Read the book: «Selbstmitgefühl für Eltern»
Susan Pollak
Selbstmitgefühl
für Eltern
Sorge für dein Kind, indem du für dich selbst sorgst
Mit einem Vorwort von Christopher Germer
aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Christine Bendner

Impressum
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel: Self-Compassion for Parents – Nurture Your Child by Caring for Yourself bei Guilford Publications, Inc. 370 Seventh Avenue, Suite 1200 New York, NY 10001–1020 USA
Deutsche Erstausgabe
1. Auflage 2021
Copyright der deutschen Ausgabe © 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Originalausgabe: Copyright © 2019 The Guilford Press, A Division of Guilford Publications, Inc.
Published by arrangement with The Guilford Press
Lektorat: Georg Grässlin
Titelfoto: © Amy Treasure / unsplash.com
Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de

Alle Rechte vorbehalten
www.arbor-verlag.de
ISBN 978-3-86781-373-0
Für Adam, Nathaniel und Hillary; für das Lachen, die Freude und Schönheit, die ihr in unser Leben bringt
Inhalt
Impressum
Vorwort
Einleitung
1 »Bitte lass es aufhören – ich kann nicht mehr!«
Erziehungsarbeit ist eine überwältigende Aufgabe
2 »Warum ist das so schwer?«
Selbstmitgefühl als Rettungsinsel nutzen
3 »Woher kam das denn?«
Die Auseinandersetzung mit dem »Gepäck«, das wir als Eltern mitbringen
4 »Ich werde nie gut genug sein«
Die Falle des Vergleichens meiden
5 »Was soll ich tun?«
Mit den unvermeidlichen Unsicherheiten des Elterndaseins arbeiten
6 »Warum können nicht alle einfach mal runterkommen?«
Der Umgang mit unvermeidlichen »hitzigen« Gefühlen
7 »Es ist einfach alles zu viel«
Die Kraft des Mitgefühls in besonders schwierigen Zeiten nutzen
8 Wurzeln und Flügel
Was wir unseren Kindern mitgeben
Selbstmitgefühls-Werkzeugkiste für Eltern
Literatur
Danksagung
Über die Autorin
Liste der Audioaufnahmen
Vorwort
Hast du als Mutter oder Vater jemals den Wunsch verspürt, eine weise und mitfühlende Person möge auf deiner Türschwelle auftauchen, wenn du sie gerade am dringendsten brauchst – wenn dein Kleinkind einen Wutanfall hat, deine Tochter in der Schule schikaniert wird, wenn du dich mit deinem Partner oder deiner Partnerin nicht über den Erziehungsstil einigen kannst, wenn der Ferienstress überhandnimmt oder du einfach überfordert bist? Wenn ja, dann ist dieses Buch für dich geschrieben worden.
Susan Pollak ist seit über 30 Jahren Mutter und sogar noch länger als klinische Psychologin tätig. Sie meditiert seit Jahrzehnten regelmäßig und ist eine Vorreiterin bei der Integration von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl in die Psychotherapie (und den Alltag). Anhand von überzeugenden Beispielen macht Susan Pollak klar, dass sie die Herausforderungen der Elternschaft in- und auswendig kennt, und sie führt ihre Leserinnen und Leser behutsam zu einer neuen Beziehung zu sich selbst und ihren Familien – eine Beziehung, die von Liebe und verbundener Präsenz getragen wird. Das ist Selbstmitgefühl.
Wenn Eltern zum ersten Mal von Selbstmitgefühl hören, sagen sie oft: »Oh, genau das brauche ich!« Eltern stoßen oft an die Grenzen ihrer Fähigkeit, freundlich und mitfühlend mit ihren Lieben umzugehen, und sie verstehen instinktiv, dass sie sich selbst fürsorglicher behandeln müssen, um anderen mehr geben zu können. Doch vieles hindert uns am Selbstmitgefühl – daran, genauso freundlich und verständnisvoll mit uns selbst umzugehen, wie wir es so bereitwillig mit anderen tun. Es gibt falsche Vorstellungen über Selbstmitgefühl, beispielsweise, dass es eine Menge mit Selbstmitmitleid, Selbstverhätschelung und Selbstsucht gemein habe, oder uns schwach und unmotiviert mache. Die wissenschaftliche Forschung weist allerdings zunehmend genau auf das Gegenteil hin: nämlich, dass sich selbstmitfühlende Menschen anderen gegenüber mitfühlender verhalten, dass sie besser für sich sorgen, dass sie emotional stabiler sind, ihre Probleme eher mit Abstand betrachten können und motivierter sind, ihre Ziele zu erreichen. Andere Hindernisse im Hinblick auf Selbstmitgefühl sind persönlicher Natur, beispielsweise Botschaften aus der Vergangenheit, die uns sagen, dass wir uns selbst keine Aufmerksamkeit schenken, sondern uns nur um andere kümmern sollten – insbesondere innerhalb der Familie – oder dass wir es einfach nicht verdient haben, einmal inne zu halten und uns um uns selbst zu kümmern, weil es so viel zu tun gibt.
Die gute Nachricht ist, dass jede und jeder lernen kann, selbstmitfühlender zu werden. Kristin Neff, eine an der University of Texas in Austin forschende Psychologin und ich haben ein achtwöchiges Trainingsprogramm entwickelt, das 2010 an den Start ging und heute überall auf der Welt gelehrt wird: Mindful Self-Compassion oder MSC (Achtsames Selbstmitgefühl). Das Interesse an diesem Thema ist riesengroß – vielleicht, weil die Wirkung von Selbstmitgefühl fast unmittelbar spürbar ist. Es kann auch eine Offenbarung sein, zu entdecken, dass wir alle die Fähigkeit haben, uns selbst zum großen Teil die Freundlichkeit und das Verständnis entgegen zu bringen, die wir oft vergeblich von anderen zu bekommen hoffen.
Susan Pollak hat schon früh erkannt, welche Kraft im Selbstmitgefühl liegt. Sie war eine der ersten MSC-Lehrerinnen und ist inzwischen MSC-Ausbilderin. Ich bin sehr glücklich darüber, dass Susan in diesem Buch ihre tiefen Erkenntnisse über Selbstmitgefühl und ihr Wissen über MSC weitergibt. Eltern sind ganz besonders »reif« für Selbstmitgefühl: Sie kennen die Kämpfe und sie kennen Mitgefühl. Sie müssen im Hinblick auf ihr Mitgefühl einfach gelegentlich einen Richtungswechsel vornehmen und entdecken, welche positiven Auswirkungen das auf sie selbst und ihre Familien haben kann.
Dieses Buch ist eine der niederschwelligsten Einführungen in Selbstmitgefühl, die ich kenne. Es lehrt nicht über Selbstmitgefühl, sondern stellt mithilfe von detaillierten Beispielen, persönlichen Anekdoten und intelligenten Übungen, (die zeigen, wie man elterliche Konflikte durch Achtsamkeit und Selbstmitgefühl transformieren kann,) eine direkte Verbindung zur täglichen Aufgabe des Elternseins her. Es ist tatsächlich so, als hätte man eine weise und mitfühlende Freundin an der Seite. Aber, was noch besser ist: das Buch zeigt den Leserinnen und Lesern, wie sie selbst zu ihrer/ihrem weisen und mitfühlenden Freundin/Freund werden können. Man muss nicht einmal eine Minute darauf warten, dass er oder sie auftaucht.
Dieses Buch lädt dich ein, all jene Verhaltensweisen aufzugeben, die die Erziehungsaufgabe noch schwieriger machen, als sie bereits ist: sich selbst mit anderen Eltern vergleichen, deine Kinder mit anderen Kindern vergleichen, sich selbst für unvermeidliche Fehler anklagen oder unnötigerweise mit deinen Kindern oder deinem Partner, deiner Partnerin zanken. Du wirst stattdessen eingeladen, inmitten der ganzen Schwierigkeiten auf eine authentische Weise mit dir selbst in Kontakt zu treten, neugierig wahrzunehmen, was du fühlst und dich dann um dich selbst zu kümmern – um dein Herz zu kümmern – und dir in diesem Moment zu erlauben, einfach so zu sein, wie du bist.
Christopher Germer, PHD Harvard Medical School/Cambridge Health Alliance
Einleitung
Kürzlich half ich einigen Cousinen bei den Vorbereitungen für eine Hochzeitsfeier meiner Familie auf dem Land. Eine von ihnen war eine junge Mutter von drei kleinen Kindern, einschließlich eines Neugeborenen. Wir fingen an, über Elternschaft und Erziehung zu sprechen. »Also, wie gut mache ich es?«, fragte Emma geradeheraus und sah angespannt aus. »Ich bin die Letzte, die das zu beurteilen hat«, beruhigte ich sie. Während eines der Kinder um Aufmerksamkeit heischend an ihrem Bein zog, gab ich eine Zeile aus einem meiner Lieblingstexte der Schriftstellerin Tillie Olsen wieder: »Mutter zu sein bedeutet, ständig unterbrechbar zu sein.«1 Sie lachte und erwiderte: »Und ununterbrochen korrigierbar zu sein. Und ständig kritisiert zu werden. Ich habe nie das Gefühl, dass ich es richtig mache. Wenn meine Kinder außer Rand und Band geraten, starren mich die Leute an, als würde ich jugendliche Straftäter heranziehen. Ich weigere mich, sie in Zwangsjacken zu stecken und ihnen einen Schnuller in den Mund zu schieben oder sie wie abgerichtete Hündchen an der kurzen Leine zu führen. Als ich klein war, hatte ich die Freiheit, zu rennen, zu klettern, zu schreien und wild zu sein. Heute scheint es, als sei es nicht in Ordnung, wenn Kinder Lärm machen und Spaß haben. Es kommt mir so vor, als sollten sie stets still und zurückhaltend sein. Das ist unmöglich.«
Emmas Worte beschäftigten mich noch länger und beunruhigten mich. Sie hatte etwas ausgesprochen, das ich von fast allen Eltern höre, die ich kenne. Elternschaft ist für niemanden leicht. Wir fühlen uns nie gut genug. Die Dinge laufen fast nie nach unserer Vorstellung. Und wenn sie es nicht tun, dann geben wir uns die Schuld, kritisieren unsere Kinder, strengen uns noch mehr an und versuchen, noch mehr Kontrolle auszuüben. Wir werden angespannt und deprimiert. Unsere Kinder werden angespannt und deprimiert. Wir schauen über die Schulter, vergleichen uns mit unseren Freundinnen, Familien, Nachbarinnen. Wir schlafen schlecht. Was machen wir falsch? Kann man diesem endlosen, freudlosen Kreislauf entkommen?
Halte inne. Atme. Lausche. Hör auf, auf dir herumzuhacken. Sei ein bisschen nachsichtiger mit dir. Hör auf, mit deinen Kindern oder deinem Partner / deiner Partnerin zu zanken. Sigmund Freud hatte recht, Emma ebenso – Elternschaft ist ein »unmöglicher Beruf«. Der Versuch, unsere Kinder zu dominieren oder ihnen einen Maulkorb zu verpassen, ist ein vergebliches Unterfangen. Expert:innen sagen uns, dass letztendlich kaum etwas vorhergesagt oder kontrolliert werden kann.
Wir alle sind erschöpft, angespannt und besorgt. Und wir sind damit nicht allein. Ein Historiker, der sich mit der amerikanischen Kultur auseinandergesetzt hat, bemerkte einmal, »In keinem anderen Land existiert eine so allumfassende gesellschaftliche Anspannung im Hinblick auf das Aufziehen von Kindern«.2 Wir fragen uns, ob es irgendjemand irgendwo besser macht. Haben französische Eltern ein Geheimrezept? Beziehen »Löwenmütter« eine bessere Rendite aus ihrer Investition? Anthropolog:innen erzählen uns, dass japanische Babys durchschlafen und mexikanische Geschwister nicht streiten – sollten wir vielleicht umziehen?
Mach eine Kehrtwende
Nein. Beginne da, wo du bist. Dieses Buch bietet auf der Basis jahrzehntelanger Forschung über Achtsamkeit und Mitgefühl einen radikalen Perspektivwechsel an. Der Samen für eine glücklichere und weniger konfliktbeladene Art der Elternschaft liegt in uns selbst, nicht auf einem anderen Kontinent. Wir müssen uns nicht wütend oder hilflos fühlen und unsere Kinder und uns selbst in einen Erschöpfungszustand treiben. Es gibt einen anderen Weg. Anstatt sich dauernd bei dem Versuch aufzureiben, deine Kinder in Ordnung zu bringen oder zu ändern, versuche es mit einer Kehrtwende. Bring dir selbst etwas Freundlichkeit und Mitgefühl entgegen. Fang an, dich selbst zu nähren, damit deine Kinder aufblühen können. Wie bitte? Du schüttelst den Kopf. Du verdrehst die Augen. Du hast zu tun. Du hast keine Zeit für so etwas. Es klingt zu egoistisch und albern. Das antworten mir die meisten Eltern.
Als in Harvard ausgebildete Psychologin mit zwei erwachsenen Kindern und über dreißig Jahren klinischer Erfahrung, habe ich mit vielen Eltern und Kindern gearbeitet. Und ich habe eine Menge Erziehungsratgeber gelesen. Hier liegt das Hauptaugenmerk oft auf der Frage, wie wir unsere Kinder »zur Räson« bringen, wie wir sie dazu bringen können, sich zu benehmen, wie wir sie zum Einschlafen bringen können, wie wir erreichen können, dass sie ein gutes Abitur machen und garantiert erfolgreich werden. Kurz, wie wir sie zu dem machen können, was sie unserer Meinung nach sein sollten. Aber nur selten erhalten wir die gewünschten Resultate.
Was ist aus der Freude geworden? Dem Glück? Der Begeisterung? Wir müssen nicht so hart zu ihnen oder uns sein. Neuere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass wir sie viel eher mit Mitgefühl motivieren können als durch Kritik. Ja, wirklich. Wir können unseren Fokus vom ständigen Tun auf das Sein umlenken. Einfach sein. Wir können aufhören, herumzurennen und hektische, wütende Eltern zu werden, die mit ihren Kindern im Feierabendverkehr zum Fußballtraining oder zum Ballett rasen, während diese sich auf der Rückbank beißen und boxen. Das ist keine Verurteilung – ich habe es auch so gemacht. Ich war die hektische Mutter im Auto, dünnhäutig, total erschöpft, die stets versuchte, viel zu viel zu tun – und den Kampf verlor. Das tat niemandem gut. Und dann versuchte ich, zum inneren Gleichgewicht und zur Vernunft zurückzufinden.
Das Fundament dieses Buches sind über drei Jahrzehnte Elternschaft, klinische Arbeit und Meditation. Die theoretische und wissenschaftliche Grundlage des Buches ist die bahnbrechende Arbeit meiner Kolleg:innen Chris Germer und Kristin Neff, die den bahnbrechenden Kurs für Achtsames Selbstmitgefühl (Mindful Self-Compassion – MSC), entwickelt haben, den ich seit der Einführung 2010 lehre.3 Neben MSC, das inzwischen zehntausenden Menschen in aller Welt vermittelt wurde, ist dieser Elternratgeber vollgepackt mit Geschichten und Beispielen aus meiner langjährigen klinischen Arbeit mit Eltern und Kindern und meiner eigenen Erfahrung als Mutter. (Die Beispiele bestehen aus zusammengesetzten Texten, um die Vertraulichkeit zu wahren). Ich habe diese Geschichten mit Übungen und Reflexionen kombiniert, die sich aus meinem Verständnis darüber, was effektiv ist, sowie aus den Erfahrungen vieler Menschen herauskristallisierten, denen diese Übungen geholfen haben.
Ich hoffe, dass dich dieses Buch dort abholt, wo du gerade stehst und dir eine Hilfe bei deinen Erziehungskonflikten ist. Es muss nicht so schwer sein und wir müssen nicht so sehr leiden. Und unsere Kinder auch nicht. Möge dieses Buch etwas Freude, Glück, Lachen und Mitgefühl in dein Leben und das deiner Familie bringen.
Wie man das Buch nutzt
Es gibt keine »richtige« Art und Weise, dieses Buch zu nutzen. Du musst es nicht von vorne bis hinten lesen. Spring einfach rein, finde ein Kapitel oder eine Geschichte, die dich anspricht, und fange da an. Falls das Thema Achtsamkeit neu für dich ist, findest du in den ersten Kapiteln Übungen für Anfänger:innen. Ich habe versucht, Achtsamkeits- und Mitgefühlsübungen mit Reflexionsübungen zu kombinieren, um das Material für alle Leserinnen und Leser zugänglich zu machen. Diese Reflexionen sollen dir helfen, dich auf das zu fokussieren, was du brauchst; nimm also Stift und Notizblock zur Hand oder halte deine Antworten auf deinem Smartphone oder Tablet fest, falls das einfacher für dich ist. Du hast keine Zeit zum Lesen? Das verstehe ich – ich hatte auch keine, als meine Kinder klein waren. In dem Fall gehst du einfach ins Arbor Online Center (siehe den Link hier) und lädst die ausgewählten Audio-Dateien herunter (die Nummern der Aufnahmen sind bei den Übungsanleitungen in den folgenden Kapiteln angegeben). Du kannst diese Aufnahmen anhören während du Geschirr spülst, deinen Morgenkaffee trinkst, das Schulvesper für deine Kinder richtest oder Auto fährst (halte aber bitte die Augen offen). Steckst du in einer Krise? Schau in der »Werkzeugkiste« am Ende des Buches nach, um dir sofort Hilfe zu holen: bei Koliken, Wutanfällen, Geschwisterrivalitäten, einem kranken Kind, einem Machtkampf mit einer/einem Teenager:in und anderen häufigen Herausforderungen. Aber das Wichtigste ist, wie mir vor Jahren eine meiner Achtsamkeitslehrerinnen sagte: »Man kann es nicht falsch machen.« »Oh, wirklich?«, erwiderst du. Ja, wirklich. Ich habe mein Leben damit zugebracht, mich für die kleinsten Fehler zu bestrafen. »Man kann es nicht falsch machen«, würde sie uns sagen. War diese Lehrerin von einem anderen Stern? Was hatte sie eingenommen? (Und würde sie es uns verraten?) Während ich in ihrem Mitgefühl, ihrem Humor und ihrer Weisheit badete, musste ich an die unvergessliche Zeile aus »Harry und Sally« denken: Ich beschloss, dass ich »haben will, was sie hat«.
Die gute Nachricht ist: Achtsamkeit und Mitgefühl stehen uns allen zur Verfügung – und wir können sie mit den Menschen in unserer Umgebung teilen. Es sind Qualitäten, die du entwickeln kannst. Die Übungen sind nicht für heiter-gelassene Menschen gedacht, bei denen schon alles perfekt ist. Du musst nicht gut im Stillsitzen sein. Du musst nicht vegan, zucker- oder koffeinfrei leben. Du kannst genau so sein, wie du bist: überarbeitet, angespannt, neurotisch, unter Schlafmangel leidend und kaum in der Lage, alles zusammenzuhalten. Es ist in Ordnung, »ein Durcheinander« zu sein. Ich war das auf jeden Fall. Wenn du atmen kannst (und schau jetzt nicht nach – du tust es bereits), dann kannst du auch das hier schaffen. Willkommen.
1 »To be a mother«. In: Olsen, Tillie: Silences. New York, NY: The Feminist Press, 1965, S. 18.
2 Lerner, Max: Amerika, Wesen und Werden einer Kultur – Geist und Leben der Vereinigten Staaten von heute. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt, 1957, im Orig. S. 562.
3 Neff, Kristin und Germer, Christopher: Selbstmitgefühl – Das Übungsbuch: Ein bewährter Weg zu Selbstakzeptanz, innerer Stärke und Freundschaft mit sich selbst. Freiburg: Arbor Verlag, 2019.
1
»Bitte lass es aufhören – ich kann nicht mehr!«
Erziehungsarbeit ist eine überwältigende Aufgabe
Der Tank ist leer
Es war einer jener Morgen. Das Baby hatte nicht geschlafen, Amélies Mann war auf Geschäftsreise und die dreijährige Sophie bestand darauf, im Kindergarten ihr neues Ballettröckchen anzuziehen, während sich an diesem Januarmorgen in Neuengland draußen der Schnee auftürmte. Und außerdem waren sie zu spät dran. Natürlich waren sie zu spät dran. Amélie hatte Zeit gehabt, den Kindern etwas zu Essen zu geben, aber keine Zeit mehr, selbst etwas zu essen.
