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Stefan Koenig
Freie Republik Lich - 2023
Fantastischer Zeitreise-Roman ins Jahr 2023
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Statt eines Vorwortes
Was sagt der Autor zu seinem Roman?
Das heimliche Vorwort
Wie alles war und wie alles begann
Damals 2018
Damals 2019
Damals 2020
Damals 2021
Damals 2022
Damals 2023
Als der Sturm aufkam
Als der Nebel kam
Das Notstromaggregat
Diese Biester!
Der Verein der Unbelehrbaren
Toi! Toi! Toi!
Zwei Offiziere
Das Grauen nimmt kein Ende
Postscriptum
Nachbetrachtung
Dank
Impressum neobooks
Statt eines Vorwortes
Stefan Koenig
Freie Republik Lich
Eine phantastische
Roman-Zeitreise
ins Jahr 2023
Pegasus Bücher
Viele Worte
Kein Inhaltsverzeichnis
Prasselnde Leerverkäufe
Prahlereien
Keine Worte
Viel Inhalt
Ergebt euch
Widerstand zwecklos
Die Macht des Geldes
Prasselnde Leerversprechungen
Die Macht der Wähler
Zu spät
Da gehe ich zu einem
Friedhof
Autofriedhof
Suche das Auto
Lausche und orte den Ort
Wo das alte
Autoradio
Es mir zuflüsterte
Das eine kleine Wort
Wenn ich es nur gehört hatte
Durch das Rauschen im Äther
Wenn
Nur ein Wort
Ein einziges Wort
….. »Hope« …..
Die Hoffnung ist wie
Zucker im Kaffee.
Auch wenn sie klein ist,
versüßt sie alles.
Was sagt der Autor zu seinem Roman?
Stefan Koenig, geboren in Frankfurt am Main, Studium der Politik-, Verwaltungs- und philosophischen Wissenschaften in Berlin, Berkeley und Frankfurt: „Diese Story ist einfach unglaublich, selbst für mich, der ich all dies miterlebt habe. Wenn Sie Probleme damit haben, dass sich das, was Sie hier lesen, erst in ferner Zukunft abspielt – allerdings in nicht allzu ferner Zukunft –, so möchte ich Sie auf Albert Einstein verweisen. Recherchieren Sie ruhig selbst, Stichwort: »Relativitätstheorie«.
Ich kann Ihnen das nicht vollumfänglich erklären, sonst würde dieses Buch unlesbar dick, gewissermaßen ein »adipositivity book«. Das wollen weder Sie noch ich. Jedenfalls gibt es Dinge, die man für unmöglich hält – wie der Zerfall eines großen Staates.
Und es gibt Dinge im Universum, die sind einzigartig. Wie dieser unheimliche Nebel, der das Althergebrachte sprengte und unseren Ort zu einem Brennpunkt der Finsternis und Verworrenheit, von Schrecken und Unglaublichkeit, aber auch von Hoffnung und Neuaufbau machte. Ja sicher, es gibt Dinge, die einfach nicht durch das enge Nadelöhr unseres gutwilligen demokratischen Verstandes passen – übrigens unabhängig davon, wen Sie wählen.“
Das heimliche Vorwort
Aufräumen mit Vorurteilen
Vorab: Ich hasse Vorworte. Ich lese sie nie, wenn sie mich in einem Buch belästigen. Nun aber schreibe ich selbst solch unnötige Worte, heimlich, allein deshalb, weil mein zweites Ich mir zuflüstert: »Verdammt noch mal, schreib ein Vorwort!«.
Nun gut. Ich schreibe hier und kann nicht anders. Wenn Sie an meinem Verstand zweifeln, dann legen Sie los. Ich kann und werde es nicht verhindern. Halten Sie mich für bekloppt oder zum Schreiben völlig unbegabt, stecken Sie mich in irgendeine beliebige Schublade, vorurteilbeladen. Stecken Sie Mottenpapier oder Abflussfrei dazu. Verladen Sie mich, wo immer Sie mögen – doch ich bleibe dabei: Ich schreibe hier und kann nicht anders. Ich fühle mich, wie jeder wahre Irre, der Wahrheit verpflichtet.
Wenn ich bedenke, mit wie viel Eitelkeiten die Welt bestückt ist, mit wie vielen selbstsüchtigen Auftritten und medialen Rechtfertigungen sich die Protagonisten unserer realen Welt umgeben, dann habe ich das Gefühl, einen Beitrag hinzufügen zu sollen. Ist es nicht im Sinne unserer korrupten Selbstdarsteller, wenn man sie als Romanfiguren mit völlig neuen Identitäten ein anderes Leben, ein Leben in der Freien Republik Lich leben lässt? Ich habe mich dazu entschlossen, weil Personen der Zeitgeschichte es würdig sind, dass man sie über die Zeitgeschichte hinaus in immer neuen Märchen und in immer neuem Gewande weiterleben lässt.
So lange die Lastwagenkolonnen an uns vorüberrauschen, wollen wir ihrer ewig gedenken. In meinem Bericht über damals – das Jahr 2023 –, spielen die Namen keine Rolle. Sie mögen austauschbar sein, so wie der Tod – man tauscht das Leben gegen ihn. Oder umgekehrt. Worum ich Sie bitten möchte: Räumen Sie gefälligst auf mit Vorurteilen gegen Zeitreisen. Wenn ich demnächst mein Zeitreisebüro in Lich eröffne, lade ich Sie zur großen Eröffnungsparty ein.
Ischwör!
Ihr Stefan Koenig
Im Juli 2021
Bitte vergessen Sie nicht,
dass es sich bei dem vorliegenden Werk
um eine frei erfundene Story handelt.
Keine Angst also!
Namen, die Ihnen vielleicht
durchaus bekannt vorkommen mögen,
gehören nicht zu real existierenden Personen.
Jedenfalls gibt es sie so nicht, nicht so!
Orte, Ereignisse und Romanfiguren
sind allesamt Erfindungen.
Nackte Illusionen.
Faktische Fiktionen.
Fiktive Fakten.
Lich – gibt es diesen Ort wirklich?
Ich bin mir in nichts mehr sicher.
Stefan Koenig
Freie Republik Lich
Bericht über das Jahr 2023
Dieses Buch widme ich all jenen Licher Bürgern,
die sich nicht damit abfinden können,
dass über ihre Interessen hinweg
entschieden wurde
Und natürlich widme ich es meinen treuen
Leserinnen und Lesern, immer in der Hoffnung,
dass sie noch gut schlafen können.
Pegasus Bücher
Wie alles war und wie alles begann
Die Freie Republik Lich ist nicht mehr auffindbar. Es ist lange her, und insoweit ist der Hinweis auf das Jahr 2023 eventuell irreführend. Tatsächlich ist nun schon ein volles Jahrzehnt verstrichen, seit wir die Republik aufgelöst haben. Fast scheint es, als hätten gewisse Kreise ein Interesse daran gehabt, alle Erinnerung an sie zu eliminieren. So, als wäre unsere damalige demokratische Eigeninitiative, geleitet von ehrlichen und nichtkorrumpierten Bürgern, eine Art Krankheit, ein böser Virus gewesen, den man vollständig besiegen musste.
Viele vermuten einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Logistikzentrum und seinen katastrophalen Nebenwirkungen. Es stimmt auch. Es stimmt absolut. Ich kann es bestätigen. Und doch war es komplizierter.
Die Zeitumstände zwischen 2020 und 2023 waren sehr merkwürdig. Wenn man heute, aus dem Jahr 2033, mit einem Jahrzehnt Abstand, zurückblickt, erscheint vieles unglaublich und widersinnig. Aber es war so. Unglaublich widersinnig. Genau so war es. Die Corona-Pandemie hatte das Land zerrissen. Näheres möchte man fast nicht mehr ausführen, wenn man bedenkt, welch irrwitzige Ausmaße – und Anmaßungen – die Politik in jenen Tagen angenommen hatte. Jedenfalls hatten bürgerkriegsähnliche Zustände gedroht. Doch bevor es zum Äußersten kam, zerfiel die Bundesrepublik Deutschland im Herbst 2022 und es schälten sich drei neue staatliche Gebilde heraus. Wir in Lich befanden uns allerdings im Niemandsland, waren gewissermaßen die Vierte – aber unsichtbare – Republik jener Zeit.
Bayern besetzte Baden-Württemberg sowie die südlichen Landesteile der Pfalz und Hessens. Sie nannten sich »Deutsche Südstaaten«. Söder war damals noch ein junger Mann von Mitte Fünfzig, wenn man bei dieser Art Politiker überhaupt jemals von »jung« sprechen konnte. Schon als zwanzigjähriger Jungpolitiker war er im Kopf so alt wie Helmut Kohl am Ende seiner politischen Weisheit im Jahr 1998, als ihn Angie stürzte. Aber egal. Jedenfalls war Söder der starke Mann der neu etablierten Südstaaten. Für die wirklich Jungen – die im Bunde mit mir der Freien Republik Lich auf die Beine halfen – war Söder natürlich ein uralter Mann. Ich selbst war bereits Ende Fünfzig.
Der ehemalige bayrische Ministerpräsident ließ Hessen bis zu unserer Stadtgrenze und etwas darüber hinaus besetzen. Warum er gerade an unserer Grenze Halt machte, konnte man – jedenfalls offiziell – niemals restlos ermitteln. Wahrscheinlich hatte sein Generalstab gewürfelt, sagte man sich. Aber ich wusste es besser. Dazu später. Jedenfalls bildete die A45 auf der Linie Münzenberg – Berstadt die Südwestgrenze. Vom südwestlichen Besatzungsgebiet kommend, bildete die A5 – vom Gambacher Kreuz in nördlicher Richtung über Fernwald nach Reiskirchen verlaufend – den nordwestlichen Grenzverlauf. Berstadt und Hungen begrenzten unser Staatsgebiet im Süd-Osten.
Im Nord-Osten hatte sich unter der Regie des alten Berlins der »Nordbund« gebildet. Sein Terrain berührte unsere hessische Heimat nur an der alten thüringischen Grenze im Osten des ehemaligen Hessen. Unsere Freie Republik Lich hingegen reichte im Osten von Villingen in nördlicher Richtung bis nach Laubach und Ettingshausen. Die beiden letztgenannten Ortschaften lagen zwar außerhalb unserer Staatsgrenze, aber es herrschte immerhin ein kontrollierter Grenzverkehr. Villingen hatte einen Sonderstatus, wovon Sie noch rechtzeitig erfahren werden. Von großer Bedeutung war unsere geheime Verbindung über Hattenrod zur Flugplatzsiedlung Ettinghausen, von der aus wir mit einem Flieger operieren konnten, was den rundum stationierten Besatzungsmächten glücklicher Weise eine Zeit lang entging.
So also sah die Grenzziehung rund um unseren kleinen, aber freien Volksstaat aus. Einige mieden diesen Begriff und sagten dazu »Bürgerstaat« – aber fragen Sie sich bitte selbst: Worin liegt der Unterschied?
Der große und mächtige »Westbund« war unter dem Düsseldorfer Kö-Regime unser unmittelbarer nordwestlicher Nachbar, ein »Nachbar der untergehenden Sonne«, wie unser neuer Bürgermeister, Arnold Aurora, zugleich Staatschef der Freien Republik Lich, die Westzone gelegentlich nannte. Dass wir so frei und unbehelligt agieren konnten, lag eindeutig daran, dass man uns bei der Aufteilung der Zonen einfach vergessen hatte. Wir bedeuteten für unsere angrenzenden Nachbarn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so etwas wie jenes bereits erwähnte Niemandsland. Ich kann auch erklären, wie das gekommen sein mag – aber nicht jetzt.
Zwischen der Hauptstadt Lich und unseren Außengrenzen war unser Freistaat mit einer prächtigen Natur und lebenswichtiger Landwirtschaft gesegnet. Wir lebten im Herzen der Natur. Alles war bestens. Bis zu dem Tag, als jener blaugraue Monsterklotz aus dem Boden schoss, der mit Beginn des Jahres 2021 alles schrill zerstörte. Ihn anfangs zu verhindern, dann zu beseitigen, waren wir bereits zwei Jahre zuvor angetreten.
Unser schönes Lich lag nicht nur im Herzen der Natur, es war vielmehr das Herz selbst, pulsierte für Tourismus und Kultur und produzierte vorwiegend Naturprodukte. Und es hatte eine engagierte Jugend hervorgebracht. Landrebellen.
Apropos »im Herzen der Natur« – der Freund meines Bruders und mein Bruder selbst, beide zehn Jahre älter als ich, hatten für das Licher Bier den Werbespruch »Aus dem Herzen der Natur« geprägt, inklusive eines lieblichen Gezwitschers des blau-gelben Eisvogels. Rudi Schreiber und mein Bruder Günter waren dem idyllischen Lich mit Leib und Seele verbunden, auch wenn sie fernab in der Rhein-Main-Metropole der späteren Südstaaten wohnten. Und so vermarkteten sie das Licher Bier samt Slogan über Funk und Fernsehen bereits seit Ende der 1970er-Jahre.
Rudi, mein Bruder und ihre Frankfurter Werbeagentur Pro Natur lebten davon gut und gerne drei Jahrzehnte. Jetzt aber, im Februar 2019, war Rudi erschüttert, als ich ihm am Telefon von den sich anbahnenden Entwicklungen berichtete.
Doch recht schnell streifte er seine Besorgnis ab und meinte: „Stefan, sei beruhigt! Damit kommen die nicht durch. Da wird kein Klotz mitten in eure schöne Natur gesetzt. Wie kommst du nur darauf! Und diese vielen LKW, vierhundert oder gar fünfhundert Lastwagen pro Tag …“ Er lachte hellauf. „So verrückt sind eure Politiker nicht. Ich kenne einige eurer Entscheidungsträger und Abgeordneten, ich habe mit denen zusammen gefeiert und gesoffen, nein, die Sache ist eine Luftnummer! Eine Totgeburt! Da geht nichts schief! Keine Sorge!“ Rudi lachte noch einmal laut auf, und ich lachte mit ihm.
Auch mein Bruder musste herzlich lachen, als ich ihm meine Bedenken beichtete. Er hatte mich in früheren Zeiten manchmal als überzogenen Bedenkenträger bezeichnet, was mir natürlich gar nicht gefiel, denn das wäre so, als würde man einen Polizisten dafür rügen, dass er wachsam die Bürger schützt. Das Wort »Bedenken« hängt doch irgendwie mit »Verantwortung« und insbesondere mit dem Wort »denken« zusammen, oder täusche ich mich? Und vorausgedacht haben damals viele der Licher Bedenkenträger.
„Nein, da wird ganz sicher nichts hingebaut, was dem Charakter eures lieblichen Heimatstädtchens widerspricht oder gar die Luft- und Lebensqualität ruiniert. Nein, das läuft nicht!“, meinte mein Bruderherz kurz und bündig.
Aber es lief und es ging schief und der Klotz kam und siegte. Doch dann kamen wir, die Entrüsteten, wir sahen – und auch wir siegten. Nur war es ein Sieg auf Messers Schneide, wie man so schön und lapidar zu sagen pflegt. Manche sprachen von einem Pyrrhussieg, was ich persönlich für unzutreffend halte.
Ist ein Glas halb voll oder halb leer? Es entscheidet der Blickwinkel und der Standpunkt. Und manchmal entscheidet keines von beidem, sondern ausschließlich das Schicksal.
Ich berichte wahrscheinlich eine Spur zu schnell, ich weiß. Ich zügele mich und werde ab jetzt langsamer berichten. Sie wollen schließlich alles nachvollziehen. Sie lieben die Gewissenhaftigkeit, jedenfalls seitdem Sie mitbekommen haben, wie gewissenlos und flüchtig bahnbrechende politische Entscheidungen getroffen werden können. Nun gut. Neuer Anlauf ...
Unsere friedliche Revolution hatte schließlich gesiegt. Aber ohne gewisse äußere Umstände und Zufälle hätte es auch anders ausgehen können. Wir hatten Glück. Wir hatten eine komplette Bahnstrecke von Ost nach West unter unsere Regie gebracht. Dazu jenen Flugplatz, wie schon erwähnt, ein Wasserwerk, den Busverkehr und alles andere, was man zum Leben braucht. Die Energieversorgung stellte uns vor besonders hohe Hürden. Aber wir sprangen darüber hinweg und hatten fabelhafte Ingenieure. Dazu später. Und natürlich gehörte uns das Rathaus, und Arnold Aurora war jetzt unser Mann.
Und jetzt endlich wollen Sie wahrscheinlich wissen, wie es dazu gekommen war. Die Geschichte der Freien Republik Lich ist, wie soll man sagen, ein Nicht-Ereignis geworden. Kein Buch dazu in unserer Stadtbibliothek, kein Vermerk im Stadtarchiv, kein Wort über sie wird laut im Schulunterricht. Ich muss es wiederholen: Einige wollen unseren damaligen Erfolg kleinreden oder sich an diesen fürchterlichen Nebel nicht mehr erinnern. Mag sein, dass es für die schwachen Nerven und feinen Gemüter mancher Beteiligten zu viel war und eine Art Trauma hinterließ. Hauptsächlich aber vermute ich dahinter eine Strategie der damals Entmachteten, die ihr hochheiliges Logistikzentrum und ihre Felle davonschwimmen sahen. Und das alles schwamm ja auch davon.
Es verschwamm in der Zeit, als uns wütende Monster aufsuchten. Es verschwamm in den Tagen zwischen dem 16. und 19. Dezember 2023 in jenem unheimlichen Nebel, der uns alle überraschte und unserer Revolution folgte oder mit ihr Schritt hielt – oder wie immer man die Sache einzuordnen gedenkt. Ich kann mich auch täuschen, wenn ich hinter der Verdrängung unseres selbstgeschriebenen Stücks Geschichte eine Absicht vermute. Natürlich, und dies liegt in der Natur der Sache, wäre es eine politische Absicht. Welche Personenkreise jedoch könnten dahinterstecken?
Müssten es, wenn die Logik logischerweise der Logik folgen würde, nicht diejenigen sein, die den Monsterbau befördert und bewilligt haben? Jener Ex-Bürgermeister, Arturo Groß, mit seinen großmundigen Versprechungen? Jener unseriöse Bauaufsichts-Beamte, Rüdiger Halbersach, der in einem außergewöhnlichen Hauruckverfahren seiner tatsächlichen Aufsicht unzureichend, man möchte sagen: bewusst unzureichend, nachkam, sich ungeachtet dessen aber als Held von Lich rühmen ließ? Jene willfährige Erste Stadträtin, Ingrid Steegher, die sich Groß und einem Immobilienhai verpflichtet fühlte und die es verstand, rechtlich klare Linien zu einer rasanten Schlangenlinie umzubiegen?
Müssten es nicht die vielen bedenkenlosen Mitläufer sein? Jene kleinkarierten Stadtverordneten mit ihrer grenzenlosen Naivität und offensichtlich angeborenen Unterwürfigkeit? Jene, die sich von den sogenannten Profis und Experten gnadenlos überrumpeln ließen? Jene gewählten Bürgervertreter, die es geschehen ließen, dass man ihnen gerade mal drei Tage Zeit ließ, um volle 650 Seiten zu einem komplizierten Bewilligungsverfahrens zu lesen, zu verstehen und letztlich kritisch zu überprüfen?
Müssten es nicht jene sein, die aus christ- und sozialdemokratischer Bequemlichkeit das Nachfragen unterließen und Gott einen guten Mann sein ließen? Jene, mit all dem Gottvertrauen in die angeblich soziale Macht des Geldes, welche ihnen »ungeahnte Steuereinnahmen« – und natürlich viele, viele Arbeitsplätze, was sonst! – vorflunkerte? Ich sage nur: Tanz um das Goldene Kalb! Politische Halluzinationen! Lassen wir das. Ich möchte der brisanten Geschichte nicht vorgreifen.
Wie also begann das alles?
Damals 2018
In jenem Jahr arbeitete ich in einem Licher Verlag und übernachtete gelegentlich bei meiner Freundin. Sie hatte eine Wohnung inmitten der historischen Altstadt. Stella und ich saßen beim Mittagessen auf ihrem Balkon. Wir schauten über die Dächer von Lich in östlicher Richtung des niedlichen Wiener Cafès, das sich unterhalb des Wohnhauses befand. Dort gab es die leckersten Torten, aber Stella und ich achteten auf unsere Linie. In diesem Sinne waren wir absolut linientreu. Ansonsten waren wir, wenn man so will, Freigeister.
Es war Donnerstag, der 5. Juli, die Sonne brannte vom Himmel, und ich freute mich wie ein Zaunkönig – wenn denn Zaunkönige sich wirklich und sichtbar freuen können. Ich freute mich, weil Stella heute nicht im Geschäft sein musste. Endlich mal Zeit für uns zwei.
