Read the book: «Morgarten»

Silvia Hess
Inhalt
Prolog
Ortstermine Morgarten, 2015
Einleitung
«Wie eine lebendige Urkunde» – Fragestellung
Geschichtsgebrauch vor Ort
Merkwürdige Schweizer Geschichte, 1780–1830
Reiseführer, Reiseberichte und Anleitungen, wie man richtig reist
Klassische Stelle Morgarten
Eine Fahne und ihre Inszenierungen
Fazit
Gasthaus Morgarten, 1880–1908
Die Herstellung des Orts Morgarten
«Gruss aus Morgarten»
Feste, lebende Bilder und ein Fassadenbild
Fazit
«Hier wohnt das Erbe der Väter», 1915–1945
Tourismus im Ersten Weltkrieg
Zentenarfeier 1915: Gedenken in Zeiten des Kriegs
Der Wille zur historischen Stätte
Tourismus und Morgarten im Zweiten Weltkrieg
Fazit
Schulreise nach Morgarten, 1965
Die Schuljugend und die Schauplätze der Geschichte
Der Sternmarsch im Fernsehen
Rückblick: Die junge Nation am Morgarten
Anything goes? 1991–2014
Fazit
Schluss
Von der «klassischen Stelle» zum «Originalschauplatz»
Touristischer Geschichtsgebrauch: Thesen
Steine, Hellebarden und Hirtenhemden: Konjunkturen dreier Zeichen
Epilog
Das Morgartenspektakel 2015
Anhang
Quellen
Sekundärliteratur
Bildnachweis
Dank
Prolog: Ortstermine Morgarten, 2015
24. Januar 2015. Das Gedenkjahr zum 700-sten Jahrestag der Schlacht am Morgarten wird mit einer Fachtagung des Historischen Vereins der Zentralschweiz in Goldau eröffnet. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt – ungefähr 250 Personen hören den Aufruf des Eröffnungsredners, sich vor vermeintlichen Wahrheiten über Morgarten zu hüten. Aus Zeitgründen können keine Fragen gestellt werden. Ich überlege mir, was in den Köpfen des Publikums vor sich geht. Der ältere Herr neben mir mustert mich misstrauisch: «Sind Sie von der Presse?»
18. Juni 2015. Die Boulevardzeitung Blick erscheint mit einem grossen Aufmacher: «Die Schlacht am Morgarten ist bewiesen». Sondengänger hätten bereits im Frühjahr im Auftrag der Kantone Schwyz und Zug im Gebiet Schornen mit Metalldetektoren nach Überbleibseln der Schlacht am Morgarten gesucht und dabei zwei Dolche und zwei Pfeilspitzen gefunden, die aus der Zeit um 1315 stammen. Der Blick präsentiert die Funde als «Sensation». Ein Online-Kommentar zum Artikel klagt, Historiker seien elitäre «Nestbeschmutzer», die die Archäologie vernachlässigen würden – 1383 Likes.
19. Juni 2015. Die ehrenamtliche Helferin am «Volksfest für alle», bei der ich mein Eintrittsticket bezahle, trägt ein weisses Hirtenhemd, bestickt mit dem Festlogo und mit Sponsorenschriftzügen. 50 000 Personen besuchen an diesem regnerisch-kühlen Wochenende das dreitägige Volksfest im Ägerital. Ein Mittelaltermarkt bietet Handwerkskunst, Bogenschiessen, Geissen und Met-Ausschank. Am Eingang zum Festgelände stecken Holzhellebarden im Gras, von Schülern farbig bemalt. Darüber donnern F/A-18 Kampfflugzeuge in Schauformation. Die Armee ist auch zu Boden präsent: Im Ausstellungszelt der Armee, wo diese ihre Berufe und Lehrstellen vorstellt, klettern Kinder auf Panzern herum. In der Mitte des Festgeländes sind grosse Holzfiguren dreier bärtiger Männer aufgestellt. Diese «Helden von Morgarten» seien, wie ein Schild zu ihren Füssen verkündet, an den Meistbietenden zu verkaufen.
19. Juni 2015, nachmittags. Im Weiler Schornen wird das «älteste Holzhaus Europas», 2001 in Schwyz abgerissen, als Zeuge des 14. Jahrhunderts neu aufgebaut. Es ermögliche, ins Mittelalter einzutauchen, lese ich auf der Schautafel. Machen das «Schwyzerhaus» und das neue «Informationszentrum Morgarten» das Schlachtgelände, das bisher ohne materielle Überreste auskommen musste, zum Original-Schauplatz, auf dem sie sozusagen die «Möblierung» darstellen?

Abb. 1: Das Gedenkjahr erhöht die Nachfrage nach Überresten und nach wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Fotografie zeigt eine Auswahl aus den Fundstücken, die 2015 im Gebiet Schornen archäologisch ausgegraben und dem Mittelalter zugeordnet wurden (von links oben): ein Kästchenbeschlag mit Rosette, zwölf Silberpfennige aus dem 13. Jahrhundert, der Radsporn eines Reiters, zwei Pfeilspitzen, ein Ortband, zwei Dolche, ein Messer, eine Gürtelschnalle und ein Mondsichelhufeisen.1

Abb. 2: Einer der drei «Helden von Morgarten» aus Holz, die am Volksfest im Juni 2015 in der Mitte des Festgeländes in Oberägeri standen.

