Read the book: «Eventuell spirituell...?!»
Saskia Winkler
Eventuell
spirituell ...?!
Eine ENTdeckungs-Tour
WTF?!

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1. Auflage 2018
Copyright © Winkler Publishing, Rauensteinstr. 85, D-88662 Überlingen
Verlag: Winkler Publishing
Redaktion, Projektmanagement, Co-Autorin: Henriette Frädrich
Covergestaltung, Layout, Satz: Nora Wirth, 3 Karat Visuelle Kommunikation
Druck und Bindung: Druckhaus Zanker e.K.
Korrektorat und Lektorat: Nina Fuchs
Coverfoto: Katrin Zeidler
Printed in Germany
ISBN: 978-3-9820185
www.saskia-winkler.de
Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich.
Der Inhalt dieses Buches dient lediglich der Information und kann den Rat eines Arztes nicht ersetzen. Die Entscheidung, die in diesem Buch veröffentlichten Übungen und Empfehlungen zu nutzen, liegt beim Leser selbst. Autor und Verlag übernehmen für Schäden, die durch falsche Schlussfolgerungen aus den in diesem Buch enthaltenen Hinweisen direkt oder indirekt entstehen könnten, keine Haftung.
WTF?!
Saskia Winkler
Eventuell
spirituell ...?!
Eine ENTdeckungs-Tour
WTF?!
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Vorwort
Nach Hause kommen – (M)Eine Odyssee
(M)Eine Odyssee
Die zwei Seiten einer Persönlichkeit
Angst – eine spirituelle These
Einlassen – Spiritualität
Hilfe, Räucherstäbchen!
Der WOW-Effekt
Hochsensibilität
Prominent & Spirituell
(Wieder)ENTdecken – Innere Stimme,
Bauchgefühl, Intuition
Deine innere Stimme
Was ist was?
Trau dich!
SpongeBob & Raupe Nimmersatt
Verstehen – Energie, Quanten, Matrix, WTF?!
Energie, das bekannte unbekannte Wesen
Mit freundlichen Grüßen von Einstein, Neo und Co.
Beweise, Beweise, Beweise!
Das reine Bewusstsein als Medizin: Quantenheilung
Frieden, Liebe, Unendlichkeit
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1
Anwenden – Dein Werkzeug im Alltag
Let’s swing
Let’s try – Energie-Arbeit im Alltag
Do it yourself – In allen Lebenslagen
Vertrauen – Lass es zu!
Vertrau dir!
Brücken schlagen: Spirituelle Welt & materielle Welt
Warum lassen wir es nicht zu?
Warum niemand will, dass du all das weißt
Grenzen – Skepsis erlaubt
Zweifel, Grenzen, Hokuspokus
Ethik, Werte, Verantwortung
Immer weiter
Unterwegs
Dankbar
Saskia Winkler
Quellen & Literatur
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„Am Ende eures Lebens werdet Ihr wissen,
dass nichts von dem, was Ihr getan habt,
eine Rolle spielen wird, sondern nur,
wer Ihr bei Eurem Tun gewesen seid.“
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich freue mich, dass dieses Buch auf welchen Wegen auch immer in deine Hände gelangt ist und du gerade diese Zeilen liest. Wirklich von Herzen richtig sehr! Nicht nur, weil es mein erstes Buch ist und man bei einem Erstlingswerk ja als Autor immer ganz besonders kribbelig ist. Wie bei Eltern, die zum ersten Mal ein Kind bekommen: Es ist alles so schrecklich aufregend, neu und spannend! Sondern auch und vor allem, weil all das, worüber ich schreibe und was ich dir erzählen, zeigen und mitgeben möchte, meine Herzensangelegenheit ist. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Das steht so in meinem Seelenplan.
„Seelenplan?! Echt jetzt?!“, mag das kleine skeptische Zweifelchen jetzt vielleicht dazwischenrufen und abwehrend die Arme vor der Brust verschränken. Aber ja. Echt jetzt. Ich kann dich aber beruhigen, Engel werde ich definitiv nicht fliegen und um dich herum flattern lassen. Puh, Glück gehabt!
Vielleicht hast du dir ja die Titel-Frage des Buches auch schon das ein oder andere Mal vorsichtig und leise gestellt. Bin ich, also ähm, vielleicht spirituell? Also nur so ein bisschen und hoffentlich merkt´s keiner! Denn du suchst schon lange nach etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt, wonach du eigentlich suchst. Aber du merkst, fühlst und spürst immer mehr, dass das, was unsere Welt ausmacht, all die uns vorgelebten, auf Verstand und Ratio basierten Konstrukte, irgendwie nicht alles sein können. Da ist mehr. Das weißt du. Das spürst du. Das fühlst du. Ganz genau. Aber du traust dich (noch) nicht. Du vertraust dir (noch) nicht.
Denn sich auf unbekannte Wege zu begeben, macht Angst und verunsichert. Besonders wenn es ein Weg ist, den, wie beim Thema „Spiritualität“, schwere Steine und dicke Brocken aus Zweifeln, Skepsis und Vorurteilen scheinbar unverrückbar versperren und unpassierbar machen. Diese Brocken und Steine liegen auch nicht umsonst da. Unsere Gesellschaft legt sie dort hin, ganz bewusst. Denn eigentlich will niemand, dass du diesen Weg gehst, denn dieser Weg hebt unsere bisherige Welt mal so richtig fett aus den Angeln und bringt alles durcheinander. Und daran hat niemand aus der „normalen“ Welt Interesse.
Mein Anliegen mit diesem Buch ist es, genau diese Brocken und Steine beiseitezuräumen, ja sogar zu sprengen. Mach dich also darauf gefasst: Es kann laut werden. Richtig laut! Ich möchte dir die Angst und Zweifel vor deiner – ui, jetzt kommt es wieder, das komische Wort – Spiritualität nehmen, und dich ins Vertrauen bringen, dieses so wunderbare Geschenk anzunehmen und in den verschiedensten Lebenssituationen zu nutzen. Wir werden dieses Geschenk in diesem Buch gemeinsam Stück für Stück auspacken.
Was ist eigentlich „Spiritualität“? Und warum hat das nichts mit Esoterik zu tun? Und was ist eigentlich der Unterschied? Was kann dieses Spiri-Dings überhaupt? Und muss ich mir jetzt weiße Walle-Walle-Kleider drüber stülpen und darf nur noch bei Vollmondschein mit dem großen Zeh gepflückten Hanfblüten-Tee trinken? Oder darf es auch weiter das Chanel-Kostüm und Champagner sein? Und wie äußert sich Spiritualität überhaupt? Hat das was mit Energie und Quanten-Gedöns zu tun?
All diese Fragen und noch so viele mehr möchte ich dir beantworten. Spiritualität ist nicht nur ein Geschenk, es ist ein Tool, ein Werkzeug, das wir verlernt haben (bzw. so erzogen worden sind), zu nutzen. Ich möchte bei dir die Lust und Neugier wecken, dieses Werkzeug (wieder) herauszukramen, zu entdecken, und mit Spaß, Freude und Selbstverständlichkeit zu nutzen. Wir werden gemeinsam lernen, damit richtig umzugehen. Und du wirst staunen, was damit alles möglich ist. Spiritualität ist nämlich cool, modern, sexy – und einfach geil! Ich möchte dir richtig Lust darauf machen. Lust auf Spiritualität.
Das Einzige, was du dafür tun musst: Lass dich darauf ein, auch wenn du mir vielleicht an der einen oder anderen Stelle mal den Vogel zeigen willst, verwirrt bist, zweifelst, mich auslachst, vielleicht sogar auch wütend wirst, denn das ist doch alles Unfug! Oder doch nicht? Das kann doch alles nicht sein! Oder doch? Nimm deine Widerstände, die auftreten können und werden, an. Denn das zeigt nur, dass etwas mit dir passiert, dich bewegt, berührt und letztlich verändert. Und Veränderung hat immer Wachstumsschmerz als Nebenwirkung.
Ich möchte mit diesem Buch nicht missionieren. Ich will dir einfach eine Welt zeigen und erklären, bei der du selbst entscheiden darfst, ob du sie betreten möchtest. Ich möchte dich mit Spaß, Freude, Humor und Leichtigkeit an diese Welt heranführen, denn allzu oft wird Spiritualität mit angestrengter und weltfremder Entsagung jeglichen Spaßes gleich-
gesetzt. Und das ist Quatsch. Totaler Blödsinn. Um schon mal mit einem der vielen Vorurteile gleich vorneweg aufzuräumen. Denn du wirst sicher schon bemerkt haben: Wer mich kennt, weiß, ich lache gerne und viel. Ich haue gerne freche Sprüche raus. Ziehe mich selbst und auch das Thema, das mir eigentlich so am Herzen liegt, oft und gern mit viel (Selbst-)Ironie durch den Kakao. Ich bin für ziemlich jeden weltlichen Spaß zu haben. Unter anderem auch für Haselnuss-Schnaps. Denn ja, auch wir „Spiris“ dürfen das. Natürlich! Lustig und albern sein und uns hemmungslos mit Freunden mehr als einen Haselnuss-Schnaps hinter die Binde kippen und eine ganze Nacht durchkichern. Alkohol ordnet man ja nicht umsonst das Wort „Spirituosen“ zu, das kann doch kein Zufall sein. Höhö. Ich habe nicht nur eine Schwäche für Haselnuss-Schnaps und kalte Apéros, sondern auch für Designer-Taschen und schnelle, große Autos. Und der Spiritualität ist das völlig wumpe. Sie ist einfach da. Ob mit Designer-Tasche oder Hanfwolle-Walle-Walle-Kleid.
In diesem Buch möchte ich zwei meiner Herzensthemen vereinen: dich zum einen dabei zu unterstützen, deine spirituellen Fähigkeiten zu erkennen, anzunehmen und zu nutzen. Und zum anderen dir Mut zu machen, zu erkennen, wer du wirklich bist und dich zu leben. Ich wünsche mir, dass dieses Buch dir dabei hilft, deine Masken abzulegen und zu leben und zu lieben, wer du bist. Frei und ohne Angst.
Warum ist mir genau das so ein Anliegen? Weil ich selbst viele, viele Jahre – eigentlich mein ganzes Leben – gegen das, was ich wirklich kann und bin, verzweifelt gekämpft habe. Ich habe eine wahre Odyssee hinter mir: Vom Kind, das anders war und Zutritt zur geistigen Welt hatte, aber für krank und verrückt gehalten wurde, über eine angepasste, erfolgreiche und seriöse Karriere als Unternehmerin bis hin schließlich zum Alles-Hinter-Mir-Lassen und das zu leben und zu sein, was ich wirklich bin: eine Quantenheilungs-Matrix-Energie-Coaching-Ulla. Und
du kannst mir glauben, am schwersten habe ich es mir selbst damit gemacht. Ich?! So ´ne Eso-Tante?! Niemals! Nun, ähm, doch. Noch heute tue ich mich manchmal schwer damit, mich wirklich nach außen zu zeigen, so, wie ich wirklich bin mit allen meinen Fähigkeiten. Aber ich weiß auch, dass wir alle auf diesem Schlachtfeld kämpfen, um heraus zu finden, wer wir wirklich sind. Und deshalb möchte ich nichts mehr verbergen und verstecken, sondern mich mit offenem Visier auf dieses Schlachtfeld begeben und dir Mut machen, dich genauso zu öffnen.
Dieses Buch ist das Kondensat, die Essenz meiner persönlichen jahrzehntelangen Entwicklung und ich meine Entwicklung im wörtlichen Sinne. Ich habe mich ENT-wickelt. Ich habe mich ENT-wickelt aus inneren Konflikten heraus, aus Erwartungen, aus innerer Zerrissenheit, aus familiären, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konstrukten, aus meinem Leben, das gut zu mir war, aber in dem ich nie die sein konnte und durfte, die ich wirklich bin. Dieser Prozess war lang und herausfordernd, auf allen Ebenen und er ist noch lange nicht zu Ende. Ich begreife, dass dieser Prozess ein Leben lang vor sich hin brodeln wird. Aber ich weiß jetzt, er brodelt in die für mich einzig richtige und wahrhaftige Richtung.
Gehen wir gemeinsam auf ENTdeckungs-Tour. ENT-decken wir unsere gelernten und selten hinterfragten Konzepte und Muster. Schauen wir hin und darunter, unter unsere bequeme und pupswarme, aber oft eben auch einengende Decke, die uns keinen Platz und Raum lässt, wir selbst sein zu können. ENT-decken wir die Welt der Spiritualität, DEINER Spiritualität.
Danke, dass Du den Mut und die Neugier hast, gemeinsam mit mir auf diese spannende Reise zu gehen.
Mögen die Engel mit uns sein.
Gnihihi. Sorry. Der musste sein.
Deine Saskia Winkler
Oktober 2018
PS: Spirituelle Menschen stellen sich viele Fragen. Schauen hin. Auch wenn es weh tut. Ich stelle dir am Ende jedes Kapitels einige Fragen. Das ist keine Wissensabfrage, wie in der Schule, sondern es sind Reinhorch-Fragen für dich. Bei manchen Fragen werden keine Antworten kommen, bei anderen Fragen hörst und spürst du die Antworten sehr deutlich. Hör einfach mal in dich rein und sei neugierig, was du entdeckst.
PPS: Gleichberechtigung ist mir wichtig. Doch genauso auch die Lesbarkeit meines Buches. Deshalb wähle ich entweder die männliche oder weibliche Form von personenbezogenen Hauptwörtern. Dies impliziert keinesfalls eine Benachteiligung des jeweils anderen Geschlechts, sondern ist im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen.
Vorwort
Neale Donald Walsh
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Nach Hause
kommen –
(M)Eine Odyssee
1
Homer, der früheste Dichter des Abendlandes, hinterließ mit seinem Epos „Odysseus“ eine der beeindruckendsten Superhelden-Stories der Welt. Captain America, Superman, Batman und Co. können dagegen einpacken, im Vergleich mit Odysseus erscheinen sie wie jammerlappige Weicheier. Odysseus ist der unangefochtene „Ninja Warrior“ und „Schlag-den-Raab-Star“ der Antike.
Odysseus ist 20 Jahre auf einer Irrfahrt unterwegs. Für ihn gilt nicht das berühmte Credo: Hach, der Weg ist das Ziel, ich genieße einfach mal die Reise. Nein, er hat ein ganz klares Ziel. Okay, unter anderem macht er auf seinem Weg Troja mit seinem berühmten Holzpferd platt, widersteht den Sirenen und überlebt so manchen Kampf gegen gruselige Riesenzyklopen, aber er hat dabei immer nur sein Ziel vor Augen: Denn alles, was er will, ist, endlich wieder nach Hause zu kommen. Und „zu Hause“ bedeutet für ihn vor allem seine Frau. Dafür nimmt er alle Irrungen und Wirrungen, die sich ihm in den Weg stellen, in Kauf: Krieg, Kämpfe, bittere Verluste, Gefangenschaft, Monster, Intrigen und immer wieder herbe Rückschläge.
Es gibt unzählige Interpretationen, was Homer mit Odysseus Geschichte eigentlich vermitteln wollte. War er einfach ein genialer Autor und Storyteller, der – hätte man es damals schon verfilmen können – eine süchtig machende Netflix-Serie, das „Game of Thrones“ der Antike, erschuf? Oder steckt mehr dahinter? Wissenschaftler entschlüsseln die Wirklichkeit hinter dem Epos und kommen immer mehr zu dem Schluss, dass die Gefahren und Figuren, die Homer in seiner „Odyssee“ zeichnet, nicht nur bloße Erfindungen sind.1 Es lohnt sich wirklich, da mal kurz zu googeln.
Aber was hat nun das griechische Helden-Epos mit mir zu tun? Vergleiche ich mich mit Odysseus? Nein, sicher nicht, das wäre mehr als anmaßend. Und ich hätte nicht ansatzweise auch nur ein Prozent seiner Challenges überlebt. Dennoch fühlte ich mich mein ganzes Leben lang oft wie Odysseus – verloren und verirrt. Nur hatte ich mit anderen Gegnern und Hindernissen zu kämpfen.
Als eine Odyssee bezeichnet man heute noch eine Reise mit vielen Hindernissen und Schwierigkeiten. Und genau so eine Reise habe ich hinter mir. Meine Reise dauerte fast 40 Jahre. Eigentlich mein Leben lang. Der Unterschied zwischen Odysseus und meiner Reise war jedoch, dass Odysseus wusste, wohin er will. Sehr genau. Ich wusste es nicht. Ich wusste nicht, wonach ich suche und wohin ich will. Ich wusste aber auch, da wo ich bin, ist es auch nicht gut. Ich war getrieben, wusste aber nicht, wovon und wohin es mich treiben wird. Dementsprechend verloren und verwirrt irrte ich umher. Wenn man nicht weiß, wohin man will, kann man nirgends ankommen. Heute weiß ich, unbewusst hatte ich immer eine Sehnsucht in mir und es war der gleiche Antrieb wie bei Odysseus. Denn wie der Sagenheld wollte ich eigentlich immer nur eins: nach Hause kommen. Nach Hause zu mir. Nach Hause zu meinem innersten Kern. Nach Hause zu dem, was ich wirklich bin und schon immer war. Aber das wusste ich nicht. Vielleicht unbewusst.