Sie war Optikerin mit Herz und Seele und hörte sich täglich die Lebensgeschichten der Kundschaft geduldig an. Aber seit zwei Wochen war ihre Kraft erschöpft. Den letzten erholsamen Urlaub – es war ein Kurzurlaub von sieben Tagen – hatte sie um die Osterzeit herum genehmigt bekommen. Ab heute konnte sie reinen Gewissens für ganze zwei Wochen ihren anstrengenden Aufgaben fern bleiben. Ihre Vertretung war geregelt.
Ich hatte gerade in zwanzigminütiger Vorarbeit ein italienisches Menü mit Spaghetti Carbonara sowie einen Tomatensalat mit Mozzarella und Basilikum zubereitet, wozu wir einen Rotwein tranken. Urlaubszeit eben.
Auch ich hatte mir für ein paar Tage freigenommen, was man als Freiberufler mühelos hinkriegt, wenn man als freischaffender Künstler und Honorar-Mitarbeiter eines Verlages sowieso ein vogelfreies Leben führt. Vogelfrei. Haben Sie darüber einmal nachgedacht? Man sagt: „Frei wie ein Vogel.“ Aber kann man einen Vogel frei nennen?
Es ist richtig, er hat Flügel, die ihn über Wälder, Seen und Berge tragen. Wenn im Herbst die Zugvögel, Störche, Kraniche und andere gen Süden fliegen, beneidet sie mancher von uns und denkt: „Glückliche Vögel – fliegen, wohin sie wollen!“
Aber ist es so? Machen die Vögel diese weiten Flüge, weil sie, wie wir, das Reisen lieben? Weil sie „Reisefreiheit“ genießen? Mein Gott, ich schweife ab. Aber genau darüber habe ich mich fünf Jahre später, in der Zeit unserer Freien Republik, mit dem damals fast 86-jährigen Ludwig Henrich, einem alteingesessenen Licher Bürger, unterhalten. Ich lernte ihn bei einer Bürgerinitiative kennen, ein sehr engagierter Mann, trotz – oder wegen? – seines hohen Alters. Vielleicht komme ich auf das Thema mit der Freiheit und den Vögeln zurück.
Aber was heißt vielleicht? Ich muss darauf zurückkommen – es war einer der strittigen Punkte in unserem neuen Bürgerparlament. Und es hatte weiß Gott mit dem Logistikzentrum zu tun.
Stella und ich saßen da und genossen das herrliche Wetter, den Blick ins Weite, das Essen und die Ruhe. Stella erklärte mir, in welcher Himmelsrichtung das Kloster Arnsburg und in welcher mein Sportstudio in Hungen liege. Sie deutete nach Osten und sagte: „Hier kann man gut über die Langsdorfer Höhe radeln. Auf einem ausgebauten Fahrradweg geht’s direkt zu deinem Sportpark, und von dort aus kann man in zehn Minuten weiter zum Inheidener Badesee fahren.“
„Sollten wir mal machen“, antwortete ich.
„Allerdings haben wir das Waldschwimmbad gerade hier um die Ecke“, sagte sie schmunzelnd.
„Bist wohl ein bissi faul.“
„Bei dem schwülen Wetter schon“, gestand sie.
Ich prostete Stella zu, wir stießen an und nahmen einen Schluck Chianti. Ich sah Stella nachdenklich an, während sie versonnen auf ihr Glas schaute. Chianti, mein guter traditioneller Lieblingsrotwein, noch aus der Zeit, als die erste Pizzeria in Deutschland eröffnet worden war. Aber Stella hatte diese Zeit nicht erlebt, uns trennen fast fünfundzwanzig Jahre.
Auch ich schaute jetzt auf mein Glas, fast ein wenig betreten wegen der immer wieder aufkommenden Gedanken, wenn mir unser Altersunterschied bewusst wurde. Unsere Gläser waren halbleer oder halbvoll; hier griff wieder einmal das Sprichwort vom Blickwinkel. Was wir kurze Zeit später sahen, war jedoch – ich möchte es vorweg betonen – nicht diesem Gläschen Rotwein geschuldet.
Ich liebe das italienische Essen und Stella nicht minder. Als Dessert holte ich in der gegenüber liegenden Eisdiele das von meinen italienischen Freunden selbst kreierte Stracciatella-Eis; einfach köstlich. Als ich in unserer Lounge-Ecke neben meiner Liebsten auf dem Balkon wieder Platz genommen hatte, sah ich das erste Mal diese komische Naturerscheinung. Und plötzlich spürte man sie auch. Wie aus heiterem Himmel fauchte ein Wind durch die Bäume, und am Horizont zog blitzschnell auf breiter Front ein rabenschwarzes Gewitterband auf. Es war plötzlich einfach da. Und dann bewegte es sich langsam aber stetig auf uns zu. Kurze Zeit später schien es dort, wo es war, zu verharren. Der starke Wind legte sich abrupt. Jetzt lastete mit einem Mal wieder diese drückende Hitze auf uns.
„Diese Gewitterfront ist uns jetzt ziemlich nahe“, meinte Stella.
„Das Wolkenband dürfte genau über der Langsdorfer Höhe liegen“, antwortete ich.
Gerüchteweise hatte Stella vor zwei Tagen von einem ihrer älteren Dauerkunden, einem siebzigjährigen Stadtverordneten, etwas unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit erfahren. Optiker, Physiotherapeuten und andere Gesundheitshandwerker sind mehr oder minder psychologische Ratgeber. Und sie sind – ähnlich wie Ärzte – hervorragende Ausheul-Objekte. Manche Patienten beziehungsweise Kunden tun sich, nebenbei bemerkt, auch gerne etwas wichtig. Der Christdemokrat Detlef Hofbauer saß als Vorsitzender des städtischen Bauausschusses an einer der entscheidenden Stellen. Zweifellos ein wichtiger Mann.
„Er muss ja schließlich wissen, ob die Sache Hand und Fuß hat“, antwortete Stella auf meine Frage, ob das ernst gemeint sei. Ein großes Bauvorhaben sei am Start – und zwar ginge es genau um jenen Naturabschnitt, über dem jetzt das furios anmutende Gewitterband drohend zum Stillstand gekommen war. Ein Lager- und Verteilzentrum mit 110.000 Quadratmetern Lagerfläche sei dort geplant.
„So viele Quadratmeter? Du hast dich gewiss verhört“, sagte ich ungläubig.
„Keine Ahnung. Aber damit du es weißt: Ich höre eigentlich sehr gut. Die Sache, so sagte er, würde noch intern diskutiert. Deshalb habe er mir dies lediglich »inoffiziell« mitgeteilt, wie er es ein wenig nebulös formulierte.“
Stella schaute mich abwartend an, aber ich starrte gebannt in den Himmel. Das merkwürdige Wolkenband bewegte sich keinen sichtbaren Meter. Natürlich kann man das auf solch eine Entfernung nicht wirklich exakt feststellen. Aber ich hatte mir die Kreuzspitze auf dem Turm der Sankt Paulus Kirche gemerkt. Die Wolken hingen immer noch genau in der alten Position wie festgenagelt.
Ich schaute zu Stella, die jetzt einen fast prüfenden Blick auf mich warf. Wahrscheinlich dachte sie, ich hätte ihr nicht zugehört. Aber Zuhören war eine meiner Spitzeneigenschaften. „Und weiter?“, fragte ich.
„Na ja, ich hätte ja dort kein Grundstück, wie er wüsste, und damit sei ich keine der Betroffenen, die unberechtigter Weise gleich in Panik ausbrechen würden. Deshalb möge ich bitte kein Wort gegenüber anderen äußern und so weiter. Außerdem glaube er, dass ich gewiss die Schaffung neuer Arbeitsplätze befürworte. Auch gegen eine grandiose Erhöhung der Gewerbesteuereinnahmen für die Stadt und somit für uns Bürger habe ich sicherlich nichts einzuwenden.“
„Du hast zustimmend genickt, wie ich dich kenne“, warf ich ein.
„Na klar. Deshalb war er ja sehr gesprächig und unterbreitete mir dabei tatsächlich so etwas wie eine Familienplanung, die er mir subtil ans Herz legte. Später, zu einer Zeit, wenn ich vielleicht einmal eine Familie gründen und Kinder haben würde – na, wann wird es denn soweit sein, junge Frau?, hat er gefragt – könnten aus diesen Mehreinnahmen die Kindergärten und Schulen modernisiert, digitalisiert und personell besser ausgerüstet werden.“ Stella hatte es mit dem mir so sexy anmutenden Amüsement, das um ihre schönen Lippen spielte, berichtet.
Ich musste laut lachen und sagte: „Und morgen erzähle ich Ihnen ein anderes Märchen, junge Frau.“ Ich ahmte die wichtigtuerische Stimme eines Christdemokraten nach, wenn er sich besonders versiert fühlt. Wenn ich mich recht erinnere, traf ich die sonore Stimme des Herrn Altmaier.
Stella ergänzte: „Und wenn Sie nicht gestorben sind, Herr Stadtverordneter, dann leben Sie noch lange und dürfen das von Ihnen angerichtete Naturdesaster ausbaden.“
„Naturdesaster?“, warf ich ein. „Wir wissen doch nichts! Rein gar nichts. Da sollten wir das Inferno nicht an die Wand malen!“
Stella schaute mich an und sagte trocken: „110.000 Quadratmeter!“
„Bin ja nicht begriffsstutzig“, entgegnete ich. „Dafür sind Ausgleichsflächen vorgesehen, glaube ich.“
„Hier in Lich?“
„Was weiß ich.“
„Wo etwas gelagert und verteilt wird, wird etwas angeliefert und abgeholt. Ein dauerndes Kommen und Gehen. Machen das die unsichtbaren Geisterfahrzeuge der Heinzelmännchen?“
Ich stöhnte auf. Sie hatte ja, wie immer, so recht. Wir gingen zum Schmusen ins Wohnzimmer. Urlaub eben. Wenigstens ein- oder zwei- oder drei Mal im Jahr, sorry, ich meine natürlich im Monat. Wir waren eingeschlafen und als wir eine Stunde später aufwachten, erinnerten wir uns der Gewitterwolken und eilten nach draußen, denn wir hatten vor lauter liebesbedürftigem Eifer vergessen, den Tisch abzuräumen und den Sonnenschirm zusammenzuklappen. Aber alles war trocken und windstill, und der italienische Chianti stand immer noch stolz und aufrecht neben meinem Glas. Stella und ich blickten zeitgleich nach oben Richtung Osten – der Himmel war hellblau und völlig frei von irgendwelchen Wolken.
Komisch, dachte ich. Sehr komisch.
Genau eine Woche später, am 12. Juli, erschien ein erster offizieller Hinweis auf das geplante neue Verteilzentrum im Licher Wochenanzeiger: »Lagerhallen statt Ackerflächen – SPD nimmt Entwicklung der Gewerbegebiete in Blick – Unfallschwerpunkt auf B467 durch mehr LKW?«
Ich las den Artikel durch, mehr widerwillig als interessiert. Da standen nun tatsächlich die 110.000 Quadratmeter drin und fünfhundert neue Arbeitsplätze würden geschaffen und die Stadt würde zwei Millionen Verlust durch den Verkauf der Fläche wettmachen – ein Verlust, der ihr durch die unbewirtschaftete Natur dort entstehe. Unbewirtschaftete Natur verursacht Kosten?, zuckte es durch meinen Kopf.
„Verstehe das wer will“, sagte ich zu Stella.
„Versteht kein Mensch! Wer hat da wieder irgendwelche Zahlen zusammengerechnet, um auf ein ominöses Minus von zwei Milliönchen zu kommen? Nur um damit zu sagen, wir sollten froh sein, wenn da jemand einen Monsterklotz hinbaut. Im Erfinden von Schein-Legitimationen sind unsere bundesdeutschen Politiker traditionell Spitzenklasse! Denk mal an Stuttgart 21 oder andere Monsterwerke!“
„Bürgermeister Groß meint sogar, ein 24-Stunden-Betrieb sei möglich. Das wäre ja … uiii … Will ich gar nicht dran denken!“
„Steht das da drin?“
„Genau, und da steht noch etwas: Der Bürgermeister möchte das gesamte Areal von 20,5 Hektar am liebsten auf einen Schlag an den Mann bringen. Und zwar an einen einzigen Mann.“
„Er denkt da wohl an Jeff Bezos, den Chef von Amazon“, sagte Stella und grinste verschwörerisch. „Meinst du das funktioniert?“
„Amazon wird eine Nummer zu groß sein, aber wer weiß! Ob das funktioniert mit dem »einen Schlag an einen Mann«? Der Bürgermeister bejaht das. Mr. Groß ist sich zu achtzig Prozent sicher, dass das klappt. Er hofft, dass schon nach der Sommerpause der Kaufvertrag mit irgendeinem Großinvestor abgeschlossen werden kann.“
„So schnell? Das geht doch gar nicht! Müssen da nicht andere Gremien mitentscheiden?“, stieß Stella ungläubig hervor, und sie sah mich – ich kann es nicht anders beschreiben – entsetzt an. „Solche Verfahren mit all den notwendigen Umwelt- und Bauauflagen dauern doch normaler Weise einige Jahre, und die Bürger erhalten ausreichend Zeit, um Einwände zu erheben. Das muss doch rechtsstaatlich ablaufen!“
„Sieht mir aber eher nach Hauruck-Verfahren aus, als wolle man etwas hinter dem Rücken der Bürger durchpeitschen“, antwortete ich.
„Wer ist eigentlich der besagte Investor?“, fragte Stella.
„Steht nirgendwo. Scheint ein Betriebsgeheimnis zu sein.“
Bei nächster Gelegenheit fragte ich Andrea, Stellas beste Freundin, die einen schnuckeligen, schicken Schuhladen namens »Schuhsalon« betrieb. „Hast du etwas über den geheimnisumwitterten Investor gehört?“
Obwohl Andrea jede Menge Kundenkontakte hatte, war sie ratlos. „Scheint ein Rätsel zu sein, an das der kleine dumme Bürger erst in Kreuzworträtselform herangeführt werden muss“, meinte sie augenzwinkernd.
Auch Stella selbst hatte sich in der Zwischenzeit umgehört, konnte jedoch nicht in Erfahrung bringen, wer gemeint sei. So vergingen die Monate, bis ich am letzten Tag im November zufällig im Licher Wochenanzeiger einen Leserbrief entdeckte.
»110.000 Quadratmeter groß und 20 Meter hoch! Wer braucht so ein Monster?«
Unser Lich ist eine wunderschöne historische Kleinstadt – und jetzt das! Man will uns ein bauliches Monstrum mit einer Höhe von 20 Metern vor die Nase setzen, mit all den sozialen, ökologischen und gesundheitlichen Nebenwirkungen. Glauben Sie nicht? Aber bitte: Fragen Sie doch Ihren Arzt oder Apotheker!
Der Bürgermeister verlässt uns zwar im nächsten Jahr, aber sein monströses Vermächtnis wird uns damit immer vor Augen bleiben. Er will jetzt schnell noch alles unter Dach und Fach bringen. Will er auch seine Schäfchen ins Trockene bringen? Lässt er uns Bürger noch genügend Zeit mitzuentscheiden? Haben unsere gewählten Vertreter genügend Zeit zur sachlichen Prüfung? Ich empfehle den Stadtverordneten einen Besuch in Nieder-Mockstadt. Hier steht nämlich ein abschreckendes Beispiel für ein Hochregallager. Fragen Sie die dortigen Bürger nach dem LKW-Verkehr! Dann weiß man, was uns hier erwartet. Verhindern Sie, verehrte Abgeordnete, eine falsche Entscheidung, bevor es zu spät ist.
Wir sollten den Focus auf das, was unsere Stadt wirklich ausmacht, nicht verlieren. Lich ist keine Industriestadt. Es geht um den Werterhalt von historischem Kulturgut, um eine lebenswerte Umwelt, eine intakte Natur – es geht um unsere Lebensqualität.
Edith Neuer-Süß
Wer so engagiert für sein Städtchen eintrat, wusste gewiss etwas über den Investor zu sagen, wenn …, tja, wenn inzwischen zumindest der Name bekannt war. Also beschloss ich, die Dame anzurufen. Vielleicht wusste sie Näheres. Aber da erhielt ich einen dringenden Rechercheauftrag von meinem Verlag – es ging um die vielbesungene Pressefreiheit und den Fall Julian Assange – und so vergingen drei Wochen, bis ich Frau Neuer-Süß endlich an der Strippe hatte.
„Ich glaube, wenn ich meinem Informanten vertrauen kann, dass der Großinvestor, von dem der Bürgermeister so lange schon geheimnisumwittert spricht, »Wüst AG« heißt. Aber man kann der Sache nicht trauen. Es ist jedenfalls noch nicht offiziell“, sagte sie mit einer durchaus freundlichen Telefonstimme.
„Wissen Sie zufällig, wo und was diese »Wüst AG« ansonsten macht?“
„Ob ich das zufällig weiß?“, fragte sie mit einem lachenden Unterton, um mir gleich darauf zu erläutern: „Nein, nicht zufällig, sondern durch umständliches Nachforschen habe ich herausgefunden, was für ein Laden das ist.“
„Ah, das Bürgerbüro hat Ihnen – vielleicht eher etwas widerwillig – die Auskunft erteilt“, warf ich gutgläubig ein.
„Was denken Sie! Die haben wohl immer noch striktes Geheimhaltungsgebot, oder die Damen vom Bürgerservice wissen tatsächlich von nichts. Ich habe einen Maulwurf in der Golf-Connection. Der weiß Bescheid. Die Wüst AG ist ein bundesweit tätiger Logistikmoloch, der für andere Handelskonzerne die Infrastruktur bereitstellt und ihnen die umstandslose Verteilung ihrer Waren ermöglicht. Das macht er geschickt und fies zugleich.“
Am Telefon entstand eine Pause und ich rief „Hallo?“ in den Hörer.
„Musste nur kurz Luft holen“, sagte die Frau am anderen Ende der Leitung, bevor sie etwas schnaufend fortfuhr: „Dieser Investor kauft also zu Billigstkonditionen Land auf, handelt mit kleinen Bürgermeisterlein, die mit solch großen Geschäften völlig unerfahren sind, alles zu seinen Gunsten aus. Natürlich – wie es in diesen Kreisen üblich ist – gegen ein angemessenes Taschengeld für das Bürgermeisterlein und weitere Angebote. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, arbeitet das Unternehmen überall nach dem gleichen Muster und nutzt dazu ein ausgefeiltes und breitgefächertes Lobby-System.“
Puhh – Logistikmoloch, Lobby-System, Taschengeld, weitere Angebote, Schweigegebot, Golf-Connection, Geheimhaltung. Sollte ich mich für all diesen Kram interessieren? Ich wusste es nicht.
*
Trotz all des städtischen Weihnachtsschmucks lag das Rathaus an diesem Tag in einem tristen Grau, und ein ungemütlicher Regen prasselte gegen die Fassade. Um acht Uhr gingen die ersten Lichter in den Büros an. Langsam aber stetig belebte sich der historische Bau. Bürger kamen und gingen. Mitarbeiter huschten über die Flure. Türen schlugen und der Hausmeister schloss alle gekippten Fenster, da der Regen mit Wucht gegen die Scheiben klatschte.
Um zehn Uhr war Frühstückszeit, und etwa um diese Zeit herum öffnete Frau Demuth die Tür zum Bürgermeisterbüro einen kleinen Spalt und sagte halblaut: „Ich möchte nicht stören, Herr Groß, aber Ihr angekündigter Besuch, Herr Dr. Wüst, verspätet sich wahrscheinlich um eine Stunde und bittet um Entschuldigung. Ein Stau zwischen Friedberg und dem Gambacher Kreuz, zwei LKW aufeinander gefahren, schwerer Unfall. FFH hat schon berichtet. Kann sogar länger dauern, vermute ich.“
„Kommen Sie bitte einen Moment herein.“ Der Bürgermeister zog seine blau-grau gestreifte Krawatte auseinander, aber irgendetwas klemmte. Er bekam den Knoten nicht auf. „Nun gut, dann habe ich also noch ein wenig Luft zum Atmen ...“ Er rüttelte an seiner Krawatte, bis er sie endlich gelockert und erleichtert über den Kopf gestreift hatte, und beendete den Satz: „... und genügend Zeit zur Vorbereitung.“ Er sah jetzt auffordernd seine Mitarbeiterin an: „Noch etwas zur Wüst-AG herausgefunden, wo, wie und mit wem die welche Projekte betreiben?“
Die Vorzimmersekretärin trat vollends in das Groß-Büro ein. „Ich habe nur den Prospekt mit den vertraulichen Referenzen, den Projektbeschreibungen und Skizzen angeschaut. Sieht ja sehr solide aus. Überzeugend, würde ich sagen.“
„Ja, das finde ich auch. Sehr solides Unternehmen mit offensichtlich starkem Kapitalengagement.“ Das Wort, so fand Bürgermeister Groß, war großartig; er hatte es erst kürzlich gehört – Kapitalengagement. „Die sind dick im Immobiliengeschäft. Dahinter steht wohl auch ein arabischer Großinvestor.“
„Ein Wüstensohn“, warf Daniela Demuth lächelnd ein. Die blonde Mittvierzigerin warf sich in die Brust, denn sie war stolz auf ihre Assoziation: Wüst-AG und Wüstensohn.
