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Susann Teoman

Ausgerechnet Istanbul

Saga

Ausgerechnet IstanbulCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2010, 2019 Susann Teoman und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726255911

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Istanbuler Sauerkraut

»Ich verstehe das einfach nicht. Warum? Hab ich irgendetwas falsch gemacht?« Fassungslos starrte ich meine Mutter an.

»Ich habe es dir doch schon erklärt: Wir wandern aus, weil dein Vater ein gutes Jobangebot von seiner Firma erhalten hat, und nicht, weil deine Leistungen in der Schule schlecht sind. Hier hätte er nicht dieselben Aufstiegschancen wie in der Türkei. Das ist eine einmalige Gelegenheit!«, versuchte Mama es erneut.

»Aber warum ausgerechnet die Türkei? Die USA, Kanada oder Australien, das wären echt coole Alternativen gewesen, aber ich will wirklich nicht in die Türkei ziehen, das ist doch ein Dritte-Welt-Land!«

Meine Mutter Susan seufzte resigniert. »Kaans zweite Muttersprache ist eben Türkisch und nicht Englisch. Die Firma will jemanden dort haben, der die Landessprache beherrscht. Und ich bin mir sicher, es wird dir gefallen, wenn du dich erst eingelebt hast.«

Mir wurde schwindelig, ich musste mich setzen. Stumm beobachtete ich, wie sich die Lippen meiner Mutter öffneten und schlossen, während sie sprach, aber das Summen in meinen Ohren war lauter.

»Lara, Liebling, du hast dort viel bessere Möglichkeiten als hier. Wir können uns dort eine Privatschule leisten, in der du perfekt Englisch oder Französisch lernen kannst. Oder du besuchst eine deutschsprachige Schule, darüber können wir ja später noch sprechen. Und ich habe mich auch schon nach einer guten Ballettschule für dich erkundigt. Genau genommen ist Istanbul ein kleines Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dir stehen alle Türen offen, du kannst tun, was immer du willst, ist das nicht großartig?«

Ich lachte bitter. »Nein, das ist es nicht! Was ist mit meiner Ballettschule hier? Madame Rochelle wird es nicht so toll finden, wenn ihre Solistin sie kurz vor der Premiere von Schwanensee im Stich lässt.«

»Mit Madame Rochelle habe ich schon gesprochen und sie war es auch, die mir die neue Ballettschule in Istanbul empfohlen hat!«

Ich merkte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. »Und was ist mit meinen Freundinnen? Weißt du eigentlich, wie schwer es ist, gute Freundinnen zu finden?« Nein, sie hatte sicher keinen Schimmer, sonst hätte sie diesen bescheuerten Umzug abgelehnt.

»Ich bin mir sicher, du findest im Handumdrehen neue Freundinnen in Istanbul, vielleicht sogar bessere, wer weiß?«

»Du hast gut reden! Du bist ja auch nicht diejenige, die sich ganz allein in einer fremden Klasse in einem völlig fremden Land zurechtfinden muss! Wer weiß, wie diese neue Schule ist, womöglich falle ich durch alle Prüfungen durch, nur weil ich die Sprache nicht richtig beherrsche!«

Mama lehnte sich zurück. »Also hier, wo die Schulsprache Deutsch ist, bist du auch keine besonders gute Schülerin, oder? Deine Versetzung ist wieder einmal gefährdet!«

»Na und? Ich mogle mich schon irgendwie durch, ist doch kein Thema! Wenn ich erst eine professionelle Tänzerin bin, kräht kein Hahn mehr danach, ob ich die Versetzung geschafft habe oder nicht!«

»Das mag ja sein. Aber bis es so weit ist, solltest du dein hübsches Gesicht weniger schminken und dich weniger sorgen, welche Schuhe zu welchem Outfit passen! Stattdessen solltest du dich auf den Hosenboden setzen und lernen! Und wenn wir erst in Istanbul sind ...«

»Ihr seid so gemein! Keiner hat mich gefragt, ob ich diesen Scheißumzug überhaupt will, ihr habt mich einfach vor vollendete Tatsachen gestellt und ich habe kein Recht, meine Meinung zu äußern!«

»Komm schon, jetzt übertreibst du!«

»Nein, tu ich nicht! Und ich sage dir gleich: Ich werde auf gar keinen Fall ein Kopftuch tragen, damit das klar ist!«

Wider Willen lachte meine Mutter auf.

»Was gibt’s denn da zu lachen?«, schrie ich aufgebracht.

»Nichts, nur die Vorstellung, dass meine eitle kleine Maus ihre prachtvolle Mähne unter einem Kopftuch verbirgt, fand ich irgendwie witzig.« Sie wurde wieder ernst. »Wir ziehen zwar in ein muslimisches Land, aber Istanbul ist ganz sicher ein Stück moderner als Bonn, jedenfalls was die Mode angeht. Du brauchst nichts zu tun, was dir missfällt, und auf gar keinen Fall musst du ein Kopftuch tragen oder so etwas. Das basst ja auch kaum su unsere Teint, non?« Mamas absichtlich schlecht imitierter französischer Dialekt brachte mich sonst immer zum Lachen. Nicht dieses Mal.

»Wie wäre es heute mit deinem Lieblingsessen: Kassler, Sauerkraut und Kartoffelpüree?«

»Noch etwas, das es dort nicht gibt«, murmelte ich verdrossen. »Dabei esse ich Schweinefleisch für mein Leben gern!«

In zwei Wochen sollte es so weit sein. Nur noch zwei Wochen lang würde ich in den Genuss von Schweinefleisch, Puddingteilchen und Malzbier kommen, dann würden diese Köstlichkeiten Mangelware sein. Nur noch sechs Mal würde ich in meinem heiß geliebten Ballettstudio trainieren, noch dreizehn Mal in meinem Bett schlafen. Ich versuchte krampfhaft, jede Sekunde voll auszukosten, vereinzelt unternahm ich auch den Versuch zu rebellieren, aber meine Eltern blieben blöderweise eisern, ganz gleich, wie sehr ich heulte, tobte oder in Hungerstreik trat. Auch wenn ich mir mit aller Macht den Tag des Umzugs weit, weit weg wünschte, rückte er doch unerbittlich näher. Ich weigerte mich standhaft, meine Sachen in die Kartons und Koffer zu packen, die Mama mir ins Zimmer gestellt hatte.

»Sollen sie doch allein ins Land der schwarzen Bettlakenfrauen ziehen, ich werde einfach hierbleiben!«, erklärte ich meinen Freundinnen trotzig.

»Das sind keine Betttücher, das nennt man Tschador«, korrigierte mich Ira.

»Schade, dass ihr bald fort seid.« Saskia, Leo, Aggie und Ira standen im Halbkreis um mich herum. So ging das oft in den vergangenen Tagen. Meistens sagte ich nichts und die anderen gaben sich Mühe, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ich blickte nur finster in die Ferne.

»Wie ist es denn so in Istanbul?«, wollte Saskia neugierig wissen.

»Keine Ahnung, war noch nie da.« Gleichgültig zuckte ich die Schultern. Istanbul war mir egal, hier, in Bonn, war ich zu Hause und nicht in irgendeiner türkischen Stadt, die ich nur dem Namen nach kannte.

»Wenn du noch nie da warst, wie willst du dann wissen, ob es dort tatsächlich so schrecklich ist?«, fragte Aggie interessiert.

»Ich war schon mal in der Heimatstadt meiner Großeltern, in Diyarbakir, und da haben fast alle Frauen Kopftücher getragen und die Männer hatten schwarze Bärte. So viel besser kann Istanbul nicht sein. Ist doch dasselbe Land.«

Alle nickten bedrückt. Ich spürte, dass auch ihnen der Abschied nicht leichtfiel, trotzdem versuchten sie, sich nichts anmerken zu lassen, damit es mir nicht noch schlechter ging.

»Aber in den Reisemagazinen liest man doch immer von der Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Türken, da muss doch etwas Wahres dran sein, oder nicht?«

»Weiß ich nicht.« Ich scharrte grimmig mit meinen rosafarbenen Converse im Sand.

»Also, bei uns im Iran ...«, begann Ira, deren Eltern Nachkommen von Einwanderern aus dem Iran waren.

»Wieso sagst du eigentlich immer bei UNS im Iran?«, blaffte ich sie an. »Du kennst den Iran doch kaum besser als ich die Türkei!«

»Stimmt gar nicht!«, erwiderte Ira beleidigt. »Wir fahren jedes Jahr sechs Wochen in den Sommerferien hin. Und bei uns im Iran müssen ALLE Frauen Kopftücher tragen, auch Touristinnen, sobald sie das Flugzeug verlassen.« Wichtigtuerisch verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Ich wette, in der Türkei ist das genauso.«

»Meine Mutter sagt Nein.«

»Sicher lügt sie, damit du keine Zicken machst.«

»Jetzt reicht es aber, Ira! Meine Eltern waren als Studenten in Istanbul und sie sagen, es sei eine faszinierende, moderne Stadt! Und meine Mutter hat die Stadt in Shorts und Spaghettiträger-Shirt erkundet!«, widersprach Saskia heftig.

»Ach, Lara, nun sieh das Ganze doch mal positiv: Ein großes Abenteuer wartet auf dich, wir können uns jederzeit mailen und uns über Skype sehen und hören, wann immer du willst. Aus den Augen heißt doch nicht automatisch auch aus dem Sinn, oder?«, versuchte Leo, mir Mut zu machen.

Ich wollte gerade zu einer mürrischen Antwort ansetzten, als es zur dritten Stunde läutete. »Komm, wir haben jetzt Sport und sollten uns lieber beeilen, sonst tickt Frau Noppa noch aus! Eins steht jedenfalls fest: Du kannst froh sein, eine so nervige Paukerin los zu sein!«

Auch wenn meine Eltern mich nicht nach meiner Meinung gefragt hatten, hatten sie den Umzug so geplant, dass ich meinen 16. Geburtstag noch in Bonn mit meinen Freunden feiern konnte. Aber selbst die Aussicht auf eine große Abschieds- und Geburtstagsparty konnte mich kaum trösten. Während meine Mutter den Partykeller dekorierte und Papa die Musikanlage einstellte, lümmelte ich in meinen neuen, knallengen Jeans und dem modischen Wickeltop lustlos in einer Ecke herum. Ich mochte ja todtraurig sein, weil ich fortmusste, aber es war mir irgendwie wichtig, bei meinen Freunden einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

»Mensch, jetzt lach doch mal.« Kaan, mein Vater, klopfte mir gut gelaunt auf die Schulter. Ich schüttelte mich, als wäre seine Hand ein lästiges Insekt, das fortgejagt werden müsste. Immerhin war er schuld daran, dass wir jetzt alle in die verdammte Türkei ziehen mussten, warum sollte ich also nett sein?

Papa seufzte. »Hey, ich will doch nur das Allerbeste für dich.«

»Ja, klaro, und das Allerbeste ist wahrscheinlich eine arrangierte Heirat, sobald ich mit der Schule fertig bin, was?«

»Hä?« Verständnislos riss er die Augen auf.

»Du liebst mich nicht, nicht die Bohne! Du denkst nur an dich selbst!« Wieder traten mir Tränen in die Augen.

»Jetzt beruhige dich bitte! Deine Freunde können jeden Moment hier sein, willst du, dass sie dich als Heulsuse in Erinnerung behalten?« Mama legte mir besänftigend die Hände auf den Arm.

Widerwillig schüttelte ich den Kopf.

»Siehst du. Und was Istanbul angeht: Dein Vater und ich sind genauso hier geboren und aufgewachsen wie du. Auch wir sind hier daheim, auch wir haben hier Freunde, die wir sehr vermissen werden. Aber im Gegensatz zu dir waren wir schon in Istanbul, wir wissen, wovon wir reden, wenn wir dir versichern, dass es dir dort gefallen wird. So, und nun mach dich frisch, es hat gerade geklingelt und so verheult, wie du gerade aussiehst, möchtest du deine Gäste sicher nicht begrüßen!«

Meine ganze Klasse und auch ein paar Leute aus den Parallelklassen waren eingeladen, sodass der Partykeller brechend voll war. Zum Glück hatten meine Eltern sich nach oben ins Wohnzimmer verzogen und die Tür fest hinter sich geschlossen.

