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Roy Rockwood

Bomba am Ende einer Spur

Band 9


Inhaltsverzeichnis

Etwas aus Bombas Leben

1 Zum Sprung geduckt

2 Eine verzweifelte Schlacht

3 Ein aufregendes Schauspiel

4 Der Vorhang fällt

5 Der Pfad ins Ungewisse

6 Die unterirdische Höhle

7 Ein unheimlicher Feind

8 Um Haaresbreite

9 Der Feuersee

10 Quälender Durst

11 Die drängende Flut

12 Im unterirdischen Labyrinth

13 In Todesgefahr

14 Eine gefährliche Brücke

15 Die Kassette

16 Gefährliche Spuren

17 Dem Feind auf den Fersen

18 Im Handgemenge

19 Eine wagemutige Rettung

20 Die tote Stadt

21 Die Riesenfledermaus

22 Begegnung im Urwald

23 Endlich gefunden

24 Enthüllungen

25 Wichtige Erkundung

26 Am Ziel

27 Wiedersehen und Wiedererkennen

28 Am Vorabend der Schlacht

29 Vater und Sohn

30 Die Kopfjäger greifen an

31 Vor einem neuen Lebensabschnitt

Etwas aus Bombas Leben

Wer Bomba bei seinen Abenteuern im Dschungel begleitet hat, wird sicher mehr von diesem interessanten Jungen erfahren wollen. Am besten stellen wir Bomba also vor, ehe seine neuen Erlebnisse beginnen.

Bomba ist vierzehn Jahre alt. Soweit er sich zurückerinnern kann, hat er im südamerikanischen Dschungel des Amazonasgebietes gelebt. Sein einziger Gefährte und Beschützer war ein alter Naturforscher, Cody Casson, der sich in ein weit abgelegenes Gebiet des Amazