Read the book: «Scheiß auf perfekt!»
»My name is nobody, and nobody is perfect.«
UNBEKANNTER VERFASSER
STEFAN DEDERICHS
Scheiß auf perfekt!
Mit Mut zur Lücke glücklich leben

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© 2021 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
Das E-Book basiert auf dem 2021 erschienenen Buchtitel »Scheiß auf perfekt! Mit Mut zur Lücke glücklich leben« von Stefan Dederichs © 2021 GABAL Verlag GmbH, Offenbach.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN Buchausgabe: 978-3-96739-040-7
ISBN epub: 978-3-96740-053-3
Redaktionelle Unterstützung: text-ur Agentur Dr. Gierke, Köln | www.text-ur.de
Lektorat: Anja Hilgarth, Herzogenaurach
Umschlaggestaltung: SCOPE we think design / Insa González | scope-ffm.com
Umschlagabbildung: Istvan Hajas / Shutterstock
Autorenfoto: Steffen Löffler | stlart.de
Satz und Layout: Das Herstellungsbüro, Hamburg | www.buch-herstellungsbuero.de
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Inhalt
Einleitung: Der Mut zur pragmatischen Lücke
Test: Wie perfektionistisch bist DU?
Kapitel 1: Perfektionismus verstehen
Der Unterschied zwischen normalem und neurotischem Perfektionismus
Perfektionismus ist Glück und Makel
In der Echokammer des Perfektionismus
Die Fesseln des Perfektionismus
Das Pareto-Prinzip und die Perfektion
Sind Sie ein Leistungs- und Glücksverhinderer?
Ursachen für übermäßigen Perfektionismus
Kapitel 2: Mit Mut zur Lücke mehr Zufriedenheit im Privatleben und im Umgang mit sich selbst
Von der Anerkennung und dem Gefühl, gemocht zu werden
Einmischen – ein Garant für Konflikte
Das richtige Maß der Dinge
Der Wahn der Selbstoptimierung
Perfektionismus und Unglücklichsein
Mittelmaß muss nicht immer Sünde sein
Das Recht, sich selbst zu lieben
Das Potenzial seiner Stärken nutzen
Perfekte Eltern: Gibt es das überhaupt?
Perfektionismus und Politik
Kapitel 3: Mit Mut zur Lücke zur glücklichen Beziehung
Auf der Suche nach dem perfekten Partner
Die rosarote Brille und die Realität
An der Beziehung arbeiten und Gemeinsames schaffen
Sage mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer du bist
Kapitel 4: Mit Mut zur Lücke gesund leben
Warum Perfektionisten gefährlicher leben
Weniger ist oft mehr
Gesunder Lebensstil durch Ausgewogenheit
Kapitel 5: Mit Mut zur Lücke zu innerem Reichtum
Äußerer Reichtum sorgt nur für ein extrinsisches Glücksgefühl
Intrinsische Zufriedenheit führt zu innerem Reichtum
Auf der Suche nach der wahren Bestimmung
Kapitel 6: Mit Mut zur Lücke den Beruf rocken
»Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen«
Einfach anfangen: Die berufliche Veränderung wagen
Der Fehler – ein Zeichen der Stärke
Perfektionismus im Unternehmen als Hindernis
Gegen den Null-Fehler-Perfektionismus: Vom Mut, Dinge auch abzuschließen
Das perfekte Team: Alptraum oder Segen?
Den beruflichen Gipfel mit realistischen Zielen erstürmen
Mut zur Lücke – aber nicht bei der Pünktlichkeit
Verhindert Perfektionismus Leistungsstärke?
Kapitel 7: Mit Mut zur Lücke das Glück finden
Von der Kunst des Lebens
Die Suche nach dem »perfekten Glück«
Viele Menschen verwechseln Glück mit Erfolg
Entscheidungsstarke Menschen sind oft glücklich(er)
Der Sinn des Lebens – die philosophische Grundaufgabe der Menschen
Ein unperfektes Schlusswort
Auswertung des Tests
Literatur und Quellen
Über den Autor
Einleitung: Der Mut zur pragmatischen Lücke
Mit der Perfektion ist es so eine Sache. Die einen preisen sie als Nonplusultra an Qualität und Effektivität, die anderen halten sie für überflüssigen Leistungsdruck. Was stimmt denn nun? Sollen wir es nun perfekt machen oder lieber nicht? Ab wann sind wir krankhaft perfektionistisch, ab wann zu oberflächlich? Egal, welche Meinung wir einholen, sie hilft uns meist nicht weiter. Dafür ist das Thema viel zu komplex – und dafür gehen viel zu viele Menschen von ihrer Privatmeinung aus, das ist auch nicht hilfreich. Was uns aber weiterhilft, ist, sich mal intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen – und das wirklich richtige Maß für sich selbst zu finden. Und davon kann ich »ein Lied singen«!
Ich selbst bin viele Jahre lang der Perfektion hinterhergelaufen, habe krampfhaft versucht, alles richtig zu machen. Ich glaubte, ich sei nicht gut genug, ich müsse besser sein, immer besser als alle anderen. Ich war nie mit mir und meiner Leistung zufrieden, habe mich immer mit anderen verglichen und so eine Depression entwickelt, aus der ich nur schwer wieder herauskam (wer über diese Phase der tiefen Depression und wie ich darüber mein Glück fand, nachlesen will, dem sei mein Buch »Glücksmacher« – siehe Literaturliste – empfohlen). Denn egal, wie sehr ich mich anstrengte, wirklich perfekt war ich meiner Meinung nach nie, und darum stellte sich, so wie ich gepolt war, nie ein Zufriedenheitsgefühl ein. Für alles brauchte ich viel zu viel Zeit, weil ich mich mit den letzten Kleinigkeiten unheimlich aufhielt. Und glücklich war ich mit meiner Leistung dennoch nicht. Oft habe ich mich gar nicht erst getraut, mit etwas zu starten, weil ich der Meinung war, dass ich es sowieso nicht gut genug hinbekommen würde. Paralyse durch Analyse – ich habe so genau geplant und immer wieder hinterfragt, dass das Tun, das Umsetzen, zurückstand. Das Streben nach der höchstmöglichen Stufe der Perfektion, die ich so aber nie erreichen konnte, hat immer mehr dazu geführt, dass ich mich in mich selbst zurückgezogen habe, immer unglücklicher wurde. Heute sage ich im Rückblick: Bevor sich etwas bei mir verändern konnte, musste ich erst einmal die Ursache für das Streben nach der unerreichbaren Perfektion erkennen.
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Wenn du das Gefühl hast, dass du zu sehr nach Perfektion strebst und dies dein Glücklichsein verhindert, dann suche nach der eigentlichen Ursache, die dich antreibt und nicht zur Ruhe kommen lässt, denn diese maskiert sich nur mit der vorgeblichen Perfektion.
Wie gern hätte ich in der Jugend ein Musikinstrument gelernt. Da meine Musiklehrerin mir jedoch bei jeder Gelegenheit bestätigte, wie unmusikalisch ich doch sei, habe ich mich gar nicht erst getraut, mit einem Instrument zu beginnen. Ich erkannte nicht, dass, egal wie gut ich auch sein würde, es immer jemanden geben würde, der noch besser ist – und dass das aber egal sein müsste für meine Freude an der Musik! Es dauerte viele Jahre, bis ich verstanden habe, dass sich dies auch nie ändern wird. Mein Fehler bestand darin, dass ich mich ständig mit anderen verglichen habe, und nicht mit mir selbst.
Es gab in der Schule einen Mitschüler, der wirklich brillant Gitarre spielte, er hatte bereits mit fünf Jahren mit dem Unterricht begonnen. Bei Schulaufführungen war er jedes Jahr der King. Auf diesem Leistungsniveau hätte ich in absehbarer Zeit niemals spielen können. Mein Anspruch an diese nicht erreichbare Perfektion war so hoch (und die Aussage meiner Musiklehrerin klang so nachhaltig in meinen Ohren), dass ich vor dem möglichen Gitarre-Start schon verzagte. Heute weiß ich: Ich hätte nur mich selbst, meine Ansprüche und Erwartungen an mich selbst als Vergleichsmaßstab heranziehen dürfen. Ich hätte mich nur mit meiner eigenen Leistung vergleichen dürfen. Einfach jeden Tag ein wenig besser werden – das wäre der richtige Weg gewesen, der direkt ein besseres Gefühl in mir verursacht hätte. Hätte ich mit einem Instrument begonnen und dann meine Fortschritte nur mit meinem eigenen Können verglichen, hätte ich gleich richtige Glücksmomente erlebt.
Der Wille zu wachsen und sich immer weiter zu verbessern ist im privaten und im beruflichen Bereich sehr wichtig; dazu ist in den meisten Fällen eine übermäßige Perfektion jedoch nicht erforderlich. Mit 45 Jahren habe ich mich endlich durchgerungen, nicht mit dem Gitarre-, aber mit dem Saxofonspielen zu beginnen. Natürlich ist mir bewusst, dass ich kein Superstar mehr werden kann. Ich weiß auch, dass ich nie perfekt spielen werde. Heute sage ich: Na und? Es macht mir eine Riesenfreude – und das ist es, um das es geht! Mittlerweile spiele ich zumindest so gut, dass ich vor Freunden das ein oder andere Lied vortragen kann. Und das mit ein wenig Stolz. Ich habe sogar schon vor einem kleinen Publikum auf der Bühne gespielt. Wow, welch ein Gefühl. Ja, ich habe den Takt nicht immer getroffen, habe mich auch mal leicht verspielt. Hat es jemand bemerkt? Nein. Die Zuhörer waren begeistert und es hat ihnen gefallen. Hätte ich gewartet, bis ich perfekt spielen kann, dann würde ich noch heute hinter der Bühne hocken. Mein Lehrer spielt wirklich perfekt, er spielt alles rauf und runter, mit einem Hammersound, er improvisiert und hört jede falsche Note. Hätte ich meine Leistung mit seiner verglichen, hätte ich sicher längst wieder aufgegeben. Meine einzige Chance war und ist es, mich nur mit mir selbst zu vergleichen. Jede Woche meinen eigenen Fortschritt zu bestaunen und mich an der persönlichen Entwicklung zu erfreuen.
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Der Einzige, mit dem du deine Entwicklung vergleichen solltest, ist niemand anderes als du selbst, dein Ich von gestern. Von gestern auf heute zu morgen entwickelst du dich zu dem »Ich«, das du sein willst.
Ich musste noch etwas anderes feststellen: Meine Qualitäten liegen ganz woanders. Es entspricht gar nicht meiner Persönlichkeit, Dinge immer zu 100 Prozent richtig machen zu wollen. Ich hatte mir dies aufgrund meines mangelnden Selbstvertrauens nur eingeredet, ich dachte, ich müsste immer in allem perfekt sein. In Wahrheit liegt meine Stärke darin, Dinge auf den Weg zu bringen, etwas zu starten und schnell umzusetzen. Ich bin ein Sprinter, der seine PS schnell auf die Straße bringen kann. Ja, natürlich mit guter Qualität, jedoch ohne 95 Prozent der Zeit mit 5 Prozent der letzten Strecke zu verbringen, um perfekt durchs Ziel zu laufen. In vielen Fällen passiert nämlich genau dies: Wir verbringen mehr Zeit damit, Perfektion zu erreichen, als mit hervorragender Qualität Dinge voranzubringen.
Bitte versteh mich nicht falsch, es gibt Situationen, Berufe, Produkte, da geht es um Perfektion. Wenn sich zum Beispiel ein Star-Koch einen Stern erkochen will, dann kommt es genau auf jene letzten 5 Prozent an, da ist Perfektion mehr als gefragt. Er muss die Zeit investieren, die es braucht, um alles perfekt hinzubekommen, ansonsten hat er keine Chance auf den Stern. Wenn ich jedoch einen Lkw mit Hilfsgütern für unsere Hilfsorganisation belade, dann reicht es aus, wenn die Ware ordentlich gestapelt und gesichert ist, da ist keine Perfektion gefragt. Wir hatten einmal einen Helfer, für den wir mehr als dankbar waren, der es mit der Beladung jedoch so genau genommen hat, dass wir im Durchschnitt anstelle von vier Stunden fast acht Stunden benötigt haben. Jedes Teil hat er genau unter die Lupe genommen und geprüft, wie es wohl am besten zu stapeln und zu sichern sei. Das war eine enorme Belastung für die anderen Helfer. Immerhin investierte jeder von uns ehrenamtlich Zeit für das Projekt, und jede Stunde, die wir früher in der verdienten Freizeit verbringen durften, war uns herzlich willkommen. Ja, okay, vielleicht konnten drei Matratzen mehr beladen werden, oder es kam ein Stuhl weniger mit leichten Schrammen am Zielort an. Dies stand jedoch in keinem Verhältnis zum benötigten Mehraufwand.