Mein Nach-Hause-Weg war viele Jahre versperrt mit Hindernissen und Widerständen jeglicher Art. Die Steine, die in meinem Weg lagen, wurden mir teils von außen dort hingeknallt, aber viele Steine habe ich mir auch selbst in meinen Weg gelegt. Ich begreife das alles als Prozess, mache weder mir noch anderen einen Vorwurf. Es musste alles so sein. Und dementsprechend liebevoll und annehmend kann ich mittlerweile damit umgehen. Das war aber nicht immer so.
Mein Weg führte mich über viele Stationen und meine „Story“ lässt sich in wenigen Worten verpacken: vom Außenseiter-Kind über die erfolgreiche Unternehmerin hin zur Life-Coachin und Energetikerin, die Quantenheilung macht.
Außenseiter und erste Begegnungen mit dem Unerklärlichen
Ich war ein Außenseiter. Und ich habe als Kind nie verstanden, warum. Ich hatte kaum Freunde und die Lehrer mochten mich auch nicht. Ich war der Sonderling. Und mit Sonderlingen umgibt man sich nicht gern. Aber ich habe als Kind nicht verstanden und wusste nicht, dass ich „anders“ bin. Mir war das nicht bewusst. Dementsprechend hart war das alles für mich. Ich habe nicht verstanden, warum ich nicht dazu gehört habe und warum alle so komisch zu mir waren. Ich sah doch aus wie die anderen, habe mich angezogen wie die anderen. Und doch spürte ich nur Ablehnung. Ich war der Klassen-Vollhonk. Und wusste nicht, wieso. Ich war verwirrt. Warum mochte man mich nicht?
Am allerschlimmsten war, als ich von meiner Klasse einen Brief bekam, in dem stand, dass man nichts mehr mit mir zu tun haben möchte. Der Brief wurde von der ganzen Klasse unterschrieben. Von der GANZEN Klasse. Ich muss nicht erwähnen, was das mit einem kleinen Mädchen macht. Mein Selbstbewusstsein war nicht vorhanden und es dauerte Jahre über Jahre, dieses zu entwickeln und aufzubauen.
Ich wuchs in einer Unternehmer-Familie auf. Uns ging es gut. Meine Eltern taten das, was Eltern ebenso tun. Sie gaben mir alles mit, was sie mitgeben konnten: Liebe, Aufmerksamkeit, Fürsorge, Bildung, materiellen Überfluss. Ich hätte eine normale, unbeschwerte Kindheit haben können. Wäre ich ein „normales“ Kind gewesen.
Aber ich war kein „normales“ Kind. Wobei „normal“ natürlich immer Definitionssache ist, abhängig von Zeit, Ort und gesellschaftlichen Regeln bzw. „Normen“. So gesehen gibt es eigentlich kein „normal“, denn wer bestimmt, was „normal“ ist? Mit welchem Recht? „Normal“ zu den damaligen Zeiten war, dass man einfach ein Kind zu sein hatte, gern spielte, kindliche Interessen hatte, den Eltern und Lehrern „gehorchte“ und nicht wirklich eine Meinung zu den Dingen haben sollte. Was verständlich ist, denn welche Eltern wünschen sich nicht, dass das Kind lieb, nett und brav ist und keine Probleme bereitet? Hier und da etwas kindliche Fantasie war natürlich akzeptiert, wenn man sich hier in seine Traumwelten beim Spielen flüchtete. Das war „niedlich“ und „süß“.
Niedlich und süß war das, was ich indes als Kind erlebte, fühlte und sah, nicht. Ich habe schon immer die Welt in all seiner Vielfalt wahrgenommen. Ich hatte und habe die Fähigkeit, die Gabe, so ziemlich schnell alles um mich herum zu erfühlen und wahrzunehmen. Ich spüre Situationen und Menschen, auch das, was sie versuchen, zu verbergen und zu verstecken, ihre Geheimnisse, von denen sie teilweise noch nicht mal selbst etwas wissen. Durch mich fließt die Energie der Welt und der Menschen um mich herum. Ich bekomme ihre Geschichten erzählt, ihre Vergangenheit, ihre Zukunft. Ob ich will oder nicht.
Mittlerweile kann ich das, wie weiter oben im Text genannt, als „Fähigkeit“ und „Gabe“ annehmen. Aber es war lange, lange Zeit eine extreme Belastung für mich, ein Fluch, dem ich mich nicht entziehen konnte und der mich den Großteil meines Lebens verzweifeln ließ, mich innerlich fast zerrissen hat. Zum Glück kann ich es heute als Geschenk annehmen, aber bis dahin war es ein langer Weg. (M)Eine Odyssee.
Bei der Beerdigung meines Opas – ich war sieben Jahre alt – spürte ich meinen verstorbenen Großvater. Wie kann man sich das vorstellen? Nun, ich sah jetzt keinen „Geist“ vor mir. Auch kein durchsichtiges Hologramm von ihm. Aber ich konnte seine Seelenessenz spüren und
sehen. Das klingt freaky. Ich weiß. Aber ich konnte ihn fühlen und wahrnehmen. Ich spürte, was er sagte, habe mich quasi mit ihm unterhalten. Seine Wörter kamen als Impuls in meinen Kopf und waren auf einmal da. Wie fühlt sich so eine Seelenessenz an? Es ist auf einmal warm und friedlich. Und man spürt gewisse Erkennungsmerkmale oder Charakterzüge. Mein Opa hat viel geraucht und so hatte ich auf einmal Zigarettengeruch in der Nase. So geben sich Seelenessenzen zu erkennen. Als wir in der Kirche waren, spielten sie sein Lieblingslied „Ave Maria“. In dem Moment konnte ich seine Anwesenheit ganz besonders stark spüren.
Ich sah auch immer wieder nachts in meinem Zimmer russische Soldatenstiefel durch mein Zimmer stapfen. Und ich hatte so eine Angst, so eine verdammte Angst! Es war einfach nur gruselig. Ich verstand als Kind nicht, was da passierte. Ich fürchtete mich jeden Abend davor, ins Bett zu gehen. Ich wollte das nicht sehen. Die einzige Möglichkeit, die ich hatte, um mich vor dieser Erscheinung zu schützen, war, mich unter meiner Decke zu verstecken. Diese „Methode“ wurde später symptomatisch für mich.
Erst rückblickend, viele, viele Jahre später, verstand ich, was die Stiefel in meinem Zimmer sollten. Auf diese Art und Weise wollte mir mein anderer Opa, der nie aus dem Krieg zurückkam und von dem niemand wusste (nur ahnte), was mit ihm passiert war, mitteilen, wo er umgekommen war. In russischer Gefangenschaft. Er wollte seine Familie von dieser quälenden Ungewissheit befreien. Es war seine Art „Telefonanruf“ von der anderen Seite. Gut, statt Stiefel, die nachts durch mein Kinderzimmer poltern, hätte er sich ruhig etwas weniger Gruseliges ausdenken können. Und warum musste er ausgerechnet durch mein Kinderzimmer poltern? Ich wünschte mir, er hätte mich mit all dem in Ruhe gelassen. Aber ich war offensichtlich die einzige mit einem empfangsfähigen „Telefon“.
Als ich meinen Eltern von meiner Begegnungen mit meinem verstorbenen Opa erzählte, lächelten sie. Sie hörten mir zu und wollten verstehen. Aber begreifen konnte es keiner von uns. Denn ich selbst verstand es ja nicht mal. Wie auch. Ich war ja noch ein Kind. Aufgrund meiner negativen Erfahrungen in der Schule entschied ich mich, einfach in Zukunft zu schweigen.
Heute weiß ich, dass Kinder im Allgemeinen von Natur aus eine andere Wahrnehmung haben als Erwachsene. Alle Kinder haben das. Und das, was Kinder wahrnehmen, ist auch unsere ureigene, gottgegebene (oder wer es mit Gott nicht so hat, gern auch naturgegebene) und natürliche Wahrnehmung der Welt und der Dinge. Aber es wird uns aberzogen. Diese Fähigkeit, diese Gabe, passt nicht in unsere Gesellschaft. Dazu mehr in Kapitel 5.
Eltern wollen kein komisches Kind haben. Das ist nicht böse gemeint. Das ist normal. Ich kann meinen Eltern keinen Vorwurf machen. Mache ich auch nicht. Habe ich nie. Sie haben sich, wie Eltern es eben immer tun, einfach nur Sorgen um mich gemacht. Sie wollten immer das Beste für mich. Sie wollten, dass es mir gut geht. Sie konnten es doch selbst kaum ertragen, mitzubekommen, dass ich mit meiner speziellen Art immer mehr zum Außenseiter mutierte. Eltern schmerzt es gewaltig, wenn ihr Kind von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Und sie tun alles dafür, dass sich das ändert. Auch meine Eltern taten das.
Ich versuchte, mich anzupassen. Zu verdrängen. Es ließ sich aber nicht verdrängen, denn der stetige Energie-Fluss, der durch mich durchströmte und mich alles um mich herum wahrnehmen ließ, sorgte dafür, dass ich ein „auffälliges“ Kind wurde. In der Schule hatte ich einen Stehplatz, weil mich die unbändige Energie in mir nicht stillsitzen ließ. Ich litt an einer extremen Form des Restless-Legs-Syndroms. Wir absolvierten einen Ärzte-Marathon. Die Ärzte konnten aber nichts finden. Es gab keinen medizinischen Grund für mein Zucken. Sie dachten, ich zucke, weil ich ein Aufmerksamkeitsdefizit habe. Ich habe mich nie dazu geäußert, habe geschwiegen, habe nichts gesagt. Denn wenn ich ihnen erklären würde, warum ich nicht stillsitzen kann, ich wäre in der nächsten Jugendpsychiatrie gelandet. Ich hatte dann den Vermerk in meinen Akten: Zwangsneurose. Wie unerträglich das für meine Eltern sein musste. Ich wurde von Arzt zu Arzt durchgereicht und bald war ich „das Phänomen“, das von zig Uni-Studenten belagert und begutachtet wurde, die zur Konsultation dazu gerufen wurden.
Ich war selbst irgendwann völlig verunsichert. Haben die Ärzte recht und ich einen an der Waffel?
Ich habe dann selbst meinen Weg gefunden, diese Energie zu kanalisieren. Ich habe mich fünf Mal die Woche beim Sport komplett verausgabt. Das hat geholfen.
Sehen die das denn nicht?!
Ich konfrontierte meine Mitmenschen immer wieder mit Dingen, die ich sah und wahrnahm, die sie aber wiederum nicht hören und sehen wollten. Ich sagte ihnen Dinge, die sie nicht hören wollten. Ich tat das unbewusst, nicht mit Absicht. Das, was ich sah und dann sagte, platzte aus mir raus. Ich hatte es nicht unter Kontrolle. Irgendwann war ich die einsame Spinnerin. Ich hatte kaum Freunde, weil sich die Welt von mir abwandte. Man zeigte mir den Vogel, ich war den meisten Menschen unheimlich, ich hatte nicht mehr alle Latten am Zaun. Einen Sprung in der Schüssel. Nicht mehr alle Tassen im Schrank.
Mir war klar, dir geht es besser, wenn du die Klappe hältst. Egal, was zu dir kommt, behalte es für dich. Das funktionierte nicht immer, aber ich versuchte, so gut es ging, die Kontrolle darüber zu behalten.
Was waren das für Situationen, was kann man sich darunter vorstellen, was meine ich damit, wenn ich sage, ich sah, fühlte und spürte alles um mich herum?
Nun, ich werde zum Beispiel nie vergessen, wie meine Lehrerin in der dritten Klasse im Unterricht eine Frage stellen wollte und ich schon die Antwort wusste, bevor sie die Frage überhaupt gestellt hatte. Sie stand vor der Klasse, es war wie in Zeitlupe, sie hatte noch nicht mal ihren Mund aufgemacht und auf einmal war in mir das Wort „Mauer“. Ich wunderte mich noch total, wieso denke ich gerade an Mauer, häh? Aber immer wieder ploppte das Wort in mir auf, Mauer, Mauer, Mauer. Es platzte aus mir heraus, ich sagte laut, ohne dass ich das überhaupt wollte in dem Moment, in dem meine Lehrerin zu ihrer Frage ansetzte: „Mauer!“. Ich war genauso erschrocken wie sie. Und während ich das sagte, richtete sie zeitgleich ihre Frage an die Klasse: „Kann mir jemand von euch sagen, was ‚murus‘ auf Deutsch bedeutet?“ Sie ignorierte mich, wie immer. Sie hielt mich sowieso schon seit langem für bekloppt und ich gehörte nicht gerade zu ihren Lieblingsschülern. Ich war eine Belastung für sie. Dementsprechend ignorierte sie meinen erhobenen Arm. Sie wusste, dass ich die einzige war, die es weiß, nahm aber erst mal alle anderen Kinder dran, die mit Vorschlägen wie „Schmetterling“, „Pferd“ und sogar „Apfelmus“ drauflosrieten. Dann endlich, ganz zum Schluss, nahm sie mich dran. Ich sagte schon fast beleidigt „Mauer“ – eigentlich war es mir zu blöd, sie wusste ja, dass ich es wusste. Aber ich war ihr zu suspekt, als dass sie es übers Herz brachte, mich zu loben. Wie immer bekam ich keinerlei Anerkennung, keine Wertschätzung, kein „gut gemacht“.
Ein anderes Mal war ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in Florida im Urlaub. Wir fuhren die berühmte Aligator-Alley entlang. Mein Vater wollte eine kurze Pause machen und fuhr auf einen Parkplatz. Auf einmal hatte ich ein ganz komisches Gefühl und bevor ich es einsortieren konnte, hörte ich mich auch schon laut „NEIN!“ schreien. Mein Vater war so erschrocken, dass er, statt auszusteigen, erst mal sitzen blieb. Wir schauten aus dem Fenster und im Sand, direkt unter seiner Tür, blinzelten zwei Krokodil-Augen hervor. Wäre er ausgestiegen, wäre er auf ein Krokodil getreten. Ich rettete ihm damit sein Leben. Wir verharrten alle eine Weile wie in einem Schockzustand und fuhren dann schweigend weiter.
Auf einer Klassenfahrt bekam ich plötzlich eine schwere Mittelohrentzündung. Ich hatte Fieber und Schmerzen und mir ging es wirklich schlecht. Einer der Betreuer fuhr mit mir zum Arzt. Wir saßen in der Straßenbahn und irgendwas passierte, was ich nicht wirklich beschreiben kann. Ich lenkte meine Energie auf die Entzündung, auf mein Ohr. Ich tat das nicht bewusst, es passierte einfach, als wäre es das normalste auf der Welt. Ich spürte, ganz deutlich, der Druck und die Schmerzen waren verschwunden, hatten sich aufgelöst. Ich war gesund. Die Entzündung war weg. Ich sagte dem Betreuer, dass mit mir alles okay sei und wir nicht mehr zum Arzt gehen müssten. Natürlich ließ er sich nicht darauf ein. Wir gingen zum Arzt. Dieser sah in mein Ohr, untersuchte mich und stellte nur eins fest: dass ich gesund war. Keine Entzündung. Er konnte nichts finden und schickte uns wieder nach Hause. Mein Betreuer schwieg dann den Rest des Rückweges.
Noch nicht allzu lange her, 2014, wollte ich von Zürich nach Los Angeles fliegen. Ich hatte, als wir am Gate warteten, ein extrem komisches Gefühl. Mir war mulmig, meine Kehle war zugeschnürt. Ich wusste einfach, hier stimmt etwas nicht. Und auf einmal sah ich ein brennendes Triebwerk direkt vor meinen Augen. Ich konnte erst nicht unterscheiden, ob das „nur“ ein Bild in meinem Kopf war oder Realität. Ich schaute mich um, niemand sonst schien beunruhigt, niemand sonst schien das zu sehen, was ich sah. Ich hatte eine Vision. Trotzdem habe ich das nicht ernst genommen. Ich versuchte, cool zu bleiben, habe mir selbst eingeredet, ich spinne doch, das kann doch alles nicht sein. Und ich wollte mich selbst testen und prüfen, habe es verdrängt und bin an Bord gegangen. Ich hatte so eine Angst, mich zu „outen“. Die hätten mich doch alle in der Zwangsjacke abgeführt! Mein ganzes Leben habe ich anderen Menschen immer wieder Probleme bereitet, jetzt wollte ich nicht auch noch dafür sorgen, dass wegen mir ein A340 angehalten wird. Ich nahm all meinen Mut zusammen und stieg ein. „Es wird schon nichts passieren“, war mein Mantra. Ich klammerte mich in meinem Sitz fest und ich sah immer wieder das brennende Triebwerk vor mir. Verdammte Scheiße, dachte ich, ich werde heute nicht sterben! Und die anderen 300 Passagiere auch nicht! Ich blickte der Stewardess, die vor mir im Gang stand, in die Augen und sagte dann ganz ruhig: „Ich glaube, wir haben ein Triebwerksproblem.“ Sie ist kreidebleich geworden und fragte mit Panik im Blick „Woher wissen Sie das?“. Der Flieger wurde augenblicklich evakuiert, ein anderer wurde bereitgestellt. Es rumorte im Hintergrund gewaltig, man versuchte zu verbergen, dass man wusste, dass etwas mit dem Flieger nicht stimmte. Die von mir erahnten technischen Probleme, die unser aller Leben gekostet hätten, bestätigten sich. Es war eine Prüfung für mich. Und ich habe zum Glück im letzten Moment die richtige Entscheidung getroffen, auf den vermeintlichen Gesichtsverlust zu pfeifen und meiner Intuition und der erhaltenen Vision zu vertrauen. Während das Ganze geschah, saß ein Amerikaner neben mir. Er bekam mit, was ich der Stewardess sagte, und welche Auswirkungen das hatte. Er sah mich genauso kreidebleich an wie die Flugbegleiterin. Noch heute stehe ich mit ihm in Kontakt, wir sind Freunde geworden.
