Read the book: «Klopfen befreit»
Susanne Marx
Vorbemerkung des Verlages
Inhalt
1.Einleitung
2. Woher kommt EFT?
Wie alles begann …
Grundlagen
Verschiedene Richtungen
Erklärungsansätze zur Wirksamkeit der Energy Psychology®
3. Wie funktioniert EFT? – Grundtechnik
1. Schritt: Das Problem formulieren
2. Schritt: Den SUD- oder Stresswert feststellen
3. Schritt: Das Set-up / Korrektur der Psychologischen Umkehr (PU)
4. Schritt: Das Klopfen der Meridianpunkte
5. Schritt: Die Brücke
Ablauf einer EFT-Sitzung
4. Was tun, wenn es einmal nicht hilft?
5. EFT bei häufig vorkommenden Problemen
Körperliche Beschwerden
Sekundärnutzen / Verstärkte Psychologische Umkehr
Phobien
Ängste
Süchte und Abhängigkeiten
Depressionen
Allergien
Belastende, traumatische Erinnerungen
Persönliche Blockaden und einschränkende Überzeugungen / Grundstrukturen
Leistungssteigerung
6. EFT für Fortgeschrittene
Verschiedene Varianten der Grundtechnik
Andere Formen des Klopfens
Surrogatklopfen: Klopfen für andere
EFT mit Kindern
EFT mit Tieren
Die Choices-Methode von Patricia Carrington
Die Personal Peace Procedure von Gary Craig
Schlusswort
Über die Autorin
Literatur
Widmung
Meiner Familie – vielen Dank für das Verständnis und die Unterstützung für meinen unkonventionellen Weg.
Meinen Freunden, zwei- und vierbeinig, und hier ganz besonders meinem Chor – es ist eine Freude, mit euch zu singen!
1. Einleitung
EFT, die Abkürzung für Emotional Freedom Techniques (Emotionale Freiheitstechnik), ist sicher die „seltsamste“ Technik, die ich im Laufe meines Berufslebens kennen gelernt habe – und definitiv eine der wirksamsten.
EFT ist eine Klopfakupressur-Methode und wurde Anfang der 90er-Jahre von dem amerikanischen Ingenieur Gary Craig entwickelt. Sie ist Teil der Energy Psychology®, einer revolutionären therapeutischen Richtung, die sich seit Anfang der 80er-Jahre in den USA entwickelt hat. Anders als die konventionelle Psychologie geht die Energy Psychology® von der Grundannahme aus, dass jedes negative Gefühl – gleichgültig ob emotional oder körperlich – seine Ursache in einer Störung des körpereigenen Energiesystems hat. Hinter dieser relativ trocken klingenden Feststellung verbirgt sich eine Erkenntnis, die weit reichende Konsequenzen für unser gesamtes emotionales Wohlbefinden hat.
Der Gedanke, dass Schmerz und Leid durch einen „Kurzschluss“ im Energiesystem des Körpers verursacht werden, ist in unserer westlichen Welt noch relativ neu. Wir gehen im Allgemeinen davon aus, dass Gedanken und Gefühle untrennbar miteinander verbunden sind und sich direkt gegenseitig auslösen – der Gedanke an eine Spinne löst zum Beispiel ein Gefühl von Ekel und Panik aus.
Dieser konventionellen Gleichung Gedanke → Gefühl steht in der Energy Psychology die Gleichung Gedanke → Störung im Energiesystem → Gefühl entgegen.
Wir versuchen normalerweise entweder am Gedanken zu arbeiten („Das sind ganz nützliche Tiere und sie interessieren sich überhaupt nicht für mich.“) oder am Gefühl („Tief durchatmen und jetzt bloß keine Panik.“), in der Hoffnung, dass die Veränderung des einen auch eine automatische Veränderung des anderen zur Folge hat. Die Energy Psychology setzt dagegen direkt am Verbindungsglied und eigentlichen Verursacher der Angst an – an der Störung im Energiesystem des Körpers.
Durch das Wiederherstellen des körpereigenen energetischen Gleichgewichtes – sozusagen das Beheben des „Kurzschlusses“ – können sich Angst und Panik auflösen und der Anblick einer Spinne ruft nicht mehr automatisch negative Gefühle hervor. Was bleibt, ist eine normale, der Situation angemessene Reaktion.
Die Probleme, bei denen Sie EFT anwenden können, sind äußerst vielfältig: von Ängsten, Phobien, festgefahrenen Denkstrukturen und Verhaltensweisen sowie Süchten über körperliche Probleme bis hin zur Leistungsverbesserung in Schule oder Beruf. In den meisten Fällen lässt sich das Problem mit Hilfe von EFT oder einer anderen Klopfakupressur-Technik vollständig auflösen oder zumindest spürbar verbessern.
EFT greift dabei direkt an der Ursache der Störung ein. Das Schöne daran ist, dass Sie die gleiche Vorgehensweise auf alle belastenden Dinge in Ihrem Leben anwenden können, gleichgültig, wie lange die Probleme schon bestehen oder wie schwer wiegend sie sind.
Für mich ist EFT ein Wunder, aber kein Wundermittel. Es ist leicht zu lernen, sehr sanft und die Wirkung ist im Allgemeinen dauerhaft. Aber trotz der auch für mich immer noch verblüffenden „Eine-Minute-Wunder“, wie Gary Craig sie nennt, müssen Sie sich sowohl mit der Technik als auch mit dem Problem auseinander setzen – es geht nicht um das schnelle „Wegklopfen“ von etwas, das Ihnen nicht gefällt, sondern um Erkenntnis, Ehrlichkeit Ihnen selbst gegenüber und eine echte Lösung. Manche Probleme lassen sich sehr schnell und einfach lösen, bei anderen brauchen Sie mehr Geduld und Durchhaltevermögen und möglicherweise auch die Hilfe eines professionellen Therapeuten. Was mich aber an der Methode so begeistert, ist die Tatsache, dass ich damit ein Instrument in der Hand habe (und das buchstäblich), das wirklich und tief greifend hilft!
