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Ernest Henry Shackleton

SÜDWÄRTS

Die Endurance–Expedition

Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Axel Monte

Eingeleitet von Cornelia Lüdecke



Sir Ernest Henry Shackleton

INHALT

EINLEITUNG von Cornelia Lüdecke

VORWORT von Ernest Henry Shackleton

KAPITEL 1 Ins Weddellmeer

KAPITEL 2 Neuland

KAPITEL 3 Wintermonate

KAPITEL 4 Der Verlust der Endurance

KAPITEL 5 Ocean Camp

KAPITEL 6 Ein kurzer, beschwerlicher Marsch

KAPITEL 7 Patience Camp

KAPITEL 8 Flucht vom Eis

KAPITEL 9 Die Fahrt mit der James Caird

KAPITEL 10 Quer durch Südgeorgien

KAPITEL 11 Die Rettung

KAPITEL 12 Elephant Island

KAPITEL 13 Die Rossmeergruppe

KAPITEL 14 Überwinterung im McMurdo-Sund

KAPITEL 15 Die Depots werden angelegt

KAPITEL 16 Die Drift der Aurora

KAPITEL 17 Die letzte Rettungsfahrt

KAPITEL 18 Nachspiel

Literaturverzeichnis

Register

EINLEITUNG

»Zu Ehren von Ernest Shackleton erhebe ich mein Glas. Mögen seine Taten unvergessen bleiben und seine Willensstärke uns ein Vorbild sein.« Der Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes leert ein Schnapsglas über Shackletons Grab auf dem Friedhof von Grytviken auf Südgeorgien aus, dann kreist die Flasche mit Rum unter den umstehenden Passagieren. Jahr für Jahr reisen zahlungskräftige Touristen zur Antarktischen Halbinsel, um fassungslos einen Blick auf Elephant Island zu werfen, eine kleine felsige Insel im Norden der South Shetland Islands. Hier brach Shackleton mit fünf Männern in einem kleinen Rettungsboot auf, um für seine gestrandeten Kameraden von der nächstgelegenen bewohnten Walfangstation auf Südgeorgien Hilfe zu holen. Dafür musste er eine Entfernung von rund 1500 km über die stürmischste Region des Südatlantiks zurücklegen. Eine Großtat, die man sich heute gar nicht mehr recht vorstellen kann, aber Shackleton hatte es tatsächlich mit letzter Kraft geschafft. Dafür ist er heute unvergessen, und deshalb stellen sowohl Elephant Island als auch der Friedhof von Grytviken besondere Anziehungspunkte für Kreuzfahrten dar, welche die großartige Natur der Antarktis mit den Abenteuern aus der heroischen Ära der Polarforschung verbinden. Wer war Ernest Shackleton und wie kam es, dass er nach der Veröffentlichung von Caroline Alexanders Buch über seine legendäre Antarktisexpedition und der von ihr 1999 kuratierten Ausstellung »Endurance: Shackleton’s Legendary Expedition« im American Museum of Natural History in New York heute ein größeres Ansehen hat als der Brite Robert Falcon Scott, der als Verlierer auf dem Rückweg vom Südpol zusammen mit vier Kameraden heldenhaft starb?

Ernest Shackleton wurde am 15. Februar 1874 in Kilkea (County Kildare, Irland) als zweites Kind in die Familie eines Grundbesitzers geboren. Er hatte acht Schwestern und einen um zwei Jahre jüngeren Bruder. Als in Irland die Erträge aus den Kartoffelernten massiv zurückgingen, beschloss sein Vater gemäß dem Familienspruch »Fortitudine Vincimus« (»Durch Ausdauer zum Sieg«) einen Neuanfang zu machen. So zog er mit der Familie erst nach Dublin, um Medizin zu studieren, und ließ sich dann später in Sydenham, einem Vorort südöstlich von London, nieder. Anstatt dem Wunsch seines Vaters zu folgen, auch ein Medizinstudium zu ergreifen, wollte Ernest viel lieber die Welt sehen und Kapitän werden. Deshalb verließ er im Alter von 16 Jahren das renommierte Dulwich College in London, um in der Handelsmarine seine Ausbildung zu beginnen. Nach acht Jahren erhielt er 1898 das Kapitänspatent, aber die Handelsschifffahrt war trotz der Fernreisen längst nicht so attraktiv, wie gedacht. Shackleton begann nun, sich für Entdeckungsreisen zu interessieren, die wesentlich interessanter und lukrativer erschienen. Auf sein Betreiben hin wurde er 1899 in die Royal Geographical Society aufgenommen, deren Präsident Clements Markham gerade dabei war, eine Südpolarexpedition vorzubereiten. Durch Beziehungen gelang es Shackleton tatsächlich, zwei Tage nach seinem 27. Geburtstag als dritter Offizier auf dem Expeditionsschiff »Discovery« anzuheuern, die unter der Leitung des Marineoffiziers Robert Falcon Scott zur Antarktis segeln sollte.

INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT IN DER ANTARKTIS (1901–1903)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Natur der Antarktis noch völlig unbekannt. Handelte es sich um einen mit Eis bedeckten Kontinent oder wie die Arktis um ein Eismeer, das von Inseln umgeben war? 1895 hatten sich die Geographen zum VI. Internationalen Geographenkongress in London versammelt und beschlossen, bis zur Jahrhundertwende den letzten weißen Fleck auf der Erde zu erforschen. Die belgische Expedition (1897–1899) unter der Leitung von Adrien de Gerlache war die erste, die diesem Aufruf folgte. An Bord der »Belgica« erkundete Gerlache die Inseln westlich der Antarktischen Halbinsel, wo er schließlich bei Peter I. Island ungeplant für zwölf Monate vom Eis eingeschlossen die erste Überwinterung südlich des Polarkreises durchführte. Die nächste von Carsten Borchgrevink in England privat ausgerüstete Expedition überwinterte 1899 auf Cape Adare in Victoria Land erstmals an Land. Beide Expeditionen brachten zwar äußerst interessante Ergebnisse von der Überwinterung nach Hause, konnten aber keineswegs die Millenniumsaufgabe der Geographen lösen. Nachdem abzusehen war, dass unabhängig voneinander agierende Expeditionen wenig Erfolg versprechend waren, wurde 1899 auf dem VII. Internationalen Geographenkongress in Berlin eine internationale meteorologische und magnetische Kooperation für die Jahre 1901 bis 1903 beschlossen. Vorbild war das Internationale Polarjahr, in dem von August 1882 bis August 1883 insgesamt an zwölf temporär eingerichteten Stationen rund um die Arktis meteorologische und magnetische Messungen durchgeführt wurden. Diesem Vorbild folgend beteiligten sich trotz aller damals bestehenden politischen Rivalität die britische Expedition auf der »Discovery« (1901–1904) unter der Leitung von Scott zum Rossmeer und die deutsche Südpolarexpedition (1901–1903) unter der Leitung von Erich von Drygalski, die im Südindischen Ozean am Südpolarkreis bei 90° O auf der »Gauß« ein Jahr lang ortsfest eingefroren wurde. Der schwedischen Expedition, die unter der Leitung von Otto Nordenskjöld auf der »Antarctic« (1901–1903) zur Antarktischen Halbinsel führte, erging es hingegen nicht so gut. Eigentlich hätte sie Nordenskjöld und fünf Kameraden, die 1902 planmäßig auf Snow Hill Island überwintert hatten, abholen sollen, konnte aber wegen der schlechten Eislage nicht dorthin gelangen. Stattdessen wurden drei Männer ausgesetzt, die über Land und Eis zu ihnen vordringen sollten. Die Wetterbedingungen zwangen sie aber, mit minimaler Ausrüstung in Hope Bay an der Spitze der Antarktischen Halbinsel zu überwintern. Als dann die »Antarctic« 1903 erneut nach Snow Hill Island unterwegs war, wurde sie vom Eis eingeschlossen, zerdrückt und ging unter. Die zwanzigköpfige Mannschaft musste sich nun ihrerseits auf die nächstgelegene Paulet Island retten.

An der internationalen Kooperation beteiligte sich außerdem noch die schottische Expedition auf der »Scotia« (1902–1904) unter der Leitung von William Speirs Bruce, die ins östliche Weddellmeer ging. Bevor Bruce in die Heimat zurückkehrte, übergab er seine meteorologische Station auf Laurie Island, einer der South Orkney Islands, dem argentinischen Wetterdienst und begründete damit die älteste kontinuierlich arbeitende Wetterstation in der Subantarktis. Schließlich folgte noch eine französische Expedition auf der »Français« (1903–1905) unter der Leitung von Jean-Baptiste Charcot zur Antarktischen Halbinsel, die ursprünglich der schwedischen Expedition zur Hilfe kommen wollte.

Diese fünf Expeditionen waren für manche Wissenschaftler und Offiziere Sprungbretter für eine große Karriere. Auch auf ihre erfahrenen Seeleute wurde immer wieder gerne zurückgegriffen. Zum Beispiel gründete Nordenskjölds Kapitän Carl Anton Larsen die erste Walfangstation auf Südgeorgien, während Roald Amundsen auf der »Belgica« quasi in die Lehre ging, bevor er seine erste eigene Expedition (1903–1906) durch die Nordwestpassage führte. Und Shackleton sammelte auf Scotts erster Expedition Erfahrungen in der Antarktis, als ihn Scott beauftragte, zusammen mit dem Arzt Edward Wilson und dem Geologen Hartley Ferrar von der Station am Fuß des Vulkans Mt. Erebus auf Ross Island eine Route über das Rossschelfeis in Richtung Südpol zu finden. Danach begleitete er Scott und Wilson auf der ersten Schlittenreise nach Süden, wo sie am 30. Dezember bei 82° 17' S den südlichsten Punkt erreichten. Auf ihrer viermonatigen Tour machte sich unangenehm bemerkbar, dass keiner von ihnen mit Hundeschlitten umgehen konnte. Zudem hatten sie teilweise verdorbenen Trockenfisch als einziges Hundefutter dabei, das aber nicht alle Zugtiere vertrugen, sondern davon erkrankten und starben. Am Ende kehrte keiner der 22 Hunde zum Ausgangspunkt zurück. Auch die Männer hatten große Probleme, denn sie litten vorübergehend unter Schneeblindheit, bekamen unangenehme Erfrierungen und Skorbut. Shackleton war von dieser Vitamin-C-Mangelkrankheit besonders betroffen. Zudem hustete er stark, war kurzatmig und konnte am Schluss den Schlitten nicht mehr ziehen. Auch gab es unterwegs starke Differenzen zwischen ihm und Scott, deren Ursache wohl in seiner Beliebtheit bei allen Expeditionsteilnehmern lag, die Scott als Expeditionsleiter mit seiner weniger einnehmenden Persönlichkeit nie erreichen konnte. Dies hatte zur Folge, dass Scott seinen Konkurrenten Anfang März 1903 angeblich wegen gesundheitlicher Probleme mit dem Versorgungsschiff »Morning« nach England zurückschickte, während andere an Skorbut erkrankte Kameraden bleiben durften.

Noch war die Phase der internationalen Zusammenarbeit in der Antarktis nicht abgeschlossen, denn Ende Juni half Shackleton Julián Irízar, der damals argentinischer Marine Attaché in London war, eine Rettungsaktion für die auf der Antarktischen Halbinsel gestrandete schwedische Expedition vorzubereiten. Unter anderem riet er Irízar, auf Paulet Island ein Depot für schiffbrüchige Seeleute einzurichten. Am Ende konnte Irízar an Bord des Marineschiffs »Uruguay« alle schwedischen Expeditionsmitglieder retten und in einem Triumphzug nach Buenos Aires bringen. Die argentinische Rettungsaktion wurde später ein wichtiger Mosaikstein in der Begründung des argentinischen Besitzanspruches an der Antarktischen Halbinsel. Heute ist die »Uruguay« ein nationales historisches Monument und kann im Museumshafen von Buenos Aires »Puerto Madero« besichtigt werden.

SHACKLETONS BRITISH ANTARCTIC EXPEDITION (1907–1909)

Nach seiner Rückkehr nahm Shackleton verschiedene Jobs an und verzettelte sich in dubiosen Geschäften, die ihm finanziell eher schadeten als halfen. 1904 heiratete er als Dreißigjähriger schließlich Emily Dorman, die er seit sieben Jahren kannte. Sie gebar ihm in den nächsten Jahren die beiden Söhne Raymond (geb. 1905) und Edward (geb. 1911), sowie die Tochter Cecily (geb. 1906). Shackleton war jedoch kein Familienvater, den es lange daheim hielt. 1907 veröffentlichte er im Geographical Journal den Plan einer eigenen privat organisierten »British Antarctic Expedition (1909)«, mit der er aller Welt zeigen wollte, dass er mehr leisten könne als Scott.

Eine Gruppe von neun oder zwölf Männern sollte mit genügend Ausrüstung von Neuseeland aus über das Rossmeer an Land gebracht werden und in Scotts »Discovery«-Hütte überwintern. Im Frühjahr sollten drei Gruppen aufbrechen, um einerseits im Westen das King Edward VII Land zu erforschen und andererseits über die schon bekannte Route über das Rossschelfeis weiter nach Süden vorzudringen. Die dritte Gruppe sollte in Victoria Land den Magnetpol der Südhalbkugel erreichen. Für die Schlittenreisen sah Shackleton mandschurische Ponys und speziell entwickelte Motorschlitten vor. Die Finanzierung der Expedition war allerdings äußerst schwierig, denn die britische Regierung wollte seine Pläne nicht unterstützen, und auch die Royal Geographical Society war sehr zurückhaltend. Schließlich fand sich der Großindustrielle William Beardmore bereit, die Expedition tatkräftig zu unterstützen.

Shackleton wollte gerne, dass ihn Wilson, mit dem er sich auf der »Discovery«-Expedition angefreundet hatte, als Arzt begleitete. Falls er selbst für die Reise zum Südpol nicht fit genug wäre, gäbe es keinen Besseren als ihn, die Expedition fortzuführen, umgarnte er Wilson. Dies war ein erstaunliches Zugeständnis für einen Mann, der seine gesundheitlichen Schwächen bis zuletzt nie zugab. Er hoffte nämlich insgeheim auf Wilsons ärztliche Hilfe, falls ihn wieder Asthma und seine Herzprobleme plagten. Aber Wilson lehnte seine Zusage ab, weil er eher Scotts neuen Plänen zugetan war. Scott seinerseits war erbost über Shackletons ungehöriges Ansinnen und rang seinem Rivalen mit Wilsons Hilfe noch 1907 das Versprechen ab, seine Discovery Hütte am McMurdo Sound keinesfalls zu benutzen und auch nicht die Demarkationslinie bei 170° O zu überschreiten, um in »sein« Gebiet am Rand des Rossschelfeises einzudringen.

Nachdem Shackletons Expedition auf der »Nimrod« im Januar 1908 auf der Suche nach einem Platz zum Anlanden die große Eisbarriere vergeblich in Richtung King Edward VII Land abgesucht und außer der von Schelfeis umgebenen Bay of Whales nichts entdeckt hatte, musste er doch wortbrüchig werden und seine Station auf der Ross Island in Nähe der »Discovery« Hütte aufbauen und von dort aus seine Unternehmungen starten.

Shackletons Expedition war sehr erfolgreich, denn die eine Gruppe mit dem australischen Geologen Douglas Mawson gelangte in Victoria Land erstmals in die Nähe des Magnetpols der Südhemisphäre, dessen Lage sich nach der ersten Peilung von James Clark Ross im Jahr 1841 nach Norden verschoben hatte. Eine zweite Gruppe führte die Erstbesteigung des Mt. Erebus (3794 m) durch. Shackleton selbst hatte einen Weg über den nach seinem Sponsor benannten Beardmore-Gletscher auf das Eisplateau im Innern des antarktischen Kontinents entdeckt und sich mit drei Kameraden dem geographischen Südpol bis auf 180 km genähert. Wegen Erschöpfung und Nahrungsmangel mussten sie aber den weiteren Vorstoß nach Süden abbrechen, denn sie hatten ihre Schlitten am Schluss selber ziehen müssen, weil unterwegs alle Ponys gestorben waren. So gelang es ihnen zumindest mit allerletzter Kraft, völlig erschöpft zu ihrer Überwinterungsstation zurückzukehren. Auf alle Fälle hatte Shackleton Scott geschlagen und am 6. Januar 1909 bis 88° 23' S erreicht. Für diese Leistung wurde er im Juli 1909 als Commander in den Royal Victorian Order (CVO) aufgenommen und vier Monate später von König Edward VII. zum Ritter geschlagen.


Shackletons Reiserouten zur See und auf Land während der »Nimrod«-Expedition (1908–1909) (Quelle: Kollbach 1911, S. 27)


Shackletons Aufbruch nach Süden am 29. Oktober 1908 (Quelle: Kollbach 1911, S. 23)


Shackleton (rechts) mit Frank Wild (Mitte) und Jameson Boyd Adams (links) haben am 9. Januar 1909 den südlichsten Punkt bei 88° 23' S erreicht (Quelle: Kollbach 1911, S. 29)

Nach Shackletons Rückkehr erwartete jeder, dass er umgehend ein Buch über seine Expedition veröffentlichte. Der Londoner Verlag von William Heinemann wartete schon dringend auf sein Manuskript, für das schon neun simultane Übersetzungen in andere Sprachen geplant waren. Obwohl ein finanzieller Erfolg lockte, wollte Shackleton lieber unter Menschen sein, als sich am Schreibtisch aufzuhalten. Seiner Meinung nach könne er besser Reden halten als schreiben. Um den Abgabetermin dennoch einhalten zu können, hatte er schon in Neuseeland einen Reporter der Lyttelton Times namens Edward Saunders engagiert, der ihn nun auf allen Vortragereisen begleitete, um jede freie Zeit für das Diktat des Buches zu nutzen. Beide verstanden sich glänzend, sodass Saunders seine Arbeit als Ghostwriter von »The Heart of the Antarctic« bravourös vollbrachte, denn es wurde nach seinem Erscheinen im Jahr 1909 schnell als das beste Buch über eine Polarexpedition bezeichnet.

SHACKLETONS IMPERIAL TRANS-ANTARCTIC EXPEDITION (1914–1917)

Nachdem Shackleton den Weg auf das Südpolarplateau gefunden hatte, war es nur eine Frage der Zeit, dass Scott ihn zur Vollendung seines Planes, als Erster den Südpol zu erreichen, nutzen würde. Aber er würde nicht allein bleiben, denn der bayerische Offizier Wilhelm Filchner stellte Anfang März 1910 auf einer Sitzung der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin seinen Plan einer neuen deutschen Antarktisexpedition vor. Er wollte herausfinden, in welchem Zusammenhang die Westantarktis mit der wesentlich größeren Ostantarktis stand, die durch die tiefen Einschnitte des Weddellmeeres und des Rossmeeres voneinander getrennt wurden. Drei Theorien konkurrierten miteinander: Nordenskjöld vertrat die Meinung, dass beide Meere durch einen mit Eis bedeckten Meeresarm verbunden waren. Der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen glaubte hingegen immer noch, dass die Antarktis aus einer Ansammlung von Inseln am Südpolarkreis bestand und damit einem Atoll glich. In diesem Fall würde die Südpolarregion jenseits des Polarkreises wie die Arktis aus einem gefrorenen Ozean bestehen. Shackleton war jedoch mit Bruce der Ansicht, dass es sich bei der Antarktis um einen einzigen Kontinent handelte. Schon 1908 hatte Bruce begonnen, zur Lösung der Frage eine Durchquerung der Antarktis vorzubereiten. Filchner wusste offenbar nichts davon, als er mit seinem Plan hervortrat, vom Weddellmeer über den Südpol zum Rossmeer vorzudringen. Dabei hoffte er auf die Hilfe von Scotts Expedition, die ihm auf der Rossmeerseite Depots legen sollte. Schnell stellte sich heraus, dass Scott an einer solchen Kooperation keinerlei Interesse hatte. Nachdem Bruce seine Expedition nicht realisieren konnte und Shackleton erst seine finanziellen Verbindlichkeiten aus der »Nimrod«-Expedition klären musste, stand Scotts vorgegebenem Ziel nichts mehr im Wege, als Filchner im Sommer 1910 erst noch zu einer Übungsexpedition nach Spitzbergen aufbrach. Bekanntlich kam Amundsen Scott zuvor und setzte am 14. Dezember 1911 die norwegische Flagge auf den Südpol, während Scott, der Verlierer des Wettrennens, auf dem Rückweg mit seinen vier Kameraden kurz vor dem rettenden Depot umkam. Überraschenderweise tauchte am Winterquartier der Norweger in der von Shackleton entdeckten Bay of Whales eine japanische Expedition an Bord der »Kainan-Maru« auf, die unter der Leitung von Nobu Shirase das Schelfeis und King Edward VII Land erforschte. Filchner hatte inzwischen seinen unrealistischen Plan einer Durchquerung des Kontinents aufgegeben und wollte nur noch die Region im südlichen Weddellmeer erkunden. Nachdem er dort im Südosten auf eine Eisbarriere – das nach ihm benannte Filchnereisschelf – gestoßen war und die Errichtung einer Überwinterungsstation in der dort entdeckten Vahselbucht fehlschlug, wurde sein Expeditionsschiff »Deutschland« vom Eis eingeschlossen. Glücklicherweise kam das Expeditionsschiff nach einer neunmonatigen Drift im sogenannten Weddellwirbel 1912 wieder unbeschädigt heraus. Im Januar desselben Jahres erreichte Shackletons ehemaliger Expeditionskamerad Mawson auf der »Aurora« die Küste von Adelie Land östlich des Rossmeeres, gelangte bis zum Magnetpol der Südhemisphäre und erforschte das von ihm entdeckte Georg V Land.

Nachdem der Südpol nun kein Ziel mehr darstellte, wandte sich Shackleton der Planung einer »Imperial Trans-Antarctic Expedition« zu, für die Bruce das Vorbild gegeben und Filchners Expedition wichtige Informationen geliefert hatte. Mit der sogenannten Weddellmeergruppe wollte Shackleton im Südsommer 1914/1915 in der Vahselbucht an Land gehen, dort überwintern und dann zum Südpol vordringen. Für die in Neuseeland aufbrechende unabhängig von ihm agierende Rossmeergruppe kaufte er Mawsons »Aurora«. Diese Gruppe sollte auf Ross Island überwintern und mit Hunde- und Motorschlitten über das Schelfeis hinweg nach Süden in Richtung Beardmore-Gletscher für seine Durchquerung Lebensmitteldepots anlegen.

Als die finanziellen Probleme bei der Ausrüstung der Expedition immer noch nicht geklärt waren, spendete glücklicherweise der schottische Philanthrop Sir James Caird £ 24 000 für die Expedition in der Hoffnung, dass es ihm andere nachmachten. Tatsächlich bekam Shackleton genügend Geld zusammen, um seine Vorbereitungen voranzutreiben. Um Expeditionsteilnehmer zu finden, verschwieg seine Stellenausschreibung keine der möglichen Schwierigkeiten, aber dass sie auch wirklich eintreten würden, ahnte damals niemand.

»Men wanted for Hazardous Journey. Small wages, bitter cold, long months of complete darkness, constant danger, safe return doubtful. Honour and recognition in case of return.« (Huntford 1985, S. 365)

»Männer für riskante Reise gesucht. Kleines Gehalt, bittere Kälte, lange Monate in kompletter Dunkelheit, ständige Gefahr, sichere Rückkehr ungewiss. Ehre und Anerkennung im Falle der Rückkehr.«

Bei der Auswahl der Expeditionsteilnehmer aus 5000 Bewerbungen verfuhr Shackleton völlig unkonventionell, indem er ganz spontan seinem Bauchgefühl folgte, denn angeblich dauerten die Vorstellungsgespräche nie länger als fünf Minuten. Am 1. August 1914 konnte die »Endurance« Segel setzen. Als Shackleton unterwegs von der allgemeinen Mobilmachung nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfuhr, stellte er nach Zustimmung der Mannschaft das Schiff samt Besatzung für militärische Einsätze zur Verfügung. Die Admiralität in London befahl jedoch, die Expedition fortzusetzen.

Über Südgeorgien nahm die »Endurance« Kurs auf die Vahselbucht, wurde aber angesichts des von Filchner entdeckten Prinz-Regent-Luitpold-Landes im Südwinter 1915 vom Eis eingeschlossen. Leider war ihr nicht ein so glückliches Schicksal beschieden, wie Filchners »Deutschland«, sondern ein ähnliches wie der schwedischen »Antarctic«. Für Shackletons Expedition begann eine mehrmonatige Drift, die sie erst an Bord der »Endurance«, dann nach ihrem Untergang in mehreren Camps auf Eisschollen verbrachten. Als auch die letzte Scholle zu unsicher wurde, versuchten sie schließlich, Paulet Island zu erreichen, um – einer Ironie des Schicksals folgend – das zwölf Jahre zuvor von Shackleton angeregte Lebensmitteldepot zu nutzen. Leider wurden sie durch die Drift zu weit abgetrieben, sodass die Gruppe letztendlich auf Elephant Island, der nördlichsten der South Shetland Islands landete.

Von dort aus holte der »Boss« mit fünf Kameraden auf dem einigermaßen hochseetüchtig gemachten Rettungsboot »James Caird« von der rund 1500 km entfernten Walfangstation Stromness auf Südgeorgien Hilfe. Aber erst im vierten Anlauf gelang es Shackleton, auf dem kleinen, von der chilenischen Regierung bereitwillig zur Verfügung gestellten Dampfer »Yelcho« die gesamte Weddellmeergruppe am 30. August 1916 abzuholen. Der stellvertretende Expeditionsleiter Frank Wild hatte es über viereinhalb Monate hinweg geschafft, bei seinen Kameraden die Hoffnung auf ihre Erlösung wachzuhalten. Zuletzt hatten sie nur noch Nahrung für maximal vier Tage. Auf dem Rückweg zur chilenischen Hafenstadt Punta Arenas an der Magellanstraße ließ Shackleton unterwegs in Río Seco anhalten, um den Gouverneur über die Rettung aller Expeditionsmitglieder zu informieren. Das hatte natürlich beabsichtigterweise zur Folge, dass bei ihrer Ankunft in Punta Arenas am 3. September 1916 die gesamte Bevölkerung auf den Beinen war, um ihnen einen unvergesslichen Empfang zu bereiten. Luis Pardo Villalón, Kapitän der »Yelcho«, wurde als »Piloto Pardo« zum Nationalhelden und 1966 mit einer Briefmarke geehrt. Außerdem wurde ihm zu Ehren von der chilenischen Antarktisexpedition 1987/88 auf Elephant Island seine Büste errichtet, die in dieser einsamen Gegend wie ein Grenzpfahl wirkt.

Das Lager der gestrandeten »Endurance«-Mannschaft lag rechts von der vorgelagerten Felsgruppe auf Elephant Island. (Foto: C. Lüdecke)

Ende der 1930er-Jahre wurde diese Rettungsaktion für Chile ein wichtiges geopolitisches Argument, als sich nun auf der Antarktischen Halbinsel argentinische, britische und chilenische Besitzansprüche überlagerten. Bis heute ist das sogenannte »ABC-Problem« ungelöst, aber im Rahmen des geltenden Antarktisvertrags sozusagen auf Eis gelegt.

Über das Schicksal der Rossmeergruppe war bei Shackletons Rettung nur bekannt, dass sich die »Aurora« während eines starken Blizzards, kurz nachdem die Rossmeergruppe zur Einrichtung der Überwinterungsstation an Land gegangen war, von ihrer Verankerung im Rossmeer losgerissen hatte. Dann driftete sie zehn Monate im Packeis langsam nach Norden und kam erst am 14. März 1916 wieder frei. Wegen der beschädigten Ruderanlage musste die »Aurora« zur Reparatur nach Neuseeland zurückkehren. Alle hofften, dass sich die zehn an Land verbliebenen Expeditionsmitglieder für die Überwinterung im Jahr 1915 notdürftig einrichten konnten. Allerdings hatte man es bei der Landung verabsäumt, neben den Kisten für die Lebensmitteldepots, die Shackleton die Reise vom Pol zum Rossmeer gewährleisten sollten, auch Vorräte für die Landgruppe auszuladen. Die »Aurora« lag einfach zu nah am Ufer, als dass man an solche Vorsichtsmaßnahmen gedacht hätte. Außerdem fehlten aus diesem Grund weitere Ausrüstungsgegenstände und Ersatzkleidung. Dennoch bemühte sich die Gruppe, Shackletons Auftrag zu erfüllen und legte zwischen 80° S und 83° S vier Depots an, die sie nicht einmal anrührten, obwohl sie selbst kaum noch etwas zu essen hatten. Erschwerend kam für sie hinzu, dass in dieser Region so schlechtes Wetter herrschte, wie es dort frühere Expeditionen nie erlebt hatten.

