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SIR ARTHUR CONAN DOYLE

Das Tal der Angst

Der letzte Sherlock-Holmes-Roman

Leipziger Ausgabe

Vollständig neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von

Susanne Luber

neu gefasst und mit Anmerkungen versehen von

Gerd Haffmans

HAFFMANS VERLAG

BEI ZWEITAUSENDEINS

Die englische Originalausgabe The Valley of Fear erschien zuerst 1914 bis 1915 im Strand Magazine, London, die Buchausgabe folgte 1915 bei Smith, Elder & Co., London und George H. Doran Company, New York.

Die deutsche Erstausgabe erschien unter dem Titel Das Tal des Grauens, übersetzt von H. O. Herzog im Verlag Dürr & Weber, Berlin 1926.

Die vorliegende vollständige Neuübersetzung folgt weitgehend der Textfassung der historisch-kritischen Ausgabe der Oxford University Press, herausgegeben von Owen Dudley Edwards, Oxford, New York 1998.

Weiteres in der Editorischen Notiz am Schluss des Bandes.

1. Auflage, Winter 2021.

Alle Rechte vorbehalten. Alle Rechte an dieser Neuedition & Neuübersetzung vorbehalten.

Copyright © 2021 by Haffmans Verlag bei Zweitausendeins Versand-Dienst GmbH, Bahnhofstr. 30, 82340 Feldafing.

Gestaltung & Produktion: Zweitausendeins.

Umschlagsillustration: Christiane Nebel.

ISBN 978-3-96318-138-2

Inhalt

I. TEIL

Die Tragödie von Birlstone

1. Kapitel: Die Warnung

2. Kapitel: Mr Sherlock Holmes doziert

3. Kapitel: Die Tragödie von Birlstone

4. Kapitel: Dunkelheit

5. Kapitel: Die Personen des Dramas

6. Kapitel: Ein erster Lichtblick

7. Kapitel: Die Lösung

II. TEIL

Die Scowrer

1. Kapitel: Der Mann

2. Kapitel: Der Logenmeister

3. Kapitel: Loge 341, Vermissa

4. Kapitel: Das Tal der Angst

5. Kapitel: Die dunkelste Stunde

6. Kapitel: Gefahr

7. Kapitel: Eine Falle für Birdy Edwards

Epilog

ANHANG

Anmerkungen

Editorische Notiz

Kompendium

Bemerkungen zu Sherlock Holmes von Joachim Kalka

Eine Einführung in den Kriminalroman

Who’s Who

Kleine ACD-Chronik

I. TEIL

1. KAPITEL

Die Warnung

Ich möchte denken –«, sagte ich.

»Das ist anzuraten«, fiel Sherlock Holmes mir ungeduldig ins Wort.

Ich glaube, ich bin einer der langmütigsten aller leidgeprüften Menschen auf dieser Erde, aber diese sarkastische Unterbrechung ärgerte mich doch.

»Wirklich, Holmes«, sagte ich tadelnd, »manchmal sind Sie unausstehlich.«

Aber er war zu tief in Gedanken versunken, um auf meine Zurechtweisung zu antworten. Den Kopf in die Hände gestützt, das unberührte Frühstück vor sich, starrte er auf ein Blatt Papier, das er soeben aus einem Briefumschlag gezogen hatte. Nun nahm er den Umschlag zur Hand, hielt ihn gegen das Licht und examinierte ihn sorgfältig: Vorderseite, Rückseite, Klappe.

»Das ist Porlocks Handschrift«, murmelte er nachdenklich. »Ziemlich sicher ist das Porlocks Handschrift, auch wenn ich sie nur zweimal gesehen habe. Das kleine griechische ε mit diesem eigenartigen Schnörkel oben ist unverkennbar. Aber wenn die Nachricht von Porlock kommt, geht es um eine Sache von größter Bedeutung.«

Obwohl er mehr zu sich selbst sprach als zu mir, ließen seine Worte meinen Groll im gleichen Maße schwinden wie sie mein Interesse weckten.

»Wer ist dieser Porlock?« fragte ich.

»Porlock ist ein Nom de Plume, Watson, ein reines Erkennungszeichen. Dahinter verbirgt sich eine schillernde, schwer fassbare Persönlichkeit. In einer seiner früheren Botschaften hat er mir offen mitgeteilt, dass dies nicht sein richtiger Name sei, und er hat mir zu verstehen gegeben, dass alle Versuche, ihn in dieser von Menschen wimmelnden Millionenstadt aufzuspüren, umsonst sein würden. Porlock ist wichtig, weniger als Person, denn wegen einer anderen außergewöhnlichen Persönlichkeit, mit der er in Verbindung steht. Stellen Sie sich das etwa so vor wie das Verhältnis des Pilotfisches zum Hai oder des Schakals zum Löwen – das Unbedeutende verbündet sich mit dem Furchterregenden. Aber er ist mehr als furchterregend, Watson, er ist teuflisch – im höchsten Grade teuflisch. So geriet Porlock in mein Blickfeld. Ich habe Ihnen doch von Professor Moriarty erzählt?«

»Dem berüchtigten hochgebildeten Verbrecher, der in der Unterwelt so berühmt ist wie –«

»Sie machen mich erröten, Watson«, murmelte Holmes abwehrend.

»Ich wollte sagen, wie er dem großen Publikum unbekannt ist.«

»Touché, Watson! Sehr gut!« rief Holmes. »Sie entwickeln neuerdings einen unerwarteten pikaresken Humor, gegen den ich mich künftig wappnen muss. Aber wenn Sie Moriarty einen Verbrecher nennen, ist das juristisch gesehen eine Verleumdung, und gerade darin liegt der großartige künstlerische Reiz der Sache. Der größte Ränkeschmied aller Zeiten, das planende Hirn hinter schrecklichen Verbrechen, der alles steuernde Kopf der Unterwelt – ein Kopf, der die Geschicke ganzer Nationen zum Guten wie zum Bösen lenken könnte: Das ist dieser Mann. Dabei ist er über jeden gemeinen Verdacht erhaben, gegen jede Anschuldigung immun. Er versteht es bewundernswert, die Fäden zu ziehen und selbst unsichtbar zu bleiben, sodass er Sie wegen der Worte, die Sie gerade geäußert haben, jederzeit vor Gericht zerren könnte, wo ihm als Entschädigung für seine verletzten Gefühle ein Schmerzensgeld zugesprochen würde, das so hoch ist wie Ihre Jahrespension. Schließlich ist er der gefeierte Autor von ›Stellardynamik eines Asteroiden‹, einem Werk, das sich zu den höchsten Höhen der reinen Mathematik aufschwingt und von dem gesagt wird, in der gesamten Fachpresse gäbe es niemanden, der in der Lage ist, es zu rezensieren. Darf man einen solchen Mann in Verruf bringen? Der verleumderische Arzt und der in seiner Ehre gekränkte Professor – so wären Ihre Rollen vor Gericht verteilt. Darin liegt Genie, Watson. Aber mein Tag wird kommen – sofern die kleinen Ganoven mich am Leben lassen.«

»Ich wollte, ich könnte dabei sein!« rief ich eifrig. »Aber Sie wollten mir etwas über diesen Porlock erzählen.«

»Richtig. Porlock, wie er sich nennt, ist ein Glied in der Kette, die das Schwergewicht hält, aber er steht nicht im Zentrum des Geschehens. Unter uns gesagt, Porlock ist nicht gerade das stärkste Glied in der Kette. Aber er ist die einzige Schwachstelle, die ich bisher finden und erproben konnte.«

»Keine Kette ist stärker als ihr schwächstes Glied.«

»Sehr richtig, mein lieber Watson. Genau deshalb ist Porlock von so immenser Bedeutung. Er hat offenbar noch ein rudimentäres Bewusstsein für Recht und Unrecht, das ich durch die gelegentliche Übersendung einer Zehn-Pfund-Note stimuliere, welche ihn auf Umwegen erreicht. Dafür hat er mir ein oder zwei Mal Informationen zukommen lassen, die von höchstem Wert waren, denn sie ermöglichten es, ein Verbrechen zu verhüten, statt es zu rächen. Ich bin sicher, wenn wir erst den richtigen Code haben, werden wir feststellen, dass diese Botschaft von der eben erwähnten Art ist.«

Holmes strich das Papier auf seinem unbenutzten Frühstücksteller glatt. Ich trat hinter ihn, beugte mich über seine Schulter und starrte auf die sonderbare Nachricht. Sie lautete folgendermaßen:

534 K2 13 127 36 31 4 17 21 41

DOUGLAS 109 293 5 37 BIRLSTONE

26 BIRLSTONE 9 127 171

»Werden Sie daraus schlau, Holmes?«

»Offensichtlich ein Versuch, mir eine geheime Information zu übermitteln.«

»Aber was können wir mit einer chiffrierten Nachricht anfangen ohne den Code dazu?«

»In diesem Fall gar nichts.«

»Was heißt ›in diesem Fall‹?«

»Weil es viele Geheimschriften gibt, die ich so leicht entziffere wie die kryptischen Botschaften in der Seufzerspalte einer Boulevardzeitung. Solche unbeholfenen Tarnungsversuche sind für mich ein intellektueller Spaß. Aber das hier ist etwas anderes. Diese Zahlen beziehen sich offenkundig auf Worte in einem bestimmten Buch und auf einer bestimmten Seite. Aber solange ich nicht weiß, in welchem Buch und auf welcher Seite, bin ich machtlos.«

»Weshalb dann ›Douglas‹ und ›Birlstone‹?«

»Natürlich weil das Worte sind, die auf der betreffenden Seite nicht vorkommen.«

»Aber warum hat er nicht dazugeschrieben, um welches Buch es sich handelt?«

»Ihre angeborene Schlauheit, mein lieber Watson, jene Ihnen eigene Gerissenheit, die Ihre Freunde so zu schätzen wissen, dürfte Ihnen sagen, dass es unklug ist, eine chiffrierte Nachricht und den Code dazu im selben Brief zu schicken. Wenn etwas schief geht, sind Sie erledigt. Aber mit getrennter Post müssten schon beide Briefe in falsche Hände geraten, bevor etwas Schlimmes passiert. Die zweite Post ist heute überfällig, und ich würde mich wundern, wenn sie uns nicht entweder den Brief mit dem Code oder, was wahrscheinlicher ist, das Buch selbst bringt, auf das sich diese Zahlen beziehen.«

Holmes’ Überlegungen wurden wenige Minuten später bestätigt, als unser Hausbursche Billy mit dem erwarteten Brief erschien.

»Die gleiche Handschrift«, bemerkte Holmes, als er das Kuvert öffnete. »Und sogar unterschrieben!« ergänzte er triumphierend, als er den Brief entfaltete. »Na also, wir kommen voran, Watson.«

Seine Miene verdüsterte sich jedoch, als er den Brief überflog.

»Großer Gott! Das ist eine Enttäuschung! Ich fürchte, Watson, das lässt alle unsere Erwartungen platzen. Ich kann nur hoffen, dass Porlock nichts zustößt.« Der Brief lautete folgendermaßen:

›Lieber Mr Holmes, ich kann in der Sache nicht weitergehen. Es ist zu gefährlich. Er verdächtigt mich. Ich spüre, dass er einen Verdacht hat. Heute kam er überraschend herein, als ich gerade den Brief adressierte, in dem ich Ihnen den Code schicken wollte. Ich konnte ihn gerade noch zudecken. Wenn er das gesehen hätte, wäre ich geliefert. Aber ich sah den Argwohn in seinen Augen. Bitte verbrennen Sie die chiffrierte Nachricht, die nun für Sie wertlos ist. – Fred Porlock.‹

Holmes saß eine Weile stumm da, drehte den Brief in den Fingern und starrte blicklos ins Kaminfeuer.

»Es kann natürlich sein, dass nichts dran ist«, sagte er schließlich. »Vielleicht war es nur sein schlechtes Gewissen. Er weiß, dass er ein Verräter ist, vielleicht las er deshalb die Anklage in den Augen des anderen.«

»Dieser andere ist wohl Professor Moriarty?«

»Kein Geringerer. Wenn einer dieser Leute von ›ihm‹ spricht, weiß jeder, wer gemeint ist. Es gibt für alle nur einen alles beherrschenden ›Er‹.«

»Aber was hat er vor?«

»Hm! Allerdings eine schwierige Frage. Wenn man es mit einem der klügsten Köpfe Europas zu tun bekommt, der alle Mächte der Finsternis hinter sich hat, gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Jedenfalls ist Freund Porlock in tödlicher Angst. Vergleichen Sie einmal die Handschrift des Briefes mit der auf dem Kuvert – nach seiner Aussage hat er die Adresse geschrieben, bevor er diesen unheildrohenden Besuch bekam. Hier ist sie klar und fest, im Brief dagegen kaum leserlich.«

»Warum hat er dann überhaupt den Brief geschrieben und die Sache nicht einfach fallen lassen?«

»Weil er befürchtet, ich würde dann Nachforschungen über ihn anstellen, was ihn in ernste Schwierigkeiten gebrachte hätte.«

»Das ist sicher richtig«, sagte ich. »Es ist ja zum Verrücktwerden« – ich hatte die chiffrierte Botschaft in die Hand genommen und betrachtete sie eingehend – »wenn man bedenkt, dass dieser Zettel wahrscheinlich ein wichtiges Geheimnis birgt, das kein Mensch je ergründen wird.«

Sherlock Holmes hatte sein unberührtes Frühstück beiseitegeschoben und zündete seine unappetitliche Pfeife an, die Gefährtin seiner intensiven gedanklichen Arbeit.

»Das ist nicht unbedingt gesagt«, entgegnete er, während er sich zurücklehnte und den Blick zur Decke schweifen ließ. »Vielleicht gibt es einige Anhaltspunkte, die Ihrem machiavellistischen Geist entgangen sind. Betrachten wir das Problem im klaren Licht der reinen Vernunft. Die Botschaft bezieht sich auf ein Buch. Davon können wir ausgehen.«

»Das ist reichlich vage.«

»Dann wollen wir sehen, wie wir das Problem einkreisen können. Wenn ich es genau betrachte, erscheint es schon weniger undurchdringlich. Welche Indizien haben wir, welches Buch gemeint sein könnte?«

»Gar keine.«

»Na, na, ganz so schlimm ist es nicht. Die Botschaft beginnt mit der Zahl 534, ziemlich groß geschrieben, nicht wahr? Als Arbeitshypothese können wir annehmen, dass dies die Seite bezeichnet, auf die die Chiffre sich bezieht. Jetzt ist aus unserem unbekannten Buch schon ein dickes Buch geworden – wir sind einen Schritt weiter. Welche Indizien haben wir noch hinsichtlich dieses dicken Buches? Das nächste Zeichen lautet K2. Was denken Sie, Watson?«

»Kapitel zwei natürlich!«

»Wohl kaum, Watson. Sie werden mir zustimmen, dass das Kapitel irrelevant ist, wenn die Seitenzahl angegeben ist. Außerdem dürfte, wenn Seite 534 sich im zweiten Kapitel befindet, das erste Kapitel unerträglich lang sein.«

»Kolumne!« rief ich.

»Brillant, Watson. Sie sprühen heute geradezu vor Geist. Wenn das nicht ›Kolumne‹ bedeutet, sollte ich mich sehr täuschen. Und so taucht vor unserem inneren Auge ein dickes Buch auf, zweispaltig gedruckt, wobei jede Spalte von erheblicher Länge ist, denn eins der darin vorkommenden Worte ist mit 293 bezeichnet. Sind wir damit schon an die Grenze der rationalen Analyse gestoßen?«

»Es scheint leider so.«

»Da tun Sie sich Unrecht. Ich erwarte von Ihnen noch eine brillante Idee, noch einen Geistesblitz, mein lieber Watson. Wenn das in Frage stehende Buch ungewöhnlich oder selten wäre, hätte er es mir zugeschickt. Stattdessen wollte er mir lediglich den Schlüssel dazu schicken, bevor seine Pläne durchkreuzt wurden. Das steht klar und deutlich in seinem Brief. Und das wiederum bedeutet, dass es sich um ein Buch handeln muss, von dem er annimmt, dass ich es ohne Schwierigkeiten beschaffen kann. Er besitzt es, und er nimmt an, dass ich es auch besitze. Kurz und gut, Watson, es ist ein sehr verbreitetes Buch.«

»So wie Sie das sagen, klingt es allerdings plausibel.«

»Wir haben unsere Suche also eingegrenzt auf ein dickes Buch, das zweispaltig gedruckt und weit verbreitet ist.«

»Die Bibel!« rief ich triumphierend.

»Gut, Watson, sehr gut! Aber nicht gut genug, muss ich leider sagen. Auch wenn wir hier im Haus eine Bibel haben, könnte ich mir doch kein Buch vorstellen, das mit noch geringerer Wahrscheinlichkeit bei Moriartys Komplizen stets in Griffweite liegt. Außerdem gibt es so viele unterschiedliche Ausgaben der Heiligen Schrift, dass man nicht davon ausgehen kann, dass zwei Personen identische Exemplare mit identischer Seitenzählung besitzen. Nein, es muss offensichtlich ein Buch sein, das standardisiert ist. Denn er geht ja davon aus, dass die Seite 534 in seinem Exemplar genauso aussieht wie die Seite 534 in meinem.«

»Aber das trifft für die wenigsten Bücher zu.«

»Richtig. Und genau das ist unser Rettungsanker. Unsere Suche betrifft also ein Standardwerk, von dem fast jeder ein Exemplar besitzt.«

»Bradshaws Kursbuch!«

»Das ergäbe einige Schwierigkeiten, Watson. Der Bradshaw hat einen knappen und prägnanten Wortschatz, aber auch einen sehr limitierten. Er würde kaum ausreichen, um damit eine allgemeine Nachricht zu formulieren. Nein, den Bradshaw wollen wir aus unseren Überlegungen streichen. Ein Wörterbuch dürfte aus den gleichen Gründen ausscheiden. Was bleibt also übrig?«

»Ein Almanach?«

»Großartig, Watson! Ich müsste mich sehr täuschen, wenn Sie diesmal nicht den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Ein Almanach! Probieren wir es einmal mit Whitaker’s Almanack. Er ist weit verbreitet. Er hat die erforderliche Anzahl von Seiten. Er ist zweispaltig gedruckt. Der Wortschatz ist am Anfang etwas dürftig, aber zum Ende hin wird er, wenn ich mich recht erinnere, ziemlich weitläufig.« Er nahm den Band von seinem Schreibpult. »Seite 534, zweite Spalte, ein eng gedruckter Artikel, der sich, wie ich sehe, mit dem Handel und den wirtschaftlichen Ressourcen von Britisch-Indien befasst. Schreiben Sie mit, Watson. Nummer 13 lautet ›Mahratta‹ – kein besonders vielversprechender Anfang, fürchte ich. Nummer 127 ist ›Regierung‹, was immerhin einigen Sinn ergibt, obwohl es wenig mit uns und Professor Moriarty zu tun hat. Versuchen wir es weiter. Was macht die Mahratta-Regierung? O weh! Das nächste Wort ist ›Schweineborsten‹. Wir sind erledigt, mein guter Watson! Es ist aus.«

Er hatte in scherzhaftem Ton gesprochen, aber das Zucken seiner buschigen Augenbrauen verriet mir seine Enttäuschung und seinen inneren Ärger. Ich starrte hilflos und unglücklich ins Kaminfeuer. Eine lange Stille folgte, dann erklang ein plötzlicher Ausruf von Holmes. Er lief zum Bücherschrank und kam mit einem anderen, in gelbes Leinen gebundenen, Buch zurück.

»Das kommt davon, Watson, wenn man immer auf dem neuesten Stand ist«, rief er. »Wir sind der Zeit voraus und müssen dafür büßen, wie üblich. Heute ist der 7. Januar, und hier steht schon der aktuelle Band im Regal. Aber Porlock hat seine Botschaft höchstwahrscheinlich nach dem letztjährigen zusammengebastelt. Zweifellos hätte er uns das in seinem geplanten Brief mitgeteilt. Aber lassen Sie uns sehen, was die Seite 534 zu bieten hat. Wort Nummer 13 ist ›Dort‹ – das ist schon vielversprechender! Nummer 127 lautet ›ist‹ – also ›Dort ist‹.« Holmes’ Augen glänzten vor Erregung, und seine schlanken, nervösen Finger zuckten, als er die nächsten Worte auszählte. »›Gefahr‹ – Ha! Großartig! Schreiben Sie mit, Watson: ›Dort ist Gefahr – kann – sehr – bald – geschehen – gewisser‹. Dann kommt der Name ›Douglas‹, und weiter: ›reich – Landgut – jetzt – in – Birlstone – Herrenhaus – Birlstone – Überzeugung – ist – dringend‹. Na also, Watson! Was sagen Sie nun zur reinen Vernunft und ihren Früchten? Wenn unser Gemüsehändler so etwas wie Lorbeerkränze führen würde, würde ich gleich Billy hinschicken und einen holen lassen.«

Ich starrte auf die seltsame Botschaft, die ich, während er sie dechiffrierte, auf einem Bogen Kanzleipapier mitgeschrieben hatte, den ich auf meinem Knie balancierte.

»Welch sonderbar ungereimte Art, sich auszudrücken«, sagte ich.

»Im Gegenteil, er hat das sehr geschickt gemacht«, erwiderte Holmes. »Wenn Sie eine einzige Druckspalte nach Wörtern durchsuchen, mit denen Sie etwas Bestimmtes ausdrücken wollen, können Sie kaum erwarten, alles zu finden, was Sie brauchen. Einiges müssen Sie der Kombinationsgabe des Empfängers überlassen. Der Sinn dieser Nachricht ist völlig klar. Irgendeine Teufelei ist im Gange gegen einen Menschen namens Douglas, wer immer das ist. Jedenfalls wird hier gesagt, dass er als reicher Gutsbesitzer auf dem Lande lebt. Porlock ist überzeugt – das Wort ›Überzeugung‹ kommt dem so nahe wie möglich – dass es dringend ist. Damit haben wir unsere Aufgabe gelöst und unsere kleine Analyse fachmännisch zu einem guten Ergebnis geführt!«

Holmes hatte mit dem echten Künstler die unparteiische Freude an guter Arbeit gemein, genauso wie die tiefe Enttäuschung, wenn er hinter seinen selbst gestellten Erwartungen zurückblieb. Er freute sich immer noch schmunzelnd über seinen Erfolg, als Billy die Tür aufriss und Inspektor MacDonald von Scotland Yard eintreten ließ.

In jenen Tagen gegen Ende der achtziger Jahre war Alec MacDonald noch längst nicht auf der Höhe des landesweiten Ruhms, den er jetzt genießt. Er war ein junger Beamter bei der Kriminalpolizei, aber er wurde bereits geschätzt, denn er hatte sich in einigen Fällen ausgezeichnet, die ihm übertragen worden waren. Seine hochgewachsene, starkknochige Gestalt ließ auf erhebliche Körperkraft schließen, während seine breite Stirn und die tiefliegenden lebhaften Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, ebenso deutlich einen scharfen Verstand verrieten. Er war ein ruhiger, präzise denkender Mann mit beharrlichem Charakter und dem harten Akzent seiner schottischen Heimatstadt Aberdeen. Holmes hatte ihm schon zweimal in seiner Laufbahn zum Erfolg verholfen, wobei er sich selbst mit dem intellektuellen Vergnügen der Problemlösung als einziger Belohnung begnügte. Der Schotte brachte seinem Amateurkollegen deshalb aufrichtige Verehrung und tiefen Respekt entgegen, was sich unter anderem darin zeigte, dass er Holmes jedes Mal zu Rate zog, wenn ein Fall sehr schwierig wurde. Mittelmäßigkeit kennt nichts Höheres als sich selbst, aber Begabung erkennt Genie sofort, und MacDonald hatte genug Begabung für seinen Beruf, um es nicht als Herabsetzung zu empfinden, wenn er einen Mann um Rat fragte, der mit seinen geistigen Gaben wie auch mit seiner Erfahrung in Europa einzig dastand. Holmes war kein Mann, der leicht Freundschaften schloss, aber er mochte den großen Schotten, und ein Lächeln erhellte seine Züge, als er ihn begrüßte.

»Sie sind früh auf, Mr Mac«, sagte er. »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Jagd. Aber ich fürchte, Ihr Besuch bedeutet, dass Unheil im Schwange ist.«

»Wenn Sie gesagt hätten ›ich hoffe‹ statt ›ich fürchte‹, käme es der Wahrheit wohl näher, Mr Holmes«, antwortete der Inspektor mit verschmitztem Grinsen. »Gern, ein kleines Schlückchen vertreibt die Morgenkälte aus den Knochen. Nein, rauchen möchte ich nicht, vielen Dank. Ich muss auch gleich weiter – die ersten Stunden eines Falles sind die wichtigsten, das weiß niemand besser als Sie. Aber – aber –«

Der Inspektor stockte und starrte mit dem Ausdruck fassungsloser Ungläubigkeit auf das Blatt Papier, das auf dem Tisch lag – jenes Blatt, auf das ich die entschlüsselte Botschaft gekritzelt hatte.

»Douglas!« stieß er hervor. »Birlstone! Was soll das heißen, Mr Holmes? Mann Gottes, das ist ja die reinste Hexerei! Wie, um Himmels willen, kommen Sie an diesen Namen?«

»Es war eine chiffrierte Nachricht, die Dr Watson und ich soeben Gelegenheit hatten zu entschlüsseln. Aber was ist los – stimmt etwas nicht mit diesem Namen?«

Der Inspektor blickte wie betäubt vor Verblüffung zwischen Holmes und mir hin und her.

»Allerdings«, antwortete er. »Mr Douglas von Birlstone Manor House ist heute Nacht auf schreckliche Weise ermordet worden.«

2. KAPITEL

Mr Sherlock Holmes doziert

Es war einer jener dramatischen Augenblicke, die mein Freund so liebte. Dabei wäre es übertrieben zu sagen, dass die schockierende Erklärung ihn aus der Fassung gebracht oder auch nur in Erregung versetzt hätte. Seinem einzigartigen Charakter war nicht der geringste Zug von Grausamkeit zu eigen, aber infolge seiner langjährigen Erfahrung mit dem Verbrechen war er zweifellos dickhäutig geworden. Seine Gefühlsregungen waren abgestumpft, dafür war seine intellektuelle Wahrnehmung außerordentlich scharf. Keine Spur des Grauens war ihm anzumerken, das mich bei dieser knappen Mitteilung gepackt hatte, sein Gesicht zeigte vielmehr die konzentrierte Ruhe eines Chemikers, der das Ausfallen von Kristallen in einer gesättigten Lösung beobachtet.

»Bemerkenswert«, sagte er, »höchst bemerkenswert!«

»Sie scheinen nicht überrascht zu sein.«

»Interessiert, Mr Mac, aber kaum überrascht. Warum sollte ich auch? Ich erhalte aus einer Quelle, von der ich weiß, dass sie ernst zu nehmen ist, eine anonyme Nachricht mit der Warnung, dass einer bestimmten Person Gefahr droht. Eine Stunde später erfahre ich, dass die Drohung wahr gemacht worden ist und die betreffende Person tot ist. Ich bin interessiert, wie Sie sehen, aber keineswegs überrascht.«

Er erläuterte dem Inspektor in ein paar kurzen Sätzen, was es mit dem Brief und der chiffrierten Nachricht auf sich hatte. MacDonald saß da, das Kinn in die Hände gestützt, die dicken sandfarbenen Augenbrauen zu einem strohgelben Gestrüpp zusammengezogen.

»Ich will noch heute Vormittag nach Birlstone«, sagte er. »Eigentlich bin ich zu Ihnen gekommen, um zu fragen, ob Sie mich begleiten möchten – Sie und Ihr Freund. Aber nach dem, was Sie gerade erzählt haben, können wir vielleicht in London mehr ausrichten.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte Holmes.

»Aber Mr Holmes!« rief der Inspektor. »Morgen oder übermorgen werden die Zeitungen voll sein vom ›Rätsel von Birlstone‹. Aber wo ist das Rätsel, wenn es in London einen Mann gibt, der ein Verbrechen voraussagt, bevor es begangen wird? Wir brauchen nur diesen Mann zu greifen, dann findet sich der Rest.«

»Das ist zweifellos richtig, Mr Mac, aber wie stellen Sie sich das Ergreifen des sogenannten Porlock vor?«

MacDonald drehte den Brief um, den Holmes ihm gereicht hatte.

»Aufgegeben in Camberwell – das hilft uns nicht viel weiter. Name fingiert, wie Sie sagen. Das ist tatsächlich etwas wenig für den Anfang. Aber Sie sagten, Sie hätten ihm Geld geschickt?«

»Zwei Mal.«

»Auf welche Weise?«

»In Banknoten, postlagernd Camberwell.«

»Haben Sie sich denn nicht die Mühe gemacht herauszufinden, wer sie abgeholt hat?«

»Nein.«

Der Inspektor blickte überrascht und auch ein wenig empört drein.

»Und wieso nicht?«

»Weil ich mein Wort zu halten pflege. Ich hatte ihm nach seinem ersten Brief versprochen, dass ich ihm nicht nachspionieren werde.«

»Sie glauben, es steht jemand hinter ihm?«

»Ich weiß es.«

»Dieser Professor, den Sie mir gegenüber einmal erwähnt haben?«

»Genau.«

Inspektor MacDonald konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, und sein Augenlid zuckte vielsagend, als er mir einen Blick zuwarf.

»Ich kann Ihnen nicht verschweigen, Mr Holmes, dass wir beim C. I. D. der Ansicht sind, dass Sie sich ein bisschen in eine fixe Idee verrannt haben mit Ihrem Professor. Ich selbst habe in dieser Sache ein paar Nachforschungen angestellt. Er scheint ein äußerst respektabler, gelehrter Mann mit großen Talenten zu sein.«

»Ich bin froh, dass Sie wenigstens seine Talente zu würdigen wissen.«

»Mein lieber Mann, die sind doch nicht zu übersehen. Nachdem Sie mir erzählt hatten, was Sie von ihm denken, hielt ich es für meine Pflicht, dem nachzugehen. Wir hatten eine interessante Unterhaltung über Sonnen- und Mondfinsternisse. Keine Ahnung, wie wir auf dieses Thema gekommen sind, aber er hatte im Nu eine Reflektorlampe und einen Globus parat und hat mir im Handumdrehen alles erklärt. Er hat mir sogar ein Buch darüber geliehen, aber ich gebe zu, dass es doch etwas über meinen Horizont ging, obwohl ich in Aberdeen eine sehr ordentliche Schulbildung hatte. Er hätte einen guten Pfaffen abgegeben mit seinem hageren Gesicht und dem grauen Haar und dieser gesalbten Art zu reden. Zum Abschied hat er mir sogar die Hand auf die Schulter gelegt, da kam ich mir vor wie ein kleiner Junge, der in die kalte feindliche Welt hinausgeht und den Segen des Vaters empfängt.«

Holmes rieb sich kichernd die Hände.

»Großartig!« rief er, »großartig! Sagen Sie, Freund MacDonald, fand dieses nette, erbauliche Gespräch im Arbeitszimmer des Professors statt?«

»Ja.«

»Ein elegant eingerichtetes Zimmer, nicht wahr?«

»Sehr elegant, wirklich sehr schön, Mr Holmes.«

»Sie saßen ihm gegenüber, vor seinem Schreibtisch?«

»Ja, genau.«

»Mit dem Gesicht in der Sonne, während seins im Schatten lag?«

»Nun ja, es war schon Abend, aber ich erinnere mich, dass die Lampe zu mir gedreht war.«

»Natürlich, das war zu erwarten. Ist Ihnen vielleicht ein Gemälde aufgefallen, das hinter dem Professor an der Wand hing?«

»Mir entgeht so leicht nichts, Mr Holmes. Das habe ich wohl von Ihnen gelernt. Ja, ich habe das Bild gesehen – eine junge Frau, die den Kopf in die Hände stützt und einen so von der Seite her anguckt.«

»Es ist ein Gemälde von Jean Baptiste Greuze.«

Der Inspektor bemühte sich, interessiert dreinzublicken.

»Jean Baptiste Greuze«, fuhr Holmes fort, während er die Fingerspitzen aneinanderlegte und sich im Sessel zurücklehnte, »war ein französischer Maler, dessen Blütezeit zwischen 1750 und 1800 lag. Womit ich natürlich seine künstlerische Blütezeit meine. Die heutige Kunstkritik hat die hohe Wertschätzung, die seine Zeitgenossen ihm entgegenbrachten, mehr als bestätigt.«

Die Augen des Inspektors nahmen einen leeren Ausdruck an.

»Sollten wir nicht lieber –«

»Wir sind gerade dabei«, unterbrach Holmes ihn. »Alles, was ich sage, hat ganz direkt und maßgeblich mit dem zu tun, was Sie das ›Rätsel von Birlstone‹ nannten. Ja, man kann sogar sagen, es ist des Rätsels Kern.«

MacDonald lächelte schwach und schaute mich hilfesuchend an.

