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Sonja Reichel

364 Tage
Roman


Reichel, Sonja : 364 Tage. Hamburg, acabus Verlag 2020
Originalausgabe
ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-750-3
PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-749-7
Print: ISBN 978-3-86282-748-0
Lektorat: Ann-Kathrin Szodruch, Sarah Zechel, acabus Verlag
Satz: Lea Oussalah, acabus Verlag
Cover: Sonja Reichel
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Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.
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© acabus Verlag, Hamburg 2020
Alle Rechte vorbehalten.
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Inhalt
Cover
Impressum
364 Tage
Die Autorin

Was aber, wenn das Wir ein Weniger ist,
eine Subtraktion unserer beiden Ichs?


Ich werde dich nicht suchen, obwohl du es mir aufzwingen willst. »Such mich!«, schreien mir deine Handlungen der letzten Wochen entgegen. Versteckt hast du dich wie ein kleiner Junge, der gefunden werden will. Aber ich werde dich nicht suchen, weil ich dich nicht finden kann. Und auch jetzt halte ich dich nicht zurück, als du in die Nacht verschwindest. Dort, an der Kreuzung, über uns der dunkle Himmel, der sich wölbt wie die riesige teilnahmslose Haut der Stadt. Hinter uns liegt ein Abend mit Freunden, vor uns der Beginn eines Wochenendes, das wir nicht mehr miteinander verbringen werden. Ich glaube, wir ahnen beide nicht, dass wir nie wieder Zeit miteinander verbringen werden.
Du läufst los, als ich dir sage: »Ich brauche diese Nacht für mich.«
Wieder hole ich mir eine Nacht zurück. Wie zu oft in letzter Zeit. Meine Nächte. Dabei war dein Plan: Diese Nacht ist die erste von vielen.
Doch du raubst mir Kraft. Weil es dieses Du nicht gibt, das ich hoffte, in dir zu entdecken, wenn ich dich ansah. Immer war da diese Schutzschicht auf deinen Augen, als wären sie beschlagen, als wären sie hinter Eis. Wie hätte ich einen Eiskratzer einsetzen können, ohne dein Sehen zu beschädigen? Dich zu zerstören in dem Moment, in dem ich den unverstellten Blick gehabt hätte auf dein Inneres, für das du dich geohrfeigt hast, wenn es hervorbrach, dich quälte, dich zerriss. Alles hast du daran gesetzt, dass niemand jemals dahinter blicken würde, dich eingeschlossen. Zu früh hattest du verlernt, wie man sich öffnet – den Menschen, der Welt. Du warst eng geworden. Manchmal übertrug sich diese Atemnot auf mich. Wenn sich dein Inneres wie ein Fels auf meinen Oberkörper legte.
Du hast nicht verstanden, wenn ich dir sagte: »Wo bist du? Dein Blick ist immer nach innen gerichtet.«
Gerade bei mir hast du es nicht verstanden.
Du sagtest: »Ich war noch nie so offen wie für dich.«
Ich glaubte dir. Und trotzdem ahnte ich, dass etwas nicht reichen würde.

— 1 —
Sofie wusste es von Anfang an. Dass etwas nicht reichen würde. Doch nach zu langer Zeit allein war sie empfänglicher für jemanden, der immerhin eine gute Skizze ihres Traumes war. Eine Skizze, der die letzte Dimension fehlte, weil sie nicht lebendig genug war.
Dazu die Meinungen und Erwartungen der anderen, die sie in sich trug, von denen auch sie sich nicht freimachen konnte. Die Freunde, die fanden, dass sie sich mal wieder einlassen sollte. Die Kollegen, die jeden Satz begannen mit »Mein Freund«. Die Artikel über Beziehungen, die sich wie Mahnungen in sie gefräst hatten. Die These, dass eine Beziehung eine Entscheidung und mit nahezu jedem möglich sei. Man nur mit sich im Reinen sein müsse. Der latente Vorwurf an die Beziehungslosen: Ihr habt einen Mangel, weil ihr mangelhaft seid. Ihr seid die Defekten der Gesellschaft. Sofies Gegenstimme: Liebe kann und darf nicht beliebig sein. Nur der ganz besondere Mensch vermag sie auszulösen. Ich lasse nicht den Nächstbesten an mich heran, eben weil ich gut alleine sein kann. Vor allem aber: Was hat Liebe mit Vernunft zu tun? Wie kann sie eine rationale Entscheidung sein? Wenn ich über Beziehung spreche, spreche ich von Liebe, beides ist gleichbedeutend für mich. Vielleicht sprecht ihr einfach eine andere Sprache. Vielleicht geht es in euren Beziehungen nicht um Liebe.
Doch der Zweifel blieb. An Tagen, die eine Schräglage hatten. An denen sie das Alleinsein so satt hatte, dass sie sich die Liebe vornahm wie einen Willensakt. Sich vornahm, den nächsten halbwegs passablen Mann einfach zu küssen. Eine kleinere Liebe in ihrem Leben zuzulassen. Sich wegzubewegen von dem Denkmal, das sie Lars gesetzt hatte. Das erhaben über allem stand. Ihren persönlichen Beziehungsabdruck dominierte. Umgeben war von ein paar verwischten Spuren, flüchtigen Fährten nichtiger Begegnungen. Berührungen von Fremden. Berührungen von Männern, die alles taten, um sie zu überzeugen. Die sie nicht begriffen. Die sie wegschickte. Weil sie nichts in sich trugen, an dem sie sich festhalten konnte. Zu viele trugen das Nichts in sich. Das Vorhersehbare, das Abgegriffene, das Standardisierte. Als wollten sie einer DIN-Norm entsprechen.
Jetzt stand Sofie in einem Sommer, der nur dem Kalender nach einer war. Frühsommer, der seinen Regen über der Stadt ausschüttete. Sie hatte es gerade noch trocken zum Treffpunkt unter den S-Bahn-Bögen geschafft und wartete auf eine Freundin, mit der sie zum Kaffee verabredet war. Sie sah zu, wie die Rinnsteine überliefen und das Wasser Blasen warf. In der Stadt schien das Meer mit seinen Gezeiten angekommen, obwohl es hier nur einen Fluss gab und lediglich den Traum von einem Meer und allem, was damit verbunden war – endlose Blicke auf einen Horizont, unverstellte Gedanken, eine immerwährende Brise, die alles freundlicher werden ließ und auch auf die Menschen abfärbte. Menschen merkte man an, wenn sie ein Meer hatten.
Sofie hörte ihr Handy vibrieren und bekam die Nachricht, dass es dauern würde mit dem Kaffee, da mehrere Bahnen ausgefallen waren und ihre Freundin stattdessen auf Busse ausweichen musste.
An den Fahrradständer gelehnt sah sie sich die anderen Wartenden an, die wie sie abgestellt waren in dieser Zwischenzeit. Die meisten begannen zur Überbrückung zumindest über ihr Handy einen Dialog zur Außenwelt, es wurde getippt und die Hände in Bewegung gehalten. In der heutigen Zeit gab es ein Warten vielleicht nicht mehr, weil irgendein Kontakt immer gepflegt sein wollte.
Sie hingegen stand, die Hände regungslos. Anders hätte sie ihn wahrscheinlich auch nicht bemerkt. Ihn und seinen Blick in ihre Richtung. Eine große, schlanke Gestalt in einem dunklen Mantel und einer engen, leicht zerschlissenen Jeans. Sie reagierte auf diesen Blick, indem sie länger als gewöhnlich zurücksah. Er flackerte unter ihrer Gegenoffensive, knickte aber nicht ein. Diese Blickbahnen wiederholten sie. Es ging eine Weile hin und her, ein Ausspähen, ein Erspähen, niedergeschlagene Augenlider, kurz zumindest, um sich zu schützen, denn schutzlos in dieser Stadt, das war doch lebensmüde. Aber vielleicht war auch ihm nach einem Gegenüber, einer Gelegenheit, einer Geschichte. Vielleicht war es auch die kurze Durchlässigkeit auf beiden Seiten und die Möglichkeit des Erkennens, vielleicht auch die gelöste Situation bedingt durch das Wetter, das verrücktspielte. Es gab unzählige Gründe, warum jetzt und nicht vorher oder später, er jedenfalls löste sich aus der Reihe der anderen und kam direkt auf sie zu. Ob sie auch ein mittelbares Opfer der ausgefallenen S-Bahn geworden sei? Ihre Antwort ein Nicken, ein Ja, dass sie heute zu den Opfern gehörte.
Auch aus der Nähe war er interessant, es waren Vorsprünge und Widerstände in ihm zu spüren, aber gleichzeitig haftete ihm etwas Kauziges an, etwas Schräges, etwas, das vielleicht zu viel war an Kante im Charakter, die sie brauchte, um bei jemandem zu bleiben. Er schien darum zu wissen, dass sich Leute an ihm stießen, denn bevor er ihr seinen Namen verriet, meinte er, dass jetzt noch Zeit sei, davonzulaufen. Sie sah ihn an: »Dafür ist es zu spät«, und ahnte nicht, dass es in dem Moment um ihn geschehen war. Um ihn, Arvid, dessen Name Krieger bedeutete, hoch oben im Norden. Da sie vermutete, dass jeder einen Kommentar, eine Anmerkung, einen Hinweis zu diesem Namen hatte, sagte sie nur: »Ich bin Sofie.« Und er antwortete: »Eine Sofie kenne ich noch nicht.« Und es schwang mit: An dir haftet etwas, das einzigartig ist für mich. Und später erfuhr sie von ihm, dass sie schon vor dem ersten Blick da war in ihm, als Ahnung.
Das zweite Treffen war nichts Zufälliges, sondern willentlich in die Wege geleitet, denn bereits kurz nach ihrem Abschied nach zu wenig Zeit miteinander, dort unter den S-Bahn-Bögen, hatte er ihr eine Nachricht geschickt. Entgegen seiner sonstigen Schüchternheit und Zögerlichkeit war es ihm geglückt, nach ihrer Nummer zu fragen.
»Gleicher Ausgangspunkt mit ungewissem Ausgang?«, las sie. Und so standen sie sich zwei Tage später wieder gegenüber, die Hände in den Taschen ihrer Sommermäntel, voller Hoffnung und verlegen gleichzeitig. Hielt der andere, was der erste Blick auf ihn versprach? Wie viel Wahrheit konnte man binnen Sekunden ausmachen?
Arvid würde sagen: Sekunden reichen für kein Urteil. Kein Urteil vor zwei Jahren.
Sofie würde sagen: Es reicht der Hauch eines Augenblicks, um den anderen intuitiv zu erfassen. Vielleicht ist er wahrer als jeder zweite, dritte, vierte Blick, da noch ohne Geschichte und deswegen objektiv.
»Wo gehen wir eigentlich hin?«, fragte er, denn sie waren losgelaufen, und sie schlug das Café unten am Fluss vor: »Das mit dem breiten Steg, kennst du das?« Und er war einverstanden, weil er es dort mochte und den Ort trotzdem fast vergessen hatte. Sie gingen nebeneinander her, beide mit langen, schnellen Schritten, die nur bedingt mit der Aufgeregtheit zu tun hatten. Sofie fragte lächelnd, ob er immer so renne und, als er bejahte, stellte sie fest: »Das trifft sich gut, ich auch.«
Grafikdesigner war er und wie sie Mitte dreißig. Dass sie etwas mit Sprachen machte, vermutete er bald, und tatsächlich war sie Übersetzerin für Englisch und Italienisch. Deswegen nun doch ihre Frage nach seinem nordischen Vornamen, ob seine Eltern ein Faible für Skandinavien hätten oder er nordische Wurzeln habe. Letzteres, der Vater Norweger, der viele Jahre in Deutschland verbracht hatte, bis es zum Bruch kam mit seiner Frau, und er auch dem Land und dem achtjährigen Arvid den Rücken gekehrt hatte.
Die Aussicht darauf, dass er ihr Sätze auf Norwegisch schenken konnte, erfüllte sie mit Vorfreude. Ein Mensch, der schöne fremde Silben erzeugen konnte. Der die Wunderwaffe Fremdsprache in sich trug. (Dieser wünschenswerte Waffenbesitz sollte sich später als unwahr herausstellen. Arvids Eltern hatten es für besser befunden, den Sohn nicht mit zwei Sprachen zu verwirren. Sie hatten ihn vorsätzlich um ein Aufwachsen in Zweisprachigkeit gebracht.)
Trotzdem hätte Sofie eher einen südeuropäischen Einschlag bei ihm vermutet, wegen seiner dunklen Haare, die wie ein strenger Rahmen um sein Gesicht lagen: Portugal, denn er wirkte introvertiert und etwas melancholisch. Sie konnte ihn sich vorstellen, wie er stundenlang in einem Café saß und sich Notizen machte, versunken in seiner Welt, ein Einzelgänger, über den die alten Frauen im Viertel sagten: »Ein höflicher junger Mann. Nett, aber distanziert. Man müsste ihm beibringen, mehr aus sich herauszugehen.«
Hätten sie ihn jetzt zusammen mit Sofie gesehen, hätten sie von Licht gesprochen, Licht, das diese hellhaarige, große Frau in sein Leben bringen würde. Sofie wusste um diese Wirkung. Diesen Ersteindruck, der immer mit Helligkeit und Offenheit zu tun hatte. Es war ihre Art, ihr Inneres zu schützen. Extrovertiert zu sein, um der eigenen Schüchternheit beizukommen. Fragen zu stellen, bevor sie selbst gefragt wurde. Das Gespräch in die Richtung zu lenken, die ihrer jeweiligen Stimmung entsprach. Das Nachdenkliche und Verschlossene an ihr erkannten nur wenige Menschen.
Als Sofie und Arvid das Café erreichten, verriet ein Zuviel an Bewegung, dass unten am Steg ein Tisch frei wurde. Sie nickten den Aufbrechenden kurz zu, in eine Wolke aus Tabak und Parfum hinein, dann rückten sie die schweren Holzstühle in die richtige Position und schoben das benutzte Geschirr beiseite. Der Fluss lag als breites, dunkelgrünes Band vor ihnen. Eine Weide hatte ihre biegsamen Äste darin ausgebreitet. Wie Fäden trieben sie auf der Strömung des Wassers.
Hinter der seitlich angrenzenden Hecke entdeckten sie einige Kaninchen, die plötzlich in alle Richtungen davonstoben. Wahrscheinlich war ihnen ein Spaziergänger zu nahe gekommen, doch Arvid sah sich als Grund für die Fliehenden. Bevor Sofie nachhaken konnte, erzählte er, dass er drei Kaninchen auf dem Gewissen hätte. In einem Ton, der gleichermaßen nach einem Sich-Brüsten und einem Geständnis klang. Als kleiner Junge seien sie ihm aus der Hand gerutscht und so unglücklich gefallen, dass sie gestorben seien.
»Alle drei? Das glaubst du doch selber nicht.«
»Vielleicht habe ich nachgeholfen«, kam von Arvid. Es war, als wollte er sie testen.
Ich habe schon als Kind Leben zerstört. Bist du sicher, dass ich es bin, den du willst?
Jetzt sah Sofie ihn nur skeptisch an und hielt ihm die Karte hin.
»Ich durfte danach nie wieder ein Haustier haben«, fuhr er fort. »Meine Eltern sprachen von Opfertieren. Dass ich Haustiere in Opfertiere verwandle. Wasser zu Wein. Nur umgekehrt.«
Das Bild der zerbrochenen Kaninchenkörper war noch in ihr, als Arvid sich der abgenutzten Karte zuwandte. Er blätterte hin und her, legte seine Finger als Lesezeichen hinein und brauchte lange für seine Bestellung. Es war, als hinge alles davon ab, sich für den richtigen Kuchen zu entscheiden und bloß keinen Fehler zu machen. Er korrigierte, hakte mehrfach beim Kellner nach. Und schien mit seiner Wahl schon wieder unzufrieden, als die Teller gebracht wurden und er das Stück sah, das sie sich ausgesucht hatte. Als bekämen immer nur die anderen das Richtige, während er selbst zu kurz kam. Es irritierte sie, eine leichte Störung, ein Kratzer im Geschehen, doch sie war damit beschäftigt, sein Gesicht in sich aufzunehmen: Die große, gerade Nase. Die ausdrucksstarken Augenbrauen. Die markanten Wangenknochen. Vor allem aber seine Augen, die so dunkel waren, dass man die Iris kaum von der Pupille unterscheiden konnte. Wie runde Kohlestücke.
Leih mir deine Pupillen zum Zeichnen. Und wenn ich fertig bin, setze ich sie dir wieder ein. Damit du sehen kannst, was du alles anstellst mit deinen Augen.
Ein plötzlicher Wolkenbruch flutete ihre Gedanken. Lachend retteten sie sich mit dem Kuchen in der Hand unter einen großen Schirm, der nicht lange Schutz bot – denn die Regenmassen peitschten auf den eben noch so ruhigen Fluss, gruben sich wie Geschosse unter seine glatte Oberfläche, dass sie meinten, das Wasser steigen zu sehen. Als sie über die rutschigen Holzstege ins Innere flüchteten, fand Arvid: »Wie ein Aderlass des Himmels«, und Sofie: »Wie in den Tropen«, und da sagte er, dass er noch nie in den Tropen gewesen sei oder im warmen Süden. Als Kind vielleicht, aber später, später nicht, und während sie kurz nach seinem Ärmel griff, um sich abzustützen, eine Berührung zu erschleichen, konnte er sich nicht daran erinnern, je eine Palme gesehen zu haben.
Sofie wollte wissen, was ihn davon abhielte, in die Nähe der Sonne zu gelangen, einer Sonne, die Palmen zum Wachsen brachte, und es kam heraus, dass er Deutschland seit zehn Jahren nicht verlassen hatte. Und sie fragte sich, wie irgendjemand das aushielt, zehn Jahre Alltag ohne Verschnaufpause, ein ständiges Verharren in allzu Vertrautem. Sie kam zu dem Schluss, dass er ein reiches Innenleben haben musste, weil er sonst verrückt geworden wäre in diesem begrenzten Radius.
Verrückt schien er nicht zu sein, nur etwas aus der Zeit gefallen. Selten sah er sie direkt an, obwohl sie bemerkte, dass er fasziniert war von ihr. Vielleicht war er im Innern auf der Suche nach dem nächsten richtigen Satz, dem passenden Wort, und hatte deswegen keinen Sinn für das Außen, wenn er sprach. Vielleicht hatte das auch mit seinem Tempo zu tun, das, wie er sagte, fast immer zu schnell oder zu langsam war, jedenfalls selten auf den Punkt. Sie störte es nicht, zumindest nicht an jenem Abend. Denn wer gab das Tempo vor, wer hatte das Recht, darüber zu befinden, was angemessen getaktet war, von Tempovorgaben in der Musik mal abgesehen? Und auch dort gab es ein lento, ein lentissimo. Sie verdrängte in diesem Moment, dass unterschiedliche Geschwindigkeiten zu Dissonanzen führten. Sie blendete aus. Wollte geblendet sein.
Mir ist nach dir, verdirb es nicht.
Unterdessen war der Regen ausgedünnt und ließ nur noch vereinzelt Tropfen an den großen Glasfenstern zurück. Vor ihnen auf dem Tisch stapelten sich Teller und Tassen und Gläser, denn in dieser Stadt bedeutete Service vor allem Unaufdringlichkeit, die Gäste machen lassen, sie sich selbst überlassen. Ab und zu kassierte jemand ab, da Schichtwechsel, und jetzt bekamen sie mit der Rechnung auch den bestellten Wein dazu, denn die Kaffeezeit war vorbei an diesem Abend, der bereits satt an Stunden war.
Ihre Unterhaltung wurde löchriger, aber es waren angenehme Löcher, die den Blick freigaben auf ein Mehr dahinter, auf eine Möglichkeit. Arvid zog seinen Stuhl dichter an sie heran, und sie begannen, auf einem Kassenbon herumzukritzeln, bis die Wörter fast vom Rand fielen. Er sammelte offenbar Wörter, und das erste, was er sich aus Sofies Sätzen griff, war Anfeindungen. Ausgerechnet. Sofie bestand darauf, weitere zu ergänzen, da er sonst seinen Freunden erzählen müsse, er habe eine Frau getroffen, und alles, was von diesem ersten Treffen blieb, sei der Begriff Anfeindungen auf einem kleinen Stück Papier. Ein zweifelhaftes Geschenk.
»Heißt das, wir werden uns wiedersehen?«, wollte Arvid daraufhin wissen.
»Ja«, sagte Sofie, »bisher spricht eigentlich nichts dagegen.«
Und sie mussten lächeln über das »bisher«, denn es zeigte, dass sie beide ihre Geschichte mit sich herumtrugen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen, die dazu führten, dass sie dem ersten Anschein nicht zu trauen wagten.
Er wollte noch einiges herausfinden über ihr Verhältnis zu Wörtern an diesem Abend, wie sie kafkaesk definieren würde zum Beispiel. Sie strich mit den Fingern über den Rand des Weinglases, als wäre dort die Erklärung zu finden, und begann: »Wenn man das Gefühl hat, etwas greifen zu können, etwas scheinbar begriffen zu haben, und es sich genau in diesem Moment entzieht, nicht mehr zu fassen ist.« Sie hielt inne: »Aber bedeutet es nicht vor allem Absurdität und Ausgeliefertsein?«
Arvid mochte ihre Definition und wollte sie erneut hören, mehrfach, damit er sich daran erinnern würde. Auch bat er darum, den vollgeschriebenen Kassenbon behalten zu dürfen, mit ihrer Schrift neben seiner – dieses erste Dokument, das davon zeugte, dass sich ihre Wege gekreuzt hatten, dass sie gemeinsam Buchstaben nebeneinander und übereinander setzten, sie, die bis vor einer Woche noch nicht einmal von der Existenz des anderen gewusst hatten. Er faltete den Bon sorgfältig zusammen, als sie langsam zusammenpackten, um aufzubrechen, beide wacklig auf den Beinen nach dem stundenlangen Sitzen, überwältigt von den ganzen Eindrücken.
Als sie auf die Straße traten, bemerkten sie den Himmel, der in einem bedrohlichen Schwarz über ihnen hing, als würde er jeden Moment aufplatzen. Arvid wollte sie dazu überreden, zusammen mit ihm die Tram zu nehmen, doch sie schüttelte den Kopf und lief los, um ihr Fahrrad zu holen. Während sie mit dem Schloss hantierte, konnte sie ihn aus einiger Entfernung beobachten, und ihr gefiel, was sie sah. Vor allem sein Gesichtsausdruck, als er näher kam. Es war eine Sanftheit darin, mit der sie lange nicht bedacht worden war.
Bald standen sie sich an der hell erleuchteten Haltestelle gegenüber und wagten zunächst keine Berührung. Als könnte etwas kaputtgehen. Diese feinen Kristalle, die sich gebildet hatten zwischen ihnen heute Abend. Die noch nicht trugen.
Dann aber umarmten sie sich zum Abschied, als wollten sie den Abdruck des anderen mitnehmen. Das gelbe Licht zeichnete das Strahlen in ihren Gesichtern gegen den Nachthimmel ab. Von Angesicht zu Angesicht. Haut zum Greifen nah. Haut, die dennoch unangetastet blieb.
Sie bemerkten die Leute nicht, die an ihnen vorbeigingen, denn es gab nur noch sie beide. Sie, die einen letzten Blick warfen auf sich, damit sie ein Daumenkino im Kopf hätten, das sie abspielen könnten, später, wenn sie alleine wären.
Als Arvid schon in die Tram gestiegen war, sah er ihr aus dem letzten Wagen nach und ließ sie erst aus den Augen, als sie ebenfalls losfuhr und aus seinem Sichtfeld verschwand.
Sie war glücklich, als sie sich gegen den einsetzenden Wind stemmte, der so gut zu ihrer Stimmung passte, denn Arvid hatte sie alles andere als kalt gelassen, hatte an Schichten in ihr gerührt, die über die Jahre verkrustet waren. Dicker Schorf. Der die Wunde bestmöglich schützt. Der aber gleichzeitig das Verheilen der Wunde anzeigt.