Genau solche Situationen erlebe ich immer und immer wieder. Viele Menschen verstricken sich in ihrem Perfektionsdrang und schaffen es nicht, die Situation richtig einzuschätzen, sowohl im Beruf als auch im privaten Leben. Sie starten Projekte erst gar nicht oder verpassen den richtigen Markteintritt, weil sie glauben, den angemessenen Perfektionsgrad noch nicht erreicht zu haben. Das Streben nach Perfektion wird damit regelrecht zur Blockade, zum Verhinderer und zum Verhängnis. Was notwendig ist, ist der Mut zur Lücke, der Mut, auch einmal fünf gerade sein zu lassen und lieber unperfekt zu starten und voranzukommen, als perfekt zu warten und zu scheitern:
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Scheiß auf perfekt, hab den Mut zur pragmatischen Lücke!
Es ist nicht mein Anspruch, dir hier Lösungen zu bieten oder dich mit Ratschlägen zu einem »anderen Ich zu erziehen« – denn das kann man gar nicht. Jeder Mensch hat sein Recht auf seine eigene Denkweise, seine eigene Art und seine eigene Meinung. Mein Anspruch ist es, dir Impulse zu liefern, die es dir ermöglichen, deine Sichtweise zu überdenken, zu optimieren und andere Blickwinkel zuzulassen. Vor allem dann, wenn dich deine »alte« Sichtweise bisher nicht so weit gebracht hat, wie du es dir gewünscht hast. Dann habe ich hier ein paar Impulse für dich, dein Leben und deine Handlungen auch einmal von einer anderen Seite zu betrachten. Ich habe auch nicht den Anspruch, alle Aussagen hier umfangreich wissenschaftlich darzulegen (obwohl ich natürlich alle Quellen und die weiterführende Literatur nach bestem Wissen und Gewissen aufliste und vorstelle), meine Beispiele sind aus dem echten Leben, tatsächliche Erfahrungen von mir oder Menschen aus meinem näheren Umfeld. Du erfährst sehr viel über mich persönlich und meine Lebensweise, und diese Erfahrungen können dir, wenn du magst, bei deiner Entwicklung und deinem Wachstum behilflich sein.
Du entscheidest über Erfolg und Misserfolg und darüber, ob du glücklich bist oder unglücklich. Denn du allein bist für dein Leben verantwortlich, du ganz allein, niemand anders, und auch nicht die Umstände. Du entscheidest darüber, was am Ende deines Lebens auf deinem Grabstein stehen soll, was die Menschen über dich sagen werden. Unser Leben hat nur eine begrenzte Dauer, du hast die freie Wahl, wie du es gestaltest, sei nur ehrlich zu dir selbst und sei dir bewusst darüber, wie du lebst und wer du bist. Nimm dein Leben wahr, halt dir einen Spiegel vor und erkenne dich. Es ist nicht meine Absicht, mich in dein Leben einzumischen, dir zu sagen, was richtig und was falsch ist. Es ist jedoch durchaus meine Absicht, dich zu verunsichern, dich zum Denken anzuregen, dich dazu zu bewegen, dein Leben und deine Handlungen zu überprüfen. Es wird Aussagen von mir geben, denen du nicht zustimmst, und es wird Aussagen geben, über die du nachdenken wirst, und es wird Aussagen geben, denen du absolut zustimmen wirst. Alles liegt jeweils im Auge des Betrachters, denn jeder Mensch ist anders und hat seine eigene Sichtweise, seine eigenen Erfahrungen und seine eigene Lebenseinstellung – und genau das macht uns Menschen aus. Das Schöne an uns Menschen ist doch, dass wir ein Leben lang lernen können, dass wir uns das ganze Leben lang entwickeln und verändern können. Ob wir dies tun und inwieweit wir das tun, liegt wiederum allein bei uns. Es ist jedoch nie zu spät, Veränderungen zuzulassen. Genau das finde ich so spannend, diese Unterschiedlichkeit zwischen uns Menschen. Keiner ist wie der andere, und genau das sollten wir akzeptieren.
Schauen wir uns doch einmal an, wie sich Perfektionismus auf unser Leben auswirkt. Welche Risiken und welche Chancen sich daraus ergeben können. Bei meinen Recherchen zu diesem Buch ist mir aufgefallen, dass Bücher, die über Perfektionismus handeln, diesen in der Regel sehr negativ darstellen. Und ja, der krankhafte Perfektionismus bringt sicherlich eine ganze Menge negativer Eigenschaften mit sich. Jedoch hat Perfektionismus auch positive Seiten. Ich möchte allerdings nicht nur dessen extreme Seiten und Aspekte betrachten, sondern das große breite Spektrum, das ihn ausmacht. Meine Aussage ist, dass Perfektionismus weder gut noch schlecht ist. Es kommt auf die Situation und die Zielsetzung an. Oft wird der Perfektionismus jedoch zur Fessel, und in vielen Lebensbereichen kann es sinnvoll sein, diese zu lösen.
Wer schon einmal ein Buch von mir gelesen hat, der weiß bereits, dass ich ausschließlich in der »Du«-Form schreibe. Der Grund dafür ist meine Erfahrung, dass wir uns Menschen, mit denen wir per Du sind, näher fühlen. Wir empfinden sie als Freunde und nehmen daher Impulse, die von ihnen ausgehen, eher wahr, und sind bereit, zu prüfen, ob wir sie in unser Leben aufnehmen wollen. Daher gestatte mir, dich in diesem Buch mit »Du« anzusprechen. Gleichzeitig lade ich alle, männlich, weiblich und divers, ein, mich durch dieses Buch zu begleiten. Sollte einmal aus grammatikalischen Gründen nur die männliche Form genutzt werden, so sei dir gewiss, dass DU gemeint bist, egal, welches Geschlecht du hast.
Damit DU das meiste für dich aus diesem Buch herausholen kannst, habe ich auf den nächsten Seiten einen kleinen Selbsttest für dich zusammengestellt, dessen Auswertung du weiter hinten im Buch findest. Er soll dich auf deinem Weg zur besseren Selbsterkenntnis begleiten und dir weitere Impulse und Denkansätze vermitteln. Wenn du ihn ausfüllst, nimm die Antwort, die dir als Erstes einfällt – nicht die »perfekte« Antwort … denn diese gibt es sowieso nicht.
Und nun: Lass dir Zeit beim Lesen, du musst ja nicht perfektionistisch jedes Wort genau unter die Lupe nehmen. Es ergibt jedoch Sinn, alles auch einmal sacken zu lassen, auf sich wirken zu lassen und über Gelesenes nachzudenken und vielleicht eine bewusste Pause einzulegen. Mir ist wichtig, dass du dich wohlfühlst und Glücksmomente erlebst.
Viel Freude beim Lesen.
Dein Stefan
Test: Wie perfektionistisch bist DU?
Finde heraus, wie sehr dein Leben von Perfektionismus geprägt ist und inwieweit dich diese Ausprägung in deinem Glück behindert – oder in deinem Vorankommen unterstützt oder bremst. Der folgende kleine Test wird dir helfen, dich besser einschätzen zu können – er ist zwar nicht wissenschaftlich, wird dir aber trotzdem helfen, zu einem besseren Umgang mit Perfektionismus zu gelangen.
In welchem Ausmaß treffen die Aussagen auf dich zu? Kreise für »Trifft stark zu« die 2 als Punktzahl ein, für »Trifft zum Teil zu« die 1 und für »Trifft nicht zu« die 0 und zähle am Ende des Tests die Punkte deiner Aussagen zusammen.
Die Auflösung mit einigen Impulsen und Ideen für dich findest du am Ende des Buches nach meinem Schlusswort.



Kapitel 1: Perfektionismus verstehen
In diesem Kapitel setzt du dich mit dem Grad deines eigenen Perfektionismus auseinander und lernst dich mit einem kleinen Selbsttest besser kennen.
Danach stehen grundsätzliche Überlegungen zum Thema Perfektionismus an. Mein Wunsch ist, dass du am Ende des Kapitels sagen kannst, was DU unter Perfektionismus verstehst, und einschätzen kannst, ob du unter Perfektionismus leidest oder von dieser Haltung manchmal sogar profitierst.
Der Unterschied zwischen normalem und neurotischem Perfektionismus
Laut Duden bedeutet der Begriff »Perfektion« »Vollkommenheit«. Im Allgemeinen wird er auch genau so verstanden, nämlich als das Streben nach Vollkommenheit.
Im Wesentlichen unterscheidet man in der Wissenschaft zwei Arten von Perfektionismus. Die Psychologin Christine Altstötter-Gleich spricht von einem gesunden und einem ungesunden Perfektionismus (Altstötter-Gleich, Geisler 2017). In der Forschung wird dies auch gern funktionaler und dysfunktionaler Perfektionismus genannt. Bereits 1978 führte der amerikanische Psychologe Don E. Hamachek die erste Untersuchung zum Thema Perfektionismus durch. Er schlug vor, zwischen normalem Perfektionismus und neurotischem Perfektionismus zu unterscheiden. Diese Bezeichnungen möchte ich zur Differenzierung und Erläuterung verwenden.
Der normale Perfektionismus bei Menschen ist ein Antreiber, er sorgt dafür, dass wir nach Größerem, nach Besserem, nach Höherem, nach Anspruchsvollerem streben. Er sorgt dafür, dass wir Ziele setzen und erreichen, dass wir Unmögliches möglich machen. Der normale Perfektionismus hilft uns dabei, dass wir wachsen, dass wir Dinge vorantreiben und umsetzen. Dass wir besser werden und neue Blickwinkel eröffnen. Er bringt viele positive Aspekte mit sich – ohne diese Spielart des Perfektionismus wären wir Menschen heute nicht da, wo wir sind.
Menschen mit normalem Perfektionismus streben nach mehr, geben stets »150 Prozent«, gehen die »Extra-Meile« und haben hohe Ansprüche; sie akzeptieren jedoch gleichzeitig, dass Fehler zum Leben und zum Menschen dazugehören. Klar, auch natürliche Perfektionisten sind nicht erfreut über Rückschläge und selbstverursachte Fehler. Durch sie werden sie angetrieben, sich zu verbessern und in Zukunft Fehler zu vermeiden. Allerdings beziehen sie diese negativen Erlebnisse nicht darauf, dass sie nichts können oder nichts wert sind. Sie anerkennen ihre Leistungen durchaus, nutzen jedoch zugleich jede Möglichkeit, diese Erfahrungen zur Grundlage ihrer Weiterentwicklung und Verbesserung zu machen.
Wenn normale Perfektionisten ihre Ziele erreichen, ihren Plan verwirklichen und zu Verbesserungen gelangen, dann können sie sich an ihnen erfreuen, dies steigert ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Sie können Erfolge genießen und emotional wahrnehmen. Sie erkennen die Veränderung und können sich auch an ihr erfreuen. Sie streben nach mehr und nach weiterer Optimierung, jedoch ohne den Gedanken, dass das Erreichte bei Weitem nicht gut genug sein könnte. Und ohne sich ständig Vorwürfe zu machen, dass sie immer noch nicht perfekt seien. Sie sind in der Lage, das Erreichte zu genießen und trotzdem den Wunsch zu verspüren, nach vorn streben und sich weiter verbessern zu wollen.