»Ist Du-weißt-schon-wer da?«, flüsterte Saskia.

»Pschscht!« Aufgebracht schaute ich mich um. »Nicht so laut, es muss doch nicht jeder gleich wissen!« Saskias Schwärmerei für Simon war einfach nur peinlich, fand ich. Das hatte ich ihr auch gesagt, genauso wie Ira und Leo, aber Saskia war blind vor Liebe, was uns alle unheimlich nervte. Ich nahm mir fest vor, nie, niemals einem Jungen so hinterherzuhecheln, wie sie das tat.

»Ich habe doch keine Namen genannt.«

»Trotzdem.« Genau in dem Moment erschien ihre Flamme in der Tür. Saskia schmolz bei seinem Anblick dahin wie Butter auf heißem Toast. Ich kicherte nervös. Simon warf seine lange blonde Mähne zurück, als er mich sah. Zugegeben, er sah nicht übel aus. Wenigstens bis er den Mund auftat und jeder Vollidiot erkennen konnte, dass sein IQ gerade einmal ausreichte, sich beim Pinkeln nicht selbst nass zu machen.

»Hallo! Hier, das ist für dich. Herzlichen Glückwunsch!« Er überreichte mir eine Flasche Aldi-Sekt. Ohne Saskia weiter zu beachten, deren Augen absurderweise wie Sterne leuchteten, steuerte er auf eine Gruppe tanzender Mädchen zu, Freundinnen aus meinem Ballettkurs. »Super Fahrgestelle!«, murmelte er beiläufig und pfiff anerkennend durch die Zähne.

»Blödmann!«, rügte Leo leise und ich nickte zustimmend.

Die Party war ein voller Erfolg und wäre ich nicht so traurig wegen des Umzugs gewesen, wäre ich heute das glücklichste Mädchen der Welt. Mamas liebevoll dekoriertes kaltes Buffet mit Minifrikadellen, Cocktailwürstchen, Kartoffel- und Nudelsalat, aber auch türkischen Speisen wie Börek und Kisir war bis auf ein paar Krümel leer gegessen. Den ganzen Abend über hatten alle getanzt, bis es unten im Partyraum brüllend heiß war, aber selbst daran hatte sich niemand gestört. Ich hatte den Umzug, der wie eine unausweichliche Bedrohung vor mir lag, schon fast vergessen. Erst gegen drei Uhr früh, als alle Gäste sich schon verabschiedet hatten, gähnte ich: »Also, wenn ich nicht so sauer auf euch wäre, Mama und Papa, dann würde ich euch für diese tolle Fete glatt küssen!«

Papa grinste und schaute meine Mutter fragend an.

»Also schön«, lenkte sie ein, »dann gib es ihr eben.«

»Mir geben? Was denn?« Obwohl ich eben noch todmüde gewesen war, war ich jetzt plötzlich wieder hellwach.

»Herzlichen Glückwunsch von uns beiden.« Mit diesen Worten überreichte mir Papa ein Paket, das in pinkfarbenes Glitzerpapier gewickelt und mit einer rosafarbenen Schleife verziert war.

Ungeduldig riss ich das Papier auf. »Waaaahnsinn! Ein Sony Vaio Netbook! In Pink! Danke!« Stürmisch umarmte ich meine Eltern.

»Du schreibst doch so gerne. Da dachten wir, es wäre jetzt mal an der Zeit, dass du die Sache ein wenig professioneller angehst. Ich habe ein Programm installiert, mit dem du Drehbücher entwickeln kannst, und ein anderes für Kurzgeschichten oder einen Roman. Sicher findest du dafür in Istanbul genügend Stoff.«

Gerührt küsste ich sie. »Ihr seid wirklich tolle Eltern!« Die nächsten Tage flogen nur so dahin. Mein Vater wollte schon ein paar Tage vor uns in Istanbul sein, um eine neue Unterkunft zu finden und sie bewohnbar zu machen. Zwischendurch schauten Freunde und Nachbarn vorbei, um sich zu verabschieden und uns alles Gute zu wünschen, vereinzelt flossen auch ein paar Tränen. Besonders das Abschiedsgeschenk, das die Mädels mir machten, brachte mich zum Weinen. »So ganz geht man nie. Und jeder Abschied ist ein Grund, wieder zurückzukommen«, sagte Leo, als sie es mir überreichte. Es war ein silberner Armreif, in den unsere Namen eingraviert waren: Leo, Ira, Lara, Saskia und Aggie 4ever. Grinsend entblößten sie ihre Handgelenke. Alle trugen dasselbe Schmuckstück, ich streifte es ebenfalls über.

»Den nehme ich ganz sicher nie mehr ab«, versprach ich. »Ihr sollt wissen, auch wenn ich weg bin, bleibe ich für immer eure Freundin, ganz gleich, was passiert!« Jetzt heulten wir alle, was von den Möbelpackern mit verständnislosem Kopfschütteln quittiert wurde.

Und ganz plötzlich waren alle Leute weg, das Haus war leer. Meine Schritte hallten, als würde ich einen Rundgang durch ein Museum machen.

»Lara, wir müssen gleich los, bitte schau noch einmal nach, ob du auch nichts vergessen hast, ja?«, mahnte Mama und schaute dabei hektisch auf ihre Armbanduhr.

Mein Herz krampfte sich zusammen, als ich bedrückt durch die ordentlich gefegten Räume schritt. Hier war ich aufgewachsen, ich hatte noch nie ein anderes Zuhause gehabt.

»Schatz, wir müssen los, beeil dich bitte!«

»Ich komme ja schon!«, rief ich heiser.

So viele kleine Glücksmomente und unzählige Erinnerungen wisperten mir aus den Ecken der Zimmer zum Abschied zu. »Leb wohl, altes Haus. Ich werde dich nie vergessen«, flüsterte ich und machte meinen ersten Schritt in ein neues Leben.

»Wie alt war ich überhaupt, als wir das letzte Mal in der Türkei gewesen sind?«, fragte ich, als wir endlich im Flugzeug saßen. Ich war höllisch aufgeregt, aber das hätte ich nie im Leben zugegeben.

»Du warst erst fünf.«

»Echt, so jung?«

Meine Mutter nickte. »Ich wundere mich, dass du dich überhaupt noch daran erinnerst.«

»Ich kann nicht gerade sagen, dass es positive Erinnerungen sind«, gab ich ehrlich zu. »Ich weiß nur noch, dass eine Frau, ich glaube, es war irgendeine Verwandte von uns, mich immer in die Wange gekniffen hat und ständig ›Maaschallah!‹ gerufen hat, dass ihr Mann fürchterlich finster geschaut und einen langen schwarzen Bart hatte und dass es dort ein Stehklo gab und ich Angst hatte, beim Pinkeln hineinzufallen. Und es war unheimlich heiß.«

»Ehrlich? Meine Güte, der arme Abdullah! So heißt der Mann, von dem du behauptet hast, er sähe so mies gelaunt aus. In Wirklichkeit ist er eine Seele von Mensch, er hat nur buschige Brauen. Und seine Frau Fadime ist auch in Ordnung. Sie sind eben mit ganz anderen Werten und Idealen aufgewachsen als wir. Istanbul ist ganz anders.« Mama blickte verträumt in die Ferne. »Es ist der Ort, an dem Europa und Orient einander die Hand reichen, an dem Vergangenheit und Zukunft, Ozean und Horizont, Sonnenuntergang und Morgenröte aufeinandertreffen. Es ist eine Stadt, die nie schläft, und deren Puls dreimal so schnell schlägt wie der jeder anderen Stadt, die ich kenne.«

Das Flugzeug war längst gestartet.

»Oh Mann! An dir ist ja eine wahre Dichternatur verloren gegangen!«, zog ich sie auf. »Woher weißt du so viel über Istanbul?«

Sie lächelte. »Ich war in den Ferien oft da, meine Tante lebte dort bis zu ihrem Tod und ich habe sie gerne besucht. Auch sie liebte Istanbul, sie sagte, sie wäre nirgends glücklicher gewesen.« Mama holte tief Luft. »Man sagt, wer einmal in Istanbul gelebt hat, will nirgendwo sonst leben. Und wer in Istanbul Auto fahren kann, kann überall auf der Welt fahren.« Sie lachte. »Keine schlechte Aussicht, wenn man bedenkt, dass du dort deinen Führerschein machen wirst, oder?«

Nach einem tiefen, traumlosen Schlaf brachte mich Mamas Stimme in die Gegenwart zurück.

»Sieh mal!«

»Sind wir schon da?« Ich gähnte. Kam mir vor, als sei ich eben erst eingeschlafen.

»Ja, Liebling. Das ist unser neues Zuhause. Das ist Istanbul.«

Andächtig schauten wir auf den Bosporus hinab, jene legendäre Meerenge, die die Türken kurz boğaz, also »Hals«, nennen und die die Stadt in einen europäischen und einen anatolischen Teil trennt. Die Sonne spiegelte sich auf dem Meer und Schaumkrönchen hüpften auf dem Wasser, während Fähren, Fischkutter, Segelboote und luxuriöse Yachten die Meerenge durchkreuzten. Ich konnte die Minarette unzähliger Moscheen hoch in den wolkenlosen Himmel ragen sehen, sah orangefarbene Dächer und die blitzenden Glasfassaden riesiger Wolkenkratzer, die das Licht der Sonne funkelnd zurückwarfen, sodass ich blinzeln musste. Und es waren so viele! Unzählige Gebäude bildeten einen dichten bunten Flickenteppich unter uns, mal reihten sie sich ordentlich strukturiert aneinander, mal standen sie krumm und schief nebeneinander.

»Beeindruckend, nicht wahr?«

Ich nickte stumm. Ja, beeindruckend, aber auch beängstigend.

Das Erste, was mir an Istanbul auffiel, während wir im Auto zu unserem neuen Zuhause fuhren, war der dicke graue Smogstreifen am Horizont. Als ich Paps darauf ansprach, entgegnete er: »Ja, das ist etwas, was mir ganz und gar nicht gefällt. Aber da, wo wir wohnen, ist die Luft noch erträglich.«

Als wir ankamen, war es schon fast dunkel. In den überfüllten Straßen einen Parkplatz zu finden, war reine Glückssache. Ich stieg aus, froh, mir endlich die Beine vertreten zu können. Ich war hundemüde und um mich drehte sich alles. Ich fühlte mich vollkommen erschlagen von den vielen neuen Eindrücken. Alles war hier anders, eine völlig andere Welt. Sogar die Luft roch anders. Zu Hause lag der Herbst schon in der Luft und die ersten Blätter hatten sich bunt gefärbt. Hier dagegen war es noch sommerlich warm und selbst um diese Uhrzeit bemerkte ich den Geruch des Meeres, der mich an unseren letzten Strandurlaub erinnerte.

»Das sieht ganz anders aus als zu Hause«, bemerkte ich. Und dieses »anders« hatte ich keinesfalls positiv gemeint. Keine Einfamilien- oder Reihenhäuser, keine Mehrfamilienhäuser. Sechs-, sieben-, achtstöckige Hochhäuser reihten sich aneinander, kein Blatt Papier passte zwischen die Altbauten.

»Dikkat etsene!«, schrie ein Autofahrer mich wütend an. »Pass doch auf!«

Zu Tode erschrocken konnte ich mich in letzter Minute auf etwas retten, das wie ein Fußgängerweg aussah, doch mitten auf dem vermeintlichen Bürgersteig stand eine Reihe sehr großer, offenbar sehr alter Bäume, die es schwer machten, hier normal zu gehen. Ich schluckte die deftige Antwort, die ich dem Rowdy gerne hinterhergerufen hätte, tapfer hinunter. Es hätte ohnehin keinen Sinn gehabt, er hätte mich ja doch nicht verstanden. Immer wieder musste ich den Bäumen ausweichen und auf die Straße zurückspringen. »Da sind wir!«, sagte Paps schließlich.

Gott sei Dank!, dachte ich bitter und fragte mich, wie ich mich in all dem Chaos jemals zu Hause fühlen sollte.