Indischer Luftraum, drei Monate nach der Trennung
Viele Monate später sitze ich im Flieger und frage mich, ob du ab und zu daran denken wirst, dass ich auf dem Weg nach Südostasien bin. Wir waren noch ein Paar, als ich diese Reise gebucht habe, zusammen mit Mathias, meinem Freund aus Grundschulzeiten. Du hast mich gelassen, weil du selbst nicht mitkommen konntest. Dein Zögern war kaum wahrnehmbar. Ein kurzes Stocken in deinem Willen zu vertrauen. Ich beruhigte dich, dass du dir keine Sorgen machen bräuchtest, Mathias wie ein Bruder für mich sei.
Du stelltest dazu fest: »Selbst wenn ich es dir verbieten würde, würdest du es tun«, und hattest mich dabei im Arm.
Wir mussten lachen, und ich sagte: »Wahrscheinlich schon.«
Noch etwas sagtest du. Dass du sofort eine Nachricht bekommen möchtest, wenn ich etwas mit ihm anfange. Wenn der Bruder zum Geliebten wird. Du nicht zuhause auf mich warten wirst, um nach meiner Rückkehr zu hören: »Ich habe dich betrogen.«
Tatsächlich werde ich dir keine Nachricht schicken, weil wir uns schon ein paar Monate nichts mehr schreiben, nichts mehr voneinander wissen. Und damals dachte ich, dass uns unsere Sätze entlarven, unsere Wunden offenlegen. Ich spürte einen nicht verarbeiteten Betrug in dir. Eine unerhörte Demütigung. Ich schwor mir, dich nie zu betrügen. Bei allem, was ich dir noch antun würde – denn wer sich einlässt, tut an, tut sich den anderen an – betrügen würde ich dich nicht.
Und vielleicht hat es dir mehr ausgemacht, als du zugeben wolltest, dass ich mit einem anderen Mann verreisen würde. Denn immer, wenn ich die Reise erwähnte, war es, als hörtest du zum ersten Mal davon. Meiner Vorfreude auf Myanmar. Diesem Land, dessen Namen du dir nicht merken konntest. Oder wolltest. Immer wieder fragtest du: »Myanmar?« Als wärst du aus einem Traum erwacht. Es machte mich ungehalten, weil du dir vieles nicht merken konntest, die kleinsten Dinge vergaßt. Wo ich den Kaffee aufbewahrte, zum Beispiel. Immer, wenn du bei mir übernachtet hattest, standest du suchend in der Küche. Wo denn nun. Ich hielt es am Anfang für ein Spiel, doch es war wie ein Riss in deinem Hirn. Ein Riss, mit dem ich schwer zurechtkam. Zuletzt nicht mehr.
»What would you like to drink?«, die Stewardess holt mich aus meinen Gedanken.
»An orange juice and some water, please.«
Neben mir schlürft Mathias bereits seine Cola mit Eis und grinst mich an. Er ist verkabelt mit seinem Film, die Bilder flimmern über den winzigen Bildschirm in der Rückenlehne des Vordersitzes.
Wann hast du zuletzt in einem Flugzeug etwas zu trinken bekommen? Wahrscheinlich wärst du jetzt schon steif vom vielen Sitzen und würdest dich beschweren. Vielleicht würde meine Vorfreude aber auch auf dich überschwappen, und an mich gelehnt würdest du aus dem Fenster sehen, auch, wenn dort gerade nichts war außer Nacht und dem Blinken am äußersten Ende der Tragfläche.
»Ich möchte nichts verpassen«, würdest du sagen, »ich möchte den Sonnenaufgang über den Wolken nicht verpassen.«

