Read the book: «Blaulichtmilieu»
Stefan Mühlfried
Blaulichtmilieu
Hamburg-Krimi

Zum Buch
Explosive Wahrheit Eine Bombenexplosion am Flughafen Hamburg tötet 19 Menschen. War es ein islamistischer Terroranschlag? Die Presse sagt ja, die Polizei glaubt es auch. Doch Feuerwehrmann Tim Roth ist sich nicht so sicher – zu seltsam sind die Umstände am Einsatzort. Er versucht die Mordermittlerin Marie Schwartz für seine Idee zu gewinnen, doch die lässt ihn abblitzen, beruflich wie privat. Alles deutet auf den radikalen Moslem Altay Kabaoglu als Täter hin. Tim glaubt, dass Wolfgang Boskop, der die Explosion augenscheinlich verhindern wollte, den Anschlag inszeniert hat. Nach und nach überzeugt er Marie, und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Doch die ist nicht leicht zu finden: Altay macht sich immer mehr verdächtig, und Boskop nutzt geschickt die Presse, um sich als Volksheld aufzuspielen. Wem können sie noch glauben? Und wer glaubt ihnen? Marie und Tim schmieden einen waghalsigen Plan, um dem Täter auf die Spur zu kommen. Aber der Einsatz ist hoch – viel höher als gedacht …
Stefan Mühlfried, Jahrgang 1965, wuchs in Hamburg-Rahlstedt auf und lebt in Hamburg-Bergedorf. Während seiner Studienzeit machte er eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und arbeitete auf verschiedenen Rettungswachen. Im Brotberuf ist er inzwischen als freier EDV-Berater für Kunden im In- und Ausland tätig. 2017 gelangte er auf die Shortlist des Deutschen Selfpublishing-Preises. Wenn er nicht gerade schreibt, betreibt er in seiner Freizeit Kampfsport, singt im Chor und spielt Synthesizer. „Blaulichtmilieu“ ist sein erster Krimi im Gmeiner-Verlag.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Dieses Werk wurde vermittelt durch
die litmedia.agency, Germany
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © John / stock.adobe.com
und © Gerhard1302 / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6698-4
Prolog
Eine Bombe zu bauen ist nicht einfach.
Doch was im Leben ist schon einfach? Die guten Dinge sollten einfach sein: Das Richtige tun. Andere auf den Pfad der Tugend führen. Mutig sein. Für sein Volk einstehen, seinen Glauben, seine Überzeugungen. Stark sein. Aber sie sind es nicht.
Schwach zu sein hingegen ist einfach. Der Herde hinterherlaufen. Jammern. Den Verführungen nachgeben. Den schmeichelnden Stimmen der falschen Propheten verfallen. Das zu tun, was alle tun, um nicht denken zu müssen. Das ist einfach.
Sprengstoff herzustellen ist einfach. Dabei nicht selbst in die Luft zu fliegen, ist der schwere Teil. Er warf einen Blick über die Schulter auf den Gefrierschrank, in dem sein Vorrat lagerte. »Die Mutter Satans« nannten sie das Zeug. Unsinn. Was hatte Satan damit zu tun?
Er wandte sich wieder seinem Arbeitstisch zu. Der Lötkolben war jetzt heiß, die Spitze rauchte, als er sie an das Lötzinn hielt. Sobald ein Tropfen flüssigen Metalls daran hing, führte er den Kolben zu der Platine, die vor ihm lag, und lötete das Ende eines Kabels fest. Er blies den Qualm weg, wartete, bis die Lötstelle erkaltet war, und zog sacht am Kabel. Es hielt.
Die Bombe zu zünden, würde leicht und schwer zugleich sein. Leicht, weil nur ein Knopf gedrückt werden musste. Schwer, weil es eine Sünde war, Leben zu nehmen. Aber was bedeutet der Tod schon, wenn es darum geht, das Richtige zu tun.
Das einzig Richtige.
Kapitel 1
20. Mai
Tim wachte auf und blinzelte in grelles Sonnenlicht. Verdammt, er hatte die Jalousien nicht zugemacht. Na gut, er hatte Wichtigeres zu tun gehabt. Und – wow! – das war’s wert gewesen. Diese Frau war … Er suchte nach Worten. Unbeschreiblich. Ja, genau. Unbeschreiblich.
Nicht nur die Nacht. Die auch, aber diese Frau … wow!
Vorsichtig stützte er sich auf und sah über ihren verwuschelten rotblonden Schopf hinweg auf den Wecker. 8.07 Uhr. Wie gut, dass er Spätdienst hatte.
Er betrachtete sie, ihre Schulter, ihren Arm, der angewinkelt auf der Decke lag. Ein paar Sommersprossen auf der leicht gebräunten Haut. Die Muskeln von Schulter und Oberarm zeichneten sich in der tief stehenden Morgensonne ab. Sportlich, aber nicht übertrieben. Und sie konnte zupacken, oh ja.
Wie zur Hölle war noch mal ihr Name?
Als ob sie seinen Blick auf sich spürte, rollte sie sich auf den Rücken, legte den Unterarm über die Augen und seufzte. Unter dem oberen Rand der Decke waren die Gründe dafür zu erahnen, dass er die Jalousien – und alles andere um sich herum – vergessen hatte. Er legte die Hand auf die Decke und fühlte ihre Brüste durch den Stoff. »Guten Morgen, Sonnenschein«, raunte er.
Augenblicklich riss sie ihren Arm vom Gesicht und starrte ihn mit großen Augen an. Nach ein paar Sekunden wich die Verwirrung aus ihrem Gesicht, sie ließ sich zurückfallen und stöhnte: »Oh nein!«
Nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. Nicht im Entferntesten die Reaktion, die er erhofft hatte. Er zog die Hand zurück.
»Was ist?«, fragte er.
»Wie komme ich hierher?«
»Wie du …? Komm schon, das musst du doch noch wissen. Party, Knutschen, Taxi …«
»Hast du mir K.-o.-Tropfen in die Cola getan? Ich schwöre dir, wenn –«
»Was? Verdammt, nein! Hör mal, wenn du mehr trinkst, als du –«
»Ich habe keinen Alkohol getrunken. Nicht einen Tropfen.«
»Blödsinn. Du hattest ordentlich …« Er stutzte.
»Was? Was ist?«
»Du hast nicht etwa einen von den Brownies gegessen?«, fragte er gedehnt.
»Doch, die waren lecker. Wieso?«
»Die, über denen das Schild ›Space Cake‹ an der Wand pinnte?«
»Oh nein.« Sie schlug die Hände vors Gesicht. »Wieso hast du mich nicht davon abgehalten?«
»Bin ich dein Bewährungshelfer?«
»So ein Mist«, sagte sie und zog die Decke über den Kopf. »Breit wie ne Schrankwand, und das während der Bereitschaft«, hörte Tim sie dumpf sagen. »Fuck!«
»Was für eine Bereitschaft?«
»Ich fasse es nicht. Und dann auch noch das.«
»Das? Was meinst du mit ›das‹?«
»Dass ich mit einem x-beliebigen Kerl im Bett lande. Mann, ich wollte nur kurz auf die Party.«
»X-beliebig?«
»Ja, sorry, du bist bestimmt ein prima Kerl, aber können wir bitte einfach so tun, als sei nichts passiert?« Sie schwang sich aus dem Bett, die Decke um sich geschlungen.
Damit lag Tim mit einem Mal auf dem bloßen Laken. »Und wenn ich das nicht will? Es ist nämlich nicht nichts passiert.«
»Pech«, sagte sie und folgte der Spur ihrer Klamotten in den Flur, um sie einzusammeln. »Und leg dir was über, du bist nackt.«
»Weil du meine Decke hast«, rief er ihr nach und stieg in seine Boxershorts.
Sie verschwand im Bad. Mit Decke. Kurz darauf hörte er die Klospülung rauschen.
»Willst du wenigstens noch einen Kaffee?«
»Was?«
»Kaffee?«
Sie öffnete die Badezimmertür, komplett angezogen, und drückte ihm die Decke in den Arm. »Lass gut sein, ja?«
Er warf das Stoffknäuel aufs Bett. »Lass gut sein? Sag mal, was glaubst du, wer du bist?«
»Auf jeden Fall kein Mädchen für eine Nacht.« Sie stutzte einen Moment und sah ihn von oben bis unten an.
Sollte sie ruhig bedauern, was sie da in den Wind schoss. Tim widerstand der Versuchung, seine Muskeln anzuspannen, und verschränkte die Arme. »Könnten meinetwegen auch ein paar mehr sein.«
»Du bist so ein blöder –«
»He, nein, das habe ich nicht –«
Ein Mobiltelefon klingelte. Sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, und zog das Smartphone aus der Handtasche. »Schwartz«, sagte sie.
Ein anderes Telefon klingelte. Seines. Er fischte es aus der Jeans. Die Einsatzleitstelle. Rasch nahm er den Anruf an. »Roth.«
Wenige Sekunden später steckten beide ihre Telefone wieder ein. »Ich muss los«, sagten sie gleichzeitig.
»Was? Wohin musst du?«, fragte Tim.
»Dienstlich«, sagte sie. »Geht dich nichts an.«
Er zog die Augenbrauen hoch und öffnete die Tür. »Ich wünsche einen angenehmen Tag. Beehren Sie uns bald wieder.«
Für einen Sonntagmorgen herrschte in der Stadt Chaos. Auf den paar Kilometern von seiner Wohnung in Hamburg-Dulsberg zur Feuerwehr- und Rettungswache Barmbek hörte Tim pausenlos Martinshörner. An der Kreuzung zum Ring 2 musste er erst einen Rettungswagen und anschließend ein Rudel Polizeifahrzeuge passieren lassen. Als der ganze Aufzug durch war, zeigte die Ampel in Richtung Dehnhaide längst wieder Rot, aber er pfiff drauf. Zweimal blitzte es orange, dann tastete er sich über die vierspurige Kreuzung und gab Vollgas. Würde ihn ein paar Telefonate kosten. Egal.
Mit quietschenden Reifen bretterte er auf den Hof der Wache, schlitterte in eine freie Parkbucht und sprang aus dem Wagen.
»Na endlich«, rief Wachleiter Bernke. »Hast du noch Brötchen geholt oder was?«
»Mann, ich habe erst in drei Stunden offiziellen Dienstbeginn. Was liegt an?«
»Hörst du kein Radio? Bombenexplosion am Flughafen Fuhlsbüttel. Rauf auf den RTW Dora und runter vom Hof. Mark wartet schon.«
Die Wagen A wie Anton bis C wie Cäsar waren rund um die Uhr besetzt, ein weiterer Wagen wurde bei Bedarf durch die Jungs vom Gerätewagen bemannt und war mit Sicherheit schon unterwegs.
»Geht klar.« Tim lief in die Halle und stieg in seine Schutzkleidung.
Mark öffnete die Fahrertür. »Schön, dass der Herr sich aus dem Bett bequemt hat. Darf ich noch einen Kaffee reichen oder fahren wir?«
»Immer ruhig mit den jungen Pferden. Was ist denn los? Bernke sagte was von einer Bombe.«
»Explosion in Abflugebene Terminal 1. MANV Stufe zwei, Feuer, alles.«
Massenanfall von über 50 Verletzten. Nicht gut. Tim setzte den Helm auf und sprang in den Wagen. Bevor er die Tür zugezogen hatte, trat Mark aufs Gas, aktivierte das Martinshorn und bog nach links auf die Straße ein.
»Wer ist alles mit raus?«, fragte Tim.
»Alles, was rot ist und ein Blaulicht hat. Festhalten!« Er bog scharf links ab.
Tim hatte Schwierigkeiten, den Gurt anzulegen. »Meinst du nicht, wir haben genug zu tun? Ein umgekippter RTW ist nicht auch noch nötig.«
»Schnauze, Beifahrer.«
Tim griff zum Funkgerät und meldete sie bei der Leitstelle an. Er erhielt einen Sonderfunkkanal für den Einsatz, schaltete um und rief die Funkeinsatzleitung. Die wies sie an, den Bereitstellungsbereich vor Terminal 1 anzufahren und vor Ort weitere Anordnungen zu empfangen.
»Willst du nicht die Fuhle hoch?«
»Nee, Saarlandstraße ist schneller.«
»Wie du meinst.«
Sie schossen am Stadtpark entlang, kassierten ein Zielfoto beim Blitzer in Höhe der Freilichtbühne und bogen in den Überseering ein. Ein halsbrecherischer Rechts-links-Schwenk brachte sie in die Sengelmannstraße, die schnurgerade zum Flughafen führte.
In der Zufahrt zu den Abflugterminals herrschte das gleiche Gedränge wie jeden Tag, nur dass die Autos heute keine Taxischilder auf dem Dach hatten, sondern Blaulichter. Gestalten in Blau, Weiß und Rot liefen zwischen ihnen herum, Polizisten in ihren blau-schwarzen Uniformen versuchten, das Chaos in geordnete Bahnen zu lenken. Aus dem Mannschaftswagen vor ihnen sprang eine Gruppe schwer gepanzerter MEK-Beamter mit Maschinenpistolen vor der Brust und lief zum Terminal.
Mark und Tim stellten den Rettungswagen ab und stiegen aus. Ein Führungsbeamter eilte auf sie zu. »Ihr kommt wie gerufen«, sagte er. »Die LNA hat Kräfte nachgefordert. Ausrüstung schnappen, rein und an der Verletztensammelstelle melden. Beeilt euch!«
Die LNA, die leitende Notärztin, war verantwortlich für die medizinische Einsatzleitung. Bei einem Ereignis dieser Größenordnung kein beneidenswerter Job.
Mark und Tim luden sich Notfallrucksäcke und -koffer auf und liefen in die Halle, ohne die Drehtüren zu benutzen – der rechte Teil der Glasfront lag in Scherben am Boden. Sie knirschten unter ihren Stiefeln, als sie darüberstiegen.
Tim erfasste die Einsatzstelle mit einem Rundblick. Die Abfertigungshalle war ein einziges Chaos, aber den Bereich rechts vor ihnen hatte es am schlimmsten erwischt: schwarze Wände, zertrümmerte Einrichtung, zerfetzte Bleche. Blut auf dem Boden, Blut an den Überresten des Interieurs, Blut auf den Körpern der Toten, die wie dahingeworfene Puppen zwischen den Trümmern lagen. Koffer lagen kreuz und quer, teilweise aufgeplatzt, Schuhe, Kleidung, Papier um sie herum verstreut. Eine Flex kreischte, Funkenregen sprühte hoch. Befehle tönten durch die hohe Halle, Verletzte schrien. Von draußen drang unablässig der Klang von Martinshörnern herein, dazwischen das Klopfen von Hubschraubern, die in kurzen Abständen das Terminal überflogen.
Feuer sah er keines mehr, die Kollegen von den Löschzügen sicherten die Trümmer und bargen Opfer aus dem Gefahrenbereich.
Die größte Betriebsamkeit herrschte links von ihnen. Mehr als zwei Dutzend Sanis und Löschkräfte kümmerten sich um Verletzte, die in drei langen Reihen auf Tragen auf dem Boden lagen, einige still und bewegungslos, andere sich in Schmerzen windend und laut schreiend. Ärzte, teils in Rettungsdienstkleidung, teils in weißen Kitteln, liefen zwischen ihnen herum und versorgten die schwersten Fälle.
»He, ihr!« Eine Frau in roter Weste mit der Aufschrift »Leitender Notarzt« winkte sie heran. Sie war zwei Köpfe kleiner als Tim und bemerkenswert dünn, dafür hatte sie hüftlange dunkle Haare. Er und Mark kannten sie von früheren Einsätzen. »Ihr seid frei?«
Tim nickte.
»Dem Himmel sei Dank. Da drüben, die dritte Trage in der zweiten Reihe. Dem geht’s richtig mies. Tut, was ihr könnt.«
Ein anderer Retter kam heran und griff ihren Arm. »Doc, schnell!« Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern zog sie davon.
»Kriegen wir keinen Arzt?«, rief Tim ihr nach.
»Sobald ich einen frei habe«, rief sie zurück.
»Dann wollen wir mal«, sagte Mark.
Sie liefen zu ihrem Patienten. Der Mann war bewusstlos. Ruß und Blut bedeckten Gesicht und Körper, Haare und Gesicht waren auf der linken Kopfseite verbrannt. Auch sonst hatte es ihn auf dieser Seite schlimm erwischt. Es war schwer zu unterscheiden, was verkohlte Kleidung und was Hautfetzen waren. Rechts sah es besser aus, aber nicht viel.
Die Atmung des Mannes war flach und angestrengt. Jemand hatte ihm eine Infusion angelegt, die Plastikflasche lag in Ermangelung eines Infusionsständers auf seiner Brust. Ansonsten war er, wie es schien, unversorgt.
Tim und Mark schauten sich an. Mark verzog das Gesicht. Sah nicht gut aus.
Sie zogen Einmalhandschuhe an. Tim horchte die Lungen ab, Mark steckte den Sensor des Pulsoxymeters auf einen Finger des Patienten und klebte die EKG-Elektroden auf. »Sauerstoffsättigung bei 88«, sagte er. Kein guter Wert.
»Atemgeräusche seitenungleich«, stellte Tim fest. »Pneumothorax?«
»Kann nach einer Explosion gut sein.«
Wenn sie recht hatten, war Luft in den Brustraum geraten und drückte die Lunge zusammen.
Mark sah auf das Display. »Sättigung jetzt noch 86. Er braucht eine Druckentlastung.«
Tim richtete sich auf. »Doc?«, rief er. »Irgendeiner? Wir brauchen hier einen Arzt für eine Thoraxdrainage!«
»Mach selber«, rief die leitende Notärztin aus einiger Entfernung. »Schaffst du schon.«
»Na gut«, knurrte Tim. »Du hast es gehört: Wir haben die offizielle Anweisung einer Ärztin.« Er zog eine Kanüle aus dem Notfallrucksack. Normalerweise war sie für Infusionen gedacht, aber das spielte keine Rolle. Die Reste des Hemds riss er kurzerhand ab, dann reinigte und desinfizierte er die Einstichstelle zwischen der zweiten und dritten Rippe, zog die Plastikkappe der Kanüle mit den Zähnen ab und spuckte sie beiseite. Danach stach er sie wenige Zentimeter tief in den Brustkorb ein und zog die innere Stahlnadel ein Stück zurück. Nichts. Er schob weiter vor und probierte es erneut. Diesmal zischte es. Er zog die Stahlnadel heraus und fixierte die Kunststoffkanüle mit einem Pflasterstreifen auf der Haut, während die aufgestaute Luft weiter aus dem Brustraum entwich.
Rasch wurde die Atmung des Mannes ruhiger und tiefer.
»Weiter im Programm«, murmelte Tim. Sie prüften Blutdruck und Pupillen, suchten Blutungsquellen und tasteten den Patienten nach weiteren Verletzungen ab.
»Unglaublich«, sagte Tim, »nichts gebrochen.«
»Aber Blutdruck und Sättigung gehen weiter in den Keller. Puls ist bei 140.«
»Innere Blutung?«
»Könnte sein. Und Schädel-Hirn-Trauma, sonst müsste er längst wieder wach sein.«
Wie auf Kommando stöhnte der Mann und begann, schwach mit den Armen zu rudern.
»Gut, vielleicht doch nichts Dramatisches am Kopf.«
Tim nahm vorsichtig die blutige Hand des Patienten. »Sie sind verletzt. Wir kümmern uns um Sie, machen Sie sich keine Sorgen.«
Der Mann öffnete die Augen und sah sich mit flatterigem Blick um. »Wo bin ich?«, krächzte er.
»Am Flughafen. Wir werden Sie, so schnell es geht, in ein Krankenhaus bringen.«
Ihr Patient schloss die Augen wieder und stöhnte. »Alles ist … falsch. Sollte … nicht passieren.«
»Können Sie mir Ihren Namen sagen?«
»Der Koffer … Er hat … gekämpft … umgeworfen …«
»Ihr Name? Können Sie ihn mir sagen?«
Der Mann fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Wolfgang … Boskop.«
»Wissen Sie, welchen Tag wir heute haben?«
Wolfgang Boskop stöhnte und zog schwach die Beine an.