Bei Menschen mit neurotischem Perfektionismus sieht das ganz anders aus. Sie können sich nicht über das Erreichte erfreuen. Erreichte Ziele werden nicht zum Glücksmagneten, sie werden nicht wirklich als final wahrgenommen. Sie sind immer der Meinung, dass sie nicht gut genug sind, dass es noch besser geht. Es bleiben Selbstzweifel. Neurotische Perfektionisten sind nicht in der Lage, das Geleistete anzuerkennen. Dies führt bei ihnen zu Versagensängsten, zu mangelndem Selbstvertrauen. Ständig quält sie der Gedanke, sie hätten nicht alles gegeben und wären nicht gut genug. Das kann im schlimmsten Fall zu Depressionen und seelischer und körperlicher Krankheit führen. Es fehlt die Einsicht, dass etwas gut gemacht worden ist. Selbst wenn ein gesetztes Ziel erreicht wurde, stellt sich das Gefühl, etwas erreicht zu haben, nicht ein. Es überwiegt der Eindruck: »Da geht bestimmt noch mehr!«
Die neurotische Perfektion erzeugt so viel Druck, dass die Kreativität, die Leistungsfähigkeit und die Möglichkeit zur Blickwinkelveränderung stark eingeschränkt werden. Genau diese Eigenschaften sind allerdings oft erforderlich, um Dinge zu optimieren und voranzutreiben. Beim neurotischen Perfektionisten wird dieser Trieb jedoch ins Krankhafte gesteigert. Er strebt nicht nach Perfektion, weil er sich an der Perfektion erfreut, ihm geht es vielmehr um seine Unantastbarkeit. Im Grunde sprechen wir hier von einem Vermeidungsverhalten. Denn wenn er perfekte Leistung abliefert, kann er nicht kritisiert werden. Sein primäres Ziel ist das Streben nach Sicherheit, die er jedoch nie erreichen wird, da es so etwas wie »perfekte Perfektion« nicht gibt.
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Die Kombination aus der Fähigkeit, sich über das Erreichte wahrhaftig zu freuen und es positiv zu bewerten, und dem Wunsch, sich weiter zu verbessern, unterscheidet den normalen vom neurotischen Perfektionisten.
Aufgrund der wirtschaftlichen Situation und dem damit einhergehenden Wettbewerbs- und Leistungsdruck hat sich in den letzten Jahren das Streben nach Perfektion enorm gesteigert. Es gibt anscheinend immer mehr Menschen, die unter dem Zwang zur neurotischen Perfektion leiden und sich durch das extreme Streben nach Perfektion in die Krankheit treiben lassen. Psychosomatische Krankheiten wie etwa Depressionen und Burn-out, aber auch Krankheiten wie Magen-Darm-Beschwerden, Kopf- und Rückenschmerzen, Herzrasen, Schwindel und chronische Erschöpfung kommen durch den Drang nach übermäßiger Perfektion und den dadurch entstehenden Druck immer häufiger vor.
»Kämen wir perfekt zur Welt, wofür wäre dann das Leben gut?«
Anke Maggauer-Kirsche (*1948), deutsche Lyrikerin, Aphoristikerin und ehemalige Betagtenbetreuerin in der Schweiz
In meiner Jugend unterlag ich genau diesem neurotischen Perfektionismus. Es war gleichgültig, welche Leistungen ich erbrachte, welche selbst auferlegten Vorgaben ich erfüllte: Ich konnte es nicht als Erfolg verbuchen. Wenn ich Fehler machte, nahm ich es persönlich. So verstärkte sich das Gefühl, dass ich nichts konnte und nichts oder nicht viel wert war. Ein Teufelskreis, denn dies führte wiederum dazu, mich noch mehr anzustrengen, um noch besser zu sein. Ich steckte in der Perfektionismusfalle fest, was bei mir letztendlich (zusammen mit anderen Gründen) zum Selbstmordversuch führte. Hierüber berichte ich in meinem Buch »Glücksmacher. Zum Glück gibt’s … Wege«, daher gehe ich hier nicht ausführlicher darauf ein. Fest steht: Ich erkannte das Verhängnis, in dem ich mich befand, nicht, ich war nicht in der Lage, überhaupt auch nur zu sehen, dass ich in der Perfektionismusfalle festsaß.
Das Streben nach Verbesserung war nicht das Problem. Mein Problem bestand vielmehr darin, dass ich Erfolge nicht als solche verzeichnen konnte und kein Glücksgefühl zuließ, wenn ich etwas erreicht hatte. Im Grunde war der Mangel an Selbstvertrauen, der Mangel an Eigenliebe die Ursache für das zu starke Streben nach Perfektion. Ich war dem Trugschluss erlegen, dass die dadurch erfahrene Anerkennung dazu führen würde, dass ich zufriedener und glücklicher würde. Ich erkannte damals noch nicht, dass dazu eine andere Art der Veränderung notwendig war.
Perfektionismus ist Glück und Makel
Perfektion hat seine Daseinsberechtigung, das steht außer Frage. In vielen Bereichen ist Perfektion sogar zwingend erforderlich. Wenn du zum Beispiel vorhast, Fallschirm zu springen, ist Perfektion lebensnotwendig, dein Leben hängt davon ab. Das Gleiche gilt, wenn du tauchst, auch da wäre es mehr als fahrlässig, wenn du deine Ausrüstung nur »gut« kontrollierst. Immer wenn dein Leben von etwas abhängt, ist eine perfekte Vorbereitung dein Lebensretter.
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass Perfektion an sich etwas Schlechtes ist, sie kann aber auch ins Negative umschlagen. In richtiger Dosierung und an den richtigen Stellen eingesetzt, ist sie sehr erstrebenswert, weil sie Leben retten und zu großen Erfolgen verhelfen kann. Würden wir die Perfektion nicht an den richtigen Stellen einsetzen, wären wir nie zum Mond geflogen, verfügten über die Mobilität einer Schnecke, müssen »Fortschritt« als Fremdwort betrachten und würden wahrscheinlich noch wie im Mittelalter leben. Es ist gut, dass es in bestimmten Bereichen Perfektionisten gibt, Menschen, die ihre Aufgaben eventuell sogar ein wenig zu ernst nehmen. Ja, sie können uns durchaus mit ihrer Penetranz nerven, uns an die Grenzen des Aushaltbaren bringen. Allerdings: Diese Menschen würden sich selbst selten als glücklich bezeichnen, oft leiden sie unter ihrem Perfektionsdrang. Trotzdem kann sich die Allgemeinheit glücklich schätzen, dass es sie gibt.
Willst du bei der Formel 1 die Chance auf den Weltmeistertitel haben, kommst du an der Perfektion nicht vorbei. Jedes Element, jedes Zahnrad muss perfekt zum anderen passen. Nur so lässt sich das Ziel, mit dem Fahrzeug das Maximum zu erreichen, verwirklichen. Jeder Mechaniker, jeder Monteur, jeder Tester und natürlich der Fahrer müssen alles geben. Es kommt auf jeden Einzelnen an! Der Fahrer fährt die gleichen Runden immer wieder, um das Verhalten seines Fahrzeugs in der Runde, beim Schalten, beim Gasgeben und Bremsen immer weiter zu optimieren. Jeder Handgriff muss bis zur letzten Perfektion sitzen. Wenn du in dieser Position kein perfektionistisches Verhalten an den Tag legst, hast du keine Chance, auch nur einen Blumentopf zu gewinnen.
Immer dann, wenn es um absolute Topleistung geht, wenn das Leben davon abhängt, Rekorde gebrochen werden sollen und es um lebenswichtige Details geht, ist Perfektion genau richtig am Platz. Aber auch hier ist es wichtig, dass es eine positive Perfektion bleibt, also eine Perfektion, die nicht um ihrer selbst willen geschieht, sondern einem Ziel dient. Wichtig ist, dass du deine Leistung anerkennst und dankbar dafür bist. Dass du das Erreichen von Zielen ganz bewusst wahrnimmst und dich nicht als Versager abstempelst, wenn du gesetzte Vorgaben einmal nicht erfüllst. Die Grenzen dabei sind fließend, es stellt eine wirkliche Herausforderung dar, erkennen zu können, ob ein Ziel nun zu 80, 90 oder 100 Prozent erreicht werden konnte.
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Auf der einen Seite solltest du nach der absoluten Perfektion streben und dafür kämpfen und auf der anderen Seite Ergebnisse auch anerkennen und zufrieden sein, selbst wenn es immer noch etwas besser geht.
Gerade in Sportarten wie der Formel 1 wird das absolute, nicht mehr zu toppende Bestergebnis nie erreicht werden können. Denn es wird immer neue Technologien geben, die die Leistungsfähigkeit der Boliden weiter nach vorn treiben. Die Perfektion vom letzten Jahr ist im aktuellen Jahr längst veraltet. Dies zu akzeptieren stellt eine große Herausforderung dar. Nur wenn du akzeptieren kannst, dass das, was du in deinem Verantwortungsbereich, beruflich und privat, im letzten Jahr mit der allergrößten Anstrengung und enormer Einsatzbereitschaft geschafft hast, in diesem Jahr schon nichts mehr zu bedeuten hat, ist es möglich, Glücksgefühle zu entwickeln. Ansonsten wirst du immer einem unerreichbaren Ziel nachjagen.
Du siehst: Die Frage ist weniger, ob Perfektionismus Glück oder Makel ist. Denn Perfektionismus ist Glück und Makel. An den richtigen Stellen eingesetzt und richtig angewendet ist Perfektionismus Glück und etwas Positives. An den falschen Stellen eingesetzt oder krankhaft angewendet ist Perfektionismus Makel und Verhinderer. Die Kunst liegt darin zu erkennen, wann Perfektion angebracht ist und wann sie eher zum Hindernis wird. Allerdings: Genau diese Einschätzung fällt perfektionistisch veranlagten Menschen sehr schwer. Ihr Streben nach dem Perfekten verstellt ihnen den Blick darauf, wann der Perfektionismus zum Stolperstein wird. Es wäre zu schön, wenn wir einen Schalter hätten, mit dem wir unser Verhalten den Erfordernissen einer Situation angemessen anpassen könnten: Perfektion ein, Perfektion aus. Doch so einfach ist es leider nicht.
In der Echokammer des Perfektionismus
Du kennst bereits den Unterschied zwischen natürlichem und neurotischem Perfektionismus. Wenn Perfektionismus neurotisch wird, ist er zweifellos Makel. Denn dann verhindert er, dass ein Mensch ein glückliches Leben führen kann, weil sich nie ein Gefühl der Zufriedenheit einstellen kann. Zu sehr ist er damit beschäftigt, an sich zu zweifeln und nach noch mehr Perfektion zu streben. Krampfhaft und verbissen will er es sich selbst und auch allen anderen recht machen, um noch mehr Anerkennung zu erhalten.
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Neurotischer Perfektionismus macht Menschen zu Gefangenen in der Echokammer ihres Perfektionismus. Ihre Weltsicht verengt sich, weil sie nur noch mit der Überlegung beschäftigt sind, wie sie etwas noch besser machen können.
Im Grunde ist der Perfektionist sicher ein liebenswerter Mensch, er glaubt nur nicht an sich selbst. Er hat den Eindruck, nicht liebenswert zu sein, und das führt zu einem Dilemma. Er ist so fest davon überzeugt, dass er sich die Anerkennung und Liebe von anderen erst verdienen muss, dass er nicht bemerkt, wenn er diese Anerkennung und Lieben schon längst erfährt. In der Echokammer seines Perfektionismus stellt er sich vor, dass jene Anerkennung und Liebe allein mit seiner Leistungsfähigkeit in einem Zusammenhang steht. »Je perfekter ich bin, desto größer fällt die Zuneigung aus, die die Menschen mir entgegenbringen!«, so seine unumstößliche Überzeugung. Er fühlt sich nicht wirklich zugehörig und hat den Drang, das Gefühl der Ausgrenzung mit noch stärkerer Leistung bekämpfen zu müssen. Er befindet sich in einem Hamsterrad, aus dem er nicht entfliehen kann.
Die Tragik des Perfektionisten
Einer der berühmtesten Perfektionisten war wohl Steve Jobs (Flurry 2017). Er bezeichnete sich selbst mit großem Stolz als Perfektionisten. Sein Erfolg gründete auf seinen Visionen, die er mit aller Macht und zuweilen ohne Rücksicht auf Verluste umsetzen wollte. Seine Visionen waren so lebendig und stark, dass sie alles andere überstrahlten. Als 2001 das iPod der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde, hatte es noch sechs Wochen zuvor einen Bildschirm, der aus Plastik bestand. Kurzfristig kam Jobs zu der Überzeugung, dass Plastik zu leicht zu zerkratzen wäre und es daher besser sei, den Bildschirm aus Glas zu fertigen. Du kannst dir vorstellen, welche Schockwelle dies im Unternehmen zur Folge hatte und welcher immense Druck dadurch auf die zuständigen Abteilungen ausgeübt wurde. Jobs waren die Konsequenzen und die Kosten gleichgültig, es ging ihm um seine Vision und sein Streben nach Perfektion. In diesem Fall war das Streben nach Perfektion ein positiver Antreiber, etwas Einzigartiges zu erschaffen.
Steve Jobs hat mit seinem Perfektionismus ein Imperium aufgebaut und die Welt verändert. Ich bin der festen Überzeugung, er hat die Welt ein Stückchen besser und einfacher gemacht. Aber dafür musste er auch einen Preis bezahlen. Menschlich war er umstritten. Wie er sein Umfeld, seine Mitarbeiter, sein Team behandelte, war sicher nicht vorbildlich. Vermutlich sind viele Fragen zu dem Sinn des Lebens, auf die er wahrscheinlich Antworten gesucht hat, unbeantwortet geblieben. War er wirklich glücklich? Ich glaube nicht. Sein Streben nach immer mehr Perfektion ließ ihn wohl nie zur Ruhe kommen. So geht es vielen Perfektionisten. Sie finden innerlich keine Ruhe, sie finden nicht zu sich selbst, weil sie nie mit sich selbst und mit anderen Menschen zufrieden sind. Darin liegt aus meiner Sicht die Tragik vieler Perfektionisten.
Auf der einen Seite sind solche Perfektionisten Menschen, ohne deren penetrante Zielstrebigkeit viele Entwicklungen und Fortschritte nicht möglich gewesen wären. Wenn wir uns jedoch berühmte Perfektionisten ansehen, fällt mir niemand ein, der von sich sagen kann bzw. konnte, dass er ein erfülltes Leben gehabt hätte und glücklich gewesen wäre. Ist das aber nicht das, was wir am Ende unseres Lebens von uns sagen sollten? Und sagen möchten? Diese Frage muss letztendlich jeder für sich selbst beantworten. Am Ende musst du für dich entscheiden, ob dir dein Perfektionismus so viel wert ist, dass du bereit bist, dafür auf ein Stück gelebtes Leben zu verzichten. Ich befürchte: Alles Geld, aller Ruhm, aller Einfluss, über das oder den Steve Jobs verfügen konnte, haben ihm letztendlich nicht zu einem erfüllten Leben verhelfen können.
»Dieser Typ ist einfach eine Maschine«
Auch der Fußballer Cristiano Ronaldo darf als Perfektionist bezeichnet werden. Auf der Fußballseite www.goal.com (Goal) verrät der ehemalige Fußballer Patrice Evra, wie es ihm erging, als er von Cristiano Ronaldo während der gemeinsamen Zeit bei Manchester United nach einem anstrengenden Training zum Essen eingeladen wurde. Er war wirklich erschöpft, aber auf dem Tisch standen nur Salat und Hähnchenbrustfilet. Zu trinken gab es nur Wasser, keinen Saft. Innerlich hatte sich Evra schon auf ein saftiges Stück Fleisch gefreut. Fehlanzeige. Aber wenn es nur das gewesen wäre: Kaum hatte Ronaldo zu Ende gegessen, trieb er Evra wieder zum Training an. Evra scherzte noch: »Kann ich wenigstens zu Ende essen?«, aber der Fußballkollege war wohl vor allem heiß darauf, sich durch eine weitere Trainingseinheit zu verbessern. Wer nun denkt, das war’s, der irrt sich. Natürlich wollte Ronaldo nach dem kleinen Zusatztraining noch zum Schwimmen in den Pool. »Dieser Typ ist einfach eine Maschine und kann nicht damit aufhören, zu trainieren«, so Evra.
Für Ronaldo gab und gibt es keine Pause und keinen Stillstand, er arbeitet wohl jede Minute daran, sich weiter zu perfektionieren. Sein Erfolg resultiert aus extrem harter Arbeit. Um kontinuierlich Höchstleistungen abrufen zu können, sind der unermüdliche Einsatz und das Streben nach Perfektion erforderlich. Die Frage ist, ob wir bereit sind, dafür den entsprechenden Preis zu bezahlen. Cristiano Ronaldo scheint bereit dazu zu sein.
Nimm dir Zeit zum Nachdenken
Für Perfektionisten gibt es nur den Blick auf die Vision, das treibt sie zu Spitzenleistungen an, und nicht selten feiern sie so großartige Erfolge. In der Regel werden sie durch diese Erfolge darin bestätigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind, dass sie das Richtige tun. In Bezug auf die eigene Vision mag dies auch zu stimmen. Allerdings bleiben dabei das Zwischenmenschliche und das eigene Glück auf der Strecke. Darunter leiden oft die Gesundheit und die Lebensenergie.
Wenn du zu den Menschen gehörst, die diesen Preis zahlen wollen und denen es rein um die Vision geht, dann ist das deine freie Entscheidung. Du solltest dir darüber nur bewusst sein.
Wie ist deine Einstellung dazu?
Die Fesseln des Perfektionismus
Das übermäßige Streben nach Perfektion macht es uns nicht gerade leicht. Es stellt enorme Ansprüche an uns. Diese führen schnell zu einer chronischen Unzufriedenheit und inneren Unruhe, durch die es uns nicht gelingt, ein Zufriedenheitsgefühl zu erreichen. Wir haben den Eindruck, den absolut perfekten Zustand niemals erreichen zu können. Ganz gleich, wie sehr wir uns anstrengen, es bleibt immer das Gefühl, es noch nicht gut genug gemacht zu haben. Dieser innere Druck und diese innere Unzufriedenheit verhindern, dass wir kreativ und leistungsfähig sein können. Wir fallen in ein schwarzes Loch, im schlimmsten Fall macht uns das depressiv und krank.
Die Nicht-Reise nach Südafrika
Ein guter Freund erzählte mir, dass er gern mal nach Südafrika reisen würde, nach Kapstadt, den Tafelberg besteigen, Wale sehen, eine Straußenfarm besichtigen. Zudem würde er gern in einer Loge mitten in der freien Wildnis übernachten, nachts das Schreien der Tiere hören. Morgens würde er dann auf eine Safari gehen. Beim Sonnenaufgang Löwen, Elefanten, Giraffen und Nashörner beobachten. Große Herden von Gazellen, die an Wasserlöchern stehen und sich gegenseitig bestaunen. Er stellte sich vor, wie er mit dem Jeep in nahezu unberührter Natur an Stämmen von Einheimischen vorbeifahren würde, während sie nahezu unbekleidet und nur mit einem Speer bewaffnet im Steppengras sitzen würden. Wie er von ihnen in ihr Lager eingeladen würde. Alle tanzten in der Dämmerung ihre Folkloretänze und sängen dazu ihre Musik.
Auf meine Frage, warum er sich seinen Traum nicht erfülle, meinte er, dass er dort wahrscheinlich nur einmal in seinem Leben hinkomme, und darum wünsche er sich, dass die Reise perfekt ablaufe. Es müsse ja alles passen. Dies ist jetzt zehn Jahre her. Leute, zehn Jahre. Entschuldigung, er erzählte mir seinen Traum so bildhaft, so klar – und dann passiert zehn Jahre lang nichts. Ich fürchte, er wird auch in den nächsten zehn Jahren nicht nach Südafrika reisen. Denn die perfekte Planung, von der er gesprochen hat – er wird sie nie realisieren können. Die erwünschte Perfektion wird auch in den nächsten zehn Jahren nicht gelingen.
Am Geld, an der Zeit und an den Möglichkeiten, eine größere Reise zu unternehmen, hat es bei jenem Freund nicht gelegen. Geld hat er genug, die Zeit findet man schon, wenn man etwas wirklich will, auf jeden Fall bei einem Zeitfenster von zehn Jahren. Er ist einfach zu sehr damit beschäftigt, darüber nachzudenken, wie er seinen Plan noch perfekter ausgestalten kann. Seine Perfektionsversessenheit hindert ihn daran, diese tolle Zeit einfach zu erleben und zu genießen, seinen Traum umzusetzen und dabei ein Glücksgefühl zu spüren. Ich befürchte, die Reise wird nicht das Einzige sein, was er auf die lange Bank schiebt, weil es ihm noch nicht perfekt genug ausgearbeitet ist.
Kommt dir das irgendwie bekannt vor? Vielleicht von dir selbst oder von Menschen aus deinem Umfeld? Immer auf den perfekten Moment zu warten, immer zu warten, bis alles perfekt geplant ist, kann schnell dazu führen, dass du es nie erleben wirst, deine Pläne zu verwirklichen und sich der Verwirklichung deiner Träume auch nur ein wenig anzunähern. Das ist auch eine Form von Prokrastination, von »Verschieberitis«. Weißt du, was alles passieren kann? Weißt du, was in den nächsten zehn Jahren alles auf dich zukommt? Gute Planung, gute Vorbereitung, gute Organisation – in Ordnung, nur: Lass dich nicht durch unnötiges Perfektionsstreben von Möglichkeiten und Chancen abhalten. Der perfekte Moment, die perfekte Planung – beides gibt es nicht. In Wahrheit verbirgt sich dahinter nur eine Ausrede für die eigene Entscheidungsfaulheit und fehlende Entscheidungskraft.
»Dem Gewissenhaften ist das Amt mehr Bürde als Würde.«
Aus dem Talmud
Noch einmal zurück zu meinem Freund: Wie er die Reise, wenn er sie doch irgendwann einmal angetreten hat, empfinden wird, entscheidet sich allein in seinem Kopf und durch die Art und Weise seiner Wahrnehmung und Beurteilung. Dabei spielt es keine Rolle, wie gut oder schlecht er sie vorbereitet hat. Ob er begeistert ist oder nicht, entscheidet sich nicht dadurch, ob er alles perfekt und bis ins kleinste Detail durchdacht und geplant hat. Es wird dadurch entschieden, welche Gefühle er auf dem Trip zulässt. Wenn er sich während der Reise nur darauf konzentriert, dass auch wirklich alles perfekt ist, wird sein Blick immer wieder auf das Nicht-Perfekte fallen. Er wird in der Echokammer des Perfektionismus gefangen bleiben und darum viel zu sehr damit beschäftigt sein, sich mit unwichtigen Dingen zu beschäftigen, und darüber vergessen, die schönen Momente zu genießen. Ihm werden tausend Situationen auffallen, die er nicht geplant hat. Wie ein Magnet wird er nur die negativen Momente und Situationen erkennen. Er wird die perfekte Vorstellung aus seinen Gedanken nie so umsetzen können, wie er es sich vorgestellt hat. Weil das Leben anders ist, weil das Leben die Perfektion nicht zulässt. Wir wachsen an Hürden und Hindernissen, wir erfahren echte Emotionen nur dann, wenn eben nicht alles perfekt ist, sondern auch unvorhergesehene und unvorhersehbare Dinge geschehen. Ja, in den Momenten würden wir uns wünschen, dass es anders wäre, wir wollen diese ungeplanten Situationen nicht. Es wäre uns lieber, wenn alles ganz glatt und geschmeidig laufen würde.
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Im Nachhinein sind es jedoch meist genau die unplanbaren Situationen, die das Salz in der Suppe ausmachen und uns zu wirklichen Glücksgefühlen verhelfen.
Die Verspätung des Flugzeugs bei der Abreise wird er in seiner perfekten Planung nicht berücksichtigt haben. Die Moskitos, die abends am Lagerfeuer auf ihn warten, wird er in seiner Vorstellung nicht eingeplant haben. Dass der Strauß heftig nach ihm pickt, wird er nicht vorausgesehen haben, auch nicht die plötzliche Begegnung mit einem Löwen und den Zusammenstoß mit einem Einheimischen, den er aufgeschreckt hat. Die Panne des Jeeps auf dem Weg ins Camp kann er nicht erahnen. Jedes dieser Geschehnisse wird ihm wie ein Dolchstoß ins Herz vorkommen. Nur weil er zu sehr nach der Perfektion strebt, anstatt den Moment zu genießen und die unvorhergesehenen Situationen als willkommene Abwechslung hinzunehmen. Denn unverhoffte Ereignisse, Moskitos, Begegnungen mit Tieren, Pannen – alles das macht doch das aus, was diese Reise vom gemütlichen Sitzen auf der Couch im heimischen Wohnzimmer unterscheidet und sie zum unvergesslichen Abenteuer werden lässt.