Das nächste Mal war Sofie mit Arvid zum Essen verabredet. Er hatte bei einem Japaner reserviert, den sie noch nicht kannte. Sofie war pünktlich und schon fast am Treffpunkt, als er anrief, wo sie bliebe. Er war besorgt, dass ihre Plätze verfallen könnten, da sie noch eine Weile laufen müssten.
»Beeil dich!«, trug er ihr auf.
Sie verstand seine Aufregung nicht: »Wir werden rechtzeitig da sein. Zur Not gehen wir woanders hin.« Die Stadt war schließlich voll von Restaurants – als gäben sie sich die Klinke in die Hand.
Nein, Arvid beharrte, sie solle schnell machen jetzt, und sie mochte diese Starrheit nicht. Trotzdem freute sie sich auf ihn. Doch als sie ihn an der Ecke stehen sah, verlangsamte sie ihre Schritte, als könnte sie die Zeit anhalten, mehr noch, zurückdrehen, damit sich ihr ein anderes Bild böte, eins, an dem sie sich nicht sattsehen konnte, eins, das sie sich gerne großformatig ins Zimmer gehängt hätte.
Stattdessen der blitzartige Gedanke: »Es wird nicht gehen.«
Ein Kopfschuss in die Hoffnung – Sofie knickte fast weg unter ihrer Ernüchterung. Denn Arvid wirkte gehetzt und unsicher, dazu übermäßig gestylt, jeglicher Zauber, den sie die letzten Male empfunden hatte, war verflogen. Enttäuscht begrüßte sie ihn, doch er schien es nicht zu bemerken. Er war froh, dass sie da war und sie noch eine Chance auf ihre Plätze hatten. Wie ein Roboter schritt er im Geiste die Zeitfenster ab, die sich vor ihnen auftaten. Wie schnell sie gehen müssten, um. Die grobe Schätzung, dass sie es schaffen könnten, wenn. War er wirklich so unflexibel? Ihre Enttäuschung wich fast der Aggressivität, als er ohne Punkt und Komma begann, sich über seine Schuhe aufzuregen, die quietschten, wie er fand; dass das ein Unding sei und ein Reklamationsgrund, und am besten solle er gleich Schadenersatz verlangen.
Und sie fragte sich, wo das große Ganze geblieben war und ob jemandem, der sich mit solchen Kleinigkeiten aufhielt, die Tiefe fehlte. Aber vielleicht war sie vorschnell in ihrem Urteil. Was sie hoffte. Inständig hoffte. Denn sie wollte doch. Wollte so unbedingt wieder mitgerissen werden von jemandem.
Vielleicht hat er nur einen schlechten Moment, beruhigte sie sich. Warte ab.
Beim Japaner war ihr Tisch wie erwartet noch frei. Arvid ließ Sofie den Platz auf der Bank aus Teakholz, und so hatte sie einen guten Blick in den lang gestreckten, hellgrau gestrichenen Raum. Kugellampen aus Milchglas hingen in regelmäßigen Abständen von der Decke und warfen ein warmes, diffuses Licht. Die Möbel waren schlicht, Tische und Stühle aus Holz quaderförmig zusammengezimmert. Wie ein Grundkurs in Geometrie. Von der Sushitheke hinten im Raum drang ab und zu ein Klappern herüber, die Schritte der Bedienung blieben als angenehmer Hall auf dem Boden liegen. Am Nachbartisch saß ein Pärchen, zwischen dem das Gespräch floss wie auf einem unsichtbaren Band. Dazu im Kontrast stand die Fremdheit, die sie Arvid gegenüber spürte, der damit begonnen hatte, permanent die Karte zu kommentieren und ihr kaum Gelegenheit ließ, selbst darin zu lesen. Sie fand trotz seiner Geräuschkulisse die Dinge, die sie wollte, und als beide bestellt hatten, schien er entspannter. Als wäre das schwierige Tagwerk hiermit getan. Sollten sich doch die Köche damit herumschlagen. Es lag jetzt in anderer, fremder Hand.
Arvid erzählte, dass er dabei war, ein Portfolio mit seinen aktuellen Grafikprojekten zusammenzustellen, da das Budget in seiner jetzigen Agentur weiter gekürzt, im schlimmsten Fall gestrichen und es ihn als Freelancer als ersten treffen würde. Weswegen er sich nach etwas anderem umsehen müsse. Ohnehin könne der dortige Job nur eine Zwischenlösung sein. Er wolle mit großen Namen arbeiten und sich nicht in einer kleinen Klitsche mit Aufträgen von Kunden verdingen, die nicht auf seiner Wellenlänge lagen.
Es war schwierig, ihm zu folgen, weil er Überleitungen wegließ und mit Sofie sprach, als kenne sie die Agenturinterna und seine Kollegen persönlich. Gib mir Relativsätze, dachte sie, doch sie hakte geduldig nach und entknäuelte so das Wirrwarr, das er vor ihr auf den Tisch warf.
Bald waren sie abgelenkt durch die Maki und Inside-Out-Rolls, die wie Muster auf den dunklen Holzbrettchen angeordnet waren. Sie tunkten sie in Sojasoße mit viel Wasabi, und die Schärfe des Meerrettichs trieb ihnen Tränen in die Augen. Sie probierte bei ihm, er probierte bei ihr, und die Beschäftigung mit dem Essen und dem unterschiedlichen Geschmack nach scharfem Thunfisch, nach Avocado und Mango brachte auch alles andere in Fluss.
Ob sie wisse, dass sie ständig wechselnde Gesichter habe, fragte er. Dabei verrenkte er sich, um sie von allen Seiten anzusehen. Sie musste lachen und wedelte mit den Stäbchen in seine Richtung, als wollte sie ihn verscheuchen. »Schon wieder anders!«, kommentierte er, und dass es wohl daran liege, dass er sie auf ganz besondere Weise wahrnehme. Ein Gesicht wie eine Katze hätte sie: Mit diesen großen, blaugrauen Augen und den feinen, gleichzeitig kantigen Gesichtszügen. Als könnte man sich daran schneiden, wenn sie es darauf anlegte.
Später, als sie weiterzogen in eine Bar, legte sich die Luft wie ein kalter Umschlag um sie. Sofie fröstelte in ihrer dünnen Strickjacke, die ihrer Fehleinschätzung des Frühsommers geschuldet war. Sobald die Sonne verschwand, verwandelte sich der Juni in eine schlechte Kopie des Herbstes – trotz der Bäume, die dastanden in dichtem Grün, und der Nacht, hinter der man das Licht auch jetzt noch erahnen konnte. Sofie hüpfte auf dem Gehsteig auf und ab, um sich warm zu halten.
»Lass uns schnell gehen«, bat sie Arvid, »noch schneller als sonst.«
Wie zwei Schatten huschten sie durch die nächtlichen Straßen. Ihr Atem ging keuchend, weil sie rannten und redeten. Über Geschwister. Arvid hatte mit dem Fragen begonnen. Er, das Einzelkind.
»Ein großer Bruder passt zu dir«, fand er, als sie ihm von Marc erzählte. Dass er auch gerne Geschwister hätte, als Verstärkung. Um die Überfürsorge der Mutter abzufedern, den gegenseitigen Besitzanspruch.
»Geschwister können auch schwächen, du kennst meine jüngere Schwester Marie nicht«, lachte Sofie.
Es überraschte ihn nicht, dass sie ein Sandwichkind war. Dass er diese Flexibilität gleich an ihr bemerkt habe. Und ob er ihrem Bruder ähnlich sei, nachdem er herausgehört hatte, dass ihre Stimme voller Wärme war, wenn sie von Marc sprach.
»Das bleibt bis auf Weiteres mein Geheimnis«, lächelte sie.
Arvid war damit zufrieden: Dass er auch gar nicht wisse, ob er sich Ähnlichkeit wünschen solle.
Nach ein paar Blocks hatten sie die Bar erreicht. Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen eine Wand aus Stickigkeit und Rauch entgegen, als gäbe es etwas zu verteidigen. Es war, als beträten sie eine andere Klimazone. Sie bahnten sich einen Weg an den dicht gedrängten Leuten vorbei an die Theke, um ihre Drinks zu bestellen. Während sie warteten und der Barkeeper gekonnt mit den Flaschen hantierte, sah Sofie den Goldfischen zu, die in einem Aquarium vor dem Fenster ihr Dasein fristeten. Sie zogen ihre kleinen Körper in ermüdenden Bahnen durch das ausgeleuchtete, enge Bassin. Eine verkümmerte Wasserpflanze erhob sich wie in stummem Protest. Der Bass brachte die Theke unter Sofies Hand zum Vibrieren.
Sie begann, über die Mortalitätsrate von Kneipenfischen nachzudenken. Ob sie früher stürben als Wohnzimmerfische. Dass Katzen und Hunde eine geringere Lebenserwartung hätten, wenn sie ständigem Rauch ausgesetzt seien. Die tägliche Dosis Teer für den frühen Tod. Sie berührte fast Arvids Ohr, als sie sprach.
»Ich würde in diesem Aquarium vor allem sterben, weil mich alle anstarren«, kam von ihm. (Wenn Blicke töten.)
»Manche Leute würden erst richtig aufblühen, wenn sie so eine Bühne hätten.«
Sofie spürte Arvids Oberarm an ihrem. Wie ein körperliches Zwischen-den-Zeilen, als er bemerkte: »Ich bewege mich lieber im Hintergrund. Für dich wäre das vielleicht was.«
»Der Mittelpunkt?«
»Der Hintergrund ist jedenfalls nichts für dich.«
»Vielleicht nicht. Zumindest nicht dauerhaft.«
»Du gehörst in den Vordergrund, alles andere wäre Verschwendung.«
Sie überhörte das Kompliment und fragte: »Wollen wir es draußen versuchen? Vielleicht hat sich ja ein plötzliches Azorenhoch über die Stadt gelegt.«
»Unwahrscheinlich, aber unbedingt. Hier drin bleibe ich nicht. Hier braucht man ja eine Sauerstoffmaske.«
Die beiläufig hingestellten Tische auf dem Kopfsteinpflaster, durch das sich an manchen Stellen die Baumwurzeln gebohrt hatten, waren wie ein kleines Stück Wildheit in dieser zubetonierten Stadt. Sofie schlug vor, von zuhause ihren Mantel zu holen, es sei nicht weit. Doch davon wollte Arvid nichts wissen, er wollte an diesem Abend nicht auf sie verzichten. Stattdessen bot er an, seine Jacke mit ihr zu teilen, um der Kälte etwas entgegenzusetzen.
Wieder hatte hier das Wetter die Finger im Spiel. Hatte der sintflutartige Regen bei ihrer ersten Begegnung für die nötige Gelöstheit gesorgt, brachte sie das Frösteln jetzt dazu, zusammenzurücken und seine Jacke wie eine Decke über sich auszubreiten. Sofie spürte die Wärme, die sein Körper abstrahlte, diese Wärme, die sie anlockte, die er wie einen Köder ausgeworfen hatte. Auch sie hatte ihren Köder ausgelegt, und sie bissen gegenseitig an und verringerten den Abstand zwischen sich. Sie legten die Unterarme nebeneinander und spürten die Haut des anderen. So war es nur eine logische Konsequenz, dass sich ihre Hände fanden und ihr Atem den neuen fremden Mund immer dichter umkreiste.
Der erste Landeanflug auf ein Gesicht. Anspannung und Euphorie. Ihre Lippen hinterließen Markierungen auf den Wangen des anderen, zeichneten das Gesicht des anderen nach, bis sie den gemeinsamen Atem aufnahmen und die Münder sich fanden und gut miteinander konnten. So gut, dass sie alles andere vergaßen, sich wiederbelebten nach Monaten der Abstinenz und nicht aufhören konnten, die Münder ineinander fallenzulassen – weil eine Leere zu füllen war, weil diese Berührungen, einmal begonnen, nicht aufzuhalten waren. Der Geschmack des anderen einer Droge gleichkam, die beim ersten Schuss abhängig machte.
Manchmal hielten sie inne und sahen sich an, jetzt trunken im Blick, und auch die Umgebung reagierte auf sie. Zwei Spaziergänger blieben stehen, sprachen von Glück und dem Wunsch, selbst verliebt zu sein. Am Himmel hing das Licht einiger Straßenlaternen wie ein geborgter Mond. Und Arvid flüsterte ihr ins Ohr, dass er geglaubt habe, ein skandinavischer Name sei für sie passender als für ihn, weil sie eine gewisse Kühle und Unnahbarkeit besitze. Wie sein Vater. Freundlich, aber undurchdringlich wie Stein. Dass sie stattdessen anschmiegsam sei, anziehend.
Er hatte die vordergründige Offenheit von ihr durchschaut und ihr eigentliches Wesen erkannt. Das Verschlossene. Es freute sie, doch sie behielt es für sich.
Das Rascheln der Blätter im aufkommenden Wind kündigte den nächsten Regenguss dieses nassen Sommers an. Das helle Rechteck der Bar mit seinen Farben aus Gelb und Orange wirkte zwar einladend, doch sie wollten nicht in diese dichte Schicht aus Rauch und Geräusch eintreten, da ihnen nach Stille und Zweisamkeit war. Die ersten zaghaften Tropfen wurden sekündlich stärker.
»Mein Auto steht ein paar Querstraßen entfernt«, schlug Sofie vor.
»Das schaffen wir nicht mehr!«, und Arvid zog sie auf, ob sie ihn auf dem Rücksitz vernaschen wolle. Sofie zeigte unterdessen auf einen Hauseingang, der auch bei seitlichem Regen Schutz bot, und nahm Arvid, bereits laufend, bei der Hand.
Wieder fanden sich ihre Münder, und sie pressten ihre Körper durch die Kleidung aneinander; der Regen ein Rauschen in der Nacht, der sämtliche Stimmen geschluckt hatte und verhinderte, dass überhaupt jemand unterwegs war. Es war, als hätten sie die Nacht für sich allein, und nur vereinzelt vorbeifahrende Autos gaben dem Rauschen eine zusätzliche Klangtiefe.
»Du hast ja die Augen auf beim Küssen«, stellte Arvid begeistert fest. Er erzählte, dass manche Frauen irritiert gewesen seien ob seiner offenen Augen. Ob er denn nie loslassen und sich fallenlassen könne.
»Vielleicht möchtest du sehen, wenn du fällst«, war ihre Erklärung, und wie zur Bekräftigung umschloss er mit seinen warmen Fingern ihre Hand, als suchte er Halt.
Am nächsten Tag rief er an, um ihr zu sagen, dass heute die halbe Stadt zu jenem Hauseingang pilgere, in der Hoffnung, dasselbe zu erleben wie sie gestern. Sofie stand in der frühen Nachmittagssonne auf der Straße und freute sich über diesen Satz. Wann denn wieder, wollte er wissen.
Und weil sie nicht mehr das Tempo hatte wie damals und immer etwas innehalten, alles auf sich wirken lassen wollte, nicht zu schnell, zu viel, zu alles, schlug sie ihm übermorgen vor, übermorgen nach der Arbeit, und angeblich sei dann auch Sommer.
Arvid mochte den Vorschlag. Sie verbrachten den Sonntag zwar ohne einander, doch das war gelogen, weil Sofie fast die ganze Zeit an ihn dachte und sich sicher war, dass es ihm genauso ging.

Indischer Luftraum, drei Monate nach der Trennung
Wenn du wüsstest, wie viel ich auch jetzt an dich denke. Vielleicht liegt es an der Zeitlosigkeit von Langstreckenflügen, die dieses Vakuum hervorrufen. Als ich das letzte Mal verreist war, dachte ich zwar auch an dich, aber es war wie ein Blinzeln. Ich wusste, dass du zuhause unablässig an mich dachtest, und diese Intensität reichte für uns beide. Ich wusste, dass du keine ruhige Minute hattest, während ich im Flieger saß. Fliegen war etwas Unheimliches für dich.
Wären wir noch zusammen, hätte ich dir vor dieser Reise verschwiegen, dass die Autofahrten in Asien gefährlicher sind als das Fliegen mit jeder noch so klapprigen Maschine.
Sofort nach meiner Landung hättest du die Nachricht gebraucht: »Gelandet. Boden unter den Füßen. Ich bin noch. Warte auf mich. Ich denke an dich. Im Schlaf wirst du mir erscheinen und dich zu mir legen.«
Und am anderen Ende der Welt hätte ich dein Aufatmen gespürt, wenn in Sekundenschnelle die Antwort da gewesen wäre: »Egal, wo du landest, bin ich schon da und rolle dir den roten Teppich aus.«
Und tatsächlich fühlt es sich so an, als lägen deine Gedanken überall in den Ländern verteilt, die du noch nie betreten hast. Ich erschrecke, weil ich jetzt viel zärtlicher an dich denken kann als damals, als wir noch zusammen waren. Hätte ich es gebraucht, dass du dich entziehst?
Du warst immer da, auch wenn du nicht da warst.
Hast du mir die Sehnsucht nach dir geraubt, weil du mir nie Anlass dazu gabst, mich zu sehnen?

