Read the book: «Hope.»

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Sönke C. Weiss

Hope.

Das zweite Leben

der ehemaligen Kindersoldatin

Christine Hope


Das Deutsche Bündnis Kindersoldaten hilft bei öffentlichkeits­wirksamen Aktionen gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten, weist auf Unterrichtsmaterialien hin und betreibt Lobbyarbeit: www.kindersoldaten.info/Über+uns.html

Dokumente zur Problematik Kindersoldaten in deutscher Sprache findet man auf: www.worldvision.de/kindersoldaten/norduganda/content/f/fa.php

Besonders empfehlenswert ist die Diplomarbeit von Vivien Urbach »(Ge)wehrlos – Das Trauma ehemaliger Kindersoldaten«

Wolfgang Niedeckens Rebound-Projekt finden Sie auf: www.jack-wolfskin.com/rebound/de/Projekt-Rebound-2.aspx


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865064158

1. Digitale Auflage 2012 Zeilenwert GmbH

© 2012 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: Sönke C. Weiss

www.brendow-verlag.de

Für Nina

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort. Von Wolfgang Niedecken, BAP-Frontmann und Afrikaaktivist

Einleitung des Autors

Was bisher geschah

KAPITEL 1 Grausamkeit ist verrückt

KAPITEL 2: Ich gebe, damit du gibst

KAPITEL 3: Kololo

Epilog Joseph Kony. Eine Spurensuche

Nachwort. Von Dr. Wolfgang Jamann, Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe

Vorwort

»Please, Mister, promise not to forget us.«

Die nordugandischen Flüchtlingslager glichen kleinen Städten, in ihnen lebten 10 000, manchmal 20 000 Menschen. Dicht an dicht standen die strohgedeckten Rundhütten, nicht wie in den zurückgelassenen Dörfern, wo viel mehr Platz zwischen den wenigen Unterkünften gewesen war und die Wege und der festgestampfte, mitunter marmorglatte Lehmboden in den Hütten blank gefegt gewesen waren, wo die Menschen ihre Felder bestellt hatten und die Beziehungen zwischen den Familien gewachsen waren. In den Lagern war das nicht mehr möglich. Den Männern war ihre traditionelle Rolle als Oberhaupt, Beschützer und Ernährer ihrer Familien abhandengekommen, viele von ihnen kauerten im Dunkel ihrer Hütten, fühlten sich nutzlos, überflüssig, gaben sich dem Suff hin und ließen ihre aus Resignation geborene Wut an den Frauen aus, die versuchten, das Leben in Gang zu halten. Es herrschte eine qualvolle Enge, zu viele Menschen waren auf viel zu wenig Raum untergebracht, allesamt Opfer des Bürgerkriegs, der Chance auf ein friedliches Leben in Selbstbestimmung und Freiheit beraubt, so wie Sönke C. Weiss es in diesem Buch einprägsam beschreibt und in eine Welt mitnimmt, die den wenigsten von uns bekannt ist. Gott sei Dank. Norduganda zu Beginn des neuen Jahrtausends ähnelte einer Hölle auf Erden.

»Please, Mister, promise not to forget us.«

Das habe ich nicht getan.

Oft unterhielt ich mich mit meinem Freund Manfred Hell über das, was ich in Uganda gesehen hatte. Er hörte mir zu, beharrlich, aufmerksam, ich nahm ein Interesse wahr, das weit über höfliche Neugier hinausging, ich merkte es an den Fragen, die er stellte, und daran, dass er sein Erschrecken, seine Bestürzung über das Geschilderte zuließ und nicht sofort wieder überdeckte mit leicht Dahingesagtem, was einem Rückzug ins Unverfängliche gleichgekommen wäre. Ich schlug ihm vor, mich bei meiner nächsten Afrikareise zu begleiten. Gemeinsam mit Sönke C. Weiss, von dem ich viel über diesen Teil Afrikas gelernt habe, reisten wir 2007 nach Norduganda, wo wir Flüchtlingslager besichtigten und mit ehemaligen Kindersoldaten sprachen. Unter anderem auch mit Hope, der Heldin dieses Buches. Für mich war das die Erneuerung früherer Erlebnisse, noch immer erschütternd, noch immer unbegreiflich, aber nicht mehr mein ganzes Denken und Fühlen so in Frage stellend wie beim ersten Mal, als ich, angesprun­-gen von Hilflosigkeit und Trauer, viele Augenblicke lang den Boden unter den Füßen verloren hatte: Wir gründeten das Rebound-Projekt, ein umfassendes Resozialisierungsprojekt zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen, die vom Krieg betroffen sind. Mein Song »Noh Gulu« war mein erster Versuch, der Ermahnung des kleinen Mädchens aus Norduganda gerecht zu werden.

»Please, Mister, promise not to forget us.«

Die BAP-Fans reagierten großartig, über 60 000 Mal luden sie den Song auf ihre Festplatten runter und ließen sich da­- für nicht lumpen. Sie stellten uns mit ihren Spenden so viel Geld zur Verfügung, dass wir zusammen mit den bereits vorhandenen Mitteln über ein ansehnliches Grundkapital für unser Rebound-Projekt verfügten und in das Stadium konkreter Planungen einsteigen konnten. Mittlerweile gibt es in Nord­uganda drei Rebound-Berufsschulen. Da im benachbarten Ost-Kongo nach wie vor große Not herrscht, haben wir ein zweites Rebound-Projekt in der Beni-Region ins Leben gerufen. Bei unserer Arbeit legen wir großen Wert auf die Kooperation mit staatlichen Einrichtungen vor Ort. Auch wenn der Weg beschwerlich ist, es tut sich was.

Umso mehr überrascht es mich immer wieder, dass mir in schöner Regelmäßigkeit in Interviews die Frage gestellt wird, ob man mit Musik denn wirklich etwas bewirken könne. Eigentlich verstehe ich die Frage nicht. Jeder, der das Wirken von Leuten wie Bob Geldorf oder auch Bono und Sting öffentlich belächelt und in den Schmutz zieht, kann heute mit allgemeinem Applaus rechnen. Wenn man nur Münzen hochwirft und darauf wartet, dass weder Zahl noch Krone kommen, kann man nichts falsch machen. Die Arme vor der Brust zu verschränken und sich in Zynismus zu flüchten, weil man nicht in der Lage oder zu feige ist, selbst aktiv zu werden, ist nicht nur der bequemere, sondern auch die angesehenere Variante. Der Vorwurf des »Gutmenschentums« funktioniert verlässlich als Totschlagargument. Er diffamiert den Engagierten und lässt gleichzeitig in einer perversen Verkehrung das eigene Nichtstun als das moralisch richtigere Verhalten leuchten.

»Please, Mister, promise not to forget us.«

Wer Afrika und ihre Menschen ebenfalls nie vergessen hat, ist der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler. Ich hatte ihm immer wieder von meinen Erlebnissen in Gulu berichtet und ihm den ersten Teil von Hopes Biografie gegeben. Offensichtlich war ich damit an die richtige Adresse geraten. Köhler plante einen Staatsbesuch in Uganda, und obwohl Präsident Yoweri Museveni alles andere als begeistert davon war und sogar behauptete, man könne den Bundespräsidenten nicht standesgemäß nach Gulu einfliegen, ließ sich Köhler nicht davon abbringen, die Stadt selbst in Augenschein zu nehmen. Museveni hätte ihm lieber den halbwegs intakten Süden des Landes vorgeführt, aber gegen Köhlers Beharrlichkeit kam er nicht an, in einem persönlichen Telefonat gab er schließlich zähneknirschend sein Okay. Mit einer eigens vom Horn von Afrika nach Entebbe beorderten Transall-Maschine der Bundeswehr kamen wir im Februar 2008 in Gulu an, Köhler nahm seine Ohrenschützer ab und verließ das Flugzeug, ich fing den Blick des Bundespräsidenten auf und konnte ihn lesen, er sagte: Na also, geht doch. Köhler unterhielt sich lange mit Hope, Presse und andere Delegationsmitglieder waren nicht zugelassen, denn es ging dem Bundespräsidenten nicht um schöne Bilder, sondern darum, zuzuhören, sich auf Hope einzulassen und so vielleicht in einen Dialog zu kommen, über alles Trennende hinweg. Auch davon ist in diesem Buch die Rede.

