Read the book: «Es war ein Traum. Berliner Novellen»
Rudolf Stratz
Es war ein Traum
Berliner Novellen
Saga
Es war ein Traum. Berliner Novellen
© 1903 Rudolf Stratz
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711507025
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Es war ein Traum
I
Doktor Siegfried Elkan sass an seinem Schreibtisch und arbeitete am Schluss seiner Universitätsvorlesung für das nächste Kolleg:
„Wie auf allen streitigen Grenzgebieten der Wissenschaften, finden wir auch auf unserem Ackerfeld zwischen Medizin und Philosophie lockende Spekulationen in Menge, wie die Dinge sein könnten oder sein sollten. Allein wir müssen auch hier auf dem Boden der Tatsachen bleiben und wissen: das Gesetz der Natur ist unabänderlich. Was sie vereinigt, werden wir nie trennen. Was sie scheidet, kann all unser Wunsch und Weisheit nicht verbinden ...“
Er liebte diese stillen Nachmittagsstunden, wenn von unten nur gedämpft der Lärm des winterlichen Berliner Strassenlebens herausscholl und sonst sich nichts in seiner Junggesellenwohnung rührte. Umsomehr störte ihn der Wortwechsel, der sich im Flur entsponnen hatte. Er unterschied das Flüstern seiner Wirtschafterin und eine gleichfalls gedämpfte Männerstimme, die in ostpreussischer Mundart sprach. Dann trat die Hüterin seines Hauses ein, schuldbewusst — denn sie durfte eigentlich um diese Zeit nicht stören — und meldete: „Herr Doktor! Es ist ein Dragoner draussen!“
Siegfried Elkan schob erstaunt den Zwicker zurecht. „Ein Dragoner? Was will er denn?“
„Er sucht einen Arzt. Es sei eilig. Er sei schon umsonst in der ganzen Nachbarschaft herumgelaufen. Alles weg!“
„Also lassen Sie ihn hereinkommen!“
Als der Dragoner sporenklirrend eintrat, erhob sich der junge Gelehrte und sah ihn unsicher an. Seine militärischen Kenntnisse waren, da er nie gedient hatte, gleich Null. Er hielt den hübschen Menschen mit dem aufgedrehten Schnurrbart für einen Offizier. Aber da schlug jener stramm stehend die Hacken zusammen. Es war also doch ein Gemeiner.
„Ich soll einen Arzt holen!“ meldete er laut und bestimmt.
„Ja, mein Lieber!“ sagte Siegfried Elkan. „Ich bin allerdings auch Doktor der Medizin. Aber ich praktiziere nicht. Ich bin Privatdozent der Physiologie an der Berliner Universität.“
Das verstand der Dragoner natürlich nicht, sondern wiederholte: „Ich soll nur rasch den nächsten Arzt holen!“
„Ist denn ein Unglück passiert?“
„Das Fräulein ist in der Reitbahn vom Pferd gefallen und eben in der Droschke nach Hause gekommen. Die rechte Hand tut ihr so weh.“
„Und Sie haben nirgends einen Doktor auftreiben können?“
„Nein.“
„Na — dann kommen Sie in Gottes Namen!“
Der Bursche war misstrauisch geworden. Er zögerte. „Aber Sie sind doch ein richtiger Doktor?“
Siegfried Elkan, der seinen Radmantel umhing, lachte. „Zur ersten Hilfe reicht es noch. Ist es weit?“
„Gerade um die Ecke, in der Lützowstrasse.“
Das Haus in der Lützowstrasse, das sie nach zwei Minuten betraten, öffnete seine Türe auf einen Klingelzug von selbst. Es war also nicht eigentlich „herrschaftlich“. Der Pförtner fehlte. Und mehr noch: Sie stiegen im Innern nicht die auch schon ziemlich einfache Vordertreppe hinauf, sondern gingen über den Hof in eines jener Hinterhäuser, die man aus Höflichkeit „Gartenwohnung“ nennt, da zwei Stiegen empor zu einem Porzellanschild, auf dem „von Lützelhardt“ stand.
Als der Dragoner öffnete, rief von innen eine Mädchenstimme: „Sind Sie’s, Abrameit?“
„Zu Befehl, gnädiges Fräulein. Ich habe den Herrn Doktor mitgebracht!“
„Gott sei Dank! Ach, bitte — kommen Sie doch herein, Herr Doktor! Ich fürchte so: Mein Handgelenk ist entzwei!“
Er gab seinen Mantel dem Burschen. „Nur Mut! Es wird schon nicht so schlimm sein!“
„Doch! Es tut infam weh! Wir haben uns nach allen Regeln der Kunst überschlagen; der Gaul wurde scheu und ging einfach hoch — über die Bandentüre ... o ... mir brummt noch der ganze Schädel!“
Während sie das erzählte, war er eingetreten. Sie stutzte bei seinem Anblick ein wenig und schaute ihn ebenso misstrauisch an wie vorher der Dragoner Abrameit. Er stellte sich vor: „Doktor Elkan! Gebrochen ist an Ihrem Arm nichts. Sonst würden Sie nicht so damit herumfuchteln. Aber nun setzen Sie sich bitte einmal und halten Sie still! Können Sie den Ärmel noch höher aufstreisen? Bis zum Ellbogen — so.“
Ohne sie näher anzusehen, nahm er neben ihr Platz und vertiefte sich in die Untersuchung. Er drehte die magere, nicht übermässig zarte Hand nach verschiedenen Richtungen, drückte und tastete. Eine Weile war sie stumm. Dann zuckte sie zusammen: „Au! — o Gott!“ und entschuldigte sich gleich darauf. „Ich bin ganz nervös ... von dem Schrecken vorhin ...“
Er hielt den Blick auf das gerötete Handgelenk gerichtet. „Sie haben Courage genug. Andere hätten schon lange geschrien.“
„Nein — so bin ich gar nicht!“ sagte sie trotzig, biss die Lippen zusammen und rührte sich nicht mehr, bis er zu Ende war und ihr sein Gesicht zuwandte. „Also: Es ist nichts entzwei! Nur eine leichte Sehnenzerrung. Ich lege Ihnen den Arm in eine Schlinge. Es ist bald wieder gut!“
„Na, schön!“ sagte sie mit einem Seufzer der Erleichterung. „Da hab’ ich wieder einmal mehr Glück als sonst was gehabt. So geht’s mir meistens.“ Sie stand auf, die rechte Hand wie ein Kind auf dem linken Arm wiegend. „Was brauchen Sie jetzt, Herr Doktor? Tücher?“
„Ja — wenn ich bitten darf!“
Sie lief ins Nebenzimmer und kam mit einem Pack Weisszeug zurück. Und zum ersten Male merkte er jetzt, wo die ärztliche Pflicht getan, wie hübsch sie war.
Sie hatte etwas Knabenhaftes. Nicht nur in der Gestalt, die schlank und dünn wie eine Gerte war, sondern auch im Antlitz. Das war keck und sorglos, mit krausen Haarbüscheln um Stirn und Ohren. Und irgend eine anziehende Unregelmässigkeit darin. Er konnte nicht gleich erkennen, was.
Sie begegnete seinem Blick und lachte. „Ja — Sie als Arzt sehen mir natürlich an, dass das nicht das erste Mal ist. Vor einem Jahr habe ich mir glücklich das Nasenbein ein bisschen gebrochen. Aber man sieht es doch kaum mehr — nicht wahr?“
„Es steht Ihnen ganz gut!“ sagte er, und nicht nur aus Höflichkeit. Diese kaum merkbare Verschiebung der Linie zwischen den Augen gab ihrem schmalen, lebenslustigen Gesichtchen einen fremdartigen Zug. Es kam etwas von einer Zigeunerin dabei heraus.
Während er ihr den Verband anlegte, sprachen sie nichts, und Siegfried Elkan frug sich im stillen: Merkwürdig, dass sie so allein in der Wohnung ist!
Sie erriet seine Gedanken halb und halb. „So — danke!“ nickte sie und schaukelte prüfend den Arm in der Schlinge. „Jetzt bin ich gespannt auf die Schelte, die mir bevorstehen. Erst, wenn mein Vater nach Hause kommt — das geht noch! Dann, wenn mein Vetter kommt — das wird gut! Na — ich setze mich an den Tisch und halte mir die Ohren zu und pfeife — ja so — das kann ich ja nicht — ich bin ja Invalide.“
Sie lachte wieder sorglos und warf einen Blick auf das Notizbuch, das er herausgezogen. „Was wollen Sie denn noch wissen, Herr Doktor?“
„Nur Ihren Namen — wenn ich bitten darf.“
„Ich heisse Yella — ach so, Papas Namen meinen Sie natürlich: Major a. D. Freiherr von Lützelhardt.“
„Papa ist jetzt für die Marine tätig,“ fuhr sie fort und wies auf die Wände des einfach und geschmacklos in abgeblasster Dutzendeleganz gehaltenen Zimmers, die statt der üblichen Stahlstiche und Photographien allerhand Tabellen und Längsdurchschnitte von Kriegsschiffen bedeckten. „Im Flottenverein! Sind Sie auch im Flottenverein?“
„Nein, gnädiges Fräulein!“ Siegfried Elkan beugte sich vor und ordnete einen Knoten an der Schlinge noch fester an. Dabei umwehte ihn ein ganz feiner, kaum merklicher Stallgeruch und er dachte sich: die ist wirklich wie ein hübscher kleiner Stalljunge. Viel mehr Kind als Weib, trotz ihrer zwanzig Jahre!
„Gehört denn dieses tückische Pferd Ihnen?“ frug er.
Das stimmte Yella heiter. Er hatte das so rührend naiv gesagt. „O Gott — ich und ein Vollbluthengst! Fragen Sie doch lieber gleich, ob ich nicht Rothschild zum Onkel habe! Nein — mein Vetter Diether hier auf der Kriegsakademie — der, dessen Bursche sie eben holte — also der hat einen Freund, der eben in Indien ist — ein Jahr à la suite des Regiments. Auf dem seine Pferde passt Diether auf und ich reite sie heimlich, wenn er es nicht merkt!“
„Aber heute kommt der Unfug zu Tag?“ Er stand mit ernster Miene auf.
„Ja. Na — wenn schon! Aber sagen Sie, Herr Doktor: Ist bis übermorgen der Arm gesund?“
„Hoffentlich. Warum?“
„Am dreiundzwanzigsten Dezember ist immer ein kleines Fest bei uns. Es ist der Jahrestag, an dem Papa sein eisernes Kreuz erster Klasse erworben hat — der Tag der Schlacht an der Hallue — Sie wissen ...“
Siegfried Elkan hatte keine Ahnung, dass man sich 1870/71 auch an der Hallue geschlagen. Aber er nickte und sagte: „O — freilich.“
Dabei nahm er seinen Hut. „Ich werde Nachmittags noch einmal herankommen. Also auf Wiedersehen!“
„Dank’ schön!“ Sie begleitete ihn bis zur Flurtüre und schüttelte ihm mit ihrer Linken derb und unbefangen die Hand. „Ein Glück, dass der Abrameit Sie gerade zu Hause getroffen hat. Sonst säss’ ich noch so da, wie ich vom Pferde geplumpst bin. Eigentlich eine Schande! Man sitzt eben so unsicher! Ich kann auch als Junge reiten. Aber das schickt sich ja nicht. Nun will ich Sie aber nicht aufhalten, damit Sie auch zu Ihren anderen Patienten kommen!“
„Ich habe keine, mein Fräulein!“ sagte Siegfried Elkan. „Ich bin allerdings auch Doktor der Medizin, aber in erster Linie Doktor der Philosophie ...“
„Beides?“
Er bejahte.
„Aber das muss ja fürchterlich sein!“ Sie griff sich an den Kopf. „Mir wird schon seekrank bei dem blossen Gedanken!“
„Sind Sie denn schon einmal zur See gefahren?“
„Einmal zu Pfingsten — nach Rügen. Sie auch?“
Siegfried Elkan hing sich den Mantel um. „Ich bin schon rund um die Erde gesegelt, gnädiges Fräulein!“
Sie schaute ihn andächtig an und sagte: „Schrecklich! Wohl als Schiffsarzt?“
„Warum meinen Sie das?“
„Na — weil’s dann nichts kostet!“
Er lachte. „Ich habe die Kosten noch aufgetrieben! Hier als Privatdozent spinne ich ja auch keine Seide ...“
„Was lehren Sie denn da?“
„Ich lese zur Zeit über physiologische Psychologie!“
„Sie Ärmster! Ich hab’s mir aber gleich gedacht, wie der Abrameit Sie hereinbrachte: Das ist gar kein richtiger Doktor!“
„Na, na!“ sagte Siegfried Elkan gutmütig.
Sie wurde ein bisschen rot und sah sehr hübsch aus. „Ich meine natürlich: viel mehr wie ein richtiger Doktor! Etwas Höheres! Wissen Sie: An mein Geschwurbel müssen Sie sich schon gewöhnen! Wenn man so den ganzen Tag mit meinem Vetter und den Leutnants herumläuft und in der Reitbahn herumsteht — viel schlauer wird man davon nicht! Also nochmals schönen Dank!“
„Auf heute nachmittag!“ wiederholte Siegfried Elkan, grüsste die kleine Turfzigeunerin und stieg die Treppe hinab.
Unterwegs hörte er von unten her Sporenklirren. Ein Dragonerleutnant eilte, zwei Stufen auf einmal nehmend, das Stiegenhaus herauf. Es war ein hübscher, blonder Mensch mit offenen Zügen, aber finster und verdriesslich aussehend, einen erloschenen und wie im Zorn zerkauten Zigarettenstummel schief im Mundwinkel. Im Vorübergehen warf er dem jungen jüdischen Gelehrten einen scharfen, nicht sehr verbindlichen Blick zu.
Das war wohl der mehrgenannte Vetter Diether.
Siegfried Elkan trat langsam auf die Strasse. Er ärgerte sich über diesen Dragonerleutnant und wusste selbst nicht, warum.
II
Der junge Offizier zog inzwischen oben energisch die Klingel, schob seinen öffnenden Burschen Abrameit, der in seinen Mussestunden als Mädchen für alles in der Lützelhardtschen Wohnung tätig war, zur Seite und trat ohne weiteres in das mit den Schiffstabellen und Fregattendurchschnitten geschmückte Wohnzimmer. Yella erwartete ihn dort, trotzig und kampflustig wie ein verwundeter Soldat, das weisse Dreieck der Armbinde scharf von dem Schwarz des Reitkleides abgehoben, das knapp ihre gertenschlanke, schmalschulterige und schmalhüftige Gestalt umschloss.
„Guten Tag!“
„...’ Tag, Dietherchen!“
„Was war denn das für ein Kerl, der da eben von dir wegging?“
„Der Doktor!“
„Was sagt er?“
Sie machte eine geringschätzige Bewegung mit der gesunden Hand. „Pah! Kleiner Rumpler! Einfach lachbar! Übermorgen kork’ ich selbst beim Fest den Mathäus Müller auf!“
„Also nichts kaput?“
„Nee, Diether — Unkraut verdirbt nicht!“
Daraufhin wendete sich der Dragonerleutnant ab und rief mit schallender Stimme: „Abrameit!“ Und als der Bursche vor ihm stand, fuhr er fort: „Abrameit! Wenn das gnädige Fräulein wieder einmal mit dem Pferd Malheur hat, so bringst du einen christlichen Arzt ins Haus. Einen Mann mit blonden Haaren. Einen Militärarzt. Verstanden, alter Freund? Rede nicht! Ab!“
Abrameit machte Kehrt und dachte sich sein Teil. Als er fort war, sagte Yella: „Was hast du denn gegen den Doktor?“
„Ich habe gar nichts gegen ihn. Ich kenne ihn ja gar nicht. Ich mag bloss diese Leute nicht. Es ist mir ein unangenehmer Gedanke, dass so jemand sich an deiner Person zu schaffen macht!“
„So? Nun — er hat mich so zart angefasst — so sanft ...“
„Ach, wirklich?“ sagte der Dragoner höhnisch. Er war in sehr schlechter Laune. Das trat umsomehr hervor, als sein an sich gutmütiges, sommersprossiges Gesicht dadurch einen düsteren Ausdruck trug, dass der rechte Augapfel mit einer Anzahl kleiner roter Pünktchen durchsetzt war — die Folge eines Sturzes auf der Rennbahn und ein Gegenstück zu Yellas kaum merklich zwischen den Augen verschobener Gesichtslinie. Die beiden sahen sich ähnlich.