Es passiert alles in seinem Kopf. Er ist derjenige, der seine Reise zum Erlebnis oder zum Desaster werden lässt. Perfektion blockiert unsere positive Empfindungskraft. Er kann die Reise noch so gut organisiert und alle Eventualitäten berücksichtigt haben: Es werden Situationen auftreten, die seine perfekte Planung zu Makulatur werden lassen. Es müssen keine großen Geschehnisse sein, es reichen Kleinigkeiten, die ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Und schon sind sie da – die Unzufriedenheit, der Frust, die Selbstzweifel: »Warum habe ich das nicht berücksichtigt, wie konnte ich das nur übersehen, wieso bin ich nicht vorher darauf gekommen?« Die Fesseln des Perfektionismus ziehen sich immer fester und enger um ihn zusammen.
Eine gute Vorbereitung, eine durchdachte Planung und eine realistische Einschätzung möglicher Probleme und Risiken sind nicht gleichbedeutend mit Perfektionismus; diese Dinge sind bei einer solchen Reise mehr als angebracht. Sich Gedanken zu machen, welche Impfungen notwendig sind, welche Orte besucht werden sollten, was man gern erleben will, sich ein möglichst klares Bild von den Erlebnissen zu machen, die man sich erhofft – all dies ist mehr als sinnvoll. Mithilfe der Planung und Organisation der Reise eine beglückende Vorfreude zu durchleben, ist durchaus erstrebenswert. Wir wissen aus der positiven Glücksforschung, dass allein schon durch die Gedanken an unerwartet schöne Momente das so wichtige Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird. Dies sorgt für ein kurzes, aber explosionsartiges Glücksgefühl. Wir erfahren also schon durch die Gedanken an die schönen Situationen wahrhaftiges Glück. Auf diese Weise macht uns die Reise gleich mehrfach glücklich. Dies funktioniert jedoch nur dann, wenn wir den Blick vor allem auf die schönen Aussichten und Möglichkeiten richten und es vermeiden, dass durch übermäßiges Perfektionsstreben nur die negativen Aspekte Einzug in unsere Gedanken halten.
Perfekte Lösungen ohne Perfektion
Als ich vor einigen Jahren im Bereich Softwarevertrieb tätig war, wurde in einer Firma eine Schnittstelle zu einer Internetplattform benötigt. Der Kunde hatte auf der Plattform Daten erfasst, und diese Daten sollten automatisiert in unsere Software übernommen werden, damit diese nicht doppelt erfasst werden müssen. Eine solche Schnittstelle existierte bisher nicht, jede Eingabe musste mühselig in der Verwaltung erneut eingegeben werden. Auch Wettbewerber hatten diese Funktion nicht im Angebot. Aus dem Vertrieb habe ich diese Anforderung an die Entwicklung weitergegeben und um Einschätzung einer Umsetzung gebeten. Die Entwicklungsabteilung kam zu dem Ergebnis, dass es zwei Möglichkeiten zur Lösung gab. Die erste Lösung stellte eine recht einfache dar, die überdies schnell und kostengünstig umgesetzt werden konnte, ein einfaches Bildschirmauslesen. Sie wies allerdings den Nachteil auf, dass die Datenqualität nicht perfekt war. Es konnten nur nahezu alle Daten übertragen werden, jedoch eben nicht alle. Der Kunde musste Kleinigkeiten nacharbeiten.
Die zweite Lösung war um ein Vielfaches aufwendiger. Es handelte sich um eine offizielle Schnittstelle, die durch den Anbieter der Internetplattform zur Verfügung gestellt wurde. Mit dieser konnten die Daten als Datei an uns übermittelt werden. Diese Lösung war in der Umsetzung deutlich schwieriger, denn es waren umfangreiche Abstimmungen und Gespräche erforderlich. Dieser Weg hatte den Vorteil, dass die Datenqualität hervorragend war. Der Anwender musste fast nichts mehr ändern oder korrigieren, sodass dies für den Kunden die bequemere Variante darstellte.
Ich fasse zusammen: Die erste Variante wäre sehr schnell umsetzbar gewesen. Die zweite benötigte ein Vielfaches an Zeit. Die Entwicklungsabteilung war der Meinung, dass man es »richtig« machen müsse. Der Kunde entschied sich somit für die zweite Variante, für die perfektere. Die Entwicklung der Schnittstelle wurde fest eingeplant. Aufgrund des Aufwandes wurde die Entwicklung allerdings immer wieder verschoben, andere Dinge wurden vorgezogen. Das führte dazu, dass die Übernahme nach fast zwei Jahren immer noch nicht möglich war. Darum konnten nicht genügend neue Kunden gewonnen werden. Bestehende Kunden waren unzufrieden und sprangen ab.
Hätte sich der Kunde für den einfacheren Weg entschieden, wäre zwar die Qualität der Datenlieferung nicht so perfekt gewesen, das Unternehmen hätte aber neue Kunden gewinnen und die bestehenden zufriedenstellen können. Für den Kunden wäre es ein großer Fortschritt gewesen, zumindest den größten Teil der Daten übernehmen zu können. Die komfortablere – und quasi perfekte – Variante hätte der Kunde immer noch zu einem späteren Zeitpunkt erstellen können. Der Mehraufwand wäre überschaubar und angesichts des zu erwarteten Mehrwerts akzeptabel gewesen. Eine Win-win-Situation wäre entstanden, wenn man bereit gewesen wäre, sich der perfekt(er)en Lösung Schritt für Schritt anzunähern.
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Perfektion besteht nicht immer in der perfekten Lösung. Zuweilen ist der nicht ganz so perfekte Weg der bessere.
Nimm dir Zeit zum Nachdenken
Die große Herausforderung im Umgang mit der Perfektion ist, herauszufinden, wo die Grenze zwischen einem zu perfektionistischen Vorgehen und einem Vorgehen verläuft, bei dem es darum geht, die Dinge ordentlich und vernünftig voranzubringen. Es handelt sich oft um eine Gratwanderung, die jedoch den Unterschied ausmacht, der darüber entscheidet, ob wir erfolgreich sind oder nicht.
Wo verläuft bei deinem nächsten wichtigen Projekt diese Grenze?
Das Pareto-Prinzip und die Perfektion
Über die sogenannte 80-20-Regel ist mittlerweile so viel geschrieben worden, dass ich es mir erspare, die Hintergründe im Detail zu erläutern. Auch ich habe bereits in anderen Büchern ausführlich darüber geschrieben. Wem das Prinzip und die Entstehungsgeschichte noch nicht genau bekannt sind, der findet die entsprechenden Erläuterungen unter https://de.wikipedia.org/wiki/Paretoprinzip. Für diejenigen, die das Prinzip überhaupt noch nicht kennen, erläutere ich kurz, was damit gemeint ist. Bei dem Prinzip geht es, vereinfacht ausgedrückt, darum, dass man mit 20 Prozent des Aufwands 80 Prozent der Leistung schafft. Für die restlichen 20 Prozent benötigt man 80 Prozent der Zeit.
Wir haben also nach 20 Prozent der Zeit bereits 80 Prozent unserer Leistung erbracht. Das Prinzip verdeutlicht anschaulich, dass wir den größten Teil unserer Zeit dafür einsetzen, um an Feinheiten zu feilen, obwohl die Arbeit doch schon mit 20 Prozent des Aufwands fast erledigt ist. Darum frage ich mich:
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Wie oft eigentlich ist das 80-Prozent-Feintuning für die Erbringung der Leistung und die ordentliche Erledigung einer Aufgabe wirklich erforderlich?
Ist es immer notwendig, zu feilen, zu optimieren, zu verbessern – nur um eine weitere Steigerung von 20 Prozent zu erreichen, für die aber ein immenser Aufwand betrieben werden muss? Ist es an dieser Stelle nicht angebracht – ja, zuweilen sogar intelligenter –, den Mut zur Lücke aufzubringen? Aber stopp: Eine 20-Prozent-Lücke? Ist das nicht doch etwas viel?
Dass Perfektionismus Leistungsstärke verhindern kann, ist bereits deutlich geworden. Allerdings bin ich auch der Auffassung, dass gute Qualität und ordentliches Arbeiten Voraussetzungen für Glückserfüllung und Leistungsstärke sind. Die 80 Prozent, die wir für die Feinarbeit benötigen, sind daher nicht zu vernachlässigen, sie sind wichtiger Bestandteil unserer Aufgabe. Es ist erforderlich, unsere Aufgaben sorgfältig auszuführen und die Kraft aufzubringen, ein Vorhaben mit guter Qualität zu Ende zu führen. Zur Steigerung des Selbstbewusstseins benötigen wir eine ordentliche Leistung, ein gewisses Maß an Anstrengung und Einsetzungskraft. Wir brauchen das Gefühl, dass wir etwas vollbracht haben, etwas, das zur Anerkennung führt und uns selbst innerlich erfüllt. Auf der anderen Seite ist es sehr wichtig, dass wir uns vor Augen halten, dass das Feintuning den größten Teil unserer Zeit in Anspruch nimmt. Darum ist es zielführend, zu prüfen, ob jenes Feintuning tatsächlich notwendig ist. Oder ob dies nur dazu führt, dass wir uns in Details verstricken, ohne dadurch einen lohnenden Mehrwert zu erreichen.
Wenn wir bereits für die letzten 20 Prozent ungefähr 80 Prozent unserer verfügbaren Zeit einsetzen, wird klar, wie viel Zeit wir für die letzten 5 Prozent benötigen. Da stellt sich die Frage, ob die letzten 5 Prozent Feintuning nicht in über 95 Prozent der Fälle vernachlässigbar sind und wie viel Optimierungspotenzial wir dadurch tatsächlich gewinnen würden.
Oh je, so viele Zahlen, kannst du noch folgen? Sorry, es war mir jedoch wichtig, dir noch einmal deutlich zu machen, wie viel Zeit wir meist für die Umsetzung der letzten 5 Prozent unserer Aufgabe verwenden und wie viel Freiraum wir uns schaffen könnten, wenn wir hier mit guter, allerdings nicht mit übertriebener Leistung zu einem Ende kommen. Leider scheint es dazu keine verdeutlichende Studie zu geben, die den von mir beschriebenen und vermuteten Zusammenhang nachweisen könnte, ich befürchte, sie würde uns wohl vor allem erschrecken.
Oft reichen auch 95 Prozent für eine sehr gute Leistung
Als ich mit 17 Jahren meine erste Ausbildung als Tischler gemacht habe, wurde am Ende der Ausbildung ein Gesellenstück erstellt. Dies bedeutet, dass der Auszubildende ein (in der Regel) Möbelstück komplett selbstständig entwirft, plant, zeichnet, zuschneidet, baut und lackiert. Das Möbel wird also von ihm vom ersten Gedanken bis zur Fertigstellung selbstständig produziert.
Ich habe mich damals für ein sehr modernes Möbelstück entschieden. Ich wollte etwas ganz Besonderes entwerfen und mich dabei durchaus von der klassischen Norm entfernen, also etwas Außergewöhnliches schaffen, auch was die Farbgebung betraf. Diese Norm nannten wir damals P43, das war der typische nussig-braune Eichen-Farbton, der für rustikale Möbelstücke verwendet und von der Mehrheit der Tischler benutzt wurde. Mein Möbelstück aber sollte eine innovativere Farbgebung erhalten. Ich entwarf also ein sehr modernes Telefonschränkchen. Zur kurzen Erklärung für die Jüngeren unter euch: Zu dieser Zeit gab es noch Telefone im Haus, diese waren kabelgebunden, es ging also ein Kabel aus der Wand bis ans Telefon. In der Regel gab es dazu Utensilien, wie zum Beispiel ein Telefonbuch, dieses hatte DIN-A4-Größe und war ungefähr 4 cm dick. Man brauchte es, wenn man eine Telefonnummer suchte. Das Internet gab es ja noch nicht. Was aber hat das mit dem Telefonschränkchen zu tun? Nun, die Menschen wollten und mussten das Telefon und die Utensilien wie Stift und Papier unterbringen, genau dafür gab es Telefonschränkchen.