Und davon, dass zwischen dem Start und dem Ziel immer ein Moment liegt, der das Vergangene abschließt und der Beginn von etwas Neuem ist.

Wolfgang Niedecken, Juni 2012

Einleitung des Autors

Wie es tatsächlich in Afrika aussieht, das weiß im Europa des 18. Jahrhunderts kaum jemand. Auf den Landkarten steht schlicht: Hic sunt leones – hier gibt es Löwen. Will sagen: Es ist gefährlich, seien wir besser vorsichtig.

Die Angst vorm unbekannten Kontinent ist bis heute nicht gewichen. Auf viele Menschen, speziell in Deutschland, dessen Kolonialzeit fast 100 Jahre zurückliegt, wirkt Afrika noch immer fremd, schwer verständlich und unwirklich. Die Bewohner kennen die meisten Menschen hierzulande nur durch die Medien, wenn wieder mal ein Bürgerkrieg ausbricht, eine Hungerkatastrophe aufflammt, über Aids, Korruption oder Kindersoldaten berichtet wird. Ich weiß, ich bediene das Klischee, aber es ist, was es ist.

Fakt ist: Derzeit gibt es schätzungsweise 300 000 Kindersoldaten, die meisten davon in der Tat in Afrika. In den zurückliegenden 20 Jahren sind mehr als zwei Millionen Kindersoldaten bei Kämpfen ums Leben gekommen, über sechs Millionen sind zu Invaliden geworden, ganz zu schweigen von den bis zu zehn Millionen Jungen und Mädchen, die für den Rest ihres Lebens unter seelischen Schäden leiden werden. Nüchterne Zahlen, die aus den Archiven der Vereinten Nationen stammen. Aber was genau verbirgt sich hinter dem Wort Kindersoldat?

Das Kinderhilfswerk UNICEF bezeichnet »alle Kämpfer und deren Helfer, die unter 18 Jahren sind«, schlicht und einfach als Kindersoldaten. Eine klare Definition, die bis heute aber nicht von der internationalen Staatengemeinschaft geteilt wird. Obwohl alle Länder dieser Welt im Verlauf ihrer Geschichte Kinder als Soldaten missbraucht haben. Ausnahms­-los. Fakt ist also auch: Kindersoldaten sind keine Erfindung Afrikas.

Nur einige Beispiele: Bereits die römischen Heere kämpfen mit Tausenden von Kindern, als sie bis nach Großbritannien vordringen; während der Kreuzzüge gibt es zwei ganze Armeen von Kindersoldaten, eine in Deutschland und eine in Frankreich, die in den Orient marschieren. Napoleon verheizt unzählige Kindersoldaten auf seinen Feldzügen; während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges kämpfen sie auf allen Seiten; zum Ende des Zweiten Weltkriegs setzt die Waffen-SS Kinder ein, so ist etwa Günter Grass mit seinen nur 14 Jahren ein Kindersoldat gewesen. Ähnlich wie das Mädchen namens Christine Hope, von ihren Freunden und der Familie schlicht Hope genannt, das Sie in meinem zweiten Teil ihrer Biografie näher kennenlernen werden.

Ich bin mit Hope, zum Schutz ihrer Person habe ich den Namen geändert, seit nunmehr zehn Jahren eng befreundet. Sie ist ein Teil meiner Familie geworden, so wie ich zu ihrer Familie gehöre. Hope ist die Betroffene eines Bürgerkriegs, der von 1986 bis 2006 in Norduganda stattfand. Die Konsequenzen sind über Generationen hinweg zu spüren und werden wohl noch der nächsten mit in die Wiege gelegt werden. Den Begriff Opfer vermeide ich gezielt. Dies würde Hopes Persönlichkeit nicht gerecht werden. Sie will nicht als Verlust betrachtet werden. Obwohl sie ihr Dasein immer wieder in Frage stellt, sie zwischen den Stühlen steht, zwischen Tradition und Moderne. Wie Uganda. Wie der gesamte afrikanische Kontinent.

Für Hope ist es ein »unsagbar ernstes Glück«, leben zu dürfen, trotz aller Schwierigkeiten. Sie hält ihren Kopf über Wasser, auch bei stürmischer See, wenn alles um sie herum fast verloren scheint. Hope und andere junge Frauen in Nord­uganda sorgen unermüdlich für ihre Familien. Sie verdienen dafür mehr offizielle Unterstützung seitens ihrer eigenen Regierung in Kampala und unserer in Berlin. Dies zu fordern ist für mich keine neokoloniale Einmischung, sondern eine weltbürgerliche Verpflichtung, der ich in meiner Eigenschaft als Mensch und Christ Rechnung trage, weil ich an Hopes Zukunft glaube, so, wie ich an die Zukunft Afrikas glaube. Selbst wenn sich die Dinge nicht nach unseren westlichen Zeitvorstellungen ändern.

Hope und ich haben uns entschieden, dass sie den zweiten Teil ihrer Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt, um authentisch zu bleiben. Im März haben wir uns in Norduganda getroffen und für mehrere Wochen zusammengesetzt. Das Buch ist das Ergebnis unserer Gespräche. Es will Ihnen Einblicke in die Gedankenwelt und das Seelenleben von Hope und den Menschen um sie herum geben. Hope indes möchte nichts weiter als ein gewöhnlicher Mensch sein. Doch die außergewöhnlichen Umstände in Norduganda hindern sie daran. Noch. Trotzdem wagt sie jeden Tag einen frischen Anfang. Weil Hope weiß, dass die Welt nur so gut ist, wie ihre Menschen es sein wollen. Egal, ob es dort Löwen gibt oder nicht.

Sönke C. Weiss, Juni 2012

Was bisher geschah

Am frühen Morgen des 12. Dezember 1996 weiß Hope noch nicht, dass sich ihr Leben in nur 17 Stunden für immer verändern wird.

Das Mädchen geht an diesem Tag zum Markt im nord­ugandischen Ayam, um dort Tomaten zu verkaufen. Die Zwölfjährige träumt von einem weißen Kleid, das sie sich am liebsten schon zu Weihnachten leisten möchte, um schön auszusehen im Kirchenchor, in dem Hope jeden Sonntag singt. Doch niemand kauft ihr Gemüse.

Enttäuscht kehrt sie nach Hause zurück und beginnt, auf dem Platz zwischen den Hütten ihrer Eltern ein Feuer zu machen. Zum Abendessen gibt es Maniokbrei. Wie immer. Hopes Familie ist sehr arm.

Wegen des Krieges und weil immer mehr Kinder von der Widerstandsarmee des Herrn unter der Leitung von Joseph Kony entführt werden, sind Hopes Eltern beunruhigt. Sie fürchten um Hopes Sicherheit und die ihres älteren Bruders James.

Hopes Großvater sagt: »Die Regierung in Kampala hat kein Interesse an uns. Wir sind Acholi. Wir sind die Feinde des Südens. Dieser Krieg ist unser Problem. Sagt unser Präsident. Das muss man sich vorstellen. Freiheit haben wir erst, wenn wir unser Land als einen Staat sehen und uns nicht mehr als Angehörige von Stämmen bezeichnen.«

Es muss so gegen 22 Uhr gewesen sein, daran kann sich Hope viele Jahre später noch genau erinnern, als schwere Stiefel gegen die Tür ihrer Hütte treten.

Gemeinsam mit 35 anderen Kindern werden Hope und James von den Rebellen entführt, wie auch ihr Vater. Hopes Großvater wird erschossen, die Vorräte der Familie geplündert. 14 Tage Fußmarsch in den Südsudan folgen.

Von hier aus operiert die Widerstandsarmee des Herrn. Hier gewährt Khartums Regierung den Rebellen Asyl. Nicht aus Sympathie für Joseph Kony und seine Bewegung, sondern schlicht aus Eigennutz. Die Rebellen legen Landminen und töten die einheimische Bevölkerung, sie heizen den Konflikt zwischen Nord- und Südsudan weiter an. Dafür bekommen sie Waffen und Lebensmittel, und Khartum kann die Ölvorkommen im Süden ausbeuten. Käme es zum Frieden, müsste Präsident Umar al-Baschir den Gewinn teilen.

Auf dem Weg in den Südsudan sterben viele der Kinder an Erschöpfung und Durst. Das ist so gewollt. Die Widerstands­armee des Herrn will nur die stärksten Jungen und Mädchen mit ins Ausbildungscamp Lubanga Tek nehmen.

Auf dem Weg wird Hope gezwungen, ihren geliebten Vater halb totzuschlagen. Die Rebellen wollen sicherstellen, dass es für Hope aus Furcht vor Strafe keinen Weg zurück in ihre Dorfgemeinschaft und Familie gibt. Sie gehört nun ihnen. Bis zum heutigen Tag macht sich Hope deshalb Vorwürfe, fragt sich, ob Gott ihr jemals verzeihen wird. Hope ist eine Christin, die ihren Glauben lebt. Weil er ihr Kraft gibt. Ein Rückzugsort ist. Oft ihr einziger.

Kurz nach Weihnachten erreicht die Gruppe ihr Ziel. Viel Schlimmeres steht Hope erst noch bevor. Das Hauptquartier der Widerstandsarmee des Herrn ist ungefähr so groß wie 20 Fußballfelder. Es besteht aus einem Exerzierplatz, den Hütten der Generäle sowie denen von Kony mitsamt seinen gut einhundert Frauen. Gegenüber dem Exerzierplatz liegt die Zeltstadt. Hier wohnen die Kindersoldaten. Es sind etwa 3000 Jungen und Mädchen. Hope beobachtet, wie die Kinder exerzieren, ihre Gewehre putzen, im Laufschritt aus dem Lager verschwinden. Andere Kinder kommen aus dem Busch zurück. Sie sehen erschöpft aus und tragen Säcke auf ihren Schultern, die sie auf einem ihrer Raubzüge erbeutet haben. Was Hope sofort auffällt, ist die Stille, die im Lager herrscht. Keines der Kinder spricht. Ab und zu hört Hope einen Schrei oder einen Befehl, mehr nicht.

»Sei ruhig, mach, was man dir befiehlt, nur dann überlebst du«, lautet die erste Lektion, die Hope von Salome, einer erfahrenen Kindersoldatin und wenige Jahre älter als Hope, gelehrt wird. Salome wird Hopes Mentorin.

Am darauffolgenden Tag müssen sich Hope, James und die anderen Neuankömmlinge auf dem Exerzierplatz versammeln und werden dort von Joseph Kony und seinem Stellvertreter Vincent Otti empfangen.

Kony sagt: »Wir töten keine Menschen. Wir töten nur böse Menschen. Ihr habt Glück gehabt. Ihr seid dem Teufel entkommen. Heute beginnt euer neues Leben. Eure Aufgabe wird es sein, den Teufel zu töten. Dafür werde ich euch belohnen. Ihr kommt in den Himmel. Gott hat mich gesandt, um Uganda zu retten. Er hat euch gesandt, um mir dabei zu helfen. Ihr seid meine rechte Hand. Gemeinsam sind wir stark. Aber nur ich allein bin euer Führer. Die Zeit des Lachens ist vorbei.«

Auf Hope wirkt Kony besonnen und gefasst, auch später, wenn er Befehle zum Töten gibt oder selbst tötet.

Unter der Aufsicht von Salome beginnt Hope mit ihrer Ausbildung zur Rebellin. Jeder Morgen beginnt mit einem Dauerlauf, der mindestens 15 Kilometer lang ist. Viele Kinder sind zu schwach, um die Strecke zu schaffen. Sie werden erschossen. Vor Hopes Augen. Für sie wird der Tod zum täglichen Begleiter. Wer sich nicht schnell genug auf die Erde wirft oder einfach nur Pech hat, der stirbt im Kugelhagel, andere Kindersoldaten später im Kampf oder an Malaria, an Schlangen- oder Skorpionbissen. Von jeder neuen Gruppe überlebt meist nur ein Drittel der Kinder, oft sogar weniger. Die Ausbildung dauert zwei Wochen.

Während dieser Zeit lernt Hope, wie man mit einer Ka­laschnikow schießt, wie man einem Menschen die Kehle durchschneidet, wie man einen Hinterhalt plant und ausführt, wie man Landminen so legt, dass möglichst viele Zivilisten getötet und verletzt werden. Die Widerstandsarmee des Herrn ist straff und brutal organisiert, Widersprüche sind lebensgefährlich. Die Seelen der Kinder werden gebrochen. Die Regeln, die Hope lernt, sind eindeutig und einfach: Wer unaufgefordert redet, wird getötet. Wer zu fliehen versucht, wird getötet, Wer Befehle verweigert, wird getötet. Wer im Kampf verwundet wird, bleibt zurück.

Die Widerstandsarmee des Herrn ist eine Guerillaarmee, die den Kindern mit Aberglauben und Hokuspokus die Furcht vor dem Einsatz zu nehmen versucht. So muss sich Hope beispielsweise einen Stein in ihr Hemd einnähen.

»Wenn die Angreifer kommen, wirf ihnen den Stein entgegen. Ein großer Berg wird sich auftun. Er wird dich schützen«, erklärt der Ausbilder.

Hope muss auch immer eine Flasche Wasser bei sich tragen.

Der Ausbilder sagt: »Wenn die Angreifer kommen, schütte das Wasser auf den Boden. Ein großer Fluss wird sich bilden, und die Angreifer werden darin ertrinken.«

Konys Ziel ist es, Uganda eines Tages nach den Zehn Geboten zu regieren, einen Gottesstaat aus der noch jungen und wankelmütigen Demokratie zu machen.

Zum Denken hat Hope keine Zeit. Wenn sie nicht in den Busch zum Kämpfen geschickt wird, dann schläft sie vor lauter Erschöpfung bereits im Stehen ein. Nur ihr starker Überlebenswille lässt sie diese Zeit durchhalten.

Ihr Bruder James findet indes Gefallen am Soldatenleben. Ihm macht das neue Leben sogar Spaß. Für ihn ist es wie ein großes Abenteuer.

Bei einem ihrer gemeinsamen Einsätze verschwindet James spurlos. Er wird nie wiederauftauchen, wofür sich Hope Zeit ihres Lebens die Schuld geben wird, weil sie nicht auf ihren Bruder aufgepasst hat. Salome, die zu ihrer Vertrauten geworden ist, stirbt bei diesem Gefecht. Nun ist Hope ganz auf sich allein gestellt.

Über ein Jahr ist seit der Entführung vergangen. Hope bewährt sich immer wieder im Kampf und hat mittlerweile auch Konys Vertrauen. Er schenkt sie Vincent Otti, der sie die kommenden Monate über immer wieder missbraucht. Hope wird schwanger, merkt dies aber nicht.

Am 26. Februar 1998 überfallen Hope und ein Dutzend Kindersoldaten Lira, ein Dorf in Norduganda. Hope spürt, dass sie nicht mehr im Sudan ist, sondern fast zu Hause. Sie ergreift ihre Chance, und während die anderen Kinder die Hütten plündern, schleicht Hope sich davon, nur, um wenige Augenblicke später in drei Gewehrläufe zu blicken. Man hat sie erwischt.

Hope erschießt einen der Jungen und rennt um ihr Leben. Die anderen verfolgen sie, doch Hope ist schneller und schafft es mit letzter Kraft zu einem kleinen Backsteingebäude, in dem Carlos Rodrigues lebt. Der spanische Missionar nimmt Hope auf und bringt sie nach Gulu, wo er sie in einem Rehabilitationszentrum für Kindersoldaten abliefert.

Hope hat eine Schussverletzung. Die diensthabende Krankenschwester kümmert sich um die Wunde und stellt fest, dass Hope ein Kind bekommen wird, sie im dritten Monat schwanger ist. Hope sagt: »Ich kann kein Kind bekommen. Ich bin ein Kind.«

Hope unternimmt einen Selbstmordversuch, wird aber in letzter Sekunde gerettet.

