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Nina und Tom, beide mitten im Leben stehend, verlieben sich Hals über Kopf. Gemeinsam durchleben sie eine turbulente Zeit mit allen Facetten, die ein frisch verliebtes Paar unter dem Mantel der Verschwiegenheit erlebt: der Zauber des Kennenlernens, die Intensität der Vertrautheit, die Kraft der Gefühle, der Mut, alte Muster aufzubrechen, aber genauso die Gegenwirkung äußerer Hindernisse sowie der Wunsch, sich selber treu zu bleiben.

Tanja Schmelzer

[wi-wi-käm]

Eine Liebesgeschichte


Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und in keiner Weise beabsichtigt.

© Dittrich Verlag ist ein Imprint

der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2018

Lektorat: Astrid Treusch, Berlin

Satz: Gaja Busch

Umschlaggestaltung: Guido Klütsch

Umschlagfoto (hinten) »vvcam Neon-Installation«,

© by Ralf Daab

Printed in Germany

ISBN 978-3-947373-14-7

eISBN 978-3-947373-25-3

Wie viel gute Zeit möchtest du der schlechten noch hinterherwerfen?

R. H.

Inhalt

1. Plötzlich verliebt

2. Alles geht

3. Der Moment

Wie es weiterging…

Danksagung

Über die Autorin

1. Plötzlich verliebt
07.06.2014, 03:01, Tom

07.06.2014, 03:01, Tom: Schade, dass Du schon gegangen bist.

Es ist Samstag, 3.01 Uhr, gefühlt noch Freitagnacht und ich bin wieder zu Hause. Ich halte mein Handy unverändert in meinen Händen und staune nicht schlecht – über mich. So etwas habe ich noch nie gemacht, zumindest in den letzten 17 Jahren nicht. Die Gedanken an die letzten 17 Jahre sind im Augenblick aber auch nicht wirklich wichtig. Viel lieber denke ich an den heutigen Abend zurück und erinnere mich an die Begegnung. Warum musste sie denn auch schon gehen? Ich wäre so gerne mit ihr noch richtig ausgegangen. Ins Cage, ein bisschen laute Musik, Wodka Tonic, ich hätte sie reden hören und sehen können und vielleicht hätten wir ja noch getanzt? Ich tanze so gerne und hole mir mal gerade meine Kopfhörer. Dann tanze ich eben hier, in der Wohnung, alleine, nur für mich, mit Kopfhörern, damit ich die anderen nicht wecke… und stelle mir vor, wie es gewesen sein könnte, mit ihr zu tanzen. Ich wollte ihr im Salon Schmitz noch vorschlagen, zusammen ins Cage zu gehen. Doch dann kam sie mir zuvor und verabschiedete sich. Nein, nicht gehen, dachte ich mir. Aber anstatt das zu sagen, erinnere ich sie daran, doch mal zu schauen, ob sie zu unserer Veranstaltung kommen kann. Das wäre cool. Das wird eine super Sache. Jetzt ist sie erst mal weg, aber aus meinen Gedanken gerade nicht wegzudenken. Was für eine tolle Frau…

Ich schmunzle ein bisschen. Wirklich witzig, dass wir uns heute schon wieder zufällig getroffen haben. Zum gefühlt zehnten Mal im letzten halben Jahr. Vorher nie. Und heute wieder – mit Neuigkeiten.

Das erste Mal haben wir uns Ende Januar bei Parkett Dietrich gesehen. Wir hatten eine tolle Veranstaltung, während der PASSAGEN parallel zur Möbelmesse hier in Köln. Neben der Ausstellung von Holzkunst haben wir noch einen Talk zum Thema »Die Kunst des Wohnens und das Wohnen mit Kunst« organisiert. Unsere Bücher haben wir auch ausgestellt. Der Abend war wirklich gelungen. Und plötzlich steht sie mir gegenüber und wir werden einander vorgestellt. Das war es aber auch schon. Etwas später stehe ich bei unseren Büchern, die auf einem riesigen langen, massiven Holztisch ausgelegt waren, als ich plötzlich im Rücken etwas spüre. Eine Art Energie, die mich dazu brachte, mich umzudrehen. Und da steht sie wieder vor mir und lächelt mich direkt an. »Ich kenne das Buch hier«, sagt sie und zeigt auf eines unserer Bücher. Woher, werde ich später erfahren. Sie erzählt, dass ihr Mann Designer sei und selber ein Buch in Eigenregie gemacht habe, aber eben nicht verlegt, ob so etwas für den Verlag auch interessant sei… Ja, sicher, und unsere Visitenkarten wechselten die Hände.

Dann kam Karneval und der Lumpenball im Kölnischen Kunstverein. Dort sind wir uns auch über den Weg gelaufen, aber nicht länger als ein paar zufällige Zigarettenlängen und etwas netten Small Talk über die Kostüme. An diesem Abend war sie mit ihrem Mann da und ich habe später stundenlang mit einer anderen getanzt. Das war auch nicht schlecht.

Die nächsten Karnevalspartys und die nächsten Zufallstreffen folgten. Beim MSC, beim Rot-Weiß – und nach Karneval waren wieder der normale Alltag und die üblichen Alltagsveranstaltungen eingekehrt. Ich stand also eines Abends in einer Galerie mit sehr schöner Kunst, als erst er und dann sie die Räume betraten. Er ging vorweg, sie hinterher mit einem Gang, so gerade, so schön, dass ich dieses Bild nie vergessen werde. Wahnsinn. In dem Augenblick, als ich sie so sah, hatte es mich gepackt. Sie sah mich nicht sofort, sondern betrachtete zunächst die Kunst, entdeckte mich dann aber doch noch auf dem Weg zurück nach draußen. »Hallo Tom, wie schön. Darf ich dir meinen Mann vorstellen?« Sie stellte uns einander vor und sein Gesicht platzte fast vor Desinteresse. »Doch! Ich habe dir doch von Tom erzählt, der Verleger, wegen deines Buchs… Nun gut, vielleicht sollten wir uns darüber mal unterhalten«, sie blickte dabei zu mir, verabschiedete sich dann aber auch schon und wünschte mir noch einen schönen Abend. Dann gingen die beiden Richtung Friesenplatz und ich machte mich in die entgegengesetzte Richtung auf.

Tja, dass ausgerechnet die nettesten Frauen immer so… naja, da habe ich schon mein halbes Leben drüber philosophiert. Brachte mich aber auch nicht wirklich weiter.

Im Mai sah ich sie dann mit Freunden, ohne Ehemann, in der Bar Schmitz, beim Essen. Ab und zu kam sie mal raus zum Rauchen, aber auch immer in Begleitung. Von dort aus konnte ich sie dann etwas länger beobachten, weil ich draußen saß. Sie hatte mich aber, glaube ich, nicht gesehen. Es war schön, wie sie da so stand und erzählte, lachte und aufmerksam zuhörte. Als ich mal reinmusste, kam ich direkt an ihr vorbei und begrüßte sie, sehr nett, Küsschen rechts und Küsschen links, mit der Feststellung, dass wir uns jetzt aber echt häufig sähen… haha. Sie erwiderte mein haha. Ja, das stimmt.

Und dann kam gestern Abend. Sie stand plötzlich vor einer Bar wieder vor mir, so groß, so schön, ich bin ihr quasi direkt in die Arme gelaufen, was ich sofort für eine freundschaftliche Begrüßung mit Umarmung genutzt habe. Und für ein »Wie gut, dass ich dich sehe, denn ich wollte dir eine Einladung zu unserer nächsten Veranstaltung mailen«. Und schon vernehme ich von einer der begleitenden Freundinnen ein sehr betontes »Oh-oh, aber nicht an die alte E-Mail-Adresse«. »Wieso?« »Na, die alte E-Mail-Adresse gibt es nicht mehr bzw. gibt es noch, aber dann antwortet ihr Ex-Mann.« »Ex-Mann?« »Ja, ich habe mich getrennt. Daher gebe ich dir besser meine Uralt-E-Mail. Hast du etwas zu schreiben? Nein? Ich auch nicht. Die Handynummer ist geblieben. Hast du WhatsApp? Gut. Dann machen wir’s so.« Sie lächelte und ging mit ihren Freundinnen wieder rein zu ihrem Tisch und ich wurde, ehe ich mich versah, von Bekannten zu einem anderen Tisch mitgezogen. Dafür konnte ich sie von meinem Platz aus sehen. Ich wollte wieder zu ihr, kam aber nicht weg. Sie ist getrennt… Interessant. Good News, finde ich. Da sah ich sie aufstehen und direkt auf mich zukommen. Sie verabschiedete sich. »…Wir lesen voneinander…« Nein! Nicht gehen…

Heute höre ich alte Disco-Songs. Ich liebe Musik, am liebsten ganz laut. Ich höre quasi aktiv Musik. Von Kurtis Blow »The Breaks« über »Lovemachine« von Supermax, »Summertime« von Will Smith alias DJ Jazzy Jeff & The Fresh Prince bis zu der neuen Daft Punk mit Pharrell Williams und, ganz groß, Gregory Porter mit »Liquid Spirit«. Und dann tanze ich so vor mich hin und bekomme keine Antwort. Dann halt nicht, denke ich mir und tanze weiter, bis ich erschöpft aufs Sofa falle und sofort einschlafe.

Gekläffe weckt mich. Morgen früh gehe ich joggen. Das schöne Wetter hält sich. Der Sommer kommt, die Sonne scheint. Heute muss ich aber noch mal ins Büro. Die nächste Veranstaltung will ja gut vorbereitet sein. Kaum sitze ich am Schreibtisch, holen mich wieder die Gedanken an meine WhatsApp-Nachricht von gestern Nacht ein. Mein Handy behauptet, dass ich keine Antwort bekommen habe. Obwohl Nina schon online war. Ich gehe noch mal die Unterlagen für die Halle durch, in der wir in drei Wochen Kunst ausstellen, Skulpturen und Installationen, Künstler werden da sein, Sammler und Kunstinteressierte. Ein DJ kommt auch und ein 12-Gänge-Menü sorgt für das Wohl aller. Mann, die soll mal zusehen, dass sie kommt. Und ehe ich mich versehe, schnappen meine Hände das Handy und meine Finger schreiben eine Nachricht an sie und fragen nach ihrer aktuellen E-Mail-Adresse.

07.06.2014, 13:10, Tom: Hi Nina, schick mir mal Deine E-Mail-Adresse… LG, Tom

Schick doch mal… Und, wer sagt’s? Ich bekomme plötzlich Antwort auf allen Kanälen. Erst per E-Mail – sie kann nicht kommen. Dann aber noch per WhatsApp eine Nachricht hinterher: Eine spontane Einladung zum Essen. Übermorgen. An mich und meine Frau…

19.06.2014, 2:45, Nina

Noch ganz durcheinander von den vielen Eindrücken stehe ich im Badezimmer vor dem Spiegel, putze mir die Zähne. Und während mein Kopf leicht hin- und hergerüttelt wird, schaue ich mein Gesicht an. Wenn ich könnte, würde ich jetzt eine Augenbraue hochziehen, aber ich kann das nur mit beiden. Ich bin noch ganz benommen von dem Abend, von der Berührung, den Armen und Küssen. Hallo?? Was war das denn?, frage ich mein Spiegelbild. Das muss etwas Biologisches sein. Diese Anziehung ist enorm. Pling… Nachricht von Tom. Ich bin überrascht. Angenehm. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet, aber es ist ein sehr schönes Gefühl zu wissen, dass er an mich denkt. Schnell ziehe ich mir etwas über und lege mich mit dem Handy gemütlich ins Bett. Mir wird ganz warm.