»Ihre Gedanken laufen mir zu fix, Mr Holmes. Sie lassen gern einen oder zwei Schritte aus, da verliere ich den Anschluss. Was, um Himmels willen, hat dieser verstorbene Maler mit dem Birlstone-Fall zu tun?«

»Für einen Detektiv ist jedes Wissensbruchstück nützlich«, antwortete Holmes. »Sogar die scheinbar belanglose Tatsache, dass ein Gemälde von Greuze mit dem Titel La Jeune Fille à l’Agneau 1865 bei einer Auktion der Galerie Pourtalès nicht weniger als viertausend Pfund erzielt hat. Das sollte Ihnen zu denken geben.«

Das tat es offensichtlich. Der Inspektor wirkte plötzlich sehr interessiert.

»Ich darf Sie daran erinnern«, fuhr Holmes fort, »dass das Gehalt eines Professors sich mittels verschiedener Handbücher leicht ermitteln lässt. Es beträgt rund siebenhundert Pfund im Jahr.«

»Aber wie konnte er dann dieses Bild –«

»Genau. Wie konnte er es kaufen?«

»Hm hm. Das ist allerdings seltsam«, sagte der Inspektor nachdenklich. »Sprechen Sie weiter, Mr Holmes. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Tolle Sache!«

Holmes lächelte. Für aufrichtige Bewunderung war er stets empfänglich – das Merkmal einer echten Künstlernatur.

»Aber was ist mit Birlstone?« fragte er.

»Wir haben noch ein bisschen Zeit«, antwortete der Inspektor mit einem Blick auf die Uhr. »Draußen wartet eine Droschke, und bis Victoria Station brauchen wir keine zwanzig Minuten. Aber noch mal zu diesem Bild – ich glaube, Sie sagten mal, Sie seien Professor Moriarty nie persönlich begegnet?«

»Nein, nie.«

»Woher wissen Sie dann, wie es in seiner Wohnung aussieht?«

»Ah, das ist etwas anderes. Ich war schon dreimal in seiner Wohnung. Zweimal habe ich unter verschiedenen Vorwänden dort auf ihn gewartet und bin gegangen, bevor er zurückkam. Das dritte Mal – nun, das dürfte ich einem Kriminalbeamten im Dienst eigentlich nicht erzählen. Bei diesem Besuch habe ich mir nämlich die Freiheit genommen, seine Papiere zu überfliegen, mit einem unerwarteten Ergebnis.«

»Haben Sie etwas Kompromittierendes gefunden?«

»Nicht das Geringste. Das war ja gerade das Unerwartete. Aber Sie sehen jetzt die Bedeutung dieses Gemäldes. Es zeigt, dass er ein sehr, sehr reicher Mann ist. Wie ist er zu diesem Reichtum gekommen? Er ist nicht verheiratet. Sein jüngerer Bruder arbeitet als Bahnhofsvorsteher in Westengland. Seine Professur bringt ihm siebenhundert Pfund im Jahr. Aber er besitzt einen Greuze.«

»Und?«

»Die Schlussfolgerung dürfte klar sein.«

»Sie denken also, dass er über eine sprudelnde Geldquelle verfügt und dass diese Quelle illegal ist?«

»Genau das. Natürlich habe ich noch mehr Gründe für diesen Verdacht – Dutzende feinster Fäden, die kaum sichtbar zum Mittelpunkt eines Netzes führen, wo reglos eine giftige Kreatur lauert. Ich habe den Greuze nur erwähnt, weil Sie das Bild mit eigenen Augen gesehen haben. Damit ist die Sache in den Bereich Ihrer Beobachtung gelangt.«

»Also, Mr Holmes, ich muss zugeben, das ist alles sehr interessant. Mehr als interessant – geradezu spannend. Aber können Sie nicht ein bisschen konkreter werden? Denken Sie an Fälscherei, Falschmünzerei oder Einbruchsdiebstähle? Woher kommt das Geld?«

»Haben Sie jemals etwas über Jonathan Wild gelesen?«

»Hm … der Name kommt mir bekannt vor. Eine Figur in einem Roman, nicht wahr? Aber ich halte nicht viel von Romandetektiven. Diese Burschen haben immer Erfolg, ohne dass gesagt wird, wie und warum. Alles nur Erfindung, das hat mit unserer Arbeit nix zu tun.«

»Jonathan Wild war kein Detektiv, und auch keine Romanfigur. Er war ein Meisterverbrecher, der im achtzehnten Jahrhundert gelebt hat, um 1750 herum.«

»Das bringt mir keinen Nutzen. Ich bin ein Mann der Praxis.«

»Aber Mr Mac! Das Beste, was Sie für Ihre Praxis tun können, ist, sich drei Monate in Ihren vier Wänden einzuschließen und jeden Tag zwölf Stunden Kriminalhistorie zu studieren. Alles wiederholt sich in der Geschichte, selbst ein Professor Moriarty. Jonathan Wild war der geheime Kopf der Londoner Verbrecherwelt; er hat ihr seine Intelligenz und sein Organisationstalent zu Verfügung gestellt, gegen eine Beteiligung von fünfzehn Prozent. Das Rad dreht sich weiter, und dieselbe Speiche kommt nun wieder zum Vorschein. Alles ist schon einmal da gewesen, und es wird wieder geschehen. Ich werde Ihnen ein paar Dinge über Moriarty erzählen, die Sie vielleicht interessieren.«

»Und ob mich das interessiert!«

»Ich weiß zufällig, wer das erste Glied in der Kette ist – einer Kette mit diesem fehlgeleiteten Napoleon am einen Ende und hundert asozialen Schlägern, Taschendieben, Erpressern, Falschspielern am anderen, mit jeder erdenklichen Sorte von Verbrechern dazwischen. Sein Stabschef ist Colonel Sebastian Moran, der ebenso reserviert und unauffällig und durch das Gesetz genauso wenig angreifbar ist wie Moriarty selbst. Was glauben Sie, was er ihm bezahlt?«

»Lassen Sie hören.«

»Sechstausend im Jahr. Gute Köpfe werden gut bezahlt – das amerikanische Geschäftsprinzip. Ich habe dieses Detail eher zufällig erfahren. Das ist mehr als der Premierminister bekommt. Es mag Ihnen einen Begriff davon geben, welche Einkünfte Moriarty bezieht und in welchem Maßstab er arbeitet. Und noch etwas. Kürzlich habe ich mir die Mühe gemacht, ein paar von Moriartys Schecks zu verfolgen – ganz gewöhnliche, harmlose Schecks, mit denen er seine Haushaltsrechnungen begleicht. Sie waren auf sechs verschiedene Banken ausgestellt. Wie finden Sie das?«

»Das ist allerdings auffällig. Aber was schließen Sie daraus?«

»Er will nicht, dass sein Reichtum bekannt wird. Niemand soll wissen, wie viel er besitzt. Ich gehe davon aus, dass er vielleicht zwanzig Bankkonten hat und dass der größte Teil seines Vermögens bei ausländischen Banken deponiert ist – vermutlich bei der Deutschen Bank oder beim Crédit Lyonnais. Sollten Sie einmal viel Zeit haben, ein Jahr oder zwei, dann empfehle ich Ihnen, sich mit Professor Moriarty zu beschäftigen.«

Inspektor MacDonald zeigte sich im Laufe dieses Gesprächs zunehmend fasziniert und sichtlich beeindruckt. Doch sein praktischer schottischer Verstand führte ihn rasch wieder zurück zu seinem aktuellen Fall.

»Das muss warten«, sagte er. »Sie haben uns mit diesen hochinteressanten Anekdoten auf ein Nebengleis gebracht, Mr Holmes. Das Wichtigste für mich ist Ihre Vermutung, es gäbe eine Verbindung zwischen dem Professor und dem aktuellen Fall. Sie schließen das aus der Warnung, die Sie von diesem Porlock bekommen haben. Aber gibt das etwas her für unsere augenblicklichen ganz praktischen Erfordernisse?«

»Es könnte uns einen Hinweis geben auf die Beweggründe des Verbrechens. Aus Ihren ersten Bemerkungen schließe ich, dass der Mord unerklärlich ist oder zumindest ungeklärt. Wenn wir davon ausgehen, dass der Hintergrund des Verbrechens eben jener ist, von dem wir gerade gesprochen haben, kommen zwei potentielle Motive in Frage. Dazu muss ich Ihnen sagen, dass Moriarty seine Leute mit eiserner Faust regiert. Die Disziplin, die er unter seinem Regime erwartet, ist beispiellos, und bei Verstößen gibt es nur eine Art von Strafe: den Tod. Eine mögliche Annahme ist also, dass der ermordete Mann – dieser Douglas, von dessen bevorstehendem Schicksal einer der Unterlinge des Erzverbrechers gewusst hat – in irgendeiner Weise am Boss Verrat geübt hat. Die Strafe folgte auf dem Fuße, und alle werden davon erfahren, mit dem Nebenzweck, dass sie in tödlicher Furcht vor dem Herrn gehalten werden.«

»Ja, das wäre eine Möglichkeit, Mr Holmes.«

»Die andere ist, dass die Sache von Moriarty im Zuge eines seiner gewöhnlichen Verbrechen arrangiert worden ist. Ist denn etwas geraubt worden?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Falls doch, würde das natürlich gegen die erste Hypothese und für die zweite sprechen. Moriarty könnte gegen einen Anteil an der Beute mit der Planung des Verbrechens beauftragt worden sein, oder man hat ihm schon vorher eine Summe gezahlt, damit er es arrangiert. Beides ist möglich. Aber wie auch immer, selbst wenn es noch eine dritte Möglichkeit gibt, die Lösung müssen wir in Birlstone suchen. Ich kenne unseren Mann gut genug, um zu wissen, dass er in London keine Spur hinterlassen hat, die zu ihm führt.«

»Dann auf nach Birlstone!« rief MacDonald und sprang auf. »Du liebe Güte! Es ist später als ich dachte. Gentlemen, ich kann Ihnen leider nur fünf Minuten geben für Ihre Reisevorbereitungen, mehr nicht.«

»Das genügt«, sagte Holmes, während er aufstand und rasch den Morgenmantel mit dem Gehrock vertauschte. »Vielleicht sind Sie unterwegs so freundlich und erzählen mir alles über den Fall, Mr Mac.«

»Alles« erwies sich als enttäuschend wenig, aber es war genug, um uns zu überzeugen, dass dieses Verbrechen die Aufmerksamkeit des Meisterdetektivs wert war. Holmes’ Miene heiterte sich auf, und er rieb sich die schmalen Hände, während er sich die spärlichen, aber ungewöhnlichen Details anhörte. Hinter uns lag eine allzu lange Folge allzu ruhiger Wochen, und hier bot sich endlich wieder ein angemessenes Objekt für jene erstaunlichen Gaben, die, wie alle Spezialbegabungen, ihrem Besitzer zur Last werden, wenn sie ungenutzt bleiben. Untätigkeit lässt einen rasiermesserscharfen Verstand leiden und abstumpfen. Sherlock Holmes’ Augen funkelten, seine blassen Wangen nahmen eine wärmere Farbe an, und sein Gesicht leuchtete auf, wenn ihn der Ruf der Arbeit erreichte. Leicht nach vorn gelehnt saß er in der Droschke und lauschte konzentriert MacDonalds knapper Schilderung des Falles, der uns in Sussex erwartete. Dabei besaß der Inspektor lediglich einen kurzen handschriftlichen Brief als Informationsquelle, der ihm, wie er sagte, in den frühen Morgenstunden mit dem Milchzug zugesandt worden war. White Mason, der vor Ort zuständige Kriminalpolizist, war ein persönlicher Bekannter von ihm, deshalb war MacDonald wesentlich rascher benachrichtigt worden, als es normalerweise der Fall ist, wenn eine lokale Polizeibehörde Scotland Yard zu Rate ziehen muss. In der Regel findet der Experte aus London, wenn er endlich hinzugezogen wird, nur noch eine kalte Spur vor. Der Brief, den MacDonald uns vorlas, lautete folgendermaßen:

›Lieber Inspektor MacDonald,

die offizielle Anforderung polizeilicher Unterstützung finden Sie in einem separaten Umschlag. Dies hier ist für Sie privat. Telegraphieren Sie mir, mit welchem Zug Sie am Vormittag nach Birlstone kommen, dann hole ich Sie entweder selbst am Bahnhof ab, oder ich lasse Sie abholen, falls hier zu viel zu tun ist. Der Fall ist ein Riesending! Verlieren Sie keine Zeit, kommen Sie schnell. Und bringen Sie bitte, falls möglich, Mr Holmes mit, das ist eine Sache ganz nach seinem Geschmack. Man könnte meinen, es sei eine effektvoll für die Bühne arrangierte Szene, wenn nicht mittendrin eine Leiche läge. Auf mein Wort, es ist ein Riesending!‹

»Ihr Freund scheint kein Dummkopf zu sein«, bemerkte Holmes.

»Nein, Sir, White Mason hat es in sich, ganz bestimmt.«

»Schön, haben Sie sonst noch etwas?«

»Nur, dass er uns über alle Details informieren wird, sobald wir uns treffen.«

»Wie haben Sie dann den Namen Douglas erfahren, und dass er auf schreckliche Weise ermordet worden ist?«

»Aus dem beigefügten offiziellen Schreiben. Aber ›schrecklich‹ steht da nicht drin, das ist kein korrekter amtlicher Ausdruck. Der Name ist mit John Douglas angegeben. Ferner ist angegeben, dass die tödlichen Kopfverletzungen von einem Schuss aus einer Schrotflinte herrühren. Und der Zeitpunkt, zu dem die Polizei alarmiert wurde: kurz vor Mitternacht. Dann steht noch drin, dass es sich unzweifelhaft um Mord handelt, dass bisher keine Festnahme erfolgt ist und dass der Fall einige mysteriöse und ungewöhnliche Merkmale aufweist. Das ist alles, was wir bisher haben, Mr Holmes.«

»Dann wollen wir es vorerst dabei belassen, Mr Mac, wenn Sie gestatten. Die Versuchung, aufgrund ungenügender Fakten voreilige Hypothesen zu bilden, ist der Fluch unseres Berufes. Für mich stehen gegenwärtig nur zwei Dinge fest: Es gibt ein geniales Hirn in London und einen toten Mann in Sussex. Die Verbindung zwischen beiden ist es, der wir nachspüren müssen.«

3. KAPITEL

Die Tragödie von Birlstone

Ich möchte nun für einen Augenblick um Erlaubnis bitten, meine eigene unbedeutende Person in den Hintergrund treten zu lassen und die Ereignisse, die sich vor unserer Ankunft am Schauplatz des Verbrechens abgespielt hatten, im Licht unserer späteren Erkenntnisse zu schildern. Das ist wohl die beste Art, den Leser mit den beteiligten Personen und dem eigenartigen Hintergrund bekannt zu machen, vor dem sich ihr Schicksal erfüllt hatte.

Das Dörfchen Birlstone liegt im Norden der Grafschaft Sussex und besteht lediglich aus ein paar altertümlichen Fachwerkhäusern. Jahrhundertelang hatte sich hier kaum etwas verändert, aber in den letzten Jahren hatten das malerische Erscheinungsbild und die günstige Lage mehrere wohlhabende Familien angelockt, deren Landhäuser nun aus den umgebenden Wäldchen lugten. Diese Wäldchen sind die äußersten Ausläufer des Weald, jenes ausgedehnten Waldgebietes, das sich nach Norden hin immer mehr lichtet, bis es den Höhenzug der North Downs erreicht. Mehrere kleine Kaufmannsläden waren eröffnet worden, um den Bedürf-nissen der wachsenden Bevölkerung Rechnung zu tragen, und es besteht wohl einige Aussicht, dass Birlstone sich in naher Zukunft von einem alten englischen Dorf in eine moderne Kleinstadt verwandeln wird. Der Ort ist das Zentrum einer recht ausgedehnten ländlichen Region, denn die nächste größere Stadt Tunbridge Wells, die zehn oder zwölf Meilen weiter östlich liegt, gehört schon zur Grafschaft Kent.

