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Simon Parke

Randis Reise

ROMAN


Zu diesem Buch

Alle Welt sucht den Himmel. Aber wer macht sich wirklich auf den Weg? Vor allem, wenn man erfährt, dass diese Reise echte Herausforderungen bereithält ...

Randi hat es gewagt, vielleicht sogar ein ganz klein wenig unfreiwillig. Doch tief in ihrem Herzen hatte sie längst den Wunsch, aufzubrechen. Sie ist unterwegs zum Himmel – was ihr dabei widerfährt, ist manchmal allerdings eher die Hölle.

Ihr Nachbar GERNRAT SENFGEB gehört dabei zu den harmloseren Gestalten, die ihren Pfad kreuzen. Schwieriger ist es schon, sich der Faszination des riesigen Zirkus von KOSTAS KANNABIS zu entziehen.

ABLENKA oder „DEPRI“ BLENDER und seine „Star Show“ lassen sich natürlich leichter abschütteln als die verführerischen Einreden von SELBSTMITLEID oder die verlockende Aussicht von ALTES EGO, doch einfach wieder umzukehren.

Doch Randi hat bereits zuviel geschmeckt von der anderen Welt ...

Über den Autor

Simon Parke schreibt bereits seit 25 Jahren – zunächst Satire, für Radio und Fernsehen. Zwei Jahrzehnte war er anglikanischer Priester. Heute lebt Simon Parke als Autor, Therapeut und geistlicher Begleiter in London. Er schreibt Bücher und wöchentliche Kolumnen in der Daily Mail, der zweitgrößten britischen Tageszeitung mit über vier Millionen Lesern.

http://simonparke.com

Impressum

Aus dem Englischen übersetzt von Eva Weyandt, Berlin

Die englische Originalausgabe dieses Buches erschien 2012 unter dem Titel

Pippa’s Progress – A Pilgrim’s Journey to Heaven. What if John Bunyan wrote Pilgrim’s Progress today? bei Darton, Longman and Todd Ltd, London

© 2012 Simon Parke

Dieses Buch als E-Book:

ISBN 978-3-86256-732-4, Bestell-Nummer 590 038E

Dieses Buch in gedruckter Form:

ISBN 978-3-86256-038-7, Bestell-Nummer 590 038

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar

Lektorat: Lukas Baumann

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson

Umschlagbild: Larissa Kulik/ShutterStock.com®

Satz: Neufeld Verlag

© 2013 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung des Verlages

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Inhalt

Zu diesem Buch

Über den Autor

Impressum

Einführung

Die erste Station

Die zweite Station

Die dritte Station

Die vierte Station

Die fünfte Station

Die sechste Station

Die siebte Station

Die achte Station

Die neunte Station

Die zehnte Station

Die elfte Station

Die zwölfte Station

Die dreizehnte Station

Die vierzehnte Station

Die fünfzehnte Station

Die sechzehnte Station

Die siebzehnte Station

Die achtzehnte Station

Die neunzehnte Station

Die zwanzigste Station

Über den Verlag

Für meinen verlorenen Freund, der mich das Schreiben lehrte.

Die Kerze brennt weiter.

Ganz du selbst zu werden, ist ein großes Risiko. Es setzt voraus, dass du dich auf Gott-weiß-was einlässt, und kann dich Gott-weiß-wohin führen.

H. A. Williams

Jedes Buch ist eine Partnerschaft, die Arbeit einer Gemeinschaft. Dieses vorliegende Buch bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Ganz herzlich danke ich Martin Wroe. Du hast mir im Pub Mut gemacht, diese Idee weiterzuverfolgen, als ich selbst unsicher wurde. Danke, Angela Reith, für den Buchtitel, und Clive Williams, Angela Reith, Shellie Wright und David Moloney. Ihr habt das Manuskript gelesen und konstruktive Kritik geübt. (Ich habe Euren Rat fast immer beherzigt.) Ich danke auch [...] Shellie Wright, Dein Beitrag zu einer der Szenen war sehr wichtig. Sehr dankbar bin ich meinem Lektor David Moloney, der Redaktionsleiterin Helen Porter, der Designerin Judy Linard und allen anderen Mitarbeitern bei Darton, Longman and Todd. Ihr habt mit Eurer Sachkenntnis, Eurem Einsatz und Eurem herausragenden Sinn für das Abenteuer dieses Buch erst möglich gemacht. Und zuletzt möchte ich der »richtigen« Pippa danken, an deren Geburtstag am 17. Mai ich das überarbeitete Manuskript abschicke.

Möge es so sein.

Einführung

Randis Reise ist eine Allegorie, eine Geschichte, in der selbst die kleinste Kleinigkeit von besonderer Bedeutung ist. Vielleicht stehen Sie gerade vor einer schwierigen Entscheidung. Wäre Ihr Leben eine Allegorie, würden wir vielleicht sagen, dass Sie durch das Tal der Entscheidung wandern. Es wäre eine Metapher, eine Möglichkeit für Sie, Ihre Situation besser zu erfassen. Dieses Tal der Entscheidung hat eine besondere Bedeutung.

Als Erzählform ist die Allegorie ein Triumph der menschlichen Entwicklung. Sie entstand in alter Zeit durch ein zunehmendes Bewusstsein für psychologische und geistliche Zusammenhänge, eine geschärfte Wahrnehmung für die Zwiespältigkeit in jedem Menschen. Wie könnten sich solche inneren Kämpfe und Freuden beschreiben lassen? Eine Möglichkeit war die Verwendung von Metaphern, es ist »zu vergleichen mit dem und dem«. Das Bild der Reise ist als Metapher sehr gut geeignet.

Im einundzwanzigsten Jahrhundert ist es modern, »unterwegs« zu sein. Dieser Ausdruck gehört in den Wortschatz jedes Menschen, der es im Leben zu etwas bringen möchte. Aber John Bunyan schrieb bereits im siebzehnten Jahrhundert sein Buch Die Pilgerreise und drei Jahrhunderte später verfasste C. S. Lewis seine Erzählung Flucht aus Puritanien. (Erstaunlicherweise wurde Bunyans Werk, im Gefängnis entstanden, das meistverkaufte Buch des siebzehnten Jahrhunderts.)

Lewis schrieb in einer anderen Zeit, und seine Charaktere und ihre Hintergründe unterscheiden sich von Bunyans Geschichte. Randis Reise ist wieder anders. Die Zeiten ändern sich. Aber in allen drei Geschichten geht es um den Gedanken der Reise; ein Suchender erlebt auf seiner Suche nach der Wahrheit die Freuden und Herausforderungen der gegenwärtigen Welt. Es ist ein aufregender Stoff.

Randis Reise ist also eine Abenteuergeschichte. Alle Formen der menschlichen Emotionen sind hier zu finden, Schreckliches und Schönes und was daraus entsteht. Aber es ist auch eine Satire, denn viel Unsinn auf der Welt wird als Wahrheit ausgegeben. Darum werden wir unterwegs manchmal aus dem Lächerlichen eine Tugend machen. Leser sagen, dass dieses Buch an manchen Stellen ein wenig unheimlich ist, auch traurig oder sehr lustig. Doch in erster Linie ist es eine Liebesgeschichte.

Sie werden beim Lesen sehr unterschiedliche Emotionen erleben. Randis Geschichte ist vielleicht ganz anders als Ihre eigene, aber ihre Suche ist Ihrer sehr ähnlich. Begleiten Sie Randi durch helle und dunkle Stunden, und Sie werden auf Ihrem eigenen Weg weiterkommen.

Die erste Station

Weder im Leben noch im Tod wissen wir, was an der nächsten Ecke auf uns wartet. Nehmen wir nur Randi, die gerade zutiefst erschrocken die Treppe hinunterpurzelt.

An einem ganz gewöhnlichen Morgen verfängt sie sich oben am Treppenabsatz mit dem Fuß in ihrem Morgenmantel. So etwas ist schnell geschehen, und dann ist es unmöglich, sich zu halten. Sie stürzt rückwärts ins schreiende Vergessen, als der Besucher sie mit seinen starken Armen auffängt.

»Alles in Ordnung?«, fragt er.

»Nichts passiert«, keucht Randi, bevor sie »Aua!« schreit, als der Schmerz zuschlägt.

»Halte still, dann bringe ich dich an einen Ort, wo du es bequem hast«, sagt der Mann. »Entspann dich, du bist in Sicherheit.«

Und tatsächlich fühlt sich Randi sicher und beschützt.

»Wer bist du denn?«, fragt sie, während sie Stufe für Stufe die Treppe hinuntergetragen wird.

»Was denkst du denn, wer ich bin?«, fragt der Besucher.

»Wer ist schon wer?«, erwidert Randi.

»Gute Frage.«

»Ja, das stimmt, nicht? Und, um ehrlich zu sein, ich stelle in letzter Zeit immer mehr Fragen.«

»Tatsächlich?«

»Oh ja. Ich meine, manche Menschen behaupten, wir würden nur aus Haut und chemischen Stoffen bestehen.«

»Interessant.«

Randi durchzuckt der Gedanke, wie seltsam das Leben doch ist. Sie hat keine Ahnung, wer dieser Mann ist, trotzdem sind sie, noch bevor sie die letzte Treppenstufe erreichen, in ein tiefes metaphysisches Gespräch verwickelt.

»Ich könnte die Frage zurückgeben«, sagt der Fremde, »und fragen: Wer bist du?«

»Wer ich bin?«, bricht es aus Randi hervor, während sie sich durch den Flur tragen lässt.

Die Stimmung ist umgeschlagen; genug ist auf einmal genug.

»Ich bin die Person, die hier wohnt«, erklärt sie, »und ich möchte wissen, was du in meinem Haus zu suchen hast!«

Ein paar Dinge wurden ihr klar. Es war gut, dass dieser Mann da war und ihr das Leben gerettet hatte, doch nicht so gut war, dass er sich unberechtigt in ihrem Eigentum aufhielt. Es gab da einige Fragen, auf die sie eine Antwort erwartete.

»Mein Name ist WILL GOOD«, antwortete er, »und ich helfe Menschen beim Umzug.«

»Oh, ich verstehe«, erwiderte Randi, obwohl sie überhaupt nicht verstand.

»Du willst doch umziehen, oder?«

»Nun, ich –«

»Mir wurde gesagt, du hättest angerufen.«

»Ich kann mich nicht erinnern, irgendjemanden angerufen zu haben«, erklärte Randi. »Aber es stimmt, ich bin meiner gegenwärtigen Adresse ein klein wenig überdrüssig. Ich wohne schon so lange hier, vielleicht zu lange.«

»Dann musst du sofort aufbrechen.«

An diesem Punkt nahm Randi ihre veränderte Umgebung wahr. Zwar befand sie sich in ihrem Wohnzimmer, aber es war nicht mehr so, wie sie es verlassen hatte.

»Moment mal!«, rief sie. »Wo sind denn alle meine Möbel?«

Der Besucher hatte sie auf das Sofa gelegt, aber abgesehen davon war das Zimmer fast leer. Es war, als wären die Umzugsleute angerückt und hätten das Haus ausgeräumt. Und wie sich herausstellte, war es tatsächlich so.

»Wir haben das Haus ausgeräumt, während du geschlafen hast«, erklärte er.

»Das ist ziemlich vermessen.«

»In Vorbereitung deiner Abreise. Wir wollten nicht, dass du aufgehalten wirst. Wir haben die Möbel bereits vorausgeschickt.«

»Aber vielleicht habe ich es gar nicht so eilig mit meinem Aufbruch!«, warf sie vorwurfsvoll ein.

»Tatsächlich? Ich hörte, du seist unglücklich.«

Randi probierte den verletzten Fuß aus, mit erfreulichen Ergebnissen. Die Verletzung war nicht so schlimm.

»Möglicherweise«, räumte sie ein.

»Mir wurde gesagt, du seist sehr niedergeschlagen, du hättest das Gefühl, in einem Leben festzuhängen, in dem alles bereits vorgezeichnet ist, und dass dein Leben in einer langweiligen Spur gewohnheitsmäßiger Reaktionen verläuft. Ein Leben, das mehr aus Gewohnheit denn aus Freude gelebt wird; voller unterschwelliger Angst, gepaart mit gelegentlichem Bedauern und unzufriedener Sehnsucht.«

Randi hätte es vermutlich anders ausgedrückt, aber diese Formulierung brachte etwas in ihr zum Klingen.

»Sicher«, meinte sie zögernd. »Aber das bedeutet doch nicht, dass ich sofort aufbrechen muss.«

WILL GOOD blickte zum Fenster hinaus.

»Ich finde das einen guten Grund«, sagte er, »aber du warst ja schon immer eine Meisterin der Verzögerung und Ausrede.«

Eine unbehagliche Stille trat ein. In Randis Welt hatten sich Eindringlinge mit persönlichen Beobachtungen zurückzuhalten, auch wenn sie der Wahrheit entsprachen.

Doch als sie sich jetzt in dem leeren Raum umblickte, durchströmte Randi eine seltsame Ruhe. Sie wollte beleidigt sein, das Gefühl wollte sich jedoch nicht einstellen.

»Vielleicht ist es wirklich an der Zeit aufzubrechen«, sagte sie.

WILL schwieg.

»Ich meine, es stimmt, irgendwann ist im Leben der Zeitpunkt gekommen, wo man sich auf den Weg machen muss«, fuhr Randi fort.

Immer noch keine Reaktion.

»Vielleicht setzen wir uns nur dann in Bewegung, wenn wir es satt haben, unglücklich zu sein«, sagte sie. Ihr war bewusst, wie sehr das auf sie selbst zutraf. »Du weißt schon, wenn wir erkennen, dass es nichts Neues mehr zu sagen gibt.«

Und in jenem Augenblick fiel irgendwo und irgendwie eine Entscheidung, und das Universum veränderte sich. Randi würde ihr Zuhause verlassen und brauchte jetzt eine Wegbeschreibung.

»Du musst mir den Weg erklären«, sagte sie und nahm die Pose eines Abenteurers ein – die Hände an den Hüften und den Blick geheimnisvoll in die Ferne gerichtet.

WILL GOOD lächelte.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?«, fragte Randi.

»Dass du eine Wegbeschreibung brauchst? Ja, aber darum würde ich mir an deiner Stelle keine Sorgen machen.«

»Ich mache mir aber Sorgen darum!«, erklärte sie. Der rätselhafte Blick war verschwunden. »Ich brauche unbedingt eine Wegbeschreibung, denke ich!«

»Auf der Reise zum Himmel –«

»Verzeihung?«

»Genau das hast du doch in deinem Telefonat gesagt.«

»Der Anruf, an den ich mich nicht erinnere.«

»Du hast von einer Reise zum Himmel gesprochen.«

»Nun, ich habe mich immer nach dem Himmel gesehnt, das ist doch klar. Aber tut das nicht jeder?«

»Doch. Aber es gibt einen Unterschied: Nicht jeder macht sich auf den Weg. Und du hast gesagt, dass du das wolltest.«

Randi dachte eine Weile nach, und als WILL für einen Augenblick das Zimmer verließ, holte sie ihr Tagebuch und begann zu schreiben:

Diese Person nervt mich ein wenig. Meisterin der Verzögerung und Ausrede? Das ist unhöflich, egal wie man es betrachtet. Mag sein, dass sich auch in dieser von weltlichen Dingen bestimmten Zeit viele Menschen Gedanken über den Himmel machen, ohne groß darüber zu reden. Und es mag sein, dass ich bisher auch eine davon war. Nicht, dass ich ihm das verraten würde. Überlebensregel Nr. 1: Niemals Schwäche zugeben, Randi.

In diesem Augenblickkehrte WILL GOOD zurück.

»Weißt du was?«, fragte Randi, die jetzt bereit war, in die Offensive zu gehen.

»Sag es mir.«

»Vielleicht würden mehr Menschen die Reise zum Himmel antreten, wenn sie den Weg kennen würden«, erklärte sie.

»Meinst du?«

»Absolut«, verkündete sie wie eine Weltautorität auf diesem Gebiet. »Niemand kennt den Weg, und darum kommen die Menschen so langsam voran!«

»Ist das der Grund, warum du in dieser Hinsicht so wenig aktiv geworden bist?«

»Wer sagt das denn?«

Wieder folgte eine unbehagliche Stille.

»Glaube mir, der Weg zum Himmel ist niemals ein Problem«, sagte WILL, während er seine Sachen zusammensuchte, um aufzubrechen.

»Wie das?«

»Ganz einfach. Auf der Reise findet dich der Weg.«

»Ach, tatsächlich?«

»Das hört sich vielleicht seltsam an, aber eins garantiere ich dir, ja, die Schöpfung tut sich zusammen, um dir zu helfen.«

»Wie angenehm!«, erklärte Randi, die ein Rauschen in der Luft spürte. »Wie überaus angenehm!«

»Nun, das ist nicht immer angenehm«, wandte WILL ein, und während er sprach, bemerkte Randi die Narben an seinen Händen. »Um ehrlich zu sein, ist es ziemlich unangenehm. Aber wenn dieser Fall eintritt, wirst du das bestimmt merken. Du musst dem Weg vertrauen und weitergehen.«

Diesen Rat beherzigte Randi, und dieses Vertrauen wurde tatsächlich manchmal von ihr gefordert und manchmal nicht, und gelegentlich strauchelte sie auch, wie das bei Abenteuern so ist.

Kurze Zeit, nachdem WILL GOOD gegangen war, verließ sie ihr Zuhause.

»Ich muss weiter«, hatte er gesagt, »aber ich wünsche dir alles Gute für deine Reise, PILGERIN.«

»Entschuldigung?«

»PILGERIN, das ist dein Name.«

»PILGERIN? Was ist das denn für ein Name?«

»Der Name, den du hattest, bevor du einen Namen bekamst.«

»Ich verstehe«, erwiderte Randi.

Wenn sie ehrlich war, mochte sie ihren früheren Namen. Er gehörte zu ihr, und der neue Name war ziemlich ungewohnt.

»Und denk daran«, fügte WILL hinzu, »der Himmel ist für die Mutigen, und das bist du zweifellos.«

»Ich?«

»Ganz bestimmt.«

»Na ja, wenn du meinst«, erwiderte Randi, »obwohl ich mich eigentlich nie für besonders tapfer gehalten habe.«

»Dann fang jetzt damit an.«

»Das werde ich. Ja, das werde ich! Und danke, dass du mich aufgefangen hast, als ich gestürzt bin.«

»Gern geschehen. Ich hätte Engel schicken können, aber ich dachte: ›Warum tue ich es nicht selbst?«‹

»Engel?«

»Das war ein Witz.«

»Ach so!«

Randi blieb noch eine Weile bei Tee und einem dick mit Honig bestrichenen Toast brot sitzen. Sie sah sich in dem leeren Zimmer um, das einmal ihr Heim gewesen war. Viel hatte sich hier im Laufe der Jahre ereignet, und nicht alles war schön gewesen; aber auf eine seltsame Weise würde sie nichts von allem ändern wollen, denn das alles hatte sie bis zu diesem Augenblick geführt, zu diesem Augenblick, wo alles möglich schien.

»Liebes Tagebuch«, schrieb sie, »ich bin froh, in diesem Augenblick allein zu sein. Alles ist perfekt. Und alles ist möglich.«

Sie erinnerte sich an ihr letztes Gespräch mit WILL GOOD.

»Sei unterwegs offen für die unterschiedlichen Rhythmen der Jahreszeiten und die wechselnden Stimmungen des Himmels.«

»Das Leben ist Veränderung!«, hatte sie nervös und voller Aufregung gesagt.

»Ja, das stimmt, und das Leben stellt sich auf deinen jeweiligen Standort ein«, sagte WILL. »Auf deiner Reise hat jeder Berg einen Namen, jeder Weg einen Zweck, jede Lichtung eine Bedeutung.«

Das klang alles höchst faszinierend.

»Hat der Weg selbst einen Namen?«, fragte sie.

»Eigentlich nur die Reise. Aber ich weiß, dass die Einheimischen ihm einen Namen geben.«

WILL wirkte plötzlich traurig.

»Welchen?«, fragte Randi.

»Sie nennen ihn den PFAD DEINERKRAFT.«

»Warum?«

»Wenn du das Ende von DEINERKRAFT erreichst, dann wirst du anfangen zu begreifen.«

»Na, das klingt ja sehr ermutigend.«

»Wirklich? Dann gute Reise, PILGERIN.«

»Danke, WILL. Die werde ich haben. Und dir auch, dir auch! Ich schätze, wir werden uns nicht wieder sehen ...«

Aber WILL GOOD war bereits fort.

Randi spülte ihre Tasse und ihren Teller ab, stellte sie umgedreht auf das Abtropfgitter und schaltete alle Geräte außer dem Kühlschrank aus. Den Kühlschrank schaltet man niemals aus, nicht einmal, wenn man für sechs Wochen nach Indien reist.

Sie wanderte durch die leeren Räume, bedankte sich bei jedem Zimmer, blieb noch einen Augenblick im Flur stehen und öffnete schließlich mit einem tiefen Seufzer die Haustür, ging hindurch und zog sie hinter sich ins Schloss. So, jetzt war es soweit. Nur nicht umdrehen – sie überprüfte nicht einmal, ob sie auch abgeschlossen hatte, eine Angewohnheit, die gelegentlich zur Folge hatte, dass sie zu spät zur Arbeit kam. Einmal war sie sieben Mal zurückgekommen, um sich davon zu überzeugen, dass sie auch tatsächlich abgeschlossen hatte. Doch heute nicht.

Und die mutige PILGERIN wollte sich gerade auf den Weg zum Himmel machen, als ihr Nachbar ihr über die Hecke hinweg etwas zurief. Sein Name war GERNRAT SENFGER. Er verdiente seinen Lebensunterhalt damit, dass er anderen für teures Geld riet, Dinge zu tun, die er selbst niemals tat. Er propagierte positives Denken, obwohl er selbst unter einer dichten Wolke zu leben schien, die nicht weichen wollte.

»Wo willst du hin?«, fragte GERNRAT.

»Ich trete meine Reise zum Himmel an«, erwiderte PILGERIN.

»In diesem Fall habe ich eine gute Nachricht für dich.«

»Welche gute Nachricht?«

»Ich kann dir diese Reise ersparen.«

»Tatsächlich?«

»Oh ja, vertrau mir! Ich meine, wer will denn schon eine Reise machen, wenn er nur an einer Konferenz teilzunehmen braucht?«

»An einer Konferenz?«

»Bequeme Stühle, bequemes Lernen.«

»Ein guter Slogan.«

»Das finde ich auch. Wissensvermehrung in einer entspannten, aber an Wissenserweiterung interessierten Umgebung, die ganz auf deine individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist.«

»Das hört sich an wie ein Slogan aus einer Broschüre.«

»Das hier ist meine Werbebroschüre. Ich hoffe, sie gefällt dir.«

Er drückte PILGERIN ein kleines farbiges Heftchen in die Hand. Die abgebildeten Stühle machten tatsächlich einen bequemen Eindruck.

»Das klingt wirklich so, als wäre es viel einfacher«, stimmte sie zu.

»Sehr viel einfacher. Bei mir steht Gastfreundschaft an erster Stelle.«

»Ein hoher Anspruch.«

»Bei meiner nächsten Konferenz geht es zufällig um den Himmel.«

»Wie aufregend. Wie heißt das Thema?«

»›Ist die Hölle unten eine Konsequenz des Himmels oben?‹ Clever, nicht?«

»Du bist sehr clever, GERNRAT.«

»Und das ist die Art von Knowhow, die Art von Kompetenz, die ich dir verkaufen will.«

»Und wie genau sieht deine Kompetenz aus?«, fragte PILGERIN hoffnungsvoll.

Bei der Frage nach dem Himmel war sie auf alle Hilfe angewiesen, die sie bekommen konnte.

»Ein großartiger Deal. Für 1000 Euro –«

»1000 Euro?«

»Der Kaffee kostet natürlich extra.«

»Natürlich.«

»Ich biete einen allgemeinen Überblick über das Thema, die Debatten in Vergangenheit und Gegenwart, die Geschichte des Himmels, solche Dinge, und rücke sie in eine Art sozio-dynamische Perspektive.«

»Ah ja.«

PILGERIN wunderte sich, warum GERNRAT eine Sonnenbrille trug, obwohl die Sonne gar nicht schien, aber er war in Fahrt gekommen.

»Darauf folgt ein zielorientiertes Seminar zur praxisbezogenen und proaktiven Analyse deiner persönlichen oder beruflichen Zielsetzungen und möglicher Resultate hinsichtlich kurzfristiger und mittel- bis langfristiger Zielvorgaben.«

PILGERIN hörte nur Lärm.

»Entschuldige«, warf sie ein, »aber ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«

Wenn sie es recht bedachte, ging ihr das bei Gesprächen mit GERNRAT häufig so.

»Es ist ein lösungsorientierter Ansatz«, erklärte er. »Wo stehen wir jetzt? Woher kommen wir? Wohin wollen wir?«

»Ich möchte mich jetzt auf den Weg machen«, erklärte PILGERIN.

»Und gegen eine kleine Gebühr«, fuhr GERNRAT fort, ohne ihren Einwurf zu beachten, bekommst du noch kostenfrei meine DVD ›Der Mythos Himmel und du‹.«

»Kostenfrei gegen eine kleine Gebühr? Wie könnte ich da nein sagen?«

»Aber das Wichtigste – und das ist das Beste, Randi – du ersparst dir dadurch diese ganze Reise, die ja mit vielen Unbequemlichkeiten verbunden sein kann.«

»Du hast sicher recht.«

»Dann gehe ich davon aus, dass du dabei bist?«

PILGERIN stand in ihrem Garten und beobachtete eine Amsel, die auf dem Zaun saß. Konnte GERNRAT davon ausgehen, dass sie dabei war?

»Nein, auf mich kannst du nicht zählen«, erklärte PILGERIN.

»Warum nicht?«

»Ich habe das Gefühl, dass etwas Gutes in mir erstickt wird.«

»Das ist doch genau das, was ich sage, Randi.«

»Und du bist derjenige, der es erstickt.«

»Ich?«

Schockiertes Schweigen.

Wie sollte sie diesem GERNRAT das klarmachen? Die Ewigkeit war zu kurz.

»Der Himmel ist eine Reise, keine Idee«, sagte PILGERIN. »Du bist ein Experte in der Theorie des Himmels, aber nicht der Erfahrung. Ich wünsche mir die Erfahrung, mein Freund.«

GERNRAT starrte sie mit offenem Mund an.

»Du machst einen großen Fehler, Randi.«

»Ach, und noch was«, fuhr sie fort.

»Was denn?«

»Ich heiße PILGERIN.«

In diesem Augenblick erhob sich ein Schmetterling aus den Blumen in die Lüfte, ein flatterndes Wunder in Orange und Blau. Er tanzte fröhlich an PILGERIN vorbei in Richtung Tor. PILGERIN beobachtete ihn und beschloss, ihm zu folgen.

»Ermäßigte Gebühren und Kaffee inklusive!«, flehte GERNRAT SENFGEB. »Und ein lebenslanges Abo der Zeitschrift ›Konferenzwoche‹!«

»Erschieß mich, wenn ich das jemals lese«, zischte PILGERIN unhörbar.

Aber gerade, als die eine Stimme verklang und PILGERIN den Himmel in der Luft spürte, durchschnitt eine andere Stimme die Stille und wetteiferte um PILGERINS Aufmerksamkeit.

»Hallo, ich bin FLITTER«, rief sie.

FLITTER war wahrscheinlich eine Freundin von GERNRAT, denn sie nahm in seinem Garten ein Sonnenbad.

»Hallo FLITTER«, begrüßte PILGERIN sie widerwillig. Sie hatte es eilig und wollte sich nun endlich auf den Weg machen.

»Meine Freunde nennen mich TUSSI.«

»TUSSI FLITTER?«

»Zu deinen Diensten, denn ich habe zufällig gehört, wie du vom Himmel gesprochen hast, und das ist absolut mein Thema!«

»Wie das?«

»Ich biete dir den Körper-Himmel an, Darling.«

PILGERIN wusste nicht so genau, was sie von dem »Darling« halten sollte.

»Wie funktioniert das?«

»Sag mir, Süße, was wünschen sich die meisten Frauen?«

»Nun –«

»Ich sage dir, was wir uns wünschen, was wir uns wirklich tief in unserem Innern wünschen! Wir wollen jung aussehen und schlank sein! So einfach ist das.«

»Vermutlich.«

»Die meisten Frauen sind unzufrieden mit ihrem Körper, Baby. Ende!«

»Ende von was?«

»Darum machen in jedem beliebigen Augenblick 50 Prozent von uns eine Diät. Stell dir das vor!«

TUSSIS Blick ging PILGERIN ein wenig auf die Nerven.

»Warum siehst du mich so seltsam an?«, fragte PILGERIN.

»Ich blicke dich jung an, Schätzchen«, erwiderte sie. »Schönheitsoperation und so.«

TUSSI versuchte zu lächeln, doch damit hatte sie Mühe, da ihr Gesicht zum größten Teil hinter ihren Ohren steckte und die Haut um die Nase (erst vor kurzem korrigiert) und die Augen (langfristig verzweifelt) so fest gespannt war wie eine Trommelhaut.

»Ich bin wieder jung!«, rief sie.

»Auf mich wirkst du ein wenig krank«, erwiderte PILGERIN.

»Komm von deinem hohen Ross herunter, du blöde Schnepfe!«

PILGERIN zog die Augenbrauen leicht in die Höhe.

»War nur ein Witz!«, wiegelte TUSSI ab.

»Ich sehe niemanden, der lacht.«

Betont aufmerksam blickte PILGERIN sich um.

»Aber bestimmt vergleichst du deinen Körper doch mit dem deiner Bekannten?«, fuhr FLITTER fort. »Alle tun das!«

»Manchmal schon«, gestand PILGERIN.

»Siehst du!«

»Und, um ehrlich zu sein, das hebt in der Regel nicht gerade meine Stimmung.«

»Genau. Hast du denn schon mal daran gedacht, die Bandwurm-Diät zu machen?«

»Richtige Bandwürmer?«

»Ist das ein Problem?«

»Sozusagen.«

»Aber sie fressen alles!«

»Die willst du mir doch nicht etwa andrehen?«

»Oder wie wäre es mit der Meister-Reinigungs-Diät?«

»Was ist das?«

»Zitronenwasser, Cayennepfeffer –«

»Sonst noch was?«

»Ich hab’s. Die Apfel-Cidre-Essig-Diät. Danach sind deine Geschmacksknospen vollständig –«

»Auf Wiedersehen, TUSSI.«

PILGERIN war plötzlich ganz zufrieden mit ihrem Körper, so wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte, und sie machte sich mit neuem Mut auf den Weg, dem Schmetterling nach. Aber TUSSI FLITTER ließ nicht locker.

»Sieh mal, wenn du einen neuen Po möchtest oder eine Brustvergrößerung –«

»Ich bin zufrieden, wie ich bin!«, rief PILGERIN ihr zu.

TUSSI FLITTERS unrealistischen Ideale hatten ihren Zauber verloren, aber sie wollte einfach nicht aufgeben. Die letzten Worte, die PILGERIN hörte, waren: »Und vergiss nicht, 14 Liter Wasser am Tag zu trinken, Dickie! Und wenn du in Bezug auf die Bandwürmer deine Meinung änderst –«

Am Ende des Weges kam PILGERIN an das Weidentor. Sie öffnete es, ging hindurch und zog es hinter sich wieder ins Schloss. Es machte »Klick« wie immer, doch dieses Mal war es endgültig. Auf der anderen Seite des Tors blickte sie hinauf in den Himmel und entdeckte einen Vogel, der über ihr schwebte – ein Habicht vielleicht? –, atmete Vertrauen ein, blickte zum Horizont und setzte sich in Bewegung, denn nachdem sie den Nachbarn entkommen war, ist es das, was man tut, wenn man eine Reise zum Himmel antritt.

Die zweite Station

Auf der Reise zum Himmel ist es tatsächlich so, dass der Weg dich findet. Aber Vorsicht: Das bedeutet nicht, dass dir unterwegs nicht auch Tiger begegnen. Ich erwähne dies, weil gerade in diesem Augenblick, als PILGERIN eine Einöde durchquert, ein riesiger Tiger sie beobachtet. Dieses Stück Land war früher vielleicht einmal genutzt worden; auf dem Asphalt verrotteten verrostete Schilder und alte Markierungen. Aber gegenwärtig lag es brach, überwuchert von rankendem Unkraut und eigentlich von niemandem gewollt.

»Ich kenne dieses Gefühl«, dachte PILGERIN.

Hätte es ihr, als sie das Tor hinter sich zuzog, geholfen, wenn sie gewusst hätte, was sie erwartete? Hätte WILL GOOD sie in ihrem Gespräch vor Tigern warnen sollen? Er hatte PILGERIN gesagt, sie solle dem Weg vertrauen und weitergehen, aber das ist leichter gesagt als getan, wenn Raubkatzen auf der Lauer liegen. PILGERIN versuchte unter allen Umständen, sich nicht die Laune verderben zu lassen.

»Du kannst nicht zurückgehen. Es wird nicht klappen, selbst wenn du es versuchst«, redete sie sich ein. »Also stellst du dich den Realitäten, auch wenn es ein lauernder Tiger ist!«

Aber Handeln war gefragt. Wie ihre Tante immer wieder so treffend bemerkte: »Schöne Worte bringen keine Butter aufs Brot.« PILGERIN entfernte sich jetzt von der Bestie.

»Freund oder Feind?«, rief sie ihr spielerisch zu, aber der Tiger starrte sie nur an, ließ PILGERIN jedoch weitergehen.

