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Rune Deis

MEHR ALS 6'

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Projektleitung: Christel Bröer

www.nord-buch.info

Coverfoto © TTstudio (Fotolia.com)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

- Die Liebe ist stark -

1 + 1 = 1

1 – 1 = 1

Zwei Gleichungen, die schon von Erstklässlern als unsinnig abgetan werden.

Das Leben gibt ihnen jedoch Sinn. Sie stehen in der Partnerschaft für Liebe und Schmerz.

Einleitung

Wenn die Schmetterlinge den Bauch verlassen, dann kommt die Liebe.

Viele wollen nur die Schmetterlinge – andere noch weniger.

Sie nutzen ein Golfevent in Marokko. Er ist aus dem Westen unserer Republik angereist, sie mit Freundin aus dem Süden.

Nach einer Turnierrunde und einem erfrischenden Getränk auf der Clubterrasse fahren die Akteure ins Hotel zurück. Zwischen Kaffee und Abendessen verschafft sie sich durch zaghaft forderndes Klopfen Einlass in sein Zimmer.

Viele wollen keine feste Bindung, nur ein aufregendes, zufalls- und gelegenheitsbestimmtes Leben. Ihr Sinn steht nach aufregenden Wochenenden, Urlauben mit Wellness; jede Abwechslung ist willkommen.

Für Gleichgesinnte, die zudem keinen Zweifel daran lassen, dass sie keine verpflichtende Partnerschaft anstreben, bringt diese Lebensform, wie es scheint, auch eine Art Erfüllung.

Unsere Geschichte nun erzählt von einer anderen »Liebe«.

Eine Partnerschaft in tief empfundener Liebe entspringt nicht dem Grundsatz von »geben und nehmen– nehmen und geben«. Sie erwächst immer aufs neue aus gemeinsamem, gegenseitigem Beschenken, Freude und Glück empfangendem Leben und Erleben. Wenn beide so empfinden, dann gehen sie ihren Weg wie selbstverständlich, unbeirrt, glücklich und erfüllt.

Wer liebt, hat nicht nur Sex im Kopf.

Aus Achtung und Respekt voreinander sollte immer das ehrliche Wort am Anfang einer jeden Beziehung stehen. Unehrlichkeit verletzt, erzeugt unerfüllbare Erwartungen und nicht heilen wollende Wunden.

Nur die Liebe macht glücklich; sie ist selbstlos und erfüllt sich im erlebten Glück des Partners.

Kapitel 1

Siegt unsere Liebe ein weiteres Mal?

Es ist wieder soweit; wir haben es einmal mehr geschafft – es herrscht erneut Funkstille. Ist es diesmal das endgültige Aus einer tief empfundenen Liebe und hoffnungsvollen Zukunft, das Aus einer Beziehung, die das seltene Glück im letzten Lebensabschnitt verheißt?

Wir sind noch nicht alt, sie 69 Jahre aus Bayern, ich 72 Jahre aus Schleswig-Holstein. Der Kuss ist noch innig und aufwühlend, liebevoll, weil jetzt dankerfüllt. Das unfassbare Glück ist allgegenwärtig, in jedem Blick, jeder Geste, Handreichung, Berührung. Jeder Spaziergang, gemeinsames Einkaufen, die kleinste Aufmerksamkeit hat einen neuen Stellenwert von lebendiger Liebe begleitet.

Nein, es ist nicht aus, das kann und darf nicht sein. Unsere Liebe ist stark; unsere Herzen schlagen im selben Takt.

Dennoch gibt es immer wieder diese Aussetzer. Vernunft im Alter – wo bist du?

Nichtigkeiten, aus Überempfindlichkeit als Kränkung oder Verletzung empfundene Äußerungen führen immer wieder zu wochen- und sogar monatelanger Funkstille. Anrufe werden nicht entgegen genommen, auf sms' nicht reagiert. Diese kontaktfreie Zeit zermürbt, lähmt, quält Seele und Körper: Wie geht es ihr, ist sie gesund, wann werden wir uns endlich wieder in den Armen halten?

Dieses zermürbende Spiel sollte ein Ende haben. Wir wollten uns beweisen, dass wir nicht nur zusammen gehören, sondern auch zusammen leben können.

Eigentlich stand das für uns immer außer Frage. Jetzt wollen wir dieses Wagnis endlich gezielt angehen, ihm einen festen Rahmen geben. Die letzten beiden Monate 2012 sollten uns auf unserem Weg ein überzeugendes Stück voranbringen, den endgültigen Beweis liefern.

Wir wollen nur noch kurzzeitige Trennungen zulassen; das tägliche Miteinander soll uns weiter ermutigen. Wir wollen in unser gemeinsames Leben starten.

Die Gründe für unsere Zerwürfnisse sind schnell aufgezählt. Immer wieder wurden Absprachen nicht eingehalten: da habe ich nicht dran gedacht, für den Tag hatte ich mich schon vor Monaten mit x verabredet, da ist mir letzte Woche etwas dazwischen gekommen, Verabredungen wurden ohne Abgleich mit dem Terminplaner getroffen oder einfach ignoriert. Ein anderer Grund war, dass wir uns nicht aussprachen, wenn Klärungsbedarf bestand, zumindest aus meiner Sicht.

Das führte zuweilen zu unzulässigen, vielleicht auch zu unterstellenden Schlussfolgerungen und Interpretationen.

Das alles dominierende Ereignis aber war für mich und mein daraus resultierendes Verhalten eine wie aus heiterem Himmel erforderliche OP, der ich mich unterziehen musste. Sie warf mich emotional fast aus der Bahn und war überdauernd die Ursache dafür, dass ich nicht immer ausgeglichen und souverän agierte. Ich sah unsere Partnerschaft einer übermächtigen Bedrohung ausgesetzt. Und schließlich hatten wir unsere Beziehung durch längere Trennungen immer wieder unnötigem Stress ausgesetzt.

Alles zusammen führte dann zu zermürbenden Sendepausen, die Sina immer wieder einlegte: Anrufe wurden nicht entgegen genommen, Bitten um Rückruf nicht befolgt. Diese Belastungen sollten ab sofort der Vergangenheit angehören, durch Verlässlichkeit in Absprachen, Reden bei Klärungsbedarf, keine Sendepausen und keine längeren Trennungen, zwei maximal drei Wochen.

Kapitel 2

Sina und Rune

Als ich am Reformationstag nach siebenstündiger Fahrt in Langwasser ankam und meinen Koffer im Flur abstellte, fiel mein Blick auf ein DIN A4-Blatt, das an der Schlafzimmertür klebte:

31. Oktober 2012 – Nürnberger Thesen!

Bis Ende des Jahres keinen Streit, kein Ausflippen!!

Sonst ist es für immer vorbei mit Rune und Sina.

Sina

Die scherzhafte, aber letztlich auf unseren Erfahrungen beruhende Mahnung sollte an unsere Vorgabe erinnern. Am Abend nehmen wir sie in der festen Überzeugung und mit den Worten ab »Wir schaffen es!«

So verlaufen auch die Tage. Wir genießen sie, wir sind wieder zusammen. Brombachsee, Happurger Stausee, Essengehen, auch mit Bekannten, Spaziergänge, Stadtbummel, Einkaufen, Dürerhaus, Museum, Tierpark, Kino, Tischdecken, Aufräumen, Abwaschen, Staubsaugen …

Es fühlte sich alles so selbstverständlich, erfüllt, erfüllend und lebendig an. Wir lebten einmal mehr unseren Traum. Den Traum, der uns fast auf den Tag genau bereits zwei Jahre lang begleitete. »Wir schaffen es!« – Es gab nicht den geringsten Zweifel.

Zwei Tage vor unserem Kurztrip am Samstag nach NRW – Sina wollte eine Freundin zu deren 70-igsten Geburtstag in Gelsenkirchen besuchen und ich Schwager und Schwägerin (Schwester meiner vor fünfeinhalb Jahren verstorbenen Frau Jutta) in Gladbeck – saßen wir in Nürnberg in einem urigen Café, im ersten Stockwerk eines Blumenladens. Es war mehr ein Provisorium, das aus mit klobigen Ledersesseln ausgestatteten Räumen bestand.

Wir fanden an einem kleinen Tisch in der Nähe des Treppenaufganges Platz, wo wir uns dennoch ungestört unterhalten konnten. Der Kaffee war heiß, und die selbst gebackenen Torten ausgesprochen lecker. Beiläufig kam Sina auf meine Heimfahrt zu sprechen und hielt Donnerstag für die richtige Wahl. Das wäre zwei Tage nach unserer Rückkehr aus NRW gewesen.

In meinem Gesicht las Sina Entsetzen und wollte sofort reagieren. Enttäuscht, leicht verunsichert und auch bockig kam ich ihr aber zuvor:

»Nein, am Donnerstag fahre ich nicht, dann am Mittwoch.«

Sina war erschrocken und versuchte zu beruhigen: »Ich will Dich doch nicht loswerden; nein, dann fahr bitte erst am Samstag.«

Wir gaben uns einen Kuss und hatten gleich neuen Gesprächsstoff.

Etwas später stiegen wir die alte Holztreppe hinunter. Ich bezahlte und Sina kaufte im vorweihnachtlich gestalteten Verkaufs- und Ausstellungsraum eine große rote, dicke Kerze und wusste auch, wo ich sie zu Hause bei mir hinstellen sollte. Advent stand vor der Tür.

Am Samstag, Abfahrt 9.00 Uhr, lenkte Sina unseren Wagen in Richtung NRW. Bei der Freundin hatte sie sich für ca. 16 Uhr angemeldet. Im Kofferraum lag ein Gesteck, das wir in der Goldschläger-Stadt Schwabach für die Grabstätte ihrer Eltern in Düsseldorf gekauft hatten.

Nach dem Friedhofsbesuch steckten wir in der Stadt sofort im Stau; wir kamen kaum einen Schritt voran. Das warf den Zeitplan über den Haufen; erst gegen 17.45 Uhr erreichte Sina ihr Ziel.

Am Abend erhielt ich noch eine sms mit Gute-Nacht-Wünschen und, wie ich erst am nächsten Morgen über Mailbox erfuhr, hatte Sina mir noch in der Nacht mitgeteilt, dass ihre Verspätung nicht gut aufgenommen worden war. Sie hatte sich offensichtlich einiges anhören müssen; ihre Stimme drückte Niedergeschlagenheit aus.

Es war die richtige Entscheidung, Schwägerin und Schwager zu besuchen. So konnten wir die fernmündlichen Bilder durch persönliche Eindrücke aktualisieren.

