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Walther
Aufgreifen, begreifen, angreifen
Band 2

Rudolf Walther
Aufgreifen, begreifen, angreifen
Band 2
Historische Essays, Porträts, politische Kommentare, Glossen, Verrisse
Essay 19

© 2012 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Britta Gerloff
Umschlag: Thorsten Hartmann
Umschlagmotiv: Chiara Mangia
unter Verwendung mehrerer Fotos von Okea/istockphoto.com
Herstellung: Monsenstein und Vannerdat
ISBN: 978-3-941895-30-0
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Inhalt
Vorwort
I Historische Essays
1 Verantwortungsethik als Passierschein zur Macht
2 Nachruf auf Totgeburten: Bindestrich-Gesellschaften
3 Kriegs- und Bürgerkriegspropaganda
4 »Volkstrauertag«: Normalisierung im Geist nationaler Verlogenheit
5 »Les Temps modernes« wurden 50 – »Es gibt nur noch beschädigte Ideen«
6 Mai ’68 in Frankreich
II Porträts gegen das Vergessen
1 Jürgen Habermas und seine Gegner
2 Pierre Bayle und die Geburt der Aufklärung
3 Michel de Montaigne
4 Vergessliche Renegaten
5 Thyssen-Bornemisza – zwischen Champagner und Massenmord. Eine unglaubliche Geschichte
6 Julien Offray de La Mettrie – der verleumdete Aufklärer und Materialist
III Politische Kommentare
1 Republikanischer Rigorismus
2 Euro-Priester gegen das Volk
3 Folter und Militär – fast schon eine Symbiose
4 Freie Zeit und Arbeit – Karl Marx
5 Afghanistan – unser Vietnam?
6 Ratzingers Rede: intellektuelle Brandstiftung
7 Schirrmacher auf »Feindfahrt«
8 Political Correctness
9 Zweierlei Religionskritik
10 Finanzkrise – Mutter aller verrückten Formen
11 Sloterdijk macht den Westerwelle
12 Asymmetrischer Krieg – eine fixe Improvisation
13 Die Kampagne gegen das »Amt«
14 Libyen: Krieg und Bilder vom Krieg
IV. Glossen
1 Frankfurter Allgemeiner Küchenmoses: Küchenlatein (2)
2 Bismarcks Appetit
3 Keinen Chinesen am Sack!
4 Unser Bennino
5 Steuersparer unter sich
6 »Authentisch« gauckisch
7 Allerlei Mixer
8 Vor- und Querdenker
9 Fischers Hegel
10 Frischer Schleim aus dem Hause Martin Walser
11 Zeiträuber in Blau
12 Verzauberte Tiere
13 Ferien mit Frischfleisch
V Verrisse
1 Götz Alys Kampfbuch
2 Die Taube als Ohrenärztin: Ulrike Ackermann
3 Rückfall hinter Kant: Alexander Kissler
4 Gut Gemeintes über Aufklärung: Dietmar Dath/Barbara Kirchner
5 Radikale Horizontbegrenzung: Rolf Peter Sieferle
6 Vernageltes Weltbild: Bettina Röhl
7 Deutsche Bank: Hofberichterstattung: Andreas Platthaus
8 Schirrmachers Weltuntergang
VI In eigener Sache
1 Schweizer und Deutsche
2 Verspäteter Dank
3 Dank zu Lebzeiten
Nachweise
Vorwort
Wie der erste Band enthält auch dieser Texte aus den letzten 18 Jahren meiner Tätigkeit als Publizist, Kolumnist und Sachbuch-Kritiker. Bei der Auswahl der Texte konzentrierte ich mich auf Arbeiten, die ohne Anmerkungen verständlich sind, dem tagespolitischen Handgemenge also nicht zu nahe stehen. Die Daten der Erstveröffentlichung verweisen auf die historischen und politischen Kontexte.
Den Titel – »Aufgreifen, begreifen, angreifen« – habe ich nicht geändert. Aus zwei Gründen. Viele Leserinnen und Leser fanden ihn treffend. Und ich selbst merkte erst bei der Zusammenstellung der Texte für den zweiten und die folgenden Bände, wie präzis er meine Schreibhaltung beschreibt: Ich möchte mit meinen Arbeiten begreifen, was ich als Thema aufgreife oder was mir von Redaktionen an Themen zum Aufgreifen angeboten wird. Im Prozess des Begreifens des Aufgegriffenen spielt das kritische Moment – das Angreifen von Positionen, Institutionen, Bräuchen und Personen, kurz »der böse Blick« (Adorno) jeder angemessenen Gesellschaftskritik – eine wesentliche Rolle. Das Begreifen – einen Sachverhalt auf den Begriff zu bringen – funktioniert als Scharnier zwischen dem Aufgreifen eines Themas und der Adressierung von Kritik, Reflexion und Würdigung.
Die Anlässe für die Essays und Porträts diktierten das journalistische Gewerbe, der Sachbuchmarkt und eigene Interessen an Themen und Personen. Die politischen Kommentare für die Tages- und Wochenzeitungen beziehen sich auf die tagespolitische Aktualität und entstanden in der Zusammenarbeit mit den beteiligten Redakteuren. Im Nachhinein erweisen sich manche Essays und Porträts als Vorarbeiten für politische Kommentare. Meiner Ansicht nach nicht zu deren Nachteil. Thematische Überschneidungen zwischen Essays, Porträts und Kommentaren sind deshalb nicht nur nicht zu vermeiden, sondern beabsichtigt.
Ich habe darauf verzichtet, die Texte nachträglich in starre Rahmen von kalendarisch oder thematisch geordneten Blöcken zu pressen, die noch gar nicht existierten, als die Texte geschrieben wurden. Die meisten Texte entstanden aus äußerlichen Zwängen des Kulturbetriebs, aus situativen Intuitionen sowie als subjektive Reaktion auf den laufenden sprachlichen und politischen Schwachsinn – also aus zufälligen Anlässen, die sich gegen eine systematische Ordnung sperren. Damit soll das Moment von Spontaneität der Reflexion und der Reaktion, das ich mit dem Titel auch andeute, betont und erhalten bleiben. Jede Behauptung eines »roten Fadens«, dem die Texte folgten, liefe auf eine alberne Selbstinterpretation hinaus. Den durchgehenden Faden zu erkennen oder zu bestreiten, ist Sache der Leserinnen und Leser.
Die kurzen Glossen sind zum größten Teil auf der Wahrheitsseite der »Tageszeitung« erstmals erschienen. Ich schätze diese Kurzform, weil sie von ihrem Umfang her zu sprachlicher und intellektueller Disziplin zwingt.
Ein großer Teil meiner Arbeiten besteht aus Besprechungen politischer, historischer und sozialwissenschaftlicher Bücher. Ich habe aus der Fülle der Rezensionen nur exemplarische Verrisse ausgewählt. Diese Auswahl beruht nicht auf einem atavistischen Willen, Autoren und ihren Büchern oder den Verlagen zu schaden. Selbst wenn ich das wollte, schaffte ich dies als Sachbuch-Rezensent nicht, denn alle diese Bücher werden von Vielen besprochen und bewertet. Verrisse sind mir auch deshalb wichtig, weil das redaktionelle Gewerbe sie nicht schätzt und dafür uneigennützig und freiwillig dabei mithilft, restlos überflüssige – darunter ausgesprochen liederliche – Bücher auf gute Plätze in Sachbuch-Bestenlisten zu hieven. Dabei nicht mitzuspielen, gehört zum Ethos von Kritik und Aufklärung.
Der journalistische Betrieb hat sich durch die Konkurrenz mit dem Internet in den letzten Jahren stark verändert. Neben einigen Vorteilen hat die enorme Beschleunigung des Betriebs und die Vermehrung der Plattformen auch Nachteile – die gravierendsten sind boulevardesk-personalisierende Oberflächlichkeit und der Verlust an intellektueller Substanz, der in vielen Feuilletons mit Händen zu greifen ist. Ich verstehe meine Arbeiten auch als Alternativen zum Instant-Journalismus des Betriebs, der seichte Home-, People- und Zeitgeist-Storys sowie Sammelrezensionen schätzt.
Die Texte sind in sechs Blöcke eingeteilt, die unterschiedliche Textsorten enthalten: Historische Essays (I.), Porträts gegen das Vergessen (II.), politische Kommentare (III.), Glossen (IV.), Verrisse (V.). Am Schluss stehen drei Texte in eigener Sache (VI.).
Einige Texte sind mehrfach oder in gekürzten und redaktionell mehr oder weniger stilsicher bearbeiteten Versionen erschienen. In gravierenden Fällen habe ich deshalb meine ursprünglichen Textversionen den von fremder Hand zugerichteten vorgezogen und mache dies durch das Kürzel UTV (ursprüngliche Textversion) in der Liste der Erstdruckorte am Ende des Buches deutlich. Bloße Druckfehler und kleine Irrtümer oder stilistische Unebenheiten habe ich stillschweigend korrigiert. Inhaltlich habe ich die Texte nicht verändert und biete sie als durchaus zeitgebundene den Lesern zum Beurteilen an. Nur Narren irren nie.
Mein Dank gilt wiederum Britta Gerloff, Michael Billmann und Roland Tauber vom Verlag für die Hilfe bei der Organisation der Texte für den Druck. Ich widme das Buch erneut Eva-Maria in Dankbarkeit und Bewunderung. Sie hat alle Texte als Erste gelesen und korrigiert. Mit Hinweisen, Ratschlägen, fulminanten Verweisen und ultimativen Vetos am Textrand hat sie mich in vielen, zuweilen turbulenten Diskussionen vor etlichen Abwegen und Irrtümern bewahrt. Die verbliebenen gehen auf mein Konto.
| Frankfurt, Februar 2012 | Rudolf Walther |
I Historische Essays
1 Verantwortungsethik als Passierschein zur Macht
Die richtigen Panzer der Bundeswehr stehen (noch) in den Depots und schießen nur auf Übungsplätzen. Unterdessen fahren bereits schwere Tieflader mit der Gesinnungskanone »Verantwortung« durchs Land. Unter Beschuss geraten jene, die beim Übernehmen von »Verantwortung« für deutsche Unternehmungen in der Welt nicht mithalten wollen. Ganz nebenbei werden auch noch ein paar bislang gültige Verfassungsgrundsätze bis zur Unkenntlichkeit durchlöchert. Das hat Geschichte.
Max Weber, der schon lange vor dem Ersten Weltkrieg für diesen war, während des Krieges begeistert mitlief und erst bei Kriegsende (unter dem Eindruck des revolutionären Beiwerks) feinsinnig dosierte Skepsis zuließ, brauchte für den deutschnationalen Gesinnungsstau (»heiliger Volkskrieg«, so Max Weber noch 1916) eine anpassungsfähige Theorie. Sie heißt seither »Verantwortungsethik« und ist ein Wechselbalg. Je nachdem ist sie Ausgangspunkt für avancierte theoretische Reflexion oder Passierschein für fast alles, was sich auf Macht, Staat und Interesse reimt. Webers politischer Wilhelminismus hält sich von seiner Antrittsvorlesung (1895) bis zu seinem Tode durch. 1895 definierte er die Reichsgründung von 1871 rückblickend um zum »Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik«, die deutsche Bourgeoisie kanzelte er als »erfolgstrunken und friedensdurstiges Geschlecht« ab, und von der SPD hielt er gar nichts. Dafür erschien ihm die Kanzlerschaft Bismarcks – immerhin bei einem akademischen Initiationsritus und nicht am Stammtisch der Farbenbrüder von der Korporation »Germania« – »als öffne der Sachsenwald wie ein moderner Kyffhäuser seine Tiefen«.
