Read the book: «Träume von Freiheit - Ferner Horizont»

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Silke Böschen

Träume von Freiheit – Ferner Horizont

Roman


Impressum

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Susanne Tachlinski

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vittorio_Matteo_Corcos_-_Dis-mois_tout.jpg

und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lily_Elsie_LCCN2014686094.jpg

ISBN 978-3-8392-6806-3

Widmung

Für Fanny und Florentine.

Ihr seid mein Glück.

1. Teil

1. Die Schlangenfrau

Dresden, 20. Dezember 1875

Der Vorhang hob sich. Es roch nach Staub und Puder. Der rote Samtstoff war an einigen Stellen fleckig. Florence saß ganz vorn und unterdrückte ein nervöses Kichern. Tiere, wie aus einer längst untergegangenen Welt, so groß, dass sie ganze Kälber verschlingen – so hatte es auf den Plakaten gestanden. Beherrscht nur von einer zarten Frau, der Schlangenbändigerin Mademoiselle Laurent aus Paris. Der Victoria-Salon war jeden Abend ausverkauft. Florence presste den Fächer vor den Mund. »Henri, meinst du, die Schlangen können von der Bühne gleiten?«, wisperte sie ihrem Mann ins Ohr. Er schüttelte den Kopf und sah sie an. Sie konnte entzückend sein! Er drückte ihre Hand. Sie war kalt.

Die Bühne lag in vollkommener Dunkelheit. Nur das Gaslicht sorgte für einen schwachen Lichtkranz vor den Bühnenbrettern. Florence hörte, wie hinter ihr ein Opernglas aus dem Karton gezogen wurde. Sie genoss die Anspannung. Eine Schlangenbezauberin – hier in Dresden! Die Frau kam von einem Pariser Theater, dessen Name ihr nichts sagte: Folies-Bergère. Henri hatte anerkennend genickt, als er es gelesen hatte. Florence starrte auf die Bühne. Sie konnte die Umrisse von vier ausladenden Körben erkennen. Leise begann eine Männerstimme zu singen. Ein klagendes Lied in einer Sprache, die Florence nicht verstand. Der Mann verstummte. Jetzt hörte sie eine Flöte. Auf Florence’ Unterarmen stellten sich die Härchen auf. Eine Trommel ertönte in einem halblauten, gleichförmigen Rhythmus. Stille. Zwei dunkelhäutige Männer, bekleidet nur mit weiten Serail-Hosen und einem Turban auf dem Kopf, betraten die Bühne. In den Händen hielten sie rußende Fackeln, die sie in schwere, gusseiserne Halterungen an den Seiten steckten. Gebannt starrte Florence auf die Männer, die wieder zu ihren Instrumenten griffen. Im Hintergrund erkannte sie das Bühnenbild – eine Art Urwald mit exotischen Schlingpflanzen und Palmen. Man hörte ein Knacken aus einem der Körbe, er schwankte ein wenig. Florence stieß die Luft aus.

Die Trommelschläge wurden schneller. In ihrem Rhythmus tanzte eine Frau in einem durchsichtigen, enganliegenden Kleid auf die Bühnenmitte zu. Sie hatte ihre dunkelblonden Haare in große Locken gelegt, die von einem bunten Tuch am Hinterkopf zusammengehalten wurden. Darunter ergoss sich noch mehr Haar, beinahe bis zur Taille hinab. Die Frau erhob ihre weichen, weißen Arme wie zu einem Gebet. In den Händen hielt sie ein Tamburin. Der Ausschnitt ihres Kostüms war gewagt. Die üppig dargebotene Weiblichkeit verdarb Florence die Stimmung. Die Schlangenbeschwörerin klopfte gegen das Tamburin und schloss die Augen. Sie war stark geschminkt. Am Hals trug sie ein schwarzes Samtband, an dem ein Kruzifix hing. Wie geschmacklos!, dachte Florence streng und blickte zu Henri hinüber. Ihr Mann starrte auf die Bühne. Die Frau machte ein paar weitere Tanzschritte, dann verstummte die Musik, und sie verbeugte sich. Henri klatsche begeistert. Florence runzelte die Stirn.

Sie nestelte an ihrem Fächer. »Ich dachte, das ist eine Tier-Schau«, flüsterte sie ärgerlich und beobachtete, wie die Frau auf der Bühne sich an einem der Körbe zu schaffen machte. Sie sah, wie die Frau unter sichtbarer Anstrengung einen Schlangenkörper hervorzog. Die dunkelhäutigen Männer halfen ihr, das massige Tier aus dem Korb zu heben. Florence hielt die Luft an. Der dunkelgrüne Leib mit dem braunen Muster wollte kein Ende nehmen. Zwei Meter? Drei Meter? Vorsichtig legten die Männer die Schlange auf die Schultern der Frau. Wie eine teure Zobelstola hielt sie das Tier, nahm die Enden und breitete die Arme aus. Florence sah, dass die Frau trotz der dicken Puderschicht Schweißperlen auf der Nase hatte. War die Schlange so schwer? Oder schwitzte sie vor Angst? Florence griff wieder nach Henris Hand. Und dann schritt die Dompteurin doch tatsächlich die Bühne ab. Ganz nahe kam sie. Das Gaslicht von unten ließ sie gespenstisch aussehen. Die Schlange wirkte noch riesiger, als sie es ohnehin war. Florence zuckte zurück.

Henri zwinkerte der Schlangenfrau zu und nickte unauffällig in Florence’ Richtung. Die Tierbändigerin zeigte keine Regung, doch dann machte sie einen kleinen Knicks direkt vor Florence und ließ die Schlange in ihrer rechten Hand hinabgleiten. Der Schlangenkopf hing keinen Meter entfernt vor Florence’ Gesicht. Sie schrie auf und presste sich an die Rückenlehne. Das Tier baumelte vor ihr. Florence konnte die Augen erkennen und sah das schuppige Muster der Haut. »Henri! Hilfe! Sie soll die Schlange fortnehmen!«, schrie sie voller Abscheu. Selbst die Sitznachbarn waren erschrocken aufgesprungen. Man hörte spitze Schreien, ein Raunen. Und ein Lachen. Ein lautes Männerlachen. Es kam von Henri. Er machte eine lässige Handbewegung. Nun ist es gut, schien seine Hand zu sagen. Mit einer tiefen Verbeugung zog sich die Frau wieder zurück in die Bühnenmitte.

Florence’ Herz klopfte wie verrückt. Tief sog sie den Duft aus dem Riechfläschchen ein. Die Angst verging. Jetzt kam die Wut. »Wie konntest du das zulassen?«, zischte sie in Henris Richtung. »Dieses widerliche Tier? Diese unmögliche Frau! Fast nackt auf der Bühne!«

Henri lächelte und wollte ihre Hand tätscheln.

»Nimm die Finger weg! Du hast mir den Abend verdorben. Und das so kurz vor Weihnachten.« Sie versuchte, ein Schluchzen zu unterdrücken.

»Nun beruhige dich, Darling. Ein kleiner Spaß. Es ist doch nichts passiert. Mach bitte keine Szene. Das ist doch lachhaft!«

»Ich gehe gleich nach Hause. Dann kannst du dir die nackte Französin mit ihren fürchterlichen Schlangen allein ansehen.« Florence wischte sich eine Träne aus den Augen.

Hinter ihnen war Gemurmel zu hören. »Ruhe da vorn!« – »Psst!«

Unsicher strich sich Henri über den Kopf und ordnete sein Haar. Die kahle Stelle am Hinterkopf wurde seit Monaten größer. Florence guckte starr geradeaus.

In der Pause standen Florence und Henri umringt von Freunden und Bekannten aus der amerikanischen Kolonie im Foyer. Florence trank bereits ihr zweites Glas Champagner.

»Wie konntest du das nur aushalten, liebe Flo? Ich wäre direkt in Ohnmacht gefallen«, staunte Minna von Funcke.

»Sehr tapfer. Sehr tapfer!« Anerkennend tätschelte Dr. Jenkins, der bekannte Zahnarzt in Dresden, Florence’ Arm. Er zwinkerte in Henris Richtung. »Deine kleine Frau so zu erschrecken …«

Henri prostete ihm zu. »Ein kleiner Spaß.« Er zog genüsslich an seiner Zigarre. »In den Armen dieser Dame aus Paris wäre ich auch gern eine Schlange …«

Newell Sill Jenkins lachte, dann zog er Henri beiseite und wurde leise. »Die Dame ist mir anvertraut worden. Kein Scherz. Mein Kollege Dr. Evans aus Paris hatte mir geschrieben, dass ich mich um sie kümmern solle, hier in Dresden. Das Fräulein ist … wie sag ich es am besten? Also, sie ist seine Geliebte. Evans sagt, Méry – so heißt sie – sei sehr kultiviert …« Er räusperte sich und sah sich um. Die beiden Männer standen an die Wand gelehnt, während Florence sich ein paar Meter entfernt mit Clara, der Ehefrau von Jenkins, und ihrer Freundin Minna unterhielt.

Henri blickte einem Rauchkringel seiner Zigarre nach. »Aber warum muss sie dann als Schlangenfrau auftreten?«

»Sie ist wohl von Haus aus Schauspielerin und Tänzerin und liebt es, auf der Bühne zu stehen. Das hat mir Evans geschrieben.« Der zweite Gong ertönte. Die Pause ging zu Ende.

»Auf den Plakaten stand, sie kommt vom Folies-Bergère«, erwiderte Henri. »Man hört viel von diesem Theater! Da treten die schönsten Frauen auf. Sieht man ja.«

Jenkins seufzte. »Aber wir sind hier in Dresden. Nach der Schau bitten wir die Dame auf ein Glas Champagner in eine Weinstube, schicken unsere Frauen nach Hause und sagen, dass wir zwei noch etwas zu besprechen hätten.«

Henri nickte und strich über seinen schwarzen Vollbart.

Die beiden Männer schlenderten zurück.

»Na, was habt ihr zwei da ausgeheckt?« Clara Jenkins zog eine Augenbraue in die Höhe.

»Gar nichts, mein Darling. Aber Henri und ich müssen noch etwas besprechen. Wir wollen uns nach der Vorstellung kurz zusammensetzen. Dann nimmst du dir mit Florence eine Droschke, und ihr fahrt schon einmal nach Hause.«

Florence drehte sich um. »Nein, Henri soll mit mir kommen. Sonst wird es wieder so spät. Und dann trinkst du so viel.« Sie hakte sich bei ihrem Mann ein.

»Flossie, bitte überlass das mir!« Henris Stimme klang streng.

»Es geht um die Sache mit dem Ehepaar Thomas«, sprang ihm Newell Jenkins bei.

Florence blieb stehen. »Cecelia? Die Arme kann sich nirgends mehr blicken lassen.«

»Na, arm dran sind doch wohl eher die vielen Toten und Verwundeten, die ihr Mann auf dem Gewissen hat«, sagte Henri.

»Ja, grauenhaft. Man macht sich gar keine Vorstellung«, murmelte Florence. »Aber Cecelia bleibt meine Freundin. Sie kann nichts dafür, dass ihr Mann ein solcher Schuft ist und so viele Menschen mit seinem Bombenfass in den Tod gerissen hat.«

»Das müssen wir hier nicht klären. William King Thomas hat mit seiner Tat ein ganz schlechtes Licht auf uns alle hier geworfen. Die gesamte amerikanische Kolonie in Dresden muss nun ausbaden, was sich dieser Bösewicht ausgedacht hat«, erwiderte Henri und seine Stimme wurde lauter: »Da müssen wir uns positionieren. Als Amerikaner in dieser schönen Stadt. Sonst stehen wir alle unter Generalverdacht, so wie man es in den vergangenen Tagen schon in den Zeitungen nachlesen konnte. Jedenfalls wollen Newell und ich gleich noch überlegen, was wir als amerikanische Gäste in Deutschland machen können, um zu zeigen, dass wir alles andere als Schwerverbrecher und Massenmörder sind.«

Die Paare trennten sich und gingen zurück in den Saal.

Die traurige Flöte setzte ein. Und die Trommel.

Die Schlangenbeschwörerin trat langsam in die Mitte der Bühne. Dieses Mal bestand ihr Kostüm aus einem grobmaschigen Netz – verziert mit funkelnden, hellgrünen Steinchen und einer Haube auf dem Kopf aus lauter glitzernden Perlen. Florence schnappte nach Luft. In ihren Schläfen klopfte es. Das war nicht der Champagner, das war diese unmögliche Frau mit ihren widerlichen Schlangen. Sie fühlte, wie eine Migräne herannahte. Wie eine von diesen Riesenschlangen, dachte sie und betupfte ihre Stirn mit etwas Pfefferminzöl. Henri bekam davon nichts mit. Seine Augen waren fest auf die Tierbändigerin gerichtet. Er bewunderte den unbekannten Zahnarzt in Paris, der sich eine solche Geliebte leisten konnte.

Es schneite. Die meisten Droschken vor dem Varieté-Theater in der Waisenhausstraße hatten sich schon in Bewegung gesetzt. »Henri, es wäre mir wirklich lieber, du würdest mit mir kommen. Sieh doch nur, wie es schneit.« Florence hakte sich bei Ihrem Mann unter.

Clara Jenkins steckte ihre Hände vorsorglich in den Pelzmuff. »Newell, ich bin ganz Florrys Meinung. Ich weiß nicht, was es Bedeutendes gibt, dass ihr unbedingt heute zu später Stunde noch besprechen müsst. Vertagt es! Lass uns aufbrechen!« Sie sah ihn streng an.

Newell Jenkins wischte über den Rand seines Zylinders. Er seufzte. »Ihr habt ja recht. Es ist nur so …«, er warf Henri einen zerknirschten Blick zu. »Wir müssen uns um jemanden kümmern.« Und er erzählte von der Bitte seines Kollegen aus Paris, sich der schönen Schlangenfrau anzunehmen.

Florence war mit einem Schlag hellwach. Ihr Kopf dröhnte noch immer. Jetzt wollten sich die beiden Männer doch allen Ernstes mit dieser Halbwelt-Dame durch Dresden schlagen. Auch Clara Jenkins schlug die Hand vor den Mund. »Newell. Ich bin entsetzt!«

Der Zahnarzt war zerknirscht. »Aber was soll ich denn tun? Thomas Evans hat mich ins Vertrauen gezogen. Ich kann ihn nicht enttäuschen. Er ist in Paris eine absolute Instanz, was zahnmedizinische Belange angeht. Er behandelt die Zarenfamilie, den bayerischen König und andere gekrönte Häupter in ganz Europa. Clara, vielleicht öffnet er auch mir die Tür zu solch hochkarätigen Patienten.«

Clara schüttelte den Kopf: »Bei dir sperrt die gesamte sächsische Königsfamilie den Mund auf. Reicht das nicht?«

»Pscht. Nachher hört uns noch jemand! Es ist sozusagen eine kollegiale Anfrage. Man muss da gar nichts hineingeheimnissen.«

»Mit einem so prominenten Kollegen sollte man es sich nicht verscherzen«, sprang ihm Henri bei, der darauf hoffte, den Abend in französischer Gesellschaft fortsetzen zu können.

Die Runde schwieg betreten. Florence fröstelte. Sie überlegte. Natürlich war die Heimlichtuerei der Männer empörend, gleichzeitig war sie neugierig, einen Blick in eine gänzlich verbotene Welt zu werfen. Sie räusperte sich. »Henri, Newell, ich habe einen Vorschlag zur Güte. Solange die Dame ihre Schlangen nicht dabeihat und sich etwas mehr überwirft als auf der Bühne, könntet ihr doch in den Rats-Weinkeller gehen. Und um euren Ruf nicht in Misskredit zu bringen, werden Clara und ich euch begleiten.«

Clara Jenkins warf einen überraschten Blick auf ihre Freundin. »Mit diesem Vorschlag kann ich mich einverstanden erklären«, sagte sie dann etwas förmlich.

Die Herren sahen einander an. Der Abend nahm eine unerwartete Wendung. Jetzt waren sie unter der Aufsicht ihrer Ehefrauen. Henri musterte Florence ärgerlich.

Doch die lächelte. Ihre Kopfschmerzen schienen nachzulassen. »Wie gut, dass meine Eltern immer Wert auf französische Konversation gelegt haben. Das wird sich jetzt hoffentlich bezahlt machen.« Sie strahlte Henri an. »Wo bleibt die Schlangendame?«

Und tatsächlich dauerte es nur ein paar Minuten, bis eine ganz und gar in Fuchspelz gehüllte Schönheit suchend durchs Foyer kam. Newell Jenkins eilte zu ihr und geleitete sie zu der Runde. Mit einem freundlichen Nicken stellte sie sich vor: Méry Laurent sei ihr Name. Sie lächelte charmant. Ihre Stimme war angenehm, etwas tiefer als die der meisten Frauen. Noch immer trug sie Schminke im Gesicht. Aber nicht mehr in so auffälligen Farben wie eben noch auf der Bühne. Sie wirkte jünger als während der Vorführung und gleichzeitig sehr erwachsen, dachte Florence, die es aufregend fand, einer solchen Frau gegenüberzutreten. Clara Jenkins blieb zurückhaltend, wenngleich sie sofort ins Französische wechselte, um dem Besuch aus Paris die Beklommenheit zu nehmen.

Henri de Meli ließ Méry kaum aus den Augen. Doch seine Französischkenntnisse waren bescheiden. Bis auf ein paar Höflichkeitsfloskeln konnte er wenig zur Unterhaltung beisteuern. Ganz anders Florence. Sie verlor die Scheu vor der eleganten Zahnarzt-Geliebten und ließ sich berichten vom Salon der Méry Laurent, in dem Dichter und auch Maler verkehrten. Sie wolle damit eine Stätte schaffen, erklärte die Französin, wo sich die verschiedenen künstlerischen Bereiche gegenseitig befruchten könnten. Ab und zu sei sie selbst noch auf Tournee. Doch sie würde zunehmend in Paris verlangt.

»Von Mr. Evans, nehme ich an«, bemerkte Clara Jenkins knapp.

Méry Laurent lächelte und warf ihre Locken zurück. »Ja, was wäre ich ohne Thomas?«, antwortete sie. »Er ist ein wahrer Gentleman. Und ein großartiger Arzt! Wussten Sie, dass er seit Neuestem die russische Zarenfamilie behandelt?«

Newell Jenkins nickte beeindruckt. »Ein herausragender Kollege. In jeder Hinsicht.«

Henri saß schweigend vor einem großen Krug Bier. Als er versuchte, die Runde zu einem deutschen Schnaps zu überreden, blieb er erfolglos. So trank er das Kirschwasser allein.

»Stört es Sie, wenn ich rauche?«, fragte Méry.

Clara Jenkins hüstelte, wurde aber überhört. Florence begann in ihrem Beutel nach ihrer eigenen Zigarettenspitze zu suchen. Wenn diese Dame rauchte, durfte sie es ebenfalls.

Henri beobachtete sie. »Muss das sein?«

»Ja, eine Zigarette wirst du mir doch wohl gönnen?«

»Hattest du nicht vorhin noch über Migräne geklagt?«

»Die Kopfschmerzen sind abgeklungen. Ich denke, es war der Schreck wegen der Schlange vor meinem Gesicht«, entgegnete sie schnippisch.

»Dank Thomas verstehe ich ein bisschen Englisch. Ich muss mich vielmals entschuldigen«, sagte Méry und legte eine Hand auf Florence’ Arm. Ein prächtiger Diamant funkelte mit dem passenden Armband um die Wette. »Es tut mir so leid. Das wollte ich nicht. Ihr Mann hatte so eine kleine Andeutung gemacht, und ich dachte mir nichts dabei!«

Florence lachte auf. »Ach, eigentlich ist es eine tolle Geschichte. Die kann ich morgen meinem Sohn erzählen. Aug in Aug mit einer Riesenschlange!« Sie zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch aus.

Henri verzog das Gesicht.

»Gaunerchen, nun guck nicht so böse. Unser Gast raucht schließlich auch!«

Henri schwieg und bestellte eine weitere Runde.

Es ging auf Mitternacht zu. Clara drängte zum Aufbruch. Méry Laurent schien ebenfalls müde zu werden. »Leider fahre ich morgen schon weiter. Wir haben noch einen Auftritt in Berlin. Dann geht es zurück nach Paris«, erzählte sie und sah Florence aufmerksam an. »Sind Sie manchmal in Paris?«

Florence schüttelte den Kopf. »Ich war nur ein einziges Mal dort. Aber das ist schon lange her. Mit meinen Eltern.«

»Dann sollten Sie wiederkommen. Hier ist meine Karte. Bitte besuchen Sie mich doch, wenn Sie einmal da sind!«

Florence blickte auf das cremefarbene Papier. »52, Rue de Rome, Paris«, las sie und verstaute die Karte in ihrem Beutel. »Wer weiß? Vielleicht machen wir einmal eine schöne Reise nach Paris, was, Henri?«

Henri de Meli hob langsam den Kopf. Eine Haarsträhne hatte sich gelöst und klebte an seiner Stirn.

»Gaunerchen, was ist mit dir?« Florence sah ihn erschrocken an.

»Nichts. Nichts. Au revoir! Es war mir ein Vergnügen«, er beugte sich zu Méry Laurent und wollte ihr einen Handkuss geben, dabei geriet er ins Schwanken.

Schnell griff ihm Jenkins unter den Arm. »Na, das waren wohl doch ein paar Gläser zu viel, alter Junge.«

Henri schnaufte.

Als Florence und Henri die Treppenstufen zu ihrer Wohnung in den zweiten Stock der Lüttichaustraße 10 hinaufgingen, musste Florence ihren Mann stützen, weil er so betrunken war. Vor der Wohnungstür angekommen, suchte er nach dem Schlüssel.

»Jetzt sei still, du weckst noch alle auf!« Florence versuchte, ihm den Schlüssel abzunehmen und selbst aufzuschließen.

Henri stieß die Luft aus. »Ich bin der Herr im Haus. Nur weil du ein bisschen Französisch parlieren kannst, brauchst du dich hier nicht aufzuspielen! Und als Frau de Meli mit einer Dame aus der Halbwelt am Tisch zu sitzen und zu rauchen! Wenn ich das am Sonntag nach der Kirche meiner Mutter erzähle…«, sagte er mit schwerer Zunge.

Florence schnaubte empört und wollte sich an ihm vorbeidrängen.

»Nichts da! Du lässt gefälligst deinem Mann den Vortritt!« Er schob sie taumelnd zur Seite.

