Read the book: «Die Kunst, mit sich allein zu sein»

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STEPHEN BATCHELOR

Die Kunst,

mit sich

allein zu sein

Übersetzung aus dem Englischen von Saskia Graf


Der Verlag dankt der Buddhastiftung für die Unterstützung bei der Übersetzung des Buches.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.edition-steinrich.de

Originaltitel: The art of solitude

Originally published by Yale University Press

© 2020 by Stephen Batchelor

Textgrundlage dieses eBooks ist die gedruckte Version des gleichnamigen Titels.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright eBook: © 2020 by edition steinrich, Berlin

Copyright der deutschen Ausgabe: © 2020 by edition steinrich, Berlin

Übersetzung: Saskia Graf, Buddhastiftung

Lektorat: Ursula Richard

Korrektorat: Carl Polónyi

Umschlagcollage: © Stephen Batchelor

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Schadenberg, Berlin

Gestaltung und Satz: Traudel Reiß

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

ISBN Print 978-3-942085-73-1

ISBN ebook 978-3-942085-74-8

Inhalt

Einleitung

Die Kunst, mit sich allein zu sein

Anhang:

Die Vier Achter

Glossar

Bibliografie

Danksagungen

Über den Autor

Zieh dich in dich zurück, aber bereite dich allem voran darauf vor, dich dort zu empfangen. Wenn du es nicht verstehst, dich selbst zu geleiten, wäre es doch Wahnsinn, dich dir selbst anzuvertrauen. Es gibt Wege des Scheiterns in der Einsamkeit wie in der Gesellschaft.

MICHEL DE MONTAIGNE

Denn oft, wenn auf dem Sofa ich ruh’

Leer oder in Nachdenklichkeit,

Leuchten sie auf, jenem inner’n Auge zu,

Das ist die Wonne der Einsamkeit;

Mein Herz vor Freude hingerissen

Tanzt dann mit den Narzissen

WILLIAM WORDSWORTH

Solitude ist in der englischen Originalausgabe ein zentraler Begriff, was sich bereits im Titel The Art of Solitude ausdrückt. Im Deutschen haben wir, um bei diesem (im Französischen wie im Englischen) äußerst vielschichtigen Begriff die jeweils stimmige Nuance zu treffen, je nach Kontext, Einsamkeit, Mit-sich-Alleinsein, Fürsichsein oder Abgeschiedenheit als Übersetzung gewählt.

Einleitung

Mit sich allein sein ist ein fließendes Konzept, das von den Tiefen eines Verlassenheitsgefühls bis zur mystischen Entrückung eines Heiligen reicht. In seinem Gedicht La Fin de Satan [Das Ende Satans] unterstrich der Schriftsteller Victor Hugo, dass »die Gesamtheit der Hölle in einem einzigen Wort enthalten ist: Einsamkeit«. Später räumte er ein: »Einsamkeit ist gut für große Geister, aber schlecht für kleine. Sie plagt den Verstand, den sie nicht erhellt.« Allerdings vermochte Hugo nicht so weit zu gehen wie sein älterer englischer Zeitgenosse, William Wordsworth, für den Einsamkeit eine »Wonne« war, die das Herz mit Freude erfüllte. Ich vermeide weitgehend die Extreme von Hölle und Glückseligkeit und werde hier den mittleren Weg des Mit-sich-Alleinseins untersuchen, den ich als Ort der Autonomie, des Staunens, der Kontemplation, der Vorstellungskraft, der Inspiration und der Fürsorge betrachte.

Ich behandle Mit-sich-Alleinsein als eine Form der Praxis, eine Lebensweise – wie sie gleichermaßen von Buddha und Montaigne verstanden wurde –, anstatt sie als einen individuellen psychischen Zustand zu analysieren. Isolation und Entfremdung betrachte ich als die dunklen, tragischen Seiten des Mit-sich-Alleinseins. Eingebettet in unser sterbliches Dasein sind aber beide Teil dessen, was es bedeutet, allein zu sein, ob in einer Klosterzelle, einem Künstleratelier oder einer problembeladenen Ehe. Mit sich allein sein ist, wie die Liebe, zu komplex und eine zu grundlegende Dimension menschlichen Lebens, als dass sie je mit einer einzigen Definition erfasst werden könnte. Meine Absicht ist es nicht, Mit-sich-Alleinsein zu »erklären«. Ich möchte seinen Reichtum und seine Tiefe offenlegen, indem ich Geschichten von Menschen erzähle, die Mit-sich-Alleinsein gelebt haben und leben.

Dieses Buch ist eine facettenreiche, parataktische Erkundung dessen, was meine eigene Praxis des Mit-sich-Alleinseins in den vergangenen vierzig Jahren unterstützt hat. Ich habe Zeit an abgelegenen Orten verbracht, schätze die Kunst und betätige mich selbst künstlerisch, praktiziere Meditation und nehme an Retreats teil, habe Peyote und Ayahuasca zu mir genommen und übe mich darin, mir einen offenen, hinterfragenden Geist zu bewahren – all das hat dazu beigetragen, dass ich gut allein sein und mich dabei wohlfühlen kann.

2013 bin ich sechzig Jahre alt geworden. Ich habe eine einjährige Auszeit von meiner Arbeit als Meditations- und Philosophielehrer genommen und einen Großteil des Jahres mit Reisen, Studieren und dem Erstellen von Collagen verbracht. Im Januar fuhr ich mit dem Bus von Mumbai nach Bhopal, um die alten Felsentempel Indiens zu besuchen; im März nahm ich an einem Kolloquium über Säkularen Buddhismus im Barre Center for Buddhist Studies in Massachusetts teil; im Oktober führte mich eine Pilgerreise nach Südkorea zu Ehren des dreißigsten Todestages meines Zen-Lehrers Kusan Sunim; und im November flog ich nach Mexiko, um mit Don Toño, einem Schamanen des Huichol-Stammes, an einem Medizinkreis teilzunehmen.

Im Rahmen des Kolloquiums in Barre präsentierte der Dharma-Lehrer und Gelehrte Gil Fronsdal seine Arbeit über eine frühe buddhistische Schrift auf Pali namens Achter-Buch (Aṭṭhakavagga). In ihrer Direktheit, Einfachheit und Nüchternheit halten die 209 Verse des Achter-Buches die prägnanten Äußerungen des Buddha fest, als er in den Jahren vor der Gründung einer Gemeinschaft, » allein wie ein Nashorn umherwanderte«. Die Verse kommen weitgehend ohne buddhistische Terminologie aus und sie propagieren ein von Meinungen und Dogmatismus befreites Leben.

Das Achter-Buch hat mich tief beeindruckt. Fasziniert von der Möglichkeit, die vier achtstrophigen Gedichte ziemlich am Anfang des Textes könnten die frühesten Aufzeichnungen der Lehre des Buddha sein, beschloss ich, sie ins Englische zu übersetzen. Inspiriert von ihrem Rhythmus und ihren Metaphern habe ich sie eher als Poesie denn als heilige Schrift behandelt. Ich nannte meine Übersetzung die Vier Achter.

Die Vier Achter beginnt mit der Frage nach dem Mit-sich-Alleinsein an sich:

Die Kreatur, in ihrer Zelle verborgen –

ein Mensch, in dunklen Leidenschaften versunken,

ist weit, weit davon entfernt, mit sich allein in Frieden zu sein.

