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Stig Ericson
Dan Henrys Flucht

Saga

Erster Teil

1

Die ganze Geschichte, die ich hier erzählen will, fing in Hasselbacken an.

Hasselbacken ist ein großes Sommerrestaurant und liegt auf Djurgarden, einer von Stockholms vielen Inseln. Damals war es angeblich eines der besten Restaurants im ganzen Norden. Im Park standen Tische, lange, fröhlich geschmückte Veranden liefen rings um das Restaurantgebäude, und der Speisezettel hatte mindestens ein Dutzend Gerichte aufzuweisen.

Der Punsch floß in Strömen, die Militärkapelle spielte, man amüsierte sich ...

Und wenn der Wind aus Westen kam, konnte man riechen, daß der Hafen in der Nähe lag — der Gestank von Teer, Rauch und Fäulnis vermischte sich dann mit Zigarrenrauch, Parfüm und Essensgerüchen.

Ich war damals Musiker. Oder genauer gesagt Musikeleve. Ich gehörte dem Musikkorps der Svea Leibgarde an und spielte die zweite Klarinette.

Der Abend, an den ich denke, war ungewöhnlich kalt und feucht. Es muß ungefähr Mitte August gewesen sein, denn die Kutsche wurde in der Nacht zum ersten September überfallen, und das hier war etwa eine Woche vorher.

Ich erinnere mich sehr gut an jenen Abend. Zwischen den weißen Marmortischen glänzte der Kies feucht im Gaslicht. Obwohl es ein Sonntag war, hielten sich nicht besonders viele Leute im Park auf.

Ich hatte steife Finger, und es war beinahe unmöglich, der Klarinette die richtigen Töne zu entlocken. Obwohl ich die Unterlippe gegen das Rohr preßte, bis die Mundmuskeln schmerzten, wurden die meisten Töne zu tief. Eine ordentliche Resonanz hatten sie auch nicht, sie schienen im Mundstück steckenzubleiben.

Aber ich war nicht der einzige, der fror.

»Verflucht nochmal, Schnee in der Luft«, sagte einer der älteren Musiker, während wir zwischen zwei Musikstücken die Notenblätter auswechselten. »Teufel auch, ein alter Feldwebel ist für solche Strapazen nicht gebaut. Regelrechter Winter — und dann noch Tannhäuser. Verdammt!«

Das war die allgemeine Stimmung. Doch auch dieser Abend ging vorüber, die Uhr schlug elf, und wir spielten den Schlußmarsch.

Das war das letzte Mal, daß ich bei der Svea Leibgarde mitspielte, aber das ahnte ich damals natürlich nicht.

Der Musikdirektor — er hieß Rosbeck und war sicher ein ehrenwerter Mann — bedankte sich mit seiner üblichen eleganten Verbeugung für den spärlichen Applaus, dann verschwand er in der wartenden Pferdedroschke.

Es war ungewöhnlich still, während wir die Instrumente zerlegten und zusammenpackten. Wir hatten einen langen, strapaziösen Tag hinter uns, mit Parade, Gottesdienst und anschließend sechs Konzerten.

Gabriel gab eines seiner üblichen Späßchen zum besten:

»Tja, Jungs, wirklich schade, daß wir nicht länger tuten dürfen. Aber das Leben ist hart und voller Prüfungen.«

Gabriel hieß eigentlich ganz anders. Aber wenn er in sein Waldhorn blies, blähten sich seine Backen so, daß er sehr an ein Bild des Erzengels Gabriel erinnerte, das im Offizierskasino unserer Kaserne hing. Er war lang und blond und steckte voller Schabernak. In diesem Sommer war er siebzehn geworden.

»Du kannst ja dein Wursthorn nehmen und in den Wald hinausziehen, wenn du nicht zufrieden bist«, schlug eine freundliche Seele vor. »Aber paß auf, daß du keine Lerchen aufschreckst!«

Gelächter.

Aber Gabriel konnte Gelächter vertragen. Er grinste nur zurück und sagte:

»Was seid ihr für Langweiler! Hat denn keiner von euch Lust auf eine fidele Runde?«

»Draußen im Wald, meinst du wohl?«

»Wenn du eine Halbe spendierst«, sagte der Lange Gustav und hielt das Posaunenmundstück wie ein Schnapsglas hoch. »Oder einen Grog. Nach einem Abend wie heute könnten wir das brauchen.«

Gabriel lud die anderen oft ein. Von uns Jüngeren hatte er am häufigsten Geld. Er wohnte nicht in der Kaserne, sondern bei seiner Mutter, die eine Bügelstube in Skeppargatan hatte.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich eigentlich zu der Ehre kam, aber kurz darauf saßen jedenfalls Gabriel und der Lange Gustav und ich in der »Altmännerkiste«, wie wir das Café damals nannten.

Drinnen im Café war es rauchig, laut und warm. Gabriel bestellte Grog, und wir tranken und fühlten uns wohl, schwatzten und lachten.

Der Lange Gustav redete am meisten. Er war lang und dünn und ungefähr ein Jahr älter als Gabriel. Er hatte dunkles Haar und eine recht kräftige Nase und hätte wirklich gut ausgesehen, wenn er nicht so auffallend schlechte Zähne gehabt hätte.

Als wir unsere Gläser geleert hatten und aufbrechen wollten, kam ein kleiner, berauschter Mann an unseren Tisch. Er sah sehr zufrieden und vergnügt aus. Seine Backen glänzten, er war dick und glatzköpfig und hatte eine weiße Weste an. Er legte seine Hand auf die Schulter des Langen Gustav und sagte:

»Svea Leibgarde, das sind prima Jungs! Und spielen können sie! Ihr spielt königlich, Jungs! Und darum laß ich für jeden eine Halbe springen.«

Ehe jemand von uns sich auch nur äußern konnte, war er schon wieder an seinen Tisch zurückgekehrt, wo mehrere beleibte Männer ihre Gläser zu uns erhoben und winkten und grinsten. Wir winkten zurück.

Der Lange Gustav zwirbelte seinen Schnurrbart und sah zufrieden aus.

»Zu einer Halben Punsch kann man ja schlecht nein sagen.«

Ich fühlte mich allmählich etwas benommen. Der Uniformkragen schabte, der Zigarrenrauch brannte in den Augen. Ich sah die Frauengestalten auf der französischen Stofftapete an und wünschte, daß ich nicht mitgekommen wäre.

Aber wünschte ich das wirklich, damals?

Darüber habe ich viel nachgegrübelt. Ich meine, wenn ich an jenem Abend nicht in das Café mitgekommen wäre, dann hätte sich mein Leben vermutlich völlig anders gestaltet. Dann wäre ich jetzt vielleicht ein pensionierter Musikdirektor — und nicht ein alter Abenteurer oder Reporter oder wie man es nennen soll, reich an Erinnerungen und Erlebnissen, aber arm an allem übrigen.

»Euch geht’s gut«, sagte die Kellnerin, als sie mit dem Punschtablett kam. »Zu so später Stunde noch Punsch spendiert bekommen! Allerdings weiß ich nicht recht, ob einer, der noch nicht trocken hinter den Ohren ist, so etwas überhaupt trinken darf!«

Sie sah mich an und lächelte ein wenig. Sie war ziemlich hübsch. Aber sie sah müde aus, und kleine Schweißtröpfchen standen ihr auf der Stirn.

»Schließlich spielen nicht alle so schön wie wir«, sagte Gabriel.

»Und so gefroren wie wir haben auch nicht alle«, sagte der Lange Gustav. »Wir brauchen ein bißchen Wärme.« Er streckte sich und zwinkerte ihr zu. »Sag mal, könnten wir nicht ...«

Doch sie war schon zwischen den Tischen verschwunden.

Der Punsch war nicht warm, sondern kalt. Aber er schmeckte gut und erfrischend. Wir tranken und fühlten uns sehr wohl. Dann nickten wir den beleibten Männern zu und gingen.

Draußen war es dunkel. Und kalt. Wahrscheinlich waren wir ziemlich wackelig auf den Beinen, als wir die Treppen hinuntergingen. Im Nebel sahen die vereinzelten Straßenlaternen wie gelbliche Wattebäusche aus.

