Read the book: «In den Fesseln der Vergangenheit»
SARA-MARIA LUKAS
IN DEN FESSELN DER VERGANGENHEIT: KATIE & JAYDEN (DANGER MEETS LOVE TEIL 1)
© 2021 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg (www.art-for-your-book.de)
ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-489-4
ISBN eBook: 978-3-86495-490-0
Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.
INHALT
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Autorin
Prolog
Katie lag auf dem Rücken und starrte gegen die Zimmerdecke. Neben ihr schnarchte Trevor. Die Klimaanlage surrte, der Morgen dämmerte bereits und die Umrisse der Möbel im nobel eingerichteten Schlafzimmer wirkten wie bedrohliche dunkle Ungeheuer auf sie.
Sie hatte die ganze Nacht lang wach gelegen, denn am letzten Abend war ihr mit aller Deutlichkeit klargemacht worden, wie sehr man sie verarscht hatte.
Wie hatte sie bloß so dumm sein können? Warum hatte sie nicht viel eher etwas gemerkt? Warum hatte sie Trevor nicht durchschaut?
Liebe macht blind, dachte sie verbittert; der Spruch hatte definitiv seine Daseinsberechtigung.
Wie wunderbar hatte alles begonnen. Es war wie ein Traum gewesen.
Sie hatte Trevor de Winter in einem Café kennengelernt und sich schnell in ihn verliebt. Er war zehn Jahre älter als sie und sehr selbstbewusst gewesen. Sie hatte ihn nur zwei Wochen nach dem Tod ihres Großvaters, ihrem letzten Verwandten, kennengelernt. Es war eine Zeit, in der sie sich sehr allein und einsam gefühlt hatte. Trevor war charmant gewesen, aber gleichzeitig auch selbstsicher, dominant und fürsorglich. Er war genau der Typ Mann, auf den Katie stand. Er hatte ihr erzählt, dass seine Eltern früh durch einen Unfall gestorben waren, genau wie ihre. Das hatte sie von Anfang an miteinander verbunden, mehr als es normal gewesen wäre.
Er war ein Finanzgenie, legte das Geld anderer Leute an, kaufte und verkaufte Aktien. Seine Kontakte managte er diskret und intelligent, er verdiente sehr gut, und Katie hatte es genossen, nicht mehr immer nur sparsam sein zu müssen.
Sie hatte es auch genossen, wenn er ihr die Autotür zum Einsteigen öffnete oder streng darauf bestand, dass sie, anstatt zur Uni zu gehen, im Bett blieb und sich verwöhnen ließ, wenn sie eine kleine Erkältung hatte.
Ja, sie hatte sich von seiner Großzügigkeit, seinem Aussehen und seiner Selbstsicherheit blenden lassen. Er hatte sie schon nach ein paar Wochen ihrer Beziehung gefragt, ob sie ihn heiraten würde, und anstatt auf mehr Zeit zu bestehen, hatte sie zugestimmt, vielleicht auch, weil sie keine Familie mehr hatte und so gern wieder zu jemandem gehören wollte.
Jetzt hasste sie sich für ihre Naivität.
Alles Lüge! Es war alles Lüge und Show gewesen, nur mit dem Ziel, sie in eine Falle zu locken! Was für ein Scheiß!
Als sie zugestimmt hatte, ihn zu heiraten, hatte er um eine stille, heimliche Hochzeit gebeten. Ihre Eltern waren tot und viele Freunde gab es nicht, so war sie damit einverstanden, kein traditionelles großes, fröhliches Fest zu veranstalten. Sie hatten mit zwei Fremden als Trauzeugen vor einem Standesbeamten gestanden und sich in einer kurzen Zeremonie das Ja-Wort gegeben. Als Termin hatten sie den Beginn der Semesterferien gewählt, um anschließend eine ausgedehnte Reise unternehmen zu können.
Bereits während der ersten Tage ihrer Flitterwochen hatte er begonnen, sich zu verändern. Er war ungeduldiger geworden, hatte sie immer öfter stundenlang allein gelassen, angeblich, um sich um seine Geschäfte als Global Player zu kümmern. Am Anfang hatte sie sich nichts dabei gedacht, doch als er aufgehört hatte, mit ihr zu schlafen, sie stattdessen abends ebenfalls lange allein ließ und mit einer Alkoholfahne und unnatürlich vergrößerten Pupillen zurückkehrte, wurde sie allmählich sauer. Manchmal stank er auch nach billigem Parfüm oder hatte Lippenstiftspuren am Hemdkragen.
Er entschuldigte sich, sagte, er müsse manchmal mit Kunden in Nachtclubs gehen, um Geschäfte zu machen, und schenkte ihr teuren Schmuck und Blumen, doch sie entfremdeten sich immer mehr voneinander.
Vor zwei Tagen war die Situation eskaliert. Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er im Badezimmer gekokst hatte. Sie hatte ihn angeschrien und er war wütend aus dem Hotelzimmer gerannt. Daraufhin hatte sie seine Sachen nach Drogen durchsucht, einen zweiten Pass mit seinem Bild gefunden und darin den Namen Mendoza gelesen.
Ihre Welt war zusammengebrochen. Sie hatte ihren Koffer gepackt und wollte nach London zurück, um die Ehe annullieren zu lassen, doch Trevor war zurückgekehrt, bevor sie verschwinden konnte. Er hatte sie mit der Waffe bedroht, als er den gepackten Koffer gesehen hatte, und seine Maskerade vollständig fallen lassen. Seine Eltern waren nicht tot, sondern putzmunter, und er gab zu, Trevor Mendoza zu sein statt ein harmloser Mann namens Trevor de Winter. Und das war das Schlimmste, denn der Name Mendoza war Katie ein Begriff. Als angehende Anwältin mit dem Ziel, eines Tages für die Staatsanwaltschaft zu arbeiten, hatte sie sich mit den großen Namen des weltweiten organisierten Verbrechens beschäftigt, und auf der langen Liste stand Mendoza ziemlich weit oben.
Es war nicht zu fassen! Ohne es zu wissen, hatte sie den Sohn von Carlos Mendoza geheiratet. Vielleicht wäre sie eher darauf gekommen, wenn sie nicht so vertrauensselig gewesen wäre, denn im Internet gab es Fotos der Familie. Sie hätte ihn darauf erkannt, aber natürlich hatte sie nie das Bild ihres Liebsten in Mafiakreisen gesucht.
Trevor telefonierte, während er sie mit seiner Waffe in Schach hielt. Kurze Zeit später wurden sie von mehreren Männern abgeholt und in einer Limousine mit abgedunkelten Scheiben zu einem kleinen Privatflugplatz gefahren. Dort zwang man sie mit vorgehaltener Waffe in einen Hubschrauber, der sie zum Landsitz des Clans flog.
Nachdem der Hubschrauber gelandet war, empfing Carlos Katie wie einen Gast in seinem Büro und schickte seine Männer und seinen Sohn weg, um sich allein mit ihr zu unterhalten. Sie stand mitten im Raum und hatte Zeit, ihn zu mustern, bevor sich die Tür schloss und sie mit ihm allein war. Er war ein alter Mann mit weißen Haaren und einem gebeugten Rücken. Trotzdem wirkten seine Gesichtszüge, die nichts von seinen Gedanken verrieten, nicht harmlos, sondern extrem gefährlich. Die Kälte, die er ausstrahlte, ließ Katie innerlich erstarren. Diesen alten Mann durfte sie auf keinen Fall unterschätzen.
Er schlenderte hinter seinen Schreibtisch und betrachtete sie. An jede Sekunde und jedes Wort, das sie miteinander gewechselt hatten, konnte sie sich erinnern:
«Bitte setz dich, Katie.» Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
«Für Sie bin ich Katinka Fleming», fauchte sie und ballte die Fäuste.
«Für mich bist du die Schwiegertochter, die ich mir immer gewünscht habe.»
«Was für ein Blödsinn.» Sie schnaubte. «Ich wurde hintergangen. Die Heiratsurkunde ist nicht gültig. Die Ehe zwischen Trevor und mir existiert nicht.»
Er lächelte. «Die Urkunde ist korrekt und die Trauzeugen werden das bestätigen. Ein sich liebendes, innig vertrautes Paar ist vor den Standesbeamten getreten und niemand wird die Echtheit der Ehe bezweifeln.» Er machte eine Pause, und seine Augen ruhten so eindringlich auf ihr, dass sie Mühe hatte, dem Blick standzuhalten. Dann fuhr er fort: «Ich kann dich nicht einfach gehen lassen, Katie, ich brauche dich. Zumindest für eine Weile.»
«Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mich in ihre dreckigen Geschäfte verwickeln lasse! Sie unterschätzen mich, Mr. Mendoza. Ich bin kein dummes Weibchen, das sich manipulieren und herumschubsen lässt.»
Er lächelte wieder. «Das weiß ich, meine Liebe, deswegen bist du ja so wertvoll für uns. Trevor sollte dich allmählich auf deine zukünftige Aufgabe vorbereiten, aber leider hat er sich wie ein Dummkopf benommen.» Er seufzte. «Aber ich bin bereit, großzügig zu sein, um das wiedergutzumachen. Jeder hat seinen Preis, und ich bin bereit, dir für deine Kooperation einen guten Preis zu zahlen. Du bist eine intelligente Frau und wirst bestimmt zu schätzen wissen, was ich dir bieten kann. Es geht nicht nur um Geld. Trevor wird irgendwann die Zügel in dieser Familie in der Hand halten und jemanden brauchen, der darauf achtet, dass er … sagen wir mal … nicht allzu viel falsch macht. Du kannst eine der mächtigsten Frauen der Welt werden, Katie. Reizt dich das nicht?»
«NEIN!»
«Ich bin nicht dein Feind, ich will nur dein Bestes.»
«Wir haben nichts zu bereden! Ich bin nicht korrupt!»
Einen Moment blieb es still, dann räusperte er sich. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass du die Nacht in einem unserer Kellerräume verbringen möchtest, um einen klaren Kopf zu bekommen, damit wir uns vernünftig unterhalten können. Setz dich endlich.» Er deutete mit der Hand auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
Stille. Die Sekunden vergingen, und sie begriff, dass sie ihre Gefühle kontrollieren und mit ihm reden musste, denn zumindest im Moment hatte sie keine Chance, sich aus diesem Haus und dieser Familie zu befreien. Sie setzte sich und presste die Lippen aufeinander.
Er lehnte sich zurück, faltete die Hände und lächelte. «Du hast nicht nur einen wachen Geist, du bist auch eine Kämpferin, Katie. Das gefällt mir. Wir brauchen Kämpfernaturen in unserer Familie.»
Sie antwortete nicht, sondern wartete darauf, dass er weiterredete. Und das tat er.
«Du hast deine Eltern früh verloren und ich habe mir immer eine Tochter gewünscht. Wir haben dich lange beobachtet, bevor wir dich als Ehefrau für Trevor ausgewählt haben. Ich freue mich, dich jetzt endlich persönlich kennenzulernen.»
Katie starrte ihn nur an, denn ihr fiel wieder keine passende Antwort ein.
Er beugte sich vor und legte die Fingerspitzen zu einer Raute zusammen. «Was weißt du über den Namen Mendoza?»
«Genügend.»
Er lachte laut. «Da täuschst du dich, meine Liebe. Niemand weiß wirklich etwas über uns, man vermutet nur so einiges. Du gehörst jetzt zu einer der reichsten und einflussreichsten Familien des Landes. Du kannst ein herrliches Leben führen. Was ist daran so schlimm?»
«Ich bin betrogen worden. Ich habe einem drogensüchtigen Lügner vertraut! Die Ehe besteht für mich nicht! Auf der Urkunde steht ein falscher Name, wir haben nichts mehr miteinander zu tun.»
Er seufzte. «Ich verstehe, dass du auf Trevor sauer bist. Er ist jung und leider nicht immer so vernünftig, wie er sein sollte. Den falschen Namen mussten wir ihm besorgen, weil er bei einem Geschäft nicht vorsichtig genug war und auf die Fahndungslisten der Polizei geraten ist. Ich werde ein ernstes Wort mit ihm reden müssen. Er wird dir in Zukunft mit mehr Respekt begegnen, das verspreche ich dir. Ihr müsst keine Bilderbuchehe führen; solange der Schein nach außen gewahrt bleibt, reicht das völlig. Bleibt für ein paar Jahre das Ehepaar de Winter, danach kannst du dich meinetwegen auch offiziell von ihm trennen.»
«Warum? Was soll das alles?»
«Du wirst mal eine hervorragende Staatsanwältin sein. Bereits in den nächsten Semesterferien absolvierst du ein Praktikum in der Staatsanwaltschaft und bekommst interessante Einblicke in Akten, die uns bisher verschlossen sind. Du wirst Karriere machen, und es spricht nichts dagegen, dass du eines Tages in die Politik gehst. Du könntest sogar Premierministerin werden.»
Er zwinkerte und sie kapierte. Der Clan brauchte einen Insider in der Staatsanwaltschaft und plante langfristig mit ihr in dieser Rolle. Die Ehefrau eines Mafioso im Parlament wäre natürlich sehr praktisch.
«Nein.»
Er lehnte sich zurück, griff nach einem Kugelschreiber und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. «Ich dachte, du würdest an deinem Leben hängen.»
Er sagte den Satz so beiläufig, als ob er übers Wetter reden würde, doch sein Blick glitzerte wie die blanke Schneide eines Schwertes. Dann lächelte er plötzlich wieder. «Ich meine natürlich dein Leben im Luxus, das Leben, das dein Ehemann dir bietet.»
Katie wusste sehr genau, was er meinte. Sie schluckte und nickte. «Ich verstehe.»
Carlos stand auf, holte zwei Gläser und eine Flasche Cognac aus einem Schrank und schenkte für sie beide ein. Als er ein Glas vor ihr auf dem Schreibtisch abstellte, nickte er ihr zu. «Mach nicht so ein schockiertes Gesicht, meine Liebe. Du bist intelligent, nervenstark, ehrgeizig und realistisch. Du wirst ein sehr glückliches Leben führen und eine tolle Karriere machen. Für das, was ich dir anbiete, würden andere Frauen morden.» Er lachte. «Keine Sorge, das verlange ich gar nicht von dir. Für derartig profane Aufgaben haben wir genügend Männer auf unseren Lohnlisten. Wir stoßen jetzt auf eine erfolgreiche Zukunft an, und dann erkläre ich dir im Detail, was ich von dir erwarte.»
«Und wenn ich mich weigere? Sie können mich nicht ständig kontrollieren, wenn ich in der Staatsanwaltschaft arbeiten soll.»
Er zuckte mit den Schultern. «Du kannst deine Karriere vergessen, wenn rauskommt, dass du heimlich einen Mafioso geheiratet hast. Wir haben eine zweite Heiratsurkunde ausstellen lassen, in der du die Ehefrau von Trevor Mendoza bist, und du kannst mir glauben, die Unterschrift wird niemand als Fälschung erkennen. Ich habe wahre Künstler für derartige Aufgaben in unserer Organisation. Außerdem können jede Menge Leute bezeugen, was für ein glückliches Paar ihr gewesen seid. Die Urkunde liegt hier im Tresor, und dort bleibt sie auch … solange du kooperierst.»
Trevor räusperte sich im Schlaf und Katies Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Sie war in einer Luxusvilla eingesperrt, und ihr Leben hing davon ab, ob sie bei dem Arrangement mitspielte oder sich weigerte. Sie sollte Katie de Winter bleiben, um einen Fuß in die Staatsanwaltschaft zu bekommen, was ihr mit dem Familiennamen Mendoza natürlich niemals möglich wäre.
Sie würde mitspielen. Aber nur zum Schein. Katinka Fleming würde kein Opfer, kein Spielball, keine Marionette eines Mafiaclans sein. Carlos Mendoza würde sich noch wundern. Oh ja! So einfach konnte man sie nicht manipulieren. Er und sein widerlicher Sohn würden eines Tages Albträume von ihr haben, wenn sie den Rest ihrer jämmerlichen Leben in Zellen verbringen mussten, in denen sie durch die Staatsanwältin Katinka Fleming gelandet waren.
Durch sie wollte Carlos Mendoza einen Fuß in die Staatsanwaltschaft und die große Politik bekommen. Das war ein Fehler, den er bitter bereuen würde.
Sie würde sich zum Schein fügen und mitspielen, doch sobald man sie nicht mehr auf Schritt und Tritt bewachte, würde sie aktiv werden. Ihren Ehemann würde sie mittels einer anonymen Anzeige loswerden, die Trevor de Winter als Trevor Mendoza outete. Das sollte ihn in den Knast bringen oder ihn zumindest dazu zwingen, wieder unterzutauchen, denn es bestand ja immer noch der Haftbefehl.
Aber vorher musste sie Beweise sammeln, um sich auch gegen den Zugriff durch seinen Vater zu schützen. Seit Jahren arbeiteten die Behörden daran, den Mendoza-Clan zu zerstören. Sie war nun mittendrin und würde bestimmt genug Material finden, um Carlos dazu zu zwingen, sie in Ruhe zu lassen. Während ihres Studiums hatte sie sich nicht nur mit Rechtswissenschaften beschäftigt. Sie wusste über die Methoden der Kriminellen Bescheid, wusste, wie man Geld wusch, und kannte sich im Darknet aus. Sie wusste, wie man mit versteckten Kameras und Abhörgeräten arbeitete, wusste, wie man Informationen so gut verstecken konnte, dass sie auch durch die Anwendung von Foltermethoden nicht verraten werden konnten.
«Fuck, Carlos Mendoza, du schmieriger, böser alter Mann, du wirst es bitter bereuen, mir mein Leben gestohlen zu haben. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist», flüsterte sie in die Stille des Schlafzimmers, schloss die Augen und schlief ein.
Kapitel 1
Zwei Jahre später
«Und du willst tatsächlich wochenlang allein in der Einöde leben?»
«Da ist keine Einöde, sondern ein Cottage, dessen Nachbarn nur etwas weiter voneinander entfernt wohnen als hier in der Stadt.» Katie lehnte sich zurück und trank einen Schluck Kaffee.
Dana winkte ab. «Es ist eine klitzekleine Hütte mit einem verwilderten Garten, umgeben von gaaaanz viel Land, ohne Menschen und weitab jeder Zivilisation. Kein Pub, kein Café, keine Mitbewohnerin, kein Sex … nur du allein in diesem alten Haus. Was für eine furchtbare Vorstellung!»
Katie gluckste. «Genau deshalb ist es perfekt geeignet, um dort meine Abschlussarbeit zu schreiben.»
«Manchmal beneide ich dich um deine Disziplin. Wenn andere noch schlafen, arbeitest du schon in der Bäckerei, anschließend gehst du zur Uni und lernst am Abend und schläfst ein paar Stunden, bis um drei der Wecker klingelt und du wieder Brötchen backen gehst. Du bist in der Uni die Beste des Jahrgangs, und dabei nicht mal einer dieser total verschrobenen Nerds, sondern du feierst gerne und bist witzig. Woher nimmst du so viel Energie?»
Katie stand vom Frühstückstisch auf und begann, die Lebensmittel vom Tisch in den Kühlschrank zu räumen. «Ich bin ganz normal, wie du und alle anderen.» … habe bloß bereits Erfahrungen im Leben gemacht, die mir das, was ich jetzt habe, dreimal so wertvoll erscheinen lassen, wie es für Leute in unserem Alter normal wäre, führte sie den Satz im Geiste weiter. Doch davon musste Dana nichts wissen. Katie redete nicht über die siebzehn Monate ihrer Ehe, die mehr einer Gefangenschaft als einer Beziehung geähnelt hatten. Das Kapitel war abgeschlossen. Sie sah nach vorn, beobachtete akribisch die Menschen, die ihr begegneten, und versuchte, trotz aller Gefahren ihre neu gewonnene Freiheit zu genießen.
Dana stöhnte. «Das glaubst auch nur du. Oder hast du deine ganze Kindheit auf der Farm deiner Großeltern verbracht?»
«Ja, und es war herrlich. Ich könnte mir keine bessere Kindheit vorstellen.» Katie lächelte, während sie das Marmeladenglas zuschraubte. «Ich war ja noch sehr klein, als meine Eltern durch den Unfall starben und meine Großeltern mich bei sich aufnahmen.»
Dana zuckte seufzend mit den Schultern. «Melde dich wenigstens regelmäßig bei mir, damit ich mir keine Sorgen um meine Mitbewohnerin machen muss.»
«Sei nicht albern.»
«Okay, dann melde dich wenigstens, wenn die Einsamkeit dich depressiv macht.»
Katie verdrehte die Augen. «Versprochen, und nun sieh zu, dass du loskommst. Du willst doch bestimmt nicht am ersten Tag im neuen Ferienjob zu spät kommen.»
«Zu Befehl, holde Freundin.» Dana sprang auf und breitete die Arme aus. «Lass dich umarmen, Süße. Ich bete für dich, dass du die Einsamkeit ohne bleibende Schäden im Kopf überstehst.»
Katie schüttelte den Kopf. «Du Spinnerin.» Sie fielen sich in die Arme. «Du redest, als ob ich zu einer Abenteuerreise durch die Sahara aufbrechen würde.»
«So ähnlich fühlt es sich auch an.»
«Anstatt dir über mich Sorgen zu machen, treib du es in den Nächten nicht so doll, während ich nicht da bin. Denk dran, ich kann nicht auf dich achtgeben.»
Dana winkte ab. «Mach dir keine Sorgen. Ich habe mir fest vorgenommen, in den nächsten Wochen um Bars und Clubs einen weiten Bogen zu machen. Schließlich jobbe ich in der Anwaltskanzlei, in der ich nach dem Studium arbeiten möchte. Da sollte ich wohl einen halbwegs soliden Eindruck machen.»
«Stimmt. Hauptsache, du vergisst das nicht, wenn Claire und Pam dich abends überreden wollen, um die Häuser zu ziehen.»
«Zu Befehl.» Dana griff nach ihrer Jacke und ging in den Flur. «Bye, Süße, bis in drei Monaten.»
«Bye-bye, Dana.»
Die Tür klappte zu und wohltuende Stille breitete sich in der Wohnung aus. Leise eine Melodie summend, räumte Katie die Küche auf und schlenderte in ihr Zimmer, um ihren Koffer zu packen. Sie freute sich auf die schottische Ostküste und den Ort ihrer Kindheit.
Das Handy klingelte. Katie griff danach. Die Nummer war ihr nicht bekannt. «Ja?», meldete sie sich zögernd.
«Ich bin’s.»
Als sie die heisere Stimme von Carlos Mendoza hörte, stellten sich ihr sofort die Nackenhaare auf. «Was willst du?»
«Dich warnen. Hör mir einfach zu.»
Sie wartete und er räusperte sich.
«Trevor ist im Moment etwas außer Kontrolle.»
«Was meinst du?»
«Die Drogen vernebeln ihm den Verstand. Er hat dumme Ideen. Er könnte dich angreifen.»
Katie schnaubte. «Hast du Angst, dass meine Beweise gegen dich und deinen Clan öffentlich werden?»
Er seufzte. «Ich bekomme ihn wieder unter Kontrolle, nur im Moment ist es etwas schwierig. Wo verbringst du die Semesterferien?»
«Ich besorge mir nachher am Flughafen ein billiges Last-Minute-Ticket für einen Strandurlaub.»
«Wir werden auf dich aufpassen.»
«Danke. Kein Bedarf.»
Er seufzte. «Sei in der nächsten Zeit vorsichtig.»
Es klickte. Das Gespräch war beendet.
Katies Knie waren weich. Sie setzte sich auf den Rand ihres Bettes und dachte nach.
Sie hatte sich kurzfristig zu der Reise in das Haus ihrer Kindheit entschlossen. Niemand wusste, dass sie dort ihre Ferien verbringen wollte. Außerdem kannte Trevor den Ort nicht. Sie hatte zwar damals von ihren Großeltern erzählt, aber nie, dass ihr das Haus noch gehörte. Sie hatte sich nach dem Tod ihres Großvaters nicht um den Verkauf bemüht, und als sie dann Trevor kennengelernt und so schnell geheiratet hatte, war es beinahe in Vergessenheit geraten. Nun stand es schon fast zwei Jahre lang leer, und es wurde Zeit, dass sie sich darum kümmerte. Ja, je länger sie überlegte, desto sicherer war sie: Sie könnte sich in Kingscandle so sicher fühlen, wie sie sich vor ihrer Ehe überall gefühlt hatte. Dort würde er sie nicht suchen, und dass Carlos’ Leute, die sie garantiert beobachteten, sie aus den Augen verlieren würden, dafür würde sie sorgen. Vermutlich waren ihre Aufpasser schon unterwegs zum Flughafen, um sie dort zu überwachen.
Schnell packte sie ihre Reisetasche. Bei dieser Reise war es nicht schwer, die passende Kleidung zu wählen. High Heels und modische Outfits waren überflüssig, denn im Zuhause ihrer Jugend reichten Jeans, Sweatshirts, Sneakers und ein paar dicke Pullover für kalte Tage. Die Winterzeit mit Eis und Schnee war zwar vorbei, aber im Mai und Juni konnte es am Meer noch ganz schön windig und kalt werden.