— 2 —
Am Montag meldete Arvid sich erneut bei ihr, doch seine Stimme war seltsam metallen und fremd. Bereits seine Begrüßung blieb wie amputiert in der Leitung hängen, sein Hallo schwächelte, brach an den Enden ab und war eine Aufforderung an sie, das Wort zu ergreifen. Wo denn morgen. Und wann genau. Und was mitbringen.
Sie wollte zwar niemanden, der sie bevormundete, aber jemanden, der nicht wusste, wo und wann und was, regte sie auf.
Mach einfach, dachte sie mehrmals während des Telefonats.
Kamen diese halb verendeten Sätze wirklich aus diesem schönen Mund, mit dem ihrer am Wochenende einen Pakt geschlossen hatte? Der kurze Anruf barg enormes Zerstörungspotenzial und tauchte ihre Vorfreude in Pechschwarz. Als wäre sie auf Grund gelaufen und leckgeschlagen.
Tatsächlich war ihre Übellaunigkeit Arvid gegenüber auch am folgenden Tag nicht verflogen. Sie saß in ihrem Büro an einer italienischen Übersetzung, die ebenso hakte wie ihre Gedanken an ihn. Sie hatte das Gefühl, selbst die einfachsten Sachen nachschlagen zu müssen. Als hätte jemand die Sprache aus ihr herausgeschnitten. Obwohl draußen ein gleißendes, fast vergessenes Sonnenlicht herrschte, blieb ihr Inneres trüb. Wie ein Morast, in dem alles zu versinken drohte, was (noch) nicht stark genug, nicht verwurzelt war. Dazu ihre Sinne, die heute so großporig waren, dass alles in sie hineinfiel. Jedes Geräusch, jeder Geruch, jede Störung.
Sofie ahnte, dass sie in diesem Zustand alles zerschlagen würde, was vielleicht einen Versuch wert war. Sie musste vermeiden, unter allen Umständen, ihn heute zu treffen, weil sie dann für nichts garantieren konnte. Wie ein tollwütiger Köter würde sie sich auf seinen nächsten angefressenen Satz stürzen und ihn in der Luft zerfetzen. Ihn und ihre Hoffnung gleich dazu.
So rettete sie sich in eine Notlüge, dass ein kurzfristiger Auftrag hereingekommen sei, sie bis nachts würde übersetzen müssen, er verstehe doch … (dass sie gerade versuchte, ihnen eine Zukunft zu ermöglichen). Als Wiedergutmachung bot sie ihm statt des Dienstags den Samstag an. Ein Tauschgeschäft zwischen Werktag und Wochenende. Arvid war einverstanden: »Ich mag Wochenendtage.«
Am Samstag flößte ihr das bevorstehende Treffen mit ihm noch immer Unbehagen ein. Sofie befürchtete, dass er ihr nicht mehr gefallen könnte. Denn es waren weniger die Gespräche gewesen, die etwas in ihr ausgelöst hatten, als vielmehr seine Küsse. Er war in die Talsohle ihrer Sehnsucht gelaufen und hatte deswegen leichtes Spiel. Weil sie nicht wählerisch war, sondern hungrig.
Tagsüber verfiel sie deswegen in Aktionismus, besorgte ein Geschenk für Mathias, bei dem sie am frühen Abend zum Geburtstag eingeladen war, brachte Altglas zum Container, strich das Regal in der Küche weiß und verließ die Wohnung mit Farbrückständen an den Händen. Nicht daran denken.
Als Sofie auf halber Strecke zur Feier war, reduzierte sich das Blau im Himmel auf eine Abbruchkante, wie um zu verkünden: Die Sonne vor ein paar Tagen war nur eine Stippvisite, keine Zeit für mehr, vielleicht auch keine Lust. Kümmert euch selbst um euer Licht, ihr Menschen, seht zu, dass ihr strahlt von innen.
Der einsetzende Regen fand seinen Weg durch ihr Cape als schmierige Feuchtigkeit, das Spritzwasser des Verkehrs durchnässte ihre Hose. Doch in all dieser Flüssigkeit verschwand ihre Anspannung wie schnell lösliches Pulver. Sofie trat in die Pedale, schrie gegen das Wetter an und sah, dass sich ein älterer Mann an der Bushaltestelle kopfschüttelnd nach ihr umdrehte.
Mathias feierte zusammen mit einem Bekannten, der seine Wohnung zur Verfügung gestellt hatte. Seltsam entrückt von den anderen Häusern stand das Gebäude am Ende einer Straße. Ein wuchernder Monumentalbau. Das Treppenhaus schien kein Ende zu nehmen, von den Fluren gingen unzählige Wohnungstüren ab wie Sichtblenden. Jemand öffnete ihr die Tür. Sofie war erstaunt, dass Leute in ihrem Alter triste 60er-Jahre-Bauten mit matschfarbenen Teppichen und niedrigen Decken bewohnten, als huldigten sie einem architektonisch zweifelhaften Jahrzehnt. Bonjour tristesse. Der Balkon drohte wegen eines verstopften Abflusses überzulaufen und erhöhte heute nicht den Wohnwert.
Mathias lehnte mit seinen verwuschelten Haaren samt Drei-Tage-Bart an der Spüle in der Küche und umarmte sie zur Begrüßung: »Sag nicht, dass du mit dem Fahrrad gekommen bist.«
Sie winkte ab. Und dass sie erstmal ins Bad müsse.
Aus dem Flur drangen Gesprächsfetzen zu ihr, während sie sich zwischen Wickeltisch und Windelbergen die zerlaufene Mascara aus dem Gesicht wischte.
Mathias’ Lehrerfreunde diskutierten einen Fall aus ihrer Schule, der auch in der Presse die Runde gemacht hatte. Cyber-Mobbing. Das Opfer eine Dreizehnjährige, die ihrem Schwarm zu leichtfertig Nacktaufnahmen von sich geschickt hatte. Dort, im vermeintlich sicheren privaten Chatroom, den sie nur mit ihm hatte betreten wollen. Er aber verbreitete ihre Bilder wie die einer erlegten Trophäe. Die Bilder, die zu viel zeigten und doch nur ein erstes Tasten sind – ein Ertasten des eigenen jungen Körpers, der nicht weiß, wohin mit sich. Ein Ertasten der eigenen ersten Gefühle, die das Denken ausschalten. Und nicht ein Zettel wird herumgereicht mit den ungelenken Worten Willst du mit mir gehen, den die Lehrerin abfängt und zerreißt, bevor er für die ganze Klasse sichtbar wird. Die Bilder werden geteilt und das Intime ausgestellt, als wäre es ein Witz. Dabei für die Schülerin die Enthauptung. Der Mädchenkopf, der vormals hoch getragen wurde, versteckte sich neuerdings unter Kapuzen, als wäre er gar nicht da.
Mathias hatte Sofie erzählt von den anschließenden Lehrerkonferenzen, den Gesprächen mit den Schülern. Doch es war, als schöbe man einem fallenden Sportler zu spät die Matte hin – die Verletzung war unvermeidbar. Erschreckend das fehlende Mitgefühl für die Schülerin, die für die Klassenkameraden nur noch die Perverse war. Derzeit war sie krankgeschrieben. Niemand wusste, wann sie zurückkäme. Niemand wusste, ob sie es überstehen würde.
Teenagersein in Zeiten der digitalen Verrohung. Mit einem Netz, das nicht verzieh. Sofie war froh, dass es in ihrer Schulzeit noch keine Handys gegeben hatte. Wie vergleichsweise harmlos man sich damals bekämpft hatte. Es verwunderte nicht, dass Lehrer und Schüler den wachsenden Druck wie eine Gratwanderung bezwangen. Und wehe dem, der nicht schwindelfrei war.
Doch Mathias schien gegen sämtliche Unwägbarkeiten seines Berufes immun. Er stützte sich ab auf seinen soliden, inneren Kern. Auch auf Sofie hatte seine Gegenwart etwas Beruhigendes. Sein ganzes Wesen war geradlinig und kompakt wie sein Körper. Dass er ähnliche Probleme hatte wie sie, sich auf jemanden einzulassen, überraschte sie. Es fiel ihr nicht schwer, sich eine Frau für ihn vorzustellen. Jünger als er, pragmatisch, nicht zu nachdenklich. Das Nachdenkliche gestattete er in Freundschaften, in Beziehungen brauchte er eine gewisse Leichtigkeit. Sie bezweifelte, dass sie sich als Erwachsene angefreundet hätten. Ohne die gemeinsam verbrachte Kindheit würden ihnen die Themen ausgehen. Aber mit dem Vergangenheitspolster konnten sie Gesprächspausen notfalls überbrücken mit einem Weißt du noch?
Als sie schließlich das Wohnzimmer betrat, fühlte sie sich an ein Kammerspiel erinnert. Die Szenerie hatte eher etwas von einer in der Zersetzung begriffenen Krabbelgruppe als von einem Geburtstag. Ein Kind, das wie eine Schildkröte aussah, robbte ihr entgegen, einen Speichelfaden am Kinn. Um den Tisch herum saßen diese Mütter-Mütter, die nicht mehr waren als das. Mütter. Ausschließlich. Dieser Kuhtyp Frau: behäbig, rundlich, bodenständig. Meine vier Wände, mein Kind, sein Erzeuger. Sie, die gebärenden Weiber. Gebär-Mütter. Nicht mehr und nicht weniger. Sie bedankte sich im Stillen bei ihren Freundinnen, die bereits Mütter waren und darüber hinaus.
Jemand bot ihr einen Hotdog an, und sie entdeckte zwei Bekannte, mit denen sie wortlos beschloss, etwas zu trinken. Wodka und irgendwas. Ihre Stimmung erreichte etwas Hysterisches. Der Senf brannte in ihrem Mund. Draußen schöpfte der Gastgeber Wasser vom Balkon.
War sie nicht auch eine Tastende in Sachen Liebe? Seit sie Lars als ihren Kompass verloren hatte, war ihr manchmal, als könnte man es verlernen, das Lieben. Als könnte man auch die Durchlässigkeit verlieren, derer es bedurfte, wenn es galt, Feuer zu fangen für jemanden. Und wer sie verlor, legte nur einen Schwelbrand nach dem anderen, anfällig für jede sich ändernde Windrichtung.
Mathias hatte sich bei ihr untergehakt und wollte wissen: »Was bist du so abwesend? Hast du nicht gleich ein Date?«
»Ja.«
Er lachte ob ihrer Einsilbigkeit, die, wie er fand, so gar nicht zu ihr passte.
»Was ist los?«, und boxte ihr in die Seite.
Sofie erklärte, dass sie nicht wisse, Arvid etwas skurril sei.
»Skurril muss nichts Schlechtes sein. Wo hast du ihn denn her?«
»Von der Straße, gewissermaßen haben wir uns auf der Straße aufgelesen, als wir beide auf jemanden gewartet haben.«
»Ein guter Anfang.«
»Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich schon alles in Stücke geschlagen.«
»Du bist im Vermeiden ja schon so gut wie ich«, kommentierte er.
»Leider. Ich dachte, ihr Männer wärt ständig damit beschäftigt, den Kopf aus irgendwelchen Schlingen zu ziehen. Müssen wir derart emanzipiert sein und euch alles nachmachen? Ich klage an: In dem Punkt ist die Frauenbewegung nach hinten losgegangen. Wenn jetzt beide Seiten zaudern, wird das nichts mehr.«
»Sei einfach nicht so streng mit ihm.«
»Rate ich das sonst nicht immer dir?«
Jedenfalls war es ein gutes Stichwort. Sofie beschloss, alles auf sich zukommen zu lassen, Arvid auf sich zukommen zu lassen.
Wieder war sie draußen mit ihm verabredet, unter einem Torbogen. Sie hatte mit allem gerechnet bei ihrer Begegnung, nur nicht damit, ihn spontan umarmen zu wollen. Doch wie er da stand, mit seiner Mütze und seinem grau melierten Mantel, seine dunkelbraunen Augen auf sie gerichtet, war sämtliche Abwehr, ob natürlich oder künstlich gezüchtet, in sich zusammengefallen. Sie küssten sich auf die Mundwinkel. Ein Kuss auf den Mund wäre nach der Woche, in der sie Distanz geschaffen hatte, zu selbstverständlich gewesen.
»Hallo.«
Seine Zerstreutheit von Montag war wie weggeblasen, wie feiner Sand vom Wind weggetragen, und er wusste genau wohin. Es gab da diesen gläsernen Kunstpavillon im Park, den er ihr zeigen wollte. Einen schlichten Kubus mit einer langen Bar unter hohen Decken, die abzuheben schienen. Dazu Lounge-Ecken und elektronische Musik, die trotz fehlenden Gesangs nicht anstrengend war, sondern sich in den Raum ergoss wie in ein großes Auffangbecken. Wir schwimmen im Klang. Von außen drückten Büsche gegen die Glasfront, und Sofie meinte, das Schaben der dünnen Äste an den Scheiben zu hören, als sie mit Arvid an der Theke stand, um zu bestellen. Die Flaschen waren vor einer orange-goldenen Lichtwand arrangiert. Vielleicht lag es an dieser optischen Suggestion, dass sie Campari bestellten. Arvid hatte sie schon die ganze Zeit im Arm und offenbar beschlossen, sie nicht mehr loszulassen.
In der Ecke am Fenster, in die sie sich zurückzogen, war da sofort wieder dieses wortlose Sprechen mit Mund, Lippen und Zungen, mit Händen im Haar. Dort, auf diesen sofaähnlichen Sitzgelegenheiten war zwischen ihnen ein Flüstern der Körper, mehr brauchten sie in diesem Moment nicht. Die Getränke stellten sie ab und vergaßen sie. Stattdessen sahen sie sich dabei zu, wie ihre Münder vom Küssen immer röter wurden, röter auch die Wangen, und sie fanden sich sehr schön so.
Könnte man die Zeit doch anhalten. Dann bitte jetzt. Stopp.
Der Abend bescherte ihnen noch viele Stoppmomente, als sie durch den leichten Nieselregen nach Hause schlenderten, nach Hause, in die gleiche Richtung, denn sie wohnten nicht weit voneinander. Ihre Körper verfielen in Gleichschritt, Sofie lehnte beim Gehen ihren Kopf an seine Schulter – seine Arme, ihre Hände, ein Geflecht. Die Stadt leuchtete mit ihren nassen, menschenleeren Straßen in einem ganz besonderen Licht. Es war, als wäre jeder Neonschriftzug nur für sie entzündet, nur für sie in die Pfützen gefallen. Überall lagen gelbe, blaue und rosafarbene Wasserflächen herum.
»Wenn ich könnte, würde ich dir eine Pfütze pflücken«, sagte er.
»Hör auf, das Kind in mir um den Finger zu wickeln.«
»Wenn es mir gelingt, das Kind für mich einzunehmen, dann ja vielleicht auch das Mädchen und die Frau.«
Und er lag richtig damit – sich zu verlieben bedeutete immer auch, das Kind in sich zu wecken, das Staunen, die Neugier. Wann sonst hatten Menschen ein so starkes Bedürfnis danach, dem Gegenüber die eigene Vergangenheit zu erzählen?
Ich bin die Summe all dieser Jahre. Ohne sie gäbe es mich nicht. Und ich will, dass du den Rechenweg verstehst. Jedes Minus und jedes Plus. Findest du nicht auch, dass damals schon erkennbar war, wie ich später sein würde? Und ist diese Geschichte und jene Angewohnheit nicht ein erster Beweis dafür? Wie ein urzeitliches Fossil, über das man beim Erzählen stolpert. Deine Fragen dabei wie ein Pinsel, der den Staub beseitigt.
Alles auf Anfang. Weil du neu bist. Weil ich neu bin für dich.
Und während sich in einer stillen Seitenstraße der Fernsehturm wie ein beruhigender Wächter über der Stadt erhob, vertrauten sie sich einige ihrer Eigenheiten an, die sie beim anderen wie ein Pfand hinterlegten. In ihrem Fall waren es Weigerungen. Sofies Weigerung als Kind, Eiweiß zu essen, weil für sie etwas mit der Konsistenz nicht stimmte; Arvids Weigerung, den Buchstaben G zu schreiben, weil er ihn hässlich fand, unausgegoren. Das Lächeln auf beiden Seiten, das Parteiergreifen für die jeweilige Vergangenheit: Du hattest ein frühes Verlangen nach dem Gelben vom Ei. Und du, du warst schon früh ein Ästhet.
Da sie ihren Blick nach hinten gerichtet hatten, in die Jahre sahen, die entfernt lagen wie ein Land, das hinter Meeren und Bergketten verborgen war, hakte Sofie ein in diese Vorzeit, hakte nach, was er mit der Kaninchengeschichte habe bezwecken wollen. Den toten Kaninchen.
»Ich wollte ein Symptom erklären.«
»Was für ein Symptom?«
»Dass in meiner Nähe Lebewesen kaputtgehen, nicht nur Tiere.« Jetzt klang es nicht, als wollte er um Aufmerksamkeit heischen. Bedauern lag in seiner Stimme.
»Wer ist unter deinen Händen kaputtgegangen?«
»Meine Mutter.« Er hielt den Blick geradeaus auf die Straße gerichtet, als er erzählte. Von dem Mann, den sie nach der Trennung von seinem Vater zu lieben wagte, dem Mann, den er in die Flucht geschlagen hatte. Mit der Weigerung, etwas aus seinem Leben zu machen. Mit seinen Szenen und Wutanfällen, mit zerschmissenem Geschirr, das ihr Angst einjagte. Solche Angst, dass sie sich auf die falsche Seite schlug. Auf seine. Nicht auf die des neuen Mannes, der nicht ankam gegen dieses Vorrecht an Besitz, das der jugendliche Arvid wie ein sturer Herrscher für sich reklamierte. Erst später, als Arvid ausgezogen war, war sie wieder eine Beziehung eingegangen, aber es fehlten die echten Gefühle, der Mann übernahm eine Alibifunktion, dass jetzt alles gut sei. In ihrem Leben, zwischen ihr und ihrem Sohn.
»Nichts ist gut, obwohl sie es immer wieder beteuert«, Arvids Finger krampften. Die Schuldgefühle saßen überall, auch in den Fingerspitzen.
»Aber du warst doch fast noch ein Kind. Gib nicht dir die Schuld.«
»Du warst nicht dabei«, seine Augen immer noch unzugänglich, eine Wand. Er schüttelte sich. »Ich will nicht darüber reden. Ich kann es auch nicht, okay?«
»Okay.«
Sie liefen eine Weile schweigend, drückten ab und zu ihre Hände, um sich des anderen zu vergewissern.
Die Kindheit als Gefäß. Als Gefäß, in das die Schuld fließt. Von der man glaubt, sie ein Leben lang abarbeiten zu müssen. Der Start in die Erwachsenenwelt mit einem Klotz am Bein, der echtes Wachstum verhindert. Hatte nicht jeder seine Fußfessel? Die warnte, wenn man sich zu weit in die Freiheit wagte, die Freiheit, ohne schlechtes Gewissen zu leben?
»Ich habe uns den Abend versaut«, stellte er fest, als sie die letzte Straßenecke erreichten, an der sie sich verabschiedeten.
»Hast du nicht.«
Er hatte ihm lediglich Substanz, Schwere, etwas Trauer verliehen.
»Leicht kann jeder«, fügte sie hinzu.
Da nahm er ihr Gesicht behutsam in seine Hände und näherte sich ihrem Mund so zeitverzögert, dass sich ihr Inneres vor Lust zusammenzog. Wie konnte es irgendjemand auf der Welt ohne solche Küsse aushalten? Wie hatte sie es so lange? Aber sie war zu vertieft, um den Gedanken weiterzuspinnen.