Mein Schrank war asymmetrisch aufgebaut und mit einer dreieckigen Tür versehen. So etwas war damals noch nicht verbreitet. Hinzu kam meine außergewöhnliche Farbwahl – eben nicht P43. Also: Grundfarbe Schwarz, Türe und Schublade in Rot. Das war schon ein richtiger Eyecatcher. Ich gebe zu, ich war ziemlich stolz auf meine Idee und meinen Entwurf, und das Ganze war mir dann in der Produktion auch ganz ansehnlich gelungen. Nur an einer Stelle gab es ein Problem: Ich hatte den Lack etwas zu früh aufgetragen, der Leim war daher nicht überall genügend ausgehärtet. Dies führte dazu, dass sich das Furnier leicht löste. Es war nicht sehr problematisch, ich konnte es so gut flicken, dass es kaum sichtbar war. Nur mein Meister, der erkannte es natürlich sofort. Er war sich sicher, dass es auch den Prüfern auffallen würde. Mein Meister empfahl mir daher, das Gesellenstück noch einmal neu zu machen. Stelle dir vor, wie es mir in dem Moment ging. Ich war am Boden zerstört. Der Aufwand war immens, und das alles nur für die kleine Stelle. In dem Bewusstsein, durchaus eine schlechtere Note zu riskieren, entschloss ich mich (gegen den Willen meines Meisters), es nicht neu zu machen. Mit Ausnahme der einen Stelle war tatsächlich alles super gelungen, und ich stellte mich den Prüfern. Wie befürchtet bekam ich keine 1 als Note, sondern eine 2+, aber zusätzlich einen Belobigungspreis, und zwar wegen des außergewöhnlichen Designs. Ich war stolz wie Oskar. Eine 2 war für mich eine fantastische Note. Okay, ich hätte eine 1 erzielen können, jedoch zu welchem Preis, zu welchem Einsatz und zu welchem Nutzen! Was hätte es mir gebracht? Ich war jedenfalls so richtig stolz auf mich. Mein außergewöhnlich designtes Telefonschränkchen wurde noch ein paar Wochen in der Kreissparkasse ausgestellt, trotz des kleinen Fehlers. Den außer meinem Meister und den Prüfern niemand bemerkte. In meinem ganzen Leben hat mich danach auch nie jemand nach der Note in der Abschlussarbeit gefragt.
Wenn ich mich dazu entschlossen hätte, das Gesellenstück komplett neu zu machen, dann hätte ich voraussichtlich die Note 1 bekommen. Nur: Welcher Aufwand wäre damit verbunden gewesen? Ich habe ja trotzdem eine sehr gute und professionelle Arbeit abgegeben. Der Aufwand, den kleinen Fehler zu beheben, wäre viel zu hoch gewesen. Ich hatte sowieso schon Wochen an dem Möbelstück gearbeitet. Welchen Gegenwert hätte ich dafür erhalten? Lediglich eine Note, für die sich später niemand mehr interessierte. Mir ist wichtig, dass du dir bei jeder Aufgabe deutlich machst, ob es der letzten 5 Prozent Aufwand, die dann zur Perfektion führen, wirklich bedarf, oder ob du nicht genauso erfolgreich und glücklich durchs Leben gehst, wenn du dich nicht ständig ins letzte Detail verstrickst und den Mut zur Lücke aufbringst.
Es geht dabei um die Abwägung von Aufwand und Nutzen und die Frage nach dem tatsächlichen Mehrwert. Und zwar im Zusammenhang mit der Aufgabe, die du bewältigen willst. Denn: Wäre es um etwas ganz Wichtiges gegangen, einen Rekord, der unsterblich macht, oder einen Top-Job, den ich nur mit der Note 1 bekommen hätte, dann hätte ich die Ausgangslage wohl anders beurteilt. Wie wichtig sind also diese letzten Prozent, und welche Auswirkung hat es, wenn wir nicht bereit sind, die dafür notwendige Leistung zu erbringen? Natürlich ist dies eine Sache der subjektiven Einschätzung. Andere Gesellen hätten die Mühsal auf sich genommen und den notwendigen Aufwand investiert. Die Frage ist, welcher Aufwand für eine überdurchschnittliche Leistung erforderlich und notwendig ist und wo die neurotische Perfektion anfängt. Um dies zu erkennen, hilft uns zuweilen der gesunde Menschenverstand weiter, kombiniert mit der Frage nach dem Nutzen, der durch den hohen Aufwand entsteht.
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Die Frage, die wir uns immer stellen müssen, ist, ob sich der Aufwand lohnt, der notwendig ist, um die letzten 5 Prozent doch noch zu erreichen. Welchen Nutzen ziehen wir daraus? Oder ist es besser, den Mut zur Lücke zu zeigen und sich mit 95 Prozent zufriedenzugeben?
Sind Sie ein Leistungs- und Glücksverhinderer?
Als ich einem guten Freund erzählte, dass ich ein neues Buch schreibe, fragte er mich natürlich gleich neugierig, worum es darin gehe. Ich sagte ihm, dass ich über Perfektionismus schreibe, etwa darüber, ob es vielleicht sinnvoll sein könnte, in manchen Situationen seinen Perfektionsdrang zu überdenken oder anzupassen. Darauf meinte er, dass dann Menschen wie er in dem Buch nicht besonders gut wegkämen. Dies ist aber ganz und gar nicht so. Denn mir geht es nicht darum auszudrücken, dass es nur Schwarz oder Weiß gibt, und den Perfektionisten in die schlechte Ecke zu stellen und den, der fünf auch mal gerade sein lässt, in die gute. Mir geht es vielmehr darum, dass beide, der Perfektionist und der Nicht-Perfektionist, ins Nachdenken geraten. Ich möchte dazu anzuregen, den Blickwinkel zu verändern und die Perspektive zu wechseln. Vielleicht können beide voneinander lernen. Es ist zielführend, wenn wir manchmal unser eigenes Verhalten beobachten und überdenken. Dies gilt für beide Seiten. Zum einen für die Menschen, die viel zu oberflächlich durchs Leben gehen, alles viel zu schnell, chaotisch und unordentlich machen und denen ein wenig mehr Perfektionsdrang zuweilen guttäte. Und zum anderen für diejenigen, die vor lauter neurotischem Perfektionismus die Welt nicht mehr erkennen und stets und überall nach Verbesserungsmöglichkeiten suchen, um auch noch die letzten Prozentchen aus etwas herauszuquetschen. Aus meiner Sicht handelt es sich bei beiden extremen Typen um Leistungs- und Glücksverhinderer.
Ja, der oben erwähnte Freund ist tatsächlich perfektionistisch veranlagt. Ja, er pflegt manchmal neurotisch perfektionistische Ansätze. Ja, er verstrickt sich oft in Details. Ja, er überprüft Dinge häufig viel zu oft. Ja, er braucht dadurch oftmals viel länger, als er brauchen müsste. Ja, er ist manchmal sehr penetrant. Nur: Ist dieses Verhalten grundsätzlich schlecht? Ist es immer und in jeder Situation falsch? Nein, ganz im Gegenteil, es gibt Situationen, da brauchen wir genau diese Penetranz.
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Es geht nicht darum, den Perfektionismus in den Himmel zu heben, aber auch nicht darum, ihn zu verteufeln. Es geht um die richtige Entscheidung in der richtigen Situation.
Wenn ich die Welt neu erobern wollte, wenn ich ein neues Produkt schnell neu einführen müsste, dann würde ich nicht gerade meinen Freund von oben um Hilfe bitten. Bis er gestartet wäre, wäre der Markt wahrscheinlich schon von der Konkurrenz besetzt. Bis er alle Möglichkeiten abgewogen und alle Gefahren ausgeschlossen hätte, wäre der Zug längst abgefahren. Im Vergleich zu ihm bin ich in vielen Situationen genau das Gegenteil: Allzu oft agiere ich zu schnell, zu ungenau und zu oberflächlich. In einigen Situationen wäre es von Vorteil, wenn ich detailgenauer vorgehen würde, mehr Augenmerk auf die Feinheiten legen würde. Ich bin eher ein Anpacker, ein Macher, ein Sprinter. Sicherlich wäre ich bei der Einführung eines neuen Produkts immer dann der Richtige, wenn etwas schnell und zuverlässig umgesetzt werden müsste. Wenn es aber darum geht, die Strukturen, die Pläne ordentlich und sauber bis ins Detail auszuarbeiten, wenn es also um Präzision und Details geht, dann wäre er der Richtige und ich eher fehl am Platz. Entscheidend jedoch ist: Beide Verhaltensweisen und Eigenschaftsausprägungen haben ihre Daseinsberechtigung. Im Grunde brauchen wir uns sogar gegenseitig. Er braucht jemanden, der antreibt und voranschreitet, der schnell ins Handeln kommt. Und ich brauche jemanden, der hinter mir aufräumt und die Detailarbeit übernimmt. Wir würden uns also hervorragend ergänzen.
Neurotische Perfektionisten sind oft nicht in der Lage, sich über Ergebnisse zu freuen, sie glauben immer, dass es noch besser geht, dass die eigene Leistung nicht ausreicht. Sie erkennen ihre eigene Arbeit nicht an. Sie empfinden keine positiven Emotionen, wenn ein Etappenziel erreicht wurde. Sie schaffen es einfach nicht, ein gutes Ergebnis zu akzeptieren. Dies gilt für sie selbst, aber auch für andere. Im Beispiel meines Freundes ist es nicht so: Er erkennt seine Leistung an, er freut sich über das Erreichte und kann sich über positive Ergebnisse freuen. Und er findet die Grenze, wann es dann mit der Genauigkeit auch mal genug ist (zumindest meistens).
Nimm dir Zeit zum Nachdenken
Es bleibt wiederum die Frage zu beantworten, wo der gesunde und konstruktive Perfektionismus anfängt – und wo der neurotische Perfektionismus. Was fällt noch in den Bereich des wichtigen Strebens nach Qualität und was zählt schon zum destruktiven, weil blockierenden Verstricken ins Detail? Wiederum gilt: Der Unterschied ist fließend, es gibt keine klare Grenze. Beschäftige dich darum bitte mit den folgenden Fragen:
•Stellt sich bei dir nach dem Erreichen eines Ziels ein Zufriedenheitsgefühl ein?
•Empfindest du ein Gefühl von Stolz, wenn du etwas erreicht hast?
•Bist du jemand, der immer alles selbst machen möchte, weil es niemanden gibt, der es dir gut genug macht?
•Verstrickst du dich häufig so sehr ins Detail, dass du den Blick für das große Ganze verlierst?
•Kannst du Situationen, bei denen es um notwendige Genauigkeit geht, von denen unterscheiden, bei denen Detailarbeit kontraproduktiv ist?
Was glaubst du nach der Beschäftigung mit diesen Fragen? Ist dein Perfektionismus eher konstruktiv oder eher destruktiv geprägt?
Ursachen für übermäßigen Perfektionismus
Nur wenn du die Ursache für ein Verhalten erkannt hast, kannst du Veränderungen durchführen und Wachstum erleben. Wenn du weißt, dass du zu perfektionistisch bist, oder eben das Gegenteil. Wenn du die Gründe für dein Verhalten analysiert und erkannt hast, dann kannst du einschätzen, inwieweit sich dein Verhalten negativ auf dein Leben auswirkt. Wo du dich selbst bremst, wo du Leistung oder Glück durch dein eigenes Verhalten verhinderst. Erst jetzt kannst du den nächsten Schritt gehen und Veränderungen anstreben.