Katie warf einen Blick auf die Uhr. Viel Zeit sollte sie sich mit dem Reiseantritt nicht mehr lassen. Irgendwann würden sich Carlos’ Leute wundern, warum sie nicht am Flughafen eintraf.
Zum Glück hatte man in London inzwischen das Trimester abgeschafft und dafür das Semester eingeführt, sodass eine lange Sommerpause zustande kam, die sie nun nutzen wollte, um ihre Masterarbeit zu schreiben und das Haus zu verkaufen.
Ob Dana recht hatte? War es vielleicht doch keine so gute Idee, vier Monate in dem alten Haus ihrer Großeltern zu verbringen? Seit Katie in London wohnte, hatte sich ihr Leben extrem verändert. Sie war nicht mehr das naive Dorfmädchen, sondern eine Frau, die nach den miesen Erfahrungen in ihrer Ehe mit dem Scheißtypen, an dessen Namen sie nicht einmal denken, geschweige denn ihn aussprechen wollte, selbstbewusst an ihrer Karriere bastelte. Sie liebte die Großstadt, die Menschen, ihre modischen Klamotten und das Nachtleben. Sie liebte es auch, dreimal in der Woche um drei Uhr aufzustehen, um in der Großbäckerei zu schuften und sich so ihr Studium zu finanzieren. Sie liebte alles in ihrem Leben, aber vor allem ihre Selbstbestimmtheit, weil sie wusste, wie knapp sie lebenslanger Abhängigkeit und Gefangenschaft entkommen war.
Nein, Dana hatte nicht recht mit ihren Befürchtungen. Sie wusste ja nichts von der ständigen Bedrohung, der Katie ausgesetzt war. Sie würde die Zeit in Schottland auf jeden Fall genießen. Sie hatte das Studium fast geschafft, es fehlten nur noch ein paar Prüfungen, aber vorher musste die Masterarbeit geschrieben werden. Was eignete sich besser zum Lernen als ein letzter Aufenthalt in der Welt ihrer Kindheit? Seit Grandpa so plötzlich und unerwartet gestorben war, stand das Haus leer, und sie musste sich endlich überwinden, es zu entrümpeln, damit sie es verkaufen konnte. Das Geld aus dem Verkauf würde sie anlegen und es vielleicht in ein paar Jahren als Startkapital für eine eigene Kanzlei nutzen.
Das Telefon klingelte und Katie ging ran.
«Hey, Sweety, gehst du heute Abend mit? Benni gibt einen aus. Er hat gestern seinen Arbeitsvertrag unterschrieben.»
Katie ließ sich auf ihren Bettrand nieder und seufzte. «Nein, Claire, ich verreise.»
«Ach ja, du willst dich ja irgendwo vergraben, um deine Masterarbeit zu schreiben, stimmt’s? Dana hat’s erzählt, hatte ich vergessen, sorry.»
«Stimmt. Ich werde die nächsten Wochen im Cottage meiner Großeltern verbringen.»
«Ich habe keine Lust, mir damit meine Ferien zu versauen. Ich wünsche dir trotzdem einen schönen Sommer. Such dir für die Abende wenigstens einen Urlaubsflirt.»
Katie gluckste. «Kein Bedarf. Danke. Dir auch einen schönen Sommer, Claire.»
Katie legte auf und schüttelte den Kopf. Manchmal wurde ihr doch sehr deutlich bewusst, dass ihr Leben bisher anders verlaufen war als das ihrer Kommilitonen. Sie hatte in der Uni erzählt, dass sie diesen Sommer ihrer Facharbeit widmen würde, doch Claire vergaß solche Informationen schnell. Sie lebte im Jetzt und nahm alles leicht. Nichts war wichtig außer Männern, Nachtleben, Cocktails und Sex. Claires Eltern finanzierten ihr das Studium, und es kam nicht so darauf an, ob sie dieses oder erst nächstes Jahr fertig werden würde oder sich vielleicht sogar dafür entschied, alles hinzuschmeißen, um einen ganz anderen Beruf zu erlernen.
Wenn man, so wie Katie, keine Angehörigen mehr hatte und sich nebenbei auch noch vor dem Zugriff einer Mafiafamilie schützen musste, konnte man es sich nicht leisten, so sorglos in den Tag hinein zu leben wie Claire, für die Sicherheit und Reichtum selbstverständlich waren.
Katie sah auf die Uhr und sprang auf. Es wurde Zeit abzureisen, wenn sie nicht erst mitten in der Nacht am Cottage ankommen wollte.
Um ganz sicher zu gehen, ihre Aufpasser abzuschütteln, falls sie nicht schon zum Flughafen unterwegs waren, verließ sie das Haus durch die Hintertür und schlich durch das Gestrüpp neben dem Weg zu den Garagen. Bevor sie ihr Auto herausholte, wartete sie einen Moment und sah sich in alle Richtungen um. Niemand folgte ihr. Sehr gut.
***
Jayden beachtete die halb nackten Tänzerinnen auf der kleinen Bühne nicht, die sich vor einer Horde geifernder Männer im Scheinwerferlicht rekelten.
Er saß mit den beiden Typen, die er für den Job engagiert hatte, in einer etwas ruhigeren Ecke der Bar.
Ein letztes Mal betrachtete er die Bilder, die vom häufigen Falten längst eingerissen waren. Das eine war die Kopie einer Heiratsurkunde, das andere zeigte das glückliche junge Paar. Seitdem er die Fotos per Mail von seinem Informanten geschickt bekommen hatte, hatte er sie oft angesehen, manchmal stundenlang.
Endlich war er dem Schwein auf die Spur gekommen. Dieser Mistkerl war schuld daran, dass Jayden seine Familie verloren hatte. Er war knapp sechzehn Jahre alt gewesen, als ihm dieses sadistische Arschloch alles genommen hatte, und seitdem bestimmte allein der Durst nach Rache sein Leben.
Zehn Jahre lang hatte Jayden auf der ganzen Welt nach Trevor Mendoza gesucht und nun beobachtete er bereits seit acht Monaten seine Ex.
Seine angebliche Ex, denn alle Welt wusste, wenn ein Mitglied der Mafia eine Frau heiratete, war dies endgültig. Entweder hielt die Ehe, oder die Partnerin starb auf mysteriöse Weise. Eine Scheidung käme niemals infrage, denn eine Ehefrau besaß viel zu viel Insiderwissen, mit dem sie zur Polizei laufen könnte. Aber diese Frau hatte angeblich keine Ahnung davon gehabt, dass ihr Ehemann ein Mendoza war, und sich von ihm getrennt, als nach einem anonymen Hinweis bei den Behörden sein falscher Name herausgekommen war, er von der Polizei gesucht wurde und untergetaucht war.
Bullshit! Die angebliche Trennung sollte nur dafür sorgen, dass Katie Karriere in der Staatsanwaltschaft machen konnte. Dafür musste ihre Weste weißer als weiß sein, und der Name Mendoza wirkte wie ein Unheil bringender Grauschimmer. Also hieß es offiziell, sie hätte nichts von der falschen Identität ihres Gatten gewusst und sich von ihm getrennt. Schlau, aber nicht schlau genug.
Jayden hatte die Geschichte keine einzige Sekunde lang geglaubt und nun konnte er endlich aktiv werden. Er stand kurz vorm Ziel. Über diese Frau würde er an Mendoza herankommen und sich an ihm rächen.
Der Mistkerl hatte jahrelang unter falschem Namen gelebt, was ihn lange vor seiner Rache geschützt hatte. Erst als er geheiratet hatte, war er wieder aufgetaucht. Jaydens Informanten hatten ihn erkannt, als der angebliche Mister de Winter mit seiner Ehefrau den Familiensitz der Mendozas besucht hatte. Seit der angeblichen Trennung von de Winter alias Mendoza und seiner Frau versuchte Jayden herauszufinden, wann und wo sie sich heimlich trafen, denn er war überzeugt davon, dass sie es taten.
Am Vorabend hatte er bei einem Flirt mit einer ihrer Kommilitoninnen erfahren, dass Katie ganz allein zum Haus ihrer Großeltern gefahren war und dort ihre Semesterferien verbringen wollte. Das war in Schottland und seine Chance. Er hatte keine Lust mehr, zu warten und sie zu beobachten, er wollte endlich Fakten schaffen. Er musste zwar alles viel schneller organisieren, als ihm lieb war, aber das konnte ihn nicht davon abhalten, sie sich zu schnappen, um anschließend ihren Mann in eine Falle zu locken.
Mit zusammengepressten Lippen betrachtete er die junge, schlanke Frau auf dem Bild, die neben Trevor stand und sich an seine Brust lehnte. Sie hatte braune Haare, die ihr wellig über die Schultern fielen, ein spitzes Kinn, blaue Augen und ein einnehmendes Lächeln. Würde er sie auf der Straße treffen, würde er zweimal hinsehen und hätte die Idee, einen Finger unter dieses Kinn zu legen, damit sie den Kopf heben und ihn anlächeln müsste. Aber das Lächeln war bestimmt aufgesetzt und das freundliche Gesicht nur eine Maske, unter der sich eine kaltschnäuzige, geldgierige Ziege verbarg, die sich mit einem Mafia-Arschloch zusammengetan hatte.
Ihre Eltern waren früh bei einem Unfall ums Leben gekommen, und sie war bei ihren Großeltern aufgewachsen, die inzwischen ebenfalls gestorben waren. Katinka Flemming, oder Katie de Winter, wie sie sich als Trevors Ehefrau kurzfristig genannt hatte, hatte außer dem renovierungsbedürftigen Cottage ihrer Großeltern nichts geerbt, konnte es sich aber trotzdem leisten, in London Wirtschaftsrecht zu studieren. Sie hatte beste Chancen, Staatsanwältin zu werden, und würde, in Anbetracht ihrer ausnahmslos guten Zeugnisse, eine steile Karriere hinlegen.
Das Studium wurde ihr garantiert von dem organisierten Verbrechen finanziert. Sie würde also eine korrupte Staatsbedienstete werden, eine äußerst effektiv nutzbare Marionette der Mafia.
Seit Wochen beobachtete er Katie Flemming und wartete auf die perfekte Gelegenheit, sie in seine Gewalt zu bringen. Sie war die Person, durch die er an Trevor herankommen würde. Morgen war es so weit. Endlich – und völlig überraschend - hatte die Warterei ein Ende. Nie hatte es eine bessere Gelegenheit gegeben, sie als Geisel zu nehmen, um an Mendoza ranzukommen.
Ich werde mich nicht von dir verarschen lassen, du miese kleine Kröte. Du wirst mir verraten, wo ich deinen Mann finde, drohte er ihr im Geiste, bevor er das Foto faltete und es zurück in die Mappe steckte. Er überdachte noch einmal seinen Plan. Da die Informationen über ihre Abreise so plötzlich gekommen waren und er alles so eilig hatte organisieren müssen, bestand die Gefahr, dass er Fehler machte. Vor allem gefiel es ihm nicht, dass er nun Helfer organisieren musste, die er nicht wirklich kannte. Aber er hatte keine andere Wahl. Die Chance war einmalig und die Zeit zu kurz, um sorgfältiger nach passenden Männern zu suchen.
Er stand auf. Bevor er die Bar verließ, nickte er den beiden Männern zu, die er für die Durchführung seines Plans eben engagiert hatte, nachdem der Kontakt über Mittelsmänner im Darknet entstanden war. «Wir verlassen London morgen früh um sechs Uhr.»
Karim nickte, griff nach seinem Whiskyglas und leerte es in einem Zug. Aaron grinste. «Alles klar, Boss. Wir folgen deinem Wagen mit den Motorrädern und freuen uns schon aufs geruhsame Landleben.»
Kapitel 2
Katie packte einige Konservendosen zu den frischen Lebensmitteln in ihrem Einkaufswagen, dann hatte sie alles, was sie brauchte, und schob ihn an den uralten Tresen. Neben der antiquarisch anmutenden Registrierkasse stand immer noch das große Glas mit Süßigkeiten, aus dem sich die Kinder bedienen durften, wenn sie mit den Eltern zum Einkaufen kamen. So war es immer gewesen, und so würde es wohl auch immer bleiben, solange es Meyers Laden in Kingscandle gab. Hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Katie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie sich als kleines Mädchen auf die Zehenspitzen gestellt und mit einer Hand am Tresen festgekrallt hatte, um mit der anderen in das Glas zu greifen. Am meisten hatte sie sich immer gefreut, wenn sie einen von den dunkelroten Kirschlollis erwischt hatte.
In diesen Teil des Landes verirrten sich nur selten Touristen, denn der Ort war genauso langweilig wie die Landschaft drumherum.
Carl Meyer junior führte das Geschäft, seit Carl Meyer senior in den Ruhestand gegangen war, und als er hinter den Tresen trat, musste Katie unwillkürlich schmunzeln. Der Junior hatte bereits schneeweiße Haare und eine Halbglatze, aber trotzdem blieb er in den Köpfen der Menschen hier der junge Meyer. So war das eben in einem kleinen Dorf wie Kingscandle.
Er tippte die Artikel aus ihrem Einkaufswagen in die Kasse ein und nannte ihr den Preis. Katie zückte ihre Karte und hielt sie ihm entgegen.
Mittlerweile konnte man sogar in diesem Geschäft bargeldlos bezahlen, was nun auch schnell erledigt war.
Als sie die Karte wieder einsteckte, nickte er ihr zu. «Hast du die erste Nacht in dem alten Haus gut überstanden?»
«Ja. Nachdem ich das Gröbste sauber gemacht und zwei Stunden lang gelüftet hatte, konnte ich es gut aushalten.»
«Funktionieren die Wasserhähne noch oder sind sie eingerostet?»
Katie winkte ab. «Alles in Ordnung, nur die Scharniere der Haustür musste ich ölen, weil sie furchtbar quietschten.»
Er nickte. «Dann wünsche ich dir eine schöne Zeit in deiner alten Heimat, Mädel. Wenn du bei irgendwas Hilfe brauchst, ruf an. Du weißt, dass eure Nachbarn inzwischen ebenfalls weggezogen sind, oder?»
Katie nickte. «Ja, das hat Grandpa mir kurz vor seinem Tod erzählt. Wurden die Häuser verkauft oder stehen sie leer?»
«Die alte Hütte von Henry steht leer, aber das große Cottage der Familie Jameson wurde vor vier Monaten an einen Ausländer verkauft, der es als Ferienhaus nutzen will. Es muss ein reicher Typ sein, denn er hat es aufwendig renovieren lassen. Aber es hat ihn noch niemand gesehen.» Er machte eine vage Handbewegung und verzog das Gesicht. «Keine Ahnung, was das für ein Kerl ist. Wir sind alle misstrauisch. Warum steckt jemand in dieser Gegend so viel Geld in ein altes Haus? Schließ nachts bloß sorgfältig ab, Katie!»
«Mach dir keine Sorgen um mich, Onkel Carl. Ich komme klar, ich bin ja schon ein großes Mädchen.» Katie zwinkerte, als sie ihn scherzhaft so ansprach, wie sie es aus Kindheitszeiten gewohnt war, griff nach den Einkaufstüten und wollte sich zum Ausgang des kleinen alten Ladens drehen.
Doch der Besitzer lachte und drängte sie sanft zur Seite. «Das ist nicht zu übersehen. Ich bringe dir die Sachen trotzdem zum Auto.» Er nahm ihr die Tüten ab und sie verließen nebeneinander das Geschäft. «Wie lange bleibst du?», fragte er sie.
«Bis zum Ende der Semesterferien. Ich muss mich ja um den Verkauf des Cottages kümmern und hoffe, ich finde überhaupt Interessenten. Der Zustand des Gebäudes ist nicht der beste. Als ich gestern ankam, roch es in den Räumen muffig und feucht.»
Carl nickte. «Du kriegst das schon hin. Du wirkst so souverän und erwachsen, ich hätte dich fast nicht wiedererkannt. Dich haut so schnell garantiert kein Makler übers Ohr, da würde ich meine Altersversorgung verwetten.»
Katie gluckste. «Wenn du mich schon in meinen alten Jeans so einschätzt, solltest du mal die Klamotten sehen, die ich während meiner Praktika in den Anwaltspraxen trage.» Sie seufzte. «Hätte ich gewusst, dass Grandpa so plötzlich stirbt, wäre ich trotz des zeitaufwendigen Studiums öfter gekommen, um ihn zu besuchen. Doch immer, wenn ich anrief, prahlte er, wie gut es ihm geht und wie wohl er sich fühlt.»
«Mach dir keine Gedanken. Es ging ihm wirklich gut, er hatte den Tod deiner Großmutter verwunden und war sehr stolz auf seine Enkelin. Er plante sogar, dich zu deinem Abschluss in London mit einem Besuch zu überraschen. Niemand konnte ahnen, dass sein Herz so plötzlich schlappmachen würde.»
Katie öffnete die Kofferraumklappe ihres Kombis, Carl stellte ihre Einkäufe hinein und sie schüttelte ihm die Hand. «Danke. Auch dafür, dass du in den letzten Jahren immer für Grandpa da warst, wenn er jemanden brauchte.»
«Dafür brauchst du mir nicht zu danken, das habe ich gern gemacht.»
Sie schloss die Klappe und öffnete die vordere Tür. «Wundere dich nicht, wenn ich mich im Dorf nicht sehen lasse. Ich muss in den nächsten Wochen sehr konzentriert an meiner Masterarbeit schreiben.»
Sie stieg ins Auto und er nickte ihr zum Abschied zu. «Viel Erfolg dabei!»
Vierzig Minuten dauerte die Fahrt aus dem Dorf heraus, zu dem Grundstück, auf dem Katie ihre Kindheit verbracht hatte. Sie kannte die Strecke so gut, dass sie den Weg mit verbundenen Augen gefunden hätte, obwohl die Fahrt im Zickzackkurs über schmale, buckelige Straßen in die Landschaft hineinführte. Urige, vom Wind gekrümmte Büsche und Bäume unterbrachen ab und zu das eher eintönige Grasland. Seitdem die kleinen Bauern nach und nach aufgegeben hatten, gab es in der Gegend nur noch industrielle Landwirtschaft mit riesigen Weideflächen und Kornfeldern. Dazwischen lagen kleine Landstücke brach, die trotz der Jahreszeit an vielen Stellen trocken, ungepflegt und mager wirkten.
Früher wurde hier vorwiegend Schafzucht betrieben, denn der landwirtschaftliche Anbau von Getreide oder Gemüse lohnte sich auf den kargen Böden nur, wenn in großen Mengen und mit großen modernen Maschinen bearbeitet werden konnte. Doch inzwischen gab es keine Schafzüchter mehr. Die meisten Familien waren weggezogen und die einsam gelegenen kleinen Häuser verfielen oder wurden als Wochenendhäuser genutzt.
Als Katie am Vortag spät in der Nacht angekommen war, hatte sie von der Umgebung nicht mehr viel gesehen. Jetzt genoss sie den Blick in die Weite der Landschaft.
Nein, sie hatte definitiv keine Angst, ganz allein so weit draußen zu wohnen. Dies war ihre Heimat, was sollte ihr hier passieren?
Als sie bereits drei Viertel des Weges geschafft hatte und mit niedriger Geschwindigkeit den unbefestigten Weg entlangfuhr, der direkt zu ihrem Haus führte, sah sie nach einer Kurve einen dieser hypermodernen, teuren Geländewagen parken. Er glänzte in edlem Schwarz und Chrom, was darauf schließen ließ, dass er einem Fremden gehörte. Hier fuhren die Leute keine Autos dieser Bauart.
Katies Magen zog sich zusammen. Musste sie doch Angst haben? Nein. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Außer ihren engsten Freunden wusste niemand, dass sie nach Schottland gefahren war. Bestimmt war das bloß der neue Besitzer des Nachbarhauses.
Da an dieser Stelle rechts und links des Weges hohe Büsche wuchsen, konnte sie nicht einfach an dem Auto vorbeifahren, sondern musste anhalten.
Ein Mann stieg aus dem Angeberauto und lehnte sich mit übergeschlagenen Knöcheln an den Kotflügel. Er trug schwere Stiefel, eine ausgeblichene Jeans und darüber eine braune Lederjacke, wie Motorradfahrer sie hatten. Seine Haare waren schwarz und sehr kurz geschnitten. Er hielt ein Smartphone in der Hand und sah mit gesenktem Kopf auf den Bildschirm.
Katie beschlich ein mieses Gefühl. Dieser Typ wirkte nicht wie jemand, der sich ein Cottage in dieser Gegend als Feriendomizil aussuchte.
Er blickte auf und stellte sich ihr mit leicht gespreizten Beinen in den Weg. Er war schlank, aber nicht dünn, seine Schultern wirkten breit und sein Brustkorb kräftig. Katie schätzte sein Alter auf über fünfunddreißig. Seine von der Sonne gebräunte Haut passte zu einem Spanier oder Italiener. Ein schwarzer Dreitagebart bedeckte seine ausgeprägten Kieferknochen und das Kinn, wodurch sein Gesicht nicht schön, sondern kantig, düster und böse wirkte. Im krassen Kontrast dazu waren seine Lippen weich geschwungen und das Weiß in seinen Augen schien geradezu unheimlich zu leuchten. Beim Blick in sein Gesicht glaubte Katie, gefährliche elektrische Schwingungen in der Luft zu spüren.
In ihrem Nacken begann es zu kribbeln. Sie konnte nicht definieren, was sie fühlte. Es war eine seltsame Mischung aus Unbehagen und Faszination, die ihren Blick an diesen ungewöhnlichen Mann fesselte.
Er zeigte keine Regung. Seine Miene schien wie in Stein gemeißelt, und Katie konnte nicht wegsehen, es war, als hätte der Typ sie hypnotisiert.
Seit der Zeit ihrer Ehe reagierte sie äußerst misstrauisch auf Männer, die sie nicht sofort einschätzen konnte. Bei diesem war es besonders schlimm. Er erinnerte sie an Trevor und seine Mafiafreunde. Am liebsten würde sie den Rückwärtsgang einlegen und flüchten, zwang sich aber, es nicht zu tun. Angst war ein fieses Mittel der Unterdrückung, und Katie hatte sich geschworen, sich nie wieder in ihrem Leben von Bedrohungen einschüchtern zu lassen.
Sie schaltete den Motor aus, öffnete die Tür, stieg halb aus und sah ihn über die Autotür hinweg an. «Haben Sie ein Problem?»
Er schlenderte näher, und sie musste den Kopf heben, um ihm weiterhin ins Gesicht sehen zu können.
Seine Lippen verzogen sich zur Andeutung eines Lächelns. «Nein, es läuft alles nach Plan.»
Irritiert starrte sie ihn an und öffnete den Mund, doch bevor sie einen Laut von sich geben konnte, raschelte es im Gebüsch und jemand trat neben dem Auto von hinten an sie heran. Sie zuckte zusammen und wollte sich umdrehen, doch da wurde schon in ihre Haare gepackt und der Lauf einer Waffe bohrte sich in ihren Hals. Sie keuchte auf.
«Kein Ton, Süße, sonst muss ich dir sehr wehtun.» Die männliche Stimme direkt an ihrem Ohr klang rau und gehässig. Der Gestank von kaltem Zigarettenrauch, gemischt mit altem Schweiß, erreichte ihre Nase.
Katies Herzschlag raste und sämtliche Muskeln ihres Körpers versteiften sich.
Auf der anderen Seite des Weges raschelte es erneut und ein dritter Typ kam aus den Büschen heraus. Seine kurzen Haare waren blond, aber sie hatte keine Zeit, ihn näher zu betrachten, denn der Dunkelhaarige vor ihr begann zu reden. «Karim, du folgst uns mit ihrem Wagen.»
«Alles klar, Boss», hörte sie eine leise Stimme, die an das Knurren eines großen Hundes erinnerte. Sie wurde von ihrem Auto weggezerrt und der Blonde schlenderte an ihr vorbei und setzte sich hinein.
Drei Männer hatten sie in ihre Gewalt gebracht. Ihr Mund wurde trocken und Panik drohte ihren Verstand zu überschwemmen.
«Setz dich mit ihr auf die Rückbank», befahl der Typ vor ihr mit Blick auf den Geländewagen. Er agierte zweifellos als ihr Anführer.
Der, der sie festhielt, zerrte sie rückwärts. Die Autotür wurde geöffnet und endlich löste sich die Starre in Katies Kopf. Sie stieß einen gellenden Hilfeschrei aus.
«Still! Sofort!» Der Anführer packte sie so fest am Kinn, dass sie glaubte, ihre Kieferknochen würden brechen.
Sie verstummte, konnte aber ein Keuchen nicht unterdrücken. Er musste ihr nicht drohen, sie zu töten, seine Mimik war aussagekräftig genug.
«Rein hier», zischte der Typ, der sie festhielt, in ihr Ohr und zerrte so fest an ihren Haaren, dass sie glaubte, ihre Kopfhaut würde aufreißen. Eine Minute später saß sie auf der mit schwarzem Leder bezogenen Rückbank des Geländewagens. Ihr Aufpasser hatte sie halb auf seinen Schoß gezogen, drückte weiterhin den Lauf der Waffe an ihren Hals und hielt sie an den Haaren gepackt.