Sie wurde trotzig. „Heute nachmittag kommt er wieder! Er ist eben anders wie ihr! Du machst in fünf Minuten mit deinem Säbel und deinem Geschimpfe auf den Dienst mehr Lärm als der in einem ganzen Jahr. Er hat so was Stilles — so was Wehleidiges — Liebes — und ein ganz, ganz bisschen Humor. Aber ich glaube: Er ist melancholisch von Natur!“
„Meinetwegen!“
„Er hat so grosse schwermütige Augen. Und auch wenn er lächelt — — Es ist alles so sein an ihm ... Eigentlich ist er ein ganz hübscher Mensch in seiner Art — nicht?“
„Ach — lass mich jetzt in Ruhe mit dem Kerl!“ Diether setzte sich ärgerlich hin.
„Er ist doch interessant! Leutnants habe ich schon massenhaft kennen gelernt, aber noch nie jemanden, der doppelter Doktor ist und rund um die Welt gesegelt. Auf eigene Kosten! Er muss viel Geld haben!“
„Ja — Geld!“ wiederholte Diether von Ottenhöfen düster.
Seine Base setzte sich ihm gegenüber an den Tisch, stützte den Kopf auf den Arm und wartete auf die Strafpredigt wegen des unbefugten Besteigens des Hengstes. Nach seinem Gesichtsausdruck konnte die Geschichte schön werden.
Na — wenn schon! Sie nahm nicht leicht etwas übel. Dem Vetter am wenigsten. Sie war ein guter Kamerad. Also los mit der Pauke! Alles auf Erden geht vorüber.
Aber zu ihrem masslosen Erstaunen sagte der Rennreiter ganz weich und ernst: „Kleine ... wenn du dir nun das Genick gebrochen hättest!“
„Was wäre denn das für ein Verlust?“
„Es wäre doch schade!“
„Pah! Lieber Gott ... Was hat man denn schliesslich vom Leben!“
„Du musst doch auch an die anderen denken!“
„Ihr seid auch ohne mich fidel! Ob ich da mitlaufe oder nicht! In einem Jahr sagt ihr höchstens einmal beim Hinausreiten nach dem Grunewald: ‚Schad’ um die kleine Lützelhardt! War doch ein tüchtiges Mädchen!‘ Und wenn dann die Hunde kommen und es bläst auf den Hörnern, dann bin ich schon wieder vergessen. O — ich kenn’ euch!“
„Aber ich, Yella! Wenn dir heute was passiert wäre — wenn du nicht mehr da wärst, machte mir das Leben auch keinen Spass mehr. Dann wollt’ ich auch, es wäre aus. Ich kann das nicht so recht sagen, aber ... na, du verstehst. Wir wissen’s ja beide: Es ist eben ein Elend, dass man kein Geld hat ...“
Dabei liess der Dragoner den Kopf auf die Brust sinken und schaute so hoffnungslos drein, dass es auch Yella ganz kläglich zu Mute wurde. Er war ganz anders wie sonst. Irgend etwas war passiert.
Sie ging zu ihm und tippte ihm auf die Schulter. „Du, Diether?“
„Ja?“ Er schaute gramvoll auf.
„Erzähl’ mal!“
„Soll ich wirklich?“
„Ja.“
„Es ist aber höllisch traurig.“
Um ihre Lippen zuckte es. „Ich kann mir’s auch schon denken!“
„So? Dann rat mal!“
„Du warst bei Onkel Ottenhöfen!“
„Ja! Vorhin! Seit drei Tagen wollt’ ich schon an die Geschichte ’ran. Ich halt’s nicht mehr aus — dies Lauern und Warten auf nichts und wieder nichts. Da dacht’ ich mir: Jetzt machst du ein Ende — so oder so — und ging hin. Zur Vorsicht frug ich noch die Pflegerin im Flur, wie’s Exzellenz ginge. Sie meinte: Na, so, so! Jedenfalls war er ausser Bett, sass im Lehnstuhl und quetschte sich Zitronensaft in ein Glas — gegen die Gicht ...“
„Na — und?“ drängte Yella. Sie war ganz blass geworden.
„Er begrüsst mich ganz freundlich und ich sage: Onkel, schon seit zwei Jahren wollen wir uns nun heiraten, die Yella und ich! Sie kennt mich und ich kenne sie, noch aus der Zeit, wie ich Kadett war und sie ein Hemdenmatz von vier Jahren. Da kauft man die Katze nicht im Sack, und wenn man die Yella ordentlich an der Kandare hält, wird es eine famose kleine Frau. Aber du weisst: Ich habe nichts und sie hat ein bisschen weniger. Du hast schon so vielen aus der Familie geholfen. Geh — gib uns doch auch das Kommissvermögen!“
„Und da hat er ‚Nein‘ gesagt!“ flüsterte Yella mit gepresster Stimme.
„Ich sage dir — er ist traurig geworden — so unglaublich traurig — der alte Mann! Erst hat er überhaupt nichts geantwortet, dann hat er den Kopf geschüttelt und gemeint: ‚Die kleine Lützelhardt ist ein Windhund, aber immerhin — Rasse bleibt Rasse — die macht sich schon!‘ — und endlich hat er meine Hand gefasst und mich geradezu um Verzeihung gebeten und gesagt: ‚Ich hab’s nicht mehr! Ich hätt’s euch schon lange gegeben — aber ich hab’s nicht mehr! Ich bin freilich ein alter Witwer und ein alter Soldat, der nicht viel braucht — aber ich kann doch nicht mit dem Leierkasten auf den Höfen stehen und mir mein Geld verdienen. Ein bisschen was muss ich doch für mich haben, wo ich alt und krank und allein bin. Drei aus der Familie hab’ ich bis jetzt schon ausgesteuert — die Sievekings und die beiden anderen Ottenhöfens — der Rest meines Geldes langt jetzt gerade noch für mich. Ich kann nicht, mein Sohn! Sag’s auch der kleinen Lützelhardt: ich kann nicht!‘ — Ich hab’ meinen Säbel umgeschnallt und bin still wieder weggegangen!“
„Ach — wenn der Onkel sich ein bisschen einschränken wollte! Er braucht doch nicht so viel! Dann ginge es schon!“
„Er lebt ja schon wie ein Spartaner! Vielleicht übertreibt er ja auch ein bisschen! Er ist ja schon sehr alt und ängstlich. Aber schliesslich ist es sein Geld! Wir können es ihm doch nicht mit Gewalt wegnehmen. Es ist einfach aus und keine Hoffnung mehr.“
Yella war noch nicht ganz entmutigt. „Wenn ich jetzt hingehe und ihn schön bitte? Ich falle vor ihm auf die Kniee, wenn es etwas hilft!“
„Es hilft aber nichts! Sogar wenn der Onkel mal stirbt, kriegen wir nichts. Dann erbt seine Schwester, der alte Drache aus dem Fräuleinstift, was dann noch übrig ist. Sie hat irgend ein Recht darauf. Er müsste schon bei Lebzeiten mit dem Segen herausrücken!“
„Und kann er es denn wirklich nicht?“
„Kennst du den alten Wendel — den Generalmajor?“
„Gesehen hab’ ich ihn einmal mit dem Onkel Ottenhöfen.“
„Na eben — die beiden sind dicke Freunde — schon von den Feldzügen her. Der alte Wendel sitzt nun auf seinem Gut, ist Witwer und mopst sich zum Steinerweichen. Der liegt dem Onkel ewig in den Ohren, er möchte doch zu ihm hinausziehen aufs Land, nach Vorderpommern. Dann mopsten sie sich zu zweit und lebten wie der Herrgott in Frankreich. Wenn der Onkel das annähme, dann würde er damit natürlich seine Finanzen so entlasten, dass er uns helfen könnte. Auf dem Gut braucht er ja fast nichts!“
„Aber warum geht er denn darauf nicht ein?“ frug Yella vorwurfsvoll.
„Gott — er ist eben lieber hier in Berlin. Es gefällt ihm hier besser. Er möchte seine Unabhängigkeit haben. Da ist nicht daran zu denken.“
„Ja — aber was tun wir jetzt, Diether?“
„Wir warten weiter.“
„Auf was denn?“
Der im blauen Rock lachte bitter. „Auf ein Wunder, Kleine! Anders werden wir beide auf dieser Welt nicht mehr Mann und Frau.“
Sie hatte sich abgewendet und schluckte und druckte, um ihre Tränen zurückzuhalten. Dann frug sie mühsam: „Wie ist’s denn mit dem Los?“
„Vorige Woche war die Ziehung in der letzten Klasse. Wieder nichts! Ich geb’s jetzt auf.“
Dieses Los der preussischen Staatslotterie spielten sie schon seit zwei Jahren, in der Hoffnung, durch einen Haupttreffer das Kommissvermögen zu gewinnen. Aber bisher war nur zweimal der Einsatz herausgekommen.
„Und die Lose in der Danziger Pferdelotterie?“ forschte sie weiter.
„Längst im Papierkorb. Den Viererzug werden wir nicht zu sehen bekommen!“
Und von diesem Viererzug hatten sie schon miteinander geträumt und wie man ihn vorteilhaft verkaufen würde, ihn mit aller List und Tücke einem Krösus aus dem Tiergartenviertel aufschwindeln, um wenigstens einen Grundstock zu dem nötigen Kapital zu gewinnen.
„Rings um einen wohnen die blödsinnig reichen Leute!“ sagte Yella weinerlich und verstört. „Und wir haben rein gar nichts! Ist das eine Gerechtigkeit?“
Der Dragoner zuckte stumm die Achseln. Sie schüttelte mit einem Ruck die Haare aus dem hübschen Gesicht. „Der Majoratsherr kümmert sich auch gar nicht mehr um mich! Der könnte doch wirklich auch was tun!“
„Euer Majoratsherr? Der ist doch krank! Der hamstert doch alle Einkünfte für seine Familie zusammen! Hat recht! Wenn er morgen stirbt, haben seine Frau und seine Töchter sonst kaum das trockene Brot!“
Sie gab das zu, mit einem verdüsterten Kindergesicht und feuchten Augen. „Ja. Es ist nichts und wird nichts!“
„Ja, hexe nur, Kleine!“ sagte Diether bitter. „Vorwärts: klatsch in die Hände — ja so — das kannst du ja nicht — und zaubere, ohne alle Apparate! Zaubere meine ganze Mütze da voll brauner Lappen! Sonst werden wir alt und grau und blödsinnig und haben nichts voneinander. Ja — heule nur! Ich heulte am liebsten mit!“
Die kleine Turfzigeunerin tat sich jetzt keinen Zwang mehr an. Sie weinte blindlings darauf los, immer energischer und leidenschaftlicher, und weinte sich schliesslich in eine wilde Wut hinein, in der sie ihr zusammengeknäultes Taschentuch zerbiss und stossweise aufschluchzte. Ihr Vetter stand inzwischen, ihr den Rücken drehend, am Fenster, warf den Säbelgriff von einer Hand in die andere und fluchte halblaut und verbissen vor sich hin, in einer Reihe immer wiederkehrender Aufforderungen an Himmel, Teufel und Donnerwetter, in dies vermaledeite Hundeleben hineinzuschlagen.
So trieben sie es eine Weile. Es war das gewöhnliche Ende, wenn die Rede auf die Kaution gekommen war, und tat ihnen wohl, so wenig es ihnen auch nützte. Zu guter Letzt wendete er sich, wieder gleichgültig dreinschauend, um: „Na — nun mach’ Schluss, du Tränensuse! Behalte noch was für morgen übrig! Da führen wir doch wieder dieselbe Komödie auf.“
Sie gehorchte, trocknete sich mit der gesunden Hand die Augen und seufzte tief. Sie taten einander sehr leid und sich selber noch mehr. Dann sagte sie getröstet: „Komm ins Gartenzimmer! Wir wollen Kaffee trinken.“
Das Gartenzimmer ging auf den Hof einer Gemeindeschule, in dem einige kümmerliche Bäume zwischen ihren himmelhohen steinernen Kerkerwänden nach Licht und Luft strebten. Der Nachmittagskaffee stand schon auf dem Tisch, daneben Yellas Leibgericht, westfälischer Pumpernickel mit Butter und Honig.
Heute war sie mit ihrem verbundenen Arm dieser Herrlichkeit gegenüber hilflos. Der Dragoner richtete ihr die Schnitten her. „Armes Dummchen!“ sagte er gutmütig. „Jetzt müssen wir dich auch noch päppeln!“ Und sie sperrte gehorsam den Mund auf und liess sich von ihm wie ein kleiner kranker Vogel füttern. Das machte beiden Spass. Sie wurden wieder guter Laune und er neckte sie, während sie kaute und ihr dabei immer noch einzelne Tränen als Nachzügler über die Wangen liefen: „Solch ein Dummchen! Fällt vom Pferde und tut sich weh! Na — warte nur! Jetzt kommt der Doktor und der Apotheker! Jetzt heisst’s blechen!“
Daran hatte sie noch nicht gedacht. Sie hörte mit dem Essen auf und machte erschrockene Augen. „Du — ob das sehr teuer wird — der Doktor?“
„Na natürlich!“ sagte der Dragoner. „Das ist doch einer von den Feinsten. Das sieht man doch. Abrameit hat gerade den Rechten geholt, der Esel!“
Yella schlug sich verzweifelt mit der Hand vor die Stirne. „O Gott — ich bin doch auch wirklich ein Schaf! Muss ich vom Pferd herunter plumpsen! Und so ungeschickt ...“
„Sei froh, dass das Pfötchen nicht ganz entzwei ist!“
„Ja — aber Papa hat doch jetzt eben wieder gar kein Geld. Ich weiss es. Die fünfzig Mark für das Fest übermorgen — die hat er schon lange zurückgelegt und in einem porzellanenen Glücksschweinchen hinterm Ofen aufgehoben. Wenn ich ihm nun noch mit einer Doktorrechnung komme ...“
„Dann zahlt sie eben nicht!“
„Das ist aber doch sehr unangenehm!“
Der Rennreiter stand auf. „Es ist vieles im Leben unangenehm. Das könnten wir beide wissen. Wenn du genug gefuttert hast, dann sag’s! Ich muss zur Akademie.“
Sie begleitete ihn in den Flur. Dort küssten sie sich — nur einmal, sehr ernst und einfach. Es war wie eine täglich vorgeschriebene Zeremonie, bei der man sich, nach ein paar Jahren, nicht jedesmal etwas Besonderes denkt. Dann schwiegen sie eine Weile und endlich sagte Yella: „Du — weisst du, wie der Doktor heisst?“
„Na?“
„Elkan! Toll — was?“
Aber der Leutnant war in seiner melancholischsten Stimmung. „Ich wollte, ich hiesse Elkan!“
„Nein!“ schrie sie empört.
„Doch! Dann hätt’ ich Geld! Adieu, Maus! Soll ich dich morgen zum Tattersall abholen?“
„Ja — jetzt kann ich aber doch nicht mitreiten?“
„Du stellst dich auf die Tribüne und schaust zu.“
„Das ist wahr! Also um zehn! Pfeife nur unten auf dem Hofe: ‚Das Ganze sammeln!‘ Dann komme ich ’runter!“
Diether von Ottenhöfen nickte und eilte sporenklirrend die Treppe hinab. Sie schaute ihm nach, solange sie ihn sehen konnte, und kehrte dann trübsinnig in die einsame Wohnung zurück.