Zum Aufbau dieses Buches:
Der theoretische Teil informiert über die Wirkungsweise, Entwicklung und den wissenschaftlichen Hintergrund von EFT. Wenn Sie einfach neugierig auf die Technik sind und sofort mit dem Klopfen anfangen wollen, können Sie auch direkt mit dem praktischen Teil beginnen. Wenn Sie, wie ich, immer gerne wissen möchten, wie und warum etwas funktioniert, wird Ihnen der theoretische Teil das notwendige Hintergrundwissen dazu liefern. Aber gleichgültig wie Sie dieses Buch lesen – ich wünsche Ihnen in jedem Fall viel Erfolg und Freude beim Klopfen!

Während die konventionelle Psychologie (obere Abb.) davon ausgeht, dass ein bestimmter Gedanke eine bestimmte Emotion auslöst und an beidem ansetzt, geht die Energy Psychology (untere Abb.) davon aus, dass ein bestimmter Gedanke zuerst eine Störung im Energiesystem verursacht, die dann wiederum für die Emotion verantwortlich ist. Sie setzt daher direkt an dieser Störung an.
2. Woher kommt EFT?
Jede Entdeckung ruht auf den Schultern anderer Entdeckungen und so verdankt auch EFT ihre Existenz den Pionieren der energetischen Psychologie. Die Energy Psychology geht zurück auf den Psychologen Roger Callahan und ist heute weit verbreitet. Alle Techniken, die zu dieser neuen therapeutischen Richtung gehören, basieren auf zwei Grundannahmen:
1.Der Mensch hat neben dem Blut-, Lymph- und Nervensystem noch ein viertes wichtiges Versorgungs- und Steuerungssystem: das Energie- oder Meridiansystem.
2.Bei jeder Krankheits- oder Leidenssituation ist der Energiefluss im Körper gestört, das heißt, jedes unangenehme Gefühl wird durch eine Blockade im Energiesystem verursacht.
Dass der Mensch ein System aus Energiekanälen besitzt, die man spüren und ertasten kann, ist schon sehr lange bekannt. In China erwähnt wird dieses Energie- oder Meridiansystem zum ersten Mal im Nei King (Neijing), einem Text über Innere Medizin, das dem legendären Gelben Kaiser Huang Ti (ca. 2690-2590 v. Chr.) zugeschrieben wird. Aber auch in Indien, Tibet und Europa wurde schon sehr früh an und mit diesen Energiebahnen geheilt und es scheint, dass fast jede Kultur eine eigene Meridianlehre entwickelt hat. Während mehrere Jahrtausende lang die Existenz der Meridiane nur indirekt über die Wirksamkeit der Behandlungen nachgewiesen werden konnte – die Weltgesundheitsbehörde WHO hat die Akupunktur mittlerweile als wirksames Heilsystem anerkannt –, gibt es inzwischen auch genügend direkte wissenschaftliche Nachweise. So belegten unter anderem der Wissenschaftler Prof. Kim Bong Han die Existenz der Meridiane und der Physiker Dr. Zhang-Hee Cho die Existenz der Akupunkturpunkte sowie die Verbindung des Energiekreislaufs mit anderen Kreisläufen des Körpers, vor allem dem Blutkreislauf.
Zu den gleichen Ergebnissen auf westlicher Seite kamen die Ärzte Jean-Claude Darras und Pierre de Vernejoul der Pariser Universitätsklinik: Zwischen 1985 und 1986 injizierten sie freiwilligen Testpersonen unschädliche radioaktive Isotope des Elements Technetium in Meridianpunkte und Vergleichspunkte. Kurze Zeit darauf war innerhalb der Meridiane ein zusammenhängender Fluss erkennbar, der den schon im Nei King beschriebenen Verläufen der Meridiane folgte. In den Vergleichspunkten dagegen hatte sich das Technetium willkürlich im umliegenden Gewebe um den Injektionsort verteilt.
Eine ganz wichtige Erkenntnis dieser Studien war die Tatsache, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Energiesystem und unserem neuralen, chemischen, muskulären und kognitiven System gibt. Das heißt, dass alle Arten von Störungen – seien es nun Gefühle, z.B. Angst, körperliche Schmerzen, einschränkende Überzeugungen oder hormonelle Fehlfunktionen – sich im Energiesystem zeigen und auch dort behandeln lassen.
Dieses Prinzip der Ganzheitlichkeit, das den Menschen als intelligentes, vernetztes und untrennbar miteinander verbundenes System von körperlichen, emotionalen und geistigen Vorgängen wahrnimmt, war schon immer und ist auch noch heute in China vollkommen selbstverständlich bei der Behandlung von Krankheiten. Es gibt im Chinesischen kein Wort für „Psyche“ oder „psychische Vorgänge“, weil jedes psychische Ereignis nach chinesischem Verständnis immer auch eine körperliche und emotionale Reaktion hat. Deshalb ist es immer auch möglich, über das Meridiansystem alle anderen Systeme zu erreichen und wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und genau dieses Prinzip machen sich die Energetischen Therapien zunutze: Über das Klopfen bestimmter Meridianpunkte lassen sich sowohl körperliche Beschwerden als auch belastende Gefühle oder festgefahrene Denkstrukturen und Verhaltensweisen lösen.
Wie alles begann …
Eine Wurzel der Energy Psychology stellt also die Meridianlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) dar. Aber es gibt noch andere wichtige Erkenntnisse und Techniken, ohne die es Methoden wie EFT heute nicht geben würde.