»Die Weihe eines deutschen Krieges« (Max Weber 1916) hatte ihr ideologisches Fundament in der Macht- und Verantwortungsmetaphysik – das reale Fundament war die wirtschaftliche Macht des prosperierenden Kaiserreichs. Und dass beide Fundamente nichts miteinander zu tun hätten, behaupteten nicht einmal mehr besonders ausgewiesene kriegerische Feuilletonisten. Bereits mit seiner Antrittsvorlesung von 1895 bemühte sich Max Weber, aus der gestiegenen ökonomischen Potenz des jungen Reiches weitläufige politische Ansprüche eines »Herrenvolkes« gegenüber dem »Polentum« und dem Rest der Welt abzuleiten. Derlei brutale Dummheiten und Vereinfachungen als Wissenschaft zu drapieren, schafften selbst die plattesten Stalinisten nicht.
Heute verbucht eine vulgäre Geschichtsphilosophie die wirtschaftliche Potenz der BRD als quasinatürlichen Auftrag zu militärischen Interventionen rund um den Globus. Diese Redeweise plädiert für die Beseitigung jeglicher geschichtsphilosophischer oder utopischer Gehalte aus theoretischen und politischen Debatten, was angeblich der Zusammenbruch des »realexistierenden Sozialismus« zwingend nahelege. Vermeintlich purer Realismus wird nun verordnet. Dessen Prediger merken gar nicht, wie sie gerade im emphatischen »realpolitischen« Rückgriff auf ’89 das »vereinigte Deutschland« zum »welthistorischen Moment« (FAZ 2.3.1990) und zum »Epochenbruch, durch den sich wohl die gesamte bisherige Gestalt der Menschwerdung ändert« (taz 14.12.92) frisieren; so kommt die Schwundstufe von Geschichtsphilosophie im Namen ihrer Beseitigung daher.
Biedersinniges Normalisierungs- und Positivierungsstreben – endlich mal dabei sein beim »nationalstaatlichen« Anstreichen der Geschichte wie die Urgroßväter nach Sedan – leitet und stimuliert die jüngste Sinnstiftung. Die geschichtsphilosophische Ideologie der Zustimmung, die als Terminator aller Geschichtsphilosophie auftritt, ist das Mastfutter, von dem sich die neuste Stimmung im Westen ernährt. »Verantwortung« ist der Verdünner, mit dem behäbige wirtschaftliche Macht in agile militärische Gewalt verwandelt werden soll.
Die Frage, wohin man deutsche Soldaten in welcher Konstellation rauslassen soll, stellte sich zuerst nicht etwa an Stammtischen, sondern innerhalb der staatstragenden Parteien, im akademischen Diskurs und natürlich im Feuilleton. Wer bei den bevorstehenden Kriegen zur Erhaltung jenes globalen Status quo, an dem voraussichtlich die Hälfte bis zwei Drittel der Welt verderben werden, überhaupt etwas gewinnen kann, ist höchst fraglich – und gerade deshalb tabu. Darum wurde das Thema gesinnungsmäßig zur Schlacht um die »Verantwortung der BRD für die Welt« aufgerüstet. Und nun beklagen Bonner Minister und Hinterbänkler, Bild und FAZ, Fatzkes und Motzkis, anpassungswillige Friedensforscher und verstaatlichte Grüne an den männlichen und weiblichen Deutschen ungefähr dasselbe wie Max Weber an der deutschen Vorkriegs-Bourgeoisie – die rational begründete Skepsis gegenüber Kriegen und militärischen Interventionen: »Die Deutschen haben ein gebrochenes Verhältnis zum Militärischen« (FAZ 23.2.93). Woraus gefolgert wird, die Verfassung sei umgehend an transkulturelle Schäferhundebesitzer-Schrebergärtner-Mentalitäten sowie ziemlich alte militaristische und relativ junge imperialistische »Normalitäten« anzupassen.
Man muss froh sein, dass jene, die vom Kriegsgeschäft eine klare Vorstellung haben – deutsche und ausländische Offiziere –, sehr viel skeptischer sind gegenüber Interventionen auf dem Balkan und anderswo als die journalistischen und akademischen Sandkastenstrategen. Die Dialektik der Aufklärung wird überboten von den Realitäten: Ehedem der Aufklärung verpflichtete Intellektuelle militarisieren sich, und der Generalinspekteur der Bundeswehr präsentiert sich in voller Montur als Anwalt von politischer Vernunft, humaner Verhältnismäßigkeit und ziviler Gelassenheit.
Der letzte Golfkrieg hat neben unbestimmten ein bestimmtes Ergebnis gezeigt: Viele deutsche Intellektuelle zwischen Garmisch und Flensburg sind über Nacht zu Militär- und Kriegs»experten« geworden. Endlich erscheint die Welt handhabbar nach all den abstrakten Illusionen, Utopien und Theorien. Der Horizont wird überschaubar verengt. Stirnvernagler und Scheuklappenproduzenten machen jetzt Kasse am Buchmarkt. Fast alles reduziert sich auf militärische Arithmetik: Wo kann man, wo muss man, wo darf man »rein« – alles nur eine Frage des Eintrittspreises.
Das wäre weiter nicht schlimm, denn noch kommandiert der neudeutsche akademische und journalistische Irrationalismus keine Armeen. Aber gleichzeitig kriegt man den Eindruck vermittelt, militärische Kreise und über Macht verfügende Eliten bedienten sich der akademischen und journalistischen Vorläufer als Weichspüler und Weichkocher for the gallery – den glotzenden Haufen. Die Folgen sind absehbar geworden. Kein deutscher Angriffskrieg oder dritter Weltkrieg steht vor der Tür, aber die Verfassung wird Stück für Stück demontiert. Für viele spielt es schon keine Rolle mehr, dass man eine Frage schnell und einfach »entscheidet«, obwohl sie rechtlich höchst strittig und die »Entscheidung« verfassungsrechtlich vermutlich nicht gedeckt ist. Weg mit dem Formelkram; souverän ist, wer endlich wieder vorne mitmischt. Die Republik wird »dekonstruiert«, der »nationale« Staat rekonstruiert. Erst brannten die Häuser der Ausländer, und nun beginnt die Marschmusikstunde mit Stalingrad-Anekdoten, moderiert von jenen, die gestern auf Kanzeln, Kathedern und in den Feuilletons noch auf »Zivilgesellschaft« machten.
Dem Buchstaben nach (GG Art. 4,3 und 12a, Kriegsdienstverweigerung als Grundrecht; Art. 26, Verbot des Angriffskrieges; Art. 87a, Beschränkung des Streitkräfteeinsatzes auf den Verteidigungsfall usw.) und auch dem Geist nach besitzt das Grundgesetz eine solide antimilitaristische und pazifistische Imprägnierung. Diese höchst ehrenwerte, historisch bedingte Grundierung – deutsche Regierungen und ihre militärischen und gesellschaftlichen Eliten haben einen Weltkrieg fast allein und einen ganz allein zu verantworten – soll nun gründlich abgekratzt werden. Unbestritten, dass es nebenher zwischen 1949 und 1989 auch eine gar nicht antimilitaristische deutsche Waffenproduktion gab, die exportierte, was das Zeug hielt. Aber eine der gültigen Geschäftsgrundlagen der alten BRD war die antimilitaristisch-pazifistische Orientierung in minoritären, aber doch ziemlich weiten Kreisen der Bevölkerung.
Wie gewohnt liefert das Fernsehen die vermeintlichen Plausibilitäten für militärische Interventionen live und blutig ins Haus: Hungernde somalische Kinder und Frauen sowie schwerbewaffnete Söldnerbanden (mit westlichen und/oder östlichen Waffen) harren der »Befreiung« durch die »neue Weltordnung«. Warum es zu Zuständen wie in Somalia kam, fragt fast keiner mehr. Und auch die entscheidenden Unterschiede zwischen effizienten technischen und medizinischen Katastrophenhilfskorps und realen UNO-Eingreiftruppen auf der einen, mehr oder weniger eigenhändig, eigenmächtig und situativ-interessiert zuschlagenden »Weltordnungsmächten« auf der anderen Seite gehen im »Verantwortungs«gedöns völlig verloren.
Der politische Gedanke pendelt nicht mehr vom Herz über den Kopf zur theoretischen und politisch-moralischen Reflexion über politische Ziele und militärische Mittel sowie deren Verhältnismäßigkeit, sondern torkelt aus der Talkshow direkt zur Forderung nach Militäreinsätzen: Im Hessischen Rundfunk unterhielten sich kürzlich eine kroatische Nationalistin und ein »volksdeutscher Spätheimkehrer« ernsthaft darüber, wie man am Rande der Genfer Vance-Owen-Konferenz den einen oder anderen serbischen Delegierten und Bürgerkriegskontrahenten durch Verhaftung und kurzen Prozess ausschalten könnte, um den Kriegszielen (die man »Frieden« nennt) etwas näher zu kommen.
Interventionsscheu in ihren »Hinterhöfen« und »Einflusszonen« wird man auch den amerikanischen Administrationen, französischen Präsidenten und britischen Regierungen nicht nachsagen können. Und was ist das Ergebnis der Dutzenden von militärischen Interventionen in Mittelamerika und Afrika? Peace, freedom and democracy? Paix, liberté et démocratie? Mit »dem Glück der Völker« steht es bekanntlich schlecht in der Geschichte, aber dort, wo militärische Interventionen von innen und außen an der Tagesordnung sind, sind die Völker der Hegelschen »Schlachtbank« allemal noch näher als anderswo.
Im tagespolitischen Handgemenge scheint es nur noch um zwei Listen zu gehen: um die Länderliste »sicherer Drittstaaten«, in die man Flüchtlinge »verantwortungs«bewusst zurückschieben kann, und um die Liste jener Interventionskandidaten, die mit der »neuen Rolle der BRD in der Welt« und mit dem Besuch der deutschen Bundeswehr rechnen dürfen, wenn die Bonner – unter Mithilfe der SPD – erst einmal die Verfassung ausmisten oder einfach umgehen. Genau wie bei dem von Jürgen Habermas zum Thema gemachten Bestreben von konservativen Historikern zur »Entsorgung der Vergangenheit« geht es jetzt um die Verklappung des historisch bedingten Verfassungs-»Ballasts« im Meer des Vergessens.