Wir erlebten gegenseitig die ungeschminkte Gegenwart mit ihren Einschränkungen und dem Alter gezollten Arrangements. Unser derzeitiges Befinden und die jüngste Vergangenheit nahmen den größten Raum unserer Unterhaltungen ein. Wir brachten uns auf den neuesten Stand, erinnerten uns aber auch an gemeinsame Erlebnisse, in denen Jutta immer dabei war.

Es sind schöne, liebevolle Erinnerungen, die mir den Rückblick heute mit nicht mehr zu großer Wehmut erlauben. Ich kann jetzt mit Freude und Dankbarkeit auf diesen mit nichts vergleichbar schönen, erfüllten Abschnitt meines Lebens zurückschauen.

Der Besuch eröffnete mir aber zugleich einen noch realistischeren Blick auf die Gegenwart. Und auch meine vergleichbar größeren Erwartungen an die Zukunft, an einen ersehnten, erfüllenden neuen Lebensabschnitt waren unübersehbar. Sie bestärkten mich umso mehr, das Wagnis entschlossen anzugehen. Dafür hatte das Schicksal mich zu Sina geführt.

Für Renate und Klaus war der Blick in die Zukunft überschaubar. Ich dagegen darf jetzt wieder auf einen neuen, vielleicht sogar noch einmal aufregenden Lebensabschnitt hoffen. Deshalb war meine optimistische Perspektive für die beiden von Interesse.

Sie wussten, dass es Sina gibt und erfuhren jetzt, dass ich mir ein Leben mit ihr nicht nur vorstellen könnte, sondern sehnlichst wünschte. Dieser Wunsch beherrscht mein Denken und Fühlen, lähmt alle anderen Aktivitäten. Andere Dinge nehme ich erst wahr und kann mich ihnen intensiver widmen, wenn wir nicht für länger getrennt sind.

Am Dienstag stand ich wie abgesprochen um 10.30 h bei einer anderen Freundin vor der Tür; hier hatte Sina übernachtet. Bei einem Kaffee machten wir uns bekannt, bevor wir nach Düsseldorf aufbrachen.

Sina war bei mir – die Welt wieder in Ordnung. Und dennoch waren wir vor Störungen auch diesmal nicht gefeit. Als ich die Handy-Info ansprach, versuchte Sina sie mit einer wenig überzeugenden Bemerkung herunterzuspielen. Die Nachricht war ihr im Nachhinein offensichtlich peinlich; sie versuchte sie auszublenden.

Ich erfuhr also nichts Näheres. Und als ich in einer anderen für uns beide belanglosen Sache einmal nachfragte, reagierte Sina gereizt:

»Das habe ich doch gesagt.«

Einen nachhaltigeren Eindruck hinterließ dagegen ihre Bemerkung:

»Du bist so verändert; sind eure gemeinsamen Erinnerungen an früher der Grund dafür?« Ich war irritiert, stellte richtig, dass das keineswegs der Fall wäre und fügte bekräftigend hinzu, dass ich im Gegenteil nicht verschwiegen hätte, dass ich mir nichts mehr wünschte, als ein Leben mir ihr. Das blieb ohne Erwiderung.

In Düsseldorf, wo Sina auch einige Jahre gelebt hatte, legten wir einen Stopp ein. Wir bummelten über die Kö, schauten in einige Geschäfte und aßen in einem Sina gut bekannten Restaurant zu Mittag. Danach spazierten wir in dem geschäftigen Treiben bis an den Rhein.

In der kurzen Zeit sammelte ich viele neue Eindrücke. Sinas Verhalten und ihre Äußerung bezüglich meines Besuchs in Gladbeck ließen mich aber nicht los.

Hatte dieses Wochenende, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht Verunsicherung ausgelöst? Befürchtet Sina wohlmöglich, dass ich mir meiner Liebe zu ihr nicht absolut sicher bin? Sie konnte schon aufgrund meines gelebten Verständnisses von partnerschaftlicher Liebe jeden Zweifel ausschließen.

Zogen also doch wieder dunkle Wolken auf? Wollten wir trotz aller liebevollen Beteuerungen und des unzweifelhaft gleichen Herzenswunsches unseren zielsicheren Weg wieder einmal verlassen? Er lag doch nicht im Dunklen, sondern im strahlenden Sonnenlicht. Waren wir geblendet oder ein weiteres Mal blind? Reagierten wir wieder überempfindlich, ließen wir völlig unbegründete Zweifel zu?

Das durfte uns nicht noch einmal passieren. Unser Traum sollte uns bestärken und beflügeln: zusammen bleiben und in absehbarer Zeit auch zusammen leben. Diesen Wunsch wollten wir behutsam, nichts überstürzend, verwirklichen.

Unserem Zielbild fehlten aber noch die scharfen Konturen. Schuld daran waren sicher die vielen Trennungen. Wir lebten immer noch zu sehr nur den beglückenden Augenblick. Vor allem Sina hielt sich immer sehr bedeckt. Mein Leben kennt sie bis ins Detail. Kenne ich ihres noch zu wenig, um ihre Zurückhaltung zu verstehen? Was muss ich noch wissen?

Sina darf es nicht zulassen, dass ich mir Unverständliches und noch nicht Bekanntes durch Vermutungen ersetze. Das führt zielsicher zu weiteren Irritationen, möglicherweise zu unzulässigen, zerstörerischen Schlüssen.

Das bewährte Unheil blieb ein weiteres Mal nicht aus. Wir beschworen es in den verbleibenden Tagen und in einem späteren Telefonat geradezu herauf.

Zunächst fragte Sina mich, wann ich am Donnerstag fahren wollte. Ich war sprachlos. Dieses Thema hatten wir doch vor Nordrhein-Westfalen (NRW) abschließend geklärt. Und die erneute Einigung auf Samstag beschwichtigte mich nicht wirklich. Zum anderen stand meine Abreise bevor und bis zu unserer gemeinsamen Silvesterfeier waren es noch sechs Wochen. Dazwischen lag mein Geburtstag Anfang Dezember.

Sina löste das Problem auf ihre bewährte Weise:

»Dann kommst Du eben vom 4. bis 11. Dezember zu mir.«

Als wir uns am Samstag verabschiedeten küsste Sina mich liebevoll und lange und sah mich eindringlich mit den Worten an:

»Wir schaffen es!«

Während der Fahrt telefonierten wir zweimal. Die Unstimmigkeiten waren durch Sinas zärtliche Verabschiedung weggewischt und ich fuhr zuversichtlich gen Norden. Ich sagte mir: ›Du bist zu empfindlich, sieh nicht immer alles so ernst, leg schon gar nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Sina ist so, sie meint es nur gut, sie ist ein Schatz, ich liebe sie, und wir werden es schaffen. Wir werden zusammen glücklich alt werden. Nürnberger Thesen – wir sind trotz allem auf dem richtigen Weg!‹

In den darauf folgenden Tagen telefonierten wir regelmäßig, erzählten was wir erlebt, was uns berührt und bewegt hatte und freuten uns auf das Wiedersehen – bis ein Telefonat alles wieder zunichte machte.

Sina begründete nachvollziehbar weshalb mein Besuch zu dem abgesprochenen Termin geplatzt war. Sie nannte einen neuen. Zur festen Absprache kam es aber nicht, weil weitere Unstimmigkeiten das Gespräch ergänzten. Die Fortsetzung war nicht neu.

Anrufe nahm Sina nicht entgegen, und Bitten um Rückruf kam sie nicht nach. Was sie wieder einmal verärgert hatte, konnte ich nicht nachvollziehen. Es gab aus meiner Sicht keinen triftigen Grund. Ich konnte nur mit einer Bemerkung in ein mir unbekanntes Wespennest gestochen haben.

Maßlos enttäuscht war ich dann darüber, dass sie mir nicht persönlich zum Geburtstag gratulierte. Mit einer sms am frühen Morgen: ›Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Sina‹ und einer ebenso dürftigen Karte am nächsten Tag ließ sie es bewenden.

Wir schaukelten das Unheil erneut hoch Es kam wieder alles zusammen: Terminabsprache, lange Trennung, Funkstille und welche Äußerung in dem Telefonat auch immer, führten zu zwei E-Mails, eine von mir und eine von Sina.

Ich versuchte die Wogen zu glätten; Sina hatte wieder das vorschnelle Aus zur Hand. Ich maß Sinas trotziger Reaktion dennoch keine zu große Bedeutung bei, weil es nicht ihre erste Bekundung dieser Art war. Immer hatten wir wieder zueinander gefunden nach Wochen oder auch erst nach Monaten. Dennoch musste ich meiner Verärgerung mit wenigen Zeilen Luft machen.

Ich schrieb eine Briefkarte. Sie war mit Wünschen für das Weihnachtsfest und Gesundheit in 2013 ebenfalls auf Endgültigkeit abgefasst, aber in dem festen Vertrauen, dass diese Endgültigkeit nie eintreten wird.

Die Karte hatte verheerende Wirkung. Wir sprachen weiterhin kein Wort miteinander, unternahmen keine neuen Versuche.

Weihnachten überstand ich wieder einmal in einem Stimmungstief und Silvester saß ich allein zu Hause. Meine Gedanken waren seit unserem letzten Telefonat nur bei Sina. Ich wachte mit ihr auf und schlief nach immer wieder längeren Wachphasen dann endlich mit ihr ein.

Vor zwei Jahren hatte ich eine Urlaubskasse für uns beide angelegt. Weil ich sie ohne Sina nicht eingerichtet hätte, stand ihr, sollten wir uns trennen, aus meiner Sicht ein Anteil zu. Diese meine Einstellung war ihr bekannt.

Ich wünschte Sina am Neujahrstag per sms Gesundheit und alles Glück dieser Welt. Und eine Überweisung sollte dann mein (nicht wirklich) letztes Lebenszeichen sein.

Ich hoffte auf eine Reaktion, einen Anruf, ein simples Danke per Handy oder eine Rücküberweisung. Das Handy öffnete ich täglich mehrmals, zog häufiger als gewöhnlich einen Kontoauszug und einen Anruf erhielt ich auch nicht. Vielleicht wollte Sina abwarten wie ich mich zu ihrem Geburtstag Ende Januar verhielt und dann reagieren.

Ich meldete mich nicht, sie sich auch nicht.

Es hatte immer ein Weiter gegeben. Unsere Liebe lässt nicht los. Das haben wir beide jetzt über zwei Jahre mehrmals erfahren. Die Gedanken kennen nur eine Adresse, das Herz schlägt nur für diese Person. Es ist überglücklich oder es schmerzt und wartet sehnsüchtig darauf, endlich wieder gehört zu werden.

Kapitel 3

Ein verzweifelter Rückblick erhält die Hoffnung.

Schon bei früheren Zerwürfnissen hatten wir das Aus erklärt, den Schlussstrich gezogen, Funkstille walten lassen. Dieses geschah immer unvermittelt, nie gab es ein Gespräch.