VIER ACHTER, 1:1

Ich habe den Pali-Begriff guhā mit »Zelle« übersetzt, obwohl man ihn ebenso als »Höhle« oder »Versteck« hätte übertragen können. Guhā ist auch mit dem Wort guyha verwandt, was »Geheimnis« bedeutet. Wir können uns im dunklen, stillen Innern einer Höhle verstecken und uns sicher fühlen. Ebenso können wir uns an jene intimen Orte in uns selbst zurückziehen, die einen vergleichbaren Schutz zu bieten scheinen, an denen wir unser geheimes Leben allein und ungestört führen können.

In einem Brief an ihre Freundin Monna Alessa dei Saracini schrieb die Gelehrte und Mystikerin Katharina von Siena im 14. Jahrhundert:

Errichte zwei Häuser für dich selbst, meine Tochter. Ein tatsächliches Zuhause in deiner Zelle, um nicht an vielen Orten umherlaufen zu müssen, es sei denn, dies sei notwendig oder aus Gehorsam gegenüber der Priorin oder um der Nächstenliebe willen; und ein anderes geistiges Zuhause, das du immer bei dir tragen solltest – die Zelle der wahren Selbsterkenntnis, in der du in dir selbst Einsicht in die Güte Gottes finden wirst.

Die »Kreatur, verborgen in ihrer Zelle« muss keine Nonne sein, die in einem Kloster meditiert. Es könnte jeder sein, der sich in einer geschäftigen, lauten Stadt isoliert und allein fühlt. Doch jeder dieser einsamen, von geheimen Ängsten heimgesuchten und paralysierten Menschen wäre für den Autor der Vier Achter »weit, weit entfernt davon, mit sich allein in Frieden zu sein«.

Mit sich allein sein bedeutet mehr als einfach nur allein sein. Wahres Mit-sich-Alleinsein ist eine Weise zu sein, die der Kultivierung bedarf. Man kann sie nicht nach Belieben ein- und ausschalten. Mit-sich-Alleinsein ist eine Kunst. Man benötigt Geistesschulung, um sie zu verfeinern und zu stabilisieren. Wenn man Mit-sich-Alleinsein praktiziert, gibt man sich der Pflege der Seele hin.

Für diejenigen, die Religion zugunsten eines säkularen Humanismus verworfen haben, kann der Begriff des Mit-sich-Alleinseins Genusssucht, Nabelschau oder Solipsismus implizieren. Manche mögen sich vom Mit-sich-Alleinsein als Weg angezogen fühlen, weil sie meinen, sich so der Verantwortung entziehen und Beziehungen vermeiden zu können. Aber für viele bietet Mit-sich-Alleinsein die Zeit und den Raum, um die nötige innere Ruhe und Autonomie zu entwickeln, sich wirkungsvoll und kreativ mit der Welt auseinanderzusetzen. Momente der stillen Kontemplation, sei es vor einem Kunstwerk oder während man den eigenen Atem beobachtet, ermöglichen es uns, zu überdenken, worum es uns im eigenen Leben geht, und darüber nachzusinnen, was für uns am wichtigsten ist. Mit-sich-Alleinsein ist kein Luxus für die wenigen, die Muße haben. Es ist eine Dimension des Menschseins, der wir nicht entrinnen können. Ob wir nun eifrige Gläubige oder eifrige Atheistinnen sind, im Mit-sich-Alleinsein begegnen wir den gleichen existenziellen Fragen und untersuchen sie.

Meine Berichte in diesem Buch über die Einnahme von Psychedelika bei schamanischen Zeremonien sollten nicht als pauschale Befürwortung ihrer Verwendung verstanden werden. Ich beschreibe eine in meiner persönlichen und kulturellen Geschichte verwurzelte Reise. Sie mag für Leserinnen und Leser von Belang sein oder auch nicht. Die meisten Buddhistinnen und Buddhisten werden die Einnahme von Peyote und Ayahuasca wohl als Verletzung der Ethikregel bezüglich den Geist berauschender Mittel ansehen und somit als mit der Dharma-Praxis unvereinbar. Beim Schreiben von Die Kunst, mit sich allein zu sein ist es eines meiner Hauptanliegen gewesen, einen konstruktiveren Weg zu finden, über das umstrittene Thema Drogen in unserer gehörig unter Medikamenteneinfluss stehenden Gesellschaft zu sprechen. Wie die aktuelle Opioid-Epidemie in den Vereinigten Staaten verdeutlicht, mühen sich sowohl weltliche als auch religiöse Institutionen damit ab, Wege zu finden, um klug und mitfühlend auf diese Krise zu reagieren. Statt eine Reaktion auf die binäre Opposition zwischen Genuss (schlecht) und Abstinenz (gut) zu stützen, benötigen wir ein fundierteres und differenzierteres Verständnis, wie man Substanzen nutzt, die das menschliche Bewusstsein, Empfinden und Verhalten verändern. Indem ich die Anwendung von Psychedelika in die Praxis des Mitsich-Alleinseins einbeziehe, möchte ich sie in einen breiteren kulturellen Diskurs integrieren, der Meditation, Therapie, Philosophie, Religion und Kunst umfasst.

Dieses Buch ist aus meinen Wanderungen, Erkundungen und Studien heraus erwachsen; seine Struktur wurde jedoch durch meine zwanzigjährige Praxis, Collagen aus gefundenen Materialien herzustellen, geformt. Wohin ich auch gehe, ich sammle weggeworfene Papier-, Stoff- und Plastikreste, die ich auf Karton klebe, dann zerschneide und zu quadratischen Mosaiken anordne. Dieser Prozess verwandelt zufällig gefundene Müllfetzen in Kunstwerke, die nach vorher festgelegten, formalen Regeln strukturiert sind, und macht jede Collage zu einer Kombination aus Zufall und Ordnung. Die Kunst, mit sich allein zu sein wurde auf ähnliche Weise konzipiert und ausgearbeitet. Beim Schreiben habe ich sowohl die strenge metrische Struktur der Vier Achter als auch die chaotische Organisation von Montaignes Essais berücksichtigt, die beide die Form dieses Buches inspiriert haben.

Montaigne beobachtete, dass sich in der Malerei »manchmal das Werk aus der Hand des Malers losreißt, seine Vorstellungskraft und sein Verständnis überflügelt, ihn staunen lässt und tief bewegt«. Die Anmut und die Schönheit solcher Werke werden »nicht nur ohne die Absicht des Künstlers, sondern auch ohne sein Wissen« erreicht. In gleicher Weise »findet ein aufmerksamer Leser oftmals in den Schriften anderer noch weitere Schätze als diejenigen, die dort vom Autor platziert oder auch nur von ihm bemerkt wurden, und verleiht so diesen Texten einen reicheren Bedeutungsgehalt und Charakter«. Indem ich dieses Buch in Form einer Collage verfasste, habe ich versucht, meine schriftstellerische Einflussnahme zu dämpfen und so den Text zu befreien, damit er seine eigene Stimme findet.