»Haben Sie Schmerzen?«
Er nickte ein wenig. »Bauch«, flüsterte er. »Gesicht.«
Tim drückte auf den linken Oberbauch, der Mann stöhnte auf. Tim und Mark sahen einander an und waren sich einig. Verdacht auf Milzriss. Das bedeutete, dass der Mann in kurzer Zeit verbluten konnte, ohne dass ein Tropfen nach außen trat.
»Wir werden Ihnen etwas gegen die Schmerzen geben«, sagte Tim. »Keine Angst, das wird wieder.« Er winkte die LNA heran.
»Drainage liegt?«, fragte sie. »Gut gemacht.«
»Wenn er hier nicht bald wegkommt, nützt ihm das nichts.« Tim zählte leise die Symptome auf. Die Ärztin nickte und legte dem Patienten ein rotes Armband ums Handgelenk. »Hohe Transportprio. Aber ihr fahrt ihn nicht, ich brauche euch hier. Gebt ihm Ketanest und Dormicum, dann meldet euch bei mir.«
Ein Feuerwehrmann kam heran. Auf den Armen trug er den leblosen Körper einer jungen Frau. Kopftuch und Kleid waren blutdurchtränkt. »Leichenablage?«
Die Ärztin wies flüchtig zur Rückseite der Halle und lief zu einem anderen Team, das mit einer Wiederbelebung beschäftigt war. »Lasst das«, rief sie. »Die Zeit haben wir nicht. Da, kümmert euch um den!«
Der Kollege mit der Toten ging. Tim sah ihm nach, wie er die Leiche zu einer Reihe anderer legte und einen Moment verharrte, bevor er aufstand und zur Einsatzstelle zurückkehrte.
»Wenig Todesopfer«, sagte er.
»Das bedeutet viele Verletzte. Los, mach hin!«
Tim zog die Medikamente auf, während Mark Wundauflagen aus ihren sterilen Verpackungen riss, sie auf die Brandwunden legte und Kochsalzlösung aus einem Infusionsbeutel darüber goss, um die verbrannte Haut feucht zu halten.
»Halt!«, rief eine Frauenstimme.
Mark sah kurz auf. Eine Gruppe stand vor ihm, teils uniformierte Polizisten, teils in Zivil. Tim ignorierte sie und steckte die Spritze an den Adapter der Infusionskanüle.
»Ist er das?«, fragte die Frau.
»Ja, ich glaube schon«, sagte eine andere Frau.
»Sie beide, wir müssen mit dem Mann reden.«
»Habt ihr sie noch alle?«, fragte Mark. »Ihr könnt uns doch nicht einfach in die Behandlung pfuschen.«
»Wollen Sie den Mann gerade in Narkose legen?«
»Was dagegen?«, fragte Tim und drückte auf den Kolben der Spritze. Langsam ließ er die Medis in die Vene des Patienten laufen.
»Stopp!«, rief die Frau.
Nun schaute auch Tim auf – und blickte in ein sommersprossiges Gesicht unter rotblonden Locken. Dieses Gesicht so schnell wiederzusehen, hatte er nicht erwartet.
»Oh nein«, sagte sie. Schon wieder.
»Oh doch«, antwortete er und drückte den Kolben ganz durch. Die Unruhe des Patienten legte sich, der Kopf fiel zur Seite.
»Das kannst du …« Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Das können Sie …«
Tim stand auf. »Hör mal, erzähl uns nicht, wie wir unsere Patienten behandeln sollen, okay? Wir sagen euch auch nicht, wie man Strafzettel schreibt.«
Die LNA stellte sich zu ihm. »Gibt’s Probleme?«
»Ich weiß nicht«, sagte Tim und schaute die Polizistin an. »Gibt es Probleme?«
Diese zog den blauen Dienstausweis aus der Gesäßtasche ihrer Jeans. Tim konnte nicht anders, als daran zu denken, was sich unter dem straff gespannten Stoff befand. Er riss sich zusammen und trat zur Notärztin, um den Namen auf der blauen Karte zu lesen: Marie Schwartz, Kriminaloberkommissarin. Marie, richtig. Tim erinnerte sich.
»Es ist für unsere Ermittlungen sehr wichtig, dass wir so früh wie möglich Spuren und Aussagen sichern«, sagte sie, »und es besteht Grund zur Annahme, dass dieser Mann uns wertvolle Hinweise geben kann.«
»Erst einmal gebe ich Ihnen einen wertvollen Hinweis«, fauchte die Notärztin und schien eine Handbreit zu wachsen. »Der Patient ist schwerst verletzt, und wenn die beiden Jungs ihre Arbeit nicht verdammt gut gemacht hätten, könnten Sie da drüben versuchen, eine Aussage zu bekommen.« Sie deutete zur Leichensammelstelle. »Wenn Sie den Mann so dringend brauchen, dann sollten Sie dafür sorgen, dass der nächste freie Hubschrauber ihn ins Krankenhaus bringt. Und jetzt stehen Sie hier nicht im Weg herum.«
Maries Kieferknochen mahlten, aber sie hatte der Notärztin nichts entgegenzusetzen. Der Kerl von letzter Nacht hielt die Spritze hoch und lächelte freundlich. »Auch eine? Entspannt ungeheuer.«
So ein Idiot. Sie drehte sich um und stapfte davon. Egal wohin, Hauptsache weg.
»Ich kann dir den Namen geben«, rief er ihr nach.
»Danke«, rief sie zurück, ohne sich umzudrehen. »Im Gegensatz zu dir habe ich ihn mir gemerkt.«
»Nicht meinen, Dummkopf. Den vom Patienten.«
Sie blieb stehen, schloss die Augen und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie öffnete sie wieder, vermied es sorgfältig, ihre Kollegen anzusehen, und drehte sich um. »Also?«
Er stand immer noch da wie zuvor, die Spritze in der erhobenen Hand wie James Bond seine Walther PPK. Sie zog das Notizbuch heraus und entnahm den Stift. »Ich höre.«
»Wolfgang Boskop.«
»Boskop wie der Apfel?«
»Ich denke schon.«
»Geburtsdatum?«
Er wies auf das Feuerwehrwappen an seiner Jacke. »Sehe ich aus wie das Einwohnermeldeamt?«
Sie notierte den Namen und klappte das Notizbuch zu. »Sorgen Sie dafür, dass er am Leben bleibt.«
»Das hatte ich vor. Aber danke für den Hinweis.«
Sie drehte sich um und ging, ohne auf ihre Kollegen zu warten.
Harald schloss zu ihr auf. »Was war das denn gerade? Oder besser: Wer war das?«
»Frag nicht. Bitte.«
»Zumal er recht hat. Was ist in dich gefahren, die Retter herumzukommandieren?«
»Ich mache nur meinen Job.«
Harald blieb stehen, griff nach ihrer Schulter und drehte sie zu sich. »Vergiss nicht, dass ich 20 Jahre mehr auf dem Buckel habe als du. Du bist eine brillante Ermittlerin, aber in Sachen Menschenkenntnis stecke ich dich in die Tasche. Also?«
Sie fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht. »Ach, ich weiß auch nicht. Das hier ist einsatztaktisch der pure Horror.«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Einsatztaktisch.«
»Ja, und ansonsten auch, klar. Und ich bin … nicht richtig fit heute. Sieh dich doch um – wie soll ich hier jemals den Überblick bekommen? Überall Opfer, Spuren, Hinweise, und sie werden schneller zertrampelt, als wir sie sichern können. Du weißt so gut wie ich, dass es mit jeder Sekunde schwieriger wird. Wir können nicht einmal den Tatort vernünftig absperren. Der Mann ist die beste Spur, die wir haben.«
Er drückte ihre Schulter. »Dein erster Einsatz in dieser Größenordnung, was?«
»Bei den Mordermittlern, ja. Im Streifendienst ging’s da eher mal rund. Ich habe es immer gehasst.«
»Ich weiß. Es ist nicht schön, wenn man das Gefühl hat, keine Kontrolle zu haben.«
»Ach, das ist es nicht. Es ist nur …« Sie legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sofort sprangen sie die Bilder an: Nacht. Nasser Asphalt. Ein zerstörtes Auto. Zuckende Blaulichter. Und das Gefühl, die Zeit zurückdrehen zu müssen. Rasch öffnete sie die Augen wieder. »Es erinnert mich an etwas. Ist lange her. Lass uns mit der Stewardess reden.«
Harald kniff die Augen leicht zusammen. Marie kannte den Blick. Er setzte ihn immer auf, wenn er spürte, dass ein Zeuge mehr wusste, als er preisgab. »Okay«, sagte er.
Sie drehten sich zu der jungen Frau in der blauen Uniform der Turkish Airlines um, die einige Schritte hinter ihnen unschlüssig stehen geblieben war.
Marie zog ihr Notizbuch heraus und las den Namen der schwarzhaarigen Frau ab. »Frau Sayin, dürften wir Ihnen noch einige Fragen stellen?«
»Muss das sein? Ich möchte lieber nach Hause, bitte. Kann ich nicht morgen zu Ihnen kommen?«
»Ich weiß, es ist eine schlimme Situation, und ich glaube Ihnen, dass Sie mit Ihren Kräften am Ende sind. Aber die Erfahrung zeigt, dass unmittelbar nach einem Ereignis die Erinnerung am frischesten ist. Wenn es möglich ist, würde ich gerne alles mit Ihnen durchgehen. Es dauert nicht lange.«
Die junge Frau schluckte. »Muss das sein? Es ging alles so schnell und es war so furchtbar …«
»Nur ein paar Minuten, dann sind Sie uns los. Versprochen!«
Seufzen. »Na gut.«
»Vielen Dank. Sie arbeiten hier für Turkish Airlines?«
»Als Check-in-Agent, ja. Aber das habe ich Ihnen schon gesagt.«
»Natürlich. Erzählen Sie bitte trotzdem noch einmal, was sich zugetragen hat.«
»Also, ich hatte Check-in-Dienst seit 6 Uhr heute Morgen, direkt in Reihe drei, wo die Bombe explodiert ist.« Sie zeigte auf die lange Zeile von Check-in-Schaltern, die sich von vorne nach hinten durch die Halle zog. Der rückwärtige Bereich war nahezu unversehrt, der vordere Teil hingegen lag in schwarzen Trümmern: Die Schwingtüren, die dem Personal Zugang zum Arbeitsbereich gewährten, hingen schief in den Angeln oder waren abgerissen, die metallene Überdachung der Schalter war zerfetzt und sah aus wie Papier, das mitten in einem Windstoß eingefroren war. Die elektronischen Anzeigetafeln, die daran gehangen hatten, lagen kreuz und quer auf dem Schalter und dem Fußboden. Von den Countern war die hölzerne Verkleidung abgerissen und hatte sich gemeinsam mit Bildschirmen, Druckern, Papieren und Gepäckstücken im Raum verteilt. Dazwischen lagen stumme Zeugen der so jäh unterbrochenen morgendlichen Geschäftigkeit: umgerissene Absperrungen und Gepäcktrolleys, aufgeplatzte Koffer, Kleidung, Schuhe, Brillen. Und Blut. Sehr viel Blut.
»Oh nein, wie furchtbar!«, sagte die junge Frau mit erstickter Stimme. Offenbar nahm sie das ganze Ausmaß der Zerstörung erst jetzt wahr. »Das kann doch nicht sein! Da, da habe ich gestanden! Das ist …« Sie sah an sich herunter, als müsse sie sich vergewissern, dass sie wirklich bis auf ein paar Schrammen unverletzt war.
»Frau Sayin, es scheint, als hätten Sie großes Glück gehabt. Sie sagen, Sie haben dort gestanden?«
»Bei Schalter vier, genau.«
»Beschreiben Sie bitte, was Sie vor der Explosion gehört und gesehen haben. Bitte versuchen Sie, sich an alle Details zu erinnern und nichts auszulassen, auch wenn Sie es im Moment für unwichtig halten.«
Frau Sayin nickte tapfer. »Wir waren gerade beim Check-in für den Flug um 9.35 Uhr nach Istanbul. Die Schlange war lang, der Flug war ausgebucht.« Sie schluckte schwer und sah wieder zu den zerstörten Schaltern hinüber. »Viele Familien. Bald ist das muslimische Zuckerfest, das feiern viele bei ihren Verwandten in der Türkei.«
»War etwas anders als sonst? Ist Ihnen etwas oder jemand aufgefallen, aus welchem Grund auch immer? Hat sich jemand verdächtig benommen?«
Sie dachte kurz nach, schüttelte dann den Kopf. »Nein, es war alles normal.«
»Was ist vor der Explosion geschehen?«
»Ich habe gerade eine Familie eingecheckt. Der Vater hat die Koffer aufs Band gestellt, sie haben die Bordkarten genommen und sind weggegangen.«
»In welche Richtung?«
»Nach hinten. Also weg von …« Sie sah flüchtig über die Schulter zum Ort der Explosion. »Ich glaube, sie haben es geschafft. Ich hoffe es.«
Marie biss die Zähne zusammen. Ja, schön, das hoffte sie auch. Jetzt vielleicht mal was Relevantes? Ihnen lief die Zeit davon!
»An der Stelle, wo die Explosion war«, sprang Harald ein, »ist Ihnen da etwas aufgefallen? Geräusche, Bewegungen, Personen?«
Marie entspannte sich. Auf Harald war Verlass.
»Ja, der Herr, bei dem wir gerade waren. Der, den die Rettungswagenleute behandelt haben.«
Tim. Tim hieß der Knackar…, der Feuerwehrmann. Sie erinnerte sich. Oh Mann.
»Sie sagten, dieser Herr stand direkt bei der Explosion?«, fragte sie.
»Ja. Er hat mit einem anderen Mann um einen Koffer gestritten.«
»Gestritten?«
»Sie haben beide an dem Koffer gezogen. Und sich angeschrien.«
»Wem gehörte der Koffer denn?«, fragte Harald.
Die Stewardess zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
»Wer war der andere Mann?«
»Ich weiß es nicht. Es war ein Türke, ein älterer Mann.«
»Und dann ist die Bombe explodiert?«
»Ein paar Sekunden später, ja.«
»Konnten Sie sehen, wo genau die Explosion war? War es vielleicht der Koffer?«
»Nein, ich musste mit dem Check-in weitermachen. Einer der Koffer der Familie war auf dem Band hängen geblieben, und ich bin ein Stück nach hinten gegangen, um ihm einen Schubs zu geben. Dazu habe ich mich runtergebeugt. In dem Moment hat es diesen gewaltigen Schlag gegeben. Mich hat es einfach umgeworfen, ich bin aufs Gepäckband gefallen, alles um mich herum ist zusammengekracht und überall war Qualm und …« Sie stockte und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich lebe nur noch, weil ein Koffer geklemmt hat. Verstehen Sie das? Ich wäre tot, wenn nicht … Da vorne war der Infoschalter. Was ist mit Dorothee passiert? Die hatte heute Morgen Dienst. Ist sie …«
Vom ehemals halbrunden Infoschalter an der Stirnseite der Check-in-Reihe war nichts als Trümmer übrig. Marie schaute kurz hin und sah Holz, Stahl und Blut. »Ich weiß es nicht«, sagte sie leise und räusperte sich. »Sie haben also nicht gesehen, wo genau die Explosion …«
Harald stieß ihr den Ellenbogen in die Rippen.
Marie räusperte sich abermals. »Gut, das wäre fürs Erste alles. Hier ist meine Visitenkarte, wenn Ihnen noch etwas einfällt. Ich werde Sie in den nächsten Tagen anrufen. Vielen Dank.«
Geistesabwesend nahm die junge Frau die Karte und ging ohne einen Gruß. Marie konnte es ihr nicht übel nehmen.
»Meinst du, die Bombe steckte in dem Koffer?«, fragte Harald.
»Das wird die Spurensicherung herausfinden.«
»Was sagt dein Instinkt?«
»Dass sie in dem Koffer war.«
»Ja, das glaube ich auch. Aber was hat es mit diesem Streit auf sich?«
»Meine Vermutung: Einer der beiden war der Bombenleger, und der andere wollte ihn stoppen.«
»Oder beide dachten, der Koffer gehöre ihnen.«
»Ausgerechnet der mit einer Bombe drin?«
Harald zuckte die Schultern. »Schon Pech irgendwie.«
»Wissen wir, wer der türkische Mann war?«
»Noch nicht. Es scheint aber keinen Verletzten zu geben, auf den die Beschreibung passt.«
»Also tot?«
»Schauen wir mal.«
Sie gingen zur Leichensammelstelle. Harald deutete auf einen Leichnam. »Der da könnte es sein.«
Der Tote hatte offensichtlich die volle Wucht der Explosion abbekommen. Vom Gesicht war nicht mehr viel übrig, ebenso wie vom Rest der vorderen Körperseite. Harald reichte Marie ein Paar Einmalhandschuhe. Sie seufzte, zog sie an und durchsuchte die Taschen des Toten – oder was davon übrig war.
In der Brusttasche des Jacketts wurde sie fündig. Mit spitzen Fingern holte sie eine schwer beschädigte, blutige Brieftasche hervor. Sie klappte sie auf. »Hier ist ein Personalausweis.«
»Türkisch?«
»Deutsch. Ibrahim … Den Rest kann ich nicht lesen. Geboren 57.«
»Kannst du die Ausweisnummer entziffern?«
Marie nickte und las sie vor.
Harald schrieb sie auf, zog sein Mobiltelefon heraus und wählte eine Nummer. »KHK Grossmann, LKA 41«, sagte er. »Ich habe hier eine Perso-Nummer, dazu bräuchte ich Name, Anschrift, Strafregister. Ja, kann losgehen.« Er schrieb, bedankte sich und legte auf.
»Ibrahim Kabaoglu«, sagte er. »Wohnt in Wilhelmsburg. Verheiratet, ein Sohn, eine Tochter. Keine Einträge.«
Marie sah auf den Toten hinunter und runzelte die Stirn. »Glaubst du, ein unbescholtener Familienvater wird auf einmal zum Bombenleger?«
»Bist du jetzt nicht ein bisschen voreilig?«
»Hast du mich nicht nach meinen Instinkten gefragt?«
Harald schüttelte langsam den Kopf. »Ist das Instinkt oder Vorurteil?«
Marie seufzte. »Ich weiß es nicht. Aber wir werden diese Frage sehr schnell beantworten müssen. Dir ist klar, was morgen in der Bild-Zeitung stehen wird, oder?«
»Die ›Bild‹ interessiert mich nicht. Was mich interessiert, ist –«
Marie hob den Arm und winkte. »He, hierher!«, rief sie und lief los.
Harald Grossmann seufzte.
Marie stoppte die drei Männer in orangen Overalls, die mit einer Trage und Notfalltaschen beladen durch eine der rückwärtigen Türen in die Halle traten und sich suchend umblickten.
Sie zeigte ihren Dienstausweis. »Schwartz, Kriminalpolizei. Die leitende Notärztin hat uns gebeten, Ihnen einen Patienten mit hoher Priorität zu übergeben.«
Der Notarzt – ein älteres Semester mit gepflegtem grauem Bart – sah sie über den Rand seiner Nickelbrille prüfend an. »Machen Sie neuerdings Botengänge für die Notärzte?«
»Nur ausnahmsweise. Es ist wirklich dringend.«
Er nickte knapp. »Zeigen Sie mal.«
Gemeinsam liefen sie zu Boskop. »Der da«, sagte Marie.
»Provisorisch drainierter Spannungspneu, Verdacht auf Milzriss«, brüllte jemand über den Lärm hinweg. Es war Tim, der neben einem anderen Patienten aufgestanden war und auf Boskop deutete. Die Finger seines Latexhandschuhs waren blutrot. »Dormicum und Ketanest sind drin. Schnappt ihn euch und gebt Gas, dann hat er noch eine Chance!«
Mit geübten Bewegungen untersuchte der Notarzt den Mann, dann nickte er seinen Kollegen zu. »Er hat recht. Das muss jetzt schnell gehen. Pit, lauf los und bereite den Start vor.«
Der Hubschrauberpilot nickte knapp. »Anmeldung in der Unfallklinik Boberg?«, fragte er.