Arturo Groß, Anfang Fünfzig, der im Dienst selten lächelte, konnte ein Schmunzeln nicht verhindern. „Jedenfalls haben die große Fische am Haken, ganz große Fische, Versandhäuser und Großhändler und so Zeugs. Ähnlich wie Amazon.“
„Was macht so ein Logistikzentrum im Einzelnen? Das wollte ich Sie schon letztes Mal fragen …“
„Wie gesagt, das ist ein Zentrum, von dem aus alles Mögliche verteilt wird. In diesem Fall geht es speziell um Kloschüsseln ...“ Er stockte kurz und sagte dann: „Dr. Wüst hat wohl ein Faible für Toiletten …“ Jetzt lachte Groß kurz und künstlich auf, bevor er mit ernster Miene fortfuhr: „Also, er hat connections zu einem Großhändler, der auf Kloschüsseln spezialisiert ist. Fragen Sie mich bitte nicht wie, was und warum.“
„Ach, die Wüst AG vertreibt die Dinger gar nicht in Eigenregie?“
„Nein, nein, die betreiben – wenn man so will – nur die Immobilie, investieren alles Nötige und vermieten dann gewinnbringend weiter. In diesem Fall wollen Sie an MyClo vermieten. Wie gesagt: ein Distributor von Kloschüsseln, von Dixi-Häuschen und allen möglichen Aborten. Europaweit werden Kloschüsseln geliefert. Also, ich nehme an, da die sich nur auf diese Scheißhäuschen konzentrieren, werden sie bald schon zur Liga der Global Player gehören. Und dann wird es in unserer Stadtkasse brummen, aber so richtig brummen.“
Arturo rieb sich mit freudig-geheimnisvoller Miene die Hände.
„Und die Toiletten werden auf der Langsdorfer Höhe produziert und dann verschickt?“
„Keine Produktion, kein lästiger Lärm und keine lästigen Emissionen, nein, da wird nur der Kram hingefahren, aufeinandergestapelt und wieder weggefahren.“
„Und das alles nur, um unseren Stuhlgang …“ Frau Demuth schaute ratlos den Rathauschef an.
„Raten Sie mal!“, sagte er grinsend. „Aber sicher, nur dafür! Das wird weltweit gebraucht. Das Geschäft läuft auf Jahrhunderte. Scheißhäuser! Eine krisenfeste Sache!“
So ordinär hatte Frau Demuth ihren Chef noch nie reden gehört. Für einen kleinen Moment stürzte ihr feines Männerbild vom tadellosen Chef ein, aber dann – sie dachte nach: War die Wortwahl nicht absolut verständlich, schließlich lag es an der Ware selbst, dass man das böse Wort auf die Zunge bekam. Sie schaute auf den mit Zetteln übersäten Schreibtisch des sozialdemokratischen Rathauschefs. Er bemerkte ihren suchenden Blick und sagte mit einer gewissen reuigen Demut: „Ich konnte mir heute meinen Kaffee noch nicht selbst machen. Ich mache mir jetzt ein Tässchen. Und Ihnen eine Tasse mit?“
„Bleiben Sie nur, ich mache das schon. Sie brauchen Ihre Zeit jetzt für Wichtigeres. Es ist Ihr erstes Treffen mit dem Chef der Wüst AG, da sollten Sie gut vorbereitet sein.“
Groß sah sie fragend an.
Ihre Stirn legte sich in nachdenkliche Falten, dann fuhr sie fort: „Es geht doch sicherlich um zig Millionen. Aber wem sage ich das! Vielleicht sollten Sie vorsichtshalber mit dem Pachtinteressenten der Wüst AG Kontakt aufnehmen, jener Firma mit diesem amerikanischen Namen ...“
Groß schnippte mit den Fingern und sagte: „MyClo! MyClo heißen die. Nebenbei bemerkt: Schicker Name für solch ein Geschäft, finden Sie nicht auch?“
„Ja, ja“, fuhr seine Mitarbeiterin fort. „Rufen Sie dort doch mal an.“
„Meinen Sie wirklich? Warum?“
„Nur so!“
„Nur so?“
„Na ja, ich meine eigentlich ...“ Sie druckste etwas herum, gab sich schließlich einen Ruck und sagte: „Und fragen Sie, ob es wirklich ein ernsthaftes Interesse an unserem Standort gibt. Nicht dass Dr. Wüst sich vertan hat. Alles klingt zu phantastisch. Diese enormen Gewerbesteuer-Einnahmen, von denen Sie mir letztlich eine Schätzung unterbreiteten. Ich habe die Zahlen übrigens wie gewünscht an die beiden Journalisten per Mail verschickt! Natürlich mit vorläufiger Veröffentlichungssperre. Dazu die Grundsteuer. Da kommt ja was zusammen! Das glaubt einem ja keiner! Sie wollen ja das Stadtparlament baldmöglichst auf Ihre Seite bringen, sobald Sie selbst von dem Vorhaben hundertprozentig überzeugt sind.“
Groß nickte nichtssagend. Er war bereits hundertprozentig überzeugt, wollte es aber noch nicht zeigen. Schon gar nicht gegenüber einer einfachen Schreibkraft.
Die Chefsekretärin bewunderte das Stadtoberhaupt. „Warum eigentlich?“, hatte kürzlich ihr eifersüchtiger Mann gefragt.
„Weil er zielstrebig ist. Weil er eine steile Karriere hingelegt hat“, hatte sie geantwortet. Sie hatte nicht einmal ihrem Ehemann von dem geheimen Vorhaben und dem in Aussicht stehenden Geldregen berichtet, obwohl es ihr auf der Zunge brannte.
Der Rathauschef hatte sie in die Geheimhaltungspflicht genommen. „Wenn etwas über die konkreten Absichten der Wüst AG vorzeitig herauskommt, Frau Demuth, kann das gesamte Projekt scheitern. Ich muss Sie ausdrücklich bitten, hundertprozentige Vertraulichkeit zu gewährleisten. Selbst Ihr Mann darf keine Einzelheiten von diesem Projekt erfahren.“
Daniela Demut hatte ihrem Chef in die Hand versprochen, eisern zu schweigen, damit das gute Vorhaben nicht vorzeitig von nörgelnden, aber völlig unwissenden Bürgern zum Scheitern gebracht werden konnte.
Ihr Mann war im Sinne von Arturo Groß tatsächlich ein Sicherheitsrisiko. Er mochte Groß nicht; er konnte ihn auf den Tod nicht leiden. Neulich hatte er ihn als einen typischen Politkarrieristen bezeichnet. „Menschen ohne echte politische Ideale versauen unsere politische Landschaft“, hatte er gemeint. „Sie denken nur an sich, nur an ihr eigenes Vorankommen, boxen die parteiinternen Idealisten aus dem Rennen, wenn es um Parlamentssitze geht. Die verkaufen ihre Seele und selbst ihre Großmutter, wenn es um ihre Karriere geht.“
Daniela Demuth schüttelte den lästigen Gedanken an jenen Disput mit ihrem eifersüchtigen Gatten ab und schaute den Rathauschef abwartend an. Groß warf ihr einen Vertrauen heischenden Blick zu. Frau Demuth lächelte beflissen zurück. Sie vertraute ihrem Vorgesetzten hundertfünfzigprozentig. Sie hielt ihn keinesfalls für einen Karrieristen. Oder aber nur dann, wenn man alle Parteileute zu Karrieristen erklärte, was jedoch nicht sein konnte, denn sie kannte darunter eine Menge armer Schweine. Sie hielt Herrn Groß für einen großartigen Politiker, weil er viel besser reden konnte als ihr Mann.
„Soll ich Ihnen außer dem Kaffee noch irgendeine Lektüre oder die Rufnummer von MyClo besorgen?“, fragte sie in der ihr eigenen Beflissenheit.
Bürgermeister Groß nickte dankend. Schon in ein paar Tagen würde er die Dame aus dienstlichen Gründen versetzen. Ein Personalkarussell war angesagt. „Wechseln Sie in nächster Zeit Ihre Sekretärin aus, ohne sie zu verprellen“, hatte ihm Dr. Wüst empfohlen. „Geben Sie ihr irgend einen ruhigeren Job ohne Gehaltseinbußen. Es ist in solchen Fällen wichtig, dass niemand aus der näheren Umgebung die Entwicklung in ihren gesamten Zusammenhängen erkennen kann. Sonst könnte man später leicht zum Opfer von Erpressungsversuchen werden.“
Als Frau Demuth die Tür hinter sich zugezogen hatte, steckte er sich die von Dr. Wüst spendierte Havanna an. Ein entspanntes, ja frohes Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. Er rieb sich die Augen, eine der Kontaktlinsen saß nicht richtig. Während er vor dem Spiegel im Innenteil des Büroschrankes die Linse wechselte, ging ihm die Abmachung mit dem Investor durch den Kopf.
Gut, dass Wüst und ich das alles längst privat eingetütet haben. Man muss in diesem Land Theater spielen. Und es muss überzeugend sein. Und übrigens, seine Frau hatte es richtig auf den Punkt gebracht: Machen es die andern nicht genauso? Sogar in Berliner Kreisen wird gemauschelt und man ist sich gegenseitig beim Erklettern der Karriereleiter behilflich. Ist doch alles ganz normal. Er gab sich einen Ruck und berichtigte seine Gedanken: Mauscheln ist ein völlig falscher Begriff. Es geht um Geschäftsgeheimnisse, um nichts weiter! Groß war sich keiner Schuld bewusst. Er hat Probleme beim Anzünden der Zigarre; aber nun fiel ihm ein, dass er sie vorne etwas anschneiden muss.
Schon vor einem dreiviertel Jahr hatte das erste Geheimtreffen im Steigenberger stattgefunden, im legendären »Frankfurter Hof«. Das zweite Treffen war im Sommer erfolgt und war für Groß ausreichend großzügig verlaufen. „Ist nur eine kleine Aufmerksamkeit“, hatte der Investor gesagt. Bei der dann folgenden diskreten Begegnung, der bisher letzten, hatte Groß bereits die Ehre, die Kronberger Villa des Dr. Werner Wüst von innen kennen lernen zu dürfen. Nach ein wenig Palaver und einem alten Scotch waren sie per Du, und sie waren sich einig geworden. Der Deal sollte einfach und praktikabel sein.
Was beide wussten: Die zweite sechsjährige Licher Amtszeit für Groß lief bereits in knapp drei Jahren ab. Wiederwahl wäre zwar möglich gewesen, aber sie hatten andere Pläne … Groß musste aus dem Schussfeld genommen werden. Ein scheinbar neuer, unverdächtiger Mann musste her. Die verbleibenden Monate würden schnell vorbeiziehen. Es musste gehandelt werden; Groß musste jetzt handeln, schnell und umsichtig und sehr gut abgestimmt mit seinen parteiinternen Freunden und Feinden. Wenn er bis zum Ende seiner Amtszeit die Weichen für den Mammutbau im Stadtparlament durchgedrückt hatte, war ihm ein Managementposten im Wüst-Imperium gewiss.
„Aber wie kann ich sicher sein, dass Sie sich an unsere Absprache halten?“, hatte Groß gefragt und seinen Kopf skeptisch zur Seite geneigt.
„Ganz einfach“, hatte der AG-Boss lächelnd geantwortet. „Sie bekommen ab sofort, gewissermaßen auf Vorkasse, einen Beratervertrag, von dem niemand außer uns beiden und meinem Steuerberater, der ab sofort auch Ihr Steuerberater sein könnte, etwas erfährt. Die Steuerbüro-Kosten gehen natürlich auf meine Kappe. Das alles bleibt unter uns. Immerhin gilt noch das Steuergeheimnis. Und dieser Vertrag wird die Klausel enthalten, dass er hinfällig wird, sobald Sie auf einen Managementposten bei der Wüst-AG berufen werden. So handhaben wir das seit Jahren zur Zufriedenheit aller Beteiligten.“
Groß schaute jetzt auf seine To-do-Liste. Er musste zügig handeln. Heute das Show-Treffen mit Dr. Wüst. Morgen würde er dann den Fraktionsvorsitzenden seiner Partei informieren ebenso wie die Erste Stadträtin – noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Dann wird er mit der Landrätin telefonieren, die er noch aus guten alten gemeinsamen Zeiten kannte – mit der Bitte um Vertraulichkeit, da dies nur als persönliche Vorab-Info verstanden sein sollte. Danach ein Gespräch mit dem Chef der Bauaufsicht des Landkreises, ein guter Parteifreund aus dem Nachbarort – ebenso streng vertraulich. Auf diese Weise, das war der Rat von Dr. Wüst, würde er ein geeignetes Netzwerk flechten können, um später auf genau dieser Vertrauensbasis zu den gewünschten Entscheidungen zu gelangen.
„Ein einfacher psychologischer Trick“, hatte Wüst schmunzelnd gemeint, jedoch ernsthaft hinzugefügt: „So funktioniert Netzwerk! Und zwar zum gemeinsamen Wohl von Politik und Wirtschaft. Niemand kann sich übergangen fühlen, wenn auf solch ehrliche und vorinformelle Weise verfahren wird. Das ist ein unabdingbarer demokratischer Wert. Und so ähnlich sollten wir …“ Er hatte einen Moment innegehalten, um die Reaktion des Bürgermeisters auf das unvermittelte »wir« zu testen, aber der Rathauschef hatte es gelassen hingenommen. „… so also sollten wir später auch mit den Fraktionsspitzen und behördlichen Entscheidungsträgern vorgehen. Man muss Vertrauen aufbauen!“
Mehr als eine Stunde war vergangen. Noch immer lag das Rathaus in einem tristen Grau, und der Regen prasselte gegen die Fassade. Die an den historischen Laternen befestigten Weihnachtssterne schaukelten im Wind und leuchteten noch nicht, obwohl der tief bewölkte Himmel keinen Lichtstrahl durchließ. Für Besucher wurde die Rathaustür abgeschlossen. Jetzt herrschte Mittagsruhe.
Um diese Zeit herum erreichte Dr. Wüst, der unmittelbar zuvor seine verspätete Ankunft telefonisch angekündigt hatte, das Rathausportal. Frau Demuth machte sich erwartungsvoll auf den kurzen Dienstweg zum Eingangsbereich. Gleich würde sie einem bedeutenden Investor die Tür öffnen. Solch einem wichtigen Menschen war sie noch nie in ihrem Leben begegnet.
Der Mittfünfziger beeindruckte Daniela bereits in den ersten drei Sekunden, obwohl er ihr nur bis zur Schulter ging. Klein, aber oho, dachte sie in diesem ersten Moment. Gewiss sehr durchsetzungsfähig. Es ist dieser kurze Moment, in dem man den wichtigen, den bleibenden Eindruck gewinnt. Der Mann war charmant, hatte ein gewinnendes Lächeln, wenngleich die Entschlossenheit in seinem Blick dem Lächeln die echte Offenheit nahm. Sie mochte ihn auf Anhieb. Der Mann machte etwas her. Er trug einen schwarzen Aktenkoffer bei sich.
*
Das Jahr neigte sich dem Ende zu. Ein ungewöhnlich warmer Sommer mit einer lang anhaltenden Dürreperiode lag hinter uns. Das Gipfeltreffen zwischen zwei Rocket-Men hatte stattgefunden. Grobes Thema der zwei Grobiane: Weg mit den Atomraketen. Donald Trump und Kim Jong-un waren sich fast um den Hals gefallen, taten der Welt aber nicht den erhofften Gefallen.
Im Gegenteil, sie rüsteten ihr Atomarsenal nicht ab sondern auf. Trump modernisierte seine Atombomben, brachte der Effektivität zuliebe seine Nuklearstreitmacht auf Vordermann. Kim spielte weiter mit seinen Mittelstreckenraketen, um sie für Langstreckentests weiterzuentwickeln und zum letzten Gefecht einsatzbereit zu machen.
Anfang Dezember zeigte AKK vollen Einsatz und erkletterte mit Angies Anschubhilfe den Parteivorsitz der Christenunion. Besondere Vorkommnisse? Nein. Oder waren nicht alles besondere Vorkommnisse? Im Jahresrückblick wurde das Wort des Jahres erwähnt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hatte entschieden: Wegen der monatelangen Trockenheit in Deutschland hatte es »Heißzeit« auf Platz eins geschafft. Auf Platz zwei landete die »Funklochrepublik«.
Der Moderator der Sendung erläuterte den Begriff, den ich zuerst für ein erfundenes Wortspiel in Anlehnung an »Eiszeit« hielt. Doch von »Heißzeit« reden Wissenschaftler tatsächlich, wenn die globale Durchschnittstemperatur langfristig um etwa vier bis fünf Grad Celsius steigt. Das Wetter war ungewöhnlich heiß gewesen, ich hatte es erlebt, wie auch diese merkwürdigen Gewitterkapriolen. „Am Himmel braute sich das düstere Szenario des Klimawandels zusammen“, fasste der Moderator zusammen. Ich konnte es bestätigen.
Silvester feierte ich nicht in meinem guten alten Heimatstädtchen Laubach, wo ich noch immer mein Zuhause hatte und manchmal meinem Hobby frönte und an Zeitreise-Romanen schrieb. Zu Beginn des Jahres hatte ich den ersten Serienband über die1968er-Jahre abgeschlossen: »Sexy Zeiten – 1968 etc.« Es waren schließlich entscheidende Aufbruch- und Umbruchjahre gewesen. Der Muff der alten Zeit wurde von der Jugend hinweggefegt. Auch die penetrante Prüderie wurde durch die sogenannte sexuelle Revolution ins Abseits gedrängt. Beate Use, Uschi Glas, Oswalt Kolle und solche Typen rückten ins Licht der Öffentlichkeit.
Die Frauenbewegung entstand und selbst der damalige Regierungschef, Willy Brandt von der SPD, forderte, man müsse endlich mehr Demokratie wagen. Es gab also viel zu berichten, Amüsantes wie Tragisches, Hoffnungsloses wie Hoffnungsvolles. Das Jahr 1968 feierte 2018 seinen Fünfzigsten. Und wie bei jedem Fünfzigjährigen, türmte sich mit den Jahren das eine oder andere Problem auf, an das in früheren Zeiten nicht gedacht worden war.
Gerade aber hatte ich den Folgeband über die Hippie-Zeit im Visier: »Wilde Zeiten – 1970 etc.« Die ersten 30 Seiten hatte ich heruntergetippt, aber mehrmals überarbeiten müssen. Das erste Kapitel war immer eine große Hürde, eine erste kritische Schwelle. Aber dann hatte ich die flippige, hippie-mäßige Covergestaltung samt den damaligen Jugendsprüchen entworfen, und das ließ mich vorwärts blicken. Wenn ich den Einband vor Augen hatte, stieg die Motivation zum Schreiben.
Auf dem Cover sollten typische Sprüche der damaligen Jugendkultur stehen: * Love & Peace * Keine Macht für niemand * Lieber gute Hippiefeten als US-Atomraketen * Behaltet euer Tränengas, es gibt genug zum Heulen! … Nun gut, wahrscheinlich kennen Sie das alles.
Aber dann unterbrach ich mein Hobby und ich verbrachte die Tage zwischen den Jahren bei meiner Liebsten in Lich. Am letzten Tag im Jahr saßen wir gemütlich vor ihrem Kamin. Und dann dachte ich spontan an eine TV-Sendung – ob es die noch gab?
Es gab sie noch. Nach Jahren der Abstinenz sah ich gemeinsam mit Stella wieder einmal »Dinner for one«. Es war wirklich immer wieder „the same procedure as every year.“ Wir schauten den Silvester-Klassiker, den wir seit unserer Jugend kannten und genossen – ohne rot zu werden.
Da stolperte der gute alte Butler James elfmal über den Kopf eines ausgelegten Tigerfells und Miss Sophie erwartete, dass James als Admiral von Schneider mit dem schwedischen Ausruf für Prost – Skål! – die Hacken zusammenschlug.
