein?“ Lauren schaut ehrlich verwirrt, schüttelt nachdenklich den Kopf und dreht sich seelenruhig wieder zum Küchenschrank.

„Weil du nicht in der Schule bist?“, frage ich zurück.

Ich habe Angst, dass Lauren gleich die Teller fallen lässt, so ruckartig dreht sie sich zu mir und guckt erschrocken drein. Sie reißt ihre hellgrünen Augen auf, der Mund öffnet sich, als wolle sie mir antworten, aber es kommt erstmal kein Ton heraus.

„Ich… Oh je..“, stammelt sie schließlich. Hektisch schiebt sie die Teller so heftig in den Küchenschrank, dass ich ein bisschen Bedenken habe, dass sie alle zu Bruch gehen. Dann stürmt sie an mir vorbei die Treppe hoch, die Badezimmertür schlägt hinter ihr zu.

Mich beschleicht immer mehr das Gefühl, dass mich Mum und Dad zu einer Verrückten geschickt haben. Ich sehe mich nochmal um, ob nicht doch zehn Katzen durch das Haus schleichen, aber immer noch ist keine zu sehen. Stattdessen höre ich oben das Wasser rauschen, der Boiler springt lautstark an. Ich habe bereits gelernt, dass er zwar rumpelnd so tut, als würde er arbeiten, aber nicht immer hält was er verspricht. Alles an diesem Haus, inklusive der rosafarbenen Fliesen im Badezimmer mit dem altmodischen Rosenmuster, ist ebenso seltsam wie seine Besitzerin.

Ich überlege kurz, ob ich Mum eine WhatsApp schreiben und ihr von Laurens komischem Verhalten erzählen soll, aber dann überlege ich es mir anders. Vielleicht sollte ich erstmal nur beobachten. Außerdem schreibe ich meinen Eltern nicht. Gestern haben sie auf meinem Handy und bei Lauren auf dem Festnetz angerufen, aber ich wollte nicht mit ihnen reden und das werde ich auch weiterhin so halten. Ich spüre mein Handy in meiner Jeanstasche so deutlich, als würde es mir den Oberschenkel verbrennen. Ich habe ungefähr zwanzig Nachrichten von Lewis auf WhatsApp, aber ich lese sie nicht. Ich weiß nicht, ob ich ihm jemals verzeihen kann, was er zu mir gesagt hat – jetzt gerade kann ich es zumindest nicht.

Sich die wilden Locken zu einem Dutt bindend, kommt Lauren die Treppe hinunter gestürmt, die Stufen knarzen gefährlich. Sie hat sich umgezogen und trägt jetzt eine schwarze Hose und ein beiges Twinset, das in all seiner Biederkeit so gar nicht zu ihr passt, aber ich verkneife mir eine Bemerkung.

„Ich nehme mal an, dass du mich heute noch nicht anmeldest?“

Eigentlich ist es gar keine Frage, sondern eine Feststellung. Deswegen erwarte ich auch keine Antwort.

„Heute?“ Sie sieht aus, als würde sie darüber nachgrübeln. „Nein, heute noch nicht. Wir haben dafür bis Schuljahresende noch genügend Zeit.“

„Okay.“ Ich bin schon damit beschäftigt, aus dem Kühlschrank die Milch für mein Frühstück zu holen.

„Ich… ähm… Ich muss jetzt los“, meint Lauren schließlich zögerlich, macht aber irgendwie keine Anstalten das Haus zu verlassen.

„Ich komme zurecht, keine Sorge. Und ich werde auch nicht das Haus abfackeln so lange du weg bist“, verspreche ich und verdrehe genervt die Augen. Garantiert denkt sie, eine Schulschwänzerin ist eine Kleinkriminelle, der alles zuzutrauen ist. Deswegen setze ich noch hinzu: „Es gibt ja auch keine Katze, der ich den Schwanz anzünden könnte oder sowas.“

„Ich weiß nicht, was du mit deiner Katze hast, aber ich werde mir nicht extra wegen dir eine anschaffen“, antwortet sie, dann schnappt sie sich ihre Handtasche und ist auch schon verschwunden.