III
Der frühe Winterabend dämmerte, als Doktor Siegfried Elkan wieder die Klingel an der Lützelhardtschen Wohnung zog und dabei sein Herz klopfen fühlte. Yella war, als er eintrat, immer noch allein. Den ganzen Nachmittag, seit Diethers Weggang, war nichts mehr passiert. Es war langweilig zum Sterben und sie freute sich, wieder ein menschliches Gesicht zu sehen. Es waren doch feine, kluge Züge, ernste Augen und dann dies halb melancholische, halb belustigte Lächeln. Dabei hatte sie immer die Empfindung: Der steht über deinem Kram hier. Der ist klüger als wir Lützelhardts und Ottenhöfens zusammen!
„Wie steht’s?“ frug er ohne weiteres.
„O — ’s geht ganz gut, Herr Doktor!“
„Keine Schmerzen?“
„Es piekt nur noch ein wenig. Das hat nichts auf sich!“ Sie wurde verlegen und stotterte dann rasch darauf los: „Ich habe Gewissensbisse, Sie eigentlich noch zu bemühen, Herr Doktor! Ihre Zeit ist doch natürlich so kostbar und die Dummheit mit dem Arm so unbedeutend ...“
„Aber behandelt muss sie werden!“
„Ja ... aber ... zum Beispiel — ich kenne einen Stabsarzt vom Regiment meines Vetters — der ist auch hierher abkommandiert — der kommt gleich, wenn ich ihn bitte.“
„Wie Sie wollen!“ sagte Siegfried Elkan kurz und stand auf.
Sie sah, dass sie ihn gekränkt hatte. „Jetzt habe ich natürlich wieder Unsinn geredet! So geht’s mir immer, wenn ich besonders schlau sein will! Dann verheddere ich mich heilig — es war ja nämlich gar nicht so gemeint.“
„Aber, liebes Fräulein, ich verstehe Sie sehr gut!“ sagte Siegfried Elkan. „Ich bin aus Kreisen, die den Ihrigen ferne stehen. Als Offizierstochter haben Sie mehr Zutrauen zu einem Militärarzt. Das ist menschlich!“
Sie wurde erregt. „Aber so ist’s ja doch nicht, Herr Doktor! Wahrhaftig nicht!“
„Was ist es denn dann nur?“
Auf diese Frage sah sie ihn von der Seite an. Ihr hübsches Gesicht wurde rot. Dann murmelte sie kleinlaut: „Sie sind so teuer!“
Jetzt musste er herzlich lachen. Sein Antlitz verschönte sich dabei und wurde viel jünger und frischer. „Ich bin gar nicht teuer! Im Gegenteil — ich bin umsonst!“ — „Ich bin doch sonst nicht praktischer Arzt!“ fuhr er fort, da sie ihn sehr ernst ansah und unschlüssig mit den Zähnen an der Unterlippe nagte. „Wenn ich zu einem Patienten gehe, tue ich es nur aus Gefälligkeit! Und nun zeigen Sie mal bitte den Arm her!“
„Wer hat Ihnen denn den Gedanken in den Kopf gesetzt, dass ich solch ein Blutsauger bin?“ frug er, während er den Verband abnahm.
„Mein Vetter.“
„Schon wieder der Dragoner?“
„Ja — immer der! Diether Ottenhöfen!“
„Na ...“ Weiter sagte Siegfried Elkan nichts. Man konnte allerlei aus dieser Silbe heraushören. Dann umwickelte er das immer noch geschwollene Handgelenk mit neuen Mullstreifen, zart wie eine Krankenwärterin, und frug dabei: „Steht ihr Vetter hier in Berlin?“
„Er ist auf der Akademie. Und dann ist er doch Rennreiter. Erinnern Sie sich denn nicht: Voriges Jahr hätte er doch beinahe in Hoppegarten die ‚Armee‘ gewonnen, wenn ihm nicht im Finish der Sattelgurt geplatzt wäre!“
„Natürlich erinnere ich mich!“ sagte Siegfried Elkan ernst. Er war kaum jemals in Hoppegarten gewesen und hatte keine Ahnung, was die „Armee“ war. „So! Jetzt legen wir den Arm wieder in die Invalidenschlinge! Aber warum warnt Sie denn dann der Herr Vetter vor meinen Brigantenrechnungen? Die jungen Herren, die in den Rennen mitreiten, sehen doch sonst nicht so ängstlich aufs Geld!“
„Er hat doch nichts. Genau so viel wie ich. Er kriegt die Zulage aus der Familienstiftung, die jeder Ottenhöfen kriegt, solange er Offizier ist; das sind noch nicht zwei Taler im Tag. Für den Rest muss er selber sorgen!“
„Wie denn? Das interessiert mich. Das ist mir eine ganz neue Welt. Also er gewinnt wohl Rennpreise?“
„Ja, Ehrenpreise! Das bare Geld steckt doch der Besitzer des Pferdes ein. Für solch einen silbernen Humpen riskiert er nun das Genick und ich zerquetsch’ mir auf der Tribüne beinahe die Hände vor Angst. Manche Herren gibt’s ja — die versetzen die Silbersachen noch am selben Abend unbesehen. Das hat er aber nie getan.“
„Nun — und dann wird wohl gewettet und auch ein bisschen gespielt?“
„Er wettet nicht und spielt nicht. Er sagt, das sei für einen armen Teufel auf dem Turf die einzige Möglichkeit, anständig durchzukommen. Aber im Pferdehandel — da ist er stark!“
„Aha!“
„O ja!“ sagte die Kleine stolz. „Er kauft Gäule — die reinen Verbrecher — und wenn er sie ein Vierteljahr geritten hat, kann sich jeder Stabsoffizier von der Infanterie draufsetzen. Und sie bleiben so! Es gibt nie Streit. Nur einmal: da fiel ein Major gerade bei der Bataillonsbesichtigung vom Pferd. Furchtbar — nicht?“
„Furchtbar.“
„Aber es war sein Glück. Denn der Kommandierende sagte: Das kann jedem einmal passieren! — und er behielt sein Bataillon. Den Gaul schickte er mit einem sackgroben Brief an den armen Diether zurück und kaufte sich ein lammfrommes Tier. Wie er nun im nächsten Jahr auf der guten Himmelsziege zur Besichtigung angezuckelt kam, da blieb er freilich im Sattel, aber sein Bataillon war so unter aller Würde, dass Exzellenz noch auf dem Heimweg zu seinem Adjutanten sagte: ‚Dem guten X. müsste bei seinem Embonpoint das Zivil doch vorzüglich stehen!‘ Na — und vier Wochen darauf trug er schon Zylinder und Regenschirm!“
„Das sind Geschichten!“ sagte Siegfried Elkan.
„Ja, Sie lachen darüber — seien Sie nur still! Ich kenne jetzt schon Ihr verstohlenes Gesicht. Sie erleben viel. Aber wir erleben wenig. Das ist nun einmal unsere Welt!“
Er überlegte. „Eigentlich müsste ich jetzt gehen. Aber lieber bliebe ich noch ein bisschen und Sie erzählen weiter!“
„Was denn?“
„Gerade wie jetzt! Was Ihnen durch den Kopf geht!“
„Na — da wird ein schöner Unsinn herauskommen!“ sagte Yella unbefangen.
„Wenn schon! Weisheit höre ich genug. Wir Berliner sind ja so schlau! Ich finde es viel netter, hier zu sitzen und Ihnen zuzuhören!“
„Sie sind jedenfalls der erste, der auf meine Konversation Wert legt. Mein Vetter Diether sagt immer: Yella — wenn du reden willst, dann schweige!“
Dieser ewige Vetter Diether! Der war hier offenbar das leitende Prinzip! Siegfried Elkan wurde nervös bei dem Gedanken an den hübschen jungen Menschen im blauen Rock, den man, auch wenn er ferne von hier auf den Bänken der Kriegsakademie sass, förmlich im Zimmer herumgehen sehen, sein Säbelrasseln, seine Stimme hören konnte. Freilich, dieser Mann der Pferde und des Sports passte zu der Turfzigeunerin. Das war gleiche Rasse. Und ihr Besucher sagte sich unbehaglich: Sie hat wirklich was von einem kleinen Stalljungen an sich! Jetzt nimmt sie sich noch zusammen, mir gegenüber, dem Fremden, dem Arzt, dem Israeliten! Aber wie burschikos mag die wohl mit ihren Freunden, den Leutnants, verkehren und sich kameradschaftlich mit ihnen herumtreiben, wenn draussen der Herbstwind über den grünen Rasen pfeift. Und ebenso im Winter, im Dämmerlicht des Tattersalls, oder solange die Bäume grün sind, draussen, auf verschwiegenen Reitwegen des Grunewaldes ...
Er ärgerte sich über diese ihm unbekannten Offiziere und frug sich dann selbst erstaunt: Was gehen mich diese Leute in Attila oder Kürass an? Aber die Missgunst blieb.
Es war inzwischen halbdunkel geworden. Yella versuchte, die Lampe anzuzünden. Bis zum Abnehmen von Glocke und Zylinder ging es, aber das Streichholz konnte sie mit der allein freien Linken nicht anstecken. Er griff nach der Schachtel und hielt sie fest. Dabei berührten sie sich. Er fühlte ihre warme, magere Kinderhand.
Dann flammte das Licht auf. Bei dem Schein von unten sah ihr hübsches, sorgloses Knabengesicht, während sie sich über den Brenner beugte, ganz anders aus als bisher, geheimnisvoll in der seltsamen Beleuchtung und dem über die Stirne fallenden, goldig schimmernden Haargespinst. Das war eine Märchenprinzessin, bis die Glocke wieder über der Lampe und das Zimmer wieder alltäglich war und sie wie früher dastand, biegsam und schmächtig, alles an ihr von einer herben, knospenden Unreife, alles an ihr ausgehungert nach Leben und Liebe.
„Was machen Sie eigentlich so den ganzen Tag?“ frug er.
„Nicht viel Gescheites!“ sagte Yella und setzte sich wieder. „Wenn mein Vetter dienstfrei ist, stecken wir im Tattersall. Da hat er seine Pferde stehen. Meist so ein halbes Dutzend. Irgend eines finde ich immer zum Reiten, ohne dass es mich etwas kostet. Die Stalleute kennen mich ja alle. Vorigen Monat hab’ ich ein Vollblut für eine ängstliche Dame aus der Tiergartenstrasse zugeritten! Sie wusste natürlich nichts davon! Neulich hab’ ich sie draussen am Hippodrom gesehen. Dick! Sehr dick! Sie flog im Sattel wie ein Gummiball und schaute starr vor sich hin, und der Stallmeister würdevoll daneben. Ich musste mir das Lachen verbeissen! Aber der Gaul ging gut!“
Sie machte ein spitzbübisches Gesicht in Erinnerung an die dicke Dame, die auf Rat des Arztes das Reiten im deutschen Trab als Schweninger-Kur betrieb. Sie hatte das freilich nicht nötig. Sie war mager wie eine Katze.
„Reiten Sie nicht, Herr Doktor?“ forschte sie.
„Ich kann leider gar nicht reiten!“
„O!“ sagte sie. Weiter nichts. Solch ein Mensch war ihr offenbar in ihrem jungen Leben noch nicht vorgekommen.
„Und wenn Ihr Vetter nun Dienst hat ...?“
„Ach! Dann sitz’ ich zu Hause und schmökere was aus der Leihbibliothek oder denke mir dies und das! Ich möchte so gerne mal reisen! Ich beneide Sie, dass Sie um die Welt gesegelt sind. Ich bin schon froh, wenn ich im Sommer auf ein paar Wochen zu Verwandten aufs Gut geladen werde. Der Majoratsherr hat mich schon zweimal dort gehabt. Dann schickt er immer gleich eine Rückfahrkahrte zweiter Klasse, damit es mich nichts kostet. Aber für nächsten Sommer schaut’s windig damit aus. Na — wenn schon! Ich langweile mich dort. Die sind schauderhaft fromm. Besonders seine Frau!“
„Und dann trösten Sie sich und gehen auf den Rennplatz?“
„Ja. Da hab’ ich mir ein Passepartout herausgeschwindelt. Da kostet es mich nur die Stadtbahn hin und her. Das ist ja eigentlich mein einziger Spass im Leben. Aber wie Diether einmal im Karlshorster Sprung kopfvor ging — o Gott — mir zittern jetzt noch die Kniee, wenn ich daran denke. Wissen Sie — er hat ja kein Geld, um sich eigene Rennpferde zu halten. Und zu den allerallerersten Herrenreitern gehört er nun einmal nicht. Er muss reiten, was man ihm gibt. Da sind greuliche Schinder darunter. So ist’s überall: Wer arm ist, muss seine Haut zu Markt tragen.“
Sie war wirklich noch ganz Kind, wie sie da unbefangen ihr einfaches Lust und Leid vor ihm entrollte. Dass ein Ding auf Erden vor allem nichts kosten dürfe, schien ihr ganz selbstverständlich. Sie war wohl noch nie auf den Gedanken gekommen, dass man einfach hingehen, den Beutel ziehen und etwas Wesentliches kaufen könne. Derlei musste dem Leben auf irgend eine Weise abgelistet und abgeschmeichelt werden.
„Um Kunst und derlei kümmern Sie sich wohl gar nicht?“ fragte Siegfried Elkan.
Sie bejahte eifrig. „O gewiss — machen wir! Oft kriegt Diether Billetts zum Königlichen Schauspielhaus — umsonst natürlich, als Offizier. Da ist’s famos! Da bin ich furchtbar gern! Neulich — da haben Diether und ich doch da lachen müssen — wir haben uns förmlich geschämt. Noch ’ne Stunde später, im Pschorrbräu, sind wir auf einmal beide wieder herausgeplatzt!“
„Im Pschorrbräu?“
„Na ja. Gern gehe ich ja nicht hin — am anderen Morgen hat man die ganzen Haare voll kalten Tabakrauch — aber im Bristol oder Monopol, da kostet das ‚Guten Abend‘ vom Oberkellner ja schon allein einen Taler ...“
„Und dann Konzerte,“ fuhr sie fort. „Konzertbilletts kriegt man leicht, massenhaft. Aber das ist nichts Rechtes. Und lauter Kinderfräulein sitzen um einen ’rum, mit den Karten ihrer Herrschaft. Einmal hab’ ich sogar ein geistliches Oratorium mitangehört. Nie wieder! Bei Schulte, in der Gemäldeausstellung, bin ich auch abonniert. Das kostet fünf Mark im Jahr. Da gehen wir Sonntag vormittag immer hin und ich suche mir ein Bild aus, zum Spass natürlich.“ Sie dämpfte geheimnisvoll ihre Stimme: „Einmal sind wir in den ‚Webern‘ gewesen — Sie wissen, in dem grässlichen Stück. Ich und ...“
„Sie und der Vetter Diether,“ sagte Siegfried Elkan melancholisch.
„Ja. Er natürlich im Räuberzivil. Ganz oben, im dritten Rang sind wir gesessen, unter lauter Leuten mit roten Schlipsen. Warum nicht? Es sah uns ja keiner. Na — und wenn schon ...“
Dies: ‚Na — und wenn schon!‘ schien das Leitmotiv ihres Lebens. Der Gelehrte stand auf, um sich zu verabschieden. „Da machen Sie wohl weniger Bälle und Gesellschaften mit als andere junge Damen?“ frug er.