„Muss ich es dieses Jahr sagen, Miss Sophie?“
Miss Sophie: „Mir zuliebe, James!“
James: „Nur Ihnen zuliebe. Sehr wohl, ja, ja. Skål!“ Als die Füße des schon angetrunkenen James einander verfehlten, ließ es ihn straucheln, und Stella und ich amüsierten uns kindlich köstlich.
Dann waren Dinner, Tigerfell, James und Miss Sophie »over«. Und der anschließend ins Bild tretende Moderator zählte in altbewährter Routine wieder die Sekunden herunter. Wir stießen mit Sekt an, küssten uns und wünschten uns für die Zukunft viel Glück, Liebe und ein frohes Schaffen.
Hurra. Das Neue Jahr war da.
Damals 2019
Das Jahr begann mit einem Dienstag und endete ebenfalls mit einem Dienstag. Dazwischen gab es die Klimakrise, und wie im Jahr zuvor plagten lang anhaltende Hitze- und Dürrewellen, die zu neuen Rekordtemperaturen führten, die Welt. Ich hielt mich Anfang des Jahres des Öfteren in Lich auf; und dort arbeitete ich gelegentlich für den erwähnten Verlag noch einige Zeit später.
Im Städtchen wie auch anderswo schlug die Klimakrise hohe Wellen. Der Eissalon hatte Hochkonjunktur. Ansonsten blieb man Zuhause oder besuchte frühmorgens das Waldschwimmbad, wenn das Wasser noch relativ kühl und erfrischend war. Stella beschaffte sich eine mobile Klimaanlage. Die Maschine fraß viel Strom, kühlte jedoch merklich ihre Wohnung. Auch das geplante Logistikzentrum mit seinen gigantischen Ausmaßen und prognostizierten Nebenwirkungen sorgte für überschießende Hitze – bei den Gemütern. Doch dagegen half keine Klimaanlage. Die Bürger erregten sich zusehends und ihre Gemüter kühlten nicht ab.
Im Licher Wochenanzeiger las ich Anfang Mai erneut einen Leserbrief von jener Dame, die ich damals angerufen hatte.
Wer braucht so ein Monster?
Ein derart gigantisches Logistikzentrum am Ostrand unserer Stadt passt einfach nicht zu unserem kulturellen Selbstverständnis. Die Aufgabe unserer Stadtpolitik sollte es sein, ein 20 Meter hohes Monstrum zu verhindern und damit die Qualität einer historischen Kleinstadt wie Lich zu sichern und weiter auszubauen. »Binnen-Tourismus« könnte das Schlagwort der Zukunft lauten.
Wir verschandeln unser schönes Stadtbild, wir verpesten unsere Luft und werden eine CO2-Supermacht, eine Dreckschleuder. Was haben wir davon? Nichts außer einer Menge Schäden und Probleme! Das Brauerei-Areal umfasst 30 000 qm. Das geplante Monster aber verschlingt das Dreifache. Denkt nach, Stadtverordnete, und lasst euch nicht einwickeln! Und eine große Bitte: Verschaukelt uns nicht!
Edith Neuer-Süß, Lich
Ich las es Stella vor und sagte: „Die Frau ist irgendwie zu bewundern. Obwohl sie schon in Erfahrung gebracht hat, wer der Investor ist und was er so treibt, erwähnt sie ihn mit keinem Wort.“
„Vielleicht ist sie einfach nur feige.“
„Glaube ich nicht. Sie will das Pferd nur nicht von hinten aufzäumen. Im Moment hat die Stadt ja noch nichts über den Investor und seinen Namen verlauten lassen. Würde der von außerhalb ins Gespräch gebracht, würde die Diskussion darauf gelenkt, woher man das weiß, wo die undichte Stelle sitzt, und wie schrecklich unehrlich es sei, mit nicht gesicherten Auskünften zu hantieren und dergleichen. Ist schon klug von ihr.“
„Magst recht haben, Herr Superanalytiker“, sagte Stella und gab mir einen Kuss.
Ich drückte sie fest an mich. Dann nahm ich einen Schluck aus meiner Kaffeetasse, setzte den analytischen Superblick auf und sagte: „Es wäre ungewöhnlich, wenn sich jetzt nicht eine trotzige Gegenstimme hierzu äußern würde.“
„Wer will sich schon als Kaputtmacher outen? Ich bezweifele, dass sich auch nur ein einziger Monster-Befürworter öffentlich äußern wird.“
Eine Zeit lang blieb der Leserbrief der Frau Neuer-Süß unbeantwortet. In der Zwischenzeit hatten sich auch andere Leser gegen den Baukoloss ausgesprochen. Aber dann traute sich die Gegenstimme doch heraus. Sie kam. Und sie schlug ein wie eine Briefbombe.
Zum Leserbrief »Wer braucht so ein Monster?«
Kurze Antwort: Wir in Lich! Warum? Darum: Es gibt einen Großinvestor, der sämtliche Nebenkosten bezahlt, der sogar bereit ist, für einen teuren Verkehrskreisel am geplanten Logistikzentrum und dessen jährlichen Pflegeunterhalt aufzukommen. Diese Chance muss genutzt werden, sie kommt nicht alle Tage. Es ist ein Geschenk an uns. Wir müssen nur zugreifen und es dankbar annehmen.
Wollen wir verarmen? Keiner will von seinem Lebensstandard runter! Am wenigsten alle die, die grün angehaucht sind. Wer nutzt denn das Internet und die Handys und lässt sich die Pakete bis vor die Haustür liefern?
Das „Monster“-Vorhaben wird unsere Stadt nicht nur nichts kosten, sondern viel bringen: Steuer-Mehreinnahmen, neue Bürger, damit kommt Kaufkraftstärkung usw. Dieses Objekt müssen wir markt- und zukunftsorientiert betrachten, und wir sollten nicht den optischen Gefühlsausbrüchen der Ewiggestrigen unterliegen. Grüne Phantastereien sind jetzt völlig deplatziert. Im Leserbrief vom 2. Mai 2019 suggeriert uns die Schreiberin 20 Meter hohe Lagerhallen. Davon kann absolut keine Rede sein. Es geht um eine Gesamthöhe von höchstens 12 Metern für die Lagerhallen.
Der vielleicht etwas erhöhte Verkehr (es ist alles noch völlig offen!) wird unsere Innenstadt sowieso nicht tangieren. Ja, alle Veränderungen und Erfindungen in der Vergangenheit haben etwas Neues geschaffen und wurden anfangs skeptisch aufgenommen oder sogar abgelehnt, um nach einiger Zeit von Akzeptanz und Erfolg belohnt zu werden.
Ja, Lich braucht diesen Investor!
Ja, Lich kann mit dem »Monster« leben!
Gerald Alt, Lich
„Sehr lustig!“, meinte Stella. „Ein Ewiggestriger spricht in der ihm eigenen Betriebsblindheit von Andersdenkenden als den »Ewiggestrigen«. Als sei es altbacken, wenn man sich gegen ein Projekt ausspricht, das die Umwelt, unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden gefährdet. Ist es altbacken, wenn man etwas, was alte Kapitalistensäcke an ihrem Roulette-Tisch aushecken, ablehnt? Profit contra Menschen, sag ich nur!“
Stella hatte sich in Rage geredet. So kannte ich sie nicht. Sie starrte angewidert auf die Zeitung, aus der sie mir gerade den Leserbrief vorgelesen hatte.
„Rege dich bitte nicht auf. Nicht deswegen!“, versuchte ich sie zu beruhigen.
„Nun ist die Leserbriefschlacht eröffnet“, entgegnete sie, ohne auf meinen Versuch einzugehen.
„Willst du dich vielleicht mit einem eigenen Leserbrief einmischen?“ Ich sah sie fragend an. Und einen kurzen Augenblick lang blickte mich Stella mit ihren großen braunen Augen an, zweifelnd, ob sie es tun sollte.
Dann schüttelte sie entschieden den Kopf und meinte: „Bringt eh alles nichts. Was kümmert die Monstertypen die Meinung von uns Kapital- und Namenlosen?“
Ende Mai antwortete Leserbriefschreiberin Edith dem Monsterbefürworter Gerald in der gleichen Zeitung.
Der Leserbrief des Herrn Alt bedarf einiger Klarstellungen. Ich suggeriere keine 20 Meter hohen Lagerhallen – diese Höhe ist im Entwurf des Bebauungsplans als mögliche Höhe angegeben. Warum sollte sie der Investor nicht ausschöpfen, wenn man es ihm freiwillig anbietet? Je mehr Quadratmeter pro Fläche desto höher sein Gewinn.
Noch immer ist die Frage nicht geklärt, wer der tatsächliche Nutzer sein wird. Warum die Geheimniskrämerei? Und machen wir uns nichts vor: Das GESAMTE Stadtgebiet samt Umgebung, samt Stadtteilen und Zufahrtsstraßen für unsere Pendler wird vom LKW-Verkehrsfluss berührt werden.
Ein Geldsegen steht bei solchen Logistikzentren für unsere Stadt überhaupt nicht in Aussicht. Der Geldsegen regnet nur auf den Investor herab, für uns bleiben Brotkrumen übrig, wenn überhaupt. Vielleicht zahlen wir noch drauf, wie es an anderer Stelle bereits der Fall war. Und wer glaubt überhaupt, dass die oder das Pachtunternehmen seinen Firmensitz in Lich haben wird? Hier wird nur die billige Zwischenlagerung betrieben und der Verkehrsdreck auf uns abgeladen. Mehreinnahmen? Da lachen ja die Hühner. Nur die Rebhühner lachen nicht mehr, denn die sind dann von der Langsdorfer Höhe vertrieben.
Wer sich meiner Kritik mit einem Appell an unsere gewählten Stadtverordneten anschließen möchte, den bitte ich, sich in die demnächst ausliegenden Unterschriftslisten einzutragen.
Edith Neuer-Süß, Lich
Es war ein fast schon hochsommerlicher Samstag, als mein Arbeitskollege und neuer Freund Benjamin Carl und ich den ersten Sturm kurz nach fünf Uhr aus Richtung des Klosters Arnsburg heraufziehen sahen. Wir dachten jedenfalls, dass es ein Sturm werden würde. Das Wolkenband wirkte außerordentlich bedrohlich. Ben strich sich mit bedenklicher Miene über die Haare, die ich nicht hatte. Er rasierte sich im Gegensatz zu mir keine Glatze, was mich morgens viel Zeit kostete. Er trug die erstaunlich vielen Überbleibsel seiner graumelierten Haare als „jugendlichen Restbestand meiner ehemaligen Beatles-Mähne“ mit Stolz, wie er mir einmal lachend gestanden hatte. Dabei hätte er überhaupt nichts gestehen müssen. Eine Beatles-Mähne war damals ein halbes Verbrechen, aber heute?
Ben trug einen akkuraten Vollbart, so ein Mittelding zwischen Rauschebart und Drei-Tage-Bart, ganz im Gegensatz zu mir, der ich auf so wenig Behaarung wie möglich Wert legte. Es war mir zu nervig, einen Bart zu trimmen und zu pflegen und außerdem juckte er immer.
Ben war fünf Jahre älter als ich, setzte sich wie ich beim kleinsten Sonnenschein stets eine Sonnenbrille auf die Nase, und er war ein echter Kumpel. Er hatte früher als Vermessungsingenieur gearbeitet und half nun nebenbei, nach seiner Verrentung, im Verlagswesen mit. Korrekturen, Recherchen, Ablage- und Archivarbeiten, Zusammenstellung von Dokumentationen und all solch feine Sachen übernahm er. Was immer an Arbeit anfiel, erledigte er im Handumdrehen, gewissenhaft wie er war.
Wir hatten gerade unsere zehn Abschlussrunden im Waldschwimmbad gedreht. Noch eine Stunde vorher war es völlig windstill gewesen. Die Hitze lastete schwer und drückend auf uns und auf den anderen Schwimmbadgästen. Vier der anderen Gäste, bei denen Ben und ich gesessen hatten, luden uns zu ihrem Grillabend nahe des Bürgerhauses ein. Ben kannte sie seit mehreren Monaten, genauer gesagt: seit den ersten Nachrichten über das geplante neue Verteilzentrum.
Bens Freunde waren allesamt gegen den Koloss, den man mitten in die Natur pflanzen wollte. Thema des Abends sollte also das Logistikzentrum sein, gegen das seit Anfang des Jahres unentwegt protestiert wurde. Man hatte eine Bürgerinitiative gegründet. Irgendwie interessierte mich das Thema zwar – auch weil Stella letztlich so energisch Partei ergriffen hatte. Aber ehrlich gesagt, berührte es mich nicht sonderlich. Nun gut, immerhin, es wurde ja am Abend gegrillt.
„Wird wohl nix mit dem Grillabend“, rief Ben in diesem Augenblick dem Vorsitzenden der neuen Bürgerinitiative, Lothar Balser, zu und deutete in Richtung der Gewitterwolken.
Der fast Sechzigjährige zog sich gerade an, schaute kurz zu dem aufkommenden dunklen Wolkenband und rief zurück: „Vielleicht zieht es durch. Im Notfall grillen wir am heimischen Herd im Trockenen. Kommt einfach!“
Wir schwangen uns so schnell wie möglich auf unsere Räder. Am Nachmittag hatten Ben und ich – abgeschirmt von weit ausladenden Baumkronen – der unerbittlichen Sonne getrotzt und geruht. Wir hatten uns über die aktuelle Lokalpolitik und diese Bürgerinitiative unterhalten und uns zwischendurch immer wieder im Naturgewässer abgekühlt. Aber das Wasser des Waldschwimmbades, das direkt aus einer kühlen Quelle gespeist wurde, brachte keine Erfrischung – die Sonne hatte es im Laufe des Mittags im Nu aufgeheizt.
Ben fuhr weiter zu sich nach Hause, und ich spurtete in Stellas Treppenhaus die Stufen hoch, um mich schnell umzuziehen und sie zu fragen, ob sie mitkommen wolle. Aber meine Freundin war von ihrer Arbeit als Optikerin zu erschöpft. „Den ganzen Tag Gequatsche mit Kollegen und Kunden, nein, jetzt mag ich meine Ruhe. Die Hitze hat mich heute total geschafft“, sagte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Viel Spaß! Ben kommt ja mit, da bist du nicht ganz so alleine unter Fremden.“
Natürlich wusste sie, dass es mir nichts ausmachen würde, wenn ich ohne sie auf eine kleine Party ginge, aber dennoch tat sie, als sorge sie sich um mein Befinden.
Ben und ich kamen etwas zu spät. Es war fast sieben, als wir auf der Terrasse der Familie Balser, die nach Südosten mit Blick zum Stadtrand hinausgeht, Platz nahmen. Lothar hatte bereits den Außengasgrill angeworfen, denn die dunklen Wolken hatten, seitdem wir das Schwimmbad verlassen hatten, merkwürdiger Weise an einer bestimmten Stelle wie stoisch verharrt. Jedenfalls bisher. Ein sehr ungewöhnliches Wetterphänomen, dachte ich. Ich erinnerte mich an das gleiche Phänomen, das Stella und ich voriges Jahr von ihrem Balkon aus beobachtet hatten.
Bis auf unsere zwei Plätze war der Achtertisch bereits besetzt und die Begrüßung war überaus freundlich gewesen. Man sah mich, den Neuen, mit neugierigen Blicken an. Ich stellte mich kurz vor und saß natürlich neben Ben, der immer bestätigend nickte, wenn ich etwas sagte. Ein echter Beschützer, auch wenn ich es eigentlich nicht nötig hatte. Uns beiden gegenüber hatten die Gastgeber, das Ehepaar Balser, Platz genommen. Ellen mochte um die 55 und Lothar vielleicht 60 Jahre alt sein.
Ihr fünfundzwanzigjähriger Sohn Nico bediente den Grill. Den Umgang mit Feuer hatte er im Blut, wie ich sah. Und wie ich nach einiger Zeit von ihm erfuhr, war er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Das sollte unserer neuen Republik zwei Jahre später sehr von Nutzen sein. Neben Ben saßen in wohl willkürlicher Reihenfolge unsere spätere Verteidigungsministerin Claudia zu Solms-Arnsburg, die damals als Tierärztin in unmittelbarer Nähe des geplanten und bereits abgesteckten 40.000 Quadratmeter-Bauplatzes praktizierte, daneben der Privatier Ludwig Henrich mit Sommerjackett und vollem Haar.
Der ältere Herr war seit zwanzig Jahren in Pension, einst angesehener Wissenschaftler in seinem Berufsleben gewesen, Biologe, was er natürlich auch jetzt noch war, und er war mit seinen 82 Jahren der Stammesälteste, dessen Hauptanliegen dem Naturschutz galt. Neben ihm saß Bernd Neuer, der Gatte von Frau Neuer-Süß.
„Erst Ihre Frau hat mich mit ihren Leserbriefen auf das aufmerksam gemacht, was Lich seit einiger Zeit bewegt“, sagte ich. „Dafür werde ich ihr danken, wenn sie nachher kommt. Schließlich gehört eine gewisse Portion Mut …“
„Entschuldigung, aber das hat nichts mit Mut zu tun“, unterbrach er mich. „Das wäre ja noch schöner, wenn wir Bürger unsere Meinung zu solch einem geplanten Schandfleck nicht äußern dürften. Noch leben wir in einem freien Land! Aber heute Abend müssen Sie allein mit mir vorlieb nehmen. Meine Frau ist verhindert und kann nicht kommen.“
Ich unterhielt mich mit ihm und erfuhr, dass er Gründungsmitglied der Initiative sei, die sich gegen das Logistikzentrum positioniere. Er war 71 Jahre alt und entsetzt, dass der Bürgermeister im Begriff war, seine Stadt an den Teufel zu verkaufen. Nach einer Viertelstunde waren wir per Du, und auch die anderen verständigten sich mit mir darauf, dass wir uns duzten. Ob ich bei ihnen mitmachen würde, fragte man mich.
„Ich möchte es mir überlegen. Noch weiß ich zu wenig“, gab ich zur Antwort.
Die hier Versammelten kannten sich bereits von ihren Aktivitäten für die Bürgerinitiative gegen die monströse Flächenversiegelung der Langsdorfer Höhe. Sie nannten sich »Bürger für Lich – BfL«. Man hatte an zwei zusammengeschobenen Tischen Platz genommen. Die Sache mit dem Logistikzentrum war mir jetzt keinesfalls mehr fremd, aber auch nicht besonders klar. Ben hatte mir davon nur sporadisch berichtet. Gut, ich kannte die bisherigen Leserbriefe, aber im Prinzip war ich neu im Städtchen. Wie in jedem Neuland musste man erst einmal das Feld gründlich erkunden. Feldversuche gewissermaßen.
An diesem Abend begann mein Feldversuch, von dem ich nicht ahnen konnte, in welche Unwirklichkeit er mich katapultieren würde.
Ben verteilte einige Kopien. „Der Entwurf meines Leserbriefes“, sagte er, und dann wurde fleißig diskutiert. Nico servierte uns Bratwürste und Grillfleisch. Auf dem Tisch standen Salate und Getränke, aber die Temperatur war schwül und drückend.
Wir alle zerschnippelten ziemlich lustlos das Gegrillte und stocherten in Ellens hausgemachtem Kartoffelsalat herum. Keiner ließ sich die Lustlosigkeit so richtig anmerken. Alle gaben dem Wetter die Schuld. Das Essen war wirklich vorzüglich und es gab neben den Steaks eine weitere Auswahl an vegetarischem Grillgut. Doch unser Hunger war bescheiden. Der Hausherr bot uns Bier und Wein an, aber niemand schien etwas anderes zu wollen als Mineralwasser oder, wie ich, Cola Zero, das mir Nico in einem schicken Metallgefäß voller Eiswürfel kühlte. Ich beobachtete die unruhigen Vögel auf den Ästen der Obstbäume in Balsers Garten.
Plötzlich überkam mich ein komisches Gefühl und in meinem Geiste sah ich vorüberfliegende Drohnen, immer taumelnd, immer in Gefahr abzustürzen – und zwar genau auf das fiktive Logistikzentrum. Aber das würde sowieso niemals gebaut werden, wie ich mir schnell versuchte klar zu machen. Wahrscheinlich wollte ich mich instinktiv ablenken, wie ich einige Sekunden später vermutete. Reflexartig warf ich Claudia, meiner Nachbarin zur linken Seite, unauffällig einen Blick zu. Hatte sie meine Unruhe bemerkt? Sie saß jedoch ziemlich ungerührt auf ihrem Platz, etwas steif, und folgte aufmerksam Bens Ausführungen.
„Ja, es wird viel geschrieben“, hörte ich wie aus weiter Ferne Ben sagen. Dann muss es wohl weiter um den Leserbrief gegangen sein, welchen Ben für die Gruppe entworfen, aber noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben hatte. Doch ich konnte der Sache nicht folgen. Zu sehr wurde jetzt mein Blick von den Ereignissen am Himmel gefangen genommen. Das rotgolden durchwachsene Blau eines üblichen Sommerabends war schon vor zwei Stunden mit dem ersten aufziehenden Wolkenband verschwunden und einem dämlichen Grau gewichen.