Etwa eine halbe Meile vom Dorf entfernt, umgeben von einem alten und für seine riesigen Buchen berühmten Park, liegt das historische Herrenhaus, Birlstone Manor House. Teile des altehrwürdigen Gebäudes reichen bis in die Zeit des ersten Kreuzzugs zurück, als Hugo de Capus inmitten seines Landbesitzes, mit dem er von William II., dem ›Roten König‹, belehnt worden war, eine kleine Festungsanlage errichten ließ. Diese fiel 1543 einem Brand zum Opfer, aber ein Teil der rußgeschwärzten Eckpfeiler wurde später, in der jakobitischen Zeit, wieder verwendet, als auf den Ruinen der mittelalterlichen Burg ein neues Herrenhaus in Backsteinbauweise entstand. Mit seinen vielen Giebeln und Bleiglasfenstern sieht das Gebäude immer noch fast genauso aus, wie es im frühen siebzehnten Jahrhundert erbaut worden war. Der äußere der beiden ringförmigen Wassergräben, die der Burg zur Verteidigung gedient hatten, war aufgelassen worden und tat jetzt seinen bescheidenen Dienst als Küchengarten. Der innere Graben hingegen war immer noch vorhanden. Er war etwa zwölf Meter breit, aber kaum einen Meter tief, und umschloss das ganze Haus. Er wurde von einem kleinen Bach durchflossen, der für Wasseraustausch sorgte, deshalb war das Wasser zwar trüb, aber keineswegs faulig oder ungesund. Die Fenster des Erdgeschosses reichten tief hinunter bis auf einen Fußbreit über dem Wasserspiegel. Der einzige Zugang zum Haus führte über eine Zugbrücke, deren Ketten und Windevorrichtungen längst verrostet und brüchig geworden waren. Die neuen Besitzer hatten die Brücke jedoch mit bezeichnender Energie instand setzen lassen, und so war die Zugbrücke nicht nur wieder funktionsfähig, sondern sie wurde tatsächlich jeden Abend hochgezogen und jeden Morgen wieder hinabgelassen. Die Wiederbelebung dieses alten Brauchs aus feudalen Zeiten verwandelte das Herrenhaus während der Nacht in eine Insel – eine Tatsache, die eine wichtige Rolle in dem Rätsel spielte, das alsbald in ganz England für Aufsehen sorgen sollte.

Das Haus hatte mehrere Jahre leer gestanden und drohte zu einer pittoresken Ruine zu verfallen, als die Familie Douglas es in Besitz nahm. Diese Familie bestand lediglich aus zwei Personen: John Douglas und seiner Ehefrau. Douglas war sowohl vom Charakter als auch vom Erscheinungsbild her ein beeindruckender Mann. Er mochte etwa fünfzig Jahre zählen und hatte ein zerfurchtes Gesicht mit markantem Kinn, einen grau gesprenkelten Schnurrbart und auffällig lebhafte graue Augen. Seine drahtige, kraftvolle Figur hatte kaum etwas von der Energie und Elastizität der Jugend eingebüßt. Er war offen und freundlich gegenüber jedermann, allerdings in seinen Manieren ein wenig derb, sodass er den Eindruck erweckte, er habe sich in seinem früheren Leben in Kreisen bewegt, die in gesellschaftlicher Hinsicht weit unter dem Niveau der ländlichen Gesellschaft von Sussex standen. Seine kultivierteren Nachbarn betrachteten ihn mit Neugier und einer gewissen Reserviertheit, aber unter der Dorfbevölkerung war er sehr beliebt, da er freigebig zu allen örtlichen Unternehmungen beisteuerte, an musikalischen Abenden in verräucherten Gasthäusern teilnahm und jederzeit bereit war, mit seiner schönen Tenorstimme ein munteres Lied zum Besten zu geben. Er schien über reichliche Geldmittel zu verfügen, die er dem Vernehmen nach auf den kalifornischen Goldfeldern erworben hatte, und aus allem, was man von ihm und seiner Gattin erfuhr, ging hervor, dass er einen großen Teil seines Lebens in den Vereinigten Staaten verbracht hatte. Der gute Eindruck, den er durch seine Freigebigkeit und Freundlichkeit einfachen Leuten gegenüber machte, wurde noch dadurch verstärkt, dass er im Ruf absoluter Furchtlosigkeit stand. Obwohl er ein miserabler Reiter war, ließ er es sich nicht nehmen, an jedem Jagdtreffen teilzunehmen, und in seinem Bemühen, es den Besten gleichzutun, hatte er schon spektakuläre Stürze überstanden. Als einmal im Pfarrhaus ein Feuer ausgebrochen war, bewies er unerhörten Mut, als er in das brennende Gebäude eindrang, nachdem die Ortsfeuerwehr es bereits aufgegeben hatte, um zu retten, was zu retten war. So kam es, dass John Douglas von Birlstone Manor House sich in seiner neuen Umgebung innerhalb von fünf Jahren einen ausgezeichneten Ruf erworben hatte.

Auch seine Gattin war beliebt bei allen, die ihre Bekanntschaft gemacht hatten, aber nach englischer Sitte sprachen Besucher nur selten bei Ortsfremden vor, die sich auf dem Lande niedergelassen hatten, ohne bei den Nachbarn offiziell vorgestellt worden zu sein. Das schien ihr indes nichts auszumachen, denn sie war von Natur aus zurückgezogen und ging in ihren ehelichen und häuslichen Pflichten auf. Man wusste von ihr nur, dass sie Engländerin war und Mr Douglas, damals ein Witwer, in London kennengelernt hatte. Sie war eine schöne Frau, groß und schlank, dunkelhaarig und gut zwanzig Jahre jünger als ihr Mann – ein Altersunterschied, der die eheliche Harmonie in keiner Weise zu beeinträchtigen schien. Allerdings hatten gerade die Menschen, die sie am besten kannten, den Eindruck, dass die beiden einander nicht uneingeschränkt vertrauten, denn die Dame war entweder äußerst zugeknöpft in allem, was das Vorleben ihres Mannes betraf, oder, was wahrscheinlicher schien, sie war darüber nur unvollkommen informiert. Auch entging es nicht der Aufmerksamkeit der Beobachter, dass Mrs Douglas zuweilen Anzeichen nervöser Angst zeigte und dass sie auffällig unruhig wurde, wenn ihr Ehemann abends einmal ungewöhnlich spät heimkehrte. In der Ereignislosigkeit des Landlebens, wo jede Art von Klatsch als Gesprächsstoff willkommen ist, gab diese schwache Seite der Hausherrin von Birlstone Manor House natürlich Anlass zu Gerede und kritischen Bemerkungen, und sie wurde in den Augen der Leute noch bemerkenswerter, als die tragischen Ereignisse eintraten, welche ihr besondere Bedeutung verliehen.

Um jene Zeit lebte unter dem Dach des Herrenhauses noch eine dritte Person, die sich allerdings nur zeitweilig dort aufhielt, deren Anwesenheit zur Zeit der sensationellen Ereignisse, von denen gleich berichtet werden wird, sie aber ins grelle Licht der Öffentlichkeit rückte. Das war Cecil James Barker von Hales Lodge in Hampstead. Seine hohe, schlaksige Gestalt war in der Hauptstraße des Dorfes Birlstone ein gewohnter Anblick, denn er war ein häufiger und gern gesehener Gast im Herrenhaus. Das war umso auffälliger, als er offenbar der einzige Freund aus der dunklen Vergangenheit von Mr Douglas war, der sich je an dessen englischem Wohnort blicken ließ. Barker war zweifellos ein Engländer, doch aus seinen Bemerkungen ging eindeutig hervor, dass er Douglas in Amerika kennengelernt hatte und dass die beiden dort auf vertrautem Fuß miteinander gestanden hatten. Er schien ein sehr wohlhabender Mann zu sein und war, so weit man wusste, Junggeselle. Im Alter stand er Douglas um einige Jahre nach, er war höchstens Mitte vierzig. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit aufrechter Haltung und dem glattrasierten Gesicht eines Preisboxers, mit kräftigen schwarzen Augenbrauen und einem Paar gebieterischer schwarzer Augen, die allein ausgereicht hätten, sich den Weg durch eine feindselige Menge zu bahnen, ganz ohne Hilfe seiner kräftigen Fäuste. Er unternahm weder Ausritte noch Jagdausflüge, sondern brachte seine Tage damit zu, mit der Pfeife im Mund durch das alte Dorf zu schlendern oder mit seinem Gastgeber – oder auch mit der Gastgeberin, falls jener abwesend war – in der schönen ländlichen Umgebung spazieren zu fahren. »Ein unkomplizierter, freigebiger Gentleman«, meinte Ames, der Butler. »Aber auf mein Wort, ich möchte nicht der Mann sein, der ihm in die Quere kommt.« Barker pflegte eine herzliche, vertraute Freundschaft mit Douglas, und nicht weniger mit dessen Ehefrau, eine Freundschaft, die mehr als einmal für mächtigen Ärger sorgte, sodass sogar die Dienstboten bemerkten, wie wenig sie dem Ehemann gefiel. Dies war also die dritte Person in dem kleinen Familienkreis, der zum Zeitpunkt der Katastrophe in dem alten Herrenhaus lebte. Was die anderen Bewohner des Hauses angeht, mag es genügen, unter der zahlreichen Dienerschaft, die ein großer Haushalt erfordert, den korrekten, ehrbaren und tüchtigen Butler Ames zu erwähnen sowie die Haushälterin Mrs Allen, eine dralle, muntere Person, die der Dame des Hauses bei ihren häuslichen Pflichten zur Seite stand. Die anderen sechs Bediensteten spielten bei den Ereignissen in der Nacht des 6. Januar keine Rolle.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht war der erste Alarm bei der kleinen örtlichen Polizeiwache eingegangen, welcher Sergeant Wilson von der Sussex-Polizei vorstand. Mr Cecil Barker war in höchster Aufregung vor der Wache erschienen und hatte wie wild die Glocke gezogen. Im Herrenhaus habe es eine schreckliche Tragödie gegeben: Mr John Douglas sei ermordet worden. Das war der Kern der atemlos hervorgestoßenen Botschaft. Barker war dann wieder zum Herrenhaus zurückgelaufen, gefolgt von Sergeant Wilson, der kurz nach Mitternacht am Tatort eintraf, nachdem er zuerst seine vorgesetzte Grafschaftsbehörde benachrichtigt hatte, dass es einen ernsten Vorfall gegeben habe.

Beim Herrenhaus fand der Sergeant die Zugbrücke heruntergelassen, die Fenster erleuchtet und den ganzen Haushalt in einem Zustand wilder Aufregung. In der Eingangshalle drängten sich die schreckensbleichen Dienstboten, und der verängstigte Butler stand händeringend im Torweg. Nur Cecil Barker schien Herr seiner selbst und seiner Emotionen zu sein. Er öffnete eine nahe beim Eingangstor gelegene Zimmertür und winkte dem Sergeant, ihm zu folgen. In diesem Moment traf auch Dr Wood ein, der Dorfarzt, ein energischer und zupackender Mann. Die drei Männer betraten gemeinsam das Mordzimmer, und der von Grauen geschüttelte Butler folgte ihnen auf den Fersen und schloss die Tür hinter sich, um den Dienstmädchen den Anblick der schrecklichen Szene zu ersparen.

Der Tote lag in der Mitte des Zimmers auf dem Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt. Er war mit einem blassroten Hausmantel bekleidet, darunter trug er ein Nachthemd. Die bloßen Füße steckten in Pantoffeln. Der Arzt kniete neben der Leiche nieder und richtete eine Lampe darauf, die auf dem Tisch gestanden hatte. Ein einziger Blick auf das Opfer zeigte, dass jede ärztliche Mühe vergebens war. Der Mann war entsetzlich entstellt. Quer über seiner Brust lag eine eigenartige Waffe, eine doppelläufige Schrotflinte, deren Läufe etwa 30 cm vor den Abzügen abgesägt worden waren. Die Waffe war eindeutig aus nächster Nähe abgefeuert worden, und das Opfer hatte die volle Ladung ins Gesicht bekommen, wodurch der Schädel förmlich zertrümmert worden war. Die beiden Abzüge waren mit Draht zusammengebunden, um beide Läufe gleichzeitig abfeuern zu können und damit eine noch verheerendere Wirkung zu erzielen.

Der Dorfpolizist war unsicher und verwirrt angesichts der großen Verantwortung, die plötzlich auf seinen Schultern lag.

»Wir dürfen nichts anrühren, bis meine Vorgesetzten hier sind«, sagte er heiser, während er voller Grauen auf den entsetzlich verstümmelten Kopf des Toten starrte.

»Bis jetzt ist nichts angerührt worden«, sagte Cecil Barker. »Dafür stehe ich ein. Alles ist haargenau so, wie ich es vorgefunden habe.«

»Um welche Uhrzeit war das?« Der Sergeant hatte sein Notizbuch gezückt.

»Halb zwölf. Ich war noch angezogen und saß in meinem Schlafzimmer vor dem Kamin, als ich einen Schuss hörte. Er war nicht sehr laut, eher gedämpft. Ich rannte die Treppe hinunter. Ich glaube, es hat keine dreißig Sekunden gedauert, bis ich hier war.«

»Stand die Tür offen?«

»Ja, sie war offen. Der arme Douglas lag so da, wie Sie ihn jetzt sehen. Sein Schlafzimmerleuchter mit einer brennenden Kerze stand auf dem Tisch. Ich war es, der die Tischlampe angezündet hat.«

»Haben Sie niemanden gesehen?«

»Nein. Ich habe gehört, wie Mrs Douglas ebenfalls die Treppe herunterkam, und bin ihr entgegengelaufen, um ihr diesen schrecklichen Anblick zu ersparen. Dann kam Mrs Allen dazu, die Haushälterin, und führte sie weg. Auch Ames war unterdessen gekommen, und wir sind zusammen wieder in das Zimmer gegangen.«

»Ich habe gehört, dass die Zugbrücke die ganze Nacht über hochgezogen bleibt.«

»Ja, sie war hochgezogen. Ich habe sie heruntergelassen.«

»Aber wie hätte der Mörder dann entkommen können? Das ist doch ganz unmöglich. Mr Douglas muss sich selbst erschossen haben.«

»Das war auch unser erster Gedanke. Aber schauen Sie!« Barker zog den Vorhang beiseite. Das große Fenster mit den Bleiglasscheiben stand weit offen. »Sehen Sie sich das hier an!« Er hielt die Lampe tiefer und wies auf einen Blutfleck auf der niedrigen Fensterbank – den Abdruck einer Fußsohle. »Das hat jemand hinterlassen, der hier durch das Fenster gestiegen ist.«

»Sie meinen, jemand ist durch den Wassergraben gewatet?«

»Genau.«

»Aber wenn Sie innerhalb einer halben Minute nach der Tat hier im Zimmer waren, muss der Mörder zu dieser Zeit im Graben gewesen sein.«

»Ganz bestimmt. Himmel und Hölle! Ich wünschte, ich wäre zum Fenster gerannt. Aber es war ja durch den Vorhang verdeckt, wie Sie sehen, da ist mir das nicht in den Sinn gekommen. Dann habe ich Mrs Douglas’ Schritte gehört, und ich musste verhindern, dass sie hier hereinkam. Es wäre zu grauenhaft für sie gewesen.«

»Grauenhaft ist nicht zu viel gesagt«, bemerkte der Doktor mit einem Blick auf den zerschmetterten Kopf und die grässlichen Spuren ringsum. »Seit dem Eisenbahnunglück in Birlstone damals habe ich keine so fürchterlichen Verletzungen gesehen.«

»Aber sagen Sie mir bitte«, bemerkte der Polizeibeamte, dessen ländlich-behäbiger Verstand immer noch mit dem offenen Fenster beschäftigt war, »es ist ja schön und gut, was Sie da sagen, dass jemand durch den Graben waten und auf diese Art entkommen kann, aber ich möchte doch gern wissen, wie er überhaupt ins Haus gelangt ist, wenn die Brücke hochgezogen war?«

»Ah, das ist allerdings die Frage«, sagte Barker.

»Um welche Zeit wurde sie hochgezogen?«

»Kurz vor sechs Uhr«, antwortete der Butler Ames.

»Ich habe gehört«, sagte der Sergeant, »dass dies gewöhnlich bei Sonnenuntergang geschieht. Um diese Jahreszeit ist das eher gegen halb fünf als um sechs Uhr.«

»Mrs Douglas hatte Gäste zum Tee«, antwortete Ames. »Ich konnte die Brücke erst hochziehen, nachdem sie gegangen waren. Das habe ich dann auch eigenhändig getan.«

»Dann läuft es also auf Folgendes hinaus«, sagte der Sergeant. »Wenn der Mörder von draußen gekommen ist – ich sage ausdrücklich wenn –, dann muss er vor sechs Uhr abends über die Brücke gekommen sein und sich hier versteckt haben, bis Mr Douglas nach elf Uhr nachts hereinkam.«

»Genauso ist es. Mr Douglas machte jeden Abend vor dem Zubettgehen noch eine Runde durch das Haus, um nachzusehen, ob alle Lichter gelöscht sind. Das war es, was ihn hierhergeführt hat. Der Mann hat hier gelauert und ihn niedergeschossen. Dann ist er durch das Fenster geflohen, hat seine Waffe aber zurückgelassen. Nur so kann ich es mir erklären – alles andere würde nicht zu den vorliegenden Tatsachen passen.«

Der Sergeant hob eine Karte auf, die neben dem Toten auf dem Fußboden lag. Sie trug einen mit Tinte gekritzelten Schriftzug: die Buchstaben V. V. und darunter die Zahl 341.