Meine Collagen sind Übungsstücke in Komposition und Differenzierung. Während der Entfaltung dieses Prozesses hat mich die Frage in ihren Bann gezogen, wie unterschiedliche Dinge zusammenpassen. Eines meiner Leitprinzipien ist das des Nichtangrenzens. Es bedeutet, dass in der endgültigen Komposition keine zwei Stücke, die ich aus demselben Material ausgeschnitten habe, nebeneinander liegen dürfen. So ist sichergestellt, dass jedes Stück der Collage sich maximal von den es umgebenden Stücken unterscheidet. Dies ermöglicht jedem einzelnen Stück, sich in seinem eigenen »Fürsichsein« deutlich von der Matrix abzuheben, deren integraler Bestandteil es zugleich ist. Das gleiche Prinzip habe ich beim Schreiben dieses Buches angewandt. Keines seiner 32 Kapitel ist einem anderen vorangestellt oder folgt auf eines, das dasselbe Thema behandelt. Und da die Reihenfolge der Kapitel teilweise durch das Zufallsprinzip festgelegt wurde, bedeutete dies, dass ich beim Schreiben eines bestimmten Kapitels keine Ahnung hatte, welches andere Kapitel ihm in der endgültigen Fassung vorausgehen oder nachfolgen würde. Jedes Kapitel musste ich daher als eigenständigen Beitrag schreiben. Indem ich auf jede logische oder erzählerische Kontinuität zwischen den aufeinanderfolgenden Kapiteln verzichte, lasse ich zu, dass die grundverschiedenen Motive und Themenbereiche des Buches in überraschender und erhellender Weise aufeinanderprallen.

Dieses Projekt hat mich zu meinen Anfängen als Autor zurückgeführt. Mein erstes Buch, das 1983 erschien, trug den Titel Alone with Others: An Existential Approach to Buddhism [Mit anderen allein. Eine existentialistische Annäherung an den Buddhismus]. Wie ich es damals ausdrückte, war ich fasziniert von dem Paradoxon, »immer unausweichlich allein und gleichzeitig unausweichlich zusammen mit anderen zu sein«. Ich erkenne jetzt, dass eine vergleichbare ästhetische Spannung meine Collagenarbeit geprägt hat. Sich auf die westliche Phänomenologie und den Existenzialismus stützend, vermittelte Mit anderen allein ein buddhistisches Verständnis menschlicher Erfüllung (»Erwachen«) durch die Verknüpfung von Weisheit (allein) und Mitgefühl (mit anderen). Mein Interesse am Mit-sich-Alleinsein ist immer noch von dem gleichen Wunsch getrieben, dieses grundlegende Paradoxon menschlicher Existenz zu verstehen.

Während dieses Buch – manchmal explizit, manchmal implizit – die innere Geschichte meines eigenen Ringens mit dem Buddhismus erzählt und obwohl ich weiterhin auf Quellen und Motive aus jener Tradition zurückgreife, betrachte ich Die Kunst, mit sich allein zu sein nicht als ein buddhistisches Buch. Ich bin nicht daran interessiert, eine buddhistische Interpretation des Mit-sich-Alleinseins zu präsentieren. Ich möchte mit Ihnen teilen, was Praktizierende des Mit-sich-Alleinseins mit unterschiedlichen Hintergründen und aus unterschiedlichen Fachgebieten und Traditionen über ihre konkrete Praxis zu berichten haben.

Sechzig zu werden bedeutet für die Chinesen, fünf Zwölfjahreszyklen des Tierkreises abgeschlossen zu haben. Jedes weitere Lebensjahr wird als Bonus, als Geschenk, betrachtet. In Korea lockern sich die strengen Verhaltensregeln der konfuzianischen Gesellschaft mit sechzig. Oft begegnet man Seniorengruppen, die durch die Hügel streifen, Lieder singen, Soju trinken und sich zum Affen machen. Ich sehe die fünf Jahre, die ich benötigt habe, um dieses Buch zu schreiben, als ein Geschenk an. Ich hoffe, ich habe sie nicht vergeudet. Meine Übersetzung der Vier Achter ist als Anhang beigefügt.

Alle ursprünglich auf Französisch, Pali und Tibetisch verfassten Materialien wurden von mir für dieses Buch neu (ins Englische) übersetzt.

Stephen Batchelor

Aquitaine, Frankreich

Juni 2019

Die Kunst,

mit sich

allein zu sein

1

Selbst an langen Sommertagen im ländlichen England, wenn es nicht vor 22 Uhr dunkel wurde, bestand meine Mutter darauf, ihre zwei Söhne früh ins Bett zu schicken, was ich sowohl für unfair als auch für sinnlos hielt. Da ich nicht schlafen konnte, pflegte ich meine Augen zu schließen und mir vorzustellen, wie mein liegender Körper sich im Schlafanzug die Wände des Schlafzimmers hinauf und hinab bewegte, gegen die Decke glitt und dann an einem Punkt meiner Wahl verharrte. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass ich mich tatsächlich an diesen unmöglichen Orten befand und nicht in meinem Bett. Ich führte diese Manöver Abend für Abend durch. Ich habe sie sehr ernst genommen. Ich habe nie mit jemand darüber gesprochen, was ich tat. Es waren Übungen in reinem Mit-mir-Alleinsein.

Eine weitere Kontemplation während dieser schlaflosen Abende bestand darin, unbeirrbar bei einem Geschmack zu verweilen, der mir nicht von dieser Welt schien. Dieser Geschmack war weder angenehm noch unangenehm, nur völlig anders als alle Geschmäcker, die ich kannte. Er war mir zutiefst vertraut, obwohl ich keine Ahnung hatte, woher er kam. Jetzt kann ich gerade noch einen entfernten, mehr und mehr schwindenden Hauch davon wiederaufleben lassen.

Ich hatte immer wieder Träume vom Fliegen. Mit minimalem Aufwand schwebte ich dann durch die Luft, stieß hinab und stieg hinauf, wie ich wollte. Die Landschaften unter mir waren in Sonnenlicht getaucht, reich an Details und Farben. Als Träumender war mir bewusst, dass diese Träume realer waren als andere Träume. Sobald ein Flugtraum begann, frohlockte mein träumendes Selbst. Wieder wach erinnerte ich mich an diese Flüge mit der Sehnsucht eines Menschen, der in ein bleiernes Reich verbannt worden war.

Manchmal gab ich mir größte Mühe, mein Denken zum Stillstand zu bringen. Mein ständiges Scheitern dabei beunruhigte mich. Ich war machtlos gegenüber dem unerbittlichen Gedankenstrom, der sich fortwährend in mir ergoss. Oder ich verfolgte meinen Weg sorgfältig zurück durch die wachen Stunden des Tages auf der Suche nach Momenten, in denen ich frei von Sorgen gewesen war. Wenn ich mich für »glücklich« hielt, war ich mir stets eines blassen Schattens von Angst bewusst, der in der Nähe lauerte. Etwas konnte immer schiefgehen.

Dies waren meine ersten, naiven, nicht angeleiteten Versuche in dem, was ich heutzutage als Meditation bezeichnen würde. Durch die Erforschung der Texturen und Konturen meines Innenlebens gelang es mir, der Langeweile und Einsamkeit eines schlaflosen Kindes zu entkommen, und ich entdeckte die zufriedene Selbstgenügsamkeit des Mit-sich-Alleinseins. Thomas de Quincy sprach von »dieser inneren Welt, jener Welt geheimen Selbstbewusstseins, in der jeder von uns ein zweites Leben für sich und mit sich allein führt, parallel zu seinem anderen Leben, das er gemeinsam mit anderen führt«. In der Schule grübelte ich darüber, warum keiner der Lehrer die Existenz dieses inneren Lebens zur Kenntnis nahm, geschweige denn thematisierte. Erst als ich buddhistische Mönche traf, begegnete ich zum ersten Mal Menschen, die mit diesem Bereich vertraut waren und offen darüber sprachen, ohne Verlegenheit oder Zurückhaltung.

