Read the book: «Der Rote Sturm: aus den Erinnerung von Jenny M. Lind»

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Stig Ericson
Der rote Sturm

Aus den Erinnerungen von

Jenny M. Lind, Nebraska 1890

Aus dem Schwedischen

von Regine Elsässer

Saga

Mein Vater

Als ich zehn Jahre alt war, schloß mein Vater mich eines Morgens in den Gemüsekeller ein.

Mutter versuchte, ihn zu hindern, aber er stieß sie beiseite, und als er die Tür zudrückte und den Riegel vorschob, hörte ich ihn schreien:

„Kümmere dich um deine Angelegenheiten, Frau. Sonst...“

Ich weiß nicht mehr, was ich angestellt hatte, aber es muß auf jeden Fall irgendwann im Spätherbst gewesen sein, denn die Wühlnattern hatten sich dorthin zurückgezogen, und es kroch und krabbelte überall um mich herum.

Ich stand barfuß in der Dunkelheit und schrie wie eine Wahnsinnige. Wenn ich zwischen den Schreien Luft holte, hörte ich, wie die Schlangen sich bewegten, nicht nur auf dem Boden, sondern auch auf den Regalen und den morschen Brettern unter der Decke. Ich zog mir das Kleid am Hals ganz, ganz fest zu, damit sie nicht an meinen Rücken gelangen konnten, meinen so empfindlichen Rücken, den ich schon damals, so gut es ging, zu schützen versuchte.

Als ich dann wieder herausgelassen wurde, stand die Sonne groß und rot über den Hügeln hinter dem Fluß, das Licht stach wie mit Messern in den Augen, und ich sprach mehrere Tage mit niemandem ein Wort...

So ist es, wenn ich über meine Kindheit und Jugend in der Siedlergemeinde Bluewater erzählen möchte; ich komme auf Ereignisse zu sprechen, die mit Vater zu tun haben; starke, oft schreckliche Erlebnisse, die mich immer noch zu unüberlegtem Handeln veranlassen können.

Er bestimmte mein ganzes Dasein. Meistens haßte ich ihn. Aber gleichzeitig wurde ich von ihm angezogen; es kam häufig vor, daß ich seine Nähe suchte, so wie Motten das Licht.

Mein Bruder Daniel sagte manchmal, ich sei wie mein Vater, und da wollte ich ihn dann immer kratzen und schlagen...

Was ich erzähle, wird nicht nur ein Bericht über den ‚roten Sturm’, die große Indianerfurcht im nordwestlichen Nebraska im Herbst 1890, oder darüber, was die Angst der Menschen, ihre Unwissenheit und ihre Vorurteile vermögen; vieles von dem, was ich erzähle, hat mit meiner Beziehung zu meinem Vater zu tun.

Vielleicht hilft mir das Schreiben, ihn und mich besser zu verstehen.

Mein Vater glich keinem anderen Menschen und wollte es vermutlich auch nicht.

Er hatte die kaputtesten Kleider, den beißendsten Geruch an sich, den wildesten Bart und die schärfste Zunge in der ganzen Gegend.

Jeder, der ihn zwischen den Häusern von Rushville, Chadron, Gordon oder einer der anderen neuerbauten kleinen Ortschaften entlang der Eisenbahn trotten sah, reagierte irgendwie auf ihn.

Die Kinder streckten ihm die Zunge heraus und ahmten seinen merkwürdigen, etwas holprigen Gang nach. Die Frauen traten beiseite und wandten sich ab; er war weit und breit bekannt für seine frechen Grimassen und für seine Verachtung für alles, was Weiberröcke trug. Die Männer schoben sich die Mütze in den Nacken und glotzten ihm nach, entweder mit Wut oder mit widerwilligem Respekt.

Man nannte ihn Onkel Charles.

Das hatte nichts mit seinem Alter zu tun; es gab in der Gegend Männer, die sehr viel älter waren. Aber nach vielen Jahren im Einwandererland war er so etwas wie eine Führerfigur, ein Ratgeber geworden.

An ihn wandte man sich, wenn die Ernte mißlang, wenn wieder Gerüchte umgingen, daß die Indianer oben im Reservat Kriegstänze tanzten, oder wenn die Übergriffe der Viehzüchterbosse gegen die Siedler zu schlimm wurden.

Die Bosse wollten die früher freien Steppen für sich haben. Die Weiden machten sie reich, oder noch reicher. Die meisten hatten viele tausend Tiere. Deshalb versuchten sie auf jede nur mögliche Art, die Neuankömmlinge zu vertreiben. Häuser brannten aus mysteriösen Gründen. Eingewanderte Farmer wurden tot mit Schußwunden im Rücken gefunden. Unbekannte Reiter galoppierten im Schutz der Dunkelheit nach Süden...

Die Gegend um Bluewater war weit weg vom nächsten Sheriff.

Vater behauptete, der einzig gebildete Mensch in der ganzen Gegend zu sein. Das würde man nicht glauben, wenn man ihn sah oder in seinem gebrochenenen Englisch schimpfen und fluchen hörte, aber es kann schon sein, daß etwas dran war an der Behauptung.

Bis zu den schrecklichen Ereignissen oben im Pine-Ridge-Reservat in der Woche nach Weihnachten im Jahr 1890 war er davon überzeugt, daß er und sonst niemand wußte, wie Bluewater in Zukunft aussehen würde.

Es ging um den Anbau. Ums Säen und Pflanzen, Wässern und Beschneiden. Darum, die richtigen Pflanzen in die richtige Erde zu setzen.

„Da, wo wilde Sonnenblumen wachsen, kann man auch Mais säen...“

Das habe ich ihn unendlich oft sagen hören, sowohl zu Neuankömmlingen als auch zu Nachbarn, die Ratschläge haben wollten. Und er hatte meistens recht. Ich wuchs in einem Land auf, das sich wandelte; in meiner Kindheit wurden viele tausend Acres bis dahin unberührtes Prärieland unter den Pflug genommen.

Mein Vater war ein Farmer, ich möchte sogar fast behaupten ein Farmer-Genie. Es kam vor, daß Leute aus Lincoln angereist kamen, um seinen Obstgarten anzuschauen. Er hatte die Fähigkeit, die Kraft des Bodens zu bestimmen, indem er an der Erde roch oder sie zwischen seinen kurzen, immer schmutzigen, aber dennoch merkwürdig empfindsamen Fingern zerkrümelte.

Er liebte den Mais, den Obstgarten und das Gemüse und haßte viele Menschen.

Es war fast nicht möglich, ihn zu verstehen.

Er hieß Charles J. Lind und stammte aus Schweden.

Der Indianerbaum

Viele Gemeinden haben ihre besonders gefährlichen und unheimlichen Orte, wo es angeblich in bestimmten Nächten spukt, wo die Eule bei Vollmond dreimal hintereinander ruft.

Diese Orte haben oft etwas mit Gewalt und Blut und Tod zu tun.

Auch die kleine Siedlergemeinde am Bluewater kam zu einem solchen Ort. Er lag am Fluß, drei oder vier Meilen nach Osten.

Da stand eine riesige, verwachsene Baumwollpappel, deren knorrige Zweige und rissige Rinde die Spuren von vielen Jahrzehnten von Stürmen und Grasbränden trugen. Der Baum wuchs so nah am Fluß, daß die klauenähnlichen Wurzeln bis ins Wasser reichten.

Eines Tages hing da ein Mensch, ein junger Indianer.

Es geschah an einem klaren, sonnigen Herbsttag, ein paar Tage, bevor ich zehn Jahre alt wurde. Ich verstand zuerst gar nicht, was geschehen war.

Ich sah, wie Menschen mit gesenktem Kopf vorüberritten, und als eine der Nachbarsfrauen in die Küche kam, begrüßte sie mich nicht, und Mutter schickte mich hinaus, ehe sie miteinander sprachen. Es lag etwas in der Luft, etwas Schreckliches und Beängstigendes, und hinterher war Mutter ganz anders als sonst. Sie hatte Angst im Gesicht, obwohl Vater nicht zu Hause war. Ich konnte keinen Augenkontakt mit ihr bekommen.

Und ich fragte mich natürlich, was wohl passiert war.

„Laß mich in Ruhe“, zischte sie, wenn ich sie fragte.

„Aber Mutter, Liebe...“

Sie schlug nach mir.

„Ach Kind. Häng mir nicht am Rockzipfel. Raus.“

Mutter kam aus Deutschland und hatte die neue Sprache nicht richtig gelernt. Sie verwendete oft deutsche Wörter.

Raus bedeutete, daß ich verschwinden sollte, daß sie mich nicht sehen wollte...

Irgendwie bekam ich dann doch heraus, daß man an diesem sehr sonnigen Morgen in der Nähe von Bluewater einen Menschen getötet hatte, daß man jemandem einen Strick um den Hals gebunden hatte und ihn an einem Baum hochgezogen hatte, so daß er erdrosselt wurde.

Wenn es niemand sah, band ich mir das Brunnenseil um den Hals und versuchte, mir vorzustellen, wie es sich anfühlte, erhängt zu werden.

Es ging nicht.

Ich erinnere mich auch an etwas, was Vater sagte, als er und Mutter ausnahmsweise miteinander sprachen. Es muß ein paar Tage später gewesen sein.

„Sie waren keine Menschen, als sie es taten“, sagte er. „Sie waren ein Mob.“

Mob.

Das war ein neues Wort, über das ich viel nachdachte.

Vater war dabei, als sie den Indianer hängten, aber er erzählte nicht, was geschehen war. Das erfuhr ich erst viele Jahre später von anderen. Vater erzählte selten oder fast nie etwas.

Es hatte etwas mit gestohlenen Pferden zu tun.

In diesem Sommer waren drei oder vier Pferde von den Höfen in der Gegend verschwunden, und Pferde waren der wertvollste Besitz. Man lieh sich Geld gegen hohe Zinsen, um die Ochsen gegen ein paar Pferde eintauschen zu können.

Die Pferde waren ein Zeichen dafür, daß man auf dem besten Weg war, es zu schaffen, daß man sich durch die ersten Schwierigkeiten hindurchgearbeitet hatte. Wer ein Pferd besaß, mit dem mußte man rechnen.

Eines Morgens war der Schotte McBride früh auf, und da sah er einen Indianer im Pferdegehege. Ich erinnere mich an McBride als einen grobschlächtigen, rothaarigen Mann mit harten Augen und tiefen Falten zwischen Mund und Wangen. Der Indianer rannte davon, trat aber in ein Kaninchenloch und fiel hin. McBride übermannte ihn und rief Leute zusammen, indem er drei Schüsse in die Luft abgab.

Das war die übliche Art, um Hilfe zu rufen.

Als genug Leute beisammen waren, warf man den gefesselten Indianer auf einen offenen Wagen, um ihn zum Sheriff nach Valentine zu bringen. Die Eisenbahn war damals noch nicht weiter gekommen.

Aber nun war es ein ungewöhnlich warmer Morgen, und es war weit bis nach Valentine. Das Korn stand reif auf dem Feld, man war mitten in der Erntearbeit, und für viele war es die erste Ernte in dem neuen Land. Man konnte nie wissen, wie das Wetter am nächsten Tag war. Die Herbstregen kamen sicher bald.

Man sprach darüber, während der Indianer schwieg und der Karren auf dem primitiven Weg vorwärtsknirschte. Man fluchte über die Wärme und darüber, daß ein guter Arbeitstag verloren gehen würde. Konnte McBride diesen Transport denn nicht alleine machen?

Das konnte McBride nicht. Es gab bestimmt noch mehr Rothäute in der Nähe, und er wollte nicht riskieren, von einer Horde mörderischer Wilder überfallen zu werden...

Man verfluchte alle Indianer, dieses Diebes- und Banditenpack, das oben im Reservat gut lebte, das Essen und Kleider bekam, ohne auch nur einen Finger zu rühren, während ehrliche, christliche Leute schufteten, daß ihnen das Blut unter den Nägeln hervortrat. Man schaute sich die schwieligen Hände an, die Sonne stieg immer höher, und ein Wort gab das nächste.

Die gestohlenen Pferde würden nie mehr zu ihren rechtmäßigen Besitzern zurückkommen; die waren wohl oben im Reservat verkauft worden, um Geld für den sündigen Whisky zu bekommen. Sie soffen ja wie die Schweine, die Rothäute. Und wenn sie nicht soffen, dann stahlen sie ehrlichen Leuten die Pferde...

Warum es nicht auf der Stelle erledigen? Er würde ja doch gehängt werden.

Es kann sein, daß es wie ein Scherz anfing, so wie Männer sich gegenseitig zeigen, wie stark sie sind, und sicher haben viele protestiert. Mein Vater muß einer von denen gewesen sein. Er hatte zusammen mit Indianern gejagt und zollte ihnen einen gewissen Respekt. Außerdem konnte er Leute mit vorgefaßten Meinungen nicht ausstehen, obwohl er selbst dazugehörte.

Aber dieses Mal haben nicht viele auf Onkel Charles gehört.

Als man an die Stelle kam, die noch sehr lange Zeit ‚Der Indianerbaum’ genannt wurde, warf jemand ein Seil über den untersten Ast.