Wir stiegen in einen Fahrstuhl, der uns in den vierten Stock beförderte. Als Papa den Lichtschalter anknipste, fanden wir uns in einem quadratischen Eingangsbereich wieder, der in eine helle, geräumige Küche mit hochmoderner Kochinsel mündete. Unmittelbar daneben befand sich das Wohnzimmer, das in zwei Ebenen unterteilt war. Die erste schien der Essbereich zu sein, zwei polierte Parkettstufen weiter unten befand sich das eigentliche Wohnzimmer, mit riesigen, stockdunklen Panoramafenstern. Auf dem Balkon befand sich ein eingebauter Barbecue-Grill. Der lange Korridor rechts führte zum Elternschlafzimmer und in ein Zimmer, von dem ich annahm, es wäre meines.

»Geh nur!«, forderte mein Vater mich auf, während Mama entzückt die Kochinsel bewunderte.

Zögernd betrat ich mein neues Reich, ein hübsches Mansardenzimmer mit eigenem Ankleidezimmer und Bad. »Nicht schlecht!«, entfuhr es mir.

»Hier kannst du die Klimaanlage einstellen, wenn du willst«, erklärte Papa stolz. »Ich habe gehofft, dass es dir gefällt.«

Ich sagte nichts. »Ich bin müde«, brachte ich bloß hervor.

»Wenn du Hunger hast, können wir ausgehen, wir wohnen sehr zentral und die Restaurants haben bis spät in die Nacht geöffnet.«

»Nein, danke.«

»Aber ...«

»Ich sagte, ich bin müde!«

Meine Mutter war hinter ihm erschienen. »Lass sie, Kaan. Gib ihr Zeit«, flüsterte sie.

»Na dann: Willkommen!« Liebevoll küsste Papa mich auf die Stirn. »Und schlaf gut in deinem neuen Zuhause!«

Ich schlüpfte in meinen Schlafsack und kramte nach meinem alten Teddy in meinem Rucksack. Joe war zumindest ein kleines Stück Zuhause, das ich mitbringen konnte. Ich kuschelte mich dicht an sein flauschiges Fell und schloss schon ein wenig getröstet die Augen.

Am nächsten Morgen weckte mich das Morgengebet des Muezzins. Im ersten Moment wusste ich nicht, wo ich war, schlaftrunken checkte ich meine Armbanduhr. Es war erst halb sechs. Ans Weiterschlafen war jetzt nicht mehr zu denken, denn ich war hellwach. Also aufstehen. Barfuß tapste ich durch die Wohnung, um meine Eltern nicht zu wecken. Halb tat es mir leid, wie ich Paps gestern abgewiesen hatte, er hatte es ja nur gut gemeint. Fernes Vogelgezwitscher lockte mich ins Wohnzimmer. Lautlos öffnete ich die Schiebetür zum Balkon. »Wow!«, entfuhr es mir. Ein Panoramablick wie aus einem alten Gemälde begrüßte mich. »Günaydin!«, ertönte es neben mir. »Guten Morgen!« Erschrocken fuhr ich herum. Auf dem Nachbarbalkon stand der bestaussehende Junge, der mir je unter die Augen gekommen war. Er schien etwa so alt zu sein wie ich, vielleicht ein oder zwei Jahre älter. Seine hellbraunen Locken standen wild in alle Richtungen ab und seine haselnussbraunen Augen musterten mich interessiert. Er war etwa zwei Köpfe größer als ich und wirkte athletisch. Mist, verdammter. Warum nur hatte ich mich nicht erst angezogen oder mir zumindest die Zähne geputzt, bevor ich auf den Balkon gekommen war? Ich schlafe grundsätzlich immer so, als würde ich im Traum mit jemandem kämpfen, und meine Haare stehen deshalb morgens immer in alle Richtungen ab. Ich schluckte nervös.

»Are you a foreigner?«, fragte er freundlich.

Ich schüttelte den Kopf. »Wir kommen aus Deutschland«, stotterte ich auf Türkisch. Ich bin eine Türkin der vierten Generation. Soll heißen, dass mein Türkisch ziemlich mies ist. Englisch oder Französisch liegen mir da schon eher.

»Ah, Almancilar«, stellte der Typ sachlich fest.

»Ich bin kein Deutschländer!«, blaffte ich wütend zurück. Deutschländer, Menschen, die weder richtig deutsch noch richtig türkisch waren, Zwischenmenschen. Deutschländer. Abschaum.

»Hey, ich habe das doch nicht böse gemeint!«, versuchte er jetzt auf Deutsch zu erklären, aber das konnte er sich sparen. Ich hatte längst die Tür zugeknallt und war wieder in mein Zimmer abgedampft.

»Ich will wieder nach Hause!«, schluchzte ich in meine Kissen. Mama setzte sich auf meine Bettkante.

»Ach, Schätzchen. Ich verstehe ja, dass du Heimweh hast. Aber findest du nicht, du solltest mit dem Trübsalblasen aufhören?« Mama, die ich unbeabsichtigt geweckt hatte, strich mir sachte über den Rücken. Ich schlang die Arme um ihren Hals. »Ich spreche ja nicht einmal richtig Türkisch!«, heulte ich. »Wie soll ich hier überhaupt zur Schule gehen?«

»Mach dir darüber keine Gedanken. Wir melden dich am deutschen Gymnasium an, die Schulsprache ist also bis auf wenige Fächer Deutsch«, tröstete Papa mich. »Und nun wasch dir das Gesicht und zieh dir was Frisches an, dann gehen wir zum Frühstücken aus!«

Ich schlüpfte in marineblaue Shorts und ein blau-weiß geringeltes T-Shirt und verschlang wenig später unter dem neidischen Kreischen der Möwen ein riesiges Frühstück aus knusprigem Weißbrot, verschiedenen Käsesorten, Oliven, tiefroten Tomaten und echtem Wabenhonig. Ich merkte, wie es mir allmählich besser ging.

»Wenn du willst, kannst du die Gegend erkunden, deine Mutter und ich kümmern uns inzwischen um die Wohnung«, schlug Papa vor.

Ich nickte erfreut. Sicherheitshalber schrieb Paps mir die genaue Adresse auf und mahnte: »Wenn irgendetwas ist, ruf mich auf dem Handy an, okay?«

Ich nickte. »Klaro, Paps!«

»Gut, dann viel Spaß.« Er überreichte mir ein paar Scheine.

»Für den Fall, dass du etwas siehst, was dir gefällt!«, zwinkerte er mir vergnügt zu und ich steckte das Geld begeistert ein. Na, mal schauen, vielleicht würde das Leben hier nicht ganz so mies sein, wie ich befürchtet hatte.

Ich spazierte die Strandpromenade entlang und sog die salzgetränkte Luft ein, bis es mir zu langweilig wurde. Dann stiefelte ich eine scheinbar endlose, in den Fels gehauene Treppe hinauf, die vor einem riesigen, lärmerf ü llten Spielplatz endete, dem alte Eichen Schatten spendeten. Ich schlenderte weiter, bog mal hier ab, mal da, trank starken türkischen Mokka in einem orientalisch eingerichteten Café und ließ mir die Zukunft aus dem Kaffeesatz weissagen, etwas, das hier in vielen Cafés zum Service gehörte, wie mir die junge Kellnerin erklärte. Eine Zigeunerin in den Vierzigern setzte sich vor mich, nahm erst mich, dann die kleine Tasse genauestens in Augenschein und murmelte: »Ich sehe einen jungen Mann, der in Liebe zu dir entbrannt ist.«

Bei dieser Bemerkung hatte ich Mühe, nicht in Gekicher auszubrechen. Wie vielen Leuten erzählte sie wohl täglich dasselbe? »... aber ich sehe auch große Gefahr. Hüte dich vor dem Mann mit den grünen Augen.« Okay, das reichte jetzt, Pauschalitäten konnte ich mir auch woanders anhören. Ich dankte artig und machte, dass ich davonkam.

Als es allmählich dämmerte, merkte ich, dass ich schrecklichen Hunger und keinen Schimmer mehr hatte, wo ich überhaupt war. Keine Ahnung, wie ich hier gelandet war, in einer engen dunklen Gasse, die mir nicht ganz geheuer war. Im Fernsehen ist das genau die Art von Gasse, in der Leute ermordet werden. Besser, wenn ich hier so schnell wie möglich verduftete. Unsicher blickte ich mich um, als eine Gruppe Rocker auftauchte, zumindest sahen sie so aus. Alle waren in Leder gekleidet, gepierct, tätowiert. Und alle grölten. Verängstigt wich ich ein paar Schritte zurück, in der Hoffnung, dass sie mich nicht bemerken würden, wenn ich mich im Schatten der Hauseingänge versteckt hielt. Aber dafür waren sie beinahe schon zu nahe. Eine kräftige Hand packte mich plötzlich und zog mich in einen dunklen Hausflur. Ich hatte das Gefühl, mir vor lauter Angst in die Hosen zu machen.

»Keine Gegend für junge Almancis «, flüsterte eine Stimme.

»Lass mich auf der Stelle los!« Aufgebracht befreite ich mich aus dem eisernen Griff und drehte mich um. Da stand mein Nachbar und schaute mich abschätzend an. »Du hast mir heute Morgen keine Gelegenheit gelassen, mich vorzustellen. Ich bin Noyan.« Spöttisch verbeugte er sich vor mir.

»Mir doch egal, wer du bist.« Achselzuckend wollte ich wieder auf die Straße zurück, doch Noyan hielt mich zurück. »Bist du dir wirklich sicher, dass du das willst? Nur mal so zur Info: Der Kerl da mit dem rasierten Schädel ist einer der meistgefürchteten Leute hier in der Gegend. Unberechenbar und fast immer bekifft. Und seine Kumpels sind auch nicht viel besser.«

»Ich muss jetzt aber gehen!«

»Aber nicht allein! Komm, ich kenne eine Abkürzung. Wie sagtest du noch gleich, wie du heißt?«

»Ich sagte gar nichts.«

»Ihr Deutschländer seid ja nicht besonders höflich, was?«

»Hör gefälligst auf, mich so zu nennen! Lara, mein Name ist Lara.«

»Lara, soso. Wasserfee, das bedeutet er, nicht wahr? Na, dann komm, kleine Nixe, bringen wir dich heim.«

Wir warteten, bis die Gruppe der lärmenden Männer vorbeigezogen waren, dann nahm Noyan meine Hand und zog mich mit sich fort. Ich nahm erstaunt wahr, wie warm seine Handfläche war.

Durch verwinkelte Gassen, die so eng waren, dass wir kaum nebeneinandergehen konnten, führte er mich schnell und sicher wieder zurück nach Hause.

»So, pass auf, dass du da nicht wieder hingerätst. Mädchen wie dich sieht man hier nur selten, mach dich also bitte nicht selbst zu Freiwild, okay?«

Er wandte sich zum Gehen.

»He, warte! Ich meine ... Noyan! Ich wollte ... äh ... danke.« Ärgerlicherweise wurde ich rot.

Er lächelte. »Keine Ursache!«

»Muss ich das wirklich anziehen?«, grollte ich am nächsten Morgen, während ich kritisch mein Spiegelbild beäugte.

»Ja, Schuluniform ist hier Pflicht, genau wie in Großbritannien«, erklärte meine Mutter.

»Und die Kniestrümpfe? Ich sehe aus wie zwölf! Wenn ich doch nur ein wenig Make-up auflegen dürfte!«

»Nein, Schminken ist auch nicht erlaubt, in keiner der mir hier bekannten Schulen übrigens. Und außerdem siehst du ohne das ganze Zeug im Gesicht viel hübscher aus. Zu den Strümpfen: Alternativ dürftest du noch schwarze Strumpfhosen tragen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es heute über dreißig Grad warm werden soll, dachte ich, das willst du vielleicht nicht.«

»Schon gut!«

Wenn meine Mädels mich so sehen könnten, lägen sie vor Lachen auf dem Boden.

»Auf nach Hogwarts!«, murmelte ich ironisch und musste wider Willen grinsen.