Kopfschüttelnd stelle ich mich auf die Zehenspitzen und angele mir Weetabix vom Regalbrett. Es ist eigentlich unmöglich, dass jemand noch seltsamer ist als ich, aber Lauren ist eine ziemlich gute Anwärterin dafür.

Bevor ich von meiner Schule geworfen wurde, wusste ich nicht, wie furchtbar lang und öde ein Tag sein kann. Mir ist das schon zu Hause aufgefallen, aber hier in Portobello empfinde ich diesen Montag, an dem alle anderen Kinder in der Schule sind, als unendlich. Nach dem Frühstück schaue ich zwei Folgen ‚Vampire Diaries‘, aber so richtig Lust habe ich nicht dazu. Ich sehe meine Sachen durch, ob ich vielleicht irgendwas total Wichtiges daheim vergessen habe, was mir Mum dann bringen muss. Es wäre mir eine Genugtuung, wenn sie wegen einer Kleinigkeit hundertfünfzig Meilen fahren müsste. Da mir spontan aber nichts einfällt (ich war beim Packen wirklich sehr gründlich), beginne ich durch das Haus zu wandern und die Räume zu inspizieren.

Die Küche und das Wohnzimmer mit der Essecke kenne ich hinreichend, deswegen bleibe ich gleich im ersten Stock, wo es außer dem Bad und meinem Zimmer noch Laurens Schlafzimmer und so etwas wie ihr Büro gibt. Das Schlafzimmer ist der einzige Raum, der nicht einen gewissen Retro-Charme versprüht (wobei das Wort ‚Retro‘ in dem Fall viel zu schmeichelhaft klingt, das Haus ist eher ein buntes Sammelsurium uralter Möbel und gemusterter Tapeten aus längst vergangener Zeit).

Das Schlafzimmer aber ist in einem dezenten Grau gestrichen, ein weißes Boxspringbett nimmt einen großen Teil des Raumes ein und an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotografien verschiedener Bauwerke, wobei ich nicht sagen kann, um welche Stadt es sich dabei handelt. Womöglich sind es auch verschiedene Städte. Auf den beiden Nachttischen stehen silberne Lampen, von deren Gestell Kristalle dicht aneinandergereiht herabhängen. Auf einem Nachttisch entdecke ich eine Fotografie von Lauren, Arm in Arm mit einer weißhaarigen, alten Dame. Sie sieht gelöst und glücklich aus, anders, als ich sie kenne. Die ältere Frau hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr.

An einer Wand steht noch ein weißer Schrank mit Schiebetüren. Ich bin versucht hineinzuschauen, aber ich scheue davor zurück, zu sehr in Laurens Privatsphäre einzudringen. Dieser Raum ist mit viel Liebe renoviert worden, im Gegensatz zu dem Rest des Hauses, das wirkt, als würde es jeden Moment auseinanderfallen.

Ganz anders als der Neubau, in dem wir wohnen und den Mum immer so sauber hält, als wäre er Dads Zahnarztpraxis, wo alles steril sein muss. Ich wünschte mir manchmal, Mum wäre ein wenig nachlässiger mit ihrer ewigen Putzerei. Sie geht mir damit ganz schön auf die Nerven. Aber ich muss gestehen, dass mir diese altmodischen, muffigen Möbel, die Lauren überall hat, und die verblichenen Tapeten, überhaupt nicht gefallen und ich mir unsere moderne Einrichtung herbeisehne.