Florence stolperte. Ihr Beutel fiel zu Boden. Die Visitenkarte aus Paris glitt heraus. Vorsichtig hob sie das Kärtchen auf. Erst jetzt bemerkte sie die kleine, zusammengerollte Schlange auf der Rückseite. Die winzigen Schlangenaugen schienen zu glühen. Florence strich über das geprägte Papier. Diese Karte würde sie aufbewahren.

2. Zigaretten und Absinth

Dresden, 19. Februar 1881

Die Zigarettenspitze lag achtlos neben der Mokkatasse. Das Mundstück aus weißem Meerschaum war noch warm vom Rauch. Henri sah missbilligend auf das Utensil seiner Frau. Er verabscheute es. Dazu dieses Lachen. Es hatte etwas Aufreizendes, ja Frivoles. Zu Hause hatte er ihr das Rauchen verboten. Doch er wusste, dass Florence heimlich auf dem Balkon stand und seine Anweisungen ignorierte. Spätestens wenn sie danach in den Duft von Bitterorangen gehüllt wieder vor ihm stand, war ihm klar, dass sie geraucht hatte. Mittlerweile hasste Henri beides – die Zigaretten und das Parfüm der Pomeranzen.

»Was machst du für ein Gesicht, mein alter Gauner? Hast du schon wieder schlechte Laune?«, fragte Florence eine Spur zu laut. Ihre Tischnachbarn – das Ehepaar Smith – hielten inne und sahen fragend zu ihnen hinüber. Florence lächelte ihnen zu.

Henri sprach leise. »Du weißt, dass ich den Zigarettenrauch nicht vertrage. Dazu noch von einer Dame. Ich …«

»Henri, jetzt geht das wieder los!« Sie verdrehte die Augen. »Herr Smith, sind Sie auch so streng mit Ihrer Gattin? Mein Henri lässt mir aber auch gar keine Freude. Dabei raucht er selbst Zigarren.«

»Ach, wissen Sie, Frau de Meli, rauchende Damen sind für mich eine Modeerscheinung. Wenn es Ihnen gefällt! So ist das mit den jungen Frauen, sie tanzen uns auf der Nase herum, nicht wahr?« Er nickte Henri verständnisvoll zu.

Henri spürte, wie sein Hemdkragen feucht wurde. Er schwitzte. Wie konnte dieser alte Smith so leutselig sein und sich auf die Seite von Florence schlagen? Er lächelte gequält.

»Da hast du’s! Gaunerchen!« Triumphierend strich Florence ihm über seinen Bart.

Henri musste sich beherrschen. Jetzt wollte sie ihn wohl gänzlich zum Narren machen – hier in der Gesellschaft des Amerikanischen Clubs. Zwischen all den honorigen Exil-Amerikanern, zu denen er selbst nun auch schon etliche Jahre gehörte. Manche taten furchtbar vornehm, so wie Theodore Smith und seine blasse Ehefrau, andere waren kaum zu ertragen in ihrer Kulturbeflissenheit in Dresden. Immer unterwegs zwischen Gemäldegalerie, Semperoper, Klavierabend oder Lesung. Versuchten sogar, sich auf Deutsch zu unterhalten. Lachhaft.

Henri bestellte ein weiteres Bier und warf einen Blick auf seine Taschenuhr. Gleich war es halb elf. Vielleicht sollten sie heute einmal früher aufbrechen, überlegte er, doch im nächsten Moment, als der Kellner ein frisch gezapftes Bier vor ihm abstellte, verwarf er den Gedanken.

»Wunderbar. Dann machen Sie mir doch bitte noch einen Absinth!«

Der Kellner eilte mit der neuen Bestellung davon.

»Aber, Gaunerchen, du wolltest doch keinen Absinth trinken! Das hattest du mir versprochen. Ein paar Tage einmal ohne dein grünes Gift«, sagte Florence und stupste ihn am Arm.

Diesmal hörten es nicht nur die Smith’, auch Witwe Clarkson und ihr redseliger Begleiter, Jonathan Baker sahen plötzlich in seine Richtung. Henri spürte die Hitze. Und die Wut. Seine Frau machte ihn lächerlich. Vor allen Leuten. Sein Atem ging schwer. Er stürzte sein Bier hinunter und zischte: »Florence, bitte! Benimm dich! Vergiss nicht, dass ich dein Ehemann bin. Und als solcher muss ich dir gegenüber überhaupt keine Rechenschaft ablegen.«

Florence legte ihren Kopf zur Seite und pustete ihm noch einen Rauchkringel ins Gesicht. »War doch gar nicht ernst gemeint. Natürlich kannst du machen, was du willst!« Sie küsste ihn auf die Wange. »Lass uns den schönen Abend genießen! Prost, Darling!«

Henri reagierte nicht, sondern konzentrierte sich darauf, kaltes Wasser in das Glas mit dem Absinth vor ihm zu gießen. Das leuchtende Grün wurde milchig. Er probierte die Mischung. Dann trank er das Glas zügig leer. Auf sein Handzeichen hin brachte der Kellner noch mehr von dem giftgrünen Alkohol. Henri atmete aus. Das Schwitzen ließ nach.

Sollten die Leute doch denken, was sie wollten. Er war wahrscheinlich der reichste Mann hier im Saal. Man wusste es nicht genau. Mit irgendetwas hatten sie alle ihr Geld gemacht. Ihr Dollarvermögen. Und das war hier, in der deutschen Provinz, gleich doppelt so viel wert. Ob es immer mit rechten Dingen zugegangen war beim Vermögensaufbau oder ob die Vorfahren tatsächlich schon mit der »Mayflower« nach Amerika gekommen waren, wer wollte das überprüfen? Ihm fiel William King Thomas ein. Vor ein paar Jahren war er der Vize-Präsident im Anglo-Amerikanischen Club gewesen. Ein großzügiger Gastgeber mit einer eleganten Ehefrau. Die Thomas’ waren unermesslich reich, hieß es immer. Henri hatte gleich seine Zweifel gehabt. Dann platzte die Bombe! Wortwörtlich. Der feine Mr. King Thomas war ein gedungener Massenmörder. Hatte ein Schiff versenken wollen mit einem Fass Sprengstoff. Nur um die Versicherungsprämie zu kassieren, für seine Ladung, die in Wirklichkeit wertlos war. Das Fass explodierte schon im Hafen und brachte Dutzenden Menschen den Tod. Unzählige andere wurden verletzt. Der Gipfel war, dass sich der Mann anschließend das Leben nahm. So ein feiger Hund! Und Florry, dieses unbedarfte Ding, war gut befreundet mit der Ehefrau dieses Massenmörders! Wie lange war das jetzt her? Fünf Jahre? Oder sechs?

Henri starrte auf die hellgrüne Flüssigkeit in seinem Glas. Angeblich hatte die Ehefrau – wie hieß sie doch gleich? Cäcilie? Celia? Nein, Cecelia – nichts geahnt von den üblen Machenschaften ihres Mannes. Und trotzdem war sie nur wenige Wochen nach der abscheulichen Tat aus Dresden geflohen. Alle hatten den Kontakt zu ihr abgebrochen. Nur Florry nicht. Henri wusste, dass sie heimlich Briefe nach New York schickte. Angeblich an ihre Brüder. Aber eines der Dienstmädchen hatte ihm die Wahrheit erzählt. Henri stöhnte auf. Würde Florence denn nie erwachsen werden? Gut, sie war erst 15 Jahre alt gewesen, als sie sich vor zwölf Jahren kennengelernt hatten. Aber mittlerweile war sie Mutter zweier Kinder, die Ehefrau eines der reichsten Männer in der Stadt und eine »de Meli«. Hätte er doch nur auf seine Mutter gehört. Sie war gleich gegen diese Verbindung gewesen.

»Henri! Henri!« Atemlos plumpste Florence auf ihren Stuhl. »Der Kapellmeister hat mir versprochen, das Lied ›Oh, Dem Golden Slippers‹ zu spielen. Wir wollen singen!«

Henri seufzte. Sie war so hübsch! Diese Mischung aus Anmut, Fröhlichkeit und Schönheit. Florence redete weiter. Er sah, wie sich ihr Mund bewegte. Dieser Kirschenmund. Aber er hörte nicht, was sie sagte. Sah die flinken braunen Augen, das feine Gesicht. Immer in Bewegung. Sie lachte und warf den Kopf zurück. Ein grüner Schleier hatte sich über seinen Blick gelegt. Der Absinth machte ihn wehrlos. Aber er legte auch die Wahrheit offen. Ja, seine Flossie war von Anfang an die Schönste gewesen. Und unbekümmert wie ein Kind. So wie er nie war. Wie niemand war bei den de Melis. Erst recht, nachdem sein Vater aus dem schlichten »Melly« ein »de Meli« gemacht hatte – angeblich stammte die Familie von italienischen Adeligen ab. In Wirklichkeit kamen ihre Vorfahren aus der Schweiz. Tüchtige Uhrmacher. Doch das sollte niemand wissen. Offiziell waren sie seit ein paar Jahren Familie de Meli. Von denen lachte niemand mit entblößten Zähnen und sang hemmungslos mit, wenn die Kapelle das Lieblingslied anstimmte.

Henri nippte an seinem Glas. Der Keller war zuverlässig und diskret. Henri zahlte ein großzügiges Trinkgeld. Langsam verlor er den Überblick über die Menge des grünen Wundermittels, die er schon getrunken hatte. Angeblich wurde es als Medizin benutzt. Henri hatte vergessen, wogegen es half. Ihm half der Absinth ebenfalls. Er brachte ihm Ruhe. Und machte ihn gelassen. Und manchmal zeigte ihm der Alkohol auch, was er liebte. Diese Frau dort, in ihrem sahnegelben Kleid und den schimmernden Perlenohrringen. Wie sie dort stand – umringt von einem kleinen Pulk anderer Gäste, wie sie lachte und lauthals sang. Was für eine Frau! Seine Frau. Henri schluckte. Er strich sich durch den Bart und zündete sich eine Zigarre an. Seine Augen begannen zu tränen. Es war der Rauch. Es war der Rauch. Es war … der Anblick seiner Frau.

Florence war vergnügt. Endlich wieder unter Menschen! Und sie sang so gern. Im Chor der All-Saints-Kirche – das war das eine. Aber hier im Ballsaal von Webers Hotel zwischen all den eleganten Frauen, den charmanten Männern, der Musik. Sie fühlte sich großartig. Der Kapellmeister erwiderte ihren Blick mit einem Schmunzeln und wies seine Musiker an, ein weiteres »da capo!« zu spielen. Als sie die ersten Takte noch einmal hörte, warf sie Henri eine Kusshand zu. Er lächelte. Gott sei Dank, er war nicht mehr böse auf sie.

»Mein Darling, die Musik ist wundervoll. Ich muss singen!«

Henri nickte. Seine Augen waren rot. Er lächelte und tätschelte ihren Arm, als sie nach ihrer Zigarettenspitze griff. Florence küsste ihn auf seinen kahlen Kopf und eilte zurück zu den anderen, die immer noch vor dem Podest mit der Kapelle standen und zu den Takten der Musik schunkelten. Baron von Geyso hielt ihr galant eine Hand entgegen. Er zwinkerte ihr zu. Der Baron mochte sie. Manchmal konnte man denken, er mochte alle Frauen. Florence warf ihm einen tiefen Blick zu, dann sprang sie behände auf die Bühne neben den Kapellmeister und erhob ihre Zigarettenspitze.

»Jetzt unterstütze ich Sie!«, rief sie. »Das ist mein Taktstock!«

Die anderen lachten, während sich Florence mit dem Kapellmeister einen gespielten Wettstreit lieferte. Sogar der alte Smith und seine Frau wollten sich diesen Spaß nicht entgehen lassen und traten zu den Sängern. »Da capo! Aber etwas schneller!«, rief Florence und fuchtelte mit ihrer Zigarettenspitze in der Luft.

Nur die Witwe Clarkson hielt sich bedeckt. Argwöhnisch beobachtete sie das Treiben. Die junge Frau de Meli umringt von Männern und Frauen. Ihr Ehemann nur umringt von zu vielen leeren Gläsern. Sie schüttelte den Kopf. Das konnte nicht gut gehen. Sie sang mit Florence im Kirchenchor und kannte sie aus der Arbeit für den Wohltätigkeitsbasar im Advent. Eine Frau in ihrer Position muss doch irgendwann einmal erwachsen werden, dachte sie. Zwei Kinder, ein Ehemann, ein Name – und was für einer! Eine feine Adresse, dazu eine Schwiegermutter, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stand. Witwe Clarkson dachte an Antoinette de Meli. Sie waren befreundet. Ob sie ihr von diesem Auftritt ihrer Schwiegertochter heute Abend berichten sollte? Ja, besser sie würde es von ihr erfahren als von irgendjemand anderem.

Denn glücklich war diese Ehe nicht. Das konnte jeder sehen. Der arme Henri. Er ließ sich gehen. Das konnte eine junge Frau auf die Dauer nicht aushalten. Witwe Clarkson überlegte. Vielleicht würde sie gegenüber Antoinette eine winzige Anmerkung machen über den vielen Alkohol. Dieser Absinth war das reinste Gift in ihren Augen. Warum musste Henri nur immer so viel trinken? Plötzlich fasste ihr jemand an die Schulter. Erschrocken sah die alte Dame auf. Sie sollte sich einreihen – eine Polonaise zog durch den Saal, angeführt von Florence de Meli. Witwe Clarkson schüttelte den Kopf und ließ die Tanzenden an sich vorüberziehen. Wie konnte Gott nur zwei so unterschiedliche Menschen zusammenführen? Sie seufzte. Morgen würde sie mit Antoinette sprechen.

3. Mutter und Sohn

Dresden, 20. Februar 1881

Die Türklinke wurde langsam nach unten gedrückt. Ein Spalt öffnete sich. Das Kind stand in der Tür und bewegte sich nicht. Es legte beide Hände zusammen und wartete im Halbdunkel. Die Vorhänge waren noch zugezogen. Es roch nach Bitterorangen, dem Parfüm seiner Mutter. Vorsichtig betrat der Junge das Schlafzimmer. Florence lag im Bett und schlief. Der Junge trat näher und streichelte ihre Hand.

»Mommy, bist du wach?« Seine Stimme war kaum zu hören.

Florence drehte sich zur Seite. »Oh, Henry, mein Liebling. Lass mich noch ein wenig schlafen. Es war so spät gestern.«

Der Junge schwieg, rührte sich aber nicht vom Fleck.

»Wie spät ist es überhaupt?« Langsam richtete sie sich auf und rieb sich die Augen.

»Mommy, darf ich ganz kurz zu dir kommen? Nur kurz! Heute ist Sonntag.«

Florence klappte ihre Bettdecke hoch, Henry schlüpfte zu ihr.

»Bei dir ist es immer so schön kuschelig.« Er schmiegte sich an seine Mutter. »Aber nichts Papa sagen, ja?« Seine Stimme klang ängstlich.

»Natürlich nicht. Ich würde ja auch Ärger bekommen.« Florence drückte ihren Sohn an sich. »Mein großer Schatz, du! Wir halten zusammen. Aber in den Gottesdienst müssen wir trotzdem. Und später zum Mittagessen zu Großmutter Antoinette.«

Sie spürte ein leichtes Pochen in den Schläfen. Sie sah auf die kleine verzierte Konsolenuhr auf dem Kamin. Es war kurz nach sieben. Wann waren sie nach Hause gekommen? Es war lange nach Mitternacht gewesen. Ein herrlicher Abend! Sie schloss die Augen und summte die Melodie von »Oh, Dem Golden Slippers« vor sich hin. Sie seufzte. Zum Glück war Henri zum Schluss so betrunken gewesen, dass er ihr keine Vorhaltungen mehr machen konnte. Der Absinth ist mein heimlicher Verbündeter, dachte sie kurz. Unsinn! Wenn Henri nicht immer so viel trinken würde, wäre er viel umgänglicher. So wie im Sommer 1869, als sie sich kennengelernt hatten.

Florence erinnerte sich an den Mann mit dem vollen schwarzen Haar. Ja, er hatte damals wirklich ausgesehen wie ein italienischer Graf. Und wie charmant er gewesen war! Hatte allen Frauen den Kopf verdreht. Aber sie war es, die er wirklich gewollt hatte. Alle anderen waren doch nur Zeitvertreib gewesen. Das hatte Henri selbst gesagt. Und sie hatte ihn hinreißend gefunden. In seinem eleganten Mantel, dem Hut. Ein vollendeter Gentleman. Sie war so naiv gewesen! Florence erinnerte sich an die Reaktion ihrer Eltern, als sie davon erfuhren, dass Henri de Meli ihr den Hof machte. Die Drapers waren zurückhaltend gewesen, empfanden ihre Tochter als zu jung für eine Ehe. Doch dann hatte es gar keine andere Option mehr gegeben.

Denn sie wusste doch nichts. Rein gar nichts. Nie hatte ihre Mutter sie ins Vertrauen gezogen. Die Freundinnen hatten nur gekichert, wenn das Thema auf die Liebe kam und auf die Wünsche eines Mannes. Und Florence selbst? Sie hatte Henri vertraut. Sich ihm anvertraut. Die heimlichen Küsse, seine zärtlichen Berührungen, wenn er sie bei Spaziergängen – weit genug entfernt von den Argusaugen seiner Mutter – an die Hand fasste oder ihren Hals liebkoste. Florence erinnerte sich, wie liebevoll er gewesen war und wie romantisch. Doch dann war da dieser Abend gewesen. Mit einem Mal war Florence hellwach. Die Kopfschmerzen wurden stärker.

Es war der Karnevalsball gewesen. Ihr erster Kostümball. Der Höhepunkt der ausklingenden Wintersaison. Sie hatte sich als Marie-Antoinette verkleidet. Ihre Mutter war mit ihr im Petit Bazar gewesen, um die passenden Stoffe auszusuchen. Die Schneiderin hatte daraus ein Traumkostüm genäht – Florence fühlte sich wahrhaftig wie eine französische Rokoko-Königin. Die Haare waren gepudert und hochfrisiert. Und schminken durfte sie sich! Das weiß gepuderte Gesicht mit Schönheitsfleck und schwarz umrandeten Augen, dazu der zinnoberrote Mund. Henri war begeistert gewesen. Den ganzen Abend lang wollte er immerzu mit ihr tanzen, dabei hatten sich viele Verehrer in ihr Tanzkärtchen eingetragen. Aber Henri gelang es, seine Konkurrenten auszustechen. Und ihr war es ganz recht gewesen. Henri war als Pirat verkleidet – in einem weißen Rüschenhemd, ein buntes Tuch um den Hals, die Haare nach hinten gekämmt. Sogar eine Augenklappe hatte er aufgetrieben. Florence war hingerissen.

»Du bist meine schöne Beute«, hatte er ihr ins Ohr geflüstert, sie von der Champagnerbar weggezogen und war lachend mit ihr ein Stockwerk höher geeilt in einen langen dunklen Flur. Unter sich hörten sie die Musik und die Stimmen aus dem Ballsaal. Florence fühlte sich verwegen an seiner Seite. Das hier hatte nichts zu tun mit ihren Gesangsstunden bei Frau von Hohenstein von der Semperoper. Oder dem langweiligen Deutschunterricht bei den unverheirateten Schwestern Baumann. Die meisten ihrer Mitschülerinnen mussten an diesem Abend zu Hause bleiben. Florence dagegen hatte ihren Vater so lange bekniet, bis er ihr erlaubt hatte, zum Ball zu kommen. Schließlich war sie schon 16! Es war herrlich, erwachsen zu sein.

Henri hatte sie geküsst. Ihre rote Lippenfarbe hatte sich auf seinem Mund verteilt. Er hatte sich an sie gepresst, ihr etwas ins Ohr geflüstert, was sie nicht verstand. Florence hatte versucht, sich aus seiner Umarmung zu lösen. »Oh, Henri, es ist alles so aufregend!«, begann sie. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie drei Gläser Champagner getrunken hatte. Doch Henri schien gar nicht zuzuhören. Er war stark. Viel stärker als Florence. Sie hatte Angst bekommen. Und sich selbst gleichzeitig kindisch dabei gefunden. Sie dachte, so sei das wohl zwischen Mann und Frau. Der Mann hat dieses innere Feuer, das nur eine Frau zügeln kann. So ähnlich hatte sie es einmal in einem Roman gelesen, den ihr ihr Bruder Thomas heimlich ausgeliehen hatte. Als Henri ihre Röcke hob, hatte sie ihn fortschieben wollen. Aber Henri war wie von Sinnen gewesen. Was war nur mit ihm los? Er tat ihr weh. Sie schrie. Doch keiner hörte sie.

Florence behielt das Erlebnis im dunklen Flur für sich. Am nächsten Tag hatte Henri ihr ein herrliches Blumenbouquet schicken lassen, dazu eine Karte mit innigen Worten der Zuneigung. Die alten Drapers waren beeindruckt gewesen. Nur ihre Brüder Thomas und Theodore mochten den Verehrer ihrer Schwester nicht. Florence brauchte ein paar Tage, bis sie ihre alte Unbekümmertheit zurückerlangte. Die Schmerzen waren vergangen. Das Blut an ihren Unterröcken hatte niemand entdeckt, sie selbst hatte sich eines Abends in die Waschküche geschlichen und die Flecken herausgeschrubbt. Seit diesem Karnevalsabend fühlte sie sich anders, beschmutzt. Es verwirrte und beschämte sie. Und Henri? Er schickte kleine schmeichelhafte Billets, lud sie zu einem Spaziergang ein – natürlich in Obhut ihrer Mutter – und gab sich weiterhin charmant. Und dennoch, er schien ihr eine Spur zurückhaltender, unverbindlicher. Plötzlich war er häufig verhindert.

Florence war ratlos gewesen. Genauso ratlos war sie immer dann, wenn wieder dieses Ziehen im Bauch einsetzte. Zuerst hatte sie geglaubt, ihre Periode kündige sich an. Doch sie blieb aus, die Bauchschmerzen nicht. Und sie hasste auf einmal den Geruch von frischem Kaffee. Eines Morgens konnte sie den Ekel nicht länger unterdrücken und stürzte vom Frühstückstisch, um sich über ihrer Waschschüssel zu übergeben. Ihre Mutter war argwöhnisch geworden. »Was ist los, Flossie, hast du dir den Magen verdorben?« Ihr Blick war durchdringend.