Inle See, Myanmar, drei Monate nach der Trennung
Seit du nicht mehr in meinem Leben bist, hat sich mein Mund zurückhaltend gegeben. Der ein oder andere Mann hatte es auf ihn abgesehen, doch immer drehte ich mich weg. Bis gestern. Gestern, das mitten in der Nacht begann. Mathias und ich standen noch vor den Hähnen auf, die im ganzen Land das Morgengrauen ankündigen. Auch die streunenden Hunde schliefen noch, als wir die dunklen Straßen entlanggingen. Unser Frühstück trugen wir in Tüten mit uns: Bananen, hart gekochte Eier, Marmeladentoast. In der anderen Hand wie immer Trinkwasser.
Am Inle See wird es nachts kühl, zum ersten Mal seit unserer Ankunft in Asien hatten wir Jacken an. Am Vorabend hatten wir von einem Dorfbewohner – Thet – eines der letzten kleinen Holzboote für unseren heutigen Ausflug über den See gemietet. Ein wichtiges Fest stand bevor, jeder wollte aufs Wasser.
Als wir den Anleger fast erreicht hatten, ohne im Gewusel einzelne Gesichter ausmachen zu können, hörten wir ein: »Sir, Sir!«, das sie hier für Männer und Frauen gleichermaßen verwenden. Thet hob den Arm und zeigte auf sein Boot, das gelb lackiert Seite an Seite mit den anderen Booten lag. Der Anblick erinnerte entfernt an Venedig. Schläfrig nahmen wir Platz, während der Myanmare die Leinen löste und den Motor startete. Seine Füße waren so wendig wie ein zweites Paar Hände. Der Fahrtwind und das Knattern der Maschine hinderten uns daran einzunicken. Als die Sonne die dunkle Wasseroberfläche in ein Glitzern verwandelte, wussten wir, warum wir so früh aufgestanden waren. Warum dieser Kontinent Namen kannte wie Reich der tausend Elefanten oder Wolkenpass. Die Natur lag verzaubert da, auf den entfernten Hügelkuppen am Ufer funkelte eine silberbesetzte Pagode, als hätte sie eine Krone auf.
Gegen Mittag erreichten wir den Tempel, vor dem das Wettrudern der umliegenden Ortschaften stattfinden sollte. Voll besetzte Boote mit Zuschauern schwammen wie ein dicht gewebter Teppich auf dem Wasser. Ein wildes Trommeln und metallisches Klirren umgab uns aus allen Richtungen; Klänge wie von einem unbekannten Lebewesen, das angesichts der einsetzenden Hitze durchzudrehen drohte.
Thet führte uns in ein Stelzenhaus, das eigens für Touristen errichtet zu sein schien. Auch wir sollten hier essen und dem Treiben vor dem Tempel zusehen. An einem Tisch mit einer grünen Wachstuchdecke fanden wir freie Schemel. Wir waren am Scherzen über die kleinen Plastikmöbel, die typisch für Asien sind, als ein Amerikaner fragte, ob er sich zu uns setzen dürfe. Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte er sich vor, Richard, und erzählte, dass er auf Weltreise sei. Ob wir ein couple auf honeymoon seien. Weder noch. Ab dem Moment traf mich sein Blick. Jede seiner Gesten forderte: »So, Sofie, tell me more about you.« Ich flüchtete in Sätze, ohne etwas preiszugeben, und ertappte mich dabei, dass ich ihn sympathisch fand. Vielleicht, weil er wirkte wie jemand, der macht. Ganz anders als du.
Unser Gespräch wurde unterbrochen, als es weiterging, quer über den See, den der Tourismus bereits mit schleichendem Gift infiltriert hatte. Trotzdem lächelten die Einheimischen, als bewaffneten sie sich mit Gleichmut gegen die beginnende Zerstörung ihres Lebensraumes. Zigarrendreher hier, Tuchmacher dort – wir fühlten uns wie Marionetten, die ihr Geld an den Verkaufsständen lassen sollten. Das perfide Spiel zwischen Arm und Reich und wir mittendrin. Die einzelnen Spielzüge vorhersehbar. Was hatten wir erwartet? Fast hassten wir uns in diesem Moment für unsere Reiselust. Deswegen überredeten wir Thet, uns in ein Dorf am Westufer des Sees zu bringen, über das wir gelesen hatten. Bei dessen Beschreibung uns eine seltsame Sehnsucht beschlichen hatte. Dort, und nur dort, wollten wir noch hin.
Auch jener Ort konfrontierte uns zunächst mit den unvermeidlichen Verkaufsständen, doch als wir sie hinter uns gelassen hatten, lösten sich auch die wenigen Holzhütten in der Natur auf. Stattdessen erhoben sich mehrere Stuparuinen vor uns auf freiem Feld, und wenig später standen wir bei sengender Hitze in mannshohem Gras. Wir folgten einem schmalen Trampelpfad, scharfkantige Gräser und kleine Äste zerkratzten uns die Knöchel. Nach einer Weile mündete der Weg in steile Stufen, die einen Berg hinaufführten. Die Sonne stach zu mit ihrem Stachel aus zu viel Licht, und der Schweiß bemächtigte sich unserer wie ein unabänderlicher Zustand. Oben auf dem Gipfel erwartete uns die Stille wie ein alter Freund. Wir tranken Wasser in großen Schlucken und ließen die Blicke schweifen über die Ebene unter uns, die Reisfelder und die Ausläufer des Sees, die Stuparuinen auf den gegenüberliegenden Hügeln. In einem Farbgeflecht aus Weiß, Gelb und Golden verflossen sie mit der Sonne.
Dafür reise ich, dachte ich und hoffte, dass auch du eines Tages so etwas sehen würdest, du dem Himmel so nahe wärst wie ich in diesem Moment, weit weg von allem, was belastet und bremst und beunruhigt. Weit weg von den wütenden Anteilen in einem selbst, den trauernden, den ratlosen. Nah an einem Himmel, der einen mit Kraft füllt, nicht nur kurz, sondern der aufbewahrt, für später. Für Zeiten, in denen das Grau die Freude und den Willen lahmlegt, und der Horizont nicht mehr ist als eine unscharfe Erinnerung.
Als hätte er meine Gedanken gelesen, hörte ich Mathias in die Stille hinein sagen: »Jetzt komme ich durch den Winter.«
Wir lauschten dem Zirpen der Grillen und erschraken, als wir beim Abstieg ein Husten hörten und ein Mönch uns seine alte Hand mit einem Reisfladen entgegenstreckte. Die Hand war schmutzig, immer wieder wischte er sich damit den Schleim, den er aushustete, aus seinem verrunzelten Gesicht. Wir lehnten das Essen dankend ab, doch er bestand darauf mit einer Vehemenz, dass wir nach einigem Zögern den Fladen aßen mit allen Keimen, die er darauf verteilt hatte.
Du hättest nicht einen Bissen herunterbekommen, da bin ich mir sicher. Wahrscheinlich hättest du mir vorgeworfen, dass ich schuld sei, dich in so eine Lage gebracht zu haben, weil ich dich zu dieser Reise überredet hätte, dieser Reise, die du nie wolltest. Und jetzt, im Angesicht der bakterienübersäten Hand dieses Fremden, sei dir auch klarer als sonst, warum das nichts ist für dich, Reisen. Du würdest dich in Rage reden und als weiteren Punkt der Anklage diesen unerträglichen Schweiß aufführen, dieses Geklebe, das kein Mensch aushält. Beim Abstieg würdest du mir vorrechnen, was du für das Geld der Reise alles hättest kaufen können. Ich hätte dich erst zur Ruhe gebracht, wenn wir uns dem Ort genähert hätten – ob du mit deinem Gezeter dein Gesicht verlieren wolltest, damit hätte ich dich gehabt, denn die Sorge um deine Außenwirkung hörte auch an Ländergrenzen nicht auf.
Stattdessen saß ich abends, ohne Auswirkungen vom Reisfladen, mit Mathias in einer Garküche und löffelte eine scharfe Suppe, als Richard, der Amerikaner, in unser Blickfeld lief. Mit einem Lächeln trat er an unseren Tisch, und wir luden ihn ein, sich zu uns zu setzen.
»So, Sofie, here you are again.«
Mathias warf mir einen Seitenblick zu, hatte Richards Interesse an mir bemerkt. Dieser versuchte, mich mit den übrig gebliebenen Fetzen seines Schuldeutschs zu beeindrucken und erinnerte sich an die altmodischen Vornamen in den Übungsbüchern. Helga. Klaus. Karl. Dann kam er auf die unterschiedliche Bedeutung des Wortes Kofferraum im Amerikanischen und Britischen zu sprechen – trunk, boot –, was nicht selten Verwirrung stiftete, hieß boot im Amerikanischen doch lediglich Stiefel. Entsprechend schnell konnte ein Koffer sprachlich im Stiefel landen. Richard lachte bei der Erinnerung an eine Episode an einem Londoner Taxistand und wunderte sich nicht über derart seltsame Ausdrücke bei einem Volk, das auf der linken Seite Auto fuhr.
Als Mathias sich später auf die Suche nach einer Toilette machte, beugte sich Richard zu mir herüber, sah mich herausfordernd an und küsste mich auf den Mund. Es waren nur Sekunden, doch es ging mir durch und durch. Dieses überraschende Aus-der-Deckung-Treten, das gleichzeitig eine Ankündigung war. Für ein Später, für ein Dann-wenn-wir-ungestört-sind. Bei Mathias’ Rückkehr taten wir so, als wäre nichts gewesen. Ohnehin war er müde und deutete an, in die Unterkunft zu wollen. Ich sagte, er solle schon vorgehen, ich würde noch bleiben.
Richard lächelte mich an: »You are still here, Sofie.«
Der tropische Abend hatte uns längst in sein Dunkel gehüllt, die spärlich beleuchteten Straßen wurden von den vorbeifahrenden Mopeds angestrahlt. Staub lag in ihren Lichtkegeln. Ab und zu winkte uns jemand; ein kleines Mädchen drehte sich ungläubig zu uns um, schielte aus dem Schutz des langen Rocks seiner Mutter zu uns herüber.
»Es hat gerade seine ersten Weißen gesehen«, sagte Richard, während er nach einer Zigarette suchte. Dabei streifte er unmittelbar über meiner Hand durch die Luft, dass ich nicht sagen konnte, ob er mich berührte oder den leeren Raum darüber. In den Rauch hinein, den er langsam ausstieß, stellte er die Frage, ob wir den Ort erkunden sollten.
Da es uns zum Wasser zog, nahmen wir die Straße Richtung Anleger. Er wollte den Arm um mich legen, doch ich löste mich von ihm und schob als Grund die Myanmaren vor, die Berührungen in der Öffentlichkeit nicht gern sahen. In Wahrheit ertrug ich diese vertraute Geste nicht von einem Fremden.
Im Schutz einer Böschung setzten wir uns schließlich ins feucht werdende Gras. Die Boote lagen wie schlafende Wassertiere zu unseren Füßen, träge schwappte der Fluss an ihre Holzplanken, als Richard mich auf seinen Schoß zog. Zunächst wehrte ich ab, doch bald gab ich nach. Wandte mich ab von meiner Strenge und meiner Illusion von dir. Es war an der Zeit für eine Episode. Die Küsse von Richard hatten eine gewisse Dringlichkeit. Jeder Kuss mit Nachdruck, als wollte er sagen: Es muss so sein. Trotzdem verflog das anfängliche Kribbeln bald. Richard flüsterte mir Nettigkeiten ins Ohr, die nicht hängen blieben, da er sie jeder Frau gesagt hätte, die seinen Weg statt meiner gekreuzt und annähernd in sein Beuteschema gepasst hätte. Er behauptete, dass ich erst die zweite auf dieser schon halbjährigen Reise sei, die ihn berühre, ob ich nicht die Nacht mit ihm verbringen wolle: »You’re so special.«
Ich lachte: »Ja, klar.«
Er beteuerte: »I mean it.«
Du hättest ob der Gemeinplätze, die noch folgten, den Verstand verloren und dich darüber aufgeregt, dass solchen Leuten nicht der Mund verboten wurde, wenn sie nur nachkauten, was sie schon hundertmal gehört hätten, ohne Ideen für etwas Neues. Von Brei im Mund hättest du gesprochen, und dass man den abgenutzten Stoff der Wörter doch zumindest anders arrangieren könne, das sei doch das Mindeste, was man verlangen könne. Mit einer Dunkelheit im Blick hättest du meine Zustimmung erpresst – wenn es um mein Nicken ging, konnte dein Blick zum Schraubstock werden.
Doch hier im Urlaub war die Messlatte niedriger, das Anspruchsdenken in der Heimat zurückgeblieben. So blieb ich noch eine Weile an Richard hängen, doch mit in sein Zimmer wollte ich nicht. Ich ahnte, dass mir der Körper, den ich durch das Shirt ertastete, nicht gefallen würde. Er war zu klobig, trotz seiner Größe, er machte, dass ich meine Hände zurückzog, weil ich es nicht so genau wissen wollte. (Als hätte ich mich gestoßen.)
»You’re giving me a hard time.«
Vielleicht tat ich ihm unrecht, aber Richard wirkte so unversehrt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, er habe den Schmerz dieser Welt jemals auch nur vom Rand aus gesehen. Ich stellte ihn mir in seiner Heimat Kalifornien vor, am Surfen und Feiern, und nur ein bedeckter Himmel wäre ein kleiner Kratzer in seiner ewigen Langspielplatte des Glücks, einer Platte, bei der ich permanent Lust haben würde, sie an der Wand zu zertrümmern, nur um zu sehen, wie er darauf reagiert.
Als ich später die knarrende Zimmertür so leise wie möglich öffnete, bedacht darauf, Mathias nicht zu wecken, murmelte er schläfrig: »Da bist du ja. Ich dachte schon, du brennst mit dem Ami durch.«
»Das dachtest du? Ich lasse meinen Reisepartner doch nicht im Stich.«
Dich dagegen hatte ich im Stich gelassen, und manchmal wünschte ich, du hättest mir genügend Gründe dafür geboten, es nicht zu tun.