Dabei hatte ich mich heute mit ihm nur getroffen, um über ein Kunstprojekt zu reden, bzw. ich wollte ihn dazu etwas fragen. Seine Einladung zum Kunstsalon hätte mich durchaus interessiert, da ich doch mit Esther, einer jungen Kuratorin, vorhatte, verstärkt Skulpturen und Installationen unter die Leute zu bringen. Das Projekt hatte mich begeistert und die ersten Ideen wurden bereits zusammengetragen. Und da dachte ich mir, ihn könnte ich mal dazu befragen, wenn ich schon nicht kommen kann. Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, was er genau macht. Dass er Verleger ist, wusste ich bereits. Aber um was für eine Veranstaltung mit Kunst und Künstlern es sich handeln sollte, war mir nicht klar. Als Galerist wird er wohl nicht auftreten. Einen aufgeschlossenen und freundlichen Eindruck machte er auf jeden Fall. Dass er dann überhaupt Zeit hatte, mitten in der Woche und vor einem Feiertag, hatte mich etwas überrascht, noch dazu während der Fußball-WM. Aber es war sein Vorschlag, nur fürs Protokoll.

Ich hatte extra ein Restaurant mit einer super Bar und WM-Leinwand ausgesucht und einen Platz reserviert. Nicht einen der üblichen überlaufenen Hotspots der Stadt, damit wir auch in Ruhe sprechen können. Viel wusste ich ja, wie gesagt, nicht von ihm. Eigentlich fast gar nichts. Ich habe ihn immer alleine gesehen, er trägt aber einen Ehering. Ich hatte mir vorgestellt, dass er Familie hat, vielleicht noch kleine Kinder, sodass ich seine Zusage sehr entgegenkommend fand und ihn auch nicht lange aufhalten wollte. Wie gesagt, ich wollte ihm nur ein paar kurze Fragen stellen.

»Wann bist du denn wieder zu Hause?«, fragte mich meine Tochter Jona, bevor ich losfuhr. »Also, ich fahre jetzt eine halbe Stunde hin, dann sitzen wir da und reden, so ungefähr eine Stunde und dann muss ich ja noch eine halbe Stunde wieder zurückfahren. Also allerspätestens um neun.« »Okay…«, erwiderte Jona und stiefelte die Treppe hoch in ihr Zimmer. »Mein Handy habe ich ja daba-heiii!!«, rief ich ihr noch hinterher und verließ das Haus. Ich war wieder auf den letzten Drücker, sprang in den nächsten DriveNow-Mini und bekam von Tom kurz nachdem ich losfuhr die Nachricht, dass er in 15 Minuten da sei. Also auch nicht ganz pünktlich. Herrlich! Diese Information ließ mich dann etwas entspannter fahren. Als ich im Restaurant ankam, saß er schon da. Und kaum saßen wir dort zusammen auf der Terrasse, war es so, als wäre es das Normalste auf der Welt. Von Anfang an verlief das Gespräch mindestens so vertraut wie unter Kollegen, die bereits mehrere Jahre zusammenarbeiten und sich gut leiden können. Der Ort war wie für ein ruhiges Gespräch gemacht. Eine Terrasse, mitten in der Altstadt-Nord, umgeben von hohen Bäumen und schönen alten Gebäuden. Breite Straßen, schönes Wetter… Nach ein paar Minuten waren wir mitten im Gespräch, mitten im Leben, sprachen über unsere Kinder, wir haben beide ein Kind, er einen Sohn, der ein Jahr älter ist als meine Tochter, und wir erzählten und erzählten. Doch, doch, über die Kunst wurde auch gesprochen. Aber das Thema war nach 20 Minuten abgehandelt. Zumindest für uns, jetzt.

Puh, was soll ich sagen? Der Grad der Vertrautheit erweiterte sich automatisch. Fotos der Kinder wurden gezeigt, wir beide mächtig, prächtig stolz. Ich habe natürlich gewonnen, haha, und die Sommerferien stehen bevor und die Pläne für den Urlaub stehen schon fest: er fährt mit seinem Sohn nach Südfrankreich an die Atlantikküste zum Surfen, ich mit Jona und dem Rest meiner Familie, also meiner Mutter und meinen Brüdern und deren Familien, zu meiner Schwester in die Schweiz. »Das finde ich ja toll, so ein reiner Jungs-Urlaub. Den ganzen Tag auf dem Wasser, surfen«, meinte ich und bemerkte noch, dass das manchmal sinnvoll sei, weil ich auch die ein oder andere Frau kenne, die sich alleine am Strand auf Dauer langweilen würde. Bevor es da Ärger im Urlaub gibt. Immerhin konnte ich auf eigene Surfurlaubserfahrungen zurückgreifen, wohlgemerkt als Surferin. Aber am Strand war durchaus die ein oder andere einsame, wartende Seele mit sehnsüchtigem oder auch gelangweiltem Blick auf das Wasser anzutreffen… »Nein, nein. Ich fahre mit meinem Sohn schon das zweite Jahr alleine dorthin. Meine Frau und ich haben uns letztes Jahr an Weihnachten getrennt.« Mein erstauntes Gesicht brachte ihn dann wohl dazu, mir die Hintergründe zu schildern, wobei – den Ehering trug er ja noch. Immerhin wohnten alle drei noch unter einem Dach und ich meinte daraufhin zu ihm, es könne nicht schaden, vielleicht doch noch mal als Paar genauer auf die gemeinsame Verbindung zu blicken, wenn man ein halbes Jahr nach der eigentlichen Trennung noch den Ehering trägt und unter einem Dach wohnt. Da wird doch irgendetwas sein, was diesen Zustand aufrechterhält. Und das könnten zigtausend Gründe sein: oftmals gibt es Gründe, die man vielleicht einfach nicht erzählt? Die man selber nicht richtig in Worte fassen kann? Gründe, die andere nichts angehen oder die vielleicht auch ganz gerne unter den Tisch gekehrt werden? Und manchmal wird einem vielleicht erst durch ein Gespräch mit einer Person, die außerhalb dieser Sphäre steht, bewusst, was man da eigentlich die ganze Zeit treibt. Ein bisschen Glück gehört eben auch dazu…

»Darf ich Ihnen die Speisekarte bringen?«, wurden wir höflich von einem der netten jungen Kellner unterbrochen. »Ja, oder?«, fragte mich Tom. »Hast du denn überhaupt Zeit?«, fragte ich zurück. »Den ganzen Abend.« Wir beide grinsten, ließen uns die Speisekarte geben und bestellten. Das Gespräch lief weiter und weiter und weiter und schließlich entschuldigte er sich kurz. In der Zwischenzeit ließ ich meinen Blick in der Umgebung umherwandern. Sehr schön ist es hier, stellte ich für mich fest und schwelgte in der Idee an eine großzügige Wohnung für Jona und mich, mitten in der Stadt, als mich nach einiger Zeit und ganz kurz sanft seine Hand an meiner Schulter berührte. Ich schaute zu ihm hoch, wir lächelten uns an und erzählten weiter.

Ich wurde erst kürzlich daran erinnert, wieder mehr auf mein Bauchgefühl zu achten. Zu lange hatte ich versucht, mir immer wieder Dinge rational zu erklären, weil ich gespürt hatte, dass etwas nicht stimmt. Und anstatt einfach meinem Gespür zu folgen und für mich festzustellen, dass mir dieses und jenes nicht guttut, bin ich weiter auf die Suche nach Erklärungen gegangen, obwohl mir mein Bauchgefühl schon lange vorher eindeutige Warnsignale gesendet hatte. Und hier, Gott sei Dank in einem völlig anderen Zusammenhang, stellte ich einfach so aus dem Bauch heraus fest, dass ich mich wohlfühlte, in dieser Umgebung und in seiner Gegenwart.

Ich stellte meinen Kopf etwas schräg und schaute mir mein Gegenüber an, wie er sein Glas Grauburgunder hielt und schließlich seine Trüffelnudeln genüsslich und achtsam aß. Das Gespräch blieb lebendig – und weiter ging es. Das Essen wurde gegenseitig gekostet und ausgetauscht, mein Wienerschnitzel war definitiv für mich alleine zu groß, also wanderte ganz selbstverständlich ein großes Stück Schnitzel auf seinen Teller. Lecker, nicht wahr?

Mein Handy klingelte. Es war 21.30 Uhr und meine Tochter rief an. Oh Gott. War es denn schon so spät? Rasch ging ich an mein Handy, vertröstete mein Kind und versuchte, es mit Informationen über Toms Sohn etwas abzulenken. Die Kinder kennen sich doch sicher über Facebook oder so, und das Angebot, sich schon mal in mein Bett zu legen, war dann für Jona auch okay. So lange werde ich sicher nicht mehr bleiben.

Es wurde etwas kühler und ich zog mir meinen Strickmantel über. Der Abend verflog, Jona rief noch dreimal an und auf einmal standen die jungen Kellner um uns herum, alles war bereits aufgeräumt, und warteten… und warteten… und vermutlich viel zu spät bekamen auch wir das mit, zahlten und bestellten ein Taxi. Schon halb eins. Wir mussten, wie wir nun wussten, in dieselbe Richtung. »Das war ein sehr schöner Abend, vielen Dank«, sagte ich und hörte mich weiter sagen, dass ich mich mit ihm sehr wohlgefühlt habe. »Komm, noch einen letzten Absacker auf dem Weg, okay?«, fragte er erwartungsvoll und ich stimmte mit einem »Aber wirklich nur kurz« zu. Jetzt kam es auf zwanzig Minuten auch nicht mehr an.

Die Taxifahrt zur kleinen Bar in der Maastrichter Straße machte riesigen Spaß. Im Radio lief »Love Never Felt So Good« von Michael Jackson und Justin Timberlake und ich schwärmte von diesem Disco-Hit, er sei so schön beschwingt. Wie wir… Also, langweilig ist es mit ihm nicht. Mit Tom. Zum Pferdestehlen. Außerdem findet er das Lied auch gut, was per se Pluspunkte zu dieser Stunde erzielte, und die Einladung zu seiner Geburtstagsparty im Oktober, zu seinem 50., wurde direkt hinterhergeschoben. »Du musst unbedingt kommen. Das wird eine richtig coole Party. Im Cage. Wie früher in den Clubs.« Ich nahm die Einladung gerne an und schwupp, standen wir vor der Bar.