Der Anführer schloss die Tür und setzte sich auf den Fahrersitz. Er startete den Motor, der mit einem tiefen Brummen seine hohe Leistungsfähigkeit demonstrierte, und fuhr los.
Das in traditioneller Bauweise aus grauen Felssteinen errichtete kleine Cottage der Großeltern kam in Sicht. Seit es niemand mehr pflegte, war der Garten verwildert und die alten, hohen Bäume warfen große Schatten auf das Haus.
Der Typ am Steuer bog auf die Zufahrt ab und fuhr den gut dreißig Meter weiten Weg bis vor den Eingang.
Er stieg aus und öffnete dann die hintere Tür, damit ihr Aufpasser mit ihr aussteigen konnte.
Das Motorengeräusch ihres alten Kombis wurde lauter. Der Blonde parkte ihn neben dem Geländewagen und stieg aus. Er kam in ihr Sichtfeld und reichte dem Anführer ihren Schlüsselbund.
«Danke.» Er sah Katie an, und schon wieder schienen seine Augen die seltsame Kraft zu haben, gefährliche elektrische Schwingungen in ihre Richtung zu feuern. «Welcher ist für die Haustür?»
«Bei mir lohnt sich ein Überfall nicht. In diesem Haus gibt es nichts Wertvolles.»
Er lächelte und sein Blick wanderte nachdrücklich über ihren Körper. «Das sehe ich anders, Schätzchen.»
Katies Herzschlag dröhnte durch ihre Adern bis in ihre Schläfen hinein, als ihr klar wurde, was ihr anscheinend bevorstand. Die Männer würden ihren Spaß mit ihr haben wollen, sie wollten sie vergewaltigen.
In ihrem Bauch breitete sich Kälte aus, während sie beobachtete, wie der Typ in aller Ruhe zur Haustür schlenderte und die einzelnen Schlüssel in das Schloss steckte, bis er den erwischte, der passte. Die Tür sprang auf und er trat ein. «Bringt sie rein.»
Katie wurde ins Haus bugsiert. Im Wohnzimmer blieben sie stehen. Der Anführer sah sich kurz um, dann wandte er sich ihr zu. «Wo ist dein Handy?»
Katie starrte ihm in die Augen und presste die Zähne fest aufeinander. Kein Ton kam über ihre Lippen.
Der Anführer nickte dem Blonden zu. «Durchsuch sie, Karim.»
Der war also der, der Karim hieß. Das musste sie sich für ihre Aussage bei der Polizei merken.
Lächelnd stellte er sich vor sie. «Sehr gerne.»
Sein Gesichtsausdruck erinnerte Katie an den einer grinsenden Hyäne. Sie hielt die Luft an. Ihr Aufpasser hatte seinen Griff nicht gelockert, und sie konnte keine Bewegung machen, ohne dass er ihr den Lauf der Waffe noch fester an den Hals drückte. Dieser Karim hatte die Ausstrahlung eines Verbrechers, dem Hemmungen völlig fremd waren. Seine eisblauen Augen und seine Lippen bildeten schmale Linien, seine Haare waren militärisch kurz geschnitten und seine Haut glatt rasiert. An der rechten Augenbraue fiel ihr eine kleine Narbe auf. Er war nicht so groß wie der Anführer der Bande, aber breitschultrig und kräftig.
Er öffnete ihre Jacke und zog sie mit einem Ruck halb über ihre Schultern. Dann packte er mit einer plötzlichen Bewegung in ihren Ausschnitt und riss ihre Bluse auf. Die Knöpfe purzelten auf den Boden und Katies Oberkörper war bis auf den weißen BH entblößt. Er nickte beifällig, packte ihre Brüste, knetete sie, fuhr mit den Händen an ihrem Brustkorb bis zu ihrer Taille hinab und tastete dann mit unsensiblen Griffen ihre Beine entlang nach unten. Katie biss die Zähne so fest zusammen, dass es schmerzte. Auf keinen Fall würde sie dem Typen den Gefallen tun und ihre Angst zeigen.
***
Jayden schnaubte verächtlich. «Die wenigstens Frauen tragen ihr Handy im BH, wie wäre es mal mit einem Griff in die Jackentaschen?»
Karim grinste. «Es hätte doch sein können.» Er tätschelte die Wange ihrer Gefangenen. «Nicht wahr, Süße?»
Sie antwortete nicht und er griff in ihre Jackentasche. Tatsächlich steckte darin ihr Smartphone.
Jayden hielt die Hand auf. «Gib her.»
Karim gehorchte.
Jayden tippte auf das Display. Der Fingerprint wurde verlangt und er winkte ungeduldig. «Ihre Hand.»
Karim packte ihren rechten Arm, zerrte ihn nach vorn, Jayden griff nach ihrem Zeigefinger und drückte ihn in die gewölbte Einbuchtung. Wie vermutet, hatte sie die einfachste Version der Fingerabdrucksicherung benutzt und das Smartphone wurde entsperrt. Er ließ sich damit auf einem der alten Sessel nieder, um sich in Ruhe den Inhalt anzusehen.
«Was machen wir mit ihr?», fragte Aaron.
Jayden sah auf, überlegte kurz und zeigte in die Zimmerecke gegenüber des Couchtischs. «Fesselt sie und legt sie dort an die Wand. Dann holt ihre Einkäufe rein, parkt ihr Auto in dem alten Schuppen und beseitigt sämtliche Fingerabdrücke darin.»
Karim zog die Augenbrauen in die Höhe. «Ich hatte Handschuhe an, als ich die Kiste eben gefahren bin.»
«Und ich will, dass in ihrem Auto überhaupt keine Fingerabdrücke zu finden sind, weder von dir noch von ihr noch von ihrem Ehemann.» Während er das sagte, fixierte er Katies Gesicht und glaubte, ein Zucken ihrer Wimpern zu erkennen, als er das Wort Ehemann ausgesprochen hatte. Bingo. Seine Vermutung war also richtig und die Scheidung ein Fake, um ihre Karriere als Anwältin nicht zu gefährden. Sie traf sich heimlich mit ihm und die beiden mussten dabei sehr, sehr raffiniert vorgehen.
Eine Zeit lang hatte Jayden vermutet, dass der morgendliche Job in der Großbäckerei den Treffen diente, aber dann war ihm klar geworden, dass Schottland in dem Eheleben von Katie und Trevor eine Rolle spielen musste, denn sonst hätte sie das leer stehende Haus doch längst verkauft. Vielleicht nutzten die Mendozas das unscheinbare alte Cottage schon lange für ihre Zwecke, als Lager, als Briefkasten oder als geheimen Treffpunkt. Es musste ja einen Grund dafür geben, dass Katie es nach dem Tod ihres Großvaters behalten hatte und jetzt sogar ihre Semesterferien in dem alten Gemäuer verbringen wollte.
«Anschließend könnt ihr das Haus durchsuchen. Fangt oben mit den Schlafzimmern und dem Dachboden an. Achtet unbedingt auch auf gelöste Bodendielen», befahl er, ohne Katie aus den Augen zu lassen, aber sie tat ihm nicht noch mal den Gefallen, eine Reaktion zu zeigen.
«Alles klar, Boss.»
Während Jayden die Kontakte in ihrem Handy durchsah, zwangen Aaron und Karim die Frau seines Erzfeindes auf den Boden. Karim holte Stricke aus der Tasche und sie fesselten ihre Hände auf dem Rücken. Dann umwickelten sie ihre Knöchel, zerrten sie in die Zimmerecke und schlenderten Richtung Haustür.
Jayden hob den Kopf. «Aaron?»
«Boss?» Er drehte sich um.
«Durchsuchen, nicht verwüsten. Wenn jemand durchs Fenster sieht, muss alles normal wirken. Und zieht euch Handschuhe an.»
Aaron seufzte. «Verstanden.»
Sie verschwanden nach draußen und der Motor des alten Kombis sprang an.
Im Raum wurde es still, während das Geräusch des Motors leiser wurde und schließlich ganz verstummte.
Jayden sah sich um. Das Haus hatte Katies Großeltern gehört und war dementsprechend altmodisch eingerichtet. Anscheinend war nichts verändert worden, seit es leer stand. Die Möblierung des Wohnzimmers war typisch für eine ländliche gute Stube – schlichte Schränke aus dunklem Holz, Polstermöbel mit dunkelroten Stoffüberzügen, ein polierter Holzfußboden und gerahmte Familienfotos an den weiß gestrichenen Wänden.
Alles wirkte sehr unauffällig und war daher bestens als Versteck für die Mafia geeignet. Niemand würde hier ein Waffen- oder Drogenlager vermuten. Sicher würden sie während der Durchsuchung interessante Sachen finden.
Aus den Augenwinkeln beobachtete Jayden sein Opfer, Trevors holde Gattin. Vor seinem inneren Auge erschien sie im Bleistiftrock, mit flachen Pumps, einer weißen Bluse und hochgesteckten Haaren, dem Outfit, in dem er sie oft beobachtet hatte, wenn sie ihre freiwilligen Praktikumstage absolvierte. Jetzt trug sie Jeans und ein schlichtes Sweatshirt. Ungeschminkt wirkte sie wie ein junges Mädchen, nicht wie eine angehende Anwältin.
Sie lag auf dem Bauch, ihre linke Wange auf der Seite, sodass sie in den Raum hineinsehen konnte. Jedoch hingen ihr Haarsträhnen ins Gesicht. Er konnte nicht erkennen, ob sie ihn ansah oder die Augen geschlossen hatte. Sie bewegte sich nicht. Sie weinte auch nicht. Nicht mal, während Aaron und Karim sie verschnürt hatten, hatte sie einen Laut von sich gegeben. Sie schien ziemlich nervenstark zu sein. Ohne dass er sich dagegen wehren konnte, nistete sich ein Hauch von Respekt für ihre unglaubliche Selbstbeherrschung in seinem Hass ein.
Fuck! Was für ein Quatsch! Die Tussi war geschockt, sonst gar nichts. Oder sie fühlte sich sicher, weil sie eine mächtige Mafiafamilie hinter sich wusste.
Während der vielen Wochen, in denen er sie in der Stadt beobachtet hatte, hatte sie stets einen gepflegten und modebewussten Eindruck gemacht. Sie schminkte sich dezent und geschmackvoll, trug die Haare meist zu einem Knoten am Hinterkopf geschlungen und zeigte ein einnehmendes Lächeln. Allerdings ordnete er diese aparte Erscheinung eher als eine Fassade ein. Ihr wahres Gesicht zeigte sie, wenn sie in Londons Bars und Clubs unterwegs war. Jayden hatte sie einige Male beobachtet, wie sie mit Freundinnen ausgelassen gefeiert hatte. Allerdings hatte sie sich nie ernsthaft mit einem Mann eingelassen, was sie sicher getan hätte, wenn sie tatsächlich geschieden wäre. Ein weiteres Indiz dafür, dass er mit seiner Vermutung richtiglag und die Trennung nur fingiert war, um in der Staatsanwaltschaft freie Bahn zu haben.
Obwohl Trevors Vater, Carlos Mendoza, noch nie wegen eines Verbrechens verurteilt worden war, war es trotzdem klüger, nicht zur Familie Mendoza zu gehören, denn nur weil es der Polizei nicht gelungen war, Beweise gegen ihn vorzulegen, wogen die Indizien für viele Verbrechen trotzdem schwer. Für die Ehefrau eines Mendoza wäre eine Karriere als Staatsanwältin nicht möglich, auch wenn sie noch so tolle Noten vorweisen konnte. Es sprach zwar niemand aus, aber dass die Beweise bei der Polizei verschwunden waren, wunderte nur Leute, die keine Ahnung hatten, wer die Mendozas hinter ihrer bürgerlichen Fassade wirklich waren. Vielleicht wäre das anders, hätten Trevor und Katie ihre Ehe weiter unauffällig unter dem falschen Namen de Winter geführt. Jahrelang hatte ihn niemand erkannt, weil niemand Interesse daran hatte, einen langweiligen Typen zu fotografieren und mit den internationalen Verbrecherkarteien zu vergleichen.
Jayden verstand noch nicht so ganz, warum Trevors Tarnung aufgeflogen war. Auch den Sinn von Katies frühmorgendlichen Aufenthalten in der Bäckerei konnte Jayden trotz aller Erkundigungen nicht wirklich erkennen. Offiziell war es ein Studentenjob. Doch diese Studentin hatte es nicht nötig, hart zu arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren. Immerhin waren die Eigentümer Italiener. Vermutlich diente der gesamte Betrieb der Geldwäsche.
Vielleicht würde er jetzt, in diesem Haus, etwas finden, was die vielen offenen Fragen klärte.