»Ja. 20 bis 30 Prozent Verbrennungen zweiten und dritten Grades und Polytrauma.«
Der Pilot eilte davon. Der Arzt tauschte die leere Infusion gegen einen frischen Beutel und hob den Patienten gemeinsam mit seinem Sani auf die Trage. »Vier Mann, vier Ecken. Rollen geht hier nicht«, sagte er.
Marie und Harald packten mit an, und zu viert trugen sie den Patienten, so schnell es ging, über die Trümmer zu einem Durchgang in der Rückwand der Halle. Kaum hatten sie ihn passiert, war es, als träten sie in eine andere Welt: glänzender Steinfußboden, verglaste Wartezonen, schicke Boutiquen. Und Stille. Nichts deutete darauf hin, dass keine 50 Meter weiter die Hölle losgebrochen war. Abgesehen von den Hubschrauberbesatzungen und Feuerwehrleuten, die an ihnen vorbeihasteten.
»Da vorne die Treppe runter«, sagte der Notfallsanitäter, der am Kopfende neben Harald trug.
Unten befand sich ein weiteres Gate mit einem direkten Zugang zum Vorfeld. Draußen erwartete sie bereits der Pilot, der Marie die Trage abnahm.
Der Doc deutete auf die Infusion, die auf dem Bauch des Patienten lag. »Zusammenpressen«, sagte er. »Ich will, dass die leer ist, wenn wir am Heli sind.«
Marie drückte den Beutel mit beiden Händen zusammen, während sie neben der Trage über das Rollfeld lief. Als sie an dem orangefarbenen Rettungshubschrauber ankamen, schmerzten ihre Finger.
Eine Minute später hoben Marie und Harald die Arme schützend vor das Gesicht, während der Helikopter abhob und der Wind der Rotoren an ihnen zerrte.
Die LNA fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Kommt, lasst es. Hat keinen Zweck.«
Mark drückte noch einige Male auf den Brustkasten des Endzwanzigers vor ihm, warf einen prüfenden Blick auf den EKG-Monitor, der eine schnurgerade Linie zeigte, und richtete sich auf. »Ach, Scheiße!« Er zog die Latexhandschuhe aus und warf sie heftig auf den Boden.
»Kann man nichts machen«, sagte Tim.
»Sieh an, deine neue Flamme ist wieder da.«
»Was für eine Flamme, bitte schön?«
»Na, die Kriminalzicke mit der engen Jeans.«
»Na ja.«
»Was war das vorhin?«
»Wieso? Was soll gewesen sein?«
»Komm schon. Da läuft doch was.«
Tim sah Marie nach, wie sie mit ihrem Kollegen durch die Trümmer streifte und hin und wieder in die Knie ging, um etwas genauer zu untersuchen. »Schön wär’s.«
»Mann, du hast es echt mit den Frauen«, sagte Mark.
»Besser als du.«
»Deshalb bleibe ich bei den Männern.«
»Sollte ich auch mal versuchen. Würde manches vereinfachen.«
»Nee, lieber nicht«, sagte die LNA und stand auf.
»Was?«
Sie grinste und ging. »Kommt ihr? Die Arbeit ruft!«
Notärzte waren ein seltsamer Haufen.
Langsam ließ er den Wagen ausrollen, zog die Handbremse an und drehte den Schlüssel aus dem Zündschloss.
Er hatte es getan. Er hatte es wirklich getan.
Es war gar nicht schwer gewesen. Koffer auf, Paket rein, Koffer zu. Was war schon dabei?
Der Rest lag in Allahs Händen allein. Und die Wege des Allwissenden waren voller Wunder. Was der Schöpfer, der ewig Bleibende, der Glorreiche für ihn bereithielt, das hätte er niemals gedacht. Dass er ihn in seiner unendlichen Weisheit auf den gerechten Pfad führte und ihn mit Männern zusammenbrachte, die ebenso entschlossen waren, für ihren Glauben zu kämpfen, wie er. Männer, in deren Stärke, Mut und Unerschütterlichkeit er ein Vorbild gefunden hatte.
Sie würden stolz auf ihn sein.
Allah würde stolz auf ihn sein.
Er blickte aus dem Fenster auf die endlos lange, beige gestrichene Betonfront der Werkshalle vor ihm. Er war spät dran, Schichtbeginn war in nicht einmal 15 Minuten.
Aber arbeiten? Heute? Er brannte darauf, seinen Brüdern die guten Neuigkeiten zu überbringen. Er sah auf die Uhr. In ein, zwei Stunden konnte er sie in der Moschee treffen. Vorher noch zur Arbeit? Ach was. Kurz entschlossen ließ er das Auto wieder an, setzte zurück und schlitterte übermütig mit quietschenden Reifen auf die Straße.
Kapitel 2
20. Mai
Marie und Harald waren die letzten, die den Konferenzraum betraten. Sie grüßten und entschuldigten sich für die Verspätung.
»Macht nichts«, sagte Kriminaloberrat Decker. Er war heute Polizeiführer vom Dienst und hatte vor Ort den Einsatz geleitet. Ein hohes Tier, aber ein netter Mensch. Vorausgesetzt, man folgte seinen Anordnungen.
Mit Decker am runden Besprechungstisch saß ihr Team der dritten Mordbereitschaft: Leiter Arthur Thewes und die Kollegen Markus Schnittgereit und Johannes Tritscher. Außerdem ein Kollege und eine Kollegin, die Marie vom Sehen kannte, aber nicht einordnen konnte, und ein uniformierter Polizist, dessen fünf silberne Sterne an der Schulter ihn als Ersten Kriminalhauptkommissar auswiesen. Seinen Ärmel zierte ein Wappen mit dem Bundesadler. Bundespolizei also. Er war um die 50, hatte einen kahlgeschorenen Schädel und ausgeprägte Lachfalten. Es war nicht ein Staubkorn auf der Uniform, und er war der Einzige, der nicht nach Rauch und Tod stank wie alle anderen am Tisch, Decker eingeschlossen.
Marie und Harald setzen sich.
Decker räusperte sich. »Gut, dann können wir ja anfangen.« Er griff zu einer Fernbedienung und schaltete den Beamer ein, der unter der Decke hing.
»Sie alle wissen, warum wir hier sind: Heute Morgen um 7.37 Uhr ist eine Bombe im Check-in-Bereich des Terminals 1 im Helmut-Schmidt-Flughafen Hamburg explodiert. Die Anzahl der Todesopfer beläuft sich derzeit auf 17, die Anzahl der Verletzten auf rund 140. Wir müssen damit rechnen, dass noch einige von ihnen ihren schweren Verletzungen erliegen werden. Der Ort der Explosion war genau hier.«
Decker drückte auf eine Taste an seinem Notebook. Der Beamer warf einen Grundriss des Terminals auf die Leinwand. Links schlossen sich die Sicherheitskontrollbereiche an, oben der Ladenbereich mit den Rolltreppen zu den Restaurants und unten die Zufahrt. In der rechten unteren Ecke war eine rote Markierung, auf die Decker jetzt deutete.
»Wie Sie sehen – und die meisten von Ihnen auch vor Ort feststellen konnten – ist der Bereich in unmittelbarer Nähe des Infoschalters vor Check-in-Bereich drei. Dieser wird von einer Reihe von Fluggesellschaften, unter anderem Turkish Airlines, genutzt. Der Bereich wird natürlich videoüberwacht, aber leider sind die Kameras ziemlich weit weg, sodass die Bildqualität nicht optimal ist. Die folgenden Aufnahmen setzen etwa 30 Sekunden vor der Detonation ein.«
Der Grundriss auf der Leinwand machte einem Videobild Platz. Die Kamera musste ungefähr in der Mitte der verglasten Hallenfront in einigen Metern Höhe montiert sein, sie zeigte den Check-in-Bereich schräg von oben. Noch war eine Totale des Bereichs zu sehen, aber einige Sekunden nach dem Start des Videos schwenkte und zoomte sie näher an die Szene. Offenbar hatte etwas die Aufmerksamkeit des Operators erregt.
»Bitte beachten Sie diese beiden Männer«, sagte Decker und markierte mit einem Laserpointer zwei Gestalten, die beide eine Hand am Ausziehgriff desselben Rollkoffers hatten.
Die Männer gestikulierten, offensichtlich im Streit. Die Gesten wurden ausladender, beide zerrten an dem Koffer, der zwischen ihnen hin und her gerissen wurde. Die Kamera ging nahe heran und folgte der Auseinandersetzung.
Einer der Männer ließ den Koffer los und fiel nach hinten, aus dem Sichtbereich der Kamera heraus.
Keine zwei Sekunden später wurde die Leinwand übergangslos grellweiß. Als das Bild zurückkehrte, zeigte es nur Rauch und Staub. Decker stoppte die Wiedergabe, bevor die Wolke sich gelegt hatte, und ersparte ihnen die grausigen Bilder, die sie ohnehin alle kannten und die sie noch lange mit sich herumtragen würden.
»Wie Sie sehen, können wir auf den Aufnahmen nicht unmittelbar erkennen, ob der Koffer, um den die beiden sich stritten, der Ausgangspunkt der Explosion war. Unsere Spezialisten hegen daran aber kaum Zweifel. Über die Machart der Bombe wissen wir noch nichts. Bei den Männern handelt es sich vermutlich um einen Wolfgang Boskop, deutscher Staatsbürger, und um einen Deutschtürken namens Ibrahim Kabaoglu. Boskop lebt, ist jedoch in kritischem Zustand. Kabaoglu ist tot. Er hinterlässt eine Frau und eine Tochter, die ebenfalls am Flughafen waren und derzeit psychologisch betreut werden, sowie einen Sohn. Sie alle wissen, dass wir mit massiven Vorverurteilungen vonseiten der Presse und der Bevölkerung konfrontiert sein werden. Wir haben einen Moslem und wir haben eine Bombe, für viele reicht das, um einen islamistischen Terroranschlag anzunehmen. Ich muss Ihnen sicherlich nicht sagen, dass uns das nicht zu interessieren hat. Unser Einsatz dient der Wahrheitsfindung, sonst nichts.
In Absprache mit der Polizeiführung haben wir auf die Einrichtung einer Sonderkommission verzichtet. Der Grund: Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um einen Einzeltäter. Wir haben bislang keinerlei Hinweise gefunden, dass es Hintermänner gibt. Trotzdem wird dieser Fall ein wenig über den Rahmen des Üblichen hinausgehen: Wir haben eine große Menge an Zeugen und Betroffenen, die alle vernommen werden müssen, und die Presse wird jeden unserer Schritte genau beobachten, ganz zu schweigen von Polizeipräsident und Innensenator. Seien Sie sich dessen bitte bewusst, und fordern Sie bei Bedarf zeitig weitere Kräfte an. Mit dabei ist der polizeiliche Staatsschutz in Gestalt des LKA 7. Herr Behrend und Frau Zander waren heute vor Ort, vielleicht hat der eine oder andere sie schon am Flughafen gesehen.«
Die beiden Kollegen nickten in die Runde.
»Und da der Tatort der Flughafen war, ist auch die Bundespolizei mit an Bord. Im Grunde fällt die Angelegenheit in ihren Zuständigkeitsbereich, aber da die Bundespolizei keine Tötungsdelikte bearbeitet, sind wir übereingekommen, dass die Sache von uns geführt wird. Wenn Sie irgendetwas von der BuPol brauchen, wenden Sie sich am besten an Herrn Kubicki.«
Der Bundespolizist nickte. »Gerne. Und entschuldigen Sie bitte meinen Aufzug. Hätte ich gewusst, dass es hier so leger zugeht, hätte ich mir kein Bein ausgerissen, um noch zu duschen und die Uniform zu wechseln.«
Alle lachten.
»Wie Herr Decker ganz richtig sagte, liegt der Fall eigentlich bei uns, aber wir sind ganz froh, dass Sie sich darum kümmern. Wenn Sie die Kollegen von der Flughafenwache vernehmen wollen oder Augen und Ohren vor Ort brauchen, koordiniere ich das gerne für Sie.«
»Sehr schön, vielen Dank«, sagte Decker. »Auch von meiner Seite kann ich Ihnen allen volle Unterstützung zusichern: Sagen Sie, was und wen Sie brauchen, und Sie werden es bekommen. Also alles wie immer.«
Verhaltenes Lachen. Die prekäre Finanz- und Personallage der Polizei war ihnen allen bekannt.
»Noch Fragen? Gut. Ich übergebe die Leitung des Einsatzes hiermit an Herrn Thewes von der Mordermittlungsgruppe drei.«
»Danke«, sagte Arthur. »Wie gesagt, sieht es vom ermittlungstechnischen Standpunkt her nicht kompliziert aus. Sprengstoffexperten und die Spürhunde haben jede Ecke und jeden Winkel des Flughafens abgesucht, ohne einen Hinweis auf Mittäter oder eine weitere Bombe zu finden. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um einen Selbstmordanschlag handelt, womit wir keinen flüchtigen Täter mehr suchen müssten. Alleine der große Umfang des Tatorts, der Spuren und der Zeugen und nicht zuletzt, wie Herr Decker schon sagte, die große Aufmerksamkeit, die unserer Arbeit zuteilwird, machen die Sache aufwendig.« Er wandte sich an den Bundespolizisten. »Herr Kubicki, könnten Sie die Befragung der Angestellten am Flughafen übernehmen? Ihre Leute sind näher dran, man kennt sie, und Sie würden uns damit sehr helfen.«
Kubicki nickte. »Natürlich. Ich habe damit gerechnet, meine Leute sind bereits unterwegs.«
»Vielen Dank. Herr Behrend, Frau Zander, wie stellt sich die Sache aus Sicht des Staatsschutzes dar?«
Zander winkte ab. »Diffus. Ich wünschte, wir könnten Ihnen etwas anderes sagen, aber die Sache hat uns ziemlich kalt erwischt.« Sie war eine kleine rundliche Frau Anfang 40 mit kurzen dunklen Haaren. Obwohl sie entspannt auf die Unterarme gestützt am Tisch saß, strahlte sie eine ungeheure Dynamik aus.
Marie mochte sie auf Anhieb.
»Zwar hat die Terrormiliz ›Islamischer Staat‹ über ihren Propagandadienst Amak verlauten lassen, sie sei für den Anschlag verantwortlich, aber wie üblich wurde kein Täterwissen offenbart und nur spärlich Informationen herausgegeben: ›Der Ausführer des Sprengstoffanschlags heute in Hamburg ist ein Soldat des Islamischen Staates. Er führte die Operation nach Aufrufen zum Angriff auf Angehörige der Koalitionsstaaten aus.‹ Das war alles.«
»Ist es nicht ohnehin so, dass der IS bereitwillig die Verantwortung für jeden Vorfall übernimmt, der nur im Entferntesten nach einem Anschlag aussieht?«, frage Kubicki.
Zander nickte. »Im Grunde schon. Wir verlassen uns lieber auf unsere eigenen Erkenntnisse, aber die sind dieses Mal ausgesprochen dünn. Für gewöhnlich liegen uns bereits geraume Zeit vor einer Tat zumindest vage Beobachtungen vor. Wenn diese sich weit genug eingrenzen lassen, dann können wir die Tat oft verhindern. Wir kennen unsere Szene, die linke wie die rechte, und wir bekommen jede größere Erschütterung mit. Aber dieses Mal – nichts. Nicht bei den Islamisten, nicht bei den Rechten, nicht bei den Linken. Sogar die Reichsbürger machen Ferien.«
»Für mich klingt das nach Einzeltäter«, sagte Harald.
Behrend, ein großer Mann mit strubbeligen schwarzen Haaren und einem dicken Schnauzbart, nickte.
Er erinnerte Marie an eine ältere Beamtenversion von Tom Selleck als Privatdetektiv Magnum. Nur nicht so gut aussehend.
»Ja«, bestätigte Behrend, »scheint so. Aber im Regelfall haben wir auch die einsamen Wölfe auf dem Radar, denn auf die eine oder andere Art und Weise sind sie alle vernetzt. Extremisten wollen Bestätigung, sie lieben ihre Filterblase, wie das neudeutsch so schön heißt. Wir dürfen zwar nicht alles mithören, doch die meisten kennen wir.«
»Ibrahim Kabaoglu?«, fragte Marie. »War der bei euch bekannt?«
Zander schüttelte den Kopf. »Eine makellos weiße Weste. Braver Staatsbürger und Steuerzahler, kein einziges Mal in einer der Moscheen aufgetaucht, die wir im Fokus haben.«
»Also sehr vorsichtig? Oder hat er wirklich eine weiße Weste?«
»Meine Liebe, wenn wir das wüssten, wären wir ein gutes Stück weiter.«
»Es spricht aber dennoch eine Menge gegen Kabaoglu«, sagte Behrend. »Ich meine, er hatte im wahrsten Sinne des Wortes die Hand an der Bombe, oder?«
Allgemeines Nicken.
»Gut«, sagte Arthur Thewes. »Wir haben einiges auf der Liste: Familie Kabaoglu muss noch heute vernommen werden, und ich möchte so schnell und so genau wie möglich wissen, was heute Morgen passiert ist, von den beteiligten Personen bis hin zur Bauart der Bombe, dem Explosionsradius und allem, das uns helfen kann, den Vorfall zu rekonstruieren. Ich brauche Aussagen von den eingesetzten Polizisten, Ärzten, Feuerwehrleuten, alles.«
»Wir übernehmen Familie Kabaoglu«, sagte Marie.
»Dann übernehmen die Evangelisten die Tatrekonstruktion. Einverstanden?«
»Evangelisten?«, fragte Kubicki.
»Johannes und Markus, vermute ich«, sagte Zander.
Kubicki schmunzelte.
»Ist dieser Boskop schon vernehmungsfähig?«, fragte Thewes.
»Nein«, antwortete Markus Schnittgereit. »Wir waren vorhin im Krankenhaus Boberg wegen ein paar anderer Aussagen. Es scheint ihm besser zu gehen als befürchtet, aber noch ist nichts zu machen.«
»Okay, aber bleibt dran. Mit Glück können wir den Sack zumachen, sobald wir seine Aussage haben.« Arthur stand auf. »Wenn ihr mich bitte entschuldigt.« Er sammelte seine Papiere ein und verließ den Raum.
Für Marie wirkte es wie eine Flucht, und die verwunderten Gesichter ihrer Kollegen zeigten, dass es ihnen ebenso ging.
Er saß vor seinem Fernseher, unfähig, sich zu bewegen. Sein ganzes Sein war von den Bildern eingenommen, die über den Bildschirm flackerten. Die restliche Welt hatte aufgehört zu existieren. Seine Hände waren taub, und die Kommentare aus den Lautsprechern drangen wie durch Watte zu ihm und verhallten in der Leere in seinem Inneren.
»… 17 Tote …«, hallte es ihm durch den Schädel. »… Bombe … Koffer … Flughafen …« Die Kamera schwenkte durch die Halle. »… Turkish Airlines … Zuckerfest …« Bilder in seinem Kopf. Die Mutter, wie sie ihn küsste. Die Schwester, die ihn umarmte. Der Vater, der ihn anlachte und an sich zog.
In dieser Halle. In dieser Trümmerwüste.
Die Kamera zoomte auf den zerstörten Check-in-Schalter. Genau dort. Genau dort hatten sie sich verabschiedet. Genau dort war nun eine riesige, halb eingetrocknete Blutlache.
Das Telefon klingelte, aber es drang nicht zu ihm durch. Wie aus weiter Ferne vermischte es sich mit den Klängen und den Bildern aus dem Fernseher. Er bemerkte es nicht, ebenso wenig wie die Tränen, die ihm über das Gesicht liefen.
Gereizt trommelte Tim mit den Fingern auf die Armlehne des Sofas. Ihre Arbeit am Flughafen war beendet, alle Fahrzeuge wieder an der Wache, die Besatzungen aus dem Einsatz entlassen, aber Tim und viele andere waren noch geblieben. Das half, das Adrenalin herunterzufahren. Je nach Einsatz und Kollegen wurde mal mehr, mal weniger geredet. Auch das half, mit dem Erlebten fertig zu werden. Sie alle waren darauf trainiert, die furchtbaren Bilder nicht allzu nahe an sich heranzulassen, doch manchmal konnten selbst sie sich ihnen nicht entziehen. Niemand kannte das besser als die Kollegen, und niemand war besser geeignet, darüber zu reden. Oder zu schweigen.
Heute sahen sie die meiste Zeit die Berichterstattung über den Anschlag im Fernsehen an. Die Fakten waren offensichtlich, aber wenn Tim in seiner Zeit als Notfallsanitäter und Feuerwehrmann eines über die Presse gelernt hatte, dann das: Fakten reichten nicht. Nicht für die Nachrichten und erst recht nicht für die Boulevardpresse. Schon am Flughafen hatte an jedem Absperrband ein Reporter gestanden, das pflichtbewusst erschütterte Gesicht der Kamera zugewandt, und mit großem Ernst haltlose Mutmaßungen verkündet.
»Gut, dass die Polizei wenigstens schnell geschaltet und keinen von den Affen in die Halle gelassen hat«, sagte Tim. »Wären die uns auch noch über die Füße gelaufen, ich glaube, ich wäre ausgerastet.«
»Und was ist das?«, fragte einer der Jungs vom Löschzug und deutete auf den Fernseher. Das Bild war grob und wackelte heftig, aber es zeigte unverkennbar Tim, Mark und die langhaarige LNA bei der Wiederbelebung.
»Na super«, sagte Mark. »Das werden wir bis morgen alle zehn Minuten auf jedem Kanal sehen.«
Tim seufzte. »Geschafft hat’s der arme Kerl trotzdem nicht.«
»Wo, um Himmels willen, stand die Kamera?«
»Auf dem Löschfahrzeug.«
»Seid ihr bescheuert, den da raufzulassen?«
»Haben wir nicht. Der ist heimlich raufgeklettert, und wir haben ihn erst nach ein paar Minuten entdeckt. Jörg wollte ihn eigentlich mit dem C-Rohr runterpusten.«
Alle lachten.
Der Sprecher unterlegte die eingespielten Bilder mit Kommentaren, die aus den bekannten und hundertmal wiederholten Fakten gespeist und mit Spekulationen und Allgemeinplätzen aufgefüllt waren. »Der Ort der Explosion lag im vorderen rechten Teil der Halle«, sagte er. »Die Detonation war so heftig, dass das komplette Terminal verwüstet wurde. Es muss befürchtet werden, dass im Umkreis von vielen Metern niemand diese Explosion überlebt hat. Offizielle Zahlen gibt es noch nicht, aber unseren Informationen nach beträgt die Zahl der Todesopfer bis zu 20.«
»Stimmt gar nicht«, sagte Lars, der an diesem Morgen einer der ersten vor Ort gewesen war. »Der eine Typ, der war genau da, wo’s geknallt hat. Oder, Clemens?«
Sein Partner nickte. »Hat am Anfang noch vor sich hingebrabbelt. Sowas wie ›Das hätte nicht passieren dürfen‹.«
Tim nickte. »Ja, den haben wir später versorgt. Sah ziemlich finster aus.«
»Hat er euch denn überlebt?«
»Knapp. Ist als einer der ersten nach Boberg.«
»Da hatte er Glück. Die Verbrennungsbetten dürften in Nullkommanichts ausverkauft gewesen sein.«
Tim schnaubte. »Wer die Betten braucht, hatte per Definition kein Glück.«
»Aber er hat eine Chance.«
Tim schwieg.
»Hab ich schon wieder was Falsches gesagt?«
»Was hat der Mann mit ›Das hätte nicht passieren dürfen‹ gemeint?«
»Ist doch egal. Der war völlig durch den Wind. Keine Ahnung, was ich in so einer Situation sagen würde.«
»Du würdest wahrscheinlich Mark einen Heiratsantrag machen.«
Alle lachten, und Tim mit ihnen. Jetzt war nicht die Zeit zum Grübeln. Aber es nagte an ihm. Irgendetwas passte nicht, doch er kam nicht darauf, was.
In der Moschee waren sie nicht. Nicht im Gebetsraum, nicht in den Gemeinschaftsräumen, nicht im Waschraum.
Nervös streifte er durch die Gänge, öffnete jede Tür, sah in jedem Raum nach. Der Imam grüßte ihn, er grüßte flüchtig zurück, den Blick schon wieder woanders. Keiner von ihnen war da. Hatten sie ihn im Stich gelassen? Hatten sie ihn die Drecksarbeit machen lassen und waren dann verschwunden?
Es war Zeit für das Nachmittagsgebet. Er wünschte sich die Nähe des Barmherzigen. Also wusch er sich, ging in den Gebetsraum, richtete sich nach Mekka aus und hob die Hände. »Allahu akbar …«
Er betete, wie es vorgeschrieben war, aber sein Herz und seine Gedanken waren nicht bei der Sache. Die Erleichterung und die Ruhe im Geist, die er sich vom Gebet erhofft hatte, stellten sich nicht ein. Wie auch? Warum sollte Allah einem Sünder wie ihm Frieden schenken? Einem Mann, der all die getötet hatte, die ihm vom Höchsten zum Schutz befohlen waren – die eigene Familie?
Oder prüfte Allah ihn? Stellte er seine Glaubensfestigkeit auf die Probe mit dem höchsten Opfer, das ein Mann seinem Gott darbringen konnte? War es gar gerechtfertigt, die Familie zu opfern, um möglichst vielen Ungläubigen den Tod zu bringen? Hatte er sie Allahs Gnade als Märtyrer anempfohlen und ihnen einen Platz im Paradies verschafft?
Seine Brüder würden Rat wissen. Wo waren sie?
Er ging vor die Tür, suchte sich eine unbeobachtete Ecke und zog das Smartphone heraus. Zwar war es verboten, andere Mitglieder der Gruppe anzurufen – zu groß die Gefahr, dass eines ihrer Telefone den Ungläubigen in die Hände fiel –, aber das war ihm egal. Er musste Gewissheit haben.
Es klingelte und klingelte, dann sprang die Mailbox an und erklärte mit elektronischer Stimme, der Teilnehmer sei zurzeit nicht erreichbar. Er versuchte es ein zweites und drittes Mal, bevor er es aufgab. Eine Nachricht hinterließ er nicht.
Frustriert steckte er das Smartphone weg und machte sich auf den Heimweg. Er war noch nicht weit gekommen, als es in seiner Tasche vibrierte. Der verschlüsselte Messenger, mit dem sie kommunizierten, zeigte eine neue Nachricht an. Hastig öffnete er sie.
»Nicht anrufen«, stand dort, darunter eine Adresse, die er nicht kannte, und eine Uhrzeit.
Eine Stunde. Dann würde sich alles aufklären.
Sein Blick fiel auf die Benachrichtigungsleiste. Ein Anruf in Abwesenheit.
Er tippte auf die Nachricht, die Nummer wurde angezeigt, und seine Welt drehte sich schlagartig in eine andere Richtung.
Es war die Nummer seiner Schwester.
Kapitel 3
21. Mai
»Da«, sagte Harald, »Nummer 15. Fahr rechts ran.«
Es war später Vormittag und die meisten Anwohner waren bei der Arbeit. Die Erwerbslosenquote war hoch in Wilhelmsburg, aber es blieben genügend automobile Arbeitnehmer, um bequem einen freien Parkplatz in der Nähe des Hauses zu finden.
Marie und Harald stiegen aus dem BMW und gingen zum Eingang eines der typisch hamburgischen Wohnblöcke, vierstöckig und dunkelrot verklinkert. Auf der anderen Straßenseite standen keine Häuser, hier erhob sich sieben oder acht Meter hoch der Elbdeich.
Marie überlegte, ob man vom oberen Geschoss der Häuser aus das Wasser sehen konnte. Anderswo in Hamburg würde man für diese Lage am Ufer der Elbe horrende Mieten bezahlen, aber nicht hier auf der Veddel, einem der klassischen Arbeiterviertel Hamburgs. Noch nicht. Es war nur eine Frage der Zeit, bevor gewiefte Immobilienspekulanten die Häuser aufkauften, grundsanierten und die alteingesessenen Multikulti-Einwohner gegen schicke junge Leute austauschten, die es hip fanden, in ein heruntergekommenes Viertel zu ziehen. Natürlich in Luxuswohnungen. »Gentrifizierung« hieß das, wenn sie sich recht erinnerte. Ein Prozess, der schon einige Stadtviertel vom authentischen Kiez zur Yuppie-Hochburg verwandelt hatte: Sankt Pauli, die Schanze, Ottensen … Lange würde es nicht mehr dauern, bis Wilhelmsburg dran war. Ging vielleicht schon los, wer weiß.
Harald studierte die Klingeltafel. »Kabaoglu, hier. Mann, haben die eine Sauklaue!« Er drückte den Knopf, und sie hörten weiter oben eine altmodische Türklingel schnarren.
Marie lehnte sich gegen die Tür und wartete auf den Summer.
Stattdessen wurde über ihnen ein Fenster geöffnet. »Ja bitte?«, fragte eine jung klingende Frauenstimme.
Sie traten einige Schritte zurück und blinzelten nach oben. Eine dunkelhaarige Frau Mitte 20 lehnte aus dem Fenster im zweiten Stock.
»Guten Tag, mein Name ist Marie Schwartz, und das ist mein Kollege Harald Grossmann. Können wir bitte Frau Kabaoglu sprechen?«
»Sind Sie Journalisten?«
»Nein.« Marie hielt ihre Dienstmarke hoch. Sie wollte vermeiden, das Wort »Polizei« laut nach oben zu rufen. Das brachte nur unerwünschte Aufmerksamkeit, speziell in Vierteln wie diesem.
Die junge Frau im Fenster nickte. »Kommen Sie rein, die Tür ist nicht verschlossen. Zweiter Stock links.«
Im Treppenhaus roch es nach Kohl, feuchten Wänden und exotischen Gewürzen. Der Handlauf war abgegriffen, die Wände schmutzig und von den Fenstern blätterte die Farbe ab. Umso überraschter war Marie, als die junge Frau die Wohnungstür öffnete und sie in ein blitzsauberes, wenn auch kitschiges Wohnparadies einließ. Auf den alten Bodendielen lagen kunstvoll geknüpfte orientalische Teppiche, die Wände waren mit einer dicken Stofftapete versehen, die obendrein glitzerte. Davor hingen Bilderrahmen mit Familienfotos und ein Spiegel mit einem breiten goldenen Rand in nachgemachtem Barockstil.
Aus dem Wohnzimmer klang ein aufgeregtes Durcheinander von Frauenstimmen bis in den Flur. »Haben Sie Besuch?«, fragte Marie.
Die junge Frau nickte und lächelte flüchtig. »Das sind Trauergäste«, sagte sie in akzentfreiem Deutsch. »Sie waren noch bei keinem türkischen Trauerfall, oder?« Sie war ausgesprochen hübsch, mit einem schwarzen Pferdeschwanz, hohen Wangenknochen und mandelförmigen dunklen Augen, denen man ansah, dass sie geweint hatte.
Marie lächelte verlegen. »Da haben Sie recht. Bitte verzeihen Sie uns, wenn wir uns mit Ihren Bräuchen nicht gut auskennen.«
Die junge Frau winkte ab. »Sie sind von der Polizei?«
»Ja«, sagte Marie und hielt ihr den Dienstausweis hin. »Ich bin Kriminaloberkommissarin Marie Schwartz, das ist Kriminalhauptkommissar Harald Grossmann. Dürfte ich fragen, wer Sie sind?«
»Şahika Kabaoglu. Mein Vater …« Sie schluckte schwer. »Entschuldigen Sie.« Sie zog ein Taschentuch aus der Jeans und putzte sich die Nase.
Marie nickte ihr freundlich zu. »Da gibt es nichts zu entschuldigen. Ihr Verlust tut mir sehr leid.« Sie hasste das Wort »Beileid« und die ganzen abgedroschenen Phrasen, aber sie wusste, dass alles, was sie sagte, lahm klingen musste.
»Danke«, sagte Şahika Kabaoglu. »Sie möchten sicher mit meiner Mutter sprechen, oder?«
»Wenn wir korrekt informiert sind, waren Sie beide am Flughafen. In diesem Fall würden wir gerne Sie beide sprechen«, antwortete Harald.
»Natürlich. Kommen Sie herein.« Sie ging voran ins Wohnzimmer, wo vier Frauen um den Couchtisch saßen.
Die Gespräche verstummten, als Marie und Harald den Raum betraten. Şahika Kabaoglu stellte sie kurz auf Türkisch vor; Marie verstand nur das Wort »Polis«. Kaum war es gefallen, da sprangen alle Frauen bis auf eine vom Sofa auf. Eine bot ihnen die frei gewordenen Plätze an, die beiden anderen liefen in die Küche und kamen gleich darauf mit Tee, Kaffee und Keksen zurück. Wortreich, halb auf Deutsch, halb auf Türkisch, nötigten sie Marie und Harald, sich zu setzen. Marie sah Hilfe suchend zu Şahika, die sich zu ihr beugte.
»Wir alle haben große Hoffnung, dass Sie denjenigen finden, der meinem Vater das angetan hat.«
»Das haben wir vor, das versichere ich Ihnen.«
Şahika Kabaoglu stellte sie ihrer Mutter vor, die neben ihnen auf dem Sofa saß. Sie war Anfang 60, hatte eine stämmige Statur, eine gepflegte Hochsteckfrisur und trug dunkle Trauerkleidung.
»Wollen Sie Kaffee«, fragte Mutter Kabaoglu mit einem mittelmäßig starken Akzent, »oder Tee?«
»Vielen Dank, ich –«
Harald fiel Marie ins Wort. »Tee, bitte. Für uns beide. Vielen Dank.«
Die Tochter goss ihnen ein und schob den Teller mit Keksen herüber. Dann nahm sie gegenüber auf der Vorderkante eines Sessels Platz.
»Frau Kabaoglu«, sagte Marie, »wir würden mit Ihnen und Ihrer Tochter gerne über das sprechen, was gestern auf dem Flughafen passiert ist. Ich verstehe, dass das alles noch sehr frisch und erschreckend für Sie ist. Trotzdem ist es leider notwendig, Sie jetzt schon zu befragen.«
Frau Kabaoglu nickte tapfer. »Ist wichtig, dass Sie alles wissen, damit Sie finden können den, der mein Mann getötet hat. Ich helfe Ihnen.«
»Vielen Dank. Ich –«
»Er war ein guter Mann. Ganz fleißig. Ist schon in der Nacht zu Großmarkt gefahren und hat Ware gekauft, jeden Tag. Immer gute Ware, immer frisch. Kunden waren immer zufrieden. Alle haben gerne gekauft bei uns. Immer freundlich zu den Kunden. Immer viel gearbeitet, damit Şahika und Altay gute Ausbildung bekommen. ›Wir sind doch jetzt Deutsche‹, hat er immer gesagt, und für deutsche Kinder ist Ausbildung wichtig. Noch wichtiger als für türkische Kinder.«
»Ihr Mann hat sich als Deutscher gefühlt?«
»Halb und halb. Ja, hat er gesagt, wir sind als Türken geboren, und wir gehen zu Allah als Türken, aber wir sind in Deutschland, und Deutschland ist gut zu uns, also wollen wir auch Deutsche sein. Er hatte viele deutsche Freunde.« Sie seufzte und hob die Arme. »Und wo sind sie alle? Keiner von ihnen kommt.«
»Ana, das ist anders hier in Deutschland«, sagte Şahika. »Die Deutschen kommen nicht zu Leuten, die trauern, weil sie Angst haben, zu stören.«
»Wirklich?« Frau Kabaoglu sah Marie entgeistert an, die zustimmend nickte. »Das ist doch dumm! Wer traurig ist, der braucht Freunde!« Sie hielt erschrocken die Hand vor den Mund. »Oh, das war schlecht gesagt. Ich wollte nicht sagen, dass Sie dumm sind.«
»Natürlich nicht.« Harald lächelte. »Wir sind ja hier.«
Frau Kabaoglu lachte leise und legte ihm und Marie die Hand auf den Arm. »Sie sind gute Menschen. Sie werden helfen zu finden den Mörder von meinem Ibrahim.«
Marie hatte einen Kloß im Hals. »Frau Kabaoglu, bitte erzählen Sie mir, wie der gestrige Morgen abgelaufen ist.«
Die Witwe nickte. »Wir sind ganz früh aufgestanden, weil Ibrahim sagte, wir müssen unbedingt zwei Stunden vorher an Flughafen sein.«
»Wann waren Sie am Flughafen?«
»20 nach sieben. Ich weiß noch genau, weil Ibrahim so froh war, dass alles gut geklappt hat. Altay hat uns gebracht mit Auto.«
»Wollte Altay nicht mit in die Türkei?«
Şahika schüttelte den Kopf. »Er arbeitet im Mercedes-Werk in Harburg, und er hat leider keinen Urlaub bekommen.«
»Weswegen wollten Sie in die Türkei? Wegen des Zuckerfestes?«
»Nein, mein Cousin wollte morgen heiraten.« Şahika seufzte tief. »Das ist natürlich abgesagt. Die ganze Familie ist völlig fertig.«
»Wo genau hat Ihr Bruder Sie abgesetzt?«
»Direkt vor dem Terminal. Vor der Abflugebene gibt es einen Parkstreifen, da hat er den Wagen abgestellt und ist noch kurz mit uns rein, um mit dem Gepäck zu helfen.«
»Heißt das, Ihr Bruder war in der Halle, als die Explosion stattfand?«
»Das haben wir am Anfang gedacht, aber wir haben ihn nicht gefunden. Irgendwann bin ich auf die Idee gekommen, nach dem Auto zu sehen, und das war weg. Wir haben bis zum Schluss gehofft, dass mein Vater mit ihm gefahren ist.« Sie lachte trocken. »Völlig blöde Idee. Warum sollte er mit Altay wegfahren? Aber man klammert sich an jeden Strohhalm. Tja.« Sie drehte sich weg und suchte nach einem Taschentuch.
Marie wandte sich der Mutter zu, die zwar zu ihrer Tochter sah, doch offensichtlich tief in Gedanken versunken war. »Frau Kabaoglu?«
Sie schreckte auf. »Ja?«
»Sind Sie direkt in die Halle gegangen, nachdem sie aus dem Auto gestiegen sind?«
»Ja. Ibrahim raucht nicht mehr. Vor zwei Jahren hätten wir noch draußen stehen bleiben müssen.« Sie lachte leise und fing dann unvermittelt an zu weinen.
Marie machte ihren Platz auf dem Sofa frei, damit Şahika sich neben ihre Mutter setzen und sie trösten konnte. Sie ließ sich auf einem Sessel gegenüber nieder. »Was geschah danach?«, fragte sie.
Şahika hob den Kopf. »Wir sind direkt zum Check-in gegangen. Die Schlange war mächtig lang, und mein Vater hatte Panik, dass wir nicht rechtzeitig am Gate sein könnten. Na ja, und da haben wir erst einmal ein paar Minuten gestanden.«
»War Ihr Bruder dabei?«
»Ja, er wollte noch etwas bleiben, um meinen Vater zu beruhigen.«
»Beruhigen?«
»Dass es klappt mit dem Check-in und dass wir genug Zeit haben. Aber ich glaube, Altay war knapp dran, er wurde immer nervöser und schaute dauernd auf die Uhr.«
Marie und Harald tauschten einen raschen Blick aus. »Wie ging es weiter?«, fragte Marie.
»Dann sind wir alle auf die Toilette, ich und meine Mutter, und ein paar Minuten später mein Vater. Er meinte, wir sollten ausnutzen, dass Altay noch da ist und auf das Gepäck aufpassen kann.«
»Wie lange hat das in etwa gedauert?«
»Es war eine ziemliche Schlange vor dem Damenklo. Eine Viertelstunde bestimmt. Aber ich verstehe nicht …«
»Wir müssen den Ablauf der Tat so genau wie möglich rekonstruieren, wie bei einem Puzzle. Jedes kleinste Teil kann wichtig sein.«
»Na gut. Als wir fertig waren, haben wir nach meinem Vater geschaut. Weil er nicht mehr bei den Toiletten war, sind wir davon ausgegangen, dass er bereits zu Altay zurückgekehrt ist, und wollten zurück zum Check-in. Wir waren noch im Vorraum der Toilette, als es auf einmal krachte.«
»Sie haben die Explosion also nicht selbst gesehen?«
»Nein, zum Glück nicht. Aber es war auch so schrecklich genug.«
Frau Kabaoglu hob den Kopf von der Schulter ihrer Tochter. »Ja, schrecklich. Wir sind gleich raus in Halle und haben gerufen: Ibrahim, Ibrahim, Altay, Altay. Aber keine Antwort. War gar nicht laut nach Explosion. Ganz schrecklich, wie leise das war. Ibrahim hätte uns gehört, wenn er …« Sie vergrub ihren Kopf wieder an der Schulter ihrer Tochter.