Aber so ging es mir ständig. Niemand hat mir geglaubt. Ich wollte nur schreien: Sehen die das denn nicht?! Versteht´s doch endlich! Kapiert´s doch endlich! Heute weiß ich, all die Menschen um mich herum waren genauso gefangen in ihren Welten, wie ich in meiner Welt. Sie konnten nicht anders. Ich verstehe heute, warum sie mir nicht glauben konnten. Und kann diese Art der Ablehnung annehmen. Sie lebten in einer Welt, die nicht zulassen konnte, sich auf das, was ich ihnen widerspiegelte, einzulassen. Aber damals war ich noch nicht so „weise“ und ich fing an, die Welt und die Menschen um mich herum immer weniger zu mögen. Ich will nicht sagen, zu verabscheuen, das wäre das falsche Wort. Aber ich baute immer mehr einen Widerstand und auch irgendwie einen Trotz in mir auf. Und so ist es kein Wunder, dass ich ständig im Konflikt und in Reibung mit der Welt und den Menschen um mich herum stand. Und mich viele für echt bekloppt und anstrengend hielten.
Verzweiflung, Verdrängen, Stecker raus
Ich bekam auch immer mehr Angst. Denn natürlich ist es ein ureigenes Bedürfnis, nicht nur von einem Kind, sondern auch von Erwachsenen, „dazu zu gehören“ und „richtig“ zu sein. Man möchte geliebt werden, alles richtig machen, und vor allem „richtig“ sein. Doch was ich immer mehr zu spüren bekam, war, dass ich nicht genug bin. Nicht richtig. Anders. Suspekt. Dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass ich einfach nicht gut bin, wie ich bin.
Ich wollte niemandem Ärger machen und schon gar nicht meinen Eltern. Ich wollte nichts mehr, als das Kind sein, auf das sie stolz sind, das sie lieben. Ich wollte sie nicht mit meinem komischen Verhalten verunsichern, verstören und von mir wegstoßen. Kein Kind will das.
Dieses Gefühl, nicht gut zu sein, wie ich bin, manifestierte sich in mir über viele, viele Jahre. Es fing mit der Ablehnung meiner Mitschüler in der Grundschule an. Und es hakte sich mit kleinen unlösbaren fiesen Widerhaken in meinem Herzen und meiner Seele fest. Es war anfangs ein kleiner Schneeball, der mit der Zeit aber zu einer monströsen Riesen-Kugel wurde, an der immer mehr Matsch haftete, die immer größer wurde. Immer mehr „du bist nicht gut wie du bist“ pappte sich über die Jahre daran fest. Es wurde immer mehr, bis zu dem Zeitpunkt, meinem „Ausbruch“, an dem ich endlich so vieles hinter mir lassen und selbst zu mir stehen konnte. Seitdem wird diese Kugel immer kleiner. Sie schmilzt in mir. Es ist noch da, das Gefühl „du bist nicht gut“, welches sich über Jahrzehnte festgebrannt hat, es verschwindet nicht von heute auf morgen. Aber ich weiß, ich bin auf einem guten Weg. Und irgendwann werde ich einen kleinen, winzigen Ball in meinen Händen halten und den kleinen widerspenstigen Rest mit meiner Wärme, Liebe und Annahme schmelzen.
Dabei konnte ich nichts dafür. Ich konnte mich vor dem, was ich sah und wahrnahm, nicht verschließen. Es gab keine Tür, die ich hätte zuknallen und hinter der ich mich hätte verbarrikadieren können. Alles, was ich sah und wahrnahm, kam zu mir – ungefragt. Ich wollte das doch selbst gar nicht. Ich wollte die Welt anschreien, mich mit ihren Botschaften und unerklärlichen Energien, die auf mich wirkten, endlich in Ruhe zu lassen. Ich wollte diese Gabe und Fähigkeit los werden, es war nur noch ein Fluch. „Warum ich, verdammt noch mal?! „, fragte ich mich immer wieder. Ich wusste viel, schon immer. Es gab nichts, was man vor mir verbergen konnte. Ich habe alles gesehen und gespürt. Ich dachte, ich tue den Menschen um mich herum etwas Gutes, wenn ich ihnen davon erzähle, sie warne, ihnen Hinweise gebe. Aber alles, was ich hörte, war immer wieder: Du bist eine Lügnerin! Du spinnst!
Das schlimmste aber war, wenn man noch nicht mal etwas zu mir sagte, mich nur anstarrte und schwieg. Wenn ich spüren konnte, wie unangenehm meine Gegenwart für mein Gegenüber war, wie sehr es sich wünschte, ich wäre nicht da. Denn die Menschen spürten schon, das, was die Kleine da sagt – da ist was dran. Sie wussten, instinktiv, dass ich Recht habe. Aber das war ihnen unheimlich. Denn das konnte doch nicht sein! Sie vertrauten lieber ihrem Verstand statt ihrer inneren Stimme (Verstand vs. innere Stimme – dazu mehr in Kapitel 3).
Dieser Mauer-Moment im Unterricht, wie weiter oben geschildert, war so bezeichnend. Denn „murus“ bedeutet nicht nur Mauer, sondern auch Stadtwall oder Schutzdamm. Und genau so einen Schutzdamm baute ich dann all die Jahre über um mich herum auf. Eine Mauer, hinter der ich mein wahres Ich versteckte, ich es darin regelrecht einmauerte. Ich schützte die kleine Stadt in mir und ließ sie verwahrlosen. Ich fing an, immer dickere Masken zu tragen, was mich so viel Kraft kostete. Ich wollte nicht mehr der Sonderling sein, ich wollte dazu gehören, nicht anecken, keine Probleme bereiten. Ich wollte einfach verdammt nochmal ein „normales“ Leben.
Ich gewöhnte mir an, das zu tun, was ich schon als Kind tat, wenn ich mich nachts unter meiner Bettdecke vor den Erscheinungen in meinem Zimmer versteckte. Ich gewöhnte mir an, diese Angst wegzudrücken. Ich hatte Angst vor den Erscheinungen, Stimmen, Impulsen, Visionen. Ich wollte das alles nicht! Und wann immer ich spürte, da ist was im Anmarsch, habe ich es innerlich mit aller Kraft weggedrückt. Mich metaphorisch unter einer Decke versteckt. Wenn ich nichts mehr fühlte, konnte ich auch nichts sehen. Ich habe mich selbst ausgetrickst und überlistet. Dachte ich. Denn was passierte in den Momenten? Ein Total-Ausfall. Mein Kreislauf brach jedes Mal zusammen, ich wurde jedes Mal ohnmächtig. Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ich in meinem Leben ohnmächtig wurde. Ich habe zig Narben an meinen Knien, weil ich so oft gefallen bin. Das ging 20 Jahre lang so. Ich kippte in den unmöglichsten Situationen um, in Bars, Restaurants, Meetings. Die Leute dachten immer, das sei Unterzucker. Ich ließ sie in dem Glauben. Ich erzählte ihnen auch, das läge daran, weil ich so groß bin. Irgendwann glaubte ich mir meine Geschichte selber. Mein Körper und mein Geist konnten sich nach jedem Ohnmachts-Anfall an nichts mehr erinnern. Es war meine Schutzmauer, mein Schutzmechanismus.
Es gab keinen anderen Ausweg für mich, keinen Aus-Knopf für diese mich so sehr belastenden Erscheinungen. Das war der einzige Weg. Ich musste mich selbst ausschalten. Komplett. Es war, wie wenn man ein technisches Gerät nicht ausschalten kann, sondern nur die Crash-Variante hat. Stecker raus. Rien ne va plus.
Unternehmer-Life
Durch die Erlebnisse in meiner Kindheit, durch die Ablehnung und das Mobbing in der Schule hatte ich kaum Selbstbewusstsein. Mein Selbstwertgefühl war null. Dementsprechend mies waren meine schulischen Leistungen und Noten. Und auch in der Schulzeit legte ich eine echte Odyssee hin: Die Fünfen und Sechsen in fast allen Fächern zwangen mich, zur Hauptschule gehen zu müssen. Dort habe ich mich durchgebissen. Meine Noten wurden besser, ich schaffte es auf die Realschule. Damit kam etwas Selbstbewusstsein zurück, so dass ich es sogar bis zur Fachhochschulreife schaffte. Ich begann eine Ausbildung, aber auch das war nichts für mich, ich flog raus. Trotzdem schaffte ich es, einen Platz an einer Berufsakademie zu ergattern und absolvierte ein berufsbegleitendes BWL-Studium. Dort hatte ich dann meine ersten Erfolge, kam gut mit und der Gedanke reifte in mir: „Hey, ich kann ja was!“ Ich war Mitte Zwanzig, als ich mir erlaubte, endlich anzufangen, an mich zu glauben.
Es war ein langer Weg, ein langer Prozess, bis ich bereit war, das zu leben und zu sein, was ich bin und was ich wirklich mit all meinem Herzen machen möchte. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit, um sich zu ent-wickeln. Ich wickelte mich zunächst viele Jahre in ein „normales“ Leben ein. Ich machte Karriere, so wie man das eben in unserer Gesellschaft macht. Wer Karriere macht, ist angesehen, wird bewundert und akzeptiert. Ich stieg in die Geschäftsleitung der Firma meiner Familie ein, die bestimmte und weltweit einzigartige Bauteile für Fußbodenheizungen herstellt und vermarktet. Ich war weltweit unterwegs, habe viel erlebt, lernte auf Messen und in Meetings immer wieder andere spannende Unternehmer-Persönlichkeiten kennen, hatte meinen Freiraum, konnte gestalten und unsere Firma weiter auf Erfolgs-Kurs halten. Ich habe gutes Geld verdient. Es ging mir gut. Ich heiratete, bekam eine Tochter. Im Außen war alles prima. Im Innen war ich leer und zerrissen.
Alles war so, wie es sein sollte. Alles war perfekt. Ein Bilderbuch-Lebenslauf, eine Bilderbuch-Karriere, eine Bilderbuch-Familie. Und doch war es nicht meine Bestimmung. Mein Seelenplan hatte anderes mit mir vor. Ich konnte es zu dem Zeitpunkt nur noch nicht annehmen. Erkennen schon, denn ich spürte immer, dass das nicht alles ist, dass das nicht ICH bin. Ich will nicht undankbar sein für diese Zeit und das
Leben, das ich führen durfte. Ich habe auch in dieser Zeit viel gelernt, erlebt und entdeckt. Und natürlich hatte ich meinen Spaß. Ich bin meiner Familie dankbar, dass sie mir das Vertrauen geschenkt haben, Teil dieser Firma sein zu dürfen.
Und genauso dankbar bin ich meiner Familie, dass sie mich nicht in Ketten gelegt haben. Die Konflikte innerhalb Familie und Firma hatten so zugenommen, dass ich immer deutlicher spürte: Hier kann ich nicht länger bleiben, nicht länger sein, nicht länger wirken. Die Zeichen wurden immer klarer, dass ich in diesem Konstrukt nicht länger bleiben kann.
Als der Zeitpunkt gekommen war, an dem ich den Mut hatte, mich aus diesem Leben heraus zu wickeln, mich weiter zu ent-wickeln, haben sie meine Entscheidung akzeptiert. Ich verließ die Firma, verkaufte meine Anteile. Denn ich wollte nur noch eins: Mich als das zeigen, was ich bin. Das anbieten, was ich kann. Coach im Bereich der Energie-Arbeit. Natürlich war das für alle Beteiligten nicht einfach. Weder für meine Familie und am allerwenigsten für mich. Ich tat mich sehr schwer damit, diese Bande zu lösen. Akzeptanz heißt auch nicht automatisch Verständnis. Denn natürlich hatte ich Angst. Ich hatte Angst vor Zurückweisung von meiner Familie. Schon wieder Saskia mit ihrem komischen Kram. Ich hatte aber auch ganz weltliche Existenz-Angst. Ich musste doch völlig bekloppt, naiv und übergeschnappt sein, meine gute Stellung als Teilhaberin und Geschäftsführerin der familieneigenen Firma einfach so in den Wind zu schießen. Ich zweifelte an mir. Und doch spürte ich, wusste ich, ich muss es tun. Es führt kein Weg daran vorbei. Ich habe mir viele, viele Jahre einen anderen Weg gebaut. Und wusste doch immer, das ist nicht meiner. Und so tauschte ich Sicherheit gegen Unsicherheit. Und bin heute mehr bei mir als jemals zuvor.
Masken
Was macht es mit einem Menschen, wenn er nicht das leben kann, was er ist? Was hat es mit mir gemacht? Ich habe gelernt, mich anzupassen. Ich habe gelernt, meine natürlichen Gaben zu verstecken. Eigentlich ist alles in uns, was wir brauchen, um unser authentisches Sein zu leben und so glücklich zu sein. Es ist eigentlich so einfach. Aber wir verlernen es. Packen uns allen möglichen Mist aus Erwartungen und Druck auf unser naturgegebenes Glück drauf. Denken, wir müssten so sein, wie die Welt und die Menschen um uns herum – auch die, die wir lieben – es gern hätten. Aber warum? Warum beugen wir uns diesem Druck und diesen Erwartungen und verraten dabei uns selbst? Auch das ist eines meiner Herzensanliegen mit diesem Buch: dich zu ermutigen, zu entdecken, wer du bist, was du kannst und den Sprung zu wagen, das zu leben. Wenn du es nicht schon bereits längst tust.
Apropos: Bezeichnenderweise – wenn wir schon mal einen kurzen Ausflug ins Lateinische machen – gibt es im Lateinischen zwei Übersetzungen für „Maske“, nämlich „persona“ und „larva“. Wir als „Person“ sind also noch lange nicht das, was wir denken, zu sein. Wir verstecken uns hinter unserer Person, hinter unseren Masken. Ent-larven wir uns!
Ich habe mir über all die Jahre meine Freude an meinem Leben und meinen Fähigkeiten kaputt machen lassen. Ich fing sogar irgendwann an, meine Fähigkeiten zu hassen. Mich selbst zu hassen. Du bist nicht richtig, Saskia. Du bist nicht gut, Saskia. Hämmerte und dröhnte es in meinem Kopf. Ich hörte die Stimmen der anderen. Aber nicht mehr meine eigene. Mir wurde es ausgeredet. Ich redete mir das selbst alles irgendwann aus. Ich musste erst wieder lernen, meine Gaben und Fähigkeiten zu lieben. Mich selbst zu lieben.
Ich war die Frau, die zu viel wusste. Die Frau, die allen immer irgendwie unheimlich war. Ich konnte das, was ich sah und fühlte nicht kommunizieren. Und wenn ich es doch tat, wurde ich als Spinnerin abgestempelt. Oder man sah, dass ich recht hatte, konnte es aber nie zugeben. Ich machte den Menschen um mich herum nur Angst.
Ich konnte der Welt um mich herum einfach nicht mehr trauen. Ich ließ mir das nicht anmerken, nach außen funktionierte meine Maske wunderbar. Ich war die toughe, fröhliche Unternehmerin, die anpackte, die für jeden Spaß zu haben war, der es gut ging, die alles hatte in ihrem Leben. Ich trug mit meiner Maske ein immenses Selbstbewusstsein nach außen, ich war so selbstbewusst, „Hallo Welt, ich komme“, das war stets mein Motto. Und die Welt konnte sich mir nicht entziehen. Ich war da. Präsent. Aber es war nicht mehr als eine sehr robuste Hülle. Innerlich fühlte ich mich klein und zerrissen.
Coming-Out
Ich konnte irgendwann meine Masken nicht mehr (er)tragen. Wollte ich mich wirklich weiter verstecken? Mich wirklich weiter bescheißen? Am Ende meines Lebens sagen, okay, dein Leben war nett und bequem, aber halt nicht DEIN Leben? Was nütze ich der Welt, wenn ich nicht ICH bin? Ich bin überzeugt, jeder trägt mit seinem Seelenplan, seiner „Aufgabe“, und seinen ganz individuellen Fähigkeiten, Talenten und Gaben etwas zu unserer wunderbaren, großartigen Welt bei. Jeder auf seine ganz eigene Art und Weise. Egal mit was. Aber die Welt merkt es, wenn wir uns durchmogeln, uns selbst und die Welt bescheißen. Dann senden wir „doof“ aus. Und „doof“ kommt zurück. So einfach ist das. Und dann wundern wir uns, warum so viele Menschen psychisch krank sind, depressiv, unter Burnout leiden. Sie alle leiden unter ihren tonnenschweren Masken.
Auch für mich war es ein langer und quälender Prozess, der mich so viel Kraft gekostet hat, bis ich den Mut hatte, alles abzulegen, was nicht ICH war, auszusteigen, auszubrechen. Mir selbst gegenüber, aber auch meiner Umwelt, Familie und Mitmenschen gegenüber. Ja, es war wie ein Coming-Out. Ich zeigte, wer ich bin und was ich wirklich liebte.
Warum hatte ich so eine Angst davor? Weil auch ich vollgestopft war mit Klischees, Vorurteilen und Ängsten, die ich selbst erst mal für mich hinterfragen musste. Woher kamen sie? Warum? Welches Bild zeichnete wer in meinem Kopf? Ich hatte auch eine Heidenangst vor dem totalen Kontrollverlust.