»Zur Schule kommst du mit dem Shuttlebus, er hält gleich vor der Tür, am besten, du gehst schon mal runter«, schlug Papa vor. Ich hatte ihm gegenüber noch immer ein schlechtes Gewissen, deshalb gab ich ihm einen besonders liebevollen Kuss auf die Wange. »Bis heute Abend, Paps.«

Als ich vor die Tür trat, stand der Shuttlebus schon bereit. Ich holte tief Luft und stieg ein. Neugierige Gesichter wandten sich mir zu, denen ich nur ein unverbindliches Günaydin, »Guten Morgen«, entgegenmurmelte, während ich nach einem freien Platz Ausschau hielt, auf dem ich mich unsichtbar machen konnte.

»Du kannst dich hierhersetzen, kleine Nixe.« Noyan, der in seiner Schuluniform wie eine verbesserte Fassung von Robert Pattinson aus Twilight aussah, klopfte auf den Platz neben sich. Ich merkte verärgert, dass meine Wangen sich wieder erwärmten und ich schon wieder rot im Gesicht wurde. Hätte ich gekonnt, hätte ich mich liebend gern woanders hingesetzt, doch der Sitz neben Noyan war der einzig freie.

»Ich werde mich nicht in so einen Schönling vergucken!«, nahm ich mir vor, obwohl eine kleine Stimme in meinem Kopf mir sagte, dass Noyan außerordentlich schöne Locken für einen Jungen hatte und dass er auch sonst verdammt gut aussah. Krampfhaft bemühte ich mich, ihn nicht zu beachten, aber das hätte ich mir auch sparen können, er nahm sowieso keine Notiz von mir. Vorsichtig schielte ich ihn von der Seite an. Er war in ein Buch vertieft. MacBeth von Shakespeare und das auch noch auf Englisch! Eins jedenfalls stand fest: Dumm war er nicht!

Türkischer Deutschunterricht

»Guten Morgen zusammen!«, begrüßte Frau Generes meine neue Klasse. »Guten Morgen!«, tönte es verhalten zurück. Frau Generes unterrichtete Mathe und Biologie, ausgerechnet die Fächer, die ich am meisten hasste.

»Lara Mavi?«, rief die Lehrerin und blickte über den Rand ihrer fragilen Metallbrille hinweg in die Klasse.

»Ja?«, meldete ich mich gelangweilt.

»Du sollst dich bitte in das Zimmer des Direktors begeben.«

»Ich? Warum denn?« Zu Hause in Bonn wurde man nur in das Rektoratszimmer zitiert, wenn man etwas echt Übles angestellt hatte. Ein überlaufendes Klo in die Luft zu jagen oder beim Mogeln während einer Klassenarbeit erwischt zu werden waren solche Vergehen, die dann im Zimmer der höchsten Schulautorität geahndet wurden. Soweit ich mich erinnerte, hatte ich in den paar Stunden, die ich hier war, noch kein Klo zum Explodieren gebracht.

»Das wirst du wohl dort erfahren«, antwortete Frau Generes kurz. »Du solltest dich beeilen, du hältst meinen Unterricht auf.«

Alle Augen waren auf mich gerichtet, manche blickten spekulierend, manche schadenfroh, andere wiederum einfach nur neugierig. Aus irgendeinem Grund ärgerte es mich, so begafft zu werden, als wäre ich das schwarze Schaf.

»Die hat bestimmt was ausgefressen«, raunte das Mädchen, das in der Reihe hinter mir saß, ihrer Tischnachbarin zu. Beide kicherten schadenfroh und ich drehte mich zornig um. Das Mädchen, das diese boshafte Bemerkung fallen gelassen hatte, hieß Ebru oder so ähnlich. Ich hatte vorhin jemanden ihren Namen rufen hören. Ebru war ein großes, schlankes Mädchen, auch sie hatte lange Haare, genau wie ich, nur war ihres dunkelbraun, fast schwarz, was einen verführerischen Kontrast zu den grünbraunen Augen bildete, die von dichten dunklen Wimpern umrahmt wurden. Gedanklich sortierte ich sie in die Kategorie »Hübsch, aber ohne Hirn« ein.

Ich wünschte, ich hätte nur ein Fitzelchen Gloss oder einen Hauch Wimperntusche auflegen dürfen! Und diese Schuluniform war auch nicht gerade nach meinem Geschmack, wo ich doch so tolle Klamotten hatte! Aber daran konnte ich wohl nichts ändern.

Ich steuerte auf die Tür zu, während die Lehrerin mit dem Unterricht fortfuhr. Wo war noch mal das Rektorat? Ah ja, gleich neben dem Lehrerzimmer im ersten Stock. Jetzt machte ich mir ernsthaft Gedanken darüber, warum ich dorthin zitiert wurde. Oh Gott, hoffentlich war meinen Eltern nichts zugestoßen! Diese Szenen kennen wir doch alle aus dem Kino, oder nicht? Ein Mädel wird zum Direktor zitiert, allerdings erledigt diesen Job im Film eine sanftmütige junge Lehrkraft mit Rehaugen und keine militante alte Schachtel, die mich im Geiste schon im Schulkerker vermodern sah. Nein, sicher war zu Hause alles in Ordnung.

Zaghaft klopfte ich an die dicke Eichenholztür. Ich war nervös. Zuerst dachte ich, ich hätte nicht laut genug geklopft und hatte schon die Faust erhoben, um es noch mal zu versuchen, doch dann erscholl ein gedämpftes »Herein!«, gefolgt von einem leisen Summen. Die Tür ließ sich ganz leicht öffnen. Ich betrat das Vorzimmer des Direktors, in dem eine Frau Ende fünfzig mit einem adretten silbernen Dutt auf dem Hinterkopf vor einem flimmernden Flachbildschirm saß und eifrig tippte.

»Der Direktor ist gleich fertig, du kannst solange hier auf dem Stuhl Platz nehmen«, erklärte sie freundlich in tadellosem Deutsch.

»Danke.« Ich setzte mich und wartete. Um mir die Zeit zu vertreiben, ließ ich meine Gedanken zum Ballett schweifen, malte mir aus, wie es wohl gewesen wäre, die Hauptrolle in Schwanensee spielen zu dürfen, und stellte mir den Applaus vor, der nach der Vorstellung aufbrandete. Ich hatte gerade das flauschige, matt glänzende Kostüm aus weißem Tüll und Federn vor Augen, das ich getragen hätte, als sich die Tür jäh öffnete und ein Junge mit dunkelblondem Haar und hellgrünen Augen aus dem Zimmer kam. Seine Miene wirkte verärgert.

»Du kannst jetzt hineingehen«, sagte die Sekretärin.

»Wie bitte?« Orientierungslos sah ich sie an. »Oh, jaja, natürlich.« Hochrot im Gesicht wandte ich mich der offenen Tür zu. Hatte ich den Typen wirklich angestarrt? Mann, wie peinlich. Aber er war attraktiv, das musste man ihm lassen. Nicht so groß und geheimnisvoll wie Noyan, aber da war ein gewisses Etwas an ihm, das man nicht leugnen konnte.

»Lara Mavi?« Hinter einem antiquierten Eichenholzschreibtisch saß ein schlanker Mann Mitte sechzig in einem gut sitzenden Anzug. Direktor Mattis war Deutscher, der Türkisch aber ebenso fließend beherrschte wie Englisch und Französisch, wie Papa mir berichtete.

»Sieht jung für sein Alter aus«, schoss es mir durch den Kopf. Seinen wachen Augen schien nicht die geringste Kleinigkeit zu entgehen.

Ich nickte. »Ja, das bin ich.«

Ich kam mir vor, als stünde ich vor einem Richter der spanischen Inquisition. Er musterte mich scharf, bevor er mich aufforderte, auf der braunen Ledercouch Platz zu nehmen.

»Ich werde nicht um den heißen Brei herumreden, Lara«, begann er ruhig. »Ich weiß, du bist neu an unserer Schule und weißt hier noch nicht so richtig Bescheid. Du kannst von Glück sagen, dass wir dich aufgenommen haben, bei deinem Notendurchschnitt hättest du hier eigentlich keine Chance gehabt. Allein die Tatsache, dass du aus Deutschland kommst und dass dein ehemaliger Klassenlehrer dich als nicht völlig hoffnungslosen Fall betrachtet, hat dafür gesorgt, dass du jetzt hier bist. Mag sein, dass du in der Vergangenheit, nun ja, sagen wir einmal salopp, nicht eben lernbegeistert warst. Hier erwarten wir mehr, viel mehr von dir. Dein Halbjahreszeugnis am Gymnasium war in meinen Augen eine einzige Katastrophe, nur in Sport und Deutsch konntest du glänzen. Das zeigt mir, dass du durchaus etwas leisten kannst, wenn du es nur willst. So, wie ich dich hier vor mir sehe, vermute ich, du gehörst zu den Schülern, die ich ›Spaßlerner‹ nenne. Gefällt dir der Unterricht, beteiligst du dich, wenn nicht, lässt du es bleiben und sitzt deine Zeit ab bis zur nächsten Stunde. Das geht nicht mehr, das solltest du wissen.«

So hatte noch nie jemand mit mir gesprochen. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte und ob überhaupt eine Antwort gefordert war, also schwieg ich und hielt dem Blick des Direktors mit hoch erhobenem Kopf stand.

»Ich hoffe, dass dir das zu denken gibt.«

Ich starrte den Mann an und schwieg weiter. Allmählich wurde ich wütend. Was sollte der Mist eigentlich? Es war ja nicht so, dass ich mich sehnlichst hierhergewünscht hätte, ich war hier, weil ich keine andere Wahl gehabt hatte. Wäre ich schon achtzehn, hätte mich keine Macht der Welt in dieses bescheuerte Land gebracht, darauf konnte der Alte Gift nehmen! Was bildete er sich eigentlich ein?

»Gut, dann kommen wir zum nächsten Punkt. Wie gesagt, es gibt Regeln, an die sich unsere Schüler und Schülerinnen halten müssen. Verhaltensregeln wie die, die ich eben erklärt habe, und Bekleidungsregeln, an die du dich nicht zu halten scheinst.«

»Aber ich trage doch die Uniform! Und Make-up benutze ich auch nicht!«, protestierte ich empört. Allmählich wurde mir das Ganze zu bunt.

»Das sehe ich. Aber dein Rock ist viel zu kurz, deine Absätze zu hoch und deine Haare sind gefärbt«, stellte der Rex sachlich fest.

»Das sind Strähnchen«, korrigierte ich ihn würdevoll und fügte in Gedanken hinzu: die mich das Taschengeld von zwei Monaten gekostet haben!

»Was auch immer.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das geht hier nicht. Bitte besorge dir flache schwarze Schuhe, die für den Schulalltag angemessen sind, und einen neuen Rock, der dir zumindest eine Handbreit bis an die Knie reichen sollte. Und so leid es mir tut, aber deine Haare musst du in ihren Ursprungszustand zurückfärben und danach solltest du sie nicht so herumwehen lassen, sondern sie mit einem Haarband oder einer Spange aus dem Gesicht halten.«

Ich war echt versucht, wütend aufzustehen, die Tür hinter mir zuzuknallen und diese ganze verdammte Schule zum Teufel zu wünschen.

»Was, wenn ich das nicht tun will?«, zischte ich böse.

Der Direktor schien Widerworte nicht gewöhnt zu sein, er hob erstaunt die Brauen und antwortete gelassen: »Dann kannst du dich an irgendeiner anderen Schule einschreiben lassen, die Wahl liegt natürlich bei dir.«

»Ich denke, das hier ist eine Privatschule.« Ich spürte, wie meine Wangen sich rot färbten.