»Noch dreimal schlafen«, sagte Arvid zu ihr, als sie es kaum schafften, sich voneinander loszureißen, dort, bei den Tischtennisplatten, nicht weit von ihrer Wohnung entfernt.
So muss es als Teenager gewesen sein, hätte er diese Zeit ausgelebt, sinnierte er, allgemein zugängliche und doch verwunschene Stellen aufsuchend, im Schatten der Bäume, unter Torbögen, in der Ecke eines Klettergerüsts; Küsse hinterlegend an öffentlichen Orten und doch nur für eine Person gedacht, auf ewig abrufbar, der persönliche Liebesabdruck, hinterlegt in dieser großen, anonymen Stadt. Und selbst ein Stein, eine Bank, eine Schaukel wären nicht mehr nur ein Ding, sondern Anlass für ein Lächeln, für ein Innehalten.
»Wenn du nicht Küsse verteilt hast an Straßenecken, was hast du gemacht?«, wollte Sofie wissen.
Arvid konnte es nicht sagen, diese Zeit war in ihm wie Nebel. In diesem Nebel verfingen sich Mädchen wie fixe Ideen, allen voran eine Brieffreundin aus Italien, ein fremdes, dunkles Mädchen, das Erfüllung versprach. Doch als sie sich endlich sahen, war es zu spät. Mit einem Schulfreund war er im Nachtzug ans Tyrrhenische Meer gereist, angelockt von diesem Mädchen, das nur auf ihn gewartet zu haben schien, auf ihn und Küsse, die nach Pistazie und Salzwasser schmecken würden. Doch dann traf er sie als Doppel an, fest an der Hand eines Italieners, der den Heimvorteil ausspielte: Denn was war Arvid schon mehr als etwas, das vorübergeht, ein Tourist, dem nur ein paar Wochen an der Sonne beschert waren, bevor er in seine kalte Welt nördlich der Alpen zurück musste? Und eine Vespa hatte Arvid erst recht nicht. Nicht hier. Nicht hier unten, wo man dem Wasser näher war als dem Land.
Vielleicht waren diese früh verpassten Gelegenheiten Gründe für Arvids Zögern, das sich in den kleinsten Handlungen manifestierte. So, wie auch viele Stunden zuvor. Sofie hatte auf dem Rasen vor den Kolonnaden nach der Arbeit auf ihn gewartet, das Gesicht in die warmen Farben des Abendlichts getaucht wie in eine Lasur, einige Museumsbauten im Rücken. Obwohl sie sich die vorigen Treffen stundenlang geküsst hatten, war sein Kuss jetzt scheu, als könnte sie die Fortsetzung jederzeit unterbrechen. Sie musste ihn locken wie ein abwartendes Tier, ein paar Schritte vom Geschehen entfernt, jederzeit zur Flucht bereit. Umständlich legte er sich neben sie ins Gras, besorgt um seine Frisur und seine Hose. Allgemein schien er Angst zu haben vor Flecken, da sie eine Unregelmäßigkeit waren, etwas, dem nicht beizukommen war.
Sofie durchkreuzte seine Vorsicht und zog ihn an sich: »Leg dich auf mich, bitte, der Länge nach möchte ich zugedeckt sein von einem Arvid.«
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass seine Sachen keinen Schaden nahmen, hörte sein innerer Wächter auf, ihn zu zensieren. Stattdessen redete Arvid drauflos, dass er fast gerannt sei, der Ort ihn angezogen habe, mit dem Wissen, dass sie hier auf ihn warte.
»Du wurdest sogar sehnsüchtig erwartet, vor allem von ihm hier«, und sie deutete auf ihren Mund. Von Unersättlichkeit war die Rede, von fehlenden Manieren und Ungehorsam.
»Dann sollten wir uns um ihn kümmern«, befand er und ließ los, wurde schwer auf ihr, und die Tatsache, dass er Gewicht hatte, und sei es physisch, beruhigte sie.
»Ich habe Wein mitgebracht«, verkündete er irgendwann, »Wein und Oliven.« Und als sie das Picknick vor sich ausbreiteten, färbte sich der Himmel bereits wieder schwarz, und erste Blitze zuckten in der Ferne. Eines der Museen zeichnete sich hell vom Himmel ab, als würde es von innen leuchten.
»Fast gespenstisch«, Sofie deutete in Richtung Gebäude, das wie eine weiße Wand vor der Gewitterfront stand. Arvid hielt sie von hinten umschlungen, den Kopf auf ihrer Schulter abgelegt. Die Vögel wurden von den Böen durch die Luft geschleudert, als wären sie in Seenot. Havarierte Tiere.
»Weißt du eigentlich, dass ich für unser heutiges Treffen zum ersten Mal kein Konzept vorbereitet habe?«, fragte er.
»Ein Konzept?«
»Falls ich nicht gewusst hätte, was ich sagen soll. Falls Pausen, unangenehme, entstanden wären, hätte ich Notfallfragen gehabt.«
»Aber ein Gespräch kann man doch nie planen, weil noch jemand Zweites daran beteiligt ist.«
»Du hast mich zum Glück im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Konzept gebracht«, stellte er fest. »Mit dir ist es einfach. Ein Wort ergibt das andere, und auch Schweigen funktioniert.«
Tatsächlich konnten sie gemeinsam schweigen, ohne dass es unangenehm war, aber meistens war ihr Schweigen laut, weil sie sich etwas mitteilen mussten, wie jetzt, als der Wind heftiger wurde und der Abstand zwischen Blitz und Donner geringer.
»Das kennen wir ja schon«, lachten sie, als sie die Sachen vor dem beginnenden Regen einsammelten und auf die Stufen unter den Kolonnaden umzogen. Erneut waren sie Gefangene des Wetters, im unmittelbaren Umkreis gab es keine Cafés oder Restaurants, in die sie hätten flüchten können. Gleichzeitig barg dieser Mangel an Möglichkeiten die Freiheit, einfach nur dazusitzen, eng beieinander, und das Ende des Gewitters abzuwarten.
»Ob wir auch noch miteinander können, wenn es weder regnet noch gewittert?«, fragte Arvid.
»Wer weiß. Vielleicht verstehen wir uns tatsächlich nur, wenn das Draußen so rau ist«, und nach einer Pause: »Würdest du mir denn ein paar Fragen aus deinem Notfallkatalog vorlesen?«, ein Tippen ihrer Finger auf seinem Handrücken wie ein Anklopfen.
Wie erwartet, hatte Arvid Einwände. Dass kein Notfall vorliege, er für einen solchen gerüstet bleiben müsse. Er hätte noch weitere Gründe angeführt, wenn Sofie ihn nicht umklammert hätte, um an seine Notizen zu gelangen.
»Übergriffig, aber sehr hübsch dabei«, zog er sie auf und packte ihre Arme, arretierte sie in der Luft. »Liest du auch heimlich Tagebücher?«
»Du schreibst Tagebuch?«, fragte sie.
»Nein, aber wenn, würdest du?«
»Tagebücher sind tabu, außerdem hatte ich nicht vor, deine Fragen heimlich zu lesen, sondern hier, zusammen mit dir.«
»Das macht es nicht besser.«
»Weil die Fragen so abstrus sind?«
»Du traust mir ja viel zu.«
»Nein, Ungewöhnliches.«
Sie rangelten um die Zettel, bis Sofie anfing, ihn zu küssen: »Ein Kuss pro Frage.«
»Zu wenig.«
»Zehn pro Frage.«
Seine Antwort lag in ihrem Mund: »Zu wenig.«
Von hundert Küssen war die Rede, während sie nacheinander griffen, den Kopf des anderen, noch näher, bis da ein Netz war aus Haaren und Händen und Atem, und diese Nähe entlockte ihm eine Frage, ob sie farbig träume oder schwarz-weiß, und sie musste nicht überlegen, farbig, während er es nicht wusste. Aber brauchte er Farben in der Nacht, wenn er sich ohnehin nicht an seine Träume erinnerte?
»Wer braucht die Vergangenheit, wenn die Gegenwart ausnahmsweise die Zeit ist, in der man sein möchte?«, das fragte er in die Küsse hinein. Dass Sofie wie eine Mediatorin sei zwischen ihm und dem Jetzt, das sonst im Schatten des Morgen und des Gestern stünde.
Trotzdem ertappte sich Sofie zuhause dabei, dass sie in Erinnerung an den Abend den Kopf schüttelte. Arvid verhielt sich, als wäre er der Welt ausgeliefert. Fast wie ein Kind, das man an die Hand nehmen wollte, um es zu leiten. Nur weil sie selbst scheu war, brachte sie Verständnis für ihn auf. Ihr gefiel, dass Arvid sich nicht wie selbstverständlich durch sein Leben bewegte, über jedweden Zweifel erhaben, ohne Raum für überraschende Entdeckungen. Dennoch war da die Befürchtung, er könnte zu schwach sein für sie. Sie hoffte, dass auch er in der Lage wäre, sie bei der Hand zu nehmen und zu sagen: »Komm, ich zeige dir etwas. Und solltest du Angst haben, ist das nicht schlimm, weil ich keine Angst habe. Ich zeige dir einen Teil der Welt, den du noch nicht kennst.«
Und während sie auf dem Rand der Badewanne saß und sich die Zähne putzte, fragte sie sich, wie jemand, der seit zehn Jahren nicht mehr gereist war, ihr etwas von der Welt zeigen sollte. Das Etwas konnte auch in der eigenen Stadt, im Alltag sein. Dennoch glaubte sie, dass erst das Reisen so auf den Alltag abfärbte, dass auch er größer und vielschichtiger wurde. Denn wer ewig nur vom gleichen Teller aß, wusste nicht um all die Geschmacksrichtungen, die so verschieden waren, dass sie das ein oder andere hier geraderückten, die so scharf waren, dass man das Gemäßigte zuhause besser ertrug, die so notdürftig zusammengerührt waren, dass einem Dinge egal wurden. Es zählte dann nicht mehr, ob ein Fleck auf der Hose war. Es zählte dann nur, dass man überhaupt eine besaß.
»Du wirst pathetisch«, wies sie sich zurecht und rollte sich im Bett zusammen. Noch vier Stunden blieben ihr bis zum nächsten Morgen. Und mit dem Bild seines schönen, markanten Gesichts schlief sie ein.

Yangon, Myanmar, drei Monate nach der Trennung
Mathias und ich laufen seit heute Morgen durch die verstaubten, belebten Straßen Yangons, und jetzt, da wir bei einem Inder zur Ruhe kommen, muss ich an dich und deine Angst vor Flecken denken.
Wie würden der Schmutz und du aufeinander reagieren?
Eine allergische Reaktion auslösen oder eine, mit der niemand gerechnet hätte?
Ich nicht. Du nicht.
Ein erstes Aufbäumen vielleicht gegen die Flecken, die sich ohne dein Zutun auf deiner Kleidung ausbreiteten. Wie eine Krankheit, gegen die es keine Schutzimpfung gab. Am Anfang wären wir nur in Zeitlupe vorwärtsgekommen, du hättest erschrocken an den Rändern der Straße innegehalten und die Flecken gezählt, hättest versucht, sie abzuklopfen, doch dann hätte dich die Hitze überwältigt. Schatten wäre wichtiger geworden als Makellosigkeit, und irgendwo sitzen und etwas Kühles trinken wäre das Einzige gewesen, was zählte. Dazu diese abertausend Eindrücke, die auf unserer Netzhaut zu flirren begonnen hätten. Gegen dieses Chaos wären wir zur Shwedagon-Pagode hinaufgestiegen, wo das Gewusel nicht aufhörte, sondern feierlich wurde. Wir hätten zufällig das Vollmondfest erwischt, das ganz Myanmar zu dieser wichtigen buddhistischen Kultstätte lockte. Hand in Hand wären wir durch den Duft der Räucherstäbchen geschritten, und du hättest den Myanmaren dein schönes Lächeln geschenkt, während sie Mingalabar gerufen und uns rosafarbene Blumensträuße als Opfergaben zum Kauf angeboten hätten. Ergriffen wären wir gewesen von dieser Stupa aus Gold, diesen Farben wie aus einem Märchen, den orangefarbenen Gewändern der Mönche und dem tiefen Klang der Gongs. Vor dieser Kulisse hätten unsere Fußsohlen unzählige Male die Wege der Gläubigen gekreuzt, und wir wären zwar Fremde gewesen, aber dennoch mittendrin, weil wir uns willkommen fühlten.
Jetzt beim Inder wärst du erschrocken ob der toten Hühner, die samt Kopf und Füßen aufgespießt in den Auslagen hängen, und hättest erst gewagt zu essen, nachdem ich probiert hätte, um dann festzustellen: »Das schmeckt gut, das schmeckt besser als bei uns im Kiez.«
Danach würden wir in einem der Stoffläden nahe der Sule-Pagode Longyis kaufen, die traditionellen Wickelröcke der Myanmaren, die bis zu den Knöcheln reichen. Denn sie kommen hier nicht zurecht mit zu viel Bein, sind nicht daran gewöhnt, entblößte Knie zu sehen, wir merken es an ihrer Reaktion, an ihrer Ungläubigkeit, und wir würden uns anpassen und verhüllen. Die Enthüllung, die Nacktheit kämen noch früh genug in dieses Land, das so lange von der Außenwelt abgeschottet war.
Trotzdem wärst du davon überzeugt, dass ich sie auch im Longyi verrückt machen würde mit meinem weißblonden Haar, das sie berühren wollen, genauso wie unsere Haut, als müsste sich anders anfühlen, was so viel heller war.
Nachts wären wir so müde gewesen, dass wir nebeneinander hätten liegen können, ohne dass der unausgesprochene Befehl zwischen uns gehangen hätte, dein Befehl: »Begehr mich jetzt! Begehr mich immer!«
Dabei hatte ich dir immer zu erklären versucht, dass ein solcher Befehl schnell ins Gegenteil umschlägt. Ich Raum brauchte für meine Erschöpfung. Denn anders als du mit deinen kurzen Arbeitszeiten hatte ich an den Nachmittagen keine Zeit, auf dem Sofa zu liegen und zu schlafen. Mein abendlicher Kontakt mit der Stille, mit mir, war ein Erstkontakt nach einem langen, vollen Tag. (Auch in dieser Hinsicht warst du wie ein Kind, das sehnsüchtig auf meine Rückkehr wartete. Um endlich zu erzählen. Um endlich gehört zu werden.)
Jetzt aber würde ich dir gerne sagen, dass dein schlanker Körper gut nach Asien passen würde und ich ihn umso mehr vermisse, als ich den gänzlich anders gearteten Körper von Mathias um mich habe, den ich nicht im geringsten begehre. Der mich erschreckt, wenn ich ihn im Halbschlaf nicht zuordnen kann. Dessen lauter Atem mich manchmal wachhält.
Dich habe ich zuletzt nicht mehr atmen gehört. Als hättest du jede Nacht die Luft angehalten, um mich nicht zu vertreiben.
Begehrst du mich noch, in Gedanken?

— 3 —
In der nächsten Woche traf sie sich erneut mit Arvid auswärts zum Essen, weil sie es noch zu früh fanden, sich gegenseitig zu bekochen. Beim Telefonieren gestern hatte er es angesprochen, dass er zwar gerne würde, aber ob schon jetzt, das wisse er nicht. Und sie verstand, denn beide hatten ein für die Stadt ungewöhnlich langsames Tempo. Die meisten hätten längst miteinander geschlafen, und sie diskutierten darüber, ob ein Kochen zuhause nicht zu viel sein könnte.
Genau darin lag der Reiz für Sofie. Anstatt sich die Wohnungen, die Körper – alles – sofort zu zeigen, legten sie vorsichtig eine Schicht nach der anderen frei. Näherungswerte. Als wäre der andere ein sorgsam geschnürtes Paket, dessen Inhalt nicht vorschnell herausgezerrt werden durfte, weil es zu viel sein könnte, eine Überforderung, eine Unterforderung. Bei übertriebener Hast bliebe am Ende vielleicht nicht mehr übrig als eine zerknüllte Verpackung, eine leere Hülle.
Dass Arvid ihr trotz seines irritierenden Wesens mehr gefiel, als sie sich eingestehen wollte, merkte sie daran, dass sie lange brauchte, um sich für ein Outfit zu entscheiden. Normalerweise wusste sie schon beim Aufwachen, was sie anziehen wollte, doch heute zog sie sich mehrfach um, als hätte sie ihre Sicherheit verloren. Ihr Kleiderschrank sah aus wie nach einer Plünderung, doch nach einigem Hin und Her hatte sie das Passende gefunden und wartete jetzt in einem kurzen, hellen Kleid auf ihn.
Auf dem kleinen Platz mit den vielen Cafés und Bars herrschte fast südländisches Treiben, Stimmen füllten wie Nachtvögel die Luft und zogen darin ihre Kreise. Arvid musste sich an Menschengrüppchen vorbeischlängeln, um zu ihr zu gelangen, und lächelte von dem Moment an, als er sie entdeckt hatte. Wieder durchzuckte es sie ob dieses Gesichts, das sie so schön fand. Es war kein klassisches Gesicht, auf das jeder ansprang, sondern in Form und Proportion ihrem nicht unähnlich. Laut Forschung der Grund dafür, dass sie sich hingezogen fühlte zu ihm, weil sie sich in ihm erkannte.
Wir alle wollen gespiegelt sein.
Dazu diese Lippen, die sich zur Begrüßung auf ihre legten, und seine Stimme, wie immer etwas brüchig, als wäre er überrascht, dass sie auf ihn wartete, auf ihn und niemanden sonst.
Bald liefen sie zusammen durch den vertrauten Stadtteil, vorbei an Restaurants, die die Gäste auf den breiten Gehwegen bewirteten. Oft stellten die Besitzer schon im Februar die ersten Tische nach draußen, weil in dieser Stadt auch der erste bleiche Sonnenstrahl eingefangen wurde, sobald das Thermometer ein paar Grad über Null zeigte.