Man kann das getrost Normalisierung nennen, denn das historisch ahnungslose Geschwätz, es gehe heute darum zu vermeiden, dass die BRD auf einen »Sonderweg« gerate, meint ja nur: Was den USA, Großbritannien und Frankreich recht ist, soll uns endlich billig sein. Bonn als gleichberechtigter Co-Sheriff? Klar! Lamers, der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, redet bereits von »großer innerer Stärke« (taz 25.1.93), die erforderlich sei, deutsche Soldaten irgendwo in der Welt für bestenfalls unklare Ziele und allemal trübe Interessen sterben zu lassen. Wer noch nicht völlig trunken ist vom »Verantwortungs«-Fusel, sollte sich von einem zurechnungsfähigen nordamerikanischen Intellektuellen sagen lassen, was man drüben unter »Verantwortung« versteht – ungefähr seit der Präsidentschaft von Monroe (1817-25): »Bei jenen Amerikanern, die es sich zur Gewohnheit gemacht haben, den Rest der Welt über seine Pflichten aufzuklären, bedeutet Verantwortung schlicht bedingungslose Unterstützung jedweder Politik, die Washington gerade betreibt – Unterstützung auch dann, wenn diese Politik von einem Augenblick auf den anderen in ihr Gegenteil verkehrt wird« (Norman Birnbaum, Die Zeit 21.6.1991).
Schon im Januar/Februar 1991, als Saddam Hussein auf Wunsch von deutschen Intellektuellen als Hitler auftrat, mahnte die FAZ ganz nüchtern »härtere Zeiten« an. Lange bevor ein deutscher Professor »den Lehrmeister Krieg« aus dem Bücherregal kramte und ein anderer im Versagen von Elternhaus und Schule die Ursache für die brennenden Häuser in Mölln fand, stellte die FAZ den Wegweiser auf: »Welcher Politiker, gar welcher Lehrer denkt darüber nach, wie man Kinder erzieht in einer Kultur, die sich behaupten muss? Welche Tugenden, die in härteren Zeiten nötig sind, haben die Deutschen noch nicht verächtlich gemacht?« (FAZ 16.2.1991). Wie gesagt, nicht Militärs und Politiker reden vom nächsten Krieg, sondern akademisches und journalistisches Meinen schwadroniert schon mal über die präventive Einübung kriegstauglicher Tugenden. Lehrpläne mit interventionsgerechten (und ausländerresistenten) Tugenden sind schnell hervorgekramt: »nationale Interessen«, »positive Werte«, »Blut und Eisen«, »deutsche Ehre«, »Pardon wird nicht gegeben«, »Erziehung in Langemarck« und in »Stahlgewittern« – auf zum nächsten Gefecht. Die intellektuelle »Selbstverstümmelung« (Lothar Baier), schon seit der Wende Anfang der 80er Jahre unter dem Label »Ende der Utopie« propagiert, ist der Hit in der laufenden Spielsaison des Meinungsbetriebs.
2 Nachruf auf Totgeburten: Bindestrich-Gesellschaften
Als die Baronin Thatcher noch regierte, konnte man regelmäßig hören, dass es Individuen und Staaten gebe und sonst nichts: »Ich kenne keine Gesellschaft.« Der digital konditionierte Verstand der gelernten Chemikerin duldete nur Eindeutiges, das heißt Zweipoliges: organisch oder anorganisch, basisch oder sauer. Politisch gewendet: privat oder staatlich. Nichts war ihr deshalb so suspekt wie die Zone des Dazwischen, zum Beispiel die gesellschaftliche Macht von Gewerkschaften. Die gesellschaftliche Macht von Privateigentümern an Grund und Boden, Produktionsmittel – kurz Kapital – entging ihr freilich.
Die Verachtung der Gesellschaft teilt Baronin Thatcher mit den deutschen Rechten, denen die Gesellschaft notorisch als Ausgeburt der Französischen Revolution galt und deshalb von Adam Müller bis Carl Schmitt gar nicht oder herablassend behandelt wurde. In den Köpfen der zeitgenössischen Publizisten und Wissenschaftler hat die Gesellschaft dagegen einen Stammplatz. Allerdings geht es heute nicht mehr um die Gesellschaft telle quelle, mit der sich die Theoretiker seit Comte, Hegel und Marx herumschlugen. Den heutigen Autoren hat es die Gesellschaft mit dem kleinen Unterschied angetan – die Gesellschaft als Kompositum.
Nach der Konjunktur der Bindestrich-Soziologien in den sechziger Jahren begegnet uns nun eine Inflation von Titeln, die zusammengesetzte Wörter mit Gesellschaft wie eine Flagge gehisst haben. Komposita zu bilden, ist ein Legospiel mit Begriffen: Erlebnis-, Auto-, Männer-, Konsum-, Zweidrittel-, Surfer-, Industrie-, Versöhnungsoder Kommunikationsgesellschaft. Die Gesellschaften-Inflation ist umso erstaunlicher, als substantielle gesellschaftliche Verbindungen zwischen Individuen in Vereinigungen, Vereinen, Clubs und so weiter überall von der Übermacht der herrschenden Verhältnisse bedroht sind. Staatliche, wirtschaftliche und mediale Großagenturen walzen gesellschaftliche Beziehungen platt oder unterwerfen sie von oben oder von außen, diktieren Spielregeln und Zwecke. Die Pointe: Die Konjunktur der Bindestrich-Gesellschaften läuft parallel mit der »Entgesellschaftung« der Realität und Vereinsamung vieler Menschen.
Weil das Ganze der Gesellschaft diffus geworden ist, greift sich jeder einen Teil und erklärt diesen im Handstreich zum Ganzen. Das ist zwar wissenschaftlich gesehen grobianisch, gereicht aber den Autoren zur Ehre, gemessen an der Zahl ihrer Veröffentlichungen. So erfahren wir von Saison zu Saison neu, in welcher Gesellschaft wir leben. Und weil es die marktwirtschaftliche Konkurrenz so will, existieren wir gleichzeitig in mehreren, sich nach Preis und Niveau gegenseitig über- und vor allem unterbietenden Komposita-Gesellschaften. Wo die einen noch auf die Arbeitsgesellschaft schwören, tummeln sich andere bereits in der Erlebnisgesellschaft; Ökologen beklagen noch die Wegwerfgesellschaft, während ein Professor schon in den Zug Richtung Reparaturgesellschaft umgestiegen ist.
Das Planungsdezernat einer Stadt schwärmt für die Vorturner der Dienstleistungsgesellschaft, aber im Kulturdezernat projektiert man lieber nach den Imperativen der Kulturgesellschaft. Oder auch umgekehrt. Ganz vorne marschiert wie immer die Harvard Business Review. Sie proklamiert die »post-capitalist society«. Die Grammatik erlaubt die Konstruktion beliebiger Komposita und – als deutsche Spezialität – deren fugenlose Verleimung. Womit das Wort Gesellschaft zusammengelegt wird, ist ebenso sekundär wie gleichgültig. Kein noch so dünner Gedanke nistet zwischen den Bestandteilen. Bis hin zum dreifach aufgepeppten Weißest-Schimmel der »zivilen Gesellschaftsgesellschaft« ist noch allerlei drin an product-design. Wir warten einstweilen auf Ulrich Becks »Na-und-Gesellschaft« als Ersatz für die angestaubte »Risikogesellschaft«. Ein paar akademische Prachtblüten sind im Folgenden zu besichtigen.
Was schlüsselte uns die »Informationsgesellschaft« besser auf als deren Verkleidung als »keyboard society«? Damit wissen wir zwar immer noch nicht, was das Getriebe zusammenhält und wovon wir Keyboarder leben, aber der Society-Designer Norbert Bolz hat den Durchblick: »Man trifft nur noch auf Benutzeroberflächen«. Die aufklärerische Warnung, Menschen niemals als Mittel zu betrachten, ist vom Tisch. In der »keyboard society« sind wir uns selbst und allen anderen gegenüber gleichberechtigte »Tasten« oder »Benutzeroberflächen«. Das Zeitalter »reflexiver Modernisierung«, das man uns ausmalt, fordert seinen Eintrittspreis. Offenbacher Professoren der Hochschule für Gestaltung trieben es bunter beim Fischen im Trüben. Sie angelten die Idee der »Schnittstellengesellschaft« von der Festplatte. Allerdings ist diese Gesellschaft vorerst mehr Wunsch denn Realität; der »Schnittstellengesellschafter« soll »schräg denken und handeln«. Warum hat man sie nicht gleich »Gesellschaft« oder »backslash society« genannt – kürzer, prägnanter und weniger deutsch, international verwertbar? Hinreißend fanden wir auf Anhieb die »ruderale Trittgesellschaft«, aber die Rückfrage bei einer kundigen Biologin klärte uns darüber auf, dass es sich dabei nicht um ein Pflänzchen aus dem Soziologengarten handelt, sondern um einen wissenschaftlichen Terminus aus dem Bereich der Geobotanik. Schade.
Besonderer Beliebtheit erfreute sich die »Zivilgesellschaft«. Die unbegriffene Gegenwart sollte gebannt werden im begriffslosen Wort. Kritisch gesehen war die »Zivilgesellschaft« eine Totgeburt, nur die Hebammen und Geburtshelfer wollten es nicht glauben und versuchten verzweifelt, dem Konzept Leben einzuhauchen.
Zur Herkunft: Mit einer Hand schöpfte man aus der amerikanischen Debatte um Autoren wie Charles Taylor, Michael Walzer und anderen über die Rekonstruktion der »civil society« angesichts von zerstörerischen und selbstzerstörerischen Trends in der US-Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Die als »communitarians« / »Gemeinschafter« bezeichneten Autoren erarbeiteten für die von Gesellschaftsauflösung bedrohten amerikanischen Zustände Rezepte, um das demokratische Gemeinwesen wiederzubeleben. Alte und neue normative Begriffe sind ihnen deshalb wichtiger als die Analyse der Gesellschaft. Mit der anderen Hand holte man sich die Argumente aus den Debatten unter Dissidenten im Osten, wo eine offene Gesellschaft erst aufgebaut werden sollte nach dem Untergang von Parteiherrschaft und Staatssozialismus. Die kommunistische Herrschaft akzeptierte – wie die Baronin Thatcher – nur Staat und Individuum. Die beiden Debattenstränge haben nur wenig gemeinsam und orientieren sich an grundsätzlich verschiedenen Verhältnissen, Problemen und Zielen. Die eilfertige Übernahme des Diskurs-Jetons »Zivilgesellschaft« war deshalb von Anfang an höchst problematisch. Obendrein spielten reale Interessengegensätze und wirtschaftlich-kapitalistische Zwänge, auf die jede Demokratisierung aufläuft, in der hochgradig ideologisierten deutschen Debatte praktisch keine Rolle.
Erst recht zum Rohrkrepierer wurden die historischen Anleihen, mit denen die Diskussion aufgepeppt werden sollte. Schon die Übersetzung von »civil society« mit »Zivilgesellschaft« ließ mehr schlechten Geschmack als historische Bildung erkennen. Wer käme auf die Idee, analog dazu, das »bellum civile« / »Bürgerkrieg« mit »Zivilkrieg« wiederzugeben? Drall-Deutschen fiel auch noch das Wort »Zivilheit« ein, obwohl das unübersetzbare italienische »civiltá« von seinem realen Kern »civis« / »Bürger« natürlich nicht abzutrennen, sondern nur im jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Kontext einzulösen ist.