Das Fell des Tieres hatte eine wundervolle Zeichnung, sein Körper war schlank und anmutig. PILGERIN beschloss, ihm je nach Situation eine sehr gute Freundin, aber auch eine erbitterte Feindin zu sein, wobei eher mit Letzterem zu rechnen war. Der Tiger schlich um sie herum, hielt aber zehn Meter Abstand zwischen ihnen.

Diese zehn Meter waren ihr trotzdem irgendwie viel zu wenig. Der Mensch braucht als Komfortzone etwa einen halben Meter Abstand zu seinem Gegenüber, aber zwischen Mensch und Tiger sind zehn Meter unsozial nah, und Randis Schritt beschleunigte sich mehr und mehr. Der Tiger nahm die Herausforderung an und spielte mit, holte auf mit seinen scharfkralligen Pfoten. Und so begann eine sanfte Verfolgungsjagd.

Eins wusste PILGERIN ganz genau: Ein »Unentschieden« war keine realistische Erwartung. Einer von beiden würde am Schluss enttäuscht sein oder tot, und Randi wollte nicht sterben. Der Schweiß lief ihr über den Rücken, als sie noch an Tempo zulegte.

»Gott sei Dank, dass ich in der vergangenen Woche im Fitnessstudio war und gelegentlich Yoga gemacht habe!«, dachte sie.

Doch trotz des Yoga holte der Tiger langsam auf.

Und dann blieb die Raubkatze ganz unvermittelt stehen, und PILGERIN folgte ihrem Beispiel; es blieb ihr nichts anderes übrig, denn sie stand am Rand einer Klippe. Ihre Flucht war zu einem abrupten Ende gekommen. Der Weg ging erst dreißig Meter tiefer weiter. Kein Wunder, dass der Tiger keine Eile hatte. Es war ja nicht so, als könnte ihm die Beute entkommen. »Das ist kein guter Ort für eine Klippe«, dachte PILGERIN, während sie darüber nachdachte, welche Möglichkeiten sie hatte. Hinter ihr stand ein hungriger Tiger, vor ihr lag ein tiefer Abgrund.

»Entscheidungen, Entscheidungen.«

Wenn sie sprang, könnte sie dem Tiger entkommen, was gut war; aber sie würde nicht heil unten ankommen, sondern auf den Felsen zerschmettert werden. Wenn sie nicht sprang, würde sie nicht auf den Felsen zerschmettert werden, was gut war, aber der Tiger würde sie fressen. Beide Möglichkeiten hatten also ihr Für und Wider, doch keine entsprach PILGERINS Wunsch, weiterzuleben und zu atmen und auch den morgigen Tag zu erleben.

Der Tiger kam näher, brannte darauf zu töten, und auf einmal entdeckte PILGERIN die Ranke. Sie zog sich über die Klippe nach unten, war stark und dick und fest verwurzelt in dem Gestrüpp zu ihren Füßen.

»Wenn Gott dir Zitronen schenkt, dann musst du Limonade draus machen«, pflegte ihre Tante immer zu sagen. So packte sie die Ranke und kletterte über die Klippe.

Es fiel ihr schwer, festen Boden gegen dünne Luft einzutauschen, aber das herannahende Untier erleichterte ihr die Entscheidung. PILGERIN umklammerte die Ranke und vertraute darauf, dass sie ihr Gewicht hielt. Sie hatte auch keine andere Wahl, denn die große Raubkatze stand am Rand der Klippe und fauchte wütend, während sich ihr vermeintliches Opfer nur wenige Meter von ihrem sabbernden Maul und den spitzen Zähnen entfernt in Sicherheit brachte. PILGERIN klammerte sich an der Ranke fest, während sie mit den Füßen verzweifelt nach einer Spalte oder einem Felsvorsprung tastete.

Ihre Arme schmerzten, aber sie war immer noch im Spiel, was oberste Priorität hat, wenn man von Tigern gejagt wird.

»Sehen wir es doch positiv«, sagte sie sich. »Hier bin ich und bewege mich von dem Ungeheuer fort in Sicherheit. Ein langer Weg liegt noch vor mir, aber vielleicht schaffe ich es ja?«

Beim Klettern gibt es eine goldene Regel: Schaue nie nach unten. Es macht nicht gerade Mut, die reine Luft zwischen sich und dem Boden tief unten zu sehen oder sich vorzustellen, wie weit dein weicher Körper in die Tiefe stürzen wird und wie spitz die Felsen sind, auf die du aufschlagen wirst. Doch als PILGERIN nicht mehr länger widerstehen konnte und einen vorsichtigen Blick nach unten wagte, war es noch schlimmer als befürchtet. Nicht nur ging es weit in die Tiefe; unten am Fuß der Klippe entdeckte sie einen zweiten Tiger, der dort herumlungerte.

Du meine Güte! So hatte sich PILGERIN das nicht vorgestellt. Sie hoffte auf den Himmel, erlebte aber die Hölle. Jetzt war ein Tiger über ihr und ein Tiger unter ihr, und beide Kreaturen wussten, dass PILGERIN weit und breit die beste Mahlzeit war, die sie in hundert Kilometern Umkreis bekommen konnten.

»Ich will nicht sterben«, sagte sich PILGERIN voller Verzweiflung, während sie sich mit aller Kraft an die Ranke klammerte. Warum nur hatte sie beim Sport nicht mehr an den Seilen trainiert? In Wahrheit war dies die hoffnungsloseste Situation, die sie je erlebt hatte, und das Schlimmste an hoffnungslosen Situationen ist, dass sie hoffnungslos sind; es scheint absolut keinen Ausweg zu geben.

Und dann wurde alles noch schlimmer.

Die Ranke war PILGERINS einziger Rettungsanker.

»Die Ranke ist das zentrale Element«, dachte PILGERIN verschwitzt, und das stimmte.

Dieser starke Tentakel der Hoffnung hatte sie vor dem Tiger gerettet und bewahrte sie vor dem Tiger, der unten auf sie wartete. Ihre Füße fanden kurzfristig Halt, aber nur vorübergehend, denn der Felsen war sehr bröckelig, und kein Felsvorsprung bot ihr Zuflucht für ihr pochendes Herz und ihre brennenden Hände. Allein die Ranke war ihr Rettungsanker, der goldene Faden, durch den sie vielleicht Rettung finden könnte.

Doch jetzt nagte eine Ratte an dieser rettenden Ranke. War das zu fassen? Wo die Ratte hergekommen war, das wusste nur die Hölle, vielleicht kam sie sogar direkt daher. Man sagt, dass man nie mehr als sechs Meter von diesem Ungeziefer entfernt ist, und im Augenblick stimmte das ganz gewiss, denn da saß sie, wie festgenagelt auf dem Felsen und knabberte und nagte; eine Ratte mit einer Mission, und sie zerstörte alles, was PILGERIN Sicherheit bot.

Wenn jemand einen bedroht, fällt es schwer, nicht zu hassen, und welchen Hass empfand PILGERIN auf die Ratte! Sie stellte sich vor, dass eine riesige Falle zuschnappte und ihr das Genick brach; aber solche Fantasien hielten das Knabbern und Nagen nicht auf. Jetzt, wo die Ranke geschwächt wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie in einem mörderischen Tempo zur Erde stürzte, um dort gefressen zu werden. Was sollte dieser ganze Unsinn, sich auf das Schöne im Leben zu konzentrieren? Hier gab es nichts Schönes.

PILGERIN tat ihr Bestes. Sie rüttelte an der Ranke, um die Ratte abzuschütteln. Sie drehte den Strang, damit das Ungeziefer seinen Halt verlor, aber es nützte nichts, und als schließlich das Ende kam, kam es schnell. Die Ranke riss, und PILGERIN stürzte nach unten. In gewisser Weise war es eine Erleichterung; wenigstens konnte sie jetzt die Hoffnung aufgeben.

»Leb wohl, Hoffnung!«, rief sie. »Land der Hoffnung, das Ende naht!«

Die Leute stellen die Hoffnung als etwas Gutes dar, doch wenn sie dir ins Gesicht lacht, dann kannst du gar nichts Gutes mehr erkennen. Es ist viel besser, sich von der Hoffnung zu verabschieden, und nachdem sie das getan hatte, war PILGERIN beinahe entspannt, als sie auf dem Boden aufschlug.

Was für ein Anblick! Außer Atem, aber bei vollem Bewusstsein, blickte PILGERIN direkt in das Pelzgesicht der Bestie, und wenn es auch nicht unbedingt ein schönes Erlebnis war, so waren die Schneidezähne des Tigers doch ein denkwürdiger Anblick.