Ich erklärte Sina, dass für mich ein Abschied ohne Aussprache undenkbar sei. Wer wirklich liebt, der trennt sich nicht, und wenn doch, dann geht er ehrlich. Sina aber lehnte das ab, sie bräuchte kein Gespräch.

Heute geben mir ihre sms' die Erklärung. Auch Sina wollte unsere Beziehung nie beenden. Die Unterbrechungen sollten mich wachrütteln, zur Besinnung und Vernunft bringen. Die wiederholten Versöhnungen allein zeigen, dass auch Sina immer fest an uns geglaubt hat.

Es geschah aber nichts! Wie sollte ich damit leben? Deshalb fasste ich den Entschluss, die Geschichte von »Sina und Rune« aufzuarbeiten. Das sollte mir helfen endlich zu verstehen, vielleicht auch meine Sehnsucht zu mildern, gewiss aber, mir neue Hoffnung geben.

Ich begann damit, Sinas sms' zu lesen – immer wieder – und schrieb sie schließlich ab:

Sinas sms’:

– Ich wünsche dir eine gute heimfahrt ich glaube der tag hat uns beiden gut getan g lb gr– Schlaf ruhig mach dir keinen kopf war kurz bei meiner tochter calzium bringen es schüttet draußen wir hatten glück mit dem schönen wetter g lb gr– Gruß (u. Bild: Sina mit Rolator)– Wenn du möchtest komm bald– Ich sitze schon im zug ankunft 15.56 ich freue mich.– Es waren sehr sehr schöne stunden mit dir denk an den stern wenn du ihn heute abend am himmel siehst der bin ich der ganz helle strahl!!!– Guten morgen, die sonne strahlt das bergpanorama von ritas wohnung ist toll einen schönen sonntag 1 küsschen– Mir geht es wie dir ich habe sehnsucht deine küsse dein streicheln deine nähe und noch viel mehr!!!– Du kannst mich abends ab 19 uhr sommerzeit anrufen – 0027125855428 bis 21.00 sind wir auf g lb k i lb d– Was ist mit uns beiden geschehen?– 6 min haben alles geändert ein tolles gefühl einen menschen so zu vermissen u zu lieben schöne reise u viel spaß beim golfen– Habe doch ein bisschen geduld ungeduld u eifersucht ist nicht so gut vor 6 wochen war noch alles anders bei uns i lb d mein Igel– Die zeit vergeht so schnell bis wir uns in den armen liegen u uns spüren deinen herzschlag höre deine lippen spüre– Sitze auf der terrasse 28 g wie ist deine vollständige tel ich versuche dich dann zu erreichen genieße alles ich denk an dich i lb d– Guten morgen mein lieber schatz meine tage sind leider bald vorbei bist du gesund? Mache mir sorgen ich liebe dich– 00271258555428 ab 17.00 machen wir happy hour auf der terrasse lange durchklingeln mein schatz i lb d s s– Ich war glücklich deine stimme zu hören unsere liebe soll dich nicht leiden lassen glücklich sein auch in unserem alter!! Ich liebe dich ist es nicht schön?– Ich wünsche dir einen schönen 1. advent lass dich umarmen i lb d– Sitze in amsterdam habe noch 3 std bis zum abflug via heimat danke für die liebe sms flug 12 std war ok i lb d– Schatz was ist los mit dir warum zweifelst du plötzlich an mir ich liebe dich so was ist über dich gekommen– Mache dir keine sorgen WIR schaffen es gemeinsam vertraue mir und unserer liebe es ist ein guter prüfstein nicht der sex ist wichtig sondern unsere hautnähe– Was machst du mein schatz rufe erika an wenn ich morgen vormittag arbeite könnt ihr euch doch treffen evt auf dem golfplatz i lb d– Mein schatz denke daran i lb DICH sei nicht traurig denke an gestern nacht es war so herrlich bussy– Rune es ist ein schönes gefühl zu wissen da ist ein lieber mann der einen über alles liebt– Frohe weihnacht mein schatz (mit Bild: Kerze auf Tannengrün)– Alles liebe mein schatz (mit Weihn.-baumbild)– Guten morgen mein schatz geht es dir etwas besser? Ich freue mich dich nachher in die arme zu nehmen– Mein lieber schatz ich liebe dich wahnsinnig nichts kann uns trennen denke an unsere letzten tage wir beide waren wie zwei ertrinkende dein kleines mädchen ich klammerte mich an dich es war so herrlich ein spatz unter den flügeln des adlers– Rune unsere liebe ist so unendlich rein und schön bitte was muß ich dir noch sagen daß du es endlich glaubst i lb d mein schatz– Denke immer ich liebe dich du bist nicht allein dein spatz– Ich denke nur noch an dich ich liebe dich die blumen sollen dich anlachen dein kleiner spatz Guten morgen mein schatz ich umarme dich 1000 heiße küsse i lb d– Danke für das blumenbild ich habe sehnsucht nach dir ich möchte in deinen armen liegen– Gott sei dank es geht aufwärts für uns man muß nur vertrauen haben i lb d– Du bist mein erster und letzter gedanke mein schatz– Fahre langsam ich brauche dich mein schatz mache dir nicht so große sorgen schone deine nerven das hilft auch zur genesung ich liebe dich habe vertrauen mein großer adler ich brauche deine flügel– Ich habe sehnsucht endlich in deinen armen zu liegen– Bin mit 15 min verspätung in kassel mein schatz es war ein wunder – schönes wochenende– Wir sollten nicht immer nur probleme besprechen man dreht sich nur im kreis bitte laß doch die tel so sein wie früher ich liebe dich doch auch und weiß es wie du mich brauchst danke für die 2 sms mein schatz– Bitte komm nächste …– Mein körper schmerzt meine seele weint so habe ich nicht mir die liebe vorgestellt die leere die qual ich bin wie tot sogar die augen sind ohne tränen!!!– Kaufe die maxi cd von der gruppe unheilig ich bin geboren um zu leben das war mein motto aber aber!!!– Bin auf dem weg nach tönning willst du überhaupt noch kommen reißt es nicht nur wieder wunden auf?– Bin auf dem weg nach münchen komme auf den marienplatz dort sitze ich mit meinem neuen liebhaber– Ich war abends nie daheim immer auf der flucht ich weiß nicht welchen rat du benötigst ergreife die frau die dich da anhimmelt ich werde meinen weg u ruhe irgendwann wieder finden oder alleine bleiben vielleicht soll das mein Weg sein unter deiner flagge!!!– Ich habe deinen lieben brief gelesen u frage mich warum kommt jetzt die einsicht nach dem so viele scherben liegen?– Bitte begreife es ich brauche keine aussprache bleibe in mildstedt u werde dort glücklich lebe wohl– Die briefe werde ich als eine schöne erinnerung von okt bis jan 2011 behalten sie sind für mich sehr wertvoll Sina– Ich antworte jetzt zum letzten mal laß mich in ruhe ich will dich nicht mehr sehen du bist ein …!!!– Danke für die maxi cd ich hatte damals die cd große freiheit gekauft meinst du ich habe die lieder nie gehört sie machen mich jedesmal sehr nachdenklich nach deinem langen brief war ich so fertig und hatte danach einen kleinen unfall ich hoffe dir geht es gut– Meine tränen tropfen immer wieder in den kaffee wer bin ich was habe ich gemacht bin ich es wert deine liebe zu bekommen dich so allein zu lassen? die letzte kaum geschlafene nacht hat mich schmerzen spüren lassen mein herz hat so schnell geschlagen daß ich kaum noch luft bekam was wollte meine seele mir sagen??– Einer großen enttäuschung!!– Fahr bereits am donnerstag von sylt nach HH zur konfirmation– Ich habe besuch ich rufe morgen früh an– Es ist so traurig daß zwei menschen die sich so geliebt haben so miteinander umgehen u einen so verletzen nicht kinder machen so etwas schöne feiertage– Rufe mich morgen an ansonsten genieße deinen urlaub– Es bleibt bei donnerstag kann vorher nicht du kannst dich ja um ein hotel in bad kissingen kümmern– Die reise hat sich erledigt habe das wochenende mit meinem früheren freund verlebt rufe mich nicht mehr an es hat keinen sinn!– Verzeihung ich habe den größten fehler meines lebens gemacht und dir sehr weh getan– Ja mein herz schlägt noch als du mir die sms schicktest fuhr ich zum frühstück zu erika da sie erst in 4 wochen wieder hier ist rufe morgen abend an– Meine 2 golfdamen kommen gleich sonst morgen– Habe dich überall zu erreichen versucht melde mich im laufe des tages laß doch deinhandy offen damit ich dich erreichen kann bussy– Den wird es nicht mehr geben ich will nicht mehr die telefonate sind zeigen wir sind zu verschieden ich bin anschließend krank es ist ein endgültiger schlußstrich begreife es endlich viel glück mit einer neuen partnerin– Es war kein schönes gespräch verzeih ich freue mich auf dich bussy– Ich hoffe du hast dein auto wieder i lb d bussy hier ist man völlig abgeschieden– Es ist ein traumhaftes wetter bussy danke für die sms– Ich denke an dich bussy– Ich denke nicht an deine letzten häßlichen worte wir drehen keinen film also keine regie schöne golftage ich denke an dich bussy– Ich wünsche eine staufreie fahrt ich freue mich– Geht das theater schon wieder los warum bist du so dann fahre in den golfurlaub bist du da nicht allein??– Nein dein benehmen ist wiederlich– Bleibe bitte da es gibt kein zurück übe keinen druck aus deinen charakter kannst du nicht ändern keine sms mehr ich will meine ruhe wiederfinden– Wie oft soll ich verzeihen es wird sich nichts bei dir ändern laß uns freunde bleiben damit du frei bist für eine partnerin du hast chancen mache nicht die fehler wie bei mir– Fahre in den urlaub mit der person die schon in deinem blickfeld ist damit du mich vergißt aber nicht unsere stunden bin am strand– Ja mein schatz einen ganz dicken sei nicht immer grantig i lb d– Ich wollte dir nur gute nacht sagen das wetter macht einen happy laß dich drücken bussy– Ich komme erst ca 13.30 techniker da haben einen neuen server bekommen– Ich hoffe du bist gut angekommen gute nacht bussy– Holst du mich morgen gegen 10.30 bitte ab bussy– Herzlichen glückwunsch zum geburtstag sina

Diese Worte rufen jedes Detail unserer unglaublich schönen Zeit wieder wach und sagen unmissverständlich: Unsere Liebe ist so stark, sie wird uns immer wieder zusammenführen.