2

Nimm an, was du erkennst, und überquer die Fluten.

Der Weise ist nicht an Besitz gebunden –

Bleib wachsam, nachdem du den Pfeil herausgezogen –

sehn dich weder nach dieser noch nach der nächsten Welt.

VIER ACHTER, 1:8

Im Jahr 1570 verkaufte Michel de Montaigne im Alter von 37 Jahren sein Amt als Gerichtsrat in Bordeaux, das er dreizehn Jahre lang innegehabt hatte, um sich einem Leben in Abgeschiedenheit zu widmen. Er baute einen dreistöckigen Wehrturm auf seinem Gutshof in einen Rückzugsort um. Das Erdgeschoss diente als Kapelle, das Mittelgeschoss als sein Wohnbereich und das Obergeschoss als Bibliothek. Das Dachgeschoss über der Bibliothek beherbergte die Glocke des Anwesens. »Jeden Tag, bei Tagesanbruch und Sonnenuntergang«, schrieb er, »lässt eine große Glocke das Ave Maria erklingen. Dieses Getöse lässt meinen Turm erzittern.«

An einer Wand schrieb Montaigne seine Absicht auf: »mich zurückziehen und meinen Kopf in den Schoß der Weisen Jungfrauen legen, wo ich in Ruhe und Gleichmut den Rest meiner Tage verbringen werde.« Entbunden vom Druck eines öffentlichen Amtes wollte er sich der Freiheit, Beschaulichkeit und Muße widmen. Das war leichter gesagt als getan. »Der größte Dienst, den ich meinem Geist erweisen könnte«, hatte er gedacht, »wäre, ihn in völligem Nichtstun zu belassen, damit er sich um sich selbst kümmerte, sich zum Stillstand brächte und zur Ruhe käme.« Stattdessen

brachte er, wie ein entlaufenes Pferd, das durch den ganzen Ort galoppiert, seltsame fantastische Monster hervor, eins nach dem anderen, ohne Ordnung oder Plan.

Nicht in der Lage, mit diesen Turbulenzen umzugehen, verfiel Montaigne in eine tiefe Depression. Er zog sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf, indem er eine genaue Beobachtung und Analyse seines Innenlebens vornahm, die er in der Hoffnung niederschrieb, »meinen Geist dazu zu bringen, sich seiner selbst zu schämen«. Auf diese Weise begann seine Karriere als Philosoph und Essayist.

Der Tumult beschränkte sich nicht nur auf seinen Geist. Er tobte überall in seiner Umgebung. Acht Jahre zuvor, 1562, war in ganz Frankreich ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten ausgebrochen. Die Provinz Guyenne, in der er lebte, war ein bedeutendes Zentrum dieser Religionskriege, die, mit Unterbrechungen, für den Rest seines Lebens wüten sollten. Im Laufe des ersten Jahres der Gewalt wurde die nahe gelegene Kirche von Montcaret durch katholische Truppen bei dem Versuch, sie von den Protestanten zurückzuerobern, zerstört. Die nur fünf Gehminuten von seinem Haus entfernte Kirche Saint Michel de Montaigne wurde bis auf die Grundmauern niedergebrannt. »Der Ort, an dem ich wohne«, schrieb er, »wird immer als Erstes und Letztes von unseren Wirren heimgesucht.« Er erzählt, dass er häufig zu Bett gegangen sei und sich dabei ausgemalt habe, er würde »noch in dieser Nacht verraten und zu Tode geprügelt « werden.

Während Montaignes ersten Sommers in seinem Turm initiierten König Karl IX und dessen Mutter, Katharina von Medici, das Bartholomäusnacht-Massaker. Aus Rache für den versuchten Mord am protestantischen Admiral de Coligny befahlen sie die Ermordung aller führenden Protestanten in Paris. Es kam zu Gewalttätigkeiten seitens des Mobs; Katholiken zogen randalierend durch die Straßen und griffen Protestanten an. Das Blutvergießen breitete sich auf zwölf weitere Städte Frankreichs aus, darunter auch Bordeaux. Rund zehntausend Protestanten wurden abgeschlachtet.

Montaigne räumte ein, dass er, wäre er jünger gewesen, hätte versucht sein können, »sich an den Wagnissen und Herausforderungen« der Reformation »zu beteiligen«. Inspiriert von Persönlichen wie dem christlichen Humanisten Erasmus, begrüßte er mit offenen Armen das Wiederaufleben der Vernunft und der klassischen Philosophie, das die Renaissance prägte. Sein engster Freund, Étienne de la Boétie, war der Autor der Abhandlung Von der freiwilligen Knechtschaft [Discours de la servitude volontaire] über das tyrannische Wesen von Regierungen. Auf Wunsch seines Vaters hatte Montaigne Das Buch der Geschöpfe [Theologia naturalis] übersetzt, ein lateinisches Werk des katalanischen Arztes und Philosophen Raimundus Sabundus aus dem 15. Jahrhundert. Sabundus plädierte für ein Gottesverständnis, das sich aus Beobachtungen der natürlichen Welt ableitet und so die Erfordernisse von Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft in Einklang bringt.

Ein Jahr nach Ausbruch des Bürgerkriegs starb Étienne de la Boétie im Alter von 33 Jahren an der Ruhr. Montaigne war am Boden zerstört. Seine innige Verbundenheit mit Étienne war ein intellektueller und emotionaler Eckpfeiler seines Lebens. Er beschreibt ihre Freundschaft als eine, in der »Seelen miteinander vermischt und in so perfekter Verbindung miteinander verschmolzen sind, dass die Naht, die sie verbindet, sich aufgelöst hat und nicht mehr gefunden werden kann«. La Boétie vermachte seine Bücher Montaigne und diese bildeten das Herzstück der Bibliothek im Turm. La Boétie blieb für immer, stelle ich mir vor, der implizite Leser der Essais.

Um seines Freundes Andenken in Ehren zu halten, beabsichtigte Montaigne, Von der freiwilligen Knechtschaft in den ersten Band seiner Essais aufzunehmen. Er verwarf diese Idee jedoch, als er entdeckte, dass dieser Text bereits veröffentlicht worden war »zu einem üblen Zweck, von jenen, die versuchen, den Zustand unseres politischen Systems umzustürzen und zu verändern, ohne sich darum zu scheren, ob es zu einer Verbesserung führen wird«. Ein ähnliches Schicksal ereilte seine Übersetzung von Raimundus Sabundus’ Das Buch der Geschöpfe, die auch unter protestantischen Denkern Anklang gefunden hatte. Dies führte zu Montaignes längstem Essai, einem Mea culpa in Buchlänge mit dem Titel Apologie des Raimundus Sabundus [Apologie de Raimond Sebond], in dem er Sabundus’ Glauben an die erlösende Kraft der Vernunft zurückweist und durch eine Philosophie radikaler Unwissenheit und bedingungslosen Glaubens ersetzt.

Zehn Jahre lang studierte, sinnierte und schrieb er in seinem Turm. Die erste Ausgabe der Essais in zwei Bänden erschien 1580 in Bordeaux. Montaigne war da 48 Jahre alt. Wie es sich für einen treuen Seigneur gehörte, machte er sich unverzüglich auf den Weg nach Paris, um dem neuen König, Heinrich III., ein Exemplar zu überreichen. Nachdem er bei Hof einen guten Eindruck hinterlassen hatte, begab er sich auf eine Reise, die ihn durch die Schweiz, Deutschland, Österreich und weite Teile Italiens führte. Ende November kam er in Rom an.