Şahika sprang ein. »Wir wollten dorthin, wo wir meinen Bruder und das Gepäck zurückgelassen hatten, doch da war totales Chaos. Wir haben nach meinem Vater gesucht, aber wir konnten ihn nicht finden. Und irgendwann hat uns die Polizei fortgeschickt. Da waren überall Rauch und Feuer und Trümmer und Blut. Und Menschen lagen da. Manche haben sich noch bewegt oder geschrien, aber die meisten … Ich wollte auch nicht, dass meine Mutter meinen Vater so sieht.«
Marie nickte. »Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen an dem Morgen?«
Şahika lachte trocken. »Sie meinen, außer dass der Flughafen in die Luft geflogen ist?«
»Haben Sie jemanden beobachtet, der sich auffällig verhalten hat? Vielleicht jemanden, der besonders nervös war oder der unpassend wirkte?«
»In ein paar Tagen ist das Zuckerfest. Halb Deutsch-Anatolien war am Flughafen. Die waren alle genauso nervös wie mein Vater, und praktisch keiner von denen wirkte passend dort.«
»Frau Kabaoglu? Ist Ihnen am Flughafen etwas Besonderes aufgefallen?«
Die Mutter hob den Kopf und schüttelte ihn. »Nein, gar nicht. War ich doch selber so aufgeregt, habe ich gar nicht auf andere geachtet.«
»Das kann ich verstehen. Ich glaube, das ist für heute genug. Wir werden Sie sicher noch einige Male befragen, aber im Moment möchte ich Sie nicht zu sehr belasten.« Sie zog zwei Visitenkarten heraus und gab sie Mutter und Tochter Kabaoglu. »Wenn Ihnen etwas einfällt oder Sie Fragen haben, rufen Sie uns bitte an. Auf der Karte steht auch meine Mobilfunknummer, unter der können Sie mich Tag und Nacht erreichen.«
»Wo ist eigentlich Ihr Sohn? Sollte er nicht bei Ihnen sein?«, fragte Harald.
Şahika antwortete für ihre Mutter. »Er war gestern hier und sagte, er müsse heute arbeiten und könne nicht freinehmen.«
»Könnten Sie uns bitte seine Anschrift und seine Telefonnummer geben? Wir würden uns gerne auch mit ihm unterhalten.«
Harald notierte die Nummer, die Şahika nannte.
Marie stand auf. »Vielen Dank für Ihre Hilfe. Gibt es noch etwas, was wir für Sie tun können?«
»Mein Ibrahim«, sagte Frau Kabaoglu. »Können wir ihn bald bekommen? Der Koran sagt, Tote sollen schnell begraben werden. Ist schon ganzer Tag jetzt.«
»Es tut mir leid, aber das wird leider dauern. Der Leichnam Ihres Mannes muss genau untersucht werden.«
»Wird mein Ibrahim gut behandelt?«
»Wie bitte?«
»Gut behandelt. Ich habe gehört, dass Deutsche sagen, Tote sind nur noch …«, sie suchte nach einem passenden Wort, »… Ding. Für Moslem, Toter muss Respekt bekommen, weil Seele noch da ist.«
»Frau Kabaoglu, ich versichere Ihnen, die Rechtsmediziner werden Ihren Mann mit dem größten Respekt behandeln. Die Untersuchungen sind wichtig. Ihr Mann beziehungsweise sein Körper kann uns Hinweise darauf geben, was geschehen ist. Er hilft uns.«
Frau Kabaoglu nickte. »Das ist gut. Dann wird Allah vergeben, dass er so spät begraben wird.«
Marie und Harald verabschiedeten sich. Şahika brachte sie bis zur Wohnungstür. Kaum hatten sie das Wohnzimmer verlassen, kamen die drei Besucherinnen aus der Küche, verabschiedeten sich höflich von den beiden und liefen ins Wohnzimmer, wo sie das unterbrochene Gespräch fortsetzten. Marie konnte sie nicht verstehen, aber sicher wollten sie jedes Detail über den Besuch der Polizei wissen.
»Vielen Dank für die Hilfe«, sagte Marie zum Abschied. »Wir werden uns wieder bei Ihnen melden. Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute und viel Kraft.«
Sie gingen zurück zum Auto. »Kommt dir das nicht auch seltsam vor?«, fragte Harald. »Dass der Sohn sagt, er bekomme nicht frei, obwohl sein Vater gestorben ist? Ich meine, selbst wenn es so wäre – jeder normale Mensch pfeift doch auf so etwas.«
Marie warf Harald den Schlüssel zu. »Schon. Vielleicht ist er einer von der ganz ehrgeizigen Sorte?« Sie stiegen ein.
»Also …« Harald ließ den Motor an.
»… auf zu Altay Kabaoglu«, ergänzte Marie.
Harald zog vom Parkplatz auf die Fahrbahn und steuerte in Richtung der Wilhelmsburger Reichsstraße, der Schnellstraße von Wilhelmsburg nach Harburg.
Sie fuhren eine Viertelstunde bis zum Mercedes-Werk. Obwohl hier nur Teile und keine kompletten Autos gefertigt wurden, hatte das Gelände eine beeindruckende Größe. Sie brauchten weitere 20 Minuten, bis sie die richtige Halle, und noch einmal fünf, bis sie den Vorarbeiter gefunden hatten.
»Altay?«, fragte der Vorarbeiter und stemmte die Arme in die Hüften. »Wenn Sie den finden, dann sagen Sie ihm, er soll auf der Stelle antanzen und sich seinen Einlauf abholen. ’tschuldigung, seine Abmahnung.« Er blinzelte zu Marie.
»Sie meinen, er ist nicht aufgetaucht?«
»Nee. Gestern nicht und heute auch nicht. Was hat er denn ausgefressen?«
»Wir führen nur einige routinemäßige Befragungen durch. Ist Ihnen in den letzten Tagen etwas an Altay aufgefallen?«
Der Vorarbeiter spitzte die Lippen und ließ den Atem entweichen. »Also, ein bisschen komisch war er schon.«
Marie und Harald wechselten einen raschen Blick.
»Inwiefern?«, fragte Harald.
»Na ja, er war irgendwie nicht richtig bei der Sache. Ist sonst ein prima Kerl und immer voll dabei. Leistet gute Arbeit, wirklich. Aber in den letzten Tagen … Er war ganz woanders mit seinem Kopf. Und in jeder Pause ist er raus, dabei raucht er gar nicht mehr. Ich glaube, er hat telefoniert.«
»Wissen Sie, mit wem?«
»Nee, keine Ahnung.«
»Könnten Sie uns bitte informieren, wenn Herr Kabaoglu wiederauftaucht? Wir würden ihm gerne ein paar Fragen stellen. Hier ist unsere Visitenkarte.«
»Klar«, sagte der Vorarbeiter und steckte die Karte in die Brusttasche seiner Latzhose.
»Vielen Dank.«
»Ist ein guter Kerl.«
»Wie bitte?«
»Altay. Ist ein guter Kerl. Das mit der Abmahnung nehmen Sie man nicht zu ernst.«
»Natürlich.«
Sie fuhren zu Altays Wohnanschrift und klingelten. Keine Antwort.
»Habe ich mir schon gedacht«, sagte Harald und drückte zum dritten Mal den Klingelknopf.
»Zu wem wollen Sie?«, fragte jemand hinter ihnen.
Sie drehten sich um. Eine ältere Frau blickte halb misstrauisch, halb neugierig zwischen ihnen hin und her.
»Zu Herrn Kabaoglu«, sagte Marie.
»Der ist nicht da. Soll ich ihm etwas ausrichten?«
»Nein, danke. Wir kommen später wieder.«
»Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?«
»Wir wollten mit Herrn Kabaoglu über die Bibel sprechen«, sagte Marie. »Es ist nie zu spät, gerettet zu werden. Wie steht es um Ihr Seelenheil?«
»Gott bewahre«, schnaubte die Frau und verschwand im Haus.
»Marie«, tadelte Harald sie, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen.
»Ach, ich kann diese neugierigen alten Schachteln nicht ab.«
»Und wenn wir sie noch befragen müssen?«
»Schicken wir die Evangelisten Johannes und Markus.«
Sie setzten sich in den Wagen. Harald zog sein Telefon heraus und wählte Altays Mobilnummer. Über die Freisprechanlage hörten sie die Ansage: »Diese Nummer ist zurzeit nicht erreichbar.«
»Aha«, sagte Harald. »Allmählich wird es auffällig, meinst du nicht?«
»Ja, scheint fast, als wolle er nicht gefunden werden.«
»Mich würde interessieren, mit wem er die letzten Tage telefoniert hat.«
»Lass es uns herausfinden.«
Seit dem Anruf am Vortag hatte Altay gebetet, so oft er konnte und die Vorschriften es zuließen. Um Vergebung, dass er seinen Vater getötet hatte. Um Verständnis, dass er es nicht mit Absicht getan hatte. Aus Dankbarkeit, weil Schwester und Mutter lebten. Und für eine Eingebung, wie er mit seinen Glaubensbrüdern umgehen sollte.
Es war nicht recht, was sie getan hatten. Ungläubigen den Tod zu bringen, war gerecht und gottgefällig, aber es waren nicht nur Ungläubige in die Hölle geschickt worden. Sein Vater und viele der Toten waren gläubige Moslems – manche zwar nicht auf dem rechten Pfad der Tugend, den Versuchungen der Heiden anheimgefallen, schwach im Glauben und unwillig zu kämpfen. Aber musste ein gerechter Krieg nicht bei den Leugnern und Heiden, den falschen Propheten und Verkündigern der Sünde anfangen? Das Übel an der Wurzel ausreißen?
Wie konnten sie ihn nur so benutzen? Sie wollten ihm nicht sagen, was in dem Paket war, das er in den Koffer gelegt hatte. Was du nicht weißt, kannst du nicht verraten, hatten sie gemeint. Was sollte in so einem Paket schon sein? Geld wahrscheinlich. Oder Drogen, um ihren heiligen Krieg zu finanzieren. Das hatte er vermutet und es nicht genauer wissen wollen.
Aber Sprengstoff? Er war bereit, Ungläubige zu töten, ja, das war er. Sie hätten ihn nur fragen müssen, und er hätte den Sprengstoff am Flughafen versteckt und eigenhändig gezündet. Aber so?
»Allah ist mit dir. Du hast Großes vollbracht. Unsere Bewunderung und Dankbarkeit wird dir für immer sicher sein.«
Lächerlich! Bewunderung? Dankbarkeit? Wofür? Dafür, dass er ein nichtsahnender nützlicher Idiot war? Dafür, dass er keine Fragen stellte?
Sie hatten ihn geopfert. Ein Bauernopfer, das sie jetzt mit Geld und falschen Papieren abspeisen wollten. Ihm zur Flucht verhelfen, ja, das war bequem. Wahrscheinlich wäre es ihnen am liebsten gewesen, wenn er gleich mit in die Luft geflogen wäre. Oder war das sogar ihr Plan gewesen? Die ganze Familie am Flughafen, fröhlich, vollkommen unverdächtig, und dann – bumm!
Und jetzt hing die verdammte Polizei vor seiner Wohnung herum. Sie trugen Zivil, aber es waren Polizisten, ganz sicher. Er hatte nur ein paar Sachen von zu Hause holen wollen, bevor er endgültig untertauchte, doch daraus wurde nun nichts mehr. Sie waren auf seiner Fährte. Er konnte nirgends mehr hin, wo man ihn vermutete, mit niemandem reden, den er kannte, nichts tun, was verdächtig war. Nicht einmal seinen Vater zu Grabe tragen.
Und das war nur ihre Schuld.
Tim schloss die Wohnungstür hinter sich und warf den Schlüssel auf die Flurkommode. Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte sich aufs Sofa, legte die Füße hoch und trank einen großen Schluck.
Der heutige Tag war im Vergleich zu gestern ruhig gewesen. Einiges an Kleinkram – ein umgeknickter Knöchel, eine Platzwunde und ein Verkehrsunfall mit einer Person, die Schmerzensgeld witterte, jedoch offensichtlich unverletzt war. Dazu einige ernst zu nehmende Einsätze – Asthma, Herzprobleme, ein gebrochenes Bein nach Motorradunfall.
Trotzdem war Tim rechtschaffen fertig, und er fragte sich warum. Klar, das Ding am Flughafen war nicht ohne gewesen, aber kein Grund, in den Seilen zu hängen. Lag es an der Sache mit Marie?
Er stand auf, ging zum Schlafzimmer und lehnte sich an den Türrahmen. Er hatte das Bett gestern Abend noch frisch bezogen – er hatte es nicht ertragen, ihren Geruch um sich zu haben. So großartig die Nacht gewesen war, so ernüchternd war der Morgen. Machte ihm die Abfuhr so zu schaffen? Er überlegte. Nein, sicher nicht. Damit konnte er leben. Auch er war das eine oder andere Mal vor dem Frühstück gegangen – das war halt so bei One-Night-Stands.
Er ging zurück ins Wohnzimmer und ließ sich wieder aufs Sofa fallen. Die Bierflasche schäumte über, und er bemühte sich, den Schaum aufzuschlürfen, bevor er auf den Boden tropfte.
One-Night-Stand – ja, das war es wohl gewesen. Von Zeit zu Zeit ganz okay, wenn man solo war, aber nur, solange keiner von beiden mehr erwartete.
Und nun hatte es ihn erwischt. So fühlte sich das also an.
Er ging in die Küche und holte Gemüse aus dem Kühlschrank. Kochen, fand er, war eine wunderbare Sache, um die Nerven zu beruhigen. Gemüse schnippeln hatte für ihn etwas geradezu Meditatives. Er hatte das Gefühl, die Pesto-Gemüsepfanne würde heute Abend ziemlich groß ausfallen.
Das Telefon klingelte. Er ging ran, ohne vorher auf die Nummer zu sehen. Großer Fehler.
»Roth.«
»Ich muss mit dir reden.«
Natürlich. Welchen Grund sollte man sonst haben, jemanden anzurufen? Von Liebesgeflüster konnte sicher keine Rede sein, wenn die Ex anrief.
Tim verbiss sich einen Kommentar. »Was gibt’s?«, fragte er.
»Das Wochenende. Es wird nichts.«
»Aber …« Er rammte das Gemüsemesser ins Brett und ging ins Wohnzimmer. »Es ist mein Wochenende! Das kommt überhaupt nicht infrage!«
»Melanie will unbedingt auf diesen Reiterhof. Du kannst ihr gerne sagen, dass das nicht geht. Soll ich sie holen?«
»Und auf die Idee mit dem Reiterhof ist sie ganz alleine gekommen, richtig?«
»Jaqueline geht da hin und sie möchte Melanie mitnehmen.«
»Schackeline ist eine dumme Ziege, genau wie ihre Mutter.«
»Jaqueline ist zufällig Melanies beste Freundin.«
»Nein, Schackelines Mama ist deine beste Freundin. Gib ihr einen Tritt von mir, sie sitzt ja garantiert neben dir.«
Kurze Stille. »Es ist besser, wenn du auf das Wochenende verzichtest. Für Melanie.«
»Für dich, meinst du. Weil du mir mal wieder eins auswischen willst.«
»Das ist doch lächerlich. Warum sollte ich dir eins auswischen wollen?«
»Lass mich überlegen … Weil du mich zwingen wolltest, meinen Job aufzugeben?«
»Wenn man eine Familie will, muss man eben Zugeständnisse machen.«
»Komisch. Meine Kollegen kriegen das prima unter einen Hut.«
»Also, was ist jetzt mit dem Wochenende?«
»Ich hole sie am Freitag ab. Punkt.«
»Tja, das wird leider nichts, wir fahren am Donnerstag.«
»Petra, möchtest du, dass ich mit dem Jugendamt vor der Tür stehe? Frau Berger hat deine Nummer doch schon auf der Kurzwahltaste.«
»Du willst wirklich die Mutter deines Kindes beim Jugendamt denunzieren? Was bist du nur für ein Vater!«
»Gib mir die Adresse des Reiterhofs, ich hole …«
Es klickte im Telefon, dann war die Leitung unterbrochen.
Fassungslos sah Tim den Hörer an, dann feuerte er ihn auf das Sofa und fluchte, was das Zeug hielt.
Anschließend nahm er die Jacke vom Haken. Er brauchte jetzt keine meditative Gemüsepfanne, er brauchte Ablenkung. Und ein paar Bier. Beides würde er im »Eden« finden. Plus einen fetten Burger.
Kapitel 4
22. Mai
»Rechts ran, du Schnarchnase!«, brüllte Tim.
»Nun mal sachte«, sagte Mark. »Wo soll er denn hin?«
»Weg.« Tim hieb auf die Hupe, aber deren Laut ging im Lärm des Einsatzhorns unter. Quälend langsam sortierten sich die Autos vor ihnen, bis sich der Rettungswagen endlich wieder in Bewegung setzen konnte.
»Nur Sonntagsfahrer unterwegs«, brummte Tim, lehnte sich vor und blickte links und rechts in die Kreuzung, bevor er über die rote Ampel fuhr.
»Rechts ist frei«, sagte Mark. »Hast du schlecht geschlafen oder was?«
»Nee. Weiß nicht. Nicht mein Tag.«
»Wir sollten dich in die Leitstelle setzen, dann traut sich keiner mehr, die 112 anzurufen.«
»Ist ja gut. Wir sind da.«
Die Leitstelle hatte ihnen eine »Hilope« hinter dem Einkaufszentrum Hamburger Meile gemeldet – eine hilflose Person. Das konnte alles Mögliche heißen, aber in den meisten Fällen bedeutete es einen sturzbesoffenen Patienten.
Und auch dieses Mal wurden ihre Erwartungen nicht enttäuscht.
Als sie ausstiegen, wurden sie von einer besorgten jungen Frau auf ein paar Füße aufmerksam gemacht, die aus einer Hecke ragten. »Ich habe ihn gefragt, ob es ihm gut geht, aber er antwortet nicht richtig«, sagte sie. »Er macht einen ziemlich verwahrlosten Eindruck. Ich will ihm nicht Unrecht tun, aber ich glaube, er ist betrunken.«
»Na, dann schauen wir ihn uns mal an.« Mark dankte der jungen Frau, die davoneilte, froh, die Verantwortung los zu sein.
Den Patienten hätten sie auch ohne die Füße in der Hecke schnell gefunden: immer dem Geruch nach. Eine wilde Mischung aus verschüttetem Fusel, Eau de Ungewaschen und altem Urin.
Sie traten an die kniehohe Hecke, über die ihr Kunde offenbar hintenüber gekippt war. Er war weich auf einem Bett aus immergrünen Bodendeckern gelandet und schien kein Problem damit zu haben.
»Mohoin!«, sagte Mark. »Alles klar bei dir?«
Der Angesprochene, dessen Aussehen seinem Geruch um nichts nachstand, lallte heiser. Tim und Mark zogen Latexhandschuhe an und stiegen über die Hecke in das Beet. Sie fassten den Mann unter den Armen und setzten ihn auf.
»Wir haben heute aber reichlich früh angefangen, was? Ist ja noch nicht mal elf.«
»Kannst du stehen?«, fragte Tim.
Der Mann öffnete mühsam die Augen, blinzelte Tim an und fluchte auf Russisch. Oder Polnisch. Oder so. Tim hielt die Luft an, denn der Mundgeruch des Mannes war noch unerträglicher als seine sonstigen Ausdünstungen.
»Sprichst du Deutsch?«, fragte Mark.
»Hä?«
»Deu-heutsch!«, sagte Tim. »Verstehst du mich?«
»Fick dich in Arsch, Hurensohn!«, lallte der Mann.
»Dir auch einen schönen guten Morgen. Aufstehen?«
»Fick dich!«
»Eins, zwei, drei!« Sie hoben den Mann auf die Beine.