Hinterher wollte niemand sagen, wer es war, aber es ging das Gerücht, daß es ein älterer Mann war, der schon 25 Jahre zuvor im Bürgerkrieg gekämpft hatte und ‚Der Korporal’ genannt wurde.

„Die Stelle ist so gut wie jede andere.“

„Ja, los, rauf mit ihm.“

„Dann haben wir es hinter uns.“

„Laßt den Schuft tanzen.“

„Die Familie soll nicht hungern müssen.“

„Es reicht schon mit der gewöhnlichen Plackerei...“

Ungefähr so wird es gewesen sein.

Die gewöhnliche Plackerei, das Gefühl, den Kampf gegen die magere Erde und das Schlechte nicht gewinnen zu können, jahrelang die enttäuschten Augen von Frauen, die von Heiratsannoncen im Omaha Daily Bee und anderen Zeitungen hergelockt worden waren, die ständige Angst vor dem Versagen und Untergang... dies und vieles andere, was sich nicht in Worten ausdrücken läßt, muß hinter dem blinden Haß der folgenden Minuten gelegen haben, dem Haß gegen jemanden, der einer anderen Rasse angehörte, dem man sich überlegen fühlte.

Eine Ansammlung ganz normaler Männer, von denen viele bestimmt jeden Tag in der Bibel lasen, hatte sich in einen Mob verwandelt.

Der Indianer war jung und mager und sprach schlecht englisch. Zuerst hatte er geschwiegen, aber jetzt versuchte er zu erklären, immer wieder. Er wußte nichts von gestohlenen Pferden, er war nur neugierig gewesen...

Als ihm die Augen der Männer sagten, daß er verurteilt war, bespuckte er die, die am nächsten standen, und dann begann er ‚schreckliche und heidnische’ Lieder in seiner eigenen Sprache zu singen.

Man knüpfte eine Schlinge und zog ihn in den Baum hoch – er wand sich und zappelte wie eine Klapperschlange, die man gerade erschlagen hat – und dann verschwand man schnell.

Alle schwiegen. Man vermied es, einander anzuschauen. Einer setzte sich mit dem Kopf zwischen den Knien an den Wegrand...

Der Körper des toten Indianers verschwand schon in der folgenden Nacht.

Die gestohlenen Pferde tauchten unten in Alliance, einen Tagesritt südwärts, wieder auf. Ein paar weiße Cowboys von einer der großen Ranchen hatten versucht, sie zu verkaufen. Sie verschwanden sehr schnell, als sie merkten, daß der Käufer mißtrauisch wurde.

McBride verschwand mit seiner Familie nach dem ersten Herbststurm, und nur ein paar Tage danach brannte sein Haus.

Auf dem Hof fand man einen roten Pfeil.

Für manche Familien begann die Angst vor den Indianern schon jetzt – obwohl es noch viele Jahre dauern sollte, bis die Indianer oben im Reservat um ihre Feuer tanzten.

Und bald ging auch das Gerücht, daß der tote Indianer bei der Baumwollpappel, dem Indianerbaum, spukte, daß er keine Ruhe in seinem unbekannten Grab finden würde, bis er gerächt worden wäre. Besonders gefährlich war es, wenn Vollmond war und die Eule dreimal rief.

Meine erste Lehrerin

Mein Vater kam, wie gesagt, aus Schweden, und so unglaublich das auch klingen mag, er war ‚ein gebildeter Mensch’, wie er selbst immer betonte. Aber er sprach schlecht englisch.

Mutter stammte aus einem Dorf in der Nähe von Bremen, und ihr Englisch war noch schlechter.

Zufälle hatten sie zusammengebracht. Sie brauchten einander, um im Einwandererland überleben zu können.

Aber es gab zwischen ihnen keine Liebe, keine Zuneigung, und ich hörte sie nur selten miteinander sprechen. Sie tauschten allerhöchstens kurze Sätze miteinander in einer Sprache, die für sie beide fremd war.

Die Sprachlosigkeit, in der ich und meine Geschwister aufwuchsen, hatte natürlich auch etwas mit der Landschaft zu tun. Wir lebten an der Grenze zur reinen Wildnis. Die Abstände zwischen den Häusern waren groß, und die Leute schufteten auf ihren Grundstücken so viele Stunden am Tag, wie das Tageslicht es zuließ. Und wenn man ausnahmsweise einmal miteinander sprach, dann wechselte man ein paar Worte übers Wetter oder die Indianer oben im Reservat.

Zweimal in der Woche kam der alte Mr. Huff vorbei. Er brachte die Post aus Rushville. Wir bekamen nie Briefe, aber Vater hatte den Rushville Standard abonniert, oder es kamen Samenkataloge, die Vater bei einer Firma in Lincoln bestellt hatte.

Mutter bot Mr. Huff immer einen Becher Kaffe oder Pflaumenwein in der Küche an, und für mich gab es nichts Schöneres, als in einer Ecke zu sitzen und ihm zuzuhören, wenn er von der Großen Weiten Welt erzählte.

Er erzählte von allen Leuten oben in Rushville, von den neugebauten Häusern und von all den merkwürdigen Dingen, die es in den Geschäften zu kaufen gab. Von der Postkutsche, die nach Pine Ridge fuhr und von sechs Pferden gezogen wurde, und – vom Allerwunderbarsten – der Eisenbahn.

„Sie haben jetzt eine neue Lok bekommen. Sie ist an der Seite grün und hat rote Räder, und sie glänzt heller als die Sonne. Und der Schornstein, der ist so groß, daß man zehn Gören von deiner Sorte hineinstopfen könnte, ohne daß es auffiele. Diese Lok solltest du mal sehen...“

Einmal fragte Mutter, wie es oben im Reservat aussah. Mr. Huff strich sich mit der Hand über die Glatze, schaute auf den Boden und verzog das Gesicht zu seinem schüchternen Lächeln. Tja, so lange die Roten ihre Lebensmittelrationen bekamen, hielten sie Ruhe, aber jetzt sah es damit eher schlecht aus.

„Obwohl sie bei uns in Rushville kein Aufsehen erregen. Man sieht kaum welche. Und egal, wie warm es ist, so haben sie ihre schmutzigen Decken über den Schultern. Es gibt Leute, die behaupten, sie machen es, damit man ihre Waffen nicht sieht, aber das glaube ich nicht. Obwohl man ja auch hin und wieder welche sieht, denen man nicht im Dunklen begegnen möchte. Aber die meisten sitzen vor den Geschäften und starren vor sich hin. Als ob sie auf etwas warten würden.“

Ich fragte, worauf sie warteten.

Mr. Huff nahm seine Mütze und ging zur Tür.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht auf bessere Zeiten. Oder darauf, daß etwas passiert...“

Im Sommer 1889 sammelte man Geld für die erste Schule in Bluewater, und im Herbst war das Gebäude fertig. Der Distrikt bekam die Nummer 37. Die Zahl war mit schwarzer Farbe auf ein weißes Brett gemalt worden, das über der Tür des langen Torfhauses angebracht war.