Was schreibt er denn? Mir wird ganz warm…

19.06.2014, 3:04, Tom: Bin zu Hause, hab mir noch ein Glas Wein eingeschenkt, höre Love never felt so good, tanze und denke an Dich und den wunderbaren Abend.

19.06.2014, 3:06, Nina: Herrlich!! Tanz bitte für mich eine Runde mit!! Es war wirklich schön mit Dir. Morgen lade ich mir auch erst mal das super Lied runter. Also, Du, hab noch schöne Gedanken und genieße Deine Zeit.

19.06.2014, 3:09, Tom: Das mache ich. Glücksmomente muss man genießen.

19.06.2014, 3:11, Nina: Hmmmmmhhh… schööön. Ich tanze in Gedanken mit Dir und sende Dir noch ein Lächeln. Schlaf später gut!

19.06.2014, 3:14, Tom: ? Schlaf auch gut, werde noch etwas aufbleiben.

19.06.2014, 3:16, Nina: ?? Frage offen?

19.06.2014, 3:17, Tom: Nee, keine Fragen offen. Tippfehler, aber doch eine Frage: Lust auf Surfen in Hossegor?

Und schon rieselt es Fotos von Hossegor: sein Sohn auf den Wellen, der Ort, das Ferienhaus, das Café de Paris, DIE Institution in Hossegor seit mindestens 30 Jahren, wenn nicht länger, der Marktplatz, die Austernbude, Austern für einen Euro usw. usw.

Niedlich. Was ist da eigentlich passiert vor zwei Stunden?

Ja, doch, dass er mich mochte, konnte sogar ich erkennen. Und ein bisschen Flirten macht ja auch Spaß. Die beiden Flaschen Grauburgunder, die wir im Restaurant getrunken hatten, übrigens auch. Und so landeten wir, nachdem wir aus dem Taxi ausgestiegen waren, in dieser netten kleinen Bar. Rappelvoll war es und wir hatten Glück, gerade noch so, etwas eingequetscht, einen Stehplatz an der Theke zu ergattern.

Witzige kleine Bar, denke ich mir. Hier war ich vorher noch nie. Ich halte mich an meinem Drink fest. Und das war weise, denn irgendwo hätte ich mich ohnehin festhalten müssen, als mich auf einmal Toms Hand an meinem Unterarm berührt. OMG!! Ein Kribbeln macht sich in mir breit und mir scheint, als befinden sich zigtausend klitzekleine Funken, die leicht kitzeln, unter meiner Haut. Darauf folgt ein heftiger Adrenalinschub, mir wird ganz heiß, und im nächsten Augenblick bekomme ich etwas Panik, denn ausgerechnet die Hand mit dem Ehering am Ringfinger springt mir in diesem Augenblick ins Auge. »Das geht nicht«, meine ich und schaue in seine Augen, dann wieder auf seine Hand. »Sowas habe ich noch nie gemacht«, sagt Tom. Und, warum auch immer, glaube ich ihm das auch noch. Dennoch: ich muss gehen, denke ich mir… Ich muss gehen. Ich muss hier raus. Ich werde jetzt draußen noch eine rauchen, mich für den wirklich super schönen Abend bedanken, werde mich verabschieden und in ein Taxi steigen. Und natürlich kommt er mit raus, eine rauchen, und auf dem Weg nach draußen gehe ich brav meinen Text durch, der durchkreuzt wird von zigtausend anderen Gedanken. Was war das denn? Das geht doch wirklich nicht. Und eigentlich will ich das auch nicht. Ein verheirateter Mann. Ein so netter Mann. So ein lustiger Mann, so ein interessanter Mann, so ein geerdeter Mann, so ein rundum angenehmer Mann, so ein immer noch nicht richtig getrennter Mann… Draußen vor der Bar stehen wir uns gegenüber, kramen unsere Zigaretten aus den Jacken, zünden sie an und schauen uns in die Augen. Ich muss lachen. Eine ganze Zigarettenlänge schaffe ich es tatsächlich, noch über irgendetwas zu plaudern und anschließend auch noch die mir ins Kurzzeitgedächtnis gehämmerte Verabschiedung aufzusagen. Ich lobe also den mehr als gelungenen Abend, möchte ihn zum Abschied kurz umarmen, mache das auch, aber nicht kurz, weil ich festgehalten werde. Okay, dann Küsschen links und Küsschen rechts, und noch mal, wie in der Schweiz? Und was passiert? Er küsst mich, wir küssen uns, auf den Mund, nicht kurz, ganz lang, ganz sanft, ganz vorsichtig tasten wir uns heran, halten uns fest, fühlen dabei unsere Rücken, unsere Arme, unsere Hände und ich bin überrascht, wie unwahrscheinlich gut er sich anfühlt. Seine breiten Schultern, seine starken, festen Oberarme. Dabei ist er doch relativ klein. Also nicht wirklich klein. Aber eben nicht größer als ich mit meinen hohen Absätzen, und wir küssen uns weiter und unsere Umarmungen werden fester, als ob sie uns sagen wollen, ihr beide gehört zusammen. Und ehrlich gesagt, fühlte es sich in diesem Augenblick auch genauso an. Das ist sicher etwas Biologisches, denke ich mir und genieße es dennoch, ihm so nahe zu sein. Spricht da die Alchemie? Was ist da los? Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, bis wir, zwar immer noch eng umschlungen, mitten auf dem Bürgersteig, uns ansehen, zulächeln und wissen, dass wir jetzt nach Hause müssen.

20.06.2014, 17:56, Nina

Die letzten Wochen hatten wir nur schönes Wetter. Ein richtiges Sommergefühl hat sich in der Stadt ausgebreitet, getragen vom WM-Hype und mitfiebernden Fans, die meist vor den Kneipen sitzen und gebannt auf große Leinwände starren. Der warme Asphalt duftet zwischen den alten Häusern in der Südstadt und endlich können alle ihre leichten Sommerklamotten tragen. Die Stadt ist wirklich hübsch anzusehen. Und mittendrin gehe auch ich durch die Straßen Kölns, um mich mit einer Freundin zu treffen.

So eine Verabredung mit einer Freundin ist herrlich und man kann über alles reden, alles ist Thema: der Mann oder auch der Ex-Mann, die Kinder, der Job, das Haus, der Flirt, das Restaurant, die neue Bar, die neue Ausstellung, das Theater, das Buch, die Bücher, das Parfum, die Fingernägel, die Handtasche, die Haare, der Flirt, ach so, hatte ich ja schon. Aber macht ja nix.

Und es ist auch wohltuend, sich mit einer Freundin zu besprechen. Ein reger Austausch, einem langen Tauchgang gleich, am liebsten stundenlang. Wie ein eingespieltes Team, wenn da nicht der Babysitter wäre, oder die Familie, oder die Arbeit oder sonstige Verpflichtungen, wie Fahrdienste zum Hockey, Tennis, Hip-Hop, Flöte und zurück, könnten wir durchaus länger weitererzählen. Ein Thema gibt es immer.

Heute Abend treffe ich mich mit Katharina. Und kaum sehen wir uns, geht es auch rege los. Wir hatten uns längere Zeit nicht mehr gesehen und da gibt es wirklich viel zu erzählen. Und sicher erzähle ich auch von Tom, von vorgestern Abend und gestern und heute.

Nach dem Abend im Nada und unserem nächtlichen Chat, bekam ich gestern Vormittag wieder eine Nachricht von ihm. Dass der Vorabend noch nachschwinge und es ein schönes Gefühl sei. Wir chatteten kurz weiter, neue Fotos wurden ausgetauscht. Heute Nachmittag kam dann die Frage, ob ich abends noch was machen würde. Er sei in der Stadt unterwegs. Ja, ich auch, ich treffe mich mit einer Freundin. Und Katharina und ich sind gerade ins Gespräch eingetaucht, da entdecke ich Toms Nachricht.

20.06.2014, 21:47, Tom: Bin jetzt im Balthasar in Sülz und gucke Fußball, machst Du später noch was?

Ich greife kurz zum Handy und schreibe zurück:

20.06.2014, 22:27, Nina: Sitze noch in der Südstadt. Tja, mache ich noch was? Wolltest Du mich noch zu ’nem Drink einladen?

20.06.2014, 22:59, Tom: Ja.

20.06.2014, 23:02, Tom: Salon Schmitz?

Okay, denke ich mir, dann weiß ich ja Bescheid. Und wie das so ist, ins Gespräch vertieft, deshalb haben Katharina und ich uns ja auch verabredet, vergehen Zeit und noch mehr Worte so schnell wie ein Wimpernschlag. Mein Handy vibriert. Lautlos. Tom ruft an. »Und? Wie sieht es aus? Bist du noch in der Südstadt?« Und ich antworte kurz und wir verabreden uns für später im Salon Schmitz. Ich schreibe Dir dann, wenn ich im Taxi sitze, schicke ich noch hinterher.

Gesagt, getan. Wie schön der Sommer ist, solange die Sonne scheint. Aber abends kühlt es sich dann doch etwas ab. Erst als ich im Taxi sitze merke ich, wie kalt mir geworden ist. Ich bibbere richtig. Als ich im Salon Schmitz ankomme, als Erste von uns beiden, bestelle ich mir erst einmal einen Tee, zum Auftauen.

21.06.2014, 00:15, Tom

Ich springe schnell ins Taxi. Jetzt sehe ich sie tatsächlich noch. Gott sei Dank habe ich einen guten Taxifahrer. Nicht so eine Schnarchnase. Oh Gott, das wär’s ja jetzt. Nein, ich habe Glück und der Taxifahrer fährt angenehm zügig. An der Aachener Straße angekommen, bezahle ich und springe aus dem Wagen. Ist ja dann doch ein bisschen aufregend. Als ich durch die Scheiben gucke, sehe ich Nina dort schon sitzen. Schön! Und kaum betrete ich den Salon, schaut sie zu mir rüber und begrüßt mich mit ihrem Lächeln. Es sind auch noch andere Leute da, die ich kenne oder die sie kennt, aber ich habe jetzt nur Augen für sie. Die Zeit vergeht wie im Flug und ewig können wir leider, wie schade, nicht bleiben. Wir zahlen und gehen auf die Straße, um nach einem Taxi Ausschau zu halten. Es kommt aber keins. »Lass uns mal zur Ecke Brüsseler gehen. Da kommen immer Taxen«, schlage ich vor und greife nach ihrer Hand. Also gehen wir Hand in Hand mitten auf der Aachener Straße Richtung Brüsseler und ich kann nicht anders, als sie zu mir zu drehen, in den Arm zu nehmen und sie zu küssen. Und wir küssen uns und es ist der Wahnsinn. Wir schauen uns an und gehen noch ein Stückchen weiter. An der Ecke Brüsseler warten wir dann doch noch ein paar Minuten. »Jetzt haben wir uns viel erzählt. Aber eigentlich weiß ich trotzdem nichts von dir. Ich glaube, ich müsste mal Josef Matula auf dich ansetzen«, meint Nina zu mir, während ich sie in meinen Armen halte. Es wird nachts doch ganz schön frisch. »Kannst du gerne machen. Ich habe keine Geheimnisse.« Ein Taxi kommt, wir steigen ein und kennen die Route, es ist dieselbe wie vorgestern: erst raus nach Junkersdorf, Nina absetzen, dann weiter nach Lindenthal zu mir, nach Hause.