Florence hatte geweint und ihr erzählt, dass sie auf einmal keinen Kaffeeduft mehr vertrug und dass ihr morgens, gleich nach dem Aufwachen, schon schlecht wurde. Elizabeth Draper hatte den Hausarzt kommen lassen. Ihr Verdacht wurde bestätigt: Das Mädchen war schwanger.

Florence setzte sich auf und schüttelte die Kopfkissen aus. Dann sank sie zurück. Zum Glück hatte sie ihr eigenes Schlafzimmer. Jeden Morgen neben einem schnarchenden, nach Schnaps riechenden Ehemann aufzuwachen, war kein Vergnügen. Aber der kleine Henry hier, der sich so selig an ihre Seite schmiegte, der war ein Glück! Sie streichelte über seinen Kopf.

»Jetzt müssen wir zwei aber wirklich aufstehen«, sagte sie leise. »Gleich kommt Adele mit dem Kaffee. Und dein Vater darf nicht herausfinden, dass du hier bei mir bist.«

Der Junge ließ sich noch tiefer ins Bett sinken. »Ach, Mommy, ich mag aber nicht. Daddy wird sowieso wieder einen Grund finden, auf mich wütend zu sein.«

»Ja, ich weiß.« Bekümmert strich sie ihrem Sohn über die Wange. »Ich wünschte, er würde mich schlagen, aber das wagt er nicht. Mein armer Junge! Wir dürfen deinen Daddy nicht zornig machen. Hörst du?«

Das Kind nickte. »Aber ich habe manchmal so eine Angst vor ihm, dass ich gar nicht mehr antworten kann, wenn er mich etwas fragt. So wie gestern, bevor ihr ausgegangen seid. Ich sollte Vokabeln aufsagen. Aber mit einem Mal fielen mir die Wörter nicht mehr ein.« Er begann zu weinen.

»Sschh, sschh, beruhige dich, mein Kleiner. Ja, ich weiß, ich weiß. Es ist schlimm. Ich wünschte, ich könnte dich besser vor ihm beschützen.« Auch Florence’ Stimme klang auf einmal dünn. Sie sah die Szene vor sich, Henri kommandierte seinen Sohn vor sich wie einen Zinnsoldaten. Das Kind wurde von ihm selbst unterrichtet. Er wisse genug, um den Jungen auf das Leben vorzubereiten, hatte Henri erklärt und kategorisch ausgeschlossen, dass ein Privatlehrer ins Haus kam oder der Junge eine Schule besuchte. So hatte ihr Ehemann wenigstens eine Aufgabe, dachte Florence grimmig. Henri hatte nie in seinem erlernten Beruf als Bergbau-Ingenieur gearbeitet, sondern lebte vom Geld seiner Mutter. Er war Privatier. Vielleicht war das der Grund für seine dauernde Unzufriedenheit. Gestern war es besonders schlimm gewesen. Vielleicht hatte Florence ihn gereizt – mit ihrer guten Laune, der Vorfreude auf den Abend. Als der kleine Henry dann verzweifelt nach der richtigen Antwort suchte, hielt sein Vater das hölzerne Lineal drohend in der Luft. Er wartete gar nicht mehr auf eine Antwort, sondern ließ das dünne Stück Holz niedersausen. Der Vater packte seinen Sohn und schlug auf ihn ein. Das Kind schrie. Florence wollte ihm zur Hilfe eilen, in dem Moment zersprang das Lineal in drei Teile. Der Junge stürzte weinend in die Arme seiner Mutter.

»Ja, geh nur zu deiner Mutter! Wenn du so werden willst wie sie, Lieder trällern und feiern – mehr wird aus dir auch nicht, wenn du nicht endlich deine Hausaufgaben machst«, brüllte Henri mit rot angelaufenem Kopf und schwenkte den letzten Rest des Lineals in der Luft.

»Henri, wie kannst du so grausam sein?«, schrie Florence, außer sich vor Wut. »Was machst du denn, hm?! Was kannst du denn? Ich wünschte, du hättest eine Anstellung, dann würdest du uns endlich in Ruhe lassen.«

Henri atmete schwer. »Ah, jetzt halten Mutter und Sohn wieder zusammen. Das ist ja wunderbar. Da ist es doch gut, dass der Junge ab und zu eine Tracht Prügel bekommt, damit ihr zwei euch dann wieder in den Armen liegen könnt.«

Florence warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Komm, mein Schatz, ich bringe dich zur Kinderfrau. Minnie und du – ihr müsst zu Abend essen. Dein Daddy und ich sind heute Abend auf ein Fest eingeladen.«

Vorsichtig zog Florence die Bettdecke zur Seite und strich ihrem Sohn über den Rücken. »Tut es noch sehr weh?«

Der Junge nickte.

Die Kinderfrau soll dir wieder ein paar Umschläge mit kaltem Essigwasser machen. Dann wird es schnell wieder gut.«

Es klopfte. Vor der Tür stand das Dienstmädchen mit einer dampfenden Tasse Kaffee. »Guten Morgen, gnädige Frau. Welches Tageskleid möchten Sie heute zum Gottesdienst anziehen? Ich soll Ihnen vom gnädigen Herrn sagen, dass Sie alle heute den gesamten Tag bei seiner Mutter verbringen werden.«

Florence rollte mit den Augen. »Vielen Dank, Adele. Ich werde das grüne Kleid nehmen. Bitte legen Sie es heraus mit dem passenden Hut und den Handschuhen. Ach, und bitte bringen Sie mir noch ein wenig ausgepresste Zitrone für den Kaffee. Vielleicht kann ich damit die Kopfschmerzen verscheuchen.«

Das Dienstmädchen knickste und verschwand, um die Aufträge zu erledigen.

»Oh, Henry, mein Schatz, da hat sich Daddy gleich etwas Passendes überlegt, um uns den kompletten Sonntag zu verderben. Den ganzen Tag bei Großmutter Antoinette, wie soll ich das aushalten?« Sie ließ sich auf ihr Kopfkissen zurückfallen.

»Aber, Mommy, du hast doch mich!« Henry drückte sich an sie.

Florence rückte ein wenig von ihm ab und betrachtete ihren Sohn nachdenklich. Dieses Kind war ihre Freude. Ihr Glück. Aber dieses Kind war auch der Grund, weshalb sie heute Frau de Meli war – gefangen in einer Ehe, die beide Seiten unglücklich machte. Sie rieb sich die Schläfen. »Komm, mein Schatz, wir müssen uns fügen.«

4. Ein gewöhnlicher Sonntag

Dresden, 20. Februar 1881

Die alte Frau de Meli war stolz auf ihre biegsame Taille. Eng geschnürt, hatte sie sich bis heute eine schlanke Silhouette bewahrt. Das hatte Antony, ihrem Ehemann, gefallen. Er hatte sich gut ausgekannt mit »biegsamen Taillen« und schmalen Hüften. Zu gut. Und dennoch. Er fehlte ihr. Gerade erst war sein erster Todestag gewesen. Antoinette de Meli seufzte. Antony war immer diskret gewesen. Trotzdem war der Gedanke, dass er mit dem angeheirateten Vermögen ihrer eigenen Familie abwechselnde Liebschaften finanzierte, ein scharfer Stachel für Antoinette de Meli gewesen. Aber eine Scheidung kam für sie nicht infrage. Was Gott zusammengeführt hat, darf der Mensch nicht trennen, daran musste man sich halten. Leider galt dieser Grundsatz auch für die unglückliche Verbindung ihres Sohnes mit Florence.

Antoinette seufzte, als die Kammerzofe ihr die langen, grauschwarzen Haare kämmte.

»Oh, gnädige Frau, habe ich zu fest gebürstet?« Elsbeth war erst vor ein paar Monaten in den Rang einer Kammerzofe aufgestiegen, nachdem sich ihre Vorgängerin in die sächsische Schweiz verheiratet hatte.

»Nein, nein. Sie machen das sehr gut! Ich war in Gedanken.«

Erstaunlich, dass immer noch nicht alle Haare grau waren, dachte sie bei ihrem eigenen Anblick. Die Haare fielen wie ein schwerer Vorhang auf ihre Schultern. Die Dienstbotin kämmte weiter. Ganz gleichmäßig, von oben nach unten, immer wieder. Pro Strähne 50 Mal. Das hatte ihr die Herrin so eingeschärft. Es sei gut fürs Haar und für die Kopfhaut. Diese gleichförmige Tätigkeit erinnerte Elsbeth an ihr Zuhause. Dort, auf dem Bauernhof bei Meißen, hatte sie immer die Pferde gestriegelt – bis das Fell glänzte. Jetzt waren es die Haare einer alten Dame. Aber sie glänzten nicht. Sosehr sie auch bürstete.

Antoinette de Meli schloss die Augen und genoss die Zuwendung. Diese Momente waren die einzigen körperlichen Berührungen, die sie noch bekam. Ja, wenn die Enkelkinder zu Besuch waren, dann küssten sie sie auf die eingefallenen Wangen. Aber besonders innig waren diese Begegnungen nicht. Das lag an der Mutter. Florence war schuld. Sie trieb einen Keil zwischen die Großmutter und die Enkelkinder. Antoinette öffnete die Augen. Schon der Gedanke an die Schwiegertochter machte sie bitter. Schnell schloss sie die Augen wieder und überließ sich der französischen Bürste mit den Wildschweinborsten, die unermüdlich durch ihr Haar glitt.

Eine knappe Stunde später saß die Hochsteckfrisur von Antoinette de Meli perfekt. Mit etwas Talcumpuder hatte Elsbeth die schweren Haare griffig gemacht und zu angedeuteten Kränzen auftoupiert und festgesteckt. Nur die Brennschere durfte sie nicht mehr benutzen, nachdem sie ihrer Herrschaft mit dem glühend heißen Gerät einmal ein Brandmal hinter dem Ohr zugefügt hatte. Aber Antoinette de Meli hatte sich bald beruhigt und dies als Zeichen gesehen, von nun an auf kokette Löckchen an der Schläfe zu verzichten. Mit 64 Jahren brauchte sie diese eitle Spielerei nicht mehr. Außerdem verdeckten die Locken ihren Ohrschmuck. Heute hatte sie sich für hellblauen Aquamarine entschieden.

Gleich würde sie ihre Schwiegertochter in der Kirche sehen. Zusammen mit den Enkelchen. Und Henri natürlich. Ihrem Sohn. Ihrem Augenstern. Doch diese Frau trieb ihn in den Abgrund. Der viele Alkohol, die düsteren Momente, sein Jähzorn. Was machte Florence aus ihm? Die Leute tuschelten schon. Nur Florence war überall gern gesehen. Die fröhliche, junge Frau de Meli – immer für einen Spaß zu haben. Dabei benimmt sie sich wie ein Kind, dachte Antoinette grimmig. Oh, hätte Henri diese Frau doch niemals kennengelernt! Hätte sie selbst doch nicht auf die Drapers gehört, die zu einer Vermählung drängten. Schließlich konnte doch Henri nichts dafür, dass Florence ein solches Flittchen war und sich ihm an den Hals geworfen hatte. Es war natürlich das Beste, was dieser Familie passieren konnte. Hatten zwar ihren Namen, ja, »Draper«, an sich keine schlechte Familie. Aber von denen gab es unzählige in den USA. Ausgerechnet die Drapers hier in Dresden gehörten zu der ärmlichen Verwandtschaft. Jetzt hatten sie ihre Tochter gut verheiratet. Das frühreife Ding – Millionärsgattin. Antoinette merkte gar nicht mehr, wie sich ihre Mundwinkel immer weiter nach unten zogen. Wie ihr ganzer Ausdruck verkniffen wurde, wenn sie nur an Florence dachte.

Die Wintersonne schien. Der Platz vor der Kirche füllte sich. Die Glocken läuteten noch nicht, noch war ein wenig Zeit zum Plaudern. Über den gestrigen Abend zum Beispiel. Was für ein gelungenes Fest, lautete die einhellige Meinung. Einige Männer lachten verlegen bei dem Gedanken an die ausgelassenen Stunden. Die Abende im Anglo-Amerikanischen Club gehörten normalerweise nur ihnen. Ehefrauen und Töchter waren einzig zu besonderen Anlässen zugelassen. Gestern war so ein Anlass gewesen. Ein Ball! Sogar gesungen wurde, und ach, ein Zwinkern, ein Räuspern, die Polonaise erst! Ein Heidenspaß! Wo steckte sie denn, die kleine Anführerin des lustigen Tanzvergnügens? Wo war denn die junge Frau de Meli?

Florence stand etwas abseits von der immer größer werdenden Menschenmenge. Trotz der Kopfschmerzen, trotz der zu kurzen Nacht sah sie fabelhaft aus in ihrem grünen Samtkleid, das so gut zu ihren braunen Augen und den brünetten Haaren passte. Witwe Clarkson musterte die junge Frau aus sicherer Entfernung. Donnerwetter, eines musste man ihr lassen, sie sah gut aus. Die Jugend, die Jugend, dachte Witwe Clarkson und seufzte. Die Jugend verzeiht champagnerselige Nächte. Na, das wird sich schon noch ändern. Man brauchte ja nur einen Blick auf ihren Gatten zu werfen. Und tatsächlich, Henri de Meli sah mitgenommen aus. Die Krempe seines Zylinders war viel zu schmal, um das fahle Gesicht mit den Augenrändern zu verdecken. Immerhin war sein gewaltiger schwarzer Bart gewachst und ordentlich gestutzt.

Witwe Clarkson hielt sich das Lorgnon unauffällig vor die Augen und tat so, als suche sie die Gegend nach jemandem ab. In Wirklichkeit starrte sie immer wieder zu den de Melis. So ein hoffnungsvoller junger Mann war er gewesen, die Witwe schüttelte missbilligend den Kopf. Und jetzt? Sein Gesicht sah aufgedunsen aus, überhaupt war er in letzter Zeit sehr rund geworden. Hatte gar nichts Vitales, nichts Zupackendes mehr. Und die Schulterpartie erst! Es war kein Schwung in dem Mann, das konnte jeder sehen. Es war, als würde seine Frau alle Kraft aus ihm herausziehen. Die Witwe grübelte über den Verfall und kam zu dem Schluss, dass jeder Mann eine Aufgabe benötigte. Henri de Meli hatte keine Aufgabe. Er musste nicht arbeiten. Selbst um das gewaltige Vermögen musste er sich nicht selbst kümmern. Kein Wunder, dass man da zum Alkohol greift, setzte die Witwe ihren inneren Monolog fort.

Die Glocken begannen zu läuten. Langsam setzten sich die Menschen in Bewegung und suchten ihre Plätze in der Kirche. Florence hielt ihren Sohn Henry und die kleine Minnie an der Hand. Ihr Mann ging zwei Schritte vor ihnen gemeinsam mit seiner Mutter. Florence setzte sich zusammen mit den Kindern auf die Bank, auf der schon ihre Schwiegermutter und Henri Platz genommen hatten. Sie bekreuzigte sich.

»Minnie, zappele bitte nicht so mit den Beinen. Wir sind hier in der Kirche«, ermahnte sie ihre kleine Tochter.

Minnie stoppte das Schaukeln. »Dann setz ich mich zu Granny. Da darf ich schaukeln«, gab die Kleine zurück.

»Nein, du bleibst, wo du bist«, zischte Florence.

Und Minnie gehorchte beleidigt, bis sich die alte Frau de Meli einmischte: »Mein Schätzchen, nach der Kirche kommst du mit zu Granny. Da habe ich eine schöne Überraschung für mein kleines Mädchen!«

Minnie strahlte.

Florence zwang sich, ihre Schwiegermutter anzulächeln. Doch Antoinette de Meli würdigte Florence keines Blickes. Nervös suchte Florence die Hand ihres Sohnes. Ein zarter Druck, eine Vergewisserung. Der Junge lehnte sich noch enger an sie.

Die ersten Töne der Orgel erklangen. Henri de Meli richtete sich auf und faltete die Hände über seinem Bauch. Er fühlte sich elend. Der viele Absinth gestern. Doch die Abläufe an einem Sonntag waren unumstößlich. Gottesdienst, danach gemeinsames Mittagessen mit der ganzen Familie bei seiner Mutter und anschließend ein Spaziergang entweder an der Elbe entlang oder durch den Großen Garten. Nur bei schlechtem Wetter blieben sie in der Wohnung von Antoinette in der Lüttichaustraße 16 und legten Patiencen oder spielten eine Runde Bridge. Dann wurde Kuchen serviert, und zum Abschluss musste Henry junior am Hammerklavier zeigen, was er in der vorangegangenen Klavierstunde gelernt hatte. Henri stöhnte leise. Wahrscheinlich würde der Junge sich wieder verspielen oder vor lauter Aufregung gleich zu weinen anfangen. Es war ein Kreuz mit diesem Kind. Er lugte zur Seite und betrachtete seinen Sohn, der sich an seine Mutter schmiegte. Von Anfang an hatte ihm dieser Junge den Platz an der Seite von Florence streitig gemacht und ihn fortgedrängt. Henri dachte an das zersprungene Lineal. Er spürte, wie der Zorn zurückkehrte.

Florence’ Gedanken schweiften ab. Sie dachte an den Abend. Warum konnte nicht jeder Tag so wunderbar enden wie der gestrige? Mit Tanz, mit Musik, mit Lachen? Ach, um wie vieles leichter wäre doch das Dasein! Sie seufzte. Über ihren Sohn hinweg hörte sie ein tiefes, gleichmäßiges Atmen. Unauffällig blickte sie zur Seite. Henri war eingeschlafen. Sein Mund war halb geöffnet, der Kopf leicht zur Seite gefallen. Seine Mutter schien nichts zu bemerken. Florence griff über ihren Sohn hinweg an die Hüfte ihres Ehemannes und versetzte ihm einen kleinen Stoß. Henri schlug die Augen auf. Er lächelte ihr zu. Verschwörerisch. Sie zwinkerte zurück. Manchmal war das Gefühl wieder da, das Gefühl vom Anfang. Dann sah sie Henri an und war froh, dass er ihr Ehemann war. Er hatte seine guten Seiten. Henri streckte vorsichtig seine Hand nach ihr aus. Ihr Sohn saß zwischen ihnen. Sie drückte seine Hand und nahm den schwachen Alkoholgeruch wahr, den er noch immer ausströmte. Dann versuchte sie sich auf die Predigt zu konzentrieren, doch sie hatte längst den Faden verloren.

Antoinette de Meli überlegte kurz, ob sie den Wein beim Essen heute einmal weglassen sollte. Henri zuliebe. Damit er gar nicht erst damit anfing, doch dann kam es ihr seltsam vor. Ein Mittagessen – zumal an einem Sonntag – und keinen guten Tropfen Riesling? Warum sollten alle darben, nur weil ihr Sohn sich nicht unter Kontrolle hatte? Selbstbeherrschung war leider nie seine Stärke gewesen, dachte sie enttäuscht und gab dem Diener mit einem Kopfnicken zu verstehen, die Gläser aufzufüllen. Florence nippte nur an ihrem Glas. Sie sah unauffällig zu Henri. Ihm schien der Wein gutzutun. Seine Züge entspannten sich.

»So, mein Junge, probier einmal! Damit später ein echter Weinkenner aus dir wird.« Henri schob seinem Sohn das halbvolle Glas zu.

Antoinette de Meli zog die Augenbraue hoch. »Meinst du wirklich, der Junge muss jetzt schon daran gewöhnt werden?«

»Ja. In seinem Alter konnte ich schon den Unterschied zwischen einem Chardonnay und einem Rheinwein herausschmecken.«

Das Kind sah fragend zu seiner Mutter. Florence seufzte. »Henri, vielleicht sollten wir alle an diesem Tag eher Wasser trinken als Wein. Es war spät gestern.«

»Nein, nein. Lass nur! Prost, mein Junge!« Erwartungsvoll sah er zu seinem Sohn, der die Augen niederschlug und dem Wunsch seines Vaters entsprach. Nach wenigen Schlucken stellte er den Kelch wieder ab. Sein Gesicht färbte sich rot, er versuchte einen Hustenanfall zu unterdrücken. Schnell nahm Florence die Damast-Serviette und hielt sie schützend über seinen Mund. Der Junge keuchte und prustete.

Sein Vater lachte. »So schlimm schmeckt dieser Tropfen nun wirklich nicht. In diesem Weinkeller werden nur gute Weine verwahrt, nicht wahr, Mutter?«

Antoinette de Meli ignorierte ihn und schwieg. Florence antwortete an ihrer Stelle. »Henry ist noch ein Kind. Er verträgt keinen Alkohol.« Und leise fügte sie hinzu: »Sein Vater auch nicht.«

Henri funkelte sie böse an. Die Wut war wieder da. Wie diese Frau ihn nur immer wieder provozierte!

Florence drehte sich zu ihrer Schwiegermutter. »Wie geht es Mary? Ich habe sie seit bestimmt zehn Tagen nicht gesehen. Und heute ist sie leider auch nicht bei uns.«

»Auch wenn man bei Tisch nicht über Krankheiten und Gebrechen spricht«, dieser Tadel musste sein, fand Antoinette, »kann ich dir sagen, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befindet. Aber sie muss weiterhin das Bett hüten. Sie bedauert sehr, dass sie nicht hier bei uns sitzen kann«, antwortete sie spitz. »Am Freitag war Dr. Zumpe noch einmal bei ihr. Mit jedem Tag wird es besser, ich bin sehr erleichtert.«

»Wie schön, dies zu hören!« Florence hatte die Kritik an ihrer Frage sofort verstanden und ärgerte sich über sich selbst, dass sie ihrer Schwiegermutter wieder Anlass für Kritteleien gegeben hatte. Aber sie vermisste das freundliche Gesicht ihrer Schwägerin in dieser Runde. »Gern würde ich sie in der nächsten Woche besuchen kommen, wenn es erlaubt ist«, fügte sie hinzu.

»Wir sollten besser noch eine Woche warten, denke ich. Mary hat eine schwache Konstitution. Schon als Kind musste ich mich mehr um sie kümmern als um meinen Henri. Sie gleicht ihrer Großmutter väterlicherseits nicht nur äußerlich – auch, was das Zarte angeht«, antwortete Antoinette und erinnerte sich kurz an ihre eigene Schwiegermutter, die selten das Haus verlassen hatte und früh verstorben war. Vor drei Wochen erst war Mary 42 Jahre alt geworden. Sie würde nicht mehr heiraten. Es hatte sein Gutes, eine Tochter bei sich zu behalten. Sie könnte sich um mich kümmern, wenn ich alt bin, so hatte es sich Antoinette vorgestellt. Doch nun war es umgekehrt. Auch weitere Enkelkinder konnte sie nicht erwarten. Nicht von Mary. Ein Jammer.