Als nächstes schlendere ich in Laurens Arbeitszimmer. Es ist ein wenig, als würde man eine Zeitreise machen und fast erwarte ich, auf ihrem Schreibtisch eine Schreibmaschine vorzufinden, wie sie mein Dad im Keller zwischen vielem alten Krimskrams hat, den er seit dem Tod von Grandpa Bothwell bei uns hortet. Laurens Tisch sieht massiv aus und ist aus einem sehr dunklen Holz. In derselben Farbe gibt es außerdem noch ein paar Regale in dem winzigen Raum mit den hellgrünen Tapeten, auf denen riesige braune Kreise sind. Wenn ich sie länger anstarre, dreht sich alles um mich herum. Ich trete ans Fenster, von dem aus ich gestern Lauren und Kieran beobachtet habe.

Auf dem Schreibtisch liegen ein paar Papiere, einige Worte sind mit rotem Stift angestrichen oder ganze Passagen umrandet. Neugierig beuge ich mich darüber, in der Erwartung, einen Aufsatz vorzufinden, den Lauren noch nicht fertig korrigiert hat.

Seine Hand griff automatisch nach der ihren, als sie sein Kopfkissen aufschütteln wollte.

„Ich kann das selbst“, knurrte er unwirsch, fühlte ihre zarte Haut an seinen schwieligen Händen.

„Das gehört zu meinem Job“, antwortete sie ihm freundlich, aber bestimmt. „Und nun gehen Sie beiseite, Lieutenant Frakes.“

Er ließ ihre Hand nur widerwillig los und trat einen Schritt zurück, um sie ihre Arbeit tun zu lassen.

„Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand meine Kissen aufschüttelt“, bekannte Will. „Bei der Royal Navy gibt es niemanden, der das für mich macht.“

Danach ist ein ganzer Absatz durchgestrichen und ich lese nicht weiter. Mir ist klar, dass ich keinen Aufsatz über die Vor- und Nachteile des britischen Gesundheitssystems vor mir habe, aber was genau ich gelesen habe, weiß ich nicht. Ich habe so ein unangenehmes Gefühl, als würde ich meine Nase in Dinge stecken, die mich nichts angehen, also verlasse ich das Arbeitszimmer schnell wieder. Ich schnüffele nicht gerne in den Sachen anderer herum, denn man findet viel zu leicht etwas, was man nie finden wollte, wie ich sehr wohl weiß.

Weil das blöde Gefühl, etwas entdeckt zu haben, das nicht für mich bestimmt war, nicht weggeht, will ich jetzt nur noch hier raus, deswegen renne ich fast die Treppen hinunter und schlüpfe in meine Sneakers. Dann schnappe ich mir den Schlüssel, den mir Lauren gegeben habe und verlasse das Haus so eilig, als wäre ein Vampir hinter mir her. Nur leider nicht Stefan Salvatore, sondern sein böser Bruder Damon.

Lauren

Mir ist übel. Das nehme ich mittlerweile als mein Tagesmotto, denn seit mich Charlotte darauf hingewiesen hat, dass ich eigentlich in der Schule sein sollte, herrscht in meinem Magen Aufruhr. Nervös laufe ich die High Street auf und ab und bin mir darüber bewusst, dass mich Charlotte jederzeit hier sehen könnte, wenn sie das Haus verlässt. Aber ich konnte auch nicht länger im Beach House Café bleiben, wohin ich mich zunächst geflüchtet hatte, um dort einen Pfefferminztee zu trinken, der meinen Magen beruhigen sollte – was er leider nicht getan hat. Ich zücke mein Handy und versuche erneut Izzy zu erreichen, aber ohne Erfolg. Ich probiere es mittlerweile schon seit drei Stunden, aber bei der Arbeit hat Izzy ihr Handy immer ausgeschaltet. Meine einzige Hoffnung ist, dass sie in der Mittagspause rangeht.

„Hallo?“

Erleichtert atme ich auf und bleibe vor einem Restaurant stehen, um in Ruhe telefonieren zu können.

„SOS!“, rufe ich ins Telefon.