Veränderungen bezüglich deines perfektionistischen Verhaltens sind durchaus möglich. Denn wie du dich verhältst, ist nur zu einem Teil in deinen Genen verankert und vorherbestimmt. Auf der Seite http://eis-coaching.com heißt es zum Thema »Perfektionismus«: »Sowohl der psychologische Faktor ›Neurotizismus‹ als auch die ›Gewissenhaftigkeit‹, die beide mit dem Perfektionismus zusammenhängen, sind zu etwa 50 Prozent genetisch determiniert. So kann eine gewisse Neigung zum Perfektionismus angeboren sein. Eine Zwillingsstudie von Federica Tozzi von 2004 stellte einen moderaten genetischen Effekt heraus. Zweitens wird Perfektionismus durch Umwelteinflüsse, also in erster Linie durch die Erziehung und die Peers, beeinflusst. So kann er durch ein Verhalten der Eltern, das zum einen hohe Standards setzt und zum anderen zu wenig Wärme und Akzeptanz schenkt, verstärkt werden. Auf der dritten Ebene ist perfektionistisches Verhalten auch ein angstvolles Vermeiden, gegen oder für das man sich entscheiden kann.« (http://eis-coaching.com/mindset-alles-eine-frage-der-einstellung/perfektionismus)
Nun bin ich kein Wissenschaftler. Aber ich verstehe, dass der Hang zum Perfektionismus zum Teil in uns angelegt sein kann, wir ihn aber auch beeinflussen können. Wir sind ihm also nicht vollends ausgeliefert. Natürlich werden wir in der Kindheit sehr geprägt, hier liegen Ursachen für unser Verhalten in Bezug auf Perfektion. Da diese Prägungen jedoch nicht in den Genen verankert sind, kannst du sie beeinflussen und verändern. Das ist zwar schwierig, aber durchaus möglich. Vielleicht gelingt es dir durch die nachfolgenden Ausführungen, in deine Vergangenheit zu schauen und die Ursachen für dein Verhalten zu erkennen. Sobald dir die Ursachen bewusster sind und du einschätzen kannst, warum du dich in bestimmten Situationen so verhältst, wie du dich verhältst, kannst du Veränderungen anstreben. Jede Veränderung ist ein Prozess, der nur in Gang kommt, wenn du auf der einen Seite die Ursachen für ein Verhalten kennst und auf der anderen Seite einen Grund hast, eine Veränderung anzustreben.
Der Einfluss der Eltern
Wir adaptieren das Verhalten unserer Eltern und des näheren Umfeldes. Das entdeckte der kanadische Psychologe Albert Bandura bereits im Jahr 1965 bei Experimenten mit Kindern. Er fand dabei heraus, dass diese nicht nur durch die Konsequenzen ihres eigenen Verhaltens lernen, sondern vor allem durch die Beobachtung und Nachahmung der Eltern. Darum dürfen wir vermuten, dass wir auch in Bezug auf Perfektionismus von unseren Eltern geprägt werden und oft deren Präferenzen übernehmen. Wenn ich mir mein Umfeld und das meiner Eltern ansehe, kann ich dies definitiv bestätigen. Meine Freunde und Bekannten zeigen oft gut erkennbar ähnliches Verhalten wie ihre Eltern. Natürlich nicht immer, jedoch auffallend häufig.
Hinzu kommt eine weitere Beobachtung: Wenn Kinder körperliche oder seelische Misshandlungen durch Eltern erfahren haben, dann kann es bereits aus dem Grunde zu einer verstärkten Neigung zur neurotischen Perfektion kommen, auch wenn die Eltern nicht besonders perfektionistisch veranlagt sind. Die in diesem Fall beim Kind entstehenden übermäßig perfekten Verhaltenszüge entstehen nicht durch Adaption, sondern dienen der Vermeidung negativer Konsequenzen. Um körperliche oder seelische Misshandlungen zu vermeiden, wird versucht, möglichst keine Fehler zu machen. In dem Fall sorgt eine negative Erfahrung für die Stärkung des neurotischen Perfektionismus.
Das Verhalten der Eltern ist also wesentlicher Bestandteil unseres eigenen Verhaltens im Umgang mit Perfektion. Es sind jedoch vor allem Prägungen, die wir im Laufe unseres Lebens korrigieren und verändern können.
»Das Unperfekte macht die perfekte Schönheit.«
Lothar Hüther (*1965), Schlosser, Konstrukteur, Betriebsrat
Der Einfluss der Gesellschaft und äußerer Umstände
Eine weitere nicht zu unterschätzende Ursache für übermäßigen Perfektionismus liegt in unserer Gesellschaft begründet. Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen die Gemeinschaft und ein Gefühl, das Zugehörigkeitsgefühl. Unser Handeln wird geprägt durch den Wunsch nach Freundschaft, Zuwendung, Geborgenheit und Liebe. Die Angst, ausgeschlossen zu werden, Zurückweisung zu erfahren und nicht anerkannt zu werden, fördert das Streben nach Perfektionismus. Wir trachten danach, alles gut und richtig zu machen, um eine möglichst hohe Anerkennung zu erfahren. Wenn dann mit einer Leistung das gewünschte Ergebnis nicht erzielt wird, fühlen wir uns schnell als Versager. Wir haben Angst, nicht anerkannt zu werden, und versuchen, dieses Gefühl zu vermeiden. »Was könnte die Umwelt wohl über mich denken?«, so die bange Frage, die wir uns dann stellen. Bis zu einem gewissen Grad ist dieses Verhalten auch nicht verwerflich, denn es motiviert zuweilen, uns noch mehr anzustrengen. Auf der anderen Seite gilt:
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Das übermäßige Streben nach Perfektion führt selten zu mehr Glück.
Ich musste diese Erfahrung bereits in meiner Jugend machen. Zu meiner Zeit spielten wir Jugendlichen regelmäßig auf dem Dorfplatz Fußball. Mindestens einmal pro Woche trafen wir uns, um auf Tore zu spielen, die wir uns selbst zusammengebastelt haben. Zu Beginn wurden die Mannschaften gebildet. Zwei Personen beginnen nacheinander, Jugendliche für ihr Team auszuwählen. Erst der eine, dann der andere. Ich gebe zu, ich gehörte nicht gerade zu den brillantesten Fußballern, ich hatte zwei linke Füße, und darum blieb ich immer (fast) bis zum Schluss stehen, weil mich niemand in seinem Team haben wollte. Der Ball tat in den wenigsten Fällen das, was ich wollte. Wie du dir sicher vorstellen kannst, war es kein prickelndes Gefühl, immer als einer der Letzten übrigzubleiben, es förderte nicht gerade mein Selbstwertgefühl. Da so gut wie alle Jugendlichen in dieser Zeit im Fußballverein spielten, fügte ich mich dem Gruppenzwang und meldete mich ebenfalls an. Meine Position war – na ja, ich wurde Ersatzspieler. Der Trainer war wohl der Meinung, dass ich auf dieser Position am besten aufgehoben wäre. Eines Tages aber fiel unser Torwart aus. Als Ersatzspieler sollte ich diese Position einnehmen. Und ich war echt gut. Ich konnte mit der ein oder anderen Parade derart überzeugen, dass mich der Trainer in der nächsten Zeit ins Torwarttraining integrierte. Ich übte jede freie Minute. Ich verbesserte mich stetig, sodass ich sogar den Stammtorwart schnell von seiner Position verdrängen konnte. Ich wurde zur Kreisauswahl angemeldet und avancierte zum besten Torwart in unserem Kreis. An einem Wochenende wurde ich in einem Turnier zum besten Torwart ausgezeichnet. Aber seltsam, zufrieden mit mir war ich trotzdem nicht. Natürlich war es ein tolles Gefühl, eine solche Auszeichnung zu bekommen, aber ein richtiges Glücksgefühl stellte sich bei mir nicht ein. Ich dachte immer noch, ich sei nicht gut genug, ich müsse besser sein. Trotz meiner Erfolge quälten mich erhebliche Versagensängste. Ich konnte meine Erfolge nicht wirklich annehmen. Ich galt zwar als der beste Torwart des Kreises, war jedoch trotzdem nicht wirklich glücklich.
Ich erkläre mir mein Verhalten so, dass ich mir aufgrund meiner Erfahrungen als Ersatzspieler nicht vorstellen konnte, wegen meiner Leistungen akzeptiert zu werden. »Das kann doch eigentlich gar nicht sein, dass die Kollegen der Meinung sind, ich sei ein guter Keeper. Ich muss also noch bessere Leistungen zeigen!« So hat sich bei mir, zumindest als Fußballer, nach und nach eine perfektionistische Haltung aufgebaut, die mir zum Teil im Weg stand, aber auf jeden Fall dazu geführt hat, dass ich mich nie so richtig zugehörig gefühlt habe und als Torwart nie wahrhaftige Glücksgefühle entfalten konnte.
Das heißt: Bei mir hat letztendlich die Gesellschaft – in diesem Fall die Gruppe meiner Fußballkameraden und des entsprechenden sportlichen Umfeldes – dazu beigetragen, dass sich perfektionistische Züge entwickeln konnten, und zwar mit dem Ziel, Anerkennung zu erhalten und mich einer Gruppe zugehörig fühlen zu können. Dazu möchte ich dir weiter unten weitere Beispiele geben.
Angetrieben durch Fernsehsendungen wie Let’s dance und vergleichbare Sendungen reicht das einfache Tanzen heutzutage oft nicht mehr aus, um andere Menschen zu überzeugen. Um in der Gesellschaft angesehen zu werden, musst du einen perfekten Tanz aufs Parkett legen. Der Spaß und die Freude am Tanzen rücken in den Hintergrund, der Leistungsdruck nimmt zu. Beim Sport reichen der Spaß und der Unterhaltungswert ebenfalls nicht mehr aus; wem es um Lob und Anerkennung geht, der muss eine Spitzenleistung erbringen. Wer dazu nicht bereit ist oder dies nicht bieten kann – nicht jeder ist zu Spitzenleistungen im Sport fähig –, der leidet darunter und kann keine Gefühle der Zufriedenheit oder gar des Glücks entwickeln. Wenn wir nur damit beschäftigt sind, was die Gesellschaft über uns denkt, und uns ständig fragen, ob und wie wir Anerkennung erfahren können, ohne uns darauf zu konzentrieren, was uns Freude bereitet, dann verhindern wir dadurch geradezu Glücksgefühle. Was dann passieren kann, musste ich in der eigenen Familie erleben.
Als mein Sohn 17 Jahre alt war, entschloss er sich, eine Tanzschule zu besuchen. Er wollte alle klassischen Tänze erlernen. Er hatte rasch eine gute Partnerin gefunden und beide wurden so gut, dass die Tanzschule sie für kleinere Wettkämpfe anmelden wollte. Dazu mussten sie immer und immer wieder die gleichen Techniken und Figuren einüben. Mein Sohn und seine Tanzpartnerin wollten sich jedoch weiterentwickeln, sie wollten neue Figuren und Tänze erlernen, statt die Tänze, die sie ohnehin beherrschten, immer weiter zu perfektionieren. Klar, das ist die Voraussetzung, um an Wettkämpfen erfolgreich teilzunehmen. Aber: Es ging ihnen nicht darum, einige wenige Tänze perfekt zu beherrschen, sondern sich möglichst vielseitig und abwechslungsreich bewegen zu können. Die Tanzschule hingegen war auf ihr Image und ihr Ansehen fixiert. Sie wollte mit guten Platzierungen glänzen. Mein Sohn und seine Tanzpartnerin verloren mit der Zeit die Lust und hörten mit der Tanzerei dann ganz auf. Schade, denn sie waren sehr gut und hätten mit Lust und Freude sicher noch eine Menge erreichen können. Der Perfektionsdruck, den die Tanzschule ausübte, hat dazu geführt, dass ein talentiertes Paar das Tanzen beendet hat.
Klar ist, dass dieser Perfektionsdruck auch im beruflichen Umfeld eine Rolle spielt.
In meiner Zeit als Vertriebsleiter in der Softwarebranche hatte ich eine Zeit lang auch das Entwicklungsteam zu verantworten. Es gab bei meiner Übernahme der Abteilung jedoch keine Testabteilung (die man in einem solchen Unternehmen hätte erwarten können). Jeder Fehler, der in der Entwicklung passierte, wirkte sich unmittelbar beim Kunden aus und belastete den Support. Dies führte zu einem enormen Druck bei den Entwicklern. Sobald ein Fehler in der Praxis auftrat, wurden die Entwickler gleich von allen Seiten kritisiert. Um Fehler zu vermeiden, hielten sie sich extrem lange an einem Ticket (einer Entwicklung) auf. Sie wollten Kritik vermeiden, was jedoch dazu führte, dass es immer weniger Innovationen gab. Denn jeder Entwickler vermied es, Anregungen und Änderungen einzubringen, es hätte ja die Fehlerquote erhöhen können. Um Anerkennung von einem Umfeld zu erhalten, das eine Null-Fehler-Toleranz favorisierte, wurde der Druck immer größer, perfekt zu agieren. So wurde nach und nach jegliche Kreativität erstickt, weil die Entwickler sich einfach nicht mehr trauten, auch einmal einen Fehler zu machen. Und eine Entwicklungsabteilung ohne Kreativität … nun ja …
Ich höre schon die Kritiker, dass dies doch gut so sei, es sei doch richtig, Fehler zu vermeiden! Auf der einen Seite ist das tatsächlich richtig. In diesem Bereich kommt es jedoch auch auf Umsetzungsgeschwindigkeit und Innovation an. Erst nachdem ich dann eine Testabteilung eingerichtet hatte, konnten wir alles miteinander verknüpfen: Innovation, Genauigkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit. Der Druck auf den einzelnen Entwickler verringerte sich, er traute sich wieder, auch kreativ und innovativ zu agieren.