Ich musste lernen, mir selbst zu vertrauen. Ich hatte so viele Vorurteile gegenüber dem, was ich letztlich bin. Ich hatte Angst, zur „Klangschalen-Ulla“ zu mutieren. Ich sah noch nicht, dass Spiritualität viele Gesichter, Formen und Facetten haben kann. Dass Spiritualität nichts mit Esoterik zu tun hat. Dass ich trotzdem über Eso-Quatsch lachen darf. Und überhaupt, was ist so schlimm an einer leidenschaftlichen Klangschalen-Ulla im Batik-Hemd? Was hatte ich überhaupt gegen sie? Ist doch okay. Muss halt einfach nur nicht meine Ausprägung sein.
Ich hielt lange krampfhaft an meinen Masken und meinem „normalen“ Leben fest. Ich wollte mich nicht verändern. Ich wollte die alte Saskia bleiben. Ich wollte mein gebautes Leben behalten, aber vieles, was ich in diesem Leben anpackte, ging schief. Mir krachte alles auf die Füße. Meine Ehe ging in die Brüche. Alles brach zusammen. Ich spürte, ich muss mich zeigen, aber ich hatte keinerlei Drang dazu. Ich wollte wirklich ein stinknormales Leben haben. Ich wollte ein Desperate Housewife sein, mit allen lapidaren Alltags-Problemen. Ich wollte, dass die Dinge so bleiben wie sie sind. Einen normalen Job, eine normale Ehe, mit einem Mann, der fremd geht, den kleinen Dramen, eben ein normales, kleines, beschauliches Leben.
Ich war wütend auf mich selbst: Warum habe ich „DAS“, verdammt noch mal?! Wieso ich? Konnte mich das Universum mit diesem Scheiß nicht einfach in Ruhe lassen? Aber das Universum gab mir nun mal einen Arschtritt nach dem anderen. Eigentlich war der Schritt, alles hinter mir zu lassen, nicht wirklich eine freie Willensentscheidung von mir. Ich bockte. Aber ich spürte, ich muss. Weil es meine Berufung ist. Aber nicht meine Wahl. Es ist schwer zu erklären. Und ich bin immer noch kotzwütend darauf. Aber ich habe mich entschieden, die Widerstände aufzulösen. In den Sturm hineinzugehen. Mir alles anzugucken.
Mein „Coming-Out“ war ebenfalls nicht von mir gewollt. Ich hatte eine Art „Zwangs-Coming-Out“. Ich arbeitete schon als Coach, als „normaler Coach“ für Persönlichkeitsentwicklung und Führungstrainings und bildete mich regelmäßig fort. Unter anderem bei einem Hypnose-Seminar. Dort brachen dann bei einer Übung alle Dämme in mir. Es überrollte mich wie eine Welle. Alles, was ich über so viele Jahre weg verdrängt hatte, explodierte in mir und bahnte ich seinen Weg nach außen. Es war nicht mehr zu bändigen und wegzupacken. Ich musste es annehmen. Sonst wäre ich wirklich in der Anstalt gelandet oder schlimmer.
Aber warum habe ich mich so lange geweigert, meine spirituellen Fähigkeiten anzunehmen? Es ist einerseits ein Geschenk. Wenn ich mit meinen Klienten arbeite und sehe, was meine Methoden der Energie-Arbeit und Quantenheilung alles bewirken, macht mich das glücklich, berührt und bewegt mich. Und ich spüre dann, du tust genau das richtige. Du bist genau deshalb hier. Andererseits ist es eine Last und eine große Verantwortung, vor der ich mich lange gedrückt habe. Es ist auch kaum zu ertragen, „erwacht“ zu sein. Spirituelle Menschen verstehen die Strukturen und nehmen die Welt anders wahr, als man uns die Welt beibringt, wie sie zu sein hat. Spirituelle Menschen blicken hinter die Kulissen. Wie Neo in dem Film „Matrix“, der schonungslos mit der „Wahrheit“ konfrontiert wird. Wie oft habe ich mir gewünscht, wieder „schlafen“ und träumen zu dürfen. Denn ist „unwissend“ und „blind“ zu bleiben nicht irgendwie doch schöner und leichter? Ich trage die Verantwortung, die Klappe zu halten, obwohl ich hinter die Kulissen blicken kann, und muss trotzdem mit meinen Fähigkeiten dafür sorgen, dass die Welt weiter ein wunderschöner Ort ist.
Muss ich? Nein. Ich darf. Denn seitdem ich mich meiner Berufung hingegeben habe, passieren wundersame Dinge. Auf einmal laufen die Dinge von allein. Die Klienten kommen. Ich muss nicht viel dafür tun. Es ist verrückt. Ich fließe jetzt mit meinem Fluss mit, halte mich nicht mehr fest. Und staune.
Erkenne, wer du bist und habe den Mut, das zu leben. Ich habe den Kampf gegen mich selbst aufgegeben. Ich gebe mich allem hin. Freue mich auf alles, was kommt. Bin befreit. Und erlaube mir, glücklich zu sein.
Und nach einer langen Odyssee endlich zu Hause.
„Ein Baum, der in einer Höhle wächst, trägt keine Früchte.“
1.1 (M)Eine Odyssee
Khalil Gibran
Nach Hause kommen – (M)Eine Odyssee
Nach Hause kommen – (M)Eine Odyssee
Was ist deine Odyssee?
Was ist dein zu Hause?
Weißt du, was dein zu Hause ist?
Lebst du, wer du bist und was
du kannst?
Wenn nein, warum nicht?
Was ist dein Coming-Out?
SCHAU MAL IN DIR NACH – FRAGEN
Angst. Eigentlich ist es doch verrückt, dass wir großartigen Menschen-Geschöpfe mit all unseren Möglichkeiten, Fähigkeiten und Gaben so viel Angst haben. Wir haben Angst vor Veränderung, wir haben Angst vor Stillstand, wir haben Angst vor zu viel, wir haben Angst vor zu wenig, wir haben Angst vor den anderen, wir haben Angst vor uns selbst, wir haben Angst uns zu zeigen, wir haben Angst vor Schmerzen, wir haben Angst vor Verlust, wir haben Angst vor Zurückweisung, wir haben Angst vor Dunkelheit, wir haben einfach Angst vor allem. Und die Angst vor Gespenstern, die einem nachts die Zehen kitzeln und die Pantoffeln klauen, ist da noch die harmloseste.
Wir sind so unsichere Würmchen, es ist schon fast zum Lachen. Nein, es ist nicht fast zum Lachen, es IST zum Lachen.
Es gibt viele wissenschaftliche Studien und Erklärungsversuche, die diese Ängste, die wir ALLE in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen haben (auch du, gib´s zu!), begründen. Das hat alles mit Evolution und Überlebenssicherung zu tun. Unser Gehirn befindet sich einfach immer noch im Steinzeitmodus und hat Angst:
» vorm Verhungern: Weil es in der Steinzeit-Steppe halt nicht immer
und permanent etwas zu futtern gab. Da gab´s nicht an jeder Ecke eine
Dönerbuden und ´nen Back-Shop. Deshalb sind wir auch so gern faul.
Das ist unser Steinzeit-Hirn, das uns sagt, ey, chill mal lieber statt
dich anzustrengen, wir müssen mit unserer Energie haushalten.
» vor Zurückweisung: Wenn die anderen aus der Sippe mich nicht
mögen, dann stehe ich allein und schutzlos da. Und das ist mitunter in
der Steinzeit-Tundra nicht so förderlich. Deshalb sind wir so verrückt
danach, dass uns alle irgendwie mögen.
» vorm Säbelzahntiger: Überall wittert es Gefahren. Jederzeit könnte
ein wildes Tier um die Ecke kommen und uns angreifen. Deshalb
wollen wir alles planen, sicher sein, bloß keinen Fehler machen, bloß
kein Risiko eingehen. Es ist die Angst vor Misserfolg.
Jede unserer Ängste können wir letztlich einer dieser drei Kategorien zuordnen. Unser Hirn braucht dringend ein Update. Denn eigentlich sind diese Ängste völlig überflüssig. Wir verhungern heute nicht, wir überleben, auch wenn uns nicht alle aus der Familie mögen, und Säbelzahntiger, nun ja, gibts´s halt auch nicht mehr.
Trotzdem sind wir immer noch von so vielen Ängsten beherrscht. Warum ist das so? Ich habe noch keine Antwort gefunden, jedoch eine spirituelle These, die ich im nächsten Kapitel kurz erläutern werde.
„Mut verlangt nicht, dass man großartige, spektakuläre Heldentaten vor aller Welt zur Schau stellt, sondern dass man den unsichtbaren Krieg in sich selbst führt.
Dieser Mut ist täglich erforderlich: In den alltäglichen Handlungen, im Kampf gegen die eigenen Gewohnheiten, gegen die Lügen,
gegen das Sich-Arrangieren, gegen die Kompromisse, die den Geist verdunkeln und seine Befreiung verhindern.“
1.2 Die zwei Seiten einer Persönlichkeit
Drukpa Rinpoche

Los...! fürchtet Euch!
Wir haben genauso viel Angst vorm Leben als auch vor dem Tod. Wir haben vor den guten Zeiten in unserem Leben Angst, weil wir Angst haben, das Gute zu verlieren. Wir haben vor den schlechten Zeiten im Leben Angst, weil wir Angst vor Schmerz haben. Wir haben vor dem Tod Angst, kommen mit dieser Ungewissheit und der Endlichkeit nicht klar. Und haben Angst zu sterben, nicht nur weil wir dann einfach erst mal weg vom Fenster sind und uns niemand verlässlich sagen kann, wie es so ist, als Sternenstaub im Universum rumzuflattern. Sondern auch weil wir Angst davor haben, uns im Angesicht des Todes bewusst zu werden, nicht genug gelebt zu haben. Nicht alles ausgekostet zu haben. Nicht alles probiert zu haben. Nicht alles gewagt und riskiert zu haben. Wir haben Angst vor unserem eigenen Bedauern. Wir haben Angst davor, im letzten Moment zu erkennen, wie sehr uns all unsere Ängste gehemmt und behindert haben. Wie doof das ist. Und dann ist es zu spät. Wir haben Angst vor der Angst. Wir lassen die Katze sich in den Schwanz beißen. Wir wissen, dass wir es am Ende unseres Lebens mehr bereuen werden, nicht alles ausgekostet zu haben, was das Leben uns zu bieten hatte. Dennoch wagen sich immer noch viel zu wenige Angsthäschen aus ihren routinegetränkten Komfortzonen heraus.
Und weil wir so viel Angst vor allem haben, setzen wir Masken auf. Verbarrikadieren uns hinter Mauern, tragen Schutzrüstungen. Aus Angst zeigen wir uns nicht.
Auch ich trug – und trage immer noch – diese Ängste in mir. Angst, nicht gut (genug) zu sein. Angst, nicht für das geliebt und gemocht zu werden, wer, was und wie ich wirklich bin. Ich habe mich aus Angst in zwei Teile aufgespalten. In eine innere Saskia und eine äußere Saskia. Die innere Saskia habe ich versteckt und gefangen gehalten. Die äußere Saskia hat das Leben – vermeintlich – gerockt. Die äußere Saskia war eine Verkleidung.
Das verrückte ist, wie viel Kraft und Energie wir aufbringen, um unsere äußere Hülle funktionieren und glänzen zu lassen. Warum verwenden wir diese Power nicht, um unser Innen dabei zu unterstützen, sich zeigen zu dürfen? Wir Menschen sind wirklich merkwürdig.
Im Nachhinein kann ich das verstehen, denn um sein Inneres stolz und ohne Angst zeigen zu können, müssen wir unser wahres Sein, unser Inneres erst mal selbst akzeptieren, anerkennen, wahrnehmen, leben und lieben. Wir können es nicht zeigen, so lange wir selbst nicht behutsam und liebevoll damit umgehen, solange wir es selbst ablehnen und verdrängen. Und das tat ich so viele Jahre. Ich habe mich selbst abgelehnt. Mich selbst verdrängt. Ich konnte meinen inneren Schatz nicht annehmen.
Aber alles, was innen versteckt ist und Kraft hat, bahnt sich seinen Weg nach außen. Der Löwenzahn wächst durch Beton.
Es ist die Liebe zu uns selbst, um die es hier geht. Erst wenn ich mich selbst liebe, annehme und akzeptiere, kann ich ICH sein. Mich zeigen, wie ich bin.
Wir setzen die Masken nicht nur aus Schutz auf. Sondern vor allem aus Mangel an Selbstliebe. Wir finden uns selbst so doof, dass wir in andere Rollen schlüpfen. Das beherrschen wir verdammt gut. Auch ich war darin ein echter Champion.
Ich trug so viele Jahre den Gedanken in mir: Ich bin nicht gut genug. Ich bin nicht richtig. Ich bin komisch. Aus den Gedanken wurden Überzeugungen und Glaubenssätze. Aber natürlich wollte ich gut und richtig sein. Ich hatte einen enormen Leidensdruck, war zwiegespalten. Ich hatte Zugang zu dieser merkwürdigen Welt, wusste damit aber nichts anzufangen. Denn alles, was ich dadurch und damit erlebte, brachte mir nur Ärger ein. Ich sah Dinge und nahm sie wahr, von denen ich wusste, dass sie wahr sind, aber konnte und wollte das nicht glauben und zulassen. Ich war verwirrt. Und immer wieder der Gedanke: Du bist nicht wie die anderen. Ich wollte aber so sehr wie die anderen sein. Als Kind schon, als Jugendliche und auch als Erwachsene.
Ich wollte so sehr wie die anderen sein, dass ich ein Bild von mir kreierte, dass den gängigen Erfolgsillusionen entsprach. Ich habe mir ein Image aufgebaut, mit dem ich mich stark und toll, sicher und akzeptiert fühlen konnte. Das hat mich aber viel Kraft gekostet. Ich habe so viel Gas gegeben, so viel Energie da reingesteckt, jemand zu sein, der ich eigentlich nicht bin. Schizophren, oder? Ich habe es mir hart erarbeitet, erfolgreich im Job zu sein. Ich war die toughe Unternehmerin, die alles im Griff hat. Ich bekam Anerkennung und Respekt und damit auch das Gefühl, wow, ich bin gut! Natürlich habe ich das genossen. Sehr sogar. Ich war immer super gut drauf, top gestylt, legte Top-Auftritte hin, konnte immer alles, nie war mir etwas zu viel. Gebt mir alles, was ihr habt, her damit, ich komme damit klar! Ich habe alles geschafft und gestemmt, egal was. Die Saskia, die schafft alles im Leben, das war irgendwann das Bild, das alle von mir hatten. Genau so nahm man mich wahr und ich wollte auch so wahrgenommen werden. Ich bin Wonder-Woman, yeah. Ich erreichte damit nicht nur Anerkennung, sondern auch viel Neid. Denn ich war so perfekt, bzw. ließ alles perfekt und mich unfehlbar erscheinen. Puh, wenn ich daran zurückdenke, finde ich mich selbst rückblickend ziemlich doof. „Perfektion schafft Aggression“, habe ich mal irgendwo aufgeschnappt. Und ja, das kann ich bestätigen. Wobei das am Ende ja auch gar nicht ICH war, es war nur meine Maske, meine Kostümierung.
Der mir entgegenbrachte Neid und die dadurch hier und da erlebten negativen Erlebnisse beschäftigten mich und machten mich fertig. Natürlich. Aber ist das nicht verrückt und plemplem, man baut ein Bild von sich auf, um sein eigentliches Ich nicht zu zeigen, das unechte Bild erzeugt bestimmte Reaktionen und wir zermartern uns deswegen. Wegen eines Fakes, der Reaktionen auslöst, die eigentlich nur unsere Maske erzeugt.
Wonder-Woman war nur ein Kostüm. In den seltenen Momenten, wo ich es ablegte, wo ich allein war, mich niemand beobachten konnte, war mir eigentlich alles in meinem Leben zu viel. Ich zerbrach fast an der Last, alles schaffen zu müssen. An der mir eigens auferlegten Last. Ich wollte perfekt und unfehlbar sein. Ich habe verdrängt, dass Wonder Woman nur eine Comic-Figur ist. Ich war eine einzige Geschichte. Ich selbst habe nie an mich geglaubt, zumindest nicht an das, was die innere Saskia in sich verbarg. Ich verrannte mich darin, Wonder-Woman sein zu müssen.
Habe ich meine Masken und meine Kostümierungen komplett abgelegt? Nein. Sie liegen immer noch herum, aber ich traue mich immer mehr, mich ohne sie zu zeigen. Es ist ungewohnt und ich muss mich neu kennen lernen. Ich muss entdecken, wie die Welt auf die „echte“ Saskia reagiert, ohne all das Klimbim drumrum, die ganze Show. Es ist ein spannender und schönender Prozess. Und das schönste: Ohne Masken und Kostümierung bist du frei, kannst dich frei bewegen, bist nicht eingeengt und kannst viel besser atmen.
Ich weiß, dass jeder, der spirituelle Gaben und Fähigkeiten in sich trägt, ähnliche innere Kämpfe mit sich ausficht, ähnlich gespalten ist. Aber uns zu zeigen, ist das schönste Geschenk, dass wir uns selbst – und der Welt – machen können. Die Welt braucht echte Menschen. Die Welt spürt, wenn du nicht echt bist. Nur, wenn du echt bist, bist du in deiner Kraft und kannst wirken.
Setzen wir die Masken ab. Recken wir uns stolz und mutig all unseren Ängsten entgegen, strecken wir ihnen die Zunge raus, nehmen wir sie an. Sagen wir den Ängsten: Hallo Angst, ich weiß, dass du da bist. Und das ist auch okay. Aber ich werde das jetzt trotzdem tun.
