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Sigmund Freud

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Mit einem einleitenden Essay von Kristin Meißner

Impressum

ISBN 978-3-940621-78-8 (epub)

ISBN 978-3-940621-79-5 (pdf)

Digitalisat basiert auf der auf der Erstausgabe basierenden Ausgabe von 1922 aus der Bibliothek des Vergangenheitsverlags; bibliografische Angaben:

Freud, Sigmund, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Leipzig 1922

Bearbeitung: Dr. Alexander Schug / Benjamin Koerfer.

Einleitendes Essay von Kristin Meißner

Die Marke „100% - vollständig, kommentiert, relevant, zitierbar“ steht für den hohen Anspruch, mehrfach kontrollierte Digitalisate klassischer Literatur anzubieten, die – anders als auf den Gegenleseportalen unterschiedlicher Digitalisierungsprojekte – exakt der Vorlage entsprechen. Antrieb für unser Digitalisierungsprojekt war die Erfahrung, dass die im Internet verfügbaren Klassiker meist unvollständig und sehr fehlerhaft sind. Die in eckigen Klammern gesetzten Zahlen markieren die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe; durch die Paginierung ist auch die digitale Version über die Referenz zur gedruckten Ausgabe zitierbar.

© Vergangenheitsverlag, 2011 – www.vergangenheitsverlag.de


Inhalt

Einleitendes Essay: Eine kurze Wirkungsgeschichte der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“

Vorwort zur dritten Auflage

Vorwort zur vierten Auflage

I. Die sexuellen Abirrungen

1. Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt

A. Die Inversion

B. Geschlechtsunreife und Tiere als Sexualobjekte

2. Abweichungen in bezug auf das Sexualziel

a) Anatomische Überschreitungen

b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen

3. Allgemeines über alle Perversionen

4. Der Sexualtrieb bei den Neurotikern

5. Partialtriebe und erogene Zonen

6. Erklärung des scheinbaren Überwiegens perverser Sexualität bei den Psychoneurosen

7. Verweis auf den Infantilismus der Sexualität

II. Die infantile Sexualität

Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen

Die Äußerungen der infantilen Sexualität

Das Sexualziel der infantilen Sexualität

Die masturbatorischen Sexualäußerungen)

Die infantile Sexualforschung

Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation

Quellen der infantilen Sexualität

III. Die Umgestaltungen der Pubertät

Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust

Das Problem der Sexualerregung

Die Libidotheorie

Differenzierung von Mann und Weib

Die Objektfindung

Zusammenfassung

Einleitendes Essay: Eine kurze Wirkungsgeschichte der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“

Die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ gelten als einer der wichtigsten Beiträge Sigmund Freuds zum modernen Verständnis des Menschen. Mit diesem 1905 veröffentlichten Frühwerk führte Freud den Begriff der Sexualität programmatisch in die Psychoanalyse ein. Durch die in den „Drei Abhandlungen“ geäußerten revolutionären Thesen zur Sexualität des Kindes, zur Homosexualität und zur sexuellen Grundlage allen menschlichen Verhaltens erreichte das Thema eine breitere Öffentlichkeit als je zuvor. Zugleich brachte es die zu dieser Zeit noch nicht etablierte Psychoanalyse aber auch in den Verruf, unseriöse und unsittliche Lehren zu vertreten. Um 1900 war Sexualität ein Tabuthema, wogegen sich Freud mit der Publikation und ihrem aussagekräftigen Titel wandte.1

Die „Abhandlungen zur Sexualtheorie“ sind in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil („Die sexuellen Abirrungen“) hinterfragt Freud die konventionellen Einstufungen von normalem und anormalem Sexualverhalten. So wendet er sich z.B. gegen die seinerzeit geltende Meinung, dass Homosexualität ein angeborener Fehler oder eine kulturelle Degeneration sei. Nach Freud ist der Mensch vielmehr ursprünglich bisexuell veranlagt2 und die Verknüpfung des sexuellen Triebs mit einem Objekt lockerer als bisher angenommen. Während „der Perverse“ seine Triebe ungehindert auslebt und der Neurotiker diese gänzlich unterdrückt, steht der „normale“ Mensch zwischen diesen Polen. Sexuelle Abweichungen werden bei Freud nicht mehr qualitativ von „normalem“ Verhalten unterschieden, sondern als bloße Übersteigerungen normalen Sexualverhaltens ernst genommen.3 Der Psychoanalyse geht es dabei nicht um die Bewertung von Verhaltensweisen, sondern um die Bedeutung, die diese für das Individuum bzw. die Gesellschaft haben.