„Lauren?“

„Wer sonst? Oder kennst du noch eine Durchgeknallte, die dich pausenlos versucht anzurufen, um auch ja deine Mittagspause abzupassen?“

„Nein. Ich glaube, außer dir kenne ich überhaupt keine durchgeknallten Personen. Obwohl… Ich würde Rorys Eltern auch als durchgeknallt bezeichnen, aber ich glaube, das würde er jetzt anders sehen.“

„Sie sind harmlos gegen mich“, antworte ich, denn eigentlich fand ich seine Eltern bisher ganz in Ordnung und mich zu schlagen ist nahezu unmöglich. „Ich bin wirklich eine arme Irre. Und außerdem bin ich auch noch halbtags obdachlos.“

„Wie bitte?“

„Ich habe nicht bedacht, dass ich bis nachmittags außer Haus sein muss, wenn ich Charlotte glaubwürdig auftischen will, eine hart arbeitende Lehrerin zu sein.“

Zunächst ist es still in der Leitung. Ich befürchte schon, dass Izzy aufgelegt hat, weil sie keine Lust mehr auf meine abgedrehten Geschichten hat. Aber dann fängt sie schallend an zu lachen.

„Hör auf mit deiner dämlichen Lacherei“, schimpfe ich. Ein älterer Herr mit dicken, roten Apfelbäckchen und einem sonnigen Lächeln läuft gerade an mir vorbei und hebt erstaunt eine ergraute, buschige Augenbraue bei meinen Worten. „Ich habe nicht Sie gemeint“, will ich ihm noch hinterher rufen, aber das wäre mir noch peinlicher, als es einfach so stehen zu lassen.

„Tut mir leid“, quiekt Izzy. „Aber du hast dich selbst in diese verzwickte Lage gebracht.“

„Das ist mir bewusst“, murre ich und spüre, wie sich mein Puls schon wieder beschleunigt. Ich bin eindeutig zu lange außer Haus heute. „Aber streng genommen, habe nicht ich mich in diese Situation gebracht, sondern diese verdammte Angst.“

„Ich weiß.“ Izzy holt tief Luft, vermutlich um sich von ihrem Lachflash zu erholen.

„Ich habe mir nicht ausgesucht, mit dieser Scheiße zu leben“, schimpfe ich jetzt aufgebracht. Meine freie Hand fährt nervös durch meine Locken, die von der dampfigen Schwüle schlapp herabhängen.

„Ist doch schon gut. Es tut mir wirklich leid, dass ich dich ausgelacht habe.“ Jetzt klingt Izzy sogar ein bisschen zerknirscht.

„Was soll ich denn tun? Ich kann nicht jeden Tag bis drei Uhr in irgendwelchen Cafés abhängen. Schließlich muss ich irgendwann auch mal arbeiten. Und ganz davon abgesehen sterbe ich tausend Tode.“

„Wo bist du jetzt?“

„Ich war ein wenig im Beach House Café, aber seit ungefähr einer Stunde renne ich wie ein aufgescheuchtes Huhn die High Street rauf und runter. Ich stehe vor dem REDs.“

„Okay. Geh rein, iss etwas und warte dort auf mich. Ich nehme mir den Nachmittag frei und wir überlegen, was du tun kannst.“

In dem Moment könnte ich Izzy einfach nur küssen. Sie ist die beste Freundin, die man sich nur wünschen kann. Allein der Gedanke, dass sie kommt und ich nicht mehr alleine mit meinen Sorgen und der aufsteigenden Panik bin, lässt mich schon ein bisschen besser fühlen.

„Danke“, sage ich leise.

„Aber es wird sicher noch gut eine Stunde dauern, bis ich da bin“, warnt sie mich, dann legt sie auf.

Ich könnte heulen, weil mich eine Welle der Erleichterung durchflutet, die meine Angst erstmal verdrängt. Ich schnaufe tief ein und aus, packe mein Handy weg und sehe nur kurz die Straße hinunter, ehe ich mich in das kleine Restaurant mit den großen Ladenfenstern begeben will.