Trotz der späten Stunde waren noch ziemlich viele Leute unterwegs. Ab und zu rollte eine Mietdroschke zur Stadt hinein, und von den Buden hinten auf dem Tiergartenfeld drang Gelächter und betrunkenes Grölen.

»Wollen wir noch hin?« schlug Gabriel vor.

»Da treiben sich jetzt nur noch Trunkenbolde und Gesindel herum«, meinte der Lange Gustav. »Gehen wir lieber in die Stadt.«

»Das finde ich auch«, sagte ich.

Damals war ich noch sehr unselbständig.

Langsam gingen wir auf die Tiergartenbrücke zu. Wir hatten dunkelblaue Uniformen mit gelben Kragen und blanken Knöpfen an.

2

Ich habe viel darüber nachgedacht, was für ein Mensch ich an jenem Abend war, als Gabriel und der Lange Gustav und ich unter den Ahornbäumen des Tiergartens gingen und lachten und herumalberten und Punsch aufstießen.

Ich nahm mich selbst sehr ernst, und das machte meine Lage natürlich noch schwieriger.

Seit ungefähr einem Jahr saß mein Vater im Gefängnis. Ein paar aus dem Regiment erinnerten mich oft daran — besonders ein langer Leutnant mit schmaler Nase und hoher Stirn; ich haßte ihn unsagbar — aber die meisten erwähnten es nie. Ich glaube, daß viele überhaupt nichts davon wußten; ich war ja auch nur ein kleiner Musikus unter vielen anderen.

Aber diese Tatsache hatte mich schweigsam und verklemmt gemacht, und auf andere wirkte ich sicher recht langweilig. Ich hatte das Gefühl, daß sich niemand besonders viel aus mir machte. Aber wenn ich die Möglichkeit hatte, mit den anderen zusammen etwas zu unternehmen, so tat ich es gern. Wie an diesem Abend, als wir da unter den Bäumen herumgrölten und Gabriel plötzlich gegen einen Baumstamm prallte und ausrief:

»Au, zum Teufel!«

Wir blieben stehen.

»Das tat verdammt weh«, sagte Gabriel.

»Viele Sachen tun weh«, sagte der Lange Gustav. »Zu enge Schuhe tun weh. Und Zahnschmerzen tun weh, daß man halb wahnsinnig wird. Und wenn du einen Tritt in den Hintern kriegst, das tut auch weh!«

»Und trotzdem ist das Leben herrlich! Verflucht nochmal, Jungs, wir müssen was singen.«

Schmachtend und hingebungsvoll sangen wir »Im schönsten Wiesengrunde«, dreistimmig. Gabriel hatte einen schönen Tenor und sang die erste Stimme. Ich hatte zwar die Klarinette dabei, holte sie aber nicht aus dem Futteral. Es gelang mir trotz meines Stimmbruchs etwas herauszupressen, was einer Baßstimme ähnelte.

Wir fanden es sehr schön und stimmungsvoll. Als wir fertiggesungen hatten, sagte Gabriel:

»Mir brummt der Schädel immer noch von dem Zusammenstoß.«

Wir gingen weiter auf die Tiergartenbrücke zu. Der Lange Gustav ging voran. Auf einmal blieb er stehen. »Seht mal da vorne«, sagte er. »Sieht mir ganz nach Unannehmlichkeiten aus.«

Etwas weiter vorne waren neben einer Laterne drei Gestalten zu erkennen, zwei große und eine kleinere. Eine rauhe Stimme brüllte:

»Sieh dich vor, wenn du erwachsenen Leuten begegnest, du kleine Rotznase. Ich werd’s dir schon beibringen, du ...«

Wir gingen näher hin und erkannten die roten Kragen.

»Göta Garde«, stellte der Lange Gustav grimmig fest.

»Und der Kleine da scheint einer von den Unsrigen zu sein. Da müssen wir etwas unternehmen.«

Zu jener Zeit gab es drei Leibgarden in Stockholm: Svea, Göta und die Leibgarde zu Pferd. Und zwischen diesen dreien herrschte ständige und bittere Feindschaft.

»Laß mich los!« schrie der kleine Sveagardist, als eigner der anderen seinen Arm packte und ihn zu verdrehen begann.

»Oh nein, Freundchen«, sagte der andere Rotkragen, der seinem Dialekt nach aus Südschweden kam. »Zuerst mußt du schon noch lernen, dich höflich zu benehmen, mein kleiner Kanarienvogel!«

Jetzt trat der Lange Gustav vor.

»Laß den Jungen laufen«, sagte er.

Der Südschwede drehte sich rasch um und erhob die Faust. Zuerst musterte er den Langen Gustav wortlos, doch dann breitete sich ein überlegenes Grinsen auf seinem Gesicht aus.

»Wenn es in meinem Maul so scheußlich aussehen würde, dann hielte ich es lieber geschlossen«, sagte er spöttisch.

»Paß auf, du Bauernlümmel!«

An diese Worte kann ich mich noch klar und deutlich erinnern. Dann ein wildes Handgemenge, Schläge, Ächzen, Flüche, Stiefel, die im Kies nach Halt suchten. Und ich werde nie vergessen, wie der Südschwede aussah, als er unter der Laterne im Kies lag, unbeweglich, das Gesicht voller Blut.

Der Kleine und der andere Götagardist waren im Dunkeln verschwunden.

Der Lange Gustav fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und hob seine Uniformmütze vom Boden.

»Der wird so schnell nicht wieder sein Maul aufreißen, das Schwein.«

Gabriel hockte sich neben den regungslos daliegenden Gardisten.

»Ja, jetzt hält er’s Maul, der Hasenfuß. Aber er liegt so still. Hoffentlich ist er nicht ...«

Er zögerte, das Wort auszusprechen. Der Lange Gustav rieb sich das Kinn und spuckte aus. In einem Mundwinkel klebte Blut.

»Blödsinn! So ein Bauernschädel verträgt schon einiges. Jetzt hauen wir ab.«

Im Laternenlicht sah sein schmales Gesicht blaß aus. Es war ihm anzusehen, daß er allmählich Angst bekam. Er vermied es, den Südschweden anzuschauen.

»Jetzt hauen wir ab, habe ich gesagt ...«

Ich saß im Kies und preßte mit den Armen die Knie gegen meinen Leib. Ich hatte einen Schlag gegen den Magen abbekommen, der immer noch höllisch schmerzte. Aber ich hörte deutlich, was die anderen sagten. Und ich sah, wie der Schatten des Langen Gustav länger wurde.

»So kommt doch.« Gabriel war aufgestanden.

»Die Sache gefällt mir nicht. Ich glaube, er braucht ...«

»Dahinten sind sie!« gellte jetzt eine durchdringende Stimme durch die Dunkelheit.

Eilige Schritte näherten sich von der Brücke her, Schritte von vielen Füßen.

»Verflucht«, sagte der Lange Gustav.

Es klang beinahe wie ein Schluchzen. Er begann zu rennen. Gabriel folgte ihm.

»Komm, Dan. Wir verduften.«

Und sie verschwanden im Dunkeln.

»Wartet doch ...«

Mir wurde schwarz vor den Augen, als ich aufstand. Der Südschwede hatte sich noch nicht gerührt. Die rennenden Schritte waren jetzt schon ganz nahe.

»Da ist einer von ihnen! Packt ihn!«

Ich fing an zu rennen. Ich hatte schreckliche Angst. Und das Gefühl, daß der Lange Gustav und Gabriel mich im Stich gelassen hatten, stach mir quälend ins Bewußtsein.

Ich stolperte durch die Dunkelheit vorwärts. Sie waren mir dicht auf den Fersen, ich konnte das Stampfen ihrer Stiefel hören. Ein Gefühl der Panik wollte in mir aufsteigen, schon spürte ich eine Hand auf meiner Schulter ...

Und erst vor kurzem hatten Gabriel und der Lange Gustav und ich herumgealbert und gelacht und gesungen und das Leben herrlich gefunden.

Im Park waren immer noch Leute unterwegs. Dunkle Schatten bewegten sich im Nebel unter den Laternen, für mich Schreckensgestalten, die sich gleich auf mich werfen würden.

Ich überquerte den Fahrweg und stürzte zum Ufer hinunter. Keuchend stand ich auf dem Dampfersteg. Hier unten stand auch eine Laterne, so daß mich meine Verfolger trotz des Nebels erkennen konnten.