Ich war einmal mehr so aufgewühlt, dass ich diesen Brief Ende Januar schreiben musste. Das war das mindeste was Sina erfahren sollte:

Liebe Sina,

ich habe alle Deine sms` noch einmal gelesen und bin entsetzt und beschämt darüber, dass mein Herz so blind war. Du hast ein Anrecht darauf, dieses von mir zu erfahren, und: es tut mir unendlich leid. Ich werde mir nie verzeihen, was ich Dir zugemutet habe; vielleicht kannst Du es irgendwann?

Danke für die Liebe, die Du mir trotz allem immer geschenkt hast und für den hellen Stern. Ich werde Dich immer lieben!

Bleib gesund!

Dein Rune

Sina war es, die ihre Liebe immer aufs Neue unter Beweis stellte. Ich dagegen war nur blind, sogar mit dem Herzen. Die sms' haben mich gerüttelt, haben mich fest bei den Schultern gepackt und unaufhörlich geschüttelt und aufgewühlt.

Sina hat für unsere Liebe alles getan, unbeirrt für mich mitgekämpft. Sie machte die schwere Phase, die ich durchstehen musste, auch zu ihrer, zu unserer gemeinsamen. Sie schaute positiv voraus auf unser gemeinsames Ziel. Sie lebte die Überzeugung, dass es sich lohnt, für unseren Traum zu kämpfen.

Ich hoffe und bete dafür, dass es nicht zu spät ist.

Ich bin wie gelähmt, antriebsarm und habe nur einen Gedanken. Ich kann keiner Ablenkung wie Golfen, Einladungen, Besuche bei Freunden etwas abgewinnen, geschweige sie genießen.

Das Handy nehme ich immer wieder in die Hand, hoffend auf ein Lebenszeichen von Sina und andererseits in der Versuchung, ihr meine ungebrochene Liebe in Großbuchstaben zu senden.

Dann las ich wieder ihre einfühlsamen, Mut machenden, durch nichts zu erschütternden auf eine gemeinsame Zukunft gerichteten sms', und ich begann, unsere Geschichte aufzuarbeiten.

Kapitel 4

Begründeter Optimismus

Wir altern und reifen zugleich. So wie wir an äußerlicher Attraktivität verlieren, gewinnen wir an innerer, wenn wir besonnen, ernsthaft, ehrlich und realistisch sind.

Inwieweit wir Werte leben und verkörpern ist unsere Entscheidung im selbstbestimmten Reifungsprozess. Dann kann auch das Älterwerden Glück und Zufriedenheit schenken und sogar eine neue Liebe zulassen.

In der Jugend erfahren wir vornehmlich durch unsere Erscheinung Aufmerksamkeit und werden mit Attributen wie attraktiv, sportlich, anziehend … belegt, sind beliebt, werden bewundert, auch begehrt und lassen es vielleicht auch zu.

Im Mittelalter müssen wir uns von der ersten Phase – wenn nicht schon innerlich gereift – schmerzhaft verabschieden, sind oft noch mit Wunschvorstellungen in ihr verhaftet. Eitelkeit und Realitätsferne verstellen oft den Blick.

Mit Hilfsmitteln versuchen wir festzuhalten und zu kaschieren, was zunehmend entgleitet. Jetzt sind wir gerne gesehen, geachtet, respektiert wegen unseres Charakters und unserer gelebten Werte verpflichteten Einstellung. Eine neue Liebe ist in dieser Phase möglich, wenn wir uns bei dem Blick durch die Schale bewähren. Dann sind wir der Liebe wert.

Im dritten Abschnitt hat äußere Attraktivität naturgemäß geringere Bedeutung und Umgehängtes erregt nur für den kurzen Augenblick Aufmerksamkeit. Das Auge sieht – das Herz nimmt wahr und erkennt.

Der neue Mantel, der schicke Anzug, das 78.-igste Paar Schuhe geben einen ersten flüchtigen, oberflächlichen, unreflektierten Eindruck; sie können nur für den Augenblick vom Wesentlichen ablenken. Es zählt allein die Attraktivität des Herzens. Deshalb unterliegt eine neue Partnerschaft in tief empfundener Liebe besonders kritischen Maßstäben. In diesem Lebensabschnitt stehen wir, Sina und Rune, in dem Ehrlichkeit aus Verantwortung für den Partner oberstes Gebot ist.

Wie lange haben wir noch? Können wir uns leisten noch ein Jahr, eine Stunde zu verschenken? ›Carpe diem!‹, in Ehrlichkeit aus Verantwortung füreinander.

Die Kostbarkeit der Zeit gebietet es umso mehr, den Partner mit schonungsloser Offenheit über nichts im Unklaren zu lassen oder aus Scham, Angst oder Zweifel darüber, wie die Wahrheit ankommen könnte, etwas zu verschweigen.

Und – bin ich wirklich für einen Neuanfang bereit oder sind meine Vorstellungen und Träume noch illusionär in der Vergangenheit verhaftet oder gar durch sie belastet? Nur wenn ich dem Partner aufrichtig, offen und ehrlich gegenübertrete habe ich das Geschenk verdient, ein aufregendes Wagnis im Alter erleben zu dürfen. Wenn Liebe an der Ehrlichkeit zerbricht, dann ist sie nicht stark genug. Ein Ende unserer Beziehung kann ich mir, auch für Sina, nicht vorstellen. Ich musste schon einmal durch den Schmerz hindurch; ein zweites leidvoll andauerndes Ende einer Partnerschaft bleibt mir hoffentlich erspart.

Weil Sina einmal mehr ohne Vorankündigung Funkstille praktiziert, eine Aussprache erneut ablehnt, unternehme ich den Versuch »Die Geschichte von Sina und Rune« aufzuarbeiten. Das soll mir helfen, Sinas Signale zu verstehen und mich für unsere Liebe reif zu machen.

Ich unternehme diesen Versuch in der festen Überzeugung: Das Schicksal hatte es für uns so einzigartig gefügt, damit unsere Herzen sich von allen Fremdeinflüssen und ablenkenden äußerlichen Eindrücken frei, kennen lernen und ihre Liebe füreinander entdecken durften.

Unsere so einmalige Geschichte einer letztlich unerschütterlichen Liebe wird ihre Fortsetzung finden.

Kapitel 5

Telefonate mit der Phantomfrau

Ausgangspunkt unserer wunderschönen, tief empfundenen Liebe, die immer wieder von quälenden, mit Zweifeln belasteten Phasen unterbrochen wurde, war die abendliche Abschlussveranstaltung einer Golfturnierwoche in Bayern im Juni 2010.

Busse brachten die Teilnehmer/​innen in die Festhalle. Über zwanzig Notenständer auf dem Podium deuteten auf einen schwungvollen Abend hin.

Wir, sechs Mitglieder aus meinem Golfclub saßen mit Golffreunden aus NRW, Stuttgart und Leipzig an einem Tisch, ließen uns das Essen schmecken, folgten den Reden, der Siegerehrung, erfreuten uns an den Powerpoint-Bildern, tranken Wein und tauschten Erlebnissen der ereignisreichen, rundum gelungenen Turnierwoche aus.

Als die Musik zum Tanz aufspielte, bekam ich einen inneren Schubser, der mir bedeutete: Los, steh auf, wenn du dich heute nicht überwindest, dann bestimmt nie mehr.

Meine Frau war vor drei Jahren gestorben, ich lebte zurückgezogen, Ablenkungen erschöpften sich in notwendiger Haus- und Gartenarbeit, gelegentlichen Besuchen bei den Kindern und Enkelkindern und ausgiebigem Golfspiel. Bis heute hatte ich abgelehnt, Musik zu hören; auch im Auto schaltete ich das Radio nach den Nachrichten aus. Und jetzt sollte ich tanzen?

Der Zufall kam mir zur Hilfe, er hatte für mich einen Plan. Mir gegenüber, am übernächsten Tisch, saß eine Golferin, die das Turnier in meiner Gruppe mitgespielt, und die ich wiederholt gesehen hatte. Unsere Blicke trafen sich, und wir nickten uns begrüßend zu, was wie ein Übereinkommen war zu tanzen.

Wir gingen weitere Male aufs Parkett, unterhielten uns angeregt und tauschten die Telefonnummern aus. Es vergingen knapp zwei Wochen, bevor ich Erika in Nürnberg anrief. Es war für mich erfrischend eine neue Verbindung zur Außenwelt zu haben. Ich erfuhr, dass sie alleinstehend und nicht mehr berufstätig ist, ein enges herzliches Verhältnis zu ihren Kindern, besonders zu ihrem Enkel hat, den sie zuweilen mit auf den Golfplatz nimmt. Sie ist eine begeisterte Golferin mit disziplinierter und profunder Einstellung zum Spiel, wovon ich mich später persönlich überzeugen konnte.

Wir telefonierten oft. Unsere aktuellen Erfahrungen und Erlebnisse beim Golfen nahmen einen gebührenden Rahmen ein. Die Vorstellung auch einmal gemeinsam zu golfen gewann dabei zunehmend konkrete Formen. Es dauerte nicht allzu lange bis wir einen Termin vereinbarten.

Nach einem Besuch bei Verwandten in Thüringen fuhr ich weiter nach Herzogenaurach. Erika hatte für mich in der Nähe des Golfplatzes eine Unterkunft gebucht. Durch unsere Telefonate war es ein ungezwungenes Wiedersehen, ein harmonisches Golfspiel und zwei nette Abende. Als wir uns verabschiedeten holte ich das Einverständnis ein, sie einmal drücken zu dürfen. Diese Geste war mir ein Bedürfnis und gleichzeitig Ausdruck meines Dankes dafür, dass sie entscheidend dazu beigetragen hatte, aus meiner Isolation auszubrechen.

Wieder daheim setzten wir unsere Telefonate in gewohnter Weise fort bis Erika mich mit der außergewöhnlichen Frage konfrontierte, ob ich Kontakt zu einer ihrer Clubkameradinnen aufnehmen wollte.

Ich erfuhr, dass diese alleinstehend war, familiäre Bindung nach Sylt hat und eine Telefonbekanntschaft auch in ihr Leben einen neuen Farbtupfer bringen könnte. Dankbar und aufgeschlossen für jedes Schrittchen, das mich weiter ins Leben zurückführte, willigte ich ein. Erika hatte sich noch einmal bei ihrer Golfkameradin rückversichert, das Einverständnis bestätigen lassen und jetzt lag eine neue Telefonnummer vor mir auf dem Tisch.

Etwas aufgeregt drückte ich die kleinen Knöpfe, die richtige Nummer erschien im Display und das Freizeichen ertönte. Es dauerte nicht lange, dann meldete sich eine offensichtlich freundliche, aufgeschlossene Person mit sympathischer, vertrauenerweckender Stimme.

Wie unter Golfern üblich einigten wir uns ungezwungen auf Sina, Rune und Du.

Es folgte eine Zeit langer, intensiver, immer vertrauterer Telefonate bis zu zwei Stunden, zwei- bis viermal die Woche.

Ich erfuhr, dass Sina mit 66 Jahren drei Jahre jünger war als ich und noch unregelmäßig in einem Labor arbeitete. Sie ist ausgebildete Medizinisch-technische Assistentin (MTA), hatte ihren Beruf nach der Heirat aber nicht mehr ausgeübt, weil durch die Tätigkeit ihres Mannes mehrere Ortswechsel erforderlich waren. Nach ihrer Scheidung blieb Sina mit ihren beiden Töchtern, die jetzt verheiratet auf Sylt leben, in Langwasser wohnen. Sie war als Alleinerziehende dann 25 Jahre als Außendienstlerin bei einer Firma für pharmazeutische Geräte tätig.

Sina erzählte mir, dass ihr späterer Freund ebenfalls 2006 überraschend gestorben war. Das waren die persönlichen Daten, die ich von Sina erfuhr. Durch ihren Freundeskreis, die Geschwister in Hamburg, Stuttgart und Köln und ihre Töchter, dazu die Labortätigkeit war ihr Leben abwechslungsreicher und ausgefüllter als meines.

Eine Gemeinsamkeit haben wir aufzuweisen, wir sind beide in Schleswig-Holstein aufgewachsen, Sina auf Eiderstedt, ich an der Lübecker Bucht. Während Sina unser Bundesland nach ihrer Ausbildung verließ, blieb ich ihm bis heute treu.

Nach dem Studium trat ich meinen Dienst 1964 in Nordfriesland, in der grauen Stadt am Meer an der Schule an, an der ich 2006 auch pensioniert wurde. Als Lehrer, Studienrat und Schulleiter war ich knapp 42 Jahre im Beruf tätig. Mein Privatleben war ähnlich übersichtlich. Meine Frau lernte ich 1959 kennen, wir heirateten 1964, haben drei Kinder und zogen 1973 in unseren Neubau in Mildstedt, einem kleinen Ort nahe unserer Kreisstadt ein.

Mein Leben verlief in jeder Beziehung geradlinig. Wir führten eine harmonische Ehe in verlässlicher Treue, verreisten in den Ferien, wenn finanziell möglich und hatten einen festen Bekanntenkreis. Beruflich reichte jedes Mal nur eine Bewerbung für eine höhere Sprosse auf der Leiter. Meinen Ruhestand durften wir dann nur ein gutes Jahr erleben; im Sommer 2007 starb meine Frau.

Ohne Aufgaben und Verpflichtungen musste ich mich jetzt neu orientieren und Pflöcke einrammen, die mir Halt geben konnten.

Die Telefonate mit Sina waren eine unschätzbare Bereicherung für mich. Durch sie hatte ich wieder mehr Kontakt zur Außenwelt und das Gefühl aktiver am Leben teilzunehmen. Wir erfuhren viel voneinander, wo und wie wir wohnten, über die Tagesabläufe, besondere Vorkommnisse und Erlebnisse. Dafür war ich dankbar und freute mich auf jedes weitere Gespräch: auf die angenehme Stimme einer, wie ich es empfand, aufgeschlossenen, lebensbejahenden und auch lebenslustigen Person, 168 cm groß mit Kleidergröße 40. Letzteres von mir irgendwann einmal geschätzt, was Sina auf 38 - 40 korrigierte.

Unsere Kontakte zielten nicht auf eine Partnerschaft ab; sie waren das Bedürfnis und die Freude darüber, mit diesen Gesprächen das wenig aufregende Einerlei zu durchbrechen. Uns fehlte beiden ein Mensch, dem wir erzählen konnten, was wir gerade erlebt hatten und uns erwähnenswert erschien, aber auch das, was uns positiv oder negativ berührte.

Unbemerkt und ganz natürlich, wie selbstverständlich hatte sich eine zunehmende Vertrautheit aufgebaut, die auch Einblicke in die Gefühlswelt erlaubte. Über das Befinden alleine zu sein und Vorstellungen und Wünsche, an diesem Zustand etwas zu ändern. Wir gestanden uns, dass uns am stärksten ein Partner an der Seite fehlte, ohne dass auch nur ansatzweise mitschwang, wir könnten vielleicht diese Person sein. Uns tat es einfach nur gut einen Menschen zu haben, mit dem wir über alles reden und ihm vieles anvertrauen konnte.

Ich hatte Sina erzählt, dass bei meiner Frau 1989 gesundheitliche Probleme auftraten: ein Druck vor der Brust deutete auf eine Stenose hin. Tatsächlich wurde sie 1990 dilatiert – eine Gefäßerweiterung durch Ballondehnung -, das ihr fünf Jahre unbeschwertes Leben bescherte.

Dann wurde eine By-pass-Operation erforderlich, die ihr alte Lebensqualität zurückgab. Vor jedem neuen Eingriff meldete sich das »Warnsystem« rechtzeitig; darauf war Verlass und es gab meiner Frau scheinbar eine gewisse Sicherheit und Beruhigung. So auch 2004, als ein Stunt gesetzt werden musste.

Wie es in ihr wirklich aussah, sie sich wirklich fühlte, das gab sie nicht preis. Auf die Frage, von wem auch immer gestellt: »Jutta, wie geht es dir?«, antwortete sie stets: »Mir geht es gut.« Und niemand hatte Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage. Meine Frau war diszipliniert und stark und sie hätte uns nie beunruhigen wollen. Ich musste also vieles erahnen, war auf eigene Beobachtungen und mein Einfühlungsvermögen angewiesen.

Jutta hatte Pläne für die Zeit im Ruhestand: Freundeskreis, Kultur, Reisen. Aber auch den äußeren Rahmen gestaltete sie noch einmal neu: 1999 Teakmöbel aus Dänemark für Wohn- und Esszimmer, dazu Lampen und Leuchten aus Heiligenstedten, eine neue Küche folgte 2004 und das Schlafzimmer bestellten wir im April 2007. Damit war der Rahmen perfekt und komplett. Doch für wen?

Mitte Juni musste ich meine Frau ins Krankenhaus bringen. Damit sie sich ein Bild vom neuen Schlafzimmer machen konnte, hatte ich ihr eine Tapetenprobe gezeigt, den Farbton hatte sie gewählt. Am 2. August konnte ich ihr erzählen, dass die Möbel am Vormittag angeliefert und aufgestellt worden waren. Am Abend verstarb sie.

Sina und ich erfuhren langsam immer mehr voneinander; die Mosaiksteine komplettierten das Bild zunehmend. Jeder gab so viel preis wie er für richtig hielt, neugieriges Nachfragen war uns fremd.

Mit unseren Telefonaten lebten wir in einer anderen Welt. Ein Verstellen machte keinen Sinn, wem sollten und wollten wir etwas vormachen und weshalb? Einem Phantom? Es gab nicht den geringsten Grund.

Es offenbarten sich grundehrliche Einstellungen, Gefühle und Wünsche. Die Gedanken konnten sich frei und ungegängelt bewegen, sie unterlagen keinen Zwängen. Es war ein Vertrauen und Anvertrauen ohne Konsequenzen. Das machte alles so einmalig, offen, ehrlich – zwei Seelen vertrauten sich an. Es war ein befreites, unbekanntes aufeinander Zugehen, das wir mit jedem Gespräch aufs Neue pflegten, genossen und vertieften. So wuchs ein unerschütterliches Vertrauen ohne Störfaktoren von außen, unglaublich erfrischend und bereichernd.

Zunehmend bedeutsamer aber wurde für mich zu erfahren, wie Sina etwas aufnahm, erlebte und bewertete und welche Emotionen mitschwangen. Es war für mich eine vollkommen neue Erfahrung; ein Mensch erschloss sich mir auf eine noch nie erlebte Weise. Es entstand ein Bild von Sina, indem ich in sie hineinschaute; auf diese Weise wurde sie mir noch vertrauter.

Äußerlichkeiten waren außen vor, sie konnten keinen Einfluss nehmen, nicht von dem was Sina wirklich ausmachte, ablenken. Allein die Werte, die ihr wichtig sind, ihr Leben bestimmen und prägen, erfuhren meine Aufmerksamkeit. Wir lernten den Menschen kennen, sein Äußeres spielte keine Rolle.

So lernte ich Sina kennen und schätzen, ohne mir dieses gezielt ins Bewusstsein zu holen. Erst als unser erstes Treffen näher rückte, mussten wir uns Erkennungshilfen geben.

Kapitel 6

6 ′ – Rune und Sina geben sich ein Gesicht

Früher als ich noch Fahrschüler war, war darauf Verlass: die Züge hielten den Fahrplan ein; heutzutage sind Verspätungen an der Tagesordnung. Aber gerade heute, am 12. Okt. 2010, durfte das nicht passieren. Ich war allein auf diesen einen Zug fokussiert. Ankunft 13.56 h aus Hamburg-Altona, Weiterfahrt um 14.02 h nach Westerland. Ich war angespannt und aufgeregt. Schließlich war Sina mir sehr nahe gekommen, mehr noch als die Menschen, die mir in den einsamen, trost- und freudlosen letzten drei Jahren zur Seite gestanden hatten. Sie war mir vertraut und herzlich verbunden. Ihr hatte ich meine geheimsten Gedanken, Gefühle, meine Sehnsüchte, scheinbare Ausweglosigkeit und auch Träume von einem sich wohl nicht mehr erfüllenden Lebensabend in Zweisamkeit erzählt.

Über diesen ›sechser‹ im Leben sprachen wir auch in unseren Telefonaten. Es war ein Traum. Ich hatte Sina Einblick in die letzten Winkel meiner Seele gewährt. Ich war dankbar, dass ich mit ihr jemanden hatte, dem ich alles anvertrauen konnte.

Unaufhaltsam rückte Sinas Kurzaufenthalt auf dem Bahnhof, Gleis 2, jetzt näher. Es waren nur sechs Minuten und davon durfte keine Sekunde ungenutzt verstreichen. Ich stand, gegen meine Gewohnheit, schon zehn Minuten früher auf dem Bahnsteig, nachdem ich mich zuvor wiederholt vergewissert hatte, dass es auch der richtige war. Ich stand da, zunehmend aufgeregter, und mir wurde urplötzlich in aller Deutlichkeit und zweifelsfrei bewusst: Das wird kein Kennenlernen; gleich werde ich der vertrauten, längst liebgewonnenen Frau gegenüberstehen.