Mich trifft fast der Schlag, als ich eine schwarz gekleidete Gestalt entdecke, die, trotz der drückenden Luftfeuchtigkeit, einen dicken Hoodie trägt, dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen ist. Trotzdem erkenne ich Charlotte sofort an ihrer Statur und ihrem Gang. Ich überschlage mich fast, als ich mich auf dem Absatz umdrehe und fast die Tür zum REDs einrenne.

Nichts wie weg hier!

Leicht panisch sehe ich mich in dem Restaurant um, das einige freie Tische im Angebot hat. Allerdings würde ich dort durch die großen Panoramafenster wie auf dem Präsentierteller sitzen, was ich schlecht riskieren kann.

„Hi!“, begrüßt mich eine gesund aussehende, dralle Blondine mit einem ordentlich geflochtenen französischen Zopf, die hinter einem kleinen Tresen steht. „Setz dich wohin du willst, es ist nichts reserviert.“

„Ich…“ Ich spähe nach hinten, in den kleinen Bereich, der nicht von der Straße aus einsehbar ist. Mit ausgestrecktem Zeigefinger zeige ich dorthin. „Ich glaube, ich sehe da noch einen freien Platz.“

„Aber…“ Vermutlich will sie mir mitteilen, dass es auch vorne jede Menge unbelegte Tische gibt und hinten eigentlich der Bereich für Familien ist. Dort gibt es ein kleines Klettergerüst, wie in einem Indoor-Spielplatz und Eltern können entspannt essen, während ihre Kinder nach Herzenslust toben. Das REDs ist deswegen ein beliebter Müttertreff und ich höre auch schon das vergnügte Quietschen einiger Kleinkinder.

Bevor die Bedienung ihren Satz beenden kann, hebe ich nur abwehrend die Hand und schlüpfe an ihrem Tresen vorbei. Es ist mir völlig egal, dass ich Gespräche über den besten Kindergarten oder die horrenden Preise für einen Babysitter über mich ergehen lassen muss, wenn mich nur Charlotte nicht entdeckt.

Auf dem Klettergerüst mit integriertem Bällchenbad toben vier Kinder zwischen zwei und fünf Jahren, zwei Tische im hinteren Bereich sind besetzt. An einem sitzen zwei Frauen, die jeweils neben sich einen Buggy stehen haben, auf ihrem Tisch sieht es ziemlich wüst aus. Halb leergegessene Teller, diverse benutzte Servietten, Trinkflaschen für Kleinkinder und Spielzeug lassen keinen Zentimeter freie Fläche mehr. Ich drängle mich an einem Kinderwagen vorbei, um an den letzten Tisch zu gelangen.

„So schnell sieht man sich wieder.“

Ich erkenne die Stimme sofort, noch ehe ich optisch registriere, wer da an einem der hintersten Tische sitzt. Erschrocken zucke ich zusammen, greife mir unwillkürlich an die Brust.

Kieran MacLaughlin!

Ich bin überhaupt nicht fähig ihm zu antworten, sondern starre ihn nur ungläubig an. Den letzten, den ich in einem Familienrestaurant wie dem REDs erwartet hätte, ist jemand wie er. Sofort frage ich mich, warum er sich wohl nach ganz hinten verkrochen hat.

„Setz dich doch.“ Einladend klopft er auf den Stuhl neben sich und da ich nicht weiß, wie ich das abschlagen soll, leiste ich seiner Aufforderung Folge.

„Was machst du denn hier?“, bringe ich hervor. Es klingt nicht besonders freundlich, was mir augenblicklich leidtut. Er kann ja nichts dafür, dass er mir ständig über den Weg läuft.

„Ich bin mit Riley hier.“ Er zeigt zu dem mit Netz bespannten Klettergerüst hinüber und ein kleiner Junge von knapp drei Jahren winkt uns zu.

„Riley?“ Ich bin echt verwirrt. Warum tut er so, als müsse ich wissen, von wem er da spricht?

„Mein Neffe.“ Kierans hellblaue Augen heften sich so intensiv auf mich, dass ich am liebsten wegschauen möchte.

Jetzt fällt es mir wieder ein. Er hat bei unserem Essen am Strand erzählt, dass er ab und zu auf den Sohn seiner Schwester aufpasst, wenn diese keine Zeit hat.

„Oh, ja“, antworte ich lahm. Mein Puls reguliert sich langsam wieder, dennoch huscht mein Blick immer wieder zu den großen Ladenfenstern, in der Angst, dass Charlotte plötzlich zur Tür hereingeschneit kommt.

„Jeden Montag habe ich Riley über Mittag und dann gehen wir hier her, damit er toben kann, und ich kein Mittagessen zubereiten muss. Ich bin ein wirklich lausiger Koch.“ Er verzieht das Gesicht so angewidert, dass ich ihm das sofort abnehme.

„Findet ihr nicht im Dalriada jemanden, der euch eine Kleinigkeit macht?“

„Montag habe ich frei, da muss ich nicht unbedingt meine Freizeit dort verbringen. Auch wenn ich meinen Job dort sehr gerne mache. Man lernt nette Leute bei der Arbeit kennen.“ Er grinst mich offen an.

Nette Leute? Echt jetzt? Hat er etwa vergessen, wie ich vor ihm davongelaufen bin? Vielleicht steht er ja drauf, wenn man ihn einfach stehenlässt.

Riley ist inzwischen aus dem Spielgerät geklettert und rennt auf seinen Onkel zu. Er schmeißt sich an ihn ran und nimmt es mit typisch kindlicher Selbstverständlichkeit, dass ich plötzlich mit am Tisch sitze.

„Hunger!“, ruft er lautstark, während er auf Kierans Schoß klettert.

„Möchtest du Reis mit Hühnchen haben? Oder lieber Nudeln mit Tomatensoße?“

„Nudeln“, sagt Riley entschlossen. Er scheint wohl kein Fan von Mehrwortsätzen zu sein. „Mit Monstersoße.“

„Monstersoße?“ Ich hebe erstaunt eine Augenbraue.

„So nennen wir die Nudeln mit grüner Soße. Ich finde es klingt cooler als Spinat.“

„Ja, cooler.“ Riley nickt emsig und dreht sich auf Kierans Schoss zu mir um, als würde er jetzt erst meine Anwesenheit registrieren. „Wer bist du?“

Aha, er kann also doch Mehrwortsätze sprechen und das sogar ausgesprochen gut.

„Das ist meine Freundin Lauren“, antwortet Kieran an meiner Stelle.

Mir wird heiß, als er das sagt und mein Gesicht tönt sich dezent pink. Vermutlich sieht es so aus, wie wenn ein Flamingo ganz viele Carotinoiden gegessen hat.

„Hi Lauren!“ Riley lächelt mir so entwaffnend zu, dass ich es nicht übers Herz bringe, diesen Irrtum klarzustellen. Trotzdem, Kieran und ich sind keine Freunde!

„Hallo Riley“, gebe ich zurück und probiere es ebenfalls mit einem Lächeln, das aber eher zaghaft ausfällt. Ich bin immer noch viel zu aufgewühlt von den Ereignissen des Tages und außerdem auf der Hut, falls Charlotte hier vorbeikommt.

Kieran winkt der Bedienung und gibt Rileys Bestellung auf. Er selbst wolle noch überlegen, meint er. Dann sieht die Kellnerin mich auffordernd an.

„Für mich erstmal nur ein Wasser“, sage ich. Das kann ich wirklich gut gebrauchen. Mein Mund fühlt sich mal wieder wie die Wüste Gobi an.

„Das Essen dauert noch ein bisschen, Kumpel“, meint Kieran an Riley gewandt. „Möchtest du nicht so lange noch ein bisschen spielen?“

„Okay.“ Er krabbelt wieder vom Schoss seines Onkels, schenkt mir einen strahlenden Blick aus seinen unglaublich schokobraunen Augen und flitzt dann in Richtung Spielgerät.

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550 p. 1 illustration
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9783753192536
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