»Ja, das stimmt. Eine Privatschule, in der Eltern uns sehr viel dafür zahlen, dass wir ihre Kinder dazu animieren, ihr Bestes zu geben, und ihnen Manieren beibringen, was bei dir offensichtlich bitter nötig ist. Du darfst jetzt gehen«, erklärte Herr Mattis energisch. »Bitte schließe die Tür hinter dir. Ach, und Lara?«

Ich hatte den Raum schon beinahe verlassen und drehte mich widerstrebend um. »Ja?«

»Ich erwarte, dass du dein Aussehen bis morgen veränderst. Schönen Tag noch.«

Wütend stapfte ich aus dem Zimmer. Dieser blöde Direx! Jetzt musste ich mein Haar braun färben, dabei hasste ich meine Naturhaarfarbe wie die Pest! Und diese unsägliche Uniform! Ich blickte an mir herab. Mama war dagegen gewesen, den Rock so stark zu kürzen, aber ich hatte sie ausgetrickst, indem ich die Stecknadeln, mit denen sie den Rock an der Stelle gekennzeichnet hatte, an der die Schneiderin ihn kürzen sollte, einfach ein wenig höher gesteckt hatte. Als Balletttänzerin hatte ich schließlich durchaus vorzeigbare Beine, warum also sollte ich die verstecken? Meine Mutter hatte den Rock ahnungslos in die Änderungsschneiderei gebracht, während ich die nötigen Schulbücher gekauft hatte, und war entsetzt, als sie später sah, wie kurz der Rock war. Aber da war es schon zu spät gewesen, eine Gegenmaßnahme zu ergreifen.

Ich klopfte an die Tür meines Klassenzimmers, öffnete sie, trat auf das Nicken der Lehrerin hin ein und huschte lautlos zu meinem Platz zurück. Überrascht hielt ich inne. Der Nebenstuhl war plötzlich besetzt.

Der Junge, den ich vorhin so angestarrt hatte, als er aus dem Zimmer des Direktors kam, saß nicht minder überrascht neben meinem Platz. Frau Generes hielt in ihrem Monolog inne und bemerkte trocken: »Lara, willst du weiterhin wie zur Salzsäule erstarrt mitten im Raum stehen oder erweist du uns allen die Ehre und setzt dich endlich?«

Tiefrot bis unter die Haarwurzeln glitt ich auf meinen Stuhl. Einige Minuten vergingen und Frau Generes hatte sich der Tafel zugewandt, auf die sie nun eine Formel schrieb. Allgemeines Papierrascheln kündigte an, dass dies womöglich relevant für die kommende Klassenarbeit war und aufgeschrieben werden sollte. Ich stöhnte leise. Wie sollte ich den verpassten Stoff nur aufholen? Was sie da an die Tafel kritzelte, war völlig unverständliches Zeug für mich.

»Mach dir nichts daraus, die Generes hat eben eine spitze Zunge«, flüsterte der Junge neben mir und grinste. Seine grünen Augen musterten mich interessiert und für den Bruchteil einer Sekunde vermittelte er mir den Eindruck, so etwas wie eine Laborratte zu sein. Was für ein Unsinn! Er versucht nur, nett zu sein!, schalt ich mich in Gedanken.

»Ich bin Osman.«

»Lara.«

Die Lehrerin hatte sich inzwischen wieder der Klasse zugewandt und warf einen prüfenden Blick über den Rand ihrer ständig herunterrutschenden Brille auf uns. Dann schob sie ihre Brille mit dem Zeigefinger wieder nach oben, drehte sich zur Tafel und schrieb weiter.

»Was machst du nach der Schule?«, wisperte Osman.

Ich wollte im ersten Moment antworten: »Nichts Besonderes«, als mir einfiel, dass ich in Wahrheit noch eine Menge zu erledigen hatte, ich musste meinen Rock ändern lassen, Schuhe kaufen und zum Friseur gehen und dann waren da noch die Hausaufgaben! Also schüttelte ich bedauernd den Kopf. »Hab ein paar Dinge zu erledigen.«

»Aha.« Osman nickte verständnisvoll. »Eine Uniform-Verschlimmbesserung, richtig?«

Ich konnte nicht anders, jetzt musste ich auch grinsen. »Ja, woher weißt du das?«

»Hab ich auch schon hinter mir. Da ging es um die Farbe meines Hemdes und meiner Socken. Heute war ich beim Direktor, weil er findet, dass meine Haare zu lang sind. Im Ernst.« Osman nickte gleichmütig. »War im Sommer in Alaçati surfen und hab mich nicht so sehr um die Länge meiner Haare gekümmert.«

Ich nickte verständnisvoll und schaute zweifelnd zur Tafel. »Sollten wir das, was sie da aufschreibt, nicht besser notieren?«

Er lächelte. »Klar, sollten wir.«

Erleichtert packte ich mein Heft und meine Stifte aus und lächelte dabei still vor mich hin. Wenigstens einer, der nett war!

Natürlich beschwerte ich mich nachmittags bei meiner Mutter, obwohl ich wusste, dass das wenig Sinn haben würde. Mama sagte nur schlicht: »Wir sind neu hier und noch fremd, auch wenn wir türkischer Abstammung sind. Wir können nicht erwarten, dass das Land sich uns anpasst. Vielmehr müssen wir uns dem Land und den Sitten hier anpassen, verstehst du das?«

Ich schüttelte trotzig den Kopf. »Wir sind doch noch immer wir und keine anderen Leute. Nur, weil wir jetzt woanders leben, heißt das doch nicht, dass wir unseren Charakter verbiegen und unser Aussehen ändern müssen, damit wir sind wie alle anderen!«

Mama nickte verständnisvoll. »Ich verstehe, dass es dir schwerfällt, dich hier zurechtzufinden. Aber nun stell dir mal vor, es wäre umgekehrt. Ein Araber, Türke oder Inder käme in deine Klasse in Deutschland, würde darauf bestehen, dass man ihn versteht, obwohl er kein Deutsch spricht. Und stell dir vor, er würde sich weigern, sich so anzuziehen wie ihr. Er würde doch Aufmerksamkeit erregen, oder? Manche von euch würden das positiv finden, aber viele würden auch sagen, dass er sich anpassen soll. Anpassen bedeutet ja nicht, dass man all seine Ideale und Vorsätze über Bord wirft. Es bedeutet, dass man sich bemüht, das neue Land und die Leute zu verstehen, mit denen man ab sofort zusammen ist. Es bedeutet, auch den anderen eine Chance zu geben, dich kennen- und mögen zu lernen, ihnen eine Möglichkeit zu geben, sich dir zu nähern. Du bleibst Lara, ganz gleich, welche Haarfarbe du hast, ob dein Rock lang ist oder kurz oder ob du eine Hose trägst, verstehst du?«

Ich schüttelte wütend den Kopf. »In Bonn war ich jemand, aber hier bin ich ein Niemand, noch dazu ein Niemand, den keiner leiden kann! Und ihr habt euch auch verändert, Mama! Du warst in Deutschland ganz anders. Hier bist du immer fort, shoppen oder in irgendwelchen Möbelgeschäften, was weiß ich! Und Papa kommt nie vor zehn Uhr nach Hause! Wir verbringen ja kaum noch einen Abend miteinander! Früher, da haben wir immer zusammen zu Abend gegessen und uns gegenseitig von unseren Erlebnissen erzählt, aber jetzt lebt jeder für sich und niemand interessiert sich mehr für den anderen!«

»Engelchen, das ist doch Unsinn! Natürlich, ich gebe ja zu, dass ich das erste Mal in einer so großen Stadt lebe und dass ich mich natürlich sehr für sie interessiere, außerdem habe ich noch einen Berg von Dingen zu erledigen, aber ich bin noch immer deine Mutter und für dich da, wenn du mich brauchst. Du kannst doch nicht erwarten, dass ich den ganzen Tag zu Hause hocke und darauf warte, dass mein Mann und meine Tochter heimkommen? Du solltest mich besser kennen, wirklich!« Sie schnalzte mit der Zunge. »In Bonn hat es dir nie etwas ausgemacht, wenn ich tagsüber arbeiten war und erst spät heimgekommen bin.«

»Aber da war ich ja auch nicht so verdammt allein!«

»Ach, Schatz!« Mama machte Anstalten, mich zu umarmen, aber ich war schon zur Tür gerannt und rief: »Lass mich einfach in Ruhe! Es ist dir doch ohnehin egal, wie es mir geht!« Ohne mir die Mühe zu machen, die Schuluniform auszuziehen, rannte ich in mein Zimmer, schnappte mir eine Jeans und den zweiten Schulrock, den meine Mutter mir vorsorglich gekauft hatte, und rannte zur Tür hinaus.

Im Fahrstuhl prallte ich gegen Noyan.

»Nanu, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?« Erstaunt nahm er meine aufgelöste Erscheinung in Augenschein und verweilte dabei einen Augenblick zu lange auf meinem viel zu kurzen Rock und den Schuhen mit den hohen Absätzen.

»Du bist auch nicht besser als alle anderen!«, fauchte ich, weil ich den Spott in seinen Augen bemerkt hatte, und drängte mich an ihm vorbei hinaus. »Lara! Warte mal, was ist denn los?«, rief er mir hinterher, doch ich hatte bereits ein Taxi angehalten und war davongebraust.

Das Gute an Istanbul ist, dass Taxis nur wenig kosten und einen in Windeseile überallhin transportieren können. Die Schneiderin zu finden, war nicht weiter schwierig, die Adresse stand auf der Tüte, in der sich mein zweiter Uniformrock befand, und der Taxifahrer hielt nach nur wenigen Minuten Fahrt. Das Atelier befand sich neben einem kleinen Supermarkt, der mehr an einen Tante-Emma-Laden erinnerte. Das Geschäft der Schneiderin war etwas, das ich in Deutschland in dieser Form noch nie gesehen hatte. Ein großes, schon ziemlich verlottert aussehendes Schaufenster mit ausgefransten und von der Sonne ausgebleichten Damastvorhängen und einer überdimensionalen feuerroten Schere kennzeichnete den Laden als Änderungsschneiderei. Zwei altersschwache Klappstühle und ein Eimer mit einem Brett darauf schienen von der Inhaberin gerne für Teepausen genutzt zu werden.

Im Inneren sah es erst recht merkwürdig aus. Direkt am Schaufenster standen zwei Nähtische mit altmodischen Nähmaschinen. Die Geräte aus schwarzem Metall mit Verschnörkelungen und kleinen, kunstvoll wirkenden Rädchen sahen aus, als gehörten sie in ein Antiquitätengeschäft.

»Singer 1926«, bekräftigte eine Aufschrift auf der Nähmaschine meine Vermutung. Wahnsinn! Das war ein echtes Museum! Der ganze Laden maß vielleicht fünfzehn Quadratmeter, eher weniger als mehr, und war lang und schmal. Das Schaufenster mit den beiden Tischen davor war schon alles, was an die Vorderfront passte, rechts neben dem Fenster stand die Tür offen und ließ ein wenig frische Luft herein und an der rechten, lang gestreckten Wand gleich hinter der Tür stand ein altersschwacher Diwan, ein Möbelstück, das zugleich als Bett und Couch fungierte und mit langen, hart gefüllten Kissen in allen möglichen, nicht zueinanderpassenden Farben und Mustern dekoriert war und gerade deswegen eine heimelige Gemütlichkeit ausstrahlte. Dem gegenüber befand sich ein quer im Raum stehendes Billy-Bücherregal mit einem Vorhang davor und dahinter trennte ein unheimlich kitschiger Vorhang aus kunterbunten Plastikperlen den Bereich der Teeküche ab, in dem die Schneiderin wohl ihre Mahlzeiten zubereitete.

»Hallo, ist da jemand?«, rief ich schüchtern ins Geschäft. Obwohl ich kein Problem hatte, Türkisch zu verstehen, konnte ich es doch nicht so fließend sprechen wie zum Beispiel meine Mutter, die von sich selbst behauptete, ihr Türkisch wäre schon sehr eingerostet. Ich musste noch immer bei der Wahl meiner Worte nachdenken, obwohl mir das Sprechen von Tag zu Tag leichter fiel. Deshalb sprach ich nur ungern und hielt mich lieber zurück.