Das Taxi wird für die knapp 15-minütige Fahrt unser kleiner privater Kosmos. Ich nehme Nina in den Arm, ziehe sie ganz nah an mich und es fühlt sich harmonisch und vertraut an, so, wie es sein soll, so richtig. Wir küssen uns zwischendurch und erzählen. Hauptsache nah beieinander. Und schon ist die Fahrt wieder zu Ende. Nina steigt aus und ich muss weiterfahren. Jetzt also wieder zurück nach Lindenthal. Nach Hause… Und ich merke, dass es heute nicht ganz so schlimm ist wie sonst, weil ich so schöne Gedanken habe und die Situation zu Hause in den Hintergrund gerückt ist. Es werden sowie schon alle schlafen, sogar der Hund. Wenn ich bedenke, wie oft ich mich nachts noch herumgetrieben habe, um bloß noch nicht nach Hause zu müssen. Da gab es Stammtischabende mit meinen Jungs, die ohnehin schon länger gehen. Aber nicht mehr so lange wie früher, wir werden ja alle langsam älter. Und ich wollte partout noch nicht nach Hause. Andere Kneipen auf dem Weg waren dann auch schon zu und so ging ich lange Umwege, bis ich schließlich doch nicht umhinkam, schlussendlich heimzugehen. Vor der Haustür zu stehen und es dreht sich fast der Magen um, ist kein angenehmes Gefühl. Dann die zwei Stockwerke hoch, Wohnungstür auf. Tja, der eisige Wind, der hier herrscht, selbst wenn alles schläft, ist ätzend. Aber heute kann mich der eisige Wind mal kreuzweise. Schön ist es natürlich dann immer noch nicht, und am nächsten Morgen sind dann ja auch alle wieder wach. Auch der Hund. Aber egal.

Oben in der Wohnung angekommen, gieße ich mir noch ein Gläschen Wein ein, setze mir die Kopfhörer auf und höre noch etwas Musik. Ich kann gar nicht anders, als an Nina zu denken und schreibe ihr noch ein paar Zeilen. Ich fühle noch immer die Berührungen und finde es einfach unglaublich, wie vertraut wir miteinander umgehen. Ich bekomme auch schnell eine Antwort und schlafe später ganz entspannt und ruhig ein. Wie immer an solchen Abenden, auf dem Sofa.

Das Wochenende vergeht dann auch irgendwie. Gott sei Dank ist WM und wir sind bei Freunden zum Fußballgucken. Dann geht es sowieso um die Sache, um das Quatschen mit Freunden und vor allem darum, das Spiel zu gucken.

Trotz aller Ablenkung sind meine Gedanken bei Nina. Wie gerne würde ich sie jetzt sehen. Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass sie mir nicht zwischendurch geschrieben hat. Ich ihr aber auch nicht. Ich möchte mich ja auch nicht aufdrängen oder so…

Der Fußballabend läuft nach dem aufregenden Spiel noch etwas weiter und schon ist Sonntag. Die Sonne scheint und ich muss einfach raus hier, an die frische Luft. Ich ziehe meine Laufsachen an, setze die Kopfhörer auf, drehe die Musik etwas lauter und los geht’s. Eine große Runde, das sind rund 14 Kilometer. Ich merke, wie gut mir das Laufen tut. Wenn ich erst einmal meinen Laufrhythmus gefunden habe und die Luft tief einatme, dann könnte ich immer weiterlaufen. Die gute Musik und das Bombenwetter tragen mich regelrecht durch den Stadtwald und meine Gedanken wandern während des Laufens automatisch Richtung Junkersdorf, wo Nina wohnt. Sie geht ja auch joggen, hat sie erzählt. Das ist überhaupt die Idee! Wir könnten doch mal zusammen joggen gehen. Das nächste Mal frage ich einfach. Nina hat mir erzählt, dass sie fast jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, also bis in die Südstadt. Eine Strecke sind schon so neun bis zehn Kilometer. Auch nicht schlecht. Das Beste ist, dass sie dann jedes Mal fast bei mir zu Hause vorbeifährt. Und wir sind uns nie über den Weg gelaufen, obwohl ich morgens mit Konrad etwa zur selben Zeit vom Joggen zurückkomme. Ich glaube ja, dass ich sie einmal gesehen habe. War auch ein toller Anblick: Frau, lange braune Haare, Mountainbike und hohe Hacken. Sportlich. Nicht schlecht. Das ist mir aufgefallen. Das war sie bestimmt. Glaube ich.

Nach dem Joggen springe ich unter die Dusche und dann mache ich erst mal nichts mehr. Nächste Woche gibt es so viel zu tun und heute ist der einzige Tag, an dem ich noch etwas ausruhen und Energie tanken kann. Chillen nennt man das ja heute. Mein Handy schweigt, zumindest bekomme ich keine Nachricht von Nina. Aber in meinen Gedanken ist sie ganz nah, steht vor mir und trägt nur einen weißen Bademantel, lächelt mich an und löst dabei langsam die Schlaufen. Der Bademantel öffnet sich leicht und gleitet erst an ihren Schultern und dann an ihren Hüften und Beinen herab. Was für ein Gedanke und was für ein Gefühl. Manchmal kommen mir einfach solche Gedanken zugeflogen. Ich möchte Nina berühren, spüren. Ich greife zu meinem Handy. Immerhin ist das die Möglichkeit, mit ihr jetzt Kontakt zu haben. Also erkundige ich mich nach ihrem Wochenende und berichte, was ich gemacht habe. …Vielleicht sehen wir uns ja morgen früh, wenn Du mit dem Rad vorbeikommst? LG, Tom. Das wäre ja schon schön.

Sie hat mir dann geantwortet, aber erst am Abend. Ihr Wochenende verlief wohl ähnlich und … liebe Grüße und ja, vielleicht.

Es ist schon irgendwie verzwickt. Erst zwei Tage später schreibe ich ihr wieder. Sie antwortet erst am nächsten Tag und fragt mich, was ich jetzt machen würde. Kurz und knapp. Ich antworte ihr und erzähle vom Aufbau für den Event am Samstag. Da ist noch so einiges zu tun. Oh Mann, nicht, dass sie mir durch die Lappen geht.

27.06. bis 03.07.2014, Nina

Nun bekomme ich über WhatsApp ab und an, sagen wir mal, Tagebucheinträge. Männer berichten ja gerne über das, was sie so machen. Tom macht das anscheinend auch gerne. Da kommen dann Nachrichten wie:

22.06.2014, 17:07, Tom: Hattest Du oder besser hast Du noch ein schönes WE? War gestern Abend bei Freunden Fußball gucken und heute hänge ich ab, chillen heißt das ja. War aber auch joggen heute, große Runde bei schönem Wetter und guter Musik. Vielleicht sehen wir uns ja morgen früh wenn Du mit dem Rad vorbeikommst. Lg Tom

24.06.2014, 22:36, Tom: Puh, langer Tag geht zu Ende. Heute Morgen um 7 Uhr schon gejoggt, dann Termine, Termine, Termine und heute Abend noch in der Halle in Ehrenfeld zu ersten Aufbauten für unseren Event am Samstag. Wird sehr schön, sind noch Plätze frei. Lg Tom

Termine, Termine, Termine… Ich muss ein wenig schmunzeln: der Ärmste. Was soll ich denn mit diesen Informationen? Ja, kann ich mir denken, dass er viel zu tun hat. Haben wir alle, nicht wahr? Abgesehen davon haben diese Tagebucheinträge nichts mit dem zu tun, was wir, zumindest bisher, miteinander ausgetauscht haben. Da waren schöne Gespräche, witzige Dialoge, interessante Geschichten, es knisterte unheimlich. Die ersten Chats, die wir miteinander ausgetauscht haben, fanden allerdings auch in der Nacht statt. Also zu späterer Stunde und unter leichtem Alkoholeinfluss. Vielleicht liegt ja hier der Hase im Pfeffer. Nach unseren beiden ersten Abenden war die Stimmung natürlich aufgewärmt und die Nachrichten wurden persönlicher. Und nun kommen tagsüber kleine Berichte über den Verlauf seines Tages. Das könnte er jedem erzählen: seiner Mutter, seinem Sohn, dem Postboten, was weiß ich wem. Jedem eben. Und nun soll ich also Empfängerin dieser Berichte sein. Was genau stört mich denn nun daran? Vielleicht fehlt mir ein wenig Esprit? Ja, sicher ist das nett, wenn er seine Erlebnisse mit mir teilen möchte. Deshalb habe ich ihn auch neulich per WhatsApp gefragt, was er denn JETZT machen würde… Ich muss lächeln. Ja, das war ein bisschen gemein.

Vielleicht fehlt mir etwas mehr Witz an der Sache? Aber auch nicht schlimm. Erst mal gucken, was das gibt. Denn damit habe ich ja nun mal gar nicht gerechnet. Dass mir so etwas passiert? Niemals. Meine Freunde haben zwar gesagt, dass ich gaaanz schnell jemand Neues kennenlernen werde, nach meiner Trennung im März. Aber genau das wollte ich ja eben nicht. Keinen »Neuen«. Überhaupt nie mehr einen »Neuen«. Der Gedanke daran war schon gruselig. Nein, viel lieber wollte ich alleine bleiben. So richtig habe ich mich auch noch nicht erholt von dem ganzen Ärger, den ich erlebt habe. Das passiert mir sicher nicht noch mal. Auf gar keinen Fall. Natürlich gehören leider immer zwei dazu. Ich ab jetzt nicht mehr. Basta. Gerade jetzt, wo ich alles einigermaßen verarbeitet habe und es mir wieder gut geht. Der Elan, mein Elan, ist wieder zurück. Und da taucht, buchstäblich aus dem Nichts, auf einmal Tom auf. Und ich denke mir auch noch, wie angenehm. Ich bin hin- und hergerissen. Wo soll das hinführen? Vielleicht bleibt es bei einer schönen Ablenkung? Und doch berührt er etwas in mir. Ehrlich gesagt freue ich mich mehr über die Tagebucheinträge, als ich mir eingestehen möchte. Was würde ich einer Freundin in einem solchen Fall sagen? Lass es einfach mal laufen. Und es läuft… weiter.