„Mit wem soll ich denn ausgehen? Mit Papa? Der kommt Abends todmüde heim und arbeitet noch die halbe Nacht über der Flottenagitation. Oder mein Vetter? Der sagt, wenn er den Tag über in der Akademie geschuftet und seine stetigen Gäule zugeritten hat, dann wolle er den Teufel tun und Abends Familie simpeln! Und ausserdem — wenn’s regnet: Eine Nachtdroschke — um das Sündengeld wäre es doch wirklich schade! Und dann die Toiletten und dann ... ich habe so gar kein Talent zur Wohlerzogenheit! Stillsitzen und Tee trinken und alte Damen um einem ’rum — o, da wird mir ganz bange. Adieu, Herr Doktor! Auf morgen!“
„Morgen mittag! Und dass Sie mir bis dahin nicht etwa versuchen, zu radeln oder Schlittschuh zu laufen oder so was! Sie sind zu allem fähig!“
„Nein. Ich werde ganz brav sein!“
Kurz nachdem der Arzt gegangen, wurde die Türe der Lützelhardtschen Wohnung von aussen mit einem Drücker geöffnet. Yellas Vater, der Flottenagitator, kam nach Hause. Mit seiner gebeugten Haltung, dem dunklen Schlapphut und abgetragenen Überzieher, dem Stoss von Papieren unter dem Arm erinnerte er in seinem Äusseren wenig mehr an den früheren Stabsoffizier, eher an einen sorgenvollen älteren Geschäftsmann. Dazu passte auch der ungepflegte graue Bart, das gelichtete Haar und vor allem die müden, von grossen Säcken eingefassten Augen. Man sah ihm an, dass er vom Leben nicht mehr viel hoffte. Sein ganzes Dasein war ein Kampf gegen seine Leutnantsschulden gewesen, die ihm endlich an der Majorsecke über den Kopf gewachsen waren. Seitdem schlug er sich so durch und war seit einem halben Jahr für die Vergrösserung der Marine tätig, obwohl er selbst auf dem Exerzierplatz ergraut und nie auf Deck eines Kriegsschiffes gewesen war. Aber — ob Sand oder Wasser — er war ein ehrlicher Patriot und verteidigte das nach bester Überzeugung zu Land wie zur See.
Yella lief ihm entgegen und meldete ihm, den Arm in der Binde schwenkend, zunächst das Wesentlichste: „Papa! Es kostet nichts! Der Doktor nimmt keinen Groschen!“
„Na, Gott sei Dank!“ sagte der alte Herr. „Ich meine, dass dir nichts Ernstes passiert ist. Ich habe Diether auf der Strasse getroffen. Er hat’s mir erzählt. Nichts als Unfug treibst du. Aber von dem Arzt können wir kein Almosen annehmen. Es ist ein Doktor Elkan, sagt Diether?“
„Ja. Du, Papa: Ein netter Mensch. Fein. Zart. Komisch ist, wenn er lächelt: Dabei behält er doch immer ganz traurige Augen. Ich glaube, wenn er allein in seiner Wohnung sitzt, dann ist er ganz schwermütig.“
Der Major war unschlüssig. „Am besten ist, ich gehe einmal zu ihm in seine Wohnung und danke ihm!“
„Tu’s doch gleich, Papa! Abrameit weiss die Nummer. Gerade um die Ecke. Er ist eigentlich Professor an der Universität oder so was! So einem Mann kann man doch nicht einen Taler in die Hand drücken!“
Der Freiherr von Lützelhardt ging. Als er nach geraumer Zeit zurückkam, war er ganz aufgeregt. „Schade, dass du das nicht gesehen hast, Yella!“ sagte er, seinen vergilbten Hohenzollernmantel an den Nagel hängend. „Herrgott ... ist dieser Doktor Elkan eingerichtet! Du hast recht: Ein netter Mensch! Und dabei ganz einfach! Geradezu bescheiden! Aber seine Wohnung: welch eine Pracht! Denk dir nur: Ein echter Lenbach über dem Schreibtisch. Ein echter Defregger! Ein echter Menzel! Da steckt allein ein Vermögen darin. Eine Bibliothek von gewiss tausend Bänden, alle ganz gleich in echtem Schweinsleder gebunden, mit einem eigenen Bücherzeichen, das irgend ein berühmter Mensch extra für ihn entworfen hat. Und dann ein Gobelin aus dem sechzehnten Jahrhundert. Aus Gent. Einfach wunderbar. Er hat mir alles gezeigt und dabei auch viel von dir gesprochen. Und dann sagte er: ‚Ihr Fräulein Tochter hat mich übrigens daran erinnert, dass ich noch nicht Mitglied Ihres Flottenvereins bin. Das ist ein Versäumnis. Ich bin ein guter Deutscher, wenn mir auch viele Leute wegen meiner Konfession ein Recht darauf absprechen wollen. Erlauben Sie, dass ich mich gleich in Ihre Listen als Mitglied eintrage!‘ Und weisst du, was er als Beitrag gezeichnet hat? Fünfhundert Mark!“
„O Gott!“ sagte Yella erschrocken.
„Er muss sehr reich sein. Und wie die fünfhundert Mark für den Flottenverein dastanden, da konnt’ ich ihn wirklich nicht gut fragen: ‚Herr Doktor — was bekommen Sie für die Behandlung meiner Tochter?‘ Da blieb die Sache in der Schwebe.“
„Na, wenn schon!“ meinte Yella. Diese Schuld drückte sie wenig. Ihre Gedanken waren bei der Pracht der Wohnung, vor allem bei dem Gobelin. Sie hatte noch nie einen Gobelin gesehen.
In das Kanapee gekauert, begann sie zu klagen: „Alle Leute haben Geld. Bloss wir nicht. Rings um einen haben die Leute was vom Leben und wir dürfen ewig zuschauen. Ich hab’s jetzt satt. Ich möchte manchmal rein davonlaufen aus Verzweiflung. Ich weiss bloss nicht, wohin!“
„Ja, liebes Kind!“ Der Major hatte sich an den Tisch gesetzt und ordnete seine Papiere, um mit der Arbeit zu beginnen. „Vor dem Leben kann man nicht davonlaufen. Das holt einen doch ein. Und schliesslich gleicht sich alles aus. Glaubst du, dass dieser Doktor Elkan nun glücklich ist mit seinem vielen Geld? Und du hast keins und bist doch ein vergnügter Springinsfeld!“
„Ja. ’s ist sonderbar!“ murmelte Yella.
IV
Spät Abends war Siegfried Elkan noch ausgegangen. Er sass mit seinem Bruder, dem Rechtsanwalt, und seinem Schwager, dem Börsenbesucher, in dem Restaurant eines vornehmen Lindenhotels, und hatte ihnen eben von der kleinen Lützelhardt und seinem Abenteuer am Nachmittag erzählt.
„Ein Ausblick in eine ganz andere Welt,“ sagte er. „Stallgeruch, Säbelgerassel, buntes Tuch, viel göttlicher Leichtsinn, kein Groschen Kleingeld und mitten in der Boheme solch eine kleine Turfprinzessin — das alles lebt dicht bei uns, gleich um die Ecke und wir ahnen von denen soviel wie die von uns! Es ist wirklich wahr: Berlin ist eine Wildnis. Wir wissen heutzutage im Innern Chinas besser Bescheid als im Hause unseres Nachbarn. Und vor allem: Wir haben mehr Interesse dafür! Wir wollen ja nichts von unserem Berliner Nächsten wissen! Er ist ja unser selbstverständlicher Feind!“
„Na — man sachte!“ sagte Oskar Stern und träufelte sich Zitronensaft auf seinen Kaviar.
„Doch!“ Sein Schwager war heute erregter als gewöhnlich. „Woher stammt denn sonst dies tiefe und unversöhnliche Misstrauen? Glaubst du, mein lieber Oskar, etwa an Leutnants, die nicht aus dem ‚Simplizissimus‘ stammen? Gilt nicht vielen jeder Gutsbesitzer schlechthin als Jeuratte und Sektbold? Und umgekehrt: in welchem Lichte erscheinen denen erst wir? Da haben die meisten drüben nur so eine unbestimmte Vorstellung: ‚Der Alte hat mit Hasenfellen hausiert, der Sohn fährt auf Gummirädern und das Ganze ist ein Unfug!‘ Ist denn gar keine Klärung, kein unbefangenes Schauen, kein Verstehen möglich? Sage selbst!“
Aber die beiden anderen sagten nichts. Der eine, der von Berufsarbeit überhäufte Rechtsanwalt, war viel zu müde, um jetzt noch diese weltbewegende Frage anzuschneiden, und der andere, der Schwager, ein Epikuräer und Mann einer schönen Frau, liebte ernste Gespräche nur beim Geschäft. Er goss sich stirnrunzelnd seinen trockenen Sekt ein, kaute und meinte schliesslich, auf Näherliegendes eingehend: „Ich habe die kleine Lützelhardt oft draussen auf dem Rennplatz gesehen. Auffallend hübsche Person. Stimmt.“
Siegfried Elkan zögerte. „Weisst du vielleicht auch ... so zufällig ... wie eigentlich ihr Ruf ist?“
„Ich war voriges Frühjahr auf der Tribüne dicht dabei, wie die alte Lützelhardt, die Frau vom Majoratsherrn, sie zum Sommer auf ihr Schloss einlud. Also ist ihr Ruf an sich jedenfalls tadellos. Lieber Gott ... sie zieht eben mit den Leutnants herum, vom Sattelplatz zum Totalisator und zurück zum Start, und denkt sich nichts schlimmes dabei. Ein Sportmädel, da gibt’s noch mehr!“
„Und was wird nun schliesslich aus solch einem Mädchen wie der kleinen Lützelhardt?“
„Sie heiratet.“
„Aber wen?“
„Glückssache! Frage der Schlauheit! Ich glaube, sie hat die Weisheit nicht gerade mit Löffeln gegessen. Aber immerhin — zu irgend einem ostelbischen Junker langt’s noch! Die Wasserpolackei ist auch eine schöne Gegend.“
„Das wäre aber doch jammerschade!“
Die beiden anderen sahen sich verstohlen an. Sie merkten beide etwas, und Oskar Stern dachte sich: „Das muss ich doch heute noch meiner Frau erzählen, dass ihr Bruder sich glücklich verliebt hat. Spasshaft: In eine kleine Grösse vom Rennplatz! Solch ein solider Mensch wie er, der vom Pferde nichts weiss, als dass es ein gefährliches Tier mit vier Beinen ist!“
Oder war es vielleicht nur Zufall, dass die Rede gerade auf die hübsche Lützelhardt gekommen? Er fing von etwas anderem an, von einem Automobil, das er in Paris, als Geburtstagsgeschenk für seine Gattin, in Bestellung gegeben, und wartete, was Siegfried Elkan tun würde.
Und richtig: Nach kaum fünf Minuten sagte der, als setze er ein im Gang befindliches Gespräch fort: „Glaubst du wirklich, dass sie nicht sehr klug ist?“
Der Schwager lachte: „Na — Temperament und Klugheit — das ist bei den Frauen schon beinahe dasselbe. Und Temperament hat sie! Das stimmt! Du musst sie nur mal in Karlshorst oder Hoppegarten sehen; da ist sie wie ein Irrwisch — da und dort ... schüttelt da ’nem Buchmacher die Hand und verhandelt dort mit der Frau von irgend einem Trainer, und fraternisiert hinter der Tribüne mit ein paar Jockeys, und läuft dann wieder zu ihren Leutnants zurück und steckt mit ihnen die Köpfe zusammen wie eine Gruppe Verschwörer, und schliesslich wird dann der grosse Schlag riskiert und sie legen zehn Mark zusammen am Totalisator an. Das heisst: Sie steht aussen und wartet da auf die anderen und ist in grösster Aufregung. Einmal frug sie mich, den sie gar nicht kennt, mit ganz zitternder Stimme: Wie viel gibt’s auf ‚Iverness‘? Und als ich sagte: siebzig auf zehn — da seufzte sie tief auf vor Freude und Erleichterung! Siebzig Mark — das war für die alle nun ein Vermögen!“
„Also Geld hat sie gar keines?“
„So viel Geld gibt’s ja gar nicht, als diese Leute nicht haben,“ sagte der Schwager philosophisch und blies den Rauch seiner Havanna von sich.
„Den Vater kennst du nicht?“
„Nein. Meine Weisheit ist nun zu Ende. Ich kann dir nur berichten, dass die kleine Lützelhardt ein flottes Mädel ist, das im Frühjahr und Herbst die Rennplätze bevölkert, und mit allem, was an buntem Tuch und Pferdemenschheit da kreucht und fleucht, gute Kameradschaft hält. Voilà tout! Wenn du mehr wissen willst, frage sie doch selbst! Die antwortet dir schon! Die ist nicht schüchtern. Die hält die Männer für famose Kerle und vertraut ihnen unbedingt.“
Der Rechtsanwalt stand auf. „Kinder — ich gehe! Ich hab’ morgen früh Geschäfte! Kommst du mit, Siegfried? Oskar bummelt natürlich ja doch noch in den Klub!“
Diese Absicht hegte der Schwager allerdings. Er verabschiedete sich vor dem Hotel von den beiden und verschwand quer über die Linden, in Gedanken bei dem Hauptspass, wenn er seiner schönen Frau von der Eroberung erzählen würde, die Yella Lützelhardt heute in aller Unschuld gemacht. Aber sie musste Schweigen geloben. Andere brauchten das nicht zu erfahren.
Die beiden Brüder gingen inzwischen langsam durch die Winternacht nach dem Brandenburger Tor.
Der Rechtsanwalt gähnte ein paarmal. Er war überarbeitet und nervös; aber ein nüchtern praktischer und gescheiter Mensch.