Ich sehnte mich danach, in die Schule gehen zu können, wie man sich überhaupt nach etwas sehnen kann, wenn man gerade vierzehn Jahre alt geworden ist. Ich konnte deshalb nur enttäuscht sein, als ich ankam.

Mein fünf Jahre jüngerer Bruder Daniel und ich bekamen schon am ersten Tag Schwierigkeiten. Die anderen Kinder hänselten uns wegen unserer Kleider, unserer Art zu reden und nicht zuletzt wegen unseres Vaters.

Aber die Enttäuschung legte sich bald, und das war das Verdienst der Lehrerin.

Sie hieß Mary Ryan und hatte meistens ein rotes Kleid an mit rundem Kragen und fünfzehn goldfarbenen Knöpfen, die wie kleine Sonnen strahlten. Ich hatte so ein warmes Rot noch nie gesehen.

Und ich hatte noch nie so gepflegte Hände und so blanke Schuhe gesehen.

Ich saß ganz hinten im Schulhaus auf einer langen Bank, reckte den Hals und glotzte ihre schwarzen Schuhe an. Ich weiß, daß ich auch an ihre Unterwäsche dachte: sie konnte unmöglich aus alten Mehlsäcken gemacht sein wie die von normalen Menschen.

Aber Mrs. Ryan war auch kein normaler Mensch. Sie war eine Offenbarung, ein Lichtschein im Halbdunkel, und sie bedeutete unendlich viel für mich.

Ihr verdanke ich, daß ich Ahnung davon bekam, daß es eine Welt gab hinter den Maisfeldern, dem Fluß und den Sandhügeln, ja sogar hinter Mr. Huffs Rushville.

Ihr verdanke ich, daß ich begriff, daß es eine andere Sprache gab als die abgehackten Sätze, die bei uns zu Hause gewechselt wurden.

Ich verehrte sie, meine erste Lehrerin. Durch sie füllte sich mein inneres Schweigen mit Wörtern. Sie gab mir Material für neue Träume.

Einer der Träume war, daß ich eines Tages so werden würde wie sie. Ich würde sprechen wie sie, so schöne Kleider tragen wie sie, sein wie sie. Das war ein fast unerreichbares Ziel für eine scheue und störrische Farmerstochter, die gerade mal eben lesen gelernt und die Eisenbahn noch nie aus der Nähe gesehen hatte.

Aber Daniel und ich durften nur ein paar Monate in die Schule gehen. Dann gab es für uns keinen Platz mehr; neue Familien, die näher wohnten, hatten sich niedergelassen.

Ich hatte den Verdacht, daß Vater hinter dem Beschluß der Schulleitung steckte; er hatte eine ähnlich niedrige Meinung von amerikanischen Schulen und Lehrerinnen wie von Pfarrern und Wanderpredigern.

Wir bekamen den Beschluß in der Schule mitgeteilt, und auf dem Heimweg saß ich in einer Schneewehe am Weg und haßte meinen Vater.

Ich war untröstlich. Ich wollte die Luft anhalten, bis ich tot war.

Ein paar Tage später bekamen wir abends Besuch von Mrs. Ryan. Vater war nicht zu Hause, und sie kam in die Küche und legte die ersten beiden Bände von Harper Lesebüchern auf den Tisch. Sie sagte, Daniel und ich sollten versuchen, alleine weiterzulesen, und Mutter könnte uns bestimmt helfen, wenn wir mal bei einem Wort nicht weiterkämen.

Dann bat sie mich, sie hinauszubegleiten, und als wir bei ihrem Einspänner waren, holte sie etwas unter der Decke auf dem Sitz hervor.

„Hier...“

Sie reichte mir ein Buch, das in Zeitungspapier eingeschlagen war.

„Es ist eine Bibel“, sagte sie. „Ich wollte sie nicht mit hineinnehmen, weil ich ja nicht wußte, ob Onkel Charles... tja, was er von der Religion hält, weißt du ja sehr viel besser als ich.“

Ich konnte das Paket nicht entgegennehmen. Es brannte im Hals und drückte hinter den Augäpfeln. Ich konnte mit dieser unvermuteten Freundlichkeit, diesem Vertrauen nicht umgehen.

Ich starrte in den sternenhellen Schnee und hörte Mrs. Ryan sagen:

„Nimm sie jetzt. Ich möchte, daß du sie bekommst. Verstehst du? Ich möchte es.“

Sie steckte mir das Paket unter den Arm, streichelte mir leicht über die Wange, stieg auf ihren Einspänner und fuhr davon.

Ich entdeckte später, daß sie mir ihre eigene Bibel geschenkt hatte, die sie wahrscheinlich zur Konfirmation bekommen hatte. Auf dem hellbraunen Papier im Deckel stand mit Tinte geschrieben ihr Mädchenname: Mary Elisabeth Finerty.

Mrs. Ryans Bibel sollte mir sehr viel bedeuten in dem schlimmen Winter, der dann kam.

Sie gab mir Mut und Stärke, als ich glaubte, nach einem schweren Schneesturm blind zu werden. Ich bewahrte sie in einer leeren Blechkiste neben meinem Bett auf, und auch wenn ich sie nicht sehen konnte, so wußte ich doch, daß sie da war, und als ich dann wieder auf einem Auge sehen konnte, gelobte ich mir, jeden Tag in der Bibel zu lesen.a

Und das machte ich auch, ich buchstabierte mich nicht nur durch Texte in der Bibel; ich las den Rushville Standard, Vaters Samenkataloge, ja, eben alles, was ich in die Hände bekam...

Manches verstand ich, aber das meiste natürlich nicht. Ich stolperte über jede Menge Wörter, die völlig neu für mich waren. Ich konnte sie nicht aussprechen und hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten. Ich lernte, wie man sie schrieb, und dann probierte ich, wenn ich alleine war, unterschiedliche Aussprachen. Ich versuchte auch zu erraten, was sie bedeuteten.

Ich machte ein Spiel daraus.

Ich versuchte auch, Wörter zu finden, die sich mit den neuen Ausdrücken reimten:

Flechten, hechten, knechten, rechten ...

Die Reimverse drehten sich dann in meinem Kopf, wenn ich meine kleinen Geschwister hüten oder in Vaters Garten Unkraut jäten mußte.

Die Bibel, die ich von Mrs. Ryan geschenkt bekommen hatte, zeigte mir den Weg zu einer funktionierenden Sprache, und nur derjenige, der sich eine Sprache erkämpfen mußte, weiß ihren Wert zu schätzen.