Meine Freundin Nico gab mir schmunzelnd den Tipp, ein bestimmtes Buch zu lesen. Ein Buch, das angeblich schonungslos die Methoden der Bad Boys, der Fremdgeher, der Parallelleben-Inhaber, der Noch-nicht-bereit-Experten, der Alle-zwei-Wochen-Männer, der verheirateten Männer, der Komme-gerade-aus-einer-Beziehung-Kerle und der unvermeidlichen Dr. Kimbles auf der Flucht entlarvt. Ebenso schmunzelnd nehme ich den freundschaftlichen Tipp entgegen, denn insgeheim denke ich mir, dass ich bereits mit fast all diesen Männertypen meine Erfahrung gemacht habe. Allerdings gebündelt in einer Person. So kommt es mir im Nachhinein zumindest vor. Das reicht vollkommen. Und eigentlich habe ich auch gar kein Interesse, mich mit den unterschiedlichen Männertypen auseinanderzusetzen. Viel zu lange habe ich mich mit Männerpsychothemen auseinandergesetzt. Alleine den Gedanken daran finde ich sehr anstrengend. Das habe ich hinter mir und da möchte ich es auch lassen. Ich will auch erst mal schauen, was sich da überhaupt auftut. Einfach mal gucken und laufen lassen. Wenn er schreibt, kann ich doch mal zurückschreiben?

Und auf meine Frage, was er denn JETZT mache, bekomme ich tatsächlich eine freundliche Antwort. Insgeheim komme ich mir schon wieder etwas doof vor, weil ich eigentlich nicht so nett war, auch wenn er es anscheinend nicht gemerkt hat, und bemerke gleichzeitig, wie schön es ist, Antwort zu bekommen und auch ein Feedback auf all das, was ich während unserer Chat-Unterhaltung berichte – und sei es nur über die Musik, die mir gerade gefällt, ein neues Lied, das ich im Radio gehört habe, »When The Beat Drops Out« von Marlon Roudette. Und weil Tom mir von seiner Musikauswahl für seinen Event schrieb, schrieb ich dann von dem neuen Lied. Und was passiert? Er hört es sich direkt an und findet es auch schön. Das finde ich wiederum schön. Ich weiß, das ist total banal. Aber die Kleinigkeiten machen manchmal viel mehr aus, als man meint. Es sind oft die Nuancen in einer Nachricht, genauso wie Mimik, Gesten und Blicke während eines Gesprächs, die den Zauber ausmachen können. Vermutlich alles Kopfkino und selbstkreierte Wahrheit. Aber das ist doch gerade das Schöne. Gerade jetzt, wo es mir so gut geht und wir uns schreiben, wie gerne wir uns sehen würden. Wer sagt’s denn: geht doch! Also: einfach mal laufen lassen…

Am Abend vor seinem Event, der schließlich alles ins Rollen gebracht hat, hat Tom mich dann noch mal gefragt, ob ich nicht doch kommen wollte. Aber, unverändert konnte ich nicht, und ich hatte bereits seit Langem eine andere Einladung, die ich unmöglich hätte absagen können und wollen. Er versuchte dennoch weiter, mich zu überreden und zählte noch einmal auf, was alles geplant ist, was es alles geben und wer alles kommen wird… Viel zu viel wollten wir auf einmal berichten und so schnell konnten wir gar nicht schreiben… Also telefonierten wir. Er saß zu Hause auf der Terrasse, nachts um viertel nach zwölf, wir sprachen mindestens zwei Stunden, oder länger? Ich saß schließlich auch wieder auf meiner Terrasse, eingewickelt in eine kuschelige Decke und Tom am Ohr. Zwischendurch eine Mini-Unterbrechung: sein Sohn Felix kam nach draußen und fragte seinen Dad, mit wem er noch telefoniere. »Mit Nina«, antwortete Tom, ohne einen Augenblick zu zögern. Fand ich ehrlich gesagt gut. Keine Ahnung, wie die da miteinander wohnen. Aber mir wurde durch diesen kleinen Moment deutlicher, in welcher Situation sich Tom befindet. Ein Mann, der mit Frau, Sohn und Hund in einer Wohnung mit Terrasse lebt. Wie groß mag die Wohnung sein? Groß? Klein? Gibt es Ausweichmöglichkeiten? Also, kann man sich aus dem Weg gehen? Können die anderen mithören, wenn er telefoniert? Aber für ihn war es offensichtlich okay, mit mir zu telefonieren und das auch seinem Sohn zu sagen. Wir erzählten natürlich über den anstehenden Event und dann auch über die WM, über Fußball. Dabei habe ich, als Einzige meiner Familie, überhaupt keine Ahnung von Fußball. Ich muss lachen. Über Freundschaften haben wir uns dann auch noch unterhalten. Wie wichtig doch Freunde sind und wie viel sie uns bedeuten. »Sollten wir uns einmal treffen und ein Freund ruft an, weil er meine Hilfe braucht, muss ich sofort los«, berichtet mir Tom. »Ich würde dich auch dorthin scheuchen, wenn du keinerlei Anstalten machen würdest, sofort loszudüsen!«, erwiderte ich. Wir werden sehen, wann das passiert. Beeindruckt bin ich allerdings durchaus von seinen Stammtischjungs. 18 Männer um die Fünfzig, die sich seit über dreißig Jahren kennen, wenn nicht länger, teilweise schon aus der Tanzschule oder dem Fußballverein. Alle 18 Mann unternehmen einmal im Jahr, meistens vor Weihnachten, gemeinsam einen Städtetrip. Das Budget ist limitiert und alle reisen mit. Finde ich einfach toll.

So unterhielten wir uns länger und länger über alle möglichen Themen und nachdem ich dann doch die Uhrzeit und damit meine Müdigkeit bemerkte, verabschiedeten wir uns. Ganz vernünftig, obwohl wir noch lieber weitergesprochen hätten. Aber morgen, bzw. heute ist ja auch der Kunstevent. Da ist sicher noch einiges zu tun.

Wann sehen wir uns wieder? Erst mal gar nicht. Wir gingen davon aus, dass wir uns frühestens in einer Woche wiedersehen. Ich hatte für ein paar Tage in Bremen zu tun, er in Mailand, der Kunde aus Paris sollte kommen und ach, was weiß ich nicht alles. Viele Gründe, sich nicht zu sehen. Aber der Kontakt hielt. Unverändert. Auch während des Fußballspielspiels der Deutschen gegen Algerien. Ich war in Bremen und am Abend schließlich von 22 Nationaltrainern umgeben. Das Spiel zusammen zu sehen stand quasi auf der Tagesordnung und sollte den geselligen Teil der Veranstaltung ausmachen. Sehr lustig war es. Was habe ich gelacht an diesem Abend. Und dann bekam ich auch noch während der Halbzeit Nachricht von Tom, und dieses Mal habe ich ohne zu zucken direkt zurückgeschrieben. Ich war so gut gelaunt, dass es mir ganz leichtfiel. Und am nächsten Morgen bekam ich schon um kurz nach sechs Nachricht von Tom, er sei am Flughafen und warte bereits auf seinen Flug nach Mailand.

Wenige Tage danach saß ich bei meiner Nachbarin und Freundin Mara im Garten. Wir erzählten über dies und das, als ich plötzlich um viertel nach sieben eine neue Nachricht von Tom erhielt: ob ich heute Abend unterwegs sei. Was wir noch machen wollen, fragte ich etwas später, und er schrieb, dass er momentan am Brüsseler Platz sei und einem Freund die neuen Büroräume zeigen würde. Okay, dann also in einer Stunde. Ich legte das Handy wieder weg und griff Maras und meine Unterhaltung wieder auf. Mara war sozusagen live dabei. Und so ruhig ich blieb, so aufgeregt war plötzlich Mara: »Nina, du musst jetzt nach Hause, duschen, dich umziehen, schminken, alles!« Bitte? Was für eine Aufregung. Vor allem: wofür? Ich blieb unverändert ruhig und wollte jetzt nicht sofort aufstehen und vor allem nicht so einen Zauber veranstalten. Nina pur, lautete mein Programm. Jetzt bloß keinen Wirbel machen. Aber Mara schickte mich nach Hause und ich sollte wiederkommen, wenn ich fertig bin. Gesagt, getan. Eine andere Jeans hatte ich mir angezogen und einen dunkelblauen Strickmantel drüber, weil es abends schon wieder frisch wurde, hohe Schuhe, wie immer. Okay, Puder und Mascara wurden aufgefrischt. Aber mehr wollte ich nicht unternehmen. Bloß keine Show. Bloß nicht zu viel Aufwand. Und im Schlamm hatte ich mich zuvor auch nicht gewälzt.

Sicher frischt frau vielleicht ein wenig die Lippenfarbe auf. Aber ich wollte einfach so gesehen werden, wie ich bin. Nicht anders, sondern genau so, keine andere wollte ich sein. Viel zu lange hatte ich das starke Gefühl, dass an mir herumgemodelt wurde. Und viel zu lange hatte ich mich dem ausgesetzt. Dazu zählte meines Erachtens auch der Versuch meines früheren Partners, meinen Look komplett umzukrempeln. Zumindest sprach er sehr gerne von seinem favorisierten Outfit für mich: einem schwarzen Rock und einer weißen Bluse. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Ex-Mann sehr von seinem Geschmack überzeugt war und daher auch davon ausging, dass sein Geschmack der absolute war. Daher war es im Nachhinein betrachtet totaler Quatsch, mit ihm darüber diskutieren zu wollen. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

Einmal waren wir zu einer Karnevalsparty eingeladen, die das Motto »Luden und leichte Mädchen« hatte. Oje, wer kommt bloß auf sowas? Er lieh sich von einem Freund ein entsprechendes Outfit mit fetter, goldener Fake-Rolex, Porsche-Brille mit Eighties-Farbverlauf-Gläsern, schwere goldene Ketten zu buntem, weit geöffnetem Hemd. Ich fragte mich dann laut, was ich denn wohl anziehen könnte. Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: schwarzer Rock und weiße Bluse. Ich lächelte und sagte, weil ich zunächst dachte, er hätte mich nicht richtig verstanden: »Nein, für die Karnevalsparty. Ich muss doch wenigstens ein bisschen nuttig aussehen«, und ich grinste weiter. Verkleiden macht ja auch so viel Spaß. Ich erinnerte mich an den Film La Boum – die Fete, wo Sophie Marceau als 15-jährige Vic, als Bordsteinschwälbchen verkleidet, mehr wackelnd als schreitend, auf sehr hohen Absätzen und in pinkfarbenen Glitzerhot-pants, mit ihren Freunden über eine Straße mitten in Paris läuft, als prompt ein potenzieller Freier im Auto neben ihr anhält und fragt: »Wie alt?« Die Jungs aus ihrer Klasse vertreiben ihn dann lauthals. Herrlich. Meine Teeniezeit!

Aber meine lustigen Gedanken wurden sofort weggeschubst von dem todernsten Gesicht meines Gegenübers. Ich glaube, er fand das alles überhaupt nicht witzig. Vermutlich hatte er angenommen, dass ich sofort seinem überaus stilsicheren Vorschlag ohne Widerworte zustimme, vor allem, um ihn glücklich zu machen.

Scheinbar setzte er voraus, dass ich ihm in jeder Hinsicht gerecht werden sollte. Zu allem Übel waren mir diese Gedankengänge schlichtweg fremd. Mir war nicht bewusst, dass wir uns in einem hierarchisch angelehnten Über-/Unterordnungsverhältnis befanden. Und meine Versuche, ihm den Kontext noch mal zu erklären – Karneval – Party – Motto –, vielleicht ein Look aus dem Billy-Wilder-Film »Irma la Douce«? – und die Diskussion, die sich daran anschloss, wurden mir noch Jahre später vorgeworfen.