Wovor hast du Angst? Warum?
Welche Masken und Verkleidungen trägst du? Warum?
Welche Masken möchtest du gern ablegen? Warum?
Was hindert dich daran?
Wovor hast du Angst?
Welche Seiten an dir verbirgst du?
Was lehnst du and dir ab, was eigentlich dein innerer Schatz ist?
Was verdrängst du?
SCHAU MAL IN DIR NACH – FRAGEN
Zum im vorherigen Kapitel angesprochenen Thema „Angst“ möchte ich gern eine spirituelle These aufstellen. Denn so richtig kann ich mich mit der „Steinzeit-Theorie“ nicht zufriedengeben. Ich kann irgendwie nicht so ganz akzeptieren, dass mein Hirn halt einfach nur noch im Steinzeit-Modus hängen geblieben ist. Es wäre zu einfach. Schulterzucken, aha, ist halt so.
Nein. Vielleicht ist da mehr. Und vielleicht kann uns da die Welt der Spiritualität eine Erklärung liefern. Im folgenden Kapitel lernen wir, dass Spiritualität vor allem ausmacht, Fragen zu stellen. Spirituelle Menschen sind Forscher und Entdecker. Begeben wir uns jetzt also mal in diese Untiefen. Vorsicht, es kann sein, dass das, was jetzt kommt, auf dich an dieser Stelle in diesem Buch etwas „abgespaced“ wirkt. Dass der eine oder andere Begriff bei dir ein „Häh?! WTF?!“ auslöst. Aber lies es erst mal. Du musst noch nicht verstehen. Dann lies einfach weiter. Und vielleicht, wenn du mit dem Buch durch bist, gehst du nochmal hier an diese Stelle zurück. Vielleicht öffnet sich dann die eine oder andere Tür in dir.
Die Spiritualität – die Matrix der Seele – liefert mir nämlich eine sehr plausible Antwort, warum ich meine Ängste durchleben musste. Und vielleicht kannst du auch für deine Ängste hier schon Erklärungsansätze finden.
Als energetische Wesenheit (ich weiß, das klingt strange, aber spätestens in Kapitel 4 werden wir uns all diese Begriffe vorknöpfen) durchlebt man diese Ängste, weil man immer das Gegensätzliche, von dem, was gerade ist, erleben möchte: Lebensangst führt z. B. dazu, wieder Freude zu empfinden. In der Astralwelt gibt es Lebensfreude oder die Schönheit des Lebens nämlich gar nicht. Ein energetisches Wesen sehnt sich also nach Emotionen.
Wir Energetiker glauben, dass wir uns pro Inkarnation einige Fähigkeiten, aber auch Ängste „zusammenstellen“, um das auf der Erde, im Körper und in der Dualität zu erleben – bzw. durchzuleben. Wir stellen uns quasi ein Tapas-Menü aus Ängsten und Emotionen zusammen. Unbewusst.
Folgende Urängste stehen dabei „zur Auswahl“:2
» Selbstverleugnung: Urangst vor Unzulänglichkeit
(Minuspol: unterwürfig // Pluspol: bescheiden)
» Selbstsabotage: Urangst vor Lebendigkeit
(Minuspol: selbstzerstörend // Pluspol: aufopfernd)
» Märtyrertum: Urangst vor Wertlosigkeit
(Minuspol: selbstbestrafend // Pluspol: selbstlos)
» Starrsinn: Urangst vor Unberechenbarkeit
(Minuspol: verbissen// Pluspol: entschlossen)
» Gier: Urangst vor Mangel
(Minuspol: unersättlich // Pluspol: selbstzufrieden)
» Hochmut: Urangst vor Verletztwerden
(Minuspol: selbstgefällig // Pluspol: stolz)
» Ungeduld: Urangst vor Versäumnis
(Minuspol: unduldsam // Pluspol: waghalsig)
Diese Ängste können nicht weggezaubert werden, doch durch das Erleben balancieren wir sie quasi auf ein annehmbares Level. Jeder Mensch trägt alle Ängste in sich, doch jeder hat irgendwo einen Schwerpunkt als Lebensthema, eventuell weil es in einer anderen Inkarnation nicht richtig erfahren wurde.
Was sagt diese These mir? Meine ausgeprägteste Angst war/ist die Selbstsabotage. Kurz gefolgt von der Selbstverleugnung und der Angst vor Unzulänglichkeit („ich bin nicht gut“).
Warum musste ich diese Angst durchleben, konnte mich nicht zeigen? Nachdem ich mich lange damit beschäftigt habe, ist mein Fazit für mich sehr schlüssig: Eine meiner heftigsten Urängste ist die Angst vor Lebendigkeit. Als Prozess, diese zu erleben, sehe ich mein „verstecken“ an. Denn heute als „real Saskia“ fühle ich so viel Lebendigkeit und Lebensfreude wie selten zuvor.
Als mir das klar geworden ist, sitze ich wenige Tage später im Auto – in meinem geliebten ziemlich unspirituellen, schnellen Auto – und dann kommt das Lied „Gib mir Sonne“ von „Rosenstolz“. Es ist eine Ode an die Lebensfreude und vielleicht sollte das meine neue Hymne sein.
In diesem Lied geht es darum, das Leben mit all seinen Aufs und Abs, die Liebe und die Lebendigkeit zu feiern und zu umarmen. Es ist traurig, es ist hoffnungsgebend, es ist fröhlich, es ist melancholisch und alles gleichzeitig. Wie das Leben eben so ist. Und genau das ist Lebensfreude. Wir dürfen Angst haben. Müssen aber keine Angst vor der Angst haben. Wir dürfen die Angst umarmen. Sie willkommen heißen. Und uns daran freuen, dass wir fühlen und spüren dürfen. Emotionen haben. Lebendig sind. Ich singe mit. Und freue mich.
Gib mir Sonne3
Rosenstolz
Es kann gar nicht hell genug sein
Alle Lichter dieser Welt
Sollen heute für mich leuchten
Ich werd raus geh‘n
Mich nicht umdreh‘n
Ich muss weg
Manchmal muss Liebe schnell geh‘n
Mich überfahr‘n, mich überroll‘n
Manchmal muss das Leben weh tun
Nur wenn es weh tut
Ist es gut, dafür zu geh‘n
Gib mir Sonne
Gib mir Wärme
Gib mir Licht
All die Farben wieder zurück
Verbrenn den Schnee
Das Grau muss weg
Schenk mir ‚n bisschen Glück
Wann kommt die Sonne
Kann es denn sein, dass mir gar nichts mehr gelingt?
Wann kommt die Sonne?
Kannst du nicht seh‘n, dass ich tief im Schnee versink?
Und ich trage mein Herz offen
Alle Türen ganz weit auf
Hab keine Angst mich zu verbrennen
Auch wenn‘s weh tut
Nur was weh tut, ist auch gut
Gib mir Sonne
Gib mir Wärme
Gib mir Licht
All die Farben wieder zurück
Verbrenn den Schnee
Das Grau muss weg
Schenk mir ‚n bisschen Glück
Feier das Leben, feier das Glück
Feier uns beide, es kommt alles zurück
Feier die Liebe, feier den Tag
Feier uns beide, es ist alles gesagt
Hier kommt die Sonne, hier kommt das Licht
Siehst du die Farben, kommen alle zurück
Hier kommt die Sonne, hier kommt das Licht
Siehst du die Farben, kommen alle zurück
Hier kommt die Sonne
Die Sonne
Fragen & Suchen
Der Philosoph Richard David Precht formulierte es mit seinem Bestseller-Titel so schön: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“
Irgendwann – früher oder später – stellen wir uns alle gewisse Fragen. Was bin ich? Wer bin ich? Wer ist eigentlich dieses ICH? Warum fühle ich mich mit diesem Menschen wohl, warum mit dem anderen nicht? Warum gibt es Orte, die mich mit Energie füllen, sich genau richtig für mich anfühlen, und an anderen Orten fühle ich mich regelrecht ausgelaugt, unsicher und irgendwie so, als gehöre ich hier nicht hin? Warum kann ich manchmal unerklärliche Dinge und Zustände fühlen? Warum kommt mir die Welt manchmal so schön vor, dass ich vor Freude in die Luft springen könnte, und warum will ich mich manchmal am liebsten von der nächsten Brücke stürzen? Was passiert hier? Was passiert mit mir? Und wozu ist das alles überhaupt gut? Was ist der Sinn hinter all dem? Und was habe ich kleines Menschenkind damit zu tun? Wäre ich jemand anderes geworden, hätte eine andere Spermienzelle die Eizelle zuerst erreicht? Ist nach dem Tod wirklich Schluss? Gibt es Gott? Muss ich immer alles verstehen? Bin ich bekloppt, wenn ich mir all diese Fragen stelle? Reif für die Klapsmühle? Wäre das Leben nicht viel einfacher, wenn all diese Fragen nicht in meinem Kopf herumschwirren würden?
Besonders in Krisenzeiten ploppen all diese verwirrende Fragen allzu gern in uns auf. Probleme im Job, Scheidung, Trennung, Beziehungsprobleme innerhalb der Familie, Schuldgefühle, Ängste, Sorgen.
Ich möchte dir Mut machen, an all deinen Fragen nicht zu verzweifeln. Schon allein, dass du dir all diese Fragen stellst, zeigt, dass du „wach“ bist. Viel wacher als andere. Dass diese Fragen zu dir kommen und du ihnen Raum gibst, ist eines der Anzeichen dafür, dass du spirituelle Fähigkeiten hast. Dass du spirituell bist. Jetzt aber nicht vor Schreck die Kaffeetasse fallen lassen, okay?
Jeder Mensch hat spirituelle Fähigkeiten
Denn eigentlich hat jeder Mensch spirituelle Fähigkeiten. Unterschiedlich ausgeprägt. Wir alle tragen diese Antennen (wohin sie führen und mit was sie uns verbinden, dazu im nächsten Kapitel mehr) in uns, mit uns, auf uns. Wir vergessen es nur. Es sagt uns ja auch niemand, dass wir diese Antennen haben. Und wenn wir doch mal das ein oder andere in dieser Richtung von uns geben, heißt es schnell: Du spinnst!
Niemand möchte als der Spinner vom Dienst dastehen. Und das ist auch einer der eher größeren Gründe, weshalb wir so ein gespaltenes Verhältnis zu all diesen unerklärlichen Dingen und Phänomenen haben.
Du hast dich vielleicht sogar schon mit Heilkräutern und alternativer Medizin beschäftigt, schaust ab und zu mal heimlich in dein Horoskop, bestaunst den Mondphasenkalender deiner Freundin und würdest dir gern mal die (Tarot-)Karten legen lassen? Denn es gibt einige ungelöste Fragen in deinem Leben, du suchst nach Antworten, die in der „normalen, rationalen“ Welt aber irgendwie nicht zu dir kommen wollen? Du möchtest gern weiter gehen und du spürst, da gibt es mehr, als wir wissen und kennen. Viel, viel mehr.
Aber so richtig traust du dich nicht, dich einfach mal darauf einzulassen, weil du eigentlich bei Räucherstäbchen, Weihrauch, Klangschalen und zu viel „Om“ am liebsten nur, ähm, kotzen möchtest? Du spürst so einen richtigen Widerwillen gegen diesen ganzen Kram? Du findest es peinlich, lächerlich, befremdlich, schrullig und einfach nur uncool?
Du würdest ja schon gern mal reinschnuppern, willst dich aber nicht als „Eso-Tante“ oder „Eso-Heini“ lächerlich machen und anecken?
Willkommen im Club! Ich kann dich beruhigen. Mir geht es genauso. Und ich BIN eine Eso-Tante! Nein, bin ich eigentlich nicht. Naja, doch, schon auch. Aber ich spiele gern mit Vorurteilen, nutze sie auch ganz bewusst, bringe sie zum Einsatz, spiegele, konfrontiere.
Horrorvision & Vorurteile
Erst neulich huschten ein paar Bilder einer Eso-Truppe durch meine Facebook-Timeline, die mich erschaudern ließen. Eine Gruppe von Batikhosen- und Turban-tragenden Yoga-Jüngern verzückt im Sitzkreis mit Gitarren klampfend selig im Park. Kerzen und Klangschalen als Deko in der Mitte. Wahrscheinlich sangen sie „Kumbaya my Lord“. Ich habe auch immer wieder diese eine Karikatur von Anke Engelke im Kopf, die sie in ihrer Ladykracher-Sendung einst darstellte: Ruth mit den Dreadlocks und der unterkieferstrapazierenden Besserwisser-Stimme.4 (Und das irritierende ist: Genau solche Typen gibt es wirklich!)
Genau das ist meine Horrorvision, wie ich ende, wenn ich mich weiter mit Spiritualität beschäftige. Ich lande als Batik-Rock mit Hanfwolle-Turban und Zausel-Haar im Stadtpark. Den Muff der miefigen Kleidung aus dem Second-Hand-Shop habe ich auch irgendwie in der Nase.
Mir ist bewusst, dass das nicht nett ist. Ich lästere ja nun wirklich hier ab und das ist nicht die feine Überlinger Art. Aber das ist ja auch eines dieser Vorurteile, das ich hiermit widerlege: Als spiritueller Mensch bist du ein Engel und hast nie fiese Gedanken. Nein. Ganz und gar nicht. Dennoch spüre ich diese Widerstände in mir so deutlich und möchte umso mehr der Frage auf den Grund gehen, warum ich – und viele andere – so eine Abneigung dagegen haben. Und das ist schade. Denn diese Abneigung gegen das Klischee hält viele Menschen davon ab, ihre spirituellen Seiten und Gaben zu entdecken und zu nutzen.
Ich schreibe und sage das auch bewusst so provozierend, denn ich beobachte immer wieder, dass viele Menschen, mich einbezogen, ein merkwürdiges Bild haben, wenn es um Spiritualität geht. Das Bild ist von etlichen Vorurteilen geprägt. Aber warum?
Nur Vorurteile, oder ist da doch was dran?
Natürlich sind Vorurteile praktisch. Wir lieben unsere Schubladen, in die wir alles packen können. Das macht das Leben so schön einfach. Dennoch sind Vorurteile und Klischees nicht ohne Grund da. Ein Fünkchen Realität ist immer dran. Sonst gäbe es sie nicht.
Es lohnt sich also immer, genauer hinzuschauen, egal, um welche Klischees und Vorurteile es sich handelt. Bevor wir aufdröseln, was nun eigentlich der Unterschied zwischen Esoterik und Spiritualität ist, tun wir genau das jetzt mal zusammen und schauen uns einige der Klischees an.
Vorurteil Nummer 1: Esos verstehen keinen Spaß
Nun, an dieser Stelle belegt man das Klischee ironischerweise komplett selbst. In einem Esoterik-Forum habe ich folgenden Thread gefunden:
„Hallo, auch in einem Reikiforum darf mal gelacht werden. Ich fange mal mit einem Witz an. Wenn ihr einen guten Witz kennt, dann immer her damit.“5
„Auch in einem Reiki-Forum darf mal gelacht werden.“ Noch Fragen? Das sagt so vieles darüber aus, wie die Vibes in dieser Szene so sind. Offensichtlich muss man wirklich zum Lachen in den Yoga-Keller gehen und für jedes Lachen ein Räucherstäbchen anzünden.
Den Witz, der dann im Reiki-Forum folgte, möchte ich dir natürlich nicht vorenthalten. Der ging nämlich so:
„Ein Ire, ein Däne und ein Deutscher stehen in der Kneipe. Die Tür geht auf, der neue Gast, Jesus, tritt ein. „Ich heile durch Handauflegen“, verkündet er. Der Ire sogleich „Hier ist mein Tennisarm.“ Jesus legt seine Hand auf den Arm – und? „Super“, sagt der Ire, „der Schmerz ist weg.“ Kommt der Däne zu Jesus: „Mach‘ mal meinen Nacken wieder ganz.“ Gesagt, getan. Jesus heilt durch sein Handauflegen auch den Dänen und dreht sich zum Deutschen um. Darauf antwortet der Deutsche: „Fass mich ja nicht an, ich bin noch 6 Wochen krankgeschrieben!“6
Tatsächlich begegnet mir in der Esoterik-Szene oft eine Ernsthaftigkeit, die fast schon bizarr und überzeichnet ist. Es wirkt wie Realsatire. Man huldigt seine Methoden und Ansichten und wehe, es wird gelacht. Es ist wie in der Kirche. In der Kirche darf nicht gelacht werden. Und wenn doch gelacht wird, dann wirkt es oft selig-verzückt-bizarr. Aufgesetzt.
Ernsthaft an eine Sache herangehen, ist etwas Tolles und Gutes. Es geht nicht darum, die Dinge ins Lächerliche zu ziehen. Aber ich wünsche mir Leichtigkeit und Humor. Auch wenn es um so tiefe Themen und Fragen wie vom Anfang dieses Kapitels geht. Wenn wir schon auf der Suche nach MEHR sind, nach Antworten, nach Sinn, dann darf das Spaß machen. Und wir dürfen uns ein Umfeld dafür suchen, das uns gefällt und uns nicht mit Regeln und PSCHT!´s einengt.
Es ist auch bekannt: Freude heilt alle Wunden. Nicht umsonst versteckt Mary Poppins ihre pädagogischen Maßnahmen in Spielchen und in Löffelchen voll Zucker. Die Kinder lieben sie dafür. Es gibt Studien, die belegen, dass Menschen mit Lebensfreude, bzw. glückliche Menschen, gesünder sind und ein längeres, erfüllteres Leben leben. Der Psychiater David Ramon Hawkins hat Ebenen für Bewusstsein7 skaliert und sie messbar gemacht. Danach gehört Freude zu den höchsten Bewusstseinsstufen. Sie schwingt sogar über der Liebe. Lebt man in Freude, kommt das der Erleuchtung ziemlich nahe.