Alle Versuche, der »Zivilgesellschaft« mit dem Hinweis auf den alten Begriff »societas civilis« / »bürgerliche Gesellschaft« höhere Weihen anzudienen, scheitern an dem schlichten Tatbestand, dass die alte »societas civilis« bzw. »politiké koinonía« von Aristoteles bis zur Französischen Revolution mit der modernen Gesellschaft gar nicht, mit den zwischen Antike und Ancien Regime entstandenen diversen Staatsformen jedoch sehr eng zusammenhängt. Vereinfacht gesagt: Bis dahin war die »bürgerliche Gesellschaft« die Vereinigung der rechts- und politikfähigen Männer, virtuell der »Staat«. Soweit »Zivilgesellschaft« also auf die vorrevolutionäre »societas civilis« / »bürgerliche Gesellschaft« zielt und dort staatsfreie Räume ausmachen möchte, ist das Konzept nichts weiter als eine Projektion. Da taugt auch der Hinweis auf Adam Fergusons »Essay on the History of Civil Society« (1767) nichts, weil »civil society« dort fast durchweg den Staat meint und nur ganz selten auch das, was heute bürgerliche Gesellschaft heißt.
Mit der historischen Situation, in der die Debatte hier begann, hängen ihre politischen Implikationen zusammen. Der Chip »Zivilgesellschaft« diente Protagonisten mit unterschiedlichen, ja gegensätzlichen theoretischen Vorstellungen als Krücke. Die einen brauchten diese, um sich von ihren ehedem sozialistischen Vorstellungen ins Post-Stübchen westlicher Gemütlichkeit verabschieden zu können, weil sie nach 1989 mit jenen Vorstellungen nichts mehr zu tun haben wollten. Andere benützten die Krücke, um ihre überkommenen Vorstellungen kundenfreundlich aufzupolieren und sprachen vom »zivilgesellschaftlichen Sozialismus«, der nun an die Stelle des abgehalfterten zu treten habe.
Die gesellschaftlichen Realitäten und die ihnen täglich entweichende Gewalt haben das Konzept »Zivilgesellschaft« nun in den Orkus befördert.
3 Kriegs- und Bürgerkriegspropaganda
Dass wir als Tote Gleiche sind, darf nicht verlängert werden zur Vorstellung, dass jeder Tod gleich sei. Ein Skandal ist, wie Elias Canetti meint, jeder Tod. Aber das setzt Hingeschlachtete noch lange nicht gleich mit den – wie es heißt – »im Krieg Gefallenen«, und sei es als »Verteidiger« Gefallene. Für die meisten Kriege und für alle Bürgerkriege ist die Unterscheidung von – militärisch verstandenen – Angreifern und Verteidigern so ideologisch borniert wie jene zwischen guten und schlechten Nationalisten, guten und schlechten Faschisten, guten und schlechten Stalinisten oder guten und schlechten Nationalsozialisten. Es mag der zum Kriegsdienst eingezogene Landser so schuldlos sein wie nur denkbar, sein Tod ist nicht identisch mit jenem von generalstabsmäßig oder durch marodierende Soldatenhaufen ermordeten Zivili sten.
Und dass ein Gewehr ein Gewehr bleibt, unabhängig davon, wozu es gebraucht wird, darf nicht zur Vorstellung werden, dass jede Gewaltanwendung gleich sei. Pazifismus bedeutet nicht Gewaltlosigkeit à tout prix. Konsequenter Pazifismus muss Gewalt in Kauf nehmen – allerdings in klar bestimmten Relationen von politischen Zielen und Mitteln, in kalkulierbarer militärisch-politischer und humaner Verhältnismäßigkeit.
In welcher Relation politische Ziele, verwendbare Mittelarsenale und humane Verhältnismäßigkeit in der Konstellation des Bürgerkriegs auf dem Balkan stehen, hat bislang niemand klar dargelegt – weder von politischer noch von militärischer Seite. Von alldem unberührt zeigen sich berufsmäßig Alarmierte. Politiker und Talker mit Flair fürs notorisch Falsche (»jetzt oder nie«) sowie fürs historisch Schiefe wie dem Vergleich der Belagerung bosnischer Städte durch die serbische Soldateska mit der nationalsozialistischen Vernichtung des Warschauer Ghettos. Selbst wenn der alternde Marek Edelmann solche Vergleiche anstellt, werden sie nicht stichhaltiger.
Die vom Krieg und Bürgerkrieg heimgesuchten Menschen benötigen vieles. Am entbehrlichsten sind Aufrufe. Den bedrängten und bedrohten Menschen hilft man nicht mit Aufrufen, sondern mit der Organisation von Hilfe, mit der Aufnahme von Flüchtlingen und mit der Mobilisierung der hiesigen Bevölkerung gegen die Regierungspolitik (zunächst des forschen Anerkennens, dann des allzu langen Abwartens). Rechtzeitige militärische Ultimaten, kombiniert mit einer intelligenten Einbindung der Medien, wie sie der französische General Morillon auf dem Balkan pflegte, haben den Menschen mehr und wirksamer geholfen als die Entrüstungsrituale hierzulande. Dagegen stumpfen die dramatisierenden, brutale Bilder des Fernsehens noch überbietenden Parolen in der Presse (»Völkermord«, »Genozid«, »Warschauer Ghetto«) nur ab und bieten keinerlei Aufklärung über Krieg und Bürgerkrieg.
Was für ein Bild der Zustände haben in den letzten Wochen die Medien vermittelt? Aus trüben, restlos unüberprüfbaren Quellen kam die Meldung von Tausenden von Ermordeten in Gorazde (»von Leichen bedeckte Straßen, wohin man sieht«; »Blutbad in den Straßen«); ein verständlicherweise dramatischer Hilferuf des Bürgermeisters von Gorazde und ein paar andere Funksprüche wurden medial verstärkt. Als die Blauhelme endlich in die Stadt gelangen konnten, korrigierten sie die Opferzahlen zuerst auf 715 (Frankfurter Rundschau vom 26.4.94), dann auf 250 (Süddeutsche Zeitung vom 27.4.94). Das macht das Verbrechen der serbischen Soldateska zwar geringer, aber nicht tolerierbarer. Von höherer Warte erschallen die rechtfertigenden Gesänge: »Der britische UNO-General Rose ärgert sich über die bosnischen Muslime in Gorazde: Sie hätten die Zahl ihrer Toten und Verwundeten übertrieben ... In einer umzingelten Stadt breitet sich eine Psychose aus, die nach einer Weile auch zu verkehrten Vorstellungen über die Opfer in den eigenen Reihen führt; anders kann es nicht sein« (FAZ vom 29.4.93).
Statt aufklärender und gegenüber allen Quellen kritischer Information boten die Medien Bürgerkriegs- beziehungsweise Kriegspropaganda. Sie lieferten damit der serbischen Seite das Rohmaterial für die Durchhalteparolen und die Behauptung frei Haus, die westlichen Medien hätten sich gegen Serbien zu einer mit allen Mitteln kämpfenden Front verschworen. Und beim hiesigen Leser und TV-Zuschauer erzeugt man mit solcher Nachrichtenzurüstung keine Solidarisierung und Mobilisierung, sondern allenfalls Ohnmacht und Resignation. Übertriebene Schreckensmeldungen sensibilisieren das Publikum nicht für das, was passiert ist, und das, was dagegen getan werden müsste – also forcierte Hilfe, Flüchtlingsaufnahme, Verhandlungen und kalkulierte Androhung militärischer Gewalt –, sondern entmutigen es. Erst recht seltsam berührt in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die weit größeren Zahlen an Opfern in den Kriegen und Bürgerkriegen im Sudan, in Ruanda und anderswo nur kurzfristig in unsere Medien gelangen. Hängt dies damit zusammen, dass diese Schauplätze fernab Europas liegen, oder sollte für jene Opfer gar gelten, dass sie uns doch nur schwarze, ungleiche Tote sind?
4 »Volkstrauertag«: Normalisierung im Geist nationaler Verlogenheit
Geschichte ereignet sich zweimal – einmal als Tragödie, dann als Farce. Wird dieselbe Geschichte mehrfach erzählt, darf man sich wundern oder nach den Motiven fragen. Mit der Eröffnung der Neuen Wache als zentraler Gedenkstätte (»mies, medioker und provinziell«, Reinhart Koselleck) und einer Rede von B. Seebacher-B. zum Volkstrauertag werden die Bemühungen zur Begradigung der deutschen Geschichte erneut aufgenommen. So viel zum unausgesprochenen Teil der Motive. Der Rest spricht für sich selbst.
E. Nolte schrieb 1986 einen Artikel (FAZ 6.6.86), der zusammen mit Arbeiten von A. Hillgruber, K. Hildebrand und M. Stürmer den Historikerstreit auslöste. Dass es dazu kam, ist allein das Verdienst von Jürgen Habermas, der schnell und entschieden auf »die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung« reagierte (»Eine Art Schadensabwicklung«, Die Zeit 11.7.86). Nolte hatte mit dem Titel seines Beitrags die Marschrichtung angegeben: »Vergangenheit, die nicht vergehen will«. Im Klartext: Wer verhindert, dass die Geschichte deutscher Verbrechen endlich mit der Geschichte und den Verbrechen anderer Staaten verrechnet werden kann? Ein historisches Clearing-Verfahren zwischen den nationalsozialistischen Verbrechen und jenen Stalins, Pol Pots etc. war angesagt. So frontal freilich stieg Nolte nicht ein, sondern wählte den aparten Weg über die Notwehr: Vor Auschwitz war der GULag, und deshalb handelten Hitler und seine Wehrmacht aus berechtigter Angst vor der »asiatischen Tat« präventiv, als die Sowjetunion überfallen und an und hinter der Front Millionen von Menschen umgebracht wurden; Stalin als Lehrmeister Hitlers, dem Nolte in einer die neudeutsche Ideologie präzis charakterisierenden Bemerkung nur nachträgt, dem Repertoire des Terrors den »technischen Vorgang der Vergasung« (FAZ 6.6.86) hinzugefügt zu haben. Auschwitz – ein Problem von Technik und Chemie. Die Debatte schlief bald ein, weil Nolte wissenschaftlich fundierte Einwände ignoriert und seine Thesen zum Holocaust so feinsinnig weiterspinnt, dass sie von einer Rechtfertigung nur noch mit einer Lupe zu unterscheiden sind.
B. Seebacher-B. sprach jüngst zum staatlich gehegten Volkstrauertag in der Frankfurter Paulskirche und wiederholte fast wörtlich Noltes Kernthese: »Dass nicht aufhören kann, was nicht aufhören darf, kann und darf nicht das Maß unserer Erinnerung sein« (FAZ 15.11.93). Es geht erneut darum, Risse und Gräben in der jüngsten deutschen Geschichte zu planieren, Opfer nationalsozialistischer Herrschaft zu allen übrigen Toten zu legen. 1989 »stellt alles auf den Kopf, was zuvor gültig gewesen ist und was nicht«. Das betrifft auch die neue allgemeine deutsche Friedhofsordnung: Tod ist Tod und tot sowieso. Dieses Mal regiert nicht ein chronologisches Mätzchen die Revision: nach dem alten Muster post hoc, ergo propter hoc, d. h. dem historistischen Trick der Verzauberung einer zeitlichen Abfolge in ein Kausalverhältnis, hatte es Nolte versucht; und auch nicht die notorisch alles mit allem verwechselnden und damit alles verniedlichenden Vergleiche, die seit dem Golfkrieg so beliebt sind, treiben die Autorin an, sondern die Gier nach »Normalität«. »Normalität heißt, ein Deutschland wollen, das seine Kraft aus der Gegenwart bezieht.« Eine ebenso geschmackssichere wie steinerne Dummheit gegenüber Toten, die wer weiß wo sind, aber nicht in der Gegenwart.