Die Rettung der Rossmeergruppe mit der wieder instand gesetzten »Aurora« war nun Shackletons oberstes Ziel. Von australischer Seite wurde ihm jedoch zu verstehen gegeben, dass seine Anwesenheit nicht vonnöten sei. Dies bedeutete insbesondere, dass er an Bord der »Aurora« nicht erwünscht war. Der Hintergrund war, dass Shackleton nach seiner Rettung wie jedes Mal nach einer Expedition große Schulden angehäuft hatte und man in Australien mit seinem undurchsichtigen Geschäftsgebaren nichts zu tun haben wollte. Auch trug es ihm sein australischer Expeditionskamerad von der »Nimrod«, der Geologe Edgeworth Davis, zu allem Überfluss nach, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Expedition immer noch nicht veröffentlicht worden waren. So hatte sich der Expeditionsleiter selbst unwissentlich ins Aus manövriert. Als er schließlich doch nach Neuseeland reiste, um die »Aurora« für seine Leitung der Abholexpedition zu beanspruchen, traf er auch mit Davis zusammen. Dieser beschrieb seinen alten Expeditionsleiter als »gealtert, bitter, voller Ressentiments und voller Selbstmitleid«, der dem »Iren mit großer Überzeugungskraft, dem sich keiner entziehen konnte« in keinster Weise mehr glich (Huntford 1985, S. 631f). Dass die Welt zu Zeiten des Ersten Weltkriegs – als von deutschen Zeppelinen Bomben auf London und Südengland fielen und im Frühjahr 1916 die britische Flotte in der Seeschlacht bei Skagerrak der deutschen Flotte unterlegen war – andere Sorgen hatte als die Rettung von ein paar gestrandeten Männern in der Antarktis, war dem besorgten Expeditionsleiter nicht bewusst. Nachdem die Rossmeergruppe offenbar ohne ausreichende Finanzen ausgestattet war, hatten die britische, australische und neuseeländische Regierungen letztlich beschlossen, die Rettung auf ihre Kosten durchzuführen. Die australische Regierung wollte eigentlich schon die erste Ausfahrt der »Aurora« im Jahr 1915 nicht unterstützen, als sie für Shackletons Depotlegung aufbrach. Eine Untersuchung hatte nämlich aufgedeckt, dass die dortigen Vorbereitungen für die zweite Expeditionsgruppe unter »krimineller Inkompetenz und schludriger Organisation« litten (Huntford 1985, S. 633). Um jedoch Shackletons Durchquerung des Kontinents nicht zu gefährden, half die australische Regierung damals mit dem Nötigsten aus. Schließlich durfte Shackleton 1916 als zusätzlicher Offizier die Rettungsexpedition nach Süden begleiten. Er fühlte sich noch immer verantwortlich für seine Expeditionskameraden und wollte sie persönlich abholen. Noch war es ungewiss, ob alle die beiden Winter 1915 und 1916 überlebt hatten. Am Ende stellte sich heraus, dass während der bis zu 90 Tage dauernden Schlittenreisen für die Depotlegungen alle Beteiligten wegen des Mangels an geeigneten Lebensmitteln Skorbut bekommen hatten und einer der Männer tragischerweise kurz vor der Rückkehr zu ihrer Station auf Cape Evans daran gestorben war. Zwei weitere Männer hatten leichtsinnigerweise bei einem aufkommenden Schneesturm das noch viel zu dünne Meereis auf dem McMurdo Sound zwischen Hut Point, wo sie schon fast zwei Monate festgehalten wurden, und Cape Evans überqueren wollen und waren seitdem verschollen. Trotz der Verluste wurde Shackleton bei der Rückkehr mit den überlebenden Kameraden der Rossmeergruppe in Wellington von der Öffentlichkeit als Held gefeiert.

Frank Hurleys Filmaufnahmen der äußerst dramatischen Expedition kamen nach dem Ersten Weltkrieg als Stummfilm »South. Sir Ernest Shackleton’s Glorious Epic of the Antarctic« mit der Musikbegleitung von Neil Brand in die Kinos. Shackletons Expeditionsbericht »South« erschien 1919. Schon Anfang 1917 hatte er in Neuseeland und Australien in bewährter Manier dem Ghostwriter Saunders sein Buch diktiert, sich dann aber nicht mehr weiter darum gekümmert. Dieser Umstand erklärt nicht nur den uneinheitlichen Schreibstil, die Wiederholungen im Text und die vielen ergänzenden Zitate aus den Tagebüchern anderer Expeditionsteilnehmer, sondern auch die manchmal unterbrochene Chronologie der Ereignisse. So kam es auch, dass trotz der befohlenen Beschränkung der persönlichen Dinge auf ein Gewicht von zwei Kilo die von Shackleton veranlasste Mitnahme des Banjos unerwähnt blieb, obwohl die Musik sehr zum Wohlbefinden der gestrandeten Gruppe beitrug. Leonard Hussey, Meteorologe der Weddellmeergruppe, kümmerte sich schließlich um die Herausgabe des Buches. Shackletons Expeditionsbericht »South« wurde 2013 für die Edition Erdmann von Axel Monte erstmals vollständig übersetzt und mit Anmerkungen versehen.

SHACKLETON-ROWETT ANTARCTIC EXPEDITION (1921–1922)

Nachdem von 56 Mitgliedern beider Expeditionsgruppen insgesamt 53 »den weißen Krieg des Südens« überlebt hatten, meldeten sich die meisten für den Kriegseinsatz. Auch Shackleton wollte nicht zurückstehen. Weil er jedoch für den Waffeneinsatz schon zu alt war, wurde er nach Argentinien geschickt, wo er in Buenos Aires die Aufgabe hatte, britische Propaganda zu verbreiten. Nach fünf Monaten wurde er aus dem Süden abgezogen und als Offizier verantwortlich für Winterausrüstung und deren Transport zusammen mit seinen ehemaligen Kameraden von der »Endurance« Hussey, Alexander Macklin (Arzt) und Frank Worsley (Kapitän), sowie John Stenhouse (Erster Officer der »Aurora«) zu einem Expeditionskorps nach Murmansk in Russland geschickt.

Nach Kriegsende versuchte Shackleton, wie schon so oft erfolglos, durch verschiedene Geschäfte zu Geld zu kommen. Noch bevor er die Schulden der letzten Expedition beglichen hatte, zog es ihn noch ein letztes Mal in die Polarregion. Diesmal wollte er in der kanadischen Beaufort Sea nach neuen Ländern auf die Suche gehen. Der Kanadier Vilhjalmur Stefansson hatte dort von 1913 bis 1918 die letzte Arktisexpedition der heroischen Ära geleitet, bei der er am Rande der Beaufort Sea die Küsten der kanadischen Inselwelt im hohen Norden erforscht und dabei drei neue Inseln entdeckt hatte. Stefanssons Schiff »Karluk« wurde während seiner Abwesenheit wie die »Endurance« erst vom Eis eingeschlossen und schließlich zerdrückt, sodass auch sie versank. Von der fünfundzwanzigköpfigen Schiffsbesatzung starben acht Männer bei dem Versuch, über das aufgeworfene Packeis Land zu erreichen. Ein Mann beging angesichts der Ausweglosigkeit Selbstmord, und zwei weitere Männer erkrankten schwer und starben an Nahrungsmangel, als sie auf Wrangell Island ihrer erhofften Rettung völlig hilflos entgegenvegetierten. Unter den elf Toten stammten zwei von Shackletons »Nimrod«-Expedition. Für die Erfolg versprechende Fortsetzung von Stefanssons Forschungen hatte Shackleton die kanadische Regierung um Unterstützung seiner Expedition mit der »Quest« gebeten, die ihm jedoch nicht gewährt wurde. Erneut war er auf einen Sponsor angewiesen, den er diesmal in seinem ehemaligen Schulkameraden John Rowett fand, der es im Gegensatz zu ihm zu Geld gebracht hatte. Allerdings war nun schon zu viel Zeit verstrichen, sodass es für eine Expedition in die Arktis bereits zu spät im Jahr geworden war und Shackleton sich deshalb alternativ abermals der Südpolarregion zuwandte. Am 17. September 1921 brach er in Begleitung mehrerer früherer Expeditionskameraden, darunter Worsley, Wild, Hussey und Macklin, an Bord der »Quest« zu seiner letzten Expedition auf, die keine eigentliche Zielsetzung hatte. Er hatte zwar die Suche nach unentdeckten Inseln in der noch relativ unbekannten Enderbyregion östlich des Weddellmeeres erwähnt, aber eine Strategie für deren Auffindung gab er nicht bekannt.

An Bord zeigte sich, dass Shackleton, der zwischen den Expeditionen oft einen sehr ungesunden Lebenswandel aus einem Übermaß an Essen, Alkohol- und Tabakkonsum führte, offensichtlich krank war. In Rio de Janeiro hatte er einen starken Herzanfall, wollte sich aber auf keinen Fall von Macklin oder einem anderen Arzt untersuchen lassen. Unterwegs begann er wieder zu trinken, vielleicht um seine Schmerzen zu stillen. Schließlich erreichten sie ihr Etappenziel Südgeorgien. Einen Tag nach ihrer Ankunft hatte Shackleton erneut einen Herzanfall, an dem er noch am selben Tag, dem 5. Januar 1922, starb. Um ihn in der Heimat zu beerdigen, begleitete Hussey, der jetzt ohne sein großes Vorbild kein zweites Mal in die Antarktis fahren wollte, Shackletons Leiche auf einem schwimmenden Fabrikschiff der Walfänger von Südgeorgien nach England. Als Shackletons Frau Emily die Nachricht über den plötzlichen Tod ihres Mannes erhielt, bestimmte sie, dass ihr Mann auf Südgeorgien beerdigt werden sollte, da es ihn immer nach Süden gezogen habe. Außerdem hatten sie sich aufgrund seiner jahrelangen Abwesenheit und außerehelichen Beziehungen völlig auseinandergelebt. So kehrte Hussey nach einem Zwischenhalt in Montevideo mit dem Sarg nach Grytviken zurück, wo Shackleton am 5. März 1922 beerdigt wurde. Um die Tilgung der angehäuften Expeditionsschulden von rund £ 500 000 in heutiger Währung mussten sich nun andere kümmern.

Shackletons Grab auf dem Friedhof von Grytviken (Südgeorgien) (Foto: C. Lüdecke)

Unter Wilds Leitung wurde die Expedition fortgesetzt. Shackleton hatte zunächst vorgesehen, die kleine bei Waterboat Point in der Nähe der heutigen argentinischen Station Almirante Brown (Paradise Harbor) für ein Jahr abgesetzte Gruppe einer britischen Expedition zu retten. Nachdem die Wissenschaftler aber schon am 13. Januar 1922 von ihren Landsmännern abgeholt wurden, entfiel diese Aufgabe. Also blieb noch die Weiterreise über die South Sandwich Islands zum Weddellmeer. Der Versuch, im weiter östlich gelegenen Enderbyland Entdeckungen zu machen, schlug fehl, und die Expedition kehrte unverrichteter Dinge zurück.

Apsley Cherry-Garrard, der Scott auf seiner zweiten Expedition begleitet hatte, charakterisierte die herausragendsten Männer der Südpolarforschung folgendermaßen: »For a joint scientific and geographical piece of organization, give me Scott; for a winter journey, Wilson; for a dash to the pole and nothing else, Amundsen: and if I am in the devil of a hole and want to get out of it, give me Shackleton every time.« ( Apsley Cherry-Garrard, 1965, S. VIII). Dies bedeutet im übertragenen Sinn: »Für eine sowohl wissenschaftliche als auch geographische Organisation gebt mir Scott, für eine Winterreise gebt mir Wilson, für einen schnellen Vorstoß zum Pol und nichts anderes gebt mir Amundsen, und wenn ich in Teufels Küche bin und heraus will, gebt mir jedes Mal Shackleton.«

AUSKLANG

Rückblickend muss man feststellen, dass Shackleton keines seiner Ziele erreicht hatte. Während Scotts »Discovery«-Expedition litt er unter Kurzatmigkeit und Skorbut und wurde nach Hause geschickt. Während seiner eigenen »Nimrod«-Expedition musste er wegen Nahrungsmangels kurz vor dem Südpol den Rückmarsch beginnen. Anstatt die Antarktis zu durchqueren, wurde die »Endurance« vom Eis eingeschlossen, noch bevor sie ihren Ausgangspunkt an der Küste erreicht hatte. Von seiner letzten Expedition auf der »Quest« kehrte er nicht mehr zurück. Dennoch wurde Shackleton Ende des 20. Jahrhunderts zum Helden. Seine Fähigkeit zu führen, die insbesondere nach dem Untergang der »Endurance« zum Tragen kam, ist heutzutage bei Managern und Extremsportlern ein großes Vorbild. Dank seiner natürlichen Autorität brauchte er sich nicht an die übliche Befehlsstruktur an Bord eines Schiffes zu halten, sondern kommunizierte mit Expeditionskameraden und Schiffsmannschaften auf gleicher Ebene. Für ihn gab es keinen Standesunterschied, denn jede einzelne Person war für ihn ein gleich wichtiger Mosaikstein für den Erfolg seiner Expedition. Weil er sich um das Wohlbefinden eines jeden kümmerte, konnte er starke Bindungen aufbauen, sodass jeder sein Bestes zum Wohl der gesamten Gruppe gab. Als die »Endurance« unterging, hieß das Ziel nicht mehr Durchquerung, sondern Rettung. Shackleton gelang es erfolgreich, die Motivation seiner Begleiter völlig neu auszurichten und auf Durchhalten einzustellen, indem er versprach, ganz sicher Hilfe zu holen. Alle glaubten daran und wurden auch nicht enttäuscht.

Obwohl seine Expeditionen als Fehlschläge gezählt werden, bereitete Shackleton durch sie für andere den Weg zum Erfolg. Scott nutzte den von ihm entdeckten Aufstieg über den Beardmore-Gletscher, um über das Plateau des Inlandeises zum Südpol zu gelangen. Die erste Durchquerung der Antarktis fand während des Internationalen Geophysikalischen Jahres (1957–1958) statt. Die Commonwealth Trans-Antarctic Expedition unter der Leitung von Vivian Fuchs errichtete zunächst in Filchners Vahselbucht eine Basisstation mit dem Namen »Shackleton«, auf der acht Männer überwinterten, um wissenschaftliche Messungen durchzuführen. Im zweiten Jahr folgten zwei weitere Gruppen, von der die erste rund 500 km landeinwärts die vorgeschobene Station »South Ice« mit drei Männern besetzte, während die zweite Gruppe unter der Leitung des Mt. Everest Erstbesteigers Edmund Hillary die Aufgabe hatte, von Neuseeland aus am McMurdo-Sund im Rossmeer einen zweiten Stützpunkt einzurichten und im folgenden Jahr für die Raupenschlepper eine fahrbare Trasse auf das Plateau im Innern der Antarktis zu suchen. Unterwegs sollte sie für die Durchquerungs-gruppe Depots anlegen. Gleichzeitig begann Fuchs seine Traverse und querte innerhalb von 99 Tagen den antarktischen Kontinent vom Weddellmeer über den Südpol bis zum Rossmeer und führte auf der rund 3300 km langen Strecke regelmäßig seismische Eisdickenmessungen und andere wissenschaftliche Untersuchungen durch.

Als die erste und bis 2013 einzige reine Frauenmannschaft die Saison 1989–1990 in der deutschen »Georg-von-Neumayer-Station« auf dem Ekströmschelfeis nordöstlich des Weddellmeers verbrachte, durchquerte der Bergsteiger Reinhold Messner zusammen mit Arved Fuchs, dem Leiter vieler Schiffsexpeditionen in die Polargebiete, erstmals den eisigen Kontinent mit selbst gezogenen Schlitten vom Filchner Eisschelf über 2800 km bis nach Ross Island. Sie brauchten dafür 92 Tage. Gleichzeitig benötigte die International Transantarctica Expedition unter der Leitung von William Steger und Jean-Louis Étienne für die längste Erstreckung des Kontinents von den Seal Nunataks im Norden der Antarktischen Halbinsel bis zur russischen Station Mirny an der Küste des Pazifischen Ozeans auf Hundeschlitten für etwa 6400 km insgesamt 220 Tage. Beide Expeditionen wurden von der Luft aus mit Nachschub versorgt.

Die »James Caird« wurde nach Rückkehr der Expedition dem Dulwich College in London übergeben, wo Shackleton zur Schule gegangen war. Von dort aus ist sie später mehrfach für Ausstellungen auf Reisen gegangen, unter anderem auch nach Bonn, wo sie im Rahmen der Ausstellung »Arktis Antarktis« in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland vom 19. Dezember 1997–19. April 1998 zu sehen war.

Um Shackletons epische Reise von Elephant Island nach Südgeorgien nachzuvollziehen, ließ Arved Fuchs für seine Expedition »Shackleton 2000« die »James Caird« originalgetreu als »James Caird II« nachbauen. Allerdings wurden gemäß den behördlichen Auflagen zusätzlich moderne Navigations- und Kommunikationsmittel eingebaut. Nachdem Südgeorgien glücklich erreicht wurde, überquerte die Gruppe – wie zuvor auch Shackleton – mit zwei Begleitern die Gletscher und das Eisplateau im Inland Südgeorgiens, um die schon lange aufgelassene ehemalige Walfangstation Stromness zu erreichen. Die »James Caird II« kehrte nach Deutschland zurück und wurde im Rahmen der Langen Nacht der Museen am 5. Mai 2007 dem Internationalen Maritimen Museum Hamburg am Kaispeicher B (Koreastraße 1) übergeben, wo sie in die Ausstellung aufgenommen wurde.

Heute erinnern sieben Ortsnamen in der Antarktis (Shackleton Coast, Shackleton Glacier, Shackleton Icefalls, Shackleton Ice Shelf, Shackleton Inlet, Shackleton Mount und Shackleton Range) und zwei auf Südgeorgien (Shackleton Gap, Shackleton Valley) an den letzten Helden der heroischen Ära der Südpolarforschung. Schließlich wurde 1932 Shackletons Statue an der Fassade des Gebäudes der Royal Geographical Society in London enthüllt.

Cornelia Lüdecke

VORWORT

Nach der Eroberung des Südpols durch Amundsen, der nur ein paar Tage Vorsprung vor der britischen Expedition unter Scott hatte, blieb den Polarforschern nur noch eine große Herausforderung übrig: die Durchquerung des antarktischen Kontinents von Küste zu Küste.

Als ich von der Expedition mit der Nimrod wiederkehrte, bei der wir unseren Versuch abbrechen mussten, am Südpol die britische Flagge zu hissen, neunundsiebzig Meilen1 vor unserem Ziel von widrigen Umständen zurückgeschlagen, wandte ich mich in Gedanken der Durchquerung des Kontinents zu, denn ich konnte mir sicher sein, dass entweder Amundsen oder Scott den Pol auf unserer oder einer parallelen Route erreichen würde. Nachdem ich vom Erfolg der Norweger gehört hatte, begann ich mit den Vorbereitungen für eine letzte große Fahrt – damit die erste Durchquerung des letzten unerforschten Kontinents von einer britischen Expedition geleistet würde.

Wir haben dieses Ziel nicht erreicht, aber die folgenden Seiten erzählen die Geschichte unseres Versuchs. Auch wenn das eigentliche Vorhaben gescheitert ist, berichtet dieses Buch von Abenteuern, anstrengenden Tagen, einsamen Nächten, ungewöhnlichen Erfahrungen und vor allem von unbeirrbarer Entschlossenheit, unverbrüchlicher Treue und selbstloser Opferbereitschaft vonseiten meiner Männer – Berichte, die, so meine ich, sogar in diesen Zeiten, die große Opfer ganzer Völker und selbstloses Handeln Einzelner gesehen hat, von Interesse sein werden für den Leser, der sich jetzt bereitwillig vom roten Schrecken des Kriegs und den Belastungen der letzten fünf Jahre abwendet, um vielleicht mit besserem Verständnis vom »Weißen Krieg« im Süden zu lesen. Die Kämpfe, die Enttäuschungen und das Durchhaltevermögen dieser kleinen Gruppe von Briten, die beinahe zwei Jahre in den Einöden des Polareises verschollen waren und sich bemühten, die gestellte Aufgabe zu erfüllen und die Krise, die die Welt durchlebte, nicht mitbekamen, künden von einer Leistung, die in der Geschichte der Erforschung der Antarktis einzigartig dasteht.

Durch den Verlust der Endurance und die Katastrophe mit der Aurora sind bestimmte Dokumente, die hauptsächlich die Organisation und Vorbereitung der Expedition betreffen, verloren gegangen. Ich hatte jedoch ohnehin nicht die Absicht, einen detaillierten Bericht über Vorbereitungen, Proviant und andere notwendige, für den Leser aber belanglose Angelegenheiten zu geben, da alle Bücher über die Antarktisexpeditionen seit Beginn des Jahrhunderts diese Dinge ausführlich behandelt haben. Daher werde ich nur kurz die Anfänge und die Organisation schildern und hier eine Abschrift des Programms einfügen, das ich angefertigt habe, um die öffentliche Aufmerksamkeit für die Expedition zu wecken:

»DIE TRANSKONTINENTALGRUPPE«

Die erste Durchquerung des antarktischen Kontinents von Küste zu Küste über den Südpol wird, abgesehen von ihrer historischen Bedeutung, auch eine Expedition von großem wissenschaftlichem Wert sein.

Die Strecke wird etwa 1800 Meilen betragen und auf ihrer ersten Hälfte vom Weddellmeer2 bis zum Pol durch unbekanntes Gebiet führen. Jeder Schritt wird der Geographie neue wissenschaftliche Erkenntnisse bringen. Es wird sich herausstellen, ob die Kette des Viktoriagebirges, die vom Rossmeer bis zum Pol bekannt ist, sich über den gesamten Kontinent erstreckt und somit (nur vom Ozean unterbrochen) an die Anden in Südamerika anschließt, und ob das große Plateau um den Pol herum langsam zum Weddellmeer hin abfällt.

Unterwegs werden ständig magnetische Messungen vorgenommen. Die Route wird über den magnetischen Pol führen und die Bestimmung der Inklination3 der Magnetnadel wird von praktischer Bedeutung sein. Die meteorologischen Bedingungen werden sorgfältig aufgezeichnet, was zur Klärung vieler Wetterphänomene beitragen kann.

Der Glaziologe und der Geologe werden die Eisformationen und die Natur der Bergwelt untersuchen, ihr Bericht wird von großem wissenschaftlichem Interesse sein.

DIE WISSENSCHAFTLICHE ARBEIT DER ANDEREN GRUPPEN

Während die Transkontinentalgruppe unter britischer Flagge die größte je unternommene Polarexpedition durchführt, werden sich die anderen Gruppen mit wichtigen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen.

Zwei mit Schlitten ausgerüstete Gruppen werden vom Basislager am Weddellmeer aus operieren. Eine wird westwärts Richtung Grahamland vordringen, um Beobachtungen zu machen, Gesteinsproben zu sammeln und herauszufinden, ob es dort Berge gibt, die mit denen auf der anderen Seite des Pols verbunden sind.

Eine andere Gruppe wird ostwärts Richtung Enderbyland aufbrechen und ein ähnliches Programm absolvieren. Eine dritte Gruppe bleibt im Basislager, um die Fauna von Land und Meer und die meteorologischen Verhältnisse zu untersuchen.

Vom Basislager am Rossmeer auf der anderen Seite des Pols wird eine weitere Gruppe südwärts vorrücken und versuchen, oben auf dem Beardmore-Gletscher am Mount Buckley, wo die ersten Kohlenflöze in der Antarktis entdeckt wurden, die Ankunft der Transkontinentalgruppe zu erwarten. Dieses Gebiet ist von großer Bedeutung für den Geologen, der aus den Felsen einiges aus der Geschichte der Antarktis ablesen kann.

Beide Schiffe der Expedition werden zum Auswerfen von Netzen, für Lotungen und jegliche Art von hydrografischer Arbeit ausgerüstet sein. Das Schiff im Weddellmeer wird versuchen, die unbekannte Küstenlinie des Grahamlands zu kartografieren. Von den Wissenschaftlern beider Schiffsbesatzungen sind bedeutende Erkenntnisse zu erwarten.

Die verschiedenen Gruppen an Land und die beiden Schiffe werden also geografische und wissenschaftliche Arbeiten durchführen, wie sie in einem solchen Umfang nie zuvor von einer Polarexpedition geleistet wurden.

Zum ersten Mal wird das Weddellmeer als Basislager für Erkundungsfahrten dienen und alle Expeditionsgruppen werden große Flächen bisher unbekannter Gebiete erschließen. Es ist nur folgerichtig, dass dieses Vorhaben unter britischer Flagge ausgeführt wird, da das gesamte Gebiet südwärts zum Pol britisches Territorium ist. Im Juli 1908 wurde in einem königlichen Schreiben mit Staatssiegel erklärt, dass der Gouverneur der Falklandinseln auch der Gouverneur von Grahamland (das westlich des Weddellmeeres liegt) sein soll. Ein anderer Abschnitt der gleichen Erklärung definiert die Lage des britischen Territoriums ›im Südatlantik zwischen dem 20. und 80. westlichen Längengrad und südlich des 50. Breitengrads‹. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass die Expedition innerhalb dieses Gebiets durchgeführt werden wird.

DIE DURCHQUERUNG DES KONTINENTS

Das Schiff zum Weddellmeer wird mit allen Expeditionsteilnehmern, die vom dortigen Basislager aus operieren, im Oktober 1914 Buenos Aires verlassen und versuchen, im November am 78. Grad südlicher Länge anzulanden.

Gelingt dies, wird sich die Transkontinentalgruppe sofort auf ihre 1800 Meilen lange Reise begeben, in der Hoffnung, den Marsch über den Pol bis zum Lager am Rossmeer in fünf Monaten zu bewältigen. Sollte die Landung zu spät im Jahr erfolgen, wird diese Gruppe ihr Winterquartier beziehen, Vorratslager für den Herbst und Frühling anlegen und 1915 so früh wie möglich aufbrechen.

Die Transkontinentalgruppe wird von Sir Ernest Shackleton angeführt und aus sechs Männern bestehen. Sie wird einhundert Hunde mit Schlitten und zwei Motorschlitten mit Luftpropellern mit sich führen. Die Ausrüstung wird alles enthalten, was die Erfahrung des Expeditionsleiters und seine fachkundigen Berater für nötig halten. Wenn diese Gruppe nach einer 800 Meilen langen unerforschten Strecke das Gebiet des Pols erreicht hat, wird sie nordwärts zum Gipfel des Beardmore-Gletschers vorstoßen, wo sie auf die von dem Rossmeer kommende Gruppe zu treffen hofft. Beide Gruppen werden dann gemeinsam zum Basislager am Rossmeer zurückkehren, wo die vorige Expedition ihr Winterquartier aufgeschlagen hatte.

Insgesamt wird die Endurance vierzehn Männer zum Weddellmeer bringen. Sechs davon begeben sich auf die Durchquerung des Kontinents, drei werden nach Westen, drei nach Osten vordringen, und zwei bleiben in der Station, um die zuvor skizzierten Arbeiten durchzuführen.

Die Aurora wird sechs Männer zum Basislager am Rossmeer bringen. Sie werden auf der Route der Transkontinentalgruppe Depots anlegen und ihr zu ihrer Unterstützung entgegenmarschieren sowie die erwähnten geologischen und anderen Beobachtungen vornehmen.

Sollte die Transkontinentalgruppe wie erhofft die Durchquerung im ersten Anlauf schaffen, kann ihre Rückkehr in die Zivilisation für den April 1915 erwartet werden. Die anderen Abteilungen folgen im April 1916.

DIE EXPEDITIONSSCHIFFE

Die beiden Schiffe für die Expedition sind bereits ausgewählt. Die Endurance wird die Transkontinentalgruppe zum Weddellmeer bringen und anschließend eine unbekannte Küste erkunden. Sie ist ein neues Schiff, das unter der Anleitung eines Komitees von Polarforschern eigens für antarktische Verhältnisse entworfen worden ist. Sie wurde am Sandfjord bei Christensen gebaut, dem berühmten norwegischen Konstrukteur von Schiffen für die Robbenjagd. Sie ist als Barkentine4 getakelt und verfügt über eine Dreifach-Expansionsmaschine5, mit der sie unter Dampf eine Geschwindigkeit von neun bis zehn Knoten6 erreicht. Um eine größere Reichweite auf See zu ermöglichen, wird die Endurance sowohl Öl wie Kohle als Treibstoff mitführen. Sie hat eine Größe von etwa 350 Tonnen7 und ist aus ausgewähltem Pinien-, Eichen- und Grünherzholz gebaut. Dieses hervorragende Schiff hat die Expedition samt Ausrüstung 14 000 Pfund gekostet.