Abb. 3: Mit Hellebarde, Hirtenhemd und ernster Miene vor der Kulisse des Ägerisees – der «Festführer» zum Volksfest vom Juni 2015.
20. Juni 2015. Am Informationsstand des Volksfests liegt der Festführer zum Mitnehmen auf, eine umfangreiche Broschüre mit grossem Inseratenteil. Die Fotografie auf der Titelseite zeigt einen ernst blickenden Mann mittleren Alters, der beim Ägerital, etwas oberhalb der Ortschaft Morgarten, steht. Er trägt ein weisses Hirtenhemd und hält eine über die Schulter gelegte Hellebarde. Im Hintergrund färbt ein leichtes Abendrot graue Wolken ein. In der Broschüre erläutern Politiker die «Besinnung auf unsere Schweizer Wurzeln» (ein Bundesrat), «Geschichte zum Erleben» (zwei Regierungsräte) oder das «historische Ereignis» (ein Gemeindepräsident), und es wird ein «Zusammenstehen und Zusammenhalten» beschworen (ein zweiter Gemeindepräsident). Wir könnten aus unserer Geschichte lernen, heisst es weiter, nämlich wer wir seien und wie wir unsere Zukunft zu gestalten hätten.
21. Juni 2015. Während ich am Dorfrand von Oberägeri bei kühlem Wetter den Umzug anschaue, von dem mir vor allem die alten Traktoren in Erinnerung bleiben werden, geht mir die Aussage des Historikers Bruno Meier durch den Kopf. Meier weist in der NZZ am Sonntag vom 21. Juni 2015 auf eine Ambivalenz beim neu gebauten Morgarten (im Weiler Schornen) hin. Zwar würde die neue Besucherinfrastruktur den neusten Forschungsstand vermitteln, und beim neuen Ensemble seien auch nicht, wie beim Rütli und der Hohlen Gasse, patriotische Aufwallungen gestaltgebend. Morgarten werde aber eher nach touristischen Gesichtspunkten aufgerüstet, so Meier, und die neugebaute Landschaft zementiere damit die traditionellen Vorstellungen. Stimmt es, dass das neue Ensemble Geschichtsbilder bestätigt, obwohl das Informationszentrum diese in Frage stellt? Und wie verändert die touristische im Gegensatz zu einer patriotisch-politischen Ausrichtung die Gestaltung der Denkmaltopografie Morgarten?
15. November 2015. Bei obligat kühl-regnerischem Novemberwetter findet der Schlachtfeiertag mit den üblichen Festelementen statt: einem Marsch von Sattel zur Schlachtkapelle, einem Gottesdienst in der Schornen – es spricht der Armeechef – und dem «Morgartenschiessen» beim Denkmal. Auf dem Umzug zwischen Sattel und Schornen spricht mich ein Herr mittleren Alters an: «Sind Sie von der Presse?» Ich falle als Frau ohne Begleitung an Morgartenanlässen auf. Wir spazieren nebeneinander zur Schlachtkapelle und unterhalten uns über neue Bücher zur Schweizer Geschichte.
Januar 2016. Die Archäologen des Kantons Zug veröffentlichen ihren Forschungsbericht über die Fundstücke. Sie ordnen die Funde als aufschlussreich, aber ohne zwingenden Zusammenhang mit der Schlacht ein. Die Medien berichten in kleinen Artikeln. Das Gedenkjahr ist vorbei.
Wahrscheinlich wird man nie belegen können, wo genau die Schlacht am Morgarten stattgefunden hat. Den historischen Ort Morgarten gibt es dennoch. Es gibt sogar mehrere historische Orte Morgarten. Sie werden von vielen Akteuren gestaltet, verändert und werden gerade auf diese Weise zu echten historischen Orten – indem sie genutzt, abgebildet und Teil von persönlichen Erlebnissen werden.
Einleitung
«Wie eine lebendige Urkunde» – Fragestellung
Ungefähr im Jahr 1895 ereilte den Wirt und Politiker Karl Bürkli am Ägerisee eine Offenbarung. Mehrmals war Bürkli an diesen Ort gereist, ein Pilger mit sozialistischer Gesinnung auf den Spuren der Alten Eidgenossen. An der Schlacht am Morgarten begeisterte den damals 72-jährigen Bürkli die Vorstellung von demokratisch gesinnten Urschweizern und von Verbannten, die dank ihrem entscheidenden Einsatz Gnade erlangen. Doch die Schlachtberichte hatten nicht hergegeben, was er nun im Terrain, einen Doppelmeter in der Hand, in «voller Klarheit» vor sich sah: das Bild der Schlacht – und den einzig richtigen Standort für ein Denkmal. So sehr man die Erkenntnisse aus Bürklis Offenbarung anzweifeln kann, ihr Mittel erfreut sich bis heute ungebrochener Zustimmung: Der Besuch von historischen Orten als huldigende Pilgerfahrt, als kritische Untersuchung vor Ort, als wissenschaftliches Argument und als touristischer Ausflug. «Wie eine lebendige Urkunde», hält Bürkli fest, so könne man aus dem Terrain die Geschichte lesen und die Schlacht sehen.2
Die Schlacht am Morgarten von 1315 hat in der nationalen Geschichtsschreibung und Geschichtskultur der Schweiz eine wichtige Rolle gespielt. Das Reise- und Ausflugsziel «Schlachtfeld» war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stark national und militärisch aufgeladen. Für die Feierlichkeiten zum 700. Jahrestag der Schlacht am Morgarten im Jahr 2015 wurde die Region, die bereits seit über 200 Jahren als Schlachtfeld von Morgarten besucht wurde, mit neuen Besucherangeboten ausgestattet. Welche Motive haben das Schlachtbild geprägt und wie haben sie sich verändert? Wie wurde die Schlacht am Morgarten im 19. und 20. Jahrhundert vor Ort präsentiert und gebraucht? Welche Angebote wurden für Touristen gemacht oder von Touristen genutzt?
In diesem Buch geht es um die Geschichte eines historischen Orts. Bezeichnungen für Orte, an denen historisch bedeutsame Ereignisse stattgefunden oder an denen solcher Ereignisse gedacht wird, waren und sind vielfältig. In der Tourismuswerbung sind gegenwärtig Begriffe wie «Schauplatz der Geschichte», die das visuelle Erlebnis ansprechen, verbreitet. Der Begriff «Schauplatz» ruft ebenso wie der Begriff «Stätte» eine bedeutungsvolle Ereignisgeschichte hervor. Geschichtsdidaktiker wählen hingegen oft die Bezeichnung «historischer Ort», weil diese geografisch weiter gefasst ist als «historische Stätte». Der Begriff «Stätte» wiederum lädt den Ort mit einer sakralen Verehrung auf.3
Das Historische an einem «historischen Ort» ist nicht auf ein Ereignis begrenzt, sondern schliesst auch die Inszenierung von Geschichte an diesem Ort ein.4 Die Bezeichnung «historisch» ist eine Zuschreibung und weist auf einen Geschichtsgebrauch hin, der sich auf den Ort bezieht oder an diesem stattfindet. Wie, von wem und mit welchen Inhalten wurden historische Orte in der Vergangenheit und in der Gegenwart ausgestattet?
Es geht hier auch um das Verhältnis zwischen Tourismus und Geschichte. In einem weit gefassten Verständnis ist Tourismus ein kulturelles Phänomen und eine Dienstleistungsindustrie, die im Kontext ihrer Zeit steht. Der Besuch von historischen Orten kann als eine Form von Tourismus verstanden werden. Die Begriffe «Tourismus» und «Touristen» werden in diesem Buch nicht wertend, sondern beschreibend genutzt. Dienstleistungsangebote, die für Touristen hergestellt werden, werden unter die Lupe genommen: Von Transportmitteln und Unterkünften über Postkarten, Reiseführer, Souvenirs und Erinnerungsbilder bis hin zu Veranstaltungen. Der Tourismus wird hier also über seine Angebote wie auch über seine Praktiken untersucht.
Wer sind Touristen? Die Touristin oder der Tourist sind Rollen, in die man schlüpfen kann.5 Personen schlüpfen in die Rolle von Touristen, indem sie sich in ihrer Freizeit an einen Ort begeben, wobei ihre Nachfrage oder ihr potentielles Interesse bewirkt, dass Akteure eine Infrastruktur für sie aufbauen. Bereits die Möglichkeit, dass Touristen einen Ort besuchen könnten, beeinflusst dessen Gestaltung und Darstellung. Felix Girke und Eva-Maria Knoll nennen dies den «touristischen Schatten»: «Auch wo noch keine Touristen sind, denkt man an sie.»6 Ein imaginatives Einbeziehen von möglicher touristischer Vermarktung sei demnach omnipräsent und wirke auch transformativ nach innen, auf die Wahrnehmung der Akteure.7
In diesem Buch wird Tourismus als Imaginationsraum betrachtet, für den die Geschichte zentrale Inhalte bereitstellt und in welchem mit modernen Mitteln vormoderne Geschichte dargestellt wird. Mit der Einheit des Orts stellen Gestalter und Besucher ein besonderes räumliches Dispositiv her, um Geschichte zu evozieren und zu repräsentieren.
Geschichtsgebrauch vor Ort
Geschichtsbilder und Geschichtsgebrauch
Der Begriff des touristischen Geschichtsgebrauchs basiert auf dem Konzept der «Gebrauchsgeschichte» des Historikers Guy P. Marchal.8 Marchal versteht darunter die vielfältige Nutzung von Geschichte.9 Schweizer Gebrauchsgeschichte ist von Vorstellungen des Mittelalters geprägt, wie Marchal am Geschichtsbild der «Alten Eidgenossen» zeigt, welches zwischen dem 15. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder umgedeutet wurde. Ein Geschichtsbild ist ein gesellschaftlich geteilter Vorstellungskomplex, den Marchal als «Historiengemälde im Kopf»10 beschreibt. Geschichtsbilder lösen, wenn sie aufgerufen werden, bei ihren Trägern Gefühle und Assoziationen aus und sind einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Dabei ist es gemäss Marchal nicht etwa die Geschichtsforschung, welche diese Veränderungen hervorruft, sondern die allgemeine Befindlichkeit der Gesellschaft, also deren soziale, kulturelle, politische und ökonomische Situation.11 Dazu gehört auch der Tourismus.
Der Historiker Roger Sablonier schreibt, dass die traditionellen eidgenössischen Geschichtsbilder nach 1848 und besonders nach 1891 «als eigentliche Kulturgeneratoren» gewirkt hätten: in «Erinnerungsorten und Denkmälern, in der musealen Konservierung und Präsentation, sogar in der Rekonstruktion historischer Landschaften».12 Eine patriotische Kulturtätigkeit habe in Festspielen, Bilderbüchern und Postkarten ihren Ausdruck gefunden, wobei literarische Werke für die Vermittlung eine grosse Rolle gespielt hätten. Obwohl die meisten Kulturprodukte, die Sablonier aufzählt – Erinnerungsorte, Denkmäler, Museen, Landschaften, Festspiele und Postkarten –, auch Produkte eines touristischen Anverwandelns von Geschichte sind, ist die Präsentation von Geschichte im touristischen Kontext und die Nutzung der Geschichte vor Ort in der Forschung zum Geschichtsgebrauch weitgehend ein blinder Fleck geblieben.
Touristischer Geschichtsgebrauch
Wirtschaftlich orientierter Geschichtsgebrauch ist in den letzten zehn Jahren vermehrt zu einem Thema der Geschichtswissenschaften geworden. Ein Beispiel ist das von Wolfgang Hardtwig und Alexander Schug 2009 herausgegebene Buch History sells!, in welchem zwar touristisch orientierte Angebote thematisiert, jedoch selten so benannt werden.13 Hardtwig und Schug wenden den Begriff der «Aufmerksamkeitsökonomie» auf die Geschichtswissenschaft an und äussern Bedenken, wie die Geschichtsschreibung damit umgehen könne, dass Unterhaltung zu einem Hauptantrieb der Auseinandersetzung mit Geschichte werde.14 Seit den 2000er-Jahren wird auch der Begriff «Geschichtsmarkt» verwendet, um die ökonomisch gewinnbringende Präsentation von Geschichte zu bezeichnen.15
Im Buch Vergangenheitsbewirtschaftung, das Christoph Kühberger und Andreas Pudlat 2012 herausgegeben haben, schreiben mehrere Autoren explizit über Tourismus, allerdings mit einem starken Fokus auf touristische Angebote zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, beispielsweise zur Berliner Mauer.16 In den Beiträgen von Sibylle Frank zur Berliner Mauer und von Hanno Hochmuth zum Berlin-Tourismus kommen unterschiedliche Positionen zur Sprache. Frank appelliert an eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung der Historiker mit touristisch-wirtschaftlich orientierter Geschichtsvermittlung und plädiert für ein staatliches Engagement in diesem Bereich: Das touristische Feld dürfe nicht profitorientierten Angeboten überlassen werden.17 Hochmuth spricht im selben Band der touristischen Geschichtsvermittlung zu, lehrreich und unterhaltsam zu sein, aufklärerisch zu wirken und zur politischen Bildung beizutragen. Er kritisiert hingegen Präsentationen, die Geschichte dramatisieren und so den Besucher «überwältigen» würden.18 Zeitgeschichte steht bislang im Fokus von Studien, welche Public History, das heisst nicht-akademischen Geschichtsgebrauch untersuchen.19 In der Forschung zu touristischen Darstellungen des Mittelalters werden weniger Fragen staatlicher Steuerung oder aufklärerischen Nutzens diskutiert, als vielmehr der Gebrauch im Sinne einer «Living History» beispielsweise an Mittelaltermärkten.
Der Gebrauch von Geschichte im Tourismus wurde bislang in mehreren kleinen Studien untersucht. Der Tourismushistoriker John K. Walton verwies 2009 darauf, dass touristische Destinationen ihre Geschichte – das heisst, spezifische Versionen von ihr – als besonderes Merkmal und Verkaufsargument vermarkten würden. Walton untersucht «the ways in which tourism itself tries to use history, through marking, marketing and exploitation of traces, stories, heritage, authenticity, and, ultimately, distinctiveness».20 «Marketing», «traces», «stories», «heritage», «authenticity» – Forscher, die sich mit dem Gebrauch von Geschichte für Touristen befassen, arbeiten mit Begriffen, die einer Erklärung bedürfen. Wie wurde in bisherigen Studien zum touristischen Geschichtsgebrauch der Untersuchungsgegenstand bezeichnet? Ian McKay und Robin Bates konstruierten in ihrem Buch The Province of History von 2010 den Begriff «tourism/history», den sie als «new kind of history» und Nachfolger des Begriffs «heritage» beschreiben.21 1990 prägte Regina Römhild den Begriff «Histourismus».22 Bernd Mütter veröffentlichte 2009 die Monografie HisTourismus. Geschichte in der Erwachsenenbildung und auf Reisen, die sich damit befasst, wie man auf Reisen Geschichte lernen kann.23 Der Begriff «Histourismus» hat sich jedoch nicht durchgesetzt, und er bietet auch keine Ansatzpunkte für dieses Buch, weil er konzeptionell den Tourismus als Maschine versteht, die das Material lediglich filtert, aber mögliche Wechselwirkungen nicht in Betracht zieht. Besser etabliert hat sich der Begriff des «Histotainment», der die Kombination von Geschichtsvermittlung und Unterhaltung verspricht. Allerdings wurde auch dieser wiederholt kritisch diskutiert.24
In neueren Publikationen ist die Wortbildung «Geschichtstourismus» anzutreffen25 – ein Begriff, den jedoch auch die Anbieter selber benutzen. Als analytischer Begriff wenig geeignet ist er auch, weil er nicht dazu auffordert, nach Akteuren zu fragen und zwischen Produzenten und Rezipienten zu unterscheiden.
Dieses Buch verwendet die Formulierung «touristischer Geschichtsgebrauch», deren Vorteil darin besteht, dass die touristische Form des Geschichtsgebrauchs mit anderen Formen gut vergleichbar ist. Dies ist wichtig, weil Geschichte oft mehrfach motiviert gebraucht wird, sodass beispielsweise sowohl politische als auch touristische Interessen der Akteure einen Geschichtsgebrauch bestimmen. Den «rein» touristischen Geschichtsgebrauch gibt es möglicherweise nicht.
Erinnerungskulturen und -orte
Ein Ausgangspunkt dieses Buches ist die Feststellung, dass in den Debatten zu Erinnerungs- und Gedächtniskulturen der Tourismus ignoriert oder als «negative Kontrastfolie»26 behandelt wird. Erinnern ist edel, Tourismus vulgär oder banal. Bezeichnend dafür ist, wie der Historiker Pierre Nora, der das Konzept der «Lieux de mémoire» begründete, das Wort «touristisch» benutzt. Im Vorwort zu Lieux de mémoire schreibt er, dass das französische Nationalgefühl nicht mehr «auf das Opfer, den Trauerkult und die Abwehr nach aussen bezogen» sei, sondern «zunehmend geniesserisch, neugierig, man könnte fast sagen, touristisch» werde.27 «Touristisch» umschreibt eine neue vergnügliche und individualistische Form des Nationalgefühls oder – in Noras Verständnis – der Geschichtskultur. Dennoch wird Tourismus in der Folge nur am Rand behandelt.28
In diesem Buch wird mehrheitlich dasselbe Quellenmaterial untersucht wie in Forschungen zur Erinnerungskultur. Die materielle Dimension der Erinnerungskultur ist auch für den touristischen Geschichtsgebrauch wichtiges Quellenmaterial. Sie besteht sowohl aus Objekten und kollektiven Handlungen, die Geschichtsbilder transportieren, wie Denkmälern oder Gedenkfeiern, als auch aus Gegebenheiten, die symbolisch aufgeladen und zu Medien von Geschichtsbildern gemacht wurden.29 Dieses Buch wählt jedoch einen anderen Zugang zu diesem Quellenmaterial und geht davon aus, dass sich das Ausstatten eines Orts mit Besucherangeboten und das Besuchen eines Orts vom Gebrauch eines Orts zur Evokation von Geschichte unterscheiden kann. Auch Konflikte zwischen verschiedenen Formen des Geschichtsgebrauchs sind möglich.
Wie stellen neue Präsentationsformen Geschichte dar?
Als Letztes ist auf eine aktuelle Diskussion über die gegenwärtigen Veränderungen in der Vermittlung und Wahrnehmung von Geschichte zu verweisen. Wolfgang Hardtwig und Alexander Schug schreiben in History Sells! in Bezug auf «Histotainment», dass die mediale Geschichtsinszenierung dramatisiere, personalisiere und vereinfache. Sie präsentiere «lineare, chronologische Narrative, die der Komplexität moderner Gesellschaften kaum gerecht werden».30 Die problemlos scheinende Orientierung mache populäre Geschichtsdarstellung attraktiv, vermuten Hardtwig und Schug – und fordern, dass Historiker sich öffentlich zu Wort melden und dabei versuchen sollen, das «Interesse des grossen Publikums» ernsthaft zu verstehen. Die kulturkritischen Zweifel an der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Populärkultur, der die zwei Autoren einen «konsumistischen Kern» zuschreiben, sind nicht zu überhören. Um Geschichte «verkaufen» und «konsumieren» zu können, müsse sie in eine Ware verwandelt werden. Wie lässt sich die Verwandlung von Geschichte in eine Ware beschreiben?
Wie ein kulturelles Produkt zu einer Ware gemacht wird, zeigt sich bei der Auszeichnung historischer Orte als «Kulturerbe». Wie Kultur zu «Kulturerbe» gemacht wird, untersuchte die Ethnologin Regina Bendix 2013.31 Bendix wählte drei schweizerische Beispiele, um einen, wie sie schreibt, vielfach gelagerten «Inwertsetzungsprozess» über einen längeren Zeitraum zeigen zu können.32 Die Historikerin Taina Syrjämaa wählte hingegen den Begriff der Kommodifizierung, um zu umschreiben, wie aus Geschichte Konsumgüter gemacht werden.33 Syrjämaa schreibt der Werbung – kleinen Broschüren, farbigen Postern, Zeitungsanzeigen und Tourismusfilmen – einen wichtigen Schritt in Richtung Kommodifizierung zu, weil Geschichte auf dieselbe Weise angepriesen werde wie Seife oder Schokolade.34
Neue Präsentationsformen von Geschichte werden oft mit Rückgriff auf «–isierungsthesen» analysiert: Kommodifizierung (in eine Ware verwandeln), Kommerzialisierung (einer ökonomischen Logik anpassen), Personalisierung (auf einzelne Personen aus der Geschichte fokussieren), Emotionalisierung (die Absicht verstärken, Gefühle hervorzurufen), Folklorisierung (Unterhaltungsbräuche ausserhalb ihrer Sinnzusammenhänge inszenieren), Fragmentierung (Geschichte in zusammenhangslose, einzeln betrachtete Teile zerlegen), Enthistorisierung (Geschichte weniger einbeziehen), Entpolitisierung (Politik weniger einbeziehen), Retraditionalisierung (an die für Touristen inszenierten Bräuche zu glauben beginnen). Ohne diese Thesen abzulehnen, sind sie dennoch für die Quelleninterpretation wenig hilfreich, weil ihre Formulierungen vorgeben, dass es von selbst laufende Prozesse gebe, und deshalb die handelnden Personen nicht ins Sichtfeld ziehen. In diesem Buch geht es aber darum, wer in welchem Kontext und mit welchen Mitteln die Geschichte der Schlacht am Morgarten für Besucher inszenierte und wie dieses Angebot genutzt wurde. Daher tauchen hier in der Folge anstelle von «dem Tourismus» eine Vielzahl von Akteuren mit Namen auf.
Wie historische Orte gestaltet und wahrgenommen werden, wurde bislang wenig untersucht. Eine Ausnahme bildet ein Kapitel im 2007 erschienenen Buch Geschichte im Gedächtnis von Aleida Assmann. Die Autorin beschreibt drei aktuelle Grundformen historischer Präsentation: Erzählen, Ausstellen, Inszenieren.35 Inszenierung sei ein «Schlüsselbegriff eines konstruktivistischen Weltverständnisses, demzufolge Wirklichkeit nicht vorfindlich existiert, sondern performativ hergestellt» werde.36 Auch Besucher einer Inszenierung könnten sich als Teil dieser Inszenierung betrachten. Dadurch verlassen Geschichtsinszenierungen gemäss Assmann «die geschlossenen Räume des Museums und die Fläche von Bildschirm und Leinwand», um sich an «Orten, Städten und Landschaften» auszubreiten, die «als historische Bühne begangen und aufwendig bespielt» werden.37 Assmann macht hier treffend auf ein Spezifikum historischer Orte aufmerksam: Für den touristischen Geschichtsgebrauch werden oft Aussenräume als Anschauungs- und Projektionsfläche verwendet und mit Angeboten, die für diesen spezifischen Gebrauch hergestellt werden, ausgestattet. Diese neuen Präsentationsweisen erklärt Assmann mit einem anders motivierten Publikum, für welches Geschichte auf andere Weise aufbereitet werden müsse: Die Konsumgesellschaft ersetze das Bildungsbürgertum. Geschichte sei «–was die Präsentation angeht – vielfältiger, reizvoller, raffinierter geworden», was allerdings nicht heisse, dass sie «deshalb weiter und tiefer verankert wäre». Die Präsentation, so Assmann, ziele «weniger auf Wissen als auf emotionale Anteilnahme, Schaulust und Unterhaltung» ab.38
So plausibel diese kritischen Beobachtungen sein mögen, fällt auf, dass sie ohne Akteure auskommen und die Rezipienten in den abstrakten Begriff der «Konsumgesellschaft» fassen. Was unterscheidet die Konsumgesellschaft vom Bildungsbürgertum, wenn es um Geschichtsvermittlung geht? Wer sind die Produzenten dieser neuen «Präsentationen» und wie stellen sie Geschichte dar? Die Idee, Geschichtsbilder mit emotionaler Berührung vor Ort zu inszenieren, hat in gewisser Weise Karl Bürkli bereits 1895 vorgeführt und war damit zweifellos nicht der Erste. Wer waren seine Vorgänger?
Merkwürdige Schweizer Geschichte, 1780–1830
Reiseführer, Reiseberichte und Anleitungen, wie man richtig reist
Reiseziel Schlachtfeld
Bis ans Ende des 18. Jahrhunderts suchten nur wenige Besucher den Ort der Schlacht am Morgarten auf. Zwischen 1750 und 1790 nahm der Reiseverkehr in die Schweiz beträchtlich zu, wie beispielsweise die Anzahl publizierter Reiseberichte nahelegt.39 Laurent Tissot setzt die Prämissen des Tourismus in die Jahre 1780 bis 1830.40 In dieser Zeitspanne wurde die Schweizerreise bei Reisenden zunehmend beliebter. Die Schweiz und die Alpen wurden als Projektionsflächen für neue Theorien genutzt, die erklären, was eine schöne Landschaft ausmache und wie Menschen zusammenleben sollten.41
Sehenswürdigkeiten der Vormoderne waren historische Waffensammlungen in Zeughäusern und vom 18. Jahrhundert an vor allem die Natur.42 Auch Schlachtfelder gehörten zu den frühen Sehenswürdigkeiten. In Goethes Faust, der Tragödie zweiter Teil (1832) fragt Mephistopheles spöttisch:
«Sind Briten hier: Sie reisen sonst so viel.
Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen, Gestürzten Mauern, klassischdumpfen Stellen;
Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.»43
Die gemeinsame Aufzählung von Schlachtfeldern mit Wasserfällen und Ruinen ordnet Schlachtfelder den Reisezielen des romantischen Tourismus des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu. Im Gebiet der heutigen Schweiz war insbesondere das Schlachtfeld von Murten ein beliebtes Ziel von Reisenden, die es oft Goethe gleichtaten und aus dem Beinhaus von Murten den Schädelteil eines Burgunders als Souvenir mitnahmen.44
Die Schlachtfelder und Schlachtkapellen waren nicht die einzigen Orte, an denen Geschichte «besichtigt» wurde. Auch frühe Denkmäler und Zeughäuser repräsentierten Geschichte. Die Historikerin Christine von Arx untersuchte Zeughäuser als «Orte der historischen Repräsentation» im 18. und 19. Jahrhundert. Von Arx schreibt, dass in den Reiseberichten ein grosses Interesse an der mittelalterlichen Geschichte der Eidgenossenschaft, insbesondere der Kriegsgeschichte, auszumachen sei, ja sogar, dass eine Geschichtsbegeisterung massgebend die Beliebtheit der Schweiz als Reiseland bewirkt habe.45 Die Reisenden hätten den «bezeugten historischen» Schauplatz betreten wollen. Sie zitiert den englischen Reiseschriftsteller William Coxe, der in seinem Reisebericht von 1781 seine Gedanken beim Besuch des Schlachtfelds von Näfels beschrieb: «Hier wars! Hier wars, wo 350 Glarner mit Hilfe von 30 Schwyzern der ganzen Macht der österreichischen Armee widerstunden.»46 Von Arx folgert, dass die Reisenden des späten 18. Jahrhunderts bereits den «authentischen Ort» betreten wollten, um Geschichte «über alle Sinne» wahrzunehmen und somit «erst eigentlich» zu erleben. Dabei hätten die Denkmäler an den historischen Orten nur als «Zeigefinger» funktioniert, die den Schauplatz markierten, den man zu betreten wünschte. Dieser Wunsch sei, so von Arx weiter, in engem Zusammenhang mit einem neuen Naturverständnis zu verstehen. Die Landschaften seien neu «in ihrer historischen Bedeutsamkeit» wahrgenommen worden.47
Was ist die Rolle von Landschaften in der Darstellung mittelalterlicher Geschichte? Wenn Authentizität eine Zuschreibung ist, wie Martin Sabrow es definiert, etwas Echtes und Originales, eine «unverstellte Unmittelbarkeit», vor sich zu haben – an welchen Kriterien machten die Reiseautoren eine Zuschreibung von Morgarten als authentische «historische Stätte» fest?48
Ein erstes Beispiel stellt die Behauptung, dass die Reisenden Geschichte als «authentischen Ort» besuchen wollten, bereits in Frage. In den 1780er-Jahren reiste Christoph Meiners (1747–1810), Professor in Göttingen, streckenweise zu Fuss durch die Schweiz und schrieb einen Reisebericht in Briefform. Dieser Bericht wurde in der aufkommenden Begeisterung für die Schweiz zum vielverkauften Reiseführer.49 Meiners reiste auch ins Ägerital, wo sich eine Wirtin über den «vornehmen» Besucher, der «aus blosser Neugierde» so weit gereist sei, gewundert habe. Von einem Hügel aus habe er das Schlachtfeld von Morgarten gesehen. Auf zwei Zeilen rekapituliert Meiners die Geschichte der Schlacht am Morgarten in einer Version, die der Schilderung von Ägidius Tschudi im 1734–1736 veröffentlichten Werk Chronicon helveticum naheliegt.50 Tschudis Erzählung war von mehreren anderen Werken des 18. Jahrhunderts übernommen worden, etwa den populären Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft von Johannes von Müller, den Meiners persönlich kannte. Die zwei wichtigsten Motive in Meiners Morgartendarstellung sind die ungleichen Gegner – wenige schlecht bewaffnete Fusskrieger gegen viele schwerbewaffnete Ritter – und die Steinlawine vom Berg herab. Von der Schlacht erzählt Meiners, als er von seinem Aussichtspunkt ins Ägerital zurückblickt und nicht, als er am Ort der Schlacht steht. Dieser Blick entspricht der Vogelperspektive, mit der die zeitgenössischen Kupferstiche das Ägerital als ländliches Arkadien zeigen. Die «schöne» Ansicht der Landschaft von oben war für Meiners der geeignete Standort, um sein Nachdenken über die Schlacht zu verorten. Die Frage nach dem genauen Standort der Schlacht spielte für ihn offensichtlich keine Rolle.
Reiseschriftsteller
Was in Reiseberichten über die Orte, Landschaften und deren Bewohner geschrieben wird, sagt viel über das Selbstverständnis des jeweiligen Autors und seiner Adressaten aus, im Falle Meiners jenes eines vornehmen Gelehrten. Der Literaturwissenschaftler James Buzard charakterisiert die schreibenden Touristen als eine Art Antitouristen – Touristen, die sich nicht als solche verstehen und sich von den anderen Touristen abheben wollen, indem sie unterwegs schreiben.51 Schreibende Touristen sind von der bereits existierenden Reiseliteratur geprägt, sie sind sich der kulturellen Vorstellungen bewusst, was als sehenswürdig gilt, wie es beschrieben wurde und von ihren Lesern sogleich wiedererkannt wird – sie wissen, was ihrer Leserschaft bekannt ist und was sie vom Autor erwartet.52 Zugleich betonen sie jeweils ihre eigene, von bisherigen Reiseberichten abweichende Sicht und praktizieren somit eine Geste der Selbstausnahme, auch wenn sie bekannten Reiserouten folgen. Buzard nennt diese Schreibhaltung ein rollendistanzierendes Handeln: Die Autoren versuchen, sich aus ihrer Rolle als Touristen und deren Konventionen zu heben oder sogar in eine vermeintlich direkte Beziehung zum beschriebenen Ort zu treten. Das war nicht bloss Werbung für den eigenen Reisebericht, sondern stellte laut Buzard eine Auflehnung gegen die Vorstellung dar, dass der Einzelne von der Kultur bestimmt sein soll – ein Plädoyer für individuelles Erleben.53
Die Literaturwissenschaft beschreibt Reiseberichte als heterogene, gemischte Textform, die vor allem zwischen den zwei Feldern der Autobiografie und der Wissenschaft oszilliere.54 Reiseberichte würden sich stilistisch aber auch bei Memoiren, Journalismus, Briefen, Reiseführern, Bekenntnisschriften und vor allem bei der Literatur bedienen.55 Das Erlebnis der Reise, die Fremderfahrung, werde in einem Schreibprozess geordnet, reflektiert, repräsentiert, übersetzt und umgewandelt.56
Mit zunehmender Zahl bildeten die Reiseberichte ein eigenes Referenzsystem, in welches sich spätere Reisende im Vorfeld ihrer Reisen einlasen.57 In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es in England und Deutschland Mode, einen Reisebericht zu veröffentlichen. Charles Dickens spottete 1846 in seinem eigenen Italienbericht, dass es wahrscheinlich kein berühmtes Bild und keine Statue in ganz Italien gäbe, die man nicht unter einem Berg von gedrucktem Papier begraben könne, das sich seiner wissenschaftlichen Beschreibung widme.58 Mit einer ähnlichen Pointe machte sich Gottlob Heinrich Heinse 1810 lustig, dass sich mit den Reisebeschreibungen der Schweiz «vielleicht der Rhein dämmen liesse».59 Auch die Reiseberichte über die Schweiz vervielfältigten sich Ende des 18. Jahrhunderts. Einige von ihnen waren aufwändig erstellte Texte, andere schnell zusammengestellte Collagen aus älteren Berichten.60 Als Illustrationen wurden bereits existierende oder eigens angefertigte Landschaftsstiche, Karten oder auch Porträts eingefügt. Aber die Reiseberichte waren nicht nur aufgrund ihrer puren Anzahl eindrücklich. Ihre Inhalte wirkten auf die Vorstellungen ihrer grossen Leserschaft ein – auch auf deren Geschichtsbilder.
Reiseliteratur und «nation building»
Reiseliteratur spielte im Prozess des «nation building», der Nationalstaatsbildung, eine wichtige Rolle.61 Wie hat das Reisen und die Reiseliteratur das Bild der Nation beeinflusst? Der Historiker Georg Kreis schreibt, dass die Reiseberichte des 18. Jahrhunderts die Eidgenossen «auf das eigene historische Erbe aufmerksam» gemacht hätten und diese sich daraufhin in einer Bewegung des Aufklärungs- und Reformpatriotismus vermehrt auf historische Vorbilder bezogen hätten.62 Reiseberichte machten die patriotische Bewegung nicht nur auf ihre Geschichte, sondern auch auf deren «Stätten» aufmerksam, und sie formten die Erzählungen zu diesen Orten wesentlich mit.
Die Überlegungen, wie Reiseliteratur und Selbstbild der Schweiz zusammenspielten, spitzte der Schriftsteller Michail Schischkin zu: «Es waren Reisebeschreibungen, die das Land kreierten, die Wortgebilde haben sich über die Realität gelegt.»63 Ein erfolgreicher Reisebericht habe eine Welle neuer Reisender und Reisebeschreibungen ausgelöst. Die Reiseliteraten «leisteten so etwas wie einen unausgesprochenen Rütlischwur bei der Gründung der virtuellen Eidgenossenschaft.»64 Die realen Bewohner dieses erdichteten Landes hätten nicht nur «marktgerecht» an der Idylle herumgefeilt, sondern konnten auch «ihr Brot verdienen, indem sie als ideale Schweizer arbeiteten.»65 Und letztlich, so Schischkin, prägten sich das reale Land und das erdichtete Land gegenseitig so stark wie ein Schauspieler und seine Bühnenrolle, die er kreiere und dabei gleichzeitig sich selbst bleibe und die ihn wiederum präge; umso mehr, als er auch nach Ende der Vorstellung sozusagen auf der Bühne lebe.66 Was heisst dies konkret für das Geschichtsbild des späten 18. Jahrhunderts?
Christine von Arx schreibt in ihrer Untersuchung über Zeughäuser, dass deren Geschichtsinszenierungen stark lokal geprägt gewesen seien und dass die Macher der Präsentationen jeweils die Geschichte ihres Ortes in Abgrenzung zu den anderen eidgenössischen Orten präsentiert hätten.67 Im Gegensatz dazu hätten sich deutsche, englische und französische Reisende in ihren Berichten über die Zeughäuser auf die Schlachten der Eidgenossen konzentriert. So habe die «Fremdperspektive» eine «imaginierte Eintracht» beschworen, bevor diese Geschichten von nationalen Akteuren ausgeschöpft worden seien.68 Der Blick der Touristen gründete die nationale Perspektive auf Geschichte mit.
Aus der Reiseliteratur lässt sich folglich nicht zuverlässig erfahren, wie der Ort aussah, den Reisende auf Spurensuche nach der Schlacht am Morgarten besucht und was die Reisenden dort erlebt hatten. Aber die Reiseliteratur zeigt, mit welchen Motiven und in Bezug auf welches historische Material Reiseschriftsteller in der Frühzeit des Tourismus (1780–1830) die Schlacht am Morgarten erzählten und ihren Besuch auf dem Schlachtfeld schilderten.
Philippe-Sirice Bridel, Juli 1790