Zum Tod und zu Toten hat B. Seebacher-B. ein exquisites Verhältnis, das sie in den Augen der Organisatoren zur richtigen Festrednerin macht. Als vor einigen Monaten im Westteil der Republik Häuser angesteckt und Menschen verbrannten, fielen ihr dazu Sätze ein, die ihresgleichen suchen: Demnach hat man sich zu merken, »dass das Recht der Lebenden durch die Erinnerung an die Toten nicht aufgehoben und nicht einmal eingeschränkt wird. Im Leben eines Volkes ist es wie im Leben des einzelnen: Man muss sich selber achten, um andere zu achten und von anderen geachtet zu werden« (FAZ 28.1.93). Die Asche der verbrannten Türken war gerade erst erkaltet.
Den geraden Weg zur »Normalität« versperrten bislang ein paar Millionen Vergaste, in wissenschaftlichen Experimenten Ermordete, in der Haft Erschlagene, durch Zwangsarbeit Vernichtete, von Einsatzgruppen und Wehrmacht Ermordete, von furchtbaren Juristen in den Tod Geschickte. Diese sperrige Last sollte weggeschafft werden – dauerhaft und im Namen des »Volkstrauertags«. Das ist ein durch und durch verlogenes, in keine europäische Sprache übersetzbares Wort, das seine Entstehung (1923) dem Geist von Dolchstoßlegenden und seine Wiederbelebung (1952) dem bigotten Adenauer-Regime verdankt. Seine einzig stimmige und mögliche Übersetzung erhielt es 1934 von den Nazis, die aus dem heuchlerischen »Volkstrauertag« den »Heldengedenktag« machten. Sie sollen ihren Tag wiederhaben, jene, die nach der Rede von B. Seebacher-B. in der Paulskirche »Ich hatt’ einen Kameraden« anstimmten (FR 15.11.93).
Anderes als Ballast wegräumen wollte auch Nolte 1986 nicht, aber bevor ich auf die bemerkenswerte Reprise im Geiste der »Ideen von 1989« eingehe, lohnt sich ein Blick zurück.
Der Zeithistoriker M. Broszat forderte schon 1985 eine »Historisierung« des Nationalsozialismus. Er redete damit allerdings nicht einer verharmlosenden Einordnung der Nazi-Zeit und der Nazi-Verbrechen ins Kontinuum der Geschichte das Wort (wie neuerdings R. Zittelmann, K. Weissmann, G. Schöllgen u. a.). Im Gegenteil: Gerade wer auf der Einmaligkeit des Verbrechens industrieller Menschenvernichtung besteht, muss zwingend – um die Einmaligkeit begreifen zu können – historische Vergleiche anstellen, um das Geschehen im historischen Kontext zu verstehen. Dieses aufklärerische Unternehmen, kritisch verstanden und nicht apologetisch im Sinne jener, die das Ganze endlich vergessen machen wollen, richtete sich auch gegen die nur noch mit beschwörenden Chiffren und pathetischen Formeln operierende Redeweise über die Nazi-Verbrechen. Dazu gehören das raunende Herzitieren von »Auschwitz« bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ebenso wie das immunisierende Gerede über »Singularität« oder »Zivilisationsbruch« (Dan Diner), das sich jedem rationalen Verstehen und Begreifen entziehe und entziehen solle.
Die im Historikerstreit kulminierende Debatte hat ihren Ursprung in der »geistig-moralischen Wende«, die Kohl 1981 programmatisch verkündete. Konservative Historiker und Publizisten entdeckten daraufhin, woran es den Deutschen angeblich besonders mangelte – an »Identität«, die einige bald »nationale Identität« nannten, womit dann jeder wusste, wohin die Reise gehen sollte. Sinn- und Identitätsbastler hatten von nun an Konjunktur.
Zum 30.1.1983, d. h. zur fünfzigsten Wiederkehr des Tages, an dem die bürgerliche Elite in Deutschland die Macht den Nationalsozialisten übergab, hielt H. Lübbe eine Rede im Berliner Reichstagsgebäude (FAZ 24.1.1983). Diese Rede markiert die konservative Trendwende mit dem Anspruch, die Nation wiederzubeleben, was freilich nur funktioniert, wenn gleichzeitig die Verbrechen, die in deren Namen begangen wurden, »normalisiert« werden. »Identität« und »Normalität« sind die Parolen, unter denen Ideologieproduzenten seither zum Halali blasen, weil Nation pur vielen noch zu schrill klang. Nach 1989 ist »Verantwortung« als Passepartout fürs Weltpolitische hinzugekommen. Im Namen der populistischen Dreifaltigkeit von »Identität«, »Normalität« und »Verantwortung« legen sie nun los, seit wir wieder »ein« Volk sind – von ganz rechts bis post-links.
Zwar gestand Lübbe ein, dass bis 1968 »im Schutz öffentlich wiederhergestellter normativer Normalität« von den Nazi-Verbrechen außerhalb wissenschaftlicher Zirkel kaum die Rede war. Geschichte und Erinnerung (gar solche an Verbrechen, an denen Hunderttausende deutscher Männer beteiligt waren) hätten Wiederaufbau und Wirtschaftswunder nur behindert. Flächendeckende Verdrängung bestimmte die politische Kultur, bis die Studentenbewegung das »kollektive Beschweigen« (Lübbe) nationalsozialistischer Verbrechen am Nierentisch ziemlich abrupt beendete. Lübbe plädierte 1983 für eine »gemeinsinnsfähige moralische und politische Normalität« als Sicherung für »die Immunität einer politischen Kultur gegen die totalisierende Machtergreifung ideologischer Heilsgläubigkeit«. Praktisch lief die Beschwörung solcher »Normalität« auf die Empfehlung hinaus, die Verbrechen gemeinsinnsfördernd Verbrechen sein zu lassen und sich im Übrigen »so einzurichten, dass, wenn auch diese Gegenwart schließlich Vergangenheit geworden ist, sie dem zustimmungsfähigen Teil der Vergangenheit zuzurechnen sein wird«.
Normalisierte Geschichte hat eine ziemlich späte Geburt. Die Normalisierung der Vergangenheit wurde gleichzeitig regierungsamtlich vorangetrieben. Kohl traf sich am 8.5.1985 mit Reagan im Konzentrationslager Bergen-Belsen und am gleichen Tag auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg. Gewaltsamer wurde nie versucht, Täter – und dazu gehörten auch Wehrmacht, Reichsbahn und Verwaltungen, ohne die das System der Lager nicht funktioniert hätte – und Opfer symbolisch zusammenzuzwingen. Dazu passte, dass der damalige Fraktionschef der CDU/CSU, Alfred Dregger, der Öffentlichkeit seine Sicht des Zweiten Weltkriegs verriet: Er präsentierte sich als ein Ehrenmann, der am 8.5.1945 in Marklissa (Schlesien) nichts anderes als den Westen gegen den Bolschewismus verteidigt habe. Schneidig. Ins Deutsche übersetzt: Die alliierten Truppen, die Europa von Westen her von der Barbarei befreiten, fielen Dregger und seinesgleichen in den Rücken – mitten im Kampf gegen den Bolschewismus. Notorisch waren in jener Zeit die Zurufe des Vernunft-Atlantikers und Herz-Jesu-Nationalisten F. J. Strauß, endlich die »Büßerhemden« auszuziehen, um aus dem »Schatten der Vergangenheit« herauszutreten.
Stil und intellektuelles Niveau des übrigen Bonner Personals verschaffen dem Bundespräsidenten Weizsäcker einen Bonus, worüber er auch immer redet. Diesen Heimvorteil nutzte er trefflich mit seiner Rede zum 8.5.1985 und erhielt dafür viel Lob. Es gab jedoch in Weizsäckers Rede auch bedenkliche Stellen, etwa jene, in der er sich dazu verstieg zu behaupten, Hitler habe »das ganze Volk zum Werkzeug« seines Judenhasses gemacht und die industrielle Menschenvernichtung habe »in der Hand weniger« gelegen. Eine restlos trübe Passage war geeignet, den Revisionseifer der Historiker zu beflügeln: »Während des Krieges hat das nationalsozialistische Regime viele Völker gequält und geschändet. Am Ende blieb nur noch ein Volk übrig, um gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk«. Die Deutschen als Opfer ihres eigenen Krieges? Wenn dem so wäre, gäbe es hierzulande nur noch Opfer. Weizsäckers abgründigen Satz verrät ein Webfehler: Die anderen Völker erscheinen gleichsam als Komparativ (»gequält und geschändet«), wir aber sind der Superlativ (»gequält, geknechtet und geschändet«). Die anständig zelebrierte präsidiale Trauer hat ein vermeintliches Super-Opfer im Hinterkopf, um das sie vor allem trauert – und demaskiert sich allein damit als verlogen.
Von Gustav Heinemann wissen wir, dass er seine Frau liebte, seine Kinder und seine Freunde, aber nicht den Staat, das Land oder gar die nation introuvable. Nach 1989 und speziell bei B. Seebacher-B. ist das natürlich ganz anders. Nichts findet sie süßer als den Traum, auch hier wieder einmal mit »Trauer« und Horaz’ obligatem »Stolz« vor einem jener meist grässlichen Kriegerdenkmale stehen zu dürfen, die man tatsächlich in jedem französischen Nest antrifft und auf denen für 1870/71, 1914/18, 1939/45, 1946/54, 1958/62 unentwegt »pour la patrie« gestorben wird. »Die« Franzosen brauchen den Firlefanz nicht. Aber die französischen Regierungen jeder Couleur beherrschen die Klaviatur des nationalistischen Pathos, mit dem man je nach Lage der Dinge gegen Einwanderer aus dem Maghreb, »boches«, Maastricht oder die deutsche Bundesbank mobil macht, um von der hausgemachten Misere abzulenken. B. Seebacher-B. nimmt den versteinerten Schwachsinn (mort pour la patrie) als Vaterlandsliebe ernst, »ohne die nichts oder nicht viel gelingen und kein noch so großer Geldtransfer Wirkung zeigen kann«. Als Frau hat sie eine etwas größere Chance, sich an Heldengedenktagen vom süßen Traum an tote, aber virile Kerle durchschütteln lassen, während man als Mann aller historischen Erfahrung nach halt nur zu jenen gehören dürfte, die im »Ernstfall« bereits von unten her zuschauen, wie die oben wieder einmal auf »Volkstrauertag« machen.
Aber wir sind dankbar: Seit uns K. H. Bohrer während des Falklandkrieges der Baronin Thatcher daran erinnerte, woran es uns Schlappschwänzen gebricht (»höheres Ethos, letzte causa und brinkmanship«), haben wir derlei nicht mehr gelesen, nicht einmal in der FAZ, die uns anlässlich des Golfkriegs »härtere Zeiten« (16.2.91) androhte.