»Da ist er ...«

Rufe und Schritte zwischen Bretterzäunen und Schuppen.

Eigentlich wollte ich mich ins Wasser werfen, statt dessen lief ich nach links an der Kaimauer entlang. Unten im Wasser lagen Boote und Schiffe; ich kann mich noch gut an dunkle Schiffsrümpfe, Teergeruch und knarrendes Tauwerk erinnern.

Eine Leine kam mir in den Weg, ich stolperte und fiel nach vorne. Mit den Händen konnte ich den Sturz noch auffangen, aber meine Handflächen brannten wie Feuer. Immer noch waren sie hinter mir her. Sie kamen mir wie böse Geister vor, wie Gestalten aus einem Alptraum, wie ein Wolfsrudel, wie etwas, dem ich nie, nie entrinnen würde ...

Es gelang mir aufzustehen, bevor sie mich erreicht hatten. Einer von ihnen stolperte an derselben Stelle wie ich, ich hörte wilde Flüche hinter mir.

Halbblind vor Angst und Müdigkeit schleppte ich mich weiter. Ich stieß gegen einen Bretterzaun und schaffte es irgendwie, hinüber zu kommen. Als ich keuchend auf der anderen Seite lag, konnte ich sie deutlich hören:

»Wo steckt er jetzt?«

»Dem werden wir’s heimzahlen, dem Saukerl. Aber wo ...«

»Er ist natürlich über den Zaun geklettert!«

Ich richtete mich auf. Unter den Händen spürte ich Rinde und Sägmehl. Wahrscheinlich befand ich mich im Hof eines Holzlagers. Zwei Reihen von dicken Stämmen führten zum Wasser hinunter. Schwach glänzend hoben sie sich vom Nachthimmel ab.

Jetzt machten sich die anderen daran, über den Bretterzaun zu klettern. Ihre Stiefel polterten hart gegen die Bretter, sie fluchten und ächzten.

Ich folgte den Stämmen zum Wasser hinunter — und da lag ein Boot! Ein Ruderboot. Ich löste die Leine, schob das Boot rasch ins Wasser hinaus und zog mich an Bord.

Als ich in den dichten Nebel hinausglitt, wurde alles beinahe noch unwirklicher als zuvor. Gleichzeitig durchströmte mich ein warmes, beruhigendes Glücksgefühl.

Ich brauchte keine Angst mehr zu haben. Ich hörte die Sägespäne unter ihren Füßen knistern, hörte sie suchen und fluchen — aber jetzt war ich sicher.

Ich legte die Ruder aus und machte ein paar Ruderschläge. Meine Verfolger hörten das Geräusch und schrien hinter mir her:

»Komm zurück! Sonst ...«

»Glaub nur nicht, daß du uns entkommst, du Mörder ...«

3

Mörder ... Während das Wort mir langsam ins Bewußtsein drang, fiel mir gleichzeitig ein, daß ich barhäuptig und ohne Klarinette war. Da hinten, unter der Laterne, hatte ich sie liegengelassen ...

Und auf der Innenseite des Futterals standen Nummer und Name schön säuberlich auf einen eingeklebten Zettel geschrieben!

Der Gedanke traf mich wie ein Schlag.

Bisher hatte ich das Gefühl gehabt, daß das Ganze nur etwas Zufälliges sei, daß ich nur vor Schlägen und Mißhandlungen davonlief, daß morgen alles wieder wie immer sein würde.

Es war nicht Dan Henrik Gustafsson, der davonlief — nur ein verängstigter Junge aus der Svea Garde, von dem kein Mensch wußte, wer er war.

Aber jetzt ...

Ich zog die Ruder ein, hockte mich hin und lehnte meine Stirn gegen das Sitzbrett. Und während das Boot sachte durch den Nebel glitt, versetzte ich mich in eine neue Rolle.

Das tat ich oft zu jener Zeit. Nicht mit Absicht — es war einfach so gekommen. Im Anfang vielleicht, um besser mit der Einsamkeit fertig zu werden. Oder es war Selbstverteidigung, um für alle Fälle gewappnet zu sein und die Antworten parat zu haben.

Und dann natürlich meine Phantasie: Schon immer habe ich eine ausgesprochen lebhafte Phantasie gehabt, daher nahmen meine ausgedachten Rollen oft drastische Formen an. Wie jetzt die Mörderrolle.

Schwarzgekleidet stand ich im Gerichtssaal, das Urteil wurde verkündet, und der Karren rollte vom Rathaushof zum Galgenberg, wo Scharfrichter Hjort schon wartete. Links von ihm, von ein paar Tannenzweigen verdeckt, lag das Beil ... der Pfarrer murmelte beruhigende Gottesworte ... die Bajonette der ringsum aufgestellten Soldaten blitzten in der Morgensonne ... Trommelwirbel ... ich zog die Jacke aus und kniete mich hin ...

Ich wußte ganz genau, wie es ablaufen würde. Ältere Kameraden, die vor zwölf Jahren gesehen hatten, wie der Gardist Göthe geköpft worden war, hatten bluttriefende Berichte geliefert.

Und man wurde geköpft, wenn man jemand umgebracht hatte oder daran beteiligt gewesen war.

Die Phantasie hatte mich fest in ihrem Griff — und schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Irgend etwas in meinem Inneren zerbrach — ich hämmerte mit der Faust auf das Sitzbrett, ich weinte, schrie, fluchte, zog verzweifelt die Nase hoch.

Endlich fühlte ich mich besser. Ich setzte mich hin, sah mich in der Dunkelheit um und schnupperte wie ein Hund. Plötzlich war ich wieder zu mir gekommen — mit allen Sinnen. Ich nahm die Dunkelheit in mich auf, die Stille, den Geruch des Wassers, das Glucksen der Wellen. Ich spürte, wie mein Puls schlug.

Weit hinten auf der Eisenbahnbrücke pfiff eine Lokomotive. Der schrille Laut drang durch den Nebel und erfüllte mich auf einmal mit Glück. Er sprach davon, wie groß die Welt war, er erzählte von Wüsten und Meeren und Urwäldern und gewaltigen Städten ...

Ich war jung, und die weite Welt lag da und wartete nur auf mich.

Zwar lebte ich immer noch in der Rolle des Verbrechers, aber die Lage hatte sich jetzt verändert: Ich war frei und stark; was konnte mir die Polizei noch anhaben?

»Holt mich doch, wenn ihr könnt. Kommt nur her, ihr dickköpfigen ...«

Ich sagte die Worte laut vor mich hin, da stieß das Boot irgendwo an. Ich drehte mich schnell. Dicke Holzstämme, die wie ein gewaltiger Zaun aus dem Wasser ragten, schimmerten im Dunkeln. Hinter den Stämmen ahnte ich Laternen wie helle, verschwommene Flecken im Nebel. Ich begriff, daß ich vor der Stockbarrikade vor Skeppsholmen angelangt war.

Mein Plan stand fest.

Als ich weiterruderte, nahm der Nebel zu, so daß es unmöglich war, etwas zu erkennen, aber der Geruch nach Holz und nassem Heu führte mich. Nach einiger Zeit ragte ein Wald von Masten aus dem Nebel: Hier lagen die Schärenschiffe in langen Reihen; es müssen Hunderte gewesen sein.

Es gelang mir, zwischen den Schiffsrümpfen eine Lücke zu finden, in der ich an den Kai heranrudern konnte. Die Kaimauer war hoch und glitschig, aber ich hievte mich irgendwie hinauf. Das Boot stieß ich mit den Füßen hinaus. Es galt, keine Spuren zu hinterlassen.

Vorsichtig begann ich am Kai entlangzugehen, immer bereit, jeden Augenblick zwischen die Heuballen und Holzstöße hineinzutauchen und mich zu verbergen. Aber kein Mensch schien unterwegs zu sein. Von einem Kirchturm schlug es zwei Uhr.

Ich ging Skeppargatan hinauf. Von Storgatan drangen Hufschläge, eine Mietdroschke rollte sachte an mir vorbei. Nach ein paar Minuten war ich bei Tante Elins Haus angelangt. Dort hatte ich eine Schlafstelle in der Küche.

Als Vater mich im Regiment einschrieb, hatte er mit Tante Elin, der Schwester meiner Mutter, ausgemacht, daß ich bei ihr wohnen durfte. Die Kasernen, in denen das Regiment stationiert war, galten als sehr ungesund.

»Du mußt auf dich aufpassen, Dan«, sagte er damals oft. »Die Gesundheit ist das Kostbarste, was du besitzt. Du mußt mir versprechen, daß du auf dich aufpaßt.«

Allerdings weiß ich nicht, ob es viel besser war, in einem alten Haus an Skeppargatan zu wohnen als in der Kaserne. Es lag genauso nah am Hafen wie die Kasernen, und obwohl Tante Elin ihr Möglichstes tat, um die Ritzen abzudichten, so war es doch immer kalt und feucht in den Räumen. Sie selbst schlief in der Küche, hinter einem Vorhang. Sie war Lehrerin, aber schnarchen konnte sie wie der schlimmste Gardist. Und nachts hustete sie auch oft.

Daher schlief ich häufig in der Kaserne.

Ich trat in den Hof. Es raschelte, als Ratten zwischen den Abtritten verschwanden. Ich öffnete die Wohnungstür so leise ich konnte. Abgestandene Nachtluft und Tante Elins Schnarchen schlugen mir entgegen.

Wenn ich an Tante Elins Wohnung denke, erinnere ich mich zuerst an den Geruch. Dann kommt das Jesusbild an der Wand, die Spiegelkommode, das Holzsofa und alles andere.

In der Küche zündete ich eine Kerze an. Tante Elin schlief unruhig hinter ihrem Vorhang. Ich nahm die Kerze und schob vorsichtig die Tür zur Kammer auf, wo meine Kusinen schliefen. Ganz hinten neben dem Fenster war ein Wandschrank, in dem meine Kleider aufbewahrt wurden. Ein paar Kleidungsstücke meines Onkels hingen auch dort. Er war schon seit vielen Jahren tot.

Ich tastete mich zwischen den Betten vor, stellte die Kerze auf den Boden, schob einen Stuhl beiseite und öffnete vorsichtig die Schranktür. Ich holte alles heraus, was mir brauchbar erschien, und begann meine Uniform auszuziehen.

Als ich alle Taschen geleert hatte und die Uniform in den Schrank hängen wollte, stieß ich versehentlich gegen einen Kleiderbügel. Er fiel mit solchem Krach auf den Boden, daß eigentlich das ganze Haus hätte aufwachen müssen, so kam es mir wenigstens vor.

»Wer ist da?«

Das war Anna, meine älteste Kusine. Rasch schlüpfte ich in ein paar Hosen. Sie gehörten dem Onkel und waren in der Taille viel zu weit, doch zum Glück hatten sie Träger.

»Bist du es, Dan?«

Ich hörte, wie Anna sich im Bett hinsetzte. Sie war ein paar Jahre älter als ich und arbeitete in einem Büro.

»Ja.«

»Was machst du hier?«

Ich spürte ihre Augen durch die Dunkelheit. Sie waren groß und grau und meistens ernst. Ich war froh, daß es dunkel war.

»Ich ... ich brauche ein paar Kleider.«

»Aber ... warum redest du so komisch? Was ist denn mit dir los?«

Jetzt war sie hellwach. Was sollte ich antworten?

»Dan?«

Ich mußte irgend etwas sagen. Ich sagte:

»Ich muß abhauen.«

Das klang gar nicht so schlecht.

»Aber ... was ist denn passiert?«

»Ich habe keine Zeit, es zu erklären. Hab’ es eilig.«

Sie kam zu mir her.

»So eilig wirst du es nicht haben, daß du nicht erzählen kannst, was vorgefallen ist. Was hast du angestellt?«

Sie sprach leise, um die anderen nicht zu wecken, aber dennoch klang ihre Stimme scharf.

Ich erzählte es ihr.

»Ich glaube, daß er tot ist«, schloß ich. »Und jetzt sind sie hinter mir her.«

»Aber du hast ihn doch nicht geschlagen!«

»Ich war dabei, das genügt ihnen.«

»Und woher willst du überhaupt wissen, daß er tot ist?«

»Ich habe ihn gesehen.«

Sie schwieg. Sie stand so nah, daß ich sie atmen hören konnte und den Geruch von Schlaf und Haaren spürte.

»Er ist überhaupt nicht tot«, sagte sie dann. »Du übertreibst immer alles. Das hast du dir nur eingebildet. Du und deine Phantasie ...«

Anna hatte mich immer eingeschüchtert. Sie war älter als ich, und ich fand sie hübsch. Daher gefiel es mir gar nicht, sie so sprechen zu hören. Ich fühlte mich gekränkt.

»Und trotzdem muß ich fort«, sagte ich. »Du weißt nicht, wie es beim Regiment zugeht. Und übrigens habe ich auch ein Boot hinter dem Holzlager geklaut.« Sie seufzte.

»Wenn du unbedingt wie ein Landstreicher auf den Straßen herumziehen willst, so werde ich dich nicht hindern. Mitten in der Nacht einfach anzukommen ... Wo willst du überhaupt hin?«

»Nach Süden.«

Ich weiß nicht, wie ich darauf kam.

Anna gähnte und holte eine Tasche aus dem Schrank heraus. Ich stand in Onkels weiten Hosen daneben und fühlte mich wie ein Idiot. Die anderen Kusinen schliefen, aus der Küche kam Tante Elins Schnarchen.

»Hast du Tante Karin mal kennengelernt?« wollte Anna wissen. Sie zündete eine Kerze an und begann die Tasche für mich zu packen. Ich dachte an Tante Karin.

Sie war die jüngste Schwester meiner Mutter. Obwohl ich erst vier Jahre alt gewesen war, als sie aus Stockholm wegzog, konnte ich mich an sie erinnern. Ich wußte noch, daß ich sie immer sehr schön gefunden hatte. Sie trug ein blaues Kleid und hatte langes, blondes Haar. Manchmal sang sie mir Lieder vor. Eines handelte von einer Krähe.

»Warum willst du das wissen?« sagte ich.

»Weil ich glaube, daß du sie aufsuchen kannst«, versetzte Anna und schloß die Tasche. »Sie wohnt in Malmköping. Das ist irgendein kleines Dorf hinter Södertälje. Ziemlich weit dahinter, glaube ich.«

»Warum ist sie dorthin gezogen?«

»Sie heiratete jemand, der von dort stammte; ich glaube, daß er irgend etwas mit der Seefahrt zu tun hatte. Die älteren Tanten waren gar nicht damit einverstanden. Tante Karin hatte ja eine ordentliche Ausbildung und eine gute Anstellung —. Darum haben sie einander seither nie mehr geschrieben.«

»Wie heißt sie denn jetzt?«

»Ich weiß nicht. Aber Malmköping ist sicher nicht so groß, daß du sie dort übersehen könntest. Das heißt, wenn sie überhaupt noch da wohnt, natürlich.«

Wir gingen in die Küche hinaus, wo Anna noch ein Paket mit Proviant für mich zurechtmachte. Plötzlich sagte sie:

»Dan, mußt du wirklich fort? Verstehst du denn nicht, daß du deine ganze Zukunft ruinierst? Eigentlich müßte ich Mutter wecken. Und was wird ... dein Vater sagen? Denn er wird es natürlich erfahren, auch wenn er ...«

Mitten im Satz unterbrach sie sich. Sie sah sehr ernst aus. Die Kerze stand auf dem Herd und flackerte und zischte. Hinter dem Vorhang bewegte sich Tante Elin im Bett. Anna hatte zerzaustes Haar und sah sehr süß aus.

»Du tust ja doch, was du willst. Paß gut auf dich auf, Dan.«

Dann umarmte sie mich.

Ich weiß noch immer, wie weich sie sich anfühlte.

Die Stadt war neblig und still. Die zivilen Kleider rochen ungewohnt. Nach der Uniform fühlten sie sich leicht und dünn an, und obwohl ich schnell ging, fror ich sehr.

Auf meinem Weg durch die Stadt sah ich keinen einzigen Polizisten, damals gab es noch nicht allzuviele davon, aber aus den Gassen und Winkeln der Altstadt drang Gesang und betrunkenes Grölen.

Als ich an den Schleusen vorbeikam, blieb ich kurz stehen und lehnte mich über das Eisengeländer. Der Nebel lag wie eine dicke Wolldecke auf dem Wasser. Ich konnte die Masten und Segel der Fischerboote erahnen, und weit hinten tauchte langsam ein schwacher Streifen Dämmerlicht über den Inseln auf.

Dann kam ich in die Söderberge, hier waren andere, fremde Gerüche; es roch nach Erde und feuchtem Grün.

Das holprige Straßenpflaster ging in eine sandige Landstraße über, die Häuser wurden kleiner und die Bretterzäune länger.

Vor allem erinnere ich mich daran, wie dunkel es war. Die Dunkelheit war so dicht, daß ich immer fürchtete, von der Landstraße abzukommen und mich zwischen Schuppen und Ställen zu verirren.

Der Weg führte jetzt einen langen, abschüssigen Hang hinunter, dann kam ich an eine lange Floßbrücke, die leise glucksend auf dem Wasser lag.

Ich ging über die Brückenplanken, kletterte auf der anderen Seite einen kleinen, lehmigen Hang hinauf. Die Stadt lag hinter mir.

Während der helle Streifen am Horizont unmerklich breiter wurde, folgte ich der Landstraße — die Tasche in der Hand und den Kopf voller Gedanken. Ich war hundemüde.

Mit Holz oder Gemüse beladene Bauernkarren kamen mir entgegen. Die Kutscher hingen halbschlafend über den Zügeln. Einige nickten mir freundlich zu.

Alles war grau und feucht.

Am Wegrand stand eine Scheune. Ein paar Krähen flogen krächzend über die Felder. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Ich ging hin und öffnete die Tür. Die Scheune war voller Heu.

In der Tür drehte ich mich um. Wahrscheinlich würde es ein schöner Tag werden. Ich überlegte, wie spät es wohl sein mochte, und dachte kurz an das Regiment. Sicher waren es noch viele Stunden bis zum Wecken.

Ich kroch ins Heu hinein und schlief augenblicklich ein.

4

Wenn ich an diese Nacht denke, kann ich kaum verstehen, wie ich das alles auszuhalten vermochte: Da war zuerst der lange Tag im Regiment, abends das Konzert im Restaurant, dann die Schlägerei, die Flucht, die Fahrt im Ruderboot, der Besuch in Tante Elins Wohnung, der Marsch durch die Stadt.

Aber wenn man jung ist, hält man mehr aus, als man denkt. Und ich hatte ja keine andere Wahl, ich mußte mich nicht erst lange entscheiden.

Denn das ist ja oft das Lästigste — sich zu entscheiden. Als ich da im Ruderboot saß und die Lokomotive pfeifen hörte, war die Sache für mich klar.

Ich war vierzehn Jahre alt, gesund und kräftig und, genaugenommen, allein auf der Welt. Und ich steckte voller Unruhe und Lebenslust.

Meine Mutter starb am selben Tag, an dem ich sieben Jahre alt wurde. Am vorhergehenden Abend hatte ich vor Aufregung nur schwer einschlafen können, und ich erinnere mich noch, daß sie meinen Arm streichelte und sagte:

»Die Zeit vergeht schneller, wenn man schläft, mein kleiner Dan. Wenn du brav einschläfst, ist es bald morgen.«

Aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, kam niemand, um mir zu gratulieren, und ich bekam auch keine Geschenke. In der Wohnung wimmelte es von fremden Menschen, die alle sehr ernste Gesichter machten. Mutter war schwer krank. Ich durfte nicht zu ihr. Am Abend war sie tot.

Das ganze Haus roch nach Teer. Damals kochte man in Cholerahäusern Teer, um weitere Ansteckung zu verhüten.

An die Beerdigung kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiß, daß ich mich dazwischenwarf, als sie kamen und Mutters Kleider holen wollten. Ich konnte es nicht fassen, daß sie die nie mehr brauchen würde.

Danach zogen wir fort, Vater und ich. Ich weinte, als wir das Haus verließen, und da sagte er:

»Es wird schon alles wieder gut werden, Dan. So ist es besser für uns. Wir müssen von allem wegkommen, was uns an Mutter erinnern könnte.«

Später erzählte er mir, daß ich antwortete:

»Aber ich bin doch noch da. Du sagst doch so oft, daß ich an Mutter erinnere.«

Das Laub färbte sich schon gelb. Die Sonne schien, das Pferd, das unsere Fuhre zog, war braun, und Vater hatte einen seiner milden Tage. Wir saßen nebeneinander auf dem Kutschbock, und er hielt meine Schultern fest umfaßt.

»Alles wird wieder gut werden, mein Junge.« Und dann gab er mir ein gelbes, klebriges Bonbon.

Wenn Vater seine milden Tage hatte, gab es keinen sanftmütigeren Menschen auf der Welt. Er hätte seine Jacke verschenkt, wenn ihn jemand darum gebeten hätte. Seine Augen waren liebevolle Schlitze, das ganze Gesicht ein seliges Grinsen, und er traute allen Menschen nur Gutes zu. Er roch nach Punsch und liebte die Welt.

Nach Mutters Tod hatte er viele solche Tage.

Er war Musiker, Geiger. Er spielte im Opernorchester, und darauf war er sehr stolz.

»Dein Vater ist königlicher Kammermusiker, Dan«, sagte er oft. »Du verstehst es jetzt vielleicht noch nicht, aber das ist das Beste, was man sein kann.«

Für mich bedeutete es jedenfalls viele Stunden Einsamkeit. Ich kann mich nicht erinnern, womit ich mich die ganzen Tage und langen Abende eigentlich beschäftigte. Spielgefährten hatte ich auf jeden Fall keine. Als ich in die Schule kam, wurde es etwas besser. Da war ich wenigstens nicht allein. Aber wir hatten einen Lehrer, der nach Bier und Schnupftabak roch und uns mit einem Bambusstock auf die Finger schlug, wenn wir die Buchstaben nicht schön genug formten. Ich spüre immer noch, wie weh es tat.

Aber die Abende waren schön. Wir hatten immer viele Bücher zu Hause, und ich las viel und träumte.

Als ich die Schule beendet hatte, gingen Vater und ich zur Ersten Leibgarde, wie die Svea Leibgarde damals noch hieß. Dort trafen wir viele energisch dreinblickende Männer mit großen Schnurrbärten und dunkelblauen Uniformen mit blanken Knöpfen. Sie waren sehr freundlich und sagten, daß es nach dem König nichts Besseres auf dieser Erde gebe als einen Leibgardisten. Übrigens war der König auch Leibgardist, er war der oberste Chef des Regiments.

»Möchtest du nicht auch gerne so eine schöne Uniform haben, Dan?« sagte Vater. »Und königlicher Leibgardist werden und im Musikkorps spielen?«

Ich erhielt meine blaue Uniform. Und ich lernte, den Mund zu halten und Prügel einzustecken.

Es war unbeschreiblich, wie die Älteren uns Buben quälten. Wir waren nicht einmal den Dreck wert, auf den sie traten. Wir waren ihre Sklaven.

Aber wenigstens war ich nicht allein, sondern einer von vielen, und das gefiel mir.

Wie gesagt wohnte ich nicht in der Kaserne, sondern bei Tante Elin. Sie war Volksschullehrerin, eine schwarzgekleidete, ernste Frau mit schmalen Händen, Über der Nasenwurzel hatte sie zwei steile Falten, und ihre Augen waren groß und grau, genau wie bei Mutter. Ich hatte großen Respekt vor ihr. Wir sprachen nicht viel miteinander. Sie war Witwe und hatte drei Kinder, lauter Mädchen.

Ab und zu kam Vater und besuchte mich. Er roch meistens nach Punsch und war sehr liebevoll und sagte immer:

»Es wird schon alles gut werden, Dan.«

Aber für Vater wurde nicht alles gut, er mußte seine Stellung bei der Oper aufgeben. Wahrscheinlich war der Punsch daran schuld. Er wurde Restaurantmusiker.

Ich trug meine dunkelblaue Uniform und übte die verschiedenen Trommelwirbel auf nassen Trommelfellen, daß mir das Gefühl in den Armen bis zum Ellbogen hinauf abstarb. War ich mit den Trommelwirbeln fertig, so kamen Tonleitern und lange Tonfolgen auf einer alten Klarinette dran.