»Nuray kommt gleich wieder, sie ist nur kurz etwas besorgen«, antwortete mir eine freundliche Stimme. Auf dem Diwan saßen drei ausgelassen miteinander schnatternde Frauen, die sich lebhaft über ihre Wechseljahre ausließen. Jede hatte eine Näharbeit in der Hand, die fleißig bearbeitet wurde. »Setz dich doch, Herzchen, wie wäre es mit einem schönen Tee und einem Stück Baklava?«

Noch ehe ich antworten konnte, waren die Frauen gemischt und hatten mir einen Platz auf dem Diwan frei gemacht und mir eines der typischen kleinen Teegläser und einen Teller mit Baklava in die Hand gedrückt. Baklava, eine türkische Süßigkeit aus hauchdünnem Blätterteig, der mit Walnüssen oder gemahlenen Pistazien gefüllt und in Sirup getränkt ist, war eigentlich keine Nascherei nach meinem Geschmack. Aber die Damen waren so nett, dass ich nicht unhöflich sein wollte und gehorsam am Tee nippte und ein Stück der Süßigkeit aß, die doch überraschend gut schmeckte.

»Das ist hausgemacht«, erklärten sie mir. Die Frauen tratschten weiter und beachteten mich nicht weiter.

»Arbeiten Sie alle hier?«, erkundigte ich mich höflich, um Konversation zu machen.

»Wie kommst du darauf?«, fragte mich eine Frau mit blond gefärbtem Haar lächelnd.

»Na ja, Sie nähen alle.«

Sie lachte. »Oh, Mädels, das Kind hat recht! Wir sollten uns von Nuray für unsere Dienste bezahlen lassen!«

»Das könnte euch so passen! Ihr trinkt so viel Tee, dass man damit problemlos einen Swimmingpool füllen könnte! Ihr solltet mich dafür bezahlen, dass ich euch so umsorge!« Nuray, die Schneiderin, war in den Laden gekommen und wurde von ihren Freundinnen lebhaft begrüßt.

Die Blonde zwinkerte mir verschwörerisch zu. »Nicht, dass du etwas Falsches denkst, Kleine. Nuray ist seit unserer Kindheit unsere Freundin, wir kommen jeden Tag zu ihr, sehen, ob wir ihr unter die Arme greifen können, und quatschen dabei ein bisschen.«

»Und Sie bekommen dafür kein Geld?«, fragte ich mit großen Augen.

»Nein, natürlich nicht. Sie ist unsere Freundin.« Sie sagte das ganz selbstverständlich, als müsse jeder seiner Freundin kostenlos helfen. So etwas konnte ich mir in Deutschland nicht vorstellen. Klar, wenn eine von meinen Mädels in Schwierigkeiten wäre, würde ich tun, was ich konnte, um sie zu unterstützen. Aber würde ich jeden Tag bei ihr vorbeischauen und für sie arbeiten, ohne auch nur daran zu denken, Geld dafür zu verlangen?

»Wie kann ich dir helfen?«, wandte Nuray sich schließlich an mich.

»Mein Rock ist zu kurz. Ich soll einen längeren Rock tragen, hat der Direktor gesagt. Da bin ich also.«

Nuray schnalzte mit der Zunge. »Recht hat er! Schätzchen, mit einem solchen Rock könntest du nicht einmal zwei Stationen mit dem Bus fahren, ohne belästigt zu werden. Und das kann doch wohl kaum deine Absicht sein, oder? Du bist auch so ein hübsches Mädchen, man muss dein Höschen nicht sehen.«

Ich wurde hinter das Billy-Regal gescheucht und erst jetzt dämmerte mir, dass die Rückfront mit dem Vorhang davor eine Umkleidekabine darstellte. Die Frauen einigten sich auf eine »anständige« Länge, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen machte mir das gar nichts aus.

»Und um den anderen Rock musst du dir auch keine Gedanken machen, ich nähe das, was ich hier abschneide, dort an. Das wird nicht weiter auffallen. Du kannst beide heute Abend gegen sechs abholen, okay?«

»Also zu meiner Schulzeit waren gefärbte Haare ja auch noch verboten«, bemerkte eine der Frauen, ohne von ihrer Näharbeit aufzusehen.

»Ja ... äh ... das ist jetzt auch so, aber ich ... ich weiß einfach nicht... Ich meine, ich kenne keinen guten Friseur«, stotterte ich.

»Wenn’s weiter nichts ist! Gleich weiter unten an der nächsten Kreuzung stößt du auf einen Friseursalon. Er ist nicht teuer und ich kenne den Besitzer. Er versteht sein Handwerk. Sag ihm, Nuray hätte dich geschickt, dann wird er dir einen guten Preis machen«, empfahl die Schneiderin mir freundlich.

Ich nickte dankbar. Dieser Laden gefiel mir, es war weniger, als würde man etwas erledigen. Vielmehr fühlte man sich, als würde man seine Großmutter besuchen. Als ich mit meiner Jeans und nur der weißen Bluse darüber bekleidet wieder in die Sonne trat, ging es mir wesentlich besser.

Ich spazierte die belebte Straße hinunter und atmete die sommerliche Luft tief ein. Es erstaunte mich noch immer, wie warm es hier noch war. Die Straße war staubig und voller Leben, auf der anderen Straßenseite unterhielten sich zwei ältere Herren und lachten kameradschaftlich, ein Stück weiter hinter ihnen kaufte eine junge Mutter mit einem kleinen Kind an der Hand ein Schälchen Brombeeren, wobei sie die Schale sehr genau prüfte und den Preis ein wenig herunterhandelte.

Ich kam an einem Laden vorbei, in dem es ausschließlich Kopien von DVDs, PC- und Konsolenspielen gab. Ein Spiel: 4 TL, drei Spiele/Filme: 10 TL , erklärte ein handgeschriebenes Schild an der Ladentür. Obwohl Raubkopien auch in der Türkei offiziell verboten waren, gab es fast an jeder Straßenecke einen solchen Laden, der kopierte Filme oder Spiele verkaufte. An einem ähnlichen Laden war ich auch neulich mit Papa vorbeigekommen.

»Ist es nicht illegal, Kopien zu verkaufen?«, hatte ich mich gewundert.

»Stimmt. Aber nur dann, wenn die Verkäufer sich dabei erwischen lassen«, erläuterte er.

»Was soll denn daran schon schwer sein? Da muss doch nur ein Polizist vorbeikommen!«

Papa schüttelte den Kopf. »So funktioniert das nicht. Wenn ein offiziell gekleideter Beamter hereinkommt, verschwinden die Raubkopien flink unter der Ladentheke und nur die Original-DVDs bleiben in den Regalen. Sobald der Polizist wieder fort ist, geht der Verkauf weiter. Und Bestechung ist natürlich auch ein Thema.«

»Bestechung?«

»So ist das hier nun einmal. Das Gesetz ist ein wenig dehnbarer als in Deutschland.«

Auch der Friseursalon hatte ein Schaufenster, das die gesamte Vorderfront bestimmte. Der Fußboden war mit rosafarbenem Granit ausgelegt und schwarze Frisierstühle aus Lederimitat sowie eine rosafarbene Couch aus demselben Material fielen mir zuerst auf. Die Spiegel waren groß, fast überdimensional, und vor jedem Spiegel befand sich ein an die Wand montiertes schwarzes Lacktischchen.

»Irgendwie sieht das ein bisschen wie in einem Bollywood-Film aus«, schoss es mir durch den Kopf.

»Hallo!«, begrüßte mich ein Mann mit grauem Haar und freundlichen braunen Augen.

»Hallo! Ich will mir die Haare färben lassen.«

»Na, dann setz dich doch schon mal, junge Dame. Dürfen wir dir etwas zu trinken anbieten?«

»Gern.« Ich bestellte ein Mineralwasser und machte es mir auf einem der Frisierstühle bequem.

»So, dann erzähl mal, was genau hast du dir vorgestellt?«

»In der Schule sind Strähnchen verboten, deshalb soll ich mein Haar in meine Naturfarbe zurückfärben«, erklärte ich. »Ach ja, und ich soll Ihnen ausrichten, dass Nuray, die Schneiderin, mich schickt.«

»Okay, dann werden wir deinen Haaren ganz besonders viel Aufmerksamkeit schenken, wenn die gute Nuray dich schickt. Hier sind ein paar Magazine, für den Fall, dass es dir zu langweilig wird.« Er lächelte und stand auf, um die Farbe anzurühren, die er mir wenig später auftrug.

»Mann, das ist ja ganz schön dunkel!«, seufzte ich, als ich meine neue Haarpracht später in Augenschein nahm.

»Ist aber deine Naturhaarfarbe«, entgegnete der Friseur. Meine Haare waren jetzt wieder nussbraun.

»Schlammfarbe«, stellte ich laut fest und der Friseur, der Bora hieß, lachte.

»Das habe ich noch nie gehört. Aber diese Farbe steht dir sehr viel besser, wenn ich das sagen darf.«

»Sehe ich so denn nicht wie zwölf aus?« Ich war mit meinem Spiegelbild noch immer nicht wirklich zufrieden.

»Nein, das finde ich gar nicht. Ehrlich gesagt siehst du damit frisch und jung aus. Und falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Du bist ein Herbsttyp, das heißt, dass diese Farbe viel besser zu dir passt als das helle Blond. Merkst du, wie rosig deine Wangen wirken und wie deine Augen leuchten? So, wie es im Grunde sein sollte.«

Aber blond hatte ich ausgesehen wie achtzehn, wenn nicht sogar wie zwanzig, und das war in meinen Augen auf alle Fälle besser. »Da kann man wohl nichts machen«, seufzte ich wehmütig.

»Pass mal auf, wir verpassen dir jetzt auch noch einen modernen Haarschnitt, dann wirst du schon merken, dass du viel besser aussiehst!«, schlug er vor.

»Aber nur an den Spitzen. Es war eine Heidenarbeit, sie zu züchten!«

Bora nickte zustimmend und machte sich sofort an die Arbeit. Nach einer weiteren Stunde war ich fertig und musste widerstrebend eingestehen, dass die neue Lara zwar fremd wirkte, aber trotzdem nicht so übel aussah, wie ich befürchtet hatte. Mein Haar war glatt und glänzend geföhnt und wehte mir seidig über die Schultern und der modische Pony betonte meine Augen.

»Gefällst du dir?«

Ich nickte zufrieden. »Vielen Dank!«

Als ich mich auf den Weg zur Bağdat Caddesi machte, war mir schon leichter ums Herz. Ich fühlte mich so wohl wie noch nie seit meiner Ankunft in Istanbul.

Wir waren am Meer entlang in Richtung Bostanci gefahren. Der Taxifahrer hatte mich am vorderen Ende der Straße abgesetzt, dort, wo die legendäre Shoppingmeile beginnt.

Gut gelaunt bummelte ich vor mich hin, erstaunt von den Ausmaßen dieser Straße. Eigentlich, so schien es, sollte die Straße vierspurig in nur eine Fahrtrichtung befahren werden, doch die Istanbuler Autofahrer, die in einem wirren Chaos in viel zu schnellem Tempo mit überlauter Musik in todschicken Wagen von Bostanci in Richtung Kiziltoprak brausten, schien das nicht viel zu kümmern. Mal waren es drei, mal aber auch sechs Spuren. Und so wie ich das Ganze beobachtet hatte, schien alles ohne Unfälle abzulaufen. Echt erstaunlich!

Ich spazierte auf der linken Seite, aber Geschäfte gab es auf beiden Straßenseiten reichlich. Designerläden wie Louis Vuitton, Burberry, Chanel, Tommy Hilfiger, Gucci, ein Laden von Ralph Lauren, aber auch erschwinglichere Marken wie Zara, Mango und Benetton standen kunterbunt durcheinander neben Filialen von Fastfoodketten, teuren Restaurants und Trendcafés. Ich bummelte durch sämtliche Schuhgeschäfte und ein paar Kaufhäuser, ehe ich ein paar Schuhe entdeckte, von denen ich hoffte, dass der Direktor sie nicht in die Müllverbrennungsanlage beordern würde und die mir zudem auch noch gefielen. Zufrieden mit mir selbst und der Welt ging ich weiter, verspeiste auf dem Weg ein Ben&Jerrys-Eis, das unglaublich gut schmeckte, so gut, dass ich mir bei Häagen Dasz gleich noch eins genehmigte. Ich war so in meine Schlemmerei vertieft, dass ich nicht besonders auf den Fußgängerweg achtete. Warum auch? In Deutschland schaute man ja auch nicht ständig auf seine Füße, wenn man shoppen war.