»Das ist eine wirklich gute Natursendung«, dachte Randi, »nur leider spiele ich mit.«

Die Erhabenheit dieses Geschöpfes war bemerkenswert, sein hohles Brüllen wie Honig und Diamanten, und seine starken Schenkel waren bereit zuzuschlagen. PILGERIN schloss die Augen und wartete; sie wartete darauf, dass die schnappenden Kiefer ihren dünnen Hals umschlossen.

Welche Bedeutung hatte ihr Leben tatsächlich gehabt?

Und dann Stille.

Etwas hatte sich verändert; etwas, das vorher da gewesen war, war jetzt verschwunden. PILGERIN lag still, wie gelähmt, und wartete auf die Hinrichtung. Doch sie war unversehrt. Sie wusste, dass sie in Sicherheit war, obwohl es ihr nicht gelang, die Augen zu öffnen. Und was sie erblickte, als sie die Augen dann schließlich doch öffnete, war der Tiger, der im Gebüsch verschwand. Er hatte es sehr eilig, und für PILGERIN hatte der Schrecken ein Ende. Sie hatte noch einen weiteren Tag zu leben, einen weiteren Augenblick zu atmen, ein weiteres Morgen zu bedenken.

Ihr Tagebucheintrag war kurz, aber glücklich:

Ich lebe!

Eine ganze Weile blieb sie in dem trockenen Gras und den Disteln liegen, in allumfassender Zufriedenheit. Dann tanzte sie einen Siegestanz um einen Baum und legte sich anschließend wieder hin. Ein Schmetterling flatterte aus einer dunklen Ecke hoch und traf in seinem wilden Flug beinahe ihre Nase, bevor er davonflog.

»Bis später, blau-oranger Schmetterling!«, rief PILGERIN fröhlich. Eine Frage durchzuckte sie: Was war eigentlich passiert?

»Hier bin ich, gesund und munter«, dachte sie, »obwohl ich eigentlich tot sein müsste. Anstatt von einem Tiger gefressen zu werden, plaudere ich mit einem Schmetterling. Wie ist das geschehen?«

Sie wusste, sie war am Leben, aber sie hatte keine Ahnung, wie und warum das so war.

Und ganz plötzlich ergriff die Furcht wieder von ihr Besitz. Da war etwas im Gestrüpp, das PILGERIN zwar hören, aber nicht sehen konnte. Eine Schlange vielleicht? Das wäre möglich; in so dürrem Gestrüpp wimmelt es von Schlangen. Was für ein trostloser Gedanke: War sie vor dem Tiger gerettet worden, um dann von einer Schlange getötet zu werden? Wenn man nichts sehen kann, spielt die Fantasie einem manchmal einen Streich.

Es raschelte noch stärker, und schließlich vernahm sie ein hohes Quieken. PILGERIN rollte sich erschrocken zur Seite, spürte, dass etwas in der Nähe war, klein, aber versteckt. Das war die schlimmste Art von Feind, ein Feind, den sie nicht sehen konnte. Und dann endlich entdeckte sie ihn. Auf einem Stein sitzend, die Pfoten wie ein Bettler in die Höhe gereckt, saß die Ratte, die beinahe ihr Ableben verschuldet hatte. PILGERIN überlegte, welchen überaus schmerzvollen Tod sie diesem Wesen bereiten könne.

Doch als sie näher hinschaute, geschah etwas Seltsames: Die Ratte begann zu quieken, oder vielleicht mit ihr zu sprechen? PILGERIN fing an, Worte zu verstehen, und wenn sie nicht von der Ratte kamen, woher sonst?

»Du schuldest mir was«, sagte das Ungeziefer.

PILGERIN war verblüfft, aber sie hatte keine Lust, sich mit einem Tier zu unterhalten.

»Entschuldige, aber ich rede nicht mit Tieren«, erklärte sie. Sie wollte von Anfang an ihre Position deutlich machen.

Die Ratte schwieg, und PILGERIN hatte das Gefühl, vielleicht doch ein wenig unhöflich gewesen zu sein. Sie lenkte ein. »Das ist nicht persönlich gemeint.«

»Wirklich?«, fragte die Ratte.

»Nun, natürlich ist es persönlich gemeint, aber es stimmt auch, dass ich das nicht tue. Ich bin auf dem Weg zum Himmel und nicht ins La-la-Land, darum wird es keine Gespräche mit Tieren geben; nicht in einer Million Jahren.«

»Wir haben dir nichts zu bieten?«, fragte die Ratte. »Dann wär’s das, denke ich.«

Es entstand eine unbehagliche Pause, und wieder fühlte sich PILGERIN verpflichtet, sie zu füllen.

»Ich bin froh, dass du das auch so siehst«, bemerkte sie. »Wie ich schon sagte, das ist nicht persönlich gemeint. Ich bin ein Mensch, du bist ein Tier, und ich möchte dich gar nicht näher kennenlernen.«

»Gleichfalls«, sagte das Ungeziefer.

»Wie bitte?«

»Ich habe auch nicht den Wunsch, dich kennenzulernen«, erklärte die Ratte. »Ich wäre auch nicht gekommen, wenn ich nicht darum gebeten worden wäre.«

»Nun, ich habe dich nicht darum gebeten.«

»Wer sagt denn, dass du das warst? Aber du schuldest mir trotzdem was.« PILGERIN traute ihren Ohren kaum.

»Ich schulde dir was? Wenn du nicht gewesen wärst, dann hätte ich sicher an meiner Ranke gehangen!«

Die Ratte lächelte das Lächeln von jemandem, der gerade etwas ausgesprochen Lächerliches gehört hatte.

»Sicher an deiner Ranke? Das ist ein interessanter Blickwinkel. Bist du schon immer blind gewesen oder ist das erst neuerdings so?«

»Das war eine gute Ranke, und du hast sie zerstört.«

»Und wie genau sah dein Rettungsplan aus, als du an der Klippe zwischen zwei Tigern gehangen hast?«

PILGERIN hatte keine Lust, sich von einem Tier in eine sinnlose Debatte verwickeln zu lassen, und entschied sich für ein würdevolles Schweigen. Der andere Grund war, dass das Ungeziefer natürlich recht hatte. PILGERIN hatte keinen Plan gehabt.

»Es gab nur einen Weg, dich zu retten«, fuhr die Ratte fort. »Dich auf den Boden zu befördern und sich dann des Tigers anzunehmen, was ich, zum Glück für dich, tun konnte. Tiger haben schreckliche Angst vor Ratten, du verstehst.«

Das alles klang sehr glaubhaft, und PILGERIN, in die Defensive gedrängt, beschloss zurückzuschlagen und die Ratte zu verletzen:

»Linguistisch verstehe ich das so«, bemerkte sie beiläufig, »alle Ratten sind Schädlinge, aber nicht alle Schädlinge sind Ratten. Ist das korrekt?«

»Ich bin eine Dumbo-Ratte«, erwiderte die Ratte.

»Tatsächlich?«

»Wir unterscheiden uns durch unsere Ohren, die sich an der Seite unserer Köpfe befinden und manchmal etwas größer sind als normal.«

»Ohren, die dich ansehen!«

Man kann einen Witz nicht bewerten, aber PILGERIN freute sich ganz besonders über ihren.

»Meine Identität scheint dir ziemlich egal zu sein«, sagte die Ratte. »Wir können nur hoffen, dass dir deine nicht auch so egal ist.«

Was meinte die Ratte? PILGERIN wusste nur, dass etwas in ihr vor Schmerz schrie.

»Du verwechselst mich mit jemandem, den das interessiert!«, erwiderte sie, entschlossen, ihr würdevolles Schweigen beizubehalten. Aber die Ratte fuhr fort:

»Es gibt unterschiedliche Rattenarten, doch für dich sehen sie zweifellos alle gleich aus. Nicht?«

»Vielleicht.«

»Alle sind klein und pelzig, also wo ist der Unterschied? Du kommst dir zu wichtig vor, um dich für solche Dinge zu interessieren. In deiner kleinen Welt existieren wir nicht als eigenständige Wesen innerhalb der gleichen Gattung. Aber glaube mir, eine Dumbo-Ratte unterscheidet sich von der Zwergratte oder der Albinoratte.«

»Rede nur weiter, ich finde das ziemlich langweilig«, sagte PILGERIN. »Kann ich jetzt gehen?«

»Aber zum Glück für dich«, fuhr das kleine Wesen fort, das sich mittlerweile für das Thema erwärmte, »hat der Tiger auch keine Ahnung. Der Tiger ist groß, stark, und kennt sich in der Rattenszene nicht aus, genau wie du. Er denkt, er müsse vor uns Angst haben, was natürlich lächerlich ist, doch heute kam uns das sehr gelegen. Du bist noch am Leben!«

PILGERIN starrte großmütig in die Ferne, während ihr gleichzeitig vor Scham der Schweiß ausbrach.