„Du — hör mal!“ sagte er. „Willst du einen guten Rat von mir haben?“
„Nun — und?“
„Du solltest endlich einmal heiraten! Es ist wirklich Zeit! Sonst machst du noch einmal irgend eine grosse Dummheit!“
„Heiraten? ... Wen denn?“
„Irgend jemand aus unseren Kreisen. Du hast doch die Wahl!“
„Unsere Kreise!“ sagte Siegfried Elkan. „Das ist’s ja eben! Ich passe nicht in ‚unsere Kreise‘.“
„Von wo man stammt, da gehört man nun einmal hin.“
Er schüttelte den Kopf. „Ich nicht. Ich bin ein einzelner Mensch. Ein Einsiedler!“
„Und wirst infolgedessen schwermütig und menschenscheu. Es fängt schon an!“
„Mag sein! Ich fühle mich dabei ganz wohl!“
„Der Schwäche darfst du aber nicht nachgeben. Du musst mehr ins Leben hinein!“
„In unser Leben?“ sagte Siegfried Elkan melancholisch. „Ach, gewiss — wir haben Geld und Geist — viel mehr als die anderen. Aber wir sind blutleer vor lauter Geld und Geist! Geist ... immer Geist — mir graut schon davor. Frisches Blut tut uns not! Das gebt ihr mir nicht. Gesund und unbefangen sollte man sein und frisch darauf losleben. Und endlich einmal aus dieser ewigen Ahasverstimmung heraus!“
„Was heisst denn das: Ahasverstimmung?“
„Du brauchst bloss meine beiden Namen anzusehen: Da liegt sie drin. ‚Siegfried‘ — das heisst: ‚Ich will ein guter Deutscher sein!‘ und ‚Elkan‘, das heisst: Du bist’s aber nicht. Du bist ein Gast und noch dazu vielen ein ungebetener. Das lassen dich jeden Tag tausend Nadelstiche — jeder Blick in ein Witzblatt, jedes Wort eines Vorübergehenden fühlen!“
„Dagegen muss man sich eben ein bisschen abhärten!“
„Ich kann’s nicht. Gerade weil ich gerne Wurzeln schlagen möchte. Schau — ist es nicht verrückt: Meine Muttersprache ist Deutsch — ich kann kein Wort Hebräisch — meine Familie lebt seit vielen Jahrhunderten in Deutschland, ich bin vollberechtigter Bürger des Deutschen Reiches und zahle Deutschland meine Steuern und lehre an einer deutschen Hochschule — und doch bin ich kein ganzer, richtiger Deutscher. Wo ich gehe und stehe, ist zwischen mir und der Aussenwelt etwas Unsichtbares, Trennendes ... Ich empfinde es gar nicht. Ich halte und fühle mich ganz als Deutscher — aber die anderen nicht. Warum? Ich heisse eben Siegfried Elkan. Mein Name ist mein Schicksal.“
„Warum fasst du das so tragisch auf?“ sagte der Rechtsanwalt. „Da muss man ein bisschen Philosoph sein. Schliesslich wird’s die Zeit schon bessern. Darauf zu müssen auch wir arbeiten, aber man macht es uns freilich schwerer als nötig.“
„Und wir werden’s nicht mehr erleben, dass es anders wird. Manchmal habe ich Lust, Deutschland überhaupt zu verlassen. Aber wohin? Ich bin doch einmal ein Deutscher. Oder, um es korrekt auszudrücken, ein deutscher Jude!“
Der andere schüttelte den Kopf. „Du bist heute in einer guten Verfassung! Was ist denn über dich gekommen? Es ist doch nichts Ausserordentliches passiert!“
„Nein. Das heisst: wie ich vorhin sagte — ich habe heute durch Zufall einen Zipfel von einer ganz anderen Welt gelüftet, und bin erschrocken. Das alles ist neben uns und um uns und uns so verschlossen, dass wir es am hellen Tag nicht sehen, obwohl wir es mit Händen greifen könnten. Wir leben wirklich alle wie die Fremden im Hotel, die auch nicht wissen, was für Menschen draussen vor ihren Fenstern vorübergehen. Wir sind ewige Gäste — hier und überall!“
Sie waren in der stillen Tiergartenstrasse angelangt. Der Rechtsanwalt blieb stehen und legte seinem Bruder die Hand auf die Schulter: „Ich will dir mal was sagen! Du bist ganz einfach verliebt! In diese kleine Lützelhardt.“
Siegfried Elkan zögerte eine Weile und sagte dann: „Ja — es kommt mir selbst so vor!“
„Lieber Freund — das ist aber doch ein Unsinn.“
„Es ist vieles auf der Welt ein Unsinn! Wozu wäre man denn so gescheit, wenn man nicht Dummheiten machte?“
„Aber was soll denn daraus werden?“
Er zuckte die Achseln. „Nichts. Morgen ist sie wieder gesund und dann sehen wir uns nicht mehr.“
Der Rechtsanwalt war misstrauisch. „Aber sie wohnt dir so verwünscht nahe.“
„Im Gegenteil! Sie wohnt im Monde. Gute Nacht! Grüss deine Frau!“
„Gute Nacht, Siegfried!“
V
Als Siegfried Elkan in der Frühe des nächsten Morgens, an einem stillen Sonntagvormittag, zum Fenster trat, fuhr er zusammen. Gerade eben wanderte da unten auf der Strasse Yella vorbei — gar nicht zu verkennen, mit dem Arm in der Binde und der flotten Art, die Füsse zu setzen und den Kopf im Genick zu tragen. Ein ganzer Trupp Leutnants um sie her, ein Husar, zwei von der Infanterie, ein Feldartillerist. Die Herren gingen rasch und sie hielt mit ihnen kameradschaftlich gleichen Schritt und Tritt, fortwährend dabei plaudernd und lachend. So verschwand die ganze Gesellschaft in der Richtung nach dem Tiergarten.
Der Vetter Diether war diesmal nicht dabei.
Der oben am Fenster versank in Sinnen. Seltsam: wahrscheinlich war Yella so wie heute beinahe jeden Tag seit ein paar Jahren an seinem Hause vorbeigegangen und er hatte sie gar nicht gesehen und nichts von ihr gewusst.
Was sie wohl im Tiergarten vorhatte? Er nahm Hut und Mantel. Das interessierte ihn, obwohl er sich selber vorredete, dass er nur ein wenig frische Luft schöpfen wolle, ehe das Getümmel des Sonntags den Park erfüllte. Und bald sah er auch, in einem Seitenweg stehen bleibend, was er suchte.
Natürlich wieder eine Pferdesache und natürlich wieder Vetter Diether! Der Dragoner sass auf dem Ross und trabte langsam, mit aufmerksamem Gesicht, den Reitweg auf und nieder. Daneben auf dem Fusspfad der Tiergartenstrasse stand die bunte Gruppe von vorhin, Yella mitten darin, und ausserdem ein sonnengebräunter Herr in Zivil, der ernst und zweifelnd aussah. Offenbar sollte er die Stute kaufen. Man sprach auf ihn ein, man lachte und stritt, man deutete auf die Pferdebeine und keiner achtete des einsamen Spaziergängers, der, als die Handelsgesellschaft an der Strasse sich unter heftigem Gestikulieren auflöste, tiefer in den Wald hineinging.
Er wollte Yella nicht inmitten dieses säbelrasselnden und sporenklirrenden Schwarmes begrüssen. Das setzte sie wohl in Verlegenheit. Da hätte sie erst ihren Freunden erklären müssen, wer dieser blasse, jüdisch aussehende Herr war. Besser — er traf sie allein, in ihrer Wohnung. Und als er da gegen Mittag die Klingel zog, hatte er nur den Wunsch: Möge jetzt nur nicht etwa der Dragoner da sein!
Aber es hing keine blaue Mütze im Flur. Die Turfzigeunerin war wirklich einsam in dem Zimmer mit den Schiffsbildern und Flottenplänen an den Wänden und kam auf ihn zu, ihm sehr fidel beide Hände entgegenstreckend.
Jetzt war er noch Arzt. „Was heisst denn das? Wo ist denn der Verband?“
„Weg!“ sagte sie unbekümmert. „Er hat mich geärgert. Die Hand ist schon wieder ganz gut.“
Die Heilung war allerdings fast vollendet. Sie musste eine Konstitution haben wie eine Katze. „Wie haben Sie denn aber den Knoten losgekriegt?“ frug er.
Sie wies lachend ihr weisses Gebiss. „Mit der Hand hab’ ich’s festgehalten und mit den Zähnen hab’ ich’s aufgeknüpft. Papa!“ Sie verstärkte ihre Stimme. „Papa! Komm doch! Der Doktor ist da!“
„Papa hat gesagt, Sie seien so wundervoll eingerichtet!“ fuhr sie fort, während Herr von Lützelhardt aus dem Nebengemach eintrat und den Gast begrüsste. „Schade, dass ich das nicht sehen kann! Das würde mir Spass machen — so was!“
„Aber das ist doch sehr einfach! Wenn Ihr Herr Vater Zeit hat, so kommen Sie doch jetzt beide mit mir hinüber. Dann zeige ich Ihnen meine paar Habseligkeiten!“
Das war etwas für Yella! Sie erstickte im voraus jeden Einwand des alten Herrn mit ihrem Wortschwall. „Papa — du musst! Papa, du musst! Ich hab’ noch nie einen Gobelin gesehen. Da kann ich mich bilden! Es ist doch Sonntag. Und überhaupt ...“
Dabei machte sie sich schon zum Ausgehen fertig. Sie war glücklich, dass etwas Neues passierte! Dass es umsonst etwas zu schauen gab! Da legte sie ihren Gefühlen keinen Zwang an.
„Aber Kind — der Doktor hat doch besseres zu tun!“
„So? Warum ladet er uns dann ein? Geschieht ihm ganz recht!“
„Ich habe gar nichts zu tun!“ sagte Siegfried Elkan, und sie machten sich auf den Weg nach seiner Wohnung.
Diese Wohnung stiess alle Vorstellungen um, die Yella bisher von Reichtum gehegt. Nach ihrer, durch den zweimaligen Besuch in dem Majoratsschloss bestärkten, Meinung äusserte sich die finanzielle Überlegenheit eines Menschen zunächst nach aussen hin in mittelalterlicher Weise durch Pferde, galonnierte Dienerschaft, Silbergerät, eine mächtige Freitreppe, Raumverschwendung überall.
Und hier war gar nichts davon! Eine Mietwohnung im zweiten Stock wie viele andere, ein ältliches Fräulein in schwarzem Kleid, beinahe einer Krankenpflegerin ähnlich, die geräuschlos die Türe öffnete, ein einfacher enger Flur und dann innen alles ganz schön, aber ohne dass man es recht begriff.
Sie nippte an dem Portwein, knabberte an einem Cake und folgte stumm seinen Erklärungen. Eigentlich war sie enttäuscht oder eher noch voll Unbehagen gegen sich selbst, dass sie diese Herrlichkeiten — denn das waren sie doch ohne Zweifel — nicht zu würdigen vermochte. Und sie dachte sich voll Bitterkeit: Kläglich ist’s mit meiner Bildung bestellt. Bei Diether erst recht. Bei denen alle. Sowie wir aus dem Stall heraus sind, ist rein gar nichts mehr mit uns los!
Den Lenbach — eine leichtgetönte Kohlenskizze — und Defreggers Tiroler Dirndeln hatte sie noch mit einigem Verständnis anzuschauen vermocht. Die Namen kannte sie, aber als Siegfried Elkan nun auf eine Landschaft wies: „Da ist mein Prachtstück! — ein Daubigny aus der besten Zeit!“ sagte sie nur: „Oh!“
„Und da das Gegenstück. Seestimmung mit Windmühle von Corot.“
„Oh!“ sagte Yella.
Er führte sie zu einem Erker. „Dann da: Motiv aus Scheveningen! Da in der Ecke die Signatur: Mesdag!“
Er sprach den Namen des berühmten Holländers mit dem vollen Stolz des Besitzers aus, und Yella sagte wieder staunend: „Oh!“ Sie hätte was darum gegeben, wenn ihr eine vernünftige Antwort eingefallen wäre. Aber sie wusste ja: Es kam doch eine Dummheit heraus! So schwieg sie lieber verstockt und schaute jedes Bild lange mit starrem Interesse und scheuer Wohlerzogenheit an.
Er schien zu ahnen, was in ihr vorging. Er lächelte verstohlen und öffnete seine Bücherei. Sie klappte einen der Schweinslederbände auf und las: „Par ... erga und Para ... lipo ... mena ...! o Gott ... ist das ein Titel! Und das können Sie lesen?“
„Es ist doch von Schopenhauer!“
Der Name machte ihr Spass. Sie lachte leise und stellte das Buch mit einem „Brrr!“ in den Schrank.
„Haben Sie nie etwas von Schopenhauer gehört?“
„Nein!“ sagte Yella vergnügt. „Was war er denn?“
„Ein Philosoph und Frauenhasser!“
Sie zuckte die Schultern, als ob sie ihr beliebtes: „Na — wenn schon!“ unterdrücken wolle, und frug ungeduldig: „Wo ist der Gobelin? Den will ich sehen!“
Dies ausgebleichte flandrische Gewebe enttäuschte sie am meisten. Sie musterte und befühlte es ratlos. „Also das ist nun schön?“
„Ja.“
„Und sehr teuer?“
„Ziemlich!“
„Wieviel kostet solch ein Gobelin!“
„Dreissigtausend Mark.“
Sie setzte sich hin und murmelte nur: „O Gott!“ Sie war ganz erschrocken. Es gab Menschen, die derlei an ihren Wänden hängen hatten und das als ganz selbstverständlich ansahen! Siegfried Elkan musste furchtbar reich sein! Ein Vermögen für solch einen alten Lappen! Mit Groll und Neid sah sie den Gobelin an und dachte sich: „Wenn ich solch einen Fetzen hätte und Diether auch einen, dann könnten wir uns heiraten!“
„Ich habe Sie heute schon einmal gesehen!“ sagte Siegfried Elkan. „Ich ging gerade durch den Tiergarten!“
Sie schaute auf und lachte. „Ja? — Oh — das war ’ne Arbeit! Der Provinziale soll das Pferd kaufen! Aber er ist zäh! Er versteht was vom Kuhhandel! Wir haben gestritten wie die Messjuden!“
Er zuckte leicht zusammen und frug dann: „Und der arme Provinziale ist übers Ohr gehauen?“
„Sie sind noch um dreihundert Mark auseinander — Diether und er! Aber es wird! Oh — da sind ja Stickereien! Die sind wunderschön!“ Sie liebkoste mit spitzen Fingern die dunklen Seidenstoffe aus China und Java mit ihren fliegenden Vögeln, ihrem kunstvollen Rankenwerk und den seltsamen Menschengestalten. Sie verliebte sich förmlich in diese fein abgetönte Pracht und wurde ganz stumm und weltentrückt. Das verstand sie. Es musste doch schön sein, all solche Sachen zu besitzen. Und solche Kleider aus schwerem Brokat. Und Schmuck. Und ihre Gedanken wanderten und wanderten, während ihre mageren Kinderhände immer wieder die leise knisternde Seide streichelten und glätteten.
Siegfried Elkan widmete sich inzwischen dem Major, der sich im Nebenzimmer bei einer echten Havanna und Portwein gütlich tat. Als er wieder aufschaute, sah er, dass Yella sich erhoben hatte und langsam, mit grossen Augen, von einer Wand zur anderen ging. Sie winkte ihm abwehrend zu: Pst! Sie wollte jetzt einmal allein alles betrachten.
Und während seine Blicke ihr folgten — dieser schlanken, ungewohnten Erscheinung in dem altvertrauten Raum — durchfuhr es ihn plötzlich: Jetzt ist sie nur ein Gast. In ein paar Minuten geht sie wieder fort! Aber wenn sie nun immer hier wäre, jeden Tag! Wenn du nach Hause kämst und sie dastehen fändest, so wie jetzt — immer, immer — und ganz allein mit ihr! Wenn du sie ganz für dich hättest — jeden Tag und Abend ...
Das Blut stieg ihm zu Kopf. Sie kam aus dem Nebenzimmer heraus, ganz unbefangen. „Wo haben Sie nur all die schönen Sachen her, Herr Doktor?“
„Von meinen Reisen.“
„Reisen Sie denn auch jetzt noch viel?“
„In den Universitätsferien. Meist geh’ ich im Frühjahr nach Paris und im Herbst nach Italien.“
Sie seufzte. „Paris! Italien! Hörst du, Papa: Paris! ... Sie sind zu beneiden! Sie haben was vom Leben. Ich bin einmal nach Rügen gefahren. Sonst nichts.“
„Das kommt noch!“
Sie schauten sich dabei an. Yella antwortete nichts. Es war ein kurzes, seltsames Schweigen im Zimmer. Dann öffnete sich leise die Türe vom Flur. Ein schöner Kopf erschien darin — hinter ihm eine schöne Frau. Gross, üppig, prachtvoll gewachsen, mit schwarzen Augen und blauschwarzem Haar — das Bild einer Judith aus dem Morgenland.
„Störe ich?“ frug sie heiter, und Siegfried Elkan stellte vor: „Meine Schwester, Frau Elsa Stern. Herr von Lützelhardt. Fräulein von Lützelhardt.“
Die hatte natürlich die Neugier hergetrieben! Der Schwager hatte ihr gestern wohl noch erzählt, dass ihr Bruder sich verliebt habe, und da kam sie und traf auch gleich Yella an! Er ärgerte sich. Wie sollte das zwischen den beiden werden: Hier seine Schwester, die ihren Geist in fünf Sprachen glitzern lassen konnte, die überall in Politik, Kunst und Literatur zu Hause war, in Bayreuth und Oberammergau, in der „Freien Bühne“ und den Sinfonieabenden der Königlichen Kapelle, die über Nietzsche und Tolstoi, über die Impressionisten und die Münchener Sezession, über Decadence und Neuromantik, über die Lyrik des Beaudelaire und die Oresteia des Sophokles plauderte wie andere über das Wetter, und sich dann an das Klavier setzte und den „Walkürenritt“ aus dem Gedächtnis spielte — und ihr gegenüber Yella — nun ja, das war nun einmal eine kleine Barbarin. So gar kein Geist — so wohltuend gar kein Geist — so wenig Wissen. Und so viel flotte, unbekümmerte Lebenskraft.