Montaigne ging nach Rom, um sich als Nachfolger des scheidenden französischen Botschafters am Hof von Papst Gregor XIII. zur Verfügung zu stellen. Als Kammerherr des Königs von Frankreich, gläubiger Katholik, fließend Latein sprechender Gelehrter und inzwischen auch Philosoph und Literat, war er für diese Position gut geeignet. Da er ebenfalls ein Kammerherr des jungen protestantischen Königs Heinrich von Navarra war (der auch Gouverneur von Guyenne war und zweiter in der französischen Thronfolge), wäre Montaigne ein Verhandlungspartner von unschätzbarem Wert für die beiden Konfliktparteien in den Religionskriegen gewesen. Er mietete ein geräumiges möbliertes Zimmer an, besichtigte die historischen Stätten, hatte eine Audienz beim Papst und reichte die Essais bei den päpstlichen Behörden zur Genehmigung ein. Dann wartete er geduldig auf den Brief aus Paris, der über sein Schicksal entscheiden würde.

»Ehrgeiz«, hatte er in seinem Essai »Über die Einsamkeit« geschrieben, das in dem Buch enthalten ist, welches gerade im Apostolischen Palast einer genauen Überprüfung unterzogen wurde, »ist die Laune, die am stärksten im Widerspruch zum Rückzug steht. Ruhm und Ruhe können sich nicht dieselbe Behausung teilen.« Er kritisierte die römischen Staatsmänner Plinius und Cicero dafür, dass sie die Abgeschiedenheit als einen besonnenen Karriereschritt betrachteten, als ein Mittel, um andere mit ihrer Gelehrsamkeit und philosophischen Finesse zu beeindrucken. Diese Herren, stellte er fest, »haben lediglich ihre Arme und Beine außerhalb der Gesellschaft: ihre Seelen und Gedanken bleiben mehr denn je mit ihr beschäftigt. Sie sind nur einen Schritt zurückgetreten, um zu einem noch gewaltigeren Sprung anzusetzen.« Weltlicher Ruhm, erklärte er, »ist weit abseits meiner Überlegungen«.

3

Drei Monate nachdem ich Mönch geworden war, brach ich ins Vorgebirge des Himalaya hinter Dharamsala auf. Ich war 21 Jahre alt. Mein Rucksack enthielt einen Schlafsack, eine Bodenplane, ein Handtuch, einen Wasserkocher, eine Schale, einen Becher, zwei Bücher, einige Äpfel, Trockennahrung und einen Fünf-Liter-Kanister mit Wasser. Der Monsun war gerade zu Ende gegangen: Der Himmel war kristallklar, die Luft rein, das Laubwerk üppig. Nach drei oder vier Stunden verließ ich den ausgetretenen Fußweg und stieg auf Wildpfaden einen steilen, spärlich bewaldeten Hang hinauf, bis ich den durch Felsbrocken verborgenen und von Zweigen überdachten grasbewachsenen Felsvorsprung erreichte, den ich bei einem früheren Streifzug ausfindig gemacht hatte.

Inspiriert von Erzählungen über indische und tibetische Einsiedler wollte ich herausfinden, wie es ist, von jeglichem menschlichen Kontakt abgeschnitten zu sein, allein und schutzlos. Ich wollte so lange hierbleiben, wie meine spärlichen Nahrungs- und Wasservorräte dies zuließen. Niemand wusste, wo ich war. Wenn ich stürzen und mir ein Bein brechen, von einer Kobra gebissen oder von einem Bären zerfleischt würde, wäre es unwahrscheinlich, dass man mich fände. Hoch in diesem Horst konnte ich noch die fernen Hornstöße und die knirschenden Getriebe von Bussen und Lastwagen weiter unten hören, was ich als einen Affront empfand.

Ich wachte in meinem taubedeckten Schlafsack auf. Nach dem Pinkeln und Meditieren zündete ich ein Feuer an, kochte Wasser, bereitete Tee zu, mischte ihn dann mit geröstetem Gerstenmehl und Milchpulver, um daraus einen Teigklumpen zu formen. Das war Frühstück und Mittagessen – gemäß der Ordensregel aß ich abends nicht.

Zu meinen Meditationen gehörten die Sādhanās, in die ich eingeweiht worden war, wobei ich mich entweder als zornvollen, büffelköpfigen, phallischen Yamāntaka visualisierte oder als nackte, menstruierende, rote Göttin Vajrayoginī. Ich führte diese tantrischen Praktiken im Wechsel mit einer Stunde achtsamen »Fegens« durch meinen Körper von Kopf bis Fuß durch und nahm dabei mit großer Sorgfalt all die flüchtigen Empfindungen und Gefühle wahr, die ihn durchströmten. Wenn ich nicht aß oder meditierte, intonierte ich eine Übersetzung von Śāntidevas Kompendium des Übens, einer Sanskrit-Anthologie über Lehrreden des Mahāyāna-Buddhismus aus dem achten Jahrhundert, die ich in ihrer Gesamtheit zu rezitieren gelobt hatte, während ich hier oben war.

»Es gab nie zuvor einen Buddha«, erklärte der Text in seinem viktorianischen Englisch, »noch wird es ihn in der Zukunft geben, noch gibt es ihn jetzt, der jene höchste Weisheit erlangen könnte, während er im Leben eines Haushälters verbliebe. Dem Königtum entsagend, als wäre es Nasenschleim, sollte man im Wald leben, nur der Einsamkeit zugewandt … Wie die Kräuter und Sträucher, die Pflanzen und Bäume sich weder fürchten noch bange sind oder ängstlich zittern, so muss der Bodhisattva, der im Wald weilt, seinen Körper als den Kräutern und Sträuchern, Pflanzen und Bäumen gleich betrachten, wie Gehölz, wie Gips an einer Wand, wie eine Erscheinung …«

Das Kompendium des Übens enthält Anleitungen zur eigenständigen Umsetzung. Sobald der Mönch sich im Wald niedergelassen hat, soll er »das, was er zuvor gelesen hat, dreimal in der Nacht und dreimal am Tag rezitieren, und zwar in einer Tonlage, die nicht zu hoch und nicht zu tief ist, nicht mit unruhigen Sinnen, nicht mit umherwandernden Gedanken, in aller Ruhe, die Trägheit beseitigend«. Ungehemmt lasse ich diese Worte in die Stille der Schluchten und den Wind erschallen.

Ich habe immer noch mein Exemplar dieses verblasst braunen gebundenen Buches. Aufgrund des verwischten lilafarbenen Stempels des Piccadilly-Buchverkaufsstands vermute ich, es Anfang der 70er Jahre in Dehli gekauft zu haben. Es liegt nun aufgeschlagen vor mir. Der muffige, pfeffrige Geruch, den ich mit indischen Büchern aus jener Zeit verbinde, steigt mir in die Nase. Ich bin wieder in den Wald zurückgekehrt, zu meinem in eine rote Robe gekleideten jüngeren Selbst, das mit verschränkten Beinen auf dem Boden sitzt und ernsthaft Śāntidevas Worte an einem Ort rezitiert, der »von Bäumen beschattet wird, mit Blumen, Früchten und Blättern, ohne Gefährdung durch tollwütige Hunde, wo es Höhlen und Berghänge gibt, leicht zu durchqueren, friedlich, unvergleichlich«.