»Du kannst dein Ballettröckchen und die Ballerinas heute nicht anziehen«, insistierte Amélie. »Es schneit.«
»Das ist mir egal«, gab Sophie zurück und drehte Pirouetten. Amélie war nicht nach streiten zumute. »Liebes, wir sind spät dran«, sagte sie bittend mit höher werdender Stimme.
»Spät dran, spät dran«, äffte Sophie nach und imitierte den hohen Ton ihrer Mutter.
»Genug jetzt, keine Widerrede, wir gehen. JETZT. Zieh deine Jacke an,« sagte Amélie und versuchte, bestimmt aber ruhig zu klingen, wie es in allen guten Erziehungsratgebern empfohlen wird.
»Du kannst mich nicht zwingen, du kannst mich nicht zwingen,« erwiderte Sophie in einem Singsang. Sie hörte auf zu tanzen, ließ sich trotzig zu Boden fallen und streckte die Zunge heraus.
Amélie war wütend. »Genug! Ich habe genug«, schrie sie, schnappte sich beide Kinder und zerrte sie zum Auto, während ihr Anoraks aus den Händen rutschten. Mit einer Hand öffnete sie die Autotür, um das Baby in seinen Sitz zu verfrachten und warf Sophie ihre Jacke zu. Sophie nahm sofort eine neue Möglichkeit wahr, Widerstand zu leisten, während die Entschlossenheit und das Mitgefühl ihrer Mutter schwanden und von kochender Wut abgelöst wurden: Prompt weigerte sie sich.
»Du bist nicht mein Boss«, spottete sie.
»Du kannst ruhig frieren, schau, ob mir das was ausmacht« konterte Amélie, während sie beide Kinder in ihren Kindersitzen anschnallte und losraste.
Sophie begann zu jammern und das Baby schloss sich an.
»Hör sofort damit auf«, zischte Amélie und fühlte sich überfordert und hilflos. Das war eindeutig keiner der schöneren Momente ihrer Mutterschaft.
»Ich will zu meinem Papa«, schrie Sophie. »Er ist nicht so gemein wie du.« Es war eine Erleichterung für alle, am Kindergarten anzukommen. Die Erzieherin war sehr verständnisvoll bei der Begrüßung, wischte Sophies Tränen weg, ließ sie herein und schenkte Amélie ein mitfühlendes Lächeln. Innerhalb von Minuten begann Sophie mit ihren Kindergartenfreund:innen zu malen und zu lachen.
Amélie ging, winkte beschämt zum Abschied und hatte das Gefühl, eine schreckliche Mutter zu sein. Während Sophie die Sache schon vergessen hatte, fiel Amélies Wut wie ein Bumerang aus Scham, Schuld und Bedauern auf sie zurück. Sie begann sich auszuschimpfen. »Ich mache das wirklich ganz schlecht. Ich bin eine furchtbare Mutter.«
Auf der Heimfahrt fing der Motor an zu stottern und das Auto blieb schließlich stehen. »Oh, Mist«, dachte Amélie, Normalerweise sorgte ihr Mann Tom dafür, dass das Auto betankt war, aber da er unterwegs war, hatte sie überhaupt nicht daran gedacht, die Tankanzeige zu überprüfen, die natürlich auf »leer« stand.
Amélie seufzte, packte das Baby in sein Tragegestell und lief in Richtung einer Tankstelle. Inzwischen schneite es heftiger. »Großartig, das ist genau, was ich verdammt nochmal jetzt brauche«, dachte sie, als sie zu weinen begann. Die Intensität ihres Schluchzens überraschte sie selbst. »Wie kann ich das schaffen? Wie kann ich die nächsten 15 Jahre überstehen, ohne mich selbst und die Kinder in den Wahnsinn zu treiben?«
Alle haben es schwer
Vielleicht war dein schrecklicher, furchtbarer, sehr schlechter Tag nicht so dramatisch wie derjenige von Amélie, vielleicht war er auch schlimmer, aber wir alle haben mindestens eine Geschichte über »jenen Tag« zu erzählen. Wir sind alle schon mal hungrig, wütend, einsam und müde mit leerem Tank oder etwas Schlimmerem dagesessen. Mutter oder Vater sein ist schwer für alle, aber besonders schwer ist es, wenn Angehörige weit weg sind und die Umgebung sie ersetzen soll, voller Idioten ist, oder anderen Eltern, die keine Zeit für uns haben. Und so erleben die meisten von uns heutzutage ihre Elternschaft – ohne ein Netzwerk und ohne Netz, das uns auffängt oder eine helfende Hand, wenn etwas unweigerlich schief geht. Die Verheißung der Elternschaft war Verbundenheit und Liebe, und doch finden wir uns einen Großteil der Zeit einsam und überfordert wieder. Und selbst wenn wir Hilfe haben, müssen wir immer einen Preis dafür zahlen. Es kann so leicht passieren, dass man ohne »Sprit« dasitzt. Wie können wir ohne Vollbremsung auftanken? Wird sich die Qualität unserer Erziehungsarbeit verbessern, wenn wir dafür sorgen, dass es uns selbst wieder gut geht? Mit diesem Buch möchten wir dir eine »Werkzeugkiste« voller Techniken, Anekdoten, Humor, Unterstützung und Rat anbieten, um dir zu helfen, gesund durch die Jahre der Kindererziehung zu kommen und dabei auch selbst Freude zu haben. Und wir werden dir helfen, die Probleme zu erkennen, die nicht als Eingriffe in oder Unterbrechungen deines früheren kinderlosen Lebens auftauchen, sondern als Chancen für Wachstum und Weisheit.
»Ja klar, Auftanken,« spottest du. »Wie wäre es mit Wut-Management? Oder ein paar Beruhigungspillen? Oder einem doppelten Martini?«
Ich verstehe. Wir alle waren schon an diesem Punkt. Was ich dir in diesem Buch aber hoffentlich vermitteln kann, ist, dass es dir leichter fallen wird, deine Wut in den Griff zu bekommen, Verantwortung zu übernehmen, emotional stabil zu bleiben und dich an deinem Kind (oder deinen Kindern) zu erfreuen, wenn du gut für dich selbst sorgst. Die Autorin Audre Lorde drückte es prägnant in einem Satz aus: »Selbstfürsorge ist keine Selbstverhätschelung, sondern Selbsterhaltung.«
Dir selbst Achtsamkeit und Mitgefühl entgegenzubringen ist kein Freibrief, faul zu sein, sich vor Verantwortung zu drücken oder auf einem Kissen zu sitzen und Nabelschau zu betreiben, während deine Kinder streiten und die Wohnung demolieren. Es hat nichts damit zu tun, sich selbst gegenüber zu nachgiebig zu sein. Im Gegenteil, Achtsamkeit hilft uns, klar zu sehen und aus einer Position der Freundlichkeit und Weisheit heraus zu handeln. Eine Definition von Achtsamkeit ist »klar sehen«.
Was also ist »Achtsamkeit«? Es gibt viele Definitionen aber die eine, die mich als Mutter und Psychologin stets geleitet hat, ist eine sehr einfache, unaufgeregte, schnörkellose Definition: »Gewahrsein des gegenwärtigen Moments mit Freundlichkeit und Akzeptanz.« Angesichts der ständigen Stresssituationen und Belastungen der Elternschaft, seien es schlaflose Nächte, kindliche Wutanfälle, Geschwisterrivalitäten, schwierige Schwiegereltern oder ein(e) kritische(r) Partner:in – wir brauchen eine warmherzige und mitfühlende Antwort auf unsere jeweilige Erfahrung.
»Klingt gut«, wendest du vielleicht ein, »aber das ist nicht realistisch. Die Welt ist ein rauer Ort; wir alle werden ständig beurteilt. Es ist lebensfremd, zu denken, man könne immer freundlich und akzeptierend sein. Manchmal werde ich einfach wütend. Und wie bringt man Kindern bei, was richtig und was falsch ist? Wie kann man sie motivieren, ihr Bestes zu geben, wenn man keinen Druck macht? Und wir müssen an die Zukunft denken. Es ist einfach nicht machbar.«
Das sind alles sehr gute Fragen, denen ich mich noch widmen werde. Was ich vorschlage, ist ein radikal anderer Ansatz, Kinder zu erziehen, Mutter oder Vater zu sein: eine andere Art, mit unseren Kindern und uns selbst zu sein. Die meisten von uns sind daran gewöhnt, sich durch Kritik zu motivieren, und meinen, dass wir, wenn wir uns selbst anschreien und ausschimpfen, besser, effektiver, glücklicher und erfolgreicher sein werden.
Tatsächlich funktioniert Selbstkritik so gut wie nie. Kristin Neff, weithin bekannt für ihre umfassende Forschung über Selbstmitgefühl (siehe Kapitel 2), hat viel zu diesem Thema geschrieben. Selbstmotivation mit Freundlichkeit und Mitgefühl ist tatsächlich effektiver als der Einsatz von Kritik.4
»Ja klar, noch mehr Psycho-Blabla,« protestierst du und willst das Buch schon weglegen. Warte einen Moment! Diese Ideen haben auch einen Einfluss auf die Geschäftswelt. Der Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmer und Philanthrop Charles Schwab schrieb: »Ich muss erst noch den Menschen finden, wie hochrangig seine Position auch sein mag, der in einem Klima der Zustimmung nicht besser arbeiten und sich stärker bemühen würde als in einem Klima der Kritik.«5
Wenden wir uns, um dies zu veranschaulichen, noch einmal Amélie zu, die mich nicht wegen einer Therapie konsultierte, sondern um »bei Verstand« zu bleiben, wie sie es ausdrückte. »Ich brauche keine Therapie«, protestierte sie, »sondern einen Eltern- und Erziehungscoach. Ich weiß nicht, was ich machen soll, meine Geschwister, die auch kleine Kinder haben, und meine Eltern sind viele Flugstunden entfernt. Ich habe keine Hilfe und ich will nicht die neuen Freundschaften mit anderen Eltern strapazieren, die sowieso rar sind.«
Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde Amélies Geschichte greifbarer. Sie war wegen des Jobs ihres Mannes an die Ostküste gezogen und hatte Freunde und Familie zurückgelassen. »Die Menschen hier sind so kalt wie das Wetter«, sagte sie traurig. »Und alle wirken so ausgeglichen. Ich fühle mich wie ein einziges Durcheinander«. Sie begann zu weinen. »Wir sind wegen Toms Arbeitsstelle hierher gezogen – nicht, dass er je da ist; er muss zweimal im Monat auf Geschäftsreise.
Und wenn er nach Hause kommt, ist er müde und hungrig und will, dass die Kinder nur Freude machen und das Haus picobello ist und dabei vergisst er, dass das Haus kein Hotelzimmer ist und es hier keinen täglichen Zimmerservice gibt …« Sie hielt inne und holte tief Luft. »Es funktioniert einfach nicht.« Sie schwieg einen Moment. »Ich kümmere mich um alle, ich schlafe nicht, ich bin einsam, ich esse, was die Kinder übriglassen, weil ich so viel zugenommen habe, aber jetzt laufe ich meistens hungrig durch die Gegend. Manchmal habe ich das Gefühl, so schnell durch meinen Alltag zu hetzen, dass ich kaum Luft holen kann. Aber was mir am meisten Angst macht, ist das Gefühl, dass ich mich selbst verliere und mein Gehirn nur noch Brei ist. Ich habe mein altes, kompetentes Selbst verloren. Niemand kümmert sich um mich. Ich brauche Hilfe – und zwar jetzt. An diesem schrecklichen Morgen, als mir das Benzin ausging und ich im Schnee zu einer Tankstelle laufen musste, sah ich das Schild, auf dem ›Rundum-Service‹ stand und ich fragte mich, ›werde ich mich je wieder ganz fühlen?‹ Oder werde ich mich für immer so ausgelaugt fühlen?«
Ich probierte die folgende Reflexionsübung mit Amélie aus, die ihr half, sich wieder mit dem Gefühl, kompetent zu sein, zu verbinden.
Reflexion: Zu dir finden
Hast du das Gefühl, dich verloren zu haben als du Mutter (Vater) wurdest? Nimm dir einen Augenblick Zeit und frage dich: »Wer bin ich?« Frage dich das wieder und wieder. Kam das Wort »Mutter« (Vater) in einer der ersten Antworten vor? Das ist wunderbar, aber wer bist du AUSSERDEM? Wir können diese unsere Essenz auch dann nicht verlieren, wenn uns das Elternsein überfordert.
Im Laufe der weiteren Arbeit fügte ich noch folgende Übung hinzu (angeregt von Christopher Germers Buch Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl), die Amélie morgens nach dem Aufwachen praktizierte. Das ist eine großartige Ausgangsposition. Wir wissen, dass du viel zu tun und keine freie Zeit hast. Keine Sorge. Stell dir einen Küchenwecker, die Übung dauert nur drei Minuten. (Bitte erzähl mir nicht, du hättest keine drei Minuten).
Sich um sich selbst kümmern
Aufnahme 1
Nimm dir einen Moment Zeit, um eine bequeme Sitzhaltung zu finden.
Komm zur Ruhe.
Nimm deinen Atem wahr. Manchmal sind wir so beschäftigt, dass wir gar nicht realisieren, dass wir atmen. Wo ist der Atem? Wo nimmst du die Empfindung des Atmens am stärksten wahr? Konzentriere dich auf diese Stelle und spüre, wie der Atem ein- und ausströmt.
Lass dich einen Atemzug voll spüren.
Frage dich: »Wie merke ich, dass ich atme?«
Nimm die Empfindungen in deinem Körper wahr.
Was bemerkst du? Bist du hungrig? Müde? Welcher Emotionen bist du dir bewusst? Was fühlst du?
Genauso, wie du dein Kind in den Armen hältst oder wiegst, lass dich sanft von jedem Ein- und Ausatmen wiegen und halten.
Lass dich vom Ein- und Ausströmen des Atems beruhigen, trösten und erden.
Wenn du magst, kannst du eine Hand auf den Brustkorb legen oder je eine Hand auf Brustkorb und Bauch.
Spüre die angenehme Wärme der Berührung.
Atme fünfmal tief ein und aus. Ja, du hast Zeit für fünf Atemzüge. Du atmest ja sowieso.
Gib dir die Erlaubnis, dich um dich selbst zu kümmern, freundlich zu dir zu sein. Du verwendest soviel Zeit darauf, dich um andere zu kümmern, um die Bedürfnisse anderer. Nimm dir einen Moment für dich selbst. Was brauchst du?
Gib dir die Erlaubnis, zu essen, zu duschen, dich auszuruhen, innezuhalten und zu atmen.
Amélie probierte das ein paar Wochen lang aus. An manchen Tagen gelang es ihr nur für drei Atemzüge, aber auch das schien bereits zu helfen. Obwohl es ihr so simpel vorkam, hatte sie das Gefühl, dass es sie erdete.
»Manchmal bin ich so hektisch, dass ich vergesse zu essen oder keine Zeit zum Duschen finde. Ich war völlig ausgepowert. «Und jetzt erkenne ich, wie wahr die Redensart ist, mit der ich im Süden aufgewachsen bin: ›Wenn Mama nicht glücklich ist, ist niemand glücklich‹», sagte sie lachend. Ich kann nicht ohne Schlaf oder Essen auskommen und dann erwarten, dass es in der Familie gut läuft. Wenn ich nichts zu geben habe, leiden alle darunter. Ich habe erkannt – und das war ein Durchbruch für mich – dass ich nicht von anderen abhängig sein muss, um meine Batterien aufzuladen. Ich kann es selbst tun. Ich brauche weder meinen Mann, noch meine Geschwister oder Eltern, um mich zu stärken. Das war sehr befreiend.«
Es gibt viele Möglichkeiten, Achtsamkeit und Mitgefühl zu praktizieren. Nicht alle wollen still sitzen und nach innen schauen. Kein Problem. Eine Größe passt nicht für alle. Ich werde dir helfen, herauszufinden, was für dich funktioniert. Ich vermittele den Leuten gerne kurze Reflexionen, bei denen man sich einen Moment Zeit für sich selbst nimmt (vielleicht wenn die Kinder im Bett sind), und sich Gedanken über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche macht. Nach dieser Übung kannst du notieren, was bei dir dabei aufgetaucht ist.
Reflexionsübung: Was brauche ich?
Finde einen ruhigen Augenblick, vielleicht am frühen Morgen oder Abends, nachdem die Kinder zu Bett gegangen sind. Stell dir, wenn du magst, vor deinem inneren Auge einen mächtigen Baum mit tiefen Wurzeln und einem starken Stamm vor. Nimm wahr, dass die Zweige des Baumes sich so hoch gen Himmel strecken, wie die Wurzeln tief sind. Du könntest dir sogar vorstellen, dass du durch deine Schädeldecke einatmest und dann durch deine »Wurzeln« oder Füße ausatmest.
Frage dich »Was brauche ich?«
Halte inne und achte auf Worte oder Bilder, die eventuell auftauchen.
Frage noch einmal »Was brauche ich wirklich?«
Nimm dir ein paar Minuten Zeit, um dich für alles zu öffnen, was hochkommt.
Schreib auf, was du entdeckt hast.
Als Amélie diese Übung ausprobierte, bemerkte sie, dass sie sich innerlich mit dem Bild des tief verwurzelten Baumes verband. »Ich habe meine Familie und meine Geschwister und meinen Freundeskreis verlassen, um hierher zu kommen und ich vermisse dieses Gefühl der Verbundenheit wirklich. Irgendwann hatte ich die Vorstellung, dass ich eines Tages einen Partner, ein Zuhause und Kinder haben würde und dass alles wundervoll sein würde und ich alles hätte, was ich brauchte; dass ich mich erfüllt fühlen würde. Wie ich mich getäuscht habe! Ich fühle mich hier so isoliert, so allein. Und ich dachte, ich könnte das alles schaffen, aber ich schaffe es nicht. Ich brauche eine Auszeit. Ich kann nicht sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag für alle da sein. Dieser Baum braucht Sonne, Wasser und ein bisschen Dünger!«
Damit ist Amélie nicht allein. Viele von uns fühlen sich isoliert. Im Laufe der vergangenen 30 Jahre habe ich mit so vielen Eltern gesprochen und habe so viele Wege gesehen, die in die Isolation führten. Manchmal warten wir, bis wir meinen, alle Puzzlestücke am richtigen Platz zu haben: Die Karriere, das Haus oder die Wohnung, ein anständiges Einkommen, und wir denken »Ja, das ist der richtige Zeitpunkt«. Aber dann klappt es vielleicht nicht mit der Schwangerschaft, und wenn wir dann endlich Kinder bekommen, haben die meisten unserer Freundinnen ihre Kinder schon gehabt oder sind wieder in den Beruf zurückgekehrt. Anstatt mit unseren Freundinnen Zeit zu verbringen und unsere Kinder im goldenen Sonnenlicht auf der Schaukel anzustoßen, sind wir auf der Suche nach Babysitter:innen und Kindermädchen. Plötzlich haben wir das Gefühl, aus dem Tritt zu sein. Oder das Unternehmen, für das wir arbeiten, hat uns in ein anderes Bundesland oder sogar ins Ausland versetzt. Soviel zu diesem Traum. Vielleicht hat auch unsere Partnerin das Gefühl, dass sie nun an der Reihe ist, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren und wir sind an den meisten Tagen der einzige Mann auf dem Spielplatz, und die Mütter und Babysitterinnen sind nicht sehr freundlich und es gibt niemanden, mit dem wir uns unterhalten können. Wie sehr wir uns auch anstrengen, wie viel wir auch planen: Es ist nie perfekt, und wir erkennen, wie wenig Kontrolle wir über die Dinge haben. (Falls du dich in dieser oder einer ähnlichen Situation befindest, gefällt dir vielleicht die Übung »Du musst nicht alles kontrollieren« in Kapitel 5, Seite 123).
Lernen, inne zu halten
Die Leute beklagen sich oft darüber, dass sie keine Zeit für eine Achtsamkeitspraxis haben, insbesondere mit kleinen Kindern. Keine Sorge: Ich verstehe das sehr gut. Ich hatte auch keine. Deshalb sind die von mir vorgeschlagenen Übungen – besonders die in den ersten Kapiteln – für Eltern gedacht, die zu viel zu tun haben, und denen es an Zeit für sich selbst mangelt. Die meisten dieser Übungen dauern nur drei Minuten oder weniger. Forscher:innen sagen uns, dass es auf die Regelmäßigkeit ankommt, nicht auf die Dauer der Übung oder Meditation. Denk mal darüber nach: Was würde dein Zahnarzt empfehlen? Einmal pro Woche die Zähne 40 Minuten lang zu putzen oder zweimal täglich drei Minuten lang? Und du musst auch nicht stillsitzen, um Achtsamkeit praktizieren zu können. Man kann das im Gehen, im Stehen, beim Autofahren (halte die Augen offen!), im Bett liegend und sogar beim Windelnwechseln tun (siehe die Übungen »Achtsamkeit im Alltag«).