Aber die schöne Judith war weltgewandt und liebenswürdig. Sie bemühte sich, Yella, deren Augen stumm an ihrer Pariser Toilette und ihrem überreichen Schmucke hingen, zum Reden zu bringen. Sie sprach von der Duse. Gestern! Im Lessingtheater! Ausverkauft! Welch eine Frau! Wunderbar! Und sie wiederholte entzückt das berühmte „Armando! Armando“ der Duse aus der Kameliendame. Aber für Yella war die Duse ein unerschwingliches Wertobjekt von zehn Mark für den Parkettplatz, und sie frug nur: „Haben Sie denn alles verstanden, gnädige Frau?“
„Freilich, Baroness! Italienisch und Neugriechisch sind gerade meine Stärke!“
„Oh!“ Yella schwindelte es bei dem Ausblick auf Neugriechisch.
Die andere wandte sich inzwischen an ihren Bruder. „Ich bin nur auf einen Sprung herauf! Mein Wagen wartet unten. Ich bin noch ganz übernächtig. Ich habe bis vorgestern die halbe Woche im ‚Nibelungenring‘ übernachtet. Die ‚Götterdämmerung‘ legt sich einem schliesslich doch auf die Nerven. Oder geht das nur mir so, Baroness!“
„Ich weiss nicht!“ sagte Yella. „Ich war noch nie drin!“
Die Weltdame stutzte kaum merklich, als habe ihr die kleine Lützelhardt gestanden: Ich kann nicht lesen und schreiben! — und fuhr dann rasch und verbindlich fort: „Gott ja — jetzt mitten in der Saison! Wer hat da Zeit! Ich sag’s jeden Tag zu meinem Mann: ‚Nächsten Winter gehen wir überhaupt nicht aus!‘ Es ist ein furchtbarer Trubel. Und in Ihren Kreisen wohl ganz besonders, Baroness?“
Yella schüttelte unbehaglich den Kopf. „Es mag wohl sein, gnädige Frau. Ich komme fast gar nicht unter Leute!“
Darauf schwieg Frau Elsa Stern und warf ihrem Bruder einen Blick zu, der ungefähr hiess: „Da hast du ja eine hübsche Wilde aufgetrieben!“ — aber sie lächelte dabei höflich weiter. Im Innern ihres Herzens hatte sie, die grundgescheite Frau, eine unbegrenzte Hochachtung vor Adel, Stammbaum und Wappen. Sie kannte diese Gesellschaft nur wenig — nach der Eigenart des Berliner Lebens, nach der die beiden Welten des Hofes und der Börse, durch eine unsichtbare Schranke geschieden, gleich zwei getrennten Strömen in einem Bette nebeneinander herfliessen, aber sie bewunderte sie. Ganz naiv. Es war Vererbung von früher.
Und ebenso naiv, beinahe unbewusst war die dumpfe Feindseligkeit, die Yella gegen die schöne Judith empfand. Ja — die hatten nun einmal Geld und alles! Und selber hatte man nichts!
Auch äusserlich waren sie so verschieden. Da die reife südliche Pracht, dort alles noch herb, hager und schmal. Die beiden waren einander so fremd, wie nur zwei Frauen sein konnten. Sie wussten sich nichts mehr zu sagen und sassen mit freundlichen Mienen da.
Endlich hatte Frau Elsa den erlösenden Einfall. „Eigentlich kennen wir uns schon lange, Baroness!“ sagte sie liebenswürdig. „Oder ich wenigstens Sie. Kamen Sie nicht früher häufig in die Bellevue-Reitbahn?“
Yella wurde lebhaft. „Ja, gewiss, gnädige Frau!“
„Eben. Ich machte damals das Musikreiten am Sonntagmorgen mit, auf ärztlichen Befehl. Da standen Sie doch ein paarmal mit einem Offizier auf der Tribüne — nicht?“
Die kleine Turfzigeunerin bejahte. Dabei bewegten sich ihre Nasenflügel und sie hatte alle Mühe, ernst zu bleiben. Dies Musikreiten hatten sie und Diether angesehen, wie man zu einer humoristischen Vorstellung in den Zirkus geht: Alle diese Herren und Damen vorsichtig auf lammfrommen Kleppern in wohl umfriedeter Reitbahn, die feierlich zufriedenen Mienen, die würdevollen Stallmeister dazwischen, und von oben die Klänge des „Einzugs der Gäste in die Wartburg“ — es war ein kostbarer Scherz.
„Und nebenan,“ fuhr Frau Stern fort, „war doch noch ein kleinerer Raum, Baroness. In dem ritten Sie doch ein Pferd zu. Ich hörte Sie dabei immer leise pfeifen ...“
„Ja. Das heisst: Ich hab’ das Pferd an die Dame gewöhnt. Jetzt hat es Frau Kommerzienrat Hirsch.“
„Ach, meine Cousine! O ja — das ist eine grosse Amazone!“
Es zuckt ein bisschen um Yellas Mundwinkel. „Sie hat noch ein bisschen eine unruhige Hand. Ich sehe sie manchmal im Tiergarten. Der linke Ellbogen muss ganz fest anliegen! Sonst reisst sie den Gaul und dann wird er unruhig!“
„Ach — deswegen klagt sie, dass er manchmal so störrisch ist.“
„Er geht famos!“ Yella geriet in Eifer. „Ich habe doch dreimal mit ihm die Parforcejagd im Grunewald geritten.“
„Sie, Baroness? Ist das denn nicht furchtbar gefährlich?“
„Das ist das schönste, was es überhaupt in der Welt gibt!“ sagte die Kleine kurz und entschieden.
Frau Elsa Stern zweifelte. „Ja — was ist denn eigentlich daran?“
„Das kann man nicht so schildern. Das muss man eben fühlen! Wenn man so hinter den Hunden her galoppiert, und Bäume und Sträuche fliegen an einem vorbei, und der Wind pfeift um die Ohren, und es geht vorwärts über Gräben und Hecken, und der Gaul ist selbst ganz toll geworden und hat den Kopf am Boden und reisst einem die Arme fast aus dem Leib und man wird so hingetragen, fast ohne dass man eine Bewegung spürt, als sässe man frei in der Luft — da möchte ich immer gerade herausschreien vor Jubel, wenn man nicht so atemlos wäre. Da hat man was vom Leben! So über Stock und Stein und frisch drauf los! Am Hubertustag — da war ich unter den ersten am Keiler. Da war ich aber auch gejagt. Alle Haarnadeln waren weg! Ich sah zerstrubelt aus wie eine Zigeunerin! Oh — das war zum Weinen schön.“
Sie brach ab, mit glänzenden Augen und geröteten Wangen, ganz begeistert von der Erinnerung. Und die feingebildete Judith dachte sich: „Viel fehlt dir zu einer Zigeunerin nicht! Auch mit Haarnadeln!“
Laut aber sagte sie: „Baroness, wir üben uns eben in der Bellevue-Reitbahn eine Quadrille ein, in den Abendstunden ... mein Doktor will’s ... Sie lächeln?“
„O nein, gnädige Frau!“ sagte Yella schnell. Es kam ihr unglaublich drollig vor, dass man ein Pferd als einen Ersatz für Karlsbad, als einen unter Musiktusch betriebenen Automaten zur Abschoppung der Leber betrachten könne.
„Würden Sie uns da nicht Ihre Unterstützung leihen, Baroness? Da würden wir was lernen!“
„Sehr gütig, gnädige Frau — aber ich kann nicht mehr in die Bellevue-Reitbahn. Wir haben dort Krach mit dem Direktor gehabt, mein Vetter und ich.“
„Oh — schade!“
Der Major, der still in der Ecke gesessen, stand auf, um sich zu verabschieden. „So ist sie nun!“ sagte er zu Siegfried Elkan. „Pferde! Immer Pferde! Das ist ihr ganzes Leben!“
Sie lachte und nickte und war selbst das Bild frischen Lebens, noch erhitzt von ihrer eigenen Schilderung, wie im Grunewald das rote Feld zwischen den Föhren über Sand und Wurzeln, im Bogen um Sumpflöcher herum, im Husch und mit Hallo über den Eisenbahndamm hinter der gefleckten Meute herflog. „Oh — meine Handschuhe!“ sagte sie dann und trat ins Nebenzimmer. Dort, vor dem Gobelin, mussten sie liegen.
Siegfried Elkan folgte ihr. Er hätte es gern gesehen, wenn sie der Einladung seiner Schwester zur Quadrille gefolgt wäre. Dann hatte er Gelegenheit, sie zu treffen. „Reiten Sie doch mit!“ bat er.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann wirklich nicht. Der Direktor war zu unverschämt.“
„Was hat er denn getan?“
„Er hat gegen uns Partei genommen! Also ich reite und es klingelt zum Bandenwechsel — wissen Sie, dass man andersrum reitet. Ich überhöre das und trabe weiter. Da galoppiert mir irgend so ein unnützes kleines Jüdelchen gerade entgegen, wir prallen zusammen und ...“
Sie bemerkte eine Veränderung in seinen Zügen und brach plötzlich entsetzt ab. Ihr Gesicht wurde purpurrot. Ihr eigenes Wort „Jüdelchen“ hallte ihr im Ohr nach — hier in diesem Hause! „O Gott!“ murmelte sie, sich auf die Lippe beissend, und auf einmal drehte sie sich um und flüchtete ratlos in das anstossende kleine Erkerzimmer.
Siegfried Elkan sah ihr nach, in einer aus Melancholie und Heiterkeit gemischten Stimmung. Der Major kam herein. „Wo steckt denn meine Tochter?“
„Da nebenan, Herr von Lützelhardt.“
„So komm doch, Yella!“ rief der alte Herr ungeduldig. Aber drinnen rührte sich nichts. Sie musste irgendwo ganz in einer Ecke sitzen. Endlich ging er hinein und kehrte nach einer Weile ärgerlich zurück. „Was das nun wieder für eine Dummheit sein mag! Sie lässt Sie bitten, doch einmal zu ihr zu kommen, Herr Doktor!“
Als Siegfried Elkan vor Yella stand, schaute sie, in das Sofa gedrückt, scheu auf und streckte ihm flehend die Hände entgegen. Ihr Gesicht war noch immer dunkelrot, ihre Augen feucht vor Scham und Reue. Sie war bildhübsch anzusehen.
„Ach, bitte, bitte — seien Sie nicht böse!“ bat sie. „Ich weiss gar nicht, wie mir das herausgefahren ist! Ich hab’ mir gar nichts dabei gedacht!“
„Das weiss ich!“
„Ich hab’ Sie wirklich gern — und nun red’ ich solches Zeug! Bitte — vergessen Sie’s!“
Er nahm ihre Hand. „Das haben Sie ja gar nicht gesagt — sondern Leute, die vor Hunderten von Jahren vor Ihnen gelebt haben. Von denen haben Sie es geerbt und sprechen es nach. Wie sollte ich da böse sein?“
„Wirklich nicht?“
„Nein — wirklich nicht!“
Sie seufzte auf. „Gott sei Dank. Aber ich glaub’s nicht recht!“
„Ich werde es Ihnen beweisen!“ sagte er und kehrte mit ihr zu den anderen zurück. Er begleitete den Major und Yella bis zum Ausgang seiner Wohnung. Als sie dort auf dem Treppenflur standen, drückte Herr von Lützelhardt dem Gelehrten die Hand. „Also nochmals meinen besten Dank. Für alles. Es hat mich sehr gefreut, dass wir uns einmal im Leben begegnet sind.“
Das klang wie ein Abschied. Siegfried Elkan holte Atem. Er sprach unsicher, schnell, ganz anders als sonst. „Vielleicht sehen wir uns wieder ... das ist ja so bequem ... wir wohnen uns ja so nahe. Vielleicht darf ich bei Gelegenheit meinen Besuch machen! Ich würde mich wirklich freuen, Sie wiederzusehen ... und auch Ihr Fräulein Tochter ...“
Der alte Herr war ganz verblüfft. „O gewiss ...“ sagte er, auch seinerseits befangen, mit einem unwillkürlichen Blick auf Yella. „... Ganz meinerseits! Das wird uns sehr angenehm sein — natürlich!“
Yella schaute ihn nicht an, als sie ihm die Hand zum Abschied reichte. Jetzt merkte sie etwas. Stumm stieg sie neben ihrem Vater die Treppe hinab.
Er blieb oben stehen und hörte, wie ihre Schritte verklangen. Und in seinem Ohr tönte etwas anderes nach. Nicht das unüberlegte Wort von dem „Jüdelchen“, das sie zuerst gesprochen — nein, was sie nachher, in einem ganz anderen Ton und mit gepresster Stimme gesagt: „Ich hab’ Sie doch wirklich gern.“
VI
Als die Lützelhardts ihre Wohnung betraten, war Diether von Ottenhöfen schon anwesend. Er pflegte Sonntags da zu Mittag zu essen. Er war wieder in sehr schlechter Laune. Der Agrarier, der das Pferd kaufen sollte, blieb zäh. Es war kein Segen in diesem Handel.
„Wo wart ihr denn?“ frug er den Major, während Yella, auffallend blass und ernst geworden, in ihr Zimmer ging, um Hut und Mantel abzulegen.
„Bei dem Doktor Elkan.“
„Mit der Kleinen?“
„Ja.“
„Das war doch weiss Gott nicht nötig.“
Der vielgeplagte, graue Flottenagitator antwortete ihm nichts. Er setzte sich und stützte müde den Kopf in die Hand. Das war ein Leben: Sorgen und Schulden, Schulden und Sorgen von der Fähnrichszeit bis jetzt zur Mitte der Fünfziger. Und keine Aussicht auf Besserung. Das ging so weiter, bis man ganz verbraucht war und die Not kam. Für sich allein hätte er sich ja mit seiner Pension durchschlagen können, trotz aller Gläubiger. Aber Yella! ... Was wurde schliesslich aus der?
Drüben um die Ecke wohnte ein reicher Mann. Ein guter, gescheiter Mensch. Da könnte man ausruhen.
Siegfried Elkan war Millionär. Er hatte das heute vormittag gesprächsweise von einem Bekannten aus dem Flottenverein gehört. Dieser Gedanke erfüllte den alternden, mürbe gewordenen Herrn mit Sehnsucht. Mit Neid. Während seiner Dienstjahre in kleinen Garnisonen hatte er derlei nie gefühlt. Da sah er um sich wohl hie und da Wohlhabenheit, aber diese Millionenatmosphäre, die mühelos springenden und überall im Tiergartenviertel sich sammelnden Goldquellen hatte er erst kennen gelernt, seit ihn seine Tätigkeit für die Marinevermehrung mit all den verschieden abgestuften oberen Zehntausend Berlins in Berührung brachte.
Einmal die Hände in den Schoss zu legen und von der Hetzjagd der Gläubiger zu rasten, das war schön. Aber er dachte eigentlich nicht an sich. Wer konnte wissen, wie lange er noch lebte? Dann stand Yella ganz allein da, auf das Gnadenbrot der Verwandten angewiesen. Wenn man die wenigstens geborgen wüsste ...
Der blauröckige Herrenreiter räusperte sich und sagte: „Weisst du, wen ich heute ‚Unter den Linden‘ getroffen hab’? Onkel Ottenhöfen.“
„Die alte Exzellenz?“
„Ja. Hat sich bei dem schönen Wetter herausgemacht und kraucht ganz gemütlich spazieren. Fabelhaft zäh! Er ist doch hoch in die Siebzig. Na — ich ging vorbei! Ich hab’ noch von gestern genug! Yella hat dir wohl erzählt ...“
„... Er gibt dir das Kommissvermögen nicht! Lieber Diether — daran hab’ ich nie gezweifelt!“
„Na — jetzt ist’s jedenfalls entschieden! Alles aus!“
„Er hat’s eben nicht!“
„Ach, wenn er zu seinem Freund, dem alten Wendel, aufs Gut ginge! Der ladet ihn doch immer ein, zu ihm zu ziehen, damit er eine Gesellschaft hat. Das ist auch ein alter Witwer und ein alter Knurrhahn — die beiden würden sich den ganzen Tag zanken und selig sein und vorzüglich zueinander passen. Es sind doch sogar Kriegskameraden von 1864—1870.“
„Du kannst es aber niemand verdenken, wenn er seine letzten Lebensjahre nicht bei einem fremden Menschen wohnen will.“ Herr von Lützelhardt nahm Feder und Papier. „Hat dein Bursche nachher Zeit, einen Brief wegzutragen?“
„Gewiss! Noch ’ne Einladung für morgen?“
„Ja — siehst du,“ sagte der alte Herr unbehaglich. „Es ist mit diesem Doktor Elkan — Geld kann ich ihm für seine Kur bei Yella nicht anbieten. Es ist wirklich unmöglich. Und nun hat er mich eben ganz förmlich gebeten, ob er auch weiter bei uns verkehren dürfe ...“
Der Leutnant riss die Augen auf. „Dieser Elkan ... hier ... bei euch ...“
„Nun ja — ich weiss ja auch nicht ...“
Die beiden schauten sich an. Natürlich wussten sie’s. Um mit einem alten, grauen Major ausser Diensten die Zeit zu verplaudern, deswegen begehrte der junge Gelehrte wohl nicht den Eintritt in das Lützelhardtsche Haus.