Was von dieser Abgeschiedenheit bleibt, ist meine Erinnerung an das weitläufige Panorama der Ebenen des Punjab, den unermesslichen Himmelsbogen und die Umarmung der Berge, die dieses zerbrechliche Fleckchen der Selbsterfahrung beherbergten. Einmal stürzte sich ein wunderschöner bunter Vogel von den darunterliegenden Klippen, schwebte für einen Moment durch die Luft und verschwand dann aus meinem Blickfeld. Ein Hirte und seine Ziegen hätten mich eines Nachmittags beinahe entdeckt. Ich schaute verstohlen durch das Blattwerk zu ihnen hinüber, während die Tiere grasten und der drahtige sonnengeschwärzte Mann in eine grobe Wolltunika gehüllt auf einem Felsen lag.

Nachdem die Vorräte erschöpft waren und der Text rezitiert, wanderte ich zurück zu meinem Zimmer unten im Dorf McLeod-ganj. Während meiner fünf Tage auf dem Berg war ich auf den Geschmack des Mit-mir-Alleinseins gekommen, der mich seit dieser Zeit begleitet.

4

TEPOZTLÁN, MEXIKO, NOVEMBER 2013

Nacho, sein Sohn Nacho und ich steigen in einen Mitsubishi Pajero, verlassen das Gelände der Villa und fahren hinauf in die bewaldeten Hügel, die die alte Indianerstadt Tepoztlán umgeben. Ich habe den ganzen Tag lang kaum etwas gegessen und mir ist etwas schwindelig. Unterwegs holen wir den Mara’akame, Don Toño, und dessen Auszubildende ab: Andrés, José-Luis und Raúl. Wir halten an einem Bauernhaus im Dorf San Juan, um ein Metate mitzunehmen, eine rechteckige Platte aus einem Material, das wie dunkler Bimsstein aussieht. Die angeregte Unterhaltung legt nahe, dass es sich dabei um ein Objekt von einiger Bedeutung handelt, aber ich kann mir nicht vorstellen, welche.

Als wir in einen steilen unbefestigten Weg im Wald abbiegen, ist es Nacht. Der Geländewagen rutscht und heult auf, als seine Räder in Schlamm und Blättern durchdrehen. Wir klettern schnell raus und versuchen, das Auto den Hügel hinaufzuschieben, aber es gelingt uns nicht. Deshalb entladen wir Decken, Ponchos, prall gefüllte Einkaufstaschen und den Metate, teilen alles unter uns auf und schleppen uns vorwärts, geleitet vom schwankenden Lichtkegel einer Taschenlampe. In der feuchtkalten Luft können wir unseren Atem sehen.

Wir kommen zu einer Lichtung, auf der ein einfaches, grob zusammengezimmertes Etwas steht. Ein Kreis von Holzpfeilern trägt ein Spitzdach aus Wellblech. Abgesehen von einer niedrigen umsäumenden Mauer ist der Raum ungeschützt Wind und Wetter ausgesetzt. In der Mitte des gestampften Lehmbodens befindet sich eine mit Asche und Holzkohlestücken gefüllte Grube. Wir stellen alles ab, was wir hochgetragen haben, und gehen dann nach draußen, um Feuerholz für die Zeremonie zu sammeln.

Niemand scheint in Eile zu sein. Die anderen plaudern, scherzen und rauchen Zigaretten. Es dauert etwa eine Stunde, bis wir genügend Äste und Baumstämme in den runden Raum gezogen und getragen haben, um damit das Feuer anzufachen. Der Mara’akame breitet eine Decke aus, setzt sich hin und beginnt, die Einkaufstaschen auszupacken. Gefiederte Utensilien kommen zum Vorschein, dann ein Hut mit Quasten, Handtrommeln, Schachteln mit billigen Kerzen, Tassen und schließlich ein sorgfältig in ein weißes Tuch gewickeltes Päckchen.

Aus dem Inhalt einer weiteren Tasche hat Andrés einen provisorischen Altar gebaut. Vor einem billigen Druck der Madonna von Guadeloupe arrangiert er Kerzen und Orangen. Er bittet jeden von uns, die Texte, die wir vorbereiten sollten, auf den Altar zu legen. An jenem Morgen hatte ich das dritte Gedicht der Vier Achter von Hand abgeschrieben. »Der Priester ohne Begrenzungen« lautet seine letzte Strophe,

beharrt nicht auf dem, was er weiß oder betrachtet hat.

Nicht leidenschaftlich, nicht leidenschaftslos,

ernennt er nichts zum Höchsten.

VIER ACHTER, 3:8

Ich hoffe, dieser Geisteshaltung weiterhin treu zu bleiben. Mit so viel Ehrfurcht, wie ich aufbringen kann, lege ich das gefaltete Blatt Papier vor die Madonna.

Don Toño bedeutet uns, zu ihm rüberzukommen. Er ist ein kleiner, stämmiger, dunkelhäutiger Mann wie viele der Bauern, die ich anderswo in Mexiko gesehen habe. Unter dem gelblichen Licht einer Paraffinlampe knotet er das in Stoff eingewickelte Päckchen auf und ein halbes Dutzend frischer Peyote-Kakteen, die er und Andrés am Vortag in der Wüste gesammelt haben, kommen zum Vorschein. Jede pralle mattgrüne Lophophora williamsii hat einen Durchmesser von ungefähr zehn Zentimetern und besteht aus sechs symmetrischen Segmenten. Der Mara’akamane schneidet sie auf und reicht die Stücke herum. Er zeigt mir, dem Neuling, wie man die ins Kaktusfleisch eingebetteten Fasern herauslöst. Nach diesem fummeligen Arbeitsgang wird jedes Stück mit einem zylindrischen Stein auf dem Metate zerrieben, an dessen Ende der Saft über einen trichterförmigen Rand in eine Schale abläuft.

Der Saft wird mit Wasser verdünnt und dann ganz unzeremoniell in einen Plastikbecher gegossen. Jeder von uns nimmt sich einen. Dem Beispiel der anderen folgend, trinke ich die Flüssigkeit in kleinen Schlucken, bis der Becher leer ist, dann fische ich mit meinen Fingern die verbliebenen Fruchtfleischfäden heraus. Alles hat einen leicht bitteren, aber nicht unangenehmen Geschmack. Ich spüre, wie sich die kalte Flüssigkeit in meinem leeren Magen sammelt.

Der Mara’akame fragt mich nach meinen Gründen für die Teilnahme an diesem Kreis. Ich sage ihm, dass ich in diesem Jahr sechzig Jahre alt geworden bin und eine Bilanz meines Lebens ziehen möchte, einen Schritt zurücktreten und betrachten, was ich in den letzten vierzig Jahren als Schüler, Praktizierender und Lehrer des Buddhismus erreicht habe. Um dies zu bewerkstelligen, habe ich mich entschlossen, meine Erfahrungen unter dem Einfluss von Psychedelika nochmals zu durchdenken. Als junger Mann hatten sie einen so prägenden Einfluss auf mich, dass ich mich dem Dharma zugewandt habe. Es ist für mich von Bedeutung, diese Substanzen im Rahmen einer religiösen Zeremonie sowie unter Anleitung eines Schamanen und in Begleitung anderer einzunehmen, und nicht einfach nur allein oder mit Freunden eine Pille einzuwerfen.