Achtsamkeit muss nicht etwas sein, das du allein in der Stille eines Meditationsraums oder auf einem entgelegenen Berggipfel tust, sondern kann Teil deines verrückten, geschäftigen Lebens als hektische Mutter (oder Vater) werden, die oder der versucht, zu viel auf einmal unter einen Hut zu bringen. Und genau dann brauchst du sie am meisten.
Eine der einfachsten Übungen ist die »Elternpause«, die von der Psychologin und Meditationslehrerin Tara Brach adaptiert wurde. Tara Brach lehrt, dass eine simple ein- oder zweiminütige Pause den Ton und die Richtung einer Interaktion verändern kann – eine Fertigkeit, die sich bei der Kindererziehung und in allen Beziehungen (insbesondere engen Beziehungen) als sehr wertvoll erweist.6
Warum kannst du, verd… nochmal, nicht einschlafen!?
Leon hatte einen sehr stressigen Job im Verkauf. Bevor er und Kyra heirateten, hatten sie sich darauf geeinigt, die Kinderbetreuung halbe-halbe untereinander aufzuteilen. Theoretisch hatte sich das gut angehört aber Tim war eine Frühgeburt und hatte Atemprobleme. Es wurde zwar besser, aber sowohl Kyra als auch Leon machten sich weiterhin Sorgen um ihn. Als Tim sieben Monate alt war und nachts immer noch nicht durchschlief, schlief niemand im Haus nachts durch.
Kyra arbeitete im Einzelhandel, was bedeutete, dass sie lange Arbeitstage hatte und manchmal auch am Wochenende arbeiten musste. In den ersten Monaten, als Kyra im Mutterschutz war, hatten sie das Baby nach Bedarf gefüttert und sich über jeden Schrei Sorgen gemacht. Nach ihrer Rückkehr an ihren Arbeitsplatz war Kyras Chef nicht gerade begeistert darüber, dass sie tagsüber abpumpte. Und das Baby nachts alle zwei Stunden zu füttern war zusätzlicher Stress.
Leon war sicher, dass er es besser machen könne und bot großzügig an, das nächtliche Füttern zu übernehmen. »Kein Problem, ich hab das im Griff«, versicherte er Kyra. Doch es war nicht so einfach wie er gedacht hatte. Beim Versuch, es »richtig« zu machen und Kyra zu zeigen, wie kompetent er war, stand er jedes Mal auf, wenn Tim einen Laut von sich gab, fütterte ihn und versuchte, ihn wieder schlafen zu legen. Doch Tim genoss es, mitten in der Nacht seinen Papa zu sehen und beschloss, dass jetzt »Partyzeit« war: Er weigerte sich, wieder einzuschlafen. Die nächtlichen Fütterungen dehnten sich von fünf Minuten auf 50 Minuten aus und Leons Erschöpfung begann sich am Arbeitsplatz bemerkbar zu machen, was sich auch in Flüchtigkeitsfehlern niederschlug.
Die Nächte wurden schlimmer, nicht besser. »Wir müssen mit einem Schlaftraining anfangen«, sagte Leon, »Mein Job steht auf der Kippe. Ich mache Fehler und schlafe bei der Arbeit ein.«
»Auf keinen Fall«, insistierte Kyra. »Das ist missbräuchlich und sadistisch. Wir werden das unserem Kind nicht antun.«
Als Leon und Kyra zur Beratung kamen, sprachen (oder schliefen) sie kaum noch. Ihre Uneinigkeit über Tims Schlafgewohnheiten hatte zu einer tiefen Kluft in ihrer Ehe geführt. Sie litten nicht nur unter erheblichem Schlafmangel, das Problem hatte auch alte Probleme aus Kyras Familie zutage gefördert. Sie war sicher, dass es Tim schaden würde, wenn man ihn schreien ließ. Leon war der festen Überzeugung, dass es Tim prima ging und dass sie »übertrieben emotional« sei. Und das sagte er ihr auch. Diese Missachtung ihrer Gefühle erinnerte Kyra daran, wie ihr Vater ihre Mutter behandelt hatte, und sie revanchierte sich, indem sie ihn als unsensibel bezeichnete. Sie waren in einem Teufelskreis gefangen und weder er noch sie konnten nachgeben. Zu diesem Zeitpunkt war Tim fast ein Jahr alt.
Nachdem ich dieses Muster eines eskalierenden Konflikts eine Weile beobachtet hatte, fragte ich: „Können wir an dieser Stelle etwas anderes ausprobieren? Wir drehen uns immer wieder im Kreis. Darf ich euch eine Achtsamkeitsübung zeigen, die dazu beitragen könnte, den Teufelskreis zu durchbrechen?
»Auf keinen Fall«, erwiderte Kyra und ging in die Defensive. »Das ist uns zu esoterisch. Wir sind schon in einer Kirche. Ich will keinen trendigen Quatsch. Das machen wir nicht.«
»Okay, was ich euch beibringen will, hat mit all dem nichts zu tun. Es geht ausschließlich darum, euren Stress zu reduzieren, die ständigen Streitereien zu verringern und euch zu etwas Schlaf zu verhelfen.«
»Nun, das wäre nichts Geringeres als ein Wunder«, erwiderte Kyra sarkastisch.
»Ein Versuch kann nicht schaden. Wenn es nicht funktioniert, müsst ihr es ja nicht machen.«
In Ihrer Verzweiflung willigten Kyra und Leon ein, es zu versuchen.
Es ist eine sehr wirkungsvolle Übung für Paare, aber sie ist auch hilfreich bei Spannungen zwischen einem Elternteil und einem Kind. Stelle den Küchenwecker auf fünf Minuten ein.
Die Elternpause
Setz dich bequem hin und atme ein paarmal tief ein und aus.
Falls du und dein Partner oder deine Partnerin eine Auseinandersetzung hatten, ist es gut, in separate Zimmer zu gehen.
Komm zur Ruhe. Sitz einfach da und gönne dir eine Pause. Versuche nicht, jetzt etwas in Ordnung zu bringen.
Falls du bemerkst, dass du zu grübeln anfängst, dass sich deine Gedanken im Kreis drehen oder du noch vor Wut schäumst, erkenne das einfach an.
Was du auch fühlst, bleib einfach dabei, auch wenn es schwierig ist.
Du kannst zu dir sagen »Das ist hart; das tut weh«.
Pause. Es ist nicht nötig, jetzt zu handeln. Es ist nicht nötig, jetzt zu streiten.
Spüre deine Fußsohlen auf dem Boden und nimm die Empfindungen in deinem Körper wahr.
Mach dir bewusst, dass alles, was du fühlst, was es auch sei, vorbeigehen wird.
Versuche dir ein bisschen Freundlichkeit entgegenzubringen.
Nimm noch ein paar tiefe Atemzüge, um dich zu erden und in deine Mitte zu kommen.
Schau, ob du wahrnehmen kannst, was du jetzt brauchst, bevor du dich wieder dem Alltagsgeschehen zuwendest.
Mach im Laufe des Tages immer dann eine Pause, wenn du das Gefühl hast, dich erden zu müssen und etwas Abstand zu brauchen.
»Was habt Ihr also festgestellt?«, fragte ich.
Kyra lachte: »Ich bin eingeschlafen. Im Sitzen. Ist das zu glauben?«
»Ich bin auch weggedöst,« witzelte Leon. »He, das könnte im Hinblick auf den Schlafmangel hilfreich sein.«
Die beiden konnten sich nun eingestehen, wie erschöpft sie waren, während sie das zuvor geleugnet und darüber gestritten hatten. Ihre Hausaufgabe bestand darin, drei Minuten pro Tag die »Elternpause« zu praktizieren. Sie erinnerten sich gegenseitig daran, eine Pause einzulegen, wenn sie zu streiten anfingen, und das schien ein bisschen Humor und Abstand in die Kommunikation zu bringen. Tara Brach schreibt: »Wenn wir innehalten, wissen wir nicht, was als nächstes passieren wird. Indem wir unsere gewohnten Verhaltensweisen unterbrechen öffnen wir uns für die Möglichkeit, auf eine neue, kreative Art und Weise mit unseren Wünschen und Ängsten umzugehen.«7
Ich betrachte die Elternpause als eine Art Rettungsweste, die mich und meine Klientinnen und Klienten davor bewahrt hat, unterzugehen. Ich habe sie in Situationen angewendet, in denen die Kinder miteinander stritten und anscheinend nicht aufhören konnten und ich mehr als genug hatte.
Sie war ein Lebensretter, als mein alternder Vater immer und immer wieder dieselben törichten Fragen stellte und ich kaum noch an mich halten konnte und einfach schreien wollte: »Warum fragst du mich das noch einmal. Ich habe es dir doch gerade gesagt.« Es ist auch eine meiner Lieblingsübungen, wenn ich am Ende meiner Kräfte bin.
Tatjana wandte diese Übung an, als ihre Mutter sie vor ihren eigenen Kindern demütigte, indem sie über all die Fehler sprach, die Tatjana in ihrer Jugend gemacht hatte und betonte, was für ein schwieriges Kind sie doch gewesen sei. »Ich hatte das Gefühl, nur einen winzigen Schritt davon entfernt zu sein, sie zu verstoßen und ihr für immer den Umgang mit ihren Enkeln zu verbieten. Glücklicherweise gelang es mir, inne zu halten und mich zu sammeln, bevor ich vielleicht großen Schaden angerichtet hätte.« Jonathan griff auf die Übung zurück, wenn die Kinder ihn piesackten, weil sie Spielsachen oder süße Frühstücksflocken gekauft haben wollten, die sie gerade im Fernsehen gesehen hatten. Albert, dessen Schwiegereltern ihn wie einen inkompetenten Vater behandelten, fand heraus, dass diese Übung seine erste Wahl war, wenn seine Schwiegermutter seinen Erziehungsstil kritisierte und ihm sagte, wie er es richtig machen müsse. »Es half mir wirklich, mich zusammenzureißen. Es wäre einfach für mich gewesen, einen Wutanfall zu bekommen und zu sagen ›Wie kannst du es wagen, mir Ratschläge zu erteilen, in Anbetracht dessen, was du für eine Mutter für Diane warst!‹ Das hätte allerdings katastrophale Konsequenzen gehabt. Ich bin so froh, dass ich mich beherrscht habe. Ich betrachte dieses Innehalten als meine ›Superpower‹, auf die ich zurückgreife, wenn ich leerlaufe.«
Nach ein paar Wochen des Übens machte ich Kyra und Leon einen Vorschlag: »Ich weiß nicht, ob ihr offen dafür seid, aber ihr könntet die Übung mit Tim ausprobieren.«
»Das ist absurd«, erwiderte Kyra. »Er kann kaum sprechen.«
»Aber Babys verstehen eine Menge, mehr als uns bewusst ist.«
»Was können wir ihm also sagen?«, spottete Kyra. »Nimm einen tiefen Atemzug, Tim und halte inne? Willst du mich veräppeln?«
Alle lachten. »Lass uns darüber sprechen. Ich höre deine Einwände, Kyra,« erwiderte ich.
»Wie wäre es, Leon, wenn du in der nächsten Woche die Elternpause machen würdest, bevor du in sein Zimmer gehst? Selbst wenn er unruhig ist und jammert. Es ist in Ordnung. Babys machen einfach einen Aufstand, das ist einfach so. Es bedeutet nicht, dass etwas verkehrt ist. Ihr wollt ja, dass er lernt, sich selbst zu beruhigen.«
»Du kannst mir glauben, dass das nicht passieren wird«, gab Leon zurück. »Nicht mit diesem Kind.« »Ich höre, was du sagst. Mir ging es genauso,« sagte ich. »Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Eines meiner Kinder wachte so oft auf – nahezu alle zwei Stunden – dass ich anfing, bei den Therapiesitzungen einzuschlafen! Ich war so erschöpft, dass ich meine Augen nicht offenhalten konnte. Kein guter Stil. Eine schnarchende Therapeutin ist nicht sehr hilfreich und meine Patientinnen und Patienten fanden das nicht lustig. Ich musste eine Lösung finden, bevor ich Gefahr lief, meinen Job zu verlieren!«
Die Beiden nickten.
»Betrachtet es als etwas, das ihr ihm beibringt, so wie ihr ihm bald beibringen werdet, Fangen zu spielen.«
»Ich werde nicht zulassen, dass er sich die Lunge aus dem Hals schreit«, insistierte Kyra. »Sonst breche ich das hier ab«, sagte sie warnend.
Kein trendiger »Bullshit«.
Im Laufe der nächsten paar Wochen arbeiteten alle zusammen, um Tim zu helfen, nachts durchzuschlafen. Sie begannen sanft und langsam. Anstatt ihn hochzunehmen und zu füttern, kam Leon ins Zimmer und legte seine warme Hand auf den Rücken des Babys.
»Es ist Okay, Großer, du brauchst jetzt keine weitere Mahlzeit. Es geht dir gut. Ich bin hier, ich liebe dich.«
Manchmal sang Leon. Oft waren es die Lieder, die seine Mutter und Großmutter einst für ihn gesungen hatten, oder Lieder, die er in der Kirche gelernt hatte. Wenn Leon sang, lächelte Tim und kuschelte sich in seine Decke und an seinen Teddybär. Nachdem Tim sich daran gewöhnt hatte, brauchte er manchmal nur noch einen kleinen Klaps auf den Rücken und sanft gesprochene Worte. »Ich bin hier, du kannst wieder einschlafen. Es ist alles in Ordnung. Mama und Papa lieben dich.«
Auch wenn Tim manchmal noch jammerte und es nicht jede Nacht funktionierte, so wurde es doch besser. Die Sache lief in die richtige Richtung. Tim lernte, dass er wieder einschlafen konnte, ohne gehalten und gefüttert zu werden.
»Es sieht so aus, als ob er seinen eigenen Rhythmus findet. So als ob er den Rhythmus der Lieder in sich aufnimmt, die Worte und Klänge, und sie in seinem Körper fühlt. Wirklich, ich schwöre,« lächelte Leon stolz. »Ich komme aus einer Musikerfamilie, er hat das im Blut.«
Nachdem Tims Eltern durch unsere Arbeit im Laufe der folgenden Wochen gelernt hatten, seine natürlichen Schlafzyklen zu verstehen und zu respektieren, und dass er nicht mehr nach Bedarf gefüttert werden musste, fiel es ihnen leichter, loszulassen. Und als Kyra und Leon anfingen, sich selbst Pausen zu gönnen, zur Ruhe zu kommen und gemeinsam am Schlafproblem zu arbeiten, hörten sie auf, ständig zu zanken, und begannen, die Gegenwart des jeweils anderen allmählich wieder zu genießen. Und am Ende schliefen alle nachts durch – meistens jedenfalls. »Also anfangs dachte ich, das funktioniert nie«, sagte Leon, »aber dieser Kram hat wirklich geholfen.«
»Mami liebt mich nicht mehr«
Es war ein hartes Jahr gewesen. Margot hatte die letzten Monate ihrer Hochrisikoschwangerschaft im Bett verbracht, worauf eine komplizierte Geburt folgte. Sie und das Baby überlebten nur durch eine Notfallbehandlung. Sowohl sie selbst als auch Lila hatten danach weiterhin mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und Margot hatte kaum genug Energie, sich selbst zu versorgen, geschweige denn, dieses zarte Baby und ihren widerspenstigen fünfjährigen Hannes.
Zu allem Unglück litt Margot auch noch sehr unter dem Tod ihrer Mutter, die während Margots Schwangerschaft gestorben war. Weil Margot damals strikte Bettruhe einhalten musste, hatte sie ihre Mutter nicht mehr besuchen können, um sich zu verabschieden. Sie hatten ein sehr ambivalentes Verhältnis gehabt und nun war Margot überrascht, wie sehr die Trauer sie überwältigte. Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass sie ihre Mutter jemals so sehr vermissen würde und wünschte sich oft, ihre Mutter würde wie durch ein Wunder plötzlich auftauchen, um ihr zu helfen – besonders jetzt.
Tatsächlich musste sie eines Abends, als sie versuchte, ein Abendessen zuzubereiten, an ihre Mutter denken. Ihr Mann war bei der Arbeit, denn er hatte einen zusätzlichen Job angenommen, damit sie die Rechnungen für Margots medizinische Behandlung bezahlen konnten. Die Versicherung hatte nur einen kleinen Teil der Kosten übernommen. Er tat, was er konnte, aber auch er war erschöpft und reizbar. Sie hatten sich vorgestellt, dass es schön für Hannes wäre, ein Geschwisterchen als Spielkameraden zu haben und dass auch ihr Leben dadurch leichter würde. Niemand hatte mit diesem Albtraum gerechnet.
»Hannes, könntest du bitte ein bisschen mit Lila spielen, während ich das Abendessen mache?«, fragte Margot.
»Was soll ich tun?«, fragte er zurück.
»Oh, erzähl ihr einfach eine Geschichte oder singe ihr ein Lied vor; alles ist okay«, erwiderte Margot.
Hannes begann seine Lieblingslieder zu singen, war aber schon bald mit seinem Repertoire am Ende. Das Baby fing an zu weinen. Zu allem Unglück litt es unter Koliken und schrie ständig. Das brachte alle an ihre Grenzen.
»Versuche etwas anderes,« schlug Margot vor. »Das Essen ist fast fertig. Nur noch ein paar Minuten.«
»Können wir sie nicht zurück ins Krankenhaus bringen?«, fragte Hannes. »Ich mag sie nicht, sie macht zu viel Krach.«
»Hör auf, das ist deine Schwester und sie war krank. Sie ist hier und wird bleiben.« Hannes warf seiner Mutter ein boshaftes Grinsen zu und erfand sein eigenes Lied, das er in einem Singsang zum Besten gab.
Mami liebt dich
Mich liebt sie nicht
Aber das ist mir egal
Ich brauche Mami nicht mehr
Du kannst die grantige Mami haben
Ist mir egal
Sie gehört ganz dir
Ich brauch keine Mami mehr.
Margot war sprachlos. Sie wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte. Sie hätte am liebsten losgeschrien und Hannes aus dem Zimmer geschickt. Sie wollte ihn sogar versohlen, obwohl sie sich geschworen hatte, das niemals zu tun, aber sie hatte keine Kraft mehr für irgendetwas – außer sich ins Bett zu legen. Und er hatte getan, worum er gebeten worden war. Allerdings hatte sie nicht um Aggression gebeten. »Wow«, dachte Margot, »jetzt verstehe ich, warum unsere Mutter uns so oft geschlagen hat. Ich hätte nie gedacht, dass ich so wütend auf mein eigenes Kind werden könnte.«
»Aber ich liebe dich doch«, protestierte sie. Hannes wirkte nicht überzeugt. Und in Wahrheit war sie wütend auf ihn.
Sie verharrten in eisigem Schweigen, der einzige »Soundtrack« war das Schreien des Babys.
Margot brachte die Kinder zu Bett und ging dann in ihr Zimmer. Ihr war eiskalt und sie fühlte sich wie abgestorben. Als ihr Mann von der Arbeit nach Hause kam, konnte sie kaum sprechen. Sie hatte stundenlang geweint, in Wolldecken gehüllt, zitternd, mit einem Stofftier des Babys im Arm.
»Schon wieder ein schwerer Tag? Was ist los?« Margots Mann versuchte kaum, seine Gereiztheit zu verbergen.
»Ich bin am Ende. Ich bin am Boden zerstört. Und ich habe Hannes Schaden zugefügt. Er hasst mich. Ich schaffe das nicht – es ist einfach zu viel«, schluchzte Margot. »Ich bin eine furchtbare Mutter.«
In der Klinik wurde Margot eine postnatale Depression diagnostiziert und eine Medikation begonnen. Nachdem sie sich allmählich stabilisiert hatte, arbeiteten wir daran, ihre Gesundheit wieder herzustellen, ihre Mutter zu betrauern und mehr Unterstützung zu bekommen.
Margot hatte keine Zeit und kein Interesse an einer formellen Achtsamkeitspraxis. Einfach nur den Tag zu überstehen war bereits ein Sieg, aber sie war offen für alle informellen Übungen, die ihr helfen könnten, die Dinge wieder »in den Griff zu bekommen« – besonders an Tagen, an denen Hannes schwierig war und das Baby unter Koliken litt.