Antoinette tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab. Gott machte es ihr nicht leicht. Der Ehemann – ein Tunichtgut, der jedem Rock nachgestiegen war. Die einzige Tochter – schwach und blass daheim. Der Sohn – gefangen in einer Mesalliance. Die Schwiegertochter eine Erbschleicherin mit unstetem Charakter. Nur die beiden Enkelkinder gaben ihr Anlass zur Freude. Besonders die kleine Minnie, benannt nach ihr. Antoinette de Meli. Ein entzückendes kleines Mädchen, zum Glück ganz anders als die flatterhafte Mutter. Antoinette betrachtete das Kind mit tiefer Zuneigung. Die dunklen Locken, die großen Augen – eine kleine Schönheit wuchs hier heran.

Florence beobachtete ihre Schwiegermutter unauffällig. Sie wusste, wie sehr die alte Frau an Minnie hing. Zu ihr war sie zärtlich, liebevoll und nachsichtig.

Das Essen war beendet. Nun noch ein Tässchen Mokka. Die Etagere mit dem Vanillegebäck stand wie von Zauberhand auf dem Tisch. Der Haushalt von Antoinette de Meli funktionierte geräuschlos und perfekt. Bei den jungen de Melis in der neuen Wohnung in der Räcknitzstraße ging es etwas anders zu. Gott sei Dank wohnten sie jetzt nicht mehr in derselben Straße, dachte Florence oft. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie ruhig noch ein bisschen weiter wegziehen können. Doch Henri war dagegen gewesen. Und so lebten sie nun in zwei Parallelstraßen. Immer noch ein Katzensprung für Antoinette de Meli, die viel zu oft vorbeikam, um nach dem Rechten zu sehen, fand Florence.

Sie schaute aus dem Fenster. Zwischen den französischen Vorhängen mit den aufgestickten Pfauen war ein Stück blauer Himmel zu sehen. Immerhin – dann könnten sie wenigstens einen Spaziergang machen. Sie mochte die viel zu große Wohnung ihrer Schwiegermutter nicht. Die Vorliebe für strenge dunkle Möbel nach gotischem Vorbild stieß sie ab.

Nur einmal fand Florence Gefallen an neugotischen Möbeln. Im Restaurant »Hubertus« in Pillnitz, wo sie mit Baron von Geyso im vergangenen Sommer einmal zum Essen verabredet gewesen war. Sie hatten sich blendend verstanden, der Baron und Florence. Endlich einmal ein Mann, der genauso gern lachte wie sie. Er könnte ihr Vater sein vom Alter her. Aber ein fröhlicher Charakter ist keine Frage des Alters, dachte sie versonnen. Es war alles ganz harmlos. Es war alles ganz wunderbar gewesen …

»Na, freust du dich schon auf den Spaziergang? Du scheinst ja bester Stimmung zu sein«, hörte sie die Stimme von Henri. Und ihr wurde schwer ums Herz.

5. Arztbesuch

Dresden, 04. Oktober 1881, am Nachmittag

Florence stand auf dem Balkon und rauchte. Henri war im Club. Wahrscheinlich würde er erst spät am Abend nach Hause kommen. Doch ihre Schwiegermutter war schon wieder in der Wohnung und blieb einfach, auch wenn Henri gar nicht da war. Mittlerweile kam Antoinette fast täglich vorbei und verbrachte die Nachmittage in der Räcknitzstraße. Sie hatte ihr Stickzeug dabei oder etwas zum Lesen. Manchmal beschäftigte sie sich mit den Enkelkindern. Dann wieder ließ sie sich in der Küche blicken und warf einen kritischen Blick in die Planung der Mahlzeiten. Florence seufzte. Zum Glück hatte sie jetzt gerade ein paar Minuten Ruhe vor ihr. Hier, auf dem schmalen Balkon, der zum Hof hinausging, würde sie niemand sehen, glaubte sie.

Sie hörte ein Klopfen. »Gnädige Frau, hier ist der Aschenbecher, ich habe ihn sauber gemacht.« Es war die Stimme von Adele, dem Dienstmädchen. Was musste sie sich nicht alles anhören, nur wegen ein paar Rauchwölkchen am Tag. Sogar die Kaiserin von Österreich sollte eine starke Raucherin sein. Die berühmte Elisabeth mit ihren prachtvollen Haaren – Florence hatte neulich erst ein Bild von ihr in einem Modemagazin gesehen. Sie überlegte, wer ihr erzählt hatte von dem Laster der Kaiserin. Irgendjemand vom Hof des sächsischen Königshauses hier in Dresden. Florence kannte einige deutsche Herzoginnen und Gräfinnen, die im Dienste der königlichen Familie standen. Florence’ Deutsch war gut, ihre Stellung durch die Heirat mit Henri herausragend. Die de Melis wurden auch unter den Deutschen als schwerreiche, adelige Familie aus New York betrachtet. Dabei gab es das doch gar nicht. Adel in Amerika.

Sie stieß die Luft aus. Wie unwürdig, dass sie hier stehen musste für diesen kleinen Moment der Entspannung. Wenn Henri am Abend seine Zigarren rauchte, saß er im Salon und musste sich nicht rechtfertigen. Eine Frau hatte es nicht leicht, dachte sie und erinnerte sich an ein Gespräch mit ihrer Freundin Minna von Funcke, die ihr von der Frauenbewegung berichtet hatte. Unvorstellbar, was diese kämpferischen Frauen forderten: Wahlrecht, Mitbestimmung, eine richtige Ausbildung, vielleicht sogar den Zugang zur Universität. Nun, bestimmt nicht für mich, überlegte Florence. Aber vielleicht für Minnie? Wer wusste schon, was die Zukunft brachte? In einem Punkt würde sie ihrer Tochter jedoch unbedingt helfen, sie sollte einen guten Mann heiraten. Nicht nur eine gute Partie, nein, einen guten Mann. Genügend Geld war wichtig, Bildung und Stand auch. Doch es durfte nicht an Herzenswärme und Güte fehlen, fand Florence und fragte sich zum x-ten Mal, warum diese Seiten bei Henri so im Verborgenen lagen.

Wieder klopfte es zaghaft von innen an die Glasscheibe. Adele knickste. »Gnädige Frau, Dr. Zumpe ist da.«

»Dr. Zumpe? Ich habe ihn nicht herbestellt. Wollte er zu Henri? Der ist im Club.«

Adele zuckte die Schultern. »Was soll ich ihm ausrichten?«

»Ach, ist schon gut, Adele. Bitte führen Sie ihn in den Salon. Ich bin gleich so weit. Und sagen Sie doch bitte der Kinderfrau, dass sie die Kinder zurechtmachen soll. Ich möchte mit den beiden zur Brühl’schen Terrasse und einen Kakao trinken.«

Das Dienstmädchen machte sich auf den Weg, und Florence ging in den Salon, nicht ohne sich noch einmal etwas von dem Orangenparfüm aufzutragen.

Der Arzt saß zusammengesunken auf dem Sofa und schien seinen Gedanken nachzuhängen. Als Florence den Raum betrat, erhob er sich schnell. »Meine liebe Frau de Meli, wie schön, Sie zu sehen!«, begrüße er sie galant und deutete einen Handkuss an.

Sie tauschten ein paar Höflichkeiten aus, bis Florence direkt nachfragte: »Wer hat nach Ihnen schicken lassen? Wenn Sie zu meinem Mann wollen, müssten Sie morgen noch einmal wiederkommen. Henri ist im Club.«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Ich wollte tatsächlich zu Ihnen, meine liebe Frau de Meli. Gucken Sie nicht so überrascht! Ganz harmlos, ganz harmlos«, sagte er mit einem Lächeln.

»Dann klären Sie mich doch bitte auf! Ich fühle mich sehr gut. Kommen Sie in einer anderen Angelegenheit?«

»Nun«, fing Carl Julius Zumpe an. »Manchmal hat man selbst das Gefühl, man sei in ausgezeichneter Verfassung. So will ich es einmal vorsichtig formulieren.«

Florence runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen …«

»Ich hörte, dass Sie matt sind, erschöpft. Wir kennen Sie doch alle als eine fröhliche Person. Ja, geradezu schwungvoll. Und mir kam zu Ohren, dass Sie häufig unter Kopfschmerzen leiden, sich zurückziehen. Dass Ihnen möglicherweise alles zu viel wird. Es ist ja auch kein Wunder. Sie müssen ein vornehmes Haus führen, haben Kinder, einen anspruchsvollen Ehemann, sind in der Kirchengemeinde aktiv… Frau de Meli, ich würde Sie gern kurz untersuchen.«

Florence runzelte die Stirn. Wie kam der Arzt darauf, dass es ihr schlecht ging? Sie hatte nirgends Andeutungen dieser Art gemacht. Nun gut, in letzter Zeit hatte sie sich in der Öffentlichkeit etwas zurückgehalten. Es war Anfang Oktober. Die Wintersaison würde erst in ein paar Tagen beginnen. Die ersten Einladungen für abendliche Gesellschaften und Bälle waren schon eingetrudelt.

»Hat mein Mann Sie rufen lassen? Oder von wem kam die Bitte, zu uns zu kommen?«

»Das tut doch nichts zur Sache, meine liebe gnädige Frau. Gehen Sie einfach davon aus, dass es Menschen in Ihrer Umgebung gibt, die sich um Sie sorgen und die Sie unbekümmert und fröhlich wissen möchten«, erwiderte der Arzt mit undurchdringlicher Freundlichkeit.

»Da Sie sich extra auf den Weg gemacht haben. Bitte sehr, Herr Dr. Zumpe, dann untersuchen Sie mich. Ich habe allerdings nicht viel Zeit, ich möchte mit den Kindern einen Spaziergang unternehmen.«

Der Arzt klappte seine abgegriffene Tasche aus Schweinsleder auf und zog ein Stethoskop heraus. Er horchte das Herz ab, die Lungen, befühlte ihren Puls, sah in ihre Pupillen und in ihren Hals. Als die kurze Prozedur beendet war, packte er seine Geräte umständlich wieder ein.

»Wir sollten uns setzen, liebe Frau de Meli«, begann er. »Der erste Eindruck ist durchaus gut. Nur der Puls scheint mir etwas schwach. Ich meine auch, ein leichtes Pfeifen in der Lunge gehört zu haben. Sagen Sie, rauchen Sie noch diese türkischen Zigaretten?«

Florence nickte. »Aber ich habe nicht bemerkt, dass mein Atem rasselt.«

»Um Gottes willen, das habe ich auch nicht gesagt!« Julius Zumpe schüttelte den Kopf. Er legte die Hände zusammen, sodass sie ein Dreieck bildeten. »Ich mache es kurz. Meine Arzt-Augen sehen, dass Sie ein wenig erschöpft sind und Ruhe benötigen. Und bevor dieser Zustand Sie wirklich krank macht, sollten Sie auf mich hören und sich schonen.«

Dann zog er ein Papiertütchen aus seiner Tasche. »Dieses Pulver hier ist sehr hilfreich. Es handelt sich um eine Art Heilerde. Ein wahres Wundermittel, vielen meiner Patienten hat es schon geholfen. Sie rühren sich etwa einen halben Teelöffel in ein Glas Wasser, jeden Morgen, oder wann immer Sie sich ermattet fühlen, und Sie werden sehen, bald sind Sie wieder ganz die Alte!«

Argwöhnisch betrachtete Florence die kleine Tüte aus braunem Packpapier. Es stand kein Schriftzug, kein Zeichen darauf. »Haben Sie vielen Dank, Herr Doktor. Gern werde ich Ihre Empfehlungen annehmen.«

Zumpe strich über seine Tasche und erhob sich. »Sehr schön, verehrte Frau de Meli, es ist zu Ihrem Besten, glauben Sie mir!«

Florence brachte ihn zur Tür. Dann faltete sie das Tütchen auseinander und sah hinein. Ein grauweißes Pulver, es roch eigenartig. Sie rollte die Tüte wieder zusammen. Was für ein merkwürdiger Besuch. Sie ging in ihr Schlafzimmer und steckte das Tütchen in ihren Beutel. Sie würde es dem Inhaber der Löwen-Apotheke zeigen, um herauszufinden, welche Inhaltsstoffe tatsächlich in dem Pulver steckten. Sie sah auf die kleine Konsolenuhr. Die Kinder warteten bestimmt seit einer Viertelstunde auf sie. Florence schlüpfte in ein Paletot und eilte durch die leere Wohnung. Ihre Schwiegermutter schien unbemerkt gegangen zu sein. Im Kinderzimmer angekommen standen Minnie und Henry tatsächlich schon in Jacke und Mantel und warteten auf ihre Mutter.

Die Oktobersonne machte aus diesem Tag eine matte Erinnerung an den Sommer. Die Bäume waren noch voll belaubt. Nur das Grün ihrer Blätter war dunkel und staubig geworden. Bald würden die ersten Herbststürme über Sachsen ziehen, und dann ging es immer ganz schnell, dachte Florence mit einem Anflug von Melancholie, als sie aus dem Droschkenfenster blickte. Der Wagen rollte an der Bürgerwiese vorbei, links herum in die Waisenhausstraße.

»Aber, Mommy, du hast gesagt, wir trinken Kakao im Belvedere«, jammerte Henry, als die Droschke vor der Löwen-Apotheke hielt.

»Das tun wir auch. Vorher muss ich schnell in die Apotheke. Es dauert nicht lange«, beruhigte sie ihn.

Die Kinder warteten im Wagen, während ihre Mutter Dresdens älteste Apotheke betrat.

Ein freundlicher Herr in weißem Kittel bediente sie. Als Florence ihm das Papiertütchen gab, öffnete er es mit spitzen Fingern. »Von ihrem Arzt? Soso. Ungewöhnlich, dass gar keine Bezeichnung darauf steht«, sagte er und guckte Florence durchdringend an. »Kenne ich den Kollegen? Es ist nicht üblich, dass ein Medicus ein Präparat verabreicht – ohne den Patienten, pardon, die Patientin, vollständig zu informieren«, murmelte er.

»Es handelt sich um unseren Hausarzt. Ein sehr erfahrener Mediziner. Sein Name tut hier nichts zur Sache. Könnten Sie dieses Pulver bitte überprüfen? Er sprach von einer Art ›Heilerde‹. Ich weiß nicht recht …«, entgegnete Florence.

»Selbstverständlich werde ich mich darum kümmern. Schauen Sie doch morgen wieder vorbei. Oder lassen Sie mir Ihre Anschrift da, falls ich Rückfragen habe«, sagte der Apotheker.

»De Meli, Florence de Meli. Räcknitzstraße 7«, antwortete Florence und kaufte noch ein Tütchen Salmiakbonbons für die Kinder und Kopfschmerztabletten für sich selbst. Ob es am Wetter lag? Oder hatte es ihr Dr. Zumpe eingeredet? Florence fühlte sich tatsächlich nicht besonders gut. Sie schob es auf das Wetter. Diese sommerlichen Temperaturen im Herbst bekamen ihr nicht. Und vielleicht sollte sie sich das Rauchen tatsächlich abgewöhnen, dann würden sie die Kopfschmerzen weniger häufig plagen, überlegte sie.

Kaum war sie zurück in der Droschke, belagerten sie ihre Kinder. »Mommy, hast du uns etwas mitgebracht?«

Florence zog die Salmiakbonbons aus dem Beutel. Die restliche Fahrt über den Pirnaischen Platz bis hin zur Elbe war sie durch Henry und Minnie abgelenkt und verscheuchte alle Gedanken an Unwohlsein und Mattigkeit. Als sie dann am Flussufer entlangspazierten, kam ihr der Besuch von Dr. Zumpe immer befremdlicher vor. Hier, in der Sonne inmitten vieler anderer Mütter und Kindermädchen, zwischen Flaneuren und spielenden Kindern, fühlte sie sich ganz lebendig. Von Abgeschlagenheit keine Spur. Auch im Belvedere auf der Brühl’schen Terrasse ließ sie sich von der lebhaften Stimmung ringsherum anstecken. Das große Café mit seiner unvergleichlichen Aussicht auf die Elbe hatte vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr die Terrasse geöffnet. Und beinahe jeder Tisch war besetzt. Florence hielt den Schirm schräg, um nicht von der Sonne geblendet zu werden auf der Suche nach einem freien Platz, als Minnie sich losriss und davonrannte. Ihr Bruder stürzte hinterher. Der Kies spritzte zur Seite, bis die Kinder völlig außer Atem drei leere Stühle eroberten.

Eine ältere Dame hob ihre Stielbrille an die Augen und starrte zu Florence und ihren ausgelassenen Kindern. »Typisch, diese Yankees. Glauben wohl, überall ist der Wilde Westen!« Die Frau schüttelte den Kopf.

Ihre Begleiterin nickte und schluckte schnell das Stückchen Kuchen hinunter: »Ja, da haben Sie etwas Wahres gesagt. Aber die Stadt ist ja voll von Amerikanern. Und von Engländern. Man hört es überall. Dabei heißt es immer, diese Leute kommen zu uns, um Deutsch zu lernen. Wenigstens sollten sie Benimm lernen.« Zur Bekräftigung klopfte sie mit der Kuchengabel auf ihren leeren Teller.

Ihre Freundin sah sie verwundert an. »Tischmanieren?«, fragte sie gedehnt.

Die andere legte schnell die Gabel zur Seite und tupfte sich den Mund ab. »Jaja, auch Tischmanieren …«, murmelte sie und wechselte schnell das Thema.

Florence bemerkte das Missfallen am Nachbartisch. Sie lächelte den beiden alten Dresdnerinnen versöhnlich zu, die dies mit gekräuselten Lippen erwiderten. Florence zuckte mit den Achseln. Sie wollte die Zeit mit ihren Kindern genießen. Sie waren unter sich. Keine Kinderfrau. Kein schlecht gelaunter Ehemann, keine Schwiegermutter. Es war herrlich! Die Kinder durften so viel Kuchen essen und Kakao bestellen, bis sie nicht mehr konnten. Auch Florence musste den Teller mit dem halb aufgegessenen Stück Marzipantorte zur Seite stellen.

»Jetzt sind wir alle kugelrund! Da hilft nur ein kleiner Spaziergang.« Sie strich über Minnies Wange und wischte einen Krümel aus dem Kindergesicht. Das Leben war auf einmal leicht. Florence gab Henry einen Kuss auf die Stirn, während sich Minnie an ihrem Bein festhielt. »Wir müssen nach Hause, leider. Aber wir steigen in der Prager Straße aus, versprochen. Und dann schauen wir noch bei Hempels vorbei, und ihr dürft euch etwas aussuchen!«

Minnie jubelte bei der Aussicht auf noch mehr Süßigkeiten an diesem Nachmittag. Und Henry zeigte auf den nächstgelegenen Droschkenstand. »Wenn wir zur Konditorei fahren, dann sollten wir sofort aufbrechen!«, übernahm er das Kommando.

Wenig später rollten sie durch die breite Einkaufsstraße, um vor Hempels Konditorei zum Stehen zu kommen. Dort kauften sie reichlich Schokolade und Marzipan.

»Den Rest machen wir zu Fuß. Jetzt ist es nicht mehr weit«, rief Florence, und die drei setzten ihren Weg fort.

»Nanu, woher kommt ihr denn? Wollt ihr einfach grußlos an mir vorüberziehen?« Die Stimme gehörte Antoinette de Meli. Und sie klang nicht freundlich. Florence hatte ihre Schwiegermutter gar nicht erkannt unter dem Sonnenschirm, mit dem sie ihr Gesicht verbarg. Mit einem Schlag war die Unbekümmertheit dahin.

Während Minnie sich aus ihrer Hand löste und auf die Großmutter zusprang, blieb Florence verhalten: »Das ist eine Überraschung. Ich habe dich tatsächlich nicht gesehen. Die Sonne blendet so.«

»Ach, komm nur her, kleine Minnetta! Du hast mich gleich gesehen, nicht einfach ignoriert wie deine Mutter!«

»Antoinette, das stimmt nicht, wir kommen doch gerade aus Hempels Konditorei. Wir waren einkaufen«, versuchte es Florence.

»Das sehe ich.« Antoinette deutete auf die prall gefüllte Papiertüte mit dem verschnörkelten Emblem der Konditorei. »Ihr habt alles gekauft, was euch gefiel, was, Kinder?« Es klang boshaft.

Henry nickte eingeschüchtert. Minnie legte den Kopf schief. »Granny, nicht böse sein!«

Antoinette tätschelte ihre Wange. »Nein, mein Kind, mit euch bin ich nicht böse. Ihr seid doch noch viel zu jung.« Sie sprach liebevoll zu dem Mädchen. Florence atmete innerlich auf. Minnie hatte einen ganz besonderen Zugang zu der alten Dame. Gott sei Dank! Doch Antoinette de Meli war noch nicht fertig. »Florence, du verwöhnst die Kinder viel zu sehr. Was soll das? Sie werden verweichlicht, schau dir nur deinen Sohn an!«, sagte sie mit schneidender Stimme.

Florence wurde rot vor Wut. »Schwiegermama, ich glaube nicht, dass wir das hier besprechen sollten.« Sie wollte weitergehen.

Doch Antoinette hielt ihren Arm fest. »Einen Moment noch.«

Florence wand sich aus dem Griff. »Kinder, geht langsam weiter. Bis zur Ecke da vorn. Großmama und ich haben noch etwas zu besprechen.«

Die Kinder gehorchten.

»Da man dich zu Hause nicht antrifft, müssen wir uns wohl hier einmal kurz unterhalten«, fing Antoinette an.

»Ich war zu Hause. Und ich hatte dich auch noch gesucht im Salon und im Esszimmer. Aber du warst schon fort. Ich wusste nicht…«, erwiderte Florence.

Antoinette schnitt ihr das Wort ab. »Es tut nichts zur Sache. Etwas anderes beschäftigt mich sehr viel mehr als das, was du weißt oder nicht weißt.«

Florence stand mit offenem Mund da. Antoinette war von Anfang an entschieden gegen ihre Verbindung mit Henri gewesen. Und das Verhältnis zwischen den beiden Frauen war über die Jahre immer frostiger geworden. Ihre Schwiegermutter machte ihr Angst. Antoinette de Meli machte einigen Menschen Angst. Ihrem Sohn. Ihrer Tochter. Und auch ihr verstorbener Ehemann hatte sich vor ihrem scharfen Verstand und ihrem noch schärferen Urteil gefürchtet.