Allmählich vergrößerten sich die Abstände zwischen Vaters Besuchen bei Tante Elin immer mehr. Schließlich kam er gar nicht mehr. Heute glaube ich, daß Tante Elin ihn einfach bat, wegzubleiben.

Und ich glaube, daß sie recht daran tat.

Eines Tages, ungefähr ein Jahr vor den Ereignissen, die zu meiner Flucht führten, erhielt ich Besuch im Regiment. Es war ein Pfarrer, ein kleiner, dicker Mann mit glänzenden Wangen und heiserer Stimme, und er bat, ungestört mit mir sprechen zu dürfen. Dabei sah er sehr bedeutend und feierlich aus.

Der Pfarrer bestritt den größten Teil der Unterhaltung. Er sagte, daß Vater zu seiner Gemeinde gehöre und daß er leider den schmalen Pfad der Tugend verlassen habe. Vater war in schlechte Gesellschaft geraten und hatte sich an einem Gelddiebstahl beteiligt. Die Polizei hatte ihn erwischt, und jetzt erwartete ihn eine lange Gefängnisstrafe.

Als der Pfarrer zu Ende gesprochen hatte, war es sehr still im Zimmer. Am liebsten wäre ich sofort hinausgestürzt.

»Folge immer den Wegen Gottes, mein Junge«, sagte der Pfarrer.

Dann sagte er, daß er dafür sorgen wolle, daß ich benachrichtigt würde, wenn die Gerichtsverhandlung stattfinde; dann ging er.

Ein paar Wochen darauf erhielt Vater sein Urteil, aber weder ich noch Tante Elin noch sonst ein Verwandter waren anwesend. Er wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Wenn er sich zu seinen Taten bekannt hätte und nicht versucht hätte, alles wegzuleugnen, dann wäre das Urteil milder ausgefallen, stand in einer Benachrichtigung, die wir hinterher erhielten.

Sie kannten Vater eben nicht.

Ich konnte es nicht fassen, glaubte nicht, daß es wahr sei.

Ich weinte viel und träumte viel und hielt mich meistens abseits. Die anderen im Regiment wunderten sich, was denn mit mir los sei. Ich gab ausweichende Antworten und bemühte mich, vergnügt und normal zu wirken. Manchmal gelang es.

Aber dann kam der Pfarrer zurück und sagte, daß er alles geregelt habe, damit ich meinen Vater im Gefängnis besuchen könne.

Hinterher haßte ich den Pfarrer deswegen. Zwar kann ich nicht behaupten, daß ich alle Gedanken an Vater verdrängt hatte, aber wenn ich an ihn dachte, war er königlicher Kammermusiker und sagte:

»Es wird schon alles gut werden, Dan.«

Nach dem Besuch im Gefängnis sah ich ihn als einen gebrochenen Mann. Er trug graue Gefängniskleidung und hatte eine große Wunde auf der Stirn. Er sagte nicht viel und vermied es, mir in die Augen zu sehen.

Und aus irgendeinem Grund bildete ich mir ein, an seinem Mißgeschick schuld zu sein.

Es dauerte nicht lange, bis es im Regiment durchsikkerte, daß mein Vater im Knast saß. Daß er ein Dieb war. Und dieser lange Leutnant, mein besonderer Quälgeist, gab sich redlich Mühe, damit ich es nur nie vergaß.

Daß ich die Stadt so leichten Herzens verließ, lag sicher nicht nur daran, daß ich eine lebhafte Phantasie hatte und mir meine Hinrichtung in der Dämmerung oder meine lebenslange Festungshaft ausmalte. Ich hatte viele Gründe.

Und trotz meiner Angst vor der Polizei glaube ich, daß ich selten so gut geschlafen habe wie in jener Scheune südlich von Stockholm.

5

»... Einbrecher!« Wahrscheinlich hatte der Mann schon viele Schimpfwörter geschrien, aber das war das einzige, welches ich noch hörte. Ich setzte mich im Heu auf und sah mich völlig verschlafen um. Er stand in der Tür und sah groß und dunkel und bedrohlich aus.

Durch die Ritzen in der Bretterwand drangen die Sonnenstrahlen herein. Es war sehr warm. Draußen hörte ich Vogelgezwitscher, und mein Kopf schwirrte voller Fragen.

»Na ...«

Er kam auf mich zu. Ich riß die Tasche an mich und versuchte an ihm vorbeizukommen. Er versetzte mir einen harten Tritt, so daß ich kopfüber hinfiel. Rasch stand ich wieder auf und begann zu rennen.

»Pack dich, du Einbrecher!« schrie er mir nach.

»Sonst ...«

Einbrecher ... Einbrecher ... Einbrecher ...

Das Wort dröhnte mir im Takt zu meinen Schritten durch den Kopf.

Ich lief lange und fand es herrlich, so zu rennen.

Durch meine Wut und meinen Schmerz hindurch empfand ich eine gewisse Befriedigung — mein Körper funktionierte, ich war jung und stark.

Langsam hörten die Gedanken auf zu hämmern. Aber sie verschwanden nicht. Man kann seinen Gedanken nicht davonrennen.

Von diesem ersten Tag meiner Flucht habe ich noch viele Bilder in Erinnerung.

Ich saß auf einem Stein in einem dichten Himbeergestrüpp. Die Himbeeren waren klein und schmeckten stark und süß. Der Sonnenschein war voller Fliegengesumm, und es roch nach Erde und warmem Moos.

Vorsichtig steckte ich die Hand unters Moos und löste einen großen Fladen ab, den ich davonschleuderte.

Ich kletterte in eine große Kiefer hinauf und saß lange auf einem Ast mit dem Rücken zum Stamm, pfiff vor mich hin, spürte den Geruch von Harz und dachte, wie schön alles jetzt gerade sei. Eine leichte Brise kam auf und erfüllte den Baum mit Leben — mit einem weichen, schaukelnden, sausenden Leben voller Sommer.

Ich stand neben einem Weidezaun und unterhielt mich mit einer Kuh, die ein feuchtes Maul und einen weißen Stern auf der Stirn hatte. Die Weide dahinter war sumpfig, und in einem Graben leuchteten große, gelbe Blumen.

Wahrscheinlich begegnete ich auch vielen Menschen, aber ich kann mich nur an einen erinnern. Er kam mir auf dem ausgefahrenen Kiesweg entgegen, und ich erschrak, weil er so groß und bärtig war und einen schwarzen Hut mit breiter Krempe trug.

Ich versuchte, unbefangen zu wirken, als wir uns einander näherten, aber als er die Hand erhob, wie um mich anzuhalten, erstarrte ich vor Schreck.

»Jetzt ist es aus mit der Freiheit«, dachte ich. »Jetzt bin ich dran. Jetzt warten Fesseln und Schande auf mich ...«

»Hast du vor kurzem eine Kuh hier auf dem Weg gesehen?«

Er trug blaue Arbeitskleidung und roch nach Schnupftabak und Schweiß.

»Nein.«

»Verdammtes Vieh. Sie wird doch nicht in den Wald gelaufen sein?«

Er machte kehrt, und wir gingen auf je einer Seite des Weges weiter — er mit sicheren, etwas schlurfenden Schritten, ich immer noch angespannt.

»Willst du noch weit?«

»Nach Malmköping.«

Das Wort entschlüpfte mir einfach. Ich hätte mir die Zunge abbeißen können. Was war ich doch für ein Idiot! Wenn man jetzt nach mir fahnden würde ...

»Malmköping, das liegt doch nicht hier in der Gegend, oder?«

»Es liegt hinter Södertälje.«

»Oh je, so weit weg. Vor ’nem Jahr ungefähr war ich in Södertälje. Große Stadt, das!«

Schweigend gingen wir nebeneinander her. Allmählich beruhigte ich mich. Er schien mehr an seinen Södertäljebesuch und an seine entlaufene Kuh zu denken als an mich. Aber ab und zu schielte er zu mir herüber, ein bißchen mißtrauisch, fand ich.

An einem Waldweg blieb er stehen.

»Sie wird wohl hier hinaufgelaufen sein, das Miststück«, sagte er. »Viel Glück unterwegs.«

Sein breiter Rücken verschwand zwischen den Tannen, und ich war wieder allein mit meinen Gedanken.

Dann sah ich eine Waldlichtung vor mir — eine schöne, sonnenwarme Lichtung mit Heidelbeerbüschen und großen Farnkräutern. Es ging auf den Abend zu, über dem Feld längs des Weges glitzerten tausend Insektenflügel in der untergehenden Sonne.