„Unverschämtheit!“ brummte Diether von Ottenhöfen zwischen den Zähnen.
Yellas Vater tat, als überhöre er das. „Es verpflichtet ja zu weiter gar nichts — aber wir müssen uns doch für die Behandlung revanchieren. Ein Haus mache ich nicht. Nun ist morgen gerade das kleine Fest ...“
„Da soll er dazu?“
„Warum denn nicht? Wir sind doch nur ein paar Menschen. Helmbar, die Immeneich mit ihrem Kadetten, die beiden Sirnitz und der alte Zell und du — die Exzellenz Ottenhöfen geht ja nicht mehr in Gesellschaft — also da kann er doch ganz gut dazu!“
Und wie um sich selbst zu beruhigen oder zu entschuldigen, wiederholte Herr von Lützelhardt: „Das verpflichtet doch weiter in keiner Weise!“
Der Dragoner lachte höhnisch. Sein hübsches, gutmütiges Gesicht war verdüstert. „Na — ich danke! Glaubst du, ich sei blind? Der Mann hat hier gar nichts zu suchen — aber gar nichts!“
„Das ist meine Sache, wer zu mir ins Haus kommt!“
„Schön! Aber ich komme dann morgen nicht! Ich passe nicht in solche Gesellschaft. Und Yella noch viel weniger! Das möchte ich denn doch ganz offen sagen!“
Jetzt erfasste auch den anderen der Zorn, gerade weil er sich innerlich nicht recht wohl bei der Angelegenheit fühlte. „Die Sorge um Yella überlasse gefälligst mir! Bist du ihr Vormund — ihr Erzieher? Man sollt’ es wirklich meinen! Schöne Erziehungsresultate hast du jedenfalls! Was hast du denn aus ihr gemacht, in den letzten zwei, drei Jahren? Einfach ’ne Art Jockey! Weiter kann sie nichts und weiss sie nichts! Eben, wie die Frau Stern sich mit ihr alle Mühe gegeben hat und mit ihr ein gebildetes Gespräch hat führen wollen, war sie scheu und blöde wie ein Fisch. Aber wie’s auf die Pferde ging — der reine Wasserfall! Da wird sie munter!“
„Famos!“ sagte der Dragoner.
„Nein — nicht famos! Schämen muss man sich. Ich hab’ keine Zeit, mich um das Mädel zu kümmern, und du setzst ihr nur Dummheiten in den Kopf. Ihr drittes Wort ist: ‚Diether!‘ Diether hinten und Diether vorn!“
„Hoffentlich!“
„Hoffentlich hast du bisher sagen können, mein Sohn!“ Die Stimme des alten Herrn wurde milder. „Und bisher hab’ ich die Augen zugedrückt, wenn ihr den ganzen Tag miteinander herumgezogen seid. Aber nun, wo Onkel Ottenhöfen endgültig gesagt hat: ‚Nein! Ich geb’ das Geld nicht‘ — ja — es ist gewiss furchtbar hart — aber was soll man machen?“
„Den Kopf oben behalten!“ erwiderte der Rennreiter schroff. „Deubel auch — ich geb’ mich nicht so leicht geschlagen!“
Der Major zuckte die Achseln und vollendete das Schreiben. Dann rief er durch die Türe: „Abrameit!“ und wandte sich an Diether: „Oder verbietest du, dass dein Bursche den Brief besorgt?“
Der Leutnant schnallte sich den Säbel um. „Nee — mit solchen Kleinigkeiten befass’ ich mich nicht. Irgend jemand würd’ ihn ja doch hintragen. Aber höre, Abrameit — wenn der Doktor Elkan dir ein Trinkgeld geben will, dann antworte: Danke. Ich wünschte es nicht!“
„Zu Befehl. Der Herr Leutnant wünschen es nicht.“
Der Litauer machte sporenklirrend kehrt und verschwand.
Sein Herr rüstete sich gleichfalls zum Aufbruch. „Entschuldige mich heute mittag, Onkel! Ich bin nicht in der Stimmung. Ich geh’ lieber!“
„Und wenn ich fort bin, kommst du zurück und verdrehst der Yella wieder ihr bisschen Verstand ganz!“
„Ich werde nicht zurückkommen!“ sagte der Dragoner. „Die Yella — die wollen wir bei der Geschichte lieber ganz aus dem Spiel lassen. Die soll nur ganz harmlos bleiben! Ich hab’ ’ne andere Idee. Eine Überraschung.“
Das beruhigte den Major. „Und wie ist’s mit morgen? Erscheinst du?“
„Bitte — stell es mir frei! Ich muss es mir noch überlegen! Na — Adieu!“
Während er das Zimmer verliess, war er wieder ganz ruhig, beinahe vergnügt, und als er draussen auf der Strasse stand, hatte er einen Gesichtsausdruck wie sonst beim Rennen: listig, verbissen lächelnd und voll Hinterhalt. So nahm er den Säbel in die Linke und schritt in seine Gedanken vertieft davon.
Der Dragoner Abrameit wanderte inzwischen, den schicksalschweren Brief fest zwischen den Zwirnhandschuhfingern seiner Faust, um die Ecke nach der Elkanschen Wohnung. Als er ihn abgab, war Frau Elsa Stern noch bei ihrem Bruder. Der las. Eine flüchtige Röte überzog sein Gesicht. „Es ist gut!“ sagte er. „Meine Empfehlung an den Herrn Major und es würde mir eine Ehre sein, zu erscheinen. Adieu!“
Die schöne Frau war sehr gespannt. „Eine Einladung?“ frug sie, als die Türe sich hinter dem Burschen geschlossen.
„Ja. Zu Lützelhardts!“
„Und da gehst du hin?“
„Warum soll ich denn nicht!“
„O gewiss!“ Sie lächelte unbefangen. „Ce n’est que le premier pas qui coûte!“
Er wurde ärgerlich und wiederholte, was kurz vorher drüben der Major gesagt: „Das verpflichtet doch weiter zu gar nichts!“
„Bitte, gib mir meinen Mantel! Es ist höchste Zeit für mich!“ Die Judith stand auf und neigte die üppigen Schultern dem Schwanenpelz entgegen. Es war Spott in ihren geistvollen, mandelförmigen Schwarzaugen. „Und höre, Siegfried: wir wollen doch ernsthaft miteinander reden. Also du denkst wirklich daran?“
Er gab keine Antwort.
„An sich ist sie ja ganz apart!“ Sie ordnete flüchtig vor dem Spiegel mit der Hand das Haar. „Sehr hübsch, — viel Temperament — auch Anlage zum Chic — nicht einmal dumm, glaub’ ich — vorläufig freilich noch ein bisschen sehr Bohemienne — aber das schleift sich in anderen Lebensverhältnissen ja allmählich von selbst ab ...“
Jetzt lächelte er verstohlen! Er konnte sich genau denken, was in diesem Augenblick in dem schönen morgenländischen Kopf seiner Schwester vorging. Die dachte nun schon daran, wie das beim Fünfuhrtee wirken würde, wenn sie so leicht hinwarf: „Meine Schwägerin, die geborene Freiin von Lützelhardt!“ Und mit der kleinen Lützelhardt kamen die Leutnants in ihr Haus. Ihre treuen Kameraden liessen sie doch wohl nicht im Stich. Es gab buntes Tuch in dem Sternschen Salon — ein bisher von ihr vergeblich erstrebter Glanz — ihre Bälle und Routs erhielten durch goldgestickte Kragen und verschnürte Attilas eine höhere Weihe — es war mit einem Wort ein gewaltiger Schritt aufwärts.
Sie schaute ihren Bruder lange und aufmerksam an und schüttelte das Haupt. „An sich, wie gesagt — warum nicht? Aber dass du das gerade sein sollst — nein — Siegfried! Du bist so anders! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie du dich zwischen diesen Leuten wohlzufühlen vermagst!“
„Gesetzt, es wäre alles wahr, was du da annimmst!“ erwiderte Siegfried Elkan ruhig. „Dann würde ich doch nicht ‚alle diese Leute‘ heiraten, sondern ein einzelnes Mädchen!“
„Aber die gehört doch dort hinein. Das ist ihr Boden. Irgend etwas muss der Mensch doch unter den Füssen haben. Bei uns willst du nicht bleiben! Unsere Kreise passen dir nicht. Also musst du hinüber in das andere Lager, mit Haut und Haar. Da drüben können sie sich auch nicht anders machen, als sie sind. Wir sind eine zähe Rasse — aber die sind’s auch! Da heisst’s für dich: Ganz oder gar nicht! Ganz so werden wie die, kannst du nicht. Also nimmt es kein gutes Ende!“
Ihr Bruder zuckte die Achseln. „Du sprichst, als wäre das da drüben ein wildes Land!“
„Du und die Rang- und Quartierliste! Das reimt sich nicht!“ Die schöne Frau legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich bin doch nicht dumm, Siegfried! Wir sind’s alle nicht! Du hast deine Büchergelehrsamkeit. Aber ich habe in den Fingerspitzen ein Gefühl für die wirklichen Dinge. Und darum glaub’ mir: Ein weltfremder Philosoph und Arzt von jüdischer Herkunft wie du und dies Altpreussentum drüben — das passt zusammen wie Feuer und Wasser. Tu mir den Gefallen: Schreib ab! Verreise auf ein paar Tage. Dann liegt’s hinter dir!“
„Ich gehe hin!“ sagte Siegfried Elkan.
„Also tu, was du nicht lassen kannst!“ Sie rauschte in ihrer knisternden Seide hinaus. Er blieb am Fenster stehen und schaute nach, wie sie einstieg und der Wagen lautlos und schnell auf seinen Gummirädern nach der Tiergartenstrasse rollte. Allmählich begann es zu dämmern. Um ihn war die tiefe Ruhe des Berliner Sonntags. Nichts rührte sich. Und er dachte sich: Schlafe ich oder wache ich? Manchmal war es ihm, als träume er das alles, was seit gestern um diese Zeit geschehen, und schritte im Traume weiter und immer weiter in das seltsame Abenteuer hinein, mit klopfendem Herzen und quälend beengter Brust, aber ohne stillzustehen. Er musste vorwärts. Er musste.
In dem Zimmer mit den Flottenplänen, in das seine Gedanken ihn trugen, brannte schon die Lampe. Der alte Herr von Lützelhardt sass da und rechnete in seinen Tabellen. Aber er verrechnete sich häufig. Dann schob er die Blätter zurück und seufzte tief auf. Ihm war auch nicht wohl zu Mut.
Im Nebengemach seufzte es zuweilen auch und das alte Kanapee knarrte. Yella kauerte müssig darauf, den Kopf in die Hand gestützt, und schaute in die Finsternis. Da stieg allerhand vor ihren Augen und verschwand. Und eines sah sie immer wieder, gegen ihren Willen, mit weinerlichem Grauen. Eine Visitenkarte. Und auf der stand: Frau Yella Elkan, geborene Freiin von Lützelhardt. Frau Elkan —! O Gott — o Gott — nein — das war unmöglich. Sie schämte sich des Gedankens vor sich und vor Diether, und malte sich aus, wie schön es sein würde, wenn irgendwo, in der kleinsten Garnison, im entlegensten Neste, in Lothringen oder der Wasserpolackei, meinetwegen sogar beim Train, die Freifrau Yella von Ottenhöfen, geborene Freiin von Lützelhardt, leben möchte.
Aber diese arme, kleine, vergnügte Freifrau kam eben nicht zu stande! Sie blieb ein Hirngespinst. Es wurde ja nichts daraus. Es war ja keine Hoffnung mehr, seit die alte Exzellenz „Nein“ gesagt. Sie blieb in Berlin, und die Jahre gingen hin, und Diether musste zu seinem Regiment zurück, und sie sahen sich nicht mehr, und wenn sie sich wieder sahen, dann erschrak er: Sie, die hübsche Lützelhardt, war eine alte Jungfer geworden ...
Papa war dann wohl auch schon hinüber. Dann steckte man sie aufs Land, in den Anbau hinten am Majoratsschloss. Da hausten immer ein, zwei alte Fräulein, weil ihr Gnadenbrot der Familie da nichts kostete, und kein Mensch wusste, wozu sie eigentlich auf der Welt waren, und sie selbst am wenigsten.
Die Frau Yella Elkan aber, die hätte inzwischen ihr Leben genossen, in vollen Zügen. Zu einem bestimmten Bilde reichte die Phantasie der kleinen Turfzigeunerin nicht aus. Es schwebte ihr nur so vor: Die Riviera mit Palmen und dem blauen Meer, Paris und Toiletten und die Boulevards, und wunderschöne eigene Pferde und ein eigenes Haus in Berlin und ein eigenes Gut in der Mark. Dort konnte Papa sorgenfrei seine Tage verleben. Vielleicht kam auch Diether auf Urlaub hin. Nein! — sie erschrak. Darauf liess sich Diether nicht ein! Der war nicht so! Sie kannte ihn. Dann war es aus zwischen ihnen für immer.
Der arme Diether! Sie presste die Hände ineinander und bat ihn reuevoll in Gedanken um Verzeihung.
Das konnte sie ihm nicht antun. Aber was machen?
O Gott — Frau Elkan! Diether tat ihr so leid und sie sich auch. Sie begann leise vor sich hinzuschluchzen, dann immer mehr und mehr bis zu einem stillen Landregen, und der alte Herr im Nebenzimmer, der es hörte, holte wieder tief Atem und schüttelte gramvoll den Graukopf.
VII
Pünktlich auf die Minute stellte sich am nächsten Mittag um zwei Uhr Doktor Siegfried Elkan in der Lützelhardtschen Wohnung ein, in schwarzem Gehrock und schwarzer Binde zu Ehren der Schlacht an der Hallue. Er war der erste Gast. Aber als er in das Zimmer trat, glaubte er dort schon einen Fremden zu treffen. Er erkannte den Major anfangs kaum wieder. Der hatte heute die alte Regimentsuniform angelegt. Das war nicht mehr der gebeugte und gealterte Geschäftsmann des Wochentags — das war wieder der preussische Stabsoffizier mit straffen Bewegungen und kurzer Sprache. Den Vollbart hatte er sich stutzen und spitz zuschneiden lassen. Er schien um zehn Jahre jünger.
Auch sein Benehmen war anders, leutselig und laut, dank dem Halt der Uniform. Aber durch das beinahe Gönnerhafte seines Wesens schimmerte die Verlegenheit hindurch. Siegfried Elkan glaubte zu fühlen: Der hat dich zu rasch eingeladen — in der ersten Eingebung des Augenblicks. Jetzt hat er es beschlafen und hat Sorge, wie dies Fest und du zueinander passen!
Yella erschien. Sie hatte sich sehr hübsch gemacht, in einem dunklen Kleid mit kleinem viereckigem Ausschnitt, aber sie sah sehr blass und auffallend ernst aus, viel mädchenhafter als sonst, und in der Art, wie sie ihm ihre kühle Linke reichte, war nicht mehr der feste kameradschaftliche Händedruck von gestern, sondern scheue Zurückhaltung.