Im zweiten Teil seiner Untersuchung beschreibt Freud die infantile Sexualität. Die Annahme, dass die sexuelle Entwicklung des Menschen im Säuglingsalter einsetze, war um 1900 ebenfalls eine skandalöse These, da man bisher glaubte, die Sexualität entwickele sich erst mit der Pubertät. Heutzutage sind die von Freud beschriebenen psychosexuellen Entwicklungsphasen, die orale (1. Lebensjahr), anale (2.-3. Lebensjahr) und phallische4 Phase (4.-6. Lebensjahr), sowie die Latenzphase (6.-12. Lebensjahr), über die Grenzen der Psychoanalyse hinaus bekannt und werden als psychoanalytische Entwicklungspsychologie ernst genommen.5 Der Verlauf dieser frühen Phasen entscheidet nach Freud maßgeblich die Entwicklung der späteren Persönlichkeit. In der Behandlung seiner Patienten entdeckte Freud, dass deren neurotische Symptome alle einen sexuellen Grund haben. Aus diesen Beobachtungen leitete er ab, dass Neurosen die Folgen von Störungen der frühkindlichen Sexualität seien.

Im dritten Abschnitt („Die Umgestaltungen der Pubertät“) schlägt Freud die Brücke zwischen der kindlichen Entdeckung der Lust und dem erwachsenen Sexualverhalten, das Freud mit dem Satz „Die Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung“ charakterisiert.6 In der Pubertät werde, so Freud, ein neues Sexualziel gegeben. Der autoerotische Sexualtrieb der Kindheit verlagert sich nun auf ein externes Sexualobjekt. Mit dieser Wandlung erfährt das menschliche Sexualleben seine „endgültige normale Gestaltung“7. Störungen in dieser Phase der Wandlung können ebenso eine krankhafte Entwicklung des Sexualverhaltens hervorrufen, wie Störungen in der infantilen Phase. Freuds Aufmerksamkeit war in der Abfassung seiner Sexualtheorie stets auf diese pathologischen Phänomene gerichtet, von denen aus er die Ursprünge menschlicher Sexualität ableitete.

Anders als Freuds erstes großes Werk „Die Traumdeutung“ von 1900 wurden die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ rege aufgenommen und in den Fachzeitschriften eingehend besprochen. Insgesamt bescheinigten die Rezensenten dem Buch, dass es originelle und anregende Hypothesen enthalte. Dabei wurden weniger die Überlegungen zur kindlichen Sexualität in Frage gestellt, sondern eher die Rückführung aller Fälle von Hysterien und Zwangsneurosen auf die Verdrängung von Sexualinhalten bezweifelt.8 Während die Fachgemeinde eine interessierte Offenheit gegenüber den Thesen Freuds zeigte,9 waren es vor allem Journalisten und Religionsvertreter, die die Freud’schen Forschungen zur Sexualität v.a. angesichts der Behauptung einer infantilen Sexualität als Obszönität verurteilten.10

Ein bedeutender Verdienst der Freud’schen Sexualtheorie liegt jedoch darin, dass er abweichendes Sexualverhalten als Übersteigerung der normalen Sexualität bestimmte und damit die Kluft zwischen Normalem und Anormalem hinterfragte. Michel Foucault durchleuchtete in kritischer Absicht in seinem Werk „Sexualität und Wahrheit“ (1977), wie Perversionen im 19. Jahrhundert dadurch erst geschaffen wurden, dass sie zum Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses erhoben wurden. Im 19. Jahrhundert waren wissenschaftliche Arbeiten über das Sexuelle als Pathologien des Sexuellen verfasst worden und mit moralischen Wertungen behaftet. Freud schrieb in seiner „Sexualtheorie“ gegen diese Sichtweise an und eröffnete den Blick für sexuelles Verhalten in seinen verschiedensten Ausprägungen als Weisen der Menschen, mit ihrer individuellen und kulturellen Umwelt umzugehen und auf diese zu reagieren.11 Freud sah die Sexualität zwischen biologischen und gesellschaftlichen Anforderungen eingespannt und legte damit erstmals ein Körper und Geist zusammenführendes Entwicklungsmodell der Sexualität vor, das alle Lebensphasen des Menschen umfasste. Bis heute ist dieses Entwicklungsmodell Maßstab für alle späteren Entwicklungspsychologien geblieben, wiewohl Kontroversen um verschiedene Definitionen, wie z.B. den Triebbegriff, ausgetragen und neue Bezugsgrößen gefunden wurden und werden.