An einem Samstag im Juli 1790 wanderte Philippe-Sirice Bridel (1757–1845) vom Dorf Hütten auf den Mangliberg, von wo aus er einen Rundblick über das Mittelland, die Voralpen und das Ägerital vor Augen hatte – «den berühmten See, dessen Wellen das glorreiche Schlachtfeld von Morgarten bespühlen».69 Der aus Lausanne stammende Bridel arbeitete im Jahr 1790 als reformierter Pfarrer in der französischen Kirche von Basel.70 Die Wanderung auf den Mangliberg war Teil einer Fussreise durch die Schweiz, die Bridel von Basel über den Aargau und Zürcher Gebiet in die Zentralschweiz führte. Er stieg vom Mangliberg nach Ägeri hinab und kehrte vermutlich in Oberägeri in ein Wirtshaus ein, wo ein «ehrlicher» Wirt ihm ein Mittagessen vorsetzte, «vortreffliche Fische, ausgesuchter Käse, Bergkohl, und Wein, der jenseits des Gotthards wächst».71 Der französische Gelehrte Mabillon habe die Wirtshäuser der Innerschweiz 1683 in mehreren Punkten falsch beschrieben, merkt Bridel an und zitiert Mabillons Beschwerden: Fliegen, Tabakgestank, schlechtes Essen, zu kurze Betten für einen Franzosen und kein Feilschen über den Preis. Bridel beschreibt indes ein pittoreskes Ägerital, wobei ihm die hübschen jungen Frauen und Kinder auffallen, 72 was kein Zufall ist. In den Reiseberichten um 1800 sind solche Bemerkungen meist Ausdruck der verbreiteten Vorstellung, dass die Landschaft das Aussehen und den «Charakter» ihrer Bewohner präge und, in den Worten Heinrich Zschokkes, «dass die schöne Landschaft auch der Aufenthalt schöner Menschen sey».73 Wie man gegessen und geschlafen habe, erzählen Reiseberichte hingegen, um den Eindruck von subjektiver Wahrhaftigkeit – dass man es wirklich erlebt hat – zu erzeugen.74
Bridel schiebt daraufhin die Worte eines Sennen, eines Bauern und eines Greisen ein, die sich mit ihm unterwegs über die Französische Revolution unterhalten hätten – allegorische Figuren der Schweizer Einfachheit im Naturzustand, wie sie auch Albrecht von Haller in seinem Alpen-Gedicht von 1729 besungen hatte. In einer Fussnote betont Bridel den Zeitpunkt seiner Reise: «Der Leser muss übrigens nicht vergessen, dass hier vom Julius 1790 die Rede ist.»75 Zur Französischen Revolution stand Bridel in einem ambivalenten Verhältnis. Er gehörte zu einer Bewegung des Aufklärungs- und Reformpatriotismus, des Helvetismus.76 Im 18. Jahrhundert versuchten vor allem Westschweizer und Zürcher Literaten durch eine gemeinsame schweizerische Nationalliteratur eine patriotische Begeisterung zu wecken. Bridel sah, so schreibt der Historiker François de Capitani, in der «gemeinsamen Natur und Geschichte» die Grundlage dieser Nationalliteratur.77 Nur: Was verstand man unter der «gemeinsamen Natur und Geschichte»? Der «wahre Helvetier» und das «Helvetische», nach welchen Bridel auf seinen Fussreisen in abgelegenen Tälern suchte, entsprachen einem Idealbild der Schweiz, das auch die aufklärerischen Reisenden beschrieben und sehen wollten.78 Der Helvetismus verherrlichte die Alpenbewohner als besonders tugendhaft und republikanisch. Die Französische Revolution war in den Augen Bridels nicht nur gefährlich, sondern für den «ursprünglicheren» schweizerischen republikanisch-föderalistischen Naturzustand der unverdorbenen Bergbewohner unnötig.
In Unterägeri bezahlt Bridel einem Mann, der einen für den Ägerisee typischen Einbaum besitzt, «bloss zwei Batzen», dass dieser ihn zum Schlachtfeld nach Morgarten übersetze.79 Die Ufer des Ägerisees, «eines sehr lachend, das andere hingegen wild und melancholisch», entsprechen der zeitgenössischen Vorliebe für abwechslungsreiche Landschaftseindrücke – für das Pittoreske. Angekommen am Schlachtort Morgarten, wendet sich Bridel pathetisch an die «Schatten der grossmüthigen Streiter aus den drei Ländern», deren «Gedächtnis an diesen Stätten, den Zeugen Eurer Heldentaten», man segnen müsse: «Andenken an die Vorzeit, entflamme, wie noch nie, meinen gerührten Geist!»80 Bridel stellt den Besuch des Schlachtorts als eine sinnliche und emotionale Erfahrung dar, die nur in ihm selbst stattfindet. Das Boot setzt ihn an einem reinen Erinnerungsort ab, über dessen Aussehen in der Gegenwart der Leser nichts erfährt. Wichtig für Bridels Schilderung ist das antitouristische Motiv der Einsamkeit.81 Bridel reist offenbar alleine und stellt seine Rührung ins Zentrum des historischen Orts, der so zu einer Bühne für seine Gefühle wird. Das Schlachtfeld ist kein konkreter, sondern ein imaginierter Ort, der stark mit seinem Vorwissen und seinen Gefühlen verbunden ist.
Romantische Motive prägen Bridels Vorstellungen, was er auf dem Schlachtfeld von Morgarten fühlt und erkennt. Er spricht von Stätten und der Landschaft als Zeugen der Geschichte von Morgarten. Die zentralen Motive in seinem Geschichtsbild sind jene der Freiheit und des gemeinsamen Ursprungs im Mittelalter. So wie der Ort Zeuge der Geschichte ist, verleiht sich Bridel als «Zeuge des Zeugen» die exklusive Autorität, Erkenntnisse zu haben, die nur Besucher des Orts haben können. Mehrere Geschichtsschreiber hätten, «weil sie das Lokal nicht selbst besucht haben», «ziemlich bedeutende Fehler» in der Schlachtgeschichte gemacht – im Gegensatz zu seiner Version von 1788.82 Die aufklärerische Forderung nach dem eigenen Denken umfasst auch das eigene Sehen und Fühlen. Die Wahrnehmungstheorie des Pittoresken verspricht darüber hinaus, dass man einen Teil sehen und das Ganze fühlen könne.83
Von Morgarten wandert Bridel weiter über Sattel nach Steinen, wo er Werner von Stauffacher, einem der drei Schwurmänner vom Rütli, huldigen will. Anstelle von Stauffachers Wohnhaus findet Bridel eine Kapelle, deren Fresken gerade restauriert werden. Bridel bewertet die Machart der Bilder zwar als «sehr mittelmässig», ihre Inhalte und Wirkung als volkspädagogisches Mittel der Geschichtsvermittlung jedoch als sehr stark. Die «edeln Gefühle» und die «tiefe Rührung», die diese Bilder in jedem wecken würden – das sei «unstreitig die beste Art, das Volk, seine Geschichte kennen zu lernen».84 Wie so oft und wie viele andere kratzt Bridel vergnügt und stolz seinen Namen in die Kapellenmauer ein und bezeugt so seine «Pilgerschaft zu diesen heiligen Oertern».85 Bridel evoziert nicht nur Geschichte, er schreibt sich auch gewissermassen selbst in sie hinein: Ich war hier.
Die Selbstdeklaration als Pilger oder Wallfahrer zu einer historischen Stätte war nicht selten, sie verlieh der Reise zusätzliche Bedeutung und Legitimation. Der Geistliche Bridel wendet eine sakrale Sprache auf die historischen Stätten an, die er als «heilige Orte» bezeichnet. Pilgern war um 1790 offenbar eine positiv konnotierte Form des Reisens. Im Vorwort seines «Tagebuch einer Fussreise durch das Innere der Schweiz» schreibt Bridel, dass man am besten zu Fuss unterwegs sein solle, abseits der grossen Strassen, einfach gekleidet, ohne Anspruch auf Komfort, allein oder mit einem gleichgesinnten Freund – ganz wie ein Pilger. Der Beginn des touristischen Zeitalters wird auf den Aufbau der beschleunigten und vergünstigten Reiseinfrastruktur (Eisenbahnen, Strassen) zurückgeführt. Dennoch gehörte das Lob der Fussreise in Reiseberichten und Reiseführern, beispielsweise auch im Baedeker, im gesamten 19. Jahrhundert zum Selbstverständnis. Auch die ersten Touristen wollten bereits keine sein. Dieses Distinktionsspiel biss sich nicht damit, dass Johann Gottfried Ebel dem «freien» Fussreisenden empfiehlt, einen Gepäckträger für die ganze Reise zu buchen, so wie er sich immer von Herrn Pfister aus Zürich begleiten lasse, einem Bediensteten, der nicht nur sein Gepäck trage, sondern auch die Wege kenne, über Preise verhandle, ihn frisiere und rasiere sowie Italienisch und Französisch spreche.86
Woher nahm Philippe-Sirice Bridel seine Kenntnisse der Geschichte und Geografie? Neben den älteren Beschreibungen der Schweiz – er erwähnt Johann Jakob Scheuchzer – kannte Bridel auch die Reisebeschreibungen seiner Zeit, von denen er jene von ausländischen Reisenden ablehnte, weil sie das oberflächliche Produkt eiliger Reisen entlang der gängigen Reiserouten seien. Bridel beschreibt jedoch «sein» Helvetien mit den romantischen und aufklärerischen Motiven und Geschichtsbildern, die er mit jenen Autoren gemeinsam hat, deren Beschreibungen der Schweiz er im selben Atemzug als «literarische Invasion» ablehnt.87 Er schreibt also in einer doppelten Selbstausnahme: Er distanziert sich von nicht-schreibenden Reisenden, aber auch von allen anderen schreibenden Reisenden, die nicht auf seine Art ihr «eigenes» Land bereisen.
Beeinflusst wurde Bridel auch durch ortskundige Gelehrte, die er unterwegs besuchte, wie beispielsweise den Arzt und Politiker Karl Zay (1754–1816) in Arth. Zay gehörte zu jenen gut vernetzten, angesehenen und gebildeten Persönlichkeiten, die Reisende privat empfingen. Er soll auch häufig Reisende auf die Rigi begleitet haben.88 Mögliche Gründe für dieses vermutlich unentgeltliche Engagement sind die Pflege des Netzwerks und des repräsentativen Status in seinem Wohnort, eine Vorliebe für Ausflüge und wohl auch Neugierde.
Bridels Reisebericht ist ein Beispiel für den romantisch geprägten Aufklärungspatriotismus um 1800, dessen Geschichtsbild von Reiseberichten geprägt wird. Es war Bridels grosses Bildungsprojekt, die Schweiz zu Fuss kennenzulernen, die Topografie, die Bevölkerung, die Eigenheiten der Regionen und die Verhältnisse vor Ort. Allerdings war Bridel der Meinung, dass man beim Reisen auch viel falsch machen könne, beispielsweise zu wenig (oder die falsche) Vorbildung mitbringen oder auf die falsche Weise an die falschen Orte reisen. Deshalb formulierte Bridel, wie viele andere Reiseschriftsteller, Ideale, wie man «richtig» reisen sollte – ebenfalls ein Ausdruck von Distanzierung. Diese Ideale geben Einblick in seine Vorstellungen, wie man auf vaterländischen Reisen Geschichte kennenlerne.
Wie man sein «eigenes» Land richtig bereist
1796 hielt Bridel vor den versammelten Mitgliedern der Helvetischen Gesellschaft in Aarau den Vortrag «Versuch über die Art und Weise, wie Schweizerjünglinge ihr Vaterland bereisen sollten».89 Bridel empfiehlt darin, die Schweizerreise nicht vor dem 16. Lebensjahr zu machen, weil ein ausgiebiges Studium der Geografie, Geschichte und der politischen Lage für die Reise notwendig sei. Die Methode Conrad Gessners, jedes Jahr einen Monat lang einen Teil der Schweiz zu erkunden, halte er für das Beste, aber im Rahmen des Möglichen sei eine Reise von sechs bis acht Wochen im Sommer zu empfehlen. Das Ziel sei es, «nüzlichere Männer für das liebe, gemeinschaftliche Vaterland zu bilden».90 Zuerst sollen die jungen Schweizer «die grossen Natur-Erscheinungen» besuchen: die Alpen, Gletscher, Wasserfälle und Bergseen, am besten einen Aussichtsgipfel, bei Sonnenaufgang und bei Gewittern, um auch, in Bridels Worten, «Schauderhaftes» zu sehen.
Nach den «Natur-Scenen» solle der junge Schweizer die Orte der «grossen Begebenheiten» aufsuchen: Inschriften, Ruinen der Römer und die Schlachtfelder – Bridel zählt den gängigen Kanon auf: Morgarten an der Spitze – dann Rütli, Brunnen und Melchtal, «in dieser schönen Schule der verflossenen Zeiten, muss er nothwendig zum bessern Bürger gebildet werden».91 Auch die Orte «physischer und moralischer Unglüksfälle» sollen Ziel der Schweizerreise sein: Plurs im Bergell, das 1618 von einem Bergsturz verschüttet worden war, sowie die Orte der Bürgerkriege – Bridel denkt vermutlich an Villmergen und Kappel, nennt aber keine Schlachtnamen. Die dritte Gruppe Sehenswürdigkeiten seien Werke wie Strassen, Brücken, Kanäle, Mühlen, Bäder oder Dämme.92 Viertens solle man die «grossen Männer» der Schweiz besuchen; ein Verzeichnis derselben sei zu weitläufig und beleidige die Bescheidenheit derselben, zieht sich Bridel aus der Affäre.93 Fünftens folgt der angeblich wichtigste Punkt, nämlich die Tätigkeiten der Menschen zu beobachten: die Landwirtschaft, die Manufakturen, die Spitäler und Schulen, die Zeughäuser und Naturalienkabinette, die grossen Bibliotheken, die topografischen Pläne der Schweiz, die «Sitten der Bergbewohner», deren edle Einfachheit Bridel in all seinen Reiseberichten lobte.94 Nachdem der junge Schweizer diese Reiseziele betrachtet habe, dürfe er sich Gedanken über die Politik machen, über unterschiedliche Regierungsformen innerhalb der Schweiz, und werde dabei zur Überzeugung gelangen, dass die beste Regierungsform die bestehende, republikanisch-föderalistische sei.95 Schliesslich solle der junge Reisende noch eine Landsgemeinde, eine Musterung des Militärs und eine Versammlung der Helvetischen Gesellschaft besuchen.
Vor den historischen Stätten sollen junge Schweizer also die «Natur-Scenen» besuchen, gemeint sind vor allem die Alpen. Obwohl Gelehrte aus Zürich und Bern dieses Alpenbild entwarfen und die Eidgenossenschaft des 18. Jahrhunderts von städtischen Regierungen geprägt war, übernimmt Bridel diese Selbstdarstellung einer bäuerlich-alpinen Schweiz, die er in zeitgenössischen Begriffen als «Alpenhirtenland» und «Ideallandschaft» bezeichnet.96 Der Ortsbesuch solle – so das Versprechen – neue Erkenntnisse qua Gefühl und Bildung ermöglichen. An den historischen Orten solle ein «animus loci» den Besucher erfüllen.97 Der frühe Tourismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts war auch ein nationalpädagogisches Projekt.
Bridels Idee einer Gebrauchsanweisung, wie junge Schweizer ihr Vaterland bereisen sollten, war nicht neu. Die Helvetische Gesellschaft hatte 30 Jahre zuvor, 1767/68, bereits einmal über den Vorschlag gesprochen, Schweizerreisen zu unterstützen oder sogar mit Söhnen der Mitglieder einen Austausch zu organisieren. Das Geschäft war aber verschoben worden, und zwei Jahre später liess man es bei der Empfehlung bewenden.98 1773 fand dann doch noch eine Reise statt: Der junge Geistliche Hans Rudolf Schinz reiste mit sieben jungen Männern aus Zürich und zwei Bediensteten während zweieinhalb Monaten durch die Schweiz.99
Der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater druckte 1775 in seiner Reihe patriotischer Schweizerlieder das Abschiedsliede an einen Schweizer, der auf Reisen geht.100 Im Vorbericht zu diesem Lied schreibt Lavater warnend, dass die wohlhabenden jungen Schweizer nur in Frankreich und Deutschland herumreisen würden, «um Geld zu verthun», weil ihresgleichen dasselbe getan hätten. Diese Reisen seien eine Quelle des Verderbens und er bitte alle Schweizerjünglinge, ihren Kameraden vor der Abreise sein Lied vorzusingen.101 Dieses ruft dazu auf, im «Schweizeralpenland» zu reisen, «wie man reisen soll»:
«Schau die Natur mit Ehrfurcht an;
Steh still im Feld der Schlacht;
was Deine Väter da gethan,
Das, Bruder, das betracht!»102
Lavater lehnte sich mit der Zeile «Steh still im Feld der Schlacht» an die erste Zeile eines Gedichts von Albrecht Haller an, welches dieser 1755 im Auftrag der Berner Regierung für eine Inschrift am Beinhaus von Murten verfasst hatte. Hallers Gedicht leitet die Besucher, auch weithergereiste Besucher, an: «Steh still, Helvetier! hier liegt das kühne Heer / […]»103 Ein Hinweisschild am historischen Ort, für Reisende angebracht, wurde als Vorlage für ein patriotisches Lied genutzt.
Ein Jahr nach Erscheinen von Lavaters Abschiedsliede reichten Zürcher Mitglieder in der Helvetischen Gesellschaft einen Antrag ein, mit welchem sie «das Reisen junger Eidgenossen, innert den Gränzen unsers Vaterlands» anpriesen.104 Eine «Tour de Suisse» durch eine historische Landschaft wird abgesteckt.105 Leonhard Meister schreibt 1782, dass «bey den Zürchern und Bernern […] kleine einheimische Wallfahrten nicht ungewohnte Erholung» seien.106 Bridels Rede von 1796 systematisierte und lobte, was ein grosser Teil der Zuhörer bereits seit längerem kannte: vaterländische Bildungsreisen.
Die Vorstellung, dass patriotische Gefühle und Naturwahrnehmung in einer Bildungsreise zusammenwirken, ist keine schweizerische Eigenheit, wie das Beispiel Schweden zeigt. Den patriotischen Imperativ «Know Your Country» hat der Ethnologe Orvar Löfgren anhand von Quellen aus dem 19. und 20. Jahrhundert für Schweden beschrieben.107 Schwedische Vertreter eines inländischen Tourismus zu patriotischen Zwecken propagierten eine starke Verbindung zwischen Naturtourismus und nationaler Selbstdarstellung. Wandern galt als patriotische Tätigkeit, während der man in der Landschaft sozusagen automatisch die eigene Nation persönlich erfahre und lieben lerne: «[…] the feeling that in certain landscapes the citizien was in communion not only with nature but with the spirit of the nation itself.»108 Nationale Landschaften und Sehenswürdigkeiten könnten am besten von Bürgern des jeweiligen Landes wahrgenommen werden, die dabei das Land und sich selbst kennenlernten, so Löfgren. Know your Country, know yourself, habe das Versprechen der Werbung gelautet.
Aber die Propagierung der Fussreisen erfolgte nicht nur aus patriotischen Gründen. Der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl verglich 1869 die Notwendigkeit von «Wanderstudien» mit den «Archivstudien» des modernen Historikers.109 In den Wanderstudien und den Schweizerreisen war die aufklärerische und kritische Vorstellung vom Selberdenken enthalten – in den Worten Riehls: «auf eigenen Füssen gehen, um mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenen Ohren zu hören».110 Mit den Fussreisen wurden nicht nur Vorstellungen vom Verschmelzen mit der Nation, sondern auch von selbständigem Denken verbunden.
Auch Reisen im Ausland wurde manchmal zugeschrieben, dass sie patriotische Gefühle weckten. Engländer, die im 18. Jahrhundert auf einer Grand Tour den Kontinent bereisten, schrieben, sie seien als «better Englishman» zurückgekehrt – was immer sie damit gemeint haben mögen.111 Ebenso liest man von Reisenden, die patriotische Gefühle im Angesicht einer nicht-eigenen Geschichte verspürt hätten. So findet sich die Vorstellung, dass die mittelalterliche Geschichte am Morgarten und dessen Landschaft gefühlt werden könne, auch in Reiseberichten von Personen, welche die Schlacht am Morgarten nicht als Teil einer patriotischen Herkunftsgeschichte lesen konnten.
Gerhard Anton von Halem, August 1790
Wenige Tage nach Bridel besuchte der Jurist Gerhard Anton von Halem (1752–1819) Morgarten auf einer längeren Reise durch die Schweiz und Frankreich, worüber er ein Jahr später die Reisebeschreibung Blicke auf einen Theil Deutschlands, der Schweiz und Frankreichs. Reisebeschreibungen in Briefen veröffentlichte.112 Halem datiert seine Reise von Einsiedeln nach Luzern – «auf classischem Boden» – auf den 15. August 1790. Bei Morgarten «sahn wir im Geiste von dem Berge Sattel tödliche Felsstücke herabrollen auf das erste Heer der Feinde der Freyheit.»113 Auch Gerhard Anton von Halem will im Anblick der historischen Sehenswürdigkeiten in und um Morgarten intensiv von Empfindungen ergriffen worden sein. Er versteht die Geschichte der Eidgenossenschaft als seine eigene Geschichte – jene der freiheitsliebenden Menschen, der Aufklärer – und liest die Geschichte von Morgarten aktualitätsbezogen. Am «alten ewigen Bund» von Brunnen nimmt er in einem sich einschliessenden «wir» mit teil: «In dem freundlichen Dorfe Schwyz drückten wir die Hand der biedern Männer, aus deren uraltem Stamm das Völklein der Freyen entsprang. Ihr Geist wehet noch über dem weiten Gebirge.»114 Den «Geist» jenes «Völkleins» will er durch die Begegnung mit Nachfahren, denen er die Hand drückte, und durch die erlebten Gefühle, als er den «classischen Boden» besuchte, wahrgenommen haben. Ein deutscher Aufklärer schreibt, was er an den Stätten der mittelalterlichen Geschichte der Eidgenossenschaft sieht, empfindet und erlebt. Gefühle sind in Halems Reisebericht der Aneignungsfaktor für die vergegenwärtigte Geschichte.115 Der «classische Boden» umfasst ein ganzes Gebiet. Dabei macht Halem das Historische an den Kapellen, Ruinen, der Landschaft, aber auch an den Bewohnern fest. Der «Geist», den Halem wahrnimmt, steht für die ahistorischen Tugenden der Alten Eidgenossen – ein «spiritus loci», der bezeichnenderweise über den Bergen schwebt.
Johann Gottfried Ebels Anleitung, 1792
1792 erschien in Zürich einer der ersten Reiseführer der Schweiz: Johann Gottfried Ebels Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Weise die Schweiz zu bereisen.116 Das Werk entwickelte sich zu einem mehrfach aufgelegten, übersetzten und bald auf vier Bände erweiterten Bestseller. Der Name Ebel wurde zu einem Markennamen für Reisehandbücher.117 Ebels Werke wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa viel gelesen und zahlreiche spätere Reiseberichte, Reiseführer und auch literarische Werke stützten sich auf Ebels Beschreibungen der Schweiz.118 Der aus Schlesien stammende Johann Gottfried Ebel (1764–1830) war Arzt, Gelehrter, Verfasser geologischer Schriften, Anhänger der Französischen Revolution und ab 1801 helvetischer Bürger.119
Ebels Anleitung markiert für die Schweiz den schnellen Aufstieg der Reiseführer. Zwar existierten bereits seit der Antike Reisehilfen, beispielsweise für Pilgerfahrten nach Rom, doch das sich verändernde Reisen brachte zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl von Reiseführern hervor, die zu Recht als neues Medium bezeichnet werden.120 Auch Reiseerzählungen integrierten oft reisepraktische Angaben wie Fahrzeiten oder Landkarten, doch berichteten sie in einem subjektiveren Ton von einer Reise, wie sie sich nur einmal abgespielt habe. Ab 1800 erschienen weniger «Briefe von», «Reise nach» oder «Anmerkungen über», stattdessen verfassten die Reiseschriftsteller nun ein «Handbuch», einen «Führer» oder, wie Ebel, eine «Anleitung».121 Die methodischen Überlegungen zu Reiseberichten gelten jedoch weitgehend auch für Reiseführer. Roland Barthes hat am Beispiel des «Guide bleu» darauf aufmerksam gemacht, dass Reiseführer den Blick auf eine «reale, in der Zeit existente Landschaft» verformen können, wenn sie in einem mystifizierenden Prozess zum Gegenteil ihres Scheins werden: «zu einem Instrument der Verblendung».122 Wie formte Ebel den Blick auf die Geschichte?
Die Geschichte gewichtete Ebel weniger stark als die Geografie und die Erdwissenschaften. Ebel begründet dies im Vorwort der Erstauflage damit, dass über die Geschichte (und andere nicht prioritäre Wissensbereiche) bereits sehr viel geschrieben worden sei.123 Damit verweist Ebel auf die Absicht, in seinem Reisehandbuch das zeitgenössische Wissen über die beschriebenen Regionen zugänglich zu machen. Die «Vulgarisierung» von Wissen, kombiniert mit reisepraktischen Informationen und ein paar moralischen Regeln, war sein aufklärerisches Anliegen und seine Motivation, ein Reisehandbuch zu schreiben.124 Allerdings hatte Ebel die erste Auflage vor allem auf Reisende ausgerichtet, die sich für die Alpen begeisterten. Der Erfolg der ersten Auflage veranlasste Ebel, die zweite Auflage zu erweitern, gerade um historisches und wissenschaftliches Wissen. Das Werk wuchs auf unhandliche vier Bände an. Ab der dritten Auflage von 1809 kürzte Ebel die Anleitung wieder.125
Ebel faszinierten die Alpen als «unermessliche Ruine», als Zeugnisse einer beeindruckend alten Erdgeschichte.126 Die Geologie der Alpen rege seine Fantasie stärker an als die Denkmäler der Antike, und er hoffe, dass in den Alpen das Buch aufgeschlagen liege, in dem man die geheimnisvollen «tiefen Fernen der Vergangenheit» werde lesen können. Die Geschichte der Schweiz betrachtete Ebel aus der Gegenwart der Französischen Revolution heraus als die Geschichte von drei Völkern, die «für die heiligste Sache des Menschen» – die Freiheit – «mit Heldenglanze kämpfend» siegten, dabei «bescheiden und mässig» waren und in den folgenden Jahrhunderten in humaner Weise Flüchtlinge aufnahmen.127 Die Besetzung der Schweiz durch französische Truppen im März 1798 beschreibt Ebel (in der zweiten Auflage von 1802) als unglaublich tragische Katastrophe, die den Hort der Freiheit zerstört habe. Diese jüngste Wendung habe die Geschichte der Schweiz noch «merkwürdiger» gemacht. Die mittelalterliche Geschichte der Eidgenossenschaft, aber auch die Zeitgeschichte der Helvetik pries der Aufklärer Ebel als lehrreiche politische Merkwürdigkeit vor dem Hintergrund der aufklärerischen Ideale von Freiheit und Gleichheit an:128 «Nur hier allein in Europa bestehen Hirtenvölker und Volksregierungen. Wer also die merkwürdige Staatseinrichtung in der Wirklichkeit kennen lernen will, der muss die Hochgebirge der Schweiz besuchen.»129 Der Begriff «bestehen» machte auf die unveränderte und lange Dauer dieser Modelle aufmerksam, die in den Bergkantonen existiert haben sollen.
Ebels Anleitung besteht in der ersten Ausgabe aus zwei, in der zweiten Ausgabe aus vier Bänden. Der erste Band der zweiten Auflage enthält allgemeine Informationen – von «Der Wirkung der Bergluft» über den «Einfluss des hohen befehlenden Tons auf die Rechnung» zu einer Abbildung des besten Fusseisens für Gletschertouren – sowie Reiserouten, kommentierte Verzeichnisse von Karten, Bildern und Reiseberichten. Im zweiten und dritten Band informiert Ebel in alphabetischer Reihenfolge über die Ortschaften der Schweiz. Unter «Egeri» beschreibt er den Ort und die Schlacht am Morgarten in der ersten Ausgabe von 1793: «Zwischen ihm [dem Kaiserstock] und dem Berg Morgarten schweift das Land in einer sanften Linie hinab, über welche die beschneyten fernen Felsen herüberschauen.»130 Wegen der berühmten Schlacht erhalte dieses Tal grosses Interesse, werde jedoch von den Reisenden wenig besucht. Als idealen Startpunkt nennt Ebel das Dorf Sattel, von wo aus es zu Fuss eine halbe Stunde zum «klassischen Ort Morgarten» sei.131
In der zweiten Ausgabe von 1804 beschreibt Ebel das «Egeri-Thal» mit anderen Worten: «Dieses Thal ist über alles merkwürdig, weil an dem östlichen Theil des Sees die Eidgenossen für ihre Freyheit und Existenz die erste und wichtigste Schlacht erkämpften. Damals stand der See um vieles höher […].»132 Ebel erzählt ausführlich die Geschichte der Schlacht, so wie man sie bei Tschudi und inzwischen auch in den populären Werken Johannes von Müllers lesen konnte. Dabei greift er die 1780 veröffentlichte Äusserung des Zuger Militärunternehmers und Gelehrten Beat Fidel Zurlauben auf, dass der Spiegel des Ägerisees zum Zeitpunkt der Schlacht 100 Meter höher gewesen sei. Und wie Bridel betont er, dass man «ohne eine genaue, sinnliche Anschauung dieser Gegend» die Schlacht nicht verstehen könne – sein Bericht ist hingegen vom Augenschein erhellt. Weiter erzählt Ebel vom «Gefecht bey Morgarten gegen die Franzosen im J.1798», als «selbst die Weiber, in Sennhemde gehüllt», mitgekämpft hätten.133
Morgarten vereint somit die alte und jüngste Geschichte der Schweiz. Der tragische Verlust der Freiheit macht den Ort des ersten Freiheitskampfs besonders merkwürdig, das heisst, zu einer Sehenswürdigkeit. Weil die Ideologie der Aufklärung die subjektive und unmittelbare Anschauung fordert, ist Ebels Reisehandbuch eine Aufforderung an die aufgeklärten Zeitgenossen, die Schweiz selbst zu bereisen. Der grosse Erfolg von Ebels Reisehandbuch bewirkte, dass sich ein Kanon von Sehenswürdigkeiten, die im 18. Jahrhundert besucht worden waren, verfestigte.
Rückblick: Reiseliteratur und Geschichtsbilder
Das Schlachtfeld von Morgarten wird in den Reiseberichten unter Bezugnahme auf die zu jener Zeit bekannten Geschichtswerke, vor allem Johannes von Müllers Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft, oder auf frühere Reiseberichte beschrieben. Die Ereignisse werden oft in längeren Direktzitaten wiedergegeben. Allerdings reduzieren die Reiseschriftsteller die Schlachterzählung auf ihre Hauptmotive – die ungleichen Gegner und die Steinlawine – und lassen Nebenmotive wie jene des Narren oder des Pfeils weg. Jeder der zitierten Reiseschriftsteller hält es für wichtig, das genaue Datum und die Anzahl der Habsburger und Eidgenossen zu erwähnen, Letzteres um das Hauptmotiv der ungleichen Gegner zu betonen. Diese Gewichtung von Bezifferung und Datierung ist offenbar ein gemeinsames Interesse der Geschichtsschreibung und der Reiseführer des frühen 19. Jahrhunderts.
In welches Geschichtsbild fügen die Reiseautoren die Schlacht am Morgarten ein? Betonen sie die «nationale Geschichte», wie dies Christine von Arx für Reiseberichte über Zeughaus-Besuche feststellte? Christoph Meiners erzählt die Schlacht als heldenhaften Sieg eines Kampfes David gegen Goliath. Philippe-Sirice Bridel fühlt in Morgarten die patriotisch aufgeladene, gemeinsame Herkunftsgeschichte der Helvetier, die die Jugend unterweisen solle. Gerhard Anton von Halem liest die Geschichte der Schlacht als erfolgreichen Kampf für die Freiheit, aber interpretiert auch den Morgartenbund, mit einem Zitat aus Johannes von Müller, als sei er für «eine einige Nation» geschlossen worden. Johann Gottfried Ebel spricht von den «Eidgenossen», die in Morgarten für ihre Freiheit kämpften, und projiziert so eine eidgenössische Herkunftsgeschichte auf Morgarten. Für Ebel war das Ägerital «merkwürdig», weil es für die Befreiungsgeschichte stand. Die Reiseschriftsteller interpretierten die Geschichte der Schlacht abhängig von ihrer Gegenwart und ihrer politischen Haltung, die von den politischen Veränderungen in Europa Ende des 18. Jahrhunderts geprägt war. Die These von der Fremdperspektive, welche die eigene nationale Geschichte betonte, mag auf Bridel, Halem und insbesondere Ebel zutreffen. Auf Meiners und Heinrich Zschokke – zu ihm gleich mehr – trifft sie nicht zu. Zschokke liest die vormoderne Geschichte der Eidgenossenschaft nicht als nationales Werden, sondern ordnet sie als Beispiel für eine Stufe in der Entwicklung eines «Volkes» ein und spricht dabei von einem mühevollen Sieg des «Hirtenvolk des Ländleins Schwyz» im Kampf für ein «selbständiges Leben».134 Die Reiseschriftsteller inszenieren Schweizer Geschichte des Mittelalters zwar auf den ersten Blick in einem nationalen Rahmen, aber sie «globalisieren» diese Geschichte auch, sodass sie in anderen Zusammenhängen anschlussfähig und für internationale Besucher markttauglich ist.135
Diese unterschiedlichen Zugänge und Darstellungen mögen auch damit zusammenhängen, dass Morgarten eine widerspenstige Geschichte ist, die sich aufgrund der Eidgenossen auf Habsburgerseite nicht so einfach ins Bild einer «einigen Nation» fügen liess. Die Reiseliteratur mit ihren hohen Auflagezahlen verbreitete aber historische Narrative weiter und wirkte vermutlich auch in die historiografischen Werke zurück.136
Der Ort Morgarten selbst wird meist als eine einsame Voralpenlandschaft an einem pittoresken See beschrieben, die einem zeitgenössischen Schönheitsideal entsprach. Dennoch entsteht der Eindruck, dass weniger ein konkreter Ort als eine emphatisch gefühlte Herkunftsgeschichte besucht wird. Dies widerspricht Christine von Arx’ These, dass im 18. Jahrhundert das Interesse an konkreten Schauplätzen erwacht sei. Das «Hier wars» von William Coxe lässt sich möglicherweise auch als eigenen Standpunkt deuten, den der Autor an «Zeigefingern» wie einer Schlachtkapelle oder einer bekannten Landschaftsansicht festmachte.
Klassische Stelle Morgarten
Heinrich Zschokkes Katalog der klassischen Stellen, 1836
Mit der Formulierung «klassische Stellen» benutzten Johann Gottfried Ebel und Gerhard Anton von Halem einen Begriff, der 1836 vom Schriftsteller und Politiker Heinrich Zschokke eingeführt wurde. Zschokke hat ihn in seiner Publikation Die klassischen Stellen der Schweiz und deren Hauptorte in Originalansichten in den Titel aufgenommen – ein zweibändiges, mehrfach aufgelegtes Werk, das sich als Mischung von Bildband, Geschichtsbuch, Reisebericht und Reiseführer umschreiben lässt.137 Die von Zschokke ausgewählten und beschriebenen «klassischen Stellen» gelten seit Ebels Anleitung als etablierte Sehenswürdigkeiten der Schweiz.138 Wie wurde die klassische Stelle Morgarten visualisiert?
Das sechste Kapitel von Zschokkes Klassischen Stellen heisst Die Kapelle bei Morgarten und ist mit einem Stich illustriert. Er zeigt die Schlachtkapelle an der Schornen von Süden gesehen, mit einer Frau auf dem Strässchen, die einen Korb trägt, und weit im Hintergrund der Ägerisee und Berghänge.
Zschokke beschreibt den Standort der Schornenkapelle als Mitte zwischen zwei «Siegesfeldern».139 Die Schlacht am Morgarten von 1315 und der Kampf zwischen den Schwyzern und den Franzosen von 1798 werden in einem Atemzug nebeneinandergestellt: «Auf der Höhe, zwischen den beiden Siegesfeldern, steht neuerbaut nun die Schornen-Kapelle, ohnweit dem Morgarten und dem Rothenturm. Sie ist zugleich das Denkmahl der Faustrechtszeiten, vom XIII bis zum XIX Jahrhundert […].»140 Die Schornenkapelle ist die «klassische Stelle», an der sich gleich zwei kriegerische Ereignisse besuchen liessen. Indem Zschokke beide Ereignisse den «Faustrechtszeiten» zuordnet, schafft er einen gemeinsamen Rahmen: Die Wandbilder vergegenwärtigen die mittelalterliche Schlacht, und die Mauern des Turms – das Materielle, nicht die Ansicht des Turms – fungieren als Zeugen des Mittelalters und der Gegenwart.