Aber ich zeigte die Bibel nie meinem Vater.

Die andere Mrs. Ryan

Mrs. Ryan war Witwe, und sie wohnte bei ihrem Bruder in einem weißen Holzhaus in der Nähe des Flusses ein bißchen außerhalb des Ortes. Von uns waren es sicher vier Meilen bis dorthin.

Der Bruder hieß James Finerty und war Militärarzt gewesen. Er wurde immer nur der Knochensäger genannt, und es ging das Gerücht, daß er sich selbst das Bein abgesägt hatte, nachdem das Knie von einer Kugel zertrümmert worden war in der Schlacht gegen Crazy Horse und seine Sioux oben in Montana im Jahr 1876.

Äußerlich war der Knochensäger das totale Gegenteil seiner Schwester. Sie war klein und dunkel, er war groß und hager und hatte kurze, fast weiße Haare. Sie lächelte oft, sein glattrasiertes Gesicht zeigte nie eine Bewegung. Außerdem trug er immer schwarze Kleider, wodurch er einen an einen Prediger erinnerte, so einen ‚Himmelslotsen’ – das war Vaters Ausdruck – die ihre geballten Fäuste gen Himmel reckten und allen Sündern mit ewiger Qual in einer brennenden Hölle drohten.

Wir Kinder hatten Angst vor dem Knochensäger, und wenn er in seinem schwarzen Buggy vorüberfuhr – das Ende seines Holzbeins ruhte auf einem Gestell neben dem Fußbrett – lief es vielen kalt den Rücken hinunter.

Man fragte sich, wessen Bein er als nächstes absägen würde.

Das waren natürlich alles dumme Übertreibungen. Er war ganz im Gegenteil ein sehr freundlicher Mann, der immer kam, wenn man ihn brauchte.

Im Frühsommer wurde Vater von einer Klapperschlange gebissen.

Wir befanden uns auf neuerschlossenem Ackerland weit drinnen zwischen den Sandhügeln. Mein Bruder Daniel war auch da und der Indianer John White Elk, von dem ich später noch mehr erzählen werde, und wir fuhren in rasender Fahrt zurück nach Bluewater. Vater lag auf der Ladefläche des Wagens und hatte so große Schmerzen, daß er sicher war, sterben zu müssen.

Aber das wollte er zu Hause und nirgendwo sonst.

Sobald wir nach Hause kamen, lief ich zu Doktor Finerty. Es war schon spät, und ich rannte den ganzen Weg, und als ich ankam, war ich so erschöpft, daß ich ohnmächtig wurde.

Mrs. Ryan kümmerte sich um mich, der Doktor fuhr zu meinem Vater.

Aber es war eine ganz andere Mrs. Ryan als die, die ich aus der Schule und von dem Abendbesuch zu Hause kannte. Sie hatte Falten um die Augen, die Wangen waren bleich und eingefallen, und als sie sich über mich beugte, spürte ich, daß ihr Atem etwas süßlich und übelerregend roch.

Ich erholte mich schnell wieder, und Mrs. Ryan kochte Tee, während wir auf die Rückkehr des Doktors warteten. Wir saßen an einem runden Tisch und redeten, und sie sagte, sie habe als Mädchen auch von einem schönen, weißen Kleid geträumt. Dann zeigte sie mir eine Fotografie ihres toten Mannes, Leutnant Marcus Ryan. Er war in derselben Indianerschlacht wie ihr Bruder, der Doktor, dabeigewesen, aber er hatte eine Kugel in den Bauch bekommen und war nach schlimmen Schmerzen gestorben.

Mrs. Ryan sprach mit mir so, wie noch nie jemand mit mir gesprochen hatte, direkt, leise und ehrlich, und sie schaute mir die ganze Zeit in die Augen. Es war leicht, ihr in die Augen zu schauen, und vielleicht habe ich mich deshalb einen Monat später wieder in ihr Haus gewagt.

Ich wollte sie nach ein paar Wörtern fragen, die ich nicht verstand. Eines davon war Galeere. Eines der Stücke in Harper’s zweitem Lesebuch handelte von einem Jungen, der von den Spaniern gefangen genommen worden war und auf eine Galeere geschickt wurde. Galeere, Gewehre, Schwere...

Die Reimwörter dröhnten in meinem Kopf, als ich zu dem weißen Haus am Fluß kam. Ich sah sofort, daß der Doktor unterwegs auf einem seiner Krankenbesuche war. Der Buggy war weg und das Pferdegehege leer.

Ich ging zur Tür und klopfte an.

Es war ganz still im Haus, aber dann hörte man langsame Schritte.

„Der Doktor ist nicht zu Hause.“

Mrs. Ryans Stimme auf der anderen Seite. Aber sie war kaum wiederzuerkennen.

Ich bereute, hergekommen zu sein.

„Wer ist da?“

Wieder Mrs. Ryans Stimme – und jetzt machte sie vorsichtig die Tür einen Spaltbreit auf.

„Jenny.“

Mehr sagte sie nicht, wir starrten uns an, und ich brauchte nur einen Augenblick, um zu erkennen, wie schlecht sie aussah: die Falte zwischen den Augenbrauen, die eingefallenen Wangen und die glänzenden Augen...

Ich wollte gar nicht mehr sehen. Ich machte einen Schritt zurück und bekam etwas heraus wie: „Ich soll den Doktor von Vater grüßen und sagen, daß es ihm viel besser geht.“

Ich knickste und drehte mich zum Gehen, wurde aber von Mrs. Ryans Stimme zurückgehalten.

„Kleine Jenny.“

„Ja.“

„Entschuldige mich bitte. Aber ich bin ein wenig... unpäßlich. Ich bin... nicht ganz gesund.“

Ich starrte in den Sand. Warum war ich bloß hergekommen? Warum?

„Ich freue mich, daß du gekommen bist“, fuhr Mrs. Ryan mit festerer Stimme fort. „Und es tut mir so leid, daß... warte einen Moment. Geh nicht weg.“

Sie machte die Tür zu. Nach einer Weile ging sie wieder auf, aber wieder nur einen Spaltbreit.

„Hier. Das vierte Lesebuch. Lies laut. Aber nicht zu schnell. Man soll es beim Lesen nie eilig haben. Und sprich jedes Wort so deutlich aus wie du kannst.“

Das war fast wieder die richtige Mrs. Ryan, die da sprach, aber nur fast. Als ich einen Schritt auf sie zumachte, um das Buch entgegenzunehmen, sah ich, daß sie schmutzige Fingernägel hatte.

Ich knickste, dankte und sagte, daß ich das Buch bald wieder zurückbringen würde.