Wir versammeln uns in einem Kreis um das Feuer herum. Das wilde, knisternde Flammenspiel erzeugt noch nicht viel Wärme. Ich sitze da mit verschränkten Beinen, eingehüllt in einen roten Poncho aus dicht gewebter grober Wolle. Etwas entfernt von mir legt sich der Mara’akame auf den Boden, zieht eine blaue Heizdecke über sich und schläft ein. Nacho, der Jüngere, beginnt, einen einfachen Rhythmus auf einer Trommel zu schlagen.

Während der ersten ein oder zwei Stunden – ich habe keine Uhr und nur ein schwaches Zeitgefühl – bin ich davon überzeugt, dass nichts passiert. Ich verspüre eine leichte Magenverstimmung, die gelegentliches Aufstoßen von nach Kaktuspüree schmeckender Luft verursacht. Gewiss, ich erlebe eine gewisse Stille und Klarheit, aber nicht mehr, als wenn ich die gleiche Zeit in Meditation verbracht hätte, was genau das ist, was ich bisher getan habe. Wenn ich mich so umsehe, scheint sich von den anderen niemand Sorgen zu machen. Sie unterhalten sich leise, laufen ein bisschen umher, um ihre Beine zu strecken, klopfen eine Weile auf eine Trommel. Ich schreibe meine Besorgnis meiner Unerfahrenheit mit dieser mir neuen Medizin zu.

5

Über die Einsamkeit

Michel de Montaigne

Ausgewählte Passagen aus den Essais

Es war eine melancholische Gemütsverfassung und damit eine Gemütsverfassung, die deutlich im Widerspruch zu meiner Natur stand, hervorgerufen durch den Verdruss der Einsamkeit, der ich mich vor einigen Jahren übergeben hatte, die mir zum ersten Mal diesen Tagtraum in den Kopf setzte, mich mit dem Schreiben zu beschäftigen. ||

Inzwischen glaube ich, dass das einzige Ziel der Einsamkeit darin besteht, mit mehr Muße und Behagen allein zu leben. ||

Ich bin nicht von Natur aus dem hektischen Treiben bei Hofe abgeneigt: Ich habe einen Teil meines Lebens darin verbracht und bin es gewohnt, in solchen Menschenmassen frohgemut meinen Geschäften nachzugehen – allerdings nur gelegentlich und wenn es mir beliebt. Meine Pedanterie bindet mich indes zwangsläufig an die Einsamkeit. Zuhause, in einem geschäftigen Haushalt mit vielen Besuchern, sehe ich viele Menschen, aber selten diejenigen, mit denen ich gerne rede. ||

Indem wir uns vom Amtsgebäude und Marktplatz befreien, befreien wir uns nicht von den wesentlichen Kümmernissen unseres Lebens. Ehrgeiz, Habgier, Unentschlossenheit, Ängste und Sehnsüchte werden uns wohl kaum verlassen, nur weil wir die Adresse wechseln. Sie verfolgen uns von sich aus in Klöster und philosophische Fakultäten. Weder Wüsten noch Höhlen, noch Büßerhemden, noch Selbstkasteiung können uns von ihnen befreien. ||

Aus diesem Grund genügt es nicht, sich von den Menschen zu entfernen, genügt es nicht, woanders hinzugehen. Wir müssen uns von den Gewohnheiten des gemeinen Volkes in unserem Inneren lösen. Wir müssen unser eigenes Selbst isolieren und es wieder in unseren Besitz überführen. Wir tragen unsere Fesseln immer mit uns herum; wir sind nicht vollständig frei. Wir richten unseren Blick immer wieder zurück auf die Dinge, die wir hinter uns gelassen haben; wir fantasieren andauernd über sie. ||

Unser Leiden ergreift uns in der Seele, und die Seele kann nicht sich selbst entfliehen. Also müssen wir sie zurückholen und zu sich selbst zurückführen. Das ist wahre Einsamkeit: Man kann sie in Städten und Königshäusern genießen, jedoch günstigerweise abseits davon. ||

Die Einsamkeit, die ich liebe und verfechte, besteht in erster Linie darin, meine Emotionen und Gedanken zu mir selbst zurückzuholen, nicht meine Schritte, sondern meine Sehnsüchte und Ängste zu begrenzen und zu bezähmen, mich zu weigern, mich um äußere Dinge zu sorgen, und unbedingt vor Knechtschaft und Verpflichtungen zu fliehen: Es geht weniger darum, sich aus der Menschenmenge, sondern vielmehr aus der großen Menge menschlicher Angelegenheiten zurückzuziehen. ||

Der Philosoph Antisthenes scherzte, ein Mann solle sich mit Besitztümern ausstatten, die schwimmfähig sind, so dass sie gemeinsam mit ihm dem sinkenden Schiff entkommen können. ||

Selbstverständlich sollten wir Frauen, Kinder, Besitztümer und allem voran gute Gesundheit haben: aber nicht, um so sehr an ihnen anzuhaften, dass unser Glück von ihnen abhängt. ||

Lasst diese Dinge uns gehören, aber nicht so fest verklebt und mit uns verbunden, dass wir uns nicht mehr von ihnen lösen können, ohne uns dabei unsere eigene Haut vom Leib zu reißen. Das Höchste auf der Welt ist es zu wissen, wie man für sich selbst sein kann. ||

Wir sollten uns hinter dem Geschäft einen Raum reservieren, nur für uns, gänzlich abgeschieden, wo wir, da er der wichtigste Rückzugsort für unsere Einsamkeit ist, unsere wahre Freiheit verwirklichen. Dort sollten wir unser übliches Gespräch mit uns selbst fortsetzen – in Privatheit, ohne Kontakt oder Kommunikation mit irgendetwas außerhalb davon –, wo wir mit uns plaudern und lachen können, als hätten wir keine Frau, keine Kinder, keine Besitztümer, keine Begleiter und keine Diener. Wenn es dann an der Zeit ist, diese Dinge zu verlieren, so wird es für uns nichts Neues sein, ohne sie zu sein. ||

Wir haben eine Seele, die sich sich selbst zuwenden kann; sie kann sich selbst Gesellschaft leisten. Sie vermag anzugreifen und zu verteidigen, zu geben und zu empfangen. Mach dir keine Sorgen, dass Einsamkeit dich vor Langeweile verzehrt. ||

Wir müssen es wie jene Tiere anstellen, die ihre Spuren am Eingang ihres Unterschlupfs verwischen. Es sollte nicht mehr länger deine Sorge sein, dass die Welt von dir spricht; dein einziges Anliegen sollte sein, wie du zu dir selbst sprichst. ||

Zieh dich in dich zurück, aber bereite dich allem voran darauf vor, dich dort zu empfangen. Wenn du es nicht verstehst, dich selbst zu geleiten, wäre es doch Wahnsinn, dich dir selbst anzu vertrauen. Es gibt Wege des Scheiterns in der Einsamkeit wie in der Gesellschaft. ||

Wenn ich tanze, tanze ich; wenn ich schlafe, schlafe ich. Wenn ich allein in einem schönen Obstgarten spazieren gehe, sind meine Gedanken zuweilen mit dem beschäftigt, was anderswo passiert, dann wiederum bringe ich sie zurück zum Spaziergang, zum Obstgarten, zur Süße jener Einsamkeit und zu mir selbst. ||

Ehrlich gesagt erweitert begrenzte Einsamkeit meinen Horizont und öffnet mich nach außen: Ich stürze mich bereitwilliger in Staatsangelegenheiten und in die weite Welt, wenn ich allein bin.