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 in Freiberg (Mähren), heute Příbor, als Sohn seiner jüdischen Eltern Amalie und Jakob Freud geboren. In Folge wirtschaftlicher Nöte zog die vormals wohlhabende Familie nach Wien, wo Freud das Leopoldstädter Communal-Realgymnasium (1865-73) besuchte. Freud war ein begabter Schüler und bestand die Matura mit Auszeichnung. Inspiriert von Goethes Aufsatz „Die Natur“ beschließt Freud 1873 Medizin an der Universität Wien zu studieren. Während seines Studiums forschte er über die Geschlechtsorgane des Aals und las Philosophen wie John Stuart Mill und Franz Brentano. 1881 promovierte er sich zum Doktor der Medizin. Sein Thema: Die Nervenfasern und Nervenzellen niederer Fischarten. In den folgenden Jahren arbeitete Freud unter Theodor Meynert im Laboratorium für Gehirnanatomie am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, wo er sich u.a. mit Fragen der Psychiatrie, Neuropathologie und klinischen Neurologie beschäftigte. Seine histologischen und klinischen Arbeiten wurden nach seiner Habilitation im Jahr 1885 mit der Ernennung zum Privatdozenten für Neuropathologie gewürdigt. Auf der Suche nach einem Thema, das ihm den ersehnten wissenschaftlichen Durchbruch bringen würde, gelangte Freud über den Umweg weiterer Studien zur Wirkung von Kokain, die er in Selbstversuchen in seiner so genannten „Kokainepisode“ (1884-87) erforschte, zur Psychopathologie und Neurosenpsychologie. Während eines fünfmonatigen Studienaufenthaltes bei Jean-Martin Charcot, dem berühmten Direktor der Nervenklinik der Salpêtrière, erhielt Freud nachhaltige Anregungen von dessen Forschungen zur Hysterie und der Auswirkung von Hypnose und Suggestion als mögliche Therapieform. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1886 heiratete Freud Martha Bernays (1861-1951), die er 1882 kennen gelernt hatte und mit der er sechs Kinder hatte. Im selben Jahr eröffnete Sigmund Freud seine Praxis für Nervenkrankheiten, wo er das in der akademischen Medizin umstrittene Heilverfahren der Hypnose einsetzte.12 Nach Jahren der Erforschung hysterischer Phänomene kam Freud in Zusammenarbeit mit Josef Breuer, dessen Behandlung der Anna O. (Bertha Pappenheim) Freuds Aufmerksamkeit schon länger auf sich gezogen hatte, zu dem Schluss, dass nicht durch Hypnose, sondern durch Verfahren der Bewusstmachung vergessener Erlebnisse neurotische Störungen aufgelöst werden könnten.13 In der Erkenntnis, dass die Aufarbeitung scheinbar verdrängter Erlebnisse durch die Technik der freien Assoziation und einer sich daran anschließenden Deutung durch den Therapeuten pathologische Symptome beseitigen können, zog Freud den Schluss, dass es ein sich auf die menschlichen Handlungen aktiv auswirkendes „Unterbewusstes“ geben müsse. In die 1890er fällt die auf diesen Erkenntnissen basierende Begründung und Weiterentwicklung der Psychoanalyse als Behandlungs- und Untersuchungsmethode, auch als Zugang zum Verständnis des menschlichen Seelenlebens im Allgemeinen. Bis 1900 waren die wesentlichen Grundpfeiler der Psychoanalyse wie das Konzept des Unbewussten, die Bedeutung und das Wesen des Traums und der Fehlleistungen, die frühkindliche Sexualität und sexuelle Ätiologie der Neurosen abgesteckt.14 In der Zeit danach wurden diese Erkenntnisse weiter ausdifferenziert und Begriffe gesucht, die das Unbewusste näher zu bestimmen vermochten, wobei sich Freud stark an den Naturwissenschaften orientierte. 1900 veröffentlichte Freud sein erstes großes Werk „Die Traumdeutung“, 1902 folgte die Titularprofessur, der jedoch niemals eine ordentliche Berufung folgte.

Breitere Aufmerksamkeit bekam Freud mit den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905). Danach wuchs die Anhängerschaft der Psychoanalyse stetig. Freud lernte in dieser Zeit C.G. Jung kennen und diskutierte mit Alfred Adler, Otto Rank und Wilhelm Stekel im Rahmen der von Freud gegründeten „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ über Grundfragen der Psychoanalyse. In zahlreichen Schriften15 entwickelte Freud bis zu seinem Tod 1939 die grundlegenden Ideen der Psychoanalyse, wie z.B. den Aufbau der psychischen Struktur, nach welchem sich die Struktur der menschlichen Psyche aus drei Teilen (Instanzen), dem Es, dem Ich und dem Über-Ich, zusammensetzt. In den 1920ern, als die Psychoanalyse bereits weltweite Anerkennung fand, befand sich Freud auf dem Höhepunkt seines Schaffens und veröffentlichte zentrale Werke wie „Jenseits des Lustprinzips“ (1920), „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921), „Das Ich und das Es“ (1923), „Die Zukunft einer Illusion“ (1927), „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930). 1930 wurde Freud von der Stadt Frankfurt am Main für die sprachliche Qualität seiner Werke mit dem Goethepreis geehrt. Weitere Anerkennung wurde Freud mit der Ernennung zum Ehrenmitglied der British Royal Society of Medicine zuteil. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Freud 1938 gezwungen, nach London zu emigrieren, wo er 1939 an Gaumenkrebs verstarb.


[III] Vorwort zur dritten Auflage.

Nachdem ich durch ein Jahrzehnt Aufnahme und Wirkung dieses Buches beobachtet, möchte ich dessen dritte Auflage mit einigen Vorbemerkungen versehen, die gegen Mißverständnisse und unerfüllbare Ansprüche an dasselbe gerichtet sind. Es sei also vor allem betont, daß die Darstellung hierin durchweg von der alltäglichen ärztlichen Erfahrung ausgeht, welche durch die Ergebnisse der psychoanalytischen Untersuchung vertieft und wissenschaftlich bedeutsam gemacht werden soll. Die drei „Abhandlungen zur Sexualtheorie“ können nichts anderes enthalten, als was die Psychoanalyse anzunehmen nötigt oder zu bestätigen gestattet. Es ist darum ausgeschlossen, daß sie sich jemals zu einer „Sexualtheorie“ erweitern ließen, und begreiflich, daß sie zu manchen wichtigen Problemen des Sexuallebens überhaupt nicht Stellung nehmen. Man wolle aber darum nicht glauben, daß diese übergangenen Kapitel des großen Themas dem Autor unbekannt geblieben sind oder von ihm als nebensächlich vernachlässigt wurden.