1964 entdeckte der Chiropraktiker Dr. George J. Goodheart ein ungewöhnliches Phänomen: Es stellte fest, dass es einen Zusammenhang zwischen Stress und Muskelfunktion gibt, dass physische und psychische Vorgänge sich im Zustand der Muskeln widerspiegeln. Das Testverfahren, das diese Funktion ohne Zuhilfenahme von Apparaten erfasst, war geboren: der Muskeltest. Bat er zum Beispiel einen Patienten, den Arm seitlich auszustrecken und versuchte er, diesen mit gleichmäßig stärker werdendem Druck herunterzudrücken, so konnte der Patient diesem Druck ohne Probleme standhalten – der Muskel war stark oder „angeschaltet“. Berührte er nun gleichzeitig noch mit den Fingern zum Beispiel einen schmerzenden Wirbel des Patienten, so senkte sich der Arm trotz Anstrengung des Patienten – der Muskel wurde schwach oder schaltete für kurze Zeit ab. Sind wir Stress ausgesetzt, gleichgültig ob das ein negativer Gedanke, eine unangenehme Situation oder ein körperlicher Schmerz ist, können unsere Muskeln für kurze Zeit nicht optimal funktionieren, weil die durch die Nervenbahnen fließende Elektrizität unterbrochen ist. Stress blockiert also den elektrischen Fluss in unserem Körper, indem er eine Art Kurzschluss verursacht.
Bei weiteren Forschungen fand Goodheart außerdem heraus, dass es eine Verbindung zwischen bestimmten Muskeln und den energetischen Organsystemen – also dem Meridiansystem – gibt. Durch leichtes Klopfen mit den Fingern auf bestimmte Meridianpunkte ließen sich Beschwerden, die mit diesem Organsystem verbunden waren, lindern oder sogar ganz heilen.
Goodheart nannte dieses sehr genaue und einfache Rückmeldesystem des Körpers Kinesiologie. Der Begriff ist aus den beiden Wörtern kínesis = Bewegung und lógos = Lehre abgeleitet. In der (konventionellen) Medizin steht „Kinesiologie“ für die Untersuchung der Muskeln und Bewegungslehre.
Was für eine Bedeutung diese Entdeckung für den Gesundheitsbereich hatte, wurde in der folgenden Zeit immer deutlicher: Endlich gab es eine Möglichkeit, das Körperwissen direkt zu Hilfe zu nehmen, um zum Beispiel die Ursache von Erkrankungen herauszufinden. Über die Verbindung von Muskeln und Reflex- sowie Meridianpunkten ließen sich aber auch Beschwerden lindern oder heilen. Mithilfe des Muskeltests war also nicht nur eine Beurteilung, sondern auch eine Heilung und Überprüfung der Ergebnisse möglich.
Dass dieser Mechanismus nicht nur bei körperlichen Problemen sondern auch bei emotionalem Stress funktioniert, entdeckte der Psychiater Dr. John Diamond, ein Schüler Goodhearts. Er stellte fest, dass Muskeln auch dann abschalteten, wenn die Patienten an etwas Unangenehmes oder Belastendes dachten. Diesen Vorgang können Sie relativ einfach im Alltag überprüfen – dann nämlich, wenn Ihnen zum Beispiel etwas herunterfällt oder Sie sich den Fuß an etwas stoßen. Wenn Sie überlegen, woran Sie in den Sekunden davor gedacht haben, werden Sie feststellen, dass es immer etwas gab, das Ihnen Stress verursacht hat.
Durch das Muskeltesten konnte er nun zusammen mit den Patienten viel schneller und einfacher die wirklichen Ursachen emotionaler Probleme – so genannte „core-issues“ oder „Kern-Themen“ – herausfinden, als durch die herkömmlichen psychotherapeutischen Methoden. Auf John Diamond geht auch die „Behavioral Kinesiology“ zurück. Er war der Erste, der spezielle Alarmpunkte der Meridiane identifizierte, die mit bestimmten Emotionen in Verbindung standen. War also zum Beispiel der Alarmpunkt des Nierenmeridians blockiert, empfand der Patient übermäßige Angst, genauso wie umgekehrt übermäßige Angst den Nierenmeridian blockiert. Wie bereits Goodheart regte auch Diamond die aus der Akupunktur bekannten Punkte äußerlich mit leichtem Klopfen der Finger an, um die Blockade zu beseitigen und ein neues emotionales Gleichgewicht zu erreichen. Er kombinierte diese Methode aber auch mit Gesprächen, Anregungen zu Verhaltensänderungen und Affirmationen.
Noch weiter verfeinert wurde diese Kombination aus Muskeltest und dem Klopfen von Akupressurpunkten durch den Psychologen Dr. Roger Callahan. Er entwickelte den theoretischen Hintergrund der so genannten Gedankenfelder, die im Folgenden noch vorgestellt werden, und prägte den seitdem verwendeten Begriff der Energy Psychology®. Außerdem entdeckte er das Phänomen der so genannten „Psychologischen Umkehr“, eine Art unbewusste Selbstsabotage, deren Korrektur ein wichtiger Teil aller Klopfakupressur-Techniken ist (siehe Kapitel 3 und 4).
Grundlagen
Zwei wichtige Grundlagen der Energy Psychology haben wir bereits kennen gelernt – die Kinesiologie und die Meridianlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin. Es gibt aber noch ein drittes Gebiet, das bei den meisten Techniken der Energetischen Psychologie und besonders bei EFT eine wichtige Rolle spielt: die Kognitive Therapie.