Gemeinsam dachten wir uns folgende Übung aus. Wie bereits erwähnt, musst du dich nicht aufs Meditationskissen setzen, um Achtsamkeit zu praktizieren; du kannst das auch im Gehen, Stehen oder Liegen tun.
Meditation »Mit dem Baby schwingen«
Stell dich hin und spüre den Boden unter deinen Füßen.
Finde eine angenehme Position, um das Baby zu halten.
Wiege dich von einer Seite zur anderen und vor und zurück.
Spüre den warmen Körper des Babys an deinem Körper.
Drück das Baby an dein Herz, lass es deinen Herzschlag spüren.
Beuge die Knie und schwinge das Baby auf und nieder.
Fühle dich von der Erde getragen und nimm eure beiden Körper im Raum wahr.
Du kannst ein bisschen tanzen oder auch singen, wenn du magst.
Stimme dich auf deinen Atem ein, vielleicht in Einklang mit den sanften Bewegungen.
Wiege das Baby auf deinem Atem.
Vielleicht magst du dem Baby ein paar Sätze vorsingen. Du kannst deine eigenen Sätze erfinden. Margot hat sich Folgendes ausgedacht, das sie und das Baby beruhigte: »Du bist mein Baby und ich liebe dich wie verrückt.« Die anderen hilfreichen Sätze lauteten: »Ich bin für dich da; es war schwer, aber wir werden es schaffen. Ja, zusammen werden wir es schaffen. Wir finden einen Weg.«
Du kannst dabei hin und her gehen oder tanzen und diese Praxis zu deiner eigenen machen, indem du sie an deine Vorlieben und Bedürfnisse anpasst.
Die Ärztin hatte recht: Die Koliken ließen innerhalb von wenigen Monaten nach. Als Margot sich erholte, widmete sie ihre Aufmerksamkeit teilweise wieder der Beziehung zu Hannes, aber sie war immer noch wütend.
»Ich weiß, es ist schrecklich, das zu sagen – bitte sperrt mich nicht dafür ein – aber ich mag ihn nicht mehr. Ich möchte nicht mit ihm zusammen sein. Er ist irgendwie … ein Idiot! Manchmal zwickt er das Baby, nur um mich zu ärgern. Sie schreit und ich bekomme einen Wutanfall.« Sie hielt inne. »Ich bin ein ziemlich schlechtes Beispiel als Mutter,« sagte sie und schüttelte den Kopf.
Das ist etwas, worüber Eltern nur selten außerhalb des Therapieraums sprechen, aber es gibt oft Phasen in der Eltern-Kind-Beziehung, in denen Spannungen und Wut vorherrschen – lange Phasen. Doch in allen Beziehungen sind harte Zeiten ein unvermeidlicher Teil des menschlichen Daseins. Während wir an die Konflikte und Spannungen mit pubertierenden Kindern gewöhnt sind und sie sogar erwarten, können zu jedem Zeitpunkt negative Gefühle auftauchen. Es ist vollkommen normal, verärgert über sein Kind (oder seinen Partner, seine Partnerin) zu sein. Doch wir fühlen uns schuldig, wenn wir solche Gefühle haben und verleugnen oder unterdrücken sie, weil wir glauben, mit uns stimme etwas nicht.
Reflexion: Was drückt deine Knöpfe?
Nehmen wir uns einen Moment Zeit, um zu schauen, welche Dinge oder Situationen typischerweise auftreten und bei Eltern negative Gefühle auslösen.
Halte einen Moment inne. Ahhhh. Du brauchst diesen Moment der Reflexion und hast ihn verdient.
Atme ein paarmal tief ein und aus oder lausche den Umgebungsgeräuschen. Nimm das in dich auf. Tanke auf.
Manchmal ist es am einfachsten, sich zunächst an die Dinge zu erinnern, die unsere Eltern »ausrasten« ließen. – War es, wenn du …nicht im Haushalt geholfen hast?nach dem Essen den Tisch nicht abgeräumt hast?den Eltern widersprochen hast?Milch oder Essen verschüttet hast?dein Zimmer nicht aufgeräumt hast?mit deinen Geschwistern gestritten hast?in der Schule in Streitigkeiten mit anderen Kindern verwickelt warst?deine Hausaufgaben nicht gemacht hast?keine guten Noten nach Hause gebracht hast?
Wie sieht es bei dir aus? Was macht dich wütend? Was löst bei dir negative Gefühle aus? Schreib es auf und achte darauf, ob du bestimmte Muster erkennen kannst.
Bring dir zum Schluss ein bisschen Mitgefühl entgegen (und sogar deinen Eltern, wenn du kannst). Wir alle sind nur Menschen und verlieren manchmal die Beherrschung.
Forscher:innen sagen uns »what we resist persists«, das heißt, alles, wogegen wir inneren Widerstand leisten, verhärtet sich. Wenn du bei dir also Ärger wahrnimmst, dann kämpfe nicht dagegen an. Registriere diese Gefühle, erkenne sie an und lass sie dann los. Gedanken und Gefühle dauern selten länger als 30 Sekunden an. Versuche nicht, dir eine Geschichte dazu auszudenken oder mehr daraus zu machen als einen vorübergehenden menschlichen Moment der Verärgerung. Wenn es weiterhin an dir nagt, dann übe, was wir das mitfühlende NAG nennen.
Nimm das Gefühl oder die Empfindung wahr.
Akzeptiere, dass es da ist, ohne dagegen anzukämpfen, beobachte, wie es sich auflöst, und lass es schließlich Gehen.
Dem eigenen Kind immer wieder mit einer Haltung zu begegnen, die von Meditationslehrern »Anfängergeist« genannt wird, kann zu einem Neustart in der Beziehung beitragen. Es ist sehr leicht, in negativen Verhaltensmustern stecken zu bleiben. Glücklicherweise können wir solche Betrachtungsweisen und Beziehungsmuster ändern. Probiere folgende Reflexionsübung aus, wenn du dir einen Neuanfang wünschst und die Beziehungsdynamik verändern willst.
Reflexion: Mit freundlichen Augen schauen
Versuche diese Übung zu machen, wenn dein Kind schläft.
Setz dich still neben dein Kind, ohne seinen Schlaf zu stören.
Beobachte, wie dein Kind atmet. Wenn du magst, kannst du dein Ein- und Ausatmen mit dem deines Kindes in Einklang bringen.
Denke, ohne dich zu kritisieren, ehrlich darüber nach, wie du dein Kind siehst. Welche Gedanken und Gefühle tauchen jetzt, in diesem Moment, auf?
Oft sind unsere Gedanken neutral oder kritisch. Sagst du häufig »Warum ziehst du das heute in der Schule an?«, »Warum bist du so schlampig?«, »Musst du dich über alles beschweren, was ich sage oder tue?«, »Warum isst du dein Gemüse nicht?«
Wie reagierst du auf dein Kind, wie ist die Interaktion zwischen euch? Verurteile dich nicht, hacke nicht auf dir herum, sondern werde neugierig. Bemerkst du den Fleck auf einem T-Shirt oder das Feuerwehrauto, das noch im Wohnzimmer herumliegt?
Versuche, dein Kind zu sehen, als sei es das erste Mal so, als hättest du es noch nie zuvor gesehen. Verweile dort.
Was nimmst du wahr? Schau, ob du im Gesicht deines Kindes etwas Neues sehen kannst.
Bleib einen Moment bei der Verletzlichkeit deines Kindes. Sieh die Stärken und die Schwächen.
Was könnte sein Leiden verursachen?
Denk darüber nach, dass dein Kind, wie alle Wesen, glücklich sein möchte.
Kannst du zulassen, dass dein Herz weicher wird, wenn du dein Kind aus dieser neuen Perspektive siehst?
Margot praktizierte das ein paarmal und stellte fest, dass es ihr half, sich wieder mit den Dingen zu verbinden, die sie an Hannes liebte. Sie begann die Situation aus seiner Perspektive zu sehen – wie schwer muss es für ihn gewesen sein, als sie die strenge Bettruhe einhalten musste, als seine alte Familienstruktur aus den Fugen geriet oder als er sich deplatziert fühlte? Natürlich war er wütend und schlug über die Stränge. Jetzt konnte sie das sehen und wurde sanfter. Zum ersten Mal sah sie die Möglichkeit, dass ihr Ärger nicht Hannes ganzes Leben lang andauern würde.
Ich schlug vor, etwas gemeinsam zu unternehmen – nur zu zweit. Könnte der Papa das Baby am Wochenende ein oder zwei Stunden hüten, während sie besondere Zeit miteinander verbrachten?
Es bedurfte einiger Verhandlungen aber Hannes gefiel die Idee und er trug dazu bei, dass es klappte. Zuerst gab es zum Mittagessen eine Pizza, sein Lieblingsessen, in der Pizzaria um die Ecke. Danach spielten sie zusammen Fußball auf dem Spielplatz. Margot hatte in der Schule Fußball gespielt und konnte Hannes ein paar Tricks bei der Fußarbeit zeigen, die er nachzuahmen versuchte. Für sie fühlte es sich gut an, wieder einmal körperlich aktiv zu sein und Hannes war beeindruckt.
»Cool, Mama«, sagte er voller Bewunderung. »Das ist toll!« Die Zeichen standen auf Besserung.
Nur eine schlimme Erkältung
Es schien nur eine schlimme Erkältung zu sein. »Mach dir nicht so viele Sorgen, Valerie,« schimpfte ihr Mann. »Kinder kriegen laufend Erkältungen. Du überreagierst ständig.« Dem vierjährigen Matthis ging es allerdings miserabel. Er war so verschleimt, dass ihm das Atmen schwerfiel, er konnte nicht schlafen, hatte Schmerzen und war reizbar. »Schick ihn einfach in den Kindergarten. Das ist keine große Sache – mach keine Memme aus ihm.« Matthis war ihr erstes Kind und Valerie bekam schon ihr Leben lang zu hören, dass sie zu emotional sei. Also steckte sie Matthis in einen warmen Pullover, zog ihm Schal und Handschuhe an und brachte ihn in die Tagesbetreuung. Er hatte kaum Temperatur und sie musste arbeiten gehen. Ein paar Stunden später rief die Erzieherin an: »Matthis hat sich gerade übergeben. Sie müssen ihn abholen«, insistierte sie. »Großartig«, dachte Valerie, »soviel zu einem erfolgreichen Arbeitstag.« Als sie im Kindergarten ankam, war Matthis Temperatur erhöht. Er wirkte ungewöhnlich blass und apathisch, schien sich aber sehr zu freuen, sie zu sehen.
Sie gab ihm ein Mittel gegen das Fieber aber die Temperatur sank nicht. Sie stieg sogar noch. »Das ist nicht in Ordnung«, sagte sie zu ihrem Mann, »ich bringe ihn zum Arzt, da stimmt etwas nicht.« »Meine Güte, Valerie. Lass ihn sich gesund schlafen. Du kannst doch nicht spätabends die Ärztin anrufen. Und wir beide brauchen auch unseren Schlaf. Belästige sie nicht so spät, es ist doch nur eine Grippe.«
Als das Fieber am nächsten Morgen immer noch nicht gesunken war, musste Valerie bei ihrer Arbeitsstelle anrufen, um einen weiteren Tag frei zu nehmen. »Wie um Himmelswillen können die Leute ihre Jobs behalten, wenn sie Kinder haben?«, fragte sie sich. Sie war wütend, hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen und machte sich Sorgen. Das Fieber stieg weiter und Valerie brachte Matthis zur Kinderärztin. Er war apathisch, rang um jeden Atemzug und sein Herz raste. Die Kinderärztin untersuchte ihn und sagte in ruhigem aber ernstem Ton: »Fahren Sie mit ihm ins Krankenhaus, wir geben ihm sofort Medikamente. Und Valerie –«, die Ärztin hielt inne und legte eine Hand auf Valeries Schulter, »ich will Ihnen keine Angst einjagen, aber fahren Sie bitte direkt ins Krankenhaus, fahren Sie nicht erst zu Hause vorbei.«
Natürlich bekam Valerie Angst. Sie packte Matthis ins Auto und fuhr so schnell sie konnte ins Kinderkrankenhaus in der Innenstadt. Sie hasste es, durch den Stadtverkehr zu fahren, besonders im Berufsverkehr, aber sie hatte keine Wahl.
Als sie im Krankenhaus ankamen, war sein Fieber auf 39,5 Grad gestiegen. Und das Atmen fiel ihm immer noch schwer. Die Wartezeit schien sich endlos hinzuziehen. Valerie fühlte sich so allein. »Bitte, er bekommt kaum Luft. Könnte vielleicht schon jemand nach ihm schauen?« Valerie schnappte sich eine Krankenschwester in einem Versuch, Hilfe zu bekommen. Nach wenigen Augenblicken standen sie in der Notfallambulanz. Matthis lag auf einem Metalltisch über dem grelle Lampen hingen und wurde von Ärztinnen, Schwestern und jungen Assistenzärzten umringt. Plötzlich war sein kleiner Körper an Maschinen, Schläuche, Monitore angeschlossen. Alles ging so schnell. Es wirkte so unwirklich.
»Es ist gut, dass Sie ihn jetzt hergebracht haben«, sagte die diensthabende Ärztin. »Ihr kleiner Junge hat eine schwerwiegende Atemwegsinfektion. Ich möchte ihn heute Nacht hierbehalten, damit wir ihn unter Beobachtung haben.«
Valerie war außer sich aber auch erleichtert, dass Matthis in guten Händen war und dass ihre Sorgen ernst genommen wurden. Sie hatte es mit Achtsamkeitsübungen probiert, aber es war ihr unmöglich, sich auf ihren Atem zu konzentrieren, während Matthis nach Luft rang. Als sie versuchte, sich auf ihren Atem zu fokussieren, konnte sie an nichts anderes denken als an seine Schmerzen, sein Leiden und seinen Kampf um jeden Atemzug. Aber sie brauchte etwas, um diese Tortur durchzustehen. Sie war erschöpft, ihr ganzer Körper zitterte und sie würde die Nacht auf einem Krankenhausstuhl neben seinem Bett verbringen und versuchen etwas zu schlafen.
Valerie mochte es, Umgebungsgeräuschen zu lauschen – ebenfalls eine beliebte und praktische Meditationsform – und stellte fest, dass das für sie besser funktionierte als die Konzentration auf den Atem. Sie passte diese Grundübung an die Situation im Krankenhaus an.
Die Klänge des Lebens
Du kannst die Übung im Sitzen, Liegen oder Stehen machen. Die Position spielt keine Rolle. Mach es dir so bequem wie möglich.
Beginne den Klängen in deiner Umgebung zu lauschen. Das können die Geräusche der Heizung oder der Klimaanlage, des Windes, des Regens oder des Straßenverkehrs sein.
Du musst die Geräusche weder benennen, noch an ihnen festhalten oder versuchen, sie auszublenden. Erlaube dir, den Klängen, so, wie sie sind, zu lauschen.
Stell dir vor, dass du mit deinem ganzen Körper zuhörst und die Geräusche aus allen Richtungen aufnimmst von oben, unten, vorne und hinten.
Nimm wahr, dass jedes Geräusch, jeder Klang so wie jede Geschichte einen Anfang, einen mittleren Teil und ein Ende hat.
Vielleicht empfindest du manche Geräusche als lästig oder nervig, während andere keine Reaktion auslösen. Beurteile die Geräusche nicht, lausche einfach.
Es ist kein Problem, wenn du gedanklich abschweifst; lenke die Aufmerksamkeit einfach wieder auf die Geräusche im Raum und den gegenwärtigen Moment.
Schau, ob du dir erlauben kannst, bei den momentanen Klängen zu verweilen so wie sie sind.
Auch wenn das ein schwieriger Moment ist: Mach dir bewusst, dass diese Komposition von Klängen und Geräuschen nie wieder genauso auftreten wird.
Wenn du bereit bist, nimm einen tiefen Atemzug, bewege leicht die Hände und Beine und öffnen die Augen, falls du sie geschlossen hattest.
Als Valerie ihre Erfahrung reflektierte, erkannte sie, dass es ihr half, den Geräuschen in Matthis Zimmer zu lauschen: So konnte sie eher präsent bleiben und vermeiden, sich in Ängsten oder Katastrophendenken zu verlieren, was normalerweise ein Leichtes für sie war. »Normalerweise hätten mich diese Töne genervt, das Pipsen der Monitore, die Geräusche des Sauerstoffgeräts, der Infusion, aber jetzt hatten sie etwas Beschützendes. Ich wusste, dass ihn die Maschinen mit ihren blinkenden Lämpchen und ihrer Aktivität am Leben hielten. Und dieses Wissen hielt mich davon ab, zu einem hysterischen Nervenbündel zu werden.«
Diese Praxis half Valerie, eine dramatische Situation zu überstehen, aber sie ist auch im Alltag sehr nützlich. Obwohl sich Meditations- und Yoga-Lehrerinnen und -Lehrer meistens auf den Atem konzentrieren, ist das vielleicht nicht für alle der beste Weg. Sich auf die Innenwelt statt auf die äußere zu fokussieren kann unangenehme Emotionen und Erinnerungen hochbringen. Für Menschen mit einer von Ängsten und Traumata belasteten Vorgeschichte ist ein sanfter Weg, Achtsamkeit ins tägliche Leben zu bringen, die Aufmerksamkeit auf die Klänge und Geräusche der Umgebung zu richten. Viele Leute, die Vorbehalte gegenüber Meditation haben, finden leichter Zugang zu dieser Praxis. Und sie ist einfach. Wir müssen nichts dazu tun, dass die Geräusche kommen und gehen. Wir müssen sie nicht manipulieren. Wir können Geräuschen und Klängen ohne jede Anstrengung lauschen. Das Geräusch taucht auf, wir hören es und wir sind präsent.
Rosa kam zu mir, weil sie Hilfe suchte, um ihren stressigen Alltag mit drei kleinen Kindern und einer betagten Mutter, die nach einer Knieoperation Pflege brauchte, bewältigen zu können. Sie glaubte nicht, dass Achtsamkeit für jemanden mit einem so stressigen Leben funktionieren würde. Ich sagte ihr, die Praxis sei wie ein Welpen-Training, denn sie erfordere Geduld, eine Portion Humor und Selbstakzeptanz. Sie hielt sich dafür nur drei Minuten täglich frei und stellte fest, dass sie »mit einem Geräusch nach dem anderen« in den gegenwärtigen Moment zurückkehren konnte. Indem sie sich auf die Geräusche in ihrer Umgebung fokussierte, während sie zwischen dem Fußballtraining der Kinder und der Pflege ihrer Mutter hin und her raste, nahm ihre innere Unruhe ab.
Alexandra hatte eine traumatische Vorgeschichte mit sexuellem Missbrauch. Sie wollte es mit Achtsamkeit probieren aber sie wurde unruhig, wenn sie versuchte, ihren Atem zu spüren. Umgebungsgeräuschen zu lauschen wurde für sie zu einem Weg, sich zu stabilisieren und in den gegenwärtigen Moment zu kommen. Immer wenn sie das Gefühl hatte, von Erinnerungen überwältigt zu werden, oder von der Angst, dass ihrer Tochter etwas Schlimmes zustoßen würde, halfen ihr das Summen der Klimaanlage oder die Geräusche des Straßenverkehrs, ihr Gewahrsein im Moment und in ihrem gegenwärtigen Leben zu verankern – Geräusche, die sich so sehr von denen in ihrem einstigen ländlichen Zuhause unterschieden, wo der Missbrauch stattgefunden hatte. Nach einer längeren Zeit des Übens, bei der sie sich immer wieder auf die Geräusche und Klänge ihres hart erkämpften neuen Lebens und ihr Kind fokussierte, ließen ihre Grübeleien über das Trauma allmählich nach. Wir können auch Umgebungsgeräuschen lauschen und uns dabei noch auf unsere anderen Sinne einstimmen, zum Beispiel beim Gehen oder wenn wir im Bus sitzen, oder beim Geschirrspülen. Während unsere Gedanken in die Zukunft eilen oder in der Vergangenheit hängen bleiben, sind unsere Sinne immer in der Gegenwart.
Achtsamkeit und Mitgefühl sind nicht nur Praktiken für erschöpfte, gestresste Eltern, die versuchen, mit zu vielen Bällen zu jonglieren, ohne sie fallen zu lassen. Sie sind Werkzeuge fürs Leben. Es sind Fertigkeiten, die dir helfen können, die Folgen der wahrlich herausfordernden Situationen zu bewältigen, mit denen wir alle konfrontiert sind: Familien, die unsere Bedürfnisse ignorierten oder in denen Missbrauch geschah, der emotionale Stress durch Krankheit, finanzielle Belastungen, die Härten als Alleinerziehende, Traumata und die Folgen von Suchterkrankungen. Achtsamkeit und Mitgefühl vermitteln uns eine neue Einstellung zu unseren Belastungen und die Freiheit, nicht durch unsere Vorgeschichte und die Ereignisse unseres Lebens definiert zu werden.