Die Aurora wird die andere Gruppe zum Rossmeer bringen und wurde von Dr. Mawson8 erworben. Sie gleicht in allen Belangen der Terra Nova von Captain Scotts letzter Expedition. Die Regierungsbehörden in Australien haben weitreichende Umbauten am Schiff veranlasst, um sie für Dr. Mawsons Expedition tauglich zu machen. Die Aurora liegt derzeit in Hobart in Tasmanien, wo die Rossmeergruppe im nächsten Oktober an Bord gehen wird.«

Ich hatte bereits Mitte 1913 mit den Vorbereitungen begonnen, jedoch vor dem 13. Januar 1914 keine öffentliche Ankündigung der Expedition herausgegeben. Die sechs Monate zuvor war ich mit den notwendigen Planungen beschäftigt, mühevolle Kleinarbeit, die für die Öffentlichkeit uninteressant war, aber lebensnotwendig für eine Expedition, die auf beiden Seiten des Kontinents ein Schiff liegen und eine Reise von 1800 Meilen vor sich hat, die ersten neunhundert davon zudem durch gänzlich unbekannte Landstriche.

Am 1. Januar 1914 habe ich dann nach Zusage einer finanziellen Unterstützung, die eine Ankündigung der Expedition vertretbar erscheinen ließ, die Angelegenheit öffentlich gemacht.

Sofort kam eine Flut von Bewerbungen von Leuten aus allen Schichten der Gesellschaft, die an dem Abenteuer teilnehmen wollten. Ich erhielt beinahe fünftausend Anfragen, aus denen ich sechsundfünfzig Männer auswählte.

Im März blieb zu meiner großen Enttäuschung und Sorge die zugesagte finanzielle Unterstützung aus, und ich sah mich mit der Situation konfrontiert, Verträge für Schiff und Ausrüstung unterzeichnet und eine Besatzung angeheuert zu haben, ohne über die Mittel zu verfügen, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Sofort suchte ich neue Geldgeber und stieß überall auf großzügiges Entgegenkommen. Ich kann hier unmöglich die Namen aller nennen, die meinem Aufruf nachgekommen sind, doch will ich die Gelegenheit ergreifen, allen für ihre Beiträge zu danken, die sogar aus so weit entfernten Gegenden wie China, Japan, Neuseeland und Australien eintrafen. Besonders erwähnen möchte ich die großzügige Zuwendung von 24 000 Pfund des verstorbenen Sir James Caird und die 10 000 Pfund der britischen Regierung. Zu Dank verpflichtet bin ich auch Mr. Dudley Docker, der mir ermöglicht hat, den Kauf der Endurance abzuwickeln, und Miss Elizabeth Dawson Lambton, die seit 1901 eine zuverlässige Mäzenin der Antarktisforschung ist und auch bei dieser Gelegenheit reichlich Unterstützung gewährte. Die Royal Geographical Society spendete 1000 Pfund, und nicht zuletzt möchte ich mich ganz herzlich bei Dame Janet Stancomb Wills bedanken, deren Freigebigkeit es möglich gemacht hat, die Endurance mit allem Nötigen auszurüsten, besonders mit Booten (die uns letztlich gerettet haben), und die nicht nur zu Anfang der Expedition finanzielle Unterstützung geleistet hat, sondern auch in den schweren Zeiten, als wir vermisst wurden und Mittel erforderlich waren, um die Bedürfnisse aller an der Expedition Beteiligten zufriedenzustellen.

Das einzige Privileg, das ein Forschungsreisender als Gegenleistung bieten kann, um sich für die empfangene Hilfe erkenntlich zu zeigen, besteht darin, die entdeckten Landstriche nach jenen zu benennen, denen die Expedition ihr Zustandekommen verdankt.

Aufgrund der dringenden Erfordernisse des Kriegs hat sich die Veröffentlichung dieses Buchs lange hinausgezögert, und die genauen Karten werden in den wissenschaftlichen Monografien Platz finden. Ich habe die Ehre, in den neuen Gebieten die oben genannten Namen und die weiterer großzügiger Förderer der Expedition einzutragen. Die zweihundert Meilen der neuen Küstenlinie heißen Cairdküste. Zudem habe ich, als eine eher persönliche Geste, die drei Beiboote, in denen wir am Ende dem Griff des Eises entkamen, nach den Hauptfinanziers der Expedition benannt: die James Caird, die Stancomb Wills und die Dudley Docker. Die beiden Letztgenannten liegen noch immer auf der verlassenen sandigen Landzunge von Elephant Island, wo zweiundzwanzig meiner Kameraden in ihrem Schutz viereinhalb Monate um ihr nacktes Leben kämpften.

Die James Caird befindet sich jetzt in Liverpool. Sie wurde nach ihrer abenteuerlichen Fahrt durch antarktische Gewässer aus Südgeorgien wieder in die Heimat überführt.

Die meisten öffentlichen Schulen Englands und Schottlands haben der Expedition geholfen, die Hundegespanne zu erwerben, so habe ich nach jeder Schule einen Hund benannt. Abgesehen von diesen besonderen Spenden möchte ich erneut all den vielen anderen Menschen danken, die uns geholfen haben.

So schritten nun die Ausrüstung und die Organisation voran. Ich kaufte die Aurora von Sir Douglas Mawson und arrangierte für Mackintosh eine Reise nach Australien, um sie zu übernehmen. Wir schickten von hier Schlitten, Ausrüstung und die meisten Vorräte dorthin, wohingegen wir bei der Kohle und bestimmten anderen Notwendigkeiten ein wenig auf die Sympathie und Hilfe Australiens und Neuseelands angewiesen waren, wohl wissend, dass diese beiden Länder schon zuvor die Erforschung dessen, was man ihr Hinterland nennen könnte, stets freigebig unterstützt hatten.

Gegen Ende Juli war alles bereit, als plötzlich dunkle Kriegswolken über Europa aufzogen.

Es war vorgesehen, dass die Endurance nach Cowes segeln sollte, um von Seiner Majestät9 am Montag der Cowes Week10 inspiziert zu werden. Doch am Freitag erhielt ich die Nachricht, der König werde nicht nach Cowes kommen. Meine Leser werden sich erinnern, wie plötzlich die Kriegsgefahr heraufzog. Natürlich waren sowohl meine Kameraden als auch ich höchst beunruhigt, wie sich diese Gefahr für den Weltfrieden wohl auswirken würde.

Am Freitag, dem 1. August 1914 segelten wir von London los und gingen am Samstag bei Southend vor Anker. Am Sonntagnachmittag versetzte ich das Schiff nach Margate, und während immer schlimmere Gerüchte kursierten, nahm unsere Besorgnis stündlich zu. Montagmorgen ging ich an Land und las in der Morgenzeitung den Befehl zur Generalmobilmachung.

Sofort ging ich an Bord, ließ die gesamte Besatzung antreten und erklärte, ich wolle ein Telegramm an die Admiralität senden und darin dem Land im Falle eines Kriegsausbruchs Schiff, Ausrüstung und – wenn sie einverstanden wären – unsere Dienste anbieten. Alle stimmten ohne Zögern zu, und ich schickte ein Telegramm, mit dem ich der Admiralität alles zur Verfügung stellte. Wir baten nur darum, die Expedition im Falle einer Kriegserklärung als eine Einheit zu betrachten, um sie nicht auseinanderzureißen. Es gab unter uns genügend ausgebildete und erfahrene Leute, um einen Zerstörer zu bemannen. Binnen einer Stunde kabelte die Admiralität lakonisch zurück: »Weitermachen.« Binnen zweier Stunden kam ein längeres Telegramm von Mr. Winston Churchill, in dem er für unser Angebot dankte und mitteilte, die Behörden wünschten, dass die Expedition, die die volle Zustimmung und Unterstützung der Scientific und Geographical Societies hätte, fortgeführt werde.

Also segelte die Endurance gemäß dieser eindeutigen Anweisungen nach Plymouth. Am Dienstag bestellte mich der König zu sich und übergab mir den Union Jack für die Expedition. Noch am selben Tag brach um Mitternacht der Krieg aus. Am folgenden Samstag, dem 8. August, stach die Endurance von Plymouth aus auf direkten Befehl der Admiralität in See. Ich gehe deshalb so ausführlich auf diese Phase der Expedition ein, weil es kritische Stimmen gab, dass die Expedition zu diesem Zeitpunkt das Land verließ. In Hinblick darauf möchte ich noch hinzufügen, dass die Vorbereitungen der Expedition sich über ein ganzes Jahr hingezogen hatten und große Summen Geld ausgegeben worden waren. Wir boten an, die Expedition abzubrechen, ohne auch nur bei unseren Finanziers nachzufragen, und kaum jemand ahnte, dass der Krieg fünf Jahre lang dauern und die ganze Welt hineinziehen würde. Die Expedition begab sich nicht auf eine friedliche Kreuzfahrt zu den Südseeinseln, sondern auf eine höchst gefahrvolle, schwierige und mühselige Unternehmung, bei der fast unweigerlich mit einem gewissen Verlust an Menschenleben zu rechnen war. Und abschließend sei gesagt, dass praktisch alle Teilnehmer der Expedition, die unversehrt aus den Gefahren der Antarktis zurückgekehrt waren, ihren Platz auf dem Schlachtfeld einnahmen, und der Anteil der Gefallenen unter ihnen ist hoch.

Die Überfahrt nach Buenos Aires verlief ohne Zwischenfälle. Am 26. Oktober segelten wir von dort weiter nach Südgeorgien, den südlichsten Außenposten des britischen Empires. Hier waren wir einen Monat lang mit abschließenden Vorbereitungen beschäftigt. Vom Krieg hörten wir zum letzten Mal, als wir Buenos Aires verließen. Da rollte gerade die russische Dampfwalze heran. Viele meinten, der Krieg würde innerhalb von sechs Monaten zu Ende sein. Und so brachen wir auf, nicht ohne Bedauern, dass wir nicht dort unsere Plätze einnehmen konnten, doch in der Gewissheit, dass wir an einem entbehrungsreichen Feldzug zur Ehre unseres Landes teilnahmen.

Neben den Privatleuten und Gesellschaften möchte ich hier in großer Dankbarkeit die Unterstützung erwähnen, die seitens der Regierungen Neuseelands und Australiens zu Beginn der Rossmeer-expedition gewährt wurde. Den Menschen in Neuseeland und ihrer Regierung gebührt mein größter Dank für ihre fortwährende Hilfe, die während der dunklen Tage vor der Errettung der Rossmeergruppe von unschätzbarem Wert gewesen war.

Bei Mr. James Allen (stellvertretender Premier), dem verstorbenen Mr. McNab (Marineminister), Mr. Leonard Tripp, Mr. Mabin, Mr. Toogood und vielen anderen stehe ich in einer Schuld, die nie beglichen werden kann.

Dies ist für mich auch die Gelegenheit, der Regierung von Uruguay für ihre großzügige Unterstützung zu danken, als sie den Regierungstrawler Instituto de Pesca für den zweiten Rettungsversuch meiner Männer auf Elephant Island zur Verfügung stellte.

Schließlich war es die chilenische Regierung, die direkt für die Rettung meiner Kameraden verantwortlich war. Diese Republik im Süden zeigte sich unermüdlich in ihren Bemühungen, eine erfolgreiche Rettung durchzuführen. Ihnen gilt die Dankbarkeit unserer gesamten Expedition. Besonders erwähnen möchte ich die teilnahmsvolle Haltung von Admiral Muñoz Hurtado, dem Oberbefehlshaber der chilenischen Marine, und Kapitän Luis Pardo, den Kommandanten der Yelcho auf unserer letzten und erfolgreichen Bergungsfahrt.

Sir Daniel Gooch begleitete uns bis Südgeorgien. Ihm gebührt mein besonderer Dank für seine Hilfe mit den Hunden. Wir alle haben seine fröhliche Gesellschaft vermisst, als wir Richtung Süden segelten.

Ernest Henry Shackleton

1Meilen: Die englische Meile beträgt 1,609 km, die nautische Meile (Seemeile) 1,852 km.

2Weddellmeer: Die deutsche Schreibweise der Toponyme orientiert sich an Karten der National Geographic Society.

3Inklination: Durch die vertikale Anziehungskraft des Erdmagnetfelds verursachte Neigung der Kompassnadel, kann zu fehlerhaften Anzeigen der Himmelsrichtung führen.

4Barkentine: Dreimaster, der Merkmale von Schoner und Bark vereint (daher zuweilen auch »Schonerbark« genannt). Der Fockmast ist wie bei einer Bark rahgetakelt, die beiden hinteren Masten tragen die Schratsegel eines Schoners.

5Dreifach-Expansionsmaschine: Dampfmaschine, deren Wirkungsgrad durch die Expansion des einströmenden Dampfes erhöht wird. Bei Mehrfach-Expansionsdampfmaschinen sind mehrere Zylinder zu einer Verbunddampfmaschine hintereinander gereiht.

6Knoten: Die Geschwindigkeit von einem Knoten entspricht 1 Seemeile (1,852 km) pro Stunde.

7Tonnen: Einheit zur Bezeichnung von Schiffsgrößen, die je nach Berechnungsart unterschiedlich ausfallen kann.

8Sir Douglas Mawson, 1882–1958, australischer Geologe und Antarktisforscher. Hatte unter Shackleton an der »Nimrod«-Expedition (1907–09) teilgenommen.

9Seiner Majestät: George V., regierte von 1910–1936, pflegte eine Leidenschaft für den Segelsport, nahm selbst aktiv an Regatten – auch der Cowes Week – teil. Auf seinen Wunsch hin wurde seine Segelyacht nach seinem Tod vor der Isle of Wight von einem Kriegsschiff versenkt.

10Cowes Week: Segelregatta, die seit 1826 jährlich im August ausgetragen wird; benannt nach der Hafenstadt Cowes auf der Isle of Wight.

KAPITEL 1
Ins Weddellmeer

Ich beschloss, Südgeorgien um den 5. Dezember herum zu verlassen, und ging bis dahin als letzte Vorbereitung nochmals die Pläne für die Fahrt zu den Winterquartieren durch. Welch einen Empfang würde uns das Weddellmeer bereiten? Die Kapitäne der Walfänger in Südgeorgien gaben mir bereitwillig Auskunft über die Gewässer, in denen sie ihrem Gewerbe nachgingen. Sie bestätigten zuvor erlangte Informationen über die extrem schwierigen Eisverhältnisse in diesem Teil der Antarktis und gaben zudem noch weitere wertvolle Ratschläge.

Es scheint angebracht, hier kurz die Überlegungen wiederzugeben, die mich zu diesem Zeitpunkt und in den folgenden Wochen beschäftigten. Ich wusste, dass das Eis in diesem Jahr weit nach Norden vorgedrungen war, und entschied, nachdem ich die Ratschläge der Walfangkapitäne eingeholt hatte, die Südlichen Sandwichinseln anzusteuern, Süd-Thule zu umfahren und uns bis zum 15. Grad westlicher Länge ostwärts vorzuarbeiten, bevor wir Richtung Süden stießen. Die Walfänger betonten, wie schwierig es sei, bei den Südlichen Sandwichinseln durch das Eis zu kommen. Sie berichteten, dass sie selbst im Sommer Eisschollen bei den Inseln gesichtet hätten, und vermuteten, die Expedition müsse sich durch dichtes Packeis kämpfen, um ins Weddellmeer zu gelangen. Die beste Zeit für eine Fahrt ins Weddellmeer sei Ende Februar oder Anfang März. Die Walfänger hatten die Südlichen Sandwichinseln umfahren und waren mit den Bedingungen dort vertraut. Ihre Vorhersagen veranlassten mich, eine Deckladung Kohle zu übernehmen, denn wenn wir uns mühsam unseren Weg zum Coatsland bahnen mussten, würden wir jede Tonne Brennstoff brauchen, die das Schiff tragen konnte.

Ich hoffte, das Vordringen bis zum 15. westlichen Längengrad werde uns ermöglichen, durch dünneres Eis in den Süden zu gelangen, Coatsland anzusteuern und letztlich die Vahselbucht zu erreichen, wo Filchner11 1912 seinen Landungsversuch unternahm. Zwei Überlegungen gingen mir bei diesem Stand der Dinge durch den Kopf. Ich war aus bestimmten Gründen bestrebt, die Endurance im Weddellmeer überwintern zu lassen, aber es konnte sehr schwierig werden, einen sicheren Hafen zu finden. Ließ sich kein sicherer Hafen finden, müsste das Schiff in Südgeorgien überwintern. Es schien mir jetzt kaum Hoffnung, die Querung des Kontinents in diesem ersten Sommer durchführen zu können, da die Jahreszeit bereits weit vorangeschritten war und die Eisbedingungen sich wahrscheinlich als ungünstig erweisen würden. In Hinblick auf die Möglichkeit, mit dem Schiff im Eis zu überwintern, besorgten wir uns aus den Lagern der verschiedenen Stationen in Südgeorgien noch zusätzliche Kleidung.

Die andere Frage, die mir Kopfzerbrechen bereitete, betraf die Größe der Gruppe, die an Land gehen sollte. Wenn das Schiff während des Winters ausfahren müsste oder vom Winterquartier weggetrieben würde, wäre es von Vorteil, eine kleinere, sorgfältig ausgesuchte Gruppe von Männern an Land zu haben, nachdem die Schutzhütten gebaut und die Vorräte verstaut waren. Diese Männer könnten bereits aus eigener Kraft Depots anlegen und kurze Touren mit den Hunden unternehmen, um mit ihnen für den langen ersten Marsch im nächsten Frühjahr zu üben. Die Mehrzahl der Wissenschaftler würde an Bord bleiben, wo sie ihre Arbeiten unter guten Bedingungen durchführen könnten. Sie wären bei Bedarf in der Lage, kurze Ausflüge zu unternehmen, mit der Endurance als Station. All diese Pläne gründeten auf der Annahme, dass es wahrscheinlich schwierig werden würde, ein Winterquartier zu finden. Wenn sich auf dem Festland ein wirklich sicheres Basislager errichten ließe, würde ich an dem ursprünglichen Plan festhalten, eine Gruppe Richtung Süden zu senden, eine Richtung Westen, um die Bucht des Weddellmeeres herum zum Grahamland, und eine Richtung Osten zum Enderbyland.

Wir hatten alle Einzelheiten ausgearbeitet, was Entfernungen, Routen, notwendige Vorräte und so weiter betraf. Der Proviant für die Schlitten war perfekt eingeteilt, ein Ergebnis sowohl aus Erfahrungen als auch genauester Untersuchungen. Die Hunde ließen hoffen, nach etwas Übung mit beladenem Schlitten täglich etwa fünfzehn bis zwanzig Meilen zurücklegen zu können. Bei diesem Tempo könnte die Durchquerung des Kontinents innerhalb von hundertundzwanzig Tagen bewältigt werden, falls nichts Unvorhergesehenes dazwischenkam. Wir warteten ungeduldig auf den Tag, an dem wir diesen Marsch antreten konnten, dieses letzte große Abenteuer in der Geschichte der Erforschung des Südpols, doch das Wissen um die Schwierigkeiten, die zwischen uns und unserem Ausgangspunkt lagen, halfen, unsere Ungeduld im Zaum zu halten. Alles hing von der Landung ab. Wenn es uns gelänge, an Filchners Station anzulanden, gab es keinen Grund, warum ein Trupp erfahrener Männer dort nicht in Sicherheit überwintern können sollte. Doch das Weddellmeer war berüchtigt für seine Unwirtlichkeit, und wir wussten bereits, dass es sich uns von seiner schlechtesten Seite präsentierte. Aus seemännischer Sicht waren alle Bedingungen im Weddellmeer ungünstig. Die Winde wehten vergleichsweise schwach, so konnte sich selbst im Sommer neues Eis bilden. Das Fehlen starker Winde sorgt zusätzlich dafür, dass sich das Eis ungehindert massiv aufbauen kann. Dann treiben große Mengen von Eis unter Einfluss der vorherrschenden Strömung an der Küste entlang und füllen die Bucht des Weddellmeeres, indem sie sich in einem großen Halbkreis nordwärts bewegen. Ein Teil des Eises beschreibt sogar einen fast vollständigen Kreis und bewegt sich in kalten Jahren letztlich Richtung Südliche Sandwichinseln. Die starken Strömungen pressen die Eismassen gegen die Küste und bauen einen höheren Druck auf als irgendwo sonst in der Antarktis. Dieser Druck muss ähnlich groß sein wie der in dem gestauten Becken des Nordpolarmeeres, und ich neige zu der Ansicht, dass ein Vergleich für die Arktis sogar günstiger ausfallen würde. All diese Überlegungen hatten natürlich Auswirkungen auf unser gegenwärtiges Problem, nämlich ins Packeis vorzudringen und an der Küste des Südkontinents einen sicheren Hafen zu finden.

Dann kam der Tag der Abreise. Am 5. Dezember 1914 gab ich um 8:45 Uhr Befehl, den Anker zu lichten, und mit dem Gerassel der Ankerwinde zerbrach unsere letzte Verbindung zur Zivilisation. Der Morgen war trüb und wolkenverhangen, mit gelegentlichen Regen- und Schneeschauern, doch an Bord der Endurance waren alle frohen Mutes. Die lange Zeit der Vorbereitung war vorbei, und das Abenteuer lag vor uns.

Wir hatten gehofft, dass irgendein Dampfer aus dem Norden vor unserer Abreise Neuigkeiten vom Krieg und vielleicht Briefe aus der Heimat bringen würde. Am Abend des 4. Dezember traf ein Schiff ein, aber es brachte weder Post noch Aufschlüsse über das Weltgeschehen. Der Kapitän und die Besatzung waren alle stramm deutschfreundlich, und ihre »Nachrichten« bestanden aus unbefriedigenden Berichten über Niederlagen der Briten und Franzosen. Wir wären froh gewesen, die letzten Neuigkeiten aus einer freundlicheren Quelle erfahren zu haben. Anderthalb Jahre später erfuhren wir, dass der Dampfer Harpoon, der die Grytviken-Station versorgt, keine zwei Stunden, nachdem die Endurance in See gestochen war, mit Post für uns eintraf.

Der Bug der Endurance wandte sich Richtung Süden, und das tapfere Schiff tauchte in die südwestliche Dünung12 ein. Am Vormittag fiel Sprühregen, aber später am Tag klarte es auf, und wir hatten gute Sicht auf die Küste Südgeorgiens, als wir unter Dampf und Segel südostwärts fuhren. Der Kurs führte uns von den Inseln weg und dann südlich von Süd-Thule. Im Laufe des Tages frischte der Wind auf und alle Rahsegel13 wurden gesetzt, das Focksegel14 jedoch gerefft15, damit der Ausguck klare Sicht voraus hatte, denn wir wollten nicht riskieren, mit einem »Growler« zu kollidieren, einem dieser trügerischen Eisbrocken, die knapp unter der Wasseroberfläche treiben. Das Schiff lag einigermaßen ruhig in der von achtern16 anrollenden See, sah aber gewiss nicht so schmuck aus wie vor vier Monaten bei der Ausfahrt vor der englischen Küste. In Grytviken hatten wir Kohle geladen und diesen zusätzlichen Brennstoff an Deck verstaut, wo er die Bewegungsfreiheit nicht wenig beeinträchtigte. Der Schiffszimmermann hatte ein Behelfsdeck gebaut, das sich vom Heck bis zum Kartenhaus erstreckte. Zudem hatten wir für die Hunde eine Tonne Walfleisch an Bord genommen. Die großen Fleischstücke wurden in die Takelage gehängt, außer Reich-, aber nicht außer Sichtweite der Hunde, und als die Endurance rollte und stampfte17, hielten sie mit Adleraugen nach Fallobst Ausschau.

Ich war sehr zufrieden mit den Hunden, die überall im Schiff an den bequemsten Plätzen angebunden waren, die wir für sie finden konnten. Sie befanden sich in hervorragender Verfassung, und ich hatte das Gefühl, dass die Expedition über die richtigen Zugtiere verfügte. Es waren große, kräftige Tiere, ausgewählt aufgrund ihrer Ausdauer und Stärke, und wenn sie ebenso begierig darauf sein werden, unsere Schlitten zu ziehen, wie sie es jetzt sind, miteinander zu kämpfen, wäre alles bestens. Die Hundeführer verrichteten ihre Arbeit mit Begeisterung, und der Eifer, den sie dabei zeigten, Wesen und Gewohnheiten ihrer Schützlinge zu studieren, ließ hoffen, dass es später kaum Probleme mit den Hunden geben würde.

Während des 6. Dezembers legte die Endurance ein gutes Stück Wegstrecke Richtung Süden zurück. Die nördliche Brise war über Nacht aufgefrischt und brachte eine hohe See von Achtern mit sich. Es war dunstig, und wir passierten zwei Eisberge, mehrere Growler und zahllose Eisbrocken. Forscher und Besatzung erledigten ihre alltägliche Arbeit. Vom Schiff aus konnten wir eine vielfältige Vogelwelt beobachten, unter anderem Kap-, Blau- und Riesensturmvögel, Dunkel- und Wanderalbatrosse und Seeschwalben. Unser Kurs sollte durch die Passage zwischen Saunders Island und Candlemas Volcano führen. Der 7. Dezember brachte den ersten Dämpfer. Um 6 Uhr morgens änderte sich die Farbe des Meeres, das den ganzen Tag zuvor grün gewesen war, plötzlich zu einem tiefen Indigo. Das Schiff hielt sich gut in der rauen See, und einige Mitglieder der wissenschaftlichen Besatzung verstauten die an Deck gelagerte Kohle in die Kohlebunker18. Am frühen Nachmittag kamen Saunders Island und Candlemas in Sicht, und die Endurance steuerte um sechs Uhr abends zwischen beiden hindurch. Worsleys Beobachtungen ergaben, dass Saunders Island sich ungefähr drei Meilen östlich und fünf Meilen nördlich von ihrer auf der Karte eingezeichneten Position befand. Westlich der Insel trieben eine große Anzahl von Eisbergen, die meisten hatten die Form von Tafelbergen, und wir sahen, dass viele von ihnen gelb vor Kieselalgen waren. Ein Eisberg hatte an den Seiten große Flecken rotbrauner Erde. Das Vorkommen so vieler Eisberge war unheilvoll, und gleich, nachdem wir die Inseln passiert hatten, gerieten wir in Treibeis. Wir holten alle Segel ein und fuhren langsam unter Dampf weiter. Zwei Stunden später, fünfzehn Meilen nordöstlich von Saunders Island, stieß die Endurance auf einen Gürtel aus schwerem Packeis, der sich von Nord nach Süd erstreckte und etwa eine halbe Meile breit war. Dahinter lag freies Meer, aber die starke südwestliche Dünung machte das Packeis in unserer Umgebung undurchdringlich. Das war beunruhigend. Mittags befanden wir uns auf 57° 26' südlicher Breite, und ich hatte nicht erwartet, so weit im Norden auf Packeis zu stoßen, obwohl die Walfänger von Packeis bis hinauf nach Süd-Thule berichtet hatten.

Gegen Abend spitzte sich die Lage zu. Wir drangen in das Packeis vor, in der Hoffnung, die freie See dahinter zu erreichen, und fanden uns nach Einbruch der Dunkelheit auf einer Wasserfläche wieder, die kleiner und kleiner wurde. Das Eis mahlte in der starken Dünung um das Schiff herum, und ich hielt mit Sorge Ausschau nach Anzeichen, dass der Wind auf Ost dreht, da eine Brise aus dieser Richtung uns an die Küste drücken würde. Worsley und ich blieben die ganze Nacht auf Deck und wichen dem Packeis aus. Um 3 Uhr nachts fuhren wir südwärts, indem wir einige Öffnungen ausnutzten, die sich aufgetan hatten, stießen aber auf schnell treibendes Packeis, das offensichtlich schon alt und zum Teil großem Druck ausgesetzt gewesen war. Dann dampften wir Richtung Nordwest und entdeckten nordöstlich offenes Wasser. Ich drehte den Bug der Endurance dorthin, und wir kamen unter Volldampf frei. Dann wandten wir uns in der Hoffnung auf bessere Eisverhältnisse nach Osten, und nach fünf Stunden und einigen Ausweichmanövern hatten wir das Packeis umschifft und konnten wieder die Segel setzen. Dieses erste Geplänkel mit dem Packeis war zuweilen beängstigend gewesen. Eisbrocken und -berge jeglicher Größe tanzten in der starken südwestlichen Dünung und rieben gegeneinander. Trotz aller Vorsicht rammte die Endurance einige große Brocken mit dem Vordersteven19, doch konnten die Maschinen rechtzeitig gestoppt werden, sodass kein Schaden entstand. Den ganzen Tag über bot sich uns ein prächtiges Schauspiel für Auge und Ohr. Die Dünung klatschte gegen die Flanken der riesigen Eisberge und spritzte bis hinauf zu deren eisigen Klippen. Im Süden lag Saunders Island, von der ein paar Felsspitzen aus den Nebelwolken hervorlugten, die sie die meiste Zeit verhüllten. Das Meer donnerte in die Eiskavernen, die Dünung brandete schäumend am Treibeis, und das Packeis wogte auf der steilen Dünung, deren Kraft wegen der Eismassen auf der Luvseite20 gebrochen war, anmutig auf und ab.