Die Abhängigkeit dieser Schrift von den psychoanalytischen Erfahrungen, die zu ihrer Abfassung angeregt haben, zeigt sich aber nicht nur in der Auswahl, sondern auch in der Anordnung des Stoffes. Überall wird ein gewisser Instanzenzug eingehalten, werden die akzidentellen Momente vorangestellt, die dispositionellen im Hintergrunde gelassen und wird die ontogenetische Entwicklung vor der phylogenetischen berücksichtigt. Das Akzidentelle spielt nämlich die Hauptrolle in der Analyse, es wird durch sie fast restlos bewältigt; das Dispositionelle kommt erst hinter ihm zum Vorschein als etwas, was durch das Erleben geweckt wird, dessen Würdigung aber weit über das Arbeitsgebiet der Psychoanalyse hinausführt. [IV]

Ein ähnliches Verhältnis beherrscht die Relation zwischen Onto- und Phylogenese. Die Ontogenese kann als eine Wiederholung der Phylogenese angesehen werden, soweit diese nicht durch ein rezenteres Erleben abgeändert wird. Die phylogenetische Anlage macht sich hinter dem ontogenetischen Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition eben der Niederschlag eines früheren Erlebens der Art, zu welchem das neuere Erleben des Einzelwesens als Summe der akzidentellen Momente hinzukommt.

Neben der durchgängigen Abhängigkeit von der psychoanalytischen Forschung muß ich die vorsätzliche Unabhängigkeit von der biologischen Forschung als Charakter dieser meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es sorgfältig vermieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium einzutragen, welches uns an der Sexualfunktion des Menschen durch die Technik der Psychoanalyse ermöglicht wird. Mein Ziel war allerdings zu erkunden, wieviel zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den Mitteln der psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte auf Anschlüsse und Übereinstimmungen hinweisen, die sich bei dieser Untersuchung ergaben, aber ich brauchte mich nicht beirren zu lassen, wenn die psychoanalytische Methode in manchen wichtigen Punkten zu Ansichten und Ergebnissen führte, die von den bloß biologisch gestützten erheblich abwichen.

Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Einschaltungen vorgenommen, aber darauf verzichtet, dieselben wie in der vorigen Auflage durch besondere Zeichen kenntlich zu machen. — Die wissenschaftliche Arbeit auf unserem Gebiete hat gegenwärtig ihre Fortschritte verlangsamt, doch waren gewisse Ergänzungen dieser Schrift unentbehrlich, wenn sie mit der neueren psychoanalytischen Literatur in Fühlung bleiben sollte.

Wien, im Oktober 1914.

[V] Vorwort zur vierten Auflage.

Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische Forschung in der großen Welt ungeschädigt geblieben ist. Doch haben nicht alle Teile der Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein psychologischen Aufstellungen und Ermittlungen der Psychoanalyse über das Unbewußte, die Verdrängung, den Konflikt, der zur Krankheit führt, den Krankheitsgewinn, die Mechanismen der Symptombildung u. a. erfreuen sich wachsender Anerkennung und finden selbst bei prinzipiellen Gegnern Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück der Lehre, dessen Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch immer unverminderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich eine Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum Abfall von ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle des sexuellen Momentes für das normale und krankhafte Seelenleben wieder eingeschränkt werden sollte.

Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser Teil der psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit viel weiter entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer wieder von neuem wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus ebenso sorgfältiger und erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklärung jener Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet keine Schwierigkeiten. Erstens können nur solche Forscher die hier beschriebenen Anfänge des menschlichen Sexuallebens bestätigen die Geduld und technisches Geschick genug besitzen, um die Analyse bis in die ersten Kindheitsjahre des Patienten vorzu- [VI] tragen. Es fehlt häufig auch an der Möglichkeit hiezu, da das ärztliche Handeln eine scheinbar raschere Erledigung des Krankheitsfalles verlangt. Andere aber als Ärzte, welche die Psychoanalyse üben, haben überhaupt keinen Zugang zu diesem Gebiet und keine Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden, das der Beeinflussung durch ihre eigenen Abneigungen und Vorurteile entzogen wäre. Verstünden es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der Kinder zu lernen, so hätten diese drei Abhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben können.

Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt dieser Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes der Sexualität, von jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden Schlagworten ist man soweit gegangen, von dem „Pansexualismus“ der Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie erkläre „alles“ aus der Sexualität. Man könnte sich darüber verwundern, wenn man imstande wäre, an die verwirrende und vergeßlich machende Wirkung affektiver Momente selbst zu vergessen. Denn der Philosoph Artur Schopenhauer hat bereits vor geraumer Zeit den Menschen vorgehalten, in welchem Maß ihr Tun und Trachten durch sexuelle Strebungen — im gewohnten Sinne des Wortes — bestimmt wird, und eine Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so packende Mahnung so völlig aus dem Sinne zu schlagen! Was aber die „Ausdehnung“ des Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse von Kindern und von sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen alle, die von ihrem höheren Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse herabschauen, sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität der Psychoanalyse mit dem Eros des göttlichen Plato zusammentrifft. (S. Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Platos, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse. III, 1915.)

Wien, im Mai 1920

I. Die sexuellen Abirrungen.

Die Tatsache geschlechtlicher Bedürfnisse bei Mensch und Tier drückt man in der Biologie durch die Annahme eines „Geschlechtstriebes“ aus. Man folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach Nahrungsaufnahme, dem Hunger. Eine dem Worte „Hunger“ entsprechende Bezeichnung fehlt der Volkssprache; die Wissenschaft gebraucht als solche „Libido“.17

Die populäre Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstellungen von der Natur und den Eigenschaften dieses Geschlechtstriebes. Er soll der Kindheit fehlen, sich um die Zeit und im Zusammenhang mit dem Reifungsvorgang der Pubertät einstellen, sich in den Erscheinungen unwiderstehlicher Anziehung äußern, die das eine Geschlecht auf das andere ausübt, und sein Ziel soll die geschlechtliche Vereinigung sein oder wenigstens solche Handlungen, welche auf dem Wege zu dieser liegen. [2]

Wir haben aber allen Grund, in diesen Angaben ein sehr ungetreues Abbild der Wirklichkeit zu erblicken; faßt man sie schärfer ins Auge, so erweisen sie sich überreich an Irrtümern, Ungenauigkeiten und Voreiligkeiten.

Führen wir zwei Termine an; heißen wir die Person, von welcher die geschlechtliche Anziehung ausgeht, das Sexualobjekt, die Handlung, nach welcher der Trieb drängt, das Sexualziel, so weist uns die wissenschaftlich gesichtete Erfahrung zahlreiche Abweichungen in bezug auf beide, Sexualobjekt und Sexualziel, nach, deren Verhältnis zur angenommenen Norm eingehende Untersuchung fordert.

1. Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt.

Der populären Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am schönsten die poetische Fabel von der Teilung des Menschen in zwei Hälften — Mann und Weib —, die sich in der Liebe wieder zu vereinigen streben. Es wirkt darum wie eine große Überraschung zu hören, daß es Männer gibt, für die nicht das Weib, sondern der Mann, Weiber, für die nicht der Mann sondern das Weib das Sexualobjekt darstellt. Man heißt solche Personen Konträrsexuale oder besser Invertierte, die Tatsache die der Inversion. Die Zahl solcher Personen ist sehr erheblich, wiewohl deren sichere Ermittelung Schwierigkeiten unterliegt18.

A. Die Inversion.

Verhalten der Invertierten. Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen Richtungen ganz verschieden.

a) Sie sind absolut invertiert, d. h. ihr Sexualobjekt kann nur gleichgeschlechtlich sein, während das gegensätzliche Geschlecht für sie niemals Gegenstand der geschlechtlichen Sehnsucht ist, sondern sie kühl läßt oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen hervorruft. Als Männer sind sie dann durch Abneigung unfähig, den normalen Geschlechtsakt auszuführen oder vermissen bei dessen Ausführung jeden Genuß. [3]

b) Sie sind amphigen invertiert (psychosexuell-hermaphroditisch), d. h. ihr Sexualobjekt kann ebensowohl dem gleichen wie dem anderen Geschlecht angehören; der Inversion fehlt also der Charakter der Ausschließlichkeit.

c) Sie sind okkasionell invertiert, d. h. unter gewissen äußeren Bedingungen, von denen die Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjektes und die Nachahmung obenan stehen, können sie eine Person des gleichen Geschlechter zum Sexualobjekt nehmen und im Sexualakt mit ihr Befriedigung empfinden.

Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten in ihrem Urteil über die Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die einen nehmen die Inversion als selbstverständlich hin wie der Normale die Richtung seiner Libido und vertreten mit Schärfe deren Gleichberechtigung mit der normalen. Andere aber lehnen sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf und empfinden dieselbe als krankhaften Zwang19.

Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhältnisse. Die Eigentümlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum entweder von jeher, soweit seine Erinnerung zurückreicht, oder dieselbe hat sich ihm erst zu einer bestimmten Zeit vor oder nach der Pubertät bemerkbar gemacht20. Der Charakter bleibt entweder durchs ganze Leben erhalten oder tritt zeitweise zurück oder stellt eine Episode auf dem Wege zur normalen Entwicklung dar; ja er kann sich erst spät im Leben nach Ablauf einer langen Periode normaler Sexualtätigkeit äußern. Auch ein periodisches Schwanken zwischen dem normalen und dem invertierten Sexualobjekt ist beobachtet worden. Besonders interessant sind Fälle, in denen sich die Libido im Sinne der [4] Inversion ändert, nachdem eine peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht worden ist.

Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im allgemeinen unabhängig nebeneinander. Von der extremsten Form kann man etwa regelmäßig annehmen, daß die Inversion seit sehr früher Zeit bestanden hat, und daß die Person sich mit ihrer Eigentümlichkeit einig fühlt.

Viele Autoren würden sich weigern, die hier aufgezählten Fälle zu einer Einheit zusammenzufassen, und ziehen es vor, die Unterschiede anstatt der Gemeinsamen dieser Gruppen zu betonen, was mit der von ihnen beliebten Beurteilung der Inversion zusammenhängt. Allein so berechtigt Sonderungen sein mögen, so ist doch nicht zu verkennen, daß alle Zwischenstufen reichlich aufzufinden sind, so daß die Reihenbildung sich gleichsam von selbst aufdrängt.

Auffassung der Inversion. Die erste Würdigung der Inversion bestand in der Auffassung, sie sei ein angeborenes Zeichen nervöser Degeneration, und war im Einklange mit der Tatsache, daß die ärztlichen Beobachter zuerst bei Nervenkranken oder Personen, die solchen Eindruck machten, auf sie gestoßen waren. In dieser Charakteristik sind zwei Angaben enthalten, die unabhängig voneinander beurteilt werden sollen; das Angeborensein und die Degeneration.

Degeneration. Die Degeneration unterliegt den Einwänden, die sich gegen die wahllose Verwendung des Wortes überhaupt erheben. Es ist doch Sitte geworden, jede Art von Krankheitsäußerung, die nicht gerade traumatischen oder infektiösen Ursprunges ist, der Degeneration zuzurechnen. Die Magnansche Einteilung der Degenerierten hat es selbst ermöglicht, daß die vorzüglichste Allgemeingestaltung der Nervenleistung die Anwendbarkeit des Begriffes Degeneration nicht auszuschließen braucht. Unter solchen Umständen darf man fragen, welchen Nutzen und welchen neuen Inhalt das Urteil „Degeneration“ überhaupt noch besitzt. Es scheint zweckmäßiger, von Degeneration nicht zu sprechen: [5]

1. wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm zusammentreffen; 2. wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen schwer geschädigt erscheinen21.

Daß die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten Sinne sind, geht aus mehreren Tatsachen hervor:

1. Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen schweren Abweichungen von der Norm zeigen;

2. desgleichen bei Personen, deren Leistungsfähigkeit nicht gestört ist, ja die sich durch besonders hohe intellektuelle Entwicklung und ethische Kultur auszeichnen22.

3. Wenn man von den Patienten seiner ärztlichen Erfahrung absieht und einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen strebt, stößt man nach zwei Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion als Degenerationszeichen aufzufassen verbieten.

a) Man muß Wert darauf legen, daß die Inversion eine häufige Erscheinung, fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution bei den alten Völkern, auf der Höhe ihrer Kultur war; b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen wilden und primitiven Völkern, während man den Begriff der Degeneration auf die hohe Zivilisation zu beschränken gewohnt ist (J. Bloch). Selbst unter den zivilisierten Völkern Europas haben Klima und Rasse auf die Verbreitung und die Beurteilung der Inversion den mächtigsten Einfluß23. [6]

Angeborensein. Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur für die erste, extremste Klasse der Invertierten behauptet worden, und zwar auf Grund der Versicherung dieser Personen, daß sich bei ihnen zu keiner Zeit des Lebens eine andere Richtung des Sexualtriebes gezeigt habe. Schon das Vorkommen der beiden anderen Klassen, speziell der dritten, ist schwer mit der Auffassung eines angeborenen Charakters zu vereinen. Daher die Neigung der Vertreter dieser Ansicht, die Gruppe der absolut Invertierten von allen anderen abzulösen, was den Verzicht auf eine allgemeingültige Auffassung der Inversion zur Folge hat. Die Inversion wäre demnach in einer Reihe von Fällen ein angeborener Charakter; in anderen könnte sie auf andere Art entstanden sein.

Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, daß die Inversion ein erworbener Charakter des Geschlechtstriebes sei. Sie stützt sich darauf, daß 1. bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frühzeitig im Leben einwirkender sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen fortdauernde Folge sich die homosexuelle Neigung darstellt, 2. daß bei vielen anderen sich die äußeren begünstigenden und hemmenden Einflüsse des Lebens aufzeigen lassen, die zu einer früheren oder späteren Zeit zur Fixierung der Inversion geführt haben (ausschließlicher Verkehr mit dem gleichen Geschlecht, Gemeinschaft im Kriege, Detention in Gefängnissen, Gefahren des heterosexuellen Verkehrs, Zölibat, geschlechtliche Schwäche usw.), 3. daß die Inversion durch hypnotische Suggestion aufgehoben werden kann, was bei einem angeborenen Charakter Wunder nehmen würde.

Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit des Vorkommens einer angeborenen Inversion überhaupt bestreiten. Man kann einwenden (Havelock Ellis), daß ein genaueres Examen der für angeborene Inversion in Anspruch genommenen Fälle wahrscheinlich gleichfalls ein für die Richtung der Libido bestimmendes Erlebnis der frühen Kindheit zutage fördern würde, welches bloß im bewußten Gedächtnis der Person nicht bewahrt worden ist, aber durch geeignete Beeinflussung zur Erinnerung gebracht werden könnte. Die Inversion könnte man nach diesen Autoren nur als eine häufige Variation des Geschlechtstriebes bezeichnen, die durch eine Anzahl äußerer Lebensumstände bestimmt werden kann. [7]

Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegenbemerkung ein Ende, daß nachweisbar viele Personen die nämlichen sexuellen Beeinflussungen (auch in früher Jugend; Verführung, mutuelle Onanie) erfahren, ohne durch sie invertiert zu werden oder dauernd so zu bleiben. So wird man zur Vermutung gedrängt, daß die Alternative angeboren — erworben entweder unvollständig ist oder die bei der Inversion vorliegenden Verhältnisse nicht deckt.

Erklärung der Inversion. Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch mit der anderen, sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion erklärt. Im ersten Falle muß man sich äußern, was an ihr angeboren ist, wenn man sich nicht der rohesten Erklärung anschließt, daß eine Person die Verknüpfung des Sexualtriebes mit einem bestimmten Sexualobjekt angeboren mitbringt. Im anderen Falle fragt es sich, ob die mannigfachen akzidentellen Einflüsse hinreichen, die Erwerbung zu erklären, ohne daß ihnen etwas an dem Individuum entgegenkommen müsse. Die Verneinung dieses letzten Momentes ist nach unseren früheren Ausführungen unstatthaft.

Heranziehung der Bisexualität. Zur Erklärung der Möglichkeit einer sexuellen Inversion ist seit Frank Lydstone, Kiernan und Chevalier eine Gedankenreihe herangezogen worden, welche einen neuen Widerspruch gegen die populäre Meinung enthält. Dieser gilt ein Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die Wissenschaft kennt aber Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere verwischt erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung erschwert wird; zunächst auf anatomischem Gebiet. Die Genitalien dieser Personen vereinigen männliche und weibliche Charaktere (Hermaphroditismus). In seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei Geschlechtsapparate ausgebildet (wahrer Hermaphroditisimus); zu allermeist findet man beiderseitige Verkümmerung24. [8]

Das Bedeutsame an diesen Abnormitäten ist aber, daß sie in unerwarteter Weise das Verständnis der normalen Bildung erleichtern. Ein gewisser Grad von anatomischem Hermaphroditismus gehört nämlich der Norm an; bei keinem normal gebildeten männlichen oder weiblichen Individuum werden die Spuren vom Apparat des anderen Geschlechtes vermißt, die entweder funktionslos als rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur Übernahme anderer Funktionen umgebildet worden sind.

Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten anatomischen Tatsachen ergibt, ist die einer ursprünglich bisexuellen Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Monosexualität mit geringen Resten des verkümmerten Geschlechts verändert.

Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu übertragen und die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck eines psychischen Hermaphroditismus zu verstehen. Um die Frage zu entscheiden, bedurfte es nur noch eines regelmäßigen Zusammentreffens der Inversion mit den seelischen und somatischen Zeichen des Hermaphroditismus.

Allein diese nächste Erwartung schlägt fehl. So nahe darf man sich die Beziehungen zwischen dem angenommenen psychischen und dem nachweisbaren anatomischen Zwittertum nicht vorstellen. Was man bei den Invertierten findet, ist häufig eine Herabsetzung des Geschlechtstriebes überhaupt (Havelock Ellis) und leichte anatomische Verkümmerung der Organe. Häufig, aber keineswegs regelmäßig oder auch nur überwiegend. Somit muß man erkennen, daß Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen unabhängig voneinander sind.

Man hat ferner großen Wert auf die sogenannten sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere gelegt und deren gehäuftes Vorkommen bei den Invertierten betont (H. Ellis). Auch daran ist vieles zutreffend, aber man darf nicht vergessen, daß die sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere überhaupt recht häufig beim anderen Geschlecht auftreten und so Andeutungen von Zwittertum herstellen, ohne daß dabei das Sexualobjekt sich im Sinne einer Inversion abgeändert zeigte.

Der psychische Hermaphroditismus würde an Leibhaftigkeit gewinnen, wenn mit der Inversion des Sexualobjektes [9] wenigstens ein Umschlag der sonstigen seelischen Eigenschaften, Triebe und Charakterzüge in die fürs andere Geschlecht bezeichnende Abänderung parallel liefe. Allein eine solche Charakterinversion darf man mit einiger Regelmäßigkeit nur bei den invertierten Frauen erwarten, bei den Männern ist die vollste seelische Männlichkeit mit der Inversion vereinbar. Hält man an der Aufstellung eines seelischen Hermaphroditismus fest, so muß man hinzufügen, daß dessen Äußerungen auf verschiedenen Gebieten eine nur geringe gegenseitige Bedingtheit erkennen lassen. Das gleiche gilt übrigens auch für das somatische Zwittertum; nach Halban25 sind auch die einzelnen Organverkümmerungen und sekundären Geschlechtscharaktere in ihrem Auftreten ziemlich unabhängig voneinander.