„Das brauchst du nicht“, sagte Mrs. Ryan durch den Türspalt. „Ich muß nämlich... bald verreisen.“

„Weit weg?„

„Ja, weit weg. Paß auf dich auf, kleine Miss Jenny Lind.“

Sie machte schnell die Tür zu, und ich stand da und hatte das grüne Lesebuch in der Hand. Von drinnen hörte man etwas, das wie ein Schluchzen klang, aber das kann auch Einbildung gewesen sein.

Ich ging nach ungefähr einer Woche trotzdem wieder zu ihrem Haus. Ich hatte den Eindruck gehabt, daß Mrs. Ryan abreisen und nie wiederkommen würde, und ich wollte sie nicht so in Erinnerung behalten, wie sie aussah, als sie krank war.

Ich hatte nicht vor, zum Haus zu gehen und anzuklopfen. Ich wollte nur einen Schatten der normalen, gepflegten Mrs. Ryan im roten Kleid mit Knöpfen, die wie Gold glänzten, sehen.

Diese Mrs. Ryan wollte ich in Erinnerung behalten.

Auch jetzt war der Buggy weg, ebenso wie das Pferd. Ich stand lange auf der Straße und schaute hinunter auf das weiße Haus am Abhang. Aber nichts rührte sich da unten, außer den rotgeflügelten Drosseln in den Büschen am Fluß.

Schließlich ging ich doch zum Haus hinunter. Es war still, tot, verlassen. Ich hörte nur die Vögel – und meinen eigenen Atem. Ich ging zur Tür.

Sie war verschlossen.

Mrs. Ryan war schon auf ihre lange Reise aufgebrochen.

Ich fühlte mich unheimlich einsam.

Erinnerungsbilder

Zwei Tage später erfuhr ich, daß Mrs. Ryan nie mehr von ihrer langen Reise zurückkommen würde.

Es war ein blauer Abend, ein düsterer Abend. Mutter hatte mit mir geschimpft. Ob ich nichts anderes zu tun hätte, als draußen herumzulaufen. Und immer dieses Lesen, dieses Lesen...

Ich stand am Herd, als Vater hereingetrampelt kam. Er war den ganzen Tag weggewesen. Ich starrte in den Breitopf und hörte, wie er den alten Hut mit der abgeschnittenen Krempe hinwarf und die Winchester an der Tür abstellte. Er grunzte etwas und ging sofort zu seinem Arbeitstisch, wo der Rohling für einen neuen Gewehrkolben in einer Zwinge eingespannt war.

Vater war nicht nur Farmer, er war ein Meister, wenn es darum ging, alte Waffen zu reparieren. Ich weiß nicht, woher er sie bekam. Er liebte diese Waffen fast so sehr wie seinen Garten. Wir hatten sicher zehn Gewehre im Haus.

Er räusperte sich und spuckte auf den Boden. Dann war es einen Moment still. Ich wußte, daß er mich anschaute und vermutlich mit dem Daumen an der Kante einer Feile entlangstrich.

Er war mit dem Einspänner gekommen, und der Blick bedeutete, daß ich hinausgehen und mich um Blackie, das Pferd, kümmern sollte.

Ich aber schaute starrsinnig in den Topf. Ich wollte Vaters Blick nicht begegnen. Ich hörte, wie er die Feile an seinem Daumennagel prüfte.

Dann sagte er: „Sie haben sie jetzt gefunden.“

Der Maisbrei blubberte graugelb. Die schwarzen Pfannen hingen unbeweglich unter dem Brett an der fettigen Wand. Der Herd stand da, wo er immer stand.

Nichts änderte sich.

Vater fing an zu feilen.

„Bei der alten Furt“, sagte er in seinem gebrochenen Englisch. „Unter dem Indianerbaum. Sie war wohl nicht mehr ganz so schön. Die Vögel. Und die Hitze...“

Ich sah Bilder, die ich nicht sehen wollte, und dachte Gedanken, die ich nicht denken wollte. Die Worte drangen wie dünne Messer in mich ein. Aber der Schmerz kam noch nicht, ich merkte nur die dumpfen Stöße.

Ich wußte, daß er von Mrs. Ryan sprach.

„Ach so.“

Mehr sagte Mutter nicht von ihrem Platz aus, wo sie über einem kaputten Kleidungsstück saß. Die Stimme war dunkel und müde. Verbraucht von jahrelangem Geschimpfe mit uns Kindern, gerade eben mit mir.

„Jenny!“

Vaters auffordernde Stimme war ebenso rauh wie die sandigen Bodenbretter an der Tür.

Ich hob den Topf an und stellte ihn neben der runden Öffnung des Herdes ab, langsam und vorsichtig, wie um etwas nicht zu zerbrechen, was schon angeschlagen und brüchig war.

„Der Brei ist fertig.“

Ich bemühte mich, meine Stimme ausdruckslos klingen zu lassen.

Mir nichts anmerken zu lassen. Zu sein wie immer.

Das war in diesem Moment unendlich wichtig für mich.

Ich ging zum Pferd hinaus.

Später stand ich im Gehege. Ich hatte die Arme über Blackies Rücken gelegt und die Stirn in sein Fell. Ich stand oft so da, wenn ich ihn abgesattelt hatte, vielleicht, um die Nähe zu einem anderen lebendigen Wesen zu spüren.

Die Gedanken drehten sich in meinem Kopf, und ich sah vor meinem geistigen Auge Bilder von Mrs. Ryan:

...sie stand im Schulhaus vorne und schrieb Buchstaben an die Tafel, sie hatte ihr rotes Kleid an, und wenn sie den Arm hob, sah man die blanken Schuhe mit den Knöpfen an der Seite...

sie reichte mir ihre Bibel und lächelte mich an und ihre Zähne waren ebenmäßig und weiß...

das aufgewühlte Gesicht im Türspalt; der Ausdruck, den ich nicht verstand; der glänzende Blick, der mir Angst machte...

In meiner Phantasie sah ich sie ins Wasser gehen. Es war in der Dämmerung, unterhalb des weißen Hauses, und sie drängte sich durch die Büsche, wo ich vor ein paar Tagen die rotgeflügelten Drosseln gesehen hatte, die Vögel flogen kreischend auf, und sie ging immer weiter und weiter ins Wasser hinaus...

Mrs. Ryan hatte sich das Leben genommen. Warum? Ich konnte es nicht fassen. Sie, die doch alles hatte, wovon ich kaum zu träumen wagte.

Warum hatte sie mir das angetan?

Auch diesen Gedanken hatte ich – daß sie ausgerechnet mich verlassen hatte.

„Paß auf dich auf, kleine Miss Jenny Lind.“

Ich versuchte, die letzten Worte meiner toten Lehrerin an mich auszusprechen, aber meine Zunge war dick und mein Mund trocken, und Blackie hob den Kopf und machte ein paar Schritte vorwärts.