In den kommenden Wochen nimmt Hope an Einzel- und Gruppensitzungen teil, in denen sie von ihren Erlebnissen im Busch berichtet. Sie leidet unter Albträumen, Depressionen und Schlafstörungen, die nie wieder verschwinden. Hope beginnt auch, sich immer wieder zu schlagen, eine Art von Selbstbestrafung für das, was sie verbrochen hat.

»Wir leben alle in der gleichen Welt, in unserer Wirklichkeit. Wir haben schlimme Dinge durchgemacht. Nur wenn wir unsere Erinnerungen und was wir dabei empfinden teilen, kann es uns eines Tages besser gehen«, erklärt der Therapeut den Sinn und Zweck der Gespräche.

Hope gründet eine Theatergruppe. Mit Hilfe eines Bühnenstücks, das Hope geschrieben hat, versuchen die ehemaligen Kindersoldaten, den Menschen ihren Leidensweg dramatisch darzustellen. Das Stück wird von den Menschen wohlwollend entgegengenommen. Hope schöpft neue Kraft und Hoffnung. Sie sieht wieder eine Zukunft für sich und ihr noch ungeborenes Kind.

Schließlich bringt Hope eine Tochter zur Welt und nennt sie Maria. Gemeinsam mit dem Therapeuten fahren Mutter und Tochter zurück in Hopes Dorf, um sich dort ihrer Familie zu stellen. Hope fürchtet sich vor der Begegnung mit ihren Eltern.

Der Therapeut sagt: »Stell dir euer Wiedersehen nicht zu leicht vor. Viel ist passiert. Gib ihnen Zeit. Gib dir Zeit. Wir sind eine Gemeinschaft, in der alle das Recht haben, eine Sache anzunehmen oder abzulehnen.«

Hope entgegnet: »Ich habe ihnen nichts getan. Warum sollten sie Angst vor mir haben?«

Der Therapeut antwortet: »Sie wissen, was andere Kindersoldaten angerichtet haben.«

Die Dorfältesten sind auf Hopes Rückkehr vorbereitet. Frauen klatschen in die Hände und singen ein Lied. Der Dorfprediger geht auf Hope zu und besprengt sie mit Weihwas­­- ser, als Zeichen der Reinigung. Anschließend zertritt Hope ein Ei.

Der Prediger sagt: »Hiermit soll die Vergangenheit endlich Vergangenheit sein und ein neues Leben für dich beginnen.« Hopes Eltern schließen ihre Tochter in die Arme und freuen sich über das neugeborene Baby.

Im Herbst 2000 wird die ehemalige Kindersoldatin und junge Mutter Hope nach Winnipeg in Kanada zu einer UN-Konferenz eingeladen, die sich dem Thema Kindersoldaten widmet. Es ist das erste Mal, dass sie ihre Heimat verlässt, und das erste Mal, dass sie vor einer internationalen Versammlung spricht.

Hope sagt: »Noch heute spüre ich den Schmerz in meiner Seele, wenn ich an die Zeit bei der Widerstandsarmee des Herrn denke. Es fühlt sich wie eine große Wunde an, die nie ganz vernarben wird. Aber ich habe noch Glück. Meine Familie ist für mich da. Andere ehemalige Kindersoldaten haben es schwerer als ich. Sie werden nicht wieder von ihren Familien aufgenommen. Auch ich werde oft von Leuten beschimpft. Geh doch wieder in den Busch mit deinem Kind, sagen sie. Wir ehemaligen Kindersoldaten stehen zwischen den Fronten. Das möchte ich ändern. Deshalb bin ich hier.«

In diesem Moment sehnt sich Hope nach daheim. Wo sie zu Hause wo Hope glücklich ist. Der einzig wahre Platz für sie auf der Welt. Uganda. Heimat. Hopes innerer Frieden. Ihre Welt ...

KAPITEL 1 Grausamkeit ist verrückt

Zwölf Jahre später

»Ruf mich morgen früh an. Dann gebe ich dir eine Ant­-wort.«

Er schweigt.

»Ich muss arbeiten. Wirklich. Verstehst du«, rechtfertige, nein, verteidige ich meine letzten beiden Sätze.

»Schön. Wie du willst«, sagt er eilig.

Offenbar ist er von mir genervt. (Wie sooft.) Die Verbindung wird unterbrochen. Bar jedes Gedankens, blicke ich auf mein Handy. Ich lege es auf die Fensterbank.

* * *

Ich atme tief aus und wünsche, ich könnte die gewöhnliche Beschaffenheit der Ereignisse so schildern, dass sie geradlinig in die Gegenwart führen, um zu verstehen, nein, um zu fühlen, wer ich heute eigentlich bin, was aus mir geworden ist, wie ich ihm entgegentreten, wie ich mich entscheiden soll; ich, die Konsequenz meiner Taten. Es fällt mir schwer. Ich versuche es trotzdem.

Die Nacht ist still, als ich entführt werde.

Der Sand, über den wir tagelang marschieren, ist heiß.

Die Machete glänzt im Sonnenlicht. Ich hebe sie auf.

Vaters Schädel zerbricht unter meinen erbarmungslosen Tritten.

Die Bilder lassen mich nicht los. Ich habe oft das Gefühl, dass mir im nächsten Augenblick etwas Schreckliches passieren könnte. Deshalb kann ich manchmal tagelang nicht meine Hütte verlassen. Ich habe auch fortwährend große Angst vor anderen Menschen und bin immer froh, wenn ich allein sein kann. Wenn ich mit anderen zusammen bin, fühle ich mich total einsam und sehr unwohl. Mir sind Menschen fremd, und ich kann niemandem wirklich vertrauen. Dann bete ich das Vaterunser. Bei Gott finde ich Halt. Immer. Beständig. Manchmal. Selbst wenn es mir zuweilen so vorkommt, dass ich den Verstand verliere, ich bin nicht verrückt. Grausamkeit ist verrückt. Das ist die Wahrheit.

Und so weiter. Und so fort.

Meine Gedanken rasen durch meinen Kopf. Immer im Kreis. Wie ein Hamster in seinem Rad. Endlos. Sinnlos. Nutzlos. Aussichtslos. Vergebens. Wie mein bisheriges Leben. Worauf warte ich denn? Auf eine friedliche Zukunft? Auf ein Leben ohne Schuld? Dass mein Verlangen nach Strafe endlich stirbt? Zu was führt das? Zu nichts.

* * *

Ich sitze am Fenster. Ich blicke in den Himmel und lasse meine Gedanken weiter frei. Sie kommen mir beziehungslos vor. Flatterhaft. Es gibt eine Zeit, da gehören sie zu mir. Körper und Geist haben eine Einheit ergeben. Damit ist es vor­-bei. (War all das Gottes Plan für mich?) Obwohl es Nacht ist, mache ich mich nicht zum Schlafen bereit. Ein stickiger Geruch nach Bohnerwachs und billiger Seife füllt diesen Raum des Krankenhauses, der ehemals eine Lagerhalle war.

Ich bin hellwach und schaue zu, wie sich eine Wolke vor den Mond schiebt. Ich berühre die Narbe an meinem linken Oberarm, wo mich eine Kugel getroffen hat, als ich den Rebellen entkommen bin.

Damals.

Während einer anderen Zeit.

Einer anderen Epoche. (Nur eine Episode, ein Zwischenfall gar?)

Ich freue mich, dass ich gleich allein sein werde. Menschen können so anstrengend sein. Ich putze meine Armbanduhr. Ich will gut sein. (Bin ich das, ein guter Mensch?)

»Gute Nacht, Hope«, sagt Dr. Franklin zum Abschied.

Dr. Franklin ist ein freundlicher Mann. Er kennt meine Geschichte nicht. Mein Vorleben. Es muss mein Geheimnis bleiben. Sonst verschwindet sein Lächeln so schnell wie er. Ich muss vorsichtig sein. Immer auf der Hut. Die Gefahr im Visier. Ich will nicht wieder ausgegrenzt werden. So wie damals. Im Flüchtlingslager. Wo man mich wie eine Aussätzige behandelt hat. Wegen meiner Vergangenheit. (Niemand sollte seine Sünden einem Fremden beichten.)

»Wenn du mich brauchst, melde dich bitte«, fügt Dr. Franklin hinzu.