»Was ist das?«, fragte er und hielt das Kärtchen hoch.

Barker betrachtete es neugierig.

»Das ist mir gar nicht aufgefallen«, sagte er. »Das muss der Mörder hinterlassen haben.«

»V. V. 341 – was soll das bedeuten?« Der Sergeant drehte das Kärtchen in seinen dicken Fingern. »Was bedeutet V. V.? Vermutlich die Initialen von jemandem. Was haben Sie denn da, Dr Wood?«

Es war ein großer Hammer, der auf dem Teppich vor dem Kamin gelegen hatte – ein solides, schweres Werkzeug. Cecil Barker zeigte auf eine Schachtel Messingnägel, die auf dem Kaminsims stand.

»Mr Douglas hat gestern Bilder umgehängt«, sagte er. »Ich habe ihn gesehen, wie er auf dem Stuhl dort stand und das große Bild befestigt hat. Daher der Hammer.«

»Wir legen ihn am besten auf den Teppich zurück, wo wir ihn gefunden haben«, sagte der Sergeant und kratzte sich ratlos am Kopf. »Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, braucht es die besten Köpfe, die wir bei der Polizei haben. Ich glaube, das ist ein Fall für London.« Er nahm die Lampe vom Tisch und schritt damit langsam das Zimmer ab. »Holla!« rief er plötzlich laut und zog den Fenstervorhang zur Seite. »Wann sind diese Vorhänge zugezogen worden?«

»Als die Lampen angezündet wurden«, antwortete Ames. »Das dürfte kurz nach vier Uhr gewesen sein.«

»Hier hat sich jemand versteckt, eindeutig!« Er bückte sich mit der Lampe, und in ihrem Licht wurden in einer Ecke schlammige Stiefelabdrücke sichtbar. »Ich würde sagen, das bestätigt Ihre Theorie, Mr Barker. Sieht ganz so aus, als ob der Mann nach vier Uhr ins Haus gelangt ist, als die Vorhänge bereits zugezogen waren, aber vor sechs Uhr, als die Zugbrücke hochgezogen wurde. Er ist in dieses Zimmer geschlüpft, weil es am nächsten zum Eingangstor liegt. Ein besseres Versteck fand er nicht, da hat er sich hinter diesem Vorhang versteckt. Das scheint alles ziemlich klar zu sein. Es ist gut möglich, dass er eigentlich auf Diebstahl aus war und dass Mr Douglas ihn zufällig ertappt hat. Da hat er ihn erschossen und ist geflohen.«

»So sehe ich es auch«, sagte Barker. »Aber meinen Sie nicht, dass wir kostbare Zeit vergeuden? Sollten wir nicht lieber hinausgehen und die Umgebung absuchen, bevor der Kerl endgültig entkommt?«

Der Sergeant überlegte eine Weile. »Vor sechs Uhr früh geht kein Zug mehr – mit der Eisenbahn kann er also nicht entkommen. Und wenn er bis zum Bauch pitschnass über die Landstraße marschiert, wird er bestimmt von ein paar Leuten bemerkt. Ich kann mich nicht vom Tatort wegrühren, bevor ich abgelöst werde. Und ich glaube, Sie sollten auch hierbleiben, bis wir die Dinge etwas klarer sehen.«

Der Doktor hatte die Lampe ergriffen und examinierte den Leichnam sorgfältig.

»Was ist das für ein Zeichen?« fragte er. »Könnte es etwas mit dem Mord zu tun haben?«

Der rechte Arm des Toten ragte, bis zum Ellbogen entblößt, aus dem Hausmantel hervor. Etwa auf halber Höhe des Unterarms war ein sonderbares braunes Mal zu sehen, das sich deutlich von der fahlen Haut abhob: ein Dreieck in einem Kreis.

»Das ist keine Tätowierung«, sagte der Doktor, scharf durch seine Brille spähend. »So etwas habe ich noch nie gesehen. Es ist ein Brandzeichen, wie man es beim Vieh macht. Was hat das nun wieder zu bedeuten?«

»Ich kann nicht behaupten, dass ich weiß, was es bedeutet«, sagte Cecil Barker, »aber gesehen habe ich dieses Zeichen an Douglas häufig in den letzten zehn Jahren.«

»Ich auch«, fiel der Butler ein. »Mir ist dieses Zeichen auch aufgefallen, wenn der gnädige Herr die Hemdärmel hochgekrempelt hat. Ich habe mich oft gefragt, was es wohl bedeutet.«

»Dann kann es mit dem Verbrechen nichts zu tun haben«, meinte der Sergeant. »Aber komisch ist es trotzdem. Alles an diesem Fall ist komisch. – Was ist denn jetzt wieder los?«

Der Butler hatte einen erstaunten Ruf ausgestoßen und wies auf die ausgestreckte Hand des Toten.

»Sie haben seinen Ehering gestohlen!« stieß er hervor.

»Was?«

»Ja, wirklich! Der gnädige Herr trug immer seinen schlichten goldenen Trauring am kleinen Finger der linken Hand. Diesen Ring dort mit dem kleinen Nugget trug er darüber und den mit der gewundenen Schlange am Mittelfinger. Der Nugget-Ring ist da, und der Schlangenring auch, aber der Ehering fehlt.«

»Stimmt«, sagte Barker.

»Wollen Sie damit sagen«, fragte der Sergeant, »dass er den Ehering unter dem anderen trug?«

»Ja, immer.«

»Dann muss der Mörder – oder wer auch immer – erst den Ring abgezogen haben, den Sie ›Nugget-Ring‹ nennen, und dann den Ehering, und dann den Nugget-Ring wieder aufgesteckt haben.«

»So ist es.«

Der brave Dorfpolizist schüttelte den Kopf. »Mir scheint, je schneller wir London hinzuziehen, desto besser«, sagte er. »White Mason ist ein kluger Kopf. Kein Fall, den wir hier in der Gegend hatten, war jemals zu verzwickt für White Mason. Es dauert nicht mehr lange, dann ist er hier und hilft uns weiter. Trotzdem glaube ich, wir müssen uns an London wenden, bevor wir mit der Sache durch sind. Egal wie, ich geb jedenfalls gerne zu, dass das hier ’ne Nummer zu groß ist für jemanden wie mich.«

4. KAPITEL

Dunkelheit

Um drei Uhr morgens traf, dem dringenden Ruf von Sergeant Wilson aus Birlstone folgend, ein leichter, von einem schweißnassen Traber gezogener Einspänner vom Hauptquartier her am Schauplatz ein, und mit ihm der oberste Kriminalbeamte der Grafschaft Sussex. Mit dem ersten Frühzug um 5.40 Uhr schickte er eine Nachricht an Scotland Yard, und um 12 Uhr mittags stand er auf dem Bahnhof von Birlstone, um uns in Empfang zu nehmen. Mr White Mason war ein ruhiger, gemütlich aussehender Mann in einem etwas zu weiten Tweedanzug, mit glattrasiertem, rötlichem Gesicht, korpulenter Statur und mächtigen, mit Gamaschen bekleideten O-Beinen. Er wirkte eher wie ein kleiner Farmer oder ein pensionierter Wildhüter oder dergleichen, aber keineswegs wie einer der fähigsten Kriminalpolizisten, die die Grafschaft aufzuweisen hatte.

»Das ist ja wirklich ein Riesending, Mr MacDonald«, wiederholte er mehrfach. »Die Zeitungsmenschen werden sich drauf stürzen wie Fliegen auf ein Stück Aas, sobald sie davon erfahren. Ich hoffe nur, wir sind mit unserer Arbeit fertig, bevor sie ihre Nasen hier reinstecken und alle Spuren zertrampeln. So einen Fall hatten wir hier noch nie, so weit ich weiß. Ich müsste mich sehr irren, wenn es da nicht einige Punkte gäbe, die Ihre Spezialität sind, Mr Holmes. Und auch Ihre, Dr Watson, denn die Herren Ärzte werden ein gewichtiges Wort mitzureden haben, bevor alles geklärt ist. Ich habe Sie übrigens im Westville Arms untergebracht. Ein anderes Gasthaus gibt es hier nicht, aber ich habe gehört, es ist sauber und ordentlich. Dieser Mann kümmert sich um Ihr Gepäck. Hier entlang, Gentlemen, wenn ich bitten darf.«

Ein kompetenter und umgänglicher Mann war er, dieser Inspektor aus Sussex. Zehn Minuten später hatten wir unser Quartier bezogen, und weitere zehn Minuten später saßen wir im Privatsalon des Gasthauses beisammen und bekamen eine knappe Schilderung der Ereignisse serviert, so wie ich sie im vorigen Kapitel in groben Zügen beschrieben habe. MacDonald machte sich gelegentlich eine Notiz, während Holmes ruhig und konzentriert dasaß. Sein Gesicht drückte Faszination und andächtige Bewunderung aus, wie das eines Botanikers angesichts einer seltenen und kostbaren Blüte.

»Interessant!« sagte er, als der Bericht zu Ende war. »Höchst interessant! Ich kann mich kaum an einen eigentümlicheren Fall erinnern.«

»Ich dachte mir schon, dass Sie das sagen würden, Mr Holmes«, sagte White Mason erfreut. »Wir sind hier in Sussex ganz auf der Höhe der Zeit. Jetzt habe ich Ihnen erzählt, wie ich die Sache vorgefunden habe, als ich sie zwischen drei und vier Uhr morgens von Sergeant Wilson übernommen habe. Donnerwetter, was hab ich die alte Mähre laufen lassen! Und dann hat sich herausgestellt, dass diese Eile gar nicht nötig war, denn es gab nichts, was ich sofort hätte tun müssen. Sergeant Wilson hatte alle Fakten beisammen. Ich bin sie durchgegangen, habe alles überdacht und vielleicht noch um ein paar Kleinigkeiten ergänzt.«

»Und die wären?« fragte Holmes gespannt.

»Zuerst habe ich mir den Hammer genau angesehen, zusammen mit Dr Wood. Aber wir haben nicht den geringsten Hinweis gefunden, dass er als Waffe benutzt worden ist. Ich hatte gehofft, dass Mr Douglas, falls er sich mit dem Hammer verteidigt hat, dem Mörder vielleicht noch eins damit verpasst hat, bevor er ihn auf den Teppich fallen ließ. Aber da ist keine Blutspur dran.«

»Das beweist natürlich gar nichts«, warf Inspektor MacDonald ein. »Es gibt jede Menge Hammer-Morde ohne Spuren an dem Ding.«

»Allerdings, es beweist nicht, dass der Hammer nicht benutzt worden ist. Aber es hätten ja Spuren dran sein können, und die wären ein wichtiges Indiz gewesen. Doch es gibt keine. Dann habe ich mir die Flinte vorgenommen. Die Patronen enthielten Rehposten und, worauf schon Sergeant Wilson hingewiesen hat, die Abzüge sind mit Draht zusammengebunden, sodass beide Läufe gleichzeitig abgefeuert werden, wenn der hintere Abzug betätigt wird. Wer auch immer das bewerkstelligt hat – er wollte sichergehen und seinem Opfer keine Chance lassen. Die abgesägte Flinte ist nur etwa sechzig Zentimeter lang; man kann sie problemlos unter dem Mantel verstecken. Der Name des Büchsenmachers ist leider nicht zu entziffern. Nur die Buchstaben P E N sind zwischen den beiden Läufen zu erkennen, der Rest ist abgesägt.«

»Ein großes P mit einem Schnörkel darüber, und das E und N etwas kleiner?« fragte Holmes.

»Ja, genau so.«

»Pennsylvania Small Arms Company – eine bekannte amerikanische Firma«, sagte Holmes.

White Mason starrte meinen Freund an wie ein bescheidener Dorfarzt einen Spezialisten aus der Harley Street, der mit einem einzigen Wort Schwierigkeiten löst, die Ersterem unüberwindlich erscheinen.

»Das ist äußerst hilfreich, Mr Holmes. Zweifellos haben Sie Recht. Großartig – ganz großartig! Sagen Sie, haben Sie die Namen aller Waffenfabrikanten der Welt im Kopf?«

Holmes tat das Thema mit einer Handbewegung ab.

»Auf alle Fälle ist das ein amerikanisches Gewehr«, fuhr White Mason fort. »Ich glaube gelesen zu haben, dass abgesägte Schrotflinten in einigen Teilen Amerikas recht beliebt sind. Darauf war ich auch schon gekommen, unabhängig vom Namen auf dem Lauf. Wir können also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit annehmen, dass der Mann, der ins Haus eingedrungen ist und den Hausherrn ermordet hat, Amerikaner ist.«

MacDonald schüttelte den Kopf. »Mein lieber Mann, jetzt gehen Ihnen aber die Pferde durch«, sagte er. »Wir haben doch noch gar keinen Beweis, dass überhaupt jemand ins Haus eingedrungen ist.«

»Das offene Fenster, die Blutspur auf der Fensterbank, das rätselhafte Kärtchen, die Stiefelabdrücke in der Ecke, die Schrotflinte.«

»Das ist nichts, was nicht auch hätte arrangiert werden können. Mr Douglas war Amerikaner, oder jedenfalls hat er lange in Amerika gelebt. Ebenso Mr Barker. Man braucht sich keinen Fremden aus Amerika auszudenken, um Amerikanisches im Haus zu erklären.«

»Ames, der Butler –«

»Was ist eigentlich mit ihm? Ist er vertrauenswürdig?«

»Er war zehn Jahre Butler bei Sir Charles Chandos – die Rechtschaffenheit in Person. Bei Douglas war er bedienstet, seit dieser Birlstone Manor House übernommen hat, also seit fünf Jahren. Er sagt, er hätte im Haus niemals so eine Flinte gesehen.«

»Sie sollte ja auch nicht gesehen werden. Eben deshalb wurden die Läufe abgesägt. Sie passt in jede größere Schachtel. Wie kann er da beschwören, dass keine solche Waffe im Haus war?«

»Na gut, jedenfalls hat er keine gesehen.«

MacDonald schüttelte seinen obstinaten schottischen Schädel. »Ich bin keineswegs sicher, dass überhaupt jemand von außen ins Haus eingedrungen ist«, sagte er. »Denken Sie doch mal nach!« Sein Aberdeen-Akzent trat stärker hervor, während er seine Argumente darlegte. »Überlegen Sie doch mal, wohin das führt, wenn man davon ausgeht, dass jemand von außerhalb diese Flinte ins Haus geschmuggelt und all diese merkwürdigen Sachen angestellt hat. O, Mann – das ist geradezu unmöglich! Es widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Ich möchte Sie fragen, Mr Holmes, was ist Ihre Meinung, nach allem, was wir bisher wissen?«

»Bitte legen Sie uns erst Ihre Sicht des Falles dar, Mr Mac«, sagte Holmes so amtlich wie möglich.

»Dieser Mann – vorausgesetzt, es gibt ihn überhaupt – ist kein simpler Einbrecher. Die Sache mit dem Ring und das komische Kärtchen deuten auf persönliche Motive hin. So weit, so gut. Denken wir uns einen Mann, der sich ins Haus schleicht mit dem Vorsatz, jemanden umzubringen. Ihm ist klar, wenn ihm überhaupt etwas klar ist, dass es schwierig sein wird, ungesehen zu entkommen, denn das Haus ist ringsum von Wasser umgeben. Was für eine Waffe würde er wählen? Ich würde sagen, die leiseste, die es gibt. Nur dann konnte er hoffen, nach getaner Tat aus dem Fenster zu schlüpfen, durch den Graben zu waten und sich in aller Ruhe davonzumachen. Das wäre einleuchtend. Aber ist es einleuchtend, dass er so verrückt ist, die lauteste Waffe mitzubringen, die er finden kann, obwohl er genau weiß, dass er damit die Hausbewohner alarmiert und alle zusammenlaufen würden, um zu sehen, was los ist, und dass es hundert zu eins steht, dass jemand ihn sieht, bevor er durch den Wassergraben durch ist? Halten Sie das für glaubhaft, Mr Holmes?«

»Sie haben Ihre Sichtweise überzeugend dargelegt«, antwortete mein Freund nachdenklich. »Ganz bestimmt besteht da großer Erklärungsbedarf. Ich möchte Sie fragen, Mr White Mason: Haben Sie die Außenseite des Grabens unverzüglich auf Spuren untersucht, die zeigen, dass dort jemand aus dem Wasser gestiegen ist?«

»Es gibt keine Spuren, Mr Holmes. Die Einfassung ist aus Stein, da kann man keine Spuren erwarten.«

»Keine Fußabdrücke oder sonstigen Hinweise?«

»Gar keine.«

»Aha! Spricht irgendetwas dagegen, Mr White Mason, wenn wir jetzt zum Herrenhaus gehen? Es könnte trotz allem noch die eine oder andere winzige Spur vorhanden sein, die von Bedeutung ist.«

»Das wollte ich gerade vorschlagen, Mr Holmes, aber ich hielt es für wichtig, Sie erst mit den Fakten vertraut zu machen. Ich darf doch davon ausgehen, wenn Sie irgendetwas finden sollten …« White Mason blickte seinen Amateurkollegen skeptisch fragend an.