Bei gutem Wetter, einer leichten Brise aus Südwest und bedecktem Himmel umrundeten wir zwischen zahlreichen Eisbergen hindurch die nördliche Grenze des Packeises. Am Morgen des 9. Dezembers brachte eine Brise von Osten diesiges Wetter und Schnee. Um 4:30 Uhr nachmittags stießen wir bei 58° 27' S und 22° 08' W erneut auf den Rand des Packeises. Es war einjähriges Eis mit älteren Einsprengseln, es lag unter einer dicken Schneedecke und erstreckte sich von WSW nach ONO. Um 5 Uhr drangen wir hinein, kamen aber nicht voran, sodass wir um 7:40 Uhr wieder hinaussteuerten. Dann nahmen wir Kurs ONO und verbrachten den Rest der Nacht damit, das Packeis zu umfahren. Tagsüber hatten wir Adelie- und Zügelpinguine gesichtet sowie einige Buckel- und Finnwale. Ein weißes Glitzern im Westen ließ in dieser Richtung auf Packeis schließen. Nach Umfahrung des Packeises steuerten wir S 40° O, und am Mittag des 10. erreichten wir die Position 58° 28' S und 20° 28' W. Beobachtungen ergaben, dass die Abweichungen des Kompass anderthalb Grad geringer waren als auf der Karte verzeichnet. Ich hielt die Endurance bis Mitternacht auf Kurs, als wir etwa neunzig Meilen südöstlich von unserer Mittagsposition in loses Treibeis gerieten. Es war dem Packeis vorgelagert, und wir kamen nur noch langsam voran. Bei gutem Wetter rollte eine lange Dünung mit leichter Brise aus nördlicher Richtung. Vor dem Packeis trieben zahlreiche Eisberge.

Die Endurance dampfte bis zum 11. Dezember um 8 Uhr durch das lockere Eis, als wir bei 59° 46' S und 18° 22' W wieder in das Packeis eindrangen. Wir hätten weiter ostwärts gekonnt, aber das Packeis dehnte sich weit in diese Richtung aus, und der Versuch, es in einem Bogen zu umfahren, hätte uns zu weit nördlich bringen können. Ich wollte nicht die bereits errungene südliche Breite aufs Spiel setzen. Die zusätzlichen Meilen hätten für ein Schiff mit einem größeren Kohlevorrat, als die Endurance ihn besaß, keine Rolle gespielt, aber wir konnten uns nicht leisten, ohne Not Treibstoff zu verschwenden. Das Packeis war nicht sehr dicht und bereitete für den Augenblick keine Probleme. Wir setzten das Focksegel, um den Wind von Norden auszunutzen. Das Schiff prallte gelegentlich gegen das Eis und erhielt einige schwere Stöße. Ein oder zwei Mal kam die Endurance vor massiven Schollen komplett zum Stillstand, aber sie nahm keinen Schaden. Die Hauptsorge galt der Schiffsschraube und dem Steuerruder. Schien eine Kollision unvermeidlich, befahl der wachhabende Offizier die Maschinen auf »langsame Fahrt« oder »halbe Kraft voraus« zu drosseln. Dann wurde das Steuerruder zum Eis hin umgelegt, um die Schraube dagegen abzuschirmen, und das Schiff setzte seine Fahrt fort. Worsley, Wild und ich übernahmen mit drei Offizieren drei Wachen, während wir uns durchs Packeis vorarbeiteten, sodass sich jederzeit zwei Offiziere an Deck befanden. Der Schiffszimmermann hatte auf der Brücke einen sechs Fuß hohen Signalmast aus Holz errichtet, damit der Steuermann21 dem Rudergänger22 übermitteln konnte, wie weit und in welche Richtung er das Ruder umlegen soll. Diese Vorrichtung ersparte zum einen Zeit, zum anderen auch die Mühe, sich laut Befehle zuzurufen. Den ganzen Tag schoben wir uns durchs lose Packeis, und der Blick aus dem Krähennest23 bot keine Hoffnung auf bessere Bedingungen. Wir sichteten eine Weddellrobbe und eine Krabbenfresserrobbe auf den Eisschollen, machten jedoch keinen Halt, um uns mit frischem Fleisch zu versorgen. Es war wichtiger, so schnell wie möglich unser Ziel zu erreichen, und es stand zu befürchten, dass uns später genug Zeit blieb, sollten sich die Eisbedingungen weiter verschlechtern.

Am Morgen des 12. Dezember arbeiteten wir uns durch loses Packeis, das später stellenweise dichter wurde. Der Himmel war bedeckt, und es fiel leichter Regen. Um 7 Uhr ließ ich sämtliche Rahsegel setzen, um den Wind aus Nord zu nutzen, musste sie fünf Stunden später aber wieder einholen lassen, als er auf West drehte. Die Mittagsposition war 60° 26' S und 17° 58' W. In den letzten vierundzwanzig Stunden hatten wir nur dreiunddreißig Meilen zurückgelegt. Das Eis war noch immer stark gedrängt und wir schlängelten uns durch schmale Durchfahrten und gelegentliche Öffnungen, wobei die Eisschollen gefährlich nah ans Schiff kamen. Wir sichteten Sturmvögel, Seeschwalben und Adeliepinguine. An Bord amüsierten wir uns über die putzigen kleinen Pinguine, bei denen das Schiff offenbar für große Aufregung sorgte. Es kursierte der Witz, dass all die Adeliepinguine auf den Eisschollen unseren Biologen Clark kannten, und wenn er am Ruder stand, kamen sie herbeigerannt, so schnell ihre Beine sie trugen, und riefen immer »Clark! Clark!« und waren dann entrüstet und verstört, dass er weder wartete noch antwortete.

Gegen Abend fanden wir einige offene Wasserrinnen und arbeiteten uns in der Nacht und am folgenden Tag weiter nach Süden vor. So weit das Auge reichte, breitete sich das Packeis aus. Die mittägliche Positionsbestimmung ergab, dass wir die letzten vierundzwanzig Stunden vierundfünfzig Meilen zurückgelegt hatten, unter den gegebenen Umständen ein zufriedenstellendes Ergebnis. Wild schoss eine junge Rossrobbe, und wir gingen an der Eisscholle längsseits. Hudson sprang hinunter, schlang ein Seil um die Robbe und wir zogen beide wieder hoch. Die Robbe maß vier Fuß neun Zoll und wog etwa neunzig Pfund. Es war ein junges männliches Tier und erwies sich als recht schmackhaft, aber abgezogen und ohne Tran ergab es für uns achtundzwanzig Mann nur ein karges Mahl, dazu noch einige Happen zum Frühstück und Tee. Der Magen enthielt bloß etwa einen Zoll lange Amphipoden24, wie man sie ähnlich in den Walen von Grytviken findet.

Am 14. Dezember brach das Wetter ein, mit nebligem Dunst und gelegentlichem Schneefall. Ein paar Eisberge kamen in Sicht. Das Packeis war dichter als die Tage zuvor. Älteres Eis mischte sich unter das neue und hemmte unsere Fahrt. Die Schiffsschraube erhielt frühmorgens einige Schläge, erlitt aber keinen Schaden. Unter dem Klüverbaum wurde eine Plattform angebracht, damit Hurley Filmaufnahmen davon machen konnte, wie das Schiff durchs Eis bricht. Das neue Eis durchbrach die Endurance ohne Probleme, aber die Brocken alten Eises stellten erhebliche Hindernisse dar. Es erforderte höchste Aufmerksamkeit, das Schiff dort hindurchzusteuern. Auch sorgfältigstes Navigieren konnte gelegentliche Zusammenstöße mit Eisbrocken, die zu mächtig waren, um zerbrochen oder beiseitegeschoben zu werden, nicht vermeiden. Der Wind aus Richtung Süden steigerte sich am Nachmittag zu einem leichten südwestlichen Sturm, und um 20 Uhr drehten wir an einer Eisscholle bei, da eine Weiterfahrt unmöglich wurde, ohne ernsthafte Beschädigungen an Steuerruder oder Schiffsschraube zu riskieren. Ich machte die interessante Beobachtung, dass wir selbst nach dreitägiger Fahrt unter Dampf durch das Packeis noch immer von der nordwestlichen Dünung begleitet wurden. Sie machte es noch schwieriger, durch die engen Rinnen zu steuern, da sich das Eis in ständiger Bewegung befand.

Die Endurance blieb die nächsten vierundzwanzig Stunden an der Eisscholle liegen. Das Packeis dehnte sich in allen Richtungen bis zum Horizont aus und wurde nur von unzähligen schmalen Rinnen unterbrochen. Die vielen Eisberge in Sichtweite schienen unter dem Einfluss der südwestlichen Strömung durch das Packeis zu wandern. Vielleicht trieb das Packeis selbst mit dem Sturm nach Nordwesten. Clark warf ein Netz herab, um Proben zu nehmen, aber nach zwei Faden25 wurde es von der Strömung nach Südwest getrieben und geriet in die Schiffsschraube. Er verlor das Netz, zwei Senkbleie und eine Leine. Während der vierundzwanzig Stunden trieben zehn Eisberge Richtung Süden durch das Packeis. Die Mittagsposition war 61° 31' S und 18° 12' W. Der Sturm ließ gegen 20 Uhr nach, und wir kamen bis Mitternacht fünf Meilen nach Süden voran. Dann hielten wir am Ende einer langen Wasserrinne und warteten auf besseres Wetter. Während dieser kurzen Liegezeit schrie der Kapitän, als der Signalmast auf »Hart Backbord«26 stand, dem Forscher am Steuerruder zu: »Warum steuert Ihr verdammt noch mal nicht backbord?« – »Weil ich mir die Nase putze«, kam entrüstet die Antwort.

Am nächsten Tag kam die Endurance ein Stück voran. Lange offene Wasserrinnen verliefen Richtung Südwest, und das Schiff brach mit voller Fahrt durch die wenigen Flächen neuen Eises, bis es mit einem lauten Schlag gegen ein Scholle alten Eises stieß. Während Wild das Schiff steuerte, kletterte Worsley für ein paar Minuten an die Spitze des Klüverbaums und berichtete nach seiner Rückkehr aufgeregt von seinen Beobachtungen. Der Klüverbaum schwang von links nach rechts und von oben nach unten, während der massive Bug des Schiffes aufs Eis krachte, es entzwei schlug, zu beiden Seiten aufhäufte und beiseiteschob. Die Lufttemperatur betrug angenehm milde 2,8° Celsius und die Wassertemperatur – 1,7° Celsius. Wir machten weiter gute Fahrt durch lange offene Rinnen, bis zum 17. Dezember um 4 Uhr, als die Verhältnisse sich wieder verschlechterten. Enorm große Schollen alten Eises lagen dicht an dicht. Einige dieser Schollen bildeten eine geschlossene Oberfläche von einer Quadratmeile, durchsetzt von Bruchstücken aus dünnem und auch massivem älteren Eis. In Sichtweite trieben viele Eisberge, durch die sich unser Kurs hindurchwand. Einmal wurde das Schiff von einer keilförmigen Scholle aufgehalten, wir konnten jedoch den Eisanker daran befestigen, die Scholle in Schlepp nehmen und wegziehen und dann durch die Lücke weiterfahren. Unter diesen Umständen zu navigieren erforderte sowohl Muskelkraft wie auch Nervenstärke. Nachmittags erscholl ein lautes Klappern von achtern, und Hussey, der am Steuerrad stand, erklärte: »Das Rad schlug herum und wirbelte mich einmal durch die Luft!« Die Mittagsposition war 62° 13' S und 18° 53' W. In den letzten vierundzwanzig Stunden hatten wir zweiunddreißig Meilen in südwestlicher Richtung zurückgelegt. Wir sichteten drei Blauwale und einen Kaiserpinguin, einen Vogel von achtundfünfzig Pfund, mit dem die Speisekammer aufgefüllt wurde.

Am Morgen des 18. Dezembers fuhr die Endurance durch große Eisschollen, die mit dünnem Eis verbunden waren. Es gab nur wenige Fahrrinnen. Der Wind wehte mit gelegentlichem Schneegestöber aus Richtung Norden. Wir erlegten drei Krabbenfresserrobben – zwei Kühe und einen Bullen. Der Bulle war ein Prachtexemplar, fast ganz weiß und 9 Fuß 3 Zoll groß. Er wog 600 Pfund. Kurz vor Mittag machte dichtes Packeis jegliches Weiterkommen unmöglich. Wir warfen einen Eisanker auf die Scholle und drosselten die Maschinen. Ich war auf schlechte Bedingungen im Weddellmeer gefasst gewesen, hatte jedoch im Dezember und Januar zumindest auf lockeres Packeis gehofft, wenn es schon kein offenes Wasser geben sollte. Tatsächlich trafen wir aber auf ziemlich dichtes Packeis von der zähen Sorte. Packeis ließe sich als gigantisches, unermesslich großes, von der Natur entworfenes Puzzlespiel beschreiben. Im losen Packeis sind die Teile ein wenig verrutscht und in Unordnung geraten, an anderen Stellen sind sie wiederum zusammengedrückt. Im dichteren Packeis werden die zusammengedrückten Stellen größer und die Teile immer stärker ineinandergepresst, bis das Ganze eine geschlossene Packeisdecke bildet und man das Puzzle mit entsprechender Vorsicht zu Fuß überqueren kann. Wo die Teile nicht eng aneinandergefügt sind, befindet sich natürlich offenes Wasser, das innerhalb weniger Stunden gefriert, nachdem es jede Menge »Frostrauch« abgegeben hat. Unter dem herrschenden Druck bewegt sich das junge Eis wie ein Floß, wird dabei doppelt so dick und bekommt eine karamellartige Konsistenz. Wenn die Kanten der dicken Eisschollen aneinanderreiben, bäumen sie sich zudem in einem langsamen und fast stillen Kampf auf, bis jedes Puzzleteil von einer hohen »Hecke« umgeben ist. An den Übergängen der Schollen formen sich chaotische Flächen mit aufgetürmten Eisblöcken. Manchmal sieht man so ebenmäßig geformte Blöcke, die so exakt zu fünf bis sechs Fuß hohen Stapeln gefügt sind, dass man sie kaum für das alleinige Werk der Natur halten mag. Ein andermal kann ein gewundener Canyon von sechs bis zehn Fuß hohen Eiswänden durchzogen werden, oder ein unter Druck geformter Eisdom unter erneutem Druck wie ein Vulkan explodieren. Den ganzen Winter über befindet sich das treibende Packeis in ständiger Veränderung: Es wächst durch Gefrieren, verdichtet sich durch die Strömung und es verformt sich unter dem Druck. Wenn es auf seinem Weg schließlich auf eine Küste trifft, wie zum Beispiel die Westküste des Weddellmeeres, baut sich ein gewaltiger Druck auf, der ein Inferno von Eisblöcken, Klippen und Wällen entfacht, das sich 150 bis 200 Meilen ins offene Meer hinein erstrecken kann. Anteile des Presseises können anschließend fortdriften und verbinden sich mit neu entstehendem Eis.

Ich habe diese kurzen Erläuterungen hier gegeben, damit der Leser sich ein Bild von der Eislandschaft machen kann, durch die wir über Hunderte von Meilen unseren Weg bahnten. Ein anderer Punkt, der vielleicht einer Erklärung bedarf, ist die vom Wind verursachte Hemmung, der wir im Packeis ausgesetzt waren. Bei starkem Wind oder leichtem Sturm konnte das Schiff nur neues Eis bis zu einer Dicke von etwa zwei Fuß mit Sicherheit durchbrechen. Da solches Eis sich nie weiter als über ungefähr eine Meile erstreckte, mussten wir bei einem Sturm immer beidrehen. Das Schiff maß am Heck etwa drei Fuß und drei Zoll, was die Schiffsschraube und das Ruder zwar einigermaßen schützte, die Endurance im dichten Packeis aber praktisch unmanövrierbar machte, sobald der Wind eine Stärke von sechs Meilen die Stunde erreichte, da die Luftströme eine solch große Angriffsfläche besaßen. Der Winddruck auf Bug und Fockmast würden das Bug herumdrehen, sodass man das Schiff nicht durch die engen Fahrrinnen steuern könnte. Das Abfallen des Bugs würde zudem das Heck gegen das Eis drücken und uns zwingen, die Maschinen zu stoppen, um die Schiffsschraube nicht zu gefährden. Dann ließe sich das Schiff nicht weiter manövrieren und würde abtreiben, möglicherweise auch rückwärts, und dabei Steuerruder und Schiffsschraube beschädigen, die Achillesferse des Schiffs im Packeis.

Während wir auf Wetterbesserung und Lücken im Eis warteten, ließ ich die Lucas-Lotmaschine27 auf dem Ruderkasten anbringen und ortete eine Tiefe von 2810 Faden. Die Bodenprobe ging verloren, weil die Leine 60 Faden vom Ende abgerissen ist. Am Nachmittag kamen über eine Eisscholle drei Adeliepinguine nah ans Schiff, als Hussey seinem Banjo liebliche Musik entlockte. Die kleinen Vögel setzten eine feierliche Miene auf und schienen »It’s a Long Way to Tipperary« zu mögen, aber sie ergriffen voller Schrecken die Flucht, als Hussey ihnen eine Kostprobe schottischen Liedguts servierte. Die Lachsalven vom Schiff verdrossen sie noch mehr, sodass sie sich so schnell davonmachten, wie ihre kurzen Beine es erlaubten. Um 18:15 Uhr öffnete sich das Packeis ein wenig, und wir fuhren drei Stunden durch die Fahrrinnen, bis wir gezwungen waren, für die Nacht an einer Eisscholle vor Anker zu gehen. An diesem Tag schossen wir mit einer Hjort Markierungs-Harpune Nr. 171 auf einen Blauwal. Das Wetter besserte sich den ganzen 19. Dezember nicht. Ein frischer bis starker Wind aus Nord brachte Nebel und Schnee, und nach zwei Stunden Fahrt wurde die Endurance wieder von schweren Eisschollen gestoppt. Es war unmöglich, das Schiff zu manövrieren, weil der starke Wind die Eisschollen in Bewegung hielt und die Fahrrinnen sich in gefährlichem Tempo öffneten und schlossen. Die mittägliche Positionsbestimmung ergab, dass wir in den vergangenen vierundzwanzig Stunden sechs Meilen Richtung Süden zurückgelegt hatten. Alle Mann waren den ganzen Tag damit beschäftigt, Triebe von unseren Kartoffeln zu schrubben, die einfach zu keimen begonnen hatten. Wir blieben den ganzen nächsten Tag an einer Eisscholle festgemacht, da der Wind sich nicht legte, ja, er entwickelte sich am Nachmittag sogar zu einem leichten Sturm. Die Expeditionsteilnehmer und die Besatzung nutzten die Pause für ein heiß umkämpftes Fußballspiel auf der glatten Oberfläche der Eisscholle neben dem Schiff. Zu der Zeit waren zwölf Eisberge in Sicht. Unsere Mittagsposition war 62° 42' S und 17° 54' W und besagte, dass wir etwa sechs Meilen Richtung Nordost getrieben waren.

Am Montag, dem 21. Dezember, herrschte bei einer leichten Brise aus Westnordwest sehr schönes Wetter. Um 3 Uhr nachts machten wir uns auf den Weg südwestlich durch das Packeis. Bis zum Mittag waren wir sieben Meilen fast genau nach Osten versetzt worden, wobei das Packeis weiter nach Norden trieb und das Schiff sich scheinbar nach Süden bewegte. Es gab Scharen von verschiedenen Sturmvögeln, Pinguinen und Robben, und wir sichteten vier kleine Blauwale. Gegen Mittag bogen wir in eine lange Wasserrinne Richtung Süden und fuhren an neun imposanten Eisbergen vorbei. Ein mächtiges Exemplar war wie der Felsen von Gibraltar geformt, nur mit steileren Klippen, ein anderer besaß ein natürliches Hafenbecken, in dem die Aquitania28 Platz gefunden hätte. Ein Eisbrocken versperrte jedoch die Einfahrt zu diesem großen blauen Becken. Hurley holte seine Kamera hervor, um die Eisberge zu filmen. Den ganzen Nachmittag fanden sich immer wieder passierbare lange Wasserrinnen Richtung Ost und Südost durch die Eisberge hindurch, aber um Mitternacht wurde das Schiff von kleinen, schweren Eisschollen aufgehalten, die dicht gedrängt vor einer geschlossenen Eisfläche lagen. Der Ausblick vom Masttop war wenig ermutigend. Die enorme Eisscholle war mindestens fünfzehn Meilen lang und zehn Meilen breit. An der breitesten Stelle waren die Ränder nicht auszumachen, und die Gesamtfläche muss mehr als 150 Quadratmeilen betragen haben. Sie schien aus einem Jahr altem Eis gebildet zu sein, nicht allzu dick und nur wenig zerklüftet. Vermutlich war sie auf offener See bei ruhigem Wetter entstanden und aus Südost hierher getrieben. Im Rossmeer hatte ich noch nie eine geschlossene Eisfläche von diesen Ausmaßen gesehen.

Wir warteten mit gedrosselten Maschinen darauf, dass der starke Ostwind abflaute oder das Packeis aufbräche. Morgens um 6:30 Uhr öffneten sich einige Rinnen und wir konnten wieder Richtung Süden fahren. Am folgenden Morgen arbeiteten wir uns langsam durchs Packeis vor, und die mittägliche Positionsbestimmung ergab für die letzten siebzehneinhalb Stunden unter Dampf einen Fortschritt von 19 Meilen S 41° W. Wir sichteten etliche ältere Adelies, drei Krabbenfresser, sechs Seeleoparden, einen Weddell- und zwei Blauwale. Die Lufttemperatur, die am 21. Dezember – 3,8° Celsius betragen hatte, stieg auf 1,1° Celsius. Während wir durch die Wasserrinnen südwärts fuhren, zählten wir fünfzehn Eisberge. Drei davon waren Tafelberge, einer war über siebzig Fuß hoch und fünf Meilen lang. Er stammte offensichtlich von der Außenkante eines Eisfeldes. Das Eis wurde dicker, aber ein wenig offener, sodass wir eine ruhige Nacht lang in gut schiffbaren Wasserrinnen fuhren. Die See war so ruhig, dass sich in den Rinnen neues Eis bildete. Am Mittag des 24. Dezember hatten wir bei einer Position von 64° 32' S und 17° 17' W siebzig Meilen zurückgelegt.

Von den Hunden hatten bis auf acht alle Namen erhalten. Ich weiß nicht, wer dafür im Einzelnen verantwortlich war, doch verrieten sie eine große Bandbreite an Einfallsreichtum. Sie lauteten Rugby, Upton Bristol, Millhill, Sandy, Mack, Mercury, Wolf, Amundsen, Hercules, Hackenschmidt, Samson, Sammy, Skipper, Caruso, Sub, Ulysses, Spotty, Bosun, Slobbers, Sadie, Sue, Sally, Jasper, Tim, Sweep, Martin, Splitlip, Luke, Saint, Satan, Chips, Stumps, Snapper, Painful, Bob, Snowball, Jerry, Judge, Sooty, Rufus, Sidelights, Simeon, Swanker, Chirgwin, Steamer, Peter, Fluffy, Steward, Slippery, Elliott, Roy, Noel, Shakespeare, Jamie, Bummer, Smuts, Lupoid, Spider und Sailor. Einige der Namen, so wird man bemerken, sind beschreibender Natur.

Am 25. Dezember, dem ersten Weihnachtstag, hielten schwere Eisschollen das Schiff von Mitternacht bis 6 Uhr morgens fest. Dann öffneten sie sich ein wenig, und wir kamen bis 11:30 Uhr voran, als sich die Rinnen wieder schlossen. In der ersten Nachthälfte hatten wir passable Wasser- und Eisverhältnisse, und die Positionsbestimmung am Mittag ergab, dass wir seit unserem Eintritt in das Packeis zwei Wochen zuvor die meisten Meilen innerhalb von vierundzwanzig Stunden geschafft hatten, nämlich einundsiebzig Meilen S 4° W. Das Eis hielt uns bis zum Abend auf, dann konnten wir ein paar Stunden lang einige Rinnen passieren, bevor dichte gedrängte Eisschollen und der zunehmende Wind uns zum Halten zwangen.

Darüber haben wir natürlich nicht die Weihnachtsfeier vergessen. Um Mitternacht wurde allen an Deck Grog ausgeschenkt. Zum Frühstück gab es wieder Grog, damit auch jene, die um Mitternacht in ihren Kojen gelegen hatten, in seinen Genuss kamen. Lees hatte die Offiziersmesse mit Wimpeln geschmückt und überreichte jedem von uns ein kleines Weihnachtsgeschenk. Einige hatten auch Geschenke von zu Hause, die sie nun auspackten. Später gab es ein vorzügliches Festmahl mit Schildkrötensuppe, Weißfisch, Hasenpfeffer, Plumpudding, Weihnachtsgebäck, Datteln, Feigen und kandierten Früchten, zu trinken gab es Rum und Stout. Abends fanden sich alle zu einem gemeinsamen Singen ein. Hussey hatte sich eine einsaitige Geige gebastelt, auf der er, in den Worten Worsleys, »einigermaßen schmerzfrei« spielte. Unterdessen war der Wind zu einem leichten Sturm aus Südost aufgefrischt, sodass keine Weiterfahrt möglich war und wir uns ganz unseren Vergnügungen widmen konnten.

Am 26. und 27. Dezember war noch immer schlechtes Wetter, und die Endurance blieb an einer Eisscholle vor Anker. Die Mittagsposition des 26. lautete 65° 43' S und 17° 36' W. Wir nahmen eine weitere Messung mit der Lucas-Lotmaschine vor und fanden in einer Tiefe von 2819 Faden Grund. Die Proben, die hochgeholt wurden, bestanden aus terrigener29 blauen Schlamm (glaziale Ablagerungen) mit etwas Radiolaria30. Jeder kam beim Einholen der Probe an die Reihe, jeweils zwei Mann arbeiteten zusammen in zehnminütigen Schichten.

Am 27. Dezember hatten wir an Bord einen ruhigen Tag. Der Südsturm wehte den Schnee in Wolken von der Eisscholle, und die Temperatur fiel auf – 5° Celsius. Für die Hunde wurde es in ihren Verschlägen an Deck ungemütlich. Am folgenden Morgen flaute der Wind ab, brachte aber Schneegestöber mit sich, sodass ich erst um 23 Uhr das Kommando zum Aufbruch gab. Das Packeis war weiterhin dicht, das Eis jedoch weicher und leichter zu zerbrechen. Während der Liegezeit hatte der Schiffszimmermann am Heck eine kleine Plattform errichtet. Dort wurde ein Mann platziert, um darüber zu wachen, dass die Schiffschraube nicht mit schweren Eisbrocken kollidierte. Diese Vorkehrung erwies sich als sehr nützlich und ersparte sowohl Steuerruder wie Schiffsschraube etliche Schläge.

Der starke Wind, der viereinhalb Tage angehalten hatte, wich am Abend des 29. Dezembers einer sanfteren Brise aus Süd. Aufgrund der Drift befanden wir uns tatsächlich elf Meilen weiter nördlich als am 25. Dezember. Aber am 30. kamen wir bei schönem, klarem Wetter ein gutes Stück voran. Das Schiff passierte nachmittags und abends eine lange Wasserrinne und querte um 23 Uhr den Südpolarkreis. Bei Beobachtung des Horizonts entdeckten wir im weiten Kreis des Packeises beträchtliche Lücken, durchsetzt mit Eisbergen unterschiedlicher Größe. In mehreren Richtungen konnten Wasserrinnen ausgemacht werden, doch hielt ich vergeblich nach offenen Wasserflächen Ausschau. In dieser Nacht ging die Sonne nicht unter, und als sie hinter einer Wolkenbank verschwand, glühte der Himmel im Süden golden und purpurfarben, und das Wasser in den Rinnen im Südosten bekam einen zarten hellgrünen Widerschein.