Ich kaute an einer Kartoffel und dachte an Anna — weiche, warme Gedanken, die mich stärkten.

Und diese Stärkung konnte ich gebrauchen.

Denn wenn ich auch kein Mörder war — schließlich war ich es ja nicht, der den Südschweden verdroschen hatte, und überhaupt war es nicht sicher, daß er tot war — so war ich doch übel dran. Ich hatte ein Boot geklaut, und das war strafbar. Ich war vom Dienst durchgebrannt, und das war auch strafbar. Ein Führungszeugnis hatte ich auch nicht, und kaum Geld.

Und von Tante Karin in Malmköping wußte ich nichts, außer daß sie ziemlich jung sein mußte und mit jemand verheiratet war, der etwas mit der Seefahrt zu tun hatte. Vielleicht würde sie mich der Polizei ausliefern. Zur Polizeistation schleichen und mich anzeigen, während ich schlief ... Aber ... nein, Anna war doch ganz sicher gewesen, daß sie mir helfen würde.

»Tante Karin in Malmköping«, sagte ich laut, während ich an meiner Kartoffel kaute. »Tante — — — Karin — — — in — — — Malmköping ...«

Malmköping klang gut, fand ich. Ich sah eine Kirche vor mir. Eine schöne, weiße Kirche in der Sonne, von friedlichen, kleinen, bunt bemalten Häusern umgeben. Und mitten in Malmköping wohnte Tante Karin. Sie stand in der Tür und wartete auf mich. — Auch an das Musikkorps dachte ich ziemlich viel. Wie war es wohl Gabriel und dem Langen Gustav ergangen? Waren sie auch geflohen? Oder waren sie noch beim Regiment ? Womöglich in Fesseln? Wie Vater, damals ...

Wie Vater.

»Du hast ja eine vielversprechende Veranlagung, du Lümmel«, hatte dieser schmalnasige Leutnant einmal gesagt, als wir in der Kaserne nach etwas suchten.

»Dich darf man nicht aus den Augen lassen!«

Nein, es gab keine Möglichkeit zur Umkehr, ich mußte weiter. Fliehen!

Und eigentlich wollte ich das wohl auch. Ich hatte großen Appetit auf das Leben und auf die Welt. Aber die Welt war so groß, so entsetzlich groß.

Und meine Füße schmerzten sehr.

Während ich dasaß und philosophierte, sah ich auf der Landstraße eine Gestalt von der Stadt her auf mich zukommen. Es war ein Mann, der mit raschen, leicht federnden Schritten ausschritt und etwas über der Schulter trug.

Zuerst wollte ich schnell aufbrechen, um allein zu bleiben, doch dann wurde ich neugierig und blieb sitzen. Er sah ganz ungefährlich aus, doch vorsichtshalber warf ich einen Blick über die Schulter, um mir einen Fluchtweg zu sichern. Hinter mir stand der Wald wie eine dunkle, dichte Mauer, da würde es nicht schwerfallen, sich zu verkrümeln.

Ich hörte von weitem, daß er pfiff. Er pfiff sehr musikalisch, ich erkannte die Melodie. Es war irgendetwas von Wagner.

Plötzlich vermißte ich meine Klarinette sehr.

Er trug gestreifte Hosen, eine dunkle Jacke und eine geblümte Weste. Auf dem Kopf saß eine schwarze Melone, einen Schnurrbart hatte er auch, überhaupt sah er sehr elegant aus. An einem Stock über der Schulter hatte er eine große geblümte Tasche hängen.

Als er mich erblickte, blieb er stehen. Zuerst zögerte er — dann kletterte er zur Lichtung hinauf und setzte sich ein Stück von mir entfernt auf einen Stein. Er nickte freundlich, legte vorsichtig seinen Hut ins Moos, holte einen Kamm aus der Westentasche und begann sich zu kämmen. Er hatte Mittelscheitel und schien so um die Dreißig zu sein.

Er setzte den Hut wieder auf und drückte ihn in die Stirn, daß die Krempe die Augen beschattete. Dann blickte er zufrieden über die Wiese, die im Licht der untergehenden Sonne flammte.

Irgendwo brüllte eine Kuh. Ich kaute noch immer an meiner Kartoffel.

»Heute war ein guter Tag für Drachen«, sagte er plötzlich.

Als er merkte, wie erstaunt ich aussah, lächelte er, und dabei wurde sein Gesicht ganz hell.

»Hast du noch nie einen Drachen steigen lassen? Du weißt doch, so einer aus Papier und zwei überkreuzten Hölzern. Mit einer langen Schnur dran. Nicht? — Und ich habe geglaubt, daß alle Jungen das schon mal gemacht haben. Als ich ein Junge war, habe ich oft Drachen steigen lassen.«

6

»Ich hatte mal einen Drachen, an den ich mich besonders gut erinnere«, sagte der Mann mit der geblümten Weste und begann seine Stiefel aufzuschnüren. »Er war sehr groß. Geradezu enorm ...«

Er brachte es fertig, gleichzeitig an seinen Stiefelriemen zu zerren und große, ausholende Armbewegungen zu machen.

»Und dann nahmen wir Kreide und malten herrliche Sachen darauf, mein Bruder und ich. Wir malten chinesische Schnörkel und Zeichen. Und dann nannten wir ihn ›Kaiser von China‹. Und einen langen Schwanz hatte er. Einen langen Schwanz mit schwarzen und weißen Schleifen. Ich glaube fast, daß wir einen ganzen Nachmittag nur an dem Schwanz arbeiteten. Ah, das tut gut ...«

Inzwischen hatte er Schuhe und Strümpfe ausgezogen und verrenkte seine Zehen, daß es nur so knackte. »Und dann gingen wir mit dem ›Kaiser von China‹ zum Himmelsberg. Das war zwar nur ein Hügel vor dem Dorf, aber wir nannten ihn den Himmelsberg.«

Er lächelte und schüttelte den Kopf und holte ein fettiges Papier aus der Tasche.

»Magst du Wurst?«

Er reichte mir ein ordentliches Stück geräucherter Wurst.

»Es war an einem Sonntag nach dem Gottesdienst«, sagte er. »Wir standen da oben auf dem Hügel, mein Bruder und ich. Und die Leute, die unten auf der Straße vorbeigingen, wollten wissen, was wir eigentlich vorhätten. Wir wollen diesen Drachen hier nach China fliegen lassen, sagte ich. Da blieben sie stehen. Das wollten sie sich natürlich nicht entgehen lassen. Einer von ihnen hatte ein Mädchen dabei. Sie mochte ungefähr zehn Jahre alt sein, mit langen, blonden Zöpfen und großen Schleifen.«

Der Mann hatte zwei Bierflaschen entkorkt, eine reichte er mir. Die andere hielt er gegen die Sonne.

»Sieht aus, als sei eine Kerze drin«, bemerkte er.

Dann trank er mit großen Schlucken. Sein Hals war schmal, und sein Adamsapfel streifte jedesmal den steifen Kragen, wenn er schluckte. Er stieß auf und saß danach lange mit der Flasche an der Wange und starrte in die untergehende Sonne. Auf seinem mageren, etwas knochigen Gesicht lag ein wehmütiger Ausdruck.

»Es gibt Sachen, die man nie vergißt«, sagte er und nahm noch einen Schluck. »Die bleiben haften wie Harzflecken.«

»Was denn für Sachen?«

Ich glaube, das waren die ersten Worte, die ich überhaupt sagte. Er aber fuhr unvermittelt fort:

»Wie sie lachte, diese Göre. Es lag so viel Verachtung in ihrem Lachen. Zwanzig Stockschläge hätten nicht mehr schmerzen können. Das war schlimmer als die Ohrfeige ...«

»Aber der Drache? Der Kaiser von China?« wollte ich wissen.

Da stellte er die Flasche auf die Erde und sah mich an. Er hatte sehr klare, beobachtende Augen, aber dennoch fiel es nicht schwer, seinem Blick zu begegnen.