»Kein Problem«, antworte ich.

Seine Schicht ist vorbei. Meine beginnt erst. Ich lächle ihm aufmerksam zu. Er geht durch die Tür in die Dunkelheit. Ich fühle mich wohl. Endlich. Allein. Mit meinen Fragen, die beliebig, zufällig, willkürlich und ziellos scheinen. (Wie ich es bin?)

Ich trinke Tee mit Milch und Zucker. Mit viel, viel Milch und noch mehr Zucker. Ich liebe alles Süße. Mir bleibt nichts als Warten. Bis etwas passiert. Bis mich jemand braucht. Weil ich da bin. Niemand sonst.

Ob es den Sternen egal ist, was ich mir wünsche?

Ist mein Kern noch rein, so rein, wie Eltern ihre Kinder lieben, weil sie ihnen selbst abhandengekommen ist, die Reinheit? Wie soll ich mich in meiner Heimat weiterhin zurechtfinden? Ich bin nur ein einzelner Mensch. Fast niemand ist zurückgekommen außer mir. Wir sind tot oder in alle Winde verstreut. Wir, die eine Chronik teilen, die sonst niemand versteht. Nicht einmal unsere Eltern. (Gerade sie nicht.)

Zweimal, ja, zweimal hatte ich bereits die Gelegenheit, meiner Vergangenheit für immer den Rücken zu kehren. Einmal in Kanada, einmal in Deutschland. Ich hätte dort bleiben können. Ich habe es nicht getan. Weil ich stattdessen was ge­-tan habe? Weil ich gewählt habe. Zwischen Gerechtigkeit (für mich) und meiner Familie. Ich bin ein gutes Mädchen. Ich bin ein artiges Mädchen. (Dafür danke ich meinem Vater.)

Ich höre das Bellen eines Hundes. Hinterher heult er auf, als ob ihn jemand geschlagen hätte, damit das Kläffen nachlässt. Hunger habe ich nicht. Ich nippe an meiner Plastiktasse und putze erneut meine Armbanduhr. Ich bin ordentlich. Sauber. Ich schätze Gewissheit. (Das habe ich von meiner Mutter.)

Die Uhr ist billig gewesen. Sie ist aus Metall. Digital. Sie glänzt trotzdem. Ein Geschenk zu meiner bestandenen Prüfung zur Krankenschwester. Für die Beste ihrer Klasse. So lautet die Gravur. Ich schaue nach vorne, immer nach vorne. Nie nach hinten. (Ich meine das sprichwörtlich.)

Was nützt es denn, unsere Kinder die Vergangenheit zu lehren?

Sollten wir ihnen nicht vielmehr beibringen, ihre Phantasie zu entwickeln, nicht ihre Erinnerung? Wie soll denn der Nachgeschmack des Gewesenen ihrem Leben dienen? Oder meinem Leben? Mir. Christine Hope. 25 Jahre alt. Alleiner­ziehende Mutter einer zwölfjährigen Tochter und ehemalige Kindersoldatin. Geboren und aufgewachsen in der Perle Afrikas, wie wir so schön schwärmerisch und beinahe ekstatisch behaupten.

Ich lebe für Gott und mein Land. Nicht für Gott und mich. Nein. Für Gott und mein Land, dem ich dienen möchte, nein, will. Weil es was ist? Weil es mein Land ist.

So soll es sein. Weil es schon immer so war. Obwohl ich meine Zweifel habe, ja, mir gar bisweilen misstraue. (Ob Gott jemals zweifelt, verzweifelt, an uns?)

Heute, wo all das gegenwärtig ist, was ich besser vergessen sollte. Sämtliche Details meiner Entführung, meiner Jahre bei den Rebellen und des Krieges. Wer wen wann wo ermordet hat. Wie. Warum. Warum überhaupt. Zu welchem Zweck.

Was ist mit meinem Weg zurück in die Gesellschaft? Ins Wir also. (Das Ich existiert nämlich nicht. Es gibt nur das Wir.) War das nicht auch ein Kampf? Ist dieser Kreuzzug überhaupt schon beendet? Was heißt letztlich Frieden? Für mich. Für uns. Für die, die im Krieg waren.

Man hat mich rehabilitiert, wie es heißt. Mehrere Wochen lang. Ein paar Gespräche mit Gleichgesinnten. Ein bisschen Theater spielen. Ein paar Bilder malen. Das Erlebte auskotzen und wegwerfen, um es nicht zu verschlucken. (Meine Seele ist doch kein Mülleimer.) Und dann? Alles gut jetzt? Von wegen!

Niemand hat mich auf die Menschen vorbereitet, die mir nach meiner Rückkehr aus dem Busch begegnet sind, denen ich Angst gemacht habe, nur weil ich plötzlich vor ihnen stand. Sie fürchteten sich vor meinem Anblick. Weil, in ihrer Phantasie, ja, da war ich ein Monster. Eine Mörderin. Was wirklich mit mir passiert ist, danach hat niemand gefragt. Damit hat man mich allein gelassen, nein, damit hat man uns allein gelassen.

»Gute Reise, Hope. Mach was aus deinem Leben«, sagt der Therapeut zum Abschied.

Er muss sich um andere Kinder kümmern. Es gibt ja so viele von uns. Da kann man auf ein Leben keine Rücksicht nehmen. Ich bin dazu noch schwanger. Das bedeutet Doppelbelastung. Das geht gar nicht.

»Du packst das schon, Hope. Du bist gutes Material«, meinte der Therapeut zu wissen.

Erst heute, als junge Frau, weiß ich, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Weil meine Geschichte, nein, unsere Geschichte, mit roter Tinte geschrieben worden ist. Es ist eine Geschichte des Tötens und des Vernichtens. Ich will, dass meine Tochter die Geschichte der Zukunft lernt, nicht die Geschichte der Vergangenheit. Das ist mein Wunsch. Mein Traum. Selbst wenn ich ein Mensch ohne Vorsehung bin. Das ist mein Schicksal. (Meine gottgesandte Prüfung?)

Ich stelle die Tasse weg und bemerke Abdrücke von Militärstiefeln auf dem Boden. Ich stehe auf, besorge mir einen Lappen und entferne sie. Der Dreck sitzt aber so fest, dass ich ihn nur mit meinen Fingernägeln abkriege. (Eine Klinik muss makellos sein.)

Es ist an der Zeit, meine Runde zu drehen und nach den Patienten zu schauen. Alle schlafen. Die 15 Betten des Spitals sind belegt. Keine besonderen Vorkommnisse. Routine. Ich kehre zu meinem Platz am Fenster zurück und notiere die Uhrzeit für meine Ablösung am Morgen. Ich blicke wieder aus dem Fenster. In der Scheibe spiegelt sich mein Gesicht.

Ich kann nicht sagen, dass ich mich besonders hübsch finde. Vielleicht war ich es mal. Ich sollte meine Mutter danach fragen. Für den Face-of-Africa-Wettbewerb hätte ich mich wohl nicht qualifiziert. Schade eigentlich. Mit einem anderen Gesicht und einem unschuldigeren Körper hätte ich sicher gewonnen. (Auch Freunde?) Ich habe Kolleginnen, die kürzen sich ihre Röcke, die lassen einen weiteren Knopf ihrer Uniformbluse offen, die machen schneller Karriere. Zum Beispiel Betty. Betty verbirgt ihre unappetitlichen Knutschflecken, wenn sie aus dem Arztbüro kommt. Insgeheim hofft sie darauf, dass er sie heiratet, Dr. Franklin. (Betty ist nicht die Klügste.)

Ich meine, sicher, grundsätzlich bin ich dankbar. Dafür, dass wir gesegnet sind. Nicht nur von Gott. Die Erde ist gut zu uns. Sie erwartet nichts. Außer unsere Hände. Unseren Schweiß. Ehrliche Arbeit. Jeden Tag. Wir könnten so glücklich sein. Aber, um die Wahrheit zu sagen, wir sind es nicht. Ich bin es nicht. Meine Eltern sind es nicht. Weil alles mit allem zusammenhängt. Was zufällig erscheint, ist doch bestimmt. Aus eigener Kraft vorwärtszukommen, das ist schwer, fast unmöglich, möchte ich behaupten.