Doch jetzt war in südöstlicher Richtung so etwas wie ein langgezogenes schwarzes Dach aufgezogen, aus dem ein dicker weißer Nebel herunterfiel. Es waren gewissermaßen zwei völlig unterschiedliche Schichten, wie bei einem jener viel beworbenen »Kinder Riegel«, der aus einer dunklen Schokoladenschicht und einer dicken Milchcreme besteht. Nur klebte die Milchcreme nicht am dunklen Wolkenband, sondern strömte wie bei einem Wasserfall, allerdings in Zeitlupe, auf das darunter liegende Terrain. Ich versuchte, das Gelände zu orten und kam zu dem Schluss, dass es genau die Langsdorfer Höhe war, wo der dichte weiße Nebel runtergehen musste.
„Komisches Wetter“, hatte ich gemurmelt, und meine Nachbarin hatte es gehört.
Claudia zu Solms-Arnsburg sah erst mich an und dann, als sie meinem Blick folgte, sah sie das Naturphänomen. „Da haben Sie …“ Sie unterbrach sich und verbesserte: „Da hast du absolut recht – ein komisches Wetter. Und das erleben wir ja jetzt schon ein paar Jahre hintereinander.“
„Aber nicht in dieser Form“, sagte ich und schüttelte entschieden den Kopf.
„Hm, das hängt alles mit dem Klimawandel zusammen.“ Und dann diskutierte sie wieder mit den anderen über das zukünftige Vorgehen, um möglichst viele Mitbürger zum Mitmachen gegen den Moloch zu gewinnen.
Doch ich blieb, was diesen merkwürdigen Kinder Riegel über dem zukünftigen Moloch – wenn er denn wirklich je gebaut würde – betraf, skeptisch. Das war wirklich sehr ungewöhnlich.
Als Ben und ich gegen zehn Uhr nachhause gingen, war es bereits dunkel, aber wenn man genau hinschaute, war über der Langsdorfer Höhe ein aus der Dunkelheit hervorstechender hellerer Streifen zu erkennen.
Die Milchcreme, dachte ich, sagte es aber nicht laut. Ben würde mich wahrscheinlich für verrückt erklären.
Stella war noch wach und hörte Radio, HR3. Ich gab ihr einen Kuss und setzte mich neben sie, um abzuschalten. Das seltsame Wetterphänomen mochte ich nicht bei ihr erörtern. Stella mag keine abendlichen Aufregungen, und ich verstehe das absolut. Der Moderator kündigte irgendein Lied an, ich hörte nur noch „Sowieso von Mark Forster“ und dann lauschten wir aneinander gelehnt dem Song.
Ey stranges, kleines Leben
Verläuft auf Seitenwegen
Ich such‘ die Mitte,
doch mein Glück liegt meist daneben
So selten Flugrakete
Bin mehr so Zugverspätung
Doch die Ernte kommt immer, Mann!
Es ist gut gesät
Und ich hab kein‘ Stress mit warten
Geh‘ auch durch schlechte Phasen
Ich bin geduldig
Und nehme zum Schluss die besten Karten
Und fällt der Jenga-Turm
Egal, gibt eh Verlängerung
Halt neuer Plan dann, ey!
Leben ist Veränderung
Egal was kommt, es wird gut, sowieso
Immer geht ‘ne neue Tür auf, irgendwo
Auch wenn‘s grad nicht so läuft, wie gewohnt
Egal, es wird gut, sowieso
Verrückte, bunte Reise
Mal Tinnitus und mal leise
Der Bizeps wächst
Vom Steuerrad-Rumgereiße
So selten fitte Planung
Bin mehr so dritte Mahnung
Doch immer sicher im Gemetzel
Dank der schicken Tarnung
Ich schätze Wegbegleiter
Auch wenn alles seine Zeit hat
Mal elf Freunde
Dann doch One-on-One-Karatefighter
Und streikt der Sendeton
Bleibt immer die Erinnerung
Halt neuer Plan dann
Im Blick nach vorn steckt Linderung
Egal was kommt, es wird gut, sowieso
Immer geht ‘ne neue Tür auf, irgendwo
Auch wenn‘s grad nicht so läuft, wie gewohnt
Egal, es wird gut, sowieso
Und immer geht ‘ne neue Tür auf, irgendwo
Ich war todmüde und kurz vorm Einschlafen. Während ich mich mühsam auszog und mir danach in bewährter 3-Minuten-Routine die Zähne putzte, dachte ich über den Song nach. Egal was kommt, es wird gut, sowieso?
Es war nicht egal, was da kam, und es würde nicht alles gut gehen, was da geschah. Und ob immer irgendwo eine Tür aufgehen würde, hinge entscheidend davon ab, ob jemand den Türgriff drückte. Und dann wäre wichtig zu wissen, wohin die Tür den Weg eigentlich frei machen würde. Man braucht halt einen Plan – Halt neuer Plan dann. Und natürlich war da etwas dran: Im Blick nach vorn steckte tatsächlich eine gewisse Linderung.
Ich glaube im Nachhinein, dass dieser Song und meine damaligen Gedanken zu meinem späteren Engagement beigetragen haben. In der Nachbetrachtung interpretiert man jedoch gerne etwas in eine Sache hinein, um sich zu rechtfertigen oder zu bestätigen.
Eine Woche später konnte ich Bens Leserbrief im Licher Wochenanzeiger nachlesen.
»Wer braucht so ein Monster? Niemand!«
Eine Klarstellung: Es ist auf diesem Riesenareal nicht nur mit 20 Meter hohen unansehnlichen Hallen zu rechnen, hinzu kommen noch Abstellplätze für 66 LKW und 342 PKW. Man plant mit rund 800 LKW-Bewegungen pro Tag. Eine unglaubliche Luft- und Verkehrsbelastung rollt damit auf uns zu. Für die Fahrer sind WCs und Duschanlagen vorgesehen. Es wird eine „1000-Mann-Hotelanlage auf Rädern“ mit entsprechenden Servicebetrieben und unabsehbaren Belastungen.
Nun zu den Kosten: Bisher gaben unsere Stadtväter 2,5 Millionen Euro aus, um die 20-ha-Ackerfläche für den Investor aufzukaufen, was einen qm-Preis von 12,50 ergibt. Das ist weit überzogen, normaler Weise liegt der Preis in vergleichbaren Gegenden bei 6,25 Euro. Ein Geschenk für die Vorbesitzer und für den Investor in Höhe von 1,25 Millionen! Man könnte auch von Veruntreuung sprechen. Schon jetzt sind die Bürger unserer Heimatstadt die Verlierer.
Öffentlich wird uns Bürgern zwar erklärt, die Stadt erwirtschafte durch den Verkauf der Langsdorfer Höhe einen Gewinn von 1,3 Millionen. Aber das ist heiße Luft. Wenn man den Haushaltsplan genau durchforstet, kommt man jetzt schon auf rund 1 Million Miese – ohne Folgekosten für das Monstrum!
Was den angeblichen Zugewinn aus Steuereinnahmen betrifft, so werden wir für dumm verkauft. Kein einziger nennenswerter Cent wird in die Stadtkasse fließen. Es wäre ein Wunder, wenn der Hallenmieter, über den man uns wohlweislich nichts wissen lässt – könnte ja die Argumente gegen das Monstrum untermauern! – in Lich seinen Hauptsitz hätte … und nicht in irgendeinem Steuerparadies. Denn nur dort, wo der Geschäftssitz ist, wird Gewerbesteuer fällig. Lich ginge dann leer aus.
Herr Gerald Alt wirft fleißig mit Nebelkerzen um sich, was einer Sachdiskussion nicht dienlich ist. Natürlich wird unser gesamtes Stadtgebiet durch den enormen Mehrverkehr belastet. Wer dies bezweifelt, sollte sich vergleichbare Zentren anschauen. Aber da bremsen entweder die Bequemlichkeit oder gar die im weitesten Sinne gekaufte Willfährigkeit gegenüber den dicken Kapitalinteressen.
Es gibt mehr Arbeitsplätze? Vielleicht ein- oder zweihundert prekäre Arbeitsplätze, die bei entsprechender Unterbezahlung vielleicht auch noch vom Landkreis mit Hartz-4-Leistungen aufgefüllt werden müssen?
Durch die großflächige Flächenversiegelung wird sich auch das Kleinklima in diesem Bereich stark verändern. Die aufgeheizten Flächen werden verhindern, dass es in unseren zunehmend heißeren Sommern nachts richtig abkühlt. Auch das Regenwasser, was normal versickert und dem Grundwasser zugutekommt, muss teuer aufgefangen und abgeleitet werden – im Übrigen auf Kosten von uns Bürgern.
Wer sich Gedanken zu den ökologischen, ökonomischen, gesundheitlichen und städtebaulichen Auswirkungen solcher Mammutprojekte macht, ist alles andere als ein »Ewiggestriger«. Im Gegenteil: Wer heute noch auf Wachstum um jeden Preis setzt und das Amazon-System unterstützt, aber die heimische Innenstadt dem Kahlschlag kampflos preisgibt, ist nicht nur von vorgestern, sondern schlichtweg verantwortungslos.
Was wir brauchen ist Nachhaltigkeit und Dezentralität. Amazon nachäffende rücksichtslose Großinvestoren sollten ihre Monsterprojekte genau in jenen Villenvierteln errichten, in denen sie wohnen.
Ben Carl, Lich
*
Stella schloss das Geschäft ab. Mittagspause. Mit Vanessa, ihrer etwas jüngeren Kollegin, ging sie hinüber zum kleinen Griechen. Er hatte einen Biergarten, in dem man auch im Halbschatten oder unter einem Schirm sitzen konnte. Im »Moustaki« bestellten sie sich wie immer den überbackenen Hirtenkäse, und wie immer tauschten sie Erfahrungen aus. War ihre Kundschaft zufrieden? Kam die Werbeaktion gut an? War jemand wieder besonders schwierig oder besonders nett oder besonders witzig gewesen?
„Heute war Bademeister Schmidt gesprächig wie nie“, sagte Stella. Ein kleine erfrischende Böe wehte ihre Serviette vom Tisch. Sie hatten unter einem der großen Sonnenschirme Platz genommen.
Vanessa hob die Serviette auf und legte sie auf den Stuhl neben sich. „Unser lieber Herr Schmidt redet doch immer ganz gerne und unterhaltsam.“ Vanessa rollte ihre blauen Augen.
„… und viel“, ergänzte Stella. „Ja, ja. Aber heute regte er sich über unseren anderen Kunden auf, den Herrn Alt.“
„Kennen die sich?“ Vanessa strich sich eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine weitere Böe strich durch den Biergarten und blies erneut die Serviette vom Stuhl.
„So wie es klang, kennen die sich aus irgendeinem Verein.“
„Und was sagt er über ihn?“
„Schmidt findet Alts Leserbrief völlig daneben. Dann hat er folgenden Witz über ihn erzählt: Herr Alt wird in einem Flugzeug neben ein kleines Mädchen gesetzt. Alt wendet sich ihr zu und sagt: »Wollen wir uns ein wenig unterhalten? Ich habe gehört, dass Flüge schneller vorüber gehen, wenn man sich mit anderen Passagieren unterhält.«
Das kleine Mädchen, das eben sein Buch geöffnet hatte, schloss es langsam und sagte zu dem neben ihr sitzenden Opa: »Über was möchten Sie sich denn unterhalten?«
»Oh, ich weiß nicht«, antwortete Alt. »Wie wär’s mit der These, warum es keine echten ökologischen Probleme und keinen Klimawandel gibt?«
»Okay«, sagte das Mädchen, »dies wäre ein interessantes Thema! Ich bin da zwar anderer Meinung, aber erlauben Sie mir zunächst noch eine Frage: Ein Pferd, eine Kuh und ein Reh essen alle dasselbe Zeug: Gras. Doch das Reh scheidet kleine Kügelchen aus, die Kuh einen flachen Fladen und das Pferd produziert Klumpen getrockneten Grases. Warum, denken Sie, dass dies so ist?«
»Nun, ich habe keine Idee.«
Darauf antwortet das kleine Mädchen: »Fühlen Sie sich wirklich kompetent genug über Ökologie und Klimawandel zu reden, wenn Sie beim Thema Scheiße schon überfordert sind?«
Danach lachte sich unser Bademeister über seinen Witz halbtot, aber ich musste natürlich auch lachen, denn irgendwo trifft es ja auch zu. Die Alten machen sich über die Zukunft der Jungen zu wenige Gedanken.“
„Nicht alle Alten!“, warf Vanessa ein. „Viele ältere Bürger ziehen mit uns Jungen an einem Strick!“
„Wenn ihnen da mal nicht ein Strick daraus gedreht wird!“
Der Wind wurde kräftiger und Stella sprach über das seltsame Wetterphänomen, das wir beobachtet hatten. Vanessa konnte eine irgendwie geartete Veränderung der Wettersituation bestätigen. Auch sie hatte bemerkt, dass mit dem Klimawandel bisher unbekannte Wettererscheinungen zunahmen. Aber die Sache über der Langsdorfer Höhe war ihr nicht aufgefallen.
Stella und Vanessa waren in den letzten sieben Jahren ihrer gemeinsamen Betriebszugehörigkeit gute Freundinnen geworden. Vanessa las keine Zeitungen mehr, erzählte mir Stella. Das sei alles ein Einheitsbrei, sie informiere sich lieber unabhängig im Internet. Stella hatte gemeint, dass es da aber gewiss ebenso viel Müll wie in den alten Medien gebe. Jedenfalls bat Stellas Arbeitskollegin darum, ihr über die Meinung der Bürgerschaft, wie sie sich in den immer zahlreicheren Leserbriefen ausdrückte, gelegentlich zu berichten.
Seitdem schnitt meine Liebste die Leserbriefe aus und sammelte sie für Vanessa. Hin und wieder überflog ich die Ausschnitte und merkte, dass der weit überwiegende Teil der Zuschriften sich gegen das geplante Zentrum richtete. Eine Frau Birgit Winter schrieb: Egal ob 12 oder 20 Meter Höhe – das Logistikzentrum ist kaum mit Umwelt- und Klimaschutz vereinbar. Dass der innerstädtische Verkehr nicht betroffen sein wird, ist unrealistisch. Wir sollten alle gegen das Bauvorhaben protestieren. Die überall ausliegenden Unterschriftenlisten sind schon mal ein guter Anfang. Man muss aber auch auf die Straße gehen, sonst zieht der Bürgermeister das einfach durch und später heißt es, die Bürger hätten sich ja nicht gewehrt. Nach dem Motto: Stillschweigendes Einverständnis.
„Krieg der Leserbriefe!“, meinte Stella, aber ich fand, dass es eine völlig normale Sache sei und nichts mit Krieg zu tun habe.
„Wir sollten nicht immer die klotzigsten Begriffe wählen“, sagte ich. „Man verniedlicht sonst das wirklich Schreckliche, wenn alles gleich zum »Krieg« erklärt wird.“
Ein anderer Leser schrieb kurz und bündig:
Herr Carl weist in seinem Leserbrief vom 19. Juni darauf hin, dass nach Fertigstellung des Logistikzentrums mit bis zu 800 LKW-Bewegungen pro Tag zu rechnen sei. Dazu scheint mir als Kommentar das Poem des Dichters Robert Gernhardt (1937 – 2006) passend, das als aktuelles »Gedicht des Monats« in der Stadtbibliothek ausliegt:
Störung
Denk, wie diese Landschaft einstmals
Vielfach von Geräuschen schallte,
Wie das Muhen, Grunzen, Wiehern
Von den Hängen widerhallte –
Nein, ich will vom Ruf des Hahns nicht,
Nicht vom Schrei des Esels schwärmen.
Doch das waren noch Geräusche.
Was da heute tönt, ist Lärmen.
In diesem Sinne: Lassen wir die große Eselei nicht zu!
Wolfgang Woge, Lich
Anfang Juli war es besonders heiß. Am späten Nachmittag trafen sich Ben und ein paar Mitstreiter der Bürgerinitiative im Waldschwimmbad. „Picknick der Aktivisten“ nannte es Ben. Ein erfrischendes Bad, aber auch eine gute Portion Polit-Talk waren angesagt. Es galt, eine unüberhörbare Protest-Strategie zu entwickeln. Sie hatten das Gefühl, dass hinter dem Rücken der Bürger im Schnellverfahren eine gravierende Entscheidung zum Nachteil des Städtchens durchgeboxt wurde.
„Kein schönes Gefühl, wenn man sich so hilflos fühlt“, sagte Edith Neuer-Süß. Ich durfte sie neuerdings nur Edith nennen, was mir sehr gelegen kam. Wenn ich eines nicht ausstehen mag, dann sind es diese Doppelnamen. Obwohl ich mich natürlich als fortschrittlicher Mann verstehe. Und viel Verständnis für die – auch in der Namensgebung betonte – Emanzipation von Frauen aufbringe. Jedenfalls hatte mich Ben angerufen und gefragt, ob ich Zeit habe, um bei ihnen kurzfristig „vorbei zu schwimmen“.
Tatsächlich war ich am Schwimmen, denn inzwischen hatte ich wieder einen neuen Zeitreise-Roman in der Mangel, »Crazy Zeiten – 1975 etc.«. Ich stand unter Zeitdruck, denn der Drucktermin lag bereits fest. Immer wenn ich am Schreiben bin, stören mich externe Termine. Es fühlt sich dann so an, als müsse ich mein geliebtes Kind verlassen, um an irgendeinem belanglosen Kartenspiel von gelangweilten Erwachsenen mitzumischen.
„Wir müssen dafür sorgen, dass die Karten neu gemischt werden“, hatte Ben meinen Einwand aufgegriffen. Er hatte eine wortspielerische Art, um mich zu überzeugen. Also fuhr ich mit meinem Rad zu ihrer spontanen Versammlung. Wenn ehrenhafte Aktivisten einen rufen, sollte man zumindest bei ihnen vorbeischauen, um höflich zu fragen, wobei man denn behilflich sein könne. Und das genau war der Tag, ab dem ich Ediths Doppelnamen nicht mehr aussprechen musste. Allein deshalb hatte sich für mich der Tag gelohnt.
„Warum fühlst du dich eigentlich hilflos?“, griff ich jetzt ihre Bemerkung auf und legte meine Sonnenbrille zur Seite. Mit verspiegeltem Glas ein Gespräch zu führen, finde ich unhöflich.
„Weil wir keine Informationen bekommen. Da ist doch etwas oberfaul. Da wird so ein riesiges Ding angeschoben und man erfährt nichts! Nichts Exaktes. Gegen Baurecht wird verstoßen, gegen Naturschutz, gegen eine ganze Menge – aber die Behörden schweigen einfach. Furchtbar!“
„Und diese schweigenden Heimlichtuer und Akteure bieten tatsächlich ein paar wenige, aber lautstarke Unterstützer auf – wie diesen ominösen Herrn Alt“, erregte sich Bernd, Ediths Ehegatte, der bis vor kurzem noch als Kommunalbeamter in der Stadtverwaltung für das Funktionieren der Kindergärten, für die Pflege und Aufsicht über den Friedwald und den städtischen Friedhof zuständig gewesen war. Übrigens kehrte er später, in unserer Republik, auf Bitte des Staatschefs auf seinen alten Posten zurück. Natürlich hegte ich keinen einzigen Gedanken hierzu, denn die Zukunft lag in ferner Zukunft.
Ich sah Bernd Neuer fragend an.
„Dieser Mensch hat wieder mal den Vogel mit seinem neuesten Leserbrief abgeschossen!“ Bernd zog ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
Ich nickte, denn es war tatsächlich so: dieser dubiose Herr Alt steuerte kein einziges Argument bei, das unsere Sorgen hätte entkräften können.
Die Runde diskutierte dann noch eine Weile darüber, ob man Herrn Alt ernst nehmen solle, weil er inzwischen in einem weiteren Leserbrief ihre Argumente verdreht und aus dem Zusammenhang gerissen habe und mit Unterstellungen arbeite. So habe er prognostiziert, dass der Schwerkraftverkehr gar kein Problem sei. Das sei „hundertprozentig erwiesen“. Und die LKW würden auch nicht durch die Innenstadt geführt.
„Was auch niemand von uns je behauptet hat“, warf Lothar Balser ein.