Die Kognitive Therapie basiert auf den Arbeiten des Psychologen Albert Ellis und des Psychiaters Aaron Beck. Beide gehen davon aus, dass vor jeder Gefühlsreaktion ein – von uns oft nicht oder kaum wahrnehmbarer – Gedanke steht, der dieses Gefühl auslöst. Können wir diesen Gedanken erkennen, kontrollieren und verändern, so verändert sich gleichzeitig das entsprechende Gefühl. Woher aber kommen diese automatischen, uns oft nicht bewussten Gedanken, die eine so starke Wirkung auf unser emotionales Leben haben? Die Kognitive Therapie geht davon aus, dass diese Gedanken das Produkt unserer grundlegenden Einstellungen sind, die wiederum wie ein Hintergrundrauschen immer am Rande unseres Bewusstseins ablaufen. Diese Einstellungen haben sich aus den tief verwurzelten Überzeugungen gebildet, die sich seit unserer Geburt als Reaktion auf unsere Erlebnisse mit der Umwelt entwickelt haben. Je früher die Überzeugungen sich gebildet haben, desto stärker prägen sie später unser Leben. Das klingt relativ kompliziert, ist aber eigentlich sehr einfach und – wird man sich der Tragweite dieser Erkenntnisse bewusst – auch ziemlich erschreckend. Alles, was ich als kleines Kind erlebt und welche Schlüsse ich daraus gezogen habe, prägt mein jetziges Leben ganz entscheidend und lässt mich immer wieder gleich reagieren.
Die Art, wie wir über ein Ereignis denken und es aufgrund unserer persönlichen Grundüberzeugungen deuten, legt also fest, wie wir es emotional erleben. Die gleiche Situation kann von zwei Menschen völlig unterschiedlich interpretiert und erlebt werden. Es ist also nicht so sehr entscheidend, was wirklich geschehen ist, sondern wie wir etwas aufgrund unserer damaligen Reife, Lebensumstände und Persönlichkeit erlebt und gedeutet haben. Und es ist klar, dass wir mit vier Jahren die meisten Situationen eben nur so einschätzen können, wie es ein Vierjähriger eben kann. Viele Kinder fühlen sich zum Beispiel verantwortlich für eine Trennung der Eltern, auch wenn sie es in den meisten Fällen nicht sind, und ziehen daraus Schlüsse, die ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen.
Wobei viele dieser automatischen Reaktionen durchaus hilfreich und intelligent sind. Ohne sie müssten wir uns jedes Mal beim Schuhebinden konzentrieren und bei der Überquerung einer Straße uns bewusst daran erinnern, nach beiden Seiten zu schauen. Diese Muster sind gesund und daher auch nicht Gegenstand der Energetischen oder Kognitiven Therapie.
Ein wichtiges Ziel der Kognitiven Therapie ist das Herausarbeiten der Ursprünge unserer grundlegenden Überzeugungen – wir gehen einer Überzeugung sozusagen „auf den Grund“ – und das ist vor allem auch bei EFT ein ganz zentraler Teil der Arbeit.
Was meiner Erfahrung nach EFT wirkungsvoller als reine Kognitive Therapie macht, ist die Tatsache, dass EFT an einem anderen Punkt ansetzt.
Kognitive Therapie versucht, Muster durch Erkenntnis sowie aktives und bewusstes Umprogrammieren zu verändern. Das sind beides Funktionen unseres Verstandes, die der linken Hirnhemisphäre zugeordnet sind. Emotionale Muster werden aber vor allem in der rechten Gehirnhälfte gespeichert. Ein Beispiel: Die Erkenntnis, dass Sie so empfindlich auf eine Kollegin reagieren, weil sie Sie an Ihre überkritische Mutter erinnert (linke Hemisphäre), führt nicht automatisch dazu, dass das Verhalten Ihrer Kollegin Sie emotional nicht mehr belastet (rechte Hemisphäre). Für eine echte Veränderung ist es notwendig, eine Verbindung zwischen beiden Hemisphären zu schaffen, damit ein wirkliches Verstehen stattfinden kann. Und genau das geschieht bei EFT.
Dass dieser Ansatz oft erfolgreicher als der der Kognitiven Therapie ist, hat auch eine Studie gezeigt, die die Ergebnisse von Kognitiver Therapie bei Menschen mit Angststörungen mit den Ergebnissen der Energy Psychology verglichen hat. Zwar zeigten auch die Testpersonen, die sich einer Kognitiven Therapie unterzogen hatten, die bei einem Behandlungserfolg sichtbaren Veränderungen im EEG, aber die Arbeit dauerte im Vergleich zur energetisch arbeitenden Methode wesentlich länger. Darüber hinaus hat eine Follow-up-Studie ein Jahr nach Abschluss der Behandlung gezeigt, dass die Gehirnwellenmuster der Patienten, die mit Kognitiver Therapie behandelt wurden, wesentlich häufiger wieder ihren ursprünglichen Zustand angenommen hatten (der Erfolg war nicht von Dauer), als bei den Patienten, bei denen Energy Psychology eingesetzt wurde.
Die energetischen Techniken arbeiten also in gewisser Weise ganzheitlicher, indem sie einerseits mit dem emotionalen Muster selbst arbeiten und andererseits eine Verbindung zwischen Erkenntnis und Gefühl herstellen. So können die Muster sich sanft und dauerhaft lösen und einem neuen Verständnis Platz machen. Versuchen wir es nur mit dem Willen und unserer Ratio, ist das oft mit Zwang und einem großem Kraftaufwand verbunden und erreicht vor allem den Kern oder Verursacher – das sehr tief verwurzelte, früh entstandene emotionale Muster – oft nicht. Sie kennen das sicher aus eigener Erfahrung, wenn Sie entweder einmal versucht haben, Diät zu halten, mit dem Rauchen aufzuhören oder beruflich erfolgreicher zu sein. Wir wissen, dass es gut für uns wäre, müssen uns aber ständig zwingen und fallen trotz aller Mühe oft wieder in die alten Verhaltensweisen zurück.