6

Ohne bemerkt zu haben, wie und seit wann, befinde ich mich in einem veränderten Geisteszustand. Mein Bewusstsein ist auf subtile, aber intensive Weise geschärft. Ekstatisch spüre ich, wie elektrische Wellen meinen Körper durchströmen, mich dazu bringen, mich zu dehnen und zu stöhnen. Meine Wirbelsäule richtet sich auf, als wollte sie die Kontemplation, die mich ergriffen hat, vervollkommnen. Ich muss mich nicht mehr konzentrieren; das geschieht ganz von allein. Ablenkung ist keine Option; alle zufälligen Gedanken haben aufgehört. Während ich in das atmende, orangefarbene Herz des Feuers starre, bin ich auf intensive, stille Art geistig präsent.

Andrés rüttelt den Mara’akame sanft wach. Don Toño richtet sich auf, setzt den breitkrempigen Hut auf, dessen Quasten vor seinen Augen hin- und herschwingen, hebt eine Handtrommel auf und stimmt einen eindringlichen Gesang im Rhythmus seines Grundschlags an. Was auch immer er in seiner nasalen Stimme singen mag, es hat eine hypnotisierende Schönheit und Intensität. Etwas Uraltes und Melancholisches schwingt in seinen Worten in der Huichol-Sprache mit. Andrés zündet eine Zigarette an und steckt sie Don Toños zwischen die Lippen. Der Mara’akame nimmt einige tiefe Züge und trommelt weiter. Dann legt er sich hin und schläft wieder. Dieses Ritual wird sich im Laufe der Nacht mehrmals wiederholen.

Nacho, der Jüngere, flüstert mir ins Ohr: »Wie ist der Name deines Großvaters?« Ich sage: »Alfred.« Er sagt: »Das Feuer ist dein Großvater. Die Madonna ist deine Großmutter.« Ich spüre, dass dies ein Hinweis für mich sein soll, etwas zu tun. Ich weiß aber nicht, was er meint, und verspüre kein Bedürfnis nachzufragen. Eingetaucht in mein Alleinsein, fühle ich mich in seliger Losgelöstheit von allen anderen, bin mir gleichzeitig aber ihrer Anwesenheit – und wie diese mich unterstützt – überaus bewusst.

Raúl, ein junger Arbeiter mit dichten schwarzen Bartstoppeln, springt auf. Er nimmt alle Kräfte zusammen, spuckt mehrmals ins Feuer, starrt unverwandt in die Flammen und legt ein leidenschaftliches Bekenntnis ab. Er schlingt die Arme um seinen Körper, wiegt sich unruhig hin und her, jammert und weint, während ein Redeschwall aus ihm heraussprudelt. Irgendwann sieht es so aus, als versuchte er, sich in die Flammen hinein zu erbrechen, aber ohne Erfolg. Andrés kommt herüber und streicht mit an einem kurzen Stock befestigten Federn von Kopf bis Fuß über Raúls Körper; schüttelt sie dann über dem Feuer aus, als würde er Wassertropfen von ihnen abtropfen lassen.

Diese unerwartete Gefühlsbekundung lässt mich ungerührt, aber ich bin auch nicht getrennt von ihr. Ich fühle mich innerlich völlig transparent und rein, aber dennoch ganz eins mit Raúls Beichte. »Geh und sprich mit deinem Großvater«, drängt Nacho, der Jüngere. Ich ignoriere ihn.

Auf der Glut am Rande des Feuers wird ein Becher sichtbar, an dem das Email stellenweise abgeplatzt ist. Wir nehmen ihn abwechselnd, um in kleinen Schlucken ein heißes, braunes Getränk zu schlürfen, das den Magen wärmt und beruhigt. Der Geschmack ist irgendwie vertraut, aber auch seltsam. Ich erfahre, dass es sich um Schokolade handelt, die mit getrocknetem Peyote vermischt ist. Ob diese zusätzliche Dosis irgendeine Wirkung hat oder nicht, kann ich nicht sagen. Solche Fragestellungen sind nicht mehr von Interesse. Alles, was zählt, ist die reine Intensität des Augenblicks, die scharfe Klarheit der Sinne, die ekstatische Stille.

Es wird getrommelt, nun besser koordiniert, begleitet von Tanz. Andrés zieht sein Hemd aus, krümmt und verdreht sich neben dem Feuer. Die schweißnasse Haut seines mageren Oberkörpers glänzt in den Flammen. Er setzt sich neben mich. In einer Mischung aus Englisch und Französisch frage ich ihn: »Wenn Peyote die Medizin ist, was ist dann die Krankheit, die sie heilt?« Er sagt: »Ein verschlossenes Herz.«

Als wir später am Morgen wieder in Tepoztlán sind, hat die Nacht um das Feuer herum eine traumartige Qualität angenommen. Eine gesteigerte Klarheit und Stille des Geistes bleiben mir erhalten. Die Welt erscheint weiterhin leuchtend und hell. Ich fühle mich, als wären meine Sinne, mein Nervensystem und meine Gehirnzellen sauber gewaschen worden. Es wird einige Wochen dauern, bis die Wirkung der Medizin nachlässt.

Hat allein das Meskalin im Peyote das hervorgebracht? Hätte ich die gleiche Erfahrung gemacht, wenn ich, allein, in meinem Wohnzimmer exakt die gleiche Dosis genommen und dabei Bach gehört hätte ? Haben die vergangenen vierzig Jahre der Dharma-Praxis einen Unterschied bewirkt? Ich vermute, dass das Zerreiben der Kakteen, Großvater Feuer, die Gesänge, die Beichten, der Madonna ein Gedicht darbringen, mit verschränkten Beinen in Meditation sitzen, mein Stillsein, das Fasten am Vortag, meine Beweggründe, an der Zeremonie teilzunehmen, allesamt eine Rolle gespielt haben.

Ich verstehe langsam, dass die Zeremonie eine existenzielle Bekräftigung dessen war, was ich bisher in meinem Leben getan hatte und derzeit tat. Für ein paar Stunden, um es mit den Worten von Carlos Castaneda auszudrücken, hatte sie »die Welt angehalten« und mir ermöglicht, »zu sehen«. In der Terminologie des Buddhismus, ließ sie mich »die Beendigung der Reaktivität« »schauen« und im »Todlosen« weilen. Ohne irgendeine Notwendigkeit, in Konzepte oder Worte gefasst zu werden, bekräftigte sie, dass das Leben, das ich als Schriftsteller, Künstler und Lehrer gewählt hatte, angemessen war. Ich erkannte, dass ich diese Welt ohne Bedauern verließe, würde ich jetzt sterben.

Achtzehn Monate später erhalte ich eine E-Mail von Nacho, dem Älteren. »Während einer Meditationssitzung vor zwei Tagen«, beginnt sie, »wurde mir zum ersten Mal klar, wie schön Stille ist. Und ich muss sagen, dass ich in dieser Sache viel von dir gelernt habe, insbesondere als wir in Tepoztlán waren und du anfingst zu schweigen, immer intensiver, es war schon nahezu unangenehm, bis wir fast alle in Stille verweilten und ich verstand.« Die ganze Zeit über hatte ich Andrés’ Bemerkung über »ein verschlossenes Herz« als milden Tadel empfunden, da ich es unterlassen hatte, aktiver an der Zeremonie teilzunehmen. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.

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171 p. 3 illustrations
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9783942085748
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