»Was glaubst du denn, wie es ausging? Glaubst du, daß er hoch flog, dieser Drache?«

Ich schüttelte den Kopf, und konnte trotz seiner ernsten Miene ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Doch, zuerst schon«, sagte er und machte eine seiner ausholenden Armbewegungen. »Zuerst schoß er schnurgerade in den Himmel hinauf, und ich weiß noch, wie es in mir jubelte und sang und wie blau der Himmel war. Und dann — dann stürzte er auf die Erde zurück und brach mitten entzwei. Und da hat sie gelacht. Und ich fluchte. Ich fluchte einfach, ohne daran zu denken, nur so, aus vollem Herzen ... Willst du noch Wurst haben?«

Ich erhielt noch ein Stück.

»Da kam ihr Vater zu mir herauf und gab mir eine Ohrfeige, so daß ich umfiel und auf den Drachen stürzte. Und als ich so dalag und nicht wußte, ob ich heulen oder spucken sollte, da sagte er, daß ich den Feiertag nicht heilige und daß Gott mich strafen würde, weil ich lästere. Da spuckte ich. Und er bückte sich und schlug mich noch einmal, mitten ins Gesicht, so daß meine Lippe aufplatzte und zu bluten anfing. Und dann sagte er, daß ich lernen müsse, eine christliche Gesinnung zu zeigen. Dann ging er, und ich lag da und schniefte und spuckte Blut. Mein Bruder half mir auf die Beine. Und weißt du, was er sagte?«

»Nein.«

»›Der glaubt wohl, daß er selber Gott ist‹, sagte er. Das sagte mein Bruder, obwohl er erst acht Jahre alt war. Und dann half er mir aufzustehen und sagte, daß wir zusammen einen neuen Drachen bauen würden. — Wie alt bist du übrigens?«

»Vierzehn.«

»Dann war ich damals wohl ein paar Jahre jünger als du. Aber ich vergesse es nie. Solang ich lebe nie.«

Er kippte das restliche Bier hinunter und steckte die Flasche in die geblümte Tasche. Ich reichte ihm auch meine Flasche. Das Bier war stark, und müde, wie ich war, fühlte ich mich jetzt leicht schwindlig.

»Ich rede, als würde ich dafür bezahlt«, sagte er. »Was bist du überhaupt für einer? Du paßt nicht recht mit den Kleidern zusammen, die du anhast. Die sehen viel älter aus als du.«

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Als er meine Unsicherheit bemerkte, schloß er die Tasche und stand auf.

»Wenn du nach Süden willst, kannst du mitkommen. Ich kenne die Strecke. Und du bist ein guter Zuhörer. Ich höre übrigens auch gerne zu.«

Das war meine erste Begegnung mit dem Pastor.

Die Dämmerung war von dem Spiel der Grillen erfüllt, und Disteln und Wegwarten säumten den Wegrand.

Wir gingen nebeneinander, und der Mann mit der geblümten Weste erzählte von sich und seinem Leben. Er sprach in kurzen Sätzen, wie um Luft zu sparen.

Wir gingen ziemlich rasch.

Er stammte aus einem Dorf bei Sigtuna und wurde der Pastor genannt. Warum, sagte er nicht. Aber mit der Kirche hatte er nichts zu tun. Ich glaube, daß er auch seinen richtigen Namen erwähnte, aber den habe ich vergessen.

Und er hatte einen Beruf, auf den er sehr stolz war. Er war Typograph.

»Weißt du, was ein Typograph ist, Dan?«

Ich hatte ihm gesagt, wie ich hieß.

»Nein.«

Er blieb stehen und stellte den Fuß auf einen Stein am Wegrand. Er rieb seine Handflächen aneinander und sah sehr feierlich aus, beinahe wie ein Pfarrer.

»Wir Typographen arbeiten mit Wörtern. Wir sind es, die dafür sorgen, daß die Wörter in die Welt hinauskommen.« Ich begriff gar nichts, aber das machte nichts. Er sprach mit sich selbst und mit den Wiesen und mit der Sonne, die weit hinten auf den Baumwipfeln lag und glühte.

»Wir nehmen einen Buchstaben nach dem anderen. Sie sind winzig klein, aber wir bilden Wörter und Sätze und Zeilen daraus. Und aus den Zeilen entstehen Seiten, und die Seiten ergeben Bücher. Und die Bücher werden verbreitet, gelesen, aufbewahrt. Die Wörter bleiben. Und sie üben eine ungeheure Macht auf die Menschen aus.«

Er nahm seinen Fuß vom Stein und lächelte sein helles Lächeln.

»Hast du Musik gern?«

»Ja.«

»Volksmusik?«

»Vielleicht.«

Langsam ging er weiter und zog seine Hand durch die Gräser am Wegrand.

»An so schönen Abenden wie heute denke ich oft an ein Lied, das sie bei den Erntefesten daheim im Dorf spielten. Mit dem Lied fing es immer an, mit Schlägereien um die Mädchen hörte es meistens auf.«

Und dann begann er eine rhythmische, etwas wehmütige Melodie im Dreivierteltakt zu pfeifen. Sie war sehr schlicht, und es fiel mir nicht schwer, eine Begleitstimme zu improvisieren; ich hatte ja Übung.

Der Weg führte jetzt durch ein Tal, und die Töne klangen hoch und klar von den Hängen wider. Es war schön, so zu marschieren.

Der Pastor blieb stehen und nahm den Hut ab.

»Ich muß mich ein Weilchen verschnaufen.« Er drehte sich zu mir um. »Du bist sehr musikalisch, Dan.«

Ich weiß nicht, was ich antwortete.

»Musik ist eine feine Sache«, sagte er. »Und jetzt am Abend sind die Düfte viel kräftiger als am Tag — spürst du das? Nachts sind sie noch kräftiger als jetzt.«

Der Abend war lau und feucht, und es duftete nach Gras und reifem Getreide. Die Baumwipfel bildeten ein dunkles Spitzenmuster gegen den gelben Himmel, und dünne Nebelschleier schwebten über den Äckern.

Ein paar Kinder in hellen Kleidern jagten einander bei einem Häuschen, das etwas abseits vom Weg lag, ihre Stimmen schnitten fröhlich gellend durch die Stille. Gleich darauf eine grobe Männerstimme:

»Seid ihr toll geworden, verflixte Bande! Rein mit euch, sonst ...«

Die Stimmen verstummten sofort, eine Tür wurde zugeschlagen.

»Es ist spät, Dan. Wir müßten uns nach einem Dach über dem Kopf umsehen. Was hältst du von einem Heuschober?«

»Hab’ nichts dagegen.«

»Dann gehen wir zum nächsten Bauernhof und fragen dort. Ich bin dahinter gekommen, daß es immer besser ist, vorher zu fragen. Sonst könnten sie glauben, daß es Schurken und Banditen sind, die draußen herumschleichen.«

Er begann wieder zu marschieren, und ich folgte ihm auf merkwürdig weichen Beinen. Seine Worte hatten meine Unruhe aufs neue geweckt. Seit ich ihm begegnet war, hatte ich mich weit von meiner eigenen Wirklichkeit entfernt — aber jetzt begann die Phantasie wieder in mir zu arbeiten. Die Bilder in meinem Kopf nahmen plastische, lebendige Formen an, ich konnte sie nicht zurückhalten.

Der Götagardist lag da im Kies und blutete und lächelte mich höhnisch an ... ich spürte kalte, harte Handschellen um meine Handgelenke ... das Urteil wurde verlesen, und die Hände, die das Papier hielten, waren schmal und weiß ... und da ging der Scharfrichter auf und ab und wartete am Richtblock, er trug eine dunkelblaue Uniformjacke und gelbe Aufschläge an den Hosen.

Einen Sarg jedoch konnte ich nirgends sehen. Würde mein Körper gleich am Hinrichtungsplatz verscharrt werden oder ...

Der Pastor blieb stehen und drehte sich um.

»Was ist mit dir los? Du siehst aus, als ob du in die Hose gemacht hättest. Was ist denn?«

Er verstummte.

Weit weg hörte man Pferdehufe. Ketten und Zaumzeug rasselten, eisenbeschlagene Räder knirschten durch den Kies ...

Gleich darauf tauchte der Wagen auf. Er war groß, viel zu groß für die Straße, schien es mir, und er näherte sich mit großer Geschwindigkeit. An den Seiten hatte er gelbe Laternen, die mich wie böse Augen anstarrten.

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140 p. 1 illustration
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9788711458839
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