Ich falte meine Hände. Wie zum Gebet. Denn diese Hände, meine Hände, sie haben noch viel vor. Ihre Zeit ist nicht abgelaufen. Eines Tages wird dieser böse Spuk vorbei sein. (Nicht wahr, Gott?)

Eines Tages werde ich die Augen öffnen. Wenn alles um mich herum noch schläft. Selbst die Natur. An diesem Tag wird alles wieder in Ordnung sein. Ich werde den Sonnenaufgang begrüßen. Mit meinem schönsten Lachen werde ich die ersten Strahlen umarmen, und meine Mutter wird mir ein leckeres Frühstück zubereiten. Meine Mutter. Ihr Name ist Angelina. Sie riecht nach Holzkohle. Ich mag das. Mein Vater heißt Joseph. Er ist mein lieber Vater, mein bester Vater, mein kluger Vater, mein gebildeter Vater. Er wird mir eine Geschichte erzählen. Von der Zukunft. Wie es sein könnte, wenn unsere Haut keine Narben mehr hat. Verschwunden. Weg. Wie durch einen Zauber.

Seine Stimme beruhigt mich. Seine sanften Worte umhüllen mein bitteres Herz, wie Zuckerguss ein zerbrechliches Gebäck.

Mein verschwundener Bruder wird wieder ein Kind sein. Ein kleiner Junge. Den was in der Welt kümmert? Gar nichts. Außer seine aufgeschlagenen Knie. Wenn er mal wieder vom Fahrrad gefallen ist. Denn nicht alle Soldaten sind Männer, und nicht alle Männer sind Helden. Ganz sicher nicht. Auch wenn wir das glauben möchten. (Immer wieder.) Weil wir Märchen und Gerüchte mit Wirklichkeit und Fakten verwechseln.

Armer James.

Erst heute Morgen haben wir seine Seele begraben. Jetzt sitze ich hier, blicke in die Nacht, trinke Tee, drehe meine Runden und lausche der Stille. Als ob nichts passiert wäre. Heute. Aber es ist etwas passiert. Heute war ein besonderer Tag. Kein Tag wie jeder andere. Wir haben eine Entscheidung getroffen. Sie ist längst überfällig gewesen. Wir haben uns vor ihr gefürchtet. Weil wir gespürt haben, wie endgültig sie ist.

Wir haben bestimmt, dass sein Tipu nicht weiter verloren umherirrt. Sein Geist. Wir haben auf ihn gewartet, meinen älteren Bruder. Mehr als zwölf Jahre lang hat meine Mutter gehofft, dass er eines Tages wiederauftauchen würde. Wie ein Krebsgeschwür wucherte die falsche Hoffnung in ihr. Bis heute. Ich glaube, dass ihre Seele dennoch neben seiner liegt. Auf seinem Grabstein steht aber nur ein Name.

James.

Mein Vater kriegt von alldem nicht mehr viel mit. Er trinkt wieder. Jeden Tag. Immer mehr. Seit damals. Seit ich ihm das angetan habe. (Wir ihm das angetan haben?) Obwohl er schon einmal fast damit aufgehört hätte. Soll ich ihm deswegen Vorwürfe machen? Ich habe ihn zum Krüppel geschlagen. (Das ist die Wahrheit.)

Ja, ich bin für meine Familie verantwortlich. Ich werte dies nicht als Wiedergutmachung. Es ist selbstverständlich, dass ich sie ernähre. Meine Familie. Weil nur ich einen Job habe. Als Krankenschwester. Ich arbeite für umgerechnet 75 Euro im Monat. Mein Ziel ist ein anderes gewesen. Ich wollte Ärztin werden.

Einmal hätte es auch fast geklappt. Mit dem Studium. Das Geld dafür ist da gewesen. Nach der Rückkehr aus Deutschland. Doch dann. Aber wer weiß, womöglich erfüllt sich eines Tages mein Traum noch.

Im Grunde genommen gibt es aber keine Zeit mehr für mich. Es gibt nur das Jetzt. Das Heute. Jeder Moment ist kostbar. Ich schätze jeden Augenblick. Weil ich weiß, wie schnell sich alles ändern kann.

* * *

Vor sechs Monaten habe ich angefangen, in der Unabhängigkeitsklinik von Gulu zu arbeiten. Die Klinik ist wahrlich nichts Besonderes, und sie ist bestimmt nicht mit einem modernen Krankenhaus zu vergleichen. Gut, wir haben zwar seit kurzem ein Röntgengerät und einen Defibrillator, um akute Herzstillstände wiederzubeleben, aber fast nie Strom. Die Patienten kommen zu Fuß zu uns oder werden von ihren Angehörigen getragen. Es gibt keinen Krankenwagen oder einen Notruf. (Wir haben auch keine Polizei oder Feuerwehr.) Medikamente erhalten wir als Spenden aus Europa oder Amerika. Sie sind oft abgelaufen. Fleischwunden – Schnitte, Messerstiche, Verletzungen bei der Feldarbeit – behandle ich meist mit Jod, und wer wirklich ernsthafte Probleme hat, der sucht seinen Trost besser woanders.

Ich erledige alles. Bis auf Ausschabungen. Da mache ich nicht mit. Täglich kommen Mädchen zu uns, die sich weigern, ihr Kind auszutragen. Weil sie zu jung sind. Weil der Vater dazu fehlt. Weil sie Opfer eines Verbrechens geworden sind.

Ludmilla, eine Kollegin aus Moskau, die uns fortbildet, kümmert sich um diese Patientinnen, von denen manche alle zwei bis drei Monate auf der Matte stehen. (Ansonsten ist sie für die russischen Piloten verantwortlich, die in Gulu stationiert sind, um hier unsere Piloten zu richtigen Kampfpiloten auszubilden.)

»Wie gjeht’s, meine En-gel«, begrüßt Ludmilla die Kindermütter mit ihrem russischen Akzent.

Zehn Minuten braucht Ludmilla für eine Ausschabung. Sie ist sehr geschickt mit ihren Händen. Hinterher gibt’s für jede Patientin einen Keks und ein Glas Mangosaft. Dann darf sie wieder gehen. Zurück in die Schule. Nach Hause zu ihren Eltern. Oder aufs Feld zur Arbeit. Schnurstracks.

Gäbe es weniger Vergewaltigungen, gäbe es auch weniger Kinder. Primitiv, sagt die Vernunft, die uns mit anderen Ländern vergleicht. Es ist, was es ist, weiß ich.

Denn worauf es ankommt, ist doch, wie geschickt ich durchs Feuer laufe. Bis ich meinen Glauben wiedergefunden habe. Es ist nicht Gottes Aufgabe, sich um unsere Probleme zu kümmern. Das müssen wir schon selbst tun. Er weiß vermutlich, zuviel Treue, zu viel Vertrautheit, beides macht Verrat erst möglich, und, ja, vielleicht ist unser Wesen so zum Scheitern verurteilt.

Doch Gnade existiert, muss existieren. Weil ein Mensch, der nicht an Gott glaubt, zu was fähig ist? Zu allem. (Die Vergangenheit ist keine Rechtfertigung. Nur eine lahme Ausrede.) Es gibt nur das Leben. Und mein Leben ist hier. Es ist eine schmale Brücke, auf der ich gehe. Langsam. Aber nie zurück.

Ich öffne meine Thermosflasche und schenke mir Tee nach. Ich schaue auf mein Handy. Er hat sich nicht wieder gemeldet. Liegt ihm so wenig an mir, dass er auf mich hört, dass er tatsächlich die Nacht über auf eine Antwort wartet?

Das Handy ist mein Kontakt zur Außenwelt. Ohne es könnte ich meine Tochter nicht anrufen. Maria geht auf ein Internat im Pader-Distrikt, der gut vier Autostunden von Gulu entfernt ist. (Unsere Straßen sind eine Katastrophe.) Ich sehe sie meist nur während der Schulferien. Zu ihr zu fahren, nur für einen kurzen Sprung, das ist zu teuer. Meine Eltern leben wieder in unserem Dorf. In Ayam. Seit die letzten Flüchtlingslager aufgelöst worden sind. Nach 2007. Gut ein Jahr nach Ende des Krieges. Seitdem so etwas wie Normalität bei uns eingekehrt ist. (Ist es das?)