Am Morgen des 31. Dezember hatte das Schiff einen ernsten Zusammenstoß mit dem Eis. Erst wurden wir von den uns langsam einschließenden Eisschollen gestoppt, und am Nachmittag zwängten dann zwei nach Ostnordost driftende Schollen die Endurance ein. Durch den Druck krängte31 das Schiff um über sechs Grad, während wir den Eisanker auf die Scholle warfen, um uns nach hinten zu ziehen und so die Maschinen zu unterstützen, die unter Volldampf liefen. Der Versuch war erfolgreich. Unmittelbar darauf schoben sich dort, wo wir eingezwängt gewesen waren, fünfzig mal fünf Fuß große und vier Fuß dicke Eisplatten in einem Winkel von 45° Grad zu unserer Leeseite auf die Eisscholle. Es baute sich ein enormer Druck auf, und wir waren froh, mit dem Schiff außer Reichweite zu sein. Die Position am Mittag war 66° 47' S und 15° 52' W, und wir hatten in den letzten vierundzwanzig Stunden einundfünfzig Meilen S 29° O zurückgelegt.

»Seit Mittag haben sich die Eisverhältnisse gebessert«, schrieb Worsley an diesem Tag. »Obwohl die Wasserrinnen kurz sind, gibt es nur morsche Eisschollen, die sich leicht zerbrechen lassen, wenn man sich sorgfältig die richtige Stelle dafür aussucht. Oft geraten wir an große Flächen jungen Eises, durch die das Schiff ein oder zwei Meilen am Stück hindurchpflügt. Ich kommandiere und manövriere das Schiff vom Krähennest aus und halte es für den besten Platz, da man von hier weit nach vorne schauen und den Kurs im Voraus festlegen kann. Ebenso hat man Steuerruder und Schiffsschraube im Blick, die verletzlichsten Teile eines Schiffes im Eis. Um Mitternacht hörte ich, als ich in der ›Tonne‹ hockte, einen lauten Lärm an Deck, wie Glockengeläut, und mir fiel ein, dass Neujahr war.« Worsley stieg herab von seinem luftigen Sitz und gesellte sich auf der Brücke zu Wild, Hudson und mir. Wir schüttelten einander die Hände und wünschten uns ein glückliches und erfolgreiches Neujahr. Seit wir am 11. Dezember ins Packeis vorgestoßen waren, haben wir 480 Meilen durch loses und dichtes Packeis zurückgelegt. Wir haben uns mit dem kleinen Schiff hindurchgekämpft und manövriert, und es hat diese Prüfung glänzend bestanden, auch wenn die Schiffsschraube einige Male heftig gegen hartes Eis geschlagen war und das Schiff so stark gegen Eisschollen gedrückt wurde, dass es beinahe hinaufgeschoben wurde und beim Zurückgleiten von eine Seite auf die andere schwankte. Noch öfter kam es beim Durchbrechen dickeren jungen Eises zu einem starken Schwanken, wenn der Riss sich eine gewundene Bahn suchte. Bei dem Versuch, ihm zu folgen, rollte das Schiff von einer Seite zur anderen, mit einer Krängung von sechs oder sieben Grad. Wir haben uns Richtung S 10° O durchs Eis bewegt, und ich schätze die gesamte unter Dampf zurückgelegte Strecke auf siebenhundert Meilen. Die ersten hundert Meilen hatten durch loses Packeis geführt, wobei die größten Hindernisse drei mittelschwere Stürme aus Südwest gewesen waren, von denen zwei dreieinhalb, und einer viereinhalb Tage angedauert hatten. Die letzten 250 Meilen gingen dann durch dichtes Packeis, das sich mit längeren Rinnen offenen Fahrwassers abwechselte.

Während der Wochen, die wir auf der Fahrt nach Süden durch das gewundene Labyrinth des Packeises steuerten, mussten wir oft die Eisschollen spalten, indem wir mit dem Schiff direkt dagegen fuhren. Diese Form des Angriffs war bei Eis von einer Dicke bis zu drei Fuß wirksam, und der Vorgang ist interessant genug, um ihn kurz zu beschreiben. Wenn der Weg durch eine Eisscholle mäßiger Dicke versperrt war, steuerten wir das Schiff mit halber Kraft dagegen und stoppten die Maschinen unmittelbar vor dem Aufprall. Mit dem ersten Stoß schlug die Endurance eine v-förmige Kerbe in die Eisscholle, wobei sich der Vordersteven manchmal so weit hinaufschob, dass der Bug fast aus dem Wasser ragte. Dann glitt das Schiff leicht hin und her rollend wieder zurück. Wir gaben darauf acht, dass keine losen Eisbrocken die Schiffsschraube beschädigten, und setzten das Schiff mit Maschinenkraft 200 bis 300 Yards zurück. Dann fuhren wir mit voller Kraft in das V, möglichst genau in die Mitte. Diese Operation wurde wiederholt, bis ein kleines Becken eingeschnitten war, in das wir die Endurance wie einen Keil hineintrieben. Wenn die Aktion gelang, gab die Eisscholle zumeist beim vierten Anlauf nach. Auf der Oberfläche erschien eine schwarze, gewundene Linie, die zum Schiff hin immer breiter wurde. War sie breit genug, damit das Schiff hineinpasste, stießen wir weiter vor. Vom Bug wurden viele große Eisstücke umgepflügt und auf die Eisscholle geworfen oder auch unter das Schiff und die Scholle gedrückt. Auf diese Weise spaltete die Endurance eine zwei bis drei Fuß dicke Eisscholle vom Umfang einer Quadratmeile. Gelegentlich wurde die Eisscholle, obwohl sie schon durchgebrochen war, von benachbarten Schollen so eingezwängt, dass sie sich nicht weiter öffnete und so das Schiff allmählich zum Stillstand brachte. Dann mussten wir rückwärts wieder ganz hinausfahren und erneut mit Volldampf in die Spalte vorstoßen, bis die Eisscholle schließlich den wiederholten Angriffen nachgab.

11Filchner: Wilhelm Filchner, 1877–1957, deutscher Forschungsreisender, leitete 1911–12 die Zweite Deutsche Antarktisexpedition ins Weddellmeer.

12Dünung: nicht direkt vom Wind erzeugter Seegang.

13Rahsegel: viereckiges, an einer Rah (Querstange am Mast) befestigtes Segel.

14Focksegel: Segel am Fockmast, dem vordersten Mast eines Schiffes.

15Reffen: die Segelfläche verkleinern.

16Achtern: hinten.

17Rollte und stampfte: Rollen bezeichnet die durch Seegang ausgelöste Schiffsbewegung um die Längsachse, Stampfen die um die Querachse.

18Kohlebunker: Als »Bunkern« wird in der Schifffahrt die Übernahme von Treibstoff bezeichnet, Bunker sind die entsprechenden Lagerräume.

19Vordersteven: vordere, hochgezogene Verlängerung des Kiels.

20Luv: die dem Wind zugewandte Seite; Lee ist die dem Wind abgewandte Seite.

21Steuermann: Offizier, der für die Navigation verantwortlich ist.

22Rudergänger: das jeweilige Besatzungsmitglied, das nach Anweisung des Steuermanns das Steuerruder bedient.

23Krähennest: Mastkorb für den Ausguck.

24Amphipoden: Seeläuse.

25Faden: Längen- und Tiefenmaß. Der sogenannte nautische Faden entspricht 6 Fuß bzw. 1,883 m.

26Backbord: die linke Schiffsseite, links; Steuerbord ist die rechte Schiffseite, rechts.

27Lucas-Lotmaschine: Gerät zur Auslotung von Wassertiefen, die mit einem klassischen Handlot nicht meh messbar sind. Der Draht wickelt sich über eine Trommel ab und wird per Handkurbel oder auch Dampfkraft wieder eingeholt.

28Aquitania: ein 1914 fertiggestellter Passagierdampfer für den Transatlantikverkehr. Wurde im Ersten Weltkrieg als Truppentransporter und Lazarettschiff verwendet.

29Terrigen: aus Erosion von Festlandfelsen stammend.

30Radiolaria: Strahlentierchen (Einzeller).

31Krängung: bezeichnet die Schlagseite eines Schiffs.

KAPITEL 2
Neuland

Der erst Tag des neuen Jahres, der 1. Januar 1915, war wolkig, bei einer leichte Brise aus Nord und gelegentlichen Schneeschauern. Am Abend verbesserten sich die Eisverhältnisse, und nach 20 Uhr pflügten wir schnell durch sprödes junges Eis, das sich mit dem Schiff ohne Schwierigkeiten zerbrechen ließ. Einige Stunden später kam ein leichter Sturm mit stetem Schneefall aus Ost auf. Am 2. Januar gerieten wir nach 4 Uhr in dichtes altes Packeis, das Anzeichen hohen Drucks aufwies. Es war sehr zerklüftet, aber bis zum Mittag gab es große Flächen offenen Wassers und lange Fahrrinnen Richtung Südwest. Unsere Position war 69° 49' S und 15° 42' W. Wir hatten in den letzten vierundzwanzig Stunden also 124 Meilen Richtung S 3° W zurückgelegt, was sehr erfreulich war.

Am Nachmittag blockierte schweres Packeis unseren Weg. Es wäre ohnehin beinahe unmöglich gewesen, das Schiff ins Eis zu steuern, aber der Sturm hätte ein solches Vorgehen noch dazu höchst riskant gemacht. Daher wichen wir nach Westen und Norden aus und suchten eine Durchfahrt Richtung Süden. Diese Verzögerung war ärgerlich, denn die gute bisherige Fahrt hatte mich hoffen lassen, am nächsten Tag Land zu sichten. Ich wollte vor allem der Hunde wegen an Land. Sie hatten vier Wochen lang keine ausreichende Bewegung gehabt, und ihr Zustand verschlechterte sich allmählich. An diesem Tag passierten wir mindestens zweihundert Eisberge und sichteten zudem große Massen an zerklüfteten Eis aus den Buchten und dem antarktischen Eisgürtel. Eine Scholle aus dem Buchteneis zeigte Spuren von schwarzer Basalterde, und ein großer Eisberg wurde von einem breiten braungelben Band durchzogen. Diese Verunreinigung könnte von Vulkanasche herrühren. Viele der Berge besaßen bizarre Formen. Einer glich bis in die Einzelheiten einem Ozeandampfer mit zwei Schornsteinen, es fehlte nur der Rauch. Später fanden wir eine Öffnung im Packeis und fuhren neun Meilen nach Südwest. Die Rinne endete jedoch am 3. Januar um 2 Uhr nachts in undurchdringlichem zerklüftetem Eis. Es kam ein leichter Sturm mit Schneegestöber auf und nahm uns jegliche Sicht. Das zerklüftete Eis eignete sich nicht als Ankerplatz, sodass wir gezwungen waren, zehn Stunden hin und her zu fahren, bevor wir auf der Leeseite eines Eisbergs von 120 Fuß Höhe an einer kleinen Scholle festmachen konnten. Der Berg brach den Wind und bewahrte uns davor, nach Lee abzudriften. Unsere Position war 69° 59' S und 17° 31' W. Um 19 Uhr holten wir den Eisanker ein, fuhren südwärts und passierten um 22 Uhr einen kleinen Eisberg, den das Schiff zwölf Stunden zuvor beinahe touchiert hätte. Offenbar kamen wir nicht weit voran. Einige der Eisberge, an denen wir an diesem Tag vorbeikamen, bestanden aus festem blauem Eis, was ihre Herkunft von einem Gletscher verriet.

Um Mitternacht des 3. Januars mussten wir nach elf Meilen Richtung Süden haltmachen, als wir in einen so dichten Schneefall gerieten, dass nicht mehr zu erkennen war, ob man in Rinnen und Öffnungen einfahren konnte oder nicht. Das Eis war zerklüftet, doch glücklicherweise ließ der Sturm nach, und nachdem wir Wasserflächen und Fahrrinnen um uns herum geprüft hatten, wandten wir uns zurück nach Nordosten. Wir sichteten zwei Pottwale und zwei große Blauwale – die ersten seit 260 Meilen –, außerdem etliche Sturmvögel, Adelie- und Kaiserpinguine, Krabbenfresserrobben und Seeleoparden. Die klare Sicht am Morgen zeigte uns, dass das Packeis von Südost nach Südwest massiv und undurchdringlich war. Am 4. Januar um 10 Uhr kamen wir erneut auf fünf Yards an den kleinen Eisberg heran, den wir am Tag zuvor schon zwei Mal passiert hatten. Seit fünfzig Stunden waren wir unter Dampf über eine Fläche von zwanzig Quadratmeilen gekreuzt, um eine Öffnung nach Süden, Südost oder Südwest zu finden, aber alle Wasserrinnen verliefen nach Norden, Nordost oder Nordwest. Es war, als wollten die Geister der Antarktis uns den Rückweg weisen – den wir auf keinen Fall einzuschlagen gedachten. Unser Ziel war es, so weit nach Südwesten zu kommen, dass wir Festland erreichten, möglichst östlich von dem südlichsten Punkt, zu dem Ross32 vorstieß, und auch östlich von Coatsland. Das war umso wichtiger, als die vorherrschende Windrichtung Ost zu sein schien und daher jede Meile Richtung Osten zählte. Am Nachmittag fanden wir im Westen offenes Wasser, und bis 4 Uhr fuhren wir Westsüdwest bei immer weniger Eis voraus. Die Sonne stand um Mitternacht über drei Grad hoch am Himmel, und wir konnten bei anhaltend gutem Wetter bis zum folgenden Mittag in diese Richtung weiterfahren. Unsere Position war 70° 28' S und 20° 16' W und wir hatten zweiundsechzig Meilen Richtung S 62° W zurückgelegt. Um 8 Uhr gab es von Nord über West bis Südwest offenes Wasser, gegen Süd und Ost aber nur undurchdringliches Packeis. Um 15 Uhr war der Weg nach Südwest und Westnordwest völlig versperrt. Da wir ohnehin ein Stück nach Westen abgekommen waren, hielt ich es auf keinen Fall für geraten, noch mehr von dem schwindenden Vorrat an Kohle zu verbrennen, um nach Westen oder Norden zu fahren. Ich führte das Schiff auf unserem Kurs etwa vier Meilen zurück zu einer Stelle, wo etwas loseres Packeis die schwache Hoffnung auf eine Durchfahrt weckte. Aber nachdem wir drei Stunden mit stark zerklüfteten Eis gekämpft hatten und vier Meilen nach Süden vorgedrungen waren, brachten uns enorme Blöcke und Schollen aus sehr altem Eis zum Stehen. Jeder weitere Versuch schien aussichtslos, und so gab ich, nachdem wir die Endurance an einer festen Scholle verankert hatten, Befehl, die Maschinen zu drosseln. Das Wetter war schön und einige Fußballbegeisterte trugen auf der Scholle ein Spiel aus, bis Worsley gegen Mitternacht durch ein Loch im morschen Eis fiel, aus dem er den Ball herausfischen wollte. Jetzt musste er selber herausgefischt werden.

Am folgenden Morgen, dem 6. Januar, versperrte noch immer massives Packeis den Weg nach Süden. Nördlich der Eisscholle gab es etwas offenes Wasser, doch da es windstill war und ich keine Kohle für eine möglicherweise fruchtlose Suche nach einer südlichen Durchfahrt vergeuden wollte, blieb das Schiff an der Eisscholle vor Anker. Diese Pause bei schönem Wetter bescherte uns die Gelegenheit, die Hunde zu bewegen. Die Hundeführer brachten die Tiere, die ganz außer Rand und Band waren, auf die Scholle. Einige schafften es, ins Wasser zu springen, und andere ließen sich von den Maulkörben nicht daran hindern, sich hitzige Gefechte zu liefern. Zwei Hunde, denen es gelungen war, ihre Maulkörbe abzustreifen, fielen kämpfend in ein Eisloch. Als wir sie herauszogen, waren sie noch immer ineinander verbissen. Aber trotz allem genossen Männer und Hunde den Auslauf. Eine Lotung ergab eine Tiefe von 2400 Faden, und die Bodenprobe enthielt blauen Schlamm. Am nächsten Morgen frischte der Wind aus West auf, und wir begannen, den nördlichen Rand des massiven Packeises in östlicher Richtung zu umsegeln. Bis Mittag kamen wir vom dichten Packeis weg, aber der Blick nach Süden gab nur wenig Hoffnung, entscheidend voranzukommen. Daher bemühte ich mich jetzt, weiter nach Osten zu gelangen. Wir segelten Richtung Nordost und passierten nach neununddreißig Meilen einen Eisberg, dem wir schon vor sechzig Stunden begegnet waren. Um uns herum tauchten nun Schwertwale auf, und ich musste darauf achten, keinem zu gestatten, das Schiff zu verlassen. Diese Raubtiere haben nämlich die Angewohnheit, über den Rand von Eisschollen zu spähen, um dort ruhende Robben ausfindig zu machen. Dann schießen sie von unten durch das Eis, um sich ihre Beute zu schnappen. Und sie würden wohl kaum einen Unterschied zwischen Robben und Menschen machen.

Die Mittagsposition am 8. Januar war 70° 0' S und 19° 09' W. Wir hatten in den vergangenen vierundzwanzig Stunden sechsundsechzig Meilen in nordöstlicher Richtung zurückgelegt. Am Nachmittag verlief unser Kurs Ostsüdost durch loses Packeis und offenes Wasser mit zahlreichen zerklüfteten Eisschollen im Süden. Es kamen etliche Wasserrinnen Richtung Süden in Sicht, wir hielten aber den östlichen Kurs bei. Die Eisschollen wurden weniger, und es gab Anzeichen von offenem Wasser voraus. Das Schiff passierte an diesem Tag nicht weniger als fünfhundert Eisberge, von denen einige eine enorme Größe besaßen. Ein dunkler Wasserhimmel33 dehnte sich am nächsten Morgen von Ost nach Südsüdost aus, und die Endurance arbeitete sich mit halber Kraft durchs lose Packeis und erreichte kurz vor Mittag das offene Wasser. Am Rand des losen Packeises lag wie ein Schutzwall ein 150 Fuß hoher und eine viertel Meile langer Eisberg. Wir segelten über einen vorstehenden Ausläufer dieses Bergs in das wogende Meer, das sich bis an den Horizont erstreckte. Das freie Wasser dehnte sich etwa von Südsüdwest über Ost bis nach Nordnordost aus, und genau über dem Süden hing ein hochwillkommener und vielversprechender dunkler Wasserhimmel. Ich legte den Kurs auf Süd bei Ost, um sowohl südlich wie östlich des südlichsten Punkts zu kommen, zu dem Ross vorgestoßen war (71° 30' südlicher Breite).

Wir blieben hundert Meilen im offenen Wasser, passierten viele Eisberge, stießen aber nicht auf Packeis. Zwei sehr große Wale, wahrscheinlich Blauwale, schwammen nahe ans Schiff heran, sodass wir ringsum ihre Fontänen sahen. Offenes Wasser inmitten des Packeises auf diesem Breitengrad mag den Walen, die weiter im Norden von den Menschen gehetzt werden, wie ein Heiligtum vorkommen. Die Fahrt Richtung Süden in blauem Wasser und mit offen vor uns liegender Wegstrecke war nach dem langen Kampf in den vereisten Fahrrinnen eine erfreuliche Erfahrung. Aber wie alle guten Dinge fand auch die Zeit unseres ungehinderten Vorankommens schließlich ein Ende. Am 10. Januar um 1 Uhr stieß die Endurance erneut auf Eis. Loses Packeis erstreckte sich von Ost nach Süd, während im Westen offenes Wasser und ein guter Wasserhimmel zu sehen waren. Es bestand zum Teil aus stark zerklüfteten Eis, das Anzeichen großen Druckes trug, aber auch viele dicke, flache Schollen enthielt, die sich offenbar in einer geschützten Bucht gebildet hatten und weder Druck noch Bewegung ausgesetzt gewesen waren. Der Strudel unseres Kielwassers spülte Kieselalgenschaum von den Rändern des Eises herab. Gegen 9 Uhr war das Wasser voller Kieselalgen, und ich ließ das Lot auswerfen. Bis 210 Faden wurde kein Grund geortet. Die Endurance setzte an diesem Morgen ihre Fahrt nach Süden durch das lose Packeis fort. Wir sichteten die Fontänen etlicher Wale und beobachteten einige Hundert Krabbenfresserrobben, die auf den Schollen lagen. Es gab auch viele weiße Seeschwalben, Antarktik- und Schneesturmvögel und auf einem kleinen Eisberg tummelte sich eine Kolonie Adeliepinguine. Wir sahen auch ein paar Schwertwale mit ihrer charakteristischen hohen Rückenflosse. Die Mittagsposition war 72° 02' S und 16° 07' W. In den letzten vierundzwanzig Stunden hatten wir 136 Meilen Richtung S 6° O zurückgelegt.

Wir befanden uns nun unweit der Küste, die Dr. W. S. Bruce, Leiter der »Scotia«-Expedition, 1904 entdeckt und Coatsland benannt hatte. Dr. Bruce war bei 72° 18' S und 10° W auf eine Eisbarriere gestoßen, die sich von Nordost nach Südwest erstreckte. Er fuhr 150 Meilen nach Südwest an ihrem Rand entlang und erreichte 74° 1' N und 22 W. Er entdeckte keinen nackten Fels, aber seine Beschreibung von ansteigenden Hängen aus Schnee und Eis und seichtem Wasser vor der Barriere deuteten klar auf Land hin. An einem dieser Abhänge, so weit südlich wie möglich, wollte ich den Marsch quer über den antarktischen Kontinent beginnen. Alle Mann hielten jetzt Ausschau nach der von Dr. Bruce beschriebenen Küste, und um 17 Uhr meldete der Ausguck Richtung Südsüdost Land in Sicht. Wir konnten einen sanften Schneehang zu einer Höhe von tausend Fuß ansteigen sehen. Es schien eine Insel oder Halbinsel zu sein, mit einem Sund an ihrer Südseite. Ihre nördliche Spitze lag bei 72° 34' S und 16° 40' W. Die Endurance fuhr durch dickes, lockeres Packeis und bog kurz vor Mitternacht am Rand der Barriere in eine Rinne offenen Wassers ein. Eine Messung mit dem Lot ergab in einer Kabellänge34 Entfernung bei 210 Faden keinen Grund. Die Eisbarriere selbst war siebzig Fuß hoch, mit vierzig Fuß hohen Klippen. Die Scotia muss diese Stelle passiert haben, als sie am 6. März 1904 mit Bruce zum südlichsten Punkt seiner Expedition vorstieß. Ich wusste aus Berichten von dieser Reise und auch aus eigenen Beobachtungen, dass die Küste in südwestlicher Richtung verlief. Die offene Wasserrinne führte weiter an der Barriere entlang, und wir kamen ohne Verzögerung voran.

Am Morgen des 11. Januars brachte eine östliche Brise Wolken und Schneefall. Die Barriere verlief Südwest bei West, und wir folgten ihr bis 11 Uhr fünfzig Meilen weit. Morgens waren die Klippen zwanzig Fuß hoch gewesen, am Mittag erreichten sie eine Höhe von 110 bis 115 Fuß. Die Bergkuppe war scheinbar um zwanzig bis dreißig Fuß angewachsen. Einmal wurden wir von sehr schwerem Packeis für drei Stunden von der Barriere abgedrängt. Ansonsten gab es an ihrem Rand nur offenes Wasser, bei hohem, losem Packeis in West und Nordwest. Wir beobachteten, wie eine Robbe auf und ab wippte, um einen langen silbrigen Fisch hinunterzuschlucken, der ihr mindestens achtzehn Zoll aus dem Maul hing. Die Mittagsposition war 73° 13' S und 20° 43' W. Die Lotung eine Meile von der Barriere entfernt ergab eine Tiefe von 155 Faden. Der Grund bestand aus groben vulkanischen Kieseln. Das Wetter trübte zunehmend ein, und ich hielt Kurs Richtung West, wo der Himmel offenes Wasser anzeigte, bis wir um 19 Uhr das Schiff an einer Scholle im losen Packeis längsseits legten. Es begann stark zu schneien, und ich machte mir Sorgen, ob der Westwind das Packeis nicht gegen die Küste treiben und das Schiff zerquetschen würde. Die Nimrod war 1908 im Rossmeer einem solchen Schicksal nur knapp entkommen.

Um 5 Uhr setzten wir am nächsten Morgen, dem 12. Januar, die Fahrt fort, bei bedecktem Himmel mit Nebel und Schneeschauern, und vier Stunden später brachen wir durch loses Packeis in offenes Wasser. Es herrschte schlechte Sicht, aber wir hielten Kurs Südost und hatten bis zum Mittag vierundzwanzig Meilen zurückgelegt. Bei Position 74° 4' S und 22° 48' W ergaben drei Lotungen 95, 128 und 103 Faden Tiefe, mit einem Grund aus Sand, Kieseln und Schlamm. Clark machte mit seinem Netz einen guten Fang an biologischen Proben. Die Endurance befand sich nun ganz dicht an der Barriere mit einem breiten Gürtel aus Packeis, in dem viele Eisberge wahrscheinlich am Grund festgefroren waren. Das feste Eis bog Richtung Nordwest ab, und wir fuhren an seinem Rand achtundvierzig Meilen Richtung N 60° W, um es zu umgehen.

Jetzt waren wir über den Punkt, den die Scotia erreicht hatte, hinaus, und das Land unter der Eisdecke, an deren Rand wir entlangfuhren, war Neuland. Die Biegung nach Norden kam unerwartet, und ich vermutete, dass wir eine riesige Eiszunge umfuhren, die an der eigentlichen Barriere hing und sich Richtung Norden erstreckte. Diese Vermutung sollte sich bestätigen. Die ganze Nacht lang umfuhren wir das Eis Kurs Nordwest, dann West bei Nord, und um 4 Uhr bogen wir wieder nach Südwest ab. Am 13. Januar um 8 Uhr steuerten wir Kurs Südsüdwest. Um Mitternacht war die Barriere niedrig und weit entfernt, um 8 Uhr trennte sie nur ein schmaler, etwa zweihundert Yard breiter Eisgürtel vom offenen Wasser. Ab Mittag gab es immer größere Lücken im Eisgürtel. An einer Stelle senkte sich die Barriere in einem Abhang bis auf Meereshöhe. Wir hätten dort ohne Schwierigkeiten Ausrüstung anlanden können. In vierhundert Fuß Entfernung von der Barriere machten wir eine Lotung, fanden aber bei 676 Faden keinen Grund. Um 16 Uhr folgten wir noch immer der Barriere nach Südwest, als wir eine Biegung erreichten, wo sie abrupt nach Südost zurückwich. Unser Weg wurde von sehr dickem Packeis versperrt. Nachdem wir stundenlang vergeblich nach einer Lücke gesucht hatten, machten wir die Endurance an einer Eisscholle fest und drosselten die Maschinen. An diesem Tag waren wir an zwei Rudeln von Robben vorbeigekommen, die sich schnell Richtung Nordwest und Nordnordost bewegten. Die Tiere schwammen dicht an dicht, tauchten auf und bliesen wie Tümmler, und wir fragten uns, ob ihre Reise gen Norden zu dieser Jahreszeit irgendeine Bedeutung hatte. Am Tag zuvor waren einige junge Kaiserpinguine gefangen und an Bord gebracht worden. Zwei von ihnen waren noch am Leben, als die Endurance an der Eisscholle längsseits ging. Prompt hüpften sie aufs Eis hinab, drehten sich um, verbeugten sich drei Mal artig und zogen sich auf die andere Seite der Scholle zurück. Es liegt etwas seltsam Menschliches im Benehmen und in den Bewegungen dieser Vögel. Ich machte mir Sorgen um die Hunde. Sie waren in schlechter Verfassung, einige schienen zu kränkeln. Am 12. Januar musste ein Hund erschossen werden. Am 14. kam das Schiff kein Stück voran. Gegen Abend frischte von Osten eine Brise auf, unter deren Einwirkung sich das Packeis von der Küste zu lösen begann. Noch vor Mitternacht öffnete sich das Eis, das uns den Weg versperrte, und gab eine Fahrrinne am Rand der Barriere frei. Ich entschied mich, bis zum Morgen zu warten, da ich nicht riskieren wollte, zwischen Barriere und Packeis eingeschlossen zu werden, falls der Wind sich drehte. Eine Messung ergab eine Tiefe von 1357 Faden und einen Grund aus Gletscherschlamm. Die Mittagsposition war 74° 09' S und 27° 16' W. Am 15. Januar um 6 Uhr lösten wir bei diesigem Wetter und nordöstlicher Brise die Leinen und fuhren in offenem Wasser die Barriere entlang. Der Kurs führte sechzehn Meilen nach Südost und drehte dann auf Südsüdost. In Luv hatten wir jetzt dichtes Packeis, und um 15 Uhr passierten wir eine Bucht, die sich etwa zehn Meilen tief nach Nordost erstreckte. Um 18 Uhr kamen wir an einer ähnlichen Bucht vorbei. Diese tiefen Einschnitte verstärkten die Vermutung, die wir schon seit Tagen hegten, dass wir eine riesige Eismasse von mindestens fünfzig Meilen Durchmesser umschifft hatten, die sich von der Küste gelöst hatte und möglicherweise bald aufs offene Meer treiben würde. Die Messungen – etwa 200 Faden an der Landseite und 1300 Faden an der Seeseite – legten nahe, dass dieser enorme Eiskörper schwamm. Es gab dort massenhaft Robben. Wir sahen sie in großer Zahl auf dem Packeis und einige auf den tiefer liegenden Teilen der Barriere, wo die Hänge weniger steil waren. Das Schiff fuhr durch große Rudel von Robben, die von der Barriere zum vor der Küste liegenden Packeis schwammen. Die Tiere planschten und bliesen um die Endurance herum, und Hurley filmte diesen ungewöhnlichen Anblick mit seiner Kamera.