Verschiedene Richtungen
Inzwischen gibt es viele Richtungen, die zur Energy Psychology® gehören und auf den Erkenntnissen von Goodheart, Diamond und Callahan basieren. Ich möchte hier die beiden bekanntesten kurz vorstellen – TFT von Roger Callahan und EFT von Gary Craig. Beide Richtungen gehen zwar davon aus, dass alle Arten von Störungen sich im Meridiansystem zeigen und sich dort durch das Klopfen besonders wirksamer Punkte behandeln lassen, es gibt aber dennoch deutliche Unterschiede.
TFT von Roger Callahan
Roger Callahan und seinen großen Beitrag zur Entwicklung der Energy Psychology haben wir bereits kennen gelernt. Er nannte seine Richtung „Callahan-Technique“ oder TFT – „Thought-Field-Technique“. Was seine Technik hauptsächlich von EFT unterscheidet, ist, dass er bestimmte Formeln oder Klopf-Sequenzen für spezifische Emotionen oder Themen anwendet. So ist zum Beispiel die Klopfsequenz zur Bewältigung eines Traumas anders als die bei einer Spinnenphobie. Diese Formeln sind aufgrund von unzähligen Muskeltests bei Klienten entstanden, die bei bestimmten Themen wiederkehrende oder gleich bleibende Muster zeigten. Bei TFT ist nicht nur die Auswahl der beteiligten Punkte beziehungsweise Meridiane wichtig, sondern auch ihre Reihenfolge, da nach Callahans Erkenntnissen Probleme verschiedene Tiefen oder Schichten haben, die der Reihe nach abgetragen werden müssen.
Eine TFT-Sitzung besteht aus einer Einstimmung auf das Problem, zum Beispiel „Ich leide unter Höhenangst“, der Bestimmung der betroffenen Punkte oder Meridiane mithilfe des Muskeltests, dem Klopfen der entsprechenden Punkte sowie – wenn notwendig – der Korrektur einer Psychologischen Umkehr und Überprüfung des Erfolges.
Der Vorteil von TFT ist, dass damit ein im wörtlichen und übertragenen Sinn punktgenaues und präzises Arbeiten möglich ist. Es werden keine überflüssigen oder nicht-betroffenen Punkte geklopft und Callahan hat mit einer verfeinerten Version von TFT nach eigenen Angaben eine sehr hohe Erfolgsquote. Ein weiterer Vorteil, vor allem bei der Arbeit mit Klienten, ist, dass eine TFT-Sitzung mittlerweile fast völlig ohne Sprache auskommt. Sogar bei der Korrektur der Psychologischen Umkehr (siehe Kapitel 3 und 4) wird nur noch der entsprechende Punkt an der Handkante geklopft, wodurch diese Technik besonders für skeptische Menschen oder Menschen, die Probleme nicht oder nur mit Schwierigkeiten formulieren können, geeignet ist. Nach einer kurzen Einstimmung auf das Problem werden einfach die entsprechenden Punkte geklopft und zwischendurch der Fortschritt anhand einer Stress-Skala (siehe Kapitel 3) überprüft.
Der Nachteil von TFT ist, vor allem, wenn man keine Kenntnisse in Kinesiologie hat, dass der Muskeltest zur Bestimmung der Punkte notwendig ist, entweder durch eine andere Person oder mithilfe des nicht ganz so einfach durchzuführenden Selbsttests. Oder der Klient muss in der Lage sein, sein Problem möglichst genau in die von Callahan vorgegebenen Kategorien einzuordnen.
Und das, was bei der Arbeit mit Klienten von Vorteil sein kann, nämlich die relative Sprachlosigkeit, ist meines Erachtens für die Selbsthilfe definitiv von Nachteil: Dadurch, dass ich mein Problem aussprechen muss und merke, dass „Wut“ nicht ganz der richtige Begriff ist, sondern dass es eigentlich eher „Angst“ ist, vermischt mit Ärger darüber, übergangen worden zu sein, wird mein Kontakt zu dem Problem viel tiefer und persönlicher. Viele Erkenntnisse entstehen erst nach mehrmaligem Klopfen und wenn neue, an die Situation angepasste Begriffe gefunden wurden, und zwar so lange, bis sie das Problem wirklich treffend beschreiben.
EFT von Gary Craig
Die zweite der hier vorgestellten Techniken ist EFT (Emotional Freedom Techniques) von Gary Craig, die Gegenstand dieses Buches ist. Auch seine Technik basiert auf den Entdeckungen von Goodheart, Diamond und vor allem Callahan, er ist anschließend aber eigene Wege gegangen. Im Gegensatz zu TFT werden bei EFT für alle Probleme die sieben, beziehungsweise in erweiterter Form, die zwölf Punkte der Hauptmeridiane geklopft – die Reihenfolge spielt dabei keine Rolle. Deshalb kann man auch auf den kinesiologischen Muskeltest verzichten. Gary Craig ist der Meinung, dass eine Diagnose der betroffenen Punkte oft länger dauert, als einfach alle Punkte zu klopfen. Dabei werden natürlich auch Punkte stimuliert, die nicht betroffen sind, was aber keinerlei negative Auswirkungen auf diese Punkte oder die mit ihnen verbundenen Meridiane hat. Bei EFT ist das begleitende Gespräch bei einer Sitzung sehr wichtig und genau das macht auch die Kunst der Anwendung dieser Methode aus.