»Du scheinst der Wahrheit plötzlich ziemlich nahe zu sein«, bemerkte die Ratte.

»Nein – ich bin nur dir nahe.«

»Hast du Angst vor mir?«

»Ich soll Angst vor einem dummen Tier haben? Wie lächerlich!«

»Es wäre klüger, Angst vor deinem Stolz zu haben, meine Freundin. Du kannst nicht akzeptieren, dass du diese Ranke loslassen musstest, und dass ich dir zu dieser Erkenntnis verholfen habe.«

»Das hat damit gar nichts zu tun«, log PILGERIN.

»Aber das ist es doch: Erkenntnis ist nicht möglich, wenn wir uns an Dinge klammern, sondern nur, wenn wir sie loslassen. Es gibt so vieles, was man loslassen muss!«

PILGERIN bemerkte eine kreisende Gegenwart am Himmel. Das war derselbe Vogel, den sie bereits gesehen hatte, als sie ihr Heim verließ, aber in einem hatte sie sich geirrt: Das war kein Habicht, sondern ein Adler, der hoch oben in den Lüften seine Kreise zog und beobachtete, nach unten auf sie zuschoss und wieder aufstieg, hoch hinauf in den weiten, blauen Himmel. Etwas golden Glänzendes hing an seinem Hals, das im Licht funkelte.

»Ein großer Vogel«, meinte PILGERIN.

»Mach dir keine Gedanken um den Adler«, sagte die Ratte, die sie beobachtete.

»Ich mache mir keine Sorgen«, erwiderte PILGERIN.

»Du wirkst beunruhigt.«

»Ganz und gar nicht. Der Adler ist weder hier noch da, soweit es mich betrifft. Mit einem einzigen Schlag könnte ich ihm den Hals brechen.«

Zum ersten Mal in ihrem Leben führte PILGERIN den Karateschlag in der Luft vor.

»Keine gute Idee«, meinte die Ratte.

»Ich sage ja nur. Wie auch immer, eigentlich solltest du Angst haben, nicht ich. Adler fressen Ungeziefer.«

»Ich heiße übrigens Veronica«, stellte die Ratte sich vor. »Und du?«

»PILGERIN«, erklärte PILGERIN. »Aber mir ist unklar, warum du wissen willst, wie ich heiße; es ist ja nicht so, als würden wir uns wieder treffen.«

Wie viele von PILGERINS Annahmen sollte sich diese als falsch herausstellen. Es gab so vieles, was sie nicht wusste. Wenn es niedergeschrieben würde, würde sich der Text von hier bis zum Mars erstrecken und noch darüber hinaus.

Die dritte Station

Wo bin ich?«, fragte sich PILGERIN, das Gesicht an einen Felsen gepresst, auf dem ein Käfer fröhlich in der Sonne saß. Wo immer sie sich befand, sie fühlte sich gut. Sie hatte tiefer geschlafen als zu Hause, wo ihr Schlaf nicht immer ruhig war.

Langsam kamen ihr die jüngsten Ereignisse wieder in Erinnerung. Da waren die Tiger gewesen, das Drama auf der Klippe und eine seltsame Begegnung mit einer Ratte namens Veronica. Ach ja, und davor war sie ziemlich unhöflich zu GERNRAT SENFGEB und TUSSI FLITTER gewesen. Und davor hatte sie alles, was ihr vertraut war, zurückgelassen und sich auf eine hirnverbrannte Reise zum Himmel begeben. Was war nur in sie gefahren?

Erst kürzlich, so erinnerte sie sich, hatte sie zu der Ratte gesagt, sie sei müde und brauche Schlaf, und die Ratte hatte erwidert, das sei eine gute Idee. Aber jetzt war sie hellwach und nahm seltsame Geräusche in ihrer Umgebung wahr. Da war ein Summen, Klingeln und Rasseln von Karussellmusik, Löwen brüllten, Seehunde husteten, Pferde schnaubten, Hunde bellten, und Menschen lachten fröhlich. Das konnte nur eines bedeuten: Ein Zirkus war in der Nähe.

»Höchste Zeit für ein wenig Ablenkung, finde ich!«, sagte PILGERIN, während sie sich dem fröhlichen Treiben näherte.

»Nur hereinspaziert, meine Damen und Herren!«, rief ein Mann mit einem zwirbeligen Schnurrbart und verschmitzten Augen mit lauter Stimme. Er trug einen Zylinder aus glänzendem Stoff, einen Gehrock und eine ordentlich gebügelte Kaschmirhose. »KANNABIS’ Halluzinatorischer Psycho-Zirkus bietet Unterhaltung und Zerstreuung am laufenden Band und ohne Ende!«

Als er PILGERIN entdeckte, eilte er auf sie zu.

»Du, junge Dame!«

»Ja?«

»Wünschst du dir nicht eine Pause von der Realität?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie. »Ich bin auf dem Weg zum Himmel.«

»Das ist doch dasselbe! Deine Reise ist vorbei. Dies ist der Himmel!«

»Wirklich? Ich hatte mich auf eine etwas längere Suche eingestellt.«

»KANNABIS’ Halluzinatorischer Psycho-Zirkus ist der Himmel auf Erden!«

Sein Gesicht kam ihr unangenehm nahe, und PILGERIN roch seinen Zwiebelatem, aber hey, die Menschen waren eben unterschiedlich, und den Zirkus hatte sie immer geliebt. Doch ob dies tatsächlich der Himmel war, da hatte sie so ihre Zweifel. Natürlich hatte sie keine Ahnung, wie der Himmel aussah – ich meine, wer konnte das schon wissen? Doch wenn der Himmel am Ende ein Zirkus war, welchen Zweck erfüllte er dann? Sie beschloss, das Thema anzusprechen.

»Zirkusse machen viel Spaß«, sagte sie, »aber sie schienen mir nie besonders, nun ja, nützlich.«

»Nützlich?«, schnaubte er. »Du redest wie ein Bischof in einer Talkshow, ernst und langweilig!«

Dieser Vorwurf traf ins Schwarze, und PILGERIN errötete vor Scham.

»Ich wollte nicht –«

»Wer will denn schon etwas Nützliches«, redete Zwiebelatem weiter. »Werd’ locker, meine Freundin! So ein hübsches Gesicht sollte niemals Langeweile haben!«

»Ja, entschuldige. Ich möchte wirklich nicht daherreden wie ein Bischof.«

»Natürlich nicht. Wir wollen hier nichts ›Nützliches‹, sondern Verdrehtes, Raffiniertes, Faszinierendes, Fesselndes und schwindelerregend Verblüffendes oder Grausames!«

»Wenn du das so ausdrückst –«

»Komm herein und bestaune den Mann, der ein lebendiges Huhn verspeist«, pries er an, »mit Krallen und allem! Das musst du gesehen haben!«

PILGERIN war nicht davon überzeugt, doch entschlossen, ganz bestimmt nicht daherzureden wie ein Bischof.

»Das klingt ziemlich cool«, meinte sie.

»So ist es schon besser!«, erwiderte ihr himmlischer Gastgeber. »Ernste Mädchen mögen wir nicht!«

»Das ernste Mädchen ist tot«, erklärte PILGERIN. »Leben und leben lassen, sage ich immer! Es sei denn natürlich, du bist das Huhn.«

Vermutlich war es die Ratte, die ihr alle Lebensfreude genommen hatte, aber das war jetzt vorbei. Schließlich ging es im Himmel doch darum, Spaß zu haben, nicht?

»Ich werde mich prächtig amüsieren!«, verkündete sie, und mit diesen Worten führte KOSTAS KANNABIS – so hieß er nämlich – sie zu den Ständen und Buden, wo die verschiedenen Attraktionen um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten.

»Wir werden den heutigen Abend in vollen Zügen genießen«, versprach er, während er sie mit festem Griff durch die Menge schob.

»Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen!«, staunte PILGERIN, die sich von der fröhlichen Atmosphäre anstecken ließ. »Und anscheinend haben alle nur das eine Ziel, sich zu amüsieren!«

»Lass mich dir die Arbeit des Zirkus erklären«, sagte KANNABIS, während er sie auf eine Bank drückte.