»Ich habe mit Mr Holmes schon früher zusammengearbeitet«, beantwortete Inspektor MacDonald die unausgesprochene Frage. »Er hält sich an die Spielregeln.«

»Zumindest an meine Vorstellung der Spielregeln«, sagte Holmes lächelnd. »Wenn ich einen Fall untersuche, geschieht es mit dem Ziel, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen und die regulären Polizeikräfte zu unterstützen. Wenn ich getrennt von der Polizei gearbeitet habe, dann nur, weil sie sich als Erste von mir abgewandt hat. Es war nie meine Absicht, auf ihre Kosten Ruhm und Ehre einzuheimsen. Aber ich reklamiere für mich das Recht, auf meine eigene Art und Weise zu arbeiten, Mr White Mason, und meine Erkenntnisse zu einer mir gelegenen Zeit zu präsentieren – und dann vollständig und nicht auf Raten.«

»Wir freuen uns natürlich, dass Sie hier sind, Mr Holmes, und ich kann Ihnen versichern, dass wir Ihnen alle Informationen zur Verfügung stellen«, sagte White Mason konziliant. »Kommen Sie mit, Dr Watson, denn später einmal möchten wir schließlich alle in einem Ihrer Bücher auftauchen.«

Wir gingen die hübsche, zu beiden Seiten von gestutzten Ulmen gesäumte Dorfstraße hinunter. Sie mündete in einen Torweg zwischen zwei uralten, verwitterten und von Flechten überzogenen Steinpfeilern, die von einem formlosen Etwas gekrönt waren, das früher einmal der springende Löwe der Capus von Birlstone gewesen war. Nun folgten wir der kurzen, geschwungenen Zufahrt durch eine mit alten Eichen bestandene Rasenfläche, wie man sie nur im ländlichen England findet, und dann tauchte hinter einer Wendung unvermittelt das langgestreckte, niedrige Haus aus der Zeit König James’ des Ersten mit seinen dunkelbraunen Backsteinmauern vor uns auf, umgeben von einem altmodischen Garten mit beschnittenen Eibenhecken. Als wir uns dem Haus näherten, sahen wir die hölzerne Zugbrücke und den breiten Burggraben, dessen stiller Wasserspiegel unter der kalten Wintersonne hell wie Quecksilber glänzte. Drei Jahrhunderte waren an dem alten Herrenhaus vorübergezogen – Jahrhunderte, die Geburten und Heimgänge, ländliche Tänze und Jagdgesellschaften gesehen hatten. Es schien seltsam, dass jetzt, in seinen alten Tagen, die dunklen Schatten eines Verbrechens auf diese altehrwürdigen Mauern fallen sollten. Und doch schienen die steilen Dächer und die malerisch vorkragenden Giebel einen passenden Rahmen für düstere Geschehnisse abzugeben. Ich betrachtete die tiefen Fenster und die langgestreckte, dunkle, wasserumspülte Fassade, und es schien mir, als könne es kaum eine passendere Kulisse für eine solche Tragödie geben.

»Dies ist das fragliche Fenster, unmittelbar rechts von der Zugbrücke«, sagte White Mason. »Es steht offen, so wie es letzte Nacht vorgefunden wurde.«

»Ziemlich schmal, um einen erwachsenen Mann durchzulassen.«

»Na, geradezu dick kann er jedenfalls nicht gewesen sein. Um das zu wissen, brauchen wir nicht Ihre Deduktionen, Mr Holmes. Aber Sie oder ich könnten uns da schon durchquetschen.«

Holmes trat an den Rand des Grabens und blickte zur anderen Seite hinüber. Dann examinierte er die steinerne Böschung und die grasbewachsene Einfassung.

»Ich habe mir das schon genau angesehen, Mr Holmes«, sagte White Mason. »Da ist nichts zu finden, kein Anzeichen, dass jemand hier herausgeklettert ist. Aber warum sollte er auch Spuren hinterlassen?«

»Sehr richtig, warum sollte er. Ist das Wasser immer so trüb?«

»Ja, immer so wie jetzt. Der zufließende Bach trägt Lehm ein.«

»Wie tief ist der Graben?«

»Etwa einen Meter in der Mitte und gut einen halben am Rand.«

»Dann können wir den Gedanken, dass der Mann beim Durchwaten ertrunken ist, verwerfen.«

»Ja, hier würde nicht mal ein Kind ertrinken.«

Wir passierten die Zugbrücke und wurden am Tor von einem altmodisch gekleideten, verhutzelten und wie eingeschrumpft wirkenden Diener empfangen – dem Butler Ames. Der arme alte Mann war immer noch schreckensbleich und zittrig von dem Schock. Der örtliche Sergeant, ein klobiger Mann mit amtlicher, bekümmerter Miene, bewachte immer noch das Mordzimmer. Der Arzt war gegangen.

»Irgendwas Neues, Sergeant Wilson?« fragte White Mason.

»Nein, Sir.«

»Dann können Sie gehen. Sie haben Ihre Pflicht getan. Falls wir Sie brauchen, werden wir nach Ihnen schicken. Der Butler soll lieber draußen bleiben. Sagen Sie ihm bitte, er möchte Mr Cecil Barker, Mrs Douglas und die Haushälterin bitten, sich bereitzuhalten, denn wir werden gleich ein paar Worte mit ihnen zu reden haben. Und nun, Gentlemen, gestatten Sie mir, Ihnen meine Sicht der Sache darzulegen. Danach können Sie sich Ihre eigene Meinung bilden.«

Er gefiel mir, dieser Kriminalpolizist aus Sussex. Er hatte ein gutes Auge für Fakten und einen kühlen, klaren, praktischen Verstand, der ihn in seinem Beruf ein gutes Stück voranbringen würde. Holmes hörte ihm aufmerksam zu, ohne jegliches Zeichen jener Ungeduld, die offizielle Vertreter des Gesetzes so oft in ihm auslösten.

»Selbstmord oder Mord – das ist die erste Frage, Gentlemen, nicht wahr? Wenn es Selbstmord wäre, müssten wir annehmen, dass der Mann als Erstes seinen Ehering abgelegt und irgendwo versteckt hat, dass er dann im Hausmantel heruntergekommen ist, mit schmutzigen Stiefeln in der Ecke hinter dem Vorhang herumgetrampelt ist, um vorzutäuschen, dass hier jemand gestanden und ihm aufgelauert hat, dass er dann das Fenster geöffnet hat, eine Blutspur auf dem –«

»Wir wollen das als erledigt betrachten«, unterbrach MacDonald.

»Das ist auch meine Meinung. Selbstmord kommt nicht in Frage. Dann war es also Mord. Wir müssen herausfinden, ob der Täter von außerhalb des Hauses gekommen ist oder ob er zum Haus gehört.«

»Lassen Sie hören, was Sie denken.«

»Beide Varianten haben ihre Schwierigkeiten, aber eine von beiden muss die richtige sein. Nehmen wir als Erstes an, einer der Hausbewohner habe die Tat begangen. Das Opfer ist hier hereingelockt worden zu einem Zeitpunkt, als die anderen Hausbewohner sich schon zurückgezogen hatten, aber noch nicht schliefen. Die Tat wurde mit einer ungewöhnlichen und sehr lauten Waffe verübt, geradeso als hätte der Täter es darauf angelegt, das ganze Haus zu alarmieren – und noch dazu mit einer Waffe, die bisher nicht in diesem Haus gesehen wurde. Das klingt nicht sehr wahrscheinlich, oder?«

»Allerdings nicht.«

»Gut. Wir sind uns einig, dass kaum eine Minute vergangen ist zwischen dem Abfeuern der Waffe und dem Zeitpunkt, da sämtliche Hausbewohner zur Stelle waren – nicht nur Mr Cecil Barker, der angibt, der Erste gewesen zu sein, sondern auch Ames und alle anderen. Wollen Sie mir weismachen, dass der Täter in dieser kurzen Zeit Fußspuren in der Ecke machen, das Fenster öffnen, einen Blutfleck auf die Fensterbank schmieren, den Ehering vom Finger des Toten abziehen und alles Übrige tun konnte? Das ist völlig unmöglich.«

»Sie haben das sehr klar dargestellt«, sagte Holmes. »Ich bin geneigt, Ihnen zuzustimmen.«

»Gut, dann müssen wir zur ersten Hypothese zurückkehren, nämlich dass die Tat von einer Person verübt worden ist, die von außerhalb kam. Auch hier stehen wir vor Schwierigkeiten, aber nicht mehr vor einer Unmöglichkeit. Der Mann ist zwischen halb fünf und sechs Uhr nachmittags ins Haus gelangt, das heißt zwischen dem Beginn der Dämmerung und dem Zeitpunkt, wo die Zugbrücke hochgezogen wurde. Da Gäste im Haus waren, stand das Eingangstor offen, und nichts hinderte ihn, hereinzuschleichen. Dieser Mann könnte ein ganz gewöhnlicher Einbrecher sein, oder es könnte jemand sein, der eine persönliche Rechnung mit Mr Douglas zu begleichen hatte. Da Mr Douglas den größten Teil seines Lebens in Amerika verbracht hat und diese Schrotflinte höchstwahrscheinlich amerikanischer Herkunft ist, scheint die Annahme eines persönlichen Motivs die wahrscheinlichere zu sein. Er schlüpfte in dieses Zimmer, weil es dem Eingang am nächsten liegt, und verbarg sich hinter dem Vorhang. Dort blieb er bis nach elf Uhr abends. Zu dieser Zeit betrat Mr Douglas den Raum. Der Wortwechsel zwischen beiden kann nur kurz gewesen sein, falls es überhaupt einen gegeben hat, denn Mrs Douglas hat ausgesagt, dass ihr Mann sie erst kurz vor dem Schuss verlassen hatte.«

»Das beweist allein schon die Kerze«, sagte Holmes.

»Richtig. Die Kerze war neu, und sie ist kaum mehr als einen Zentimeter heruntergebrannt. Er muss den Leuchter auf den Tisch gestellt haben, bevor er angegriffen wurde, sonst wäre er natürlich zu Boden gefallen. Das zeigt, dass er nicht sofort nach seinem Eintritt ins Zimmer angegriffen wurde. Mr Barker hat dann, als er hereinkam, die Kerze gelöscht und die Tischlampe angezündet.«

»Das ist so weit plausibel.«

»Gut. Auf dieser Grundlage können wir die Vorgänge rekonstruieren. Mr Douglas betritt das Zimmer. Er stellt den Kerzenleuchter auf den Tisch. Ein Mann kommt hinter dem Vorhang hervor, mit der Flinte bewaffnet. Er verlangt den Ehering – der Himmel weiß warum, aber so muss es gewesen sein. Mr Douglas gehorcht ihm. Dann wird er von dem Eindringling brutal erschossen – entweder kaltblütig oder nach einem kurzen Kampf. Douglas hat vielleicht noch den Hammer ergriffen, der hier auf dem Teppich lag. Der Mörder lässt seine Waffe fallen, und offenbar auch diese seltsame Karte mit der Aufschrift V. V. 341 – was immer das bedeutet. Er flieht durch das Fenster und watet durch den Burggraben, als Cecil Barker hereinkommt und das Verbrechen entdeckt. Wie hört sich das an, Mr Holmes?«

»Sehr interessant, allerdings nicht ganz überzeugend.«

»Mein lieber Mann, es würde sich geradezu unsinnig anhören, wenn nicht alle anderen Erklärungen noch unsinniger wären!« rief MacDonald. »Jemand hat diesen Mann umgebracht, aber ganz gleich, wer es war, ich kann Ihnen klar beweisen, dass es anders abgelaufen sein muss. Warum in aller Welt sollte er sich aus freien Stücken selbst den Fluchtweg abschneiden? Warum in aller Welt sollte er eine Schusswaffe verwenden, wo seine einzige Chance zu entkommen darin lag, dass alles heimlich, still und leise vor sich ging? Mr Holmes, Sie haben gesagt, Mr White Masons Theorie sei nicht völlig überzeugend – jetzt sind Sie dran, uns auf die richtige Spur zu setzen.«

Holmes war der Diskussion mit größter Aufmerksamkeit gefolgt. Kein Wort war ihm entgangen, während seine scharfen Augen nach allen Seiten spähten und seine Stirn sich nachdenklich furchte.

»Ich hätte gern noch ein paar mehr Fakten, Mr Mac, bevor ich so weit gehe, eine Hypothese zu äußern«, sagte er und kniete neben der Leiche nieder. »Du liebe Güte! Diese Verletzungen sind wirklich fürchterlich. Würden Sie bitte den Butler hereinholen? … Ames, ich habe gehört, dass Sie dieses ungewöhnliche Mal schon öfter auf Mr Douglas’ Unterarm gesehen haben, ein eingebranntes Dreieck in einem Kreis?«

»Ja, Sir, häufig.«

»Ist Ihnen nie zu Ohren gekommen, was es bedeutet?«

»Nein, Sir.«

»Es muss sehr schmerzhaft gewesen sein, so ein Brandzeichen aufgedrückt zu bekommen. Und noch etwas, Ames. Dort ist ein kleines Pflaster am Kieferwinkel von Mr Douglas. Haben Sie das gesehen, als er noch am Leben war?«

»Ja, Sir, er hat sich gestern Morgen beim Rasieren geschnitten.«

»Kam das häufiger vor?«

»Nein, Sir, schon lange nicht mehr.«

»Das ist aufschlussreich«, sagte Holmes. »Es kann natürlich ein bloßer Zufall sein, aber es kann auch ein Zeichen für eine gewisse Nervosität sein, und das würde darauf hindeuten, dass er Ursache hatte, sich in Gefahr zu glauben. Haben Sie gestern etwas Auffälliges in seinem Benehmen bemerkt, Ames?«

»Ich fand, dass er etwas unruhig und nervös wirkte, Sir.«

»Ha! Dann kam der Überfall vielleicht nicht ganz uner-wartet. Wir machen Fortschritte, nicht wahr? Aber vielleicht möchten Sie die Befragung jetzt übernehmen, Mr Mac?«

»Nein, Mr Holmes, sie ist in besten Händen.«

»Gut, dann wollen wir uns dieser Karte mit der Aufschrift V. V. 341 zuwenden. Sie ist aus grobem Karton. Gibt es davon noch mehr in diesem Haushalt?«

»Nicht dass ich wüsste.«

Holmes trat an den Schreibtisch, öffnete die beiden dort stehenden Tintenfässer und tupfte kleine Proben Tinte auf ein Stück Löschpapier. »Die Schrift auf der Karte stammt nicht von hier«, sagte er. »Hier haben wir schwarze Tinte, und die auf der Karte ist purpurfarben. Geschrieben wurde das mit einer breiten Feder, und die Federn hier sind fein. Nein, ich würde sagen, das wurde woanders geschrieben. Sagen Ihnen diese Buchstaben und Zahlen irgendetwas, Ames?«

»Nicht das Geringste, Sir.«

»Was meinen Sie, Mr Mac?«

»Ich denke mir, es könnte ein Code irgendeiner Geheimgesellschaft sein. Genauso wie das Zeichen auf dem Unterarm.«

»Das ist auch meine Ansicht«, sagte White Mason.