Lange genug, wie mir erst nach und nach klargeworden ist, fühlte ich mich ständig in einer Abwehrhaltung, als ob mir jemand immer wieder eine Zwangsjacke verpassen wollte. Und dann schien es so, als hätten meine Abwehr, meine Widerworte, meinen Ex-Mann fuchsteufelswild gemacht – dass ich das einfach nicht verstehen wolle und auch noch Widerworte gebe! Zumindest könnte das ein Grund seiner Wut gewesen sein. Wenn ich das also im Nachhinein richtig verstanden habe, dann hätte meine Glückseligkeit quasi nur darin bestehen sollen, ihn zufriedenzustellen. Daher hätte ich mich unter anderem auch in seinem Sinne »stilgerecht« kleiden müssen. Auch auf einer Motto-Party. Tja. Dass ich das einfach nicht kapiert habe…

Diese ganze Art hatte für mich nichts mit einem respektvollen Miteinander zu tun und entsprach auch überhaupt nicht den Werten, die mir zu eigen sind. Eine gesunde Hinterfragung war wohl seines Erachtens absurd. Ein offener Umgang mit anderen Meinungen wahrscheinlich per se ausgeschlossen.

Ich muss schmunzeln. Ich denke gerade an meinen Vater. Ich könnte mir gut vorstellen, dass mein Vater, der stets ein sehr guter Analytiker war, diese »Attitüde« als geistige Unbeweglichkeit bewertet hätte.

Also, das ist Gott sei Dank vorbei. Daher bitte nur ein leichtes Make-up und Jeans. Coole Jeans, versteht sich. Meine Tochter Jona hatte mich beim Kauf wunderbar beraten.

Als ich nach einer Stunde wieder bei Mara saß, fragte sie mich umgehend: »Wo trefft ihr euch denn gleich?« »Keine Ahnung«, antwortete ich kurz. »Wie, keine Ahnung. Hat er sich denn nicht noch mal gemeldet?« »Nein.« »Ja, wie?!« »Ja, Mara. Er hat sich noch nicht zurückgemeldet.« »Ja, dann ruf ihn doch mal an!« »Auf gar keinen Fall rufe ich ihn an«, war meine deutliche Antwort. Mara war ganz aus dem Häuschen und verstand die Welt nicht mehr. »Aber ihr seid doch erwachsene Menschen! Ihr wollt euch doch treffen?! Jetzt ruf da an!« Aber ich blieb bei meinem »Auf gar keinen Fall«. Niemals würde ich Tom jetzt anrufen. Ich war dabei ganz ruhig, saß mit meinem imaginären Krönchen auf meinem Haupt sehr gelassen bei meiner Freundin auf der Terrasse, absolut davon überzeugt, das Richtige zu tun. Mit einem wiederholten »okay… okay« versuchte sich Mara selber zu beruhigen und vor allem, ihre Freundin zu verstehen. Ich blieb sitzen, trank etwas, nahm mir eine Zigarette und rauchte ganz entspannt. Mara war immer noch etwas irritiert. »Er ruft schon an, wenn er mich gleich noch sehen möchte«, versuchte ich Mara zu erklären und vor allem zu besänftigen. Rollende Augen, gepaart mit tiefem Ein- und Ausatmen waren die Antwort. Eigentlich ja rührend. Aber ich konnte da jetzt unmöglich anrufen. Ich hatte ihm gerade bereits ein deutliches Signal gegeben. Von meiner Seite wollte ich da jetzt wirklich nicht nachhaken. Sollte er sich doch nicht mehr melden, Pech gehabt. Und zwar er. Alles gut. Und nach ein paar weiteren Zügen an meiner Zigarette vibriert es in meiner Tasche. »Das Handy klingelt… Schauen wir doch mal, wer das ist…«, meinte ich und zeigte schließlich Mara das Handy. Tom rief an. »Tadaaa.« »Nun geh auch dran!«, und ich ging ja dann auch dran und war etwa zehn Minuten später auf dem Weg. Mara mutierte zuvor kurzfristig zu meiner Mama und verordnete mir ein Taxi, schminkte mich noch mit ihrem »tollen Puder« nach und winkte mir schließlich zum Abschied. 50 Euro hat sie mir dann auch noch in die Hand gedrückt, weil ich zwischendurch erwähnt hatte, noch zum Bankautomaten gehen zu müssen. Meine Mara, wie großartig. Zumindest lief es ja dann doch noch irgendwie auch ein bisschen nach ihren Vorstellungen ab.

Nun bin ich also auf dem Weg zum Brüsseler Platz, sitze im Taxi und bekomme einen Anruf einer alten Freundin aus München, die sich danach erkundigt, wie es mir geht. »Gut geht es mir«, sage ich und denke mir, wenn die wüsste. Das Telefonat mit München begleitet mich bis in die Stadt und ich telefoniere immer noch, während ich mir beim Aussteigen einen ersten Überblick über den Biergarten vom Hallmackenreuther verschaffe. Man könnte meinen, ganz Köln hätte sich hier versammelt. Der Platz ist voller Menschen, die den Abend nutzen, um sich draußen im Biergarten mit Freunden zu treffen und sich bei einem leckeren Kölsch oder einem Wein zu unterhalten. Die Geräuschkulisse besteht aus einem gleichmäßigen Gemurmel. Lichterketten hängen zwischen den Ästen der umgebenden Bäume. Ich schaue mich weiter um und entdecke Tom in etwa zwanzig Meter Entfernung. Da sitzt er, zusammen mit einem Freund und mit dem Rücken zu mir. Und während ich allmählich das Ende des Telefonats einläute, dreht er sich zu mir um, sieht mich, lacht und winkt mir zu. Er konnte mich unmöglich gehört oder vorher gesehen haben.

Schließlich sitzen wir zusammen. Sein Freund Charly stellt sich in sechzig Sekunden vor und ich steige darauf ein, weil ich es lustig finde. Nach gut zwei Minuten haben wir also zumindest einen kleinen Eindruck voneinander. Tom schaut sich das Spielchen amüsiert an und als ich ihn kurz von der Seite ansehe denke ich, mich trifft der Schlag: Er sieht so entspannt und cool aus, so gut gelaunt und lässig. Huijuijuiih. Der gefällt mir. Nun gut. Wir erzählen, und ich bemerke, dass die Männer schon mindestens das dritte Glas Wein trinken. Die Stimmung ist sehr entspannt und weil wir alle spätestens um zwölf zu Hause sein müssen, denn morgen früh stehen jeweils wichtige Termine auf dem Programm, machen wir zusammen noch einen kleinen Schlenker in Toms neue Büroräume ganz in der Nähe. Wunderbare Räume sind das. Altbau, großzügiger Eingang, schönes Treppenhaus, eine tolles Büro, ich fühle mich mal wieder sehr wohl. Eine schnelle Führung folgt und dann die Idee, bei dem Freund noch einen kurzen Absacker zu nehmen. Aber wirklich nur kurz. Ob ich mit dem Auto da sei. Nein. Aber fahrtüchtig sei ich noch. Eine Rhabarberschorle haut mich nicht so schnell um. Also fahre ich mit Toms Auto und beiden Männern Richtung Agneskirche. Im Radio läuft ein gutes Lied und ich frage, ob ich die Musik lauter drehen dürfte. »Auf jeden Fall!«, meint Tom und dreht für mich am Lautstärkeregler. Herrlich. Nach zehn Minuten sind wir da, folgen Charly ins Haus und steigen erst einmal zig Stockwerke hoch, um dann schließlich in der Küche zu stehen. Wir haben Durst.

In einer fremden Wohnung gibt es immer vieles zu sehen. Natürlich viel Neues, und der Einladung, mich ruhig umzusehen, komme ich gerne nach. »Hier sieht es aus wie Kraut und Rüben. Aber hier sieht es noch besser aus als in der neuen Wohnung in Berlin«, erklärt Toms Freund, während er kleine Kerzen auf den Tisch stellt, dazu drei Gläser, und schließlich eine Flasche Wein öffnet. Sehr schöne Kunst hängt in der Wohnung. Charly heiratet bald und ich komme in den Genuss, seinen Hochzeitsanzug zu bestaunen. Und die passenden Schuhe dazu. Toms Freund meint, es fehle Musik. Er liebt französische Chansons und merkt dann selber, dass seine Gesangskünste nicht ganz das wiedergeben, was er uns jetzt gerne vorspielen möchte. Tom schaut manchmal zu mir, so, als wolle er mir sagen, wie schön er das jetzt hier findet. Und dann kommt Charly der Geistesblitz, in den bereits gepackten Umzugskartons nach der Beatbox zu suchen und er verschwindet eine Etage höher. Während er nach oben steigt und weitererzählt, schauen Tom und ich uns an. Wir lächeln, kommen uns einen Schritt näher, dann küssen wir uns, aber nur ganz kurz, weil Charly schon wieder nach unten kommt. Enttäuscht berichtet er, dass die Beatbox nicht zu finden sei. Also spielen wir die Chansons einfach so vom Handy ab. Schließlich geht es um die Sache. »La määääär…« ertönt und die Männer berichten mir von ihrer innigen Freundschaft, wie sehr sich beide lieben, und zum Beweis umarmen sich beide ganz fest und ich möge doch bitte ein Foto davon machen. Wir bleiben noch ein wenig und schwärmen von besonderen Freundschaften, doch meine innere Uhr meldet sich. »Ich muss gehen«, meine ich zu den anderen, und Tom ergänzt, er müsse auch los und käme mit.

Die ganzen fünf Stockwerke runter und dann vielleicht noch zehn Meter weiter auf dem Bürgersteig haben wir es ausgehalten, so zu tun, als könnten wir einfach so nebeneinander hergehen. Doch dann drehen wir uns gleichzeitig zueinander, umarmen und küssen uns. Umarmen ist gut: wir greifen bzw. schnappen uns gegenseitig. Ich habe keine Ahnung, wie lange. Meine innere Uhr muss wohl schon mal vorgefahren sein. Jenseits von Zeit und Raum haben wir es dann noch irgendwie ins Auto geschafft und da bleiben wir dann, mitten auf der Neusser Straße, gegenüber der Agneskirche, losgelöst von jeglicher Vernunft oder innerer Uhr, bestimmt anderthalb Stunden. Wir küssen uns, umarmen uns, streicheln uns, Hauptsache berühren, spüren, wir befinden uns wie auf einem Flug, auf dem Weg zu unserem eigenen Kosmos.

03.07.2014, 10:00, Tom

Das Knöllchen, das ich an der Windschutzscheibe finde, ist mir egal. Mich kann gar nix mehr aus der Ruhe bringen. Ich muss ständig an Nina denken. Den ganzen Tag, jede Stunde, jede Sekunde, jeden Augenblick. Letzte Nacht habe ich sie ganz nah gespürt. Es hat uns einfach überkommen und alles, also nicht alles, aber das, was war, war wunderschön. So stimmig und vertraut. So wunderbar. Ihre Haut ist so weich und ihren Duft würde ich am liebsten bis in die letzten Windungen meiner Lungen inhalieren. Ich glaube, wir saßen fast zwei Stunden im Auto, bevor wir dann doch Richtung Kölner Westen aufbrachen. Nina fuhr und ich saß daneben. Ich habe gar nix von der Strecke mitbekommen, weil ich sie die ganze Zeit ansehen musste. Sie sieht so toll aus und fährt so cool. Ich bin sicher nicht mehr ganz bei Sinnen, aber ich finde einfach alles großartig an ihr.

Während sie so fährt, muss ich sie einfach anfassen und zuerst dachte ich, sie könne das vielleicht beim Fahren stören. Doch das Gegenteil ist der Fall. »Wehe, du hörst damit auf!«, sagte sie lächelnd. Das Auto haben wir nicht direkt bei mir vor der Haustüre abgestellt, sondern etwas weiter entfernt. Dann mussten wir noch ein Taxi für Nina finden und schließlich war sie weg. Ich bin nach Hause geschlendert und war noch völlig benebelt von diesem Rausch. ›War‹ ist übertrieben, ich bin es immer noch. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt Nina und der erste nach dem Aufwachen auch wieder ihr. Seit diesem Moment geht sie mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Vorher habe ich auch schon viel an sie gedacht. Aber jetzt denke ich permanent an sie. Dabei habe ich so viel im Büro zu erledigen. Ich will sie in meiner Nähe haben. Sie wiedersehen und fühlen. Noch näher, noch mehr, ganz nah, bei mir. Es ist heiß draußen. Oder sind das meine Gedanken? Ich habe kalt geduscht, abends, morgens, nix hat genützt.

03.07.2014, 15:57, Nina

Die Temperaturen sind wieder gestiegen. Es ist richtig heiß geworden. Und meine Gedanken sind es auch.

Ich werkele hier zwar herum und erledige einige Angelegenheiten. Gleichzeitig denke ich an Tom, an vorgestern Abend und frage mich, wo das hinführen soll. So gut kennen wir uns ja noch gar nicht. Aber ich glaube, der Abend im Nada hatte uns spüren lassen, wie nah wir uns bereits sind. Wir sind uns sehr ähnlich, sind positiv denkende Menschen, haben auch mal den Mut zum Risiko. Wir lieben unsere Kinder, machen gerne Sport, gehen gerne aus. Sind Neuem aufgeschlossen. Wir haben es wohl beide genossen, einen derart unkomplizierten Abend miteinander zu verbringen. Vielleicht war es wirklich der erste Abend, der uns dieses Zu- und Vertrauen zueinander geschenkt hat. Unterbewusst haben wir vielleicht da schon gemerkt, wie sehr sich unsere Bedürfnisse und Sehnsüchte gleichen. Das waren die Spiegelneuronen. Vielleicht. Und dann kam völlig überraschend diese starke Anziehungskraft dazu.

Gerade hat er mir wieder geschrieben und offensichtlich geht es ihm nicht anders als mir. Ich spüre einen Kloß im Hals und dann bekomme ich, gleich einem Überfall, einen kleinen Panikschub. Jetzt passiert es. Jetzt passiert es doch. Jaja, ›mal laufen lassen‹ war das Credo. Und jetzt? Kann mir mal einer verraten, was hier gerade geschieht? Jetzt verliebe ich mich gerade in ihn und merke, dass ich es nicht aufhalten kann. Oder doch? Mir steigen fast die Tränen in die Augen. Das hätte mir gerade noch gefehlt, wobei heulen eigentlich das kleinere Übel wäre. Was passiert da gerade mit mir? Tausende von Gedanken fliegen mir durch den Kopf wie aufgewirbelte Seifenblasen. Ausgerechnet das wollte ich doch eigentlich nicht. Er ist doch verheiratet, mit Ehering am Finger und allem Drum und Dran. Aber eigentlich ist es nicht sein Familienstand, der mich beunruhigt, sondern vielmehr mein Wunsch, den ich immerhin noch bis vor zwei Minuten hatte, mich nämlich nicht wieder in diese Gefahrenzone zu begeben. Nicht mehr blindlings jemandem zu vertrauen, sondern, wenn überhaupt, alles ruhig angehen zu lassen. Oder sich eher gar nicht darauf einzulassen. Aber für den absolut hypothetischen Fall lieber genauer hinzusehen. Sich Zeit lassen. Zu überlegen, wem man seine Nähe anvertraut. Auf mein Bauchgefühl achten.

Und genau das mache ich jetzt und spüre, dass ich ihm vertrauen kann. Ich habe keine Ahnung, wo ich das hernehme. Es ist einfach mein Gefühl. Sicher hatte ich nie vor, so eine verbitterte Alte zu werden, die nie, nie mehr einer männlichen Menschenseele auf der weiten, weiten Welt vertrauen kann. Das wollte ich von Anfang an nicht. Und ich weiß auch, dass sich meine jüngsten Erfahrungen nicht auf den Rest der Männerwelt übertragen lassen. Gott bewahre! Ich wollte aber erst mal wieder zu mir selbst finden, mich von den ganzen Strapazen erholen. Mich erholen von Erkenntnissen, auf die ich sehr gerne verzichtet hätte, die ich aber leider nicht wieder zurückgeben kann und die nun zu meinem Erkenntnispool gehören. Ob ich möchte oder nicht. Und vor diesen Erkenntnissen gab es auch einen Anfang. Und der Anfang schien mir damals auch schön zu sein.

Gott sei Dank hatte ich zu keiner Zeit den Boden unter den Füßen verloren. Aber wackelig war es kurzfristig schon. Und warum es so weit kommen konnte, wollte ich nach der Trennung auch wissen und vor allem, was mein Anteil an der ganzen Misere war. Es gibt ja immer den einen, der etwas macht, und den anderen, der es mit sich machen lässt. Doof. Das darf mir nicht noch mal passieren. Und passiert mir auch nicht mehr. Vielleicht wollte ich dann doch auf Nummer sicher gehen, und mir erst einmal eine ganze Weile eine Auszeit als überzeugter Single nehmen. Bloß nicht vom Regen in die Traufe. Und da läuft mir Tom über den Weg und auch wenn ich mein Krönchen trage und entspannt diese Begegnung zugelassen habe, wird mir das Risiko doch bewusst. Und zwar genau jetzt. Aber nicht Tom ist das Risiko, sondern ich bin es selbst. Nicht seine Un-Ehe, sondern es ist mein Herzchen, das es zu schützen gilt. Nur das ist meine Aufgabe.

Und warum auch immer, plötzlich ist es so, dass sich all diese Bedenken, die ich mit mir herumtrage, auflösen. Gerade fühlten sie sich noch wie nervig blubbernde Seifenblasen an, doch nun sind es zarte, helle Seifenblasen, die vom Wind fortgetragen werden oder sich gleich sanft auflösen. Plopp-plopp-plopp. Alles wird gut. Und überhaupt: No risk, no fun! Es kommt so, wie es kommen muss. Ich bin gespannt auf die Zeit, die kommt. Und ich weiß, mit Tom wird es richtig schön. Und ich kann ja alles langsam angehen, nicht wahr? Alles geht.

05.07.2014, 17:28, Tom

Morgen früh gehen wir zusammen joggen. Ich kann es kaum abwarten, Nina wiederzusehen. Dabei ist es gerade mal erst ein paar Stunden her, seit ich mich von ihr verabschiedet habe. Ich spüre sie jetzt noch.

Gestern Nachmittag war bereits der Gedanke, in ihrer Nähe zu sein, Aufregung und Trost zugleich. Meine Frau und ich waren, nicht weit entfernt von dort, wo Nina wohnt, zum Fußballgucken eingeladen und ich schrieb es ihr. Sie wusste sofort, dass ich dort nicht alleine sein würde und sie antwortete mir, dass sie erst zu einer Freundin führe, aber später alleine sei. Jona war mit ihrer Oma zum Fußballgucken mit anschließender Übernachtung verabredet. Das war die Chance, die Gelegenheit. Ich musste es irgendwie hinbekommen. Und tatsächlich war ich am späteren Abend alleine und ging zu Nina. Was für ein Gefühl, kurz vor Mitternacht durch die ruhigen Straßen Junkersdorfs zu spazieren und innerlich total aufgeregt zu sein. Oder war es die Ruhe vor dem Sturm? Was auch immer es war, es fühlte sich an wie in einem schönen Traum. Ich kam also an und betrat zum ersten Mal ihr Zuhause. Ein schönes Zuhause, sehr dezent eingerichtet mit ein paar alten Designermöbeln aus den Sechzigern, aber auch neuen Möbeln, überall hängen schöne Bilder an den Wänden. Wir beide strahlten uns lange an. Nina ließ mich erst einmal in Ruhe den offenen Wohnraum betrachten und bot mir etwas zu trinken an. Schließlich setzten wir uns raus auf die mit Kerzen beleuchtete Terrasse in eines der Loungesofas. Beide mit einem Drink und einer Zigarette in der Hand, fingen wir an zu erzählen und sprachen über den Abend zuvor. Die Situation war ja auch irgendwie witzig. Schließlich wussten wir beide nun ganz genau, worauf dieses Treffen hinauslief.

»Meine Freunde haben mir immer gesagt, ich solle mir eine Affäre anlachen. Ausgerechnet ich und eine Affäre. Ich will gar keine Affäre, wollte noch nie eine. Ich glaube, ich bin gar nicht der Typ dafür«, erklärte ich ihr. Warum mir meine Freunde solche Empfehlungen ausgesprochen hatten, kann ich mir auch nicht wirklich erklären. Ich bin nicht der Typ für sowas. Ich bin mir aber sicher, dass sie es auf jeden Fall gut gemeint haben und es aus ihrer Perspektive als einfache Lösung für die Situation, in der meine Frau und ich steckten, erachtet hatten. Eine Trennung kam viel zu lange nicht infrage, trotz jahrelangem Unglücklichsein, und vermutlich lag da ein wenig Ablenkung und Spaß mit einer heimlichen Affäre als einfachste Lösung nahe. Ist ja auch nicht gerade so, als ob diese Lösung nicht zigfach praktiziert werden würde. Aber ich konnte und kann mir so etwas für mich nicht vorstellen. Sex ohne Liebe funktioniert. Okay. Aber als Dauerzustand während einer Beziehung, kommt es doch einer absoluten Lüge gleich. Nicht, dass man nur seinen Partner belügen würde, sich selber belügt und betrügt man doch auch.

Tja, und dann saß ich neben Nina auf dem kleinen Sofa unter freiem Himmel und wir philosophierten ein wenig über Affären und Co. Es käme doch immer darauf an, meinte sie. Für sie sei es während einer Partnerschaft auch nicht erstrebenswert. Ganz im Gegenteil. In der Partnerschaft belogen zu werden, sei alles andere als schön. Aber was sei denn nun besser? Es zu wissen oder besser nicht? Schließlich wisse man am Ende des Tages doch nicht, was mehr zerstört.