„Alles durcheinandergewürfelter Unsinn“, sagte Ben. „Der Mann heißt nicht nur Alt, er ist es auch. Ich schätze er ist über 80, aber von Altersweisheit keine Spur.“
„Der ist ein ehemaliger Verkäufer, seit zwanzig Jahren frühverrentet, und kennt sich offensichtlich aber zumindest mit Rhetorik und propagandistischen Floskeln aus“, sagte Edith. „Jedenfalls ist er ganz schön persönlich geworden und hat über mich ziemlich dreiste Behauptungen aufgestellt. Sogar Schmierereien an einem Gebäude würden auf mein Konto gehen. Da überlege ich mir glatt, ob ich nicht wegen Verleumdung aktiv werden sollte.“
„Lass den alten Mann“, meinte Ludwig Henrich, der selbst vor zwei Jahren die Achtzig überschritten hatte. „Es bringt nichts, sich gegenseitig persönlich anzugehen. Das wirft nur ein schlechtes Licht auf unser berechtigtes Anliegen. Wenn du ihn anzeigst, wird er Trara machen und überall in die Welt setzen, dass du nicht argumentieren, sondern nur mit dem Staatsanwalt drohen kannst.“
„Du hast Recht, Ludwig“, sagte Bernd Neuer, aber da hörte ich schon nicht mehr zu, denn ich hatte meine Sonnenbrille wieder aufgesetzt und hoch in den strahlend blauen Himmel geschaut. In der Ferne, am Horizont, tauchte gerade ein Kinder Riegel auf, der sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit aufplusterte und sich uns näherte. Und dann begann auch schon jener heftige Wind, der einem Gewittersturm vorausgeht.
Am Rande bekam ich noch mit, dass allgemein die Meinung bestand, man müsse eine Demo organisieren, um dem Protest Nachdruck zu verleihen. Und man wolle die Bürger über ihre Mitwirkungs- und Einspruchsrechte aufklären – wenn sich schon die Stadtpolitiker dieser Informationspflicht entzogen.
Ich schaute immer noch gebannt zum Horizont. Die anderen waren so sehr in ihre Diskussion vertieft, dass sie den enorm schnellen Wetterwechsel erst bemerkten, als der Wind stärker und ihre ausgelegten Handtücher auf der Wiese nass wurden. Der Regen kam völlig überraschend. Überraschend deshalb, weil keine einzige Wolke über uns zu sehen war. Und wieder – wie schon früher – verharrte das Wolkenband in Höhe des Langsdorfer Baugebietes. Über uns war der Himmel noch immer unbewölkt und zeigte sich in einem jungfräulichen Rosa-blau. Und dennoch regnete es. Der einzige, der diesen Widerspruch zu bemerken schien, war ich.
Die anderen rollten schnell ihre Handtücher zusammen, packten ihre Badetaschen und flüchteten unter die überdachte Pergola des Schwimmbad-Imbisses. Ich legte mich auf das feuchte Handtuch und ließ mich nassregnen. Es war erfrischend.
Ich muss kurz eingeschlafen sein, denn mich überfiel ein Kurztraum. In diesem Traum sah ich Gott über die Langsdorfer Höhe gehen, an der die neubenannte Arturo-Groß-Allee vorbeiführte. Ich sah einen Gott, der so riesig war, dass ER von der Taille aufwärts in einem düster-blauen Himmel verschwand. Im Traum hörte ich das Splittern und Krachen von Ampeln, Lastwagen und Bäumen, die unter SEINEN Schritten wie Grashalme umknickten. ER umkreiste das Baugebiet und kam mit Riesenschritten auf das Rathaus zu. ER kam auf uns zu, und alle Läden, Einkaufsmärkte, Häuser und Hochhäuser gingen blitzartig in purpur-weißen Flammen auf, und bald verhüllte der Rauch alles. Der Rauch verhüllte alles – wie Nebel.
*
Das erste Halbjahr war vergangen und Ben hatte mir einiges berichtet, was ich bis dahin noch nicht erfahren hatte. Anfang Februar hatte er nach einer – wie er fand – absichtlichen Hinhalte-Taktik endlich einen Besprechungstermin bei Bürgermeister Groß erhalten. Bereits Mitte Dezember des Vorjahres hatte Ben seine Bedenken in einem ausführlichen Schreiben an Arturo Groß geäußert. Es ging um die nicht korrekte Verfahrensweise und um Baurecht, um Verkehrsrecht und vieles andere.
„Die andere Seite wollte Zeit schinden und uns, die Bürger, um deren Interessen es doch angeblich geht, dadurch unter Druck setzen“, sagte Ben, als wir gemeinsam bei »Peter Pan« zu Mittag aßen. Er hatte Cordon Bleu gewählt und ich das Wiener Schnitzel, ganz klassisch.
„Unter Druck setzen?“, fragte ich.
„Na ja, indem man Fakten schafft. Einspruchsfristen sollten verfallen.“
„Habt ihr damals nicht versucht, wenigstens die Presse über die Risiken dieser Industrieansiedlung zu informieren, damit zumindest die Vierte Gewalt die Interessen der Bürger unvoreingenommen hätte formulieren und vortragen können?“
Ben lachte laut auf und dann stieß er so etwas wie einen lauten Seufzer aus: „Ach, die Vierte Gewalt! Dass ich nicht lache! Du meinst wohl die Siebenschläfer. Oder besser gesagt die Schreibschläfer. Vergiss es!“
„Ben, du weißt, ich war selbst Journalist, und es gibt weiß Gott in jedem Beruf gute und schlechte Mitarbeiter.“
„Es geht nicht hauptsächlich um qualifiziert oder unqualifiziert. Bei Wirtschaftsprojekten geht es um Haltung oder Nichthaltung, um unabhängige Meinung oder um vorauseilenden Gehorsam, um kritische Durchleuchtung der scheinbar unanfechtbaren Sachzwänge oder um bedingungslose Wirtschaftsgläubigkeit. Und immer geht es bei den kleinen Dorfjournalisten um ihre persönliche Verbindung zu den kleinen Dorfkönigen, zu Honoratioren, zu Bürgermeistern, Landräten, Ausschussvorsitzenden. Zu deinen Zeiten mag das ja vielleicht noch solide gelaufen sein …“
„Nein, das war schon immer das gleiche Dilemma. Aber der Charakter der Menschen war nicht so leicht zu verbiegen. Man war nicht gleich in seiner Existenz bedroht, wenn man dem Chefredakteur widersprach. Heute wirst du ruckzuck durch einen Praktikanten ersetzt. Es gab ordentliche Arbeitsverträge und Gewerkschaften, an denen sich die Verlagsleitung nicht vorbeidrücken konnte.“
„Früher war alles besser – läuft es darauf hinaus?“
„Nicht unbedingt“, antwortete ich, „manches war gewiss fortschrittlicher als heutzutage. Heute zum Beispiel sind die Arbeitsverhältnisse in der Medienbranche krass geteilt – so wie die gesamte Gesellschaft. Oben verdienen die Wenigen viel zu viel und unten strampelt sich der kleine Reporter ab und man nutzt unter dem enormen Zeitdruck bei den wenigen Festangestellten vorgefertigte Einheitsbrei-Texte aus großen Presseagenturen, die alle das Gleiche schreiben, weil alle Agenturen den Gleichen gehören.“
„Okay, nun traf das aber nicht unbedingt auf die Reporterin vom Mittelhessischen Anzeiger zu, mit der Edith und ich eine Besprechung hatten. Frau Jochbein hörte uns zwar mit einer gewissen Ungeduld zu, aber immerhin hörte sie zu.“
„Aber hattet ihr nicht Ärger mit ihr?“
„Das nicht direkt“, sagte Ben, „aber wir ärgerten uns im Nachhinein über sie, weil sie uns ebenso wie der Bürgermeister einfach wochenlang hängen ließ.“
„Hattet ihr eure Rechercheergebnisse damals an sie übergeben?“
„Natürlich. Wir haben ihr auch alles in einem einstündigen Gespräch erläutert. Aber sie blieb einfach untätig. Dann vertröstete sie mich einige Male, als ich anrief, um schließlich irgendwann, Wochen später, lapidar telefonisch mitzuteilen, dass unsere Recherchen nicht zu berücksichtigen seien. Sie dürfe sich nur auf die Aussagen des Bürgermeisters verlassen, denn er sei schließlich eine Amtsperson, dessen Informationen natürlich mehr ins Gewicht fallen würden als unsere Aussagen.“
„Was ein Pech aber auch, dass ihr keine Amtspersonen ward. Vielleicht hättet ihr euch wie jener hochstapelnde Ex-Postbeamte, mit Namen Gerd Postel, als Ministerialbeamter aus Wiesbaden ausgeben sollen, dann hätte sie euch alles von den Lippen abgelesen.“
„Schön, dass du noch deinen Humor bewahrt hast“, sagte Ben.
Aber all das war jetzt bereits ein halbes Jahr her.
Was nun ab Mitte des Jahres geschah, geschah gewissermaßen im Schnelldurchlauf. Daniela Demuth erhielt von Bürgermeister Groß ein Versetzungsschreiben und überaus süße Worte dazu. Sie durfte ab nun in der gleichen Besoldungsgruppe im Bürgerbüro für gute Stimmung sorgen. Er benötige sie dort dringend, da sie die einzige geeignete Person sei, die glaubwürdig den Bürgern versichern könne, dass alles, was das Logistikzentrum betraf, kein Sündenfall, sondern ein himmlischer Segen für Lich sei.
„Sie übernehmen dort im Prinzip meine Aufgabe. Sie sind jetzt die wichtigste Person im Rathaus.“
„Neben Ihnen, Herr Bürgermeister“, sagte sie beflissen, und er nickte gönnerisch.
„Sie übernehmen auch die Position der Pressesprecherin. Ihnen glaubt man. Sie haben den richtigen Biss und zugleich sind Sie diplomatisch“, sagte er und warf ihr einen wichtigtuerischen Blick zu.
Damit war die Kuh vom Eis.
Daniela fühlte sich geehrt. Ihr Mann sah das anders, er war ein nüchterner Typ, aber nun war kein Grund mehr zur Eifersucht gegeben und so schwieg er und dachte sich seinen Teil. Er hatte den Trick des Bürgermeisters wohl erkannt. Aber was nutzte es?
Eine neue, unbedeutende Person rückte auf Danielas bisherige Stelle nach.
Groß hatte seine von Dr. Wüst empfohlene To-do-Liste längst abgearbeitet. Er hatte alle auf seine Seite gebracht. Als erstes und am mühelosesten den Fraktionsvorsitzenden seiner Partei, Jonas Cäsar; ihm dachte er eine Doppelrolle zu, und als Belohnung sollte Cäsar ihn in seinem Amt beerben. Dann hatte er den Vorsitzenden der Freien Wähler, Joseph Brendler, und die Erste Stadträtin, Ingrid Steegher, von der CDU mit drei einfachen Argumenten überzeugen können: Mehr Steuereinnahmen, größere Kaufkraft und damit mehr Konsum – alles zum Wohl der kleinen und mittleren Gewerbebetriebe.
Er hatte unter vier Augen mit der Landrätin, Annika Tänzer, gesprochen und ihr von der großen Chance für den Landkreis vorgeschwärmt. Sie vertraute ihm, er vertraute ihr, und so sicherte sie ihm zu, das stets aufsässige Naturschutzressort vorübergehend umzustrukturieren. Immerhin war dieses naturgemäß aufsässige Ressort mit einem eigenen Veto-Recht ausgestattet. Es konnte beim Baubewilligungsverfahren alles zum Stoppen zwingen. Also unterstellte die Landrätin die Naturschutzbehörde ihrem verehrten Parteifreund und Arbeitskollegen aus gemeinsamen Zeiten, Rüdiger Halbersach. Das war zwar außergewöhnlich und äußerst brisant, aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.
„Äußerst brisant?“, hatte ich Ben gefragt.
„Brisant deshalb“, hatte er geantwortet, „weil Halbersach als Chef der Bauaufsicht des Landkreises zuständig für die Baubewilligung ist. Der Baubewilligung aber kann die Naturschutzbehörde total dazwischen grätschen. Wenn man so ein Szenario verhindern will, dann eben legt man beide Behörden in eine einzige bewilligende Hand. Und dies war die gesegnete Hand des Langsdorfer Parteifreundes von Groß.“
„Geschickt“, sagte ich.
„Geschickt getrickst“, hatte Ben geantwortet und hinzugefügt: „Wahrscheinlich unzulässig, aber formaljuristisch interpretationsfähig. Kaugummidemokratie.“
Dann hatten wir darüber gesprochen, wie die Demokratie und ihre moralischen Werte in einem Meer der Gleichgültigkeit und stillen Tränen oder auch in einem tobenden Ozean der Verzweiflung untergehen. Und wie Korruption und Ignoranz um sich griffen und das gesellschaftliche Klima vergifteten.
Ich erwähnte es schon: Das Geschehen nahm rasant Fahrt auf. Der Verein »Licherleben« schloss sich dem Protest der Bürgerinitiative an, ebenso der Naturschutzbund NABU. Dessen Gutachten stellte artenschutzrelevante Fauna und Flora fest. Verschiedene Politaktivisten hatten sich unterdessen die Baupläne und die von der Wüst AG bestellten Gutachten besorgt, gelesen und für schlecht, für sehr schlecht, befunden. Ihre Analysen ergaben jede Menge Schwachpunkte in dem angelaufenen Verfahren. Doch ihre Widersprüche und Eingaben verhallten in den Hallen lokalpolitischer Macht. Es machte die informierten Bürger nicht nur hilfloser, auch machte es sie wütender.
Es regnete weiter Leserbriefe, in denen gefragt wurde, warum dort auf dem geplanten Industrieparkgelände nicht dringend benötigte Wohnungen gebaut würden. Eine Dame schrieb: „Wenn alle Argumente der Industriebefürworter nicht mehr glaubwürdig sind, fallen plötzlich hunderte Arbeitsplätze und Sterntaler vom Himmel. Immer wieder geschehen bundesweit die gleichen Wunder. Sehr erstaunlich – insbesondere, wenn später nichts von alledem eintrifft. Mal eine andere Frage: Für wie blöd oder vergesslich hält man uns eigentlich?“
Eine Susi Jakobi bemängelte, dass die vor Jahren mühsam – mit voller Bürgerunterstützung – erarbeitete »Lokale Agenda 21« ad absurdum geführt würde und Lich sich nach dem Bau des Monsters als Tagungs- und Seminarort lächerlich mache. Die Agenda 21 verpflichte zur Nachhaltigkeit – damit sei es ja dann wohl vorbei:
„Ratter, ratter, LKW, womöglich Tag und Nacht von Montag bis Samstag. Das Leitbild der Stadt formuliert das Ziel, dass sich Bürger mit ihrer Stadt identifizieren und die politischen Vertreter/innen die Chance eines aktiven Bürgerengagements nutzen. Wir nannten das immer »gelebte Demokratie«. Gerade aber sieht es so aus, als wolle man alles andere, nur keine engagierten Bürger, die kritische Nachfragen stellen oder gar vorwärtsgewandte Alternativvorschläge unterbreiten! Kein Wunder, wenn sich immer mehr Bürger von der etablierten Politik abwenden. »Vertreten die Volksparteien wirklich noch das Volk?«, fragte mich kürzlich meine vierzehnjährige Enkelin. Sie hat die Auseinandersetzung einiger weniger Stadtväter (und -mütter) gegen die eigene Stadtbevölkerung mitbekommen. Weiß jemand, was ich ihr antworten soll?“
Conny Kornmann schrieb: „Der Klimawandel ist in vollem Gange, Extrem-Wetterereignisse nehmen zu, unsere Wälder vertrocknen und selbst in der Arktis brennt es seit April. Und wir versiegeln fleißig weiter unsere begrenzten Flächen und lassen Logistikmonstren zu, deren Auswirkungen nicht nur die kaufmännische Verödung unserer Innenstädte beschleunigt, sondern auch die Verödung und Versteppung unserer Kultur, unserer Umwelt und unserer Lebensqualität und Lebensfreude.“
Gerald Alt ließ sich nicht lumpen und schrieb darauf: „Die Menschen sind selbst schuld daran, wenn sie nur noch per Mausklick einkaufen. Keiner zwingt sie dazu.“
Frau Kornmann antwortete: „Aha, der kleine Verbraucher ist für die Preisgestaltung, für unnütze Produkte und Pannen zuständig. Nur den Profit fahren andere ein. Ihr Argument, Herr Alt, ist so alt wie abgestandener Wein. Wenn die Schlachttierhaltung unter aller Sau ist, soll man dann individuell in den totalen Hungerstreik treten? Oder sollte nicht vielmehr der Staat, als unser organisiertes Allgemeininteresse, solche Schweinereien unterbinden? Wenn das Getreide verpestet ist, soll man dann auf Teigwaren verzichten? Oder sollte man den Ausgangszustand gesetzlich regeln? Pestizidverbot ging doch auch, oder? Wenn das Benzin aus dem von einer Weltmacht gestohlenen syrischen Rohöl stammt, soll ich dann mein Auto mit Limonade tanken?
Und noch einmal ein kräftiges Aha: Natürlich hat »keiner die Absicht ein Logistikzentrum mit einer Mauer und einem hässlichen, ritterlich-tiefen, Ansturm-sicheren Wassergraben drumherum zu bauen«, es sei denn die Käufer stimmen per Mausklick dafür. Ist es wirklich so einfach? Ist der Käufer von Produkten der wahre Schuldige? Oder ist solche Art Logik nur eines: ziemlich pervers?“
Daraufhin meldete sich ein Unterstützer von Gerald Alt: „Die Lokalpolitik braucht keine Fake News von wegen Ausverkauf der Natur, Verschandelung des historischen Stadtbildes und drohender Verkehrslawine. Das ist alles an den Haaren herbeigezogen. Natürlich kann jeder seine Meinung frei äußern, wir leben ja in einem freien Land und sind freie Bürger. Natürlich kann sich jeder etwas Schöneres vorstellen als ein Logistikzentrum. Aber unsere Stadt darf nicht Schulden machen, und wer dies vorschlägt, hat keine Ahnung von Lokalpolitik.
Denn von nichts kommt nichts. Kita-Gebühren und steigende Löhne und Preise belasten den städtischen Haushalt. Sollen etwa die Grundsteuer und die Kita-Gebühren erhöht, freiwillige Leistungen an Vereine eingeschränkt und notwendige Infrastrukturmaßnahmen aufgeschoben werden? Noch einmal: Von nichts kommt nichts!
Peter Hartbusch-Niebergall, Lich“
„Was soll man darauf eigentlich noch antworten?“, fragte mich Edith, als ich sie im RUWE-Markt traf und wir im dort angesiedelten Café Kinkel einen Cappuccino tranken. „So viel Blödsinn auf einmal in so wenigen Zeilen, das ist schon ein Kunststück.“
Ich lud Edith natürlich ein, aber sie lehnte ab und sagte lachend: „Ich bin doch nicht bestechlich!“
„Wozu könnte ich dich denn bestechen?“
Edith neigte ihren Kopf etwas zur Seite und sah mich schelmisch an. „Wozu weiß ich nicht genau, aber womit, da hätte ich eine Idee.“ Dann sagte sie: „Vielleicht mit einem Stück Apfelstrudel, der ist im Angebot.“
Wir mussten beide lachen, und ich bestellte uns jedem ein Stück davon. Aber insgeheim dachte ich, dass ich zur Bestechung in jeglicher Hinsicht bereit wäre, wenn sie mich zwingen würde, ihren Doppelnamen jedes Mal aufs Neue in den Mund zu nehmen.
„Du schmunzelst – wegen meiner Naschsucht?“
„Nein“, log ich sie an, denn meine Schwierigkeit mit Doppelnamen würde ich sie ungern wissen lassen: „Ich denke immer noch an den Leserbrief dieses Herrn Hartbusch-Niebergall. Er verzapft ein unglaublich allgemeines Blabla mit der üblichen Drohkulisse, ganz nach dem gereimten Motto: Wer nicht macht, was ich ihm sag, den trifft dann die Gebührenplag!“
Der RUWE-Chef kam vorbei und grüßte verhalten zu uns herüber. Als er außer Sicht- und Hörweite war, sagte Edith: „Herr Müller hat ein soziales Herz, er ist ein guter Mann, aber was unsere Herzenssache betrifft, so hat er eine etwas verquere Meinung. Das ist schade, weil er für die Freien Wähler im Stadtparlament sitzt und jede Stimme zählt.“
„Ich kenne ihn nicht“, sagte ich. „Aber sein Laden ist absolut in Schuss und alle Mitarbeiter sind überaus freundlich. Sein Sortiment ist breit gefächert und dennoch alles sehr übersichtlich sortiert. Der Mann kann organisieren.“ Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht wissen, wie wichtig gerade deshalb zwei Jahre später der RUWE-Chef für unsere neue Republik werden würde.