»Ich ertrinke«
Robert wurde dazu erzogen, nicht über Probleme zu sprechen. Hilfe zu benötigen galt in seiner Familie, in der man auf Eigenständigkeit setzte, als Zeichen von Schwäche. Seine Frau sah, dass er am Ende war und Hilfe brauchte, um mit seinem Stress fertig zu werden. Er war ein harter Arbeiter, der Älteste von fünf Geschwistern. »Ich bin loyal. Ich versuche, derjenige zu sein, der immer da ist, jemand, dem man vertrauen kann. Ich lasse niemanden im Stich«, sagte er zu mir.
»Ich beklage mich nicht; das wäre meiner Meinung nach respektlos. Meine Mutter war Krankenschwester. Sie ist eine taffe, pragmatische Person. Wenn man krank war, musste man trotzdem zur Schule gehen, es sei denn, man blutete aus dem Kopf. Sie ist eine gute und ehrliche Frau. Mein Vater arbeitete im Baugewerbe. Er ist stolz. Ein harter Knochen. Als ich ein Teenager war, hatte er einen Arbeitsunfall und musste Erwerbsunfähigkeitsrente beantragen. Das zog ihn runter und er fing an zu trinken. Meine Mutter übernahm das Ruder und begann Extraschichten zu arbeiten. Ich sprang auch in die Bresche, trug Zeitungen aus und fing an, im örtlichen Lebensmittelladen Einkäufe einzupacken. Mit fünfzehn kann man nicht viel Geld verdienen. Ich musste auch bei der Betreuung der kleineren Kinder einspringen, wenn meine Mutter bei der Arbeit war. Wir aßen Frühstücksflocken zum Abendessen und dann beschloss ich, zu lernen, wie man eine Mahlzeit zubereitet. Nichts Besonderes, aber ich kann Wasser zum Kochen bringen«, lächelte er. »Vater ist jetzt die meiste Zeit bettlägerig und hat eine beginnende Demenz. Traurig, wirklich traurig.« Er schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. »Ich versuche immer noch, auszuhelfen und sie zu unterstützen; seine Behandlung ist mit hohen Kosten verbunden. Meine Geschwister versuchen auch zu helfen. Aber wir alle haben auch unsere eigenen Familien und finanziellen Verpflichtungen. Die Erwerbsunfähigkeitsrente kann man vergessen.«
»Nach der Schule trat ich ins Möbelgeschäft der Familie ein. Ich hatte gehofft, dass sie es mir übergeben würden. Ich lernte Buchführung. Es war ein sicherer Arbeitsplatz. Und sie haben mich gut behandelt; für eine Weile lief alles wirklich gut. Ich gründete eine Familie und hatte das Gefühl, vorwärts zu kommen. Aber dann wurde mein Onkel krank – Krebs – und konnte den Laden nicht mehr am Laufen halten. Und ich hatte kein Geld, um das Unternehmen zu kaufen. Das war’s dann. ›Tut mir leid, Junge‹, sagte er ›ich wünschte, ich hätte mehr für dich tun können.‹«
»Ein Dutzend Jahre harter Arbeit und nichts war dabei herausgekommen. Nicht mal eine anständige Abfindung. Ich stehe auf der Straße. Ich habe eine Frau und drei kleine Kinder. Ich bin stolz darauf, ein guter Versorger zu sein. Ich habe nach einem neuen Job gesucht. Bewerbungen verschickt, das Internet durchforstet, Freunde angerufen – nichts. Und das geht schon seit Monaten so. Ich mache mir Sorgen. Das Geld ist knapp, also fahre ich für das Taxiunternehmen Uber. Die Leute behandeln mich wie einen Dienstboten. Meine Eltern und meine Familie sind auf meine Hilfe angewiesen. Meine Frau arbeitet im Kindergarten, aber das reicht nicht, um über die Runden zu kommen. Ich fühle mich nutzlos. Manchmal wache ich nachts voller Panik schweißgebadet auf und kann kaum atmen. Und wenn es an manchen Tagen richtig schlimm ist, habe ich das Gefühl, zu ertrinken.«
»Und manchmal hasse ich mich«, sagte Rob. »Ich bin unkonzentriert, wütend, habe das Gefühl, nichts richtig machen zu können. Ich hacke auf mir herum, wenn ich vergesse, Milch aus dem Supermarkt mitzubringen.«
Es war offensichtlich, wie hingebungsvoll sich Robert um seine Familie kümmerte und wie sehr er sich anstrengte. Und auch, wie hart er mit sich ins Gericht ging, wenn die Dinge nicht wie geplant liefen. Man hat herausgefunden, dass 75 % von uns härter mit sich selbst umgehen, als sie mit einem Freund oder einer Freundin umgehen würden. Um ihm zu helfen, ein bisschen Abstand zu gewinnen, fragte ich ihn, was sein bester Freund sagen würde.
»Oh, er würde wahrscheinlich sagen, dass ich eine schwere Zeit durchmache, dass es aber wieder besser werden wird.«
»Okay, wie wäre es, wenn wir eine Übung ausprobieren würden, die helfen könnte, diese Sichtweise beizubehalten?«, schlug ich vor.
»Du meinst, eine Übung könnte helfen? Wie könnte sie denn helfen? Wird sie mir helfen, eine neue Arbeitsstelle zu finden und meine Familie zu ernähren? Mir geht es nicht um irgendwelche ›Alles-wird-gut‹-Versprechen«, erwiderte er skeptisch.
»Das ist wissenschaftsbasiert. Einen Versuch ist es doch wert. Ich werde sie zusammen mit dir machen«, sagte ich.
Die folgende Reflexionsübung ist eine adaptierte Version aus dem Selbstmitgefühlskurs (Mindful Self-Compassion) von Christopher Germer und Kristin Neff. Sie kann uns beruhigen und uns helfen, die schwierigeren Prüfungen des Lebens durchzustehen.
Reflexion: Was würde deine beste Freundin (dein Freund) sagen
Nimm dir einen Moment Zeit und setz dich still hin. Denke an eine freundliche, liebevolle Freundin oder einen Freund. Es könnte auch eine Lehrerin, ein Mentor, eine Angehörige oder sogar ein Tier oder ein spirituelles Wesen sein.
Nimm wahr, wie du dich in der Gegenwart der Freundin, des Freundes körperlich und geistig fühlst.
Erzähle dieser Freundin oder diesem Freund, was du durchmachst und wie schwer das für dich ist.
Was würde dieser Freund oder diese Freundin zu dir sagen? Stell dir die Worte, den Ton und sogar den Gesichtsausdruck vor. Du kannst die Worte in Form eines Briefes oder als Notiz festhalten.
Sei offen für alle Worte, Bilder und Gefühle, die auftauchen.
Was würde er oder sie tun? Vielleicht würde sich ein Schulterklopfen, eine Umarmung oder ein sanftes Drücken der Hand gut und richtig anfühlen.
Falls du es hilfreich findest, kannst du auch diese Reaktion auf einen Zettel schreiben und ihn in deiner Brieftasche oder deinem Geldbeutel bei dir tragen, und sie jedes Mal anschauen, wenn du etwas Unterstützung oder Trost brauchst.
Robert stellte sich Jakob, seinen besten Freund aus Schule vor, der sein Kletterpartner und immer noch ein guter Freund war, aber nicht mehr in der Nähe lebte.
»Als ich diese Übung machte, hörte ich ihn sagen ›Kumpel, es ist nicht deine Schuld. Mach es dir nicht so schwer, Mann. Halte einfach ein bisschen durch, bleib dran. Du kannst das Leben nicht kontrollieren. Du bist ein guter Kerl. Ich habe dir beim Bergsteigen immer mein Leben anvertraut und du hast mich nie hängen lassen. Du wirst die Sache drehen. Wenn es jemanden gibt, auf den du zählen kannst, dann bist du es.‹ Es fühlte sich an wie das Freundlichste, das jemand seit Jahren zu mir gesagt hatte.« Aus Robs Augenwinkel rollte eine Träne. »Vielleicht bin ich am Ende gar nicht so schlecht.« Er hielt inne. »Und es fühlt sich gut an, nicht alles für sich zu behalten. Diese Sorgen haben mich bei lebendigem Leib aufgefressen.«
»Robert«, sagte ich, »was Jakob zu dir gesagt hat, ist fast wörtlich das Gleiche, was der Meditationslehrer Wes Nisker lehrt und ich finde, es ist absolut wahr.« Er sagt zu den Leuten »Du bist nicht schuld an dir.«8
»Ich habe das Gefühl, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich hätte nicht im Familienunternehmen arbeiten sollen. Aber ich habe es nicht gewusst; es hat sich wie eine sichere Entscheidung angefühlt. Ich kann meinem Onkel keine Schuld geben. Ich habe das Gefühl, dass ich die Verantwortung dafür übernehmen muss, wenn etwas nicht funktioniert.« Er hielt wieder inne. »Manchmal fühle ich mich wie ein Idiot.«
»Robert, wir treffen unsere Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Du konntest das nicht kommen sehen. Wenn wir einmal darüber nachdenken, erkennen wir, dass wer wir sind und was uns widerfährt, von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängt: von unseren Eltern, unseren Genen, dem Kulturkreis, in dem wir aufwuchsen, unserer finanziellen Situation, den Entwicklungen in der Welt. Das bedeutet nicht, dass wir keine Verantwortung für unser Verhalten und unser Handeln übernehmen müssen, aber es bedeutet auch nicht, dass wir uns für jede Kleinigkeit, jede Unzulänglichkeit, jeden Fehler, jedes Mal, wenn wir die Milch vergessen, beschuldigen müssen.
Wir können nicht vorhersagen, welcher Job bestehen bleiben wird, wir können nicht vorhersagen, wer krank werden wird, wir können weder die Entwicklungen auf dem Aktienmarkt vorhersehen, noch das Wetter oder das Eintreten von Naturkatastrophen.«
Die folgende, von Mark Coleman inspirierte Übung, die Robert nun täglich praktizierte, half ihm, allmählich den Druck von seinen Schultern zu nehmen.
Du bist nicht schuld an dir
Setze dich bequem hin und versuche, zur Ruhe zu kommen. Du kannst diese Übung im Sitzen, Stehen oder Liegen machen.
Denke darüber nach, dass du nicht deine Schuld bist. Hast du diesen Körper bestellt? Hast du nach diesem kritischen Verstand verlangt? Deiner ethnischen Zugehörigkeit? Deiner Persönlichkeit?
Hast du diese dysfunktionale Familie im Internet bestellt?
Unser Leben wird von so vielen Variablen und Faktoren bestimmt, über die wir keinerlei Kontrolle haben.
Betrachte die Dinge mit soviel Abstand, wie du kannst. Das Gesamtbild kann uns helfen, Mitgefühl für unsere Macken und Herausforderungen zu entwickeln.
Der Psychologe C. G. Jung hat einst gesagt »Ich bin nicht das, was mir passiert ist, ich bin, was ich beschließe, zu werden«.
Wie wäre es, wenn wir uns angesichts unserer Herausforderungen und Probleme, anstatt uns zu verurteilen, zu beschuldigen und auszuschimpfen, etwas Freundlichkeit und Mitgefühl entgegenbrächten?
Überlege dir, wie es wäre, dein Leben aus einer umfassenderen Perspektive zu sehen.
Achtsamkeit im täglichen Leben
Natürlich geht bei unserer Elternschaft meistens nicht um entzückend lächelnde Babys, ungeachtet dessen, was wir alle uns in den Jahren, bevor wir uns auf diesen Weg begaben, vorgestellt hatten. Sigmund Freud bezeichnete die Erziehungsaufgabe nicht ohne Grund als einen »unmöglichen Beruf«. Glücklicherweise haben die in diesem Buch vorgestellten Übungen das Potenzial, den physischen und emotionalen Tribut, den das Elterndasein von uns fordert, zum großen Teil umzukehren. Indem wir unseren Geist trainieren – so wie wir unseren Körper im Fitnesscenter trainieren – sind wir für die alltäglichen Anforderungen und Aufgaben gerüstet, die so wichtig für unsere Elternschaft sind: Entscheidungsfindung, emotionale Flexibilität, Empfänglichkeit und Verständnis. Ein Training in Aufmerksamkeit, das uns hilft, bewusst im gegenwärtigen Moment zu sein, anstatt uns in Gedanken über die Vergangenheit oder Sorgen über die Zukunft zu verstricken, fördert ebenfalls Qualitäten, die ganz wesentlich für das Glück und Wohlergehen einer Familie sind: Resilienz, Ruhe, Gelassenheit, Mitgefühl und Verbundenheit. Richard Davidson, ein Neurowissenschaftler und Pionier auf diesem Forschungsgebiet, betont, dass es möglich ist, unsere Emotionen zu trainieren.9
Und das gilt genauso für die Plackerei der Erziehung. Ich denke nicht, dass wir jeden Aspekt der Elternschaft bedingungslos lieben müssen (es nicht so einfach, Windeln und Toilettentraining zu lieben) aber ich möchte darauf hinweisen, dass wir die Wahl haben, wie wir auf die unerfreulichsten Aspekte reagieren wollen.
Die meisten Eltern von kleinen Kindern wechseln mindestens sechs bis acht Windeln pro Tag. Nach einer Schätzung verbrauchen Kinder insgesamt ungefähr 8.000 Windeln … wenn du mehrere Kinder hast, kannst du die Gesamtmenge ausrechnen.
Kein Quantum an Achtsamkeit und Mitgefühl wird unangenehme Dinge aus unserem Alltagsleben zum Verschwinden bringen. Vollgekackte Windeln werden sich nicht wie durch Zauberhand in Luft auflösen oder in Gold verwandeln. Aber was geschieht, wenn wir Gewahrsein in die Aufgabe des Windelwechselns hineinbringen? Wie wir auf die täglichen Mühen des Elterndaseins reagieren, kann einen großen Einfluss darauf haben, wie wir unseren Tag erleben. Während wir die unangenehmen Aufgaben der Elternschaft und Kindererziehung nicht zum Verschwinden bringen können, haben wir eine Wahl im Hinblick auf unsere innere Einstellung dazu. Die Achtsamkeitslehrerin Sharon Salzberg betont, dass es bei Achtsamkeit nicht darauf ankommt, was passiert, sondern »wie wir auf das, was passiert, reagieren«. Was zählt, ist der Unterschied zwischen einem Gedanken wie: »Mein Leben ist beschissen, war es immer schon und wird es immer sein – das hier ist nur noch eine Steigerung« und dem Gedanken: »Das hier ist eine unangenehme Aufgabe aber es ist notwendig und wohltuend für mein Kind. Ich tue es einfach.«
Wenn sich die täglichen Anforderungen der elterlichen Fürsorge für das eigene Kind überwältigend anfühlen und dich niederdrücken, dann probiere es in deinem Alltag einmal mit den folgenden Achtsamkeitsübungen. So wie man einen Muskel trainiert, können wir bei einfachen Handlungen wie dem Windelwechseln trainieren, mit dem anderen, nicht sprichwörtlichen »Scheiß« zu sein, der im Laufe unserer Elternschaft zutage treten wird.
Schmutzige Windeln
Halte kurz inne, bevor du die Windel wechselst.
Atme durch. Spüre deine Füße auf dem Boden.
Schau dein Baby an. Schau ihm in die Augen. Lächle.
Schau, ob du auf eine akzeptierende, nicht-reaktive Weise bei dem bleiben kannst, was während dieser Aufgabe auftaucht Empfindungen, Gedanken, Gefühle, Gerüche.
Wenn wir Dinge mögen, wollen wir daran festhalten. Dinge, die wir nicht mögen, wollen wir gereizt oder verärgert wegschieben.
Eine angemessene Reaktion ist es, anzuerkennen, dass dies nicht verschwinden wird, ob es mir passt oder nicht.
Nimm die einzelnen Schritte des Windelwechselns bewusst wahr das Aus- und Anziehen der Kleidung, die Benutzung von Feuchttüchern, Öl, Puder.
Vielleicht schreit das Baby, windet und wehrt sich. Das tun Babys eben. Atme tief ein und aus, bleib geerdet. Dieser Moment wird vorbeigehen.
Schau, wie es ist, die Dinge so sein zu lassen, wie sie sind und nicht davon abgestoßen zu werden.
Das gehört zum Leben. Der Zen-Meister Thich Nhat Hanh hat oft gesagt »Kein Schlamm, kein Lotos«.
Während du diese Tätigkeit beendest, ist dir bewusst, dass du dein Baby sauber und zufrieden hältst.
Wenn du magst, kannst du das Ganze mit einem Lächeln und einer Umarmung abschließen.
Wiederhole das 8.000 Mal.
Viele Meditationslehrer und -lehrerinnen weisen darauf hin, dass man nicht viel Zeit im Tagesablauf einplanen muss, um still zu sitzen – welche Eltern können sich diesen Luxus schon leisten? Sehr hilfreich ist die Vorstellung, dass zahlreiche achtsame Momente im Laufe des Tages einen riesigen Unterschied in Bezug auf das eigene Wohlbefinden und die Fähigkeit, mit Stress umzugehen, ausmachen können. Eine meiner Lehrerinnen brachte es auf den Punkt – »Kurze Momente – oft«. Achtsamkeit zu praktizieren muss keine große Sache sein. Du kannst das immer und überall machen und dabei tun, was du sonst auch tust. Ziel dieser Übungen ist es, zu lernen, auch während einer profanen oder unangenehmen Tätigkeit präsent zu sein. Bei der informellen Praxis geht es darum, zu tun, was wir immer tun, dabei aber zu wissen, dass wir es tun – vielleicht indem wir versuchen, die Dinge etwas mehr mit unseren Sinnen wahrzunehmen.
Probiere die folgende Übung einmal morgens aus, wenn es hektisch zugeht und du kaum Zeit zum Frühstücken hast (keine Sorge, ich werde jetzt keinen Vortrag über die gesundheitlichen Vorzüge von Kräutertee halten). Das erinnert mich an einen Spruch, den ich kürzlich im Internet gelesen habe: »Da sitzt ein Typ im Café, hängt nicht am Handy, hackt nicht auf seinen Laptop ein; trinkt einfach nur Kaffee. – Was ein Psycho.« Wie oft trinkst du einfach nur deinen Kaffee, wenn es Zeit ist, deinen Kaffee zu trinken? Achtsamkeit muss nicht 10 Minuten lang auf einem Meditationskissen stattfinden, sie kann 10 Minuten lang beim Kaffeetrinken stattfinden. Okay, vielleicht 5 Minuten. Denn du brauchst wirklich zwei Dinge, um als Mutter oder Vater bei Trost zu bleiben: Deinen Kaffee und deine fünf Minuten.
Meditation »Kaffeetrinken«
Falls du deinen Kaffee selbst zubereitest: Halte inne und atme tief durch, bis das Wasser kocht.
Lausche den Geräuschen des sich erhitzenden Wassers oder der Kaffeemaschine.
Rieche den Kaffee; nimm den Duft in dich auf.
Achte beim Einschenken des Kaffees auf alle Sinneseindrücke: Nimm aufmerksam die Farbe, den Geruch und den Dampf wahr, der aus der Tasse aufsteigt.
Falls du Milch, Sahne oder Zucker hinzufügst, nimm auch das aufmerksam wahr. Achte bewusst auf die Tätigkeit des Umrührens.
Halten inne, bevor den ersten Schluck nimmst. Inhaliere das Aroma.
Spüre die Wärme der Tasse.
Genieße den ersten Schluck. Ahhh.
Schmecke den Kaffee wirklich.
Was bemerkst du? Wie fühlt sich das auf deiner Zunge an? Lass dich die Empfindung des Schluckens spüren.
Nimm dir eine Minute Zeit, um dort zu sitzen (oder zu stehen falls es einer dieser Morgen ist), halte inne, während du den Kaffee trinkst und nimm so viele Momente wahr, wie du kannst.
Schau, ob du diese Aufmerksamkeit und dieses Gewahrsein in deine alltäglichen Aktivitäten hinüber retten kannst. Versuche, alle paar Wochen eine neue Aktivität hinzuzufügen, der du totale Aufmerksamkeit schenkst.