Nach einer Einstimmung in das Problem, zum Beispiel „Ich habe diese schreckliche Höhenangst“, wird eine eventuell vorhandene Psychologische Umkehr korrigiert, bevor alle Punkte der zwölf wichtigsten Meridiane geklopft werden. Danach wird der Erfolg der Balance bewertet.
Während es bei TFT wichtig ist, mithilfe des Muskeltests betroffene Punkte zu finden, die über ihre Verbindung zu bestimmten Emotionen wirken, ist es bei EFT wichtiger, den Einstimmungssatz – das so genannte „Set-up“ – passend zu wählen und damit das Problem möglichst genau anzusprechen.
Die Vorteile von EFT sind, dass keine kinesiologische Sitzung und keine vorherige Einordnung des Problems in ein Schema notwendig sind. Das macht EFT sehr einfach und unkompliziert und ist deshalb sehr für die Selbsthilfe geeignet. Die Technik und die Lage der Punkte sind einfach zu erlernen und lassen sich auch anderen schnell vermitteln. Auch das begleitende (Selbst-)Gespräch empfinde ich oft als sehr hilfreich.
Der Nachteil der Technik ist, dass sie etwas unspezifischer als TFT ist – weil sie ohne den Muskeltest arbeitet. Deshalb kann es sein, dass Sie bei sehr komplexen Problemen EFT häufiger anwenden müssen. Und wegen der Bedeutung des Einstimmungssatzes braucht es ein gewisses Einfühlungsvermögen und Ehrlichkeit Ihnen selbst gegenüber. Aber beides entwickelt sich meiner Erfahrung nach zunehmend mit der Anwendung von EFT.
Ich selbst habe Erfahrungen mit unterschiedlichen Techniken der Energy Psychology gesammelt. Für mich ist EFT die wirksamste und unkomplizierteste Richtung, die ich allerdings bei Bedarf mit einer etwas erweiterten Korrektur der Psychologischen Umkehr (siehe Kapitel 3 und 4) und entsprechenden Sequenzen von TFT oder anderen Techniken kombiniere, wie ESM (Emotionales Selbstmanagement, begründet von den Psychologen Peter Lambrou und George Pratt).
Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von TFT und EFT
Es gibt inzwischen sowohl zur Wirksamkeit von TFT als auch von EFT eine Reihe empirischer Studien.
Für TFT ist das, neben den klinischen Studien von Callahan selbst, vor allem die Figley/Carbonell-Studie von 1995. Die beiden Psychologen Dr. Charles Figley und Dr. Joyce L. Carbonell untersuchten die Wirksamkeit von vier relativ neuen Methoden, darunter auch TFT, bei Patienten mit Traumata oder Phobien. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass TFT die Symptome deutlich besser reduzierte als die anderen drei.
Eine weitere Studie stammt von Dr. Stephen Daniel, einem Schüler Callahans. Er arbeitete mit 214 Kollegen, die an unterschiedlichen psychischen und körperlichen Problemen litten und die noch auf keine andere Methode angesprochen hatten. Er verwendete dabei die so genannte „Voice Technology“, eine sehr ausgefeilte Variante von TFT. Der durchschnittliche Stress-Wert der Kollegen (der subjektive Stress, den ein Problem verursacht), sank nach nur einer Sitzung von 7,74 auf 1,11 und blieb bei den meisten dauerhaft auf diesem niedrigen Wert.
Dass TFT bei der Reduktion von Symptomen des posttraumatischen Stress-Syndroms sehr hilfreich ist, zeigt die Studie von Dr. Robert L. Bray und Crystal Folkes. Sie wandten TFT bei Einwanderern und Flüchtlingen mit PTSD-Symptomen an. Dabei zeigte sich, dass bei fast 80 Prozent der Teilnehmer ein deutlicher Rückgang in der Häufigkeit und Schwere der mit posttraumatischem Stress verbundenen Symptome zu verzeichnen war.
Alle Studien zeigten, dass TFT bei einer breiten Palette psychischer Beschwerden wirksam ist.
Aber auch zu EFT gibt es mittlerweile eine Reihe von empirischen Studien. So untersuchte der australische Psychologe Steve Wells die Wirkung von EFT bei Menschen mit einer Phobie vor Insekten und Kleintieren, wie Mäusen, Ratten oder Spinnen. Die Probanden wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, wobei die erste EFT lernte, während die zweite Gruppe eine Technik der Zwerchfellatmung anwandte, die speziell zur Verminderung von Angst entwickelt wurde. Das Ergebnis dieser Studie war, dass die Gruppe mit EFT eine deutlich höhere Reduktion ihrer Symptome erreichte als die Vergleichsgruppe mit der Tiefenatmung. Bei einer Nachuntersuchung neun Monate später zeigte sich, dass der verbesserte Zustand bei den Patienten aus der EFT-Gruppe noch immer anhielt.
Zwei weitere Untersuchungen wurden von Dr. Paul Swingle durchgeführt. Bei der ersten untersuchte er den Effekt von EFT bei Opfern von Verkehrsunfällen, die unter PTSD litten. Diese Probanden zeigten drei Monate nachdem sie EFT gelernt hatten, deutliche positive Veränderungen. Sowohl die Symptome als auch die für PTSD typischen Gehirnwellenmuster hatten sich signifikant verringert.
In der anderen Studie untersuchte Swingle die Wirkung von EFT bei Kindern mit Epilepsie. Dabei konnte er eine deutliche Reduktion der Anfallshäufigkeit und -schwere sowie eine deutliche Verbesserung ihrer EEG-Werte feststellen.
Weitere Studien zu EFT werden derzeit vorbereitet, Informationen dazu finden Sie im Internet unter www.emofree.com, der Homepage von Gary Craig.