»Na bitte, geht doch«, sagte Mark zufrieden. Ein Besoffener, der noch auf zwei Beinen stehen konnte, war nichts für den Rettungswagen und damit auf jeden Fall erfreulich.
Ihr Schützling wirkte weniger enthusiastisch. Er riss sich von Mark los und schlug mit der Faust nach Tims Gesicht, der ihn mit dem Unterarm abwehrte.
»Hey, was soll der Scheiß?« Tim stieß den Kerl von sich.
Der Mann taumelte rückwärts durch das Beet, brachte aber das Kunststück fertig, nicht umzufallen. »Fick dich, Hurensohn!«, brüllte er.
Tim hatte die Nase voll. »Schluss jetzt, Mann, benimm dich!«
Der Betrunkene lallte etwas, das wie »Hau auf Maul« klang, es konnte aber auch Russisch sein. Er holte wieder aus und machte einen Schritt auf Tim zu.
Tim trat zur Seite und sah seelenruhig zu, wie der Kerl das Gleichgewicht verlor, über die Hecke fiel und lang hinschlug. Vom Alkohol aller Schutzreflexe beraubt, bremste nur sein Gesicht den Sturz.
»Super«, sagte Mark. »Ganz toll, danke.« Er sprang über die Hecke, drehte den Mann auf die Seite und untersuchte ihn. Blut lief ihm aus der Nase, eine heftige Schürfwunde zierte seine Stirn.
»Was denn? Hätte ich mir noch eins in die Fresse geben lassen sollen?« Tim öffnete den Notfallrucksack und entnahm ihm Packungen mit Zellstoff-Mullkompressen, die er aufriss und Mark reichte.
»Lass uns das im Wagen diskutieren. Denn jetzt, und dafür noch einmal vielen Dank, haben wir den Knaben endgültig an der Backe.«
Der Besoffene pöbelte und ruderte mit den Armen. Offenbar hatte er die Verletzung noch nicht bemerkt – kein Wunder bei seinem Pegel. Tim holte die Trage, und ohne viel Federlesens packten sie den Mann bei den schmutzstarrenden Klamotten und hoben ihn darauf. Eine erneute osteuropäische Schimpfkanonade war die Folge. Sie schnallten ihn fest und schoben ihn in den Wagen, aber er ruderte wild mit Armen und Beinen, versuchte, sich an allem festzuhalten, was ihm in die Finger kam, und lallte Obszönitäten in verschiedenen Sprachen.
»Mann, jetzt halt doch einfach mal die Flossen still«, schnauzte Tim. »Glaubt du, uns macht das Spaß?«
Endlich hatten sie die Trage drin. Sie kletterten hinterher und schlugen die Türen zu. Tim ging ans Kopfende und tastete dem Mann den Gesichtsschädel ab, um festzustellen, ob etwas gebrochen war. Auch das stieß auf wenig Gegenliebe.
»Hast du mich gerade angespuckt?«, brüllte Tim. »Hast du mich ernsthaft gerade angespuckt? Versuch das noch einmal, und du lernst mich richtig kennen, Freundchen!«
»Heil Hitler«, grölte der Penner und knallte Tim den ausgestreckten Arm an den Kopf.
»So, jetzt ist Feierabend, Junge, ich …«
Mark packte Tim am Kragen und zog ihn vom Patienten weg. »Schluss jetzt, klar? Geh nach vorne und fahr los!«
»Mann, der Wichser hat versucht, mich anzuspucken!«
»Der Typ ist nicht das erste und nicht das letzte Arschloch auf dieser Trage. Reiß dich zusammen!«
»Ist ja gut.« Er schaute ihren Patienten an. »Und wehe, du kotzt mir in den Wagen! Ich feudel den mit dir aus, klar?«
»Fick dich, Hurensohn!«
Tim zeigte ihm den Mittelfinger und stieg aus, um zum Fahrerhaus zu gehen.
Sie brachten den Mann ins Krankenhaus Barmbek und kippten ihn dort nach der Übergabe unzeremoniell von der Trage auf eine der gummiüberzogenen Matratzen auf dem Boden des Ausnüchterungsraums. Das hatte Vorteile: Man musste die Patienten nicht noch einmal anfassen, und wenn man es geschickt anstellte, landeten sie recht sanft in der stabilen Seitenlage.
Zurück im RTW steckte Mark den Schlüssel ins Zündschloss, ließ den Wagen jedoch nicht an, sondern drehte sich zu Tim. »Was ist los mit dir?«
»Was soll los sein?«
»Junge, du kannst ein ziemliches Arschloch sein, aber heute bist du echt ein Mega-Arschloch.«
»Danke für die warmen Worte.«
»Du weißt, was ich meine. Liegt’s immer noch an deiner missglückten Liebschaft?«
»Quatsch, die kann mich an die Füße fassen. Und außerdem ist das meine Sache.«
»Ist es nicht, wenn es dich zum Arschloch macht. Du solltest darüber reden.«
»Bist du jetzt meine beste Freundin?«
»Ich bin zwar schwul, aber aufs Maul hauen kann ich dir trotzdem.«
»Ist ja gut. Nein, das ist es nicht.« Er lehnte sich zurück und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. »Petra hat gestern angerufen.«
»Sag nicht, sie hat schon wieder das Wochenende abgesagt.«
»Wundert dich das?«
»Mich wundert, dass du dir das gefallen lässt.«
»Was soll ich denn machen?«
»Dich nicht verarschen lassen.«
»Brillante Idee, danke. Können wir dann?«
Mark machte keine Anstalten, den Wagen zu starten.
»Was ist?«, fragte Tim. »Möchtest du noch ein paar von meinen Problemen lösen? Wir könnten mit dem Koffeinmangel anfangen.«
»Das ist nicht der einzige Grund.«
»Was?«
»Petra. Das kenne ich. Du brüllst den Verkehr an, du fährst wie ein Henker und du bist unausstehlich.«
»Ich fahre nicht wie –«
»Aber du lässt es nicht an den Patienten aus. Niemals.«
»Hör mal, der Typ hat’s verdient.«
»Bestreite ich nicht. Trotzdem ist das nicht deine Art. Macht dir der Einsatz am Flughafen zu schaffen?«
Tim zuckte die Schultern. »Nee. Nicht direkt.«
»Das klingt nicht überzeugend. Brauchst du wen zum Reden?«
»Quatsch. Alles im Lack. Aber irgendwie lässt mich die Sache nicht los.«
»Was für eine Sache? Der Einsatz? Deine Frau Kommissar?«
Tim schüttelte den Kopf und rieb sich die Schläfen. »Das ist es nicht. Ich komme einfach nicht drauf.«
»Dass die Notärztin dich angeflirtet hat?«
»Hat sie?«
»Ich bitte dich!«
»Nein, es ist … Kennst du dieses Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, aber du weißt nicht, was?«
»Du meinst, außer dass ein Terrorist sich und das halbe Terminal 1 in die Luft gesprengt hat?«
Etwas machte »klick« in Tims Kopf. »Doch. Genau das.«
»Was willst du damit sagen?«
»Wenn du ein Islamist wärst und Ungläubige mit in den Tod reißen wolltest, wo würdest du das machen?«
»Na ja, Flughafen ist schon mal –«
»Turkish Airlines?«
Mark dachte kurz nach. »Eher nicht.«
Tim setzte sich kerzengerade auf. »Warum ist mir das nicht vorher aufgefallen? Das ist doch total widersinnig!«
»Bist du jetzt unter die Detektive gegangen? Vielleicht ist was schiefgelaufen. Terminal verwechselt oder Bombe zu früh explodiert.«
»Aber …«
»Ich bitte dich, Miss Marple, meinst du nicht, die von der Polizei kommen da von selbst drauf? Oder die vom Verfassungsschutz? Das sind Profis.«
»Und wenn nicht?«
»Und wenn doch? Tim, Selbstmordattentäter sind Idioten! Wer, der bei klarem Verstand ist, sprengt sich selbst in die Luft? Wie klar könntest du denken mit zehn Kilo Sprengstoff um den Bauch?«
Tim dachte nach. »Wahrscheinlich hast du recht.« Er drückte den Knopf für die Statusmeldung »wieder einsatzbereit« am Funkgerät.
Fast augenblicklich meldete sich die Leitstelle: »23 Berta für Florian Hamburg.«
Tim nahm den neuen Einsatz an, froh darüber, nicht weiter über das Thema reden zu müssen. Womöglich wäre das Gespräch erneut auf Marie gekommen, und darauf hatte er gar keine Lust.
Kapitel 5
22. Mai
Marie und die anderen Mitglieder der Mordbereitschaft – Harald, Johannes und Markus – saßen im Besprechungsraum und warteten auf ihren Chef. Es war 16.37 Uhr, auf 16.30 Uhr hatte Thewes eine Besprechung angesetzt.
»Hat Arthur gesagt, dass er später kommt?«, fragte Johannes.
Harald schüttelte den Kopf. »Nicht dass ich wüsste.«
»Komisch. Ist doch sonst nicht seine Art.«
Die Tür flog auf und Arthur Thewes stürmte herein. »Sorry«, keuchte er, »bin zu spät.«
»Macht nichts«, sagte Johannes. »Kaffee?«
»Lieber ein Wasser. Danke!« Er nahm das angebotene Glas und trank es in einem Zug aus. »Wie sieht’s aus, was gibt’s Neues?«, fragte er.
»Es ist jetzt gesichert, dass die Bombe in dem Koffer war«, berichtete Markus. »Die Experten haben den Typ des Sprengstoffs ermittelt: Triacetontriperoxid, kurz TATP. Spitzname: ›Mutter des Satans‹. Hauptzutaten sind Nagellackentferner und Haarbleichmittel – einfach zu beschaffen, simpel in der Herstellung und hochwirksam. Es wurde bei den Terroranschlägen in London 2005 und Paris 2015 benutzt.«
»Also eine Substanz, mit der Islamisten Übung haben«, fügte Johannes hinzu.
»Nachteil: Der Sprengstoff ist höchst instabil. Erschütterung, Hitze oder Reibung reichen, und das Zeug fliegt einem gnadenlos um die Ohren.«
»Nichts für Amateure«, sagte Arthur.
»In der Handhabung nicht, in der Herstellung schon.«
»Was sagen die Kollegen vom Staatsschutz? Spricht das für Islamisten?«
»Bedingt«, antwortete Markus. »Wie Johannes sagte: Es wird gerne vom IS verwendet, aber die haben kein Copyright darauf. Der Tatmodus ist nicht sehr typisch für Islamisten, doch wir wissen ja, dass die in Europa eher lose organisiert sind. Es gibt, sagen die Staatsschützer, kein verbindliches Handbuch für Sprengstoffanschläge. Abweichungen im Vorgehen sind zu erwarten.«
»Wie steht es mit dem Zünder?«
»Noch nichts. Die Kriminaltechnik arbeitet daran, zusammen mit einigen Spezialisten vom BKA.«
»Gut. Was machen die Vernehmungen?«
»Marie und ich waren bei der Familie des Gemüsehändlers Ibrahim Kabaoglu«, sagte Harald.
»Hat sich der Verdacht auf seine Täterschaft erhärtet?«
»Nicht wirklich.« Marie und Harald berichteten von ihren Vernehmungen und der Suche nach Altay Kabaoglu.
»Scheint, als wäre der Sohn eine heiße Spur«, sagte Arthur. »Was meint ihr?«
»Kann sehr gut sein«, sagte Marie. »Es ist auf jeden Fall vielversprechender als alles, was wir bisher hatten. Ibrahim Kabaoglu können wir nicht hundertprozentig ausschließen, aber wenn du mich fragst – ich glaube nicht, dass er’s war.«
»Was sagt POLAS über den Sohn?«
POLAS, das Polizei-Auskunftssystem, enthielt zu allen polizeilich bekannten Personen Daten wie Anschrift, Straftaten, verbüßte Haftstrafen und mehr. Das digitale Kerbholz jedes Sünders, den die Polizei in die Finger bekommen hatte.
»Nichts. Wir gehen gleich hoch zu den Kollegen vom Staatsschutz, vielleicht wissen die mehr.«
»Gut, macht das.« Arthur Thewes schabte sich mit der Hand über die Bartstoppeln am Kinn. »Ich schätze, ich schulde euch eine Erklärung, warum ich mir ausgerechnet heute den halben Tag freigenommen habe.«
Harald winkte ab. »Du wirst deine Gründe haben.«
»So ist es. Die beste Freundin meiner Frau war gestern am Flughafen.«
»Oh, Scheiße«, entfuhr es Markus, sein Partner nickte.
»Kann man wohl sagen. Dorothee hatte Frühschicht am Infoschalter in Terminal 1. Ihr könnt euch vorstellen, dass sie ordentlich was abgekriegt hat.«
Marie erinnerte sich an die türkische Stewardess. »Was ist mit Dorothee passiert?«, hatte sie gefragt. Jetzt wussten sie es. »Furchtbar«, sagte sie.
»Ja, ist es. Sie liegt im künstlichen Koma, und die Ärzte haben keinen Schimmer, was passiert, wenn sie versuchen, sie zu wecken. Susanne sitzt die eine Hälfte des Tages im Krankenhaus, die andere kümmert sie sich um Dorothees Mann und ihre Tochter.«
»Schon in Ordnung, wenn du dir freinimmst und Susanne unterstützt«, sagte Harald.
»Wenn’s nur das wäre. Ich muss mindestens zweimal am Tag mit der blöden Töle raus.«
Die blöde Töle hieß eigentlich Minnie, war eine Hundedame und Arthurs Zugeständnis an seine Frau, weil er ständig Überstunden machte. Auslöser waren Karten für die Elbphilharmonie gewesen, die Arthur zum Hochzeitstag mühsam und vermutlich unter Einsatz seiner Dienstwaffe beschafft hatte, die er aber wegen eines ganz mies getimten Doppelmords sausen lassen musste. Susanne war letztendlich mit Dorothee gegangen. Der Dorothee.
»Ach herrje«, sagte Harald, »mein Beileid!«
»Keine dummen Scherze, Dorothee ist schwer in Ordnung«, mahnte Arthur. »Ich mach’s ja nicht wegen der Töle, ich mach’s für Dorothee. Und Susanne natürlich.«
Klar. Wenn Marie sich recht erinnerte, war das grundlegende Problem mit der Töle, dass sie und Arthur einander heiß und innig liebten, was weder ihm noch Susanne recht war. Vor Zeugen würde er niemals zugeben, dass Minnie sein Herz im Sturm erobert hatte. Arthur gab nicht einmal zu, dass er überhaupt ein Herz hatte.
»Ein Grund mehr, diesen Fall so schnell wie möglich aufzuklären. Ich bin es Dorothee schuldig. Und ihr seid es mir schuldig. Bevor mich das Vieh wahnsinnig macht. Also, an die Arbeit.« Er stand auf.
Es klopfte und ein Kollege streckte den Kopf herein. »Ist Marie hier? Besuch für dich.«
»Besuch? Wer?«
Der Kollege stieß die Tür auf und trat beiseite, um dem Gast Platz zu machen.
Sie stöhnte. »Was willst du hier?«, fragte sie.
»Kann ich dich sprechen?«, fragte Tim. »Es hat mit dem Fall zu tun. Am Flughafen.«
Harald klopfte auf den Tisch. »Kollegen, wir haben zu tun. Marie, der Raum gehört dir.« Er ging hinaus, Arthur, Johannes und Markus folgten ihm, nicht ohne einen fragenden Blick auf Tim zu werfen.
Marie machte die Tür hinter ihnen zu. »Sag mal, hast du noch alle Tassen im Schrank? Mich hier im Büro zu stalken? Hast du eine Ahnung, wie viel wir hier um die Ohren haben?«
Tim verschränkte die Arme. »Jetzt mach mal halblang. Stalken – du hast doch einen an der Waffel.«
»Was willst du?«
»Wie gesagt: über den Fall reden.«
»Aha. Über den Fall.«
Tim warf sich auf einen der Stühle und stützte die Unterarme auf den Tisch. »Mir sind da ein paar Sachen aufgefallen.«
Marie lehnte sich an die Wand und stemmte die Hände in die Hüften. »Ich höre.«
»Hast du mal darüber nachgedacht, wo genau die Bombe losgegangen ist?«
»Was?«
»Wo die Bombe losgegangen ist. Am Flughafen.«
»Komm, zieh hier keine Show ab. Worauf willst du hinaus?«
»Turkish Airlines.«
»Und?«
»Wieso sprengt ein Islamist ausgerechnet den Schalter der einzigen Airline in die Luft, die aus einem islamischen Land stammt?«
Marie stutzte einen Moment, dann fing sie sich wieder. »Wie kommst du auf die Idee, dass es ein islamistischer Anschlag war?«
»Sag mir nicht, dass ihr das nicht auch glaubt.«
»Du bist hier bei der Polizei, nicht in der Kirche. Wir brauchen Beweise.«
»Trotzdem. Seltsam, oder?«
»War das alles?«
Tim schwieg.
»Nochmal: Ist noch was?«
»Ist ein bisschen dumm gelaufen am Flughafen, oder?«, brummte er.
Sie stieß sich von der Wand ab. »Was?«
»Dumm gelaufen«, wiederholte er. »Mit uns beiden.«
»Mann, mit uns beiden ist schon viel früher was Dummes gelaufen.« Sie schüttelte den Kopf und lachte auf. »Ich fasse es nicht. Du kommst wirklich hier ins Präsidium und stalkst mich. Unglaublich.«
»Ich stalke nicht, ich würde nur gerne wissen –«
»Ich nicht«, sagte sie und öffnete die Tür.
Tim stand mit einem Seufzen auf, stützte sich auf den Tisch und sah Marie eindringlich an.
»Ich habe viel zu tun. Wenn du …«
»Ihr seid tatsächlich noch nicht auf die Idee gekommen, oder?«
»Was?«
»Turkish Airlines. Ich hab’s an deiner Reaktion gesehen. Du bist eine lausige Pokerspielerin.«
»Komm, lass gut sein. Wir machen unsere Arbeit, du machst deine.«
Er ging an ihr vorbei auf den Flur, sie folgte ihm und begleitete ihn zum Ausgang, wie es Vorschrift war. Im Fahrstuhl schaute sie demonstrativ an ihm vorbei, spürte aber genau, dass er sie ansah. Die 20 Sekunden vom dritten Stock bis ins Erdgeschoss zogen sich ewig hin. Als sich die Türen endlich öffneten, ging sie rasch voran zur Ausgangsschleuse.
Der Summer ertönte, Tim ging hindurch. Dann drehte er sich noch einmal zu ihr um. »Marie, ich –«
»Vielen Dank für Ihre Information. Wir sind auf aktive Hilfe aus der Bevölkerung angewiesen und werden Ihrem Hinweis gewissenhaft nachgehen.«
Er schüttelte den Kopf und ging.
Der Kollege hinter der Glasscheibe der Pförtnerloge sah Marie sehr seltsam an.
Vor dem Ausgang des Polizeipräsidiums blieb Tim stehen und holte tief Luft. Was hatte er dieser undankbaren Zicke getan? Was glaubte die, wer er war? Als ob er es nötig hätte, einer Frau hinterherzulaufen.
Er blinzelte hoch zum dritten Stock, hinter dessen spiegelnden Fenstern sich die Mordkommission befand. Nein, entschied er, das war die beste Nacht nicht wert.
Mit hochgezogenen Schultern, die Hände in den Hosentaschen vergraben und den Blick auf die Füße gerichtet, stapfte er die Zufahrt hinunter. Abzublitzen war die eine Sache, aber derartig von der Platte geputzt zu werden, war mies.
An der Einfahrt hob er den Kopf und blickte geradewegs in den Scheinwerfer eines Kamerateams. Auch das noch. Der Reporter deutete auf das Polizeipräsidium und sagte irgendwas von »hoch qualifizierten Spezialisten, die jedem Hinweis aus der Bevölkerung sorgfältig nachgehen«. Tim schnaubte unwirsch und drehte zum Fußgängerausgang ab, der Reporter eilte ihm hinterher.
Draußen auf der Straße sprach er Tim an. »Sie haben kein Vertrauen in das Ermittlerteam, wie es scheint«, stellte er fest.