Die Barriere verlief jetzt wieder in Richtung Südwest. Bei einer frischen Brise aus Ost setzten wir die Segel, die wir um 19 Uhr jedoch wieder einholen mussten, weil die Endurance eine Stunde lang von Packeis aufgehalten wurde. Wir nutzten die Pause zum Loten und stellten 268 Faden Tiefe fest, der Grund bestand aus Gletscherschlamm und Kieseln. Dann öffnete sich vor uns eine schmale Rinne. Wir rauschten mit Volldampf hindurch, und um 20:30 Uhr fuhr die Endurance auf einer weiten Wasserfläche unter Segel Richtung Süden. Ich hielt Ausschau nach möglichen Landungsplätzen, auch wenn ich nicht die Absicht hatte, ohne Not nördlich der Vahselbucht an der Luitpoldküste an Land zu gehen. Jede weitere in Richtung Süden zurückgelegte Meile bedeutete eine Meile weniger im Schlitten, wenn es an die Kontinentalquerung ging.

Kurz vor Mitternacht des 15. Januars kamen wir an die Nordflanke eines riesigen Gletschers oder Eisflusses aus dem Inlandeis, der über die Barriere ins Meer hinausragte. Er war vier- oder fünfhundert Fuß hoch, und an seinen Rändern drängten sich Massen von Buchteneis. Die Bucht, die von der Nordflanke dieses Gletschers gebildet wurde, wäre ein hervorragender Landungsplatz gewesen. Ein flacher Eisvorsprung etwa drei Fuß über Meereshöhe sah wie eine natürliche Kaimauer aus. Von dort stieg ein Abhang zum Gipfel der Barriere an. Die Bucht war vor dem Wind aus Südost geschützt und bot nur den Nordwinden Zugang, was in diesen Breiten höchst selten vorkommt. Eine Lotung ergab achtzig Faden Tiefe, was zeigte, dass der Gletscher bis zum Grund reichte. Ich gab dem Ort den Namen Glacier Bay und hatte später Grund, mich mit Wehmut an ihn zu erinnern.

Die Endurance dampfte etwa siebzehn Meilen an diesem Eisfluss entlang. Der Gletscher wies viele Spalten und durch hohen Druck entstandene Kämme auf und schien im Landesinneren bis zu eisbedeckten Hängen oder Hügeln von 1000 bis 2000 Fuß zurückzureichen. Einige seiner Buchten waren mit glattem Eis überzogen, auf dem sich Robben und Pinguine tummelten. Am 16. Januar erreichten wir um 4 Uhr den Rand einer weiteren riesigen Gletscherzunge, die sich ins Meer hineinschob. Das Eis schien über niedrige Hügel zu gleiten und war sehr brüchig. Die Gletscherfront war 250 bis 300 Fuß hoch, das Eis zwei Meilen weiter im Land etwa 2000 Fuß. Die im Meer liegende Front wies eine Gezeitenmarke von etwa sechs Fuß auf, was bewies, dass der Gletscher nicht schwamm. Wir dampften vierzig Meilen an diesem gewaltigen Gletscher entlang und wurden dann um 8:30 Uhr von festem Packeis aufgehalten, das sich anscheinend zwischen gestrandeten Eisbergen verkeilt hatte. Die Tiefe betrug zwei Kabellängen vor den Klippen der Barriere 134 Faden. An diesem Tag gab es kein Weiterkommen mehr, doch die mittags ermittelte Position von 76° 27' S und 28° 51' W ergab, dass wir in den letzten vierundzwanzig Stunden 124 Meilen nach Südwesten vorangekommen waren. An diesem Nachmittag gab es noch ein Vorkommnis. Die Eisberge in der Umgebung waren sehr groß, einige davon über zweihundert Fuß hoch. Manche saßen fest auf Grund und trugen Gezeitenmarken. Ein Eisberg in der Barriere schien über fünfundzwanzig Meilen lang zu sein. Wir trieben das Schiff gegen einen kleineren, gestreiften Eisberg, von dem Wordie einige größere Brocken Biotit-Granit als Probe nahm. Während die Endurance langsam gegen den Eisberg drückte, ertönte ein lautes Krachen, und der Geologe musste sofort zurück an Bord klettern. Die Streifen dieses Eisbergs waren besonders ausgeprägt, sie rührten von den Moränen des Muttergletschers her. Später am Tag frischte der Ostwind zu einem Sturm auf. Kleine Eisschollen trieben mit einer Geschwindigkeit von zwei Knoten vorbei, und das Packeis in Lee begann schnell aufzubrechen. Ein niedriger Eisberg mit geringem Tiefgang trieb in das mahlende Packeis, rammte zwei größere gestrandete Eisberge und stieß sie vom Ufer fort. Alle drei trieben ineinander verkeilt weiter, während wir in Lee eines großen gestrandeten Eisbergs Schutz suchten.

Ein Blizzard aus Nordnordost zwang uns am folgenden Tag, Sonntag dem 17. Januar, im Schutz des Eisbergs zu bleiben. Das Wetter klarte auf, aber der Sturm trieb dichte Schneewolken vom Land heran und versperrte die meiste Zeit den Blick auf die Küstenlinie. »Bei klarer Sicht scheint das Land höher als wir gestern dachten, wahrscheinlich steigt es bis auf 3000 Fuß über den Gipfel des Gletschers an. Die Cairdküste, wie ich sie genannt habe, verbindet das von Bruce 1904 entdeckte Coatsland mit dem 1912 von Filchner entdeckten Luitpoldland. Der nördliche Teil besitzt einen ähnlichen Charakter wie Coatsland. Ihm ist eine gewellte Barriere vorgelagert, die Spitze einer mächtigen Eisdecke, die aus dem höher gelegenen Inneren des antarktischen Kontinents herausgeschoben wird und offensichtlich über niedrige Hügel, Ebenen und flache Seen hinwegschleift, so wie die große arktische Eisdecke einst über Nordeuropa hinweg gewalzt ist. Die Oberfläche der Barriere ist von See aus gesehen von einer blassen goldbraunen Farbe. Sie endet für gewöhnlich in Klippen, die zwischen zehn und dreihundert Fuß hoch sind, doch an manchen Stellen fällt sie bis auf Meereshöhe. Die Klippen sind von blendendem Weiß, mit herrlichen blauen Schatten. Weiter im Landesinneren kann man höhere Hänge erkennen, die wie dunkle blaue oder blassgoldene Schäfchenwolken aussehen. Diese entfernten Hänge sind mit unserer Fahrt nach Südwest nähergekommen und deutlicher sichtbar geworden, während die Klippen der Barriere hier höher und fester zu sein scheinen. Wir befinden uns jetzt nahe beim Übergang zum Luitpoldland. An diesem südlichen Ende der Cairdküste stürzt die Eisdecke, die sich über das darunter verborgene und eingeschlossene Land hinwegwellt, in gewaltigen Gletschern einen steilen Abhang hinab, zerklüftetes und gezacktes Eis, gesäumt von Tausenden von Gletscherspalten. Auf der gesamten Länge der Küste haben wir weder freiliegenden Boden noch nackten Fels gesehen. Außer hier und da einem vereinzelten Nunatak35 schien nichts diese Fläche aus Eis und Schnee zu durchbrechen. Aber die ansteigende Neigung der Eishänge Richtung Horizont und die Kämme, Terrassen und Spalten, die auftauchen, wenn das Eis sich dem Meer nähert, künden von den darunter liegenden Hügeln und Tälern.«

Bis zum 18. Januar um 7 Uhr lag die Endurance in Lee des gestrandeten Eisbergs. Der Sturm war zu diesem Zeitpunkt abgeflaut, sodass wir unter Segel südwestlich durch eine Wasserrinne fahren konnten, die sich vor der Gletscherfront aufgetan hatte. Wir umfuhren den Gletscher bis 9:30 Uhr, als er in zwei Buchten endete, die sich nach Nordwesten öffneten, aber von zwei gestrandeten Eisbergen nach Westen hin abgeschirmt waren. Die Küste dahinter verlief leicht ansteigend in Richtung Südsüdwest.

»Das Packeis zwingt uns jetzt vierzehn Meilen westlich zu fahren, bis wir einen breiten Gürtel aus großen Eisbrocken und Growlern durchbrechen. Wir segeln nur unter vorderem Toppsegel, die Maschinen haben wir zum Schutz der Schiffsschraube gestoppt. So gelangen wir in offenes Wasser, wo wir vierundzwanzig Meilen Richtung S 50° W fahren. Dann stoßen wir erneut auf Packeis, das uns zehn Meilen nach Nordwest abdrängt, bis wir von dicken Schneeklumpen, Trümmereis und großen losen Eisschollen aufgehalten werden. Die Struktur des Packeises verändert sich. Die Eisschollen sind sehr dick und mit tiefem Schnee bedeckt. Das zertrümmerte Eis zwischen den Schollen ist so dick und massiv, dass wir nur mit großem Kraftaufwand hindurchkommen, und dann auch nur für eine kurze Strecke. Daher drehen wir für eine Weile bei, um abzuwarten, ob sich das Eis überhaupt noch öffnet, wenn dieser Wind aus Nordost nachlässt.«

Am Morgen des 19. Januar war unsere Position 76° 34' S und 31° 30' W. Es herrschten gute Wetterverhältnisse, aber wir konnten nicht weiterfahren. Das Schiff war über Nacht vom Eis eingeschlossen worden, und von Deck aus ließ sich in keiner Richtung Wasser erkennen. Vom Mastkorb aus sah man nur ein paar wenige Fahrrinnen. Wir loteten 312 Faden und fanden am Grund Schlamm, Sand und Kieselsteine. Im Osten zeichnete sich schwach das Land ab. Während wir auf bessere Bedingungen warteten, nutzten die Wissenschaftler die Gelegenheit, um mit dem Netz biologische und geologische Proben zu sammeln. In der Nacht kam ein leichter Sturm aus Nordost auf, und als wir am 20. Januar die Lage sichteten, zeigte sich, dass das Schiff fest eingezwängt war. So weit der Blick vom Mastkorb aus reichte, türmte sich das Eis in allen Richtungen dick und massiv um die Endurance herum auf. Man konnte nichts tun, bis ich die Lage wieder änderte. So verbrachten wir die nächsten Tage zunehmend besorgt mit Abwarten. Der Sturm aus Ostnordost, der uns am 16. Januar gezwungen hatte, hinter dem gestrandeten Eisberg Schutz zu suchen, war später auf Nordost gedreht und wehte mit wechselnder Stärke bis zum 22. Januar. Offenbar hatte dieser Wind das Eis in die Bucht des Weddellmeers gedrückt, und das Schiff trieb jetzt im Griff der Eisschollen Richtung Südwest. Die leichte Bewegung des Eises um das Schiff herum führte am 21. Januar dazu, dass das Steuerruder eingeklemmt wurde und ernsthaft Schaden zu nehmen drohte. Wir mussten das Eis mit Stemmeisen zerschlagen, die sechs Fuß lange Holzgriffe hatten. Die Maschinen waren unter Dampf gehalten worden, um bei günstiger Gelegenheit sofort losfahren zu können. Jetzt ließen wir sie volle Kraft laufen und konnten so das Steuerruder aus dem Eis befreien. Am 22. Januar kam im Osten und Süden in etwa sechzehn Meilen Entfernung Land in Sicht. Die Eisdecke an Land schien zumeist in Klippen zu enden, aber an einigen Stellen senkten sich die Abhänge bis hinab zur Meereshöhe. Viele Spalten auf den Eisterrassen parallel zur Küstenlinie verrieten, wo sich die Eisdecke über Hügel hinweg bewegte. Das Inlandeis schien größtenteils gewellt, weich und gut begehbar, aber viele Spalten blieben uns vielleicht auch verborgen, weil sie mit Eis bedeckt waren oder keine Schatten warfen. Nach meiner Schätzung stieg das Gelände vierzig oder fünfzig Meilen weiter landeinwärts auf etwa 5000 Fuß an. Exakte Schätzungen von Höhen und Entfernungen sind in der Antarktis wegen der klaren Luft, der monotonen Farben, der täuschenden Wirkung von Luftspiegelungen und Lichtbrechungen stets schwierig. Das Land schien nach Süden anzusteigen, wo man in siebzig oder mehr Meilen Entfernung einen Gebirgszug oder eine andere Barriere erkennen konnte.

Am Sonntag, dem 24. Januar, herrschte sonniges Wetter mit einer leichten Brise aus Süd und Ost. Vom Mastkorb aus war kein offenes Wasser zu erkennen, aber in West und Nordwest zeigte sich ein schwacher Wasserhimmel. »Zum ersten Mal seit zehn Tagen wehte der Wind von Nordost bis Ost, und an fünf Tagen davon war er zu einem Sturm angewachsen. Offensichtlich ist das Eis in dieser Gegend stark zusammengedrückt worden, und wir müssen geduldig warten, bis ein Sturm aus Süd aufkommt oder Strömungen das Eis aufbrechen. Wir treiben langsam weiter. Die heutige Position ist 76° 49' S und 33° 51' W. Worsley und James haben auf einer Eisscholle bei Arbeiten mit dem Kew-Magnetometer eine Abweichung von sechs Grad West festgestellt.« Kurz vor Mitternacht tat sich fünfzig Yard vor dem Schiff ein Riss auf, etwa fünf Yard breit und eine Meile lang. Bis um 10 Uhr am 25. Januar auf eine Viertelmeile geweitet. Drei Stunden lang versuchten wir bei voller Maschinenkraft voraus und mit allen gesetzten Segeln das Schiff in diese Öffnung zu treiben. Was bloß bewirkte, dass achtern etwas Eis fortgespült und das Steuerruder befreit wurde. Nachdem ich feststellte, dass das Schiff unverändert feststeckte, brach ich den Versuch ab. Später am Tag stiegen Crean und zwei andere Männer auf einem Gerüst über die Reling und hackten auf ein großes Stück Eis, das unter das Schiff geraten war und unsere Fahrt behinderte. Plötzlich tauchte das Eis weg, schoss wieder empor, überschlug sich und klemmte Crean zwischen Gerüst und Griff der schweren elf Fuß langen Brechstange aus Eisen ein. Er befand sich für einen Moment in Gefahr, doch konnten wir ihn schnell befreien, sodass er mit einigen blauen Flecken davonkam. Die dicke Eisenstange war dabei um fünfundvierzig Grad verbogen worden.

Die folgenden Tage verliefen ereignislos. Leichte Winde aus Ost und Südwest hatten keine sichtbare Wirkung aufs Eis, das Schiff blieb weiter fest eingeschlossen. Am 27. Januar, den zehnten Tag der Untätigkeit, entschied ich, die Befeuerung der Maschinen einzustellen. Wir hatten pro Tag eine halbe Tonne Kohle verfeuert, um die Kessel unter Dampf zu halten. Da in den Kohlebunkern nur noch siebenundsechzig Tonnen übrig waren, was für dreiunddreißig Tage Fahrt unter Dampf reichte, konnten wir uns diesen Verbrauch an Treibstoff nicht länger erlauben. War der Horizont klar, zeigte sich in Ost und Süd noch immer Land. Der Biologe nahm mit dem Netz in verschiedenen Tiefen einige interessante Proben. Eine Lotung ergab am 26. Januar eine Tiefe von 360 Faden und am 29. Januar von 449 Faden. Es herrschte eine westliche Drift, und die Positionsbestimmung am Sonntag, dem 31. Januar, ergab, dass wir in einer Woche acht Meilen zurückgelegt hatten. James und Hudson bauten die drahtlose Funkstation auf, in der Hoffnung, die monatliche Nachricht von den Falklandinseln zu hören. Diese Nachricht sollte am nächsten Morgen um 3:20 Uhr gesendet werden, aber James bezweifelte, ob wir mit unserem kleinen Apparat über eine Entfernung von 1630 Meilen von der Sendestation überhaupt etwas hören konnten. Wir hörten tatsächlich gar nichts, und spätere Versuche schlugen ebenso fehl. Die Bedingungen wären auch für weitaus stärkere Empfänger schwierig gewesen.

Während dieser tagelangen Wartezeit legten wir uns allmählich einen Vorrat an Robbenfleisch zu. Zum einen brauchten die Hunde Futter, zum anderen stellten Robbensteaks und -leber an Bord der Endurance eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan dar. Vier Krabbenfresserrobben und drei Weddellrobben kamen uns am 2. Februar vor die Flinte. Das bedeutete über eine Tonne Fleisch für Hunde und Besatzung, und alle Mann waren fast den ganzen Tag lang damit beschäftigt, die Kadaver über das buckelige Eis zum Schiff zu bringen. Wir richteten drei Schlitten so her, dass sie von den Männern gezogen werden konnten, und beförderten die Robben zwei Meilen weit. Die Schlitten wurden aus dem Krähennest per Signalmast um Erhebungen und Wasserlöcher herumgeleitet. Auf der anderen Seite eines großen Eislochs sichteten die Männer zwei weitere Robben, doch gab ich keine Erlaubnis, sie zu verfolgen. Die Eisfläche war sehr trügerisch, Spalten und Löcher waren mit einer dünnen Eisschicht überzogen, und ich wollte kein Unglück riskieren.

In der Scholle am Heck des Schiffes öffnete sich am 3. Februar ein etwa vier Meilen langer Riss. Die schmale Rinne vor dem Schiff war noch immer offen, aber die vorherrschende leichte Brise schienen nicht in der Lage, das Eis in eine günstige Bewegung zu versetzen. Früh am Morgen des 5. Februars zog von Nordost ein Sturm heran, der Wolken und starken Schneefall mit sich brachte. Das Packeis öffnete und schloss sich immer wieder mal, ohne es insgesamt zu lockern. Mittags ging ein jäher Ruck durchs Schiff und es neigte sich um drei Grad zur Seite. Unmittelbar darauf verlief ein Riss vom Bug zu der Wasserrinne vor uns und ein anderer zu der Wasserrinne hinter uns. Ich dachte, es sei vielleicht möglich, das Schiff durch eine dieser Rinnen in offenes Wasser zu manövrieren, aber aufgrund des dichten Schnees konnten wir kein Wasser erkennen. Bevor nun die Kessel angeheizt waren und während noch immer schlechte Sicht herrschte, schloss sich das Packeis bereits wieder. Am 6. Februar war der Sturm aus Nord einer leichten Brise aus West gewichen. Das Packeis schien fester als je zuvor. Es erstreckte sich in alle Richtungen fast ohne Brüche bis zum Horizont. In den folgenden Tagen verschlechterte sich die Lage aufgrund sehr niedriger Temperaturen. In der Nacht des 7. Februar sank das Thermometer auf – 17° Celsius und am 8. Februar sogar auf – 19° Celsius. Diese Kältewelle mitten im antarktischen Sommer kam uns höchst ungelegen, weil sie das Packeis zementierte und den Druck des Eises auf das Schiff weiter verstärkte. Die langsame Drift nach Südwest hielt an. Hin und wieder erhaschten wir am östlichen Horizont einen Blick auf entferntes Hügelland. Unsere Position am 7. Februar war 76° 57' S und 35° 7' W. Lotungen am 6. und 8. Februar ergaben Gletscherschlamm bei 630 und 529 Faden Tiefe.

Am 9. Februar lag die Endurance in einem Wasserloch, das von einer Schicht jungem Eis bedeckt war. Die festen Eisschollen hatten ihren Griff um das Schiff gelockert. Es war neblig und wir bemerkten, wie eine leichte nördliche Dünung durch das Packeis lief. Diese Bewegung ließ hoffen, dass es in unserer Nähe offenes Wasser gab. Um 11 Uhr entstand ein großer Riss im Packeis, der von Ost nach West verlief und so weit reichte, wie wir im Nebel sehen konnten. In der Hoffnung, in diese Lücke vorstoßen zu können, gab ich Order, die Kessel anzuheizen. Der Versuch schlug jedoch fehl. Zwar konnten wir das junge Eis in dem Wasserloch durchbrechen, doch das Packeis hielt uns stand. Am 11. Februar machten wir bei schönem Wetter und blauem Himmel einen erneuten Versuch. Es herrschte noch immer eine niedrige Temperatur, – 19° Celsius um Mitternacht. Nachdem die Endurance etwas von dem jungen Eis durchbrochen hatte, blieb sie in einer weichen Eisscholle stecken. Die Maschinen liefen volle Kraft zurück, konnten aber nichts ausrichten, sodass alle Mann helfen mussten, das Schiff »rauszuhauen«. Wegen der Verschläge für die Hunde mittschiffs mussten die Männer sich achtern versammeln, wo sie in dem begrenzten Raum ums Steuerrad herum alle auf einmal von einer Seite auf die andere rannten. Es war eine leicht groteske Angelegenheit, wie die Männer unter Rufen und Lachen übereinander purzelten, ohne viel zu bewirken. Das Schiff blieb weiter feststecken, während alle Mann auf Kommando lossprangen, kam dann aber schließlich frei, als alle doppelt so hart aufstampften. Wir waren jetzt in der Lage, jede Öffnung, die sich auftun würde, zu nutzen. Das Eis um uns herum war fest, und da es nicht danach aussah, dass wir an diesem Tag noch weiterkommen sollten, ließ ich ein Stahlseil und den Motorschlitten für eine Testfahrt auf die Eisscholle bringen. Der Motor funktionierte einwandfrei und legte in einer Stunde etwa sechs Meilen über Unebenheiten und Spalten im Eis zurück, die mit ein oder zwei Fuß lockerem Schnee bedeckt waren. Die Eisoberfläche schien schlechter beschaffen, als wir es bei Eis auf Festland oder Barriere erwartet hatten. Der Motorschlitten wand sich an dem 500 Faden langen Stahlseil selbst zurück und wurde wieder an Bord gehievt. »Der Ausguck im Mastkorb wurde ständig von den Luftspiegelungen genarrt. Alles hatte etwas Unwirkliches. Eisberge hingen kopfüber in der Luft. Die Landmasse wirkte wie eine silberne oder goldene Wolkenschicht. Wolkenbänke sahen wie Land aus, Eisberge tarnten sich als Inseln oder Nunataks, und wir konnten die ferne Barriere im Süden erkennen, obwohl sie sich eigentlich außer Sichtweite befand. Am Schlimmsten war jedoch der trügerische Anschein offenen Wassers, verursacht durch die Spiegelung weit entfernten Wassers, oder weil die Sonne in einem bestimmten Winkel auf eine glatte Schneefläche fiel, oder auf Eisklippen hinter dem Horizont.«

Die zweite Februarhälfte brachte keine grundlegende Veränderung unserer Situation. Früh am Morgen des 14. Februars ließ ich die Kessel ordentlich anheizen und schickte alle Mann mit Eispickeln, Spießen, Sägen und Spitzhacken auf die Eisscholle. Wir arbeiteten den ganzen Tag und auch den Großteil des nächsten, um das Schiff mit einem anstrengenden Kraftakt in die vor uns liegende Wasserrinne zu bekommen. Die Männer brachen das junge Eis vorm Bug auf und zogen es mühevoll beiseite. Nach vierundzwanzig Stunden Arbeit hatten wir das Schiff ein Drittel der Strecke bis zur Rinne vorangebracht. Aber noch immer trennten die Endurance etwa vierhundert Yard massiven Packeises vom Wasser. Widerstrebend musste ich eingestehen, dass jede weitere Anstrengung vergeblich war. Jede Öffnung, die wir schlugen, fror wegen der für diese Jahreszeit ungewöhnlich niedrigen Temperaturen sofort wieder zu. Das junge Eis war elastisch, sodass das Schiff es nicht mit einem kräftigen Schlag des Bugs spalten konnte. Darüber hinaus hinderte es das alte Eis an jeglicher Bewegung. Das Einstellen unserer Bemühungen war für alle eine große Enttäuschung. Die Männer hatten viele Stunden lang unermüdlich gearbeitet und einen Erfolg verdient. Doch diese Aufgabe überstieg unsere Kräfte. Ich gab die Hoffnung, wieder freizukommen, nicht auf, rechnete aber nun mit der Möglichkeit, den Winter in den unwirtlichen Fängen des Packeises verbringen zu müssen. Die Sonne, die seit zwei Monaten über dem Horizont gestanden hatte, ging um Mitternacht des 17. Februars unter. Auch wenn sie nicht vor April verschwinden würde, warnten ihre schräg einfallenden Strahlen uns vor dem Kommen des Winters. Gelegentlich öffneten sich Wasserlöcher und Rinnen, aber sie froren immer wieder schnell zu.

Wir legten uns weiterhin einen Vorrat an Robbenfleisch und Tran zu. Die Jagdausflüge über die Eisschollen stellten zudem eine willkommene Betätigungsmöglichkeit für die Männer dar. Die drei Krabbenfresserrobben, die wir am 21. Februar schossen, waren Kühe und wurden nicht von einem Bullen begleitet. Am Loch, aus dem sie gestiegen kamen, war Blut zu sehen. Wir vermuteten, dass der Bulle einem Schwertwal als Beute gedient hatte. Diese aggressiven Tiere waren in den Wasserrinnen und Eislöchern häufig anzutreffen, und wir blieben stets skeptisch, ob sie zwischen einer Robbe und einem Menschen unterscheiden konnten oder wollten. Ein echsenartiger Kopf kam zum Vorschein, wenn der Wal mit bösen Augen eine Eisscholle ausspähte. Dann tauchte das Raubtier ab, um wenige Augenblicke unter einer unglücklichen Robbe, die auf dem Eis ruhte, wieder emporzuschießen. Worsley untersuchte eine Stelle, wo ein Schwertwal in zwölfeinhalb Zoll starkes Eis ein Loch von acht mal zwölf Fuß geschlagen hatte. Dort waren dicke Eisbrocken auf die Scholle geschleudert worden. Einmal war Wordie damit beschäftigt, die Dicke des Eises zu messen, als er dabei bis zur Hüfte ins Wasser fiel und in einer benachbarten Rinne ein Schwertwal zum Blasen auftauchte. Hastig zogen ihn seine Kollegen wieder heraus.

Am 22. Februar erreichte die Endurance den südlichsten Punkt auf ihrer Drift und berührte auf einer Länge von 35° W den 77. Breitengrad.

Der Sommer war vorüber, ja, eigentlich hatten wir gar keinen richtigen Sommer erlebt. Die Temperaturen blieben Tag und Nacht im Keller und das Packeis fror rund ums Schiff immer fester zu. Am 22. Februar um 2 Uhr maß das Thermometer – 23° Celsius. Einige Stunden zuvor hatten wir im Süden einen herrlichen goldenen Nebel beobachtet, wo die Strahlen der untergehenden Sonne den vom Eis aufsteigenden Dampf anstrahlten. Unter solchen Bedingungen verschwinden alle gewohnten Perspektiven, und die niedrigen Kämme des Packeises mit dem Nebel dazwischen vermittelten die Illusion eines wilden Gebirges wie im Berner Oberland. Es konnte keinen Zweifel mehr geben, dass die Endurance für den Winter eingeschlossen blieb. Leichte Brisen aus Ost, Süd und Südwest konnten die Eisschollen nicht am Zusammenfrieren hindern. Die Robben verschwanden und die Vögel verließen uns. Das Land am Horizont schien noch immer schönes Wetter zu haben, aber es lag für uns jetzt außer Reichweite, und es war müßig, den hinter uns liegenden Landungsstellen nachzutrauern.