Vorurteil Nummer 2: Esos sind Schluffis
Schluffis, das ist noch nett ausgedrückt. Aber sind wir doch mal ehrlich: Denken wir nicht oft, dass Esos Loser sind? Ihre PS nicht auf die Straße bekommen? Sich vor dem echten, harten Leben drücken? Dass sie nur abwarten, dass etwas passiert, dass das Leben und das Universum ihnen das bringt, was die Sterne für sie vorgesehen haben? Dass sie ihre ganzen Theorien nur als Ausreden benutzen, um nicht aktiv werden zu müssen? Dass sie nur abhängen, faul sind, nichts auf die Spur bringen? Auch nichts auf die Spur bringen wollen, weil sie nichts auf die Spur bringen müssen, weil sie wiederum denken, dass wir „normalen Spießer“ die eigentlichen Loser sind und uns vom System ausbeuten lassen.
Und genau das ist die Frage, mit der wir uns schon jetzt beschäftigen dürfen: Wer ist wirklich der Loser? Spannend, oder? Schon allein, einfach mal darüber nachzudenken, ist wertvoll. Egal, zu welchen Antworten es führt. Denn genau darum geht es auch später in diesem Buch: Spiritualität ist, unter vielem anderen eben auch, hinter die Kulissen zu schauen.
Vorurteil Nummer 3: Esos sind Spinner
Esoteriker sind Freaks, die sich nur von Licht und Liebe ernähren. Die sich mit teuer erkauften Holzbrettern (siehe Punkt 8) vor kosmischen Strahlen schützen wollen. Die einfach irgendwie halt Ballaballa sind.
Kann man sich nur von Luft und Liebe ernähren? Der indische Yogi Prahlad Jani hat angeblich seit mehr als 70 Jahren nichts gegessen und getrunken8. Ärzte und Wissenschaftler beißen sich an ihm die Zähne aus. Ist er ein Magier mit ziemlich genialen Tricks oder macht er etwas möglich, dank Zugang zu höheren Kräften, dass biologisch gesehen in unserer bekannten Welt einfach nicht möglich sein kann?
Kann ich beweisen, dass das möglich ist? Nein. Kann ich beweisen, dass das nicht möglich ist? Genauso nein. Meine Lieblingshaltung ist ganz oft: Ich weiß es nicht. Denn wenn ich etwas nicht weiß, kann ich allem Raum geben. Ohne Vorurteile. Und einfach schauen.
Trotzdem gebe ich zu, dass solche Dinge auf uns total befremdlich wirken. Lächerlich. Auch Mitleid erregen. Und sicher auch Wut erzeugen.
Auch ich habe schon Dinge erlebt, die ich eigentlich nicht begreifen kann. Und bei denen ich immer wieder dachte, Saskia, ach du Scheiße, gleich kommen dich die Männer mit den weißen Jacken und den Ärmeln vorne holen.
Aber auch hier die Frage – einfach nur mal in den Raum gestellt: Wer ist der Freak? Friedrich Nietzsche sagte einmal: „ Die Tanzenden wurden für verrückt gehalten von denjenigen, die die Musik nicht hören konnten.“
Vorurteil Nummer 4: Esos sind Weicheier und Jammerlappen
Liegt ziemlich nah an Nummer zwei. Esoteriker vermeiden gern Konfrontationen und zeigen sich nicht. Wissen aber trotzdem alles besser. Siehe nächster Punkt.
Vorteil Nummer 5: Esos sind Besserwisser und verdammt anstrengend
Was haben Esoteriker und Veganer gemeinsam? Sie sagen es dir. Ob du willst oder nicht.
Ich habe schon einige irritierende Erfahrungen mit Menschen auf dem Eso-Trip gemacht. Irgendwie war das bisher immer sehr anstrengend. Kaum positive, gönnende Vibes, sondern sehr viel Negativität lag im Raum. Ich kann nicht sagen, woran das liegt.
Esoteriker beobachten jeden, der sich ebenfalls in dieser Welt bewegt, sehr genau. Sie warten nur darauf, mit ihrer Fliegenklatsche auf dich drauf zu hauen. Sie tun das vordergründig nett, hintenrum können sie es aber nicht ertragen, dass du die Dinge so machst und sagst, wie du es eben auf deine Art und Weise machst. Alles wird bewertet und verurteilt. Du darfst doch nicht, du kannst doch nicht, das ist falsch, also ich würde das ja so machen – und so weiter und so fort. Mit allzu großer Hingabe stürzt man sich auf Begrifflichkeiten und jeder weiß es besser. Man verweist auf Quantenphysik und Einstein, auf diese Studie und jene. Man diskutiert sich, gerade online, gern den Eso-Wolf. Haben die nichts anderes zu tun? Nun, ich verweise an dieser Stelle auf Punkt 2. Vielleicht hängt das ja zusammen?
Manchmal denke ich, Esoteriker sind wie Frauen. Ich darf das sagen, ich bin eine. Hier herrscht auch ein stiller hinterrücks ausgetragener Kampf der Mütter gegen die Nichtmütter, der Zu-Hause-Bleib-Muffin-Back-Mütter gegen die Karriere-Mütter. Jede hat die Weisheit mit Löffeln gefressen und wie kann man es bloß wagen, es anders zu machen?
Esoteriker wollen sich klug darstellen, reden gern und viel Fachchinesisch, sind zimperliche Sensibelchen, die bei jeder Kleinigkeit sofort beleidigt sind. Siehe auch Punkt 1. Fragt man sie nach dem Warum für ihr merkwürdiges Verhalten, so verschanzen sie sich hinter ihren kosmischen Mauern. Sie wirken oft unnahbar und nicht vorhersehbar.
Esoteriker wollen ja gern in sich ruhen, aber mit diesem Verhalten erzeugen sie genau das Gegenteil.
Wichtig für alle angehenden Neu-Spiris hier: Nervt eure Umwelt nicht. Dazu auch in Kapitel 6 mehr. Wir dürfen inspirieren, aber nicht belehren. Und schon gar nicht ungefragt. Außerdem wissen die smarten Spiris: Jeder ist auf seinem Weg unterwegs. Kein Weg ist richtig, kein Weg ist falsch. Es ist immer nur ein Weg. Und es ist immer unsere ur-eigenste Angelegenheit, welchen Weg WIR selbst gehen. Aber es ist nie unsere Angelegenheit, welchen Weg die anderen gehen. Wir dürfen uns übrigens auch zuwinken von den verschiedenen Wegen aus. Es ist auch keine Bedrohung, dass es so viele Wege gibt. Im Gegenteil, ist das nicht toll?
Vorurteil Nummer 6: Esoterik ist uncool und unsexy
Findest du so Eso-Futzis und Klangschalen-Kurs-Teilnehmerinnen nicht auch irgendwie verdammt unsexy und uncool? Komm, gib´s zu!
Bei mir um die Ecke gibt es so einen Laden. Es ist ein Laden, da gibt es Bücher über Meditation, Osho, Klangschalen (ja, auch die), Yogamatten, Yoga-Batik-Pumphosen, Räucherkerzen. Du hast ein Bild vor Augen? Alles ist in Erdfarben gehalten, zugestellt, voll bis unters Dach mit Klimbim. Es riecht nach Weihrauch und Muff.
Also ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mir vergeht da jegliche Lebenslust. Und vor allem jegliche Lust. Es ist alles so angestaubt. Unförmig. Wenig einladend.
Make Spiritualität sexy again, das möchte ich dir gern zeigen.
Vorurteil Nummer 7: Esos haben nie Geld
Esos schnorren sich durchs Leben, weil: siehe Punkt 2. Und dann gibt es auch das krasse Gegenteil, weil: siehe nächster Punkt.
Vorurteil Nummer 8: Esoterik betrügt
Ich widme dem Thema „Hokuspokus“ in diesem Buch ein ganzes Kapitel, denn es gibt viel darüber zu sagen und zu entdecken. Aber die Esoterik hat auch deshalb so einen schlechten Ruf, ist verpönt, weil es – leider – immer wieder Firmen und Menschen gibt, die mit unseren Sorgen, Ängsten und Nöten spielen und uns völlig sinnloses und völlig überteuertes Zeug andrehen, das verspricht, uns zu helfen oder zu heilen. Nicht, weil sie uns helfen oder heilen wollen. Sondern weil sie Kohle machen wollen.
Das ist ein heikles Thema. Darum in Kapitel 7 mehr dazu.
Vorurteil Nummer 9: Esos sind Gutmenschen
Esoteriker machen alles richtig. Sie trinken keinen Alkohol, essen kein Fleisch, sind gütig, machen nie etwas falsch(es). Ähm. Nein. Ich weiß, dass ich nichts weiß, aber das weiß ich: Es gibt keine makellosen Menschen, ohne Laster, die nie etwas falsch machen. Außerdem, wer bestimmt, was „richtig“ ist? Darauf erst mal einen Haselnuss-Schnaps.
Vorurteil Nummer 10: Esos sind unheimlich
Esoterik und Spiritualität werden gern mit „schwarzer Magie“ in Verbindung gebracht. Geister aus dem Jenseits rufen, Rumgespuke, Gläser rücken, Flüche aussprechen. Es stimmt, dass Menschen mit bestimmten spirituellen Gaben „Kontakt“ mit verstorbenen Menschen aufnehmen können, wie ich es im ersten Kapitel beschrieben habe. Aber das macht mich noch lange nicht zur bösen Hexe.
Schaut man sich diese Liste mit all den Klischees an, die sicher noch lange nicht vollständig ist, bekommt man nicht wirklich Bock drauf, oder? Und wenn ich jetzt mal in mich rein horche und mich nach positiven Dingen zum Thema Esoterik befrage, ob mir da etwas einfällt, da kommt: nichts.
Trotzdem möchte ich dich auf „meine Seite ziehen“. Ich möchte dich für die Welt der Spiritualität begeistern. Denn diese hat mit Esoterik wenig zu tun. Esoterik und Spiritualität werden nur immer wieder allzu gern in ein und denselben Topf geworfen. Aber was ist nun der Unterschied?
Esoterik vs. Spiritualität
Ich ziehe ganz klar eine Grenze zwischen Spiritualität und Esoterik. Ich bin spirituell, aber nicht esoterisch.
Aber was ist nun genau was? Esoterik ist eigentlich nur eine Ansammlung von Ritualen und Praktiken. Es geht darum, etwas zu tun, um etwas zu erreichen. Spiritualität hingegen möchte nichts. Es geht ums Sein.
Es ist ein bisschen wie mit Religion und Gott. Gott oder „Die Kraft“ oder an was auch immer du glaubst, braucht keine Religion. Es ist einfach da. Es ist frei. Frei sind Religionen nicht. Im Gegenteil. Es gibt wohl kaum etwas mit mehr Regelwerk als Religion.
Der Autor Bruno Würtenberger formuliert den Unterschied und den Kern wunderbar. Ich möchte seinen Text9 in gekürzten Auszügen an dieser Stelle zitieren:
„Wenn Spiritualität zur Ausrede wird, dann bist du nur noch ein Esoteriker. [...] Echte Spiritualität hat mit Esoterik nichts zu tun. Wie der Name es schon sagt, sollte Esoterik (nach innen gerichtet) eine innere Angelegenheit sein. Im Gegensatz dazu steht die Exoterik (nach außen gerichtet). Alles, was heutzutage unter Esoterik betrachtet und angeboten wird, ist eigentlich nur exoterisch. [...] Wenn man die Esoterik, vor allem die gewöhnliche Konsumesoterik, mal etwas genauer unter die Lupe nimmt, dann wird schnell deutlich, dass wirklich fast alles, was Esoteriker so glauben und praktizieren, leider nur ins Äußere führt.
Und was nach außen gerichtet ist, das erschafft Abhängigkeit. Abhängigkeit von höheren Wesen, Engeln, Meistern und Erleuchteten, Amuletten, Ritualen oder zu Angst vor Gott. Damit dies aber nicht auffällt, wird alles in einen Schleier von Liebe, Tugend und ‚Wahrheit’ gehüllt.
Schnell lernt man als Esoteriker, wie man große und tiefe Erkenntnisse wirklich spiritueller Menschen zur Ausrede umfunktioniert. Mit solchen angeblichen ‚Wahrheiten’ wird dann wie wild um sich herum ge-rat-schlagt.
Spirituelle Menschen jedoch stellen Fragen. Sie schlagen nicht mit Antworten – und schon gar nicht ungefragt – um sich. Sie haben auch kein Interesse daran, jemanden zu bekehren. Spirituelle Menschen leben einfach ihr Leben und dies von ganzem Herzen.
Sie haben nämlich das, worüber Esoteriker meist nur reden, auch wirklich erfahren. Somit könnte man die Esoteriker als Theoretiker und die Spirituellen als Praktiker betrachten. Esoterik spricht von Gefühl, Spiritualität lebt es. [...]
Jeder Mensch ist individuell und einzigartig. Daher führt eine echte spirituelle Schulung bei jedem Menschen zu einem anderen Punkt. Der Begleiter darf und kann nicht genau wissen, wo es hinführt, und er hat keine Vorstellung einer Wahrheit, wohin sein Tun zu führen hätte.
Es handelt sich immer um ein gemeinsames Abenteuer mit ebenso ungewissem Anfang wie auch Ende. ‚Wahrheiten’ stehen da nur im Weg und in der Tat ist das erste, was es zu lernen gilt: Das Loslassen-Können von allem bisherigen Wissen, welches sich unser Verstand angeeignet, in Beschlag genommen und somit blockiert hat. Dies ist allerdings auch die Schwierigste aller Aufgaben, das Aufgeben. Spiritualität ist es, die Dinge nicht nur zu träumen oder über sie zu philosophieren, sondern, sie zu tun.“10
In einem anderen Text11 ergänzt Würtenberger:
Esoterik ist Schönmalerei für Menschen, welche nicht zu Eigenverantwortung bereit sind.
Esoterik ist nichts weiter als positives Denken für spirituell orientierte Menschen. Den reinen Kopfmenschen reicht es, positiv zu denken. Herzensmenschen bevorzugen allerdings Tiefgründigkeit. Und diese wird ihnen durch Rituale, Meditation und viel pseudospirituellem Gerede und Gehabe großartig vermittelt, respektive vorgetäuscht. Und ich sage nicht, dass diese nichts bewirken würde, sondern dass sie uns nicht mit den Kräften in Verbindung bringen die Esoteriker sich eigentlich wünschen. Hauptsache es klingt gut. [...]
Spiritualität jedoch ist etwas vollkommen anderes. Es ist das Bedürfnis nach Einssein mit der Quelle allen Seins. Spirituelle Menschen wollen also nicht Haben, sondern Sein. Das ist der wesentliche Unterschied zu den Esoterikern. Spirituelle Menschen laufen keinem Guru hinterher und befinden sich nicht im Erleuchtungsstress. Sie wollen nicht etwas werden, sondern etwas sein. Und sie wollen genau das sein, was sie sind. Esoteriker wollen immer anders sein und immer besondere Kräfte besitzen. Wenn sie merken, dass daraus nichts wird, dann verwenden sie gerne tiefe Weisheiten als Ausrede für ihr Versagen wie zum Beispiel: „Ich bin gut so, wie ich bin.“ „Alles ist gut so, wie es ist.“ Dies führen sie allerdings nur deswegen an, damit sie nicht über sich selbst enttäuscht sind und vor allem dafür, dass sie an sich selbst nichts verändern müssen. Die von ihnen angeführten Weisheiten stimmen faktisch zwar schon, aber sie sind so nicht gemeint. Auch sie behaupten, dass wir alle Eins sind. Aber sie suchen die Antworten auf ihre Fragen stets im Außen. Rituale finden im Außen statt. Glücksbringer, Geistführer, Engel und Meister sind alle im Außen. [...]
Die dunkle Seite der Macht – wie Meister Yoda es formuliert – kennt nur ein Ziel: Uns alle mit Unwesentlichem vom Wesentlichen abzulenken. [...] Mainstream-Esoterik ist genau so ein Schlafmittel wie Fernsehen, Nachrichten, Hollywood, Alkohol, Medikamente, Partys ohne Ende, Handys etc. Hauptsache es wird nie still!
Still sein ist das, was echte Spiritualität ausmacht. Und zwar die tiefe Stille nicht nur im Außen, sondern auch im Denken. Esoterik ist immer mit Denken verbunden, Spiritualität nicht. Wahre Spiritualität ist Beobachten, nicht mitspielen.
Spirituell ist es, die Stille zu sein, auch in Gedanken. Spirituell ist es, ehrlich zu sein, auch mit sich selbst. Wenn sich Menschen um Spiritualität kümmern, deren Bereitschaft zur Eigenverantwortlichkeit noch nicht gegeben ist, dann entsteht Esoterik. Spiritualität hingegen ist Bewusstseinsforschung. [...]
Somit müssen wir gute Beobachter sein und keine Wissenssucher. Esoteriker wissen von Tag zu Tag mehr – Bewusstseinsforscher wissen mit jedem Tag weniger. Ich weiß, dass ich nichts weiß, ist für die einen bloß ein guter Spruch, für die anderen jedoch Erfahrung und somit eine tiefe Weisheit. Wahre Spiritualität ist nichts was man tun kann, man ist es. [...] Hingabe lautet demnach die Losung und die Lösung. Menschen, die sich dem Göttlichen in sich selbst hingeben, ihrem Herzen vertrauen, authentisch sind und integer leben, das sind die wahren spirituellen Menschen. Also weit jenseits einer esoterischen Welt, in welcher alle allen und vor allem sich selbst etwas vormachen, was sie weder sind noch können.