Tim blickte rasch zum Kameramann, aber der hatte die Kamera von der Schulter genommen. »Na ja«, sagte er, »sagen wir mal so: nicht in jedes Mitglied.«
»Sind Sie selbst dabei?«
Tim lachte. »Gott bewahre, nein!«
»Aber Sie sind mit der Sache befasst.«
Eine Idee keimte in Tim auf. »Ich war bei den Einsatzkräften, die gestern Morgen am Flughafen waren.« Was ja nicht gelogen war.
»Großartig.« Der Reporter winkte seinen Kameramann heran. »Ich würde Ihnen gerne für unsere Zuschauer ein paar Fragen stellen.«
»Ich glaube nicht, dass ich Ihnen etwas erzählen kann, das Sie noch nicht wissen.«
»Schauen wir mal. Was haben wir zu verlieren außer fünf Minuten für das Interview?«
Tim kratzte sich am Kopf. »Also, ich weiß nicht.«
»Meinen Sie nicht, dass Sie mir das schulden, nachdem Sie mir die letzte Aufnahme versaut haben?«
»Habe ich? Oh, das tut mir leid.«
»Das ist Ihre Chance, es wiedergutzumachen.« Er gab dem Kameramann ein Zeichen, ohne auf eine Antwort von Tim zu warten. Der Mann hatte Biss.
Er hob das Mikro und schaute in die Kamera. »Ich befinde mich hier vor dem Polizeipräsidium, nur wenige Kilometer vom Hamburger Flughafen entfernt, wo gestern Morgen ein schreckliches Attentat Deutschland erschütterte. Neben mir steht Herr …«, er hielt Tim das Mikrofon hin.
»Ähm … Tim Roth.«
»Herr Roth war unter den ersten Einsatzkräften, die den Ort der Tragödie erreicht haben. Was können Sie uns zum Hergang des Anschlags sagen?«
»Es gab eine Explosion in Terminal 1, in der Nähe des Check-in von Turkish Airlines.«
Er versuchte, die letzten Worte besonders bedeutsam klingen zu lassen. Wenn Marie schon nicht auf ihn hörte, dann vielleicht die Presse. »Wir stellen uns die Frage, ob das von Bedeutung ist«, ergänzte er.
Aber der Reporter überging den Satz. »Gibt es Erkenntnisse, wo die Bombe untergebracht war? Handelt es sich um einen Selbstmordattentäter?«
»Das … Also, das entzieht sich meiner Kenntnis.«
»Es soll angeblich ein Überwachungsvideo geben, auf dem zu sehen ist, dass zwei Männer um einen Koffer kämpfen. Können Sie uns dazu etwas sagen?«
Das war Tim neu. Aber ihm fiel ein, was Lars über seinen Patienten, diesen Boskop, gesagt hatte: »Der war genau da, wo’s geknallt hat.« Und Boskop hatte etwas von einem Koffer und einem Streit gefaselt. Die Puzzleteile passten.
»Möglich wäre das«, sagte er langsam.
»Können Sie uns Genaueres zum Ablauf sagen? Hat eventuell einer der Männer versucht, den Anschlag zu verhindern? Sind die beiden Männer unter den Toten?«
»Wir vermuten stark, dass einer der Männer zwar schwer verletzt ist, aber überlebt hat.«
»Obwohl er so nahe bei der Explosion war?«
»Also … Ja.«
»Wie können Sie sich das erklären?«
»Er … er hätte tot sein müssen.«
»Aber er lebt.«
Tim schüttelte nachdenklich den Kopf. »Er hätte tot sein müssen«, murmelte er mehr für sich.
Der Reporter drehte sich zur Kamera. »Was für eine spektakuläre Wendung. Es scheint, dass ein unmittelbarer Zeuge der Tat überlebt hat. War er der Attentäter? Oder hat er versucht, den Anschlag zu verhindern?«
Die nächste Frage richtete er wieder an Tim. »Schwebt er noch in Lebensgefahr? Glauben Sie, dass er bald vernommen werden kann?«
Tim hob die Hände. »Da bin ich überfragt.«
»Vielen Dank, Herr Roth.« Der Reporter gab dem Kameramann einen Wink und beendete das Interview.
»Und Sie meinten, Sie können mir nichts Neues erzählen.« Er zog eine Visitenkarte aus der Brusttasche seines Hemds und reichte sie Tim. »Falls Sie noch mal nichts zu erzählen haben.«
Tim las die Karte. Martin Kolditz, freier Journalist. Er steckte sie ein. »Beruht auf Gegenseitigkeit«, sagte er. »Von dem Video wusste ich noch nichts.«
»Nicht? Bei welchem Dezernat arbeiten Sie denn?«
»Feuerwehr.« Tim grinste.
»Feuer…« Kolditz schüttelte den Kopf, dann lachte er. »Sie haben mich ganz schön verladen.«
»Habe ich das? Ich habe nicht gelogen!«
»Nein, das haben Sie nicht. Mal sehen, vielleicht kann ich die Informationen trotzdem gebrauchen.«
»Machen Sie damit, was Sie wollen.«
Das hätte Tim nicht sagen sollen.
Kapitel 6
23. Mai
Der nächste Morgen brachte einige Überraschungen.
Marie besuchte die Kollegin Zander im Dezernat für Staatsschutz im vierten Stock, um die neuesten Erkenntnisse mit ihr auszutauschen.
»Schön, dass du vorbeikommst«, sagte Zander und reichte Marie die Hand. »Ich bin Elke.«
»Marie. Sag mal, hast du den Sohn des Gemüsehändlers in deiner Kundenkartei? Er heißt Altay.«
»Altay Kabaoglu?«, fragte Elke Zander. »Moment. Den Namen habe ich schon mal gehört.«
Sie drehte ihren Bürostuhl zum PC und tippte. Dann wartete sie und klickte etwas an. Ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen, sagte sie: »Wusste ich es doch. Altay Kabaoglu, 24 Jahre, deutsche Staatsbürgerschaft. Wir haben ihn bei einer als Drogenrazzia getarnten Großkontrolle in einem Lokal erwischt, das uns als Treffpunkt radikaler Moslems bekannt ist. Das war … Moment … vor einem Dreivierteljahr, im letzten August.«
»Mit wem hat er sich dort getroffen?«
»Hier steht nichts. Das ist seltsam … Ach, ich erinnere mich: Er war gerade auf der Toilette, als wir den Laden stürmten. Sicher war er im Lokal mit anderen Leuten verabredet, aber wir wissen nicht mit wem.«
»Und danach? Habt ihr ihn nicht im Auge behalten?«
»Nein, dazu war er nicht auffällig genug. Wir haben seine Personalien aufgenommen, ihn in die Kartei eingetragen und laufen lassen. Wir haben ihn noch ein- oder zweimal beobachtet, als er eine der von uns überwachten Moscheen besucht hat, aber nie in Begleitung.«
»Wir wissen also nicht, ob oder mit wem er den Anschlag gemeinsam geplant haben könnte.«
»Richtig. Beides ist möglich, doch wir kennen seine Kontakte nicht.«
»Wie viele waren denn in dem Lokal, in dem er euch zum ersten Mal über den Weg gelaufen ist?«
»Willst du die alle vorladen?«
»Auf jeden Fall. Es geht um 19-fachen Mord!«
Elke hob die Hände. »Das kannst du gerne machen, aber ich sage dir gleich, dass das nichts bringt. Von denen wird dir keiner sagen, mit wem Kabaoglu zusammen war oder ob die was im Schilde führten. Wenn es um was Handfestes wie Alibis ginge, wäre ich bei dir, aber so …«
Marie seufzte. »Könnten eure Teams die Augen nach Altay offen halten?«
»Natürlich. Ich gebe sein Bild und die Informationen gleich weiter.«
Kaum war Marie wieder an ihrem Arbeitsplatz, erwartete sie die nächste Überraschung: Arthur Thewes kam herein und legte ihr einen Notizzettel auf den Tisch.
»Was ist das?«, fragte sie.
»Stations- und Zimmernummer von Wolfgang Boskop im Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus Boberg.«
»Was soll ich damit?«
»Hinfahren. Es scheint, als gehe es stramm bergauf mit ihm. Er hat heute Morgen selbst darum gebeten, mit der Polizei zu sprechen, und wir als Freund und Helfer …«
»Ist das nicht Markus’ und Johannes’ Aufgabe?«
»Die machen gerade eine Zeugenbefragung in Norderstedt. Ich möchte nicht, dass Boskop oder seine Ärzte es sich anders überlegen, deshalb ist es jetzt dein Job. Also los, worauf wartest du?«
Die dritte Überraschung des Tages war Boskop selbst: Er war kaum wiederzuerkennen. Er saß im Bett, das Rückteil fast senkrecht, und begrüßte Marie freundlich. Ruß, Staub und Blut hatten ihn am Ort der Explosion offenbar schlimmer verunstaltet als die Brandwunden. Zwar war seine linke Gesichtshälfte von der Schläfe bis zum Kinn mit Verbänden abgedeckt, aber die Nase und die rechte Seite des Gesichts wirkten komplett unbeschädigt.
»Guten Morgen«, sagte er. Er nuschelte ein wenig; vermutlich schränkte die Verletzung die Kieferbewegung ein. Trotzdem klang seine Stimme fest, der Blick aus seinen Augen war klar. »Sie sind von der Polizei, nehme ich an?«
»Kriminaloberkommissarin Schwartz von der Mordkommission.« Marie zeigte ihren Dienstausweis.
Boskop schaute nur flüchtig darauf, dann nickte er. »Setzen Sie sich.« Er deutete auf die Stühle aus Metallrohr und Plastik, die an einem kleinen Esstisch in der Ecke standen.
Sie zog sich einen heran und nahm Platz. »Herr Boskop«, begann Marie, »ich weiß, Sie haben selbst um das Gespräch gebeten, aber ich möchte Sie darauf hinweisen, dass wir jederzeit abbrechen können, wenn es Ihnen zu viel wird.«
Boskop lächelte, soweit es sein verschorftes Gesicht zuließ. »Vielen Dank, es wird schon gehen. Die Ärzte hier leisten fantastische Arbeit.«
»Das ist schön zu hören. Herr Boskop, würden Sie mir bitte die Geschehnisse vorgestern früh am Flughafen aus Ihrer Sicht erzählen?«
»Also, da war dieser Koffer –«
»Bitte fangen Sie weiter vorne an. Wann sind Sie in den Flughafen gekommen?«
»Das muss kurz vor sieben gewesen sein … Der Mann, der mit dem Koffer, ist der tot?«
»Was? Ja, er ist … Wieso wollen Sie das wissen?«
»Ich habe Angst. Das … in dem Koffer war eine Bombe! Das war doch ein Terrorist! Wenn der mich erkennt, dann … Aber er ist ja tot. Das ist … schrecklich, natürlich ist das schrecklich, aber …«, er lachte heiser, »was soll ich sagen – es ist mein Glück. Das ist … Das klingt ganz furchtbar, oder?« Er drehte den Kopf zur Seite.
»Herr Boskop, Sie können beruhigt sein. Der Mann ist bei der Explosion ums Leben gekommen, und wir gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelte. Sie haben nichts zu befürchten.« Dass sie nicht sicher waren, welche Rolle der flüchtige Altay in der Sache spielte, verschwieg Marie fürs Erste. Der wiederum wusste aller Wahrscheinlichkeit nach nichts von Boskop, also war dieser so oder so nicht gefährdet.
»Wirklich?«, fragte Boskop.
»Auf jeden Fall. Sie waren also etwa um sieben am Flughafen. Was wollten Sie dort?«
»Einkaufen.«
»Einkaufen?«
»Ja, der Supermarkt am Flughafen hat ab morgens um sechs geöffnet, auch sonntags. Ich hatte keine Wurst mehr und keinen Kaffee, und ich wohne in der Nähe des Flughafens.«
»Was haben Sie dann im Terminal 1 gemacht? Der Supermarkt ist ein Stockwerk tiefer.«
»Ich liebe die Atmosphäre dort. Alle sind so aufgeregt, sie brechen auf in ferne Länder, alle freuen sich … Ich lebe alleine, wissen Sie. Ich nehme gerne Anteil an der Freude und Aufregung anderer Leute. Können Sie das verstehen?«
»Ich weiß nicht. Ich finde es sehr hektisch dort.«
»Jedem das Seine, Frau Schwartz. Oder muss es Frau Kommissarin heißen?«
»Was hatten Sie mit dem Koffer zu tun? War es Ihrer?«
»Wozu sollte ich denn einen Koffer zum Einkaufen mitnehmen?«
»Also, was war mit dem Koffer?«
»Nun ja … Der Koffer stand da, ein paar Meter von den ganzen Warteschlangen entfernt, und keiner war da, der auf ihn aufpasste. Verstehen Sie, er war … herrenlos. Man hört ja allerlei über herrenlose Gepäckstücke, und dazu diese ganzen Durchsagen: ›Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt.‹ Da habe ich mich gefragt, ob das alles mit rechten Dingen zugeht.«
»Und was haben Sie dann gemacht?«
»Ich wusste nicht recht, was man in so einer Situation macht, da habe ich mir den Koffer erst einmal angesehen.«
»Sie haben ihn sich angesehen? Wieso haben Sie nicht der Polizei Bescheid gesagt?«
»Ach, das wäre doch peinlich gewesen. Ich meine, wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass da tatsächlich eine Bombe drin war? Nachher hätten die meinetwegen den Flughafen evakuiert, nur wegen eines Koffers voller dreckiger Unterhosen oder was die Türken sonst so einpacken. Nein, ich dachte, ich schaue mir das erst genauer an.«
»Was vermuteten Sie denn zu sehen?«
»Ja, was weiß ich – irgendwas. Wie wenn man bei einem kaputten Auto die Motorhaube aufmacht und reinschaut, auch wenn man keine Ahnung davon hat.«
»Und was ist danach geschehen?«, fragte Marie.
»Da war was am Griff«, sagte Boskop. »So was wie ein Schalter. Mit Kabeln.«
»Sind Sie sicher?«
»Natürlich! Ich wollte zur Polizei, aber dann kam dieser Mann, der sah arabisch aus oder vielleicht türkisch, ich weiß es nicht, und der schrie mich an und stieß mich weg.«
»Und was dann?«
»Er hat nach dem Koffer gegriffen, und ich dachte, er will den Schalter drücken und die Bombe in die Luft jagen. Ich hatte Angst um mein Leben, verstehen Sie? Deshalb habe ich versucht, ihm den Koffer wegzunehmen, damit er nicht an den Schalter kommen kann. Ich konnte doch nicht zulassen, dass jemand einfach so aus fehlgeleitetem Fanatismus diese ganzen Menschen umbringt!«
»Wie kommen Sie darauf, dass er ein Fanatiker war?«
»Das … nun ja, es war ein südländischer … Welchen Grund sollte sonst so jemand haben, ein Selbstmordattentat zu begehen? Das kann doch nur ein Islamist gewesen sein. Und im Fernsehen sagen sie auch, dass der IS dahintersteckt.«
»Ich verstehe«, sagte Marie. »Aber konkrete Hinweise auf das Motiv des Täters haben Sie nicht, richtig?«
»Konkrete Hinweise – er hat nicht ›Allahu Akhbar‹ gerufen, wenn Sie das meinen. Doch es war ein Türke oder sonst so ein Orientale, und er hatte eine Bombe. Und ich kann eins und eins zusammenzählen.«
»Sie wollten ihm also den Koffer wegnehmen?«
»Ja, richtig. Ich habe am Koffer gezogen, und er hat am Koffer gezogen, oben am Griff, und dann muss ich abgerutscht sein. Ich fiel nach hinten, bin noch einige Schritte weggestolpert und dann gestürzt. Und plötzlich war es, als ob die ganze Welt zusammenstürzen würde. Ich wusste sofort: Das war die Bombe, jetzt stirbst du.« Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, berührte dabei die verbrannte Gesichtshälfte und zuckte zusammen. »Wissen Sie, ich bin nicht besonders religiös, aber Gott scheint seine schützende Hand über mich gehalten zu haben, sonst wäre ich nicht mehr hier.« Er lachte matt.
»Können Sie sich erinnern, was nach der Explosion passiert ist?«, fragte Marie.
Boskop schüttelte den Kopf, so gut er konnte. »Nein. Nur noch an einen Sanitäter, der mir sagte, dass alles gut wird.«
»Ist Ihnen noch mehr aufgefallen?«
»Nein. Zurzeit fällt mir nichts mehr ein.« Boskop tastete nach der Bedienung für das Bett und stellte das Rückenteil auf Liegeposition. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen. Ich würde mich gerne ausruhen. Ein andermal mehr.«
»Natürlich. Ich lege Ihnen meine Visitenkarte auf den Nachttisch. Sie können mich jederzeit anrufen.«
Boskop nickte und wedelte schwach mit der Hand.
Marie trat hinaus auf den Krankenhausflur mit den grellen Neonröhren und dem quietschenden Linoleum. In einer Nische stand ein Wasserspender; sie füllte einen Pappbecher, trank und dachte nach. Was Boskop berichtet hatte, klang glaubhaft und schlüssig. Sie würde es überprüfen, aber sie hatte keinen Grund, an seinen Aussagen zu zweifeln. Für einen verhinderten Selbstmordattentäter hielt sie ihn auf jeden Fall nicht.
Ein Stück den Flur hinunter fand sie das Dienstzimmer und klopfte an. Eine Schwester öffnete, Marie zeigte ihren Dienstausweis und bat um ein Gespräch mit dem Stationsarzt. Der kam rund zehn Minuten später, führte sie in den Aufenthaltsraum und bot ihr Kaffee an, den sie dankend annahm.
»Schwesternkaffee«, sagte der Arzt, ein jungenhaft wirkender Mann Mitte 30 mit Kunststoffbrille und weißem Polohemd statt Arztkittel. Auf seinem Namensschild stand »Dr. Kreuzer, Stationsarzt«. »Benutzen wir hier auch zur Wiederbelebung.« Er gab reichlich Milch in den Kaffee, dann schob er ihr die Packung hinüber. »Was kann ich für Sie tun?«
»Ich wollte mich nach dem Gesundheitszustand von Herrn Boskop erkundigen.«
»Sie wissen schon, dass die ärztliche Schweigepflicht mir verbietet, Ihnen Auskünfte zu erteilen?«
»Sicher. Ich möchte mich nur mit Ihnen absprechen, ab wann Herr Boskop Ihrer Ansicht nach uneingeschränkt vernehmungsfähig ist.«
»Waren Sie nicht gerade bei ihm?«
»Ja, aber nur kurz. Wie Sie sich vorstellen können, habe ich viele Fragen an Herrn Boskop, die mir unter den Nägeln brennen.«
Dr. Kreuzer zuckte die Schultern. »Das ist schwer zu sagen. Herr Boskop hat uns mit seiner raschen Besserung sehr überrascht. Zwar hat sich bald nach der Einlieferung herausgestellt, dass seine Verletzungen weit weniger gravierend waren als befürchtet. Wie schnell es mit ihm aufwärts ging, hat uns aber doch verblüfft. Der Unfall ist gerade mal drei Tage her, und er gibt schon Interviews.«
»Das heißt bei uns Vernehmung.«
»Weiß ich.«
»Moment – er hat schon mit der Presse gesprochen?«
Dr. Kreuzer runzelte die Stirn. »Kurz bevor Sie kamen. Hat er nichts davon gesagt?«
»Nein. Wissen Sie, worum es ging?«
»Keine Ahnung. Ich schätze mal, das werden Sie in spätestens zwei Stunden im Fernsehen sehen.«
Und damit kündigte sich die nächste Überraschung an.
Auf der Rückfahrt zum Polizeipräsidium klingelte Maries Telefon. Thewes war dran.
»Wer war dieses Arschloch, das dich gestern im Büro besucht hat?«, fuhr er sie statt einer Begrüßung an.
»Was? Wen meinst du?«
»Na, wen wohl? Diesen Kerl, der gestern in unsere Nachmittagsbesprechung geplatzt ist, du weißt schon.«
Ja, Marie wusste es. »Was ist mit ihm?«
»Siehst du keine Nachrichten?«
»Tut mir leid, Chef, ich arbeite. Und im Auto sehe ich grundsätzlich nicht fern«, sagte sie etwas schnippischer, als sie wollte.