Ayam liegt ebenfalls im Pader-Distrikt. Das ist gut. So kann ich, wenn ich Maria besuche, auch gleichzeitig meine Eltern sehen. Ich bin vernünftig und spare, wo ich kann. Meist gelingt es mir nicht. Die Kosten für Miete und Nahrungsmittel steigen jeden Monat. Seit sich immer mehr Hilfswerke in Gulu niedergelassen haben, ums Doppelte. (Was die alle konkret machen, ist uns ein Rätsel.) Dazu kommt die ständige Inflation, die ich zwar nicht verstehe, aber in meinem Geldbeutel spüre.

Ich beobachte das Handy, als ob ich es mit meinen Augen überreden könnte zu klingeln. Ich kann es aber nicht. Er will tatsächlich bis morgen früh warten? Okay. Ich habe es ja so gewollt. Dann kann ich wenigstens in Ruhe arbeiten.

Ich bin für die Nachtschicht verantwortlich. Wie alle Neuen. Ich mag diese Arbeitszeit. Es ist wenig Betrieb. Ich kann nachdenken. Ich kann ich sein. Nicht immer nur uns denken. Das Wir im Auge haben. Ruhe also. Ruhe. Und Frieden. Wie bei einer großartigen Andacht.

Der Wasserdampf beschlägt die Scheibe. Vielleicht hätte ich mir was zu lesen für die Nacht mitnehmen sollen. Doch ehrlich gesagt, ich mache mir nichts aus Büchern. (Nicht mehr.) Ich ziehe meine Uhr auf. Es ist kurz nach Mitternacht. Eine Eidechse raschelt. Ich kann meinen Kopf nicht abschalten.

Ich quäle mich mal wieder mit der Frage, ob mir Gott jemals dafür vergeben wird, was ich getan habe.

Falsche Frage, antworte ich mir. Mal wieder.

Falsche Frage, Hope, falsche Frage.

Vergibt mir Gott dafür, was ich nicht tue? (Das ist die richtige Frage, du törichtes Mädchen.)

Also mache ich etwas aus meinem Leben. So, wie es schon als Kind mein Wunsch gewesen ist, etwas aus meinem Leben zu machen.

* * *

So, wie es mein Ziel ist, als ich vor zwölf Jahren von meiner ersten Reise zurück nach Norduganda kehre. Voller Enthusiasmus, Kraft und Lebensmut.

»Durchhalten. Du bist die Zukunft Ugandas«, sagt ein Delegierter und drückt mir einen 50-Dollar-Schein in die Hand. (Er meint es gut.)

Ich glaube ihm und bedanke mich. In Kanada ist das gewesen, wo ich vor den Vereinten Nationen gesprochen habe und man mich ernst genommen hat. Wirklich. Man hat mir applaudiert. Man hat mir Respekt entgegengebracht. Mir. Einem kleinen Mädchen aus Uganda. Was für mich natürlich wie ein kleines Wunder war. Ich hätte dort bleiben können. Als politischer Flüchtling. Das Angebot bestand. Doch meine Tochter ist noch ein Baby gewesen. Hätte ich es alleinlassen sollen? Mein Kind. Maria. Selbstverständlich nicht.

Ich wollte wieder nach Hause. So schnell es ging. Trotz des Krieges, und obwohl wir in einer bösen Umgebung leben. Zur Jahrtausendwende. (Ein neues Millennium beginnt, und Afrikaner kämpfen noch immer gegen Afrikaner.)

Oh, ich weiß noch genau, was ich denke, als wir kurz vor der Landung sind: Ob ich meinen Eltern wohl ein Lunch­paket aus dem Flugzeug mitbringen kann? Ich traue mich dann doch nicht, zu fragen. (Eine Ausgabe der International Herald Tribune nehme ich meinem Vater aber doch mit.) Herrje, was geht mir damals alles durch den Kopf. Ich will zwar nicht die Welt verändern, aber mein Land schon ein bisschen. Das hatte ich mir fest vorgenommen und bereits im Flugzeug Notizen gemacht. Einen richtigen Plan. (Mit 13 hat man noch Träume.)

Bei meiner Ankunft ist das Wetter schön. Wie eigentlich fast immer. Ich liebe unser Klima. Keine Wolken weit und breit. Der Tag erwacht. Das Flugzeug schwebt vollkommen ruhig auf Entebbe zu. Ich sehe den Viktoriasee. Kleine Fischerboote. Winzige Inseln. Die Gischt der Wellen. Grandios.

Das Flugzeug fliegt eine Kurve. Die Tragflächen schwingen leicht. Eine kleine Böe ergreift das Flugzeug. Es sackt, fängt sich wieder und steigt. Mein Nachbar seufzt. Er ist ein Muno, ein Weißer also. Deshalb die Nervosität. Er staunt über meine Gelassenheit. Ich finde das lustig. Ich habe keine Angst.

»Rüttelt ganz schön«, sagt er mit geschlossenen Augen.

»Ja«, antworte ich knapp.

Ich drücke mir die Nase am Fenster platt. Unter mir rotes Land und grüne Felder. Mein Land. Ich höre, wie das Fahrwerk ausgefahren wird. Ich sehe die Piste. Die Stewardess kontrolliert meinen Sicherheitsgurt.

»Froh, zu Hause zu sein?«, fragt sie mich.

»Sehr«, sage ich und lächle.

»Ist alles in Ordnung?«, fragt der Muno die Stewardess.

»Alles ist wunderbar«, beruhigt sie ihn.

Das Flugzeug landet. Ich kann es kaum erwarten, aus der Maschine zu steigen und was zu tun? Endlich meine Füße von den einengenden Schuhen zu befreien und wieder den roten, warmen Sand meiner Heimat zwischen den Zehen zu spüren. Gibt es ein schöneres Gefühl? Es ist sensationell.

Als ich aus dem Flugzeug steige, begrüßt mich die Hitze. Ich wische mir den Schweiß aus dem Gesicht und werde von den anderen Passagieren zum Einreiseschalter gedrängelt, wo ich mei­nen Reisepass vorzeigen muss. Meine Schuhe habe ich noch an.

»Kanada? Was hast du in Kanada verbrochen?«, fragt mich der Grenzbeamte am Schalter.

»Ich habe nichts verbrochen. Ich habe eine Rede gehalten. Vor den Vereinten Nationen«, antworte ich wahrheitsgemäß.

Der Mann lacht laut. Mir rinnt der Schweiß von der Stirn.

»Du? Eine Rede gehalten? Willst dich wohl über mich lustig machen«, sagt er.

»Nein. Will ich nicht. Ganz bestimmt nicht«, flüstere ich eingeschüchtert.

Der Mann guckt mich finster an. Ich fürchte, dass er mich nicht wieder einreisen lässt.

»Soso. Was erzählst du der Welt denn für Geschichten über uns?«, fragt er mit einem breiten Grinsen.

»Ich erzähle keine Geschichten«, sage ich, »ich spreche die Wahrheit.« (Ich weiß, der Ursprung jeder Lüge ist die Respekt­losigkeit.)

Wir blicken uns an. Ich erfahre nichts aus seinen Augen. Sie sind kalt und wie ausgelöscht.

»Die Wahrheit ist, kleines Acholi-Mädchen, dass dein Volk keine Verantwortung übernehmen will. Das ist so typisch für euch aus dem Norden. Warum soll es uns also interessieren, wenn ihr euch gegenseitig umbringt«, versichert er mir.

Ich blicke auf den Boden und hoffe, dass er mir bald meinen Pass wiedergibt. Ich sage lieber nichts. Bei der Widerstandsarmee des Herrn, den Rebellen also, habe ich gelernt, wann es besser ist, den Mund zu halten. Besonders wenn man einem bewaffneten Mann in Uniform gegenübersteht. Kurz darauf höre ich, wie er seinen Stempel in meinen Pass schlägt.