Ahnungslos schlendert ich dahin und dann – wumm! – landete ich in einem engen Loch, das ungefähr so tief war, wie ich groß bin. Und das schöne Eis befand sich nicht länger in meiner Hand, sondern auf meiner Wange und in meiner neuen Frisur. Aber das war zweitrangig. Schlimmer war, dass ich feststeckte.

Ein Freund in der not

»Hilfe!«, krächzte ich atemlos, dann immer lauter. »Bitte helfen Sie mir!«

Die Leute, die an mir vorbeigingen, sahen sich um, zuckten aber die Schultern, als sie nichts Außergewöhnliches bemerkten, und marschierten einfach weiter. Kunststück, ich befand mich ja auch nicht mehr auf Augenhöhe mit den Menschen, sondern eher auf Schienbeinhöhe. Wer schaute da schon hin?

»Ich bin hier unten!«, hauchte ich, denn der Sturz hatte mir die Luft aus den Lungen gequetscht und ich hatte das Gefühl, jederzeit in Ohnmacht zu fallen. Oh Gott, wie peinlich! Wäre es nicht schon passiert, ich würde vor Scham im Boden versinken!

»Bitte, bitte, lieber Gott, mach, dass mich keiner von der Schule so sieht!«, betete ich inbrünstig.

Da reichte mir jemand eine Hand. »Komm, ich helfe dir.« Fast hatte ich Angst, das Gesicht, das zur Hand gehörte, anzusehen. Aber es war Gott sei Dank niemand, den ich kannte, ein Mädchen mit dunkelbraunem, langem Haar und rehbraunen Augen, aus denen freundliches Mitgefühl sprach.

»Danke!« Erleichtert schlug ich ein und mit einigen Mühen schafften wir es, mich aus dem engen, tiefen Loch herauszumanövrieren.

»Danke, wirklich, allein wäre ich da nie herausgekommen«, wiederholte ich, doch das Mädchen lachte freundschaftlich. »Ach, schon gut. Die Idioten von der Stadt tun so was ständig, sie buddeln Krater mitten auf Straßen oder in Fußgängerzonen und lassen sie dann ohne Warnung offen stehen, das geht oft wochenlang so und du bist nicht die Einzige, der so etwas passiert, leider.«

»Wieso, kennst du noch jemanden, der in so eine Grube gefallen ist?«, fragte ich, während ich mir den Staub von der Jeans klopfte.

Sie nickte. »Mein Freund und ich waren vor zwei Jahren in Beyoğlu unterwegs. Dort war gerade ›Habitat‹, irgendein Projekt zur Verschönerung der Stadt. Mein Freund Serkan und ich waren frisch verliebt und hatten nur Augen füreinander. Dann habe ich mal kurz eine Auslage im Schaufenster bewundert und Serkan war von einer Sekunde auf die andere verschwunden. Im wahrsten Sinne des Wortes vom Erdboden verschluckt, wie ich einen Moment später festgestellt hatte.«

Ich stimmte in ihr Lachen ein.

»Darf ich dich zum Dank vielleicht zu irgendetwas einladen?«, schlug ich vor, denn ich mochte ihre natürliche Art, sie erinnerte mich ein wenig an Saskia.

Sie schüttelte den Kopf. »Das ist nett, aber ich muss leider weiter, zur Fahrschule. Aber vielleicht sehen wir uns ja morgen in der Schule?«

»In der Schu...?«

»Du kennst mich nicht, aber ich habe dich schon gesehen, du bist in der Zehn, ich bin zwei Klassen über dir.«

»In Noyans Klasse?«, rutschte es mir heraus und ich wurde rot.

»Soso, DER ist dir also aufgefallen, ja?«, neckte sie mich.

»Nein, er ist nur ... äh ... mein Nachbar.«

»Ich heiße übrigens Seval.«

»Lara.«

»War nett, mit dir zu reden, bis demnächst!« Sie winkte und lief zügig davon, wobei sie gekonnt die Massen der Menschen teilte, die sich vor ihr herschoben.

Zum Weitergehen war ich jetzt zu müde. Ich überquerte eine Ampel und hielt von der rechten Straßenseite aus eines der gelben Sammeltaxis, einen Dolmuş an. Die fuhren fast an meiner Haustür vorbei und kosteten nur fünfzig Cent.

Im Spiegel des Fahrstuhls bemerkte ich, dass ich noch immer Eis in den Haaren kleben hatte. Es war inzwischen zu einer unappetitlichen gräulichen Masse zusammengetrocknet, aber merkwürdigerweise störte mich das nicht besonders. Ich kicherte leise, als ich mir vorstellte, wie ich so halb in dem Loch versunken ausgesehen haben musste.

»Du bist wahrhaftig das merkwürdigste Mädchen, das ich je kennengelernt habe, kleine Nixe«, ertönte es plötzlich hinter mir.

Erschrocken drehte ich mich um. »Wieso?«

»Heute Mittag noch habe ich gedacht, jemand wäre gestorben oder so etwas, und jetzt verliebst du dich gerade in dein Spiegelbild, wie’s aussieht.« Noyan grinste.

»Und wenn schon.« Ich bemühte mich nach Kräften, nicht rot zu werden, und drehte mich so, dass Noyan die Eisreste in meiner neuen Frisur nicht sehen konnte. »Dafür, dass mich euer verdammter Direx gezwungen hat, mich umzustylen, sehe ich doch nicht übel aus, finde ich.«

Noyan musterte mich. »Tust du das öfter?«

»Was? Lachen?«

»Ich meinte, ob du dir ständig durch Eigenlob schmeichelst. Steht dir nicht gut zu Gesicht, weißt du.«

Ich schnappte empört nach Luft, wusste aber nicht, was ich sagen sollte.

»Schönen Abend noch!« Er winkte mir zum Abschied, bevor die Fahrstuhltür sich schloss und er dahinter verschwand.

»Vollidiot!« Ich nahm mir fest vor, nicht mehr an ihn zu denken. Trotzdem, irgendwo in meinem Kopf spukten seine braunen Augen herum und ließen sich einfach nicht mehr vertreiben, so sehr ich es auch versuchte, deshalb setzte ich mich an mein nagelneues Netbook und beschloss, meine Eindrücke aufzuschreiben.

»Roman oder Drehbuch?«, überlegte ich laut. Ich hatte schon mal versucht, einen Roman zu schreiben, dann aber frustriert wieder aufgegeben, weil ich am Ende gar nicht mehr wusste, wovon das Buch eigentlich handeln sollte.

»Also Drehbuch«, entschied ich spontan und klickte das Programm dafür auf. Die Form war schon festgelegt, ich musste im Grunde nur noch die Regieanweisungen, Dialoge und handelnden Personen eingeben. War gar nicht so schwer, wie ich gedacht hatte, und Spaß machte mir das Ganze außerdem! Auf jeden Fall war das doch kreativer, als Tagebuch zu führen.

Sehr zu meiner Erleichterung war mein Aussehen vom nächsten Tag an kein Thema mehr. Meine Klassenkameraden behandelten mich wegen meines schlechten Türkisch mit freundlicher Nachsicht und das ärgerte mich maßlos, sodass ich meistens übellaunig war und Gespräche mit ihnen mied. Ein paar Leute hatten am Anfang versucht, mit mir zu reden, sie stellten mir Fragen darüber, woher ich kam und wo ich jetzt wohnte, aber ich antwortete nur knapp und tat dann immer so, als würde ich mich in die Lektüre irgendeines Buches vertiefen, sodass sie nach kurzer Zeit aufgaben und mich in Ruhe ließen. Das war mir auch lieber. Ich wollte weder die Stadt noch die Leute, die sie bewohnten, mögen.

Die meisten in der Klasse hatten wohl den Eindruck, dass mein IQ gerade noch ausreichte, eine Banane zu schälen. Ob das wohl an meinen Leistungen im Unterricht lag? Ich zögerte, mir dies selbst einzugestehen. Gerade jetzt fragte der Geografielehrer: »Lara, lass uns mal testen, wie weit du bist. Nenne mir bitte die Hauptstadt von Amerika.«

»New York«, platzte ich heraus. Verhaltenes Kichern machte sich breit.

»Und die Hauptstadt der Türkei?«

»Istanbul«, antwortete ich selbstsicher. War doch gar nicht so schwer! Warum lachten die bloß schon wieder? Verunsichert blickte ich mich um. Das Lachen wurde lauter. Selbst die Mundwinkel des Lehrers zuckten verdächtig. »Und dann ist die Hauptstadt von Deutschland ...?

»Berlin, natürlich.«

»Gott sei Dank! Zwei falsche, eine richte Antwort, der Kandidat. Die Hauptstadt der Türkei ist ...?« Suchend blickte er sich in der Klasse um. »Ja? Ebru?«

»Ankara, natürlich«, äffte sie meinen Tonfall höhnisch nach und hatte damit die Lacher auf ihrer Seite.

»Und die Hauptstadt von Amerika?«

»Nicht New York, sondern Washington«, antwortete ein Junge. Ich rutschte in meinem Stuhl so weit nach unten, wie ich konnte. Natürlich hatte ich das gewusst, ich Esel! Warum hatte ich nur so dämliche Antworten gegeben?

»Sehr gut!« lobte der Lehrer. »Und Lara?«

»Ja?« Ich konnte meine eigene Stimme kaum hören.

»Du solltest dir gelegentlich mal einen Atlas ansehen.«

»Ja.« Ging es noch peinlicher? Hinter mir wurde geflüstert und gelacht.

Im Türkischunterricht ging es gerade so weiter. Türkisch konnte ich leidlich gut sprechen, es zu schreiben hatte ich nie gelernt. In keiner deutschen Grundschule lernt man so etwas und das Türkisch meiner Eltern ist mündlich zwar besser als meines, aber schriftlich haben auch sie Probleme. Das Alphabet ist anders als im Deutschen, es gibt zum Beispiel zwei »i«, eins mit Punkt darauf, das man so liest, wie im Deutschen und eins ohne Punkt, das wie ein unbetontes »e« ausgesprochen wird, wie in »Sonne«. Ein kleiner, aber ziemlich signifikanter Unterschied, der die Bedeutung eines ganzen Wortes verändern kann, aber hey, woher sollte ich das wissen?

»Lara, lies uns doch bitte mal deine Hausarbeit vor«, forderte der Türkischlehrer mich auf, ein bauchiger, schnurrbärtiger kleiner Mann mit streng blickenden Augen. Ich schluckte. Türkisch fiel mir fast noch schwerer als Mathe. In unserer Hausarbeit ging es darum, was wir mit unserer Freizeit anfingen. Wir sollten berichten, was wir an einem schulfreien Tag machen.

Stockend begann ich: »Bugün canim çok sikildiği için ...« Brüllendes Gelächter unterbrach mich und der Lehrer wurde hochrot.

»Wenn du das mit Absicht tust, landest du beim Direktor«, warnte er mich mit gepresster Stimme.

»Mit Absicht? Was denn?«, fragte ich in meinem mangelhaften Türkisch.

Der Lehrer winkte hektisch ab. »Egal, jemand anders soll vorlesen. Du da!« Die Klasse lachte noch immer und mir traten Tränen in die Augen. Ich senkte den Kopf, damit niemand mich so sah, diese Genugtuung würde ich ganz sicher niemandem verschaffen! Aber Osman stupste mich an und reichte mir einen Zettel. Canim sikiliyor heißt: Mir ist langweilig. Canim sikiliyor dagegen heißt, dass deine Seele Sex hat, aber in einer sehr, sehr vulgären Form.

Ich schluckte und war im ersten Augenblick versucht, hysterisch loszulachen. Kein Wunder, dass alle über mich lachten. Wie schrecklich peinlich! Und kein Wunder, dass niemand wirklich mit mir sprach, sie hielten mich für einen Dummkopf! Ich schluckte erneut, um den Kloß aus Wut und Enttäuschung, der mir im Hals steckte, loszuwerden. Diese verdammte Sprache, diese verdammte Schule! Wie sollte ich je anständiges Türkisch lernen und Freunde finden? Während jemand seine Hausarbeit vorlas, schaute ich mich verstohlen um. Bisher kannte ich nur wenige meiner Klassenkameraden, die hochnäsige Ebru, ja, und deren Nebensitzerin Hanife, die beiden lästerten ganz öffentlich über mich, auch und vor allem, wenn ich in Hörweite war.