Aber das ist nur der harmlose Anfang des Volkstrauerspiels. B. Seebacher-B. rückt den Toten und den Lebenden direkt auf den Leib, vor allem aber dem Volk, das seine »innere Einheit, die zeitlos ist und anderes bedeutet als die Angleichung von Lebensverhältnissen«, einfach vergessen hat. Kaum aus der Volksgemeinschaft der Nazis und der Zwangskommune DDR entkommen, verleugnet doch dieses deutsche Volk (nebenbei: eine sehr zeitgebundene Erfindung von 1813), unter der »geistigen Herrschaft« des Antifaschismus (Globke, Oberländer, Filbinger, Kiesinger e tutti quanti?) die »innere Einheit«, die vor allem deshalb den Stempel »zeitlos« verdient, weil es sie gar nie gegeben hat. Mit der Verabschiedung vom Trugbild Nation und Volksgemeinschaft sind die BRD-Deutschen nicht etwa normal geworden nach ihrem Horror-Trip seit 1871, sondern haben sich ein »Ausnahmebewusstsein« zugelegt, »das uns noch heute wie Blei auf der Seele liegt und nicht nur die Selbstvergewisserung nach außen behindert, sondern auch nach innen«.
Spätestens mit dem Blei wird die Sache ernst, denn dabei denken wir eher an die Millionen Toten, denen das Blei vielleicht auch »auf der Seele liegt«, aber mit Sicherheit vorher den Körper zerfetzt hat. Die Normalität, die B.Seebacher-B. beschwört, ist ganz anders: »Stolz«, »Vaterland«, »Härte« und – mit »Blei« und der Logistik von Verteidigungsminister Rühe – »Selbstvergewisserung nach außen«. Von der wilhelminischen Parole vom »Platz an der Sonne«, mit der man Bürger und Proletarier nach 1900 verblendete und zu Hurra-Patrioten machte, steigen wir jetzt um ins Kanonenboot »Seebacher-Rühe« und brechen auf zur »Selbstvergewisserung nach außen«.
Der Antifaschismus, der nicht illegitim wurde, weil ihn die SED als Herrschaftsmittel und Staatsideologie instrumentalisierte, verleitete nach B. Seebacher-B. die westlichen Sonderweg-Deutschen zum Grübeln über die Vergangenheit und obendrein dazu, »sich am eigenen Unglück zu weiden«. Statt forsch loszumarschieren und »sich auf Sinn und Zweck des Ganzen zu verständigen«, um nach innen und außen »Selbstvergewisserung« zu betreiben, »klammert man sich« hausbacken an Antifaschismus. Die Antifaschisten verhindern also direkt, dass es mit der Finanzierung der Einheit vorangeht; sie sind verantwortlich dafür, dass »nicht gelingen kann, was nicht gelingen darf«, wie sie noch einmal – in direkter Anlehnung an Nolte – formuliert.
Über einen zwanzigzeiligen Abschnitt, in dem B. Seebacher-B. sechs Mal mit dem Begriff »Normalität« herumfuchtelt, kann ich gar nichts sagen, außer dass ich ziemlich froh bin, nicht zu den Normalen zu gehören, denen der syntaktisch vertrackte und total-normale Rat gegeben wird: »Wer sich nicht als Deutscher fühlt, wird nie lernen, ein Europäer zu sein und der Welt zugewandt«. Albaner, Finnen und Portugiesen sollen bereits wie verrückt Deutsch lernen, Le Monde, Times und der Corriere della Sera erscheinen ob dieser Drohung ab sofort in deutscher Sprache, damit deren Leser nicht ausgebürgert werden aus dem Seebacher-B.-Europa.
Alpinisten wissen: Wer einen steilen Einstieg wählt, stürzt eher ab. B. Seebacher-B. nahm die Vaterlandsroute und strauchelte schon beim fünften Schritt über die vermeintlich unbeantwortbare Frage, »für welches deutsche Vaterland ... die Armee preisgegeben« worden sei. Preisgegeben? Wer wen? Dass Teile der Armee sich keiner bis jetzt bekannt gewordener Verbrechen schuldig gemacht haben, ändert natürlich gar nichts an der wissenschaftlich erhärteten Tatsache, dass zwischen Hitlers Herrschaft und dem ganz überwiegenden Teil der Wehrmachtführung kein Haar Platz hatte. Der mainstream arrangierte sich nach unwesentlichen Reibungen zu Beginn bestens mit dem Gefreiten als neuem Chef. Der Widerstand war ehrenwert, aber doch bescheiden.
Weil der Widerstand so minimal war, versuchen Pfiffige immer wieder den Umweg über den »nationalen Verrat«. Wie allerdings die tonangebende »nationale Opposition« (wie NSDAP und Deutschnationale sich nannten), die im Juli 1932 fast 45 % der Stimmen erreichte, ausgerechnet »nationalen Verrat« begehen sollte (an sich selbst?), nachdem sie im Januar 1933 an die Macht gekommen war und unter dem Beifall einer nicht mehr messbaren, aber auf jeden Fall deutlichen Mehrheit Deutschland zügig deutscher machte, bleibt ein Geheimnis. Im Detail liegt B. Seebacher-B. fernab von Tatsachen und behauptet z. B., sozialdemokratische Opfer des Terrors fehlten in »jeder Aufzählung«. Das Gegenteil ist richtig: Jedes halbwegs anständige Buch über die Naziherrschaft enthält detaillierte Angaben – verleugnet oder vergessen werden da schon eher andere (Sinti, Roma, Russen, Polen, Kommunisten und Schwule).
Schon vor derlei Proseminar-Kapriolen stürzte die Rednerin ins Bodenlose, wie jeder, der noch glaubt, mit der Nation festen Boden zu betreten: »Aber zu gedenken ist – aller Opfer, die in diesem Jahrhundert in deutschem Namen gebracht wurden«. Wem hat zunächst die kaiserliche Armee, dann die Wehrmacht welche denkwürdigen »Opfer gebracht«? Die jetzt zu erwartende erneute historische Revision, dieses Mal unter dem Banner der »Ideen von 1989« kündigt sich einigermaßen flott an mit der Umwidmung deutscher Angriffskriege zum Opfergang. Genau diesen Verdacht hatten wir immer schon bei den Veranstaltungen unter der Firma »Volkstrauertag«. Es ging nie um die wirklichen Opfer, weder um die eigenen und schon gar nicht um die fremden, sondern um ein staatliches Trauertheater, in dem die Niederlagen in zwei selbst provozierten Kriegen »zustimmungs- und gemeinsinnsfähig« (Lübbe) inszeniert wurden. Und weil man an Niederlagen ungern einfach als Niederlagen erinnern mochte, wählte man namenlose Opfer als Staatsfeierstunden-Dekoration. Diese kann man – Schützen und Erschossene amalgamierend wie in der verlogenen, seit 1969 offiziellen Formel von den »Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft« – risikolos als die »in diesem Jahrhundert in deutschem Namen gebrachten Opfer« instrumentalisieren. Das erklärt auch die von B. Seebacher-B. pompös als Ouvertüre präsentierte Fanfare von der Einzigartigkeit der Veranstaltung (»Kein anderes Volk der Welt hat sich je vorgenommen, an einem einzigen, regelmäßig wiederkehrenden Tag seine Toten zu betrauern«). Welcher andere (Nachfolger-)Staat muss einen ganz und einen maßgeblich verschuldeten Weltkrieg als Opfergang kaschieren?
5 »Les Temps modernes« wurden 50 – »Es gibt nur noch beschädigte Ideen«
Verglichen mit den fünfzig Laufmetern, die die rot gebundenen Prachtbände der »Revue des deux mondes« im Magazin der Bibliothek beanspruchen, nehmen sich die zehn von »Les Temps modernes« bescheiden aus. Die berühmte »Revue« wurde 1829 im Geist des Positivismus gegen den »Systemgeist« (so die erste Nummer) gegründet und zählt seither die Eliten aus Wissenschaft, Kultur, Verwaltung und Politik zu ihren Autoren. Im Ehrenkomitee zu ihrem 150. Geburtstag saß 1979 auch Staatspräsident Valery Giscard d’Estaing.
Bei »Les Temps modernes« wäre derlei undenkbar. 1995 wurde die am 1. Oktober 1945 von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Raymond Aron, Maurice Merleau-Ponty, Michel Leiris, Jean Paulhan und Albert Ollivier gegründete Zeitschrift fünfzig Jahre alt. Mit dem Selbstbewusstsein einer wirklich unabhängigen Institution, schrieb der jetzige »directeur« – der Filmemacher Claude Lanzmann – im Editorial zur Jubiläumsnummer solche kalendarischen Zwänge als Kleingeisterei beiseite: »Seit langem schon macht die Verspätung gegenüber dem, was man so Aktualität nennt, unsere spezifische Modernität aus.« Das ist kein Understatement, sondern hat Tradition: Die Nummer 500 war kein Thema, aber 50 Nummern später lud die Redaktion ihre Leser erstmals in ihrer Geschichte zu einem Fest – das war vor vier Jahren. Zur spezifischen Modernität von »Les Temps modernes« gehört ihre intellektuelle Radikalität – ob es nun um Philosophie, Sozialwissenschaft und Politik oder Literatur, Kunst, Musik und Film geht.
Die Radikalität wich nur in zwei Phasen einem tagespolitischen Konformismus: In den fünfziger Jahren, als sich Sartre vorübergehend dem Parteikommunismus näherte, und in den siebziger Jahren, als Pariser Nachwuchsintellektuelle die Zeitschrift zuerst durch ihren Maoismus und danach durch ihren seichten »Antitotalitarismus« kurzfristig in Verruf brachten. Wie Simone de Beauvoir berichtet, verdankt die Zeitschrift ihren Titel einem Zufall: Michel Leiris hatte »Le Grabuge« (Der Krach) vorgeschlagen, aber Sartre wollte das Organ mit dem Titel auf Zeitgenossenschaft festlegen. Im Laufe der Debatte kam man auf »Les Temps modernes«, die Anspielung auf Chaplins Meisterwerk war beabsichtigt. Picasso lieferte einen Entwurf für das Titelblatt. Aber ästhetische Gründe hätten es nicht erlaubt, darauf das Inhaltsverzeichnis jedes Heftes zu reproduzieren. Schließlich entschied man sich für den Entwurf eines Graphikers aus dem Verlagshaus Gallimard. Und bei dieser Gestaltung des Titelblatts blieb es, von kleinen typographischen Änderungen abgesehen – bis heute.
Im Editorial zur ersten Nummer fasste Sartre den Menschen als »Zentrum nicht hintergehbarer Unbestimmtheit« und definierte als Ziel der Zeitschrift nicht etwa »die«, sondern bescheiden »eine Befreiung« des Menschen. Maurice Merleau-Ponty, der 1953 wegen politischer Differenzen mit Sartre aus dem Herausgeberkreis ausschied, formulierte in der vierten Nummer (1946) das philosophisch wie politisch Modernität verbürgende Motiv in einem einzigen, dauerhaft haltbaren Satz: »Es gibt nur noch beschädigte Ideen.« Bereits 1951 sahen Sartre und Merleau-Ponty im »System der Lager und der Zwangsarbeit« in der Sowjetunion »Fakten, die die Bedeutung des russischen Systems total in Frage stellen«. Sartre ließ sich von den Denkschablonen des Kalten Kriegs nicht beeindrucken: »Bevor ich für die Demokratie sterbe, möchte ich doch sicher sein, darin zu leben ... Weiß ich denn, wie sie in Algier, in Goa oder auch nur in Le Creusot funktioniert?« (1952)
In der Zeitschrift erschien auch Merleau-Pontys epochaler, durch die geschichtliche Erfahrung von Stalinismus und Faschismus geprägter Essay über »Humanismus und Terror«. Er vermag die – altmodisch gesprochen – geistige Situation der Zeit präziser zu bestimmen als die buchhalterische Abrechnungsprosa, die nach 1989 erschienen ist. André Gorz, dem »Les Temps modernes« zwischen 1961 und 1983 die fundiertesten soziologischen, später auch ökosoziologischen Essays verdankt, bilanzierte 1970 den Pariser Mai und den Bildungsnotstand. »Die Universität zerstören« war sein Resümee, da keine Reform in der Lage sei, »diese Institution lebensfähig« zu machen. In seiner Abrechnung mit dem gemeinsamen Wahlprogramm von Sozialisten und Kommunisten vom 26. Juni 1972 kam er zu dem Ergebnis, dieses sei politisch defizitär und laufe nur auf die Forderung »Elektrifizierung ohne Sowjets« hinaus. Gorz formulierte die Kritik am Leninismus, als die wohlfeilen Traktate der vermeintlich »neuen Philosophen« noch nicht geschrieben waren.