»Nun, dann wollen wir das als Arbeitshypothese gelten lassen und sehen, ob wir damit einen Teil unserer Schwierigkeiten überwinden können. Ein Agent einer Geheimgesellschaft dringt in das Haus ein, lauert Mr Douglas auf, zerschmettert ihm den Kopf mit einem Schuss aus dieser Waffe und entkommt, indem er durch den Graben watet. Neben dem Leichnam hinterlässt er eine Karte, die garantiert in den Zeitungsberichten erwähnt werden wird, wodurch er den anderen Mitgliedern der Geheimgesellschaft indirekt mitteilt, dass der Racheakt vollzogen ist. Das ergibt einen logischen Zusammenhang. Aber warum hat er ausgerechnet diese Art von Waffe gewählt?«

»Ja, wieso?«

»Und was ist mit dem Ehering?«

»Genau.«

»Und warum noch keine Verhaftung? Es ist jetzt zwei Uhr vorbei. Ich darf doch annehmen, dass jeder einzelne Polizist im Umkreis von vierzig Meilen nach einem Ortsfremden mit durchnässten Beinkleidern Ausschau hält?«

»Natürlich, Mr Holmes.«

»Nun denn, wenn er nicht hier in der Nähe einen Unterschlupf hat oder Kleidung zum Wechseln mitgebracht hat, kann er Ihnen kaum entgehen. Aber er ist Ihnen bisher entgangen.« Holmes war ans Fenster getreten und betrachtete die Blutspur auf der Fensterbank durch sein Vergrößerungsglas. »Das ist eindeutig der Abdruck einer Schuhsohle. Ungewöhnlich breit, ein Spreizfuß, würde ich sagen. Das ist eigenartig, denn soweit sich in dieser schlammverschmutzten Ecke Schuhabdrücke erkennen lassen, rühren sie von einer schmaleren Sohle her. Allerdings sind sie sehr undeutlich. Und was ist das dort, unter dem Seitentisch?«

»Das sind Mr Douglas’ Hanteln«, antwortete Ames.

»Hantel – da liegt nur eine. Wo ist die andere?«

»Das weiß ich nicht, Mr Holmes. Vielleicht war immer nur eine da. Ich habe schon seit Monaten nicht mehr darauf geachtet.«

»Eine einzelne Hantel«, sagte Holmes nachdenklich. Er wurde durch ein kräftiges Pochen an der Tür unterbrochen. Ein großer, sonnengebräunter, glattrasierter Mann mit energischem Gesicht trat ein. Es war unschwer zu erraten, dass es jener Cecil Barker sein musste, von dem wir bereits gehört hatten. Aus seinen gebieterischen Augen flogen fragende Blicke zwischen uns hin und her.

»Bitte die Störung zu entschuldigen«, sagte er, »aber ich habe Neuigkeiten für Sie.«

»Eine Festnahme?«

»Leider nein. Aber sein Fahrrad ist gefunden worden. Der Kerl hat sein Fahrrad hier versteckt. Kommen Sie und sehen Sie selbst. Es ist keine hundert Meter vom Toreingang entfernt.«

Auf dem Zufahrtsweg fanden wir eine kleine Gruppe von Bediensteten und Müßiggängern um ein Fahrrad versammelt, das man aus einem Lorbeergebüsch gezogen hatte. Es war ein reichlich abgenutztes Modell der Firma Rudge-Whitworth, von unten bis oben von Straßenschmutz bespritzt, wie nach einer langen Fahrt. In der Satteltasche fanden sich ein Schraubenschlüssel und ein Ölkännchen, aber jeder Hinweis auf den Eigentümer fehlte.

»Es wäre sehr hilfreich für die Polizei, wenn diese Dinger nummeriert und registriert würden«, sagte der Inspektor. »Aber wir müssen froh sein um das, was wir haben. Wenn wir schon nicht wissen, wohin er abgehauen ist, können wir doch rauskriegen, woher er gekommen ist. Nur – was in Gottes Namen hat den Mann dazu gebracht, das Fahrrad hierzulassen? Und wie in aller Welt ist er ohne es geflohen? In diesen Fall lässt sich einfach kein Fünkchen Licht bringen, Mr Holmes.«

»Wirklich nicht?« antwortete mein Freund gedankenvoll. »Da wäre ich nicht so sicher.«

5. KAPITEL

Die Personen des Dramas

Sind Sie mit dem Arbeitszimmer durch?« fragte White Mason, als wir ins Haus zurückkehrten.

»Vorläufig«, antwortete der Inspektor, und Holmes nickte zustimmend.

»Dann möchten Sie jetzt wahrscheinlich hören, was die Hausbewohner zu sagen haben? Wir wollen dafür das Esszimmer benutzen, Ames. Kommen Sie selbst als Erster und erzählen Sie uns, was Sie wissen.«

Die Aussage des Butlers war einfach und klar. Er machte auf uns den Eindruck vollkommener Aufrichtigkeit. Er sei vor fünf Jahren in den Dienst von Mr Douglas getreten, als dieser sich in Birlstone niedergelassen hatte. Soweit er wisse, war Mr Douglas ein reicher Gentleman, der sein Vermögen in Amerika gemacht hatte. Er sei ein freundlicher und umgänglicher Dienstherr gewesen – vielleicht nicht ganz das, was Ames gewohnt war, aber schließlich konnte man nicht alles haben. Niemals habe er irgendwelche Anzeichen von Angst bei Mr Douglas bemerkt – im Gegenteil, er sei der furchtloseste Mensch gewesen, dem Ames je begegnet sei. Dass er die Anweisung gegeben habe, jeden Abend die Zugbrücke hochzuziehen, liege nur daran, dass es ein traditioneller Brauch in diesem historischen Herrenhaus sei und die alten Sitten hochgehalten werden sollten. Nur selten sei Mr Douglas nach London gefahren, überhaupt habe er das Dorf nur selten verlassen. Am Tag vor dem Verbrechen sei er allerdings in Tunbridge Wells gewesen, um Einkäufe zu machen. An diesem Tag habe Ames an Mr Douglas eine gewisse Unruhe und Gereiztheit bemerkt, was ungewöhnlich war. Am fraglichen Abend wäre er, Ames, noch nicht zu Bett gegangen, sondern habe sich noch in der Anrichte aufgehalten, die an der Rückseite des Hauses lag und habe gerade das Silber weggeräumt, als er die Klingel wie wild läuten hörte. Einen Schuss habe er nicht gehört, aber das sei auch nicht verwunderlich, denn die Anrichte und die Küchenräume liegen im hintersten Teil des Hauses, vom Arbeitszimmer durch mehrere geschlossene Türen und einen langen Flur getrennt. Die Haushälterin sei aus ihrem Zimmer gestürzt, alarmiert durch das scharfe Glockenzeichen. Gemeinsam seien sie nach vorn geeilt. Als sie den Treppenaufgang erreicht hätten, sei gerade Mrs Douglas die Treppe heruntergekommen. Nein, sie sei nicht gerannt, sie habe nicht sonderlich beunruhigt gewirkt. Als sie am Fuß der Treppe war, sei Mr Barker hastig aus dem Arbeitszimmer gekommen. Er habe Mrs Douglas aufgehalten und sie dringend gebeten, wieder hinaufzugehen.

»Um Gottes willen, gehen Sie zurück in Ihr Zimmer!« habe er gerufen. »Der arme Jack ist tot. Sie können nichts mehr für ihn tun. Um Gottes willen, gehen Sie!«

Nach einem kurzen Wortwechsel habe Mrs Douglas das auch getan. Sie habe nicht geschrien. Mrs Allen, die Haushälterin, habe sie nach oben begleitet und sei bei ihr in ihrem Zimmer geblieben. Er, Ames, und Mr Barker seien dann ins Arbeitszimmer gegangen, wo alles genau so gewesen sei, wie die Polizei es später vorfand. Die Kerze habe nicht gebrannt, aber die Tischlampe. Sie hätten beide aus dem Fenster geschaut, aber die Nacht sei sehr dunkel gewesen und sie hätten nichts gesehen oder gehört. Dann seien sie wieder in die Eingangshalle geeilt, und er, Ames, habe die Winde betätigt, um die Zugbrücke niederzulassen, und Mr Barker sei losgelaufen, um die Polizei zu holen.

So lautete im Wesentlichen die Aussage des Butlers.

Die Aussage von Mrs Allen, der Haushälterin, deckte sich im Großen und Ganzen mit der des Butlers. Ihr Zimmer liege etwas näher zum vorderen Bereich des Hauses als die Anrichte, in der Ames beschäftigt gewesen war. Sie habe sich gerade bettfertig gemacht, als sie durch ein stürmisches Klingeln aufgeschreckt wurde. Sie sei ein wenig schwerhörig, das sei vielleicht der Grund gewesen, warum sie keinen Schuss gehört hatte; andererseits lag das Arbeitszimmer ziemlich weit von ihrem Zimmer entfernt. Sie glaube sich jedoch an einen dumpfen Knall zu erinnern, den sie für das Zuschlagen einer Tür gehalten habe. Aber das sei eine ganze Weile früher gewesen, mindestens eine halbe Stunde vor dem Glockenzeichen. Als Mr Ames zur Eingangshalle gelaufen sei, sei sie mitgelaufen. Sie habe gesehen, wie Mr Barker ganz blass und erregt aus dem Arbeitszimmer kam. Er habe Mrs Douglas, die gerade die Treppe herunterkam, aufgehalten und sie dringend gebeten, wieder nach oben zu gehen. Diese habe ihm etwas geantwortet, aber so leise, dass Mrs Allen es nicht verstanden habe.

»Bringen Sie sie hinauf. Bleiben Sie bei ihr!« habe er zu Mrs Allen gesagt.

Sie habe Mrs Douglas in deren Schlafzimmer begleitet und versucht, sie zu beruhigen. Mrs Douglas sei sehr erregt gewesen und habe am ganzen Körper gezittert, aber sie habe nicht darauf bestanden hinunterzugehen. Sie habe im Schlafrock vor dem Kamin gesessen, den Kopf in den Händen vergraben. Mrs Allen sei fast die ganze Nacht bei ihr geblieben. Die anderen Dienstboten hätten alle längst geschlafen und von dem schrecklichen Vorfall nichts mitbekommen, sie seien erst alarmiert worden, als die Polizei kam. Sie schliefen im rückwärtigen Teil des Hauses und hätten unmöglich etwas hören können.

So weit die Haushälterin. Auch ein Kreuzverhör förderte nichts weiter zu Tage als Klagen und Entsetzensbekundungen.

Auf Mrs Allen folgte Mr Cecil Barker als Zeuge. Was die Vorgänge in der vergangenen Nacht betraf, hatte er dem, was er der Polizei bereits mitgeteilt hatte, wenig hinzuzufügen. Er sei überzeugt, dass der Mörder durch das Fenster entkommen sei. Der Blutfleck ließ seiner Meinung nach in diesem Punkt keinen Zweifel zu. Außerdem habe es gar keinen anderen Fluchtweg gegeben, da die Zugbrücke hochgezogen war. Er könne sich nicht erklären, was aus dem Mörder geworden sei und warum er nicht das Fahrrad genommen hatte, falls es wirklich ihm gehörte. Ein Ertrinken im Burggraben halte er für ausgeschlossen, da dieser an keiner Stelle mehr als einen Meter tief sei.

Zu dem Mord hatte er eine klare persönliche Ansicht. Douglas sei ein verschlossener Mensch gewesen, und es habe Kapitel in seinem Leben gegeben, über die er nie gesprochen hätte. Als sehr junger Mann war er von Irland nach Amerika ausgewandert. Dort habe er prosperiert, und es sei ihm finanziell gut gegangen. Douglas und er seien sich erstmals in den Goldfeldern von Kalifornien begegnet, und sie hätten sich auf einem ertragreichen Claim bei einem Ort namens Benito Canyon als Partner zusammengetan. Das sei sehr gut gelaufen. Aber dann habe Douglas ganz plötzlich seinen Anteil verkauft und sei nach England gegangen. Er sei damals verwitwet gewesen. Er selbst, Barker, habe später ebenfalls seinen Besitz zu Geld gemacht und sich in London niedergelassen. Dort hätten sie ihre Freundschaft erneuert. Er habe oft den Eindruck gehabt, dass Douglas sich in einer unbestimmten Gefahr glaubte, was wohl auch der Grund für seinen plötzlichen Rückzug aus Kalifornien gewesen sei wie auch für die Tatsache, dass er ein Haus in einer so abgelegenen Gegend Englands gekauft hatte. Er könne sich durchaus vorstellen, dass Douglas von einer obskuren Organisation verfolgt wurde, einem unversöhnlichen Geheimbund, dessen Mitglieder nicht ruhen und rasten würden, bis sie ihn umgebracht hatten. Diese Vermutung gründe sich auf Bemerkungen, die Douglas zuweilen fallen gelassen habe, auch wenn er nie offen darüber gesprochen habe, was für eine Organisation das war oder womit er sie gegen sich aufgebracht hätte. Er könne nur vermuten, dass die Zeichen auf der Karte sich darauf bezogen.

»Wie lange waren Sie zusammen mit Douglas in Kalifornien?« fragte Inspektor MacDonald.

»Insgesamt fünf Jahre.«

»Er war damals Junggeselle, sagten Sie?«

»Nein, Witwer.«

»Haben Sie jemals gehört, woher seine erste Frau kam?«

»Nein, ich erinnere mich nur, dass er einmal erzählt hat, sie sei deutscher Herkunft gewesen. Er hat mir ein Bild von ihr gezeigt. Sie war eine sehr schöne Frau. Sie ist am Typhus gestorben, ein Jahr bevor ich ihn kennengelernt habe.«

»Ist es Ihnen möglich, sein Vorleben mit einem bestimmten Teil von Amerika in Verbindung zu bringen?«

»Er hat gelegentlich von Chicago gesprochen. Dort hatte er gearbeitet, und er kannte die Stadt gut. Dann hat er noch das Kohle- und Eisenerzrevier erwähnt. Er ist ziemlich herumgekommen.«

»War er politisch tätig? Hatte dieser Geheimbund etwas mit Politik zu tun?«

»Nein, an Politik hatte er nicht das geringste Interesse.«

»Könnte er in ein kriminelles Netzwerk verwickelt gewesen sein?«

»Auf gar keinen Fall. Ich habe niemals einen gradlinigeren Menschen als ihn gekannt.«

»Ist Ihnen an seinen Lebensgewohnheiten in Kalifornien irgendetwas besonderes aufgefallen?«

»Er blieb am liebsten auf dem Claim in den Bergen, wo unser Arbeitsfeld war. Unter Menschen ging er nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ. Das war es, was mich zuerst auf den Gedanken gebracht hat, dass jemand hinter ihm her war. Als er sich dann so plötzlich nach Europa absetzte, hat mich das in dieser Ansicht bestätigt. Ich vermute, er hatte von irgendeiner Seite eine Warnung erhalten. Er war keine Woche fort, da kamen fünf oder sechs Männer und haben nach ihm gefragt.«

»Was für Leute waren das?«

»Na ja … ziemlich üble Burschen. Sie kamen zu unserem Claim und wollten wissen, wo er steckt. Ich habe gesagt, er ist fort nach Europa, aber ich wisse nicht genau, wohin. Die hatten nichts Gutes im Sinn, das war sonnenklar.«

»Waren es Amerikaner? Aus Kalifornien?«

»Also, ob aus Kalifornien, das kann ich nicht sagen. Aber ganz sicher waren sie Amerikaner. Jedenfalls waren es keine Goldgräber. Ich weiß nicht, was die waren, aber ich war froh, sie wieder von hinten zu sehen.«

»Das war vor sechs Jahren?«

»Eher schon sieben.«

»Wenn Sie vorher fünf Jahre in Kalifornien zusammengearbeitet haben, dann muss diese Geschichte nicht weniger als elf Jahre zurückliegen.«

»Richtig.«

»Das muss eine sehr ernste Sache gewesen sein, wenn die Fehde so lange und so unerbittlich aufrechterhalten wurde. Um eine Kleinigkeit kann es sich nicht gehandelt haben.«

»Ich glaube, sie hat sein ganzes Leben überschattet. Sie ist ihm niemals aus dem Kopf gegangen.«

»Aber wenn ein Mensch weiß, dass er in Gefahr ist, und wenn er diese Gefahr kennt, würde er sich dann nicht an die Polizei wenden und um Schutz bitten?«

»Vielleicht war es eine Gefahr, vor der die Polizei ihn nicht schützen konnte. Eins sollten Sie nämlich wissen: Er war stets bewaffnet. Der Revolver steckte immer in seiner Tasche. Das Unglück wollte es, dass er im Hausmantel herunterkam und seine Waffe im Schlafzimmer gelassen hatte. Vielleicht glaubte er sich sicher, sobald die Zugbrücke oben war.«

»Ich hätte die Daten gern noch ein bisschen präziser«, sagte MacDonald. »Es ist jetzt sechs Jahre her, dass Douglas Kalifornien verlassen hat. Sie sind ihm im Jahr darauf gefolgt, ist das richtig?«

»Ja.«

»Und er ist seit fünf Jahren verheiratet. Sie müssten also genau um die Zeit nach England gekommen sein, als er sich wieder verheiratet hat.«

»Etwa einen Monat davor. Ich war sein Trauzeuge.«

»Kannten Sie Mrs Douglas schon vor ihrer Heirat?«

»Nein. Ich war ja gut zehn Jahre von England fort.«

»Aber seither haben Sie sie ziemlich oft gesehen?«

Barker bedachte den Detektiv mit einem abweisenden Blick.