Endlich tauchte der Zug auf, noch in großer Entfernung, aus einer leichten Linkskurve, einer langen stählernen Schlange gleich, die das Sonnenlicht immer mal wieder reflektierte. Jetzt waren es nur noch wenige hundert Meter, der Bremsvorgang schon eingeleitet.

Per sms hatte Sina mir mitgeteilt, dass sie im zweiten Wagen saß. Ein letztes Quietschen der Bremsen; der Zug stand – sogar eine Minute früher. Die Türen öffneten sich, und als eine der ersten trat Sina heraus, ohne Jacke, ohne Gepäck – ja, das musste sie sein. Sie kam zielsicher auf mich zu, hatte sie es doch einfacher, mich schon aus dem einfahrenden Zug heraus zu erspähen.

Nach kurzer Vergewisserung begrüßten wir uns wie unter Golfern üblich, mit leichtem Armumlegen und angedeutetem Kuss auf die Wange. Diese Begegnung war so außergewöhnlich einmalig, nicht wiederholbar. Zwei mehr als vertraute Menschen gaben sich ein Gesicht. Jetzt war sie nicht mehr die Phantomfrau, jetzt war sie Sina.

Und ich wusste in diesem Moment in aller Klarheit, dass sie schon lange vorher in meinem Herzen angekommen war. Empfindungen und Gefühle nahmen von mir Besitz, auf die ich so nicht vorbereitet war, mich überwältigten und wortkarg machten. Da wusste ich: das ist die Frau, die ich schon lange liebe.

Wir standen in der Tür des Wagons, jede Sekunde auskostend. Die Abfahrt rückte schon bedrohlich näher, als Sina unvermittelt fragte:

»Enttäuscht«?

Ich konnte ihr hoffentlich überzeugend das Gegenteil versichern. Meine wahren Gefühle blieben aber noch mein Geheimnis.

Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Wir schauten uns so lange wie möglich nach. Den Bahnsteig konnte ich erst verlassen als die Rücklichter sich zunehmend schneller entfernten, immer kleiner wurden und die Schranken sich wieder geöffnet hatten.

Ihr fragender Blick und das ›enttäuscht‹ ließen mich nicht los. Ich fühlte es, auch für Sina war aus unserer Telefonfreundschaft spätestens heute mehr geworden.

Kapitel 7

Zwei Tage auf Sylt

Wir telefonierten und verabredeten wie bereits früher angedacht, meinen Besuch auf Sylt für den 14. Oktober. Jetzt hatte ich noch eine knappe Stunde Zeit mich emotional auf unseren ersten gemeinsamen Tag auf der Trauminsel einzustellen, bevor der Zug in Keitum halten wird. Hier wohnt Sinas ältere Tochter Brigit mit ihrem Mann und den beiden Mädchen Christa und Petra, 13 und 11 Jahre alt. Wenn alle vier oder nur die Eltern Urlaub machen, hütet Sina Haus und Hund.

Sina erwartete mich mit Pepe, einem Teckel. Obgleich ich sie am liebsten fest in die Arme geschlossen hätte, beließ ich es bei der flüchtigen Umarmung.

Zum Haus gingen wir ca. sieben Minuten, wo Sina bereits alles für ein zweites Frühstück vorbereitet hatte. Der liebevoll gedeckte Tisch hätte jedem Appetit auf ein ausgedehntes Frühstück gemacht – nur mir nicht. Vor Anspannung schaffte ich gerade ein Brötchen. Dieses viertelte ich und belegte jedes Stück mit einer anderen Köstlichkeit, um Sinas Mühen wenigstens auf diese Weise zu würdigen.

Ein Spaziergang am Strand zwischen Westerland und Wenningstedt verschaffte Pepe Auslauf und uns die ersten Gespräche von Angesicht zu Angesicht bei strahlend blauem Himmel und Schaumköpfen auf dem Meer.

Pepe hatte sich sichtlich müde gelaufen. Er war zufrieden als er zu Haus im Körbchen lag, und wir hatten jetzt, ohne ›Störfaktor‹, Zeit für uns ganz alleine. Auf ging’s nach List. Bei ›Gosch‹ würden wir bestimmt etwas für unser leibliches Wohl finden.

Auf der Fahrt dorthin kamen wir auf unsere so unterschiedlichen Lebensläufe zu sprechen, wobei Sina meinte:

»Dein Leben ist so geradlinig und in festen Bahnen verlaufen, das gibt es nur selten. Bei mir gab es immer wieder Zick-zack-Kurven, und ich bin auch nicht auf alles stolz.«

Ich deutete diese Äußerung als Sehnsucht danach jetzt endlich ein ruhigeres Leben zu führen und hoffte schon insgeheim, dass sie sich dieses mit mir vorstellen konnte und wünschte.

Wir hatten Jakobsmuscheln gewählt, dazu einen trockenen Weißwein und saßen an einem der vielen Tische vor dem Restaurant. Es war eine Köstlichkeit und, mit Sina an meiner Seite, ein Erlebnis wie ich es seit einer Ewigkeit nicht genießen durfte. Seitdem Sina eine Gestalt angenommen hatte, tatsächlich bei mir war, genoss ich das Leben wieder; ich war nur einfach glücklich.

Die Geschäftszeile gegenüber dem Restaurant quoll über mit Souvenierartikeln; sie konnten unsere Aufmerksamkeit nicht erwarten. Wir waren schnell wieder draußen.

Auf dem Weg zum Parkplatz, es wurde jetzt frischer, hakte Sina sich, sicherlich nicht nur deshalb, bei mir unter. Ihre Berührung elektrisierte mich, und ich drückte meinen Arm fester an den Körper, damit ihre Hand nicht wieder raus rutschen konnte. Sie sollte wissen wie gut mir das tat.

Auf der Rückfahrt machte Sina auf einige Dinge aufmerksam: Flugplatz, Gebäude, Restaurants, Golfplatz und erzählte vom Golfunterricht, den sie hier im Vorjahr genommen hatte. Im wesentlichen aber schwiegen wir. Unsere Gefühle füreinander beschäftigten uns, und wir ließen es nur allzu gerne zu.

Zum Glück blieben uns noch ein paar Stunden. Abendbrot, Gassigehen, und der Ausklang eines wunderschönen Tages bei einem Glas Rotwein. Ich saß auf dem Dreiersofa, Sina auf dem zweier, zwischen uns der Couchtisch. Es war nur noch knapp eine Stunde bis zur Abfahrt des Zuges, 21.29 h. Ich war kurz raus gegangen, und als ich den Raum wieder betrat, hatte Sina den Platz gewechselt. Sie saß jetzt auch auf der Dreiercouch. Ich setzte mich neben sie, wir wechselten kein Wort, sahen uns nur erwartungsvoll an und küssten uns das erste Mal – noch nicht leidenschaftlich. Es war mehr das gegenseitige Eingeständnis: wir gehören zusammen, wir wollen es wagen.

Auf dem Bahnhof hatten wir noch ein paar Minuten und unsere Lippen waren sich einig, dass sie noch viel mehr Zeit füreinander haben möchten.

Der 18. Oktober war unser zweiter Tag auf Sylt. Gleicher Ablauf bis Pepe wieder im Körbchen lag. Dieses Mal fuhren wir gen Süden.

Nach einem kurzen Spaziergang in Hörnum suchten wir ein Café auf. Wir gingen nicht ans Kuchenbuffet; wir ließen uns die Leckereien von der Bedienung aufzählen und Sina bat sie, von uns ein Foto zu machen. Ich hatte noch nie so guten Heidelbeerkuchen gegessen.

Mit unserem anschließenden Spaziergang steuerten wir Budersand an. Das Hotel beeindruckte uns, den Golfplatz mit seinen unzähligen Topfbunkern werden wir vielleicht bald beurteilen können.

Wir schlenderten am Hafen entlang, hielten uns an der Hand und tauschten immer wieder Zärtlichkeiten aus.

Vor einer Karte mit den nordfriesischen Inseln und Halligen blieben wir stehen. Ich zeigte auf Hallig Hooge: »Da möchte ich mit Dir ein paar Tage Urlaub machen.« Sina stimmte sofort zu.

Bilder konkretisierten meine Phantasie. Nur wir beide auf der Hallig, das Glück ungestört genießen, mit aller Zeit der Welt. Uns alles erzählen, was wir noch nicht voneinander wissen und träumen von der Zukunft. Pläne schmieden von einem gemeinsamen späten Lebensglück. Hallig Hooge war wie ein Versprechen.

Vor dem Abendbrot gingen wir mit Pepe noch eine große Runde.

Der Zug brachte mich um 21.29 h wieder nach Hause. Ich fühlte mich so unbeschwert, war endlich wieder zuversichtlich und über alle Maßen glücklich; ich war in einen neuen Lebensabschnitt, in ein neues Leben gestartet.

Kapitel 8

Die neue Frau an Runes Seite

Sinas Tochter kam drei Tage später mit Familie aus dem Urlaub zurück. Die Zeit bis zum Wiedersehen überbrückten wir mit Telefonaten, in denen wir uns unsere Ungeduld und Vorfreude gestanden.

Am 26. unterbrach Sina ihre Rückreise für einen Tag. Um 13.29 h lief der Zug ein. Sina kam strahlend auf mich zu. Als wir uns begrüßten nahmen wir von der Umwelt keine Notiz. Bei Kaffee und Kuchen im ›Alten Gymnasium‹ realisierten wir nachdrücklich: wir haben uns wieder.

Danach tauchte Sina in meine Welt ein, Grüner Weg 11, Mildstedt. Sie lernte jetzt das kennen, was ich ihr beschrieben hatte, und sie konnte ihre Bilder davon mit der Realität abgleichen: Wo hatte Rune über- oder untertrieben, was nicht erwähnt oder vielleicht sogar unterschlagen.

Es stellte sich heraus, dass meine Beschreibung eine brauchbare Orientierungshilfe war. Sina bewegte sich schnell wie selbstverständlich, dabei unaufdringlich, durch die Räume, als wollte sie ausdrücken – ich gehöre zu Dir, also auch hierher. Sie machte uns einen Cappuccino, deckte den Tisch, stellte eine Kerze darauf und forderte wortlos auf, mich zu setzen. Sie erzeugte eine Atmosphäre wie dieses Haus sie seit dem Tode meiner Frau nicht mehr erlebte hatte.

Für Sinas Frische, Natürlichkeit, ihr unaufdringliches für sich einnehmendes Wesen war ich über die Maßen empfänglich und dankbar. Das Haus war urplötzlich wieder von Leben erfüllt. Ich war glücklich, dass Sina da war und unserem Herrgott dankbar dafür, dass es sie gibt.