»Verzieh dich, Acholi-Mädchen, und bleib, wo du hingehörst. Ihr werdet nie Frieden haben, nie, glaub mir das«, knurrt er und drückt mir meinen Ausweis in die Hand. (Menschen glauben immer nur das Schlimmste.)

Rasch verschwinde ich. In einer gefährlich überfüllten Matata, einem Mini-Bus, fahre ich die 35 Kilometer bis nach Kampala, der Hauptstadt des Landes; dort angekommen, besteige ich einen Reisebus nach Gulu, der mich nach Hause bringt. Auf dem Heck des Busses steht JESUS LOVES YOU. Wir überqueren den Nil. Hier beginnt das Kriegsgebiet. An diesem Tag ist alles still. Ich habe Glück. Trotzdem spüre ich meinen Magen. Ob es wegen der Aufregung oder der Vorfreude auf meine Familie ist, weiß ich nicht.

Im Bus ziehe ich endlich meine Schuhe und Socken aus. Ich kann nicht länger warten. Es fühlt sich gut an. Wieder die Zehen ordentlich bewegen zu können. Ich staune über die Landschaft, die vor meinem Fenster vorbeizischt. Die unbestellten Felder. Die verlassenen Dörfer. Ausgebrannte Fahrzeugwracks. Menschen, die scheinbar ziellos ihres Weges gehen. Ich war zwar nur einige Wochen von zu Hause weg, trotzdem kommt es mir wie eine Ewigkeit vor. Alles sieht neu aus und spannend, als ob ich mein Land zum ersten Mal erleben würde. Neben mir sitzt ein Mann. Er schläft und schnarcht. Wahrscheinlich hat er sonst Langeweile. Mir geht es anders. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich fliegen könnte. Irgendwann schlafe ich auch ein. Was vermutlich mit am Schaukeln des Busses liegt, in dem ich mich wie in einer Wiege fühle.

»Was wir brauchen, ist Regen«, murmelt mir der Mann später zu.

Ich wache auf und reagiere nicht auf seinen Kommentar. Ich lasse meine Augen geschlossen.

»Aber es regnet nicht«, fügt er hinzu und schläft wieder ein.

Ich bin nun wach und blicke erneut aus dem Fenster. Der Bus fährt jetzt im Zickzack, segelt geschickt um Schlaglöcher herum. Der Fahrer hupt, damit die wilden Paviane von der Straße verschwinden, schimpft über sie, gibt plötzlich Vollgas, hinein in eine Affenfamilie, erwischt aber zum Glück keinen und lacht laut.

Ich lache auch. Ich finde es lustig, weil ich erst 13 Jahre alt bin, nur ein weiteres Mädchen, von denen es ja so viele gibt und die einfach gerne Spaß haben.

»Ich bin nicht für die Rebellen«, sagt der Fahrer zu einem anderen Passagier. »Für mich ist das ein Dilemma. Ich würde die Rebellen unterstützen. Wirklich. Aber sie töten meine Leute.«

Der Passagier nickt und erwidert: »Auge um Auge. Zahn um Zahn. Nur so bringen wir den Menschen Disziplin bei.«

Eine Frau, die sich die Fingernägel malt, mischt sich ein: »Ihr macht mich krank mit eurem Gequatsche. Wie viele Jahre Krieg wollt ihr noch? 10? 20? Bis alle Acholi tot sind? Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Wenn du den ganzen Tag Kühe schlachtest, verfolgen sie dich in deine Träume.«

Die Männer stimmen ihr zu, nicken und schweigen. Eine Stunde später sind wir am Ziel. Nach fünf Stunden Reisezeit. Der Fahrer hat sich beeilt und aufs Anhalten sowie Pausen verzichtet. Es wäre zu riskant gewesen.

Ein Motorradtaxi, oder, wie wir es nennen, ein boda-boda, bringt mich von Gulu ins nahe liegende Kalongo. Dort sind meine Familie und ich jetzt zu Hause, erfahre ich. Zurück in unser Dorf dürfen wir nicht.

* * *

Kalongo ist ein Flüchtlingslager. Hierher hat uns die Regierung umgesiedelt. Ich brauche mindestens zwei Stunden, bevor ich meine Eltern in diesem heillosen Durcheinander von Hütten, Menschen und Müll finde. Es stinkt.

Hier will man uns schützen. Vor weiteren Entführungen, sagt die Regierung. Meine Eltern sind den Anweisungen gefolgt. Was hätten sie sonst machen sollen? Die Angst, den Rebellen schutzlos ausgeliefert zu sein, ist stärker als ziviler Ungehorsam, den wir, wenn ich ehrlich sein soll, eh nicht kennen.

»Wir sind schon immer der Herde gefolgt. Hier denkt doch keiner für sich selbst«, sagt mein Vater querköpfig und wirft die leere Waragi-Gin-Flasche ins Gestrüpp.

Meine Tochter sehe ich nicht. Vermutlich ist sie bei meiner Mutter, beruhige ich mich. Zwei mir unbekannte Kinder rennen der Flasche hinterher. Sie fangen an, sich um das Glasgefäß zu streiten. Der Stärkere gewinnt und nimmt die Trophäe mit. Der Verlierer weint.

Willkür und Zufall entscheiden in Kalongo. Nicht das Recht. Kalongo ist riesengroß und ausgedehnt. Wie eine Stadt, über der eine bedrohliche Dunstglocke hängt. Wir leben in Hütten. Gebaut aus Lehm und Gras. Provisorisch errichtet. Ohne Rauchabzug und Lüftung. Löchrig. Dicht aneinandergedrängt schmoren sie in der Sonne. Sie sind unser neues Zuhause.

Wie gut haben es doch die Menschen im Süden Ugandas. Dort herrscht kein Krieg. Dort ist Frieden. Dort ahnt niemand, was mit uns hier geschieht. Dort gibt es Schulen und Bücher und Kinos und ein richtiges Leben. Dort machen Touristen Urlaub, gehen auf Foto-Safari, knipsen Bilder von Löwen und Giraffen und Gorillas. Aber dort sind wir nicht. Wir sind hier. Über 10 000 von uns halten allein in diesem Lager durch. Wir sind Flüchtlinge in unserem eigenen Land. Wie widersinnig.

Über Norduganda verstreut leben so mehr als 1,5 Millionen. In Pader, Pajule oder in Anaka. Binnen weniger Wochen ist mein Land zu einem Flüchtlingslager geworden. Ich erkenne meine Heimat nicht wieder. (Was ist geschehen?)

Mein Vater und ich, wir reichen uns die Hände. Förmlich, weil es sich so gehört. Zwischen Vater und Tochter. Obwohl unsere Bindung schon immer etwas Besonderes gewesen ist.

Im Gegensatz zu anderen Vätern hat mein Vater immer darauf Wert gelegt, dass mein Bruder und ich gleichberechtigt erzogen werden. Dass ich »nur« ein Mädchen bin, hat für meinen Vater nie eine Rolle gespielt. Im Gegenteil. Eben weil ich »nur« ein Mädchen bin, war es ihm wichtig, dass ich schreiben und lesen lerne, dass ich einen eigenen Willen entwickle, dass ich seinen Weg fortsetze, denn ganz tief im Inneren, so glaube ich zumindest, hat mein Vater schon immer gewusst, dass ich klüger bin als mein Bruder, dass ich den Verstand meines Vaters und das Herz meiner Mutter geerbt habe. Nur leider ist es in unserer Kultur so, dass Mädchen nun einmal nichts wert sind. Selbst dann nicht, wenn sie eigentlich viel mehr drauf haben als so mancher Mann.

»Wie war die Reise?«, fragt er mich.

Ich spüre sein Desinteresse, nein, ich sehe es, es ist offensichtlich und klar.

»Gut«, sage ich.

»Gut«, wiederholt er und nickt.

Ich stelle meinen Koffer ab und setze mich zu ihm auf den Boden.

»Wie geht’s dir?«, frage ich ihn.

»Du siehst gut aus, gesund«, sagt er.

Ich nicke.

»Soll ich dir von Kanada erzählen? Ich habe viele Menschen kennengelernt«, sage ich.

The free sample has ended.

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Release date on Litres:
23 December 2023
Volume:
202 p. 5 illustrations
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9783865064158
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