»Wir müssen auf den Frühling warten, der uns vielleicht mehr Glück beschert. Hätte ich vor einem Monat vorausgeahnt, dass uns das Eis hier festhalten würde, hätte ich unser Basislager an einem der Landungsplätze an dem großen Gletscher aufgeschlagen. Aber es schien kein Grund zu der Annahme zu geben, dass sich das Schicksal als dermaßen unfreundlich erweisen würde. Diese ruhige Wetterlage mit extremer Kälte ist während des Sommers höchst außergewöhnlich. Meine Hauptsorge gilt jetzt der Drift. Wo werden die unsteten Winde und Strömungen das Schiff während der langen, vor uns liegenden Wintermonate hintreiben? Es wird Richtung Westen gehen, das war klar, aber wie weit? Und würde es möglich sein, gleich zu Beginn des Frühlings aus dem Packeis auszubrechen und die Vahselbucht oder einen anderen geeigneten Landungsplatz zu erreichen? Diese Fragen waren für uns von großer Tragweite.«

Am 24. Februar stellten wir die routinemäßigen Schiffswachen ein und machten die Endurance zum Winterquartier. Die ganze Besatzung verrichtete tagsüber ihren Dienst und schlief nachts, außer einer Wache, die nach den Hunden schaute und achtgab, ob sich irgendetwas im Eis bewegte. Um Steuerruder und Schiffsschraube schafften wir einen freien Raum von zehn mal zwanzig Fuß, indem wir das zwei Fuß starke Eis zersägten und die Blöcke mit einer vom Schiffzimmermann gebauten Greifzange aus dem Wasser hoben. Crean benutzte die Blöcke, um für die Hündin Sally, die die Expedition um einen kleinen Wurf Welpen verstärkt hatte, eine Eishütte zu bauen. Hin und wieder tauchten Robben auf, und wir erlegten alle, die in unsere Reichweite kamen. Sie bedeuteten sowohl Brennstoff als auch Nahrung für Mannschaft und Hunde. Es wurde Order gegeben, achtern die Laderäume zu leeren und die Vorräte zu überprüfen, um genau zu wissen, womit wir für die Belagerung durch den antarktischen Winter gerüstet waren. Am nächsten Tag verließen die Hunde das Schiff. Ihre Hütten wurden auf der Eisscholle errichtet, entlang eines Drahtseils, an dem wir ihre Leinen befestigten. Die Tiere schienen von Herzen froh zu sein, das Schiff verlassen zu dürfen, und kläfften laut und fröhlich, als sie ihre neuen Quartiere bezogen. Kaum hatten wir mit dem Training für die Gespanne begonnen, gab es schon große Rivalitäten zwischen den Schlittenführern. Die flachen Eisschollen und gefrorenen Wasserrinnen in der Nähe des Schiffs waren hervorragende Sportplätze. Hockey und Fußball gehörten zu unseren beliebtesten Abwechslungen, und alle Mann nahmen voller Eifer an diesen Spielen teil. Am 26. Februar stieg Worsley mit einigen Mann auf die Eisscholle und begann eine Reihe von Iglus und »Hundlus« um das Schiff herum zu bauen. Diese kleinen Gebäude wurden nach Eskimoart aus großen Eisblöcken und dünnen Eisplatten für die Dächer errichtet. Darauf legte man Planken oder gefrorene Robbenfelle, verteilte über allem Schnee und presste ihn in die Ritzen, und zum Schluss goss man Wasser drüber, um dem ganzen Gebilde Festigkeit zu verleihen. Innen wurde das Eis geglättet und für die Hunde mit Schnee bestreut, die jedoch lieber draußen schliefen, außer bei ganz schlechtem Wetter. Das Anleinen der Hunde war eine einfache Angelegenheit. Wir steckten das Ende der Kette etwa acht Zoll tief in den Schnee, drückten einige Eisstückchen dagegen und gossen ein wenig Wasser drüber. Der eisige Atem der Antarktis ließ augenblicklich alles steinhart gefrieren. Vier kranke Hunde mussten erschossen werden. Ein paar der Tiere litten schrecklich unter Würmern, und alle Heilmittel, die uns zur Verfügung standen, zeigten leider keine Wirkung. Alle gesunden Hunde trainierten mit den Schlitten und waren begeistert bei der Sache. Manchmal führte ihr Eifer, auf und davon zu laufen, zu komischen Situationen, aber die Schlittenführer lernten, auf der Hut zu sein. Unser Funkgerät blieb noch immer aufgebaut, doch lauschten wir Samstagnacht vergeblich auf die Zeitsignale von der Neujahrsinsel, deren Sendung eigens für uns von der argentinischen Regierung angeordnet worden war. Am Sonntag, dem 28. Februar wartete Hudson um 2 Uhr auf das monatliche Signal aus Port Stanley, konnte aber nichts hören. Die Entfernungen waren eindeutig zu groß für unsere kleine Anlage.

32Ross: James Clark Ross, 1800–1862, britischer Marineoffizier und Polarforscher, erreichte im antarktischen Sommer 1842–43 im Weddellmeer die südliche Breite von 71° 30'.

33Wasserhimmel: engl. water-sky, ein Lichtphänomen, das vornehmlich in den Polarregionen auftaucht, wobei die Unterseiten von Wolken dunkel oder schwarz erscheinen, wenn sie über einer offenen Wasserfläche liegen, weshalb man diese Erscheinung zum Navigieren nutzen kann.

34Kabellänge: etwa 185 m.

35Nunatak: Bezeichnet einen isoliert aus Eismassen aufragenden Felsen.

KAPITEL 3
Wintermonate

Der März begann mit einem schweren Nordoststurm. Am Morgen des 1. März schossen wir auf der Eisscholle fünf Weddell- und drei Krabbenfresserrobben. Während die Kadaver auf den Schlittengespannen zum Schiff gebracht wurden, setzte ein Wind mit feinem Schneetreiben ein. Die Männer sahen sich gezwungen, einen Teil der Beute aufzugeben und sich im angreifenden Sturm über das unebene Eis zum Schiff zurückzukämpfen. Der Sturm hielt bis zum 3. März an, und alle Mann waren damit beschäftigt, das Zwischendeck zu räumen, das in einen Wohn- und Speiseraum für die Offiziere und Wissenschaftler umgebaut werden sollte. Der Schiffszimmermann stellte dort den Ofen auf, der eigentlich für unsere Hütte an Land vorgesehen gewesen war, so wurde es ein ganz behagliches Quartier. Den Hunden schien der Blizzard nichts auszumachen. Hin und wieder tauchten sie aus dem Schneegestöber auf um sich zu schütteln und zu bellen, aber die meiste Zeit waren sie damit zufrieden, eng zusammengerollt unter dem Schnee zu liegen. In der Nacht vom 2. März starb Saint, einer der alten Hunde. Der Doktor stellte eine Blinddarmentzündung als Todesursache fest.

Als der Sturm abgezogen war, entdeckten wir, dass das Packeis noch stärker von Nordost hereingedrückt worden war und sich weiter verfestigt hatte. Am nördlichen Horizont tauchte ein neuer Eisberg von etwa fünfzehn Meilen Länge auf. Die Eisberge in unserem Gesichtskreis waren alle zu alten Vertrauten geworden, von denen wir einigen sogar Namen gegeben hatten. Offenbar drifteten alle zusammen mit dem Packeis. Die Sichtung eines neuen Eisbergs war von mehr als beiläufigem Interesse, da es in diesem vergleichsweise flachen Meer möglich war, dass ein großer Berg strandete. Dann würde diese Insel aus Eis inmitten des treibenden Packeises ein Hindernis und ein Zentrum enormen Drucks darstellen. Wir hatten schon einmal beobachtet, wie ein Eisberg und eine Scholle sich gegenseitig zerquetschten, und wollten mit der hilflosen Endurance keinesfalls in einen solchen Kampf der Giganten hineingeraten. Am 3. März mussten wir Robbenfleisch und Tran auf den Eishügeln rund um das Schiff neu verstauen. Die gefrorene Masse war in die Oberfläche der Eisscholle eingesunken. Auch wenn Eis hart und fest ist, gibt es schweren Gewichten nach. Ein Gegenstand, den man für eine Weile auf einer Eisscholle liegen lässt, wird langsam darin einsinken. Dann sickert Salzwasser durch und der Gegenstand verschmilzt fest mit der Scholle.

Nach dem Sturm klarte das Wetter auf, und wir konnten öfters das Phänomen von Nebensonnen beobachten. Tiefe Minustemperaturen waren die Regel. Am 6. März wurden – 30° Celsius gemessen. Wir fertigten für die Hunde Matratzen an, indem wir Säcke mit Stroh und Lumpen vollstopften. Die meisten Tiere waren froh, ihre Hütten damit ausgelegt zu bekommen. Einige von ihnen hatten darunter gelitten, dass der Schnee durch ihre Körperwärme unter ihnen geschmolzen und dann im Fell festgefroren war. Die Wissenschaftler der Expedition waren die ganze Zeit beschäftigt. Der Meteorologe hatte seine Wetterstation, die aus Windmesser, Barograph und Thermograph bestand, am Heck aufgebaut. Der Geologe machte das Beste aus einer für ihn ungünstigen Lage, blieb aber auch nicht gänzlich ohne Forschungsmaterial. Die Kiesel, die sich in den Pinguinen fanden, lohnten oft eine nähere Untersuchung, und mit Senkblei und Netz holten wir zudem Gesteinsbrocken vom Meeresgrund herauf. Am 7. März fanden Wordie und Worsley auf einem Eisbrocken einige kleine Kiesel, ein Stück Moos, eine komplette zweischalige Muschel und etwas Staub und brachten ihre Schätze stolz an Bord. Clark warf in den Wasserrinnen häufig das Netz aus und holte massenhaft Plankton ein, zuweilen mit Beifängen von größerem wissenschaftlichem Interesse. Es gab nur noch wenige Robben, aber unser Vorrat an Fleisch und Tran wuchs allmählich. Alle Mann aßen mit Appetit Robbenfleisch und waren nicht erpicht darauf, die Dosenfleischvorräte der Expedition anzubrechen. Wir gaben der Krabbenfresserrobbe den Vorzug vor der Weddellrobbe, die ein recht träges Vieh war. Die Krabbenfresserrobbe schien gesünder und reinlicher zu sein. Die Schwertwale begleiteten uns noch immer. Am 8. März untersuchten wir eine Stelle, wo das Scholleneis mit einem Schlag von unten durchbrochen worden war, vermutlich von einem großen Wal auf der Suche nach einem Loch zum Luftholen. Die dabei aufgewendete Kraft schien erstaunlich. Drei Fuß dicke Platten, die mehrere Tonnen wiegen mochten, lagen im Umkreis von fünfundzwanzig Fuß verstreut um das Loch herum, vom dem zwanzig Fuß lange Risse ausgingen.

Die Einrichtung des Zwischendecks war am 10. März abgeschlossen und die Männer bezogen die neuen Kajüten. Die größte beherbergte Macklin, McIlroy, Hurley und Hussey und erhielt den Namen »The Billabong«. Clark und Wordie wohnten gegenüber in der Kajüte »Auld Reekie«. Daneben lag die Unterkunft der »Nuts« oder Ingenieure, gefolgt von »The Sailor’s Rest«, bewohnt von Cheetham und McNeish. Auf der anderen Seite lagen »The Anchorage« und »The Fumarole«. Das neue Quartier bekam den Namen »The Ritz«36, und von nun an wurden die Mahlzeiten hier statt in der Offiziersmesse eingenommen. Frühstück gab es um 9 Uhr, Mittag um 13 Uhr und Abendbrot um 18 Uhr. Wild, Marston, Crean und Worsley richteten sich Kabinen in der Offiziersmesse ein. Bis zur Monatsmitte hatten sich alle in die Winterroutine eingewöhnt. Ich hauste weiterhin alleine achtern in meiner Kajüte.

Worsley, Hurley und Wordie unternahmen am 11. März einen Ausflug zu einem großen Eisberg, den wir Rampart-Eisberg37 nannten. Die Entfernung dorthin betrug siebeneinhalb Meilen. Insgesamt legte die Gruppe eine Strecke von siebzehn Meilen zurück. Hurley machte einige Fotoaufnahmen, und Wordie kam glücklich mit etwas Staub und Moos zurück.

»Im Umkreis einer Meile des Eisbergs«, schrieb Worsley, »gibt es dünnes junges Eis, das stark genug ist, um vorsichtig darauf zu gehen. Die Zone gefährlichen Drucks, was das Schiff betrifft, scheint nicht weiter als eine Viertelmeile um den Berg herumzureichen. In diesem Bereich gibt es Spalten und eine ständige leichte Bewegung, was für den Polarforscher ungemütlich werden kann, wenn er spürt, wie ein Stück Eis langsam unter seinem Fuß wegsackt. Nah am Eisberg verursacht der Druck alle möglichen Arten von bizarren Geräuschen. Wir hörten das Klopfen von Hämmern, Grunzen, Stöhnen und Quietschen, wir hörten elektrische Straßenbahnen fahren, Vögel singen und Wasserkessel pfeifen, und hin und wieder ein Zischen, wenn sich ein großes Stück Eis aus der Spannung löste und plötzlich hochschnellte oder umkippte. Wir beobachteten die seltsamsten Phänomene, etwa riesige Blasen oder Dome aus Eis, vierzig Fuß breit und vier oder fünf Fuß hoch. Enorme biegsame Pfannkuchenscheiben lagen überall auf den Schollen verteilt. An einer Stelle zählten wir fünf solcher Scheiben, jede zweieinhalb Zoll dick, die wie Schuppen übereinanderlagen. Sie sahen aus, als seien sie aus Gerstenzucker gemacht und sehr glatt.«

Am 14. März betrug unsere Mittagsposition 76° 54' S und 36° 10' W. In Südost konnte man in etwa sechsunddreißig Meilen Entfernung undeutlich Land erkennen. Vom Schiff aus entdeckten wir auch einige schmale Wasserrinnen, aber das Eis in der unmittelbaren Umgebung war alles fest. Die Endurance driftete noch immer Richtung Nordwest.

Am 15. März ließ ich die Befeuerung der Kessel einstellen. Damit sparten wir den Verbrauch von zwei Zentnern Kohle pro Tag, den es erforderte, das Einfrieren der Kessel zu verhindern. In den Bunkern lagerten jetzt noch zweiundfünfzig Tonnen Kohle. Die Öfen benötigten jeden Tag etwa zweieinhalb Zentner. Es würde im Frühjahr ohnehin nicht mehr viel Kohle zum Anheizen der Maschinen übrig sein, aber ich hoffte, die Vorräte mit Tran strecken zu können. Ein leichter Sturm aus Nordost brachte am 17. März feinen, durchdringenden Schneefall mit sich. Am Abend klarte es auf, und ein purpurfarbener Sonnenuntergang betörte unsere Augen. Zugleich wurden die Eisklippen vom Festland durch eine Luftspiegelung an den Himmel geworfen und wiederum von der Wasseroberfläche reflektiert, obwohl das Land selbst eindeutig außer Sichtweite lag. Dieses Schauspiel wiederholte sich am nächsten Tag noch einmal in gesteigerter Form, als die Eisklippen zweifach und dreifach, zum Teil auf dem Kopf stehend, über den Horizont projiziert wurden. Diese Luftspiegelung wurde wahrscheinlich von offenen Wasserrinnen unweit der Küstenlinie hervorgerufen. Die Temperatur des Wassers liegt um etliche Grad über der der Luft, sodass dort warme Schichten aufsteigen. Eine Lotung ergab 606 Faden bei einem Meeresboden aus Gletscherschlamm. Sechs Tage später, am 24. März, betrug die Tiefe 419 Faden. Wir drifteten unablässig weiter, und die ständige Bewegung in Verbindung mit dem Auftauchen von Rinnen in Küstennähe brachte mich zu dem Entschluss, dass wir an Bord bleiben mussten, bis das Schiff freikam. Ich hatte erst die Möglichkeit in Betracht gezogen, im Frühjahr eine Landung über das Eis hinweg vorzunehmen, aber die Risiken eines solchen Vorhabens wären allzu groß gewesen.

Das Training der Hunde an den Schlittengespannen machte gute Fortschritte. Die Gespannführer benutzten die Befehle »Mush« (weiter), »Gee« (rechts), »Haw« (links) und »Whoa« (halt). Diese Worte, die ursprünglich aus England stammten, hatten die kanadischen Schlittenführer schon vor langer Zeit übernommen. Zuerst entspannen sich viele Kämpfe, bis die Hunde gelernt hatten, auf ihrem Platz zu bleiben und ihre Aufgabe zu erfüllen, aber im Laufe der Tage funktionierte das immer besser. Jedes Gespann hatte sein Leittier, und die Leistung hing wesentlich von der Bereitschaft und der Fähigkeit dieses Hundes ab, Drückebergerei und Ungehorsam zu bestrafen. Wir lernten, uns nicht in diese disziplinarischen Maßnahmen einzumischen, solange sie keinen tödlichen Ausgang zu nehmen drohten. Wenn sie wollten, konnten die Gespannführer auf dem Schlitten sitzen und so bequem vorankommen. Doch wegen der vorherrschenden Temperaturen war diese Art der Fortbewegung unbeliebt, deshalb bevorzugten es die Männer für gewöhnlich, neben den Gespannen zu gehen oder zu laufen. Noch immer verloren wir Hunde durch Erkrankungen, die von Magen- und Darmwürmern verursacht wurden.

Es gehörte zu den täglichen Aufgaben, in verschiedenen Tiefen mit dem Netz Proben zu nehmen. Das Netz und einige Hundert Faden Kabel ergaben ein Gewicht, das die bloße Muskelkraft der Forscher bei Weitem überforderte.

Am 23. März ließen wir zum Beispiel ein zwei Fuß langes Netz und 650 Faden Kabel hinab. Das Netz wurde vier Stunden später wieder eingeholt und enthielt eine große Menge Gletscherschlamm, verschiedene Kieselsteine und Gesteinsbrocken, drei Schwämme und einige Würmer, Brachiopoden und Foraminiferen38. Der Schlamm bereitete große Schwierigkeiten. Er ließ sich nur schwer heben und gefror schnell, wenn er an die Oberfläche kam, sodass es nicht einfach war, die darin eingebetteten biologischen Proben zu bergen. Am 26. März holten wir ein Netz ein, das für den Geologen wahre Schätze enthielt, und zwar einen fünfundsiebzig Pfund schweren Sandsteinbrocken, ein Stück fossilen Kalksteins, ein gestreiftes Schieferfragment, Sandsteinschotter und einige Kiesel. Das Netz von Hand einzuziehen, bedeutete harte Arbeit, daher benutzten wir am 24. März den Girling Tractor39, der in dreißig Minuten mit Unterbrechungen fünfhundert Faden Leine einholte. Eine der Unterbrechungen wurde von Wasser verursacht, das über das Reibrad floss und gefror. Ein oder zwei Tage später hörten wir auf der Eisscholle einen lauten Schrei und sahen, wie Clark dort herumtanzte und schottisches Kriegsgeheul anstimmte. Er hatte sein erstes vollständig erhaltenes Exemplar eines antarktischen Fisches geborgen, offenbar eine neue Spezies.

Immer wieder gab es Luftspiegelungen. Am 29. März tauchten die Klippen der Barriere rund um uns herum auf, auch an Stellen, wo mit Sicherheit tiefes Wasser war.

»Eisberge und Packeis werden an den Himmel projiziert und zu den fantastischsten Formen verzerrt. Sie steigen zitternd empor, breiten sich auf verschiedenen Ebenen in langen Reihen aus und zerfallen dann wieder, ohne etwas zu hinterlassen außer einem verschwommenen, flimmernden Fleck, der kommt und geht. Gerade wird der Fleck größer, bis er die vollkommene Form eines Eisbergs annimmt, der am Horizont auf dem Kopf steht, mit einem darüber schwebenden Schatten. An verschiedenen Punkten des Horizonts erscheinen weitere Flecke. Sie zerfließen zu langen Linien, die sich treffen, und schon sind wir umgeben von glitzernden, schneebedeckten Klippen, umspült von täuschend echtem Wasser, in dem sie sich getreu widerspiegeln. So kommen und gehen die Schatten in aller Stille, bis sie schließlich verschwinden, wenn im Westen die Sonne untergeht. Wir scheinen hilflos in einer fremden, unwirklichen Welt dahinzutreiben. Es war beruhigend, das Schiff unter den Füßen zu spüren und auf der festen Eisscholle die vertraute Reihe der Hundehütten und Iglus zu sehen.«

Die Eisscholle war jedoch nicht so fest, wie sie erschien. Wir wurden zuweilen daran erinnert, dass die räuberische See ganz nah war und die Eisscholle nur ein trügerischer Freund, der plötzlich unter uns nachgeben konnte. Gegen Ende des Monats ließ ich unsere Vorräte an Fleisch und Tran von Bord bringen. Am letzten Tag im März verzeichneten wir bei einer Lotung eine Tiefe von 256 Faden. Die ständige Abnahme der Wassertiefe von 606 Faden bei einer Drift von neununddreißig Meilen Richtung N 26° W innerhalb von dreißig Tagen war interessant. Das Meer wurde zusehends flacher, während wir uns nach Norden bewegten, ob nach Ost oder West. Dieser Umstand legte nahe, dass die Tiefenlinien ungefähr in west-östlicher Richtung verliefen. Die gesamte Drift, die wir zwischen dem 19. Januar, als das Schiff festgefroren war, und dem 31. März, ein Zeitraum von einundsiebzig Tagen, zurückgelegt hatten, betrug fünfundneunzig Meilen in Richtung N 80° O. Die uns umgebenden Eisberge hatte ihre relative Position zu uns nicht verändert.

Die Sonne stand niedriger am Himmel, die Temperaturen sanken und die Endurance spürte den eisigen Griff des Winters. Zwei Nordoststürme Anfang April trugen dazu bei, das Packeis weiter zu verfestigen. Das junge Eis wurde schnell dicker, und auch wenn vom Schiff aus hin und wieder einzelne Wasserrinnen zu sehen waren, befand sich keine davon in unserer Nähe. Am frühen Morgen des 1. Aprils lauschten wir erneut auf die Funksignale aus Port Stanley. Die Besatzung hatte drei zwanzig Fuß lange Stangen an den Mastspitzen befestigt, um die Reichweite unserer Antennen zu erhöhen, aber wir konnten trotzdem nichts hören. Die Stangen mussten dann auch wieder entfernt werden, weil wir feststellten, dass das Tauwerk das Gewicht von dem sich ansammelnden Raureif nicht zu tragen vermochte. Lotungen ergaben, dass die Meerestiefe weiterhin abnahm, während die Endurance nach Nordwest driftete. Am 2. April betrug die Tiefe 262 Faden, der Meeresboden bestand aus Gletscherschlamm. Vier Wochen später betrug die Tiefe 172 Faden. Das Vorkommen von Schotter in den Bodenproben gegen Ende des Monats wies darauf hin, dass wir uns wieder dem Festland näherten.

Der Monat verlief keineswegs ereignislos. In der Nacht vom 3. April hörten wir das Eis im Osten knirschen, und am Morgen entdeckten wir, dass sich junges Eis stellenweise acht bis zehn Fuß hoch aufgetürmt hatte. Das war das erste Anzeichen einer Gefahr, die in den folgenden Monaten bedrohliche Ausmaße annehmen sollte. Am 4. April bemerkten wir, wie das Eis knirschte und knackte und das Schiff leicht vibrierte. Die Bewegungen der Eisscholle waren groß genug, um die magnetografischen Arbeiten zu beeinträchtigen. Ich gab Anweisung, die Ansammlungen von Schnee, Eis und Abfällen neben der Endurance wegzuschaufeln, damit beim Auftreten eines großen Drucks kein Gewicht gegen das Oberteil des Rumpfes drücken und so das Schiff daran hindern konnte, sich über das Eis zu heben. Alle Mann waren den ganzen Tag mit Hacken und Schaufeln beschäftigt, um einige Tonnen an Material zu beseitigen. Am 9. April gab es wieder Anzeichen von Druck. Junges Eis türmte sich hinter dem Schiff bis zu einer Höhe von elf Fuß auf, und im alten Eis zeigten sich Risse und Sprünge. Die Bewegung hielt sich in Grenzen, aber mir war klar, dass dies der Anfang von ernsthaften Schwierigkeiten für unsere Expedition bedeuten könnte. Wir brachten einige Vorräte an Bord und schafften an Deck Platz für die Hunde, für den Fall, dass sie schnell vom Eis geholt werden mussten. Wir hatten ein fünfhundert Faden langes Stahlseil um Schiff, Iglus und Hundehütten gezogen, mit einer Schleife zur vorderen Wasserrinne, wo wir das Netz auswarfen. Dieses Seil war an Eissäulen befestigt und diente als Führung bei schlechtem Wetter, wenn die Sicht durch Schneetreiben behindert war und man sich leicht verirren konnte. Ich ließ das Seil an fünf Stellen durchtrennen, ansonsten hätte es, wenn das Eis plötzlich brach, über unsere Quartiere hinwegwischen und großen Schaden anrichten können.

Die Hunde waren auf sechs Gespanne zu je neun Tieren verteilt worden. Wild, Crean, Macklin, McIlroy, Marston und Hurley führten jeweils ein Gespann und waren verantwortlich für Training und Fütterung ihrer Hunde. Im Krankheitsfall riefen sie einen der Ärzte zu Hilfe. Noch immer verloren wir Tiere durch Würmer, und leider verfügten die Mediziner über kein wirksames Heilmittel. Der erfahrene kanadische Hundeführer, den ich engagiert hatte, bevor wir Richtung Süden segelten, wollte eigentlich Wurmpulver besorgt haben. Dann konnte er aber nicht an der Expedition teilnehmen und die Sache geriet in Vergessenheit. Anfang April hatten wir noch vierundfünfzig Hunde und acht Welpen, aber etliche von ihnen kränkelten, und am Ende des Monats blieben nur fünfzig Hunde übrig. Unser Vorrat an Robbenfleisch belief sich inzwischen auf 5000 Pfund. Nach meiner Berechnung besaßen wir ausreichend Fleisch und Tran, um die Hunde neunzig Tage lang zu füttern, ohne die für die Schlittenfahrt vorgesehenen Rationen antasten zu müssen. Der schwerste Hund war Hercules, der sechsundachtzig Pfund auf die Waage brachte. Samson war elf Pfund leichter, machte seinem Namen aber alle Ehre, als er eines Tages mit einem Schlitten, der mit zweihundert Pfund Tran und dem Hundeführer beladen war, einfach lossprintete.

Am 14. April tauchte ein neuer Eisberg auf, der uns Grund zur Sorge machen sollte. Es war ein riesiger Eisberg, und wie er da am nordwestlichen Horizont lag, bemerkten wir, dass er an seiner östlichen Seite stark zerklüftet war. Im Laufe des Tages schien er noch größer zu werden und veränderte seine Lage nur leicht. Offenbar war er auf Grund gelaufen und widerstand dem driftenden Packeis. Eine Lotung um 11 Uhr ergab 197 Faden Tiefe bei einem harten steinigen oder felsigen Meeresgrund. Während der nächsten vierundzwanzig Stunden trieb die Endurance stetig diesem zerklüfteten Berg entgegen, dessen scheinbare Höhe sich derweil verdoppelte. Vom Mastkorb aus konnten wir erkennen, wie das Packeis gegen diesen Koloss drückte und sich vor ihm auftürmte. Man konnte sich leicht ausmalen, was mit dem Schiff geschehen würde, wenn es in diese Gefahrenzone geriet. Es würde in den zersplitternden Eismassen wie eine Eierschale zerquetscht werden.

Am Abend des 15. April saß Worsley im Mastkorb. Während er im Westen nach Anzeichen von Festland suchte, konnte er ein interessantes Phänomen beobachten. Die Sonne ging am Horizont in einem Glühen von allen Farben des Prismas zwischen den Wolken unter. Eine Minute später sah Worsley einen goldenen Schimmer, der zunehmend größer wurde. Mit einen Mal erschien die Sonne wieder und stieg als Halbkugel deutlich über den westlichen Horizont. Er rief nach Crean, der von seiner Position auf der Eisscholle, neunzig Fuß tiefer als der Mastkorb, ebenfalls die wieder aufgegangene Sonne sehen konnte. Dieses seltsame Phänomen muss seinen Grund in einer Luftspiegelung oder Lichtbrechung haben. Wir schrieben es einem Riss im Eis im Westen zu, wo eine offene Wasserfläche die Luftschicht erwärmt haben konnte.

Das Packeis driftete nicht gleichmäßig, sodass der zerklüftete Eisberg in den folgenden Tagen mal näher- und dann wieder weiter fortrückte, während die Endurance sich mit der Eisscholle bewegte. Am Sonntag, dem 18. April, war er nur noch sieben Meilen vom Schiff entfernt.