Abb. 4: Das Frontispiz der ersten Auflage von Heinrich Zschokkes Werk Die klassischen Stellen der Schweiz und deren Hauptorte in Originalansichten (1836) ziert ein Stahlstich, der das Konzept der klassischen Stellen gut ins Bild setzt – ein ländlicher Ort vor beeindruckender Kulisse, bestückt mit «typischen» Figuren und Bauten.

Abb. 5: Die klassische Stelle Morgarten in Zschokkes Werk. Wenige Jahrzehnte später wird eine Postkarte produziert werden, die eine Fotografie der Schlachtkapelle aus derselben Perspektive und ebenfalls mit einer Frau mit Korb auf dem Weg zeigt. Es handelt sich hierbei also um ein Motiv, das in ein neues Bildmedium wandern wird.
Was meint Zschokke mit dem zweiten «Siegesfeld» von Rothenthurm? Im April 1798 gaben die Regierungen von Schwyz, Nidwalden, Glarus und Uri bekannt, dass sie die soeben ausgerufene helvetische Verfassung ablehnten. Gründe waren Ängste um die katholische Religion, um Privilegien der herrschenden Schicht, um die kantonale Souveränität und vor der neuen Staatsordnung.141 Die Verfassung der Helvetischen Republik machte aus der Eidgenossenschaft der zwölf Orte mit ihren «Zugewandten Orten», eigentlichen Untertanengebieten, einen zentral organisierten Staat mit Gewaltentrennung. Die Schwyzer Truppen wurden von Alois Reding angeführt, der nach seiner Rückkehr aus spanischen Kriegsdiensten 1796 zum Landeshauptmann von Schwyz ernannt worden war.142 Redings Truppen besetzten widerstandslos Luzern und erreichten über den Brünigpass das Berner Oberland, zogen sich dann aber wieder nach Schwyz zurück, weil sie im Berner Oberland keine Unterstützung erhielten und weil inzwischen französische Truppen über Zug, Luzern und den Sattel Richtung Schwyz vorstiessen.143 Die Schwyzer Truppen unterlagen den Franzosen bei einem Gefecht bei Schindellegi. Am 2. Mai 1798 schlugen sie jedoch bei Rothenthurm an den Hängen des Morgartenbergs die französischen Truppen zurück. Einzelne Autoren sprechen deshalb von Gefechten bei Morgarten, als Ort und Name des Hauptgefechts gilt jedoch Rothenthurm.144 Angesichts der aussichtslosen Lage stimmte am 4. Mai 1798 die Schwyzer Landsgemeinde einer Kapitulation zu: Die französischen Truppen gewährleisteten religiöse Freiheit sowie Verzicht auf Entwaffnung und Besetzung des Kantons Schwyz. Diese günstigen Kapitulationsbedingungen soll der Respekt gegenüber dem Schwyzer Widerstand bewirkt haben.145
Alois Reding, der «Sieger von Rothenthurm», wurde zu einer wichtigen Symbolfigur, der Gedichte, Schauspiele, Reiseberichte und historiografische Werke huldigten.146 Schon bald besuchten Reisende die Kampforte von 1798. Heinrich Zschokke, neu helvetischer Regierungskommissär, freundete sich mit Alois Reding an und berief sich in seiner Schilderung des Schwyzer Widerstandskampfs Geschichte vom Kampf und Untergang der Schweizerischen Waldkantone, besonders des alten eidgenössischen Kantons Schwyz von 1801 symbolkräftig auf Redings Angaben.147 Zschokke verglich in dieser Publikation den Kampf gegen die Franzosen von 1798 mit den Heldentaten der mittelalterlichen Eidgenossen und rückte folglich die Schlacht am Morgarten in die Nähe des Gefechts bei Rothenthurm und der Gegenwart: «Europa hat kein Land, worin die Geschichten der vaterländischen Vorzeit so unvergessen und neu geblieben, […] als in jenen Gebirgen. Seit den Thaten Tells und dem Kampfe von Morgarten scheinen nur so viele Jahre verflossen zu seyn, als es Jahrhunderte waren.»148 Ist an der «klassischen Stelle» Geschichte präsent, weil die Zeit dort nur sehr langsam vergeht? Der Historiker Eric Godel formulierte den Gedanken von der «Vorstellung einer immobilen Geschichte in den Alpen».149 Dieses Geschichtsbild sei von Aufklärern konstruiert worden und finde sich in der Literatur und in Reiseberichten. Die Vorstellung einer immobilen Geschichte legt nahe, dass eine Zeitreise möglich sei, wenn man diese Gegenden aufsuche. Eine Formulierung Heinrich Zschokkes von 1822 lässt sich in diese Richtung deuten: «Die Eidsgenossenschaft stand zuletzt [im 18. Jh.] in der Mitte des verwandelten Welttheils einsam da; doch merkwürdig, oder ehrwürdig, wie eine Ruine fremder Zeit.»150
Die Eidgenossenschaft, wie sie bis 1798 bestand, wird von Zschokke als unverändertes Produkt des Mittelalters dargestellt.151 Die Reisenden seien begeistert gewesen von der anmutigen und majestätisch wilden Natur und ihrer Bevölkerung «im Einklang» damit.152 Und dies, so betont Zschokke, obwohl die meisten Schweizer in Unfreiheit gelebt und die einzelnen Orte sich bekämpft hätten. «Klassische Stellen» sind ein Anziehungspunkt für diese Zuschreibungen: Es sind Orte, die eine Bühne für das Vergegenwärtigen einer Vergangenheit bieten. Sie werden auch bei Zschokke an Gedenkorten wie der Kapelle in der Schornen festgemacht. Die Frage um die exakte Einheit des Raums mit dem historischen Ereignis kümmert nicht, solange die Blickrichtung und die Gefühlslage vorgegeben sind. Was für eine Rolle spielten die klassischen Stellen für das Geschichtsbild der helvetischen Republik?
Auch die zentralistische Helvetische Republik legitimierte sich damit, dass sie von den Alten Eidgenossen, dem friedlichen Hirtenvolk in den Alpen, abstammen würde. Geschichte diente in der Helvetischen Republik als Integrationsmittel.153 Dabei übernahmen die nationalen Propagandisten der Republik Idealbilder «der Schweiz», «des Schweizers» und Narrative seiner Geschichte aus der Reiseliteratur.154 Reiseberichte lieferten die Vorlagen für Beschreibungen der eigenen Nation. Zwei Verfasser bekannter Reisebeschreibungen, Johann Gottfried Ebel und Johann Michael Affsprung, erhielten quasi für ihre nationalen Verdienste das Helvetische Bürgerrecht verliehen.
(Reise-)Schriftsteller hatten in den zeitgenössischen Bewohnern der Schweiz die direkten Nachfahren der Eidgenossen gesehen, die für die Freiheit gekämpft hatten – zum Beispiel Gerhard Anton von Halem 1790. Acht Jahre später kennen die französischen Eroberer diese National- und Geschichtsbilder aus der Literatur und die Helvetische Regierung propagiert sie für eine nationale Einigung.
Heinrich Zschokke schliesst seinen Text über die «klassische Stelle» Morgarten mit einer Landschaftsbeschreibung: «Hirtenwohnungen», aber keine Bewohner bevölkern das Bild – die imaginierten Gestalten der Geschichte stehen an ihrer Stelle. Der Schornenturm harrt als «Zeuge des barbarischen Mittelalters» besserer Zeiten. Was für eine Rolle spielt die Landschaftsbetrachtung für die klassische Stelle? Zschokke führt aus: «Es ist hier wohl eine der heiligsten Stätten des Schweizerlandes; aber auch, hier ob Morgarten, eine der schönsten, weitumher. Der Blick verliert sich träumerisch in einer wunderlieblichen Idyllenwelt.»155 Zschokkes Klassische Stellen erzählen nicht nur von den Ereignissen, deren man an jenen Orten gedenkt, sondern geben immer auch eine Blickempfehlung für den ästhetischen Genuss mit.156
Dass eine heilige Stelle auch schön und eine Hirtenidylle mit Alpenkranz ist, entspricht dem Konzept. Dieses besagt, dass der Ort eines wichtigen historischen Ereignisses, sei dieses schrecklich oder schön, eindrucksvoll und erhaben zu sein habe. Der Historiker Daniel Frei schreibt, dass man in der Helvetik zwei anschauliche Vorstellungen einer Schweiz propagiert habe. Man reduzierte die Schweiz auf die Orte der Befreiungstradition oder man konzentrierte sich auf die Darstellung einer «typisch schweizerischen» Ideallandschaft. Die Vorstellung der Schweiz als Landschaft der Befreiungstaten habe die vielfältige Schweiz in Form von «Szenen» veranschaulicht, die Mythen durch Lokalisierung greifbar gemacht und das Territorium in geweihten, klassischen Boden der Freiheit, den es zu verteidigen galt, verwandelt.157 Der Morgarten-Stich in Zschokkes «klassischen Stellen» ist sowohl typisch schweizerische Landschaft («Idyllenwelt») als auch lokalisierte, greifbar und anschaulich gemachte Befreiungsgeschichte («hier ob Morgarten»).
Georg Simmel sah den «Reiz der Ruine [darin], dass hier ein Menschenwerk schliesslich wie ein Naturprodukt empfunden wird.»158 Zschokkes Konzept der «klassischen Stelle» verwandelt auf ähnliche Weise die Schauplätze von Geschichte in pittoreske Szenen, in zeitentrückte Ansichten, die ohne Vermittlung überdauert hätten und deshalb für die Evokation von «merkwürdiger» Geschichte und damit verbundener Vorstellungen geeignet sind.159 Die historische Stätte muss dabei offensichtlich kein Überrest aus der Zeit des Ereignisses sein. Auch Gedenkkapellen, ein Denkmal, ein Wohnhaus oder Landschaftselemente (und Geschichte) können wie eine Ruine, wie ein Naturprodukt, wahrgenommen werden.
Morgarten in Radierungen um 1800
Ruinen, Kapelle, Landschaft – wer stellte Bilder der «klassischen Stelle» Morgarten her und was zeigten diese Bilder? Die folgenden zwei Bilder sind heute als golden gerahmte Einzelblätter in Archiven und Bibliotheken sowie auf Online-Verkaufsportalen zu finden. Sie zierten im 19. und 20. Jahrhundert vermutlich bürgerliche Wohnzimmer. Hergestellt wurden diese Bilder aber um 1800 als Illustrationen von Publikumsliteratur über die Schweiz und als gut verkäufliche Einzelblätter, deren Käufer Ansässige und Reisende waren.
Heinrich August Ottokar Reichards Malerische Reise durch einen grossen Theil der Schweiz von 1805 ist mit 56 Kupferstichen illustriert, einer davon ist mit «Morgarten am Aegeri-See» betitelt.160 Heinrich Füssli zeichnete ein alleinstehendes Holzhaus an einer Seebucht und locker bewaldete Berghänge im Hintergrund. Am linken Bildrand ist ein Uferweg zu sehen. Reichards Variante lehnte sich nahe an die kolorierte Radierung des Basler Künstlers Achilles Benz an, die 1796 in Heinrich und Johann Heinrich Füsslis Merkwürdige Gegenden der Schweiz erschien.161 Die Radierung liefert die Sehanleitung für Morgarten mit: Der Bildbetrachter schaut einer am Boden sitzenden Frau und ihrem Begleiter mit Hut und Spazierstock, der Richtung See und Haus deutet, über die Schultern. Sie lenken den Blick auf die Sehenswürdigkeit, zeigen den touristischen Blick und fordern den Bildbetrachter auf, sich an ihre Stelle zu begeben.163 Zwei Männer spazieren, leicht vom Schilf verdeckt, rechts vom Haus dem Uferweg entlang. Die Zeichnung zeigt keine Bezüge zur Schlachtgeschichte. Der Ort Morgarten, den man spazierend besuchen sollte, ist ein sehenswürdiges ländliches Idyll.