Die Bisexualitätslehre ist in ihrer rohesten Form von einem Wortführer der männlichen Intervierten ausgesprochen worden; Weibliches Gehirn im männlichen Körper. Allein wir kennen die Charaktere eines „weiblichen Gehirns“ nicht. Der Ersatz, des psychologischen Problems durch das anatomische ist ebenso müßig wie unberechtigt. Der Erklärungsversuch v. Krafft-Ebings scheint exakter gefaßt als der Ulrichs‘, ist aber im Wesen von ihm nicht verschieden. v. Krafft-Ebing meint, daß die bisexuelle Anlage dem Individuum ebenso männliche und weibliche Gehirnzentren mitgibt wie somatische Geschlechtsorgane. Diese Zentren entwickeln sich erst zur Zeit der Pubertät, zumeist unter dem Einflüsse der von ihnen in der Anlage unabhängigen Geschlechtsdrüse. Von den männlichen und weiblichen „Zentren“ gilt aber dasselbe wie vom männlichen und weiblichen Gehirn, und nebenbei wissen wir nicht einmal, ob wir für die Geschlechtsfunktionen abgegrenzte Gehirnstellen („Zentren“) wie etwa für die Sprache annehmen dürfen.

Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erörterungen immerhin bestehen: daß auch für die Inversion eine bisexuelle Veranlagung in Betracht kommt, nur daß wir nicht wissen, worin diese Anlage über die anatomische Gestaltung hinaus besteht, [10] und daß es sich um Störungen handelt, welche den Geschlechts trieb in seiner Entwicklung betreffen26.

Sexualobjekt der Invertierten. Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, daß das Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegengesetzte sei. Der invertierte Mann unterliege wie das Weib dem Zauber, der von den männlichen Eigenschaften des Körpers und der Seele ausgeht, er fühle sich selbst als Weib und suche den Mann.

Aber wiewohl dies für eine ganze Reihe von Invertierten zutrifft, so ist es doch weit entfernt, einen allgemeinen Charakter der Inversion zu verraten. Es ist kein Zweifel, daß ein großer Teil der männlichen Invertierten den psychischen Charakter, der Männlichkeit bewahrt hat, verhältnismäßig wenig sekundäre [11] Charaktere des anderen Geschlechtes an sich trägt und in seinem Sexualobjekt eigentlich weibliche psychische Züge sucht. Wäre dies anders, so bliebe es unverständlich, wozu die männliche Prostitution, die sich den Invertierten anbietet — heute wie im Altertum —, in allen Äußerlichkeiten der Kleidung und Haltung die Weiber kopiert; diese Nachahmung müßte ja sonst das Ideal der Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die männlichsten Männer unter den Invertierten erscheinen, ist es klar, daß nicht der männliche Charakter des Knaben, sondern seine körperliche Annäherung an das Weib sowie seine weiblichen seelischen Eigenschaften, Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und Hilfsbedürftigkeit die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe ein Mann wurde, hörte er auf, ein Sexualobjekt für den Mann zu sein, und wurde etwa selbst ein Knabenliebhaber. Das Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie in vielen anderen, nicht das gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider Geschlechtscharaktere, das Kompromiß etwa zwischen einer Regung, die nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit der festgehaltenen Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der Genitalien), sozusagen die Spiegelung der eigenen bisexuellen Natur27. [12]

Eindeutiger sind die Verhältnisse beim Weibe, wo die aktiv Invertierten besonders häufig somatische und seelische Charak- [13] tere des Mannes an sich tragen und das Weibliche von ihrem Sexualobjekt verlangen, wiewohl auch hier sich bei näherer Kenntnisnahme größere Buntheit herausstellen dürfte. [14]

Sexualziel der Invertierten. Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, daß das Sexualziel bei der Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann. Bei Männern fällt Verkehr per anum durchaus nicht mit Inversion zusammen; Masturbation ist ebenso häufig das ausschließliche Ziel und Einschränkungen des Sexualzieles — bis zur bloßen Gefühlsergießung — sind hier sogar häufiger als bei der heterosexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die Sexualziele der Invertierten mannigfaltig; darunter scheint die Berührung mit der Mundschleimhaut bevorzugt.

Schlußfolgerung. Wir sehen uns zwar außerstande, die Entstehung der Inversion aus dem bisher vorliegenden Material befriedigend aufzuklären, können aber merken, daß wir bei dieser Untersuchung zu einer Einsicht gelangt, sind, die uns bedeutsamer werden kann als die Lösung der obigen Aufgabe. Wir werden aufmerksam gemacht, daß wir uns die Verknüpfung des Sexualtriebes mit dem Sexualobjekt als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung an den für abnorm gehaltenen Fällen lehrt uns, daß hier zwischen Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verlötung vorliegt, die wir bei der Gleichförmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb das Objekt mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu übersehen. Wir werden so angewiesen, die Verknüpfung zwischen Trieb und Objekt in unseren Gedanken zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem Objekt und verdankt wohl auch nicht den Reizen desselben seine Entstehung.

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161 p. 3 illustrations
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9783940621788
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