[...] Jeder Mensch besitzt seine eigene Spiritualität. Diese findet jeder nur in sich selbst, in seinem eigenen Bewusstsein. Da helfen keine Pendel, kein Yoga und keine Rituale. Da hilft nur die Erforschung des eigenen Bewusstseins. Und wer sich auf eine solche Forschungsreise einlässt, der wird seine Ziele mit absoluter Sicherheit auch erreichen. Er wird nicht sein Leben lang damit verbringen, zu erklären, warum er so ist, wie er ist oder weshalb er nicht erreicht hat, was er erreichen wollte. Letztlich suchen wir uns alle nur selbst. Dazu muss ich aber auch bereit dazu sein, mir zu begegnen. Und dies sind Esoteriker leider noch nicht. Die gesamte Esoterik beruht auf Angst. Und alles, was auf Angst basiert, ist schwarzmagisch. [...] Spirituelle Menschen fürchten keine Angst und daher brauchen sie sie auch nicht zu verleugnen. Spirituelle Menschen können Licht und Finsternis feststellen, es gehört zusammen, sie respektieren beide Pole des Seins, Licht und Finsternis. Und sie entscheiden sich bewusst für das Licht. Sie leben die weiße Magie, indem sie das Dunkle nicht bekämpfen, aber es auch nicht immer gewähren lassen. Allem voran entfernen sie alles Dunkle in sich und nicht bloß um sie herum.“12
Esoterik braucht Gedöns und Kram, den man kaufen muss. Spiritualität braucht nichts, um zu wirken. Nur Beobachtung und Bewusstsein. Spiritualität ist echt. Esoterik ist Show. „Spirituelle Menschen leben einfach ihr Leben und dies von ganzem Herzen“, sagt Würtenberger. Ich gehe noch weiter und behaupte: Esoteriker wollen andere Menschen bekehren, belehren, belatschern. Spirituelle Menschen hingegen halten es wie die Kölner, bei denen ich, als Überlingerin vom Bodensee, immer wieder gern bin. In Köln heißt es nämlich so schön: „Jeder Jeck ist anders, leben und leben lassen.“ Wer hätte das gedacht, aber das „Kölsche Grundgesetz“13 besteht aus vielen spirituellen Prinzipien und Leitmotiven. Und auch wenn ich hier, bei mir zu Hause, am See sitze, im kalten klaren Wasser schwimme, was ich so sehr liebe, wird mir immer mehr bewusst, wie wichtig diese Einstellung und Gelassenheit ist. Denn erzeugen wir nicht den meisten Stress und die meisten Dramen, wenn wir versuchen, andere davon zu überzeugen, wovon wir überzeugt sind? Wir sind mit allen und allem verbunden, wir sind eins. Und dennoch dürfen wir uns alle in Ruhe lassen. Wenn jeder er selbst sein darf, seine Geschichte schreiben darf, wir uns alle diese Geschichten und Wege, auch mit Irrungen und Wirrungen, zugestehen, sind wir in Freiheit verbunden. Und Liebe entsteht.
Entgleitet mir jetzt mein Leben?
Meine größte Angst war immer, dass mir mein Leben völlig entgleitet, wenn ich mich auf den Spiri-Pfad begebe. Dass ich zur Klangschalen-Ulla mutiere und durch mein Leben in Räucherstäbchen-Nebel versunken und Kumbaya-my-Lord-singend tanze. Ich will durch mein Leben tanzen, gar keine Frage, aber halt in cool und in Disco. Meine Angst ist in dem Moment verschwunden, als ich mir all der Vorurteile bewusst wurde und begriffen habe, dass niemand mehr Eigenverantwortung für sein Leben übernimmt als spirituelle Menschen. Es ist das komplette Gegenteil des Entgleitens.
Spirituelle Menschen übernehmen nicht nur die volle Verantwortung für ihr eigenes Leben, sondern gestehen auch jedem Menschen um sich herum die entsprechende Eigenverantwortung zu. Ich lebe mein Leben und du darfst dein Leben leben. Ich bin so, du bist anders und das ist gut, darf und soll genauso sein. Spirituelle Menschen akzeptieren andere wie sie sind. Esoteriker können andere Auffassungen nicht ertragen. Spirituelle Menschen drücken niemandem etwas auf. Jeder, so wie er kann und will. Spirituelle Menschen wissen auch, dass eben nicht jeder kann und will. Weil es hundert Gründe dafür gibt. Sie wissen, dass jeder seinen Weg zum Bewusstsein, zur Entfaltung, zur Potenzialausschöpfung nur allein gehen kann. Sie bieten gern Unterstützung an, in Form von Inspirationen, die jedoch niemals ungefragte Ratschläge und Handlungsempfehlungen sind. Sie wissen, was für mich gut ist, muss nicht zwingend für dich gut sein.
Spiritualität leitet sich aus vom lateinischen Wort „spiritus“ ab. Das wird übersetzt mit Hauch, Atem, Lebensgeist. Der Atem fließt durch uns, von ganz allein. Wir müssen nichts dafür tun. Nur sein.
Für mich ist Spiritualität ein Werkzeug, ein Tool. Ich kann damit gestalten. Ich kann entscheiden, wie und wofür ich es nutze. Es ist ein universelles Werkzeug, das ich in verschiedenen Lebenssituationen nutzen darf. Es ist immer da und steht mir stets zur Verfügung.
Ob ich Spiritualität nun auslebe und dabei gern Porsche fahre und Designer-Kleidung trage, einfach weil ich es schön und geil finde, oder ob ich doch mit einer Gitarre im Park im Batik-Rock Friedenslieder vor mich hinklampfe, ist dabei letztlich herzlich egal. Du entscheidest. Ich entscheide. Spiritualität kann und darf so vieles – eigentlich alles – sein. Esoterik baut Grenzen und Zäune um Ideologien herum, die mit aller Macht, wie bei Religionen, verteidigt werden. Engstirnig und doof.
Und an dieser Stelle merke ich, ganz deutlich, dass ich an meinem gelassenen Umgang mit meiner Spiritualität noch weiter arbeiten darf. Denn ich frage mich natürlich schon, warum mich die anfangs erwähnten Dinge – Klangschalen, Batik-Rock, Gruppensingen und Co. – so dermaßen triggern und abtörnen. Warum ich darüber ablästere. Und ich muss zu meinem Schreck erkennen: Verdammt, Saskia, da ist doch auch (noch) eine Eso-Tante in dir! Eine, die sich mit anderen Modellen und Varianten schwer tut. Und letztlich piksen uns ja immer genau die Dinge, die wir in uns tragen, die uns spiegeln.
Make Klangschalen great again!
Im Übrigen sind Klangschalen eigentlich ziemlich coole Dinger. Bei einer Matrix-Fortbildung wurden besagte Instrumente genutzt, um die „Kundalini-Kraft“ (stärkste körpereigene Kraft) in den Teilnehmern zu erwecken. Natürlich habe ich mich darüber amüsiert. Ja, ne, is klar! Aber als die lustigen Dinger dann erklangen, spürte ich diese immense Vibration in mir und noch viel mehr konnte ich wahrnehmen, wie da „etwas“ in mir aufstieg. Der Schall, der Ton, die Wellen, die Vibration, die Energie nahmen den ganzen Raum ein. Ich spürte alles in meinem Körper. Es war ein irres Gefühl. Beruhigend. Angenehm. Vitalisierend. Das tiefe „kloooooooong“, das noch lange nachhalte, holte mich komplett ins Hier und Jetzt, auch weil ich nur auf den langsam immer schwacher werdenden Ton fokussiert war. Ich war unglaublich überrascht, wie schön das war.
So. Jetzt ist es raus. Bitte verrate das mit den Klangschalen aber niemandem. Das bleibt unser Geheimnis, ok? Vielleicht bringt Louis Vuitton ja mal eine Klangschalen-Edition raus. Ich wäre die erste, die zuschlägt.
Versöhnung
Ich habe nun in diesem Part, ich gebe es zu, teilweise ziemlich heftig vom Leder gezogen. Ganz bewusst. Um zu provozieren. Hier und da zu piksen. Denn nur, wenn wir uns den Klischees und Vorurteilen – vor allem auch unseren eigenen – stellen, genau hinschauen, können wir erfahren, was wirklich dahinter steckt.
Der Übergang zwischen Esoterik und Spiritualität ist fließend. Und vielleicht kann man auch sagen, dass Esoterik der Startpunkt ist. Auch wenn Spiritualität keine Rituale und Hilfsmittel für sich beansprucht, so gibt es viele Rituale in der Esoterik, die gut und hilfreich sind, den Menschen wirklich Halt und Hilfestellungen bieten. Und das ist gut. Es kommt immer auf die Dosis an und welche Absicht dahinter steckt. Dazu in Kapitel 7 mehr. Es gibt viele Coaches in der Szene, viele „Lichtarbeiter“, die exzellente Arbeit leisten. Wenn die Arznei hilft und heilt, ist sie gut, egal was und ob überhaupt etwas in ihr drin steckt. Wer sich mit Esoterik beschäftigt, hat dieselben Fragen wie spirituelle Menschen. Er braucht vielleicht am Anfang diese „Krückstöcke“ und Hilfsmittel, weil der Sprung hin zur Spiritualität allein noch nicht machbar ist.
Esoterik-Arbeit ist durchaus wichtig auf dem Weg zur Spiritualität. Und auch ich bin in Anteilen eine „Eso-Tante“. Und vielleicht kann man das auch alles gar nicht voneinander zu hundert Prozent trennen. Und am allerwenigsten möchte die Spiritualität einen Kampf zwischen dem, was vermeintlich „gut“ und vermeintlich „doof“ ist, anzetteln. Denn da würde Spiritualität sich selbst kannibalisieren. Das ist nicht ihr Charakter und sie würde ad absurdum geführt.
Natürlich habe auch ich mich mit vielen Ritualen und Hilfsmitteln aus der Eso-Szene auseinandergesetzt, habe Seminare und Workshops besucht, gelesen und gelernt. Ich möchte diese Welt verstehen. Und hier und da gab es auch Dinge, die mich weiter gebracht haben. Bei denen ich gestaunt habe. Esoterik kann auch die erste Brücke sein, die wir uns trauen zu überqueren, um Dinge los- und hinter uns zu lassen und eine neue Welt zu betreten.
Spiritualität ist Seelenarbeit. Was es genau damit auf sich hat, dazu in Kapitel 4 mehr. Spirituelle Menschen haben ein wesentlich höheres Bewusstsein, haben zu ihrer eigenen Seelenebene Zugang, aber auch zu der von anderen Menschen.
Es gibt einen exemplarischen Witz, der Esoterik wunderbar erklärt, auch wenn dieser mit dem Gottes-Begriff arbeitet:
„Eine Überschwemmung droht das Haus eines alten Mannes in den Fluten zu versenken.Doch als die Feuerwehr vorbeikommt und ihn auffordert zu flüchten, lehnt der alte Mann ab mit der Begründung, dass Gott ihn retten würde, schließlich würde er jeden Tag zu Gott beten und der würde ihn sicherlich nicht einfach so ertrinken lassen. Die Fluten steigen aber immer höher und der alte Mann muss sich auf das Dach seines Hauses retten. Ein Boot kommt vorbei und will den alten Mann in Sicherheit bringen. Doch der lehnt erneut ab, mit der Begründung, dass Gott ihn retten würde, schließlich würde er jeden Tag zu Gott beten und der würde ihn sicherlich nicht einfach so ertrinken lassen. Doch das Wasser steigt höher und höher. Als der alte Mann schon bis zum Hals im Wasser steckt, kommt ein Hubschrauber vorbei, eine Strickleiter wird runtergelassen und er wird aufgefordert sich über die Leiter in den Hubschrauber zu retten. Doch wieder lehnt der alte Mann ab, mit der Begründung, dass Gott ihn retten würde, schließlich würde er jeden Tag zu Gott beten und der würde ihn sicherlich nicht einfach so ertrinken lassen. Die Flut schwillt weiter an und schließlich ertrinkt der Mann. Im Himmel angekommen, begibt er sich schnurstracks zu Gott und beschwert sich: „Also hör‘ mal, ich habe dich mein Leben lang gelobt, habe täglich zu dir gebetet, wieso hast du mir nicht geholfen?“ „Wieso ich dir nicht geholfen habe?“ wundert sich Gott, „Was hätte ich denn sonst noch alles tun sollen? Erst schickte ich dir die Feuerwehr, dann das Boot und schließlich den Hubschrauber!“14
Bei Esoterik verlassen wir uns allzu sehr auf die Esoterik-Zaubermittel. Das Fatale dabei ist: Wir glauben, nichts mehr tun zu müssen. Oder verweigern uns sogar dem „echten“ Leben. Wir vertrauen blind und naiv, lehnen uns zurück. Aber wir vertrauen nicht in uns selbst und das, was ist, sondern klammern uns an etwas, was letztlich im schlimmsten Falle zum Ertrinken führt. Ertrinken im rhetorischen Sinne.
Vertrauen ist ein wichtiger Aspekt bei der Spiritualität. Aber das Vertrauen wird dann genutzt, um aktiv zu werden und unser Leben in unsere Herzbahnen zu lenken. Ganz ohne Hilfsmittel.
Katharine Hepburn war ein Star, eine zeitlos elegante Diva und Schauspielerin, die mit ihrer Klasse heute ihresgleichen sucht. In dem oben genannten Zitat bringt sie es auf den Punkt. Es geht um die Ausstrahlung und eine ganz bestimmte Art der Energie, die ein Star ausstrahlt, die seine Strahlkraft ausmacht und der wir uns oft nicht entziehen können. Wir können es nicht erklären, aber wir fühlen uns auf magische Art und Weise von Menschen mit dieser Strahlkraft, Energie und Power angezogen.
Genau dieses Phänomen zeichnet spirituelle Menschen aus. Und genau das erklärt vielleicht auch – als kleine Schlussfolgerung zum vorherigen Kapitel – warum „Eso-Typen“ uns nicht anziehen, sondern eher abstoßen. Weil sie eben nicht über diese Energie verfügen, sondern lediglich etwas darstellen, was sie nicht wirklich sind. Weil sie Show machen. Das ist nicht echt, das ist unauthentisch. Und unser System hat sehr feine Antenne dafür, wer oder was wahrhaft und echt ist.
Wir fühlen uns von Menschen im Sein, von authentischen Menschen, angezogen. Sie sind wie ein Magnet. Geh doch mal eben deine kleine Liste der Menschen durch, die du wirklich ganz ohne Neid bewunderst, die dich faszinieren, die du toll findest. Bei denen du ein unerklärliches WOW empfindest. Das können Bekannte und Freunde sein, aber auch Prominente. Für was stehen diese Menschen? Sind es nicht meistens Menschen, die ihrem Herzen folgen, die ganz bei sich sind, die glücklich und erfüllt wirken, auch wenn diese ebenfalls so ihre Päckchen zu tragen haben?
Woran erkenne ich einen „spirituellen Menschen“?
Wie schon im vorherigen Kapitel beschrieben, geht es spirituellen Menschen um das SEIN. Um das pure, authentische SELBST-SEIN. Die meisten Menschen verbergen ihr Selbst aus Angst. Auch darauf haben wir im letzten Kapitel schon gemeinsam geschaut. Spirituelle Menschen erkennen wir also nicht an irgendwelchen Erkennungszeichen, besonderen Merkmalen, Kleidung, Habitus, Zubehör etc. Spirituelle Menschen begegnen uns überall. Es kann die Verkäuferin beim Bäcker um die Ecke sein, der Unternehmer mit 460 Mitarbeitern, die Chirurgin im Krankenhaus, der bekannte Schauspieler, die Kindergärtnerin, der Fußballer, der Arbeitslose in der Kneipe, das erfolgreiche Model.
Es gibt also kaum „Erkennungsmerkmale“ und doch gibt es einige Phänomene, die daraufhin deuten, dass du es mit spirituellen Menschen zu tun hast. Und vermutlich wissen die Hälfte dieser Menschen das noch nicht einmal. Weil sie sich gar keinen Kopf darüber zerbrechen. Weil sie einfach sind. Und allein, dass sie nur SIND, macht bereits eines der Phänomene aus.
Ich spreche an dieser Stelle auch nicht zufällig von „Phänomen“, denn ein Phänomen ist laut Duden eine seltene bemerkenswerte Erscheinung, etwas, das sich beobachten und wahrnehmen lässt. In der Philosophie spricht man von einem Phänomen als das Erscheinende, sich den Sinnen Zeigende, der sich der Erkenntnis darbietende Bewusstseinsinhalt. Es ist also etwas, das irgendwie da, aber rational kaum zu erklären und greifbar ist.
Diese Phänomene sind u.a.
» Es scheint, dass diesen Menschen vieles einfach so zufällt.
Alles fällt ihnen irgendwie leicht.
» Sie jammern und motzen kaum. Sie suchen selten „Schuld“ bei
anderen.
» Sie strahlen Fröhlichkeit und Lebendigkeit aus, sie scheinen zu leuchten und „bunt“ zu sein. Sie strahlen regelrecht. Dennoch sind sie keine „Klassenkasper“, sie tragen Tiefe in sich.