Nimm dir Zeit zum Nachdenken
Es gibt familiäre und gesellschaftliche Einflüsse, die unser Verhalten in Bezug auf die Perfektion beeinflussen. Prägungen, die du in deinem Leben erfahren hast, lassen sich aber oft auch verändern. Das ist nicht immer ganz einfach, aber es geht. Darum beschäftige dich bitte mit den folgenden Fragen:
•Was verstehst du unter Perfektionismus?
•(Wann) Leidest du unter Perfektionismus?
•In welchen Situationen profitierst du von dieser Haltung?
•Welche familiären und gesellschaftlichen Prägungen könnten »deinen« Perfektionismus beeinflusst haben? Beschreibe diese Beeinflussungen möglichst konkret.
•Welche Möglichkeiten kannst du wie nutzen, um dich von deinen Prägungen zu befreien?
Sich selbst wertschätzen
Vielleicht kennst du selbst Beispiele aus deinem auch gesellschaftlichen Umfeld, die belegen, wie kontraproduktiv das übermäßige Streben nach Perfektion sein kann. Ich komme in diesem Zusammenhang noch einmal auf meine »Fußballkarriere« zurück: Ich habe trainiert wie ein Wilder, ich wollte dazugehören, nie mehr der Letzte sein, der ausgewählt wird. Ich wollte das Gefühl haben, dass ich jemand bin. Doch meine Neigung zur neurotischen Perfektion in Sachen Fußball hinderte mich daran, Glücksgefühle zu empfinden. Egal, welche Erfolge ich feierte, mich überkam immer das Gefühl: Da geht noch mehr, das reicht nicht. Ich dachte, die anderen würden mich nur anerkennen, wenn ich immer noch besser würde.
Damals wusste ich noch nicht, dass selbst Weltklasseleistungen im Tor nichts an meiner Situation geändert hätten. Denn mein Problem lag darin begründet, dass ich mich selbst in meinem So-Sein nicht akzeptieren konnte. Ich musste zuerst mit mir selbst zurechtkommen, mich mit allen Stärken, aber eben auch mit allen Schwächen selbst annehmen. Zum Glück habe ich zumindest erkannt – wenn auch eher zufällig –, dass meine fußballerischen Stärken im Tor liegen und nicht auf dem Feld. Das war ein großer Fortschritt. Mich aber selbst so zu respektieren, wie ich bin – das hat noch viele Jahre gedauert. Ich musste erst verstehen, dass es erst einmal nicht darum geht, die Akzeptanz von anderen zu erhalten, sondern in allererster Linie darum, mich selbst zu lieben, Ja zu mir selbst zu sagen und mich wertzuschätzen.
Starke Impulse und Denkanstöße aus Kapitel 1
•Perfektion an der richtigen Stelle eingesetzt kann zu Spitzenleistung führen.
•Perfektion an der falschen Stelle eingesetzt wird zum Leistungsund Glücksverhinderer.
•Perfektionismus trägt also Glück und Makel zugleich in sich.
•Erkenne deine Leistung an, auch wenn sie aus deiner Sicht noch nicht perfekt ist. Erfreue dich an dem, was du erreicht hast.
•Nicht immer benötigst du 100 Prozent Perfektion. Manchmal sind 95 Prozent die besseren 100 Prozent.
Kapitel 2: Mit Mut zur Lücke mehr Zufriedenheit im Privatleben und im Umgang mit sich selbst
Es ist wie beim Thema Führung: Pater Anselm Grün wird der Ausspruch zugeschrieben, nur derjenige könne andere Menschen führen, der sich selbst zu führen verstehe. Der Managementvordenker Peter F. Drucker hat darauf hingewiesen, dass Menschen letztendlich nur eine einzige Person führen könnten und auch müssten: Und diese Person seien sie selbst. Ähnlich verhält es sich beim Thema Perfektionismus. Kläre zunächst einmal dein Verhältnis zum Perfektionismus, komm deinem persönlichen Umgang mit ihm auf die Spur – danach kannst du überlegen, wie du mit dem Phänomen in anderen Lebensbereichen umgehst.
Von der Anerkennung und dem Gefühl, gemocht zu werden
Perfektionisten haben immer den Eindruck, sie würden nur akzeptiert und Anerkennung bekommen, wenn sie keine Fehler machen. Wenn sie alles perfekt umsetzen und in allem unantastbare Leistungen bringen. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass sie dazu keine Perfektion benötigen und ganz andere Faktoren dafür verantwortlich sind, dass sie Zuneigung erfahren. Oder vielleicht verstehen sie das wohl rational, können es aber nicht empfinden – sie empfinden sich erst als liebenswert, wenn sie die ihrer Meinung nach perfekte Leistung erbracht haben.
Allerdings: Verhält es sich tatsächlich so, dass wir immer nur Menschen mögen, die perfekt sind? Meine Erfahrung ist eine andere: Menschen mit kleinen Macken und Fehlern sind uns viel sympathischer. Menschen, die freundlich, liebevoll, zuvorkommend sind, erhalten deutlich eher Zuneigung als Perfektionisten. Alles richtig machen zu wollen führt meist genau zum Gegenteil von dem, was Perfektionisten eigentlich erreichen möchten, nämlich die Anerkennung und das Gefühl, gemocht zu werden. Der Mut zur Lücke führt viel eher zu mehr Glück und Zufriedenheit im Privatleben als das Streben nach Perfektion.
Den Unperfekten gehört (oft) die Welt
Vielleicht kennst du Pietro Lombardi, den »verpeilten« Sänger aus der RTL-Sendung DSDS (»Deutschland sucht den Superstar«). Immer etwas tollpatschig, ganz gute Stimme, aber nie perfekt. Bereits im ersten DSDS-Casting 2011 wurde er zur Lachnummer, als er mit seinem Keyboard vor der Jury antrat und meinte, »ganz schön anstrengend den ganzen Tag mit diesem Ständer«. Alle krümmten sich vor Lachen, weil natürlich etwas anderes in seine Aussage hineininterpretiert wurde. Mit seiner unbeholfenen Art schaffte er es bis ins Finale. Dort trat er zum Schluss gegen die perfektere Sarah Engels an, er gewann und wurde »Superstar«. Sarah gab optisch sicher die perfektere Figur ab, war im Gesang ohne Fehler und auch ihr Verhalten etwa in Interviews gestaltete sich fehlerfreier – und trotzdem hat Pietro gewonnen. Später haben die beiden geheiratet, so haben wohl am Ende beide gewonnen, obwohl sie mittlerweile geschieden worden sind. Während ich dies schreibe, sitzt Pietro bereits zum zweiten Mal in der DSDS-Jury. Die Leute mochten und mögen ihn, wahrscheinlich auch, weil er immer ehrlich und sympathisch rüberkommt. Die kleinen und großen Fehler, die er hat, sind es, die ihn zu dem machen, was er ist. Menschen wie Pietro Lombardi brauchen keinen Perfektionismus, um sich von der großen Masse abzusetzen und um sichtbar zu werden. Ganz im Gegenteil, Perfektionismus würde ihnen wahrscheinlich nur schaden. Zumindest an dieser Stelle gilt: Menschen, die nicht perfekt sind, werden von Menschen gemocht, die das Perfekte nicht mögen und dies ablehnen, denn sie lieben genau diese kleinen Schönheitsfehler.
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Unperfekt ist manchmal das bessere Perfekt.
Dem Perfektionisten macht es niemand so richtig recht. Am liebsten würde er alles selbst erledigen. Wenn es nun gar nicht anders geht und er wirklich einmal etwas delegieren muss, dann mischt er sich ein, wo immer er kann. Ihm macht es niemand gut genug, und da er es ja bekanntlich selbst besser weiß, muss er dies auch ausgiebig kundtun. Genauso, wie er sich selbst nicht vertraut und sich selbst nichts zutraut – dies ist eine der Wurzeln des neurotischen Perfektionismus –, fällt es ihm schwer, anderen Menschen zu vertrauen und ihnen etwas zuzutrauen. Lieber erklärt er in aller Ausführlichkeit, wie es besser gehen könnte. Er erteilt Anweisungen und verhindert so die Entfaltung der Leistungsfähigkeit des anderen Menschen, er blockiert dessen Kreativität und beraubt ihn der Möglichkeiten, sich neue Wege zu erschließen.
»Habt ihr Acht gegeben, was für Menschen am meisten Wert auf strengste Gewissenhaftigkeit legen? Die, welche sich vieler erbärmlicher Empfindungen bewußt sind, ängstlich von sich und an sich denken und Angst vor anderen haben?«
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900), deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller
Kein Wunder also, dass der Perfektionist durch sein permanentes Sich-Einmischen vor allem Konflikte erzeugt. So entstehen Missstimmung und Frustration, die Leistungsfähigkeit der Menschen wird durch das Verhalten des Perfektionisten minimiert. Statt Antrieb erfolgt genau das Gegenteil, nämlich Blockade.
Einmischen – ein Garant für Konflikte
Ich halte mich für einen erfahrenen Autofahrer (und wie die meisten Männer: für einen guten). Immerhin habe ich in meinem Leben bisher mehr als drei Millionen Kilometer auf der Straße verbracht. (Das hört sich schon gewaltig an, wenn man es liest, ich war selbst sehr überrascht, als ich die Zahl hochgerechnet habe – aber es müsste so ungefähr hinkommen.) Wenn man so viele Kilometer auf der Straße verbringt, lässt es sich kaum verhindern, auch einmal geblitzt zu werden … Leider kann dies kurzzeitig zum Verlust des Führerscheins führen. So erging es mir einst. Meine Frau hatte dann das (zweifelhafte) Vergnügen, als Fahrerin einspringen zu dürfen. Nun muss ich zugeben, ich halte mich zwar für einen brauchbaren Fahrer, aber um meine Eignung als Beifahrer ist es weniger gut bestellt. Dies führt dazu, dass ich es mir oft nicht verkneifen kann, meine Meinung kundzutun. »Fahr doch bitte ein bisschen weiter rechts. Fahr nicht ganz so dicht auf. Achtung, der bremst gleich.« Dass Einmischung Konflikt erzeugt und Konflikt Missstimmung, habe ich dann fast zu spät erkannt.
Nach einiger Zeit lächelte mir meine Frau nicht mehr so freudestrahlend zu, wie dies noch zu Beginn ihrer »Karriere als Taxifahrerin« der Fall war. Im Gegenteil, sie wurde immer genervter, das war verständlich. Aber weil ich schon so viele Kilometer gefahren bin, war ich natürlich der Meinung, dass ich der Perfektion recht nahekam, zum Leidwesen meiner Frau. Sie empfand die Einmischung keineswegs als lustige Angelegenheit und stand kurz vor einem Streik.
Zum Glück bin ich jemand, der seine Mitmenschen allein schon aus beruflicher Sicht genau beobachtet, was es mir ermöglicht, Missstimmungen und deren Ursache schnell zu erkennen. So auch in meiner Eigenschaft als Beifahrer, auch wenn dies erst relativ spät geschah. Nun konnte ich mein Verhalten ändern und mich in Gelassenheit üben. »Mund halten und meine Frau machen lassen«, so das neue Motto. Ich gebe zu, es kam am Anfang der Folter nahe, führte jedoch dazu, dass sich die Stimmung schlagartig änderte.
Plötzlich lächelte meine Frau wieder, was dann zu einem Grinsen bei mir führte. Es dauerte auch gar nicht so lange, dann hatte ich mich an die Fahrweise meiner Frau gewöhnt. Einen Rat gab es dann nur noch auf Nachfrage.
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Erst die Erkenntnis, dass die durch das eigene Perfektionsstreben induzierte Einmischung in Handlungen anderer unweigerlich zu Konflikten führt, sorgt dafür, dass du dein Verhalten ändern und anpassen kannst.
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