Wenn ich nur weinen gekonnt hätte.

Ich ging aus dem Gehege.

Ich hatte Schuhe an, obwohl es mitten im Sommer war, ein paar ausgetretene Männerschuhe, die so groß waren, daß man ein Ei hinter die Ferse hätte stopfen können. Vielleicht hatte ich eine Wunde auf der Sohle, ich weiß es nicht mehr.

Ich weiß nur, daß ich den einen Schuh auszog und gegen die Stallwand schlug. Ich schlug und schlug... und als ich dann wieder zum Haus gehen wollte, merkte ich, daß der Absatz abgegangen war.

Ich kroch lange im Sand umher, bis ich ihn wiederfand.

Und dann überlegte ich mir, wie ich ihn wieder festnageln würde.

Ich konnte geschickt mit Werkzeug umgehen, genau wie Vater.

Mutter stand vor dem Haus. Ihre helle Schürze leuchtete im Dunkel. Sie lehnte sich an den einen Pferdepflock. Ich ging zu ihr, und wir standen nahe beieinander, ohne etwas zu sagen. Es war ein stickiger Abend. Der Südwestwind war gekommen, man spürte jetzt schon, daß es ein trockener und heißer Spätsommer werden würde.

Dann sagte Mutter:

„Sie hat es jetzt besser. Da oben.“

Ich stand da und schaute in den noch gelbweißen Himmel weit hinten im Westen, und vielleicht fragte ich mich, warum es dort hinten noch so hell war, wenn alles um mich herum dunkel wurde...

Ich hörte wie Mutter seufzte und sagte:

„Man wünscht sich fast, daß...“

Sie sprach sehr leise, halb zu sich selbst, und dann verstummte sie und zog mich zu sich. Erst wehrte ich mich dagegen. Seit diesem Sommer hatte ich mich von Mutter abgewandt. Ich ärgerte mich immer mehr über ihre Unterwürfigkeit, ihr Unvermögen, gegen Vaters Einfälle und Launen Widerstand zu leisten. Sie machte mir Angst. Ich wollte nicht werden wie sie: so verbraucht, so abgeschafft, so vergrämt.

Aber an diesem Abend war es anders, und ich ahnte, daß sie etwas verstand, oder beinahe verstand, und ich streichelte ihren dünnen, harten Körper.

Wir standen lange so da, und sie sagte mehrmals:

„Ach, Jenny, meine Kleine.“

Aus dem Haus hörte man Vaters Feilen. Man spürte das Geräusch bis unter die Kniescheiben.

Es war, als ob der Tod vorüberfuhr

Auf der nordwestlichen Seite eines hohen Hügels zwischen unserem Haus und dem Fluß hatte der Wind eine große Grube in den Sand geweht. In der hügeligen Landschaft rund um Bluewater gab es viele solcher Gruben. Wir nannten sie Ausblasungen, und die, an die ich denke, war besonders tief und groß.

Hier hatte ich meinen „Allein-Sein-Ort“, den ich mit Klauen und Zähnen gegen meinen Bruder Daniel oder irgendwelche anderen Kinder aus der Gegend, die herkamen und mich störten, verteidigte.

Das Schönste für mich war, da zu sitzen, das Kinn auf die Knie gestützt, meine Körpergerüche einzuatmen und den feinen, graugelben Sand durch die Finger rieseln und die Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen...

Am Rand der Grube wuchsen sehr kleine gelbe Blumen, deren zusammengerollte Kronblätter in der schrägen Abendsonne wie kleine Laternen leuchteten.

Ich nannte sie für mich „Laternchen“.

Hoch oben auf den Hügeln war der Sand dunkel, fast schwarz. Man erzählte, daß die Indianer dort oben vor langer Zeit ihre Signalfeuer angezündet hatten.

Einer der merkwüdigsten und schrecklichsten Abende dieses Sommers begann damit, daß ich in meiner Grube saß.

Es war ein paar Wochen nach Mrs. Ryans Tod. Meine kleinen Geschwister schliefen, Daniel war bei den Hühnern, Mutter butterte und Vater war unterwegs auf einem seiner Lokalisierungsausflüge.

Lokalisierung bedeutete, daß er einem Neuankömmling half, gute Erde zu finden, dann steckte er die genauen Grenzen der 160 Acres ab, die dann bei der Landbehörde oben in Rushville registriert wurden. Er hatte dafür bestimmte Meßgeräte. Für jede Lokalisierung nahm er 25 Dollar. Es war ein wichtiger Teil seiner Einkünfte.

Ich hatte die Bibel dabei.

Die Laternchen leuchteten, und ich schaute zum Fluß hinüber und über den hellen, immer noch glasklaren Himmel im Westen hinter den Hügeln, und ich dachte darüber nach, wie es wohl da oben aussah, im Himmelreich, und an das Bibelwort:

Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Auf dem hellbraunen Papier der Innenseite des Deckels stand ein mit Tinte geschriebener Hinweis auf diesen Bibelvers (Joh. 3,16). Ich hatte ihn so oft gelesen, daß ich ihn auswendig konnte.

Mrs. Ryan hatte an Gottes Sohn geglaubt, warum hätte sie mir sonst ihre Bibel geschenkt? Also hatte sie das ewige Leben. Und also war sie im Himmelreich.

Ob sie mich wohl sehen konnte?

Und wie konnte man da oben leben ohne Körper?

Würde ein kleines Kind, das an Gott glaubte und in den Himmel kam, in alle Zeit und Ewigkeit ein kleines Kind bleiben?

Ungefähr solche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Meine verwirrten Gedanken waren fest an die Erde gebunden, die einzige Wirklichkeit, die ich kannte, an das Leben in Bluewater.

Ich hielt das schwarze Buch fest zwischen meine Handflächen gepreßt, und schräg unter mir floß der Fluß langsam und glitzernd nach Osten.

Sich einfach auf den Weg machen. Fortgehen. Dem dunklen Wasser zu neuen, wunderbaren Ufern folgen...

Das muß sie sich gedacht haben. Sie war krank geworden, und Doktor Finerty hatte sie nicht heilen können, und dann...

Warum sonst hätte sie ihr Leben wegwerfen sollen?

Das andere, was ich gehört hatte, war bloß Verleumdung. Neid. Gemeinheit.

Aber ich konnte dennoch nicht vergessen, was ich von einer Nachbarsfrau gehört hatte, als sie bei Mutter hereinschaute auf ein Plauderstündchen und einen Schluck von Vaters Pflaumenwein.