Über politische Probleme im engeren Sinne schrieb zunächst vor allem Jean Pouillon, Sartre artikulierte sich auf diesem Feld erst später. Pouillon plädierte für einen »befreienden Internationalismus ... durch die Absage an die Nationen«, und schon im Dezember 1946 kritisierte er den französischen Kolonialismus in Indochina und trat für Verhandlungen mit dem Viet Minh ein. Die Zeitschrift wurde dann in den fünfziger und sechziger Jahren zu einem der wichtigsten Foren, in denen über Kolonialismus, Rassismus und Imperialismus diskutiert wurde. Später formierte sich um dieses Organ herum auch der Protest der Intellektuellen gegen die Kriege und die Kriegsführung in Algerien und Vietnam sowie gegen Nationalismus und Fremdenhass.
Michel Leiris öffnete dem Leser die Augen für die Völker Afrikas, deren Kultur und Literatur zu einem Zeitpunkt, als Eurozentrismus und abendländischer Zivilisationsdünkel noch zur intellektuellen Grundausstattung der Bildungsbürger gehörten. Horizonterweiternd waren auch die Reportagen Sartres und Simone de Beauvoirs über ihre Amerika-Reisen Ende der vierziger Jahre. Die Rezeption amerikanischer Kunst, Musik und Literatur wurde in Europa ebenso maßgeblich durch »Les Temps modernes« vorangetrieben wie die Kritik an der Banalität des American way of life – 1964 zusammengefasst in Simone de Beauvoirs Buch »Amerika Tag und Nacht. Reisetagebuch 1947«.
Das Naserümpfen und der billige Spott Spätgeborener, die in den Begriffen »engagement« und »littérature engagée« nur noch eine Ideologie zu sehen vermögen, verkennen die ursprüngliche Absicht. Es ging Sartre, von kurzen Phasen abgesehen, gerade nicht um Ideologien oder Post-Ideologien, sondern um die Individuen: »Wir wollen, dass der Mensch und der Künstler ihr Wohl gemeinsam gestalten, dass das Kunstwerk gleichzeitig Handlung sei; dass das Kunstwerk explizit als Waffe im Kampf, den die Menschen gegen das Böse führen, begriffen werde.« Zur spezifischen Modernität gehört auch, dass sich die Zeitschrift – wesentlich dank Simone de Beauvoir – seit 1948 kontinuierlich mit Fragen des Feminismus und des Sexismus befasste.
Ein weiteres Markenzeichen von »Les Temps modernes« waren die Schwerpunkthefte zu einzelnen Ländern, wobei die Autoren in der Regel aus den Ländern selbst kamen. Das gilt bereits für die ersten Ländernummern über die USA und die eben gegründete BRD (Herbst 1949 mit Beiträgen von Wolfgang Borchert, Wolfdietrich Schnurre, Eugen Kogon und anderen). Dreißig Jahre später folgte eine weitere Deutschland-Nummer (Autoren: Peter Brückner, Dirk Ipsen, Klaus Wagenbach, Sebastian Cobler und andere).
Das durch solide Arbeit und radikales Nachdenken, nicht durch modische Anpassung erreichte weltweite Renommee der Zeitschrift stand in keinem Verhältnis zur Höhe der Auflage. Diese lag nie über 10 000 Exemplaren und dürfte momentan bei 4000 liegen. Die eben publizierte Jubiläumsnummer schlägt einen Bogen von Jacques Derrida, der philosophisch und politisch zu Sartre wie zur Zeitschrift immer Distanz hielt, bis zu Interviews mit Francis Jeanson, der in der Kampagne gegen den Algerien-Krieg eine wichtige Rolle spielte, und Lionel Jospin, dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten, der die Zeitschrift als Student las, aber seither wohl nicht mehr. Der schönste Beitrag mit dem Titel »Jeder Feind Sartres ist ein Hund« stammt vom Mitglied der Académie Française und »Le Monde«-Kolumnisten Bertrand Poirot-Delpech. Er zeigt nochmals, zu welcher Niedertracht gegen Sartre die »leitartikelnde Bourgeoisie« von den vierziger bis in die siebziger Jahre fähig war, und erinnert an seine eigenen Motive, als Student »Les Temps modernes« zu lesen: »Weil ein frischer Wind durch die Seiten pfiff«, weil es dort keine »unter dem Staub der Höflichkeiten der alten Zeitschriften begrabenen Feingeister« mehr gab.
6 Mai ’68 in Frankreich
Von gescheiterten Revolten und Aufständen bleibt in der Regel nichts übrig als fortschreitend verblassende Erinnerungen – im Ausnahmefall heroisierende Legenden. Die fünf toten Studenten vom Mai ’68 sind in Frankreich längst so vergessen wie die mehreren hundert in Mexiko. Gedenksteine und Denkmäler für diese Opfer liegen nirgends drin. Die Niederlage der Protestbewegung (»contestation«) war umfassend – in Frankreich und weltweit.
Trotzdem ist von der Studentenbewegung dauerhaft mehr übrig geblieben als verblassende Erinnerungen. Das ist am überzeugendsten daran abzulesen, mit welcher Verbissenheit bis heute fast jedes gesellschaftliche Defizit von der Jugendkriminalität bis zur sinkenden Geburtenrate als direkte oder indirekte Folge des Antiautoritarismus, Hedonismus oder Antiinstitutionalismus von ’68 »erklärt« wird. Als in der ex-DDR und im Westteil des Landes die Wohnungen von Ausländern brannten, sah ein westdeutscher Professor darin – fast schon gewohnheitsmäßig – eine Spätfolge der Studentenbewegung: Insbesondere der später selbst kravattierte Teil der 68er halluziniert mittlerweile tote Ausländer als »logische« Quittung für die damals erworbene Distanz zu Nationen und nationalem Klimbim.
Kein Ressentiment ist zu bieder und kein Räsonnement zu platt, um nicht auf diese oder jene Weise mit der 68er Bewegung verbunden zu werden. 68er für irgendetwas zu denunzieren, ist zum Gesellschaftsspiel geworden: Der eine erklärt Ernst Jünger zum Hauspoeten der 68er, und für den anderen sind diese die Erfinder des schlechten Geschmacks.
Das Jubiläumsjahr hat den Markt für solche Spielchen belebt. Eine Kritik dieser Unternehmen lohnt sich nicht. Hier soll deshalb versucht werden – gegen die verblassenden Erinnerungen – darzustellen, wie es historisch (ungefähr) gewesen ist im Mai ’68 in Frankreich.
In seinem berühmten Artikel vom 15. März 1968 beklagte der Journalist Pierre Viansson-Ponté, dass »sich Frankreich langweile«. In der langen Liste von Indizien für diese Prognose steht auch ein Vergleich französischer mit den Studenten anderswo: Weltweit prügelten sie sich mit der Polizei, während es den Studenten in Nanterre und Nantes noch um den unbehinderten wechselseitigen Zugang zu den nach Geschlechtern getrennten Wohnheimen ging. Die Staatsmacht verteidigte die Bevormundung mit dem angeblich von den Eltern an sie delegierten Erziehungsauftrag, wonach »wir« – Alain Peyrefitte als Erziehungsminister – »nicht erlauben können, dass sich minderjährige Mädchen zu den Jungen begeben oder diese empfangen«. Genau bis ’68 mochte man den Staat in solcher Pose.
Die Sache mit der Langeweile war übertrieben: Es gab auch in Frankreich Proteste gegen den Vietnamkrieg und bereits am 17. Mai 1967 einen Generalstreik gegen ein Vorhaben, mit dem sich die Regierung die Sondervollmacht aneignete, Gesetze auf dem Weg der bloßen Verordnung – also am Parlament vorbei – zu erlassen. Für die älteren unter den herausragenden Figuren in der Studentenbewegung waren es im Übrigen der Algerienkrieg und die Proteste dagegen, in denen sie als Mitglieder von politischen und gewerkschaftlichen Organisationen politisiert wurden und nicht erst im Mai ’68. Das gilt für Alain Geismar, Jacques Sauvageot, Alain Krivine, Jean-Louis Péninou und Marc Kravetz (»Der Algerienkrieg ist schlicht das Ereignis, das den französischen Bruch am klarsten markiert ... Es ist das Ende dieser großen kolonialen Epoche, die nie großartig gewesen ist«).
Der Mai ’68 kam also nicht aus heiterem Himmel. Das trifft insbesondere für dessen intellektuelle Ausstattung und politische Orientierung zu. Die Studentenbewegung hat ihre politischen Wurzeln in kleinen Gruppen von »Neuen Linken«, die sich um vier Zeitschriften mit Auflagen um je 4000 Exemplaren herum gruppierten. Diese kleine, aber intellektuell fruchtbare »Neue Linke« stand in einer doppelten Frontstellung: gegen den Stalinismus und den bürokratisierten Staatssozialismus und gegen den Kapitalismus und die Einreihung Frankreichs hinter die westliche Supermacht: »Es stimmt nicht, dass die Politik der Blöcke der einzige Weg ist, den man den Menschen zeigen kann« – so ein Aufruf des »Rassemblement démocratique révolutionnaire« von Jean-Paul Sartre und David Rousset 1948. Die antistalinistische »Neue Linke« formierte sich in Frankreich bereits Ende der 40er Jahre um die Zeitschriften »Les Temps modernes« (seit 1945) und »Socialisme ou Barbarie« (1949-66), später auch »Arguments« (1956-1962) und »Internationale Situationniste« (1958-1969).