„Wenn er selbst auch nur so gut sortiert wäre.“ Edith nahm einen Schluck Cappuccino und flüsterte: „Früher wäre er hier an unseren Tisch gekommen und hätte mich herzlich begrüßt – aber jetzt …“ Sie probierte vom Apfelstrudel. „Lecker!“
„Aber jetzt? – was ist jetzt mit Herrn Müller?“
„Er glaubt wahrscheinlich, wir würden ihm das zukünftige Geschäft verderben, ich weiß nicht. Vielleicht verspricht er sich irgendeinen Umsatzrekord von diesem Monster und von diesen angeblich hunderten von neuen Mitbewohnern Lichs.“
„Meinst du wirklich?“
„Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass er sich nicht gegen das Monster positioniert. Alles andere ist Spekulation.“
„Frage ihn doch einfach mal.“
„Liebend gerne, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Aber wie gesagt, neuerdings weicht er mir aus, seit er weiß, dass ich zur BfL gehöre.“
In den folgenden Tagen kam ich nicht mehr zum Einkaufen, aber Stella war am Wochenende dort gewesen, und sie hatte am Rande eine Schimpfkanonade einer Kundin anhören müssen.
„Worum ging es denn?“, fragte ich neugierig.
„Natürlich wieder um das Logistikzentrum. Sie schimpfte bei der Kassiererin über den RUWE-Chef, weil er angeblich zu hundert Prozent für den Bebauungsplan sei. Wenn das so bleibe, kaufe sie nicht mehr dort ein. Sie hoffe, dass viele Kunden RUWE boykottieren würden. Geld sei die einzige Sprache, die heutzutage noch verstanden werde und so weiter immer heiter.“
„Puh, das geht aber gar nicht“, sagte ich. „Die Frau hätte das direkte Gespräch mit Herrn Müller suchen müssen. Das ist extrem unfair. Und in welch unangenehme Situation bringt sie die Kassiererin, die naturgemäß loyal zu ihrem Arbeitgeber steht. Die arme Frau an der Kasse hat doch nicht die politischen Attitüden ihres Chefs zu verantworten. Sie hat sie auch nicht gegenüber der Kundin zu bewerten. Also, das war unanständig!“
Die Leserbriefflut türmte sich auf zu einem Tsunami der Entrüsteten. Anfang August erschienen in den Lokalzeitungen gleichlautende Artikel unter einer Überschrift, die aus dem Kernsatz meines Freundes Ben bestand: »Die Wut der Bürger ist groß!«
Man hatte 2.130 Unterschriften gegen das Bauprojekt gesammelt. Sie wurden von Ben Carl und Edith Neuer-Süß rechtzeitig zum Beschwerdeeingabe-Termin an die Stadträtin und den Fachbereichsleiter Bauservice übergeben. Der Bürgermeister und die Erste Stadträtin waren verhindert. Wie das nun mal so ist, wenn man seinem Nichtrespekt Ausdruck verleihen möchte.
Als Ben mir davon berichtete, konnte ich aus meiner Verwaltungserfahrung heraus mit einer Menge solcher despektierlichen Beispiele aufwarten.
„Herr Groß war in Urlaub, und Frau Steegher war krank“, sagte Ben.
„Aber du hattest sie vom bevorstehenden Übergabetermin informiert?“
„Na sicher doch, eine Woche zuvor.“
„Zum Ablauf einer solch wichtigen Frist, sollte man sich als Rathauschef nicht unbedingt in den Urlaub flüchten. Es ist erbärmlich“, sagte ich. Aber ich kannte solche Beispiele zur Genüge. Ich sage nur: mangelnder Respekt vor den Bürgern, mangelhaftes Verständnis von Demokratie.
Am Abend machte ich einen Spaziergang. Vor mir lag das ins Auge gefasste östlich gelegene Bebauungsgebiet. Bisher war der Himmel blau gewesen und die Hochsommersonne strahlte im Westen immer noch kräftig. Sie heizte selbst um sieben Uhr noch die Luft auf. Plötzlich aber kroch dieser merkwürdig dunkle Schokoladenstreifen am östlichen Firmament empor. Es dauerte keine zehn Minuten und er war mir bis auf zwei Kilometer entgegen gekommen. Kurz darauf bildete sich die Milchcreme unterhalb der Schokoladenseite, und nun sah ich es viel genauer als beim letzten Mal. Es regnete dicken Nebel, wenn man bei Nebel von »regnen« sprechen kann.
Ich machte kehrt, denn ich hatte keine Lust, Opfer eines unvorhersehbaren Wetterereignisses zu werden. Doch als ich mich kurz vor Stellas Wohnung umdrehte, war der Himmel frei. Frei wie die Meinung, die wir Bürger bedenkenlos äußern durften. Frei wie die Entscheidungen der Stadtverordneten. Frei wie der Wille des Dr. Wüst und frei wie das Handeln des Arturo Groß.
*
Ich muss Ihnen gestehen, dass ich mich im Moment wie ein billiger Reporter, aber nicht wie ein märchenhafter Erzähler fühle. Es mag dies dem Umstand geschuldet sein, dass ich Wahlkämpfen aufgrund der tonnenweisen hohlen Versprechungen nicht mehr genügend Beachtung und Achtung schenke. Ich versuche nun mein Bestes und krame in meiner Erinnerung, um Ihnen das, was folgt, verständlich zu machen. Denn alles hat mit unserer späteren Freien Republik Lich zu tun.
Es war Mitte August, mitten im Wahlkampf. Die nächste Bürgermeisterwahl stand an. Der Wechsel auf dem Stadtthron würde vier Monate später, im Januar 2020, erfolgen. Ein Kandidat namens Jonas Cäsar, bisher Fraktionsvorsitzender und enger Vertrauter des Bürgermeisters, trat für die Sozialdemokraten an. Die CDU schickte Herbert Will ins Rennen, und ein sich unabhängig gebärdender SPD-naher Ex-Schulleiter namens Rossini, Onkel eines Fernsehkochs, komplettierte das Trio.
Wie Ben mir berichtete, hatten alle drei Kandidaten einen Bürgerentscheid vorgeschlagen. Cäsar preschte vor und verkündete lauthals: „Wir müssen jetzt für Transparenz sorgen. Ein neuer Wind muss wehen. Wir wollen die Bürger auf unserem Weg mitnehmen.“
Also wurde parteiübergreifend eine Bürgerbefragung als Richtungsentscheid ins Spiel gebracht. Ob es dazu kam, sollte aber zuerst einmal in einer offenen Informations- und Diskussionsveranstaltung geklärt werden
Wenn man von Lich kommend an der östlich gelegenen Langsdorfer Höhe vorbeifährt und das westlich gelegene Birklar rechts liegen lässt, befindet man sich auf der L 457, wo man nach sechs Kilometern abzweigen und zu dem Licher Ortsteil namens Langsdorf gelangen kann. Ich möchte Sie bitten, nicht voreilig dieses Örtchen zum Schuldigen zu erklären. Auch wenn dort jener überaus auf Eile bedachte Bauaufsichts-Beamte beheimatet ist, dem die Landrätin der Genehmigungsbeschleunigung zuliebe gleich noch die Naturschutzbehörde unterstellte. Sie erinnern sich. Sie erinnern sich gewiss auch des Sprichworts »Den Bock zum Gärtner machen«? Ich hoffe, ich kann mich auf Ihre Erinnerung verlassen.
Langsdorf hat jener Höhe unmittelbar vor den Toren der Kernstadt lediglich den Namen geliehen. Am Mittwoch, dem 28. August, befanden sich ungewöhnlich viele Licher auf dem Weg dorthin. Das Langsdorfer Bürgerhaus war gerammelt voll, es fasst bis zu 700 Menschen. Schon in vier Wochen würde das Stadtparlament in Lich endgültig über das Mammutprojekt entscheiden. Jetzt aber waren die Bürger an der Reihe. Die Zeit drängte.
Eine berufliche Verpflichtung hatte mich in mein geliebtes Berlin entführt. Ich blieb dort eine ganze Woche und besuchte in meiner Freizeit meine alten Wohn-, Studien- und Arbeitsorte. Sie wissen schon – manchmal, wenn der aktuelle Alltag erdrückend wird, schwelgt man gerne in alten Jugenderinnerungen. Deshalb also konnte ich an der Versammlung nicht teilnehmen.
So berichteten mir später bei einem BfL-Meeting Ben und weitere Mitstreiter über den Verlauf. Für sie war die Veranstaltung „einfach nur peinlich gewesen“, wie Heiner Koschka sagte. „Es hat gezeigt, mit welcher bürokratischen Stumpfheit und Empathielosigkeit über solch eine für unsere Stadt gravierende Baumaßnahme entschieden wird. Es war sehr ernüchternd, Stefan!“
Ich schätzte Heiners Urteil, weil er in den letzten Wochen, seitdem ich ihn kennen lernen durfte, mit großer Sachbezogenheit diskutiert hatte. „Wie lief denn die Versammlung ab? Gab es einen neutralen Moderator?“, fragte ich.
„Natürlich nicht“, antwortete Marietta. Sie war Heiners Gattin und engagierte sich seit Anfang des Jahres gegen »das Monster«. Sie nahm die Begriffe »Logistikzentrum« oder »Langsdorfer Höhe« schon seit langem nicht mehr in den Mund und sprach nur noch vom »Monster«. „Weißt du, Stefan, anfangs langweilte der Bürgermeister mit einer dreißigminütigen Vorlesung über die Geschichte des Baugebietes, was niemanden interessierte. Dann ermüdete er uns mit einem langen Vortrag über Baubestimmungen und über all die vielen Paragraphen und dann mit einem ellenlangen Bericht über Verkehrslenkung. Solche Ermüdungsstrategien hat er wohl in seiner Partei erlernt.“
„Aber es sollte eigentlich doch darum gehen, ob es überhaupt zumutbar ist, den Bürgern ein solches Mammutprojekt mit seinen monströsen Auswirkungen generell vor die Stadttore zu setzen, oder?“, sagte ich mehr erzürnt als erstaunt.
„Genau deshalb wurde das Publikum auch langsam ungeduldig und teilweise aufgebracht“, sagte Heiner. „Jemand aus dem Publikum rief: ‚Was Sie da anpreisen, Herr Groß, klingt wie ein unvermeidbares Naturereignis, dem man sich zu fügen hat.‘ Darauf ging Groß freilich nicht ein. Nachdem der nicht enden wollende Podiumsmonolog seinen Abschluss gefunden hatte, eröffnete der Parteigenosse des Bürgermeisters, der Stadtverordnetenvorsteher Herr Lügge, den Rest des Abends mit den Worten, man solle sich kurz fassen, weil ja alle nach Hause wollten und es sei ja zu warm und zu voll.“
Es schien mir unfassbar, wie hier offensichtlich versucht worden war, die Energie der Leute verpuffen zu lassen und sie systematisch zu ermüden. Man konnte ganz sicher auch von »zermürben« sprechen. „Hattet ihr keine Gelegenheit, die Stellungnahmen von BfL, NABU und LICHerleben darzulegen?“
„Es waren Fragen an die Fachleute erlaubt, wirklich nur Fragen“, sagte Marietta. „Eigene Meinungen, Informationen und Interpretationen hat das Podium des Bürgermeisters immer wieder abzuwürgen versucht, aber nicht immer verhindern können. Jedenfalls stellten wir uns so keine Bürgerversammlung vor.“
„Genau“, ergänzte ihr Mann. „Wir leben zwar in einer repräsentativen Demokratie, das heißt aber nicht, dass unsere Repräsentanten, wenn sie einmal gewählt sind, sich nach ihrem Gusto völlig undemokratisch austoben können.“
An dieser Stelle muss ich vorab etwas einwenden. Um diese Dinge später in unserer neuen Republik sinnvoll und gerecht zu regeln, mussten auch wir lange und intensiv diskutieren. Aber damals, im Frühjahr 2023, hatten wir im Gegensatz zu 2019 eine prima Lösung gefunden.
„Und weiter? Wie ging es weiter?“, fragte ich und wandte mich Ben zu, der uns in seinem Samowar gerade einen Tee zubereitet hatte.
„Den etwa 700 Bürgern in der Volkshalle den Mund verbieten zu wollen, war schlichtweg eine Frechheit“, erklärte Ben. „Dabei ging es den meisten Anwesenden überhaupt nicht darum, Fragen zu den bewusst undurchsichtig gehaltenen Paragrafen, verwirrend dargestellten Bestimmungen und völlig deplatzierten historischen Abhandlungen zu stellen. Dann folgte ein undurchsichtiges Zahlengewirr. Es war aber völlig für die Katz. Denn das eloquent vorgetragene Zahlenspiel lässt sich letztlich nur auf dem Papier vollumfänglich beurteilen und nicht, wenn einem die Zahlen ohne Visualisierung um die Ohren fliegen.“
Heiner Koschka nickte zustimmend. „Aber auch die Stadtverordneten, die doch besten Zugang zu den Daten haben sollten, konnten dem im Schnelldurchgang präsentierten Zahlenwerk nicht folgen“, ergänzte er. „Selbst ihre Prognosen haben sich ja in den letzten Monaten permanent verändert. Den meisten Bürgern in und vor dem Saal ging es darum, ihre Meinung und alternativen Vorschläge vorzubringen und die Stadtverordneten zum Umdenken zu bewegen. Aber dem Stadtchef ging es nur um eines: Verwirrung.“
Ich war fassungslos, weil man die gutgläubigen Menschen wieder einmal so hingehalten hatte. Aber noch fassungsloser war ich, als Ben mir über ein Schmankerl am Rande berichtete: „Ich traute meinen Augen nicht, als ich Birgit Karstadt, die Reporterin von der Mittelhessischen Allgemeinen, das Podium besteigen sah. Was hat die jetzt da oben zu suchen, fragte ich mich, und dann sah ich, was sie suchte. Den engen Kontakt! Sie ging völlig ohne Scham auf den Bürgermeister zu, umarmte ihn herzlich, ein Bussi links, ein Bussi rechts, alles auf offener Bühne. Neutrale Presse, dachte ich. Träum‘ ich oder seh‘ ich nicht recht: Die Frau Karstadt, die in ihren redaktionellen Beiträgen immer darauf achtet, dass die Bürgereinwände nicht zu Wort kommen. Dafür der verehrte Herr Bürgermeister umso mehr. Daher wehte also der Wind.“
Puh, das war selbst mir nicht geheuer und ich dachte, wie blöd muss solch eine eitle Dorfreporterin sein, wenn sie denkt, ihre persönlichen Beziehungen nicht verstecken zu müssen. Und ich sagte laut: „Eine sehr ehrliche Haut, diese Vierte Gewalt!“ Dann nippte ich an Bens Tee aus dem Samowar. Er schmeckte hervorragend, Darjeeling, first flush, wie ich ihn mochte. Nun war ich gut informiert und wieder auf dem Laufenden. Gegen Ende der Besprechung wurde ein Leserbrief für die immer noch tobende Presseschlacht entworfen. Zwei Tage später war er tatsächlich in der Mittelhessischen Allgemeinen abgedruckt:
„Die Versammlung in der Langsdorfer Volkshalle war ernüchternd. Was fast allen der dort anwesenden Bürgern klar ist, jedoch in die städtische Entscheidungsfindung nicht gebührend eingeflossen ist: In den letzten 20 bis 30 Jahren ist einiges in der Welt passiert. Vor allem hat die Klimakatastrophe konkrete Formen angenommen. Mehr als 70 Prozent der Insekten sind verschwunden, Wasser wird knapp und der Wald stirbt.
Das erfordert ein verantwortungsvolles Umdenken von allen und auf allen Ebenen. Das mochten die Herren auf dem Podium emotional und unsachlich finden. Es sind allerdings unwiderlegbare Fakten, Sachfakten, nichts Fiktives! Und wir versiegeln weiter kräftig die Naturflächen – ohne Not! Bebauungs-Entscheidungen sollten das berücksichtigen. Die Stadtväter sollten sich die Fakten zu Herzen nehmen. Emotionale Kälte ist in diesem Punkt nicht angesagt.
Aber auch jenseits dieser ökologischen Gedanken wollen die meisten Licher nicht in Beton, Kunststoff, LKW-Lärm und architektonischer Hässlichkeit ersticken, sondern Lich so erhalten, wie sie es lieben. Warum hat die Stadt ihre Bürger nicht vorher ehrlich, voll umfänglich und vertrauensvoll einbezogen? Weil gemauschelt wurde? Wir fordern die Stadtverordneten auf, dem Bebauungsplan am 25. September nicht zuzustimmen. Tretet mit den Menschen in einen echten Dialog! Ermöglicht einen Bürgerentscheid!“
Als Dr. Wüst von der Absicht eines Bürgerentscheides erfuhr, wurde er ungehalten. So war das nicht abgemacht. Er rief abends Groß an, auf der privaten Leitung, man wusste ja nie. Man musste schnell handeln. Überrumpeln oder Bürger etwas entscheiden lassen – das eine schloss das andere aus.
„Was soll das?“, fauchte er ins Telefon. Wüste Drohungen waren angesagt. Aber das Fauchen aus seinem kleinen Klangkörper klang lächerlich, wenn er an seine Fistelstimme dachte. Er schaltete einen Gang runter, schaltete auf eine tiefere Stimmlage, und seine Stimme deutete damit wie von selbst auf eine äußerst ernste Situation hin.
„Es ist nicht meine Idee“, entschuldigte sich Arturo Groß. „Der Stadtverordnetenvorsteher konnte es nicht verhindern. Es bestand trotz seines Amtsbonus keine Chance, die Versammlung in eine andere Richtung zu lenken.“
„Schlecht. Sehr schlecht. Sehr unprofessionell. Wir müssen die Presse einschalten. Am besten nimmst du gleich morgen früh Kontakt zu deiner Pressefavoritin auf. Sag ihr, du hättest eine Nachricht von mir erhalten, dass das Projekt auf der Kippe steht. Wenn ein Bürgerentscheid erwogen würde, würde ich abspringen. Dann soll Lich sehen, wie es mit den entstandenen Kosten klarkommt.“
„Die Leute sind derart rüpelhaft und uneinsichtig!“, ereiferte sich Groß. „Vielleicht haben wir aber auch Glück. Wollen wir nicht abwarten, wie ein Entscheid dieser Wichtigtuer ausgeht? Es ist doch gar nicht sicher, dass diese Rüpel die Mehrheit kriegen.“
„Wie naiv bist du denn?“ Werner Wüst war gewohnt Klartext zu reden. „Wenn wir die erst abstimmen lassen, ist der Karren so gut wie an die Wand gefahren. Die typisch deutschen ewigen Bedenkenträger werden ihre Schafsherde schon zusammentreiben. Stimmvieh!“
„Also gut, ich rufe Birgit an.“
Zwei Tage später erschien ein groß aufgemachter Artikel in der »Mittelhessischen Allgemeinen«:
Logistikzentrum Ja oder Nein – alles steht auf der Kippe! Von Birgit Karstadt
Eine Bürgerbefragung soll den Stadtverordneten, die eigentlich unabhängig und nur ihrem Gewissen verpflichtet sein sollten, den Weg weisen. Für Investor Dr. Werner Wüst ist das keine Option: „So viel Zeit haben wir nicht!“ Ein Ja für ein Bürgervotum bedeute ein Nein zum Logistikzentrum. Dann würden alle Zelte sofort abgebrochen. Und damit keine Zweifel aufkommen: „Wenn die Stadtverordneten einer Bürgerbefragung zustimmen, dann wäre das der Todesstoß für das Projekt“, sagt Dr. Wüst, der Vorstandsvorsitzende der Wüst AG. Ohne ein eindeutiges Bekenntnis zur Logistikhalle werde man in zwei Wochen den Stecker ziehen müssen, denn: „Der Schaden wird täglich größer.“
Der Investor hat bereits einen Mietvertrag über fünfzehn Jahre mit einem interessierten Nutzer abgeschlossen. Scheitere das Logistikzentrum, so betonte der Manager, müssten Investor und Kommune mit wirtschaftlichen Schäden in Millionenhöhe rechnen. Die Wüst AG habe sich nicht nur dem künftigen Mieter gegenüber vertraglich verpflichtet, sondern auch bauliche Vorleistungen beauftragt und müsse sich von diesen beiden Seiten auf Schadensersatzforderungen einstellen. Und was die Stadt betrifft, so sagt der Investor, wäre das Grundstück beim Scheitern der Bebauung für immer »verbrannt«. Die Wüst AG sei eines der führenden Unternehmen im Bereich Bau und Immobilien. „Wenn wir hier scheitern, traut sich keiner mehr.“
„Die reinste Erpressung, was der Wüst da veranstaltet“, sagte Stella, als wir den Artikel gelesen hatten. „Ist doch sein unternehmerisches Risiko, wenn er ohne endgültiges Votum unserer gewählten Vertreter schon Mietverträge abschließt. Einfach unglaublich, diese freche Unternehmer-Unart. Ein derart abgekartetes Schauspiel erlebt man selten.“
„Da bin ich anderer Meinung. Es ist in unserem Land inzwischen lange schon Usus.“
Ich kochte innerlich, wusste aber, dass meine Erregung nichts nutzte. Man musste klaren Kopf behalten. Ich trat auf den Balkon hinaus.