»Ich habe ihn seither ziemlich oft gesehen«, antwortete er. »Natürlich habe ich sie auch gesehen – man kann ja schlecht einen Mann besuchen, ohne auch seine Frau zu sehen. Aber falls Sie sich einbilden, es gäbe da einen Zusammenhang –«

»Ich bilde mir gar nichts ein, Mr Barker. Es ist meine Pflicht, nach allem zu fragen, was für den Fall von Belang sein könnte. Damit ist keinerlei Anschuldigung verbunden.«

»Manche Fragen sind einfach ungehörig«, knurrte Barker.

»Uns geht es nur um die Fakten. Es ist in Ihrem Interesse und im Interesse aller Beteiligten, dass sie geklärt werden. Hat Mr Douglas Ihre Freundschaft mit seiner Frau uneingeschränkt gebilligt?«

Barker wurde blass, und seine großen kräftigen Hände ballten sich zu Fäusten.

»Sie haben kein Recht, solche Fragen zu stellen!« rief er. »Was hat das mit der Sache zu tun, in der Sie ermitteln?«

»Ich muss die Frage wiederholen.«

»Dann verweigere ich die Antwort.«

»Sie können die Antwort verweigern, aber Sie müssen sich klar darüber sein, dass die Weigerung selbst eine Antwort auf meine Frage ist, denn Sie würden es nicht tun, wenn Sie nichts zu verbergen hätten.«

Barker stand einen Augenblick lang bewegungslos da, das Gesicht grimmig gefurcht, die kräftigen schwarzen Brauen tief zusammengezogen. Er dachte angestrengt nach. Dann blickte er mit einem raschen Lächeln auf.

»Schön, Gentlemen, ich denke mal, Sie tun nur Ihre Pflicht, und ich habe nicht das Recht, Ihnen dabei im Weg zu stehen. Ich möchte Sie nur bitten, Mrs Douglas nicht mit dieser Frage zu behelligen, sie hat schon genug zu leiden. Ich kann Ihnen sagen, dass der arme Douglas einen einzigen Fehler hatte, das war seine Eifersucht. Er mochte mich – so sehr, wie man einen Freund nur mögen kann. Und seine Frau hat er angebetet. Er hat sich immer gefreut, wenn ich kam, und er hat mich oft eingeladen. Aber trotzdem – wenn ich mich mit seiner Frau unterhielt und wir uns offensichtlich gut verstanden, dann wurde er von seiner Eifersucht übermannt, spuckte Gift und Galle und sagte die wildesten Sachen. Mehr als einmal habe ich mir geschworen, nicht mehr herzukommen, aber dann schrieb er mir wieder so zerknirscht und bat mich so inständig zu kommen, dass ich es doch tat. Aber Sie können mir glauben, Gentlemen, und das sage ich so ernst, als ob es mein letztes Wort wäre: Nie hatte ein Mann eine so treue, liebende Frau – und ich darf auch sagen: Nie hatte jemand einen loyaleren Freund als mich.«

Er hatte mit Leidenschaft und Bewegung gesprochen, trotzdem beharrte Inspektor MacDonald auf seiner Fragestellung.

»Sie wissen, dass man dem Toten den Ehering vom Finger gezogen hat?« fragte er.

»Ja, scheint so«, antwortete Barker.

»Was meinen Sie mit ›scheint so‹? Sie wissen doch, dass es eine Tatsache ist.«

Der Mann wirkte plötzlich unsicher und zögerlich.

»Mit ›scheint so‹ meinte ich nur, dass es ja durchaus möglich ist, dass er ihn selbst abgezogen hat.«

»Die bloße Tatsache, dass der Ring fehlt, wer auch immer ihn abgezogen hat, dürfte doch jedermann auf den Gedanken bringen, dass zwischen seiner Ehe und der Tragödie ein Zusammenhang besteht, meinen Sie nicht?«

Barker zuckte seine breiten Schultern.

»Ich kann nicht behaupten, dass ich weiß, auf welchen Gedanken einen das bringen soll«, erwiderte er. »Aber wenn Sie damit andeuten wollen, es würde ein ungutes Licht auf die Ehre der Lady werfen« – seine Augen sprühten, aber er riss sich gewaltsam zusammen und bekam seine Gefühlswallung in den Griff –, »also, da sind Sie auf dem Holzweg und damit basta.«

»Vorerst habe ich keine weiteren Fragen an Sie«, sagte MacDonald kühl.

»Eine Kleinigkeit noch«, warf Sherlock Holmes ein. »Als Sie das Zimmer betraten, brannte dort lediglich die Kerze auf dem Tisch, nicht wahr?«

»Ja, das stimmt.«

»In diesem Licht haben Sie gesehen, dass etwas Schreckliches vorgefallen war?«

»Ja.«

»Sie haben sofort nach Hilfe geklingelt?«

»Ja.«

»Und die war rasch zur Stelle?«

»Innerhalb einer Minute.«

»Aber als die Dienstboten eintrafen, war die Kerze erloschen und die Tischlampe brannte. Das scheint mir sehr bemerkenswert.«

Wieder zeigte Barker eine leichte Unsicherheit.

»Ich wüsste nicht, was daran bemerkenswert sein soll, Mr Holmes«, antwortete er nach kurzem Überlegen. »Die Kerze gab sehr wenig Licht. Mein erster Gedanke war, besseres Licht zu schaffen. Auf dem Tisch stand eine Lampe, die habe ich angezündet.«

»Und die Kerze ausgeblasen?«

»Ja.«

Holmes stellte keine weiteren Fragen, worauf Barker einen Blick in die Runde warf, in dem mir etwas wie Trotz zu liegen schien, sich umdrehte und das Zimmer verließ.

Inspektor MacDonald hatte Mrs Douglas ein paar Zeilen des Inhalts geschickt, dass er sich erlauben würde, sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, aber sie hatte geantwortet, lieber in das Speisezimmer herunterkommen zu wollen. Nun trat sie ein, eine hochgewachsene, schöne Frau von etwa dreißig Jahren, reserviert und erstaunlich selbstbeherrscht – alles andere als die tragische, gebrochene Erscheinung, die ich erwartet hatte. Ihr Gesicht war zwar blass und abgespannt wie das eines Menschen, der einen Schock erlitten hat, aber sie gab sich gefasst und diszipliniert, und ihre feingliedrige Hand, die auf dem Tischrand ruhte, war ebenso ruhig wie meine. Ihre traurigen schönen Augen wanderten mit einem eigenartig forschenden Ausdruck zwischen uns hin und her, dann schlug ihr fragender Blick abrupt in Worte um.

»Haben Sie schon etwas herausgefunden?«

War es Einbildung, dass ich aus dieser Frage eher einen besorgten als einen hoffnungsvollen Unterton herauszuhören glaubte?

»Wir haben alle erforderlichen Schritte eingeleitet, Mrs Douglas«, antwortete der Inspektor. »Sie dürfen darauf vertrauen, dass wir nichts unversucht lassen.«

»Scheuen Sie keine Kosten«, sagte sie mit tonloser, flacher Stimme. »Ich möchte, dass alles nur Erdenkliche getan wird.«

»Vielleicht können Sie uns helfen, etwas Licht in die Sache zu bringen.«

»Ich glaube kaum, aber ich stehe Ihnen mit allem, was ich weiß, zur Verfügung.«

»Wir haben von Mr Barker erfahren, dass Sie die L … – dass Sie das Zimmer, in dem die Tragödie sich ereignet hat, nicht betreten haben.«

»Das stimmt. Er hat mich an der Treppe aufgehalten und mich gebeten, umzukehren und wieder in mein Zimmer hinaufzugehen.«

»Ganz recht. Sie haben also den Schuss gehört und sind sofort heruntergekommen.«

»Ja, ich habe nur meinen Morgenrock übergeworfen und bin sogleich hinuntergegangen.«

»Wie viel Zeit ist vergangen zwischen dem Moment, wo Sie den Schuss gehört haben, und Ihrem Zusammentreffen mit Mr Barker an der Treppe?«

»Vielleicht ein paar Minuten. In solchen Situationen denkt man nicht an die Zeit. Er beschwor mich, nicht weiterzugehen. Er versicherte mir, dass ich nichts tun könne. Dann brachte Mrs Allen, unsere Haushälterin, mich wieder nach oben. Es war alles wie in einem schrecklichen Traum.«

»Können Sie ungefähr sagen, wie lange Ihr Gatte sich im Erdgeschoss aufgehalten hat, bevor Sie den Schuss gehört haben?«

»Nein, das kann ich leider nicht. Er war in seinem Ankleidezimmer, und ich habe gar nicht gehört, dass er nach unten gegangen ist. Er machte jeden Abend seine Runde durch das Haus, denn er sorgte sich wegen einer möglichen Feuergefahr. Das ist übrigens das Einzige, worüber ich ihn je besorgt gesehen habe.«

»Das ist genau der Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen möchte, Mrs Douglas. Sie haben Ihren Gatten in England kennengelernt, nicht wahr?«

»Ja. Wir sind seit fünf Jahren verheiratet.«

»Hat er Ihnen jemals von einem Vorkommnis in Amerika erzählt, das für ihn eine Gefahr sein könnte?«

Mrs Douglas dachte eine Weile nach, bevor sie antwortete.

»Ja«, sagte sie schließlich. »Ich habe immer gespürt, dass eine Gefahr über ihm hängt. Aber er wollte nicht mit mir darüber sprechen. Nicht etwa aus Mangel an Vertrauen – zwischen uns herrschte wahre Liebe und volles Vertrauen –, sondern weil er mir Kummer ersparen wollte. Er wusste, dass ich darüber nachgrübeln würde, deshalb sagte er lieber nichts.«

»Wie haben Sie dann davon erfahren?«

Ein rasches Lächeln flog über Mrs Douglas’ Gesicht.

»Glauben Sie, ein Ehemann kann sein ganzes Leben lang ein Geheimnis mit sich herumtragen, ohne dass die Frau, die ihn liebt, es merkt? Ich habe auf viele Arten davon erfahren. Durch seine Weigerung, über bestimmte Zeiten in seinem Leben in den Vereinigten Staaten zu sprechen. Durch bestimmte Vorsichtsmaßnahmen, die er ergriff. Durch Worte, die er gelegentlich fallen ließ. Durch die Art und Weise, wie er unerwartet auftauchende Fremde beobachtete. Ich war sicher, dass er mächtige Feinde hatte und dass er glaubte, sie seien ihm auf der Spur, und dass er ständig vor ihnen auf der Hut war. Ich war mir so sicher, dass ich jahrelang vor Angst vergangen bin, wenn er einmal länger als erwartet ausblieb.«

»Darf ich fragen«, warf Holmes ein, »welche Worte es waren, die Ihnen aufgefallen sind?«

»Das Tal der Angst«, antwortete die Lady. »Diesen Ausdruck hat er benutzt, wenn ich ihn gefragt habe. ›Ich war im Tal der Angst. Ich bin immer noch nicht heraus.‹ – ›Werden wir diesem Tal der Angst denn niemals entkommen?‹ habe ich ihn mehrfach gefragt, wenn er mir besonders bedrückt vorkam. – ›Manchmal glaube ich, nie‹, hat er geantwortet.«

»Sie haben ihn doch bestimmt gefragt, was es mit diesem ›Tal der Angst‹ auf sich hatte?«

»Natürlich, aber dann wurde sein Gesicht schrecklich düster, und er hat nur den Kopf geschüttelt. ›Es ist schlimm genug, dass einer von uns in seinem Schatten leben muss‹, hat er gesagt. ›Gott gebe, dass dieser Schatten niemals auf dich fällt.‹ Es war offenbar ein wirkliches Tal, in dem er gelebt hat und in dem sich irgendetwas Schreckliches zugetragen hat – da bin ich mir ziemlich sicher, aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Hat er denn nie irgendwelche Namen genannt?«

»Doch. Vor drei Jahren, als er diesen Jagdunfall hatte und danach im Fieber delirierte. Da kam ein Name immer wieder über seine Lippen. Er sprach ihn zornig aus, aber auch mit einer Art von Entsetzen. McGinty war der Name – Logenmeister McGinty. Als er wieder gesund war, habe ich ihn gefragt, wer dieser Logenmeister McGinty ist und wessen Meister er sei. ›Nicht meiner, Gott sei Dank!‹ hat er geantwortet, aber mehr konnte ich nicht aus ihm herausbringen. Doch es muss eine Verbindung geben zwischen diesem Logenmeister McGinty und dem ›Tal der Angst‹.«

»Ich möchte Sie noch zu einem anderen Punkt etwas fragen«, sagte Inspektor MacDonald. »Sie haben die Bekanntschaft von Mr Douglas in einer Londoner Pension gemacht, nicht wahr? Und Sie haben sich dort mit ihm verlobt? Hatte diese Verbindung etwas Romantisches, oder vielleicht auch etwas Verstohlenes oder Mysteriöses?«

»Es war romantische Liebe. Das muss auch so sein. Da gab es nichts Mysteriöses.«

»Es gab keinen Rivalen?«

»Aber nein, ich war vollkommen ungebunden.«

»Sie haben sicherlich erfahren, dass sein Ehering verschwunden ist. Haben Sie dazu irgendeine Vermutung? Angenommen, ein Verfolger aus seinem früheren Leben in Amerika hat ihn aufgespürt und das Verbrechen verübt – welchen Grund könnte dieser haben, den Ehering zu entwenden?«

Ich hätte schwören können, dass für einen Augenblick ein kaum merkliches Lächeln um ihre Lippen zuckte.

»Dazu kann ich wirklich nichts sagen«, antwortete sie. »Das ist zweifellos sehr seltsam.«

»Gut, dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten«, sagte der Inspektor. »Es tut uns sehr leid, Sie zu einem solchen Zeitpunkt belästigen zu müssen. Wir haben bestimmt noch ein paar weitere Fragen, damit werden wir uns zu gegebener Zeit an Sie wenden.«

Sie erhob sich, und wieder bemerkte ich jenen raschen forschenden Blick, mit dem sie uns musterte, als wollte sie fragen: ›Welchen Eindruck hat meine Aussage auf Sie gemacht?‹ Sie hätte diese Frage genauso gut laut stellen können. Dann neigte sie anmutig den Kopf und schwebte aus dem Zimmer.

»Eine schöne Frau – eine auffallend schöne Frau«, sagte MacDonald nachdenklich, nachdem die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte. »Dieser Barker ging hier offenbar ein und aus. Er ist genau der Typ Mann, den viele Frauen attraktiv finden. Er gibt zu, dass der Tote eifersüchtig war, und vielleicht weiß er selbst am besten, dass das nicht grundlos war. Und dann die Geschichte mit dem Ehering. Darum kommen wir nicht herum. Ein Mörder, der den Trauring von der Hand eines Toten reißt – was sagen Sie dazu, Mr Holmes?«

Mein Freund hatte schweigend dagesessen, den Kopf in die Hände gestützt, tief in Gedanken versunken. Nun stand er auf und zog die Klingel.

»Ames«, sagte er, als der Butler erschien, »wo ist Mr Barker momentan?«

»Ich werde nachsehen, Sir.«

Wenig später kehrte er zurück und meldete, Mr Barker sei im Garten.

»Können Sie sich erinnern, Ames, was Mr Barker an den Füßen trug, als Sie ihn gestern Nacht im Arbeitszimmer angetroffen haben?«

»Jawohl, Mr Holmes. Er trug Pantoffeln. Ich brachte ihm seine Stiefel, als er zur Polizei laufen wollte.«

»Wo sind die Pantoffeln jetzt?«

»Sie liegen noch unter dem Stuhl in der Eingangshalle.«

»Danke, Ames. Es ist natürlich wichtig für uns zu wissen, welche Fußspuren von Mr Barker stammen und welche von dem Fremden.«

»Ja, Sir. Ich darf vielleicht erwähnen, dass mir an den Pantoffeln Blutflecken aufgefallen sind – allerdings sind an meinen eigenen auch welche.«

»Das ist nicht verwunderlich, wenn man den Zustand des Zimmers bedenkt. Danke, Ames, wir werden läuten, wenn wir Sie brauchen.«

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330 p. 1 illustration
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9783963181382
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