Lästige Aufgaben
So wie Achtsamkeit uns helfen kann, unsere Kinder mit neuen Augen zu sehen, kann sie uns auch helfen, Dinge, die wir normalerweise im Autopilot-Modus erledigen oder die wir als lästig oder mühsam empfinden, mit einer neuen Einstellung zu tun. Wir haben nicht gezählt, wie viele Wäscheladungen wir zusammengelegt oder wie viele Töpfe und Pfannen wir gespült und abgetrocknet haben, aber glaub mir, es sind sogar noch mehr als die Windeln, die wir gewechselt haben. Jahrelang war Hausarbeit eine ungeliebte, lästige Pflicht, unangenehm aber notwendig. Und wie immer haben wir keine Wahl im Hinblick auf das Geschirrspülen, Wäschewaschen oder Windelwechseln. Es muss getan werden. Aber wir haben die Wahl, mit welcher Einstellung wir diese Aufgaben erledigen wollen. Wir können murren und uns beklagen oder wir können versuchen, etwas Neues oder sogar Vergnügliches in der jeweiligen Aufgabe zu entdecken. Eine andere Möglichkeit, mehr Achtsamkeit ins Alltägliche hineinzubringen, ist, diese Dinge bewusst zu einer Entdeckungsreise zu machen und neugierig zu werden. Kannst du, während du etwas Bestimmtes zum x-ten Mal machst, etwas Neues darin entdecken? Schau, ob du etwas wahrnehmen kannst, was du bisher noch nie an einem Wäscheberg, an den Farben des Geschirrs und … Okay vielleicht oder vielleicht auch nicht an dieser Windel wahrgenommen hast. Unsere Kinder sind von Natur aus neugierig, besonders, wenn sie klein sind, und sie drücken das jederzeit aus. Bitte sie, dir Gesellschaft zu leisten und die Empfindungen und Erfahrungen während der Hausarbeit wahrzunehmen. Sie drücken ihre Sinneserfahrung oft unmittelbar aus »Ohhh, das Wasser ist warm, die Seife kitzelt, die Blasen sind lustig.« Versuche, dieses Wunder im Alltäglichen zu entdecken. Wenn die Kinder das können, kannst du es auch.
Viele Lehrerinnen und Lehrer vermitteln eine bestechend einfache Übung, bei der man der eigenen Hände gewahr wird. Ich habe sie zuerst von Tara Brach gelernt. Hier eine Version, die ich für Eltern kreiert habe:
Achtsamkeit für die Hände
Erlaube dir zunächst einmal, einen Moment innezuhalten, bevor du den Haufen Geschirr im Spülbecken spülst oder den Berg Wäsche zusammenlegst, vor dem du dich den ganzen Tag gedrückt hast.
Betrachte deine Hände. Fang an, mit den Fingern zu wackeln und lass behutsam die Handgelenke kreisen. Werde der Bewegungen gewahr.
Balle die Hände zu Fäusten und öffne sie wieder. Spüre deine Hände von innen nach außen.
Nimm die Empfindungen in deinen Händen wahr das Pulsieren und Vibrieren. Du musst das nicht benennen, einfach nur fühlen.
Werde jedes einzelnen Fingers gewahr, der Handflächen und Handrücken.
Schau, wie es sich anfühlt, deine Hände zu »bewohnen«. Vielleicht stellst du fest, dass andere Bereiche deines Körpers anfangen, sich zu entspannen und loszulassen.
Nimm deinen Nacken deine Schultern, deinen Kiefer wahr. Hat sich da etwas geändert?
Bleib mit deiner Aufmerksamkeit bei deinem Körper, bevor du mit der nächsten Tätigkeit beginnst.
Diese Übungen können aufeinander aufbauen. Probiere die folgende kurze Reflexionsübung aus.
Reflexion: Seifenblasen
Versuche dich zu erinnern, wann du das erste Mal in Seifenwasser geplanscht hast.
Für manche kleinen Kinder haben Seifenblasen etwas Magisches. Kinder entdecken oft Regenbögen darin, die Erwachsene aufgrund der ganzen Plackerei gar nicht mehr sehen.
Wenn du anfängst, die Töpfe und Pfannen vom Mittagessen zu spülen, betrachte die Seifenlauge einmal mit neuen Augen.
Stell dir vor, du sähest diese Seifenblasen zum ersten Mal, was du ja eigentlich auch tust.
Werde deiner Hände gewahr, spüre die Wärme des Wassers, rieche das Spülmittel, richte deine ganze Aufmerksamkeit auf deine Tätigkeit.
Mach dir bewusst, mit welcher Einstellung du an diese Aufgabe herangehst. Ist es dir lästig, einen Berg Geschirr zu spülen und abzutrocknen? Was geschieht, wenn du an diese Aufgabe herangehst, als würdest du das zum ersten Mal machen?
Schau, ob du dieses Gewahrsein deiner Einstellung zu einer bestimmten Tätigkeit im Laufe des Tages auch in andere Aufgaben hineinbringen kannst.
Einmal wurde der Zen-Meister Thich Nhat Hanh gefragt, wie man Achtsamkeit praktizieren könne. »Soll ich euch mein Geheimnis verraten? Ich versuche, den angenehmsten Weg zu finden, Dinge zu tun. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine anstehende Aufgabe zu erledigen – aber bei der, die mir am meisten Spaß macht, kann ich meine Aufmerksamkeit am besten aufrechterhalten.«10 Das ist simple Neurowissenschaft, wenn man mal darüber nachdenkt. Thich Nhat Hanh empfiehlt uns immer, beim Atmen zu lächeln. Warum sollte man das Atmen nicht genießen? Und ich gehe noch weiter: Warum sollte man beim Geschirrspülen nicht zumindest lächeln? Dasselbe gilt für die Elternschaft und die damit verbundenen Aufgaben. Wenn wir innere Widerstände gegen das Windelwechseln, Geschirrspülen und Wäschewaschen haben und diese Dinge als lästige Pflichten empfinden, können wir wütend und gereizt werden und uns durch die mit der Führung eines Haushalts und der Fürsorge für eine Familie verbundenen Aufgaben belastet fühlen. Aber wenn wir selbst bei profanen Tätigkeiten frische Impulse bekommen können, kann das unser Erleben im Hinblick auf die Aufgaben des täglichen Lebens verändern.
4 Eine ausführliche (englischsprachige) Zusammenfassung der Forschung über Selbstmitgefühl (self-compassion) findet sich auf Kristin Neffs Website www.self-compassion.org. Umfassende Ressourcen und Hilfen in deutscher Sprache finden sich auf www.arbor-online-center.de/themen/achtsames-selbst-mitgefuehl
5 Charles Schwab, zitiert in Coleman, Mark: Schließe Frieden mit Dir selbst: Wie wir uns mit Achtsamkeit und Mitgefühl vom inneren Kritiker befreien können. Freiburg: Arbor Verlag, 2018, Seite 65.
6 Brach, Tara: Mit dem Herzen eines Buddha: heilende Wege zu Selbstakzeptanz und Lebensfreude. München: Knaur Verlag, 2005 (orig. dies.: Radical acceptance: Embracing your life with the heart of a Buddha. New York, NY: Bantam Books, 2004, S. 53).
7 Tara Brach: A.a.O., Seite 52.
8 Du bist nicht deine Schuld – »You are not your fault«: Meditationslehrer Wes Nisker, zitiert in: Coleman, Mark: Schließe Frieden mit Dir selbst: Wie wir uns mit Achtsamkeit und Mitgefühl vom inneren Kritiker befreien können. Freiburg: Arbor Verlag, 2018 (orig. ders.: Make Peace with Your Mind: How Mindfulness and Compassion Can Free You from Your Inner Critic. Novato, CA: New World Library, 2016). Seite 43.
9 Goleman, Daniel und Davidson, Richard: Altered Traits: Science Reveals How Meditation Changes Your Mind, Brain, and Body. New York, NY: Avery/Random House, 2017.
10 Zitiert nach: Murphy, Sean: One bird, one stone: 108 American Zen stories. New York, NY: Renaissance Books, 2002. Seite 85.
2
»Warum ist das so schwer?«
Selbstmitgefühl als Rettungsinsel nutzen
Hast du dich jemals für etwas gehasst, das du zu deinem Kind gesagt oder ihm angetan hast? Hast du je die Beherrschung verloren? Hast du je Verhaltensweisen an den Tag gelegt, an die du nicht einmal denken willst und von denen möglichst nie jemand erfahren soll? Voller Verzweiflung und Angst, dass die »Elternpolizei« (die es zum Glück natürlich nicht gibt) kommen und dich für irgendeinen Verstoß festnehmen würde?
Wir sind alle unvollkommene Eltern
Keine Sorge, damit bist du nicht allein. Niemand ist eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater und wir alle bauen auch Mist. (Ich auch … frag meine Kinder). Dies ist eine urteilsfreie Zone. Deine Geheimnisse sind hier sicher. Dieses Kapitel soll dir helfen, deine Unzulänglichkeiten mit etwas Abstand zu betrachten, und zeigen, wie man mit Freundlichkeit darauf antworten kann (anstatt mit Selbstverachtung, einer Flasche Schnaps, einer Großpackung Eiscreme oder Beruhigungspillen, nicht wahr …)
Ich spreche nicht davon, die Dinge zu beschönigen oder sich aus der Verantwortung zu stehlen. Selbstmitgefühl zu lernen ist kein »Freibrief«. Es geht darum, zu akzeptieren, dass wir alle unvollkommene Eltern sind. Es gibt keinen Grund, auf den Fehlern herumzureiten, sie im Geiste ewig wiederzukäuen oder am Ende in einem schwarzen Loch der Scham und des Bedauerns zu versinken. Es ist niemandem gedient, wenn du auf dir herumhackst.
Chrissies Konflikte mit ihrer neuen Stieftochter zeigen, wie Selbstmitgefühl in Aktion aussehen kann.
Nervenzusammenbruch
Als Chrissie, eine geschiedene Frau mit einem vierjährigen Sohn, den verwitweten Johann heiratete, der eine Siebenjährige mit in die Beziehung brachte, schien alles gut zu laufen. Offensichtlich aber nicht für Johanns Tochter Jenny, die nicht damit einverstanden war, dass ihr Vater sich nicht mehr auf Verabredungen beschränkte, sondern eine neue Ehe einging. Es machte sie wütend, bei den Großeltern zurückgelassen zu werden, während er mit seiner neuen Frau in die Flitterwochen fuhr. Sie betrachtete das als persönliche Beleidigung. »Du fährst mit ihr weg?«, protestierte sie.
Als die beiden zurückkehrten, ließ Jenny keine Gelegenheit aus, Chrissie zu zeigen, wie miserabel es ihr mit einer neuen Mutter ging. Sie wurde zunehmend unverschämt und bockig. Jeden Tag ein neuer Kampf. Wenn Chrissie Jenny bat, ihre Spielsachen wegzuräumen, ignorierte sie sie einfach oder stellte ihre Autorität infrage. Chrissie konnte nichts richtig machen und so verlor sie rasch die Geduld und ihre Zuversicht.
»Meine Freundinnen sagen mir, ich solle mich entspannen, das sei nur eine schwierige Phase«, erklärte Chrissie, »und dass sie schon einlenken würde. Ich weiß bloß nicht, wie lange ich noch warten kann. Dieses Wochenende war echt krass. Johann war auf Geschäftsreise und ich war mit den Kindern allein. Ich habe mich so angestrengt, damit alle Spaß haben. Wir schauten einen Film, den sie Kinder sehen wollten, Jenny durfte eine Freundin zum Übernachten einladen. Und Abends aßen wir Spaghetti, ihr Lieblingsessen.
Aber sobald die Freundin am nächsten Morgen abgeholt worden war, rastete Jenny aus. Die Mädchen hatten nicht viel geschlafen und sie war übermüdet. Sie fing an, Steffen zu schikanieren; zuerst neckte und beschimpfte sie ihn und später versteckte sie seine Lieblings-Actionfiguren. Aber dann brachte sie das Fass zum Überlaufen, indem sie einen Legoturm zerstörte, an dem wir den ganzen Tag gearbeitet hatten – stundenlange Arbeit. Nun rastete er völlig aus und ich war auch kurz davor.
Aber ich versuchte mich daran zu erinnern, was die Stiefeltern-Bücher in so einem Fall raten, und so sagte ich zu ihr ›Jenny, so geht es nicht. Sieben Minuten Auszeit‹ (eine Minuten für jedes Lebensjahr, wie die Expert:innen empfehlen).
Zuerst stand sie bockig da. Als ich den Küchenwecker stellte, wusste sie, dass ich es ernst meinte und ging in ihr Zimmer, aber vorher versetzte sie mir noch einen Stich ins Herz, indem sie schrie ›Ich hasse dich! Du bist nicht meine Mutter. Du wirst nie meine Mutter sein. Ich wollte, du wärst tot.‹«
Wir alle haben negative Emotionen
Chrissie erzählte diese Geschichte in meiner Praxis, während sie eine Box mit Kleenex-Tüchern umklammerte, sich die Tränen abwischte und beschrieb, wie sehr sie sich eine Tochter gewünscht und sich auf das Leben mit ihrer Patchworkfamilie gefreut hatte.
Ich antwortete mit einer eigenen Geschichte und erzählte ihr, wie mein Mentor mich nach der Geburt meines ersten Kindes beiseite genommen und zu mir gesagt hatte: »Niemand wird das zu dir sagen. Hör bitte zu und vergiss es nicht. Im Moment ist alles wunderbar und du merkst den extremen Schlafmangel kaum. Du siehst nur Rosen und Regenbogen und hörst Babyglucksen. Aber an einem bestimmten Punkt, denke an meine Worte, wirst du dein Kind hassen. Das garantiere ich dir.« Ich war wie vom Donner gerührt. Das würde mir nie passieren, nie. Wie konnte er es wagen, so etwas zu sagen! Er fuhr fort: »Und wenn das passiert – vielleicht erst in vielen Jahren – dann erinnere dich daran: Du bist auch nur ein Mensch. Es passiert uns allen.«
Chrissie hörte auf zu weinen, als ich erklärte: »Damals empfand ich das fast wie einen Fluch, wie eine Szene aus einem dieser Märchen, in dem alle dem Täufling ein wunderbares Geschenk geben und eine Person ihm ein Stück Kohle schenkt. Aber es hat sich als eines der nützlichsten Dinge erwiesen, die je jemand zu mir gesagt hat. Es half mir, auch den Wutgefühlen Raum zu geben und mich nicht so sehr dafür schämen zu müssen.«
»Und wo ich gerade von Märchen spreche«, fuhr ich fort, „Ich habe kürzlich gelesen, dass es in den frühen Versionen der Märchen nicht die Stiefmutter war, die die Kinder zu töten versuchte. Es war die biologische Mutter, die den Tod des Kindes wünschte. Die böse Stiefmutter wurde ein literarisches Ausdrucksmittel für diese Aspekte der Mutterschaft, die wir uns nicht gerne eingestehen: Wut, Aggression, Grausamkeit, Hass. Es ist einfacher, das abzuspalten, als einzuräumen, wie komplex die Gefühle einer Mutter für ihr Kind sind und umgekehrt.11
»Mein Mentor gab mir die Erlaubnis, negative Gefühle zu haben – natürlich nicht, aus diesen Gefühlen heraus zu handeln, aber aufzuhören, ihretwegen Schicht um Schicht von Schuld und Scham aufzutürmen und zu glauben, ich sei eine schlechte oder gestörte Mutter.«
Reflexion: Wann hast du eine Rettungsinsel gebraucht?
Elternschaft ist ein schwieriges Geschäft und wir alle hegen negative Gefühle gegenüber unseren Kindern; wir alle hatten schon Zeiten, in denen wir uns überfordert und unzulänglich gefühlt, die Beherrschung verloren und uns nicht wie Mutter Theresa verhalten haben. Damit bist du nicht allein. Wie oft bist du bei all den kleinen Katastrophen explodiert?
Hast du jemals die Beherrschung verloren, wenn sich dein Kind auf deine Kleidung übergeben hat?
Hast du je einen Wutanfall bekommen, wenn deine Kinder Traubensaft auf einem schönen neuen Kleid verschüttet haben, als du dich auf den Weg zu einer Hochzeitsfeier machen wolltest?
Bist du jemals ausgeflippt, wenn dein Kind einen Trotzanfall hatte und im Restaurant mit Essen um sich warf, oder im Haus der Oma oder im Wohnzimmer deiner Freundin (wo immer alles picobello ist) und alle sich nach dir umdrehten und dich anstarrten?
Bist du jemals ausgerastet, wenn dein Kind sich nicht anziehen wollte?
Bist du je wütend geworden, wenn dein Kind ein Geschwisterkind gekratzt oder gebissen hat? Oder das Kind einer Freundin?
Hast du jemals gedacht, du würdest verrückt, weil dein von Koliken geplagtes Kind drei Monate lang gefühlt Tag und Nacht geschrien hat?
Hattest du je das Gefühl, in der Falle zu sitzen, wenn die Kinder an Weihnachten Windpocken bekamen und du deine Pläne für die Feiertage aufgeben musstest aber dringend eine Pause brauchtest?
Hast du dich jemals geschämt, wenn dein Kind nach einem unentschiedenen Fußballspiel andere Kinder geschlagen hat? Oder Beim Basketball den entscheidenden Wurf vermasselt hat?
Hattest du je das Gefühl, das falsche Kind zu haben oder im falschen Leben zu stecken?
Hast du jemals daran gedacht, die Kinder zur Adoption freizugeben und auf eine idyllische griechische Insel zu flüchten?
Füge jene Momente hinzu, in denen DU wirklich eine Rettungsinsel gebraucht hast.
Ja, natürlich regen wir uns auf. Und wir alle verlieren die Beherrschung! Beim Selbstmitgefühl geht es darum, sich selbst eine Pause und einen Neustart zu gönnen. Denk daran: Elternschaft ist ein »unmöglicher Beruf«.
Chrissie nickte wissend und sagte: »Ich glaube, am schlimmsten ist für mich, dass ich anfange, auf mir herumzuhacken und mich zu kritisieren. Wäre ich nur Jennys biologische Mutter – dann würde ich sie nicht anschreien, dann wäre ich eine bessere Mutter. Ich könnte sie lieben. An schlechten Tagen komme ich mir vor wie eine Miesmacherin und habe das Gefühl, dass mein Herz ein paar Nummern zu klein ist.«
Ich fragte Chrissie, was sie an Jenny mochte.
»Da muss ich nachdenken,« erwiderte Chrissie. »Sie hat ihren eigenen Willen. Niemand kann sie herumschubsen. Sie hat eine gewisse Entschlossenheit und ist eine Kämpfernatur. Sie tut mir leid – wirklich. Wenn du mit vier Jahren deine Mutter verlierst, ist das ganz furchtbar. Und ihre Mutter war schon jahrelang krank, bevor sie starb. Und für Johann war es auch sehr schwer«.
Wie schnell wir doch bereit sind, anderen das Mitgefühl entgegen zu bringen, das wir uns selbst vorenthalten.
Reflexion: Wann hast du andere freundlich behandelt?
Nimm dir einen Moment Zeit und erinnere dich an Situationen, in denen du anderen Kindern oder Eltern, denen es schlecht ging, Mitgefühl entgegen gebracht hast.
Denk nach: Wähle eine aus und schreibe sie auf.
Was war die Situation?
Wie hast du reagiert?
Was hast du gesagt?
Was hast du getan?
Wie hat die andere Person reagiert?
Was für ein Gefühl hattest du zu dir selbst?
Lass zu, dass die Situation bei dir »ankommt«. Gib dir einen Moment Zeit, um sie zu verinnerlichen, damit du dich daran erinnerst. Bleib eine Weile dabei.
Uns selbst gegenüber sind wir oft sehr hart und vergessen die Zeiten, in denen wir freundlich, hilfsbereit und liebevoll waren. Oder jemandem weitergeholfen haben.
Eine einfache Methode, in einen achtsamen Zustand zu gelangen, ist, sich an das Gute zu erinnern. Tatsächlich ist Erinnern eine Definition von Achtsamkeit. Erinnere dich an das Gute, das du getan hast, und freue dich daran. Nimm dir einen Augenblick Zeit und versuche das jetzt. Ja. Und dann im nächsten Augenblick und im nächsten.
Das ABC des Selbstmitgefühls
Chrissie ist mit ihrem Problem nicht allein. Fast alle von uns haben das Gefühl, unzulängliche Eltern zu sein. Und deshalb ist Selbstmitgefühl gerade für Eltern so wichtig. Es kann helfen, den inneren Dialog von den ständigen Selbstvorwürfen und der Selbstkritik hin zu Akzeptanz, Freundlichkeit und Verständnis zu verschieben. Es kann uns helfen, zu erkennen, dass wir genauso viel Freundlichkeit und Verständnis verdient haben wie unsere Kinder, Freundinnen und andere geliebte Menschen.