»Ja, ja, schon gut. Melde dich bei mir, wenn du da bist.« Er legte auf.
Was, in drei Teufels Namen, hatte Tim nun schon wieder verbockt? Konnte der Kerl nicht einfach aus ihrem Leben verschwinden? Hatte sie nicht genug um die Ohren?
Sie überlegte, aufs Gas zu treten, entschied sich aber dagegen. Wenn das mit Arthur so weiterging, wollte sie ihm lieber keinen Strafzettel wegen Geschwindigkeitsübertretung erklären müssen.
Also zügelte sie ihre Ungeduld und stand erst 20 Minuten später vor Arthurs Büro. Sie holte tief Luft, drückte die Klinke hinunter und trat ein.
Und musste sich das Lachen verbeißen.
Neben dem Schreibtisch ihres Chefs stand ein rosa Hundekörbchen. Darin saß die entzückendste französische Bulldogge, die Marie sich vorstellen konnte, und sah sie mit aufgestellten Ohren erwartungsvoll an. Der Kontrast zwischen Arthurs finsterem Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen und den treudoofen Kulleraugen der »blöden Töle« war zu viel für die härteste Mordermittlerin.
»Wage es nicht«, knurrte Arthur, dem Maries zuckende Mundwinkel nicht entgangen waren. »Kein Wort!«
Sie schüttelte den Kopf und presste die Lippen aufeinander. Rasch ging sie zum Besucherstuhl vor Thewes’ Schreibtisch und setzte sich so, dass Minnie außer Sichtweite war. Das half jedoch nichts, denn der Hund kam prompt um den Tisch gedackelt, setzte sich vor sie und sah sie mit schief gelegtem Kopf an. Marie blickte stur zu Arthur und bemühte sich um Fassung.
Der drehte sein Notebook zu Marie. »Da. Erklär mir das bitte.«
Er startete die Aufzeichnung der Fernsehnachrichten. Sie war, das konnte Marie an der Zeitangabe in der Bildecke erkennen, weniger als eine Stunde alt.
Das Bild zeigte Boskop in seinem Krankenbett, von genau derselben Stelle aus aufgenommen, an der Marie gesessen hatte. Boskop wirkte gefasst, aber erschöpft. Marie war sich mittlerweile nicht mehr sicher, wie viel davon echt und wie viel gespielt war.
Eine Stimme aus dem Off kommentierte das Bild: »Der verheerende Anschlag auf den Hamburger Flughafen, für den der Islamische Staat die Verantwortung übernommen hat, liegt erst drei Tage zurück, viele Menschen trauern um ihre Angehörigen, andere sind auf dem Wege der Besserung. So wie Wolfgang Boskop, der nur mit sehr viel Glück überlebt hat. Kein anderer Überlebender stand näher am Ort der Explosion als er. Trotzdem hat er sich jetzt schon bereit erklärt, mit unserem Reporter zu sprechen.«
Ein Mikrofon wurde unter Boskops Kinn gehalten. Er sah jemanden außerhalb des Bildes an und lächelte matt. »Ich habe einfach Glück gehabt. Großes Glück. Der da oben wollte mich wohl noch nicht haben.«
»Herr Boskop, unserer Redaktion liegt eine Aufzeichnung der Überwachungskameras vor, die zeigt, dass Sie mit jemand anderem um einen Koffer ringen. Was hat es damit auf sich?«
Boskop überlegte kurz, dann lächelte er wieder. »Ja, das stimmt. Ich hatte den Eindruck, mit diesem Koffer stimme etwas nicht, deswegen wollte ich ihn zur Polizei bringen.«
»Befand sich die Bombe in diesem Koffer?«
»Ja, keine Frage.«
»Sie haben mit dem Besitzer des Koffers gestritten? Warum?«
Boskop runzelte die Stirn. »Tja … Ich konnte ihn doch nicht einfach die Bombe zünden lassen. Es ging ja nicht nur um mein Leben, sondern um all die anderen in der Halle.«
»Sie haben also versucht, die Explosion zu verhindern?«
»Ja, ich habe es versucht. Nicht sehr erfolgreich, wie es scheint, oder?«
Das Bild wechselte und zeigte einen Moderator im Studio. »Erfolgreich oder nicht – Wolfgang Boskop hat sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um das vieler anderer Menschen zu retten. Das ist mehr, als man erwarten kann, und viel mehr, als die meisten von uns bereit wären zu geben.«
Der Moderator wendete den Kopf, eine zweite Kamera fing seinen Blick auf. »Wie wir aus der Polizei nahestehenden Kreisen erfahren haben, ist das Überleben von Wolfgang Boskop mehr als ein kleines Wunder. Unser Reporter Martin Kolditz mit den Einzelheiten.«
Wieder ein Schnitt. Das Bild zeigte im Hintergrund das silbern glänzende Gebäude des Polizeipräsidiums und im Vordergrund einen Reporter. Ihm gegenüber niemand anderer als …
»Tim! Mich trifft der Schlag!«
»Tim, aha«, sagte Arthur. »Sind wir also schon per Du mit dem Herrn.«
Marie wedelte mit der Hand, sie wollte das Interview hören.
»Können Sie uns Genaueres zum Ablauf sagen?«, fragte der Reporter. »Hat eventuell einer der Männer versucht, den Anschlag zu verhindern? Sind die beiden Männer unter den Toten?«
»Wir vermuten stark, dass einer der Männer zwar schwer verletzt ist, aber überlebt hat.«
»Obwohl er so nahe bei der Explosion war?«
»Also … Ja.«
»Wie können Sie sich das erklären?«
»Er … er hätte tot sein müssen.«
»Aber er lebt.«
Nachdenkliches Kopfschütteln. »Er hätte tot sein müssen«, murmelte Tim.
Wieder Schnitt auf den Moderator im Studio. »Er hätte tot sein müssen«, wiederholte der. »Und doch – er ist es nicht. Ein Lichtblick in diesem schrecklichen Geschehen: Ein Mann wirft sich mutig dem Attentäter in den Weg, wird zum tragischen Helden, und allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt er, obwohl er – Sie haben es gerade gehört – tot sein müsste. Manchmal ist auf das Schicksal eben doch Verlass.«
Er drehte sich zur anderen Kamera. »Weiterhin unklar ist die Identität des Attentäters. Die Polizei …«
Arthur stoppte das Video und sah Marie herausfordernd an.
Sie hob die Hände. »Ich kann nichts dafür.«
»Aber du kennst ihn.«
»Natürlich. Er ist der Notfallsanitäter, der Boskop versorgt hat.«
»Und was wollte er von dir? Noch ein paar Informationen für seine Freunde bei der Presse abgreifen?«
»Was? Willst du mir unterstellen … Nein, Himmel noch mal, er wollte mir etwas zum Fall mitteilen.«
»Und was?«
»Dass … Ach, nichts. Er hat sich da was eingebildet. Wahrscheinlich war er sauer, dass ich ihm das gesagt habe.«
»Na gut. Dann sieh zu, dass das nicht noch einmal vorkommt.«
»Chef, wie soll ich –«
»Rede mit ihm. Mache ihm klar, dass er sich mächtig Ärger einhandelt, wenn er sich noch einmal als ›der Polizei nahestehend‹ ausgibt.«
Marie stöhnte. »Bitte nicht. Kann das nicht Harald machen? Der Typ ist ein Idiot.«
»Dein Idiot, dein Job.«
Marie stand seufzend auf und öffnete die Tür.
»Stopp!«, rief Arthur. »Minnie, du nicht!«
Marie sah nach unten, wo Minnie zwischen ihr und Arthur hin und her blickte. »Tu, was er sagt«, flüsterte sie. »Sonst kriegt er noch schlechtere Laune.«
Sie trat hinaus, Minnie drehte bei und trottete zu ihrem rosa Körbchen zurück.
»Blöde Töle«, hörte Marie, als sie die Tür schloss. »Willst’n Leckerchen?«
Kapitel 7
23. Mai
Für Tim war der Tag gelaufen. Zwar hatte er noch über eine Stunde Schicht, aber da kam nichts Gutes mehr, das war sicher. Nur Kotzbrocken, Besoffene und Simulanten heute. Jetzt war Fahrzeugpflege angesagt. Er war froh, sich mit Schrubber und Schlauch am Rettungswagen abreagieren zu können. Und Mark aus dem Weg zu gehen, denn der hätte ihm bestimmt gerne noch einmal erklärt, dass heute nicht die Patienten die Kotzbrocken seien, sondern er.
Seine Laune stieg minimal mit jedem Quadratmeter, den er den Wagen vom Dreck befreite. Nur kein Einsatz mehr kurz vor Dienstschluss, dann könnte es zumindest ein annehmbarer Feierabend werden.
Wachleiter Bernke trat durch die Tür der Fahrzeughalle, deutete auf Tim und ließ eine junge Frau passieren, die schnurstracks auf ihn zumarschierte.
Marie hatte die Halle noch nicht halb durchquert, da begann sie bereits lautstark vom Leder zu ziehen: »Sag mal, bist du völlig übergeschnappt? Hast du eine Ahnung, welchen Ärger du mir eingebrockt hast?«, keifte sie.
Die Kollegen ließen ihre Putzgeräte sinken. Alle Gespräche verstummten augenblicklich.
»Nun mal halblang. Wovon redest du?«
Sie baute sich vor ihm auf, die Fäuste in die Hüften gestemmt. »›Der Polizei nahestehende Kreise‹ – na, klingelt’s bei dir?«
»Verdammt noch mal, nein!«
»Du willst also bestreiten, dass du dieses Interview gegeben hast?«
»Das … Ach, darum geht’s? Ich mache diesen Reporter kalt!«
»Wieso? Hat er dich gezwungen, mit ihm zu reden?«
»Ich habe nie gesagt, dass ich bei der Polizei bin.«
»Vielleicht muss man das auch nicht, wenn man gerade aus dem Polizeipräsidium kommt?«
»Ich hab ihm sogar extra erklärt, dass ich bei der Feuerwehr bin!«
»Und das soll ich dir glauben?«
»Du kannst meinetwegen an das fliegende Spaghettimonster glauben. Aber: Ich. Habe. Nicht. Gelogen.«
»Wieso dann das Interview?«
»Ist das etwa verboten?«
»War das schlau? Ach, vergiss die Frage. Du und schlau, das wird eh nichts.«
»Ja, ich hielt das für schlau. Du hast mir ja nicht zugehört, da dachte ich, vielleicht tut’s die Presse.«
»Und, hat sie?«
»Woher soll ich das wissen? Ich habe nicht gesehen, was sie draus gemacht haben.«
Marie sah auf ihre Armbanduhr. »Gleich kommen die Nachrichten. Gibt’s hier einen Fernseher?«
»Sind Feuerwehrautos rot? Hier lang.«
Er legte den Wasserschlauch beiseite, mit dem er das Auto abgespritzt hatte. Es hatte ihm mächtig in den Fingern gejuckt, einfach den Zeigefinger zu krümmen und sie in den sprichwörtlichen begossenen Pudel zu verwandeln. Das hätte wenigstens seinen Ruf bei den Kollegen wieder aufpoliert, die sich jetzt wochenlang darüber amüsieren würden, wie seine »neue Flamme« ihn rundgemacht hatte. Mark war ein prima Kerl, aber eine Tratschtante sondergleichen – mit Sicherheit kannten die Kollegen bereits jedes kleinste Detail ihres Zusammentreffens am Flughafen.
»Die Show ist zu Ende«, rief er. »Schön weiterputzen!«
Das klang lahm. Aber wenigstens hatte er das letzte Wort.
Sie gingen in den Aufenthaltsraum, er schaltete den Fernseher ein, sie setzten sich auf entgegengesetzte Enden des Sofas und sahen sich das Interview in den Nachrichten an.
»Das war Boskop?«, fragte Tim. »Der ist doch vor drei Tagen erst dem Tod von der Schippe gesprungen.«
»Es ging mir nicht um Boskop.«
»Schon klar. Aber was habe ich denn Schlimmes gesagt? Dass Boskop hätte tot sein müssen. Und?«
»Es ging um die ›der Polizei‹ –«
»›nahestehenden Kreise‹, ich weiß. Doch das habe nicht ich gesagt, sondern die. Und das, was ich unbedingt loswerden wollte, haben sie rausgeschnitten.«
»Und das wäre?«
»Hallo? Dass die Bombe vor dem Turkish-Airlines-Schalter hochgegangen ist?«
»Ich habe dir gesagt, dass das Quatsch ist.«
»Ist es nicht. Wenn du das meinst, bitte. Aber du machst einen Fehler!«
»Hast du Boskop nicht gehört? Die Bombe ist losgegangen, als er mit Kabaoglu um den Koffer gestritten hat. Damit ist doch klar, dass die Bombe gar nicht dort zur Explosion gebracht werden sollte!«
»Wer ist Kabaoglu?«
Marie wurde heiß und kalt. »Vergiss den Namen. Bitte.«
»Ja, ja, mach dir nicht ins Hemd. Meinst du wirklich, da stellt sich einer erst ein Weilchen in die Schlange bei Turkish Airlines – so nach dem Motto: Guck mal, ich bin ganz unauffällig – und dann rennt er mit dem Koffer rüber zur Lufthansa, schreit ›Viva Osama‹ und drückt aufs Knöpfchen?«
»Wir wissen nicht, was er vorhatte. Das ist Gegenstand der Ermittlungen.«
»Aber ihr wisst, wo die Bombe hochgegangen ist. Oder?«
»Das muss nichts zu sagen haben.«
»Aber es kann.«
»Ja, meinetwegen.«
Tim verschränkte die Arme. »Ach?«
»Es kann bedeutend sein. Es kann auch bedeutend sein, dass Vollmond war. Oder eben nicht.«
»Du bist so ein sturer Bock.«
Marie stand auf. »Ich bin nur gekommen, um dich von weiteren Interviews abzuhalten. Das stört unsere Ermittlungsarbeit erheblich.«
Tim lehnte sich vor. »Sag das Zauberwort.«
»Was?«
»Das Zauberwort. Du kennst es doch.«
»Vergiss es.« Marie stand auf.
»Oh.« Tim zog ein Kärtchen aus seiner Brusttasche. »Ist das nicht die Visitenkarte von diesem Reporter?«
Sie seufzte. »Würdest du bitte keine solchen Interviews mehr geben?«
Er steckte die Karte wieder weg. »Kein Problem. Noch einmal legt der Kerl mich nicht rein.«
Marie wandte sich um und ging ohne ein weiteres Wort.
Tim wusste nicht recht warum, aber seine Laune war besser als vorher.
Zumindest bis der Gong ertönte. »Einsatz für Rettungswagen 23 Berta.«
Adieu, Feierabend.
Marie war noch nicht im Wagen, als ihr Mobiltelefon klingelte. Der Chef.
»Besprechungsraum in 20 Minuten«, sagte er, ohne Zeit auf eine Begrüßung zu verschwenden. »Es gibt ein Bekennerschreiben. Ein richtiges.«
»Bin unterwegs.«
Sie brauchte 22 Minuten, was für die Rushhour eine ordentliche Zeit war. Trotzdem war sie wieder einmal die Letzte. Neben ihren Leuten saßen die Kollegen Zander und Behrend vom Staatsschutz mit am Tisch.
»Gut«, sagte Arthur, »dann können wir ja anfangen. Vor einer Stunde kontaktierte uns die Redaktion der Hamburger Morgenpost mit der Mitteilung, ein Selbstbezichtigungsschreiben für den Anschlag am Flughafen per E-Mail erhalten zu haben. Sie haben die Mail umgehend an uns weitergeleitet. Die Terrororganisation ›Islamischer Staat‹ reklamiert darin noch einmal die Täterschaft für sich, aber in diesem Fall offenbart der Absender Täterwissen. Ich zitiere: ›Vor Kurzem haben wir die Ungläubigen der Mutter Satans zum Fraß vorgeworfen.‹ Wie Markus gestern erläuterte, ist dies der Spitzname des verwendeten Sprengstoffs TATP. Da wir diese Information nicht veröffentlicht haben, können wir davon ausgehen, dass das Bekennerschreiben echt ist. Was könnt ihr aus Sicht des Staatsschutzes dazu sagen?«
»Wir nehmen es ernst«, sagte Behrend. »Hier ist, wie du ausgeführt hast, offensichtlich Täterwissen vorhanden. Die Formulierung ist zwar gestelzt, aber zumindest halbwegs authentisch. In der weiteren Form weicht das Schreiben jedoch deutlich von den üblichen Bekennerschreiben ab. Auch der Modus der Veröffentlichung ist anders als gewohnt. Normalerweise werden derartige Meldungen von Amak verfasst, der – wenn man so will – Pressestelle des IS. Als Medium dienen üblicherweise eigene Webseiten, soziale Netzwerke und vor allem der Messengerdienst Telegram. Dass eine Selbstbezichtigung per E-Mail direkt an eine Zeitungsredaktion geht, ist ungewöhnlich.«
»Also doch eine Fälschung?«, fragte Harald. »Hat die gestelzte Formulierung eventuell gar nichts mit dem Sprengstoff zu tun?«
Elke Zander schüttelte den Kopf. »Sehr unwahrscheinlich. Für uns ist die naheliegendste Erklärung, dass einer der Täter das Schreiben abgefasst hat, ohne in Kontakt mit den zentralen Strukturen des IS zu stehen. Denkt daran: Der IS ist nicht vergleichbar mit der RAF oder anderen terroristischen Gruppen, die streng zentralistisch organisiert sind. Wir haben zwar eine hierarchisch geführte Militärstruktur, aber die Führung setzt in Bezug auf terroristische Angriffe bewusst auf eine Guerilla-Taktik. Tatsächlich werden seit einiger Zeit Sympathisanten aus mitteleuropäischen Ländern sogar aufgefordert, nicht zum Heiligen Krieg nach Syrien zu reisen, sondern im Heimatland zu bleiben und dort Anschläge zu verüben.«
»Du sagst ›einer der Täter‹. Also doch kein Einzeltäter?«
»Ibrahim Kabaoglu kann die Mail auf jeden Fall nicht geschrieben haben, oder?«
»Altay Kabaoglu?«
Behrend wiegte den Kopf hin und her. »Das ist nicht sicher. Aber der Verdacht liegt nahe.«
»Nahe genug, um einen Haftbefehl ausstellen zu lassen?«, fragte Thewes.
»Welchen Staatsanwalt haben wir?«
»Frau Rupprecht.«
»Die kenne ich. Ist eine Gute, aber man muss sie überzeugen. Ich weiß nicht, ob ihr das ausreicht. Wir können es versuchen, mehr Stichhaltiges wäre jedoch besser.«
»Da kann ich vielleicht etwas beisteuern«, sagte Markus. »Ich habe vor einer Viertelstunde die Mobilfunk-Verbindungsdaten von Altay Kabaoglu erhalten. Kommen euch davon einige Namen oder Nummern bekannt vor?« Er zog einen Zettel aus seiner Mappe und schob ihn zu Elke Zander.
Sie hielt ihn so, dass Behrend mit draufschauen konnte, und gemeinsam gingen sie durch die Liste.
»Die hier«, sagte sie und tippte auf eine Zeile. »Die Nummer kenne ich.«
»Zu wem gehört sie?«
»Wissen wir nicht. Wir haben sie auf einigen Verbindungsprotokollen gesehen, aber es gibt keinen Namen zu der Nummer.«
»Großartig«, sagte Thewes. »Wäre es nicht toll, wenn unsere Telekommunikationsgesetze einfach funktionieren würden?«
»Es fällt auf jeden Fall auf, dass Kabaoglu junior in den Tagen vor dem Anschlag mehrmals mit einigen wenigen Nummern telefoniert hat. Eine von denen kennen wir, und ich möchte wetten, die restlichen Nummern sind auch nicht besser«, sagte Zander.
»Am Tag des Anschlags gab es nur zwei Anrufe auf diese Nummern. Und ein dritter, bei dem ein Name dabeisteht. Scheint die Familie zu sein«, ergänzte Behrend.
Zander nickte. »Besonders auffällig: Seit dem Tag danach herrscht Funkstille. Ich nehme an, der Gesprächspartner hat ihm gesagt, er soll sein Mobiltelefon ausschalten oder am besten gleich wegwerfen.«
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