Erklärungsansätze zur Wirksamkeit der Energy Psychology®
Vielen Menschen geht es vermutlich wie mir: Sie möchten nicht nur wissen, ob etwas funktioniert, sondern auch wie es funktioniert. Über die Wirkungsweise von EFT und der anderen Techniken aus dem Bereich der Energy Psychology gibt es noch viele weitere Hypothesen und Erklärungsmodelle, die sich naturgemäß unterscheiden, je nachdem, aus welcher Fachrichtung sie kommen. Zwei dieser Modelle möchte ich hier kurz vorstellen und diese dann mit meiner eigenen Hypothese ergänzen.
Callahan und die Gedankenfeld-Theorie
Ein Gedankenfeld ist für Callahan eine Art elektromagnetisches Muster, das aus allen Gedanken, Gefühlen und sonstigen Impulsen zu einem bestimmten Thema besteht. Seines Erachtens entstehen negative Gefühle nicht im Meridiansystem, sondern durch so genannte „Störungen“ im vorgeschalteten Gedankenfeld. Die Störung im Gedankenfeld löst eine Unterbrechung im Meridiansystem aus, und diese wiederum empfinden wir als negative Emotion oder Schmerz. Callahan definiert eine Störung als gedachte Einheit in einem Gedankenfeld, die entweder durch das Erleben eines Traumas oder durch Vererbung entsteht. Sie ist eine isolierbare Einheit und für Callahan die grundlegende Ursache jeder emotionalen Störung. Jede Störung hat aufgrund ihrer spezifischen Frequenz eine Entsprechung im Meridiansystem und löst dort bei dem mit ihr verbundenen Meridian einen „Kurzschluss“ aus, den wir wiederum als negative Emotion empfinden. Gedanken und Gefühle sind damit für Callahan nicht automatisch miteinander verbunden, sondern sind getrennte, nur durch die Störung miteinander verbundene Einheiten.
Eine erfolgreiche Methode, zum Beispiel TFT, bewirkt seiner Ansicht nach den Zusammenbruch einer Störung im Gedankenfeld. Dadurch löst sich der „Kurzschluss“ in dem mit der Störung verbundenen Meridian und damit auch das negative Gefühl.
Elektrochemische Veränderung von Gehirnwellenmustern durch neurale Plastizität
Während sich Roger Callahan mehr mit den Inhalten und Auswirkungen von Gedankenfeldern und Grundstrukturen beschäftigt (dem „Was“), ist das Interesse der Naturwissenschaften eher darauf ausgerichtet, was genau im menschlichen Organismus bei der Arbeit mit Energy Psychology passiert (das „Wie“). Wie kann es grundsätzlich sein, dass das einfache Klopfen von Punkten auf der Haut biochemische und andere Veränderungen hervorruft, und wie lässt sich die oft sofort eintretende Wirkung auch bei komplexen Phänomenen wie Phobien erklären?
Akupunkturpunkte haben eine erhöhte elektrische Leitfähigkeit und das Klopfen dieser Punkte sendet elektrochemische Impulse an die Bereiche des Gehirns, die für die Angst- und Stressreaktion verantwortlich sind. Dieser Effekt lässt sich mithilfe eines EEG gut nachvollziehen: Jede Emotion und jeder mentale Zustand weisen spezifische Gehirnwellenmuster oder elektrische Signaturen auf –Angst zeigt zum Beispiel ein anderes Muster als Depression –, die sich mithilfe einer Stimulation von Akupunkturpunkten sofort und dauerhaft verändern lassen. Das ist durch konventionelle Therapie oder Medikamente in dieser Form nicht möglich. Bei der Arbeit an komplexen Problemen wie Phobien scheint ein Phänomen, das sich „neurale Plastizität“ nennt, eine Rolle zu spielen. Dabei handelt es sich um die Fähigkeit des Gehirns, seine eigene Struktur zu verändern. Je nachdem was passiert, während Sie zum Beispiel an Ihre Phobie denken, entscheidet sich, ob die neuronalen Verbindungen zwischen dem Angst auslösenden Bild und der Emotion stärker oder schwächer werden. Diesem Modell zufolge würde sich die Energy Psychology diese Fähigkeit unseres Gehirns zunutze machen, indem sie ein bekanntes Bild aufruft, gleichzeitig aber eine andere emotionale Reaktion anbietet – die alte damit sozusagen überschreibt.
Wenn ich zum Beispiel Höhenangst habe, die bei dem Gedanken an das Besteigen eines Fernsehturms – mit allen damit verbundenen Emotionen und Empfindungen – aktiviert wird, ich dabei aber gleichzeitig durch die Stimulation meines Meridiansystems emotional gelöst und entspannt bin, werden die neuronalen Verbindungen zwischen Bild und Angst schwächer oder brechen völlig ab.
Mein Erklärungsmodell
Beide hier vorgestellten Hypothesen und Modelle beschreiben meiner Ansicht nach den gleichen Vorgang, nur eben aus ihrer jeweiligen Sicht heraus.
Für mich hat sich sowohl durch die theoretische Beschäftigung mit den verschiedenen Ansätzen als auch durch meine eigenen Erfahrungen folgendes Erklärungsmodell herausgebildet:
Jedes Thema – seien es nun „meine Kopfschmerzen“, „diese Angst vor Ratten“ oder „meine Prüfungsangst“ – hat ein spezifisches, eigenes Gehirnwellenmuster, das sich aus allen zu diesem Thema gehörenden Aspekten zusammensetzt (Gedanken, Grundüberzeugungen, Gefühle und Körperempfindungen mit ihren spezifischen elektromagnetischen Signaturen). Das entspricht dem Gedankenfeld von Callahan, der es als „Art elektromagnetisches Muster“ beschreibt. Allerdings verwende ich lieber den Begriff „Themenfeld“, weil er der Vielzahl an Impulsen, die wir zu einem Thema speichern – eben nicht nur Gedanken – besser gerecht wird.