Selbstmitgefühl ist eine gesunde Art, mit sich selbst in Kontakt zu treten, wenn es schwierig wird. Und wenn du Mutter oder Vater bist, kann es sich anfühlen, als wäre es die meiste Zeit über schwierig. Auch wenn es vielleicht Mut erfordert, auf sich selbst zu schauen, die eigenen Unvollkommenheiten einzuräumen und sich selbst so zu akzeptieren wie man ist, kann es auch unser Leben und das unserer Familie verändern.
Kristin Neff, eine führende Expertin auf diesem Gebiet und Vorreiterin in der Selbstmitgefühlsforschung, war die Erste, die Selbstmitgefühl definierte und eine Skala entwickelte, um es zu messen. Der MSC-Kurs ruht auf einem soliden empirischen Fundament. Doch bald nachdem ihr kleiner Sohn eine Autismus-Diagnose bekam, musste sie ihre gesamte Forschung auf den Prüfstand stellen. Im Schock nach der Erstdiagnose erlaubte sie sich, zu fühlen, was sie fühlte: Trauer, Enttäuschung und andere Emotionen, die sie ihrer Meinung nach nicht fühlen »sollte«. Sie kämpfte nicht gegen ihre Gefühle an und lernte, sich selbst zu trösten, wenn es ihr schlecht ging.
Nach dem Schock entschied sie sich dafür, ihren Sohn bedingungslos zu akzeptieren und unter allen Umständen zu lieben. Was sie entdeckte, hat große Bedeutung für alle Eltern: Wenn sie sich selbst Liebe geben konnte, konnte sie auch ihrem Kind Liebe geben. Und das gab ihr die Kraft und die Ressourcen, die beste Mutter zu sein, die sie eben sein konnte – auch in sehr herausfordernden Situationen.
Hast du etwas Ähnliches erlebt? Oder eine gute Freundin? Oder ein Familienmitglied? Die meisten von uns kennen viele Leute, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Vielleicht eine Nachbarin, deren Teenager ein Suchtproblem hat. Oder ein psychisches Problem. Kennst du jemanden, der oder die einen Verlust zu verkraften hat? Mit einer Behinderung klarkommen muss? Einer schweren Krankheit?
Und es sind gar nicht nur die großen Herausforderungen des Lebens, die uns niederdrücken. Die tägliche, profane Plackerei genügt, um uns meschugge (kein klinischer Begriff) zu machen: die hormonalen Schwankungen eines Kindes in der Vorpubertät, das emotional höchst sensible Kleinkind, das einen Anfall bekommt, wenn nicht alles nach seinem Willen geht, die Tragödie in der Mittelschule, wenn die Tochter nicht die Hauptrolle in der Schulaufführung bekommt, oder das emotionale Tief des Sohnes in der Oberstufe, der nicht für die Schulmannschaft ausgewählt wurde, und so weiter. Mit Kindern gibt es immer etwas, das einen in den Wahnsinn treiben kann.
Glücklicherweise kann jede und jeder Selbstmitgefühl lernen. Auch weil wir ja schon wissen, was wir zu anderen sagen müssen und wie wir diejenigen zu behandeln haben, die wir lieben und die uns am Herzen liegen. Wir müssen uns einfach nur die Erlaubnis geben, diese Gefühle auch uns selbst gegenüber zuzulassen. Selbstmitgefühl schließt grundsätzlich drei Aspekte ein:
1 Freundlichkeit gegenüber uns selbst, ohne harsche Kritik, verbunden mit der Motivation, uns selbst zu unterstützen und herauszufinden, was wir brauchen.
2 Die Erkenntnis, dass wir alle unvollkommen sind und alle ein unvollkommenes Leben führen. Dieses Anerkennen unserer gemeinsamen Erfahrung des Menschseins kann uns helfen, uns weniger isoliert und allein zu fühlen und uns tiefer mit anderen, auch anderen Eltern, zu verbinden, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben wie wir.
3 Selbstmitgefühl ruht auf dem Fundament der Achtsamkeit. Wir lernen, mit allem präsent zu sein, was geschieht, anstatt es zu verleugnen oder den Kopf in den Sand zu stecken. Das erfordert oft Mut und Kraft. Doch Achtsamkeit gibt uns den Raum, aus unseren unmittelbaren Reaktionsmustern auszuscheren und etwas Abstand zu gewinnen.
Schauen wir, wie Chrissie lernte, Selbstmitgefühl im Hinblick auf ihre Stieftochter anzuwenden.
»Wir alle schreien herum«, erinnerte ich Chrissie. »Wir alle haben unsere Anfälle – Kinder und Erwachsene. Worauf es ankommt, ist doch, dass wir in einen Raum der Freundlichkeit zurückkehren und daran arbeiten, den in der Beziehung angerichteten Schaden zu reparieren. Das ist eine schwierige Situation, und es geht auch nicht jedes Mal schnell vorbei. Darf ich dir etwas zeigen, das helfen könnte, wenn harte Zeiten kommen? Ich nenne es den Selbstmitgefühls-Lebensretter für Eltern. Es geht dabei darum, wie man lernt, freundlich zu reagieren, wenn es sehr schwierig wird.«
»Nein, tut mir leid. Das klingt für mich albern und viel zu nachgiebig und – egoistisch. Ich muss einfach härter werden. Mehr Rückgrat bekommen, eine strengere Stiefmutter sein, die nicht lange fackelt. Null Toleranz für schlechtes Benehmen.«
»Einen Moment. Viele Leute missverstehen das. Selbstmitgefühl hat nichts damit zu tun, zur Memme zu werden, Ausflüchte zu suchen oder sich aus der Verantwortung zu stehlen. Es geht darum, zu lernen, freundlich zu sich selbst zu sein, wenn es problematisch wird.«
Chrissie verdrehte die Augen. »Ja, ja; als ob ich Zeit für so etwas hätte. Ich bin jetzt für drei Leute verantwortlich.«
»Lass es mich noch einmal aus einer anderen Perspektive erklären. Was tust du, wenn du für Jenny Spaghetti kochst und dich dabei verbrennst?«
»Na, zuerst fluche ich wie ein Kesselflicker, dann nenne ich mich eine Idiotin und dann kühle ich die Stelle mit Eis, reibe sie mit Salbe ein und klebe ein Pflaster drauf.«
»Genau. Wir wissen, wie wir freundlich mit unserem Körper umgehen können aber es ist schwieriger, freundlich zu reagieren, wenn wir vom Leben verbrannt werden.«
»Okay, da hast du recht. Ich werde es versuchen, aber ich werde mich keiner «Persönlichkeitstransplantation» unterziehen. Soll ich etwa sagen ›Du armes, armes Kind. Das Leben war so grausam zu dir. Hier, iss ein Stück Schokoladenkuchen und etwas Eiscreme zum Frühstück! Und dann kaufe ich dir noch ein neues Spielzeug! Willst du heute zu Hause bleiben, anstatt in die Schule zu gehen und ein bisschen Fernsehen?‹«
»Mitfühlend zu sein, bedeutet nicht, sich als Fußabtreter anzubieten Natürlich kannst du weiterhin Grenzen setzen, Regeln aufstellen und unangemessenes Verhalten in die Schranken weisen. Kinder brauchen eine Struktur.
Versuchen wir das doch einmal gemeinsam», sagte ich. «Es geht wirklich ganz schnell. Und du kannst eine Hand aufs Herz legen. Die Berührung ist beruhigend und tröstlich.«
Selbstmitgefühls-Lebensretter für Eltern
Aufnahme 2
Das ist ein Moment des Leidens. Oder: Autsch, das ist wirklich sehr hart.
Erkenne deine Gefühle an. Die Worte sollen sich ganz natürlich anfühlen.
Das Elterndasein ist voller schwieriger Momente. Viele Eltern fühlen sich so. Ich bin damit nicht allein. Das gehört zum Leben.
Füge freundliche Worte hinzu: Möge ich freundlich zu mir sein. Chrissie, ich bin für dich da.
Du kannst eine Hand auf dein Herz legen.
»So einfach ist das. Probiere es in der Hitze des Gefechts aus, Chrissie. Wenn du das Gefühl hast, dass dir alles zu viel wird. Ich verspreche keine Wunder, aber es hilft. Ich möchte dir helfen, zu lernen, eher auf ihr Verhalten zu antworten als bloß zu reagieren.«
Reflexion: Selbstmitgefühl im
eigenen Leben aktivieren
Schau, ob dir auf der Grundlage der Liste, die du in der Übung »Wann hast du eine Rettungsinsel gebraucht?« erstellt hast, Situationen einfallen, in denen dir alles zu viel wird und diese Übung hilfreich sein könnte. Den meisten Leuten fällt etwas ein, das heute passiert ist (oder jetzt gerade passiert?) – ein Streit vor dem Frühstück, ein Vorfall auf dem Weg zur Schule, Geschwisterrivalität, böse Worte, die beim Abendessen gefallen sind.
Frage dich, was heute schwierig für dich war.
Was brauchst du jetzt?
Gab es Momente, in denen du dich allein gefühlt hast? Nicht gewürdigt? Nicht gesehen? Wie eine Angestellte oder Dienstmagd?
Nimm dir ein paar Minuten Zeit und versuche, die Übung Selbstmitgefühls-Lebensretter für Eltern zu machen.
Mach dir ein paar Notizen. Wie war das für dich? Wie war es, gut und freundlich zu sich selbst zu sein?
In der folgenden Woche kam Chrissie mit einem Bericht zurück.
»Dieses Selbstmitgefühlszeug hat geholfen. Aber die Worte haben für mich nicht besonders gut gepasst. Also habe ich die Übung ein bisschen umgeschrieben.«
»Prima. Ich möchte, dass sie zu deiner eigenen wird.«
»Jenny hat diese Woche versucht, mich zu provozieren, aber ich bin ruhig geblieben. Ich bin nicht total ausgerastet. Ich glaube, du hast recht. Sie versucht, Aufmerksamkeit zu bekommen, eine Reaktion zu provozieren, Sand ins Getriebe zu werfen. Sie nimmt also Boo-Boo, Steffens Lieblingsteddybär, der, mit dem er schläft, und versteckt ihn. Er ist außer sich. Und Johann macht natürlich Überstunden. Sie fangen an zu streiten, schubsen, schlagen, beißen einander, ziehen einander an den Haaren, die volle Katastrophe. Ich trenne sie. Eine weitere, entspannte Zeit beim Zubettgehen,« sagt Chrissie sarkastisch.
»Also sage ich, HÖRT AUF, auseinander. Jetzt. Auszeit. Geht in eure Zimmer.
Wir gehen alle in unsere Zimmer und ich merke, dass ich wieder ausflippe, ich kann es richtig im Körper spüren. Und ich fange an, auf meine Gedanken zu achten. Ich fange an, Jenny zu hassen, dann hasse ich mich selbst, fühle mich unzulänglich, gebe mir die Schuld und sehe die Scheidung als einzigen Ausweg.
Ich war verzweifelt, also probierte ich dieses Lebensretter-Ding aus. Aber ich habe die Worte geändert, damit es realistischer klingt.
Ich habe den Zuckerguss weggelassen.
Das ist ein totaler Scheiß-Moment.
Mutter zu sein kann wirklich nerven. Stiefmutter zu sein, nervt tierisch. Exponentiell. Das ist, verdammt nochmal, unmöglich.
Möge ich freundlich zu mir sein. Das wird vorbeigehen. Vielleicht noch in diesem Jahrhundert.
Und ich habe eine Hand auf mein Herz gelegt. Es fühlte sich fast an, als würde ich mich selbst umarmen. Es fühlte sich gut an. Ich wurde ein bisschen ruhiger.
Als es vorbei war, sagte ich, ›Okay ihr beiden, wir müssen Boo-Boo finden. Lasst uns zusammen arbeiten. Wir sind jetzt Detektive‹ und ich gab jedem eine Taschenlampe. ›Schnitzeljagd. Ich höre Boo-Boo rufen. Er ruft »Hilfe! Hilfe!« Also los. Er braucht uns.‹
Ich habe sie also dazu gebracht, mitzumachen, anstatt in das übliche sinnlose Streiten zu verfallen. Und rate mal. Boo-Boo war hinter der Toilette versteckt. Ekelhaft. Dort hätten wir nie gesucht. Sie fand ihn natürlich.
Wir haben ihn dann abgewaschen, sauber gemacht und Steffen schlief ein, obwohl der Bär feucht war.
Als ich Jenny ins Bett brachte, gab ich ihr einen Kuss, und statt sie erwürgen zu wollen, dachte ich an alles, was ich an ihr mag. Ich bewunderte ihren Humor, ihren Grips. Und ich sagte zu ihr ›Manchmal ist es schwer, aber wir schaffen das. Ich hab dich lieb.‹
Sie lächelte, umarmte ihr Stofftier und schlief ein.
Die Übung hat mir geholfen, die Sache in den Griff zu bekommen und sie kann mich vielleicht davon abhalten, völlig durchzudrehen und Johann in einem Wutanfall zu verlassen. Ich will nicht noch eine kaputte Ehe. Eine hat mir gereicht.» Sie schüttelte den Kopf. «Er ist nicht objektiv in Bezug auf Jenny. Er fühlt sich so schuldig dafür, dass Karen starb. Er kann kein negatives Wort über sein kostbares Kind hören, ohne total wütend auf mich zu werden.« Sie seufzte. »Ich denke, das wird ein langwieriger Prozess. Und ich werde dabei alle Hilfe und Unterstützung brauchen, die ich kriegen kann.«
Geschickt mit unseren Emotionen arbeiten
Wir alle durchleben die unterschiedlichsten Emotionen, aber vielen von uns wurde nicht gezeigt, wie man kompetent damit umgehen kann. Oft verleugnen wir unsere Gefühle, werden gefühlskalt oder tun so, als würden wir gar keine Traurigkeit oder Wut spüren, insbesondere, wenn wir in einer Familie aufgewachsen sind, in der diese Gefühle tabu waren.
Wie Chrissie suchte auch David nach einem Weg, schwierige Gefühle auszuhalten.
»Standardeinstellungen« vermeiden
Als Jan die Chance bekam, einen neuen, interessanten Job anzutreten, beschlossen sie und David, dass sie nun an der Reihe sei, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren. Also arbeitet David zu Hause, während sie außer Haus ist. Aber er fühlt sich einsam – und empfindet es als große Herausforderung, die Hauptbezugsperson zu sein. Das ältere Kind war schon immer »wild und raubeinig«, wie David es ausdrückte, aber der Drittklässler Nathan ist ein »stilles, sensibles Kind«, und David ist unsicher, wie er selbst mit Sensibilität auf ihn reagieren kann.
Das jährliche Schulkonzert steht an und alle Kinder sind deswegen aufgeregt. »Nathan ist nicht wirklich musikalisch«, erzählt sein Papa, »aber er singt gerne für sich selbst beim Spielen und in der Dusche. Und es scheint ihm egal zu sein, dass er keinen Ton halten kann. Unglücklicherweise ist es der Musiklehrerin wohl nicht egal und irgendwann unterbrach sie die Probe und sagte vor allen anderen Schülern: ›Nathan Johnson, ich glaube, es wäre besser, wenn du nur still die Lippen bewegen würdest.‹
Es dauerte eine Weile, bis Nathan mit der Geschichte herausrückte, aber er war völlig am Boden zerstört und beschämt. Zuerst schmollte er nur und wollte nicht darüber sprechen. Als das Problem dann auf dem Tisch war«, erinnert sich David »versuchte ich ihn aufzumuntern und sagte zu ihm, das sei doch keine große Sache und er solle es einfach vergessen. Aber das konnte er nicht. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mein Versuch, ihn etwas aufzumuntern hatte die Sache noch schlimmer gemacht. Ich fühlte mich nicht nur völlig außerstande, meinem Sohn zu helfen, ich hatte auch wirklich keine Ahnung, was er fühlte. Mein Vater hätte einfach zu mir gesagt, ich solle nicht so ein trübsinniges Gesicht machen und damit wäre die Sache erledigt gewesen. Ich wurde dazu erzogen, nichts Unangenehmes zu fühlen. Meine Mutter war von der Sorte, die nach einer Krebsoperation auf die Frage, wie es ihr ging, antwortete ›es ging mir nie besser‹ – Ich fühle mich nicht darauf vorbereitet, Nathan ein guter Vater zu sein.
Ich hasse es, dass ihn die Lehrerin aufforderte still zu sein. Und ich hasse es, mich so nutzlos zu fühlen. Ich glaube, er vermisst seine Mutter.
Ich fühlte mich immer schlechter, grübelte darüber nach, dass meine Frau der bessere Elternteil ist und dass ich inkompetent bin. Auf dem Spielplatz sind keine anderen Väter, sie haben wichtige Jobs; sie arbeiten nicht zu Hause. Und dann wurde ich wütend auf die Lehrerin, weil sie ihn zum Schweigen gebracht und beschämt hatte; und dann fing ich an, mich selbst dafür zu hassen, dass ich als Vater so ein Versager bin.
Meine Gedanken machten sich selbstständig und ich wurde zu einem wütenden, bitteren Durcheinander. Und als ich dann am Abend, nachdem die Kinder im Bett waren, allein dasaß – Jan war noch bei der Arbeit – holte ich die Flasche Gin heraus und schenkte mit ein paar Drinks ein.« Jammernd sagte er: »Außer einem Kater brachte mir das nichts.«
Wir alle haben innere »Standardeinstellungen«, die einrasten, wenn wir mit unangenehmen Gefühlen konfrontiert werden: Wir laufen weg, flüchten uns ins Fernsehprogramm oder Smartphone, Trinken oder Süßigkeiten.
Reflexion: Was ist deine Standardeinstellung?
Nimm Papier und Stift zur Hand oder mach Notizen auf deinem Smartphone (Nein, jetzt bitte nicht deine Nachrichten oder deinen Social Media Account checken. Das kann warten.)
Nimm dir einen Augenblick Zeit, atme ein paarmal tief ein und aus, um in den Moment zu kommen, leg eine Hand auf dein Herz oder umarme dich.
Stell dir diese Frage: »Was tue ich, wenn ich mich emotional unwohl fühle?«
Die meisten von uns lenken sich ab, finden Trost in Dingen wie Essen und Trinken, Netflix oder Beruhigungspillen.
Was ist deine persönliche Standardeinstellung? Schreib das auf.
Notiere es mit Freundlichkeit und ohne zu urteilen.
Bring dir ein bisschen Mitgefühl entgegen. Ja, es ist hart, das zu fühlen, mit dieser Situation konfrontiert zu sein. Bleib dabei, auch wenn es nur für eine Minute ist.
Versuche dir zu sagen: »Es ist in Ordnung; ich will dabei bleiben und das aushalten. Ich will es fühlen, und sei es nur für einen Moment.«
Nimm ein paar beruhigende Atemzüge und kehre zu deinen Alltagsaktivitäten zurück, wenn du dazu bereit bist.
David wusste, dass seine Art, mit Gefühlen umzugehen, die er nicht ganz verstand und loswerden wollte, ihm nicht half, sich besser zu fühlen, also war er offen für neue Wege des Umgangs mit seinen Emotionen. Bevor er aber lernen konnte, schwierige Gefühle auszuhalten, musste er lernen, freundlich zu sich zu sein, wenn er emotionalen Schmerz verspürte.
Als ich in Ausbildung war, kamen gerade das Medikament Prozac und andere SSRIs (eine bestimmte Sorte von Antidepressiva, A.d.Ü.) auf den Markt und einer der Psychiater auf der Station begann sie als »Ego-Klebstoff« zu bezeichnen. Uns gefiel dieses Bild, denn es beschrieb den Nutzen, den die Leute durch die Einnahme hatten. Die Menschen hatten das Gefühl, dass diese Medikamente ihnen halfen, besser, das heißt effektiver zu funktionieren, was wiederum dazu führte, dass sie sich mit sich selbst besser fühlten. Achtsamkeit kann ebenfalls helfen und bei manchen Leuten ist sie genauso wirksam wie Medikamente.
Eine meiner Meditationslehrerinnen scherzte einmal, dass Medikation und Meditation nur einen Buchstaben auseinanderliegen. Es gibt viele klassische Meditationsmethoden, die den Atem als Meditationsobjekt nutzen – was in der einen oder anderen Form von fast allen Lehrenden vermittelt wird – aber die folgende Übung ist eine Version mit Selbstmitgefühl, die speziell für Eltern konzipiert wurde.