Er hielt das Handy in Katies Sichtfeld. «Unter welchem Namen hast du ihn gespeichert?»
Stille. Keine Regung.
Er stand auf und hockte sich vor sie. Ihr Brustkorb hob und senkte sich deutlich sichtbar, aber sie bewegte sich keinen Millimeter. Er berührte mit einem Finger ihre Wange. Sie zuckte, und er hörte, wie sie kurz keuchte. Doch dann schien sie den Atem anzuhalten.
Er strich die weichen welligen Haarsträhnen nach hinten, um ihr Gesicht zu sehen. Ihre Nasenflügel bebten, ihre Augen waren offen und sie starrte geradeaus an ihm vorbei.
«Du kannst dir viel Leid ersparen und wirst mich schnell wieder los, wenn du kooperierst. Das ist dir doch klar, oder?»
«Was wollt ihr von mir?» Ihre Stimme war nur ein heiseres Flüstern und immer noch sah sie ihn nicht an.
«Ich muss deinen Mann sprechen und dummerweise weicht er diesem Gespräch seit Jahren aus.»
«Ich habe keinen Mann.»
Kopfschüttelnd schnalzte er mit der Zunge. «Ich frage dich später noch mal, Katie. Denk in Ruhe darüber nach, ob du dich wirklich für ihn opfern willst.»
***
Erst nachdem der Typ sich erhoben und entfernt hatte, konnte Katie zitternd ausatmen. Immer noch kribbelte ihre Wange von der Berührung durch seine Fingerspitzen, als er ihre Haare nach hinten gekämmt hatte.
Der Kerl war unheimlich. Er wirkte eiskalt, als ob er nichts fühlen würde, aber unter der gefrorenen Maske schien heißer Hass zu brodeln. Dieser Mann war einer der Sorte, für die es so selbstverständlich wie Zähneputzen war, Menschen umzubringen, die ihnen im Weg standen.
Er drehte sich um und zog lederne Handschuhe aus der Gesäßtasche seiner Jeans. Als er sie angezogen hatte, begann er, Schranktüren zu öffnen und deren Inhalte zu betrachten. Er fand alte Fotoalben, schlenderte damit zurück zu Grandpas Lieblingssessel, auf dem er vorher schon gesessen hatte, und begann, darin zu blättern.
Katie zwang sich, ruhig zu atmen. Sie durfte nicht die Nerven verlieren, auch wenn ihr jetzt klar war, dass dies kein gewöhnlicher Überfall und sie kein Zufallsopfer war.
Ihren Namen aus seinem Mund zu hören, hatte sie fast panisch aufheulen lassen. Natürlich hätte sie schon vorher darauf kommen können, doch erst seine Stimme, die ihren Namen auf eine Art artikulierte, die fast genussvoll sanft klang, ließ die schmerzhafte Ahnung zur Gewissheit werden: Er gehörte zu einer der Mafiafamilien, die sich die Welt untereinander aufteilten. Was immer dieser Typ wollte, es hatte mit den Mendozas zu tun. Das organisierte Verbrechen ließ sie nicht aus seinen Klauen.
Kapitel 3
Die anderen beiden Typen kamen wieder herein, redeten kurz leise mit ihrem Boss und stiegen anschließend die Treppe ins Dachgeschoss hinauf. Katie hörte sie oben rumlaufen und Schranktüren schlagen.
Inzwischen war genügend Zeit vergangen, sodass sich ihre Nerven beruhigt hatten und sie wieder klar denken konnte. Sie hatte sich auf Ereignisse wie dieses vorbereitet, und ihr Verstand begann, systematisch Fakten zu sammeln.
Die Männer ließen sich mit der Durchsuchung Zeit und zeigten keinerlei Anzeichen von Nervosität. Offensichtlich fühlten sie sich sehr sicher.
Inzwischen wusste Katie mehr über den Typen, der sie festgehalten und mit der Waffe bedroht hatte. Er hieß Aaron, war nicht viel größer als sie selbst und schmaler als die anderen beiden. Er hatte dunkelblonde Haare, die er, wie James Dean in den alten Filmen, nach hinten gekämmt hatte. Seine mit Bartstoppeln bedeckten Wangen wirkten schmal, fast eingefallen, und über die rechte zog sich das Tattoo eines Schlangenkopfes mit weit geöffnetem Maul. An den Ohrläppchen hingen schwere Silberringe und seine Mundwinkel waren konstant abfällig herabgezogen.
Katie kannte Typen wie Aaron und Karim. Sie waren es, die die Drecksarbeit beim organisierten Verbrechen erledigten, die statt eines Herzens einen Betonblock im Brustkorb sitzen hatten, die vor Folter und Mord nicht zurückschreckten, die kein Gewissen und nichts zu verlieren hatten. Mit denen brauchte sie nicht zu reden und auf Gnade zu hoffen.
Ihr Anführer war der, der entscheiden würde, was mit ihr geschah. Mit ihm musste sie sprechen, ihn ansehen und eine Beziehung zu ihm aufbauen, damit er später Skrupel hätte, sie umbringen zu lassen.
Sie hatte diese Verhaltensregeln gelernt, genauso wie das Hacken von Computern und die Selbstverteidigung. Alles, um die Angst in den Griff zu bekommen, um sich nicht so schwach und schutzlos zu fühlen. Sie hatte sich mit dem organisierten Verbrechen angelegt, und das Einzige, was sie schützte, waren Informationen und versteckte Beweismittel. Würde es Trevor oder seinem Vater gelingen, an dieses Material zu kommen, wäre sie geliefert. Das war klar.
Noch heute sah sie oft im Traum das hassverzerrte Gesicht von Carlos Mendoza vor sich, als sie ihm in seinem Arbeitszimmer mitgeteilt hatte, dass sie umfangreiche Beweise gegen seinen Clan in der Hand hatte, die öffentlich werden würden, sobald sie ihr Leben verlieren würde.
Er hatte gelacht, doch nachdem sie ihm auf dem Laptop ein paar Videoaufnahmen gezeigt hatte, war ihm das Lachen vergangen. Er hatte sie nicht aufgehalten, als sie aus der Villa ausgezogen war.
Seitdem beschützte er sie vor seinem drogensüchtigen Sohn, der sie hasste und zu unüberlegten Taten neigte, und vor allem anderen, was ihr Leben bedrohen könnte, denn ihr Tod wäre sein Verhängnis. Trotzdem wusste sie natürlich, dass sie geliefert war, sollte es ihm gelingen, an das Beweismaterial zu kommen.
Die Bedrohung war in den ersten Wochen und Monaten allgegenwärtig gewesen. Doch es war ruhig geblieben und allmählich war sie gelassener geworden.
Das hatte sie zumindest geglaubt. Bis jetzt. Bis diese Männer sie überfallen und in ihre Gewalt gebracht hatten. Nur eins passte nicht ins Bild: Der Anführer hatte nach Trevor gefragt. Warum tat er das, wenn er im Auftrag von Trevor oder seinem Vater handelte? Das war unlogisch und sie verstand es nicht.
Sie musste mit diesem Mann kommunizieren, doch sie konnte sich nicht dazu überwinden. Seine Wirkung auf sie war zu unheimlich. Er hatte eine Aura, die auf teuflische Art ihre Haut zu durchdringen schien.
Wäre sie ihm in London in einer Bar begegnet, wäre er ihr aufgefallen, denn er entsprach dem Typ Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Ihr Körper reagierte trotz der miesen Erfahrungen mit Trevor leider immer noch auf Dominanz und Selbstsicherheit. Es erregte sie, wenn ein Typ wusste, was er wollte, und die Blicke dieses Mannes schienen die Nervenenden in ihren Hautzellen zum Vibrieren zu bringen, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte.
In manchen Momenten glaubte sie, in seinen dunklen Augen tiefe Trauer zu sehen, wie Menschen sie ausstrahlen, die ein schweres Schicksal ertragen müssen. Was natürlich völliger Quatsch war. Männer wie er waren nicht fähig, zu trauern. Trotzdem hatte sie diesen Eindruck, und das verunsicherte sie.
Gefährliche Männer mit tragischer Geschichte verfügten über eine enorme Anziehungskraft auf Katies Libido. Nur deshalb war sie damals auf Trevor hereingefallen, denn sie hatte seine erfundenen Geschichten geglaubt. Auf diese Weise hatte sie lernen müssen, dass er ihre jugendliche Unerfahrenheit und Naivität ausgenutzt hatte, um sie zu manipulieren. Trevor war nur ein erbärmliches, verlogenes Arschloch mit zu viel Geld. Dieser Mann hier war anders. Er war wirklich selbstsicher, kontrolliert und vielschichtig. Das spürte sie. Er war nicht schön, an seinem Äußeren war nichts harmonisch, aber in seinen Augen schimmerte Tiefe. Er war einer dieser geheimnisvollen Typen, von dem eine Frau wie sie sich angezogen fühlte. Es war ein verdammter, dummer, gefährlicher Reiz!
Wäre er hässlich, brutal und würde stinken wie Aaron, wüsste sie, dass er sie kaltlassen würde. So aber hatte sie Angst, nicht klar genug zu denken, wenn sie mit ihm kommunizierte.
Gefühle und Verstand harmonierten nicht immer miteinander, im Gegenteil. Wie viele Frauen verliebten sich in Arschlöcher!
Die ganze Zeit, während er in ihrem Handy spioniert hatte, hatte sie ihn durch die schützende Gardine ihrer Haare beobachtet, und jedes Mal, wenn er zu ihr herübergesehen hatte, hatte sie es körperlich gespürt.
Es kribbelte auf ihrer Haut und in ihren Nervenbahnen. Irgendetwas in ihr wurde von ihm gleichermaßen angezogen wie abgestoßen. Während seine zwei Handlanger nichts anderes als gefühllose, gleichgültige Brutalität ausstrahlten, spürte sie unter seiner scheinbar undurchdringlichen Mimik brodelnde Gefühle.
Sie lag hilflos gefesselt vor ihm, und durch einen fehlgeleiteten Instinkt wollte sie sich ihm auf irreale Weise hingeben, in der Hoffnung, er würde Gnade zeigen. Es musste so etwas ähnliches wie das Stockholm-Syndrom sein, das solche Gefühle in ihr auslöste, obwohl das ja eigentlich erst entstand, wenn ein Opfer über einen längeren Zeitraum mit seinem Entführer zu tun hatte. Doch es war die einzige Erklärung, die ihr dazu einfiel.
Plötzlich erschien das faltige Antlitz ihres Großvaters vor ihrem inneren Auge. Es ist die Liebe, die so wehtut, Katie. Je tiefer die Liebe, desto glühender der Zorn, wenn sie enttäuscht wird. Sie hörte im Geiste, wie er diese alte Weisheit ausgesprochen hatte, damals, als sie um ihren Dad nicht trauern konnte, weil sie so schrecklich wütend auf ihn gewesen war. Er war unachtsam gewesen und hatte deshalb die Schuld an dem Unfall gehabt, der Mum und ihn getötet hatte. Mit dem Spruch hatte Grandpa ihr geholfen, sich selbst ihre Wut zu verzeihen.
Warum fiel ihr das jetzt ein?
Erkannte sie in den dunklen Augen dieses Verbrechers den gleichen brennenden Zorn, den sie damals empfunden hatte? Meinte ihr Unterbewusstsein, dass deshalb auch er des Mitleids fähig wäre?
Irgendein dummer Instinkt tief in ihrer Brust wollte ihr vorgaukeln, dass dieser Mann sie beschützen würde, wenn sie seine harte Schale durchdringen könnte. Das war natürlich völliger Schwachsinn, denn von diesem Typen durfte sie auf keinen Fall Gnade erwarten.
Sie hasste ihn dafür, dass sie Gefühle in seinen Augen entdeckt hatte. Egal, was ihn antrieb, was seine Wut anfeuerte, es ging sie nichts an. Wenn sie ihn ansah, wollte sie cool sein, ihre Befreiung planen, ihm bei erstbester Gelegenheit ins Gesicht springen, seine Haut zerkratzen und auf seinen Kehlkopf schlagen, wie sie es im Selbstverteidigungskurs gelernt hatte.
Aber sie konnte nicht cool sein. In ihr brodelte die Wut wie ein Vulkan, weil er sie in seine Gewalt gebracht hatte und ihren Namen aussprach, als ob er sich jeden einzelnen Buchstaben auf der Zunge zergehen lassen wollte.
Vor lauter Angst, er könnte die Gefühle in ihren Augen genauso lesen wie sie die in seinen, sah sie ihn nicht an.
Er durfte auf keinen Fall glauben, Macht über sie zu haben.