»Florence, ich verabscheue deine Verschwendungssucht! Heute beim Konditor, morgen beim Schneider, übermorgen beim Blumenhändler. Von überallher kommen Rechnungen für Dinge, die du kaufst. Hast du dir jemals Gedanken gemacht, woher das ganze Geld stammt, das du hier mit vollen Händen ausgibst?«

Florence schwieg. Sie kannte diese Argumente schon.

»Ich will es dir sagen. Das Geld kommt von Henri. Von unserer Familie. Hörst du? Von unserer Familie. Und wenn du es ganz genau wissen willst, das Vermögen, das dir ein so schönes Leben beschert, stammt von meinem Vater. Du hast gar nichts mit in die Ehe gebracht. Außer Unglück! Ohne uns wärst du eine Bettlerin. Deine Eltern hatten nichts!«, ihre Stimme war lauter geworden.

»Lass meine Eltern aus dem Spiel. Sie waren sehr anständige Menschen.« Florence schluckte bei dem Gedanken an ihre tote Mutter, die sie in deren letzten Tagen nicht mehr besuchen durfte – weil Antoinette und Henri es ihr verboten hatten. »Du hast kein Herz! Und nun lass mich in Ruhe mit deinen ewigen Vorhaltungen.«

»Ich denke gar nicht daran. Du bringst meinen Jungen noch um. Merkst du denn gar nicht, wie unglücklich er mit dir ist? Ich habe es von Anfang an gewusst – du bist nichts als eine kleine Erbschleicherin. Hast ihm schöne Augen gemacht, ein Kind angedreht, um ihn dann heiraten zu können. Genau das war dein Plan!«, redete sich die alte Frau weiter in Rage.

»Mir reichen deine Unverschämtheiten!« Florence starrte sie wütend an.

»Du brauchst dich hier gar nicht so aufzuführen, meine liebe Florence. Jetzt schreist du hier herum. Dann heißt es wieder, du seist unpässlich und am nächsten Tag blamierst du Henri mit deinem kindischen Verhalten und trällerst auf Gesellschaften wie ein Vögelchen. Da ist ja Minnie schon reifer …«

Florence stieß die Luft aus. »Ich gehe jetzt«, sagte sie mit bebender Stimme. »Die Kinder stehen da vorn und warten auf mich.« Sie zeigte zur Straßenecke, die weit genug entfernt war, sodass Minnie und Henry nicht jedes Wort verstehen konnten.

»Ja, geh nur zu deinen Kindern, Florence. Solange du noch kannst.« Die alte Frau nestelte wütend an ihrem Beutel.

Florence blieb stehen und drehte sich langsam um. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, warf ihre Schwiegermutter ihr ein paar deutsche Münzen vor die Füße und schrie: »Hier, du Bettlerin, noch mehr von meinem Geld!« Die Münzen rollten über den Gehweg.

Fassungslos schüttelte Florence den Kopf. »Du bist krank, Antoinette«, war alles, was sie herausbrachte.

»Wenn hier jemand krank ist, dann du, Florence Draper! Man muss die Kinder schützen vor dir! Du gehörst in eine Anstalt.« Jetzt war es heraus. Antoinette de Meli reckte das Kinn in die Höhe und sah sie verächtlich an. »Ich habe schon mit Henri gesprochen, er sagt auch, dass du besser in einem Heim aufgehoben wärst.«

Florence sah ihre Schwiegermutter ungläubig an. »Was hast du gesagt?«

»Du hast ganz richtig gehört. Und eines merk dir, meine liebe Flossie«, und ihre Stimme klang vernichtend, »das kann schneller gehen, als man meint …«

»Du weißt doch gar nicht, was du da redest. Dir bekommt die Sonne nicht«, war alles, was Florence herausbrachte. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Sie wollten sie abschieben! In eine Irrenanstalt! Florence lief zu ihren Kindern. Sie weinte vor Wut.

»Mommy, warum habt ihr euch gestritten, Granny und du? Und warum schmeißt Grandma Geld auf die Straße?« Minnies Hand hinterließ einen Fleck auf Florence’ Handschuh. Irritiert betrachtete Florence den orangefarbenen Punkt auf der gelben Seide. »Zeig mir einmal deine Hände! Was hast du da?« Ihre Stimme zitterte.

Minnie begann zu weinen. »Es hat so lange gedauert, da haben Henry und ich die roten Beeren abgepflückt. Adele hat mal gesagt, innen drin ist Juckpulver.« Das Mädchen zeigte auf die Heckenrosen, die hinter einem schmiedeeisernen Zaun wuchsen.

»Ach, Minnie …« Florence seufzte.

»Bist du jetzt böse mit mir? Henry hat auch mitgemacht!« Minnie zeigte auf ihren Bruder, der seine Hagebuttensammlung längst fallen gelassen hatte.

»Kinder«, Florence rang um Fassung. »Lasst uns schnell nach Hause gehen«, flüsterte sie. »Schnell.«

Als sie sich eine Stunde später für das Abendessen umzog, hatte sich Florence äußerlich beruhigt. Sie musste mit Henri reden. Wenn sie an die Begegnung auf der Straße zurückdachte, kehrte der Zorn zurück. Aber auch die Angst. Antoinette war eine beherrschte Frau. Dass sie sich so gehen ließ – auf offener Straße, wo sie jeder hätte sehen und hören können –, war untypisch. Aber vielleicht war es einfach aus ihr herausgeplatzt? Der ganze Plan? War deshalb Dr. Zumpe hier gewesen? Was steckte in dem braunen Tütchen? Florence betupfte nervös ihre Handgelenke mit Eau de Cologne. Im Spiegelbild sah sie eine hübsche junge Frau. Sah so eine Person aus, die in eine Anstalt gehörte? Henri würde diesen Unfug aufklären, dachte Florence und atmete tief durch. Dann ging sie ins Esszimmer.

6. Schlüsselgewalt

Dresden, 04. Oktober 1881, am frühen Abend

Das Speisezimmer lag nach Osten hin. Nur am Morgen schien die Sonne herein. In der übrigen Zeit blieb es ein dunkler Raum – verstärkt noch durch die Eichenholzvertäfelung, die ringsum die Wände zur Hälfte einnahm. Darauf war ein umlaufendes Holzbord angebracht. Hier hatte Florence kleine Zinngefäße aufgestellt. Krüge, Teller und andere Gefäße. So wie sie es bei ihrer Freundin Minna von Funcke gesehen hatte. In deutschen Häusern war Zinn beliebt. Es sah alt aus, historisch. Das hatte ihr Minna erklärt. Sie musste es wissen, schließlich war sie mit einem deutschen Adeligen verheiratet. Minna, die als Mary Emerson in Amerika zur Welt gekommen war, hatte in Sachsen ihr Glück gefunden: Bernhard Oskar von Funcke, Stadtkommandant von Dresden.

Während Florence auf die Parade der Zinnbecher und den passenden Krug dazu starrte, gelangte Adele unbemerkt in den Raum und stellte eine Kristallkaraffe mit Wasser auf den Tisch. Florence’ Gedankenreise zu den Funckes endete abrupt. Sie seufzte. Heute Abend würde sie sich nicht streiten. Nein, sie würde Henri ganz ruhig erzählen, was vorgefallen war, weiter nichts. Sie würde ihm keine Szene machen. Warum auch? Schließlich war es seine Mutter, die so bösartig zu ihr gewesen war, nicht er. Eine hinterhältige Schlange. Florence trank einen Schluck von dem kühlen Wasser. Henry und Minnie hatten bereits mit der Kinderfrau zu Abend gegessen und lagen im Bett. Beim Gute-Nacht-Kuss und dem gemeinsamen Abendgebet war die Auseinandersetzung mit Granny kein Thema mehr gewesen. Vermutlich hatten die beiden gar nicht so viel mitbekommen, hoffte Florence. Die Hagebutten mit ihrem juckenden Innenleben waren interessanter gewesen.

»Guten Abend.« Henri stand im Türrahmen und warf ihr einen flüchtigen Blick zu.

»Henri, wie schön, dich zu sehen!« Sie wollte ruhig bleiben und freundlich. Unbedingt.

Er setzte sich. »Nanu, so gut gelaunt? Nach so einem Tag?«

Florence zwang sich, über diese Bemerkung hinwegzugehen. »Warum nicht? Ich habe meistens gute Laune. Das weißt du.«

»Ja, natürlich. Das hätte ich beinahe vergessen. Meine Frau ist für ihre gute Laune bekannt. Es gibt kein Fest, kein Dinner, an dem sie nicht alle anderen mit ihrer Fröhlichkeit ansteckt …« Sein Ton war bissig.

»Ich weiß nicht, was diese Bemerkung soll. Hättest du lieber jemanden an deiner Seite, der melancholisch ist?«

»Nein, sicher nicht. Aber weißt du, Florence, es kommt darauf an, die Haltung zu bewahren. Auch wenn man bester Dinge ist«, dozierte er und schenkte sich selbst ein Glas weißen Burgunder ein. »Ich vermute, du möchtest heute keinen Wein, oder? Dr. Zumpe hat mir mitgeteilt, dass du etwas unpässlich bist.«

Florence sah ihn überrascht an. Henri nahm einen tiefen Schluck und atmete aus. »Da staunst du, was ich alles weiß! Ich sehe es an deinem hübschen Gesicht. Das kleine Frauchen begreift gar nicht, was um sie herum passiert.« Er schüttelte mit gespielter Verzweiflung den Kopf.

»Henri, bitte! Ja, es stimmt, Dr. Zumpe war hier. Ich dachte zuerst, er wollte zu dir, aber nein, angeblich hättest du ihn geschickt. Dabei habe ich doch gar nichts. Gut, ab und zu die Kopfschmerzen. Aber wahrscheinlich hast du recht, und ich sollte tatsächlich weniger Zigaretten rauchen.« Sie war fest entschlossen, diesen Abend überlegt und gemessen zu gestalten. Sie musste in Ruhe mit Henri sprechen – über die ungeheuerlichen Vorwürfe und Ideen seiner Mutter.

»Ich verrate es dir, Florence. Dr. Zumpe hat mir eine Nachricht zukommen lassen. Er macht sich Sorgen. Und ich auch.«

Florence berührte vorsichtig seine Hand, die neben dem Weinglas lag. Henri zuckte zusammen. »Beinahe hätte ich das Glas umgeworfen!«

»Aber ich bin doch deine Ehefrau, Henri!«

Er nickte fahrig. Dann läutete er nach dem Personal. Das Abendessen wurde aufgetragen.

Florence rang sich durch, wenigstens ein paar Bissen zu essen. Henri beäugte das Stochern auf dem Teller argwöhnisch.

»Da liegt der Doktor schon richtig, wenn du nicht einmal mehr essen magst.«

Florence tupfte sich den Mund ab. »Womit liegt er richtig?«

»Mit seiner Diagnose. Deine Launenhaftigkeit, deine Abgeschlagenheit, die dauernden Kopfschmerzen. Und zwischendurch rührst du nicht einmal das Essen an. Dr. Zumpe meint, dass du an einer Mischung aus Hysterie und Melancholie leidest.«

»Henri, ich bin gesund. Es ist etwas anderes. Ich traf vorhin deine Mutter. Unten auf der Mosczinskystraße, an der Ecke Christianstraße. Ich weiß gar nicht mehr, was der Auslöser war, aber wir gerieten in einen Streit. Und …« Florence schluckte. »Deine Mutter behauptete auch, dass ich krank sei. So …« Sie tippte sich an ihren Kopf. »Also, ihrer Meinung nach gehöre ich in eine Irrenanstalt. Stell dir das einmal vor! Und es ging noch weiter. Du wärst angeblich auch dafür.«

Jetzt war es heraus. Sie sah ihren Mann an. Henri leerte sein Weinglas und drehte es am Stiel. Er schwieg.

»Hörst du, Henri, in eine Anstalt! Das hat sie gesagt. Und angeblich findest du auch, dass ich dorthin gehöre.«

Auf einmal klang ihre Stimme ängstlich. Fast wie die eines Kindes. Henri spürte ihre Furcht. Sah plötzlich wieder die ganz junge Florence vor sich. Damals beim Maskenball im Hotel de Saxe. Als sie zurückkehrten aus dem dunklen Korridor und sich wieder unter die anderen Gäste mischten. Ein Hauch von Scham stieg in ihm auf. Schnell verscheuchte er die Erinnerung. Es war ihre eigene Schuld, ganz allein. Immer reizte sie ihn, reizte seine Mutter, ja, sie reizte alle möglichen Menschen, das hatte er schon häufiger gehört. Und dann kam dieses zitternde Stimmchen. Selbst schuld. Sollte sie doch aufhören. Sollte sie doch einmal Vernunft annehmen. Er war im Recht. Florence war hübsch anzuschauen, hübsch anzuhören, und man konnte mit ihr lachen, doch das alltägliche Leben war mit dieser Frau unmöglich. Eine schlechte Mutter, die die Kinder verweichlichte. Eine überforderte Hausfrau, die nie verstanden hatte, dass man sich mit Dienstboten nicht gemeinmachte, und als Ehefrau eine Zumutung. Wie sie andere Männer ansah, gurrte, kicherte, den Kopf schräg hielt. Die Wut war wieder da. Wie schwarze Tinte floss sie durch seine Adern, sein Herz.

»Florence, ich stimme meiner Mutter zu!«, sagte er laut und sah sie endlich an. Sah die braunen Augen, in denen Tränen schimmerten. Sah den Kirschenmund, der offen stand. Sah, wie ihre Hand anfing zu zittern. Sie war ein Nervenbündel. Dr. Zumpe hatte es gesagt, so oder so ähnlich. Wie es eben ein Arzt sagt. Henri war kein Mediziner. Er war Bergbau-Ingenieur. In einem Stollen braucht man Ruhe und Besonnenheit. Sonst ist es lebensgefährlich, dachte er. Florence würde alle verrückt machen unter Tage. Sie war ja selbst verrückt. Er musste aufstoßen. Dieser neue weiße Burgunder war nichts für seinen empfindlichen Magen.

Er hörte, wie sie die Luft durch die Nase ausstieß. »Henri, ich kann es nicht glauben! Hat dich deine Mutter so sehr gegen mich aufgehetzt? Hat sie es endlich geschafft, dass du mich wegstößt?« Sie schüttelte den Kopf und presste die Lippen zusammen. Das Schluchzen sollte nicht hinaus.

»Meine Mutter hat dir so oft angeboten, dir zu helfen. Wie man einen Haushalt führt, wie man Kinder erzieht. Sie wollte dich unterstützen als eine de Meli. Aber nichts davon hast du angenommen!«

»Wer geht denn jeden Sonntag nach der Kirche zu ihr? Jeden Sonntag sitzen wir bei deiner Mutter, und ich muss mir ihre Kritik anhören, was ich alles falsch mache.«

Das Essen wurde abgeräumt. Henri stand auf und ging zum Büfett. In einem der verspiegelten Schrankfächer befand sich seine ansehnliche Sammlung von verschiedenen Sorten Magenbitter und anderen hochprozentigen Flüssigkeiten. Er goss sich einen Karlsbader Becherbitter ein.

»Ich verstehe gar nicht, warum du dich so aufregst. Sieh es doch einmal so, du kommst in ein schönes Maison de Santé und kannst dich einmal wirklich erholen. Musst dich um nichts kümmern. Ohne Kinder. Ohne mich. Ich habe schon mit Dr. Zumpe gesprochen. Er riet mir zu einer Kur für Neurastheniker. Da gibt es wohl allerhand wirkungsvolle Maßnahmen. Und ganz in der Nähe. Wir kommen dich besuchen.«

Florence hörte ihren eigenen Herzschlag. Es war eine abgemachte Sache. Sie hatten es hinter ihrem Rücken geplant. Dr. Zumpe war mit im Bunde. Ihr wurde schlecht.

»Was ist mit dir? Du bist ja ganz weiß im Gesicht. Magst du auch einen Magenbitter?«

Florence schüttelte den Kopf. Ihre Stimme bebte. »Ich kann nicht glauben, was du da sagst. In ein Maison de Santé? Was heißt das denn? Das ist doch nur ein schöner Name für eine Irrenanstalt!«

»Florence, mäßige dich, bitte! Es ist doch nur zu deinem Besten.« Er tat so, als müsste er nachdenken.

»Vergiss bitte nicht, wie du dich aufgeführt hast. Vergiss nicht die Episode mit dem Maler. Ich habe sie nicht vergessen!« Jetzt klang er drohend.

Florence schüttelte den Kopf. »Immer kommst du mir mit dieser alten Kamelle! Du weißt so gut wie ich, dass alles ganz harmlos war. Ein junger Kunstmaler. Gerade erst von der Akademie. Na und? Er hat ein schönes Bild von mir gemalt, das musst du doch wohl zugeben. Ja, und wir haben uns gut verstanden, viel gelacht. Ich habe dir nichts verschwiegen. Wenn man stundenlang stillsitzen muss, ist es eine Erleichterung, sich zu rühren, und ja – auch einmal ausgelassen zu sein.«

Henri stöhnte. »Und die Sache mit dem Konfetti? Wie konntest du es zulassen, dass dir so ein Malerbursche einfach Papier ins Haar streut? Auf dem Gemälde sehe ich kein Konfetti in deiner Frisur. Wer weiß, was noch alles passiert wäre, wenn nicht zufällig das Dienstmädchen hereingeplatzt wäre …«

»Ja, und dir alles brühwarm berichtet hätte!« Florence verachtete ihn für seine Eifersucht. Und sie verachtete ihn dafür, dass er die Dienstboten bestach, damit sie ihn über alle Vorgänge in seinem Haus unterrichteten. »Du bist doch selbst krank. Krank vor Eifersucht! Und soll ich dir sagen, woran das liegt? Dafür braucht man keinen Dr. Zumpe, das sagt einem der gesunde Menschenverstand«, sie holte Luft. »Es liegt daran, dass du immer noch in den Fängen deiner Mutter bist. Schau dich doch an! Wie ein Schoßhündchen hängst du an ihr. Nichts kannst du allein entscheiden, immer hat sie das letzte Wort. Nur einmal, ein einziges Mal, hast du nicht das gemacht, was sie dir gesagt. Da hast du mich geheiratet. Und dafür muss ich bis heute büßen.« Sie stieß ihren Stuhl zurück.

»Du bist unmöglich, Florence. Und nur weil Dr. Zumpe mir schon gesagt hat, dass deine Nerven völlig überreizt sind, höre mir diesen hysterischen Unfug an. Meine Mutter hat recht, jemand wie du kann keine gute Hausfrau sein. So unbeherrscht und seinen Launen so ausgeliefert.« Er hielt inne. »Deshalb habe ich vorsorglich die Schlüssel an mich genommen. Die Schlüssel für die Wirtschaftsräume, die Küche und die Speisekammer. In deinem Zustand kannst du den Haushalt nicht führen.«

»Was hast du getan? Die Schlüssel an dich genommen? Hinter meinem Rücken! Oh, Henri, bist du wirklich so ein schäbiger Charakter, oder hat dir das deine Mutter ins Ohr geflüstert?« Florence war außer sich vor Wut. Es war die Aufgabe einer Ehefrau, sich um das Heim, die Kinder und die Führung des Haushaltes zu kümmern. Es war die ureigenste Aufgabe der Frau.

»Reg dich nur nicht so auf. Das ist schlecht für deine Nerven«, sagte Henri in einem beschwichtigenden Tonfall.

»Was soll das heißen? Natürlich rege ich mich auf!« Florence war es gleichgültig, ob die Dienstboten den Streit mitbekamen. Es war nicht das erste Mal. Sollten sie sich doch in der Küche das Maul zerreißen. Sie legte die Serviette beiseite und blickte auf das hochrote Gesicht ihres Ehemannes, der sie gerade entmachtet hatte. Henri lächelte. Tatsächlich, er lächelte. »Ich setze mich ins Raucherzimmer. Später erwarte ich noch Besuch.«

»Wer kommt denn da noch vorbei? Sonst gehst du doch immer in den Club. Etwa deine Mutter?«

»Florence, bitte! Nun benimm dich wenigstens einmal wie eine erwachsene Frau. Das kann ich als dein Ehemann doch wohl erwarten!«

»Und ich kann erwarten, dass du mich auch wie eine erwachsene Frau behandelst. Und mir nicht einfach die Schlüssel stiehlst. Das mache ich nicht mit. Du gibst sie mir sofort zurück!« Florence stand vor Henri und zitterte vor Wut.

»Sieh nur!«, sagte er spöttisch. »Du zitterst. Siehst du es nun ein, dass du ein kaputtes Nervenkostüm hast?«

Florence schwieg feindselig. Henri musste aufstoßen. Sein Magen. Der böhmische Rachenputzer half nicht. Gleich würde er es mit Bullrichs Magensalz versuchen. Oder besser noch: Dr. Zumpe um Rat fragen. Der Arzt wollte schließlich in einer halben Stunde hier sein.

»Erinnerst du dich noch an Frau von Weber? Wie es der armen Frau ergangen ist?« Henris Lächeln hatte etwas Boshaftes.

Natürlich erinnerte sie sich. Das Schicksal von Mathilde von Weber war wochenlang das Gesprächsthema in der feinen Gesellschaft von Dresden gewesen. Auch unter den amerikanischen Bewohnern. Florence dachte mit Schaudern an die arme Frau, die sie vor Jahren einmal während einer Soiree bei den Funckes kennengelernt hatte. Eine brünette Schönheit, sprach perfektes Englisch und war ihrem Mann, dem Enkel des berühmten Komponisten, haushoch überlegen gewesen. Dazu lebenslustig und eigensinnig. Hielt sich gern in Musikerkreisen auf. Hielt sich gern bei Musikern auf. Und hatte wohl bei einer dieser Gelegenheiten ihrem Ehemann Hörner aufgesetzt. So wurde es erzählt. Und dann war sie eines Tages verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Beinahe ein ganzes Jahr. Max von Weber erzählte, dass seine arme Frau krank sei und in einem Sanatorium zur Ruhe finden müsse. Niemand glaubte ihm. Mathilde von Weber war weggesperrt worden. Eine lästige Ehefrau hinter den vergitterten Fenstern einer geschlossenen Nervenheilanstalt. So etwas kam vor. Fast ein Jahr später kehrte Mathilde von Weber zu ihrer Familie zurück. Die vollen braunen Haare hatten graue Strähnen bekommen. Aus der temperamentvollen Frau war eine ruhige, beinahe apathische Erscheinung geworden. Florence erstarrte bei dem Gedanken.