Wir bandagieren die Seele gegen die Kälte
die uns zu lange festhielt in der Geschlossenen
ohne die Weite des Himmels
Hirn und Herz sediert im Dämmerzustand,
nahe der Nulllinie
schichten wir Stoffe übereinander
um uns am Leben zu halten.

Für morbide Gedanken war an diesem lauen Juniabend kein Platz. Es war, als wäre die gesamte Stadt unterwegs, als müsste sie sich satt trinken an der verloren geglaubten Wärme, ihr blasses Gesicht nicht weiter verbergen, sondern als Projektionsfläche anbieten. Für lange Tage, für die erste Bräune, für das Ausbleiben von Traurigkeit.
Auch Arvid schien sich mitreißen zu lassen von dieser Stimmung und hielt Sofie den Arm hin, als wollte er sie zum Tanz führen. Es war etwas derart Altmodisches in der Bewegung, dass sie lachte und ihn stattdessen bei der Hand nahm.
»Warum die Hand?«, wollte er wissen, und Sofie verstand nicht.
Er setzte nach, Hand in Hand hätte etwas von einem Paar, der Arm sei unverbindlicher. Bei Begriffen wie unverbindlich drehte sich etwas in ihr um und verschloss sich.
Sie entzog ihm abrupt ihre Hand und schoss in seine Richtung: »Wenn du es unverbindlich willst, fassen wir uns am besten gar nicht mehr an.«
In ihr stiegen Erinnerungen hoch, die verunreinigt waren und alle mit diesem Wort zu tun hatten; mit Männern, die nicht zu ihr standen und in der Öffentlichkeit gerne so taten, als hätte es die Nächte davor und danach nie gegeben. Sofie schlug einen kühlen, sachlichen Ton an, weil sie unter keinen Umständen wollte, dass Arvid mitbekam, dass sie mit den Tränen kämpfte. Bis zu ihrer Ankunft im Restaurant richtete sie ausschließlich Fragen an ihn, die sie auch jedem anderen gestellt hätte. Unpersönliches Einerlei, um dem Schweigen zu entkommen.
Es schien ihm nicht aufzufallen, denn er verstrickte sich wieder in das Thema Bewerbung. Dass er nicht ewig in diesem kleinen Grafikbüro sein Dasein fristen wolle, so schlecht bezahlt, dass er gerade so über die Runden käme, schlimmer aber noch die langweiligen Kunden und die anspruchslose Werbung, die dabei produziert wurde. Der Creative Director, seiner Meinung nach zu ängstlich. Arvid hätte ihm schon mehrfach Vorschläge unterbreitet, die allesamt im Keim erstickt worden seien. Leider antworteten die großen Agenturen nicht auf seine Bewerbungen, überhaupt verfiel er jetzt in ein Lamento, das sich zwischen Ohnmacht und Selbstüberschätzung hin- und her bewegte. Sah er einerseits die Welt überschwemmt von schlechtem Design, das er gerne verhindert hätte, zählte er andererseits Kampagnen auf, auf die er nie gekommen wäre, und nannte Designer, die mit ihrem Gespür für Gestaltung Bücher und Magazine erschufen, die er am liebsten alle besessen, besser noch – selbst gestaltet hätte; die richtige Spannung aus Fläche und Weißraum, das Geheimnis ist die Reduktion, mit ein paar Strichen Wunderwerke, wie Zauberer des Papiers – voller Ehrfurcht sprach er davon und gleichzeitig voller Zweifel, ob er jemals so etwas Gutes zustande brächte.
Sofie verstand die Frustration darüber, seine Ideen nie verwirklicht zu sehen, und nicht die Spielwiese geboten zu bekommen, derer es bedurfte, um sie zu entwickeln. Trotzdem reagierte sie nur mit knappen Bemerkungen, weil das Wort unverbindlich in ihr nachhallte. Erst als der erste Drink vor ihnen stand und wegen der Aufregung direkt ins Blut ging, löste sich die Wirklichkeit etwas auf.
Dazu Arvid, der bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte, der jetzt wissen wollte – was?, und Sofie, dass sie auf unverbindlich allergisch reagiere, und Arvid, der jetzt ständig ihre Hand wollte und Küsse über den Tisch, weil er etwas gutzumachen habe. Als sie ein Gericht mit Garnelen bestellte, gestand er ihr, dass ihm von Meeresfrüchten übel würde, bereits bei einer Spur davon.
»Dann bereite dich auf einen kussfreien Abend vor«, kam von ihr, »ich werde meine Bestellung nicht rückgängig machen.«
Da verlangte er Küsse auf Vorrat und überlegte, dass ihrem Geschmack wahrscheinlich nichts etwas anhaben könne. Von Regeln sprach er, die bei ihr ohnehin nicht gälten. Was er anderen Frauen nie hätte durchgehen lassen – sie schlüpfe einfach durch die Löcher seiner Seele.
Warum die Atmosphäre später wieder kippte zwischen ihnen und unerträglich wurde, unüberwindbar, wie Platten aus Beton, konnte Sofie nicht sagen. Vielleicht brach das unverbindlich wieder auf. Sie fühlte sich wie auf einem Eisfeld neben ihm, während er nach einem verwunschenen Fleck hinter der Kirche suchte und sich dabei erneut über seine quietschenden Schuhe aufregte, die nicht mehr umzutauschen waren, da er sie bereits neu hatte besohlen lassen.
Keiner ihrer Männer vorher hatte je so ein Aufheben um seine Kleidung gemacht. Sie fühlte wieder diese Fremdheit ihm gegenüber und wollte nur weg. In Gedanken verabschiedete sie sich von ihm: Ich sehe ihn heute zum letzten Mal, wir werden es nicht hinbekommen. Zu unterschiedlich sind unsere Welten.
Ein verwunschener Ort jedenfalls war das Unpassendste, das sie sich vorstellen konnte für sie beide. Sie unterbrach seine Suche und kündigte an, nach Hause zu wollen, weil sie müde sei. (Müde von zu viel Fremdheit.)
Doch sie hatte nicht mit Arvid gerechnet. Sie lief immer noch einsilbig neben ihm her, ihr Gesicht abgewandt, als er sie plötzlich am Arm festhielt und zum Stehenbleiben zwang: »Was ist los? Habe ich was falsch gemacht?«
Da brach es aus ihr heraus: »Wenn ich dir peinlich bin, Arvid, dann lassen wir es hier und jetzt. Ich weiß nicht, vor wem oder was auch immer du mich verstecken musst, aber ich weiß, dass ich mich nicht verstecken lasse.«
Er unterbrach sie, überrascht, wie sie auf so etwas käme: »Wenn jemand das Zeug zur Peinlichkeit hat, dann ich, aber doch nicht du«, und er umarmte sie mitten auf der Straße, küsste sie lange und mit Nachdruck. Ob ihr das öffentlich genug sei. Seine Zunge forschend, fragend. Einem Impuls folgend biss sie nach ihm, doch er war schneller. Nur noch sein Mund jetzt dicht vor ihrem. Ihr Atem stieß gegen ihre Haarsträhne, die ihr ins Gesicht fiel. Ihr Groll jetzt klein, fast gewichen.
»Willst du immer noch nach Hause?«, wollte er wissen und hielt dabei ihr Gesicht.
Ein Kopfschütteln von ihr, in seine Hände hinein.
Ich lege mein Nein in deine Hände.
Und er zog sie mit sich, in einen Spätkauf, um eine Flasche Wein zu holen, dort, im Verkaufsraum, der sein Neonlicht als Markierung auf die Straße warf. Das städtische Leuchtfeuer für die Durstigen der Nacht. Die nicht in einer Bar trinken wollten, sondern an einem eigenen Ort, den Korken tief in den Flaschenhals gedrückt, Wein an den Fingerkuppen, eine Fährte für mehr.
Ihr Ort in dieser Nacht war ein grasbewachsener Schutthügel, an dessen Flanken sie hinaufstiegen, oben ein paar Bänke und Richtung Süden ein Blick in die Ferne, nahezu unverstellt. So unverstellt, wie es in einer Millionenstadt möglich war, und doch mit einem Lichternetz aus Straßenlaternen und erleuchteten Fenstern gegen die Verlorenheit ihrer Bewohner. Städter sind Streuner. Wer verwurzelt ist, bleibt auf dem Land.
»So eine Dachterrasse wäre schon was«, und während sie die Wohnung im obersten Geschoss des Neubaus zu ihrer Linken betrachteten, der nicht mit Glas und Sichtbeton geizte, malten sie sich aus, dass Arvid als Designer Magazine gestalten würde, die ihm die Leute aus der Hand reißen würden, um den Hunger der Augen zu stillen, denn das Auge isst mit, auch, wenn es nur liest, der Lesefluss ein Leichtes bei der richtigen Typografie, ein Gleiten über die Seiten, ohne Stocken. Und auch der Art Directors Club würde davon Notiz nehmen und das ein oder andere Magazin von ihm prämieren, mit Bronze, mit Silber, mit Gold, dem Olympia der Kreativen, während Sofie Bücher schreiben würde, die so viel einbrächten, dass sie nie wieder übersetzen müsste. Denn was war Übersetzen schon mehr als das Wiederkäuen von etwas, das jemand anderes geschrieben und gedacht hatte? Zwar schwang dabei immer der eigene Stil mit, eigene Wörter, die den Sinn besser trafen als eine direkte Übersetzung. Trotzdem blieb es der Text eines anderen. So wie Arvid seine Bildwelten unverwirklicht sah, blieben auch die Wörter, die Sofie in sich trug, unausgesprochen, war sie zum ewigen Nacherzählen verdammt.
»Die Unvollendeten, das sind wir.«
Sie schworen sich, alles zu tun, um ihre Träume zu verwirklichen. Denn wenn man es bis zur Lebensmitte nicht tat, wann dann? Waren Träume mit 50, 60 und 70 noch so stark wie mit Mitte 30? Waren sie nicht jetzt schon abgenutzt gegenüber dem, was man sich mit 20 vorgestellt hatte, damals, als man dachte, etwas Besonderes zu sein, jemand, auf den die Welt gewartet hatte? Damals, mit 20, als ihnen die Welt scheinbar zu Füßen lag mit dem Abitur in der Tasche, dem Zeugnis in eine grenzenlose Freiheit, die so groß war, dass sie sie bald in die Schranken verwies? Du kannst nicht alles sein, sei alles oder nichts wird nicht funktionieren, sei etwas und das richtig, mache keinen Fehler bei der Entscheidung. Für die Träume wäre noch genug Zeit, dann – dann? – erstmal studieren, erstmal jobben, erstmal. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sie ab einem bestimmten Alter zu schwach sein könnten für ihre Träume. So kurz vor dem Midlife begannen sie zu ahnen, dass sie nicht wieder zögern durften, denn dann wären sie irgendwann zu alt. Und selbst, wenn sie dann noch die Kraft aufbrächten – könnte die Umwelt umgehen mit dem Neuanfang eines Menschen, der so viel gesehen und erlebt hatte, dass ein Beginn welcher Art auch immer undenkbar schien? Denn das wäre die Umkehr des natürlichen Laufs der Dinge: War nicht alles ab einem bestimmten Alter auf das Ende ausgerichtet? Wäre es im Angesicht des nahen Endes nicht vermessen, neu zu beginnen? Aber da 40 angeblich das neue 20 war, wäre ihre Generation in ein paar Jahrzehnten vielleicht auch dazu bereit und mit nichts anderem beschäftigt. (Und sie selbst von dem Wunsch getragen, die Träume mögen irgendwann aufhören, weil man sie gelebt hätte, weil die Retrospektive auf das eigene Leben Grund gab für eine tiefe Zufriedenheit, die einen in Würde altern ließ, mit sanften Falten im Gesicht und der Gewissheit: Wenn ich könnte, würde ich wieder genauso handeln.)
Doch schon jetzt gab es so viel, das Arvid und Sofie gerne anders gemacht hätten – er hätte studiert, sie wäre vor ihrem Studium länger herumgereist als ein paar Monate. Dazu all die Gelegenheiten, die kleinen und großen, die man erst rückblickend als solche erkannte, wenn ein Umkehren zu spät war.
Mit der Stadt im Blick fragten sie sich, wie die anderen zurechtkamen mit dieser in die Länge gezogenen Jugend, die doch keine mehr war.
Wie konnte 40 das neue 20 sein? Das war eine Farce, denn uns neuen Zwanzigern waren die offenen Türen und die Neugier abhandengekommen, wir waren nicht nur die Summe unserer Jahre, sondern auch unserer (Fehl-)Entscheidungen. Wir hatten begriffen, dass die Welt nicht auf uns gewartet hatte, wir nichts Besonderes waren, wir keine Biografien hatten, denen etwas Glamouröses anhaftete. Stattdessen nagte das Bedauern an uns, das mit jedem vergeudeten Tag lauter wurde. Denn wir waren keine Erstsemester mehr im Auditorium Maximum, berauscht von der Energie, die von den anderen Studenten ausging, und hatten keine Praktikantenseele mehr, auch wenn Kreative gerne noch zu lange mit Praktikantengehältern abgespeist wurden. Wir besaßen die neueste Technik, gute Matratzen und gingen zum Waschen nicht mehr in den Waschsalon, sondern ins Zimmer nebenan. Wir wollten unseren Urlaub nicht mehr auf Isomatten oder in Schlafsälen verbringen und freuten uns nicht über günstiges Essen, sondern gutes Essen.
Das war mehr als ein feiner Unterschied und jeder, der mit 40 ein Zwanzigjähriger sein wollte, log oder war randvoll mit Drogen.
Sofie hatte sie getroffen, diese Vierzigjährigen, die ihr bei Dates die Vorteile von Kokain darlegten – dass das Geile an dem Zeug sei, dass man trinken könne, ohne müde zu werden. Jedes Mal fragte sie sich dann, wie alt sie noch werden musste, um sich so einen Stumpfsinn nicht mehr anhören zu müssen – die Droge als Wertmerkmal, die Droge als Indikator für Coolness und Wildheit.
»Alles Lügner«, rief Arvid in die Nacht, und Sofie hatte sich warm geredet und fuhr fort: »Stimmt, denn wir gehen nicht mehr für ein Erasmus-Semester ins Ausland (das habe er schon mit 20 nicht gemacht, unterbrach Arvid) – selbst wenn es ruft, das Ausland (ihn hätte es nie gerufen, so Arvid) – das so ausländisch nicht mehr ist, da die Länder und die Welt sich gegenseitig kopieren und beliefern (wozu also verreisen, wieder Arvid) – und einen neuen Weltbürger geschaffen haben, der nördlich, südlich und entlang des Äquators in dieselben Läden geht, in Starbucks und Zara. Selbst dann, wenn er versucht, sich dem Trend zu widersetzen und individuell zu sein, ist er nur einer von vielen.
Wacht auf, ihr Menschen, ihr seid nur eine Gattung, die Gattung des Homo sapiens, die Erde platzt aus allen Nähten wegen euch, wie könnt ihr nur so anmaßend sein, euch für einzigartig zu halten? Besonders in den Hauptstädten der reichen Länder manifestiert sich dieser Irrsinn täglich aufs Neue. In Heerscharen ist er einer von vielen, der weit gereiste Homo sapiens, der local design unterstützt und in Läden kauft, in denen zehn Oberteile den kargen Raum füllen, Kleidung voller Geltungsdrang, die nur die Hoffnung des Käufers vorwegnimmt, dadurch ein Unikat zu sein.
Ein weiteres unter Millionen, und das wäre dann die Quadratur des Kreises, die dem Leben eine weitere Kante verleiht. Man stößt sich einmal mehr und bemerkt den blauen Fleck nicht. Beim ersten denkt man noch, dass er eine Ausnahme, ein Ausrutscher sei und beweint ihn. Doch später stellt man fest, dass er der erste von vielen war, und über die Jahre, in denen es nicht besser wird, beginnt man es hinzunehmen. Alter ist nicht faltige Haut. Alter ist vor allem verlorenes Vertrauen.«