„Sie war bestimmt in Umständen. So allein wie sie war, wenn der Doktor unterwegs war. Und keine Schule mehr. Und zu fein, um eine Hacke in die Hand zu nehmen. Bestimmt kam dann irgendwann in der Dunkelheit ein Kerl geschlichen, und sie konnte nicht nein sagen. Sie hätte es besser wissen müssen, sie war schließlich schon fast vierzig. Aber alles stand schließlich auch nicht in ihren feinen Büchern.“

Und dann hatte sie gelacht, dieses böse Weib, ein gemeines, trockenes, scharfes Lachen.

...in Umständen.

Ich erfaßte instinktiv, was sie meinte.

Ich wußte, was die Tiere machten, um Junge zu kriegen, und ich ahnte, was die Menschen machten. So etwas konnte die göttliche Mrs. Ryan überhaupt nicht getan haben – nicht einmal vor langer Zeit mit ihrem Mann, dem toten Leutnant.

Aber trotzdem...

Ich erinnerte mich, wie Mutter aussah, als sie das letzte Mal ‚in Umständen’ war. Da erwartete sie Hanna, die jetzt etwas mehr als ein Jahr alt war. Sie hatte sich verändert. War gealtert. Es war, als ob das Kind sie von innen aufgefressen hätte, sagte sie. Als ob es ihr den Kalk aus dem Körper zöge. Sie hatte zwei Zähne vorne im Unterkiefer verloren, und sie hatte aufgehört, ihr langes, rotbraunes Haar zu bürsten, auf das sie so stolz gewesen war.

Und sie war auch schon fast vierzig.

... in Umständen, abwenden, blenden...

Die Gedanken drehten sich in meinem Kopf, wie ich da so in meiner Sandgrube saß, und die große, rote Sonne ruhte auf den Hügeln im Westen.

Ich stand auf und lief zum Ufer hinunter, mein Schatten schreckte ein Entenpaar hoch.

Die Enten flogen mit vorgereckten Hälsen und schlagenden Flügeln davon.

Durch die schnelle Flucht der Vögel aufgeschreckt, begann ich, langsam am Wasser entlangzugehen. Ich mußte etwas machen, um diese Gedanken zu verdrängen.

Die Baumwollpappeln auf der Uferböschung ließen mich an den Indianerbaum denken.

Dorthin könnte ich gehen, da konnte Mutter sagen, was sie wollte. Ich scherte mich nicht um all ihre Warnungen vor ‚den Indianern’.

Ich wußte, daß sie oben in Pine Ridge wieder um ihre Feuer tanzten, daß man sagte, es seien Kriegstänze, daß viele in Bluewater um Leib und Leben fürchteten, obwohl das Reservat auf der entgegengesetzten Seite von Rushville lag.

Ich hatte mit den Indianern gespielt, als ich klein war. Ich hatte John White Elk kennengelernt. Vater hatte von den Indianern erzählt.

Ich hatte keine Angst.

Ich beschloß, dem Fluß entlang bis zum Indianerbaum zu gehen, und ich hoffte fast, daß der Vollmond aufgegangen sein würde, bis ich dort war. Und vielleicht würde ich auch die Eule dreimal rufen hören.

Der Indianerbaum stand auf der anderen Seite des Flusses. Ich mußte also zuerst bis zur Brücke gehen, die auf die Ostseite führte und dann einige Meilen südwärts dem Wasser folgen.

Es war eine gewöhnliche Pfahlbrücke mit Geländern auf beiden Seiten, breit genug für einen Ochsenwagen. Sie war genau hundert Schritte lang.

Aus alter Gewohnheit blieb ich in der Mitte der Brücke stehen und starrte hinab in das dunkle Wasser. Es war nach den gewaltigen Regenfällen im Frühsommer immer noch Hochwasser.

Ich hatte die Bibel in der Schürzentasche, und ich weiß nicht wieso, aber ich holte sie heraus und hielt sie über das Brükkengeländer. Vielleicht wollte ich irgendeine Macht verspüren: Die Bibel war ja mein teuerster Besitz, und nur die Kraft meiner Hände hinderte den Fluß daran, sie an sich zu ziehen.

Das Wasser gurgelte um die Pfähle. Der Südwestwind rauschte in den Ohren, und ich war so in meine Gedanken vertieft, daß ich die Kutsche erst bemerkte, als sie schon auf der Brükke war.

Obwohl es schon dämmerte, sah ich, daß es Doktor Finertys schwarzer Buggy war, und ich merkte auch sofort, daß irgend etwas nicht stimmte: das Pferd ging zu langsam, die Zügel hingen herab...

Ich steckte schnell die Bibel in die Tasche und stellte mich mit dem Rücken zum Geländer.

Die großen, dünnen Speichenräder und der kleine dunkle Wagenkorb erinnerten mich an eine Spinne mit langen Beinen, und als der Buggy vorbeirollte, sah ich, daß der Doktor halb lag, den Kopf gegen das hochgeklappte Verdeck gelegt. Die Augen waren geschlossen, und der Mund war ein schwarzes Oval in dem faltigen Gesicht.

Das Gesicht war leichenblaß. Leblos. Das Verdeck war schwarz. Der Himmel im Westen war flammend rot. Das Pferd ging mit gesenktem Kopf.

Und in der kleinen Kiste zwischen den Hinterrädern waren Teile eines Skeletts zu sehen.

Es war, als ob man den Tod vorbeirollen sähe.

Ich sah, daß das Pferd auf der anderen Seite der Brücke stehenblieb. Dann nahm es den Weg nach Süden zwischen den Häusern und dem Fluß.

Ich mußte einfach folgen.

Wenn ich mich recht erinnere, war es ein ganz unwirklicher Abend: keine Menschen waren zu sehen, die Felder waren verlassen, kein Kindergeschrei, keine bellenden Hunde kamen herausgesprungen...

Die kleine Ortschaft war still wie ein Friedhof.

Und vor mir wiegte sich das hohe, kantige Verdeck des Buggys.

Die Knochen leuchteten schwach in der Dämmerung.

Er ist tot. Deshalb ist alles so still. Respekt vor dem Tod. Respekt vor dem Tod...

Dieser Gedanke echote im Takt mit meinen vorsichtigen Schritten auf dem Sandwulst zwischen den Radspuren.

Das Pferd blieb noch einmal stehen, diesmal an der Abfahrt zum Haus des Doktors. Es hob den Kopf und schien zu zögern – oder auf mich zu warten, ich könnte es in meinem verwirrten Zustand so verstanden haben –, und dann ging es langsam am Haus vorbei und blieb am Eingang zum Gehege stehen.

Ich stand unbeweglich da und schaute auf das weiße Holzhaus hinunter, genau wie vor ein paar Wochen. Aber jetzt konnte ich ja nicht einfach hier stehen.

Da ging ich vorsichtig hinunter zu dem unbeweglichen Wagen.

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9788711462447
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