An Schlaf war an diesem Abend nicht zu denken. Florence saß in ihrem Zimmer am Sekretär und schrieb Briefe an ihre beiden Brüder in Amerika. Sie schilderte, was sie in den vergangenen Wochen erlebt hatte und wie groß ihre Angst war, dass sie gegen ihren Willen in eine Irrenanstalt abgeschoben werden sollte. »Bitte lasst mich nicht im Stich«, schrieb sie. »Bitte lasst euch von Henri nichts erzählen. Wenn ich fort sein sollte, unternehmt alles, um mich herauszuholen. Tut es für eure Schwester! Und für ihre Kinder.« Sie läutete nach Adele.

»Adele, diese Briefe müssen Sie gleich morgen früh fortbringen, hören Sie?«

Das Dienstmädchen nickte. »Selbstverständlich, gnädige Frau.«

»Es geht um Leben und Tod.«

Adele riss die Augen auf.

»Mein Mann will mich wegsperren lassen. Er sagt, ich sei krank. Und ich kann nichts dagegen unternehmen! Heute hat er mir sogar die Schlüssel abgenommen. Ich habe nichts und bin ihm ganz und gar ausgeliefert.« Sie begann zu schluchzen. Peinlich berührt sah Adele zur Seite. So hatte sie ihre Herrschaft noch nie erlebt. Dabei verging fast kein Tag, an dem sich das Paar nicht stritt.

»Adele, Sie wissen, meine Eltern sind tot, meine Brüder in Amerika. Ich habe hier keine eigene Familie mehr. Kann ich mich auf Sie verlassen?«

Das Dienstmädchen nickte. »Selbstverständlich! Frau de Meli, ich bin so froh, dass ich bei Ihnen arbeiten darf. Natürlich bin ich behilflich.«

Florence ergriff die Hand der jungen Frau und drückte sie kurz. »Heute Abend wird Dr. Zumpe ein weiteres Mal ins Haus kommen. Er besucht meinen Mann. Bitte tun Sie mir den Gefallen und halten Sie die Ohren offen. Ich muss befürchten, dass sie ein Komplott gegen mich schmieden.«

»Ein Komplott?«

Florence nickte. »Ich habe eine Ahnung, dass mein Mann und Dr. Zumpe vorhaben, mich in eine Irrenanstalt einweisen zu lassen. Sie nennen es Maison de Santé, aber es ist nur eine schöne Umschreibung für ein Haus mit lauter Verrückten drin …« Ihre Stimme klang resigniert. »Ich kann nirgends hin. Henri könnte mich von überall zurückholen lassen. Ich bin nur eine Ehefrau.«

In Adeles Kopf ratterte es. Was sie gerade gehört hatte war schlimmer als das, was sie in den Zeitschriften las.

»Gnädige Frau, was soll ich tun?«

»Adele, es kann sehr gut sein, dass ich fliehen muss. Deshalb werde ich meinen Schmuck zusammensuchen, dazu ein bisschen Bargeld. Viel habe ich nicht. Einen Teil dieser Wertsachen werde ich in meine Kleider einnähen und einen Teil werde ich Ihnen anvertrauen. Sie dürfen mich nicht enttäuschen, hören Sie? Sie sind der einzige Mensch, der mir weiterhelfen kann in dieser Lage!« Florence’ Stimme brach.

Adele nickte. »Sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann!«

Und so überlegten die beiden Frauen, an welcher Stelle in der Wohnung die wertvollen Habseligkeiten am besten versteckt werden konnten. Adele erzählte von einem losen Dielenbrett im Dienstboteneingang, das sie beim Putzen unter dem Kokosläufer entdeckt hatte. In ihrem Mädchenzimmer konnte sie die Sachen unmöglich aufbewahren. Sollte jemand die Dinge bei ihr entdecken, wäre sie ihre Anstellung und ihren tadellosen Ruf los. Dann gab Florence Adele noch zwei weitere Briefe in die Hand. Ein Schreiben war an ihre Freundin Clara Jenkins gerichtet. Ein weiteres ging an Minna von Funcke.

Florence seufzte. »Ich werde nun noch einen letzten Brief schreiben. Und ein paar Schmuckstücke in meine Kleider einnähen. Bitte, Adele, bringen Sie mir die Nähsachen!«

Das Dienstmädchen schloss die Tür und blieb noch einen Moment im Flur stehen. In ihrem Kopf sausten die Wörter durcheinander. Irrenanstalt, Komplott, Maison irgendwas. Wertsachen verstecken, Schmuck einnähen. Flucht. Adele stieß die Luft aus und tastete nach dem kleinen silbernen Kreuz an ihrer Halskette. Dann holte sie das Nähkörbchen.

7. Im Herrenzimmer

Dresden, 04. Oktober 1881

Henri ließ sich in den Sessel zurückgleiten und schloss die Augen. Das Leder knarrte unter seinem schweren Körper. Das Feuer im Kamin war fast heruntergebrannt, nur eine kleine Flamme loderte noch auf. Trotzdem schwitzte er in seinem Gehrock, den er noch immer trug, obwohl Dr. Zumpe schon vor einer Stunde gegangen war. Eine dumpfe Schläfrigkeit hielt ihn in dem Clubsessel vor dem Kamin fest. Ja, eigentlich hatte er längst ins Bett gehen wollen, aber sein ganzer Körper fühlte sich so schwach an, so erschöpft. Diese ewigen Streitereien mit Florry. Die Auseinandersetzungen mit seiner Mutter. Sein ungezogener Sohn. All das zerrte an seinen Nerven. Und auch das Gespräch mit Dr. Zumpe hatte ihn nicht beruhigen können.

Henri blinzelte und sah zur Zimmerdecke. Die Stuckrosette in der Mitte schien größer zu werden. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Es gab zwei Stuckrosetten. Er kniff ein Auge zu. Nein, es war nur eine – in der Mitte des Raumes, fast genau über ihm. Stöhnend wischte er sich über die Stirn und richtete sich langsam auf. Das Muster der Tapete schien in Schlieren von der Wand zu gleiten. Was war nur los? Sein Mund fühlte sich trocken an. Er griff nach dem Glas, das auf dem Tischchen vor ihm stand, und nahm einen tiefen Schluck. Es war kein Wasser. Das hatte Dr. Zumpe ausgetrunken. In Henris Glas schwamm milchig-grüne Flüssigkeit. Absinth. Ja, wieder Absinth. Ja. Warum auch nicht? Wie Florence immer die Augenbrauen hochzog, sobald er sich ein Glas genehmigte. Seine Mutter war in diesem Punkt auch nicht besser. Was bildeten sich die Frauen nur ein? Er konnte selbst entscheiden, was gut für ihn war.

Henri leerte das Glas. Dann läutete er noch einmal nach dem Mädchen. »Bringen Sie mir noch etwas Wasser!« Er war kaum zu verstehen. »Danach können Sie Feierabend machen. Ich komme allein zurecht«, sagte er, ohne aufzusehen.

Adele verstand das Gemurmel, sie erlebte ihren Arbeitgeber nicht zum ersten Mal in dieser Verfassung. Wie gut konnte sie ihre Herrin verstehen, die sich ein eigenes Schlafzimmer ausbedungen hatte, dachte sie, während sie mit einem sauberen Aschenbecher und der gefüllten Karaffe ins Herrenzimmer zurückkam. Henri starrte ins Feuer und schien sie nicht zu bemerken. »Gnädiger Herr, ich wünsche Ihnen eine gute Nacht!«, sagte sie. Henri blickte nicht auf und raunte etwas Unverständliches. Adele schloss die Tür.

In der Küche band sie die Schürze ab und ließ sich auf die hölzerne Eckbank fallen. Endlich konnte sie das weiße Häubchen aus den Haaren lösen. Sie hatte es so stramm festgesteckt, die Nadeln drückten, ihre Kopfhaut schmerzte. Der Küchenwecker tickte laut. In einer Stunde war es Mitternacht. Sie gähnte. Um fünf, spätestens um halb sechs würde sie wieder auf den Beinen sein müssen. Viel zu wenig Schlaf! Hoffentlich konnte die gnädige Frau heute Abend zur Ruhe finden. Sie war so verzweifelt. Adele rieb sich die Augen. Mehrmals hatte sie im Laufe des Abends versucht, Gesprächsfetzen im Herrenzimmer aufzuschnappen, wo sich Henri mit dem Doktor unterhielt. Meistens schwiegen die beiden Männer, wenn sie den Raum betrat, als ahnten sie, dass Adele einen heimlichen Auftrag hatte. Nur gegen Ende des Treffens beachteten sie das Dienstmädchen nicht weiter. Erst da konnte Adele hören, um was es ging.

Pirna, hörte sie. Pirna Sonnenstein. Zur Ruhe kommen. Keine Wunder erwarten, sagte Dr. Zumpe immer wieder. Braucht seine Zeit. Henri pflichtete ihm bei. Drängte ihn zu einem Absinth. Der Doktor lehnte ab und beließ es beim Wasser und einem Glas Bier. Für die Kinder, es ist für die Kinder. Sie brauchten doch eine gesunde Mutter, sagte Henri fast beschwörend. Der Arzt nickte. Ja, für die Kinder.

»Leider haben die Kuren in Franzensbad in diesem Sommer und in Karlsbad vor zwei Jahren nicht die erwartete Wirkung gezeigt«, stellte Zumpe bedauernd fest.

Henri schnaubte ärgerlich. »Im Gegenteil. Ganz im Gegenteil.«

»Wie meinen Sie das, Herr de Meli? Mir schien Ihre Frau nach den drei Wochen in Franzensbad aufgeräumt und ausgeglichen zu sein«, entgegnete Dr. Zumpe.

»In gewisser Weise haben Sie nicht unrecht. Aber … es lag weniger an den Heilanwendungen als am sonstigen Zeitvertreib«, erklärte Henri bissig.

»Nun, wie soll ich das verstehen?«

»Vermutlich so, wie Sie es verstanden haben. Florence hat keinen gefestigten Charakter, so will ich es einmal sagen. Sie kann ein herzensguter Mensch sein, aber es fehlt ihr an Reife. An moralischer Reife, wenn Sie verstehen, was ich meine«, holte Henri aus.

Der Arzt nickte. »Das ist bedauerlich. Und eine schwere Bürde für Sie, mein lieber Herr de Meli. Ich bewundere Ihre Abgeklärtheit und Ihre Bereitschaft, selbst Opfer zu bringen, damit Ihre Gattin die nötige Ruhe bekommt, um zu genesen. Denn Sie werden in dieser Zeit allein zurechtkommen müssen. Nicht einfach mit zwei Kindern, die noch so jung sind. Zum Glück haben Sie Ihre Familie in Dresden. Sie wird Ihnen den nötigen Rückhalt geben, nehme ich an.«

Henri schluckte ergriffen. Zum ersten Mal erkannte jemand, wie schwierig seine eigene Rolle in dieser Angelegenheit war. Wie allein er dastehen würde! Was für eine Schmach es war, die eigene Ehefrau in eine Heilanstalt einweisen zu lassen! Ihm kamen die Tränen. Nie hatte seine Mutter diesen Aspekt erwähnt, seit sie ihm vor Monaten zum ersten Mal von der Idee erzählt hatte. Und vielleicht würde eine solche Behandlung Florence tatsächlich auf den richtigen Pfad bringen. So wie Frau von Weber. Und wenn nicht? Dann war wenigstens keine Scheidung vonnöten. Denn eine Ehe konnte kurzerhand aufgelöst werden, wenn die Ehefrau geisteskrank war. Das hatte ihm Max von Weber erklärt.

Adele sah die Tränen nicht, die in Henris Augen schimmerten. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits wieder in der Küche und versuchte, sich zu beruhigen. Es war also richtig, was die gnädige Frau erzählt hatte. Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Aber wieso kamen die Männer denn nur darauf, dass Frau de Meli krank sei? Sie war doch fast immer freundlich, oft fröhlich, jedenfalls wenn sie mit den Kindern allein war. Adele wusste es. Und sie wusste auch, dass von den befreundeten Hausmädchen in Dresden keines ein solches Glück mit seiner Herrschaft hatte wie sie mit Florence. Die anderen hatten viel mehr auszustehen. Adele überlegte. Ja, manchmal war die gnädige Frau Opfer ihrer Launen, das war nicht von der Hand zu weisen. Und die Migräne-Attacken, wenn die Vorhänge zugezogen werden mussten, waren tatsächlich häufiger geworden. Aber deshalb gleich in eine Heilanstalt? Überhaupt »Heilanstalt« – das war doch bloß ein besseres Wort für »Irrenanstalt«. Adele schnaubte. Ein abgekartertes Spiel war das. Florence de Meli war nicht verrückt. Sollte doch der gnädige Herr in eine Heilanstalt gehen. In eine Trinkerheilanstalt!

Als der Arzt aufbrach, erinnerte er Henri an das braune Tütchen mit dem Pulver, das er Florence am Mittag gegeben hatte. »Denken Sie daran, Herr de Meli, dieses Pulver wird Ihre Frau beruhigen. Das Mittel heißt Chloralhydrat und ist ein starkes Beruhigungsmittel. Vorsichtshalber lasse ich Ihnen auch noch ein paar Pillen da. Es wäre gut, wenn Ihre Frau eine davon oder einen Teelöffel von dem Pulver vor ihrer Abreise bekäme. Es würde die Sache leichter machen«, sagte Julius Zumpe bestimmt.

Henri nickte und hielt das Röhrchen mit den weißen Tabletten fest in der Hand. Diese Anweisung bekam Adele nicht mit.

Das Dienstmädchen war noch zweimal zu Florence gehuscht, um ihr das übrige Gehörte mitzuteilen. Beim ersten Mal fand sie ihre Herrschaft über den Näharbeiten sitzen. Die Juwelen hatte sie sorgfältig in verschiedene Unterkleider und in ein Fischbeinkorsett eingenäht. Den Beutel mit den ungeschliffenen Diamanten, die Henri unlängst aus einer Mine in Südafrika mitgebracht hatte, übergab sie Adele. Das dunkelblaue Samtsäckchen wog schwer in ihrer Hand.

»Geben Sie gut Acht, Adele, auch wenn man es so kaum erkennen kann, es sind Rohdiamanten, bestimmt einige Karat, hat Henri gesagt.« Florence klang konzentriert und klar. Dann sah Adele die kleine blaue Reisetruhe. Der Deckel stand offen. Florence hatte Wäsche hineingelegt, ein Bündel Briefe und einige Stoffsäckchen.

Unter dem Nähkästchen zog Florence noch einen Brief hervor. Auf dem Umschlag las Adele »Paris«.

»Dieser Brief ist sehr wichtig! Bitte bringen Sie ihn morgen früh direkt zum Postamt«, wies Florence sie an.

Adele nickte und nahm den Umschlag entgegen.

»Vielleicht ist Paris meine Rettung«, murmelte Florence. »Aber wahrscheinlich hat sie mich längst vergessen.«

»Sie haben eine Tante in Paris«, begann Adele.

Florence winkte ab. »Nein, nein, meine Tante ist nach Amerika zurückgekehrt. Alle aus meiner Familie kehren über kurz oder lang nach Amerika zurück. Wenn sie die Zeit noch haben … Nicht so wie meine lieben Eltern.« Sie begann zu weinen.

»Oh, gnädige Frau, es tut mir leid!« Adele war zerknirscht.

»Schon gut. Schon gut. Ich denke oft an meine Eltern. Und immer wenn Henri es nicht mitbekommt, besuche ich ihr Grab auf dem Trinitatisfriedhof. Warum hat er sie nur so gehasst? Nicht einmal verabschieden durfte ich mich von meiner Mutter, als sie im Sterben lag. Meinem Vater brach es das Herz. Ich glaube, er wollte sie nicht allein lassen in der Fremde …« Ihre Stimme war zu einem Flüstern geworden.

Adele seufzte. »Bitte, gnädige Frau, Sie dürfen jetzt nicht an das Vergangene denken. Lassen Sie den Toten ihren Frieden. Jetzt geht es um Ihr eigenes Schicksal.« Florence sah Adele erstaunt an. Das Dienstmädchen sprach wie eine Figur in einem Fortsetzungsroman in der »Gartenlaube«. In der jungen Frau steckte mehr, als sie geahnt hatte. Wenigstens ein erwachsener Mensch in diesem Haus war auf ihrer Seite. Florence wischte sich die Tränen aus den Augen. »Sie haben recht, Adele. Ich muss nach vorn blicken.« Und sie drückte die Hand der jungen Frau, die vor Scham kaum wusste, wo sie hinsehen sollte. Dieser Händedruck war mehr wert als ein teures Umschlagtuch und ein neuer Hut zu Weihnachten. Dieser Händedruck war ein Vertrauensbeweis. Und Adele wollte die gnädige Frau nicht enttäuschen.

2. Teil

8. Dr. Zumpe

Dresden, 05. Oktober 1881, am Morgen

Das Schlafzimmer lag im Dunkeln. Die dicken Samtvorhänge ließen keine Sonnenstrahlen durchdringen. Zwei Tauben gurrten in der Linde vor dem Haus. Einer der Vögel schlug mit den Flügeln, sodass sich ein paar welke Blätter von den Zweigen lösten. Ein Blatt schwebte auf die Hutkrempe von Julius Zumpe. Ärgerlich wischte er es davon. Er war müde. Diese Abende bei Henri de Meli zehrten an ihm. Jedes Mal nach solch einer nicht enden wollenden Besprechung fühlte er sich matt und ausgelaugt. Dabei trank er selbst höchstens zwei, drei Gläser Bier und ließ sich so gut wie nie auf die weiteren alkoholischen Offerten des Gastgebers ein. Der Absinth widerte ihn an. De Meli trank das Zeug wie Kinder ein Glas Fassbrause. Es schüttelte ihn. Sein Hals kratzte.

Wahrscheinlich waren es die Zigarren. Henri rauchte meistens mehrere an einem Abend. Er selbst vertrug sie nicht, paffte nur ein paar Züge, ließ sie ausgehen, behielt sie aber zwischen den Fingern. Es machte sich so gut, wenn er erklärte und ausholte, und dann so eine teure Zigarre dabei hielt, fand Julius Zumpe. Bei de Meli gab es immer teure Havannas. Überhaupt war alles sehr teuer in dem Herrenzimmer. Die Wohnung selbst war riesig. Ausgestattet mit den feinsten Tapeten, edlen Möbeln und dicken, leuchtenden Orientteppichen. Zumpe gefiel es bei den de Melis. Zu gern hätte er selbst so gelebt. Doch sein mageres Arztsalär reichte dafür vorn und hinten nicht. All die unbezahlten Rechnungen! Wenn die Patienten vor ihm saßen oder lagen – mit wässrigen Augen, blasser Haut und schwacher Stimme. Dann hatten sie Angst und waren bereit, alles zu tun, um schnell wieder auf die Beine zu kommen. Auch sein Honorar zu zahlen. Doch kaum ging es ihnen wieder besser, vergaßen sie Dr. Zumpe und die offenen Abrechnungen. Es war eine Last! Mit welcher Unverfrorenheit einige aus den feinsten Familien darauf hofften, dass auch er sie vergaß. Ein schönes Schlückchen Cognac oder eine Flasche französischer Rotwein sollten doch wohl genug sein, schienen manche zu denken. Julius Zumpe spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Er hatte noch nicht gefrühstückt. War gleich nach einer starken Tasse Kaffee aufgebrochen, um pünktlich hier zu sein – in der Räcknitzstraße. Bei seinen zahlungskräftigsten und zahlungswilligsten Patienten, der Familie de Meli. Er zog die Taschenuhr hervor. Noch vier Minuten, dann war es sieben Uhr. Er sah die Fassade hinauf. Ein Fenster in der zweiten Etage war erleuchtet. Vermutlich das Schlafzimmer von Henri. Gott sei Dank. Er war aus dem Bett gekommen. Bei den Mengen dieser grünen Grässlichkeit gestern Abend war Zumpe sich darüber nicht so sicher gewesen. Aber umso besser. Er schloss für einen Moment die Augen, hörte die Tauben. Ihr Gurren beruhigte ihn. Er dachte an Florence. Er mochte sie. Im Grunde ihres Herzens war sie eine liebenswürdige Person, überlegte er. Aber sie hatte den falschen Mann geheiratet. Dieses ewige Aufbegehren, dieses Reizen, ihre Unvernunft. Warum nur? Wäre sie besonnener und reifer, dann hätte sie längst die Vorzüge dieser Ehe erkannt und wäre ihrem Mann eine ebenbürtige Partnerin. Würde seine Trunksucht vielleicht zu beschwichtigen wissen, würde ihn stärken und ihm ein guter Kamerad sein. Aber so? Sie zündelte immer wieder mit neuen Feuerchen, die ihren Mann rasend machten. Der Arzt beobachtete mit Sorge, dass Henris Griff zu starken Alkoholika zugenommen hatte. Ebenso die Momente seiner Unbeherrschtheit.

Er seufzte. Zwei Minuten vor sieben. Zum Glück war die alte Frau de Meli noch so rüstig. Sie liebte ihre Enkelkinder sehr, vor allem das kleine Mädchen. Sie würde sich um die beiden kümmern und ihren Sohn entlasten, wenn Florence fort war. Fort in Pirna Sonnenstein. Zumpe spürte wieder dieses Ziehen in der Magengegend. Zweimal war er dort gewesen in der ehemaligen Festung. Selbst für ihn als erfahrenen Mediziner war es eine ganz eigene Welt – eine Welt, in der er sich nicht länger als unbedingt nötig aufhalten wollte. Er bewunderte die Kollegen Psychiater, die Nervenärzte, die tagein, tagaus zwischen all diesen … Patienten tätig waren. Nein, diese geistigen Krankheiten, diese Verrücktheiten, dieser Wahnsinn – damit konnte Zumpe nicht umgehen. Sein Stethoskop und das alte, liebgewonnene Hörrohr aus Buchenholz waren dort nutzlos. Julius Zumpe streckte sich und setzte den Zylinder noch einmal fest auf den Kopf. Aber wenn es doch nicht anders ging? Wenn es doch hier zu Hause keine Heilung gab? Florence de Meli würde ein Aufenthalt dort guttun, beruhigte er sich. In der Ferne läuteten Kirchenglocken. Sieben Uhr. Er schritt zum Eingang und wartete, bis Henri de Meli persönlich zur Tür kam und ihn hineinließ. Die Türklingel hätte nur für Unruhe gesorgt. Und die gab es im Haushalt de Meli schon so genug.