» Sie haben diese besondere Aura und Ausstrahlung. Sie werden oft angestarrt. Und niemand kann genau sagen, warum.
» Sie bringen in jeden Raum, den sie betreten, eine besondere, gute Energie. Wenn sie nicht mehr da sind, fehlt etwas.
» Sie sind „ansteckend“, man möchte so sein wie sie und sie verändern Energien in Räumen.
» Sie üben eine ganz besondere Anziehung auf Menschen aus, ohne dass sie das bewusst steuern oder wollen. Sie sind die wahren „Influencer“. Sie sind unbewusst Rolemodels und Vorbilder.
Warum ist das so? Spirituelle Menschen halten ihre Energie, bewusst oder unbewusst, extrem hoch. Und das tun sie völlig ohne Anstrengung und ohne Mühe. Das erklärt die eben beschriebenen Phänomene. Sie sind einfach „da“.
Warum gelingt diesen Menschen das? Weil sie nicht über das Gelingen nachdenken. Weil sie sich von sehr viel Ballast, der die Energie runter zieht, befreit haben. Weil sie frei sind. Weil sie SIND. Und in diesem Zustand passiert die Magie. Ganz ohne unser Zutun.
Was ist das für ein Ballast, von dem es gilt, sich zu befreien?
» Erwartungen anderer erfüllen
» Masken tragen
» Unhinterfragte, einengende Systemregeln
» Ein Leben leben, das nicht DIR und dem, was du bist und kannst,
entspricht
» Angst
» Dinge und Menschen, die uns nicht gut tun
Spirituelle Menschen strahlen Freude, Liebe und Annahme aus. In jedem Moment. Sie haben auch ihre Ups and Downs – so ist es nicht, dass bei ihnen nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Absolut nicht. Aber sie stellen sich den Ups genauso wie den Downs. Sie laufen mit offenem Visier durchs Leben, bereit, alles zu empfangen, was das Leben ihnen so vor den Latz knallt.
Spirituelle Menschen hinterlassen immer eine Wirkung
Spirituelle Menschen hinterlassen immer eine Wirkung. Zu 90 Prozent immer eine positive, wie oben skizziert. Bei den restlichen 10 Prozent ernten sie aber auch völlig gegensätzliche Reaktionen. Abstoßende Reaktionen. Vor allem prallen Neid und Unverständnis auf sie drauf. Denn diese Freiheit, die diese Menschen ausstrahlen, ist nicht jedem geheuer. Spirituelle Menschen schauen hinter die Kulissen der Systeme und brechen gern mal die einen oder anderen gesellschaftlichen Konventionen und Normen. Sie spielen viele Spiele der Gesellschaft einfach nicht mit. Viele selbst kreierte Dramen, die Menschen jeden Tag aufs Neue aus dem Nichts entstehen lassen, perlen an ihnen ab wie Schmutzwasser an der Lotusblüte. Oder Spülwasser an der Teflon-Pfanne.
Der Neid und das Unverständnis kommt dabei so gut wie immer von den Menschen, die sich kaum oder gar nicht mit Spiritualität oder zumindest Esoterik auseinandersetzen. Am Anfang war das für mich überraschend, aber dann logisch. Denn Menschen, die Fragen stellen, die ausbrechen aus Systemen, sind wie Pippi Langstrumpf. Von den Kinder aus dem niedlichen Schwedendorf geliebt, aber die Erwachsenen wollen sie am liebsten wegsperren. Denn sie fühlen sich von Pippis Lebensfreude, Strahlkraft, Unbekümmertheit, Freiheit und Unabhängigkeit bedroht.
Spirituelle, wache und bewusste Menschen können die Schönheit des Lebens und ebenso die Schönheit anderer Menschen „ertragen“ und sich daran regelrecht erfreuen. Sie fühlen sich davon nicht bedroht. Sie wissen, es ist genug für alle da, sie leben in Fülle statt im Mangel. Sie haben keine Verlustangst.
Woran erkenne ich, dass ICH spirituell bin?
Letztlich ist Spiritualität auch nichts anderes als Persönlichkeitsentwicklung. Wir beschäftigen uns mit uns selbst, stellen Fragen, beobachten, verstehen und spüren immer mehr, nehmen anders wahr. Dabei verändern wir uns. Und wenn wir uns verändern, passen wir nicht mehr in das ein oder andere Bild, das andere von uns haben. Das erzeugt Reibung und Konflikte. Aber das ist gut, denn Weiterentwicklung bedeutet eben auch, uns von Ballast – siehe oben – zu befreien.
Wenn du die folgenden Dinge bei dir beobachten kannst, herzlich willkommen auf deiner spirituellen Reise! Du bist mit an Bord!
Kein Verständnis, Neid, kaum Unterstützung, Ablehnung
Meistens sogar von Menschen, die dir sehr nahe stehen. Wenn du an dir arbeitest und auf einmal irgendwie „anders drauf“ bist, bist du nicht mehr die alte, bekannte Version deiner selbst. Es wird genug Menschen in deinem Umfeld geben, die mit dieser Veränderung nicht umgehen können. Sie wollen nicht, dass du dich veränderst, weil sie sich dann auch ändern müssten. Sie möchten dich gern klein halten. „Bleib wie du bist“ ist eigentlich der hinterhältigste Ratschlag und das fieseste Kompliment auf einer Glückwunsch-Karte, das man machen kann.
Was bedeutet das nun für dich? Nimm das als Chance, dich von „Ballast“ zu befreien. Das kostet Kraft und ist ein langer Prozess. Aber wir dürfen uns von Menschen trennen. Dein Umfeld darf sich jetzt verändern. Einige Menschen, die mit deiner Veränderung nicht klarkommen, werden dir den Rücken zukehren. Aber andere – vielleicht sogar aus Ecken, die du nie erwartet hättest – werden sich auf einmal zu dir hinwenden. Altes wird begraben, Neues entsteht. Das ist Leben, das ist Fluss. Das ist alles gut so! Hab keine Angst davor. Sei einfach nur offen und neugierig.
Autsch-Emotionen
Wenn du an dir selbst arbeitest, dich auf diese Reise begibst, ist das immer auch mit Schmerz verbunden. Ich nenne es liebevoll „Wachstumsschmerz“. Wenn Knochen zu schnell als Kind gewachsen sind, tat es ein paar Tage ganz komisch weh. Vielleicht hattest du das ja auch. Das neue Große im Innen passt auf einmal nicht mehr ins kleine Außen. Oft müssen wir auch unsere eigenen Überzeugungen und Weltbilder komplett auf den Kopf stellen. Das ist fordernd auf allen Ebenen. Wir müssen hinschauen, ehrlich sein. Und dabei kann die eine oder andere Erkenntnis richtig doll weh tun. Unterdrücke diesen Schmerz nicht. Lauf nicht davor weg. Er wird vergehen. Und du wirst gewachsen sein. Frieden, Freude und Glücksgefühl wird sich dann in dir ausbreiten. Deine Energie geht nach oben. Und du wirst anfangen zu strahlen.
Weniger ist mehr
Wenn du kaum noch Fernsehen schaust, irgendwie auf einmal auch nicht mehr gern shoppen gehen magst, dich die Chanel-Tasche oder der Porsche, von denen du noch vor zwei Jahren dachtest, dass du das unbedingt willst oder brauchst, auf einmal kalt lassen, dann willkommen im Club. All der ganze Ablenkungs-Quatsch im Außen hat seine Wirkung auf dich verloren. Du willst nicht. Du brauchst nicht. Du verspürst auch kein Verlangen mehr danach. Du rennst nicht mehr in diesem Hamsterrad mit, kaufen kaufen, haben, haben. Du bist ausgestiegen. Das heißt nicht, dass du auf einmal im Wald in einem Eichhörnchen-Nest schläfst und dir ein paar Erdnüsse mit den Chipmunks teilst, aber du bewertest viele materielle Dinge auf einmal anders. Sie sind nicht mehr so wichtig für dich. Du hörst auf, jedem Sonderangebot nachzujagen und sinnlose Dinge anzuhäufen, die du nicht wirklich brauchst und willst. Deine materiellen Wünsche werden sich erheblich vermindern.
Du sehnst dich nach Herz, Hirn und Tiefe
Du hast keine Lust mehr auf Klatsch und Tratsch (naja, vielleicht nur ein ganz kleines bisschen) und auf belanglosen Smalltalk über Wetter oder Politik. Du möchtest Menschen mit faszinierenden Geschichten begegnen und lange, tiefe Gespräche führen. Und es sind genau diese Menschen, die die Phänomen-Eigenschaften wie oben beschrieben, haben, die dich faszinieren, und deren Nähe und Kontakt du suchst.
Du machst einfach
Du übernimmst die komplette Verantwortung für dein Leben. Du fragst nicht um Erlaubnis bei anderen, du wartest nicht auf die richtigen Umstände. Du marschierst einfach los. Du tust nichts mehr, nur um Erwartungen anderer zu erfüllen. Du tust, was du tun musst. Du passt dich nicht mehr an. Du kannst bestimmt NEIN sagen und genauso gut ein lebendiges JAWOLL herausbrüllen.
Und was, wenn ich all das nun nicht in mir erkenne? Keine Panik. Allein, dass dieses Buch aus welchen Gründen auch immer in deine Hände geraten ist, zeigt ja, dass dich etwas ganz schön beschäftigt. Lies einfach weiter. Und dann nimm das Buch in einem halben Jahr noch mal in die Hand, blättere an diese Stelle und vielleicht hat sich bis dahin ja schon einiges getan bei dir. Das Ganze ist ein Prozess. Gib dir Zeit dafür.
Denn eins kann ich dir verraten: Wir alle haben diese Kraft, und letztlich auch Macht in uns, wie ich es oben beschrieben habe. Diese Strahlkraft, diese Energie. Wir sind alle – ui, jetzt wird´s wieder theatralisch – ein Medium Gottes, wir alle sind spirituell. Aber wir verlernen es. Schütten diese heilige und magische Quelle in uns zu. Dazu im nächsten Kapitel mehr. Freu dich drauf!
Eine Art „Vorstufe“ für Spiritualität ist die Hochsensibilität. Was ist das? Es hat nichts damit zu tun, dass du eine empfindliche Mimose mit PMS-Syndrom bist, die bei jeder Kleinigkeit zu heulen anfängt. Hochsensible Menschen nehmen ihre Umwelt, Situationen und Menschen einfach sehr intensiv und stark wahr. Sie saugen alles um sich herum auf, meist fast wie ungefiltert – ob sie wollen oder nicht. Sie sind unfreiwillige Staubsauger von Stimmungen, Geräuschen, Gerüchen, Energien und Reizen jeglicher Art. Sie können das nicht abstellen, die Welt prasselt regelrecht auf sie ein. Sie haben ständig Synapsen-Alarm. Klar, dass man da oft an seine mentalen Grenzen kommt, sich regelrecht verbarrikadieren, abschotten und die Welt aussperren will. Was ist die Folge? Selbstzweifel, Gereiztheit, Erschöpfung, Unausgeglichenheit, Empfindlichkeit, manchmal auch regelrecht Widerwillen gegen diese lärmende Welt da draußen sowie das ständige Gefühl, dass irgendetwas mit einem nicht stimmt.
Hochsensibilität wurde 1996 erstmals von der US-amerikanischen Psychotherapeutin und Universitätsprofessorin Dr. Elaine Aron als HSP (Highly Sensitive Person) definiert und erkannt. Etwa 15–20 % der Menschen weisen diese spezielle Empfindsamkeit auf. Es ist also gar nicht so selten.
Die gute Nachricht gleich vorweg: Sensibilität ist eine Begabung. Ein Geschenk. Wenn wir lernen, damit umzugehen, und es als Geschenk auch wirklich anzunehmen.
Die Autorin Anne Heintze definiert in ihrem Buch „Auf viele Arten anders – Die vielbegabte Scanner-Persönlichkeit: Leben als kreatives Multi-
talent“:
„Hochsensibilität ist eine besonders ausgeprägte Begabung zu feiner, intensiver und empfindlicher Wahrnehmung mit allen fünf körperlichen Sinnen. Hochsensible Menschen leiden oft unter Reizüberflutung durch die vielfältigen Eindrücke, denen sie mit ihren Sinnen ausgesetzt sind.“
Heintze erklärt die hohe Wahrnehmungsfähigkeit biologisch: Das Nervensystem hochsensibler Menschen hat einfach eine erhöhte Empfänglichkeit für Reize. Wo andere dicke Mauern haben und viele Reize gar nicht erst piksen können, lässt das System bei hochsensiblen Menschen ziemlich viel durch. Es ist so gut wie keine Mauer und kein Filter vorhanden. Es fehlt der Türsteher, der die Arme verschränkt und sagt „Ey, stop, du kommst hier ned rein!“. Hochsensible Menschen nehmen mehr Informationen auf als „normale Menschen“ mit dickem Fell, denen vieles entgeht, was ihre hochsensiblen Kollegen unfreiwillig aufsaugen. Man kann Hochsensibilität also schon im wörtlichen und biologischen Sinne als „Dünnhäutigkeit“ begreifen. Die Antennen sind auf Dauerempfang. Und man kann sie nicht einfahren.
Warum das nun so ist, warum das Nervensystem bei hochsensiblem Menschen so durchlässig ist, dafür gibt es bisher noch keine Antworten. Es ist einfach, wie es ist. Und vielleicht fängt der bessere Umgang mit diesem „Geschenk“ damit an, es genau so zu akzeptieren. Ohne Erklärung. Mit Annahme.
Heintze unterscheidet dabei äußere Reize wie Geräusche oder Gerüche (Hochsensibilität) und innere Reize, die sich in Stimmungen, Gefühlen anderer, Erinnerungen und Ahnungen widerspiegeln (Hochsensitivität). Und jetzt wird es in Hinblick auf unsere Spiritualität spannend: Diese Hochsensitivität ist nämlich eine stark ausgeprägte Wahrnehmung über die rein körperlichen Wahrnehmungen mit den fünf Sinnen hinaus. Es ist, so Heintze, der sechste, siebte und achte Sinn. Also Hellsichtigkeit, Hellhörigkeit und Hellfühligkeit. Das definiert sie als Hochbegabung im Bereich Sensitivität. Jeder, der sich nun darin wieder erkennt, darf sich also stolz auf die Schulter klopfen. Hey, wir sind hochbegabt! Ich finde, das klingt ziemlich toll, oder?
Und so ist es kein Wunder, dass sich hochsensitive Menschen zu Spiritualität, Philosophie und Metaphysik (siehe Kapitel 4) hingezogen fühlen. Hochsensitive Menschen verfügen zudem oft über eine stark ausgeprägte Empathie, die bis hin zur Medialität gehen kann. Wer also, genau wie ich, „Stimmen aus dem Jenseits“ hören oder wahrnehmen kann, wie ich es im ersten Kapitel des Buches (meine Begegnung mit meinen verstorbenen Opas) beschrieben habe: Willkommen im Club! Wir spinnen nicht. Wir nehmen nur Dinge wahr, die andere weder wahrnehmen noch nachvollziehen können, wenn wir von unseren besonderen Erlebnissen und Erfahrungen berichten.
Heintze bringt es wunderbar auf den Punkt: „Es ist leicht vorstellbar, wie schwierig der Alltag mit diesen Fähigkeiten sein kann und wie stark ausgeprägt die kommunikative Einsamkeit manchmal ist. Es gibt nur wenige Menschen, mit denen sich über solche Erfahrungen vorurteilsfrei sprechen lässt.“ Mich haben diese zwei Sätze enorm „getröstet“ und mir bei der Bewältigung der Erlebnisse in meiner Kindheit und Jugend (ich bin anders, die anderen verstehen mich nicht) sehr geholfen. Auch einfach zu wissen, es gibt Menschen „da draußen“, die ähnliches durchmachen und Menschen, die dies erkennen und verstehen. Mir hilft das sehr, das nun alles mental „zu verpacken“ und damit abzuschließen.
Viele hochsensible und hochsensitive Menschen wissen nicht, was mit ihnen los ist, und fühlen sich einfach nur von ihren ungewöhnlich intensiven und besonderen Wahrnehmungen überlastet, überwältigt und belastet. Dies zu erkennen ist der erste Schritt, diesen Gaben und Fähigkeiten etwas Gutes und Positives abzugewinnen. Dabei haben hochsensible Menschen ein großes inneres, reiches und vielfältiges Potenzial, was nur leider nicht ausgeschöpft wird. Weil die Annahme und der Zugang dazu fehlt. Denn wie ganz oben beschrieben, schotten sie sich ab, sind dauernd damit beschäftigt, all der Reize Herr zu werden, sich vor ihnen zu schützen. Wozu das führt? Rückzug, Überforderung, Gereiztheit (im wahrsten Sinne des Wortes), emotionale Instabilität – kurz: Sie leiden unter extremem Stress.
Aber: Wir können anfangen, mit ihnen zu leben, sie anzunehmen und darin sogar einen Sinn zu finden. Genau das, was ich getan habe. Ich nutze diese Fähigkeiten nun für meine Arbeit mit meinen Klienten und kann ihnen helfen, u. a. Blockaden zu lösen.
Bist du hochsensibel? Und was „nützt“ dir das?
Wie kannst du erkennen, ob du hochsensibel bist? Nun, vielleicht wirst du dich schon längst in den hier aufgeführten Beschreibungen und Erklärungen wiedergefunden haben. Und vielleicht helfen dir dabei auch die folgenden ergänzenden Fragen:
» Fühlst du dich oft unverstanden?
» Kannst du deine Vergangenheit schlecht abschließen?
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