„Mein Arm ist wieder fast gut!“ sagte sie schnell, seine Frage abschneidend, und schwieg dann und schaute im Zimmer umher, ob da nichts vergessen sei. Aber da war alles aufgeräumt, kahl und in Ordnung, wie auf dem Exerzierplatz.
Die Stille war beklemmend. Endlich hob Yella an: „Papa — kommt Diether nun oder kommt er nicht? Abrameit muss es doch wissen, wegen dem Tischdecken.“
„Ich habe keine Ahnung, mein Kind. Er ist gestern weg und hat seitdem nicht mehr für nötig befunden, ein Lebenszeichen von sich zu geben.“
„Aber ein Gedeck kann man doch immerhin auflegen?“
„Meinetwegen!“
„Vielleicht hat Ihr Herr Vetter Dienst!“ sagte Siegfried Elkan zu Yella, nur um etwas zu sagen. Sie schüttelte den Kopf. „Nein — um die Zeit nicht!“
Wieder eine Pause. Dann schrillte draussen die Glocke. Alle drei atmeten innerlich auf. Das war der nächste Gast. Man hörte die Stimmen im Flur.
Es trat ein hochgewachsener alter Herr in Uniform ein, mager und elastisch von Gestalt wie ein Fähnrich, aber mit langem grauem Schnurrbart, und eine kleine Dame in den Vierzigern. Er begrüsste unbefangen den Major und Yella und nannte beide „du“. Dann stutzte er plötzlich. Nur einen Moment. Gleich darauf war die gesellschaftliche Haltung wieder da und Herr von Lützelhardt stellte mit unsicherer Stimme vor: „Herr Doktor Siegfried Elkan. — Oberst zur Disposition von Sirnitz, Frau von Sirnitz.“
„Es ist meine Tante,“ sagte Yella halblaut hinter dem Gelehrten. „Eine Schwester meiner Mutter. Eine geborene Gräfin Waldkirch.“
Es klang wie eine Entschuldigung. Und in der Tat: Frau von Sirnitz machte ein merkwürdiges Gesicht, ganz im Gegensatz zu ihrem schnell gefassten Gatten. Und der Hausherr setzte rasch und erläuternd hinzu: „Der Herr Doktor hat Yella behandelt. Sie ist vorgestern wieder einmal vom Pferd gefallen.“
Darüber wunderte sich niemand. Das war man bei der kleinen Lützelhardt gewöhnt.
Die Türe ging wieder auf. Frau von Immeneich, eine verwitwete Cousine des Majors, erschien mit ihrem Sohn, einem Lichterfelder Kadetten. Wieder die lebhafte Begrüssung der Anwesenden, wieder beim Anblick des blassen jungen Fremdlings im schwarzen Zivil dies unwillkürliche Stutzen und wieder die Erklärung des Gastgebers: „Yella ist vorgestern vom Pferd gefallen und der Herr Doktor hat sie behandelt!“
Der nächste Gast, der kam, trug Bürgerkleid, einen stramm anliegenden, seltsam geschnittenen schwarzen Rock und ganz enge, dunkle Beinkleider mit Stegen, aber es war auch ein Militär, ein alter Kriegskamerad von 1870, Hauptmann a. D. von Helmbar.
Der alte Junggeselle zuckte leicht zusammen, als er Siegfried Elkans ansichtig wurde. Aber die gesellschaftliche Erziehung siegte. Er verbeugte sich tief und förmlich und sprach kein Wort. Seine gute Laune war dahin.
Abermals öffnete Abrameit die Türe. Leutnant von Ottenhöfen, ein Bruder Diethers, von der reitenden Feldartillerie, und seine rosige junge Frau erschienen, abermals mitten im fröhlichen Gutentagsagen dasselbe Stutzen und Schweigen, dieser unbewusste Blick der Befremdung, abermals das stehende Begleitmotiv des Majors: „Yella hat sich wieder einmal die Hand verrenkt. Der Herr Doktor hat sie kuriert!“
Die jungen Ottenhöfens waren vergnügte Leute. Sie neckten Yella, was sie für eine schlechte Reiterin sei. Aber die zuckte nur gleichgültig die Achseln. Ihr war nicht zum Spassen zu Mut.
Sie trat zu Siegfried Elkan, im Bewusstsein ihrer Hausfrauenpflicht. Sie fühlte, dass er sich hier ganz einsam und verlassen vorkommen musste, und ärgerte sich im stillen über ihren Vater, der plötzlich den Mut verloren hatte und immer wieder jedem einzelnen bei der Vorstellung erklärte, weswegen auch dieser Gast anwesend sei.
Die Stimmung — das merkte sie wohl — war anders wie sonst. Keiner ging recht aus sich heraus. Die Damen sassen im Nebenzimmer beisammen, die Herren standen in einer Gruppe am Ofen, und der Kadett ging an den Wänden entlang und schaute, wenn er sich unbeobachtet glaubte, immer wieder mit grossen Augen auf das Wundertier aus dem Zivil, den Doktor Siegfried Elkan.
„Jetzt kommt nur noch ein Gast!“ sagte Yella zu dem Arzt, als es draussen wieder klingelte. Sie war selbst schon ganz aufgeregt und ängstlich. Es war ihr, als ginge schon ein Ahnen durch die Wohnung und man fange an zu merken, um was es sich eigentlich handelte — sie dankte innerlich ihrem Schöpfer, als der Major z. D. und Bezirkskommandeur von der Zell eintrat, ein jovialer und geräuschvoller Herr, der eigens aus seinem kleinen märkischen Flecken nach Berlin gekommen war.
Aber auch die gute Laune des rundlichen Bezirkskommandeurs vermochte nicht über die allgemeine Zurückhaltung hinwegzuhelfen. Das Gespräch sickerte mühsam wie ein Bächlein im Sande. Siegfried Elkan wurde hinein verwickelt. Als höfliche Leute richteten alle wenigstens einmal das Wort an ihn, und alle mit derselben Frage: „Es war doch nichts Gefährliches mit Fräulein von Lützelhardt?“ Und wenn er dann antwortete: „Nein — gar nicht!“ — dann erfolgte wohl noch ein „Sie wohnen gewiss hier in der Nähe?“ und auf seine abermalige Bejahung ein Räuspern und Stillschweigen. Man wusste keinen weiteren Anknüpfungspunkt mehr.
Der Hausherr sah auf die Uhr. Es war vom Burschen gemeldet, dass das Essen angerichtet sei. „Zu Tisch, wenn ich bitten darf. Auf Diether warten wir nicht. Herr Doktor Elkan — wollen Sie, bitte, meine Tochter führen! Du, lieber Sirnitz, führst ...“
Da trat Diether von Ottenhöfen ein, etwas erhitzt und ausser Atem, aber ganz munter. „Verzeih, Onkel! Ich hab’ mich etwas verspätet. Ich hatte etwas sehr Wichtiges vor!“
„Natürlich. Deine Pferde!“ Der Major war sehr kühl. „Also bitte ... leg ab!“
Der Dragoner verbeugte sich gegen die Damen, begrüsste die männlichen Verwandten und trat dann vor den einzigen wirklichen Zivilisten in diesem Zimmer.
„Von Ottenhöfen!“
„Doktor Elkan.“
Das waren wahrscheinlich die ersten und letzten Worte, die diese Männer hier auf Erden miteinander zu wechseln hatten. Siegfried Elkan wusste ja genau, dass der Leutnant im blauen Rock, der jetzt hinausging, um nun erst, nach Armeebrauch, Helm und Säbel im Flur zu lassen, sein Nebenbuhler und folglich sein Todfeind war. Ein Vorgefühl, das seit gestern schon ein paarmal in ihm aufgetaucht war, kehrte wieder. Er dachte sich, dass dieser Ottenhöfen zur Waffe greifen würde, um seine Ansprüche zu wahren! Er würde ihn unter irgend einem Vorwand fordern! Und der Gelehrte war bereits entschlossen, diesen Zweikampf zu bestehen! Gerade als grundsätzlicher Duellgegner!
Yella schien etwas ähnliches zu fürchten. Sie war mit ihrem Vetter hinausgeschlüpft. Draussen fasste sie ihn ängstlich und erregt am Rockknopf. „Um Gottes willen, Diether, mache heute keine Geschichten!“
„Geschichten — wieso?“
„Fang keinen Streit mit dem Doktor an!“
„Liebe Yella!“ sagte der Dragoner gelassen. „Ich bin hier zu Gast. Er auch. In geordneten Häusern gibt es keinen Streit zwischen Gästen. Das wäre Mangel an Erziehung. Und wenn ich auch sonst nichts hab’ — ‚Kinderstube‘, denk’ ich, habe ich!“
Sie war beruhigt. „Also dann komm herein, Dietherchen!“ sprach sie versöhnlich und schmiegte sich an ihn. „Und sei lieb. Mir ist so bang zu Mut!“
„Mir nicht!“ Der Herrenreiter lachte und erschien wieder im Zimmer. „Also nochmal: Entschuldige, Onkel! Ich habe eine Überraschung für heute vorbereitet. Das nahm einige Zeit in Anspruch.“
Der Major sah seinen Neffen scharf an und schüttelte zweifelnd den Kopf. Aber Diether wiederholte kaltblütig: „Eine Überraschung für dich, Onkel!“
„Und eine angenehme?“
„Ich denke wohl!“
„Und wann?“
„Bald. Aber nun sag’ ich kein Wort mehr!“
Es entstand eine Pause. Die anderen, namentlich die Damen, brannten vor Neugier, mehr zu erfahren. Aber sie getrauten sich nicht, weiter zu fragen, und so setzte man sich denn zu Tisch. Vorher betete man stumm, die Hände über der Stuhllehne gefaltet, dann trug Abrameit, der Litauer, in einer ganz neuen, rot- und weissgestreiften Leinwandjacke steckend, die Suppe auf, und das Mahl begann.
Ein einsilbiges Mahl. Es lag Meltau über der Feststimmung. Über die Hundertdreiundneunziger wurde hin und her gestritten, in die ein Verwandter der Familie versetzt war, über die Truppenteile, aus denen dies neue Regiment sich formiert hatte — aber man war nicht recht bei der Sache. Die Gegenwart des Fremden störte. Diese pensionierten alten Herren waren gewohnt, wenn sie ganz unter sich waren, rücksichtslos über alles, was die Armee betraf, bis hoch hinauf, ihren Unmut kundzugeben. Jetzt hielten sie ihre Zunge klüglich im Zaum und schlürften stirnrunzelnd ihren Mosel.
Und auch Yella wagte kaum ein Wort mit ihrem Nachbar zu reden. Wenn sie nur den Mund auftat, wendeten sich sofort alle Blicke auf sie und Siegfried Elkan, der auch stumm dasass. Er war ein sich schon der Berühmtheit nähernder Gelehrter, viele Quellen der Wissenschaft waren ihm erschlossen, aber zur Naturgeschichte der Hundertdreiundneunziger wusste er nichts beizutragen.
Nach der Suppe hob der Major sein Glas. Alles stand auf. Er sagte kurz und einfach: „Meine Herrschaften: nach altem preussischem Brauch: Seine Majestät der Kaiser und König, unser allergnädigster Kriegsherr, hurra — hurra — hurra!“
Siegfried Elkan hörte neben sich Yellas helles, überzeugungsvolles Hurra. Während er sich setzte, fing er einen seltsamen Blick des Leutnants Diether ihm gegenüber auf und dachte sich: „Nun ja, wer ist denn mein ‚Kriegsherr‘? Ich hab’ ja nie gedient.“
Nun kam die eigentliche Festrede. Der ernste, hochgewachsene Oberst von Sirnitz hielt sie zur Erinnerung an die Schlacht an der Hallue, an deren Abend Edwin von Manteuffel selbst dem damaligen Leutnant von Lützelhardt vom Pferde herab die Hand gereicht und ihn zum Eisernen Kreuz erster Klasse vorgeschlagen hatte. Das war ein böser Tag vor Weihnachten! Das weite winterliche Feld tauchte wieder vor den Blicken dieser alten Kämpen auf, der Rückzug der geschlagenen französischen Nordarmee, die bitterkalte Nacht, die jede Verfolgung lähmte. Sie hatten diese Rede schon oft gehört. Die Namen, die darin wiederkehrten, Amiens, der General Faidherbe, Arras, die Festung Péronne, waren selbst den Damen altvertraut. Aber als Herr von Sirnitz nun schloss: „Die Kämpfer an der Hallue — hurra! hurra! hurra!“ — da klang der Ruf so kräftig wie nur je durch die stille Gartenwohnung der Lützowstrasse.
Und wieder schaute Leutnant Diether von Ottenhöfen zu Siegfried Elkan herüber, und wieder dachte der: „Er hat recht. Vorgestern hab’ ich noch nicht gewusst, dass je eine Schlacht an der Hallue stattgefunden hat, und heute lasse ich die Kämpfer an der Hallue leben! —“
Das war eine Höflichkeit. Weiter nichts. Niemand konnte das anders auffassen. Dabei beruhigte er sich. Aber die gestrigen Worte seiner Schwester fielen ihm ein. Jawohl: diese Welt hier kannte keinen Kompromiss. Man musste ganz in ihr aufgehen oder sie fliehen.
Die Unterhaltung um ihn war lebhafter geworden. Man sprach wieder von der Schlacht an der Hallue. Yella und die anderen Damen schwiegen und hörten aufmerksam zu. Siegfried Elkan lehnte sich zurück. Er kam sich wie ein Traumwandler vor in dieser seltsamen Atmosphäre von Pulverdunst und leisem Kampfergeruch, der ein oder zwei lange im Schrank aufbewahrten Uniformen entstieg, in diesem Blinken des Winterlichts auf bunten Waffenröcken, diesem Lachen und einander Zutrinken alter Haudegen.
Diether von Ottenhöfen schaute verstohlen unter dem Tisch auf die Uhr, und Yella, die es wohl bemerkte, rief ihm hinüber: „Diether — wann kommt die Überraschung?“
„Jetzt gleich!“
Es wurde still in der Runde.
Und zugleich klang draussen die Glocke. Man hielt den Atem an. Es war ein Hüsteln im Flur, dann die Stimme Abrameits laut und stramm: „Zu Befehl!“
Der Litauer erschien in der Türe, schlug klirrend die Sporen zusammen und meldete feierlich: „Seine Exzellenz Herr Generalleutnant von Ottenhöfen!“
Alles sprang auf. Herr von Lützelhardt eilte hinaus, dem unerwarteten Gast entgegen. Das war der Gewaltige dieses kleinen Familienkreises. In seiner Hand lag Regen und Sonnenschein. Die meisten Verwandten hatten ihn schon lange nicht mehr gesehen. Bei seinem hohen Alter und seiner Kränklichkeit ging er kaum mehr aus und nahm nur selten Besuche an.
„Das ist meine Überraschung!“ sagte inzwischen Diether. „Wie es dem Onkel in letzter Zeit besser ging und ich ihm gestern sogar auf der Strasse begegnete, da lief ich heute zu ihm hin und stellte ihm vor, wie es uns alle freuen würde, wenn er doch einmal wieder in unsere Mitte käme, gerade heute, zu dem festlichen Anlass. Na — endlich versprach er es. Aber erst nach Tisch. Punkt drei. Da ist er nun, auf die Minute!“
Im Türrahmen zeigte sich ein vom Alter gebeugter, auf einen Krückstock gestützter kleiner Herr, unscheinbar, in abgetragenem schwarzem Röckchen. Sein verschrumpftes, kleingewordenes Gesicht, aus dem einzelne weisse Schnurrbarthaare emporstanden, war immer noch streng und die Augen blickten scharf.
Er nickte den Anwesenden zu und klopfte dem Jüngsten, der sich dienstlich bei ihm meldete: „Kadett von Immeneich auf Weihnachtsurlaub in Berlin!“ auf die Schulter. „Na — da seid ihr ja alle. Aber wo steckt denn die kleine Lützelhardt?“
The free sample has ended.