Florence hatte die halbe Nacht wach gelegen. Sie hatte viel geweint. Die Reisetasche war gepackt, die blaue Truhe auch, dazu hatte sie zwei Briefe an ihre Kinder geschrieben, die Adele im Fall der Fälle an sich nehmen und später Henry und Minnie vorlesen sollte. Die zwei mussten wissen, dass ihre Mutter sich nicht wortlos aus ihrem Leben gestohlen hatte. Florence weinte und weinte. Sie fühlte sich hilflos und gedemütigt. So ausgeliefert, wenn es stimmte, was Adele ihr aus dem Herrenzimmer zugetragen hatte. Dann wieder packte sie die Wut. So würde sie nicht mit sich umspringen lassen! Einfach wegsperren, und dann ist Ruhe. Das hatte sich Henri ja fein überlegt. Aber dahinter steckte ihre Schwiegermutter. Henri war viel zu schwach. Eines Tages würde sie es dieser alten, missgünstigen Hexe heimzahlen. Doch jetzt? Was jetzt? So ging es die halbe Nacht, als Florence tränenblind über ihren Habseligkeiten saß und Fluchtpläne schmiedete. Sie durfte keine Zeit verlieren. Noch morgen musste sie fort. Nicht länger warten, bis es vielleicht schon zu spät war. Wieder kamen ihr die Tränen, und mit nassem Gesicht schlief sie endlich ein.

Die Klinke wurde heruntergedrückt. Geräuschlos öffnete sich die Tür. Dr. Zumpe lugte ins Zimmer. Zylinder und Mantel hatte er abgelegt. Seine Arzttasche stand gleich neben der Garderobe. Jetzt hielt er nur eine Spritze in der Hand. Sie war aufgezogen – randvoll mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Er sah sich um. Im Halbdunkel sah er die hastig gepackte Reisetasche vor dem Schrank, daneben die blaue Reisetruhe. Auf der gepolsterten Bank am Fußende des Bettes stapelten sich mehrere Kleider, Nähutensilien lagen verstreut auf dem Boden. Langsam ging er zum Bett. Florence schlief. Ihr dunkles Haar breitete sich auf dem Kopfkissen aus. Sie macht sich vor dem Schlafengehen keine Zöpfe, wunderte er sich. Schönes, lockiges Haar. Im Schlaf sah sie noch jünger aus, beinahe wie ein Mädchen. Sie schien zu träumen, ihr Gesichtsausdruck wirkte gequält. Sie stöhnte im Schlaf, dann wälzte sie sich zur Seite. Zumpe drehte sich um. Henri stand im Türrahmen; bereit, zur Hilfe zu eilen, wenn es nottat. Er sah schrecklich aus. Der riesige Vollbart lag wie ein struppiges Kissen auf seiner Brust. Die wenigen Haare auf seinem Kopf standen ab. Man sah ihm an, dass er nicht die Zeit gefunden hatte, sich zu waschen. Julius Zumpe empfand einen kurzen Moment des Widerwillens. Warum begab er sich und seine hoffnungsvolle Karriere in die Hände eines solchen Mannes? Die Antwort hatte er sich selbst in den vergangenen Tagen immer und immer wieder gegeben: Weil er zahlte, weil er sehr gut zahlte. Und weil Henri dafür sorgte, dass Dr. Carl Julius Zumpe zu einer medizinischen Instanz in der amerikanischen Gemeinde wurde.

Er würde jetzt diese junge Frau, die so unschuldig in ihrem Bett lag, von ihrem Ehemann befreien. Wenigstens eine Zeit lang. So hatte Zumpe es sich zurechtgelegt, bis es für ihn selbst Sinn ergab. Und dann griff er blitzschnell nach dem rechten Arm von Florence, Henri sprang hinzu und hielt ihn fest, sodass die Nadel der Spritze die Vene problemlos fand. Florence machte ein Geräusch, es klang wie ein Seufzen. Dann riss sie die Augen auf, sah die Männer direkt vor sich, spürte den Schmerz in ihrem Unterarm. Sie versuchte, ihren Arm fortzureißen, wollte sich wegdrehen, wollte schreien. Ein klagender Katzenlaut. Ein Blutstropfen fiel hinab. Zumpe ließ den Arm los.

»Frau de Meli, es ist besser so. Glauben Sie mir!«, sagte er und blickte ihr fest in die Augen.

»Nein! Lassen Sie mich! Lassen Sie mich!« Florence schrie und versuchte, aus dem Bett zu kommen. Doch die Beine gehorchten ihr nicht. Auch die Zunge fühlte sich mit einem Mal schwer und taub an. Ihr ganzer Körper sackte langsam zusammen. Noch einmal sah sie den Arzt an, fiel zurück und lag dann beinahe so friedlich da, wie Dr. Zumpe sie vor wenigen Minuten vorgefunden hatte. Der Arzt war erleichtert.

Als Adele wenig später in das Zimmer ihrer Herrschaft kam, ahnte sie nicht, dass der tiefe Schlaf, in den Florence gefallen war, das Werk von Dr. Zumpe war. Erst als Henri sie anwies, Florence anzukleiden und reisefertig zu machen, begriff sie, dass der schäbige Plan der beiden Männer nach dem Gespräch am Abend schon jetzt in die Tat umgesetzt wurde. Zumpe und Henri zogen sich in das Herrenzimmer zurück und nippten an ihren Tassen mit starkem Mokka. Während Adele mit Tränen in den Augen vor der betäubten Florence stand und versuchte, sie anzukleiden, zog der Duft von frischem Rührei mit Speck durch die Wohnung.

»Lieber Doktor, sicher hatten Sie heute Morgen noch keine Gelegenheit für ein Frühstück«, befand Henri und wies auf die großen Portionen Eier zusammen mit einer Auswahl an Räucherfisch und eingelegten Heringen. »Wissen Sie, ich habe einmal gelesen, dass salzige Speisen dem Organismus guttun, gerade wenn es am Abend zuvor etwas später geworden ist«, fuhr er fort.

Dr. Zumpe nickte fahrig.

Die häusliche Situation schlug Henri nicht auf den Magen. Im Gegenteil – beherzt füllte er sich seinen Teller schon zum zweiten Mal. »Köstlich! Und dann das Brot, Dr. Zumpe, das müssen Sie probieren! Wir haben eine neue Köchin. Sie kann auch sehr gut backen, hervorragend!« Er strich sich ein paar Krümel aus dem Bart und läutete nach dem Dienstmädchen.

Adele kam angehastet.

»Die Köchin soll kommen. Ich möchte sie persönlich sprechen.«

Wenig später stand die neue Köchin im Türrahmen und wischte sich verlegen die Hände an der Schürze ab. Sie war sehr jung, wohl Anfang 20, und kräftig für ihr Alter. Ihr Gesicht war gerötet. Vielleicht aus Verlegenheit. Vielleicht von der Arbeit am Herd.

»Gnädiger Herr, Sie wünschen?«

Henri betrachtete sie interessiert. »Wie war doch gleich Ihr Name?«

»Selma. Selma Fischer, gnädiger Herr.« Sie wagte nicht aufzusehen, sie war erst seit ein paar Tagen im Haus und fürchtete das vorzeitige Ende ihrer Anstellung.

Henri gefiel, was er sah. »Ich wollte es Ihnen gern persönlich sagen. Ganz köstlich, dieses Frühstück hier. Hervorragend.«

Erleichtert blickte die Köchin auf. »Danke sehr. Ich freue mich.« Sie knetete ihre Hände.

»Weiter so, Fräulein Fischer!« Henri nickte noch einmal in ihre Richtung und beglückwünschte sich im Stillen doppelt zu dieser Personalentscheidung. Die Frau verstand ihr Handwerk, und sie hatte so etwas an sich …

Die Wirkung des Chloralhydrats würde zwei oder drei Stunden anhalten, erklärte Zumpe. Bis dahin musste Florence in der Festung Sonnenstein sein.

Henri nickte. »Ja, ja, richtig. Die Zeit drängt.« Er nahm sich noch einen Löffel von dem Rührei und aß hastig. »Sie machen das, nicht wahr? Adele kann Sie begleiten. Dann hat Florence wenigstens jemand Vertrautes bei sich.«

Etwas Rührei hatte sich in seinem Bart verfangen. Dr. Zumpe starrte auf den gelben Klecks. »Ja, das ist eine gute Idee. So machen wir es.« Ihm wollte das Rührei nicht schmecken. Er roch noch den kalten Rauch vom Vorabend im Zimmer. Sein Magen war empfindlich.

Bald darauf saß der Doktor in einer Droschke. Ihm gegenüber eine zusammengesunkene Florence, die mühsam von ihrem Dienstmädchen gestützt wurde. Adele beobachtete den Arzt, während sie die Hand der bewusstlosen Florence hielt. »Sie sollten erst einmal bei Ihrer Herrschaft bleiben«, sagte Zumpe und vermied es, der jungen Frau in die Augen zu sehen.

Adele nickte. »Natürlich, ich kann sie doch in diesem Zustand nicht allein lassen.«

»Richtig, richtig. Natürlich nicht.« Zumpe strich vorsichtig über sein Revers. Auch in eher unschönen Momenten wie diesem hier sollte der Anblick eines Arztes immer frei von Tadel sein. Das war sein Standpunkt, und auf sein Äußeres wollte er nichts kommen lassen. Selbst wenn bloß ein Dienstmädchen vor ihm saß.

Die Fahrt dauerte rund eineinhalb Stunden. Mit der Eisenbahn wären sie schneller gewesen, dachte Zumpe. Aber mit Pferd und Wagen war es wesentlich diskreter. Zum wiederholten Mal klappte er seine lederne Tasche auf und vergewisserte sich, dass alle Unterlagen zusammen waren. Das von ihm selbst ausgestellte Attest, dazu die Aussagen von Henri, von dessen Mutter und der Witwe Clarkson. Alle hatten eindeutig bezeugt, dass Florence de Meli aufgrund ihrer Abgeschlagenheit und Melancholie gepaart mit Ausbrüchen beinahe feindseliger Art nicht mehr in der Lage war, ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau gerecht zu werden. Ein klarer Fall von weiblicher Hysterie, befand der Arzt, der dennoch unruhig war, weil ihm der Stempel eines Amtsarztes fehlte. Doch diesen offiziellen Teil würde man sicher in Sonnenstein nachholen können, beruhigte er sich.

Er hörte die Peitsche knallen. Der Anstieg hoch zur ehemaligen Festung verlangte den beiden Pferden einiges ab. Das Gefährt rumpelte die Straße hinauf. Endlich waren sie angekommen. Zumpe riss die Tür auf und meldete sie an. Nur ein paar Minuten später kamen zwei muskulöse Wärter mit einer Krankenwiege, auf die die bewusstlose Florence gehievt wurde. Adele ließ es sich nicht nehmen, direkt neben der Wiege zu gehen und ihrer Herrin weiterhin die Hand zu streicheln, auch wenn die Wärter dafür kein Verständnis hatten, sondern sich – ganz im Gegenteil – über die Anhänglichkeit lustig machten. »Na, ist deine Herrschaft wohl nicht mehr ganz richtig im Kopf, was?«

»Dann ist sie bei uns genau richtig. Bei uns kommen alle an – von der feinen Dame bis zur Hausiererin. Verrückt ist verrückt, da ist es ganz egal, wie viel Geld die Leute haben«, pflichtete ihm sein Kollege bei und lachte verächtlich.

Adele schoss das Blut in den Kopf. Eine solche Gemeinheit! Doch was sollte sie gegen die Männer sagen? Nachher ließen sie Frau de Meli noch herunterfallen. Ihr war zum Weinen zumute, als sie den Frauentrakt betrat, der zu der alten Festung gehörte, und die schwere Eichentür hinter ihnen ins Schloss fiel.

9. In der Irrenanstalt

Pirna, 05. Oktober 1881, am Mittag

Florence schlug die Augen auf. Ihre Zunge fühlte sich pelzig an, der Hals war wie ausgedörrt. Sie versuchte, sich aufzusetzen. Sie blinzelte und bemerkte, dass sie sich in einem Bett befand, das von hohen Brettern ringsherum umgeben war. Eine Art hölzerne Kiste. Dazu eine vom vielen Waschen hart gewordene Bettwäsche. Erschrocken sah sie sich um. Sah in das Gesicht eines großen Mannes im weißen Kittel und erblickte eine stämmige Frau in Uniform, die sie anstarrte. »Guten Tag, Frau de Meli. So langsam kommen Sie nun bei uns an, hm?« Der Mann beugte sich zu ihr und tätschelte ihre Schulter. Dieser fremde Hüne berührte sie! Florence wollte aufspringen, doch die Frau drückte sie wieder zurück in die Kissen.

»Wer sind Sie? Lassen Sie mich los!« Ihre Stimme war nur ein Krächzen.

»Frau de Meli, haben Sie keine Angst. Ich bin bei Ihnen.« Adele drängte sich an den Rand des Bettes, das beinahe aussah wie ein Sarg ohne Deckel. Der Arzt hatte Adele vorhin erklärt, dass die hohen Ränder unruhige Patienten davon abhielten, aus dem Bett zu fallen und sich zu verletzen. Selbst die Kinder lagen daheim in der Räcknitzstraße in schöneren Betten, dachte Adele, sagte aber nichts.

Dr. Zumpe stand ein paar Meter entfernt und betrachtete die Szenerie schweigend.

»Was soll das? Wo bin ich hier?«

Er hörte die Panik in Florence’ Stimme.

»Frau de Meli, bitte beruhigen Sie sich! Schwester, holen Sie der Patientin ein Glas Wasser!« Der ältere Herr beugte sich über Florence. »Mein Name ist Dr. Lessing. Ich bin der Leiter dieser Anstalt hier. Ich freue mich, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben. Und ich bin mir sicher, dass Sie hier wieder zu Kräften kommen werden und bald schon die düsteren Gedanken vertreiben können, die Ihnen so zusetzen.«

Seine blauen Augen waren von vielen Falten umringt. Er sah freundlich aus, dachte Florence. Die Schwester gab ihr ein Glas Wasser, das sie gierig austrank.

»Was meinen Sie? Düstere Gedanken?« Jetzt klang ihre Stimme wieder etwas fester.

»Nun, ich habe es hier schriftlich, dass Sie an einer schweren Form der Hysterie leiden, gepaart mit einem wiederkehrenden Kontrollverlust Ihrer Gefühle. Bis hin zu Suizidgefahr. Ihr Hausarzt, Dr. Zumpe, hat es bestätigt sowie Ihr gesamtes Umfeld.«

Florence schüttelte ungläubig den Kopf. »Was? Selbstmordgedanken? Nein, niemals. Ich habe doch Kinder!« Sie schluchzte. »Das ist ein Komplott. Mein Mann will mich loswerden. Glauben Sie nicht, was auf dem Zettel steht!« Anklagend hob sie die Hand und wollte dem Arzt das Blatt Papier entreißen. Doch die Schwester drängte Adele zur Seite und schob Florence mit ungeahnter Kraft zurück in den Bett-Kasten.

»Lassen Sie mich los! Dr. Zumpe, da sind Sie ja! Wo bin ich hier? Was soll das?«

Carl Julius Zumpe trat ein paar Schritte zu ihr. »Frau de Meli, wenn Sie den ersten Schreck verwunden haben, werden Sie sehen, dass Sie hier in Pirna ein schönes Plätzchen gefunden haben, an dem Sie endlich zur Ruhe kommen können.« Er hörte dem Klang seiner eigenen Worte nach und fühlte sich mit einem Mal schäbig. Zum Glück hatte er dem Kutscher Bescheid gegeben, auf ihn zu warten. Lange würde er sich hier nicht aufhalten. Die Sache mit dem Amtsarzt musste er nun doch in Dresden klären. Außerdem hatte er am Nachmittag wieder Sprechstunde.

Plötzlich ertönte ein lautes Lachen aus dem geöffneten Fenster zum Hof. Das Fenster war vergittert, man konnte es nur einen Spalt weit aufmachen. Florence sah Adele fragend an. Das Lachen wurde lauter und hysterischer. »Da hast du’s, elende Schlampe! Ich werde dir die Haare ausreißen. Jedes Haar ausreißen. Gib mir die Blume zurück!«, kreischte eine Stimme. Die andere Frau, die eben noch gelacht hatte, schrie wie am Spieß.

»Schwester Käthe, schließen Sie das Fenster!« Der Lärm war nur noch gedämpft zu hören. »Manchmal geraten die Patientinnen in einen Streit. So etwas legt sich aber schnell«, versuchte der Anstaltsarzt, Florence und die entsetzte Adele zu beruhigen. »Keine Sorge, liebe Frau de Meli. Sie sind hier in einer großen Familie angekommen. Die Patienten sind so etwas wie die Kinder in unserem Haus, Schwester Käthe und die anderen Pflegerinnen kümmern sich wie eine Mutter um sie. Sie werden sehen.« Und leiser, kaum zu verstehen, fügte er hinzu: »Es sind alles meine Kinderchen. Und manche von ihnen sind bisweilen etwas unartig.« Er lächelte gedankenverloren. Dr. Zumpe sah den Kollegen verwundert an. Das Schreien von draußen ebbte ab.

»Ich muss mich um meine eigenen Kinder kümmern. Adele, wir brechen auf!« Florence versuchte, sich aus dem Bett zu schwingen.

»Na, na, gnädige Frau. So einfach geht das nicht. Wir wollen doch erst einmal gesund werden«, mischte sich Schwester Käthe ein. »Dann freuen sich Ihre Kinder auch viel mehr auf ihre Mutter.« Der Tonfall war süßlich-lauernd. Sie lächelte Florence zu, während sie sie wieder hinter die Holzkante drückte. Die Schwester hatte dünnes blondes Haar, das unter der Haube strähnig aussah. Ihre Haltung war schlecht, das fiel Florence sofort auf. Wie kann eine Frau, die wahrscheinlich noch nicht einmal 30 Jahre alt ist, schon so bucklig dastehen?, dachte sie.

Die Krankenschwester warf Adele einen kurzen, verächtlichen Blick zu. »Frau de Meli, Ihre Zofe kennt sich in unserem Haus nicht aus. Von nun an werde ich mich um Sie kümmern.«

»Ich bleibe bei meiner Herrschaft«, entgegnete Adele und stellte sich angriffslustig vor die Wärterin, die nur mit einem höhnischen Lachen antwortete.

»Das ist die Anordnung von Dr. Lessing.« Sie musterte Adele.

»Das kann ja sein. Trotzdem. Ich bleibe!« Adele hielt sich am Bettrand fest.

Schwester Käthe zuckte mit den Achseln. »Das wird Herr Dr. Lessing entscheiden«, antwortete sie und sah ihn mit einem Beifall heischenden Blick an.

»Jaja, schon gut, Schwester Käthe. Für den Moment kann die junge Frau bleiben. Frau de Meli muss sich schließlich erst eingewöhnen.« Er schwieg kurz, als müsste er nachdenken. »Bringen Sie Frau de Meli in ihr Zimmer. Und dann das Übliche, Sie wissen schon, Käthe …« Die Schwester nickte.

Florence war fassungslos und ließ sich von der Wärterin in ein anderes Zimmer führen. Adele wich nicht von ihrer Seite.

Dr. Zumpe schien erleichtert, als die Frauen den Raum verließen. »Bis bald, Frau de Meli. Sie werden sehen, in Sonnenstein wird es Ihnen bald besser gehen«, rief er ihr nach, um wenig später die Kutsche nach Dresden zu besteigen. Die Fahrt kam ihm kürzer vor als auf dem Hinweg. Pirna war nicht aus der Welt, dachte er. Und falls es irgendwann gestattet sein würde, dass die Kinder ihre Mutter besuchten oder der Ehemann, dann wäre es überhaupt kein Problem. Vorerst aber sollte Florence Ruhe haben vor ihrer Familie und dem gesamten Umfeld aus Dresden. Er grübelte. War die Einlieferung medizinisch korrekt gewesen? Ja, gab er sich die Antwort selbst: Die Kuren in Franzensbad und Karlsbad waren wirkungslos geblieben. In Sonnenstein würde man Florence de Meli sicher besser helfen können. Die Anstalt genoss einen hervorragenden Ruf. Dies war eine Psychiatrie auf der Höhe der Zeit. Modernste Behandlungsmethoden in einer Umgebung wie in einem guten Hotel. Billardzimmer für die Herren, Musikdarbietungen, Damensalons, sogar eigene Gärten für die Patienten gab es. Und alles war geordnet: in einen abgetrennten Bereich für die Männer und einen Trakt für die Frauen. Dr. Lessing hielt viel von Tätigkeiten an der frischen Luft. Unkrautjäten, Beete harken, aber auch Handarbeiten, Musizieren und Übungen zur Körperertüchtigung gehörten zum Programm. Hier sollten sich die Patienten beschäftigen, um zu genesen. Dazu Wasseranwendungen, galvanische Strombehandlungen und Mastkuren à la Mitchell. Zumpe kannte den Prospekt beinahe auswendig, so oft hatte er das Faltblatt studiert. Er lehnte sich zurück. Und das Geld von Henri de Meli konnte er gut gebrauchen. Schließlich waren seine Praxisräumlichkeiten in der Wiener Straße alles andere als mondän. Bald schon würde er den Tischler kommen lassen, um eine schöne Holzverkleidung an den Wänden im Warte- und im Behandlungszimmer anbringen zu lassen. Der Gedanke daran machte ihn froh. Es hatte alles seine Richtigkeit.

Schwester Käthe stieß die Tür zu einem Zimmer auf. Es lag an der Nordseite des neu erbauten Frauenhauses. Hier kam kein Sonnenstrahl durch das Fenster. Adele versuchte, die Vorhänge aufzuziehen, um wenigstens ein wenig Licht in den dunklen Raum zu lassen. Sofort sah sie, dass auch hier Gitterstäbe vor dem Fenster angebracht waren. Schnell zog sie die Vorhänge wieder zurück in ihre ursprüngliche Position, um Florence den Anblick zu ersparen, doch sie hatte es längst gesehen. »Meine Güte, es ist wie in einem Gefängnis. Überall vergitterte Fenster.« Florence schüttelte ungläubig den Kopf. »Warum machen Sie das?«

»Ich habe das nicht zu entscheiden. Das haben die Ärzte veranlasst. Aus gutem Grund. Was meinen Sie, wie viele Patientinnen wir hier haben, die lebensmüde sind? So wie Sie! Und dann stürzen sie sich eines Tages aus dem Fenster – und liegen da unten und sind mausetot.« Käthe seufzte theatralisch. »Da ist das hier schon besser. Die Leute sollen doch gesund werden bei uns.«

Florence überlegte die ganze Zeit, wie sie sich verhalten sollte. Ruhig und gefasst bleiben, um Zeit zu gewinnen und nur ja nicht den Eindruck einer Geisteskranken zu erwecken? Oder laut werden und sich gegen diese ungeheuerliche Verschwörung zur Wehr setzen? Würde man ihr zuhören? Ihr Glauben schenken? Oder wäre es nur ein weiterer Beweis für die Richtigkeit dieses Einlieferungsscheins, den Dr. Zumpe ausgestellt hatte?