Zum Abendessen fuhren wir in die Stadt. Am Buffet eines von unserer Gruppe regelmäßig besuchten Lokals stellten wir uns etwas zusammen, dazu tranken wir einen Schoppen Wein. Eigentlich hatte ich keinen großen Appetit; ich sah mich an Sina satt, die mir lebensfroh, angeregt plaudernd, heiter gegenüber saß, und ich spürte wie ihre Lebensfreude auch mich ergriff.

Zu Hause saßen wir nur noch wenige Minuten im Wohnzimmer, bevor Sina als erste ins Bad ging. Die beiden Tage auf Sylt hatten die Vorstellungen, die wir durch unsere langen Telefonate voneinander gewonnen hatten, bestätigt. Das war auch der Grund für unsere Vertrautheit. Obgleich wir uns erst die zwei Tage gesehen hatten, kannten wir uns schon viel länger.

Wir erleben eine wunderschöne, einmalige Zeit. Es ist unsere Geschichte, unser so kostbares Geschenk, das reicher macht, als jede andere Beziehung. Für diese unglaubliche Geschichte hatte der Herrgott uns ausgewählt. Sie verdient alle unsere Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Wir konnten uns jetzt auch persönlich alles sagen, und die Leichtigkeit und Natürlichkeit unseres Miteinanders erstaunten uns nicht. Wir wussten, wir waren füreinander bestimmt. Das schloss nichts aus. Der Abend endete noch nicht, er fand seine Fortsetzung, inszeniert durch den Gleichklang zweier Herzen.

Als ich ins Bad ging, stand Sina im Wohnzimmer unbekleidet und griff nach ihrem Nachthemd. Kurze Zeit später betrat ich das Schlafzimmer; sie saß im Bett und lachte. Das Muster ihres Nachthemdes ähnelte dem des Bettbezugs.

Endlich konnten wir uns in die Arme nehmen. Wir halfen uns aus Nachthemd und Pyjama und spürten zum ersten Mal unsere Körper, erlebten das wohltuende, elektrisierende Streicheln. Wir hatten uns gefunden und fühlten, dass es uns unbeschreiblich gut tat und sich einfach richtig anfühlte.

Kapitel 9

Rune

Für mich ist körperliche Nähe mit einer Frau, sich gehören, Ausdruck aufrichtiger Liebe in seelischer Verbundenheit und Treue. Liebe so empfunden ist das Schönste, Reinste und Natürlichste zugleich, was Menschen sich schenken können. Sie schützt vor Abwegen und gegenseitiger Verletzung, weil sie unteilbar ist. Ich kann sie nur zulassen, wenn ich sie ausschließlich für einen Menschen empfinde. Intimität ohne Liebe, nur Sex, lehnt mein Herz ab.

Liebe so empfunden und gelebt, begleitete mich fast fünfzig Jahre. Sie war der Motor und Anker zugleich in meinem Leben. Als meine Frau starb war der Schmerz unmessbar.

Meine Pensionierung lag knapp anderthalb Jahre zurück. Ohne meine Frau und ohne Beruf war ich in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen. Ich hatte nichts mehr, was mich ausfüllte.

Wir wollten unser Leben jetzt noch intensiver planen, gestalten und erleben. Mir wurde in aller Klarheit und Nüchternheit bewusst, dass alles, was mein Leben bislang ausgemacht hatte, nicht mehr existierte.

Verantwortung und Sorge für das Wohlergehen anderer hatte mein Leben in über vierzig Jahren bestimmt und ausgefüllt. Meine Aufgabe war es, für meine Frau und Kinder, für die Schüler und Kollegen Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sie sich wohlfühlen, entfalten und erfolgreich sein konnten.

Alles das hatte meine Frau durchgängig engagiert, unterstützend begleitet. Mit ihr stumpfte unsere Ehe nicht ab und dämmerte nicht in ausgetretenen, gewohnheitsbestimmten Pfaden dahin. Alles das gab es nicht mehr.

Hinzu kam ein Schlüsselerlebnis, das dazu führte, dass ich die Freundschaften mit Ehepaaren, die fast vierzig Jahre bestanden, so nicht weiter pflegen konnte.

Als ich eines Tages ein Ehepaar, Freunde, seit meinem ersten aktiven Tag als Lehrer, besuchte, erschreckte mich meine veränderte Situation so folgenschwer, dass ein weiterer Pfeiler meines Lebens wegbrach. Wo früher vier Personen um den Tisch saßen, waren es jetzt nur noch drei. Es unterhielten sich nicht mehr die beiden Frauen, die beiden Männer und dann auch alle vier, jetzt unterhielt sich ein Ehepaar mit einem Alleinstehenden. Beide waren durchgängig allein auf mich fixiert. Es drängte sich mir der Eindruck auf, dass das sehr, nein, unzumutbar anstrengend für beide sein musste, was ich ihnen zukünftig nicht so oft abverlangen wollte.

Was blieb waren die täglichen Fahrten zum Friedhof, Haus- und Gartenarbeit – eine Haushaltshilfe nahm ich nicht –, das Golfen und gelegentliche Besuche bei den Kindern.

Um mich nicht zu sehr zu isolieren, nahm das Golfen den breitesten Raum ein. Vier- bis fünf Mal in der Woche ging ich über den Platz, meistens mit Christoph. Ihn lernte ich ein dreiviertel Jahr nach dem Tod meiner Frau kennen. Er war wie ich alleine auf dem Platz unterwegs. Auf Bahn 7 lief ich zu ihm auf, weil er warten musste; vor ihm puttete noch ein Viererflight. Ich erfuhr, dass auch seine Frau vor drei Jahren gestorben war und er jetzt ebenfalls im Golfen eine willkommene Ablenkung gefunden hatte.

Mein Leben war unausgefüllt, einfach nur leer. Da half es auch nicht, dass ich jetzt endlich lernte, den Geschirrspüler zu bestücken und bedienen, dass ich feudelte, saugte, Fenster putzte, bügelte, einkaufte und einiges mehr. Bei allem, was ich alleine erledigte, ließen meine Gedanken nicht los, den Kopf konnte ich nicht abschalten.

Wenn ich ein Buch in die Hand nahm, waren meine Gedanken spätestens nach fünf Zeilen wieder abgeschweift. Wie dankbar wäre ich nach einer Gartenarbeit über eine Reaktion gewesen wie: »Hinten in der Ecke hast du wohl keine Lust mehr gehabt«. Das wäre eine enorm große Bereicherung gewesen. Und wenn ich einmal unter Menschen war, dann schlug die Realität spätestens dann wieder gnadenlos zu, wenn ich das leere Haus betrat.

Die Tatsache, dass der geliebte Mensch nicht mehr da war, mit dem ich alles teilen, um den ich mich sorgen durfte, hatte mich in einen nicht endenden Schmerz versetzt. Drei Jahre lang besuchte ich das Grab täglich, das erste halbe Jahr nicht ohne feuchte Augen.

In dieser Zeit hielten mir vor allem einige Kolleginnen die Treue, die auch schon zu meiner aktiven Zeit, als meine Frau wiederholt gesundheitliche Probleme hatte, auch außerschulisch den Kontakt pflegten Ich traf mich häufiger, vor allem mit zweien von ihnen, mit den anderen telefonierte ich unregelmäßig. Und im Golfclub gab es fünf Paare, zu denen sich ein engerer Kontakt aufbaute. Wir tranken Kaffee auf der Clubhaus-Terrasse, besuchten uns zu Geburtstagen und unternahmen ein- bis dreitägige Ausflüge.

Ansonsten beschränkte ich meine Kontakte auf das Notwendigste. In der Stadt hielt ich mich nicht länger als unbedingt erforderlich auf, ein Café betrat ich nicht alleine, und ich hatte kein Auge für Frauen, früher nicht und jetzt ganz bewusst schon gar nicht. Ich wollte mich auf keinen Fall auch nur dem leisesten Verdacht aussetzen, dass ich Ausschau hielte. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen und war demzufolge auch davon überzeugt, dass mir bestimmt war, alleine zu bleiben.

In meinem Alter noch einmal jemanden kennen zu lernen, war für mich utopisch, und wenn es doch geschehen sollte, dann stand das nicht in meiner Macht. Eine zweite Partnerschaft ließen meine Gefühle und die weiterhin empfundene Verbundenheit zu meiner Frau nicht zu.

War es überhaupt denkbar und auch möglich für eine andere Frau Liebe zu empfinden? Wäre es nicht Verrat an unserer Liebe, würde ich meine Frau nicht im Nachhinein betrügen? Das Herz meldete sich gerade bei diesen Fragen unüberhörbar. Im Zweifel hat es ohnehin immer die richtige und verlässliche Antwort.

Eingeleitet durch die Bekanntschaft mit Erika und durch meine Telefonate mit Sina hatte ich wieder Kontakt zu einer Frau. Das tat mir gut. Es war nicht mehr und mehr erwartete ich davon auch nicht. Jetzt aber war alles anders, ich empfand für Sina zunehmend mehr als ich für möglich gehalten hatte; das unvorstellbare war eingetreten. Ich musste mir die alles entscheidende Frage beantworten, denn das Herz hatte sich längst entschieden.

Den Abschied von meiner Frau für immer war ich vor über drei Jahren angetreten; er war schmerzhaft, weil das Herz nicht losließ.

Mit Sina begann eine neue Lebensphase. Sie eroberte mein Herz und ich konnte und durfte es zulassen. Jetzt war ich so weit. Der Treueschwur ›Bis dass der Tod euch scheidet‹ sagte mir, dass ich nichts Unrechtes empfand, keinen Verrat beging und mein Herz einen neuen, richtigen Weg eingeschlagen hatte, den ich jetzt bejahend und zuversichtlich gehen durfte. Voraussetzung und Bedingung war, dass ich bereit und mich in der Lage fühlte, ihn ehrlich, nicht zurückblickend und oder vergleichend zurücklegen will. Ich war mit mir im Reinen und mir dessen bewusst, dass etwas ganz Neues vor mir lag und war mir ganz sicher, dass ich nichts zurückholen wollte oder etwas Vergleichbares aus meiner Ehe mit Jutta anstrebte. Das wäre Sina gegenüber unehrlich und verletzend gewesen. Ja, ich war frei für einen neuen, vollkommen unbelasteten Anfang.

Dieses Neuland wollten wir erobern und waren zweifelsfrei davon überzeugt, dass sich dieses Wagnis lohnte. Ja, ich konnte und durfte ehrlichen Herzens gestehen, Sina ist heute meine große Liebe, mit ihr möchte ich den Weg gemeinsam weitergehen.

Kapitel 10

Angsteinflößende Verunsicherung

Wir hatten uns gerade unsere Liebe gestanden, und Sina war erst zwei Tage wieder zu Hause, da drohte mir ein weiterer Schicksalsschlag. Mein Urologe musste mir mitteilen, dass mein PSA-Wert erhöht war. Das war zunächst nicht dramatisch, weil ich einen ähnlichen Befund schon einmal vor Jahren hatte. Es beunruhigte mich dennoch.