»Oh, bitte!«

»Was Menschen dazu bringt, in die Show zu gehen, ist nicht, was sie auf ihren Sitzen hält.«

»Tatsächlich?«

»Oh, nein!«

PILGERIN hatte Spaß daran, sich von diesem faszinierenden Mann in die Geheimnisse des Zirkus einführen zu lassen.

»Löwen sind an der Plakatwand aufregender als in einer Zirkusvorstellung«, erklärte er.

»Sie locken Menschen an, können ihnen aber keine Befriedigung verschaffen?«, bemerkte PILGERIN und freute sich an ihrer intelligenten Bemerkung.

»Das ist der Zweck einer Attraktion, kluges Mädchen! Sie zieht Menschen an.«

»Und dann?«

»Wen interessiert das? Du hast sie in deinen Fängen und kannst anfangen, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen!«

Sie gingen gemeinsam weiter, vorbei an dem bunten Baldachin des Karussells. Fröhliche Kunden ritten auf Holzpferden, klammerten sich an ihre Messingruten, während die Orgel plärrte und das Geld gezählt wurde. Wo sie auch hinblickte, herrschte ausgelassene Begeisterung. Gewehrschüsse knallten, muntere Fröhlichkeit, Kokosnuss-Würfe und der Schlag der großen Glocke, der durch die Luft hallte, wenn wieder ein starker Mann seine Kraft mit dem Holzhammer ausprobierte.

PILGERIN war im Himmel und hatte einen Riesenhunger. Schnell schlang sie den Zwiebelkuchen aus Kittys Küche hinunter und als Nachtisch noch ihre berühmte Kirschtorte mit Sahne. Und was für ein Zirkus das war! Er zog sich über die Ebene, so weit das Auge sehen konnte! Hinter dem Rummel wurden von Männern mit nacktem Oberkörper noch mehr Zelte aufgebaut. Das war eine harte und schweißtreibende Arbeit. Ihre dicken Bäuche quollen über ihre breiten Gürtel mit den großen Schnallen.

»Dieser Zirkus ist ganz schön groß!«, rief PILGERIN.

»Er ist eine Welt für sich«, erwiderte KANNABIS. »Und wir möchten nicht, dass jemand uns verlässt!«

»Also, ich habe gar nicht das Bedürfnis zu gehen. Ich glaube, ich könnte für immer hier bleiben!«

»Das ist das Ziel!«

»Hier ist so viel los, und ich will nichts verpassen!«

KOSTAS KANNABIS blickte PILGERIN mit seinem schlangenäugigen Lächeln an, das sie für Respekt hielt. Sie kamen vorbei an dem Hotdog-Stand und dem Verkäufer, der seine gebrannten Mandeln anbot. PILGERIN nahm von beidem. Ihr Geld wurde langsam knapp, aber wen kümmerte das? Das war das Leben.

»Was ist die erstaunlichste Darbietung, die du je gesehen hast?«, fragte PILGERIN, die Jüngerin, den Herrn.

»Bei einer Darbietung standen drei Menschen übereinander auf einem Pferd«, erzählte KANNABIS.

»Tatsächlich?«

»Oh ja, die Fossetts haben das in der Dreifacher-Jockey-Nummer vorgeführt. So etwas sieht man nicht so häufig.«

»Und die ausgefallenste Darbietung?«

»Das war die Dame mit dem Schweinsgesicht.«

»Wer war sie?«

»Madame Stevens wurde sie genannt, obwohl sie eigentlich ein Braunbär war, dessen Gesicht man glattrasiert hatte.«

»Die Dame mit dem Schweinsgesicht war ein Bär? Das ist wirklich eine Illusion. Wie wurde es gemacht?«

»Ganz einfach. Weiße Handschuhe verdeckten ihre Pfoten, an die sich dicke weiße Arme anschlossen.«

»Rasiert?«

»Gut rasiert, ja. Sie saß in Haube, Schal und Hauskleid an einem Tisch, und unter dem Tisch hockte ein Junge mit einem Stock.«

»Was hat er gemacht?«

»Er hat sie jedes Mal, wenn der Showmaster ihr eine Frage gestellt hat, angestoßen, damit sie brummte. Und nach jedem Brummen erklärte der Showmaster dem Publikum: ›Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, versteht die junge Dame, was gesagt wird, obwohl die seltsame Form ihres Kiefers sie der Möglichkeit beraubt hat, menschliche Laute zu äußern.«

»Nicht wirklich wahr.«

»Nichts ist wahr. Trotzdem, dann fragte er sie, ob sie heiraten würde, wenn sie den richtigen jungen Mann kennenlernen würde.«

»Und was hat sie geantwortet?«

»Bei dieser Frage stach der Junge fester zu, was ärgerliche Schmerzenslaute von dem gequälten Bären zur Folge hatte.

›Ist gut, ist ja schon gut!‹, sagte der Showmaster. ›Ich habe ja nur gefragt!‹ Danach ließ er den Hut herumgehen.«

»Und die Leute haben geglaubt, was sie gesehen haben? Waren sie nicht bei Verstand?«

»Der Verstand hat im Zirkus keinen Platz, mein Mädchen. In einer Menge glauben die Menschen die verrücktesten Dinge.«

PILGERIN war bekannt, dass der menschliche Herdentrieb manchmal die seltsamsten Blüten trieb, aber zum Glück standen sie und KOSTAS KANNABIS über den Dingen.

»Sieh dich nur um!«, forderte er sie mit einer ausladenden Geste auf.

PILGERIN beobachtete die vielen Menschen, die hin und her eilten.

»Die Leute wollen ihrem normalen Leben entfliehen«, erklärte er. »Sie sehnen sich danach, den besonderen Kick des Unerwarteten oder der Freude zu erleben; alles, wenn es sie nur von sich selbst ablenkt!«

PILGERIN gefiel die Idee, von sich selbst abgelenkt zu werden, und auf einmal durchzuckte sie ein ungewöhnlicher Gedanke.

»Vielleicht könnte ich hier arbeiten?«, fragte sie vorsichtig.

»Du?«, fragte KANNABIS und betrachtete sie mit neu erwachtem Interesse.

»Warum nicht?«, erwiderte PILGERIN, erstaunt darüber, dass sie so einen Vorschlag machte und sich tatsächlich sogar dafür erwärmte.

Ihr kurzer Besuch im Zirkus hatte sie eines erkennen lassen: wie langweilig ihr Leben war. Vielleicht war das der Grund, warum sie auf diese Idee mit der Reise zum Himmel gekommen war – um ihrer langweiligen Existenz zu entfliehen. Vielleicht war dieses ganze Gerede vom Himmel nur ein Aberglaube, den die Menschen brauchten.

»Glaubst du an den Himmel?«, fragte PILGERIN.

»Wer braucht den Himmel, wenn man im Zirkus leben kann?«, erwiderte KANNABIS mit sichtlichem Unbehagen. Nicht, dass PILGERIN dies aufgefallen wäre, denn im Psycho-Zirkus nimmt man so etwas nicht mehr wahr. Es ist einfach zu viel los, um etwas anderes zu sehen als die nächste Attraktion.

»Und wer braucht schon Freunde wie Veronica«, dachte PILGERIN, »wenn man einen Lehrer wie KOSTAS KANNABIS haben kann, den dunklen und gefährlichen Hohepriester der Ablenkung?«

»Kannst du jonglieren?«, fragte KANNABIS.

Ihm schien die Idee, dass sie im Zirkus arbeitete, zu gefallen.

»Ist das ein Einstellungsgespräch?«, fragte PILGERIN aufgeregt.

»Könnte gut sein, junge Dame.«

»Also, ich kann nicht wirklich jonglieren, nein. Vielleicht mit einem Apfel, aber nicht mit mehreren –«

»Dann kannst du vielleicht am Trapez arbeiten?«

»Große Höhen sind ein Problem.«

»Du könntest bei den Tieren mithelfen.«

»Warum nicht? Früher hatte ich einmal einen Hund!«

»Ahh! Dann könntest du die wilden Löwen zähmen und einem Geparden ein Ballettröckchen anziehen?«

»Der Hund war ein Labrador. Löwen und Geparden sind schon eine ganz andere Herausforderung.«

»Wir finden bestimmt irgendwo einen Platz für dich.«

»Oh, vielen Dank!«

»Solange du bezahlen kannst.«

»Bezahlen?«

»Natürlich! Das hier ist doch keine Wohltätigkeitsveranstaltung, du dumme Trantüte!«

Die Atmosphäre kühlte sich ab, als hätte sich plötzlich eine Wolke vor die Sonne geschoben.

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181 p. 3 illustrations
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9783862567324
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