Die Zeit verging und allmählich schmerzten ihre Schultern und Arme durch die Fesselung. In ihren Fingern spürte sie bereits seit einer Weile nichts mehr, doch sie rührte sich nicht und gab auch keinen Laut von sich.
Irgendwann waren die Männer mit ihrer Hausdurchsuchung fertig und standen wieder vor ihr. Wie zu erwarten, hatten sie nichts gefunden, was für Verbrecher interessant sein könnte.
Der Anführer hockte sich vor ihr hin und sie hielt die Luft an.
«Wo ist das Versteck? Draußen im Schuppen?»
Katie rührte sich nicht und konzentrierte sich darauf, an seinen Füßen vorbei das Tischbein zu fixieren.
Er griff mit einer Hand in ihre Haare, mit der anderen um einen ihrer Oberarme und zerrte sie in eine sitzende Position. Ihre sowieso schon schmerzenden Schultern brannten wie Feuer. Sie stieß einen Schreckenslaut aus und presste dann die Lippen sofort wieder zusammen, um jedes weitere Geräusch zu unterdrücken. Er drückte sie mit dem Rücken gegen die Wand. Seine große Hand legte sich um ihren Hals, mit Daumen und Zeigefinger packte er ihr Kinn und zwang sie so, ihn anzusehen. Sobald ihre Blicke sich ineinander verfingen, trat wieder diese seltsame, hypnotisierende Wirkung bei ihr ein. Katie konnte nicht mehr wegsehen. Zwischen ihnen schien die Luft zu vibrieren und zu knistern.
***
Jayden spürte unter seinem Finger ihren harten, rasenden Pulsschlag. Sie sah ihm in die Augen, ohne auch nur einmal zu zwinkern, und er hielt ihren Blick mit seinem fest. Es fühlte sich für ihn an, als ob seine und die Instinkte dieser Frau in einem geräuschlosen und unsichtbaren Zweikampf miteinander rangen, wie in einem Duell mit Waffen, in dem sich die Gegner auf Augenhöhe begegneten.
«Wo trefft ihr euch? Und wann das nächste Mal?»
Stille. Er spürte eine Schluckbewegung in ihrem Hals, als sich ihre Lippen öffneten.
«Ich habe keinen Kontakt mehr zu meinem ehemaligen Mann, und ein Versteck gibt es hier nicht», murmelte sie im gleichen ruhigen und gefassten Tonfall, in dem auch er seine Frage gestellt hatte.
Für einen Moment beherrschte Respekt vor ihrem Mut und ihrer Fähigkeit zur Selbstbeherrschung sein Denken, doch dann kehrte der Zorn mit doppelter Wucht zurück. Dieses Weib war kein ebenbürtiger Gegner, sondern eine kriechende Schlange ohne Ehrempfinden. Sie hatte sich an einen skrupellosen Mörder gebunden, um von den miesen Geschäften seiner Mafiasippe zu profitieren. Sie war eine Schmeißfliege, ein Parasit, ein Wurm, der es nicht wert war, wie ein Mensch behandelt zu werden.
***
Katie starrte ihn an. Seine Wangen zuckten. Seine Augen wurden schmal, und sie rechnete damit, jeden Moment brutal geschlagen zu werden. Doch nach einer gefühlt endlos langen Minute der Stille stand er abrupt auf und drehte sich um.
«Ich fahre jetzt. Wenn es dunkel genug ist, bringt ihr sie rüber. Achtet darauf, dass sie keinen Lärm macht und niemand euch sieht», hörte sie ihn sagen.
Er verließ den Raum, die Haustür klappte und der Motor des Geländewagens heulte auf. Das Auto entfernte sich schneller, als es auf dem unbefestigten Weg normal wäre.
Katies Herz schlug ihr hart gegen die Rippen. Sie zwang sich zur Konzentration. Er ließ sie mit seinen Handlangern allein. Was bedeutete das für sie? Wahrscheinlich hatte er ihnen die Genehmigung erteilt, sich mit ihr zu amüsieren, um ihren Willen zu brechen.
Soweit sie es erkennen konnte, trugen sie keine Waffen griffbereit, und sie mussten die Fußfesseln lösen, denn mit zusammengebundenen Beinen konnte eine Frau nur schwer vergewaltigt werden. Das wäre ihre Chance, um sich zu wehren, denn sie würden nicht damit rechnen, angegriffen zu werden.
Sie atmete tief durch, sammelte mental ihre Kräfte, als die beiden sich ihr näherten, doch nur Karim bückte sich für einen Moment, um ihre Fesseln zu kontrollieren. Dann schlenderten sie nebeneinander hinaus.
«Eigentlich schade, dass wir nicht mit ihr spielen dürfen», hörte sie Aaron sagen.
«Geduld, mein Freund. Wenn Jayden sie nicht mehr braucht und sie uns überlässt, haben wir genügend Zeit, um Spaß mit ihr zu haben, bevor wir sie entsorgen.»
Beide lachten. Sie unterhielten sich weiter, während sie sich entfernten und in die Küche verschwanden, aber Katie konnte nun nicht mehr verstehen, worüber sie redeten. Ihr Herzschlag beruhigte sich wieder, und sie dachte über die Worte nach, die sie gerade gehört hatte.
Wenn Jayden sie nicht mehr braucht und sie uns überlässt …
Jayden war also sein Name. Katie wühlte in ihrem Gedächtnis, holte die Zeit, die sie mit Trevor zusammen gewesen war, in ihre Erinnerung zurück und suchte den Namen Jayden. Aber ihr fiel keiner mit diesem Namen ein.
Wenn Jayden sie nicht mehr braucht …
Er suchte Trevor. Er glaubte, sie würde noch in Verbindung mit ihrem Ex stehen und ihm verraten, wo er das Schwein finden könnte. So viel hatte sie inzwischen verstanden. Wenn er aber kapierte, dass er einer falschen Annahme folgte, würde er sie nicht mehr brauchen. Und dann würden die beiden Brutalos ihren Spaß mit ihr haben und sie anschließend töten.
Wenn sie überleben wollte, musste sie Jayden hinhalten. Solange er glaubte, sie hätte wichtige Informationen für ihn, war sie sicher.
Bringt sie rüber …
Was hatte er eigentlich damit gemeint? Rüber in den Schuppen? Wollte er sie dort foltern und umbringen, wenn es dunkel war und wahrscheinlich keine Leute mehr vorbeikommen würden?
Eine Welle aus Panik und Todesangst wollte ihr plötzlich den Verstand rauben, und sie zählte im Geiste und tief ausatmend langsam von zwanzig rückwärts, um wieder runterzukommen.
Sie sah sich um. Draußen war es noch hell und ihre Aufpasser saßen in der Küche und beachteten sie nicht. Sie hatten sie mit einem rauen Strick gefesselt. Vielleicht ließ sich der am alten rissigen Holz des Sideboards durchscheuern. Sie rutschte mühsam ungefähr fünfzig Zentimeter nach rechts, bis sie an der Schrankecke lehnte und mit den Handfesseln die Kante erreichte. Sie begann, das Seil gegen die Holzkante zu reiben. Hoch und runter. Hoch und runter. Hoch und runter. Nicht aufgeben, einfach immer weitermachen. Hoch und runter.
Es wurde allmählich dunkel und Katie erkannte die Möbel im Raum nur noch schemenhaft.
In der Küche schabten Stühle über den Boden und sie erstarrte. Eine Minute später schaltete Karim das Licht im Wohnzimmer an. Geblendet kniff sie die Augen zusammen.
Aaron stupste sie rüde mit dem Fuß an. «Auf geht’s, Babe.» Er zerschnitt mit einem Messer die Fesseln an ihren Knöcheln. Karim stellte sich neben ihn und gemeinsam zerrten sie Katie hoch. Das Messer blieb auf dem Boden liegen und Katie warf einen sehnsüchtigen Blick darauf. Doch sie hatte keine Chance, danach zu greifen, denn Aaron zog seine Waffe und hielt sie ihr an den Hals. «Ein Ton oder eine falsche Bewegung und du bist tot.»
Sie führten Katie aus dem Haus. Während Aaron sie mit der Waffe bedrohte, knipste Karim die Lampen aus und schloss die Haustür ab. Dann nahmen sie ihre Gefangene in die Mitte und hielten sie an den Oberarmen fest. Statt geradeaus den Zufahrtsweg entlangzugehen, umrundeten sie das Haus. Aber sie betraten nicht den Schuppen, sondern bogen auf den Trampelpfad ab, den Katie als Kind benutzt hatte, um auf dem kürzesten Weg ihre beste Freundin zu erreichen. Er führte zwischen meterhoch zugewucherten ehemaligen Schafweiden entlang, dann durch einen Wald, bevor er am Garten des Nachbarhauses endete. Katie begriff: Mit drüben hatte Jayden das Cottage gemeint, von dem Carl Meyer gesagt hatte, dass ein Fremder es gekauft habe.
Katie ließ sich widerstandslos führen. Sie musste abwarten. Der Mond schien hell, sodass der Weg gut zu erkennen war. Die beste Chance zur Flucht hätte sie also später im Wald, in dem es viel dunkler sein würde.
Katie zwang sich, ruhig zu atmen und den Kopf schüchtern zu senken. Je weniger Gegenwehr sie zeigte, desto sicherer würden sich ihre beiden Aufpasser fühlen. Ein plötzlicher Fluchtversuch wäre dann ein Überraschungscoup und die Chancen auf Erfolg würden beträchtlich steigen.
Die Fesseln an ihren Armen fühlten sich locker an. Vermutlich hätte sie am Schrank nur noch ein paar Minuten gebraucht, um sich befreien zu können. Wenn sie im Wald losrannte, musste sie bestimmt nur einmal ordentlich rucken, dann wären ihre Hände frei.
Sie musterte ihre Umgebung. Zum Glück kannte sie jeden Meter des Weges. Kurz vor dem anderen Haus war die beste Stelle für einen Befreiungsversuch, denn da war der Wald so dicht, dass die Verfolgung am schwierigsten sein würde. Außerdem waren es von dort nicht mal zwei Meilen querfeldein bis zu einer Straße, auf der sie ein Auto anhalten konnte, dass sie zur Polizei bringen würde. Dass es eine einsame Straße war, auf der um diese Zeit kaum Autos unterwegs waren, verdrängte sie aus ihrem Bewusstsein. Sie hoffte auf einen glücklichen Zufall, denn das war ihre einzige Chance. Nur nicht die Nerven verlieren. Ruhig bleiben. Abwarten. Sich nichts anmerken lassen.
Und dann war es so weit. Im Wald ließ Karim sie kurz los, um ein Insekt zu vertreiben, das ihm im Gesicht herumkrabbelte, und Katie nutzte den Moment. Sie riss sich von beiden Männern los, bog links ab und rannte in den Wald hinein. Sie zerrte an den Fesseln und das Seil gab tatsächlich nach. Ihre Hände waren frei. Im Zickzack hetzte sie vorwärts, während sie hinter sich das derbe Fluchen der Männer hörte.
Plötzlich wurde es still, und eine Sekunde lang hoffte Katie, sie hätte ihre Verfolger abgehängt, doch dann knackte es links und rechts im Gehölz. Die Männer hatten sich anscheinend getrennt, um sie von zwei Seiten einzukreisen.
Sie rannte weiter, schürfte sich das Gesicht an einem Dornenbusch auf und zischte vor Schmerz durch die Zähne. Licht, vermutlich von einer Handy-Taschenlampen-App, blitzte auf.
«Da ist sie!», rief einer der beiden und Katie rannte noch schneller. Doch dann stolperte sie über eine Baumwurzel und verlor das Gleichgewicht. Sie schrie auf und stürzte. Ihr Gesicht landete in kalter feuchter Erde. Ehe sie sich wieder aufrappeln konnte, packte jemand ihre Haare und zerrte ihren Kopf in den Nacken.
«Du miese Schlampe», fluchte Aaron und schlug zu. Er traf ihre Wange, und es fühlte sich an, als ob ihr Kopf platzen würde. Er ließ sie los, sie fiel zurück und er trat gegen ihren Brustkorb, gegen ihre Oberschenkel und in ihre Taille. Katie krümmte sich zusammen und versuchte, den Kopf mit den Händen zu schützen. Erde drang in ihren Mund ein und sie hustete.
«Hör auf!», brüllte Karim. «Willst du sie umbringen? Dann nützt sie uns nichts mehr.»
Aaron ließ schnaufend von ihr ab. «Fuck! Dieses Miststück!»
«Hoch mit ihr und schnell zurück. Da hinten ist die Straße, nicht dass noch jemand was mitbekommt.» Karim griff nach ihrem Oberarm, zerrte daran und Aaron packte sie auf der anderen Seite, um sie auf die Füße zu ziehen.