»Es handelt sich um einen großen Eisberg, auf der uns zugewandten Seite etwa eine dreiviertel Meile lang und gut über zweihundert Fuß hoch. Er ist stark zerklüftet, als ob er einst den Sérac40 eines Gletschers gebildet hätte. Zwei besonders tiefe und weite Klüfte, die sich von Südost nach Nordwest erstreckten, geben ihm das Aussehen, als habe er sich beim Auf-Grund-Laufen das Rückgrat gebrochen. Enorme Massen von Presseis werden gegen seine Klippen bis zu sechzig Fuß hoch aufgetürmt. Sie verraten den ungeheuren Druck, dem er vom andrängenden Packeis ausgesetzt ist. Der Eisberg muss fest auf Grund sitzen. Wir bringen immer wieder den Strömungsmesser zum Einsatz und beobachten gespannt, welche Richtung er anzeigt. Wird er direkt auf den Berg weisen, wir also auf den Eisberg zutreiben? Der Zeiger schwingt langsam herum. Er deutet erst auf die nordöstliche Spitze des Eisbergs, dreht dann zur Mitte und scheint zur Ruhe zu kommen. Dann bewegt er sich aber wieder und schwingt auf zwanzig Grad südwestlich von unserem Feind … Wir bemerkten, dass zwei uns vertraute Eisberge, der Rampart-Eisberg und der Peak-Eisberg, sich vom Schiff wegbewegen. Wahrscheinlich sind sie ebenfalls auf Grund gelaufen oder schleifen am Meeresboden entlang.«

Eine starke westliche Drift in der Nacht des 18. Aprils zerstreute dann unsere Sorgen, weil sie die Endurance auf die Leeseite des zerklüfteten Eisbergs trieb. Noch vor Ende des Monats war er aus unserem Blickfeld verschwunden.

Am 1. Mai mussten wir uns von der Sonne verabschieden und traten in eine Periode des Dämmerlichts ein, der die Dunkelheit des Winters folgen würde. Lediglich am Mittag erhellte die Sonne mithilfe der Lichtbrechung ein wenig den Horizont und ging kurz vor 14 Uhr wieder unter. Ein schönes Abendrot wurde von einem Vollmond gedämpft, der am 27. April aufgegangen war und nicht vor dem 6. Mai untergehen würde. Das Verschwinden der Sonne ist in den Polargebieten ein eher depressives Ereignis, wo die langen Wintermonate sowohl mentale wie körperliche Belastungen mit sich bringen. Doch die Gemeinschaft von der Endurance weigerte sich, ihre gewöhnliche gute Laune aufzugeben, und ein abendliches Konzert verwandelte das Ritz zu einem Ort lärmenden Frohsinns, der in seltsamen Kontrast zu der kalten und schweigenden Welt dort draußen stand.

»Jetzt, wo sich die lange Winternacht über uns legt, spüren wir unsere Hilflosigkeit. Wäre dieser Expedition das Glück hold gewesen, hätten wir inzwischen ein gemütliches und sicheres Basislager an der Küste bezogen, Depots in Richtung Süden angelegt und Pläne für den langen Marsch in Frühjahr und Sommer geschmiedet. Wo werden wir jetzt anlanden können? Die Zukunft lässt sich nur schwer vorhersagen. Das Eis öffnet sich vielleicht im Frühjahr, aber dann könnten wir schon weit im Nordwesten sein. Ich glaube nicht, dass wir uns bis zur Vahselbucht zurückarbeiten können. An der Westküste des Weddellmeers gibt es mögliche Landungsstellen, aber werden wir einen geeigneten Ort früh genug erreichen, um im nächsten Jahr die Kontinentalquerung anzugehen? Das wird allein die Zeit zeigen. Ich habe nicht den Eindruck, dass auch nur ein Mitglied der Expedition durch die Enttäuschungen entmutigt ist. Alle Mann sind munter und geschäftig und werden ihr Bestes geben, wenn die Zeit zum Handeln kommt. Bis dahin müssen wir warten.«

Die Position des Schiffes war am Sonntag, dem 2. Mai 75° 23' S und 42° 14' W. Die Mittagstemperatur betrug – 20,5° Celsius, und der Himmel war bedeckt. Der Ausguck sichtete um die Mittagszeit eine Robbe. Fünf Mann setzten der Beute mit zwei Hundegespannen nach. Das war ein ungemütliches Unterfangen dort draußen im dämmrigen, diffusen Licht, das keine Schatten warf und daher auch keine Warnung vor Unebenheiten auf der weißen Oberfläche gab. Es war ein komisches Gefühl, auf dem scheinbar glatten Schnee entlang zu laufen und plötzlich in ein unsichtbares Loch zu fallen oder gegen einen Huckel zu stoßen.

»Nachdem wir drei Meilen Richtung Osten gegangen waren«, schrieb Worsley im Bericht über diese Robbenjagd, »streiften wir hin und her, ohne etwas zu finden. Dann sah ich von einer kleinen Anhöhe aus irgendetwas in vielleicht einer Meile Entfernung liegen, wahrscheinlich war es aber nicht ganz so weit. Ich rannte darauf zu und entdeckte die Robbe. Sofort rief ich die anderen herbei. Es war eine große Weddellrobbe, über zehn Fuß lang und mehr als achthundert Pfund schwer. Soldier, einer der Leithunde, fuhr ihr augenblicklich an die Kehle, und wir mussten die Hunde fortprügeln, um die Robbe schießen zu können. In einem Eimer fingen wir für die Hunde fünf oder sechs Gallonen41 Blut auf und ließen die Tiere frisches Blut an der Robbe trinken. Auf dem Rückweg herrschten schlechtere Sichtverhältnisse als je zuvor, und wir kamen im Dunkeln an. Sir Ernest kam uns mit einer Sturmlaterne entgegen, führte uns erst zur hinteren Wasserrinne und dann zum Schiff.«

Es war die erste Robbe, die wir seit dem 19. März erlegt hatten. Ihr Fleisch und Tran bildete eine willkommene Ergänzung unserer Vorräte.

Am 3. Mai tauchten drei Kaiserpinguine in einer Wasserrinne westlich des Schiffs auf. Sie stießen ihre Köpfe durch das junge Eis, als gerade zwei Mann von uns danebenstanden. Die Männer ahmten den Ruf des Kaiserpinguins nach und watschelten nach Art der Pinguine langsam vom Wasser fort. Die Vögel sprangen einer nach dem anderen mit einem gewaltigen Satz von drei Fuß aus dem Wasser auf das junge Eis. Dann kletterten sie den Uferhang hoch und folgten den Männern. Ihr Rückzug zum Wasser wurde ihnen gleich darauf von uns anderen abgeschnitten.

»Wir gingen laut redend auf sie zu und nahmen eine bedrohliche Haltung an. Ungeachtet unseres schlechten Benehmens wandten sich die drei Vögel uns zu und verbeugten sich feierlich. Nach näherer Prüfung stellten sie fest, dass wir unangenehme Zeitgenossen waren, und machten sich über die Eisscholle hinweg davon. Wir nahmen die Verfolgung auf und trieben sie schließlich am Schiff in die Enge. Die wild kläffenden Hunde erschreckten sie so sehr, dass sie einen entschlossenen Versuch unternahmen, unsere Reihen zu durchbrechen. Wir schnappten sie uns. Ein Vogel ließ sich mit stoischer Miene an einer Flosse abführen. Die anderen leisteten Widerstand, konnten aber alle für die Nacht in einen Iglu gesperrt werden … Am Nachmittag sichteten wir fünf Kaiserpinguine an der westlichen Wasserrinne und nahmen einen gefangen. Kerr und Cheetham lieferten sich mit zweien der riesigen Vögel einen heldenhaften Kampf. Kerr stürzte sich auf den einen, packte ihn und wurde prompt von dem wütenden Pinguin niedergeschlagen, der noch einmal auf Kerrs Brust sprang, bevor er sich zurückzog. Cheetham eilte Kerr zur Hilfe. Sie griffen sich einen weiteren Pinguin und banden ihm den Schnabel zu. Der Vogel, der erstickte Proteste von sich gab, sah aus wie ein betrunkener alter Mann, der von zwei Polizisten zum Schiff abgeführt wurde. Er wog fünfundachtzig Pfund, also fünf Pfund mehr als der schwerste Kaiserpinguin, den wir bisher gefangen hatten. Kerr und Cheetham beharrten darauf, dass er noch gar nichts sei im Vergleich zu dem riesigen Burschen, der ihnen entkommen war.«

Der Magen des Pinguins war mit frischen Fischen gefüllt, einige von ihnen bis zu zehn Zoll lang. Sie stammten von Arten, die in Ufer- und Küstennähe vorkamen. Am folgenden Tag wurden zwei weitere Kaiserpinguine gefangen. Als Wordie einen davon zum Schiff brachte, kam Wild mit seinem Gespann vorbei. Die Hunde gerieten sofort außer Kontrolle und stürzten sich wie wild auf den Vogel. Sie hatten ihn schon fast erreicht, als ihr Geschirr an einem Eisstumpf, den sie auf beiden Seiten zugleich passieren wollten, hängen blieb. Das Ergebnis war ein brodelndes Wirrwarr aus Hunden, Riemen, Männern und einem umgekippten Schlitten, während der Pinguin sich das ganze Durcheinander aus drei Yard Entfernung ungerührt betrachtete. Er hatte nie zuvor so etwas gesehen und konnte sich nicht vorstellen, dass diese Aufregung ihm gelten könne. Um das Schiff herum hatten sich etliche Spalten aufgetan, aus denen in beträchtlicher Zahl Kaiserpinguine auftauchten, fett und mit glänzendem Gefieder. Am 6.Mai erlegten wir neun von ihnen, die einen wichtigen Beitrag zu unserer Verpflegung mit frischem Fleisch leisteten.

Die Sonne, die vor sieben Tagen »mit Sicherheit zum letzten Mal« erschienen war, überraschte uns, indem sie am 8. Mai mit mehr als ihrer halben Kugel über den Horizont stieg. Ein Glühen am nördlichen Horizont entpuppte sich um 11 Uhr als Sonne. Eine Viertelstunde später verschwand der für diese Jahreszeit ungewöhnliche Besucher wieder, nur um gegen 11:40 Uhr erneut aufzugehen, um 13 Uhr unterzugehen, um 13.10 aufzugehen und um 13.20 zögernd unterzugehen. Dieses kuriose Phänomen wurde durch eine Lichtbrechung in einem Winkel von 2° 37' verursacht. Die Temperatur betrug – 26° Celsius, und wir schätzten, dass das Licht um 2° abgelenkt wurde. Die Sonne war mit anderen Worten 120 Meilen weiter südlich zu sehen, als die Tabellen ihr zubilligen wollten. Der Steuermann war natürlich gekränkt. Er hatte der versammelten Mannschaft am 1. Mai erklärt, dass sie nun die Sonne siebzig Tage lang nicht sehen würden. Jetzt musste er die Sticheleien seiner Freunde ertragen, die andeuteten, dass er sich bei seinen Berechnungen wohl um ein paar Grad vertan hatte.

Die Endurance driftete unter dem Einfluss westlicher und südwestlicher Winde nach Nordnordost. Der Bug des Schiffes schwang zugleich allmählich nach links herum, was darauf hinwies, dass die Eisscholle, in der wir feststeckten, sich drehte. In der Nacht des 14. Mai erfolgte eine große Drehbewegung. Am Mittag des 15. Mai sahen wir bei Tageslicht, dass vom nordwestlichen Horizont eine breite Wasserrinne auf das Schiff zulief, bis sie auf die westliche Rinne traf, um das Schiff herumführte, und sich dann weiter Richtung Südsüdost erstreckte. Eine Wasserrinne am Heck des Schiffes verband sich auf beiden Seiten der Endurance mit dieser neuen Rinne und trennte unsere Eisscholle auf diese Art vollständig von dem Packeis ab. Am 16. Mai fegte ein Blizzard aus Südost über uns hinweg. Gegen 1 Uhr flaute er für fünf Minuten ab, dann sprang der Wind auf Nordwest und das Barometer schnellte empor. Das Auge eines Zyklons war über uns hinweg gezogen, und der Kompass zeigte eine außerordentlich schnelle Drehung der Eisscholle an. Ich konnte in dem Nebel und Schnee nichts erkennen und hielt es daher für möglich, dass ein magnetischer Sturm oder eine lokale Störung des Magnetfelds und nicht die Eisscholle die Kompassnadel in Bewegung versetzt hatten. Unsere Eisscholle erstreckte sich jetzt zweieinhalb Meilen von Nord nach Süd und drei Meilen von Ost nach West.

Im Monat Mai gab es ansonsten nur wenige besondere Vorkommnisse. Hurley, unser Mann für alles, installierte eine kleine elektrische Lichtanlage und brachte Lampen am Observatorium, der Wetterstation und anderen Stellen an. Wir mussten aber sehr sparsam mit dem elektrischen Licht umgehen. Hurley befestigte zudem zwei starke Leuchten an Stangen, die an Backbord und Steuerbord über die Reling hinausragten. Diese Scheinwerfer tauchten die »Hundlus« auch am düstersten Wintertag in strahlendes Licht und würden unschätzbare Dienste leisten, sollte die Eisscholle in der Dunkelheit zerbrechen. Man kann sich vorstellen, was es bedeutet, ohne ausreichende Beleuchtung fünfzig Hunde an Bord zu schaffen, während einem das Eis unter den Füßen zerbröselt. Der Empire Day42 am 24. Mai wurde mit dem Singen patriotischer Lieder im Ritz begangen, wo alle Mann sich einen schnellen Sieg der britischen Truppen wünschten. Wir konnten nicht wissen, wie der Krieg sich entwickelte, doch hofften wir, dass die Deutschen bereits aus Frankreich vertrieben wären und die russischen Armeen den Erfolg der Alliierten besiegelt hatten. Der Krieg war ständiges Thema unserer Gespräche an Bord der Endurance, und auf den Landkarten wurden während der langen Monate, die wir im Eis trieben, etliche Schlachten ausgetragen. Ende Mai zog der Mond hoch oben am sternenklaren Himmel beständig seine Bahn. Das Wetter war im Allgemeinen gut, die Temperaturen blieben stets tief im Minusbereich. Der Eintrag im Logbuch vom 27. Mai lautet:

»Die ganze Zeit bestes Wetter mit durchweg hellem Mondschein. Die Mondstrahlen sind ungeheuer stark und lassen Mitternacht so hell wirken wie ein gewöhnlicher bedeckter Mittag in gemäßigten Breiten. Die große Klarheit der Atmosphäre erklärt wahrscheinlich, warum bei uns acht Stunden lang ein Zwielicht mit einem schönen, sanften goldenen Glühen im Norden herrscht. An Deck gibt es manchmal Raureif und Glatteis. Die Temperatur beträgt – 29° Celsius. Ein paar verstreute Zirruswolken sind am Himmel zu sehen und in ein oder zwei Richtungen steigt ein wenig Frostrauch auf, aber die Risse und Rinnen um das Schiff herum scheinen wieder zugefroren zu sein.«

Crean hatte damit begonnen, die Welpen mit auf die Ausfahrten zu nehmen. Es war drollig anzusehen, wie sie es in ihrem purzelnden Lauf gerade eben schafften, mit dem Schlitten auf einer Höhe zu bleiben und gelegentlich hinüberschielten, in der Hoffnung, einmal mitfahren zu dürfen. Zusätzlich zu ihrem Pflegevater Crean hatten die Welpen Amundsen adoptiert. Sie schikanierten ihn gnadenlos. Oft sah man ihn, den größten Hund im Rudel, mit einer Miene philosophischer Abgeklärtheit draußen in der Kälte sitzen, während ein pummeliger Welpe den Eingang zu seinem »Hundlu« versperrte. Der Eindringling war für gewöhnlich der Welpe Nelson, von dem man bloß Vorderpfoten und Gesicht sah, und hinter ihm lagen garantiert Nelly, Roger und Toby behaglich zusammengerollt. Zu den Fütterungszeiten musste Crean sich neben Amundsen postieren, sonst hätten die Welpen dem großen Hund seine Ration weggefressen, während er sie gewähren ließ. Wenn sie manchmal ihr schlechtes Gewissen plagte, schleppten sie einen Robbenkopf, einen halben Pinguin oder einen großen Brocken gefrorenes Fleisch oder Tran als Miete zu Amundsens Hütte. Es war interessant zu beobachten, wie der riesige Hund mit ihnen spielte, sie an Kehle oder Nacken packte und grimmig knurrte. Dabei ging er in Wirklichkeit ganz sanft mit ihnen um, lehrte sie, sich in dieser Welt zu behaupten und zeigte ihnen alle Tricks, die sie in ihrem Hundeleben kennen mussten.

Den ganzen Juni hindurch trieb die Endurance ohne besondere Zwischenfälle weiter im festen Griff des Packeises. Manchmal entstand ein großer Druck, aber die unmittelbare Umgebung des Schiffes blieb stabil. Die Lichtverhältnisse waren jetzt sehr schlecht, außer zu den Zeiten, an denen ein freundlicher Mond über dem Horizont stand. Ein mattes Dämmerlicht um die Mittagszeit herum erinnerte uns jeden Tag an die Sonne und half uns bei der wichtigen Arbeit, die Hunde zu trainieren. Für die Hundegespanne zu sorgen war in diesen Tagen unsere größte Aufgabe. Die Bewegung der Eisscholle entzog sich jeder menschlichen Kontrolle. Man hatte nichts davon, wenn man sich zu sehr über die Probleme der Zukunft den Kopf zerbrach, auch wenn es zuweilen schwierig war, die Sorgen zu verdrängen. Die Pflege und das Training der Hunde schienen jedoch wesentlich, welches Schicksal uns auch erwarten sollte. Die Gespanne fuhren aus, wann immer das Wetter es erlaubte. Dabei kam es, wie nicht anders zu erwarten, zu gewissen Rivalitäten, und so fand am 15. des Monats ein großes Rennen, das »Antarctic Derby« statt, das Ereignis der Saison. Es wurde nach Kräften Wetteinsätze getätigt, jeder Mann an Bord hatte beim Rennen etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Manche hatten Geldsummen gesetzt, aber am spannendsten waren die Wetten, bei denen die Schokoladen- und Zigarettenvorräte auf dem Spiel standen. Die Rennstrecke verlief über eine Entfernung von etwa siebenhundert Yard vom Khyber Pass am östlichen Ende der alten Wasserrinne vor dem Schiff bis zu einer Stelle vor dem Klüverbaum. Im dämmrigen Zwielicht des Mittags traten bei – 18 Grad und einem schwachen Flackern des Polarlichts am südlichen Himmel fünf Gespanne gegeneinander an. Das Startsignal wurde mit einer Lampe an der Wetterstation gegeben. Ich war der Starter, Worsley der Wettkampfrichter und James der Zeitnehmer. Der Bootsmann stand mit einem Strohhut, um den er seine übliche Antarktiskleidung ergänzt hatte, auf einer Kiste neben dem Zieleinlauf. Ihm zur Seite standen einige zweifelhafte Charaktere, die die Quoten ausriefen, die auf einer Tafel standen, die dem Bootsmann um den Hals hing: 6 : 4 für Wild; 1 : 1 bei Crean; 2 : 1 gegen Hurley; 6 : 1 gegen Macklin und 8 : 1 gegen McIlroy. Auf einer improvisierten Zuschauertribüne flatterten Taschentücher aus Segeltuch, und die Welpen, die nie zuvor ein solch merkwürdiges Ereignis erlebt hatten, saßen davor und stimmten ein aufgeregtes Geheul an. Die Zuschauer konnten bei diesem trüben Licht nicht weit sehen, aber sie hörten die Rufe der näherkommenden Gespannführer und begrüßten den Sieg des Favoriten mit begeistertem Gebrüll, über das alle Robben und Pinguine der Umgebung wahrscheinlich höchst verwundert waren. Wild brauchte für die Strecke zwei Minuten und sechzehn Sekunden, was einer Geschwindigkeit von zehneinhalb Meilen pro Stunde entsprach.

Am 22. Juni feierten wir Wintersonnenwende. An diesem Tag herrschte etwa sechs Stunden lang Dämmerlicht. Um die Mittagszeit herum schien der Mond recht hell und am nördlichen Horizont leuchteten rosafarbenen Wolkenfetzen. Eine Lotung ergab 262 Faden und einen schlammigen Grund. Vom Mastkorb aus war kein Land in Sicht, obwohl unser Blickfeld ein volles Grad in den Westen reichte. Der Tag wurde als Feiertag betrachtet und nur die notwendigsten Arbeiten verrichtet. Nach dem besten Mahl, das der Koch hervorzaubern konnte, versammelten sich alle Mann im Ritz, wo der Abend mit Reden, Gesang und Toasts verbracht wurde. Nach dem Essen sangen wir um Mitternacht »God save the King« und wünschten uns Erfolg für die vor uns liegenden Aufgaben. Währenddessen driftete die Endurance unter Einwirkung einer frischen Brise aus Süd und Südwest ungewöhnlich schnell Richtung Norden. Innerhalb von fünf Tagen waren wir neununddreißig Meilen nach Norden getrieben worden, vor einem Wind, der nur ein Mal zu einem Sturm anschwoll, und das auch nur für eine gute Stunde. Das Fehlen von Starkwinden im Vergleich zu den beinahe unablässigen Winterstürmen im Rossmeer war ein Charakteristikum des Weddellmeers, das sich mir in den Wintermonaten einprägte.

Ein paar Tage nach dem »Derby« fand ein weiteres Rennen statt, bei dem die beiden Spitzenteams von Hurley und Wild aufeinandertrafen. Wilds Gespann zog 910 Pfund oder 130 Pfund pro Hund und legte die siebenhundert Yard in zwei Minuten und neun Sekunden zurück, was einer Geschwindigkeit von über elf Meilen pro Stunde entsprach. Hurleys Gespann benötigte mit derselben Ladung zwei Minuten und sechzehn Sekunden. Der Sieg wurde dennoch Hurley zugesprochen, weil Wild sein »Kampfgewicht« nicht korrekt ins Ziel gebracht hatte. Zufällig war ich Teil seiner Schlittenladung, und als wir fünfzig Yard vor der Ziellinie über eine neue Verwehung hinweg schleuderten, blieb ich im Schnee liegen. Um den Hunden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, soll hier angemerkt werden, dass dieser Zwischenfall zwar die Disqualifikation rechtfertigte, aber keinen wesentlichen Einfluss auf die gefahrene Zeit hatte.

In den ersten Julitagen kündigten prächtige Morgenröten am Horizont die Rückkehr der Sonne an. Am 10. Juli hatten wir bereits neun Stunden Dämmerlicht. Der nördliche Himmel wurde knapp über dem Horizont für etwa sieben Stunden golden gefärbt. Etliche Risse und Rinnen öffneten sich in alle Richtungen und kamen bis zu dreihundert Yard ans Schiff heran. Dünne, vibrierende schwarze Linien am nördlichen Horizont waren wahrscheinlich die Reflektionen weit entfernter Wasserrinnen. Gelegentlich hörten wir, wie sich irgendwo ein leichter Druck aufbaute, aber das Schiff war nicht davon betroffen. Am 11. Juli öffnete sich um Mitternacht vor der Endurance plötzlich eine Wasserrinne, die bereits um 2 Uhr stellenweise zweihundert Yard breit war und sich nach Südwest erstreckte. Dann hörte man, wie Eis gegen diese Rinne presste, die sich daraufhin auf dreißig Yard verengte und wieder zufror. Die Temperatur betrug zu diesem Zeitpunkt – 30° Celsius.

Der schwerste Blizzard, den wir im Weddellmeer erlebten, kam am Abend des 13. Julis herangefegt. Am nächsten Morgen zur Frühstückszeit waren die Hundehütten auf der südlichen, dem Wind zugewandten Seite des Schiffs unter fünf Fuß hohen Schneewehen begraben. Ich gab Anweisung, dass niemand weiter als bis zu den Hundehütten gehen durfte. Auf eine Entfernung von fünfzig Yard war das Schiff bereits nicht mehr zu sehen, und in diesem tosenden Wind und dem dichten Schneetreiben war es unmöglich, seinen Orientierungssinn zu behalten. Gegen diesen Sturm angehen zu wollen war aussichtslos. Gesicht und Augen waren binnen zweier Minuten vom Schnee verklebt und schmerzhafte Frostbeulen waren die Strafe für den Durchhaltewillen. Die Hunde blieben größtenteils in den Hütten, nur die »alten Hasen« streckten hin und wieder eine Pfote hinaus, um ein Luftloch offen zu halten. Bis zum Abend hatte der Sturm eine Geschwindigkeit von sechzig bis siebzig Meilen erreicht und ließ das Schiff unter seinem Druck erzittern. Aber wir fühlten uns in unseren Quartieren an Bord einigermaßen behaglich, bis wir am Morgen des 14. Juli alle Mann Deck und Hütten vom Schnee freischaufelten. Der Wind war noch immer kalt und schneidend. Bei einer Temperatur von – 35° Celsius musste man sich vor Frostbeulen schützen. An Backbord und Bug hatten sich mindestens hundert Tonnen Schnee aufgetürmt, unter dessen Druck sich die Eisscholle absenkte. Die vordere Wasserrinne hatte sich über Nacht geöffnet, das Packeis, von Nord nach Süd gespalten, war wieder zugefroren und hatte die Entfernung zwischen Schiff und »Khyber Pass« um dreihundert Yard vergrößert. Die Räumarbeiten waren bis zum Mittag erledigt. Der Sturm flaute nun ab und ein drei Tage alter Mond erschien als rote Sichel am nördlichen Horizont. Die Temperaturen hatten während des Blizzards zwischen – 30° und – 36° Celsius geschwankt. Normalerweise steigt die Temperatur während eines Blizzards. Das Ausbleiben eines Föhn-Effekts ließ darauf schließen, dass es mindestens zweihundert Meilen Richtung Süd und Südwest keinerlei höher gelegenes Land gab. Erst am 16. Juli klarte das Wetter auf. Dann zeigte sich, dass der Blizzard das Aussehen des uns umgebenden Packeises völlig verändert hatte. Die Eisscholle steckte mit der Endurance noch immer im Packeis fest, aber überall konnte man Risse und durch Druck hochgeschobene Eismassen erkennen. Am nördlichen Horizont sahen wir eine offene Wasserfläche und den dazugehörigen Wasserhimmel.

Der Druck im Eis, der sich durch ein fernes Grollen und dem Auftauchen enorm hoher Verwerfungen kundtat, bereitete uns zunehmend Sorge. Die gefährliche Zone näherte sich allmählich dem Schiff. Im Verlauf des 21. Juli hörten wir aus Südwest und West das Mahlen und Splittern der Eisschollen und sahen, wie sich vor uns Risse öffneten und wieder schlossen.

»Das Eis schiebt sich zu einer Höhe von zehn bis fünfzehn Fuß auf, die Schollen reiben mit einer Geschwindigkeit von etwa zweihundert Yard pro Stunde gegeneinander. Der Lärm erinnert an das Donnern einer starken, fernen Brandung. Wenn man auf dem aufgewühlten Eis steht, hat man den Eindruck, ein gigantischer Riese würde es von unten traktieren.«

Am frühen Nachmittag des 22. Juli öffnete sich auf Backbord in fünfunddreißig Yard Entfernung ein zwei Fuß breiter und zwei Meilen langer Riss, der von Südwest nach Nordost verlief. Ich ließ alle Schlitten an Bord bringen und eine zusätzliche Wache aufstellen, für den Fall, dass wir die Hunde schnell von der Eisscholle holen mussten. Dieser Riss war die Folge ungeheurer Spannungen dreihundert Yard backbord voraus, wo sich riesige Eisblöcke zu einem wilden und bedrohlichen Durcheinander aufgetürmt hatten. Der Druck an dieser Stelle war enorm. Eisblöcke von mehreren Tonnen Gewicht waren bis zu fünfzehn Fuß hoch auf die Eisscholle geschoben worden. Ich teilte mir die Wachen während der Nacht mit Worsley und Wild. Keiner von uns kam zur Ruhe. Das Schiff wurde von starken Schlägen erschüttert, und wir hatten ständig ein Auge darauf, dass auch keiner der Hunde in eine Spalte stürzte. Im Morgenlicht stellten wir fest, dass sich unsere Insel über Nacht beträchtlich verkleinert hatte. Die langen Monate der Ruhe und Sicherheit schienen nun vorbei zu sein und eine schwierige Zeit vor uns zu liegen.

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0+
Release date on Litres:
11 November 2024
Volume:
590 p. 35 illustrations
ISBN:
9783843806923
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Bookwire
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