Ich finde, wir beide, also Nina und ich, können über alles, aber wirklich alles, so schön reden. Alles kommt auf den Tisch, Wichtiges, Belangloses, alles. Alles geht, sagt sie immer. Nina schaute mich schließlich lächelnd an und wir beide wussten, auch wenn wir stundenlang noch weiterreden könnten, dass das Gespräch jetzt beendet war.

Wir nahmen uns an die Hand, gingen ins Haus, küssten uns und gaben uns unseren Gefühlen und unserem Verlangen hin. Voll und ganz, mit Haut und Haar, und alles war von Anfang an eingebettet in Umsicht und Leidenschaft, Lust und Vertrauen. Die Nacht gehörte uns.

Ich bin erst heute Morgen von ihr weggefahren. Ich wäre am liebsten überhaupt nicht weggegangen. Ich spüre sie immer noch. Und morgen sehe ich sie endlich wieder.

Meine Frau hat mich übrigens nicht gefragt, wo ich denn jetzt erst herkomme. Hab’ ich mir gedacht.

06.07.2014, 10:30, Nina

Ich freue mich so. Ich freue mich über Tom und dass wir beide jetzt joggen gehen. Ich komme gar nicht umhin, ihm das auch noch zu sagen, als wir gerade erst 200 Meter gelaufen sind und strahle ihn dabei an wie ein Honigkuchenpferd. Tom schaut mich etwas verdutzt an und kann, so habe ich den Eindruck, mit so viel Freude über seine Person gar nichts anfangen. Aber da muss er jetzt durch und mir ist es gleich, was er jetzt vielleicht denkt. Ich habe es von Herzen gesagt. Zusammen zu joggen ist etwas, was ich mir immer von einer Partnerschaft gewünscht hatte.

Nach meiner Trennung im März musste ich erst einmal alles verdauen. Trotz meiner deutlichen Entscheidung war ich doch über die Ereignisse geschockt. Das alles wollte ich verarbeiten. Obwohl ich eine Vorliebe dafür habe, gerne mal etwas liegen und fünfe gerade sein zu lassen, wollte ich genau hier aufräumen, und zwar ordentlich. Jedes Detail wollte ich herausnehmen, betrachten und beleuchten, um es wieder ordentlich in eine Schublade zu räumen, die wahrscheinlich niemals richtig geleert werden wird und nun einfach zu mir gehört. Keine angenehme Angelegenheit. Aber es sollte dann wenigstens alles gut verpackt und weggeräumt sein. Und im Rahmen dieser »Aufräumaktion«, für die ich auch die Unterstützung einer wunderbaren Therapeutin beansprucht habe, kam die Frage nach meinen eigentlichen Wünschen und Bedürfnissen auf, die ja durchaus auch noch zu Beginn dieser alten Beziehung vorhanden waren, aber dann offensichtlich ins Hintertreffen geraten sind. Einer der Aufgaben dabei war, den damals erreichten Zustand ins Positive umzuwandeln und ich bemerkte nach und nach, was mir die meiste Zeit in der früheren Beziehung gefehlt hatte: ein Mann, der Kinder mag, ein Mann, der mit mir Sport macht, ein Mann, der gerne mit mir tanzt, ein Mann, der sich über mich freut… Nach und nach ist noch einiges mehr an Wünschen aufgetaucht.

Also, zusammen zu joggen ist auf jeden Fall ein Wunsch davon. Sicher hat Tom eine viel bessere Kondition und könnte viel schneller laufen als ich, aber er hat sich meinem Tempo angepasst und das ist schön. Das Wetter spielte auch noch mit und so liefen wir durch den Grüngürtel, vom Adenauerweiher aus einmal um den Decksteiner Weiher und zurück. Am Haus am See haben wir eine kleine Pause gemacht und die freundliche Kioskbesitzerin überredet, uns eine Flasche Wasser zu verkaufen; das Geld, das wir jetzt nicht dabeihatten, würden wir später vorbeibringen. Und weil wir so freundlich waren, bekamen wir direkt zwei Flaschen Wasser. Echt super. Menschen, die einem noch Vertrauen schenken, freundlich und respektvoll mit anderen umgehen, machen mir große Freude.

Also, laufen gehen können wir auch zusammen. Das ist gut. Und ab jetzt vergeht die Zeit wie im Flug, wir schreiben uns, halten uns auf dem Laufenden. Und gleichzeitig ist es so, als müssten wir, wie Spätzünder, erst mal das, was am Wochenende passiert ist, verarbeiten. Vermutlich deshalb, weil es so schön war.

Ich habe gewusst, dass es schön wird. Ich war mir so sicher und genauso ist es auch gewesen. Aber dass es so schön wird…

12.07.2014 bis 13.07.2014, Nina

Tom ist über das Wochenende in Berlin. Ich bin bei meiner Freundin Hannah in Coesfeld. Ich liebe es, bei ihr in Coesfeld zu sein. Hannah und ich sind schon seit über zwanzig Jahren befreundet. Mit Hannah lache ich sehr viel. Sie ist immer gut drauf und sehr unternehmungslustig. Und so zieht es uns raus, mit ihrer Freundin Bine, zu einem Schützenfest. Ohne Handy, ohne Zigaretten, nur etwas Geld, das wars. Wir sind nun mal auf dem Land. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Dafür kennt sich Bine aus und so ziehen wir um die Häuser bzw. durch die Zelte und erweisen den Schützenkönigen unsere Ehre. Um halb drei stehen wir als Trio Infernale wieder bei Hannah auf der Terrasse und führen noch eine Art Nachberichterstattung, als plötzlich irgendwo ein Handy klingelt. Ich fühle mich zunächst überhaupt nicht angesprochen, stelle dann aber fest, dass es meines sein muss. Sofort denke ich an mein Kind, die bei ihrem Papa das Wochenende verbringt. Es wird doch nichts mit Jona sein? Doch der Blick auf mein Handy beruhigt mich sofort. Es ist Tom. Ein leicht angeduselter Tom, der in Berlin in seiner Suite sitzt, von einer ›Wahnsinnsparty‹ kommt und mir erzählt, dass er Single sei. Doch, doch, das müsse er mir jetzt sagen. So wäre es wirklich. Er sei Single… Etwas amüsiert höre ich mir diese mehrfach wiederholte Erklärung an und nehme die Information zur Kenntnis, dass er mir das, wenngleich schon mitten in der Nacht, unbedingt noch mitteilen möchte. Wir berichten uns von unseren Erlebnissen des Abends und beschließen, dass ich ihn am Sonntag in Köln vom Bahnhof abholen werde. Eine weitere Gelegenheit, uns wenigstens kurz zu sehen. Im Laufe der Nacht folgen noch ein paar Fotos, Nachrichten werden hin- und hergeschickt, die im Laufe des gesamten Samstags fortgesetzt werden. Und am Sonntag stehe ich nachmittags auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof und warte, dass Tom kommt. Der Zug müsste zwischenzeitlich eingetrudelt sein.

13.07.2014, 15:23, Tom

Diese Zugfahrt zurück aus Berlin nahm und nahm kein Ende. Mit etwas Verspätung bin ich dann doch noch in Köln angekommen. Ich eilte aus dem Zug, einmal quer durch den Bahnhof, vermutlich gefüllt mit zigtausend Menschen, von denen ich nix mitbekommen habe. Ich wollte einfach nur raus, zu ihr. Ich lief, mit meiner Tasche über der Schulter, schneller, schaute mich auf dem Vorplatz um, sah Taxifahrer, die vor ihren Autos eine rauchten und sich miteinander unterhielten, Koffer vor anderen Reisenden, die wohl darauf warteten, abgeholt zu werden, Polizisten, die Richtung Bahnhofsgebäude marschierten, und dann entdeckte ich sie endlich auf dem Parkplatz. Mein Puls schlug von der Raserei schon schnell, aber als ich sie sah, dachte ich, mein Herz springt aus der Brust.

Dass sie tatsächlich kommt, finde ich echt toll. Aber noch toller finde ich sie. Wie lässig sie, an ihr Auto angelehnt, auf mich wartet. Mit ihrer hellen, leichten Bluse, der blauen Jeans und den hohen Sandalen sieht sie einfach umwerfend aus.

Freitagnacht hatte ich nach dieser Wahnsinnsparty das unbedingte Bedürfnis, Nina anzurufen. Denn im Verlauf dieser Nacht hatte ich einmal mehr bemerkt, wie sehr ich sie vermisse und wie wenig ich mich meiner Frau zugehörig fühlte. Und da war ja noch dieser Ehering, den ich unverändert trug und den ich dann ausgezogen hatte, weil ich einfach mal wissen wollte, wie es sich ohne anfühlte. Dieses Experiment ließ mich, und es überraschte mich nicht, noch freier fühlen und bestätigte mich in meinem Zustand, schon lange, wenn auch verheiratet, eigentlich Single zu sein. Ja, ich bin Single, hatte ich mir immer und immer wieder selber gesagt, und das sollte Nina, auch wenn es bereits spät in der Nacht war, auf jeden Fall noch wissen. Sicher hatte ich es ihr schon öfter gesagt, aber jedes Mal kam ihre Andeutung auf den Ehering zur Sprache. Das sei doch das Erste, was man machen würde, wenn es vorbei ist: den Ehering ausziehen und vielleicht noch in eine Schatulle legen. Und mir wurde dabei klar, dass der Ehering für mich eigentlich gar keine Bedeutung mehr hatte. Ich trug den Ring aus Gewohnheit und bereits vor langer Zeit, lange vor der Begegnung mit Nina, ist mir die Symbolik dieses Rings anscheinend verlorengegangen, hatte ich sie nicht mehr gespürt. In dieser Nacht gab es aber plötzlich diesen Impuls, mich von dem Ring zu befreien, vielleicht weil mir klar wurde, dass er emotional schon lange nicht mehr zu mir gehörte. Und das sollte Nina wissen, sollte es noch mal aus meinem Munde hören, wie frei ich bin.

Und jetzt komme ich hier in Köln an und bin total verschwitzt von dieser blöden Zugfahrt. Manno. Egal, Nina ist es anscheinend auch egal. Sie begrüßt mich mit einem Küsschen auf die Wange und einer kurzen Umarmung. Aber nach Hause will ich jetzt ganz bestimmt noch nicht. Viel Zeit habe ich allerdings auch nicht, weil wir die Bude voller Freunde haben. Das Endspiel der WM, Deutschland gegen Argentinien, findet doch gleich statt. Und wie immer bin ich wenigstens für den Grill zuständig. Auch irgendwie scheiße, dass ich gleich nach Hause gehe und so tun werde, als ob alles ansatzweise tippitoppi sei. Obwohl ja alle wissen, dass es das nicht ist. Aber jetzt bin ich erst mal hier und genieße die gemeinsame Zeit mit Nina.

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201 p. 3 illustrations
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9783947373253
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