Sina ließ sich als Medizinisch-technische Assistentin nicht so schnell verunsichern und verwies darauf, dass der Befund mehrere Ursachen haben könnte. Ich sollte nicht zu besorgt abwarten.

Die Fortsetzung nahm jedoch einen anderen Verlauf. Ein weiterer PSA-Wert gab keine Entwarnung, so dass Gewebeproben aus der Prostata untersucht werden mussten. Die Entnahme sollte am 16. November erfolgen.

Zunächst aber, besuchte ich Sina. Diese Tage waren, auch im Rückblick von jetzt zwei Jahren, so einzigartig und nachhaltig schön, dass kein noch so positives Wort eine Übertreibung darstellen würde.

Kapitel 11

Rune in Nürnberg

Gegen 5.30 h fuhr ich am 6. November vom Grundstück. Ich saß in einem fabrikneuen Golf, den ich vor sieben Tagen gegen meinen knapp siebzehn Jahre alten Vektra mit einem Kilometerstand von 270.000 km eingetauscht hatte.

Auf Drängen meines Sohnes hatte ich den Kauf im April getätigt. Sicherheitsgründe wie Materialermüdung und dazu das Urteil einer Karosseriebauerin hatten mich überzeugt. Die Abwrackprämie tat ihr übriges. Da ich an einem anderen Wagen grundsätzlich gar nicht interessiert war, entschied ich mich (Länge 190 cm) für das kleinstmögliche Modell.

Ich war alleine, weite Urlaubsreisen standen nicht mehr an, ich brauchte das Auto für Kurzfahrten; und das Golfgepäck konnte ich notfalls auf den Rücksitz legen. Ein Golf reichte vollkommen und 80 PS ebenso. Ich hatte es nicht eilig, ein später Liefertermin entsprach meinen Vorstellungen, November war mir also recht.

Vor dem Elbtunnel hatte sich noch kein Stau aufgebaut, ich hatte Glück. Jetzt stand einer zügigen Fahrt nichts mehr im Wege, zumal Sina mich mit einem detaillierten Routenplan ausgestattet hatte. Die Strecke über Nürnberg hinaus in Richtung Süden war mir natürlich bekannt. Sina schlug mir jedoch vor, die A 7 bereits bei Schweinfurt zu verlassen. Ein Navigationsgerät hätte mich nicht besser dirigieren können. An der Autobahnraststätte Feucht hielt ich ein letztes Mal. Noch einen Cappuccino, ein letztes Telefonat mit Sina und schon saß ich wieder im Auto auf der A 73.

Dank der exakten Beschreibung stand ich problemlos gegen 15 Uhr auf dem Parkplatz einer Pension in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung. Die Sonne sorgte noch für eine angenehme Temperatur.

Sina näherte sich ohne Jacke in Hausschuhen und wies mich auf den Stellplatz vor ihrer Garage ein. Ich war angekommen und nahm mein Ziel in die Arme.

Jetzt ging es mir wie Sina vor knapp zwei Wochen. Die Wohnung entsprach im Wesentlichen meiner durch Beschreibung gewonnenen Vorstellung. Das aber, was ihr Besonderes ausmachte, Bauernschränke in Flur und Küche, ebenso handgeschnitzte Anrichte, Truhe und Eckvitrine im Wohnzimmer, hatte sie mir verschwiegen. Sina hatte der Wohnung ihren Stempel aufgedrückt, sie strahlte Persönlichkeit und Behaglichkeit aus, sie war unverkennbar Sinas Geschöpf. Ich fühlte mich sofort wohl.

Es folgten unbeschwerte, wunderschöne Tage, die wir in vollen Zügen genossen und uns nichts versagten. Alles war wieder neu und aufregend, selbst das Banalste wie Abwaschen, Tischdecken oder U-Bahn-Fahren. Und wenn wir zum vierten Mal die Königstraße hinuntergingen, war es immer wieder etwas Besonderes, aufregend und aufwühlend zugleich, ein Lebensgefühl, geboren aus der Zweisamkeit, das mir so sehr gefehlt hatte. Ich durfte alles, jeden Schritt, jeden Atemzug mit Sina erleben, alles mit ihr teilen. Und wenn wir kurzzeitig Hände haltend durch die Straßen bummelten, erfüllte mich ein beglückendes Gefühl. Nach endlos langer Zeit lebte ich wieder.

In den letzten Jahren war alles Geschehen um mich herum keine Bereicherung. Ich nahm an Golfausflügen und -turnieren, Radtouren, Feiern und Veranstaltungen teil, ich war dabei, aber das war auch schon alles. Wenn das jeweilige Ereignis beendet war, ging ich damit ins leere Haus, verstaute es in der großen Kiste, verschloss diese mit dem schweren Deckel und niemand öffnete sie wieder.

Für mich wird Erlebtes erst zum Erlebnis, wenn ich es mit einem geliebten Menschen teilen kann. Darüber reden, sich gemeinsam freuen und emotional begleiten macht ein Ereignis bedeutsam und erhebt es zum Erlebnis. Das hatte ich die ganze Zeit entbehren müssen, schmerzlich vermisst.

Dieses beglückende Lebensgefühl gab Sina mir zurück. Ich war überaus dankbar, dass es sie gab und ich bei ihr sein durfte. Ich entdeckte Selbstverständliches neu, erfreute mich an Kleinigkeiten, die Sina mich mit ihren Augen und ihrem Herzen sehen ließ. Die Welt gewann wieder an Vielfalt und Schönheit.

Nichts konnte unser Glück trüben, auch ein ärgerlicher Zwischenfall nicht, der sich bereits am zweiten Tag ereignete, als wir auf der Heimfahrt gegen 18.30 Uhr, es war bereits dunkel, aus einem kleinen Ort hinausfuhren.

Ein dumpfer Stoß erschütterte den Wagen und fuhr uns in die Glieder. Ich hielt sofort auf dem Seitenstreifen. Wir atmeten tief durch, bevor ich vermutete: der Reifen ist platt. Sina wollte das nicht glauben, was mehr Wunschdenken als Überzeugung war.

Ein Abschleppwagen brachte das Auto in die VW-Werkstatt nach Feucht; zwei Tage später konnte ich den Wagen abholen. Das war ärgerlich, aber nicht zu ändern. Ärger hätte es mich getroffen, wenn Sina sich den Fuß verstaucht oder an der Hand verletzt hätte.

Ich kannte Nürnberg nicht, gewann in diesen Tagen nur einen ersten flüchtigen Eindruck von der Innenstadt mit seinem ausgedehnten Fußgängerbereich. Von Sinas Wohnung fuhren wir mit dem Auto nach Langwasser- Süd und von dort mit der U-Bahn bis St.-Lorenzkirche oder Hauptbahnhof.

Während meines Besuchs musste Sina zweimal ins Labor in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes. An diesen Tagen verließ sie die Wohnung gegen 8 h und kam gegen 12.30 h zurück. Dann aßen wir eine Kleinigkeit und fuhren anschließend in die Stadt. Während Sina die Proben auswertete, was eine gute Stunde dauerte, eroberte ich Nürnberg allein. Über Handy vereinbarten wir dann Zeit- und Treffpunkt.

Ein wortloses Übereinkommen: diese Woche gehörte nur uns. Ich tauchte in Sinas Welt ein. Fixpunkte wie Lidl, Rewe, Pension Roosen, Langwasser-Süd, Franken-Center und ein kleines gemütliches Restaurant in der Nähe gaben mir erste örtliche Orientierungshilfen. Sinas Bekanntenkreis blieb außen vor. Selbst ihrer Freundin Bärbel aus dem Nebeneingang begegneten wir nur zufällig auf dem Stellplatz vor den Garagen.

Einzig mit unserer ›Kupplerin‹ Erika verabredeten wir uns zu Kaffee, Kuchen und Prosecco im Karstadt-Restaurant in Nürnberg. Das Wiedersehen war freundschaftlich herzlich. Wir hatten uns viel zu erzählen; besonders die Entwicklung in den letzten zweieinhalb Monaten interessierte Erika. Wir berichteten darüber bereitwillig und unübersehbar glücklich.

Nürnbergs Innenstadt bekam für mich dadurch erste Konturen, weil Sina sich als kompetente Stadtführerin erwies. Hauptmarkt mit „Schönem Brunnen“ und Frauenkirche, Heilig-Geist-Spital, Burg, Dürerhaus und anderes mehr bekamen durch Sina für mich historische Aussagekraft. Bar Celona und ein Restaurant am Hauptmarkt wurden feste Anlaufpunkte für einen Cappuccino oder kleinen Imbiss.

Zwei Kirchen rückte Sina in meinen Focus: die St. Lorenz-Kirche und eine kleine, in der Königstraße gelegene, die Klara-Kirche. Die St. Lorenz-Kirche besichtigen wir gleich an unserem ersten Tag in Nürnberg; Sinas Ausführungen ließen sie mir noch bedeutsamer erscheinen. Die Klara-Kirche dagegen wurde für uns ein Ort der Besinnung, des dankerfüllten gemeinsamen Innehaltens.

Nur einmal aßen wir abends außer Haus, in dem kleinen Restaurant. Sonst blieben wir zu Hause und genossen unsere Zweisamkeit bei Musik und einem Glas Wein.

Es verging kein Abend an dem wir nicht auch tanzten. Wir hielten uns umschlungen, unsere Körper berührten sich. Dann wieder, blieben wir stehen und küssten uns lang anhaltend, mal zärtlich, dann leidenschaftlich fordernd. Meine Erregung war nicht zu verbergen.

Sina spürte sie und presste sich noch fester an mich. Wir hatten uns.

Unsere Liebe und Vertrautheit erlaubten uns, alles neu zu entdecken. Jede Berührung, jeder Kuss, jedes Streicheln waren Ausdruck und Sehnsucht zugleich, uns zu gehören. Dieses Geschenk, Liebe noch einmal so zu erleben und genießen zu dürfen, nahmen wir dankbar und ganz bewusst an. Wir gaben und nahmen in einfühlsamem Einverständnis, was uns um so glücklicher machte.

Wir erlebten unsere ›Flitterwochen‹ wie sie schöner nicht sein konnten. Wir waren dankbar für jede Zärtlichkeit, die wir uns schenkten und erlaubten.

Gedanken an meine Untersuchung legten sich nur selten wie ein leichter Grauschleier über dieses Glück; aber, sie waren da, nicht immer konnte ich sie beiseite schieben.

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0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
200 p. 1 illustration
ISBN:
9783957449573
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