Und dann plötzlich war er wieder da, dieser Kinder Riegel. Genau vier Tage vor meinem Geburtstag, am 8. September, einem Sonntag, zog sich der Himmel schlagartig zu. Von Stellas Balkon aus konnte ich die ungewöhnliche Formation und ihre übergangslose Erscheinung genau beobachten.
Erst erschien der dunkle Schokoladenstreifen am Horizont, um sich sodann gelassen auf uns zuzuschieben – wie siegessicher. Die Front kam näher auf unsere Stadt zu, und dann stoppte sie abrupt, und es floss diese Milchcreme aus der Schokolade und ergoss sich wie ein dicker zäher Nebelschleier auf das Wüst-Gelände. Jedenfalls schien es so. Genau sehen konnte ich es von hier aus freilich nicht. In diesem Augenblick hatte ich den Eindruck, dass dieses aufziehende Unwetter durchaus in der Lage sein könnte, uns oder einen Teil von uns – oder eben das Wüst-Gelände – zu verwüsten. Ich sah unsere Heimat zu einer einzigen Öde werden.
Ich rief Stella, die in der Küche das Mittagessen zubereitete, damit sie das komische Wetterphänomen beurteilen möge. Aber Stella überschrie den Lärm des laufenden Kochfeldabzugs: „Ich kann nicht rauskommen. Die Sachen verbrutzeln sonst. Nachher gucke ich es mir an, jetzt geht’s nicht, sonst kann ich alles in die Biotonne kloppen!“
Als Stella zehn Minuten später das Essen im Wohnzimmer auftischte und ich beim Tischdecken behilflich war, sahen wir beide durch die breite Fensterfront, mit der Stellas Wohnung gesegnet war. Der zweischichtige Kinder Riegel oder die Milchschnitte – oder was immer sich da oben am Himmel herumtrieb – war verschwunden. Als hätte jemand den Stecker gezogen.
„Gut so“, sagte Stella. „In einer Stunde beginnt der Schweigemarsch, den deine Freunde von der BfL organisiert haben. Da bleiben wir wenigstens trocken.“
Dabei hätte zumindest mir eine Erfrischung gut getan. Kein Wasserfall natürlich! Kein Sturm, kein peitschender Regen oder Hagel und auch kein undurchdringlicher Nebel – nein, eine einfache Dusche. Denn ich war nassgeschwitzt.
Wir waren 1.500 demonstrierende Licher Bürger. Wir kamen von der Langsdorfer Höhe und marschierten still durch die Straßen der Stadt. Es gab zu Beginn und zum Abschluss die üblichen Ansprachen, kurz aber eindringlich und sachlich gehalten. Schweigend zogen wir durch unser liebliches Städtchen. Wenn doch jemand meinte, etwas sagen zu müssen, flüsterte er.
1.500 von 14.000 Bürgern, ein enormer Prozentsatz, wenn man bedachte, dass sich das Bürgertum sehr schwer aus seinen weichen Sesseln erhebt. Jedenfalls wussten wir die schweigende Mehrheit auf unserer Seite. Aber später behaupteten die »Wüstlinge«, wie jemand das Management des Betreibers bezeichnet hatte, die schweigende Mehrheit sei schon immer für sie gewesen. Doch das stimmte zu keiner Zeit. Es ließ sich auch daran abmessen, dass es keine einzige Demo für das Monster gab.
Wenn überhaupt, dann hatte das Monster jene Clique von Befürwortern, die direkt oder indirekt mit der Wüst AG verbandelt war. Leute, die sich Vorteile erhofften, wenn sie ihnen nicht gar handfest versprochen worden waren. Ausgenommen vielleicht der beflissene Leserbriefschreiber, Herr Alt. Sagen wir: möglicherweise ausgenommen! Er war vermutlich einer derjenigen, die sich freiwillig vor den Karren spannen ließen. Sehr wahrscheinlich aber gab es damals schon ein paar andere Denunzianten und Handlanger, wie wir später, zur Zeit der Freien Republik, feststellen mussten.
„Solche Menschen gibt es immer“, meinte Ben. „Selbst unter den geknechtetsten Sklaven gab es zu jeder Zeit welche, die den Sklavenhalter hochleben ließen und auf ihresgleichen eindroschen.“
Ich möchten Ihnen, liebe Leser, nicht verschweigen, dass mich an diesem Schweigemarsch eine besondere Begegnung faszinierte. Stella musste am Ende der Veranstaltung dringend aufs Örtchen und war vorausgegangen, während ich mir Zeit ließ und mich nach Ben umschaute. Aber auch er war wohl schon gegangen. So schlenderte ich gegen Ende der Demonstration am Rathaus vorbei, und dort machte ich unvorhergesehener Weise die Bekanntschaft mit einem jungen Mann. Er war damals noch sehr jung, strahlte jedoch etwas aus, was ich heute nur mit der Persönlichkeit unseres lebenserfahrenen 84-jährigen Stammesältesten, Ludwig Henrich, vergleichen kann.
Arnold Aurora, so war sein Name, wie ich sehr viel später erfuhr, war von schlanker, großer Statur, trug ein Stirnband in königsblau und seine brünetten Haare schulterlang. Seine offenen und großen bernsteinfarbenen Augen strahlten Zuversicht und Zielstrebigkeit aus. Aber eine irgendwie andere Zielstrebigkeit, als die von Bürgermeister Groß oder die des hinterlistigen Dr. Wüst. Arnold Auroras Aura wurde nicht von jener Verbissenheit geschmälert, wie sie politischen Eiferern, geldgierigen Casinokapitalisten oder bestechlichen Politbonzen eigen ist.
Ich wurde auf diesen jungen Mann – ich schätzte ihn auf 26 oder 27 Jahre – aufmerksam, als ich nach Hause gehen wollte und gerade an einer Gruppe von vielleicht dreißig jungen Leuten vorüberkam. Es herrschte eine auffallende Stille, nur eine einzige Stimme war zu hören. Ich sah zwei Schilder mit der Aufschrift »Fridays for Future«. Natürlich war mir diese globale soziale Bewegung bekannt. Sie ging von Schülern und Studierenden aus, die sich für möglichst umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen einsetzten.
Ich trat näher an die Gruppe heran. Im Schweigekreis dieser jungen Leute stand damals Arnold und redete. Er redete in unaufdringlichem Ton und doch äußerst einprägsam. Es waren nur ein paar Wortfetzen, die ich anfangs aufgeschnappt hatte, aber sie animierten mich endgültig zum Innehalten und Zuhören. Ich nahm instinktiv mein Handy heraus, um seine Worte aufzufangen.
»Es tut mir leid, aber ich möchte nun mal kein Besserwisser sein, denn das liegt mir nicht. Wir Jungen haben dennoch eine Generationen übergreifende Aufgabe, eine Pflichtaufgabe, keine Kür, weil wir wissen, dass etwas besser gemacht werden muss. Wir wissen es. Wir können unser Wissen nicht zurückhalten. Wir können und dürfen nicht schweigen. Unser Schweigemarsch bringt unsere Trauer zum Ausdruck. Aber jetzt ist es vorbei. Jetzt reden wir. Es geht um unsere Zukunft auf diesem Planeten.
Ich denke, wir möchten weder andere beherrschen, noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer wir können.
Den Menschen im Nahen Osten, in Afrika und den politisch Gefangenen, wo immer man sie hinter Gittern schmachten lässt. Den Flüchtlingen, den Armen, den Gläubigen und den Atheisten, den Farbigen, den Weißen. Aber wir wollen jetzt und hier vor Ort den Bewohnern zur Seite stehen und damit uns selbst helfen. Lich ist unsere Heimat. Die übergroße Mehrheit von uns lebt nicht in fernab gelegenen Villengegenden.
Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir sollten das Glück teilen und dem Goldenen Kalb abschwören. Wir brauchen eine andere Politik, ohne Mammon als Herrscher.
Ohne Unterdrückung und Sklaverei, ohne prekäre Arbeit und demütigende Tafeln, ohne Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Wir brauchen Mitmenschlichkeit und eine Welt, an der alle teilhaben und nicht einander verabscheuen.
Wir brauchen das Recht auf Eigentum, aber es muss verpflichten und die Pflichten müssen kontrollierbar sein.
Wir brauchen Liebe. Mehr Liebe für einander. Mehr Toleranz! Aber alles braucht auch seine Grenzen.
Hass und Verachtung bringen uns niemals näher.
Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden, und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen. Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein. Wir müssen nur wieder zu leben lernen. Die Langsdorfer Höhe – vom Raumschiff aus betrachtet – mag nur ein äußerst kleiner Fleck auf dieser unserer Erde sein. Aber dieser Fleck gehört uns und nicht dem Mammon. Es ist unsere Natur, die keiner dieser Politiker – ob hinter unserem Rücken oder vor unseren Augen! – versilbern darf.
Die Habgier hat das Gute in unseren Machthabern verschüttet, und Korruption hat die Seelen vergiftet. Hinterlist und Bankkonten regieren und man ist bereit, die Natur zu erwürgen. Um der kurzfristigen Vorteile willen! Alleine der kurzzeitigen Vorteile willen!
Die Licher Stadtfürsten haben die Geschwindigkeit zu ihrem Politikstil gemacht, aber innerlich sind sie stehen geblieben. Die politischen Entscheidungsträger drängen uns und wollen mit Schnellschüssen unseren Lebenstraum zerstören. Sie versprechen viel, aber sie sagen nichts. Sie sind hochmütig und im Inneren kalt und hart. Sie reden von Kompromissen, aber denken nicht im Entferntesten an eine Umkehr. Noch nicht einmal, wenn der Weg in eine Sackgasse führt. Stoppschilder übersehen sie.
Geld regiert die Welt. Es ist, wie es scheint, eine Welt der Maschinen und Computer. Eine Welt der Maschinenmenschen. Gekünstelte Intelligenz. Wo aber bleibt der Humanismus? Wo bleiben intelligente Visionen? Geld macht erfinderisch, die heutigen Herrscher sind erfindungsreich. Sie erfinden Lügen, um uns hinzuhalten. Sie lügen ohne sich zu schämen, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Um ihre hinterrücks mit Gold bezahlte Agenda durchzupeitschen. Sie bezirzen die Redakteure. Aber wir Jungen werden das Ruder herumreißen.
Wir wollen andere Wege gehen. Zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst kommen Computer und Maschinen. Toleranz und Güte und Liebe zur Natur sind unsere Prämissen. Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert. Da helfen weder Digitalisierung noch Automatisierung.
Euch, die ihr mir so geduldig zuhört, rufe ich zu: Ihr dürft nicht verzagen!
Die politisch Agierenden, die heute die Menschlichkeit und die Schöpfung mit Füßen treten, werden nicht immer da sein.
Ihre grausame Rücksichtslosigkeit stirbt mit ihnen – und auch ihr Hass und ihre Verachtung uns gegenüber.
Die Freiheit, die sie uns vielleicht in nächster Zeit nehmen werden, wird uns dann zurückgegeben.
Aber wir werden kämpfen müssen gegen die Korruption dieser kaltblütigen Maschinenmenschen mit ihren Maschinenköpfen und Maschinenherzen.
Wir sind keine Roboter, wir sind Menschen! Für die Freiheit ist uns kein Opfer zu groß. Bewahrt euch die Menschlichkeit in euren Herzen und hasst nicht! Nur wer nicht geliebt wird, hasst! Nur wer nicht geliebt wird!
Wir, als die junge Bevölkerung unserer Stadt, haben es in der Hand, unser Kulturgut zu erhalten. Es liegt an uns, dieses Leben einmalig kostbar zu machen, es mit wunderbarem Freiheitsgeist zu durchdringen und dem Goldenen Kalb die kalte Schulter zu zeigen.
Daher im Namen der Demokratie: Lasst uns diese Macht nutzen! Lasst uns zusammenstehen! Lasst uns kämpfen für eine neue Politik, für eine anständige Politik! Die jedermann gleiche Chancen gibt, die der Jugend eine Zukunft und den Alten Sicherheit gewährt. Die unsere Heimat bewahrt und schützt.
Versprochen haben die Heuchler das auch, deshalb konnten sie im Stadtparlament ihr Unwesen treiben. Das war Lüge, wie überhaupt alles, was sie euch versprachen, diese Verbrecher. Diktaturen, ob verdeckte oder offene, ob demokratisch verbrämte oder nur vorübergehende Diktaturen – sie alle beginnen immer mit Lügen und Tricksereien. Die kleinen oder die großen Führer wollen die Freiheit nur für sich, das Volk soll in Unwissenheit versklavt bleiben. Und alles dem Mammon zuliebe! Nur ihm zuliebe!
Lasst uns diese Ketten sprengen! Lasst uns kämpfen für eine bessere Welt! Lasst uns kämpfen für die Rettung der Natur auf der Langsdorfer Höhe, das ist ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Wir wollen für unsere Gesundheit kämpfen, für eine intakte Umwelt, für unsere Selbstbestimmung, für ein lebenswertes Lich.
Lasst uns kämpfen für eine Welt der Sauberkeit. In der die Vernunft siegt, in der Fortschritt und Wissenschaft allen zum Segen gereichen.
Freunde, im Namen der Demokratie: Dafür lasst uns streiten!«
Ich glaube, dass ich am Abend jenes Tages seit Ewigkeiten das erste Mal wieder das Gefühl hatte, es sei noch nicht alles verloren. Stella schaute sich mein Video mit der Rede des jungen Mannes an und musste heulen. Er war ihr gelegentlich schon aufgrund seiner außergewöhnlichen Erscheinung aufgefallen, aber sie kannte ihn nicht. Ich wischte Stellas Tränen ab und sagte, sie sei eine Heulsuse. Aber dann kullerten selbst mir einige Tränen über die Wange.
Jetzt musste Stella lachen und sagte: „Selber Heulsuse!“ Sie gab mir einen Kuss.
Der Tag war anstrengend gewesen. Wir redeten nicht mehr groß darüber. Irgendwann fielen wir erschöpft ins Bett und liebten uns.
Mitte September beklagte der Lokalteil-Chef des Mittelhessischen Anzeigers mangelnden Respekt und ein mangelndes Demokratie-Verständnis. Doch nicht bei den offiziellen politischen Akteuren vermisste er diese Eigenschaften, sondern bei der Bürgerbewegung. Tatsächlich mangelte es dem Redakteur, wie Ben später befand, an der Fähigkeit, das politische Geschehen angemessen und ausgewogen einzuordnen.
„Vielleicht hatte er keine liebevolle Nacht hinter sich“, meinte Stella, als sie mir den Meinungskommentar des Lokalteilchefs beim Morgenkaffee vorlas.
Die führenden Stadtköpfe hatten mit einem äußerst trickreichen Verfahren die von allen Parteien und Bürgermeisterkandidaten versprochene Bürgerbefragung abgebügelt. Dabei hatte Cäsar eine unrühmliche Doppelrolle gespielt. Und ebenso der Stadtverordnetenvorsteher. Er hatte abgewartet, bis sich die Stimmverhältnisse abzeichneten, dann, als es Halbe-Halbe stand, entschied sich der sozialdemokratische Gefolgsmann des noch amtierenden alten Bürgermeisters für eine Stimmenthaltung.
„Das kam einer Ablehnung gleich. Er selbst hatte auf der Langsdorfer Bürgerversammlung so getan, als befürworte er die Befragungsaktion unter Einbeziehung unserer gesamten Bürgerschaft, dieser Heuchler! Diese Stimmenthaltung war mit Cäsar, seinem Fraktionsvorsitzenden abgesprochen; anders ist so ein Vorgehen nicht denkbar!“, hatte Ben am Ende der Sitzung gemeint. „An diesem Tag hat die Stadt Lich durch diese treulosen »Stadtväter« ihre Unschuld verloren. Sie sind schlimmer als Stiefväter, sie sind Verräter!“
Natürlich hatte der Vorgang zu großem Unmut geführt. Vor dem Rathaus hatten eine Menge Bürger, die man nicht herein gelassen hatte, lautstark protestiert. Im Meinungsartikel hierzu hatte der Kommentator allerdings einiges durcheinander gebracht. Da wurde behauptet, Bürger hätten keinen Respekt gezeigt vor dem Recht und den gewählten Volksvertretern. Und als Journalist im Parlament traue man sich nicht mehr, vor die Rathaustür zu gehen, weil dort der Mob tobe.
Es mangele an Demokratieverständnis bei den Gegnern des Großprojektes. Man störe sogar eine Totenehrung – das Gedenken an einen vor einigen Monaten verstorbenen Ex-Bürgermeister.
„Aber woher sollten die protestierenden Bürger von dieser Ehrung etwas wissen? Sie wussten nichts davon, nichts! Schließlich waren sie wegen der Abstimmung zur beabsichtigten Bürgerbefragung gekommen. Wegen nichts anderem. Nun hat man sie sogar darum betrogen“, sagte Ben entrüstet.
Überhaupt, wer gedacht hatte, die Bevölkerung beruhige sich und lasse alles mit sich widerstandslos geschehen, wurde eines Besseren belehrt. Die Leserbriefflut gegen das Monster flaute nicht ab. Am Morgen meines Geburtstags goss Stella uns beiden ein Gläschen Mumm ein und gratulierte mir mit einem dicken Kuss. „Ich glaube, dass dir einige Ärzte eine Art Leserbriefständchen gehalten haben.“
Ich sah Stella fragend an.
Sie deutete auf das Wochenblatt und drückte es mir in die Hand. Ich überflog die Überschrift.
„Na und? Das ist ein Offener Brief an die Mitglieder des Stadtparlaments“, sagte ich.
„Ja, und die unterzeichneten Ärzte bestätigen haargenau deine Ansicht. Mit der enormen Verkehrsbelastung wird es zu gravierenden gesundheitlichen Folgen kommen. Lies‘ doch mal.“
Ich las: Staus und Lärmbelästigung sind bei diesem Bauprojekt und der vorgesehenen Größenordnung vorprogrammiert. Umwelt- und gesundheitliche Schäden sind jedoch vor allem indirekt wahrnehmbar, beispielsweise Luftverschmutzung durch Feinstaub und Stickoxide. Es ist davon auszugehen, dass das Kleinklima der Stadt Lich massiv gestört wird. Wir warnen aus medizinischer Sicht vor einem langfristigen Anstieg von chronischen Bronchitiden, Asthma bronchiale, Lungenentzündungen und sogar Lungenkarzinomen. Mögliche Langzeitfolgen von chronischer Lärmbelästigung sind unter anderem Änderungen bei biologischen Risikofaktoren, zum Beispiel Blutfette oder Blutzucker, und Auslösung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wir sind überzeugt, dass Sie unsere Sorgen verstehen.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Prof. Dr. Dr. Franz Imminger, Medizinischer Direktor der Universitätsklinik Gießen; Prof. Dr. Gerd Göbel, Chefarzt a. D. des Klinikums Lich; Dr. Alfred Mannlow, Arzt für Allgemeinmedizin, Lich, Prof. Dr.med. Ralf Naumann, Villingen
Ich gab die Zeitung an Stella zurück und sagte: „Ich glaube allerdings nicht, dass die Betonköpfe unter den Stadtverordneten die gravierenden Sorgen der Mediziner verstehen.“
Der Chef des RUWE-Marktes, Udo Müller, hatte eine Woche später andere gravierende Sorgen. Er fühlte sich bedrängt von den zunehmenden Boykottaufrufen gegen sein Geschäft. Als ihn Edith Neuer-Süß darauf ansprach, um auch ihr Missfallen zu diesen Facebook-Aufrufen zu bekunden, schüttete er ihr sein Herz aus.
„Wissen Sie, die Meinungsfreiheit steht bei mir ganz oben auf der Einkaufsliste, aber das provozierende Verhalten mancher Bürger, die sich auf diese Freiheit berufen, schockiert und entsetzt mich.“
„Was meinen Sie konkret?“
„Die letzte Sitzung des Stadtparlaments, dessen Mitglied ich als gewählter Vertreter der Freien Wähler bin, hat mich wahrhaftig erschüttert und persönlich getroffen. Die Sitzung wurde bewusst gestört, die anwesenden Vertreter der Stadt, inklusive des Bürgermeisters wurden beschimpft und auch durch Zwischenrufe beleidigt. Die Bürgerinitiative hat sich damit selbst geschadet.“
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