Dieses Muster verfügt über eine direkte Entsprechung im Meridiansystem. Das heißt, jeder Impuls ist durch seine spezifische Frequenz mit einem Meridian der gleichen Frequenz verbunden und dieser wiederum löst eine bestimmte Emotion in uns aus. Sie können sich das wie zwei gleiche Gitarrensaiten vorstellen, die beide klingen, auch wenn nur eine angeschlagen wird. Die bioelektrische Energie von Impulsen prägt damit das Meridiansystem und so hat jedes Thema nicht nur im Gehirn, sondern auch im Meridiansystem eine eigene Signatur oder ein eigenes Muster. Das Bild eines elektrischen Schaltplanes soll dies verdeutlichen: Nehmen wir als Beispiel eine traumatische Situation in Ihrer Kindheit, bei der Sie etwas kaputtgemacht haben und dafür bestraft worden sind. Von den zwölf Hauptmeridianen sind vielleicht drei in Zusammenhang mit diesem Erlebnis blockiert – zum Beispiel die Meridiane, die mit Angst, Schuld und Scham in Verbindung stehen. In unserem Schaltplan zum Thema „Diese schreckliche Sache als ich fünf war“ sind also neun Meridiane durchlässig und ohne Störung, bei drei Meridianen gab es hingegen einen „Kurzschluss“. So entsteht für jedes Thema ein typischer, einzigartiger Schaltplan der Meridiane und ihrer Funktion (offen vs. blockiert).
Wie aber kommt es zu diesen Blockaden oder Kurzschlüssen in den Meridianen? Wie Callahan bin auch ich der Ansicht, dass die Meridiane eine äußerst wichtige Funktion bei der Verarbeitung von äußeren Reizen für uns haben – sie scheinen eine Art Regulationsmechanismus vor allem für Emotionen zu sein. Während Callahan aber davon ausgeht, dass die Störung im Gedankenfeld die Blockade im Meridiansystem hervorruft, bin ich der Ansicht, dass die Blockade im Meridiansystem die primäre Ursache für negative Emotionen ist.
Normalerweise entwickelt sich eine Emotion, die durch einen inneren oder äußeren Reiz ausgelöst wird, langsam, steigt an, erreicht ihren Höhepunkt und wird dann wieder schwächer, bis sie sich vollständig aufgelöst hat. Dieser Vorgang kann manchmal sehr schnell ablaufen, zum Beispiel wenn wir uns erschrecken, er kann zum Teil aber auch wesentlich länger dauern – das ist häufig bei der Trauer um einen nahen Menschen der Fall. In jedem Fall aber kommt es zu einer Verarbeitung der Emotion im Meridiansystem.

Ist der Reiz allerdings zu stark (ausgelöst durch einen Schock oder ein Trauma) oder wird unser System permanent überlastet, ist dieser Regulationsmechanismus kurzzeitig überfordert und es kommt zu einer Art Kurzschluss. Der entsprechende Meridian wird blockiert und kann die mit ihm verbundene Emotion nicht mehr verarbeiten. Anstatt zu entstehen, ihr Maximum zu erreichen und sich dann wieder aufzulösen, wird die Emotion in ihrer maximalen Intensität sozusagen eingefroren.

Dieser Kurzschluss wird dann mitsamt der akuten, auf ihrem Höhepunkt hängen gebliebenen und so in einer Art Endlosschleife kreisenden Emotion im Themenfeld gespeichert und kann immer wieder ausgelöst werden. Bei einer Spinnenphobie wird dann zum Beispiel bei jedem Anblick einer Spinne der ursprüngliche Schock mit allen körperlichen, emotionalen und gedanklichen Reaktionen wieder aktiviert. Die Emotionen sind in einer Endlosschleife gefangen und können sich nicht auflösen.
Diese „eingefrorenen“ Emotionen und Endlosschleifen binden sehr viel Energie und prägen unser Lebensgefühl dadurch, dass sie, auch wenn sie gerade nicht aktiv sind, ständig am Rand unseres Bewusstseins sind. Wir wissen einfach, dass sie da sind.
Was passiert nun bei der Arbeit mit Energy Psychology und warum ist ihre Wirkung oft so verblüffend schnell und grundlegend?
Die Meridianpunkte sind, wie bereits erwähnt, Punkte auf der Haut, die eine erhöhte elektrische Leitfähigkeit und Konzentration von Rezeptoren aufweisen. Das bedeutet, dass eine Stimulation dieser Punkte stärkere elektrochemische Signale produziert, als dies bei einer Stimulation des umliegenden Gewebes der Fall wäre. Es macht also einen Unterschied, ob Sie einen Meridianpunkt klopfen oder einen beliebigen Punkt auf der Haut. Über den so genannten „piezoelektrischen Effekt“ und die dadurch entstehende Ladung (versetzt man bestimmte Kristalle mechanisch in Schwingung, entsteht durch die Verschiebung im Kristallgitter elektrische Ladung), werden Impulse an das Energiesystem gegeben und der Kurzschluss in den betroffenen Meridianen wird behoben. Dadurch kann die Emotion endlich verarbeitet werden und sich auflösen. Durch eine Rückmeldung der Meridiane an die Themenfelder findet auch dort eine grundsätzliche Veränderung des Musters statt, das jetzt ohne Kurzschluss und eingefrorene Emotionen neu gespeichert wird.
Meiner Erfahrung nach handelt es sich hierbei nicht um das Überschreiben der alten Emotion durch eine neue, entspanntere Version, sondern um eine echte Verarbeitung und Lösung, die im Zeitraffer abläuft.
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