Abb. 6: Der Kupferstich Morgarten, am Aegeri-See (1794) beruht auf einer nicht erhaltenen Zeichnung des Historienmalers (Johann) Heinrich Füssli und wurde von Heinrich Meyer radiert.

Abb. 7: Das Haus auf der kolorierten Radierung Morgarten au lac d’Ageri / Canton de Zug (1797) von Heinrich Füssli (Zeichner) und Achilles Benz (Radierer) entspricht laut Rolf E. Keller dem realen Haus Schranggen am Ägerisee.162 Beide Radierungen erschienen in Publikationen, die sich an eine touristische Käuferschaft richteten.

Abb. 8: Der Kupferstich des französischen Malers Nicolas Perignon erschien als Illustration im Buch Tableaux topographiques von Beat Fidel Anton Zurlauben von 1780.

Abb. 9: In der dreizeiligen Legende zu seiner Schlachtdarstellung von 1788 beschrieb Lorenz Ludwig Midart die «Bataille de Morgarten» als doppelten Sieg der drei Waldstätte über den Herzog Leopold «Duc d’Autriche». Dieser sei sowohl in Morgarten als auch bei Alpnach geschlagen worden, wobei er 1500 Männer verloren habe, während die Sieger – nur 1300 an der Zahl – 51 Tote zu beklagen gehabt hätten. Den Schlachtverlauf erzählt Midart nach Ägidius Tschudi, so erwähnt er 50 Steinwerfer an einer engen Wegstelle neben dem Ägerisee.
Auch auf einem Stich, den der französische Hofmaler Nicolas Perignon vor 1780 herstellte, erscheint Morgarten als ländliches Arkadien. Perignons Stich zeigt eine hügelige Voralpenlandschaft ohne Bezug zur Region – nicht einmal das Hauptmotiv von Morgarten, ein See, ist abgebildet. In der Bildlegende wird die Kapelle St. Jakob an der Schornen erwähnt, die aber nirgends zu sehen ist. Wiederum sitzen hingegen die Besucher mitten in der Landschaft und markieren über ihre Schultern die Ansicht. Am Horizont der idyllischen Landschaft ist die Alpenkette zu sehen.164
Schlachtfelder seien immer auch imaginierte Räume, die von Literatur, Kunst und anderen Medien «nicht mimetisch abgebildet, sondern konstruiert» werden, betonte der Historiker Bernd Hüppauf.165 Seit dem Mittelalter hat die europäische Malerei die Schlacht als Bildmotiv überhöht und das Schlachtfeld in ein «ästhetisches Gefilde», eine schöne Landschaft, eine «klassische Stelle» verwandelt.
Nicht das zeitgenössische Morgarten, sondern die Ereignisse von 1315 zeichnete der Künstler Lorenz Ludwig Midart (1733–1800). Midart war ursprünglich Advokat am Parlament von Metz, lebte ab 1772 als Sprachlehrer in Solothurn und war später Pagenhofmeister am Hof des Fürstbischofs von Basel im jurassischen Pruntrut. Ab den 1770er-Jahren stellte Midart in Solothurn Radierungen, Stadtveduten und Pläne her. Zwischen 1779–1788 fertigte er sechs Schlachtdarstellungen zur mittelalterlichen «Befreiungsgeschichte» der Schweiz an, darunter eine grossformatige kolorierte Radierung zur Schlacht am Morgarten, die als Einzelblatt verkauft wurde.166 Midarts Stich zeigt ein räumlich und zeitlich ausgedehntes Bild der Schlacht, eine Art Panoramaversion der Schlacht.167 Links im Bild rollen Männer Steine und Baumstämme auf die habsburgischen Ritter. Einige Ritter versuchen mit ihren Pferden durch den See zu fliehen, andere ertrinken im Wasser. Auf einer Wiese am See prallen zwei von Lanzen gekränzte Gruppen aufeinander, im Vordergrund finden Zweikämpfe statt. Im Hintergrund ist der Letziturm mit einem angebauten Tor gezeichnet, durch das eine Kolonne von Kämpfern mit Lanzen und zwei Fahnen strömt. Noch weiter im Hintergrund ist die Kapelle in der Schornen sichtbar. Herzog Leopold ist nicht eindeutig auszumachen, möglicherweise ist er einer der Reiter am Seeufer am linken Bildrand.
Diese bildnerischen Darstellungen von Morgarten um 1800 lassen sich mit dem Konzept des Pittoresken deuten. Dessen Idee wurde in den 1820er-Jahren formuliert, wobei die Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts eine grosse Rolle spielte.168 Laut James Buzard verlange das Pittoreske nicht eine Szene, die «wie» ein Gemälde aussehe, sondern eine harmonische Szene (oder einen Schauplatz) aus einem bestimmten Blickwinkel. Bei pittoresken Bildern werden Alltagshandlungen und die Bevölkerung weggelassen. Woher wusste Midart, wie er die Schlacht zeichnen sollte, damit sie als Schlacht am Morgarten erkannt wurde? Was waren mögliche Vorlagen?
Rückblende: Morgarten in den Bilderchroniken
Die drei ältesten bildlichen Darstellungen der Schlacht am Morgarten, die überliefert sind, wurden für spätmittelalterliche Chroniken gezeichnet. Die früheste bildliche Darstellung findet man in Benedikt Tschachtlans und Heinrich Dittlingers Berner Chronik von 1470. Die beiden Angehörigen von führenden Berner Ratsfamilien stellten für ihre Familien eine illustrierte Chronik her, die als erste Bilderchronik in der Eidgenossenschaft gilt – ein Format, das im Spätmittelalter viele Nachfolger fand.169 Möglicherweise hat Tschachtlan selbst die 230 farbigen Bilder gemalt.
Auf der Tschachtlan-Zeichnung ist der See im Vordergrund ein schmales Gewässer in einem Geländeriss. Zu sehen sind wenige Menschen auf einer abschüssigen Wiese. Aus dem Wald treten die mehrheitlich berittenen Habsburger, einige von ihnen ertrinken jedoch bereits im See. Herzog Leopold ist an seinem dekorierten Helm und Pferd sowie am rot gekleideten Hofnarr an seiner Seite zu erkennen. Die Habsburger tragen ihr rot-weisses Wappen mit sich und sind einzeln mit einem roten Kreuz auf Brust oder Helm gekennzeichnet, die Schwyzer tragen ein hoch aufragendes rotes Wappen mit einer Jesus-Kreuzigung in der oberen rechten Ecke mit sich und auf ihren Kleidern und Helmen ein weisses Kreuz.172 Zentrales Geschehen ist die Konfrontation zwischen dem vordersten, schwerttragenden Habsburger und dem selbstbewusst wirkenden Eidgenossen mit einer roten Feder am Helm, der die Spitze seiner Hellebarde seinem Widersacher auf die Brust gesetzt hat, direkt auf das dort angebrachte rote Kreuz. Die beiden Gegner unterscheiden sich weder durch Kleidung, noch durch Bewaffnung, einzig die Pferde traben nur von Habsburgerseite herbei.