Als Katie stand und ihren linken Fuß belastete, spürte sie ein fieses Stechen im Knöchel und schrie auf.
«Schnauze, sonst scheiß ich auf alle Anweisungen und bringe dich jetzt schon um, du Miststück», zischte Aaron, und Katie presste die Lippen zusammen, denn das war garantiert keine leere Drohung.
«Das wirst du bereuen, du Schlampe», murmelte er, während die Männer mit ihr den Rückweg antraten. «Mich verarscht man nicht. Wenn Jayden dich nicht mehr braucht und ich mich mit dir beschäftigen darf, wirst du darum betteln, sterben zu dürfen, und dann werde ich dafür sorgen, dass es sehr, sehr lange dauert.»
Jedes Auftreten trat höllisch weh. Katie liefen vor Schmerz Tränen die Wangen herunter, doch sie biss die Zähne fest zusammen, um alle Laute zu unterdrücken, denn es ging um ihr Überleben. Aarons Gesicht war eine wutverzerrte Grimasse. Der Typ dachte nicht mehr rational, sondern war ein Choleriker, dessen Selbstbeherrschung am sprichwörtlichen seidenen Faden hing.
Rücksichtslos zerrten Aaron und Karim sie durch den Wald zurück auf den Weg und durch eine Pforte in den Garten des Cottages. Es war tatsächlich das Haus der ehemaligen Nachbarn, wie Katie es vermutet hatte. Durch die Hintertür schubsten die Männer sie hinein. Sie stand nur eine Minute im Flur, bis Aaron eine Innentür öffnete. Mit einer schleudernden Bewegung stießen die Männer sie nach vorn, sodass sie auf den harten Holzboden stürzte.
Vor ihren Augen blitzten Sterne auf, und in ihren Ohren rauschte es, als stünde sie kurz vor einer Ohnmacht. Jetzt würden sie bestimmt wieder auf sie einschlagen. Sie krümmte sich zusammen und verbarg das Gesicht zwischen den Händen, um es vor Tritten zu schützen.
Aber nichts geschah, das Rauschen wurde weniger und ihr Blick klärte sich. Sie erkannte einen großen Raum mit weißen Wänden. Ein Stuhl schabte über das Holz, jemand näherte sich ihr. Katie rührte sich nicht. Sie blieb einfach liegen. Sie hatte ihre Chance vertan. Nun war sie im Haus und den Männern ausgeliefert. Sie würden sie foltern und töten. Es war das Ende.
«Was ist passiert?»
Eine tiefe Stimme schien die Luft im Raum zu zerschneiden. Katie erkannte sie sofort. Es war Jayden und in jeder Silbe seiner Worte zischte deutlich hörbar kaum beherrschter Zorn mit.
Aaron schnaubte. «Das Miststück wollte abhauen.»
«Ihr solltet auf sie aufpassen! Halb tot nützt sie mir nichts!»
«Keine Sorge.» Das war Karims Stimme. «Sie ist nicht ernsthaft verletzt, nur ein bisschen verbeult und geschockt. Das wird ihren Starrsinn vielleicht brechen. Sicher ist sie jetzt viel eher dazu bereit, mit dir zu reden, als heute Mittag.»
Sie hörte Schritte und seine Schuhe erschienen in ihrem Blickfeld. «Stimmt das, Katie? Möchtest du jetzt mit mir reden, um dir weiteres Leiden zu ersparen?»
Stille. Katie rührte sich nicht, nur ihr Herzschlag donnerte durch ihren Körper.
Er trat zurück. «Hebt sie hoch.»
Erneut packten Karim und Aaron Katie an den Armen und zerrten sie in die Senkrechte. Sie presste die Lippen fest zusammen und gab nicht mal ein leises Stöhnen von sich. Als sie stand und Jayden vor sich sah, wandte sie den Blick nicht ab. Seine Persönlichkeit schien den Raum zu dominieren, als ob ihm nichts und niemand etwas anhaben könnte.
Plötzlich überschwemmte Zorn ihren Verstand. Die Selbstsicherheit, die er ausstrahlte, machte sie ungeheuer wütend. Warum gab es Menschen, die sich über das Gesetz stellten, als ob die Welt ihnen allein gehörte? Warum erlaubten sie sich, andere skrupellos zu unterdrücken, zu quälen und zu beherrschen? Warum nahmen sich Typen wie Trevor oder Jayden das Recht heraus, Frauen wie sie gnadenlos als Spielball für ihre Interessen zu benutzen? Sie hasste diese Mafiatypen, aber genauso sehr hasste sie ihre eigene Machtlosigkeit.
Der Zorn weckte tief in ihrem Bauch einen brodelnden Vulkan, der frische Energie durch ihre Adern pulsieren ließ. Ihr Kampfgeist erwachte stärker denn je. Entschlossen hob sie das Kinn und starrte Jayden so lange in die Augen, bis er den Kopf schüttelte und sich von ihr abwandte. «Bringt sie runter und sperrt sie ein.»
«Aye, aye, Sir.»
Aaron und Karim zerrten sie aus dem Zimmer und schleppten sie eine Kellertreppe hinunter. Da bei jedem Auftreten ein fieser Schmerz durch Katies Bein schoss, wurde ihr fast übel. In einem kahlen Raum ließen sie sie auf den Steinboden fallen, und sie schrie auf, als ihre Knochen auf dem harten Boden aufkamen. Eine Tür schlug zu. Es schepperte, als ob ein Vorhängeschloss eingehängt und verriegelt würde, dann war es still.
Durch die Ritzen der roh zusammengezimmerten Holztür drang etwas Licht herein. Katie sah sich um. Sie lag in einem rechteckigen Raum. In einer Ecke an der Wand führte ein massives Abflussrohr von oben nach unten und kurz vor dem Fußboden durch die Mauer hinaus. Außer einem Eimer, in den sie anscheinend ihre Notdurft verrichten sollte, gab es nichts. Nicht mal einen Stuhl, eine Matratze oder eine Decke. Nur kahle graue Wände und kein Fenster. Sie hörte, wie die Männer die Treppe wieder hinaufstiegen, das Licht, das durch die Türritzen in den Raum gefallen war, ging aus und die obere Tür an der Kellertreppe klappte zu. Es wurde still und dunkel, wie in einem Grab.
Katie erlaubte sich einen Moment der Schwäche. Tränen rollten ihre Wangen hinab. Sie wischte sie mit den Handballen weg und wimmerte, als sie versehentlich zu fest über die tiefe Schramme vom Dornenbusch im Wald rieb. Sie reichte vom Jochbein bis in den Mundwinkel, und Katie schmeckte Blut, als sie die Lippen bewegte.
Nach einer Weile rappelte sie sich auf und kroch geradeaus, bis sie vor sich die Mauer ertasten konnte. Sie setzte sich hin, lehnte sich an die Wand und atmete tief durch. Sie kannte den Keller dieses Hauses. Sie war oft mit Leila hier unten auf Schatzsuche gegangen, bis ihr Dad sie irgendwann dabei erwischt und nach oben gescheucht hatte.
Das Kellergeschoss hatte zwei Räume. Sie lag in dem kleineren, einer ehemaligen Vorratskammer, die nicht größer als ein schmales Badezimmer war. Damals hatte hier ein langes, deckenhohes, roh zusammengezimmertes Regal gestanden, in dem Konserven, Kartoffeln und Getränke gelagert worden waren. Es gab kein Fenster, aber die Holztür war alt und klapprig. Vielleicht ließen sich Latten herausbrechen. Die obere Tür an der Kellertreppe hatte kein Schloss, sondern nur einen einfachen Riegel, so war es jedenfalls damals gewesen.
Es war noch nicht alles verloren. Nur im Moment konnte sie nichts tun, als sich auszuruhen. Sie war zu erschöpft, um an den Holzbrettern zu rütteln. Sie konnte gut atmen, Aaron hatte ihr mit seinen fiesen Tritten zum Glück wohl keine Rippen oder andere Knochen gebrochen, doch ein paar saftige Blutergüsse spürte sie bei jeder Bewegung. Außerdem pulsierte der Schmerz in ihrem Knöchel. Sie brauchte eine Pause.
Bei Tagesanbruch, ganz früh, wenn ihre Entführer noch schliefen, würde sie mit frischer Kraft einen Ausbruchversuch wagen.
Sie nickte im Sitzen ein und schreckte auf, als sie ein Geräusch hörte. Sie sah sich panisch um. Jemand kam die Treppe herunter und durch die Ritzen der Holztür drang Licht in ihre Gefängniszelle. Sie blieb stocksteif sitzen und hörte, wie das Schloss entriegelt wurde, dann öffnete sich die Tür und Jaydens imposante Gestalt warf einen langen Schatten in den Raum.
Augenblicklich spannten sich alle Muskeln ihres Körpers in Abwehrbereitschaft an.
Schweigend sah er auf sie hinab und sie hielt den Atem an. Ihr Herzschlag schien durch alle Adern zu hämmern. Was hatte er vor? Wollte er sie vergewaltigen? Würde er sie jetzt foltern, um an Informationen zu kommen?
Er bewegte sich kurz zurück und drückte außerhalb des Raumes auf einen Lichtschalter. Eine nackte Glühbirne an der Zimmerdecke flammte auf, und Katie musste die Augen zusammenkneifen, weil es plötzlich so hell war.
Es dauerte eine Weile, bis ihre Pupillen sich an das Licht gewöhnt hatten und sie wieder was sehen konnte.
Jayden stand immer noch im Türrahmen. Jetzt erkannte sie, dass er etwas in den Händen hielt. Rechts einen grauen, stabilen Kunststoffkasten mit einem Griff im Deckel, links eine Plastikflasche mit Wasser. Als sie die sah, leckte sie sich unwillkürlich über die trockenen Lippen. Immer noch spürte sie Erde von ihrem Sturz im Wald im Mund und in der Nase, und ihre Kehle war ganz trocken.
Doch der Mistkerl war bestimmt nicht gekommen, um ihr etwas zu trinken zu bringen, und der graue Kasten wirkte bedrohlich. Was hatte er vor?
Er trat einen Schritt näher. «Hast du Schmerzen?»
Sie starrte ihn regungslos an.
Er kam ganz herein, stellte die Wasserflasche an die Wand und hockte sich vor sie. Er hatte sich rasiert, doch sein Gesicht wirkte trotzdem genauso verwegen und hart wie mit den dunklen Bartstoppeln. Sofort spürte sie wieder körperlich die Energie seines Blickes. Ihre Haut im Nacken prickelte. Sie ließ ihn nicht aus den Augen.
Er stellte den Kasten auf den Boden und klappte den Deckel auf. Katie erkannte weiße Wundauflagen, Mullbinden, eine Schere, Pflaster und ein kleines braunes Fläschchen.
Er griff danach, öffnete es und träufelte etwas von der Flüssigkeit darin auf eine der Wundauflagen.
Katie begriff. Er wollte sie betäuben. Vielleicht war es ein Wahrheitsserum oder irgendeine andere Droge, mit der er sie gefügig machen wollte.
Panisch zog sie die Beine an, um aufzuspringen, doch frischer Schmerz tobte durch ihren Knöchel und ließ sie unwillkürlich aufjaulen. In der nächsten Sekunde packte Jayden auch schon ihre Unterarme und drückte sie runter.
Er knurrte unwillig. «Was soll das? Das bringt dir doch bloß neuen Ärger ein.»
«Lass mich los!», keuchte sie.
Er antwortete nicht, sondern schnaubte nur genervt, packte ihre Handgelenke mit einer Hand und griff nach einer der Mullbinden aus dem Kasten. Er zog ihren Körper so in den Raum, dass sie flach auf dem Rücken lag, und kniete sich über ihren Unterleib und ihre Oberschenkel. Mit der Mullbinde umwickelte er ihre Handgelenke und band einen strammen Knoten. Dann zog er ihre Arme gestreckt über ihren Kopf.
Katies Körper kämpfte mit aller Kraft gegen ihn, aber das ignorierte er. Er war unglaublich kräftig, es schien ihn nicht anzustrengen, sie festzuhalten, während sie sich trotz maximaler Muskelanstrengung keinen Millimeter rühren konnte. Keuchend gab sie die Gegenwehr auf.
Während er sich über sie beugte, um ihre gefesselten Hände an das Abflussrohr zu binden, stieß ihre Nasenspitze gegen den weichen Stoff seines Shirts, das seinen Brustkorb bedeckte, und sein Geruch umfing sie. Er stank nicht widerlich nach altem Schweiß, wie es zu einem Verbrecher passen würde, sondern duftete dezent und einnehmend nach Seife, Rasierwasser und Mann, als ob er gerade erst geduscht hätte.
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