»Hör auf, du machst mich traurig.«
»Aber es ist doch so.«
»Nicht immer. Manchmal trifft man nämlich jemanden, der anders ist als die anderen.«
»Jemanden wie dich, meinst du.«
»Mich meinte ich nicht, dich, dich meinte ich.« Er umschlang sie mit allem, was er an Armen zu bieten hatte, und so blieben sie lange sitzen, bis die Müdigkeit sie von der Bank schob und zum Aufbruch drängte.
Auch jetzt verabschiedeten sie sich bei den Tischtennisplatten in Sofies Nachbarschaft, als folgten sie einem Ritual. Sie kam sich obdachlos vor, da sie ihre Wohnungen ausgeklammert hatten und sich herumtrieben in Hauseingängen und Parks.
»Wann kommst du mit zu mir?«, schnitt sie das Thema an, und Arvid wollte wissen, ob es dann etwas bedeute. Sofie schützte sich durch eine Gegenfrage, ob es schön oder schlimm wäre, ein Bedeuten.
Er musste nicht nachdenken: »Schön. Es wäre schön.«
Trotzdem hatte er Scheu, sie zu besuchen, weil er dann zu sehr in ihrem Leben sei und sie in seinem.
»Wenn ich so viel von dir gesehen habe, gibt es kein Zurück. Wohnungen von Menschen, die ich mag, machen etwas mit mir. Ich fühle mich dann zugehörig«, schob er als Erklärung hinterher. Er hielt inne, als hätte er Angst, es auszusprechen: Dass es zwar zu früh sei, das, was sie verband, zu definieren, er jedoch keine Beziehung eingehen könne. Nicht jetzt, in seiner beruflichen Situation, die ihn am Existenzminimum dahinvegetieren ließ.
Sie wollte wissen: »Liegt es nur daran?«
»Ja«, und sie glaubte ihm, als sie seinen Blick sah. Sie sah, dass er wollte. Sie. Eine Geschichte. Eine Fortsetzung. Und deswegen konnte sie verzichten. Auf Begriffe, die Druck aufbauten, auf Begriffe, die etwas vorwegnahmen.
»Dann lass uns das, was auch immer es ist, nicht in eine Form pressen. Soll es selbst die richtige Form finden. Du bist doch Designer. Folgt ihr nicht dem Leitsatz form follows function? Lass uns auf unseren Bauch hören und unsere Münder, denn unsere Münder mögen sich.«
»Nicht nur unsere Münder«, kam von ihm und dass er immer aufgeregt sei vor den Treffen mit ihr. Und er flüsterte, dass er ihr gerne seinen Mund mitgeben würde. Sie schlugen sich abwechselnd vor, sich mit nach Hause zu nehmen, jetzt, sofort, ohne Umschweife. Lass uns nicht lange fackeln!
Sie verweilten im Klang dieses Satzes, den sie seit Jahren nicht gebraucht hatten, der den Seiten eines Kinderbuchs entsprungen schien, doch es war kurz vor Sonnenaufgang. Die Erschöpfung holte sie ein, sie dachten zu viel über die Bedeutung dieses Schrittes nach und beschlossen: Ein anderes Mal, versprochen, aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und dann etwas früher. Wenn ich das erste Mal bei dir bin, möchte ich nicht alles bleiern vor Schläfrigkeit erleben. Möchte nicht, dass meine Lider meine Augen verkleben.
Sie lachten, weil sie jede Handlung zerlegten, bis nur noch Feinstaub übrig war. Sie versuchten sich zu erinnern, ob das früher auch so gewesen war. Hatte man weniger nachgedacht oder war man einfach nie müde?
Beides, entschieden sie und wollten: Noch einen letzten Kuss, nur noch einen, und versprachen sich: Mein Mund legt sich heute Nacht zu dir, ich vertraue ihn dir an. Ich weiß dein Vertrauen zu schätzen, er wird es gut haben bei dir, mein Mund. Und deiner erst bei mir. Dann bis bald, bis sehr bald.
— 4 —
»Man sieht ihn dir an«, beobachtete ihre Freundin Helen, die sie am darauffolgenden Abend auf einen Drink in der Nachbarschaft traf. Immer wenn sie Helens Stimme hörte, dachte Sofie an ein öliges Dunkelbraun. An dieser Stimme war sie hängen geblieben, damals, als sich Helen in einem gemeinsamen Italienischseminar das erste Mal zu Wort gemeldet hatte. Denn diese volle Stimme mochte so gar nicht passen zu der schmalen, kleinen Person mit dem blassen Teint einer Rothaarigen, die mit dem ersten Satz klarmachte, dass sie alles andere als zerbrechlich war. Sofie hatte noch nie einen Menschen getroffen, dessen Äußeres und Inneres so wenig synchron waren wie bei Helen. Ein Fehler im Betriebssystem, der sie einzigartig machte.
Jetzt bestätigte Sofie die Beobachtung ihrer Freundin: »Er küsst gut. Vielleicht bin ich verliebt.«
Helen lachte auf: »Du bist nie vielleicht verliebt. Das Vielleicht hat in deiner Liebe nichts zu suchen, ich kenne da niemand Kompromissloseren als dich. Warum nur vielleicht? Wegen der Kanten, von denen du erzählt hast? Wobei ich euer Kennenlernen im Regen mag. Dass du jemanden auf der Straße aufliest, schaffst auch nur du. Alle anderen lernen sich über Freunde oder bei der Arbeit kennen, und du bandelst mit einem Dahergelaufenen an. Finde ich gut. Typisch sofique.«
»Er war tatsächlich ein Wildfremder. Kommt der Begriff daher? Wenn die Fremde so undurchdringlich ist, dass es wild ist, sie zu durchbrechen?«
»Ja, es hat etwas Animalisches, ohne diesen Urinstinkt lernt man die meisten Fremden nicht kennen. Ihr hattet ja keinerlei Aufhänger, wart gewissermaßen in freier Wildbahn.«
»Und haben uns trotzdem an den anderen herangepirscht.«
Der Kellner hatte unterdessen die Getränke gebracht, und Sofie hob ihr Glas: »Dann stoße ich hiermit auf die Neandertalerin in mir an.«
Helen nahm den Faden wieder auf: »Warum bist du denn nur vielleicht verliebt?«
»Er irritiert mich. Wenn er sich an Kleinigkeiten aufreibt, als wären sie ein Angriff. Du solltest ihn mal hören, wenn er sich über seine Schuhe aufregt. Sie quietschen nämlich. Außerdem weiß ich nicht, wovon er eigentlich lebt. Er arbeitet ein paar Stunden die Woche als freier Grafiker und verdient entsprechend schlecht. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, wenn es eine Phase ist. Ich habe allerdings den Eindruck, dass er sich schon ziemlich lange durchs Leben laviert.«
»Versucht er denn, etwas daran zu ändern?«
»Schon, aber er versteift sich auf die Top-Agenturen. Mir kommt es so vor, als würde er nur aussichtslose Bewerbungen abschicken und so seine Energie verpulvern. Dabei schwankt er dann zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex.«
»Vielleicht kriegt er noch die Kurve. Guck dir Tom an – zuerst wird er fast zwangsexmatrikuliert, weil er so lange studiert. Und dann rutscht er gerade so durch beide Staatsexamen und bewirbt sich bei einem Anwalt, dessen Name ihm wegen einer Alliteration auffällt: Klaas Kunert. Du weißt ja, was ich davon hielt. Doch dann passte es. Ich hätte nie gedacht, dass er mal begeistert von der Juristerei sein würde. Klaas und Tom sind fast wie Vater und Sohn.«
»Allerdings, ihr seid ja öfter bei Klaas und seiner Frau als bei deinen Eltern. Tom war aber schon immer jemand, der auf die Füße fällt. Ich bin mir bei Arvid da nicht sicher. Er hat längst nicht das Improvisationstalent von deinem Freund.«
»Aber es gibt doch bestimmt einiges, was für deinen Arvid spricht?«
»Seine Affinität für das Schöne. Er hat Stil. Er sieht Details, die den meisten Männern entgehen. Er isst und kocht gerne. Er kann sich stundenlang mit Rezepten beschäftigen, hat er zumindest erzählt. Sagte ich schon, dass er gut küsst?«
Helen strich Sofie über den Handrücken und setzte mit einem abschließenden leichten Klopfen des Zeigefingers ein Ausrufezeichen, ja, du hast es erzählt, ich höre seit Wochen nichts anderes, aber ich höre es mir gern an, immer wieder.
Das Wesen einer Freundschaft. Sich Dinge doppelt und dreifach erzählen zu können, zu wissen, dass man sich wiederholte und der andere die eigene Lieblingsgeschichte zu seiner werden ließ. Wie Helen, die jetzt sagte: »Am Rande hast du’s erwähnt, dass er küssen kann, ganz beiläufig, aus Versehen. Und dass er genießen und kochen kann, das ist gut.«
»Noch besser ist, dass er mir eine Pfütze pflücken wollte. Außerdem hat er etwas Wundes, Aufgescheuertes. Er fühlt sich für das verpfuschte Leben seiner Mutter verantwortlich, die eine Liebe hat laufen lassen wegen ihm. Deswegen hat er auch nicht diese Selbstverständlichkeit an sich, die das Leben vereinfacht, aber undurchlässig macht. Das mag ich.«
»Das ist in der Tat gefährlich, ich kenne dich.«
Sofie lächelte und legte beide Hände um das Cocktailglas, die im kondensierten Wasser einen Abdruck hinterließen. Helen wusste, wie anfällig sie für derartige Dinge war. Männer, die versehrt waren und Pfützen pflücken wollten, schlichen sich leichter in ihr Denken als solche, die teure Geschenke machten und dabei ausblendeten, dass Empfindsamkeit mehr wog als jedes Geld, jedes Statussymbol, weil sie über dem Errichten ihrer Alpha-Persönlichkeit ihren Charakter vergessen hatten.
»Außerdem ist er schüchtern«, fuhr Sofie fort.
»Du und deine schüchternen Männer. Lars war auch schon die personifizierte Schüchternheit. Woher kommt dieses Faible? Prägen nicht ältere Brüder das Männerbild? Marc ist nicht schüchtern. Man könnte ihn nachts aus dem Bett klingeln und an ein Rednerpult stellen, und er würde die richtigen Worte finden. Und gut sieht er auch noch aus.«
»Arvid sieht auch gut aus. Und er ist feinsinnig. Wie Marc.«
»Wir schlussfolgern also, dass du zumindest deine Anfälligkeit für feinsinnige Künstlertypen Marc zu verdanken hast.«
Sie mussten lachen, und Sofie fügte hinzu: »Das sind allerdings die einzigen Parallelen. Ich möchte schließlich nicht an meinen Bruder denken, wenn ich mit einem Mann zusammen bin, ein bisschen Abgrenzung ist hier schon gut.«
Beim nächsten Treffen wagte Arvid den Schritt in ihre Wohnung. Sofie hatte ihn zu sich eingeladen und er unter der Bedingung angenommen, dass er kochen dürfe. Wenn sie schon die Räumlichkeiten stelle, sei er gerne für das Kulinarische verantwortlich. Eine gute Aufteilung, wie sie fand.
Als er bei ihr ankam, war er beladen mit Tüten und hatte doch etwas vergessen, was ihn über alle Maßen verstimmte. Sie bot an, schnell zum nahen Supermarkt zu gehen, zumindest mitzukommen, aber Arvid wollte davon nichts wissen. Es sei an ihm, das zu übernehmen, keine halben Sachen. Sie solle es sich gemütlich machen, keinen Finger krümmen.
»Das kann ich manchmal gut«, lächelte sie und legte sich mit einem Buch aufs Sofa. Sie hatte alle Fenster offen, obwohl es draußen kühler war als sonst im Juli, doch sie mochte es, die Luft zu spüren, und wickelte sich in eine Decke. Trotzdem begann sie in ihrem Sommerkleid zu frösteln und zog sich etwas Wärmeres an. Beim Lesen verlor sie eine Zeile nach der anderen, weil sie unkonzentriert war, und klappte das Buch zu. Unschlüssig lief sie in der Wohnung hin und her, wischte im Vorbeigehen etwas Staub vom Regal, eine gerade Linie mit dem Finger, lehnte sich irgendwann aus dem offenen Fenster und sah auf die Straße hinunter. Über das Kopfsteinpflaster unten schepperte ein Fahrrad, vom breiten Bürgersteig drangen helle Kinderstimmen. Offenbar hatte ein Junge eine wichtige Entdeckung gemacht und befahl den anderen zu gucken, und zwar sofort.
Eine schwache Mondsichel zeichnete sich als Kratzer im hellen Abendhimmel ab, als wagte sie keine Einmischung in die langen Tage des Sommers. Arvid war schon eine ganze Weile weg.
Als er endlich klingelte, öffnete sie ihm: »Ich habe ein Déjà-vu. Genau diese Situation habe ich schon erlebt.«
»Ich auch.« Euphorisch befand er über die Seltenheit solcher Simultan-Déjà-vus, wie er sie nannte, dass sie selten seien, regelrechte Wunder.
»Du weißt, dass eine Hypothese besagt, dass verdrängte Fantasien die Ursache von Déjà-vus sind?«, fragte sie ihn.
»Was du alles weißt. Dann ist mein Besuch bei dir unsere gemeinsame verdrängte Fantasie?«
Während sie nickte, fiel ihm auf, dass sie sich umgezogen hatte und wollte wissen: »Wenn ich das nächste Mal wiederkomme, hast du dann Wintersachen an?«, in Anspielung auf ihre Jeans und Strickjacke.
»Wenn du wieder so lange brauchst, stehe ich möglicherweise im Skianzug vor dir, und die Bäume sind so kahl wie Rohbeton, arbres bruts, Brutalismus auch in der Natur«, zog sie ihn auf, doch Arvid dachte, es sei ihr ernst. Er entschuldigte sich, dass es voller gewesen sei als vermutet und er nach dem Bezahlen noch etwas vergessen habe. Gestikulierend stand er im Flur, es hatte etwas Hilfloses.
Sofie fing seine Hände ein und küsste ihn: »Magst du nicht erstmal meine Wohnung sehen?«
Er folgte ihr in das geräumige Wohnzimmer mit dem kleinen Balkon, den er neidisch kommentierte. Seine Blicke blieben hängen an ihrer Einrichtung, die viel Raum ließ, aber nicht kalt wirkte.
»Dixon also«, und er zeigte auf ihre kupferne Deckenlampe. Er mochte die auf Hartpappe kaschierte Fotografie einer Wüstenlandschaft, die Stille, die Leere darin, vor allem – das Licht –, und wollte wissen, warum sie kein Grafikdesign studiert habe mit diesem Gespür für Dinge.
»Weil mir Worte noch wichtiger waren als Bilder«, antwortete sie, »aber daran gedacht habe ich tatsächlich.«
Im Schlafzimmer stand das Bett direkt unter dem Fenster.
»Falls die Luft im Schlaf knapp wird«, erklärte sie. »Ich kann nicht in Ecken liegen.«
»Ich habe nichts gesagt. Ein schöner Ort für ein Bett, meins steht auch mitten im Zimmer.«
Arvid durchquerte den Raum und sah hinaus, auf eine niedrige Turnhalle, die gegenüberlag. Die Fenster verschwanden in dieser Höhe unter den Vorsprüngen des Betondachs, das wie eine Pergola die Sicht verbarg.
»Hier kann dir ja keiner reingucken«, fiel Arvid auf.
»Mit ein Grund, warum ich sofort wusste, dass ich diese Wohnung will.«
»Mein Schlafzimmer geht zum Hinterhof hinaus. Ich habe meistens die Vorhänge zu. Auch in den anderen Zimmern musste ich die blickdichten Ecken erst entdecken. Es hilft, wenn man sich duckt«, grinste er.
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