Abb. 10: Das älteste Morgartenbild: Benedikt Tschachtlans Berner Chronik von 1470 zeigt die Schlacht am Morgarten in einer Art stilisierten Verkleinerung.170

Abb. 11: Der Illustrator der Spiezer Chronik von 1483 – es ist umstritten, ob es ihr Schreiber Diebold Schilling selbst war171 – malte die Schlacht am Morgarten in einer ähnlichen Landschaftskomposition, aber mit mehr Figuren und Details als bei Tschachtlan.
Vergleicht man diese Zeichnung mit den weiteren zahlreichen Schlachtbildern in der Tschachtlan-Dittlinger-Chronik, so fällt auf, dass diese bühnenartige Geländedarstellung mit Wald, leicht abschüssiger Wiese und Protagonisten in ähnlicher Kleidung ein häufig verwendetes Modell ist. Die Chronikbilder sind schematisch aufgebaut und sehen einander sehr ähnlich. Eigentümlich am Bild der Morgartenschlacht ist nur der kleine See. Dennoch habe, so schreibt der Kunsthistoriker Michael Tomaschett, Tschachtlans Illustration einen «Bildtopos» geschaffen, der von zwei weiteren Bilderchroniken adaptiert worden sei.173 Worin besteht der Bildtopos von Morgarten?
Die Tschachtlan-Dittlinger-Chronik wurde bis 1787 privat aufbewahrt und kam nur einem kleinen Kreis von Familie und Gästen zu Gesicht. Quasi gleichzeitig, 1483, und ebenfalls in Bern, womöglich sogar im Austausch mit Tschachtlan, 174 verfasste der Schreiber Diebold Schilling der Ältere im Auftrag des Altschultheissen Rudolf von Erlach die Spiezer Chronik.175 Wie mit seinen drei früheren Chroniken war es Schillings Anliegen, Geschichte für moralische Belehrung zu nutzen und als politische Rechtfertigung für eine antiburgundische Politik Berns darzustellen.176 Schillings Chroniken beeinflussten das Geschichtsbild der frühen Neuzeit stark.
Die Spiezer Chronik zeigt vorne einen See mit ertrinkenden Rittern, dahinter eine abfallende grüne Wiese und auch hier einen dichten Wald, diesmal allerdings am rechten Bildrand. Die Habsburger nähern sich wieder von links, Leopold wiederum zu Pferd und von seinem Hofnarren begleitet, der ein Musikinstrument spielt. Die Habsburger werden wiederum durch ihre Fahnen, diesmal sind es vier, gekennzeichnet. Eine Burg in der oberen linken Bildecke soll vermutlich die Herrschaft der Habsburger darstellen. Die Gegner der Habsburger sind bei Schilling in der Unterzahl. Es sind zwei Gruppen, die die Habsburger angreifen. Die Gruppe im Bildhintergrund ist ähnlich gekleidet und bewaffnet wie die Habsburger und trägt drei Fahnen von Uri, Schwyz (mit fahnenfüllender Kreuzigungsdarstellung) und Unterwalden mit sich.177 Eine zweite Gruppe von Eidgenossen im Vordergrund trägt weder Rüstungen noch Helme, stattdessen farbige Kleider und rote Kopfbedeckungen, die mit je einer roten und einer weissen Feder geschmückt sind. Es könnte die Gruppe der Verbannten sein. Einer von ihnen ist mit einem weissen Kreuz auf der Rückseite des roten Oberteils gekennzeichnet. Auch wenn einige dieser Gruppe Schwerter und Hellebarden in der Hand tragen, werfen sie Steine auf ihre Angreifer. Einer der Steinewerfer im Bildvordergrund sinkt gerade, von einer Lanze getroffen, auf den Boden nieder. Vorgestreckte Lanzen markieren das Zusammenprallen der beiden Kampfgruppen, eine häufige Darstellungsweise auf den Schlachtenbildern in Schillings Chroniken, die mit der zeitgenössischen Bewaffnung von 1315 nichts gemein hat.
Das dritte der bekannten Chronikbilder der Schlacht am Morgarten stammt aus der Gemeiner loblycher Eidgenossenschaft […] Beschreibung des reformierten Theologen Johannes Stumpf, die dieser erstmals 1547/48 in Zürich drucken liess. Das heute einfachheitshalber «Reformationschronik» genannte Werk war mit vielen Holzschnitten ausgestattet, die grösstenteils der deutsche Illustrator Heinrich Vogtherr der Ältere im Auftrag des Zürcher Buchdruckers und Verlegers Christoph Froschauer angefertigt hatte.178
Vogtherrs Holzschnitt in Stumpfs Chronik zeigt wiederum einen See im Vordergrund – allerdings grösser als in den Vorgängerwerken und umringt von Häusern, Kirche, Kapelle und Zaun. Zwei Ritter in Rüstung schwimmen mit ihren Pferden durch den See. Ein einzelner Ritter mit geschmücktem Pferd reitet am Seeufer vom Kampfgeschehen weg, den Blick auf die schwyzerischen Kämpfer gerichtet – möglicherweise ist dies der fliehende Herzog Leopold.179 Auf dem Hang hinter dem See werfen Männer, die mit Kreuzen auf dem Rücken kenntlich gemacht sind, Steine in Richtung der mehrheitlich schon fliehenden Habsburger in Helm und Rüstung. Bei Stumpf ist die Flucht stärker betont als die Kampfhandlung.180 Die schwyzerischen Kämpfer tragen einheitliche Kleidung und eine leichte Rüstung mit Helm ohne Gesichtsvisier. Die Habsburger tragen viele kleine und grosse Fahnen mit sich, von denen jedoch alle blank sind. Ein habsburgischer Ritter und sein Pferd liegen im unteren Bereich des Schlachtfelds. Rechts am Bildrand, wo die Landschaft zerklüftet und felsig ist und Tannen statt Laubbäume wachsen, steht ein Turm, vermutlich der Schornenturm. In der rechten oberen Bildecke sind eine Kirche und ein Haus zu sehen, womöglich das Dorf Sattel.
Bildtopos Morgarten?
Was macht nun den «Bildtopos» von Morgarten aus? Gemeinsame Motive der drei Chronikbilder sind: der See im Vordergrund mit Rittern und Pferden darin, ertrinkend oder fliehend (ein Sinnbild für den fallenden Hochmut); die Kampfhandlungen im Hintergrund auf einer Wiese mit Bäumen; die Lanzen sowie die Kennzeichnung einer Gruppe mit Kreuzen auf der Kleidung. Tschachtlan und Schilling verbinden die zugeordneten Fahnen, die roten Federn, Herzog Leopold und Narr Kuoni. Schilling und Stumpf haben das Motiv des Steinwerfens gemeinsam. Jeweils für ein Werk einzigartige Motive sind unter anderem die Burg (Schilling), der Turm (Stumpf) oder der fliehende Ritter (Stumpf).
Vergleicht man nun die Radierungen von 1800 mit diesen spätmittelalterlichen Chronikbildern, fällt auf, dass es keine vorherrschenden motivischen und gestalterischen Verbindungen gibt. Midarts Radierung knüpft zwar an die Bilderchroniken an, die Darstellung ist aber etwas verallgemeinert – kein Narr, keine Kreuze, keine Federn tauchen auf. Hauptmotive sind die Steinlawine und die ertrinkenden Ritter im See. Vermutlich waren die zwei ungedruckten Bilderchroniken um 1800 einem breiteren Publikum gar nicht bekannt, sondern wurden erst im frühen 20. Jahrhundert populär. Einzig Midart könnte sie als Mitglied des bischöflichen Hofs gekannt haben.

Abb. 12: Der Holzschnitt zur Schlacht am Morgarten in Johannes Stumpfs Chronik von 1547/48 wurde später als Einzelblatt vervielfältigt, mit Aquarellfarben koloriert und als Wandschmuck verkauft.181
Es waren andere Bildmedien, die den Bildtopos der Schlacht am Morgarten formten. Einem grösseren Publikum bekannt wurde ein Bildtopos zur Schlacht am Morgarten mit Druckgrafiken Ende des 16. Jahrhunderts, die Morgarten oft zusammen mit anderen Schlachten abbildeten.182 Im 16. und 17. Jahrhundert wurden zudem, teils in privatem Auftrag, Glasscheiben mit Darstellungen der Schlacht am Morgarten bemalt.183 Winterthurer Ofenmaler verwendeten im 17. Jahrhundert aus unbekannten Gründen gerne das Bildmotiv der Schlacht am Morgarten – drei Beispiele zeigen einen Nahkampf mit Speer und Schwert zwischen Fusskämpfern und Rittern vor steilen Felswänden.184 Laut Tomaschett komponierten die Ofenmaler vermutlich verschiedene druckgrafische Vorlagen zusammen. Ebenfalls im 17. Jahrhundert erschienen Druckgrafiken der Schlacht auf Neujahrsblättern.185
Von den Druckgrafiken, Scheiben und Ofenkacheln wanderte das Bild der Schlacht am Morgarten Ende des 17. Jahrhunderts auf die Aussenwände von Gebäuden. Die älteste erhaltene Monumentaldarstellung malte der Urner Zeugherr Karl Leonz Püntener 1719 für die Tellskapelle in Sisikon – ein Ausflugsziel.186 Die Stein- und Baumstammlawine wurde im 18. Jahrhundert allmählich zu einem festen Bestandteil des Bildtopos. Zu Beginn des Jahrhunderts tauchten zwei eher selten aufgegriffene Bildtopoi auf, die sich auf Chroniktexte stützen: die Rückkehr Leopolds nach Winterthur (1808) und der Pfeil des Hünenbergers (1809). Ende des 18. Jahrhunderts traten zwei weitere Topoi in Erscheinung: das Gebet vor der Schlacht (1786) und der Rat des alten Reding vor der Schlacht (1792). Im frühen 19. Jahrhundert wurde erstmals die siegreiche Heimkehr der Schwyzer (1809–1815), wie sie Tschudi beschrieben hatte, auf Leinwand gemalt – ein Topos, der im 19. Jahrhundert starke Verbreitung fand.187 Der Bildtopos zur Schlacht am Morgarten befand sich also um 1800 am Beginn seiner Verbreitung, Standardisierung und Auffächerung in mehrere Motive.
Rückblick: Die klassische Stelle Morgarten in Text und Bild, 1800
Die «klassische Stelle» Morgarten wurde bis 1830 nicht nur als Ort eines konkreten historischen Geschehens mit patriotischer Aufladung besucht, sondern auch als Idee – jener der «Freiheit», verstanden im Sinne des Freiheitsbegriffs um 1800, der in einer Ursprungserzählung in die mittelalterliche Geschichte um 1300 zurückprojiziert wurde. Das Motiv der Freiheitsschlacht ist bei Zschokke als «immaterieller Erinnerungsort» präsenter als die klassische Stelle selbst.188 Die romantischen Geschichtsinszenierungen werden durch die Historienmalereien an der Kapelle unterstützt, die vor Ort die gängigen Imaginationen des historischen Geschehens sichtbar machen.
Historisches Material im Sinne mittelalterlicher Überreste waren für eine klassische Stelle nicht notwendig, unverzichtbar war hingegen ein Narrativ. Homi K. Bhabha schrieb 1990 in Nation and Narration, dass die Nation eine Vorstellung sei, die in ihrem Konstruktionsprozess einer Erzählung (Narration) gleiche.189 Die Reiseerzählungen des 18. Jahrhunderts, so lässt sich daran anknüpfen, sind Imaginationen, die das nationale Selbstbild in einem Narrativ konstruieren, dabei performativ von der Nation sprechen und diese auch lokalisieren. In der Helvetischen Republik griffen die Propagandisten des neuen Bundesstaats die narrativen Idealbilder der Schweiz und der Schweizer aus der Reiseliteratur auf und verwendeten sie als nationaltypische Integrationsbilder. Historische Narrative waren zentral für den Prozess der Nationalstaatsbildung und wurden bereits durch die Reiseliteratur popularisiert, die entsprechende Motive aus populären Geschichtsdarstellungen, etwa von Tschudi und von Müller, übernahmen. Reiseschriftsteller erzählten diese mit einer performativen Rhetorik weiter: «Hier, wo ich jetzt stehe, haben unsere Väter…». So erzeugte die Reiseliteratur und ihr Konzept der «klassischen Stellen» eine Herkunftsgeschichte der Nation als Ort, zu dem sie eine Wahrnehmungsanleitung mitlieferte. Die «klassische Stelle», die «historische Stätte» blieb nicht ein Narrativ, sondern wurde zu einem realen Ort gemacht.
Die Schlacht am Morgarten und ihr Schlachtfeld wurden um 1800 auch ausserhalb von Reiseführern ins Bild gesetzt, etwa auf Druckgrafiken oder Fresken. Das zweite Unterkapitel fragte nach einer Motivgeschichte dieser Bilder, die zwar immer auch für den Besuch des Schlachtfeldes warben, aber auch zeitgenössische Vorstellungen spiegelten, wie die Vormoderne aussah. Die Illustrationen in den spätmittelalterlichen Bilderchroniken waren den Besuchern um 1800 wahrscheinlich kaum bekannt. Damit liesse sich erklären, weshalb die Radierungen von 1800 keine Anleihen an die Bilder von Tschachtlan und Schilling machten.
Eine Fahne und ihre Inszenierungen
Zwei Objekte und die 500-Jahr-Feier von 1815
Für Reiseautoren um 1800 war kein historisches Material notwendig, um die Vergangenheit zu evozieren. Gab es um 1800 überhaupt Material, das mit der Schlacht in Verbindung gebracht wurde? In der Zeitspanne von 1780 bis 1830 waren zwei Objekte bekannt, die der Schlacht zugeschrieben wurden: Die sogenannte Morgartenfahne und der Hünenberger Pfeil. Wie wurden diese Objekte in den 500-Jahr-Gedenkfeiern von 1815 in Schwyz inszeniert?
Nach dem Rückzug der französischen Truppen aus der Schweiz 1813 herrschten grosse innenpolitische Spannungen, die die Schweiz an den Rand eines Bürgerkriegs brachten. Am Wiener Kongress 1814/15 verhandelten Gesandte über die Neuordnung Europas und der Schweiz nach den Revolutionskriegen. Unter diesem diplomatischen Druck einigten sich die zerstrittenen Kantonsvertreter in der Schweiz im Sommer 1815 auf einen neuen Bundesvertrag, der einen losen Staatenbund von 24 souveränen Kantonen und Halbkantonen begründete. Der Bundesvertrag wurde am 7. August 1815 in Zürich feierlich beschworen.190
Wenige Wochen später, vom Sonntag, dem 24., bis Mittwoch, den 27. September 1815, feierte man während drei Tagen in Schwyz die 500-Jahr-Feier der Schlacht am Morgarten. Vom Programm der Feierlichkeiten geben die Quellen leicht abweichende Auskünfte. Zeichnet das Tagebuch des Schwyzer Pfarrers Joseph Thomas Fassbind, der dem Anlass mit gemischten Gefühlen gegenüberstand und dessen Tagebuch nur in einer Abschrift aus dem 19. Jahrhundert erhalten ist, ein zuverlässigeres Bild als der möglicherweise überholte Programmentwurf der vorbereitenden Kommission an den Regierungsrat?191 Am Montag, 25. September, sowie am Mittwoch und Freitag sei abends «ein dramatisches Spiel, oder die Morgarten-Schlacht, allemal treffliche Musik und Musik-Konzert» aufgeführt worden, schreibt Fassbind. Der Eintritt für das Drama habe 26 Dublonen betragen. Möglicherweise fanden auch ein Konzert und ein Schiessen statt – Fassbind spricht allgemein von «Schiessen, Comedien, Musik usw.»192 Der Kommissionsentwurf hatte für Dienstagmittag eine Tafel, an der jeder sein Essen bezahlt, vorgeschlagen, über deren Umsetzung Fassbinds Tagebuch jedoch schweigt.193
Fassbind und die Kommission erwähnen einstimmig eingeladene Musiker aus den Nachbarkantonen, die mit Schwyzer Musikern zusammen das Jubiläumsorchester gebildet hätten. Fassbind beziffert die Zahl der eingeladenen Musiker mit 40. Diese seien «in alle Häuser einquartiert worden».194 So erübrigte sich vielleicht das «Lustlager», eine Art Gästeunterkunft, für welches die Kommission «1 Offizierszelt und 50 andere Zelte» aus Bern bestellen wollte.195 Die Organisatoren rechneten jedenfalls mit mehr auswärtigen Gästen, als die Gasthöfe in Schwyz aufnehmen konnten.
Aufgeführt wurde das Schauspiel Morgarten, oder der erste Sieg für die Freiheit. Ein helvetisches Staats-Schauspiel in drei Aufzügen, welches der Politiker Karl Müller-Friedberg bereits 1781 drucken und 1791 in Solothurn aufführen liess.196 Gewidmet den «freyen Männern von Uri, Schwyz und Unterwalden, Urvätern der helvetischen Freyheit», pries das langatmige Stück die Tugend, Freiheitsliebe und Todesbereitschaft der Heldenväter.197 Als kurzer Einblick in den Wortlaut seien zwei Zeilen zitiert: «Stauffach: So rächt sich der Edle, der Helvetier. Er verachtet, und vergisst.»198 Und: «Das Eisen schmilzt wie Wachs unter der schweren Hellebarde.»199 In der Schlachtdarstellung folgt Müller-Friedberg grösstenteils Tschudis Erzählung und betont, dass die Waldstätter auch in grösster Not die Hilfe der Verbannten ablehnten. Das «ehrwürdige», «geweihte» Panner von Schwyz hat in Müller-Friedbergs Schauspiel ebenso seinen Auftritt200 wie der Pfeil von Hünenberg, dessen Absender ein aargauischer «Edelmann» sei.201 Unter den Urner Mitkämpfern findet sich auch Tell, der den Pfeil schiesst, «der schon einmal für die Freyheit flog».202 Nicht nur der Warnpfeil kommt also im Stück vor, sondern auch jener Pfeil, den Tell auf den Apfel geschossen hat, fliegt während der Schlacht nochmals durch die Luft – sozusagen ein Pfeil aus der Vergangenheit.
Der Höhepunkt des Jubiläums fand am Mittwoch, 27. September statt. Die weltlichen und geistlichen Amtsträger versammelten sich um halb acht Uhr beim Rathaus. Um acht Uhr begleiteten die Herren einen Umzug zur nahen Kirche. Ein Schwyzer in alter Tracht trug das «Panner, so an der Morgartnerschlacht gebrauchet worden», vom Rathaus in die Kirche, begleitet von zwölf Männern, die «in alter Schwyzer Tracht mit Hellenparten erschienen, 4 von Schwyz, 4 von Uri, 4 von Unterwalden».203 Laut Fassbind gingen 100 Soldaten voraus und weitere 100 folgten dem Festzug. Ein «Knäblein trug einen Schild, worauf die Namen der Schlachten geschrieben standen, an denen dieses Panner wehte».204 Nach dem Gottesdienst brachte dieselbe Gruppe die Morgartenfahne «unter militärischer Bedeckung» zurück ins Haus von Alois Reding, der die Fahne in seinem Privathaus aufbewahrte, wie es der Bannerherr üblicherweise tat.205 Das «Panner» wurde wie eine Reliquie inszeniert: exklusiv in einer Prozession und einem Gottesdienst präsentiert und dann wieder aus den Augen des Publikums gebracht.
Laut Dekan Gissler, der gleich eine Rede halten sollte, war die Fahne an den Schlachten in Morgarten, Laupen, Sempach, Murten, Grandson und Bellenz, also von 1315 bis 1503 sechsmal, «das Vereinigungszeichen der Schwyzer» gewesen. Dieser Kumulierung von Schlachten unter einer Fahne widerspricht die neuere Forschung.206 Die Schwyzer haben dieser zufolge im 14. Jahrhundert eine Fahne nur einmal für eine Schlacht verwendet. Im Bundesbriefmuseum in Schwyz sind heute auch die Schwyzer Standespanner von Laupen 1339 und Sempach 1386 ausgestellt.207

Abb. 13: Die Morgartenfahne: Das Seidentuch wurde in den 1980er-Jahren textilhistorisch untersucht und auf den Anfang des 14. Jahrhunderts datiert.
Beim Banner, heute meist Morgartenfahne genannt, handelt es sich um ein rechteckiges, an den Rändern leicht angegriffenes Seidentuch, das ursprünglich rot eingefärbt, aber ohne Aufdruck war. In einer Ecke des Seidentuchs ist ein Zettel aus Pergament befestigt, auf dem die Fahne in Ich-Form Auskunft gibt: «Ao. Mcccxv. Den xcj. Wintermonat, halfen die von Schwytz mit hilf deren von Ury unndt Unterwalden under mir hertzog Lüpolt von Österrich obsigen am Morgarten.»208 Der Zettel wurde allerdings erst im 16. oder 17. Jahrhundert verfasst.209 Auch auf den anderen Schwyzer Landesfahnen wurden in derselben Zeit Zettel mit ähnlichem Wortlaut befestigt, was die «Personifikation dieser Feldzeichen» zeige, wie der Historiker Oliver Landolt schreibt.210 Die Morgartenfahne gilt heute laut der Historikerin Annina Michel als «einziges Objekt, das direkt mit der Schlacht am Morgarten in Zusammenhang steht».211 In der Morgartenfeier von 1815 erfüllte sie eine wichtige Funktion in der öffentlichen Inszenierung der Schlacht und wurde als Reliquie und Denkmal behandelt.
Die Morgartenfahne und andere Schwyzer «Siegestrophäen», wie sie der Schwyzer Kanzleidirektor Martin Styger 1915 nennt, waren angeblich während der Helvetik nach Bern gebracht worden und kamen wohl erst kurz vor 1815 nach Schwyz zurück. Martin Styger berichtet, dass die «Pergamenturkunde» an der Morgartenfahne versehentlich am Burgunder- und Schwabenkriegpanner gelandet und in Schwyz von Landammann Styger «nach genauer Prüfung, namentlich an Hand der Beschreibungen früherer Pannerfeste» wieder am richtigen Banner befestigt worden sei.212 Das Morgartenbanner war ein bereits bekanntes Inszenierungsmittel schwyzerischer Autonomie, in den Worten Oliver Landolts, der schwyzerischen «Landesehre», 213 das, vorübergehend verloren, nun wieder öffentlich in Besitz genommen wurde.
Nachdem die Morgartenfahne 1815 in einer feierlich-triumphalen Prozession vom Rathaus in die Schwyzer Pfarrkirche getragen worden war, wurde sie während der Rede des Dekans Gissler und des Hochamts in der Mitte der Kirche aufgestellt. Die Rede des Pfarrers von Attinghausen, dem betagten Dekan Gissler, druckte noch im selben Jahr der Verlag Benziger und Eberle in Einsiedeln als «Gelegenheits-Rede bey der fünfhundertjährigen Erinnerungsfeyer der Morgarter Schlacht».214 Gissler erzählte die Geschichte der Schlacht am Morgarten gemäss Tschudi und setzte sie mit längeren Bibelzitaten in Bezug zur Geschichte der Makkabäer und zum Kampf David gegen Goliath. Absicht seiner Rede war es, die jüngeren politischen Ereignisse in der Schweiz und vor allem den neuen Bundesvertrag in das Narrativ vom freien Vaterland einzuordnen und als Weg zu einer neuen Eintracht zu beschwören. Vor allem aber zielte Gisslers Rede darauf, das Bild der patriotisch Gesinnten als fromme und treue Beschützer der Kirche zu bestärken, wie es deren heldenhafte Väter gewesen seien. «Ja Brüder! Waldstätter! Ich beschwöre euch bey der heiligen Asche eurer Väter, […] ich beschwöre euch bey dieser ehrwürdigen Fahne, unter welche diese Treue und Eintracht geschworen, und sie am Morgarten zum Kampf und Siege angeführt hat […]». Und an die «Hochansehnlichen» unter den Gästen: «Verlassen Sie diese heilige Kriegsfahne, dieses kostbare Denkmal väterlicher Tapferkeit nicht, bis Sie unter demselben Nachfolge den Vätern, Treue den Bünden, und Eintracht den Brüdern gelobet haben […]».215 Es folgte ein Segen des Standes Schwyz und der «ganze[n] hochlöbliche[n] Eidsgenossenschaft»: «Bewahre, segne, heilige uns alle. Amen.»216 Nach dieser patriotischen und religionspolitischen Rede hielt der Abt des Klosters Einsiedeln, Konrad Tanner, das Hochamt, welches ein Schwyzer Orchester, das mit den eingeladenen Musikern aus den Nachbarkantonen verstärkt war, begleitete.217 Gissler bezieht sich in seiner Rede immer wieder auf die Morgartenfahne («ehrwürdige Fahne», «heilige Kriegsfahne», «kostbares Denkmal väterlicher Tapferkeit») und inszeniert sie als Beweis für die Taten der «Väter» und bindendes Schwurmittel für die anwesenden stilisierten «Söhne».
Um 12 Uhr stand laut Fassbind «eine prächtige Mahlzeit […] für mehr als 100 Personen» bereit, an welcher der Abt Tanner Platz nahm.218 Nicht Geladene bezahlten ihr Essen selbst.219 Es seien «über 50 frömdi Priester […] und unzählig viel hiesig und frömdes Volk» dabei gewesen.220 Um 3 Uhr nachmittags gab das Orchester nochmals ein Konzert. Laut dem Kommissionsentwurf hätte abends um 8 Uhr ein Ball stattfinden sollen, Fassbind erwähnt für den Mittwochabend sowohl eine erneute Aufführung des Morgarten-Schauspiels als auch ein Konzert und eine «Komedie», an welcher der Einsiedler Abt teilnahm. Laut Fassbind habe es Abt Konrad Tanner an der 500-Jahr-Feier in Schwyz gefallen, und am Donnerstagmorgen sei er mit seiner Begleitung – fünf Pater, «2 Tozet Sänger, Kammerdiener, Sigrist und 2 Bedienten» – «hochvergnügt» wieder abgereist.221 Fassbinds Tagebucheintrag gibt einen gespaltenen Eindruck wieder. Unzufrieden notierte er, dass für «die Comedie» die Gottesdienste verschoben werden mussten. Das Jubiläum sei aber insgesamt «in speciem solemnissime», also auf höchst feierliche Weise abgehalten worden.222
Wer organisierte die 500-Jahr-Feier von Morgarten im turbulenten Sommer 1815? Der Text der Einladung spricht dafür, dass die aktuellen politischen Umstände den Anlass zur Feier gaben: «Man zählte gerade 500 Jahre seit der folgereichen Schlacht am Morgarten, von welcher die gesicherte Freyheit und Unabhängigkeit der Urkantone sich datiert und welchem wichtigen Ereignisse auch die übrigen Kantone ihre Freyheit und Selbständigkeit in der Folge zu verdanken haben. Es ist ein besonderes Zusammentreffen, dass gerade […] diese erkämpfte Freyheit neuerdings von den grossen Mächten Europas bestätigt und garantiert wird.»223 Dreimal wird in dem zitierten Ausschnitt der Begriff «Freyheit» erwähnt: Die Freiheit, die sich die Urkantone 1315 sicherten, die Freiheit, die daraus auf ungenannte Weise für die übrigen Kantone erwuchs, und die Freiheit, die in der Gegenwart 1815 am Wiener Kongress bestätigt werde. Über den elastischen Begriff der Freiheit schlagen die Veranstalter der Gedenkfeier einen Bogen von der Schlacht am Morgarten in die politische Gegenwart von 1815.
Im September 1815 wurde in Schwyz die Schlacht am Morgarten auf neuartige Weise in einem Festspiel mit Unterhaltungsprogramm sowie anhand von Objekten, die die Geschichte verkörperten, inszeniert: Fahne, Hellebarden und Trachten. Die Fahne wurde als Reliquie und als Symbol für die Vorsehung Gottes in einer Reihe siegreicher Schlachten gefeiert. Diese Nutzung der Banner, die es bereits vor 1798 gab, verstärkte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts. Ab 1822 wurden an den Schützenfesten die Schlachtfahnen mitgetragen und, laut Frei, «hoch verehrt».224
Ebenfalls wichtige Inszenierungsmittel an der Gedenkfeier von 1815 waren Hellebarden und Trachten. Die Verbindung von Hellebarden mit der Schlacht am Morgarten kann sich auf die Chronik von Johannes von Winterthur berufen, der in seiner Schlachterzählung von 1340 die «helnbarta» erwähnt.225 1815 werden die Hellebarden als typisch mittelalterliche Waffen der Schwyzer inszeniert. Trachten waren 1815 hingegen ein neues Inszenierungsobjekt. Im Historischen Lexikon der Schweiz werden sie als regionsspezifische, dem Wandel bewusst entzogene, festliche Kleidung einer ländlichen Bevölkerung beschrieben, die im 18. Jahrhundert im Sinne einer «Erfindung von Tradition» (Eric Hobsbawm) kreiert wurde.226 Trachten zeigten 1815 ein gewachsenes kantonales und ländliches Selbstverständnis und sollten eine «typische» Schweizer Bevölkerung ins Bild setzen. Vermutlich wurde die Nachfrage nach Trachtenbildern auch von einer touristischen Käuferschaft angeregt.
Ein weiteres Inszenierungsobjekt von Morgarten ist der Pfeil von Hünenberg.227 Zwar taucht er in den Quellen über die Schwyzer Feierlichkeiten von 1815 nicht auf, doch soll im selben Jahr der Luzerner Patrizier Anton Zurgilgen den Pfeil der Goldauer Familie Zay geschenkt haben. Diese bestätigte schriftlich den Besitz des Pfeils 1862.228 In den 1880er-Jahren war der Pfeil im Hotel Rigi in Arth als Wandschmuck ausgestellt. 2015 wurde jener Pfeil, den die Korporation Unterallmeind in Arth als «originalen» Hünenberger Pfeil ausgestellt hatte, archäologisch und mit Radiokarbonanalyse auf sein Alter überprüft. Das Ergebnis war eine Datierung sowohl der Geschossspitze als auch des Holzes in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts, wobei festgehalten wurde, dass das Holz erst nach 1315 zu einem Pfeil verarbeitet wurde.229 Es ist vermutlich kein Zufall, dass ein Hünenberger Pfeil genau im Jahr 1815 verschenkt worden sein soll. Die Gedenkjahre erhöhen die Nachfrage nach historischem Material, mit dem sich einzelne Personen, Familien oder die Obrigkeit inszenieren können.
Obwohl man 1815 in Schwyz plante, wieder jährlich eine Morgartenfeier zu veranstalten, waren die Gedenkfeiern der 1820er- und 1830er-Jahre nur kleine Feiern, die 1833 versandeten. 1821 gründeten Schweizer Studenten, die an ausländischen Universitäten studierten, in Aarau den sogenannten Sempacherverein, der Reisen zu den alteidgenössischen Schlachtfeldern organisierte, wo die Mitglieder Erinnerungsfeiern abhielten.230 Ziel des Vereins war es, die Vaterlandsliebe zu stärken und «die heiligen Stätten des Vaterlandes, geweiht durch die Grossthaten unserer edlen Väter, in eidsgenössischer Eintracht zu besuchen […]». Diese als «patriotische Wallfahrten» bezeichneten Ausflüge führten den Sempacherverein nach Sempach, auf die Ufenau bei Stans, nach Murten, Näfels, Stoss, Schwaderloh und nach St. Jakob an der Birs. 1829 löste sich der Sempacherverein wieder auf. Morgarten fehlte aus unbekannten Gründen auf der Ausflugsliste des Sempachervereins.231
Trotz dieser wenig erfolgreichen Fortsetzungen kann man behaupten, dass mit der Inszenierung von 1815 ein Schema von Morgartenfeiern erfunden wurde. Das historische Gedenkjahr, das sich auf eine runde Zahl berufen kann, wurde in grossem Rahmen mit Unterhaltungsangeboten als Symbol für Eigengeschichte gefeiert, womit eine Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt werden sollte.232
Rückblende: Geschichtsgebrauch vor 1800
Die 500-Jahr-Gedenkfeier war nicht der erste Anlass, der sich auf die Schlacht am Morgarten berief. Seit dem 16. Jahrhundert sind Schlachtjahrzeiten belegt. In der älteren Literatur wird angenommen, dass die Schlachtjahrzeiten wenige Jahre nach den kriegerischen Ereignissen erstmals durchgeführt worden seien und sich seither unverändert erhalten hätten.233 Meist wird auch davon ausgegangen, dass es sich bei den Schlachtjahrzeiten um typisches eidgenössisches und vor allem innerschweizerisches «Brauchtum» handle.234 Der Historiker Rainer Hugener führte diese Lehrmeinungen wesentlich auf den Einfluss der 1940 erschienenen Quellensammlung Das Schlachtjahrzeit der Eidgenossen nach den innerschweizerischen Jahrzeitbüchern des Klosterarchivars von Einsiedeln Rudolf Henggeler (1890–1971) zurück.235 So wie der Titel von «Das Schlachtjahrzeit» in Singular spricht, verstand Henggeler die Schlachtjahrzeit als singuläres, immer gleich bleibendes, religiöses «Volksbrauchtum». Schlachtjahrzeiten wurden jedoch im Spätmittelalter von benennbaren Akteuren aus bestimmten Anlässen und Absichten eingeführt. Die Obrigkeiten des Spätmittelalters hätten, so Rainer Hugener, die Schlachtjahrzeiten – «liturgische Feiern zum Andenken an bestimmte kriegerische Auseinandersetzungen»236 – angeordnet, um Niederlagen der spätmittelalterlichen Gegenwart zu bewältigen. Zum Beispiel sei das Gedenken an die Schlacht bei Sempach zuerst als Dankfeier für den Sieg gestaltet worden; den Gefallenen gedachte man erst nach der Niederlage von Arbedo 1422.237
Seit wann wurde der Gefallenen von Morgarten gedacht? In den frühesten Jahrzeitbüchern der Innerschweiz wurde die Schlacht nicht erwähnt, die Namen der Gefallenen waren folglich auch nicht überliefert.238 Eine entscheidende Rolle für das Schlachtjahrzeit von Morgarten spielte der Berner Chronist Konrad Justinger.239 Justinger verfasste ab 1420 im Auftrag der Berner Obrigkeit eine Chronik der Geschichte der Stadt Bern von deren Gründung bis in die Gegenwart des frühen 15. Jahrhunderts. In dem später Berner-Chronik genannten Werk brachte Justinger die Schlacht am Morgarten mit der Gründung der Eidgenossenschaft in Verbindung und etablierte einen Kanon der siegreichen eidgenössischen Schlachten, der mit Morgarten beginnt.240 Zudem zog Justinger Parallelen zwischen der Schlacht am Morgarten und zeitgenössischen Berner Kämpfen gegen die Habsburger. Weshalb gab Justinger Morgarten ein grosses Gewicht in seinem Geschichtsbild? Die Berner Regierung wünschte sich vermutlich auch deshalb eine Stadtgeschichte, um Berns Eroberung des Aargaus, seine antihabsburgische Politik und seine aktuelle Bündnispolitik zu legitimieren und zu bestärken.241 Morgarten 1315 und Aargau 1415 hätten mit der Chronik Justingers im Gedenkjahr 2015 als Zusammenhänge gedacht werden können.
Justingers Chronik diente dem Luzerner Melchior Russ als Vorlage für seine 1482–1488 verfasste Luzerner Chronik.242 Russ schrieb grössere Textteile aus Justingers Berner-Chronik ab. Unter anderem übernahm er Justingers Schlachtenkanon, nach dem Morgarten die erste in einem Kanon von «Freiheitsschlachten» gewesen sei, welche die Eidgenossenschaft begründeten.243 Das Urner Jahrzeitbuch aus den 1480/1490er-Jahren wiederum übernahm die Darstellung Morgartens von Justinger/Russ und nannte erstmals Namen von Gefallenen. Hugener zeigt, dass die Urner Verfasser des Jahrzeitbuchs tatsächlich aus Urkunden aus dem frühen 14. Jahrhundert «alt» wirkende Namen auswählten und dass einige der Namensträger auch nach 1315 noch am Leben waren. Als man die Namen der angeblichen Gefallenen niederschrieb, war man einerseits um eine Art historischer Authentizität besorgt, andererseits berücksichtigte man aktuelle Interessen. So bemühten sich herrschende Urner Familien wie die Beroldingen darum, einen ihrer Vorfahren in der Gefallenenliste unterzubringen, weil eine Beteiligung am ersten Freiheitskrieg als symbolisches Kapital der Nachfahren galt, wie Hugener argumentiert.244
Derselbe Vorgang wiederholte sich nach 1521 in Schwyz, wo etwa die Familie Schorno im Jahrzeitbuch festhalten liess, dass einer ihrer Vorfahren im hohen Alter bei der Schlacht am Morgarten geblendet worden sei.245 Die Erzählung des alten Mannes, der geblendet wird, ist ein bekanntes Motiv zur Darstellung der Grausamkeit und Willkür tyrannischer und illegitimer Herrscher und aus der Geschichte des Vaters von Arnold von Melchtal bekannt.246 Auch die Zuger liessen in den 1470er-Jahren – der Kontext war laut Hugener die Niederlage in der Schlacht von Arbedo – ein neues Jahrzeitbuch schreiben, worin Morgarten an erster Stelle aufgeführt ist. Verwandte Gefallene erwähnten sie aber nicht, weil diese auf der «falschen» Seite gefallen wären und nicht zur neuen Bündnispolitik passten. Die führenden Innerschweizer Familien zogen also Geschichte heran, um die aktuelle politische Ordnung und ihre Stellung darin zu rechtfertigen und somit zu festigen. Hugener nennt diese Form des um 1500 gängigen Geschichtsgebrauchs «Verlängerung der Vergangenheit»: Die eigene Geschichte werde «entlang einer fast kanonischen Reihe von Schlachten» imaginiert.247
1521 beschloss der Rat von Schwyz, der Schlacht am Morgarten am 11. November zu gedenken. Im Jahrzeitbuch waren im Jahr des Beschlusses noch keine Gefallenennamen von Morgarten enthalten, diese wurden erst später eingefügt. Laut Hugener war der Auslöser für diese Renaissance von Morgarten die Schlacht von Marignano 1515, bei der Tausende eidgenössische Söldner ums Leben kamen. Das Gedenken an die siegreiche Schlacht von 1315 sollte helfen, die Verluste und die Niederlage von Marignano zu verarbeiten.248
Die 1521 eingerichtete Schwyzer Schlachtjahrzeit konnte sich jedoch nicht etablieren, weil die Obrigkeit die Feier zwar verordnet, aber ihre Finanzierung nicht geregelt hatte.249 Die eidgenössischen Schlachtengedenkfeiern wurden vom Spätmittelalter bis zur Helvetik mehrmals an zeitgenössische Kontexte angepasst und entsprechend verändert.250 In den 1820er-Jahren, nach dem Ende der Helvetischen Republik, wurden die Schlachtjahrzeiten wiederbelebt und auf eine neue Art gefeiert. Dabei wurde an die Gedenktradition des Spätmittelalters angeknüpft, die religiösen Inhalte jedoch zu patriotischen Reden oder, nach Georg Kreis, zu Festen zivilreligiöser Art umgedeutet, in denen weniger der Toten als der siegreichen Tat gedacht wurde.251 Neben dem lokalen Publikum richteten sich die Gedenkfeiern des 19. Jahrhunderts auch an einen überregionalen, teilweise nationalen Einzugskreis von Zuschauern. Die Funktion dieser neuartigen Gedenkfeiern war es, das Nationalbewusstsein zu fördern.252
Die Schlachtjahrzeiten fanden bis in die 1940er-Jahre in der Pfarrkirche von Sattel statt, die angeblich auf eine Stiftung der Schwyzer im Gedenken an Morgarten gebaut worden sei.253 1940 verlegte man die Gedenkfeier neu zur Kapelle in der Schornen, der sogenannten Schlachtkapelle. Zur Geschichte dieser Kapelle gibt es nur lückenhafte Angaben. Laut Annina Michel wurde sie 1603 «neu gebaut», man hielt aber in einer Urkunde fest, dass es eine Vorgängerkapelle seit 1501 gegeben habe.254 Dies würde Hugeners These von einer Renaissance des Schlachtgedenkens nach Marignano 1515 widersprechen. In der Literatur wird aber nirgends erwähnt, ab wann die Kapelle «Schlachtkapelle» genannt und mit Fresken zur Schlacht versehen wurde – sie ist zugleich auch eine Jakobskapelle am Pilgerweg. Gonzague de Reynold behauptet, die Kapelle sei 1520 mit einem entsprechenden Wandbild bemalt worden, ohne die Quellen für diese Jahreszahl anzugeben.255
Fazit
1795 erschien Carl Julius Langes Buch Über die Schweiz und die Schweizer, in welchem Lange eine Parodie auf den Reisediskurs über die Schweiz und die Reiseliteratur unter dem Titel Über die Kunst Schweizerreisen zu schreiben. Ein Fragment in Gesprächen einfügte. Im Dialog zwischen den zwei Personen A (Alp) und G (Gletscher) erklärt A (Alp) die «unwiderstehliche Kraft des Wörtchens da», auf die es in einer «Schweizerreise» als malerischem Text ankomme: «A (Alp): Ich meyne das kräftige Wörtchen da, das die Gegenstände so anschaulich verwirklicht.»256 Der historische Ort bietet, so suggeriert der Ratschlag, die Möglichkeit, rhetorisch über die Anschauung Wirklichkeiten zu schaffen. Lange parodierte in seinem Buch die malerische Schwärmerei jedoch als Rezept für erfolgreiche und nichtssagende Reiseberichte. Mit welchen Motiven, in Bezug auf welches historische Material und mit welchen Inszenierungen verbanden die Reiseliteraten den Besuch einer historischen Stätte?
Historische Stätten wurden um 1800 als «klassische Stellen» verstanden. Die Autoren führten meistens die Schlachtkapelle oder die Landschaft für die Verortung an. Diese Anhaltspunkte wurden auch als historisches Material im Sinne einer Ruine wahrgenommen. Die Reisenden und Verfechter des Reisens um 1800 verstanden den Besuch historischer Stätten als ein patriotisches oder auch national-pädagogisches Verhalten. Sie berichteten emphatisch von patriotischen Gefühlen, die sie vor Ort empfunden hatten. So gab die Reiseliteratur eine neue Art vor, wie patriotische Gefühle performativ ausgedrückt werden konnten: Formulierungen wie «Hier wars» oder «Hier wo ich jetzt stehe» tauchen immer wieder auf. Das Interesse der Reisenden an der Geschichte und ihren Stätten beeinflusste auch das Geschichtsbild der Schweiz. Dabei sorgte es im Falle von Morgarten für eine verstärkte nationale Lesart der Schlacht, die Reiseliteratur nutzte aber die Geschichte auch auf eine «globalisierte» Weise für eine internationale Leserschaft.257
Zeugen der Geschichte können sowohl die Stätte, deren Besucher, Bauten, die Landschaft oder historisches Material sein. Diese beliebig scheinende Zuschreibung erfüllt vermutlich die Funktion des Beglaubigens – es ist aber nicht klar, was diese Objekte bezeugen sollen. Den richtigen Ort, die wahre Geschichte oder das emphatische Verhältnis zwischen den romantischen Besuchern und dem Ort oder der Geschichte?
Vaterländische Bildungsreisen oder patriotische Wallfahrten waren idealerweise Wanderungen in einer Landschaft, die so etwas wie eine typisch nationale Landschaft darstellt – in der Schweiz etwa die Alpen. Die historischen Stätten wurden als besonders wirkmächtige Orte innerhalb einer Landschaft verstanden. Orvar Löfgren behauptet, dass der Wunsch des 18. Jahrhunderts nach dem Pittoresken und Sublimen die Fähigkeit des «historical daydreaming» entwickelt habe.258 Das historische Tagträumen werde möglich, indem Landschaft und Geschichte machtvoll verbunden würden: Hier, wo wir jetzt stehen, sind unsere Vorväter vor uns gestanden. Dies sei der magische Ort, um mit der nationalen Vergangenheit in Berührung zu treten.259 Doch wie wird diese Verbindung zwischen Landschaft und Geschichte hergestellt?
Um nochmals deutlich zu machen, dass der Blick auf die Gegend und ihre Geschichte unter anderem von und für Reisende geschrieben wurde, dient ein Beispiel aus der ausgehenden Frühzeit des Tourismus. Der aus Lyon stammende Genfer Kaufmann Louis Simond schrieb 1822 in seinem Buch Voyage en Suisse fait dans les années 1817, 1818 et 1819 über seinen Besuch des Rütlis und der Tellkapelle Folgendes: «Le lac, le roc, la chapelle bâtie sous les yeux de cent quatorze contemporains du héros, enfin la tradition existante dans le pays, ont tout à coup donné à Guillaume Tell la realité qui lui manquait.»260 Der See, der Fels, das im Angesicht von Zeitzeugen Tells gebaute Baudenkmal und die «Tradition» des Gedenkens hätten Wilhelm Tell auf einen Schlag die Realität verliehen, die ihm gefehlt hatte. Der konkrete Ort verleiht der Erzählung eine eigentümliche Konkretheit.
Simonds Voyage zeigt auch einen Wandel der Reiseführer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die historischen Ausführungen werden ausgelagert, entweder in separate Geschichtswerke oder, wie es Simond macht, in einen zweiten Band.261 Diese Auslagerung ermöglicht einen Gegentrend zu den knapper werdenden Einzeleinträgen in Reisehandbüchern wie dem Baedeker und sind zugleich Ausdruck eines grossen Interesses für Schweizer Geschichte – in Simonds Fall in der Westschweiz und sogar in Frankreich, dem Land der gerade wieder abgereisten Besetzer. Der Schriftsteller Karl Viktor von Bonstetten schrieb am 26. Juni 1822 an Heinrich Zschokke, man lese in Frankreich und auch in Genf «Simonds Reise durch die historischen Gefilde der Schweiz […] wie eine Geschichte des Monds».262
Mit der einsetzenden Industrialisierung des Tourismus ab 1830 werden die historischen Stätten mit Denkmälern und mit einer touristischen Infrastruktur versehen. Die anhaltend hohe Zahl an Besuchern bewirkt den Bau von Dienstleistungsangeboten, die sich spezifisch an – nun darf man das Wort brauchen – Touristen richten. Weil das Ägerital nicht an den grossen Reiserouten liegt, kommt dieser Prozess erst in den 1880er-Jahren in Gang.
Gasthaus Morgarten, 1880–1908
Die Herstellung des Orts Morgarten
Fremdenindustrie
Zwischen 1830 und der Jahrhundertwende wurde in der Schweiz eine dichte touristische Infrastruktur, ein «technisch-geschäftlicher Apparat»263 für Reisende und Ausflügler gebaut. Neue Eisenbahnlinien und Dampfschiffkurse, verbesserte Strassen, neue Hotels, Reiseagenturen und Reiseführer beschleunigten, vereinfachten und verbilligten ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Reisen.264 1882 wurde die Gotthardstrecke eröffnet und 1891 die Südostbahn, die über die Hochebene von Sattel führte. Regionale Reiseführer, wie der Illustrierte Führer Zug (1884) von Fernando Kaiser, verfestigten Standards. Tourismusakteure gründeten auch in kleinen Orten wie Unterägeri Verkehrs- oder Verschönerungsvereine, gaben Werbebroschüren und Fremdenblätter heraus und investierten in neue Attraktionen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Ideen des Reisens und der Freizeit populär und ab 1890 beteiligten sich auch die wenig begüterten Gesellschaftsschichten daran.265 Laurent Tissot bezeichnet die Phase der Schweizer Tourismusgeschichte ab 1830 als Ausweitung des Tourismus und setzt um 1880 dessen Glanzzeit an, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs endet.266 In der Ausweitungs- oder Erschliessungsphase entwickelte sich der Tourismus zu einer eigentlichen Industrie, im damaligen Sprachgebrauch wurde er auch so bezeichnet: als «Fremdenindustrie».
Gleichzeitig erlebte die Geschichte der Schlacht am Morgarten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Phase der Popularität im politischen Geschichtsgebrauch. Laut Roger Sablonier stand Morgarten, wie die Befreiungsgeschichte überhaupt, während der nationalen Einigungszeit für den gemeinsamen Ursprung im Mittelalter.267 Das Geschichtsbild von Morgarten sei aber erst in den Jahrzehnten nach 1891 erfolgreich in den Kanon eidgenössischer und nationaler Geschichte integriert worden. Zuvor sei Morgarten eine «regionale, altschwyzerische Tradition»268 gewesen, die in der nationalen Geschichtskultur keine grosse Rolle gespielt habe. Zu einer ausgeprägten Militarisierung sei nun eine Nationalisierung des Gedenkens an Morgarten vor Ort gekommen. Wie beeinflussten diese postulierten Veränderungsprozesse den touristischen Geschichtsgebrauch? Wie gingen die verschiedenen Formen der Geschichtsnutzung – nationalpolitisch, militärisch, touristisch und lokalpolitisch – nebeneinander her, wann harmonierten sie und wann entstanden Konflikte?
Ein Beispiel dafür, wie ein Tourismusakteur in diesem Zeitraum mittelalterliche Geschichte und Tourismus miteinander verknüpfte, sind die Aktivitäten des Kantonsschreibers, Zeitungsredaktors, Verlegers und Politikers Ambros Eberle (1820–1883).269 Eberle war Mitgründer und -besitzer des 1869 erbauten Hotels Axenstein bei Morschach, das international bekannt war. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz hatte Eberle die Morgartenfeier von 1865 ins Leben gerufen und die Idee lanciert, den Mythenstein im Vierwaldstättersee in einen Gedenkstein für Friedrich Schiller umzuwandeln.270 Der 100. Geburtstag Schillers diente ihm 1859 als Anlass, diese Idee umzusetzen. Eberles Hotelpalast war für eine wohlhabende Oberschicht gebaut worden, für die Eberle die Lage am «anerkannt schönsten Punkte am Vierwaldstättersee» in einem Prospekt von 1875 umschrieb: Sie sei «in der Mitte der grossartigen Natur und der historisch-klassischen Stätten der Urschweiz (Rütli, Tellsplatte, Mythenstein, Brunnen)».271 Den Begriff klassische Stätten versah er noch mit den zwei Zusätzen «historisch» und «Urschweiz», um die Referenz auf die Geschichte und deren Bedeutung zu verstärken.
Kinderkur und Dampfschiff
Wie wurde der Ort Morgarten vom Tourismus beeinflusst und genutzt? Die Tourismusgeschichte von Ägeri liest sich wie eine Erfolgsgeschichte: Der junge Arzt Josef Hürlimann aus Unterägeri kurierte im Jahr 1876 einen schweren Erschöpfungszustand in Baden und auf der Rigi. Dabei beobachtete er, wie kurende Kinder die übrigen erholungsbedürftigen Gäste störten. Hürlimann erkannte, dass die Kinder ein brachliegendes Kundenpotential darstellten, dem der Kurbetrieb bisher nicht Rechnung trug. Fünf Jahre später setzte Hürlimann die Idee, eine eigens eingerichtete «Kinderheilstätte» einzurichten, in Unterägeri um. Im Mai 1881 eröffnete er zusammen mit seiner Frau Sophie Hürlimann die Kinderkuranstalt Hürlimann, in der geschwächte, von Hürlimann als «anämisch» beschriebene Stadtkinder durch Licht, Luft, Bewegung, Spiel, gesunde Kost sowie Lebertran wieder zu Kräften kamen.272
Innert weniger Jahre wurden im Ägerital weitere Kindersanatorien, Kinderheilstätten, ein Töchtersanatorium und auch Kinderheime gebaut. Die jungen Kurgäste blieben im Durchschnitt drei bis vier Monate. Mit dem guten Ruf der Kinderkuranstalten kamen zunehmend auch gesunde Kinder als Ferienkinder ins Ägerital. Die meisten stammten aus Zürich und Basel, mit den Jahren gesellten sich Kinder aus ganz Europa, Nord- und Südamerika, Australien und aus dem Fernen und Nahen Osten dazu.273 Für tuberkulöse und rachitische Kinder wurde 1885 mit Spendengeldern die «Zürcherische Heilstätte bei Ägeri für scrophulöse und rhachititsche Kinder von Zürich und Umgebung» gebaut. Der Initiant Heinrich Kerez, Arzt an der Zürcher Poliklinik, begründete die Wahl Ägeris mit «der reichlichen, subalpinen Vegetation von würziger, ozonreicher, absolut staubfreier Luft»274 – eine Werbeformel, die man auch in zeitgenössischen Werbeschriften findet.275
1884 gründete Josef Hürlimann mit neun Mitstreitern den Kur- und Verkehrsverein Unterägeri, «bezweckend Einführung des Fremdenverkehrs in Unterägeri».276 In der ersten Werbebroschüre, die der Kurverein ungefähr Ende der 1880er-Jahre herausgab, warb er mit dem Slogan «Kinderparadies» und versprach: «Unterägeri ist ein Ferienidyll auch für Erwachsene.»277 Um diesen Anspruch zu erfüllen, benötigte das Ägerital weitere Attraktionen und Ausflugsmöglichkeiten. In den ersten Jahren seines Bestehens kaufte der Kurverein Bauplätze und Wegrechte, liess einen Panoramaweg bauen, engagierte sich für eine neue Strasse auf den Zugerberg und gründete 1890 die Dampfbootgesellschaft für den Ägerisee.278


Abb. 14a/b: 1923 fotografierte der Posthalter von Alosen, Eduard Rogenmoser, das auf dem Trockenen liegende Dampfboot «Morgarten II», welches die «Morgarten I» ersetzte.279 Von 1923 an sanken die Benutzerzahlen. Fünf Jahre später wurde die Schifffahrt auf dem Ägerisee privatisiert, die Schiffe hiessen «Basilea», «Josy», «Annemarie», «Morgarten III», «Ägeri» und «Victory». 1928 wurden die Schifffahrtsgesellschaft Ägerisee liquidiert und die «Morgarten II» an den Thunersee verkauft.280
14 Pferde schleppten im August 1890 das Dampfboot «Morgarten I» von der Werft Escher-Wyss in Zürich an den Ägerisee, wo es an Maria Himmelfahrt mit einem Volksfest empfangen wurde. Drei Transparente des Malers Meinrad Iten bildeten die Festdekoration und zeigten einen fischenden Pfahlbauer – inspiriert vom aktuellen Interesse für die Vorfahren der Urzeit und die jüngsten Funde am Ägerisee –, einen fröhlichen Touristen, der aufs Dampfboot wartete, und ein Schweizerkreuz mit Sternenkranz und dem Spruch «Heil dem Fortschritt».281 Herkunftsgeschichte, Tourismus und national aufgeladener Fortschrittsoptimismus standen der Verkehrserschliessung Pate.
Von Böllerschüssen begleitet fuhr das Dampfboot auf seiner Jungfernfahrt geladene Gäste von Unterägeri nach Morgarten. Die Neue Zuger Zeitung berichtete: «Hier, unter freiem Himmel, auf dem klassischen Boden, wo die Eidgenossen zum ersten Mal für die Freiheit ihr Blut verspritzten», 282 habe der Unterägerer Pfarrer Alois Staub vor den Schiffsgästen eine begeisternde Rede gehalten. Das seiner Form wegen «Halbschueh» genannte Boot mit 40 Plätzen transportierte in den ersten Betriebsjahren fünf Mal täglich Touristen von Unterägeri via Oberägeri, Ländli und Eierhals nach Morgarten.283
Die «Morgarten I» sank zweimal, 1896 wegen eines Föhnsturms und 1911 wegen Schneefall, der Kessel explodierte (1905), das Steuerruder brach (1912) und einmal sprang eine vom Schiffspfiff erschreckte Kuh über Bord. Bundesrat Philipp Etter will als Knabe vom Heizer angebrüllt worden sein, er bringe «die Galeere» ins Wanken.284 1897 wurde die «Morgarten I» auf einen Benzinmotor umgerüstet und sieben Jahre später wieder auf den zuverlässigeren Dampfantrieb zurück.285 Das Dampfschiff rentierte aber nicht und musste bald mit öffentlichen Geldern unterstützt werden. Der Preis einer Fahrt blieb für viele unerschwinglich hoch: 1896 kostete die Fahrt von Unterägeri nach Morgarten 40 Rappen, was zwei Stundenlöhnen eines Spinnereiarbeiters entsprach.286
Die Geschichte des Dampfboots ist nicht nur eine amüsante Anekdote von Visionen, Pannen und Konkursen, wie sie die Tourismusgeschichte mit Vorliebe erzählt. Die Gründung von Dampfbootgesellschaften stand an vielen Schweizer Seen am Beginn einer touristischen Entwicklung. Bootsfahrten gehörten in der Ausweitungsphase des Tourismus zu den schnellsten Reisemitteln und beliebtesten Freizeitvergnügen für Touristen und Einheimische.287 Die «Morgarten I» stellte im zeitgenössischen Schiffbau noch eine sehr bescheidene Variante dar. Die Geschichte dieses Dampfboots zeigt aber auch, dass das Stichwort «Morgarten» bereits zu Beginn der touristischen Erschliessung Ägeris als Marke eingesetzt wurde. Auch Wirtshäuser und Herbergen benannte man gerne nach der Schlacht: 1904 boten vier Gasthäuser mit diesem Namen zwischen der Landestelle Morgarten und der Schlachtkapelle ihre Gaststuben an, zwei auf Zuger, zwei auf Schwyzer Seite.
Neue Verkehrsmittel waren auch bei der Bevölkerung, etwa Arbeitern der Spinnerei Unterägeri, gefragt.288 Ab 1904 verkehrte ein Autobus der Marke Orion mit zwölf Sitzplätzen zwischen Zug und Ägeri, ab 1913 eine elektrische Strassenbahn, das sogenannte Ägeritram, welches über die 1907–1910 errichtete Lorzentobelbrücke fuhr.289 Zahlenmässig lässt sich rückblickend nicht aufschlüsseln, wie gross der Anteil der Freizeitnutzung am Schiffs- und Strassenverkehr war. Renato Morosoli spricht von 100 Passagieren, die in den ersten Betriebsjahren das Dampfboot pro Tag benutzten.290 An Sonntagen um die Jahrhundertwende fuhr sowohl auf dem Ägerisee als auch auf der Strasse ein Kurs mehr als an Werktagen.291
Auch die Strassen wurden im Hinblick auf touristische Nutzer propagiert und gestaltet. Ende des 19. Jahrhunderts spielte in den Strassenbaudiskussionen im Ägerital das Argument einer schönen, aussichtsreichen Strasse eine wichtige Rolle.292 Einzelne Gasthäuser boten in den 1890er-Jahren eigene Fahrgelegenheiten nach Sattel und Schwyz oder nach Ägeri an, andere warben mit Stallungen und Autogaragen. Autos fuhren ab 1904 durchs Ägerital. 1906 warb das Fremdenblatt Zug bereits mit «delightful automobile runs»293 nach Baar, Menzingen und Ägeri. Im selben Jahr schlug das Zuger Fremdenblatt unter den eintägigen Ausflügen folgende Strecke vor: «Zu Fuss oder per Fuhrwerk nach Unterägeri, Oberägeri, per Schiff nach Morgarten, per Fuhrwerk oder zu Fuss nach Sattel, per Bahn nach Arth-Goldau, per Schiff nach Zug oder umgekehrt.»294 Die Kombination unterschiedlicher Fortbewegungsmittel scheint dieser touristischen Rundtour nicht abträglich gewesen zu sein.

Abb. 15: Im Illustrierten Führer Zug, den Fernando Kaiser 1885 publizierte, wurde das Ägerital als «Kurort für Brustkranke, Nervenleidende und Blutarme» angepriesen. Hervorgehoben wurden das milde Klima, die Ruhe sowie ein «Reichthum an Naturschönheiten und geschichtlichen Erinnerungen».295
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