Der Einfluss der maßgeblich von Jean-Paul Sartre bestimmten »Les Temps modernes« auf die französischen Intellektuellen kann – trotz aller politischen Wendemanöver Sartres – überhaupt nicht überschätzt werden. Das gilt für die Literatur ebenso wie für Philosophie und Politik. Mit Cornelius Castoriadis und Claude Lefort sammelten sich um die Zeitschrift »Socialisme ou Barbarie« Trotzkisten unterschiedlicher Richtung. Ihre Kritik war nach eigener Terminologie »radikale Systemkritik« und umfasste nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern alle gesellschaftlichen Verhältnisse vom Alltag über die Erziehung bis zur Familie und zur Sexualität. Politisch verstanden sie sich als libertär, antistalinistisch, bürokratiekritisch und antikapitalistisch sowieso. Castoriadis kritisierte die Marxsche Perspektive, wonach es darum gehe, die Spaltung zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zu überwinden. Er rückte Probleme der ungleichen Verteilung in den Hintergrund und die Frage der »Entfremdung« zwischen »Führenden und Ausführenden« in den Vordergrund. Die daraus abgeleitete Idee »der Arbeitermacht« (»gestion ouvrière«) kriegte im Mai ’68 unter den Bezeichnungen »autogestion« / »Arbeiterselbstverwaltung« und »émancipation« / »Befreiung« einen ungeheuren Schwung durch die kurzfristige Koalition von Studentenund Arbeiterbewegung. Die KPF und der kommunistische Gewerkschaftsverband CGT wurden von der Wucht der in den Betrieben bei Streiks, Demonstrationen und Besetzungen zündenden Idee überrollt.
In der Zeitschrift »Arguments« (1956-1962) entfalteten Intellektuelle verschiedener Herkunft – darunter Edgar Morin, Henri Lefebvre, Dionys Mascolo, Alain Touraine – ihre Ideen für einen freiheitlichen Sozialismus. Sie grenzten sich dabei explizit von Parteipolitik ab und bezogen sich theoretisch auf die damals eben entdeckten Marxschen Frühschriften.
Einige eher schwache Anregungen bezog die Bewegung vom Mai ’68 aus der »Internationale Situationniste« (1958-1969) und ihren Autoren Guy Debord, Raoul Vaneigem, René Vienet, Jean-Pierre Voyer. Debord definierte sich schon Ende der 50er Jahr als »Berufsrevolutionär in der Kultur« und stellte programmatisch fest: »Es geht darum, uns selbst zu produzieren und nicht Dinge, die uns zu Knechten machen«. Bis in einzelne Aktionen und Provokationen hinein orientierten sich die Protagonisten des Mai ’68 an den spielerischen Formen, mit denen die Situationisten ihre Vorstellungen vom »anderen Leben« seit den 60er Jahren propagierten und die Trennung von Arbeit, Freizeit und Kultur als dekadent kritisierten.
Alles, was im Mai ’68 an Ideen, Projekten, Forderungen und Protestformen eruptiv an die Oberfläche drängte, wurde in diesen Zeitschriften konzipiert und vorgedacht. Das Verdienst der verschiedenen Flügel, Gruppen und Organisationen der französischen Protestbewegung war es, diesen Vorrat an Konzepten und Ideen auf phantasievolle Weise gebündelt und kurzfristig zu einer politischen Bewegung formiert zu haben.
Staatspräsident De Gaulle schloss seine Neujahrsansprache in der Silvesternacht vom 31.12.1967 mit dem Satz: »Ich grüße das Jahr 1968 in gelassener Zuversicht«. Diese sollte ihm ziemlich bald abhanden kommen. An den französischen Universitäten, insbesondere an der 1964 in einem Industriegebiet als Wissensfabrik hochgezogenen Fakultät für Sprach- und Sozialwissenschaften in Nanterre bei Paris, brodelte es schon länger – und nicht nur wegen der nach Geschlechtern getrennten Wohnheime. Zwischen 1960 und 1968 hatten sich die Studentenzahlen national fast verdreifacht, in Nanterre versechsfacht, aber die Zahl der Lehrenden hinkte drastisch hinterher. Obendrein floss (und fließt bis heute!) ein überproportional großer Anteil der Ausgaben für das höhere Bildungswesen in eine Handvoll Pariser Eliteeinrichtungen, während der Rest der Institutionen leer ausging, sich aber gleichzeitig mit den Studenten der Baby-Boom-Generation förmlich auffüllte. »Gelöst« wurde das damit verbundene Kapazitätsproblem durch »das Hinausprüfen« von bis zu drei Vierteln der Studenten. Zum Tropfen, der das Fass überlaufen ließ, geriet die Ankündigung einer technokratischen Hochschulreform, mit der die Universitäten näher an die Bedürfnisse der Wirtschaft angebunden werden sollten. Die Studenten begannen sich zu wehren und besetzten am 22. März das Verwaltungsgebäude der Fakultät in Nanterre.
Die Behörden reagierten mit Polizei und Strafverfahren, was die bislang unabhängig voneinander operierenden, kleinen politischen Gruppen und Grüppchen von Kommunisten, Maoisten, Anarchisten, Libertären, Sozialisten und Trotzkisten zu einem Aktionsbündnis zusammentrieb, das sich – in Anlehnung an Fidel Castros »Bewegung des 26. Juni« (1953) – den Namen »Bewegung des 22. März« gab. Als die Studenten die Räume der Fakultät für ihre Diskussionen über alle brisanten Fragen vom Vietnamkrieg bis zur Hochschulreform beanspruchten, schloss der Dekan kurzerhand die Institution. Das rüde Vorgehen der Universität gegen Rädelsführer mobilisierte ebenso Studenten außerhalb der politischen Gruppen wie das Gerücht über »schwarze Listen« mit den Namen von Relegationskandidaten. Bereits am 27.4.1968 wurde Dany Cohn-Bendit zusammen mit anderen verhaftet. Sie mussten vor dem Disziplinarrat der Sorbonne erscheinen, was den Schwerpunkt der Bewegung und der Demonstrationen vom Stadtrand mitten nach Paris verlagerte.
Während die Studenten am 3. Mai im Innenhof der Sorbonne debattierten, holte der Rektor die Polizei. Diese benützte den friedlichen Abzug der Studenten zur Verhaftung von weiteren Aktivisten und schlug erstmals brutal zu: 574 wurden festgenommen, zwölf Studenten in einem Eilverfahren verurteilt, vier davon sofort eingesperrt. Damit begann die heiße Phase des Pariser Mai, an dessen erstem Höhepunkt in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai im Quartier Latin ein riesiges Straßenfest stattfand, bei dem symbolisch auch Dutzende von Barrikaden errichtet wurden. Zwei Stunden nach Mitternacht entschloss sich die völlig konfuse Polizeiführung zur Räumung der Barrikaden und des Quartiers, wobei sich die Schlägertrupps der CRS (Compagnies républicaines de sécurité) besonders hervortaten.
Das verschaffte der Studentenbewegung viele Sympathien bei der Bevölkerung und obendrein die politische Anerkennung durch die Gewerkschaften und die politische Opposition. Während die KPF und die CGT die Protestbewegung noch eine Woche zuvor als »pseudorevolutionär« niedergemacht hatten, organisierten sie nun gemeinsam mit dieser einen Generalstreik unter dem Motto: »Schluss mit der Repression: Freiheit, Gleichheit. Es lebe die Einheit der Arbeiter und der Studenten«. Am 13. Mai, genau zehn Jahre nach dem Putschversuch der Generäle gegen die IV. Republik, demonstrierten in Paris über eine Million Menschen. Am Tag danach setzte sich der Streik spontan fort in Form von Protestdemonstrationen und Betriebsbesetzungen im ganzen Land. Innerhalb einer Woche war das Land völlig lahmgelegt. Ohne dass die Gewerkschaftszentralen dazu beigetragen hatten, streikten am 22. Mai etwa 7 Millionen Arbeiter und Angestellte mit der Forderung nach »autogestion« / »Arbeiterselbstverwaltung«.
Die Regierung und die Arbeitgeber gaben nach und waren zu Verhandlungen bereit. Dabei ging es der kommunistischen CGT wie der gaullistischen Regierung und dem Patronat freilich nicht um »Arbeiterselbstverwaltung« und andere politische Zielvorstellungen, sondern um Tarifpolitik, d. h. um den Mindestlohn und Lohnerhöhungen. Die streikenden Arbeiter machten der Regierung und der Gewerkschaftsführung einen Strich durch die Rechnung, als sie die von oben vorgesehenen Kompromisse ablehnten und weiterstreikten.
Staatspräsident Charles De Gaulle kündigte am 24.5. ein Referendum über sein Konzept der »Partizipation« an – das galt jedoch nicht mehr als »ein Zauberwort« und war ungeeignet dafür, »eine Feuersbrunst zu löschen« (Le Monde 23.5.68). Weder die Protestbewegung noch die politische Opposition waren in der Lage, dem Land eine politische Alternative anzubieten. Der Radikale Pierre Mendès-France, der Kommunist Waldeck-Rochet und der Sozialist Mitterrand verloren sich in taktischen Spielchen und Finessen, während die Protestbewegung über Nacht viel von ihrem Rückhalt in der Bevölkerung verspielte, als sie am 24. Mai eine zweite »Nacht der Barrikaden« inszenierte, in der u. a. die Börse angezündet wurde.
Was General de Gaulle am 29.5. bewog, mit seiner Familie, reichlich Schmuck und viel Gepäck überstürzt für eine gute Stunde nach Baden-Baden zum Haudegen des Algerienkriegs – General Jacques Massu – zu fliehen, ist bislang nicht aufgeklärt worden. Auf jeden Fall hat er mit seiner Radioansprache vom 30.5. und der Ankündigung von Neuwahlen für den 23. und 30. Juni das Steuer in letzter Minute an sich gerissen. Er drohte mit dem Notstand, verlangte eine »action civique« und setzte mit dem damals üblichen Pathos auf die Trumpfkarte »Antikommunismus«: »Frankreich ist tatsächlich von einer Diktatur bedroht. Man will es (Frankreich) zwingen, sich einer Macht zu ergeben, die sich als diejenige der nationalen Selbstaufgabe herausstellen würde, einer Macht, die obendrein diejenige des eigentlichen Siegers wäre, d. h. diejenige des totalitären Kommunismus«. Mit dieser durch keine Realitäten gedeckten Formel traf de Gaulle die Stimmung der dumpfen Mehrheit. Noch am gleichen Tag marschierten die hauptstädtischen Chauvinisten zu Hunderttausenden auf die Champs-Elysées und skandierten jetzt im Klartext, was ihnen der General übers Radio nur angedeutet hatte: »Frankreich den Franzosen! Cohn-Bendit nach Dachau!«
Die Juni-Wahlen wurden vollends zum Heimspiel der gaullistischen Partei der Ordnung, nachdem die Polizei Betriebsbesetzungen mit Gewalt beendet und der Premierminister Pompidou sechs linke politische Gruppierungen einfach verboten hatte. Die Ordnung marschierte. Obwohl die Rechte nur rund eine Million mehr Stimmen gewann als die Linke, erzielte sie dank des Mehrheitswahlrechts und der Uneinigkeit der Oppositionsparteien einen überwältigenden Sieg und gewann 358 von 485 Sitzen in der Nationalversammlung.
Die französische Protestbewegung wuchs schneller und zerbröselte schneller als alle anderen. Als Bewegung ist sie Geschichte. Was sie in den Köpfen und Herzen vieler bewegt hat, wies von Anfang an und notwendigerweise in viele Richtungen – politisch wie gesellschaftlich. Intellektuelle Redlichkeit gebietet es festzuhalten, dass es – in Frankreich noch eindeutiger als anderswo – zu eben dieser Vieldeutigkeit gehört, dass viele 68er nicht wegen ’68, sondern trotz ’68 dorthin gelangten, wo sie sich heute politisch und gesellschaftlich bewegen, sofern sie nicht – längst harm- und stachellos geworden – nur noch sitzen.
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