Dann war da noch Osman.

Er war der Einzige, der sich mir gegenüber freundlich verhielt. Aber da war etwas in seinem Blick, das mir nicht ganz geheuer war. »Du wirst paranoid«, schalt ich mich und musste dann widerwillig grinsen, weil ich seit Neuestem Selbstgespräche führte.

Alle anderen lachten entweder über mich oder beachteten mich gar nicht. Osman, der meinen Blick bemerkt haben musste, wandte den Kopf und lächelte mir tröstend zu. Ich erwiderte sein Lächeln zurückhaltend und tat, als konzentriere ich mich wieder auf die Hausaufgabe.

Das größte Rätsel aber gab mir Noyan auf. Aus seinem Verhalten wurde ich einfach nicht schlau. Zuerst hatte er mich gerettet und dann hatte er mich einfach links liegen lassen, wenn man von seinen spöttischen Kommentaren einmal absah. Klar, er grüßte mich, aber zögerlich und immer darauf bedacht, eine gewisse Distanz zu wahren. Tat er das, weil er älter als ich war? Oder hatte er etwa eine Freundin? Bei diesem Gedanken durchfuhr mich ein Stich. Na und! Soll er doch!, dachte ich trotzig.

Endlich läutete es zur großen Pause. Lustlos reihte ich mich in die Warteschlange in der Schulkantine ein, nahm mir ein Tablett und ließ mir Gemüse, Reis, etwas zu trinken und einen Apfel geben. Unentschlossen stand ich mit dem gefüllten Tablett in der Hand im Speisesaal. Die Kantine war voll, aber glücklicherweise erspähte ich weiter hinten einen freien Tisch, an dem ich mich erleichtert niederließ.

»Na, so allein?«

Überrascht blickte ich auf und sah Noyan. Ärgerlicherweise war meine Wut auf ihn mit einem Mal verflogen. Warum musste er nur so verdammt gut aussehen?

»Darf ich mich zu dir setzen?«

Ich nickte resigniert und widmete mich meinem Essen.

»Und, wie läuft es so?«

»Könnte besser sein«, erwiderte ich einsilbig und stocherte auf dem Tablett herum.

»Kommst mit dem Unterricht nicht klar oder liegt es an den Leuten in deiner Klasse?«

»Beides, mehr oder weniger.«

Eine Weile aßen wir schweigend, dann sagte Noyan: »Sehr gesprächig bist du ja heute nicht.«

Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Ebru plötzlich zwitscherte: »Da dies der einzig freie Tisch ist, setzen wir uns wohl hierher.« Ich drehte mich um und registrierte mit leiser Verzweiflung, dass Ebru nicht mit mir, sondern mit ihrem Anhängsel Hanife gesprochen hatte. Hanife war der größte Nickesel, dem ich je begegnet war. Was vermutlich auch der einzige Grund war, dass Ebru und Hanife so dicke Freundinnen waren. Ebru bestimmte, Hanife nickte. Nicht gerade die Art von Freundschaft, die ich mir wünschte.

»Oh, hallo, Noyan!« Ebru tat, als hätte sie ihn eben erst bemerkt, und klimperte heftig mit den Wimpern.

»Hallo«, erwiderte er wortkarg.

»Wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, wie?«

»Hm, kann schon sein.«

Ebru lachte gekünstelt und warf ihr Haar in den Nacken. »Vielleicht gehen wir ja demnächst noch mal aus?«

NOCH MAL? Sollte das etwa heißen, dass er mit einer Tussi wie dieser Ebru freiwillig etwas unternahm? Pfui, ich mochte gar nicht daran denken. Ebru war hohl, das konnte ein Blinder mit einem Krückstock auf vierzig Kilometer Entfernung sehen, ein Puppengesicht ohne die geringste Menge Hirnmasse. Zudem war sie gehässig und hinterlistig, soweit ich das beurteilen konnte. Noyan litt eindeutig an einer fortgeschrittenen Geschmacksverirrung!

Er bemerkte meinen Blick und errötete. »Mal sehen. Seid ihr nicht in derselben Klasse?«, lenkte er vom Thema ab.

»Ließ sich leider nicht vermeiden«, entfuhr es mir. Ebru funkelte mich böse an. »Du sagst es, Almanci . Wenn es nach mir ginge, dann wärst du nicht einmal auf dieser Schule. Wir Türken, auf die du so von oben herabschaust, müssen uns einer sehr schwierigen Prüfung unterziehen, bevor wir auf das Lyzeum kommen. Und nur die Besten von uns dürfen auf das deutsche Gymnasium. Die, die also hier sind, haben bewiesen, dass sie intelligent sind. Wohingegen solcher Abschaum wie DU ...«, Ebru war jetzt aufgestanden und pikste mir mit dem Zeigefinger auf die Brust, »... einfach so hereinspaziert kommt und unser Niveau senkt. Lernt ihr denn GAR NIGHTS in Deutschland?«

Mir war der Appetit gründlich vergangen. Ich schob meinen Stuhl zurück und erhob mich langsam. »WIR haben gelernt, dass man Ausländern gegenüber aufgeschlossen sein sollte. WIR wissen, was echte Freundschaft ist, was man von euch ja nicht gerade behaupten kann. Und WIR laufen Jungen nicht wie läufige Hündinnen hinterher.« Ich wandte mich wütend um und stieß ohne Vorwarnung gegen Osmans Brust.

»Oh, Verzeihung!«, rief er.

»Schon gut«, murmelte ich.

»Schön, dass ich dich erwische. Hast du nächste Woche Samstag schon etwas vor? Ich dachte, wenn du Lust hast, gehen wir vielleicht ins Kino oder so ...« Sein Blick glitt spekulierend an mir herab und für den Bruchteil einer Sekunde fühlte ich mich an Saskias Schwarm Simon erinnert, der alle Mädchen mit den Augen auszog.

Ich warf einen langen Blick auf Noyans gesenkten Lockenkopf hinunter, der sich scheinbar auf sein Essen konzentrierte. Warum sollte ich nicht mit Osman ausgehen? Immerhin war er der Einzige, der mich behandelte, als wäre ich ein Mensch. Und dass er mich immer so komisch anschaute, bildete ich mir ganz sicher bloß ein.

»Ja, das wäre schön«, stimmte ich zu.

Er lächelte begeistert. »Toll, dann hole ich dich gegen vier Uhr ab, okay?«

Ich nickte.

»Jetzt bildet sie sich sicher etwas ein, nur, weil Osman SIE gefragt hat und nicht dich!«, wisperte Hanife hämisch.

Überrascht wandte ich mich um.

»Halt die Klappe, Hanife!«, befahl Ebru wütend.

»Weißt du, Ebru, es gibt da ein deutsches Sprichwort: Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen«, trällerte ich salbungsvoll.

»Als wenn dich das interessiert, Ebru, du findest doch Noyan ohnehin viel sü...«, fiel Hanife ungefragt ins Gespräch ein.

»Halt endlich deine verdammte Klappe, du Idiotin!«, fauchte Ebru und schien ernsthaft versucht, ihrer Freundin eine Ohrfeige zu verpassen.

Noyan räusperte sich leise in die peinliche Stille hinein, die jetzt folgte. »Ich muss los. Der Unterricht fängt gleich an.« Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, ging er an mir vorbei. Ich bemerkte überrascht, dass er sein Essen kaum angerührt hatte, was mir merkwürdigerweise ein Gefühl der Genugtuung verlieh.

Ich war einsam. Ich vermisste meine Mädels, ich vermisste es, mit ihnen zu lachen und etwas gemeinsam mit ihnen zu unternehmen, aber am meisten vermisste ich es, mit ihnen zu quatschen. Heute wollten wir ein Webmeeting veranstalten. Saskia hatte Leo, Aggie und Ira zu sich nach Hause beordert, alle würden bei ihr übernachten und ich sollte virtuell an der Pyjamaparty teilnehmen.

Voller Vorfreude schaltete ich meinen Computer an. Vergnügt machte ich es mir in meinem gepolsterten Lehnstuhl bequem. Ich trug meinen liebsten Flanellpyjama. Griffbereit neben mir stand ein Tablett mit Chips, Apfelsaft, Mineralwasser und Schokolade.

»Hi, Lara!«, erscholl es schon im Chor und ich blickte in die vier aneinandergequetschten, fröhlichen Gesichter meiner Freundinnen.

Ich lachte glücklich. »Hallo, Mädels!«

»Wir vermissen dich, Süße!«

»Wie ist es so in Istanbul?«

»Wann kommst du mal her?«

Ehe ich noch Luft holen und antworten konnte, fiel Saskia den andern ins Wort. »Weißt du schon das Neuste? Ira ist mit Hannes aus der Zwölf zusammen!« Sie lächelte triumphierend.

»Das wollte ich ihr doch selbst sagen!«, schmollte Ira.

»Der Basketballspieler mit den langen Haaren?« Ich versuchte, mir sein Bild ins Gedächtnis zu rufen.

»Ja, genau der! Und küssen kann er auch ganz toll, wie man so hört!« Aggie verdrehte in gespielter Verzückung die Augen.

»Halt die Klappe, du bist ja bloß neidisch!«, wies Ira sie zurecht. »Du solltest lieber mal auf Stefan achten, wie er dich anschmachtet, könnte man glauben, du hättest ihn verhext!«

»Welcher Stefan?«, wollte ich wissen.

»Na, der aus der Parallelklasse! Das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock, dass er total in Aggie verknallt ist!«

»Ich aber nicht in ihn!«, stellte Aggie energisch klar.

Ich warf lachend die Hände in die Luft. »Endlich mal wieder Leute, mit denen man ein vernünftiges Gespräch führen kann! Ich vermisse euch schrecklich! Hier ist kein Mensch, der auch nur annähernd so ist wie ihr. Im Gegenteil! Aber die Stadt ist interessant, stellenweise sogar gefährlich, auf alle Fälle ist sie nicht langweilig.«

Ich erzählte von meinem Abenteuer in der Seitengasse und wie Noyan mich gerettet hatte. »Aber SO viel habe ich bis dato ja noch nicht gesehen. Und ich würde jederzeit dieses tolle Zimmer gegen einen Abend mit euch tauschen, das könnt ihr mir glauben!«, schloss ich.

Meine Freundinnen tauschten vielsagende Blicke aus, dann fragte Saskia vorsichtig: »Süße, willst du uns erzählen, was da los ist bei dir? Ich meine, außer dass du von einem Prinzen gerettet worden bist.« Aus ihrer Stimme klang keine Neugier, sondern freundliche Anteilnahme.

Mit einem Mal traten mir Tränen in die Augen. »Ich bin hier so allein! Meine Klassenkameraden halten mich für eine dumme Nuss, die Lehrer auch und dann muss ich auch noch so ’ne bekloppte Uniform tragen. Und habt ihr schon meine Haare gesehen?«

»Oh ja, das wollte ich eben schon sagen, siehst spitze aus! Dass du da nicht früher draufgekommen bist, die Farbe betont deine Augen echt super!«, warf Saskia ein.

»Meinst du wirklich?«

»Echt, sieht toll aus!«, nickten nun auch die anderen.

»Warum könnt ihr nur nicht hier sein? Ich vermisse euch ganz schrecklich!«

»Ach, das wird schon! Aller Anfang ist schwer, sagt meine Mama immer. Ist doch logo, dass du dich noch nicht eingelebt hast, ein neues Land, alles ist doch anders, mir erginge es nicht besser, das kann ich dir sagen!«, machte Ira mir Mut.

»Meint ihr wirklich?« Hoffnung keimte in mir auf.

»Klar doch! Du bist manchmal vielleicht eine kleine Diva, aber ein Schwächling biste nicht! Reiß dich zusammen, du packst das!«

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260 p. 1 illustration
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9788726255911
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