David und ich machten die Übung gemeinsam in einer Sitzung und dann nahm er sich täglich zu Hause fünf bis zehn Minuten Zeit dafür.
Ego-Klebstoff für Eltern
Setz dich bequem auf einen Stuhl oder ein Kissen.
Falls du zu erschöpft bist, um den Kopf aufrecht zu halten, kannst du dich auch hinlegen (bitte keine Schuldgefühle, mir ging es genauso).
Wenn du das Bedürfnis hast, dich einzurollen oder eine Embryostellung einzunehmen, ist das ebenfalls völlig in Ordnung.
Nimm zwei tiefe Atemzüge und komm zur Ruhe.
Du musst jetzt überhaupt nichts tun, auch für niemanden sorgen. Dies ist eine Zeit, in der du dich ausruhen kannst.
Wirklich. Aaaaaahhh …
Wenn du magst, kannst du eine Hand aufs Herz legen oder auf eine andere Stelle, wo es sich beruhigend anfühlt, um dich daran zu erinnern, freundlich zu dir zu sein,
Nimm wahr, dass dein Körper völlig ohne dein Zutun atmet. Lass dich von deinem Körper atmen.
Du musst deinen Atem nicht »managen«. Du musst ihn nicht kontrollieren.
Nimm einfach den Atem wahr, spüre, wie er in seinem natürlich Rhythmus ein- und ausströmt.
Ablenkungen werden auftauchen Gedanken, Gefühle, Sorgen, Unbehagen, Pläne. Lass sie einfach los und kehre zu deinem Atem zurück.
Mach dir keine Sorgen, falls du wegdöst. Wir sind alle erschöpft.
Schau an, was hochgekommen ist, ohne zu urteilen; nimm die Gedanken einfach nur wahr. »Ich kriege das überhaupt nicht hin, ich bin eine absolute Niete bei dieser Sache, ich kann nicht mal ausruhen, ich bin eine hoffnungslose Idiotin, ich bin so ein ›Stressbolzen‹.«
Werde nicht ärgerlich auf dich, weil du einen Gedanken oder Gefühl hast. Registriere es und lass es los.
Gestehe dir eine neue Reaktion zu, anstatt auf dir herumzuhacken oder dich zu kritisieren. Erlaube dir, von Neuem anzufangen.
Es geht bei dieser Übung im Grunde nicht darum, beim Atem zu bleiben, sondern mit Freundlichkeit und Herzenswärme neu zu starten. Das versuchen wir zu kultivieren.
Lass zu, dass dein ganzer Körper vom Atem bewegt wird.
Erlaube dir, durch das Atmen gewiegt, gehalten, ja sogar innerlich gestreichelt zu werden.
Lass dich in den letzten paar Minuten einfach spüren, wie dein Atmen dir Trost spendet.
Dein Atem begleitet dich seit deiner Geburt. Betrachte ihn als Freund.
Ziehe deine Aufmerksamkeit vom Atem ab und bleib in der Stille der eben gemachten Erfahrung sitzen oder liegen. Lass dich fühlen, was du fühlst und sein, wie du bist.
David hatte schon früher Atemübungen ausprobiert, aber er mochte sie nicht: »Ich habe immer gedacht, es ginge darum, beim Atem zu bleiben und darauf zu achten, dass der Geist nicht abschweift. Deshalb habe ich es gehasst und fand es langweilig und doof. Aber mir gefällt die Vorstellung, zu lernen, von Neuem zu beginnen und mich nicht ständig zu bestrafen, wenn ich patze. Das könnte wirklich nützlich sein. Ich bin es gewöhnt, eine Menge Wut gegen meine Frau, die Lehrer:innen, meine Kinder, mein Leben, aufzustauen …«
»Genau,« erwiderte ich. »Du übst, dir selbst aus dem Weg zu gehen.«
Diese Praxis ist eine Adaption einer zentralen Meditation des MSC-Kurses. Man kann sie in der Hitze des Gefechts anwenden, wenn man das Gefühl hat, von schwierigen Emotionen überwältigt zu werden. Wenn man sie täglich macht, wie ich es David empfohlen habe, trägt sie dazu bei, den »Selbstgefühlsmuskel« zu trainieren und deine Resilienz und Fähigkeit, mit schwierigen Gefühlen umzugehen, zu verbessern.
Selbstmitgefühl: Eine Möglichkeit, sich über Wasser zu halten
Eine Klientin erwähnte einen Gedanken, auf den sie im Internet gestoßen war. Es geht ungefähr so: »Vater oder Mutter zu sein, bedeutet, immer und immer wieder dieselben Dinge zu sagen und stets ein anderes Resultat zu erwarten.« Seltsamerweise ist das auch die Definition für Geisteskrankheit. Zufall? Vielleicht nicht.
Für die meisten von uns kann das Leben ziemlich hart sein. Sogar sehr hart. Und Kinder zu haben macht es oft noch schwerer. Es macht uns verletzlich und ängstlich, wie wir es nie zuvor erlebt haben. Es lässt den Stress exponentiell wachsen. Plötzlich sind wir verantwortlich für einen anderen Menschen, der völlig hilflos und abhängig ist. Er zieht unsere Aufmerksamkeit von unseren Beziehungen, unserer Arbeit und unseren Bedürfnissen ab. Ein einst wohlgeordnetes Leben wird chaotisch und überfordernd. Die meisten Eltern, und nicht nur die »frischgebackenen«, fühlen sich unzulänglich und unvorbereitet. Plötzlich haben wir das Gefühl, in der Falle zu sitzen – mit endlosen Verpflichtungen, mit Krach, Wut, Ärger und finanziellem Druck. Und das nicht nur, wenn unsere Kinder klein sind. Wenn wir Kinder haben, kann so vieles schief gehen. Ein Kind zur Welt zu bringen kann sich tatsächlich anfühlen, als würde man das Schicksal geradezu herausfordern.
Wie reagieren wir, wenn die Dinge nicht wie geplant laufen? Wie Chrissie und David fragen wir uns besorgt, ob wir daran schuld sind und werden selbstkritisch: »Ich begann zu glauben, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dass mir irgendein wichtiges Eltern-Gen fehlt, oder ein Softwarechip, den ich unbedingt bräuchte.« Wir begeben uns oft auf eine Mission, bei der wir Dinge in Ordnung bringen wollen, uns selbst oder vorzugsweise unsere Kinder ändern wollen. Wir sagen uns, dass wir »härter werden« müssen, »Rückgrat entwickeln müssen«, »autoritär« sein müssen oder dass die Kinder hören müssen, sich benehmen müssen, sich an die Regeln halten müssen, um »eine Lektion zu lernen«. Doch während wir versuchen, uns zu ändern – oder üblicherweise unsere Kinder – erzielen wir kaum je das gewünschte Ergebnis.
Aber wir können lernen, auf eine neue, gesündere Art Eltern zu sein. Anstatt gegen schwierige Gefühle anzukämpfen, können wir lernen, freundlich und verständnisvoll zu reagieren, können lernen, mit uns selbst so umzugehen, wie wir es mit einem Menschen tun würden, den wir sehr lieben. Und wenn wir gelernt haben, uns selbst Zuneigung zu schenken, stellen wir fest, dass wir mit derselben Freundlichkeit und Wärme auf unsere Kinder und Partner oder Partnerin reagieren können. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, Selbstmitgefühl sei eine Form von Schwäche. Die Forschung beweist exakt das Gegenteil. Stell dir beispielsweise vor, deine Tochter kommt eines Tages mit einer schlechten Note in einer Mathe-Arbeit nach Hause. Wie motivierend wäre es wohl, wenn du zu ihr sagen würdest: »Ich schäme mich so für dich. Du bist eine totale Versagerin. Du wirst es nie auf die Uni schaffen.« Wie fühlt sich das an? Du kannst dir vorstellen, dass sie eine Versagensangst entwickelt, eine »Mathe-Phobie« (wie man es nennt) und Mathematik wahrscheinlich völlig aufgeben wird. Wie wäre es aber, wenn sie hören würde: »Ja, du hast diese eine Arbeit verhauen, und ich liebe dich trotzdem. Wie kann ich dir helfen? Wie kann ich dich unterstützen, damit du dein Bestes geben kannst?«
In einer Studie nach der anderen finden Forscher:innen heraus, dass Menschen, die selbstmitfühlend mit sich umgehen, weniger gestresst, weniger depressiv, weniger ängstlich und angespannt sind und bessere Bewältigungsstrategien haben. Sie haben ein besseres Verhältnis zu ihrem Körper, weniger Angst, zu scheitern oder zu versagen und haben erfülltere Beziehungen. Wir sind unseren Kindern Vorbild im Hinblick auf Selbstmitgefühl, damit sie lernen können, freundlich mit sich umzugehen, wenn die Dinge nicht gut laufen. Das wird dann zu einer Ressource, auf die sie ihr Leben lang zurückgreifen können, und die ihnen hilft, resilienter und einfallsreicher zu werden.
Anstatt also uns (oder unsere Kinder oder Partnerinnen und Partner) zu beschämen oder zu kritisieren, wenn etwas schiefläuft, können wir Selbstakzeptanz praktizieren. In einem von mir geleiteten MSC-Kurs sagte Teilnehmerin Lorraine: »Ich habe festgestellt, dass es meinen Tag retten kann, wenn ich mir Selbstmitgefühl gebe, nachdem ich gegenüber meiner Teenager-Tochter explodiert bin. Anstatt wie sonst stunden- oder tagelang zu wüten und alles aufzuzählen, was sie je falsch gemacht hat, höre ich einfach auf und sage mir ›Ja, das ist ein schwieriger Moment, lass ihn los‹. Und wenn ich in einer besseren emotionalen Verfassung bin, hilft es ihr auch. Es hat mir geholfen, diese «Wutschiene» zu verlassen, wie ich es nenne. Weißt du, es ist seltsam – meine Mutter hielt über Jahre und Jahrzehnte an Kränkungen fest. Erstaunlich, nicht wahr?«
Und es geht nicht nur um dich. Selbstmitgefühl kann ansteckend sein. Es ist das Fundament für unser Mitgefühl mit anderen.
Wenn du einen harten Tag, eine harte Zeit, ein hartes Jahr, ein hartes Jahrzehnt hattest, probiere es mit dieser Übung:
Reflexion: Wenn du zu kämpfen hast
Denk an eine Zeit, in der eine gute Freundin mit einem bestimmten Problem in Bezug auf ihre Elternschaft zu kämpfen hatte etwas, das passiert war, ein Missgeschick, ein Versagen oder eine Schwierigkeit, eine Unzulänglichkeit und es dir andererseits gerade ziemlich gut ging. Wie würdest du mit deiner Freundin in dieser Situation umgehen? Was würdest du zu ihr sagen? Welche Worte würdest du benutzen? In welchem Ton würdest du sprechen? Und nonverbale Gesten? Wie wäre deine Körperhaltung? dein Gesichtsausdruck?
Nimm dir einen Moment Zeit, um deine Reaktionen zu notieren.
Denk an einen Zeitpunkt, an dem du Probleme als Mutter oder Vater hattest. Irgendetwas, das passiert war ein Missgeschick, ein Versagen, eine schwierige Interaktion oder eine Situation, in der du dich unzulänglich gefühlt hast. Wie reagierst du normalerweise in solchen Situationen? Was sagst du zu dir? Welche Worte gebrauchst du? In welchem Ton sprichst du? Und was ist mit nonverbalen Gesten?
Nimm dir einen Moment Zeit, um deine Reaktionen aufzuschreiben. Was fällt dir auf? Gibt es Unterschiede?
Wenn wir diese Übung im MSC-Kurs lehren, oder wenn ich sie Eltern vermittle, die sich in Bezug auf Erziehungsfragen etwas Unterstützung wünschen, sind die meisten total überrascht, wenn sie feststellen, wie unterschiedlich sie mit einer Freundin und mit sich selbst sprechen. Maya, eine alleinerziehende Mutter, die sich redlich abmühte und als Krankenschwester arbeitete, stellte fest, dass diese Übung ihr half, wenn sie merkte, dass sie sich für ihr geringes Einkommen niedermachte. »Ich würde nie zu einer Freundin sagen, sie sei eine Versagerin oder eine Idiotin.« Bernhard wandte die Übung an, um sich den Alltag leichter zu machen: »Ich habe mir immer Vorwürfe gemacht, wenn ich nach Feierabend müde war und keine Lust hatte, mit meinem Sohn draußen Fangen zu spielen. Jetzt kann ich eine Aktivität finden, die für uns beide funktioniert, anstatt das Gefühl zu haben, alles tun zu müssen, was mein Sohn will, um ein guter Vater zu sein.« Und Judith konnte kaum glauben, wie unterschiedlich sie sich selbst und eine Freundin behandelte. »Wenn ich so mit einer Freundin oder einem Freund sprechen würde, hätte ich überhaupt keine Freunde. Meine Güte, nicht mal den Hund behandle ich so! Ich sage zu ihm ›guter Hund‹ und nicht ›du dummer Hund mit einem Spatzenhirn‹. Es half mir, mehr in Frieden mit meinen Kindern zu leben. Und ich bin auch netter zu ihnen!«
Den meisten von uns fällt es leichter, zu anderen freundlich zu sein als zu sich selbst. Aber wir können lernen, freundlich mit uns selbst umzugehen. Kelly McGonigal, eine forschende Psychologin an der Stanford University, argumentiert, unser Gehirn sei so verdrahtet, dass wir uns selbst gegenüber kritisch und anderen gegenüber mitfühlend sind.12
Der Trick besteht darin, zu lernen, unser angeborenes Mitgefühl nach innen und außen zu richten. Das kann allerdings eine Herausforderung sein. Manche Leute stellen fest, dass sie nicht unmittelbar Mitgefühl empfinden können. Wenn die eigene Familie dabei nie ein Vorbild war oder nie mitfühlend mit uns umgegangen ist, kann es sich irgendwie unangenehm und befremdlich anfühlen. Es kann ein längerer Prozess sein, diese Qualität zu entwickeln, hab also Geduld mit dir. Falls du es so erlebt hast, könntest du mit Achtsamkeit beginnen und dich dann in Richtung Mitgefühl bewegen. Anton zeigt uns, wie das funktionieren kann.
Wut-Management
Anton hatte einen stressigen Job bei einem Tech-Startup. Das Geld war knapp und er hatte ein hitziges Temperament. Die vielen Arbeitsstunden, die Fahrerei und der Schlafmangel forderten ihren Tribut von seiner Ehe und der Beziehung zu seinen Kindern. »Wenn ich nach Hause komme bin ich reizbar. Ich bin erschöpft, total fertig und ein Nervenbündel. Ich weiß, dass es dann nicht angenehm ist, mit mir zusammen zu sein. Ich blaffe meine Frau an, schreie die Kinder an. Ich neige zum Jähzorn. Ich weiß, ich sollte nicht die Beherrschung verlieren, aber sie regen mich auf.«
»Was bringt dich denn deiner Meinung nach so auf?«, fragte ich.
Anton war bereit, zu reflektieren, warum er so wütend wurde.
»Ich glaube, es ist das ständige Gezänk. Es ist endlos, es hört nie auf. Meine beiden Jungs sind sieben und neun Jahre alt und streiten ununterbrochen, fordern sich heraus, hacken aufeinander herum. Ich will, verdammt nochmal, ein bisschen Ruhe, wenn ich nach Hause komme.«
»Ich bin Tag und Nacht und am Wochenende Gezänk ausgesetzt – auch in der Firma.« Er begann zu lächeln und lachte dann. »Ah, ich habe ständig mit zankenden Jungs zu tun. Das ist es. Ich hatte den Zusammenhang nicht gesehen. Es gibt kein Entkommen.« Er hielt inne. »Wie ist mir zu helfen? Ich bin ein vielbeschäftigter Mann. Ich will dieses Problem lösen.«
Es war klar, dass Anton nicht empfänglich für die Sprache der Achtsamkeit sein würde und er hätte sicher schon auf die Vorstellung von Selbstmitgefühl allergisch reagiert.
»Anton, ich möchte, dass dies effektiv ist und ich möchte nicht deine Zeit verschwenden. Ich schlage vor, dass wir mit Stressreduktion beginnen. Es wird dir im Job helfen und auch zu Hause mit den Kindern. Und es wird der Gesundheit guttun. Ich sehe hier in deiner Patientenakte, dass du hohen Blutdruck hast.«
»Ja, ja,« gab Anton zu, »mein Hausarzt will, dass ich entspanne, Stress abbaue, aber dafür bleibt keine Zeit.«
»Verstehe. Ich möchte dir etwas zeigen, das du in drei bis fünf Minuten tun kannst. Man kann es während eines Meetings machen, beim Telefonieren, beim Abendessen oder sogar beim Autofahren. Diese Übungen können dein Wohlbefinden steigern und sich positiv auf deine körperliche Gesundheit auswirken.«
Die folgende Übung kann gestressten Eltern helfen, inmitten eines verrückten, hektischen Lebens etwas Ruhe zu finden. Dabei bringen wir Gewahrsein in die »Kontaktpunkte« des Körpers – die Augen, die Lippen, die Hände, die Beine, die Füße. Es ist eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit vom ruhelosen Geist abzuziehen und im Körper zu verankern. Die Forschung zeigt auch, dass es wiederum den Geist beruhigt, wenn man die Aufmerksamkeit auf den Körper lenkt.
Kontaktpunkte für gestresste Eltern
Setz dich bequem hin. Wie erschöpft oder gestresst du auch bist, schau, ob es dir möglich ist, eine würdevolle Haltung einzunehmen. In Kontakt mit deinem essenziellen Wert zu kommen was du verdient hast und was oft im Nebel der Erziehungsaufgabe untergeht ist eine gute Gelegenheit für einen »Neustart«.
Lass deinen Körper zur Ruhe kommen. Entspanne dein Gesicht, lass die Schultern fallen und den Kopf, den Nacken und Rücken in eine natürliche, entspannte Ausrichtung kommen.
Nimm drei oder vier Atemzüge, um Geist und Körper zur Ruhe zu bringen. Komm in den gegenwärtigen Moment.
Nimm die Stellen wahr, an denen der Körper Kontakt hat, und bring allen »Kontaktpunkten« ein bisschen Freundlichkeit entgegen die Augenlider haben Kontakt, die Lippen haben Kontakt, die Hände haben Kontakt, die Sitzknochen haben Kontakt, die Knie haben Kontakt und die Füße sind fest in Kontakt mit dem Boden.
Finde in einen angenehmen Rhythmus, wiederhole die Sequenz und bring jeder Stelle etwas Wertschätzung entgegen. Nimm den Kontakt der Augen, der Lippen, der Hände, der Sitzknochen, der Knie und der Füße wahr.
Du kannst diese Stellen still für dich selbst wahrnehmen, um fokussiert zu bleiben.
Wenn dein Geist abschweift und du abgelenkt wirst, ist das kein Problem. Kritisiere dich nicht dafür. Beginne einfach von Neuem.
Wenn du bereit bist, nimm einen tiefen Atemzug; streck dich und bewege leicht die Arme und Beine. Versuche, diese fokussierte, freundliche Aufmerksamkeit in deine nächste Aktivität mitzunehmen.
Das ist eine sehr praktische und erdende Übung, die man mitten in Alltag praktizieren kann. Man kann die Sequenz auch umkehren; viele Leute mögen es lieber, bei den Füßen zu beginnen, die Kontakt zum Boden haben. Maria findet, dass die Übung ihr hilft, im Gleichgewicht zu bleiben, wenn sie versucht, Abendessen zu machen, während ihre Kinder um ihre Aufmerksamkeit kämpfen. Richard wendet die Übung am Ende eines langen Tages an, wenn er müde ist und seine vier Kinder auf seinen Nerven herumtrampeln. Er war auf der Suche nach einer einfachen Methode, die ihm helfen würde, nicht auszurasten, wenn sein Dreijähriger seine Milch mal wieder über dem ganzen Küchentisch verschüttete. Wenn diese unvermeidlichen Vorfälle passieren, hält er einen Moment inne, und anstatt seinen Sohn anzubrüllen, er solle doch besser aufpassen, nimmt er seine Kontaktpunkte wahr, seine Füße, seine Knie, seine Sitzknochen und so weiter, bis er sich sagen kann »Das ist Chaos, das Leben ist voller kleiner Katastrophen; wenn man Kinder hat, hat man immer wieder Chaos. Davon geht die Welt nicht unter.«
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