Adele setzte die Reisetasche ab und betrachtete das Zimmer. Es war schlicht eingerichtet. Ein großes Bett, dieses Mal ohne hölzerne Einfassung. Ein kleiner Tisch, zwei Sessel. Sogar ein Damensekretär samt Stuhl stand in der Ecke. Dazu ein Schrank. »So, Frau de Meli, meine Kollegin Mathilde wird gleich kommen mit der Wanne. Und dann werden Sie – so wie alle anderen Patienten hier – erst einmal gewaschen.«

Jetzt war es doch um Florence’ Fassung geschehen. »Was soll das heißen? Was bilden Sie sich ein? Dass ich verlaust bin? Oder die Krätze habe?« Wütend schrie sie die Schwester an.

Käthe ging einen Schritt auf sie zu. Ihre Augen wurden noch kleiner, der Mund schmal. »Hören Sie mal, meine Dame, solche Auftritte kenne ich zur Genüge. Es gibt hier Regeln. Die gelten auch für Sie.« Alles Freundliche war aus ihrem Gesicht gewichen. Zurück blieben der bucklige Rücken, das fliehende Kinn und dieser Ausdruck von Verachtung im Gesicht. Florence fühlte sich hilflos.

Es klopfte. Käthe öffnete die Tür und half ihrer Kollegin, eine mit Wasser gefüllte Zinkwanne auf Rädern ins Zimmer zu rollen. »So, die ist für Sie. Brauchen Sie Hilfe beim Einsteigen?« Käthe warf ihr einen drohenden Blick zu.

Florence schüttelte den Kopf. »Adele ist bei mir, wir werden das schaffen.«

Käthe verschränkte die Arme vor der Brust. »Nee, Frau de Meli, Mathilde und ich bleiben hier.«

Florence gab sich geschlagen. Auch als Adele hilflos versuchte, ihre entblößte Herrin vor den Blicken der Schwestern zu schützen, winkte Florence ab. »Ach, lassen Sie nur.« Dann kletterte sie in die Wanne. Das Wasser war sehr warm.

Unsicher sah Florence zu den beiden Wärterinnen. Während Mathilde mit einer weiteren Kanne heißem Wasser kam, begann Käthe, Florence’ Körper mit einer Bürste abzuwaschen. Sie schrubbte über die Haut, dass es brannte. Florence wand sich und versuchte, der brutalen Reinigung zu entkommen. Vergeblich.

»Ich kann Frau de Meli waschen«, schlug Adele vor.

Käthe schwieg und machte verbissen weiter. Mathilde reichte ihr ein Stück Kernseife. »So, gnädige Frau, jetzt die Haare!«

Florence schüttelte den Kopf.

»Jetzt kein Getue, meine Dame«, sagte Käthe und drückte Florence’ Kopf unter Wasser. Prustend kam diese wieder an die Oberfläche. »Was fällt Ihnen ein? Na warten Sie, das werde ich Dr. Lessing berichten!«

Käthe zuckte mit den Achseln. »Bitte schön! Machen Sie das. Er hat die Regeln aufgestellt, nicht ich.«

Spätestens in diesem Moment hatte die beruhigende Wirkung von Dr. Zumpes Spritze ganz und gar nachgelassen. Florence war hellwach – und entsetzt. Sie versuchte, aus der Wanne auszusteigen. Doch die starken Unterarme von Schwester Käthe zwangen sie zurück ins Wasser.

»Mathilde, unsere neue Patientin ist noch ein bisschen wild«, stöhnte Käthe und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Bitte sag Bescheid, dass wir nasse Tücher brauchen. So hat das ja keinen Zweck.«

»Ich brauche trockene Tücher. Ich will hier raus!«, schrie Florence. »Adele!«

Das Dienstmädchen wollte sich an der Wärterin vorbeischieben, doch gegen die grobe Frau hatte sie keine Chance. Was für ein Scheusal, dachte Florence und versuchte noch einmal, den starken Händen der Pflegerin zu entkommen.

»Ich bin schon mit ganz anderen Fällen fertiggeworden. Wenn Sie es nicht anders haben wollen, bitte sehr!« Sie packte Florence am Oberarm und zog sie an sich. Der feste Griff schmerzte. »Solange der Herr Doktor nicht hier ist, entscheide ich, wann das Wannenbad vorbei ist«, zischte sie Florence an.

In dem Moment kehrte Mathilde mit einem Stapel Leinentücher zurück. Beide Frauen begossen die Tücher, wrangen sie leicht aus. Dann legten sie sie um die nackte Florence, die tropfend auf dem Fußboden stand. Adele beobachtete diese Prozedur fassungslos. Innerhalb weniger Minuten glich ihre Herrin einer nassen Mumie, eingewickelt in viele Lagen feuchter Tücher. Ein Bett auf Rollen wurde hineingeschoben, zu zweit hievten sie Florence auf die Liegefläche, die mit Segeltuch abgedeckt war. »Jetzt haben Sie Zeit, sich zu beruhigen«, sagte Käthe mit einem grimmigen Lächeln. Florence drehte den Kopf zur Seite. Vom Hals abwärts war sie wie gelähmt.

»Ich habe Hunger«, sagte sie leise, ohne die Wärterinnen anzusehen.

»Deswegen das Theater?«

Florence schwieg.

»Ich kann etwas besorgen«, bot Adele mit zitternder Stimme an. Was sie hier erlebte, überstieg langsam ihre Kräfte. Ihr Alltag in der Räcknitzstraße schien Welten entfernt.

»Mathilde geht schon, nicht wahr, Tildchen? Frag doch mal in der Küche, was sie für unseren Gast haben. Am besten eine Kraftbrühe und etwas Brot. Wir müssen Sie ja füttern, allein kann sie gerade gar nichts machen.« Käthe unterdrückte ein Kichern und strich ihre Schürze glatt. Sie saß neben Florence und ließ sie nicht aus dem Blick. Unschlüssig stand Adele auf der anderen Seite der Liege. Florence schloss die Augen. Eine Träne rollte über ihre Wange. Adele sah es und schniefte selbst. Dann nahm sie ein Taschentuch und tupfte Florence die Wange trocken.

»Gnädige Frau, das wird schon alles. Bestimmt sind wir bald wieder zurück in Dresden!«

Florence sah sie an. Sie schwieg. Verzweifelt.

»Ja, Sie werden sich gleich noch aufmachen können, Fräulein Adele«, antwortete stattdessen Käthe. »Mit der Eisenbahn dauert es keine Stunde, und Sie sind wieder daheim. Aber Ihre gnädige Frau lassen Sie noch ein bisschen bei uns.«

Adele schüttelte den Kopf.

»Denken Sie an das, was wir gestern Abend besprochen haben«, sagte Florence leise.

Natürlich! Die Briefe, das blaue Säckchen mit den Diamanten. Vielleicht sollte sie nach einem noch besseren Platz für die Steine Ausschau halten. Und zur Post musste sie gehen, unbedingt. Adele nickte. »Ich werde mich um alles kümmern!«

»Na, dann haben Sie ja was zu tun und müssen hier nicht bloß rumstehen«, sagte Käthe und wollte Adele zur Tür weisen. Das Dienstmädchen blickte noch einmal fragend zu Florence, als wollte sie die Erlaubnis ihrer Herrschaft einholen. Florence unterdrückte ein Schluchzen.

»Ich komme an meinem freien Tag wieder!«, sagte Adele und strich unbeholfen über die nassen Haare von Florence. Dann verließ sie das Zimmer und fragte sich bis zum Ausgang durch.

10. Die Wärterin

Pirna Sonnenstein, 06. Oktober 1881

Die Stimme war sehr laut. Ein Kreischen. Florence fuhr auf. Ihr Herz klopfte. Sie lauschte. Stille. Das Zimmer war dunkel. Sie suchte nach dem Wasserglas, das ihr Adele jeden Abend auf den Nachttisch stellte. Doch ihre Hand landete im Nichts. Hektisch befühlte sie das Bett, suchte den Nachttisch. Er war fort. Florence schloss die Augen und sank auf ihr Kissen zurück. Sie war in Pirna. Festung Sonnenstein. Frauentrakt. Irrenanstalt. Sie hörte ihren eigenen Atem. Plötzlich noch ein Schrei. Eine Frau schrie wie am Spieß. Florence sprang aus dem Bett. Das Gestell war aus Metall, ohne Seitenwände. Zwei Frauen redeten auf eine dritte ein. Diese schrie wieder. Florence hörte ein hässliches Lachen. Eilige Schritte auf dem Korridor. Eine Tür wurde geöffnet. Jetzt war das Kreischen so laut, dass Florence glaubte, es sei direkt nebenan.

Die Tür fiel mit einem Krachen ins Schloss. Gedämpftes Schimpfen. Florence hörte ein Schluchzen. Auch das klang schrill und unnatürlich. Das Schluchzen wurde lauter, wilder. Jetzt schrie die Frau wieder. Vor Schmerz? Ob sie geschlagen wurde? Florence ging zur Tür und drückte die Klinke hinunter. Die Tür war abgeschlossen. Hektisch versuchte sie es noch ein paarmal. Vergeblich. Sie war eingesperrt. Ihre Augen hatten sich an das Dunkel gewöhnt, und sie sah die Umrisse der Liege, die noch immer im Raum stand. Sie erinnerte sich, wie sie dort gelegen hatte. Wie die nassen Tücher langsam ausgekühlt waren, wie sie gefroren hatte unter dem vollgesogenen Leinen, das schwer auf ihr gelegen hatte. Und sie erinnerte sich an das Gesicht von Schwester Käthe, die sich einen Moment unbeobachtet gefühlt und ihr Profil im Wandspiegel begutachtet hatte. Diese entsetzliche Frau. So gewöhnlich. Und ganz ohne Manieren. Nur wenn einer der Ärzte in der Nähe war, dann kam sie aus dem Knicksen gar nicht mehr heraus. Florence verabscheute sie. Seitdem Adele nach Hause geschickt worden war, schlich diese Wärterin um sie herum und beteuerte fortwährend, dass sie Florence zu Diensten stünde. Dummes Geschwätz! Florence erinnerte sich sehr wohl an den festen Griff um ihren Arm, mit dem sie sie in die Wanne gedrückt hatte. Die Stelle schmerzte noch immer.

Wieder waren Laute zu hören. Jetzt viel leiser. Florence lehnte sich an die Tür. Eine Frau wimmerte. Eine andere schimpfte mit gedämpfter Stimme auf sie ein. Kurz darauf weinten beide. Dann schien es ein Handgemenge zu geben. Wieder Schreie, dieses Mal aus einer anderen Ecke. Türen wurden aufgerissen, energische Schritte hallten über den Fliesenboden. Kurze Kommandos. Dann hörte Florence dumpfe Geräusche. Schläge. Es mussten Schläge sein. Das einsetzende Weinen war jämmerlich. Florence zitterte am ganzen Körper. Vielleicht war es noch die feuchte Kälte aus den Leinenwickeln. Seit dieser Prozedur am Nachmittag hatte sie das Gefühl, die Nässe sei direkt unter die Haut in ihre Knochen gekrochen. Oder es war die Angst vor dem, was sie nicht sehen, aber hören konnte.

Das Fenster! Florence schob die schweren Vorhänge beiseite. Gitterstäbe. Kein freier Blick. Unten war ein Hof zu erkennen. Ihr Zimmer musste sich wohl im dritten Stock befinden. Das konnte sie erkennen, wenn sie die gegenüberliegende Häuserseite ansah. Sie rüttelte am Fenstergriff. Das Fenster ließ sich öffnen! Aber nur einen kleinen Spalt weit. Dann setzte ein unbekannter Mechanismus ein, und es ging keinen Zentimeter weiter. Mit beiden Händen zerrte Florence am Griff, versuchte es auf der anderen Seite. Unmöglich. Sie sank zurück und starrte fassungslos auf das vergitterte Viereck. Sie war eine Gefangene. Eingesperrt mit lauter verrückten Frauen und einer bösartigen Wärterin an ihrer Seite. »Ach, Henry, mein kleiner Henry, was machst du nur ohne mich? Und Minnie, mein süßes, kleines Mädchen, Mommy vermisst dich.« Die Sehnsucht nach ihren Kindern, gepaart mit der Angst, was ihr tyrannischer Vater ihnen antun könnte, trieben ihr die Tränen in die Augen. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen.

Florence saß zusammengesunken vor dem Vorhang, als sie einen Lichtstrahl unter der Tür aufleuchten sah. Ein Schlüssel wurde bewegt, die Tür ging auf. Sie erkannte Schwester Käthe. Eine Haarsträhne hing von ihrem Kopf. Die Schwesternhaube fehlte. Mit einer Gaslampe in der Hand leuchtete sie vorsichtig in das Zimmer. »Alles in Ordnung, Frau de Meli?«

Das Licht der Flamme blendete Florence’ Augen. Sie blinzelte.

»Na, was machen Sie denn da?« Die Stimme veränderte sich. Sie sprach mit Florence wie mit einem ungezogenen Kind. »Wenn ich das dem Doktor sage! Sie müssen doch ins Bett.«

Florence rutschte tiefer in die Falten des Vorhangs und hielt die Hand vors Gesicht.

»Nun kommen Sie! Da holen Sie sich doch den Tod. Am offenen Fenster …«

»Das Fenster ist nicht offen«, antwortete Florence und sah sie wütend an. »Man kann es gar nicht öffnen. Sie vielleicht, weil Sie einen Schlüssel haben oder wissen, wie dieser geheime Mechanismus funktioniert. Aber ich kann es nicht. Auch die Tür bekomme ich nicht auf. Sie haben mich eingeschlossen!«

»Das müssen wir am Anfang oft tun«, sagte Käthe und ging auf sie zu, um ihr aufzuhelfen, doch Florence wich zurück. »Viele Patienten wissen nicht, was für ein Glück sie haben, dass sie hier in Sonnenstein gelandet sind. Wir sind eine Reform-Anstalt. Was meinen Sie, was anderswo los ist? Da haben Sie nicht so ein schönes Einzelzimmer. Da werden sie mit den anderen Frauen in einen Schlafsaal gesteckt. Und eines sag ich Ihnen, Frau de Meli, solche Bettnachbarinnen wünsche ich mir nicht. Da sind Frauen darunter, die schrecken vor gar nichts zurück! Krank im Kopf. Verrückt, ganz und gar. Sie sind ja noch ein leichter Fall, Hysterie, na, meine Güte. Aber wir haben hier noch ganz andere … die haben in ihrem Wahn schon Menschen umgebracht.« Käthe war ganz nah an Florence herangekommen und leuchtete ihr ins Gesicht.

Florence roch den Atem der Schwester und drehte den Kopf zur Seite. »Ich lasse mir von Ihnen keine Angst einjagen!«

Die Wärterin lachte kurz auf.

Florence erhob sich. »Was ist mit der Frau, die so geweint hat?«

»Ach, das ist unsere Alwine. Die kriegt regelmäßig solche Anfälle. Macht alle anderen wach mit ihrem Geheule und fängt dann irgendwann eine Schlägerei an. Dann prügeln sich die Weiber. Das muss man sich mal vorstellen! Da hilft nur Strenge.«

»Was heißt das?«

»Frau de Meli, was soll das schon heißen? Bei Alwine müssen wir schnell sein. Bevor sie austeilt, kriegt sie erst mal selbst was auf die Finger. Dann ist meistens Ruhe.«

Florence stand mit verschränkten Armen vor der Wärterin. »Schwester Käthe, Sie sehen doch selbst, dass ich völlig gesund bin. Ich möchte morgen früh mit dem Arzt sprechen und ein Entlassungsschreiben bekommen. Ich bin hier ganz und gar falsch.«

Käthe schüttelte die Bettdecke auf und wies Florence an, sich wieder hinzulegen.

»Ach, wissen Sie, Frau de Meli, Sie sind nicht die Erste, die den eigenen Zustand nicht wahrhaben will.« Sie strich die Decke glatt und schob Florence zum Bett. »Morgen haben wir viel vor! Gute Nacht.«

»Ich habe Durst. Bitte bringen Sie mir ein Glas Wasser!«

Käthe hielt inne und sah ihre neue Patientin durchdringend an. »Na, das fällt Ihnen ja früh ein. Ich bringe Ihnen etwas.« Sie entfernte sich mit schnellen Schritten, zog die Tür von außen zu und schloss ab. Es war wieder dunkel im Zimmer. Florence war hellwach. Kurz darauf kehrte die Wärterin mit einem Glas Wasser zurück.

»Vielen Dank, Schwester Käthe. Bitte stellen Sie es auf dem Tisch ab«, versuchte Florence, höflich und freundlich zu sein.

Käthe schnaubte. »Nee, nee, Frau de Meli. Das Wasser trinken Sie aus, solange ich hier bin. Dann nehme ich das Glas wieder mit.«

»Was soll das?«

»Es gibt Menschen, die versuchen, sich mit Scherben die Pulsadern aufzuschneiden.«

Florence schluckte. Dann nahm sie gehorsam das Glas und leerte es vor den Augen der Wärterin.

»Ich seh schon, wir kommen miteinander aus. Gute Nacht!«

Jetzt drehte sich der Schlüssel endgültig im Schloss.

Florence kletterte wieder aus dem Bett und schlich zum Kleiderschrank. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Sie knarrte. Sie wartete ängstlich, ob wieder ein Lichtschein unter der Zimmertür zu sehen war. Nein, alles blieb dunkel. Ihre Kleider waren ausgepackt und an Bügeln aufgehängt worden. Die blaue Truhe stand am Boden. Florence begann, die Kleider abzutasten. Vorsichtig zog sie die Unterwäsche aus ihrer Reisetasche. Sie befühlte die Stoffe und stellte erleichtert fest, dass die eingenähten Juwelen alle noch da waren. Zum Glück hatte man ihr die Kleider gelassen. Sie tastete ein weiteres Mal über das Innenfutter. Den Schmuck würde niemand so schnell entdecken, sie hatte gute Arbeit geleistet. Erleichtert strich sie über die Rückseite des fliederfarbenen Samtkleides, das sie erst vor Kurzem hatte anfertigen lassen. Ja, sie spürte die winzige Erhebung zwischen den Falten – die Brosche! Noch einmal berührte sie den festen Stoff. Sie konnte die Form mit dem Finger nachzeichnen. Die goldene Schlange mit den Rubin-Augen. Florence lächelte erleichtert. Das erste Mal an diesem Tag.

Sie sah die Handschrift von Méry Laurent vor sich. Wie schwungvoll sie schrieb, manchmal war es kaum zu entziffern. Aber jedes Mal eine Freude, wenn wieder ein Brief aus Paris ankam. Oft hatten sie sich nicht geschrieben. Henri missbilligte die Verbindung. Dabei war er es doch gewesen, der den Kontakt zur Schlangenbändigerin wollte. Damals, im Winter vor sechs Jahren. Florence hatte sich über seine strengen Bemerkungen hinweggesetzt. Die Briefe von Mademoiselle Laurent verliehen ihrem Leben als Ehefrau und Mutter in der amerikanischen Kolonie in Dresden so ein gewisses Fluidum, fand sie. Einmal waren sie sogar kurz davor gewesen, Méry in Paris zu besuchen. Doch Henri hatte die Reise urplötzlich abgesagt, und sie waren dann nach Italien aufgebrochen. Was für eine Enttäuschung! Florence sprach kein Italienisch, kannte niemanden in Rom und interessierte sich herzlich wenig für die antiken Überreste und das Kolosseum, das sie sich ansehen mussten. Alles nur, damit der kleine Henry begriff, was die alten Römer geleistet hatten. Schließlich entwarf sein eigener Vater den Lehrplan für den Jungen und mühte sich nach Kräften, dem Kind das Altertum schmackhaft zu machen. Florence schüttelte bei dem Gedanken den Kopf.

Aber immerhin hatte ihr Mann ihr vor ein paar Jahren den Wunsch nach einem Schmuckstück in Form einer Schlange erfüllt. Dieses Tier war für Florence ein Symbol geworden nach dem denkwürdigen Abend im Varieté im Dezember 1875. Die Frau mit diesen gewaltigen Tieren. Ein faszinierender und gleichzeitig abstoßender Anblick. Florence erinnerte sich ganz genau. Aber alles, was sie anschließend von Méry Laurent erfahren hatte, was sie aus ihrem Leben gemacht hatte, imponierte Florence. Von den Jenkins hatte sie gehört, dass dieser berühmte amerikanische Zahnarzt in Paris Méry die Treue hielt und sie mit Immobilien, Möbeln, Kunst und Mode überhäufte. Dazu gab es aber wohl auch andere Männer, hatte Clara Jenkins angedeutet. Méry selbst schrieb ihr, dass über sie Gedichte verfasst und von ihr Bilder gemalt wurden. Florence fand die Vorstellung großartig. Und – Méry war frei, musste sich nicht mit einem tobsüchtigen Ehemann herumplagen. Nur Kinder hatte sie keine. Vielleicht war das der Preis für so ein ungewöhnliches Frauenleben, überlegte Florence und war mit einem Schlag wieder in ihrer Gegenwart angekommen. Auch sie war hier ohne Kinder. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Langsam hängte sie die Kleider zurück und schloss die Schranktür.

Wieder kamen ihr die Tränen. Sie zog die Bettdecke über ihr Gesicht. Wie konnte sie diesen Albtraum hier beenden? Zurückkehren in ihr altes Leben? Zurück zu ihren Kindern? Sie seufzte. Zum Glück konnte sie sich wenigstens auf Adele verlassen. Bestimmt hatte sie alle Briefe zur Post gebracht – auch das Kuvert, das nach Paris sollte. Florence betete leise. Dann schlief sie ein.

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Release date on Litres:
25 May 2021
Volume:
484 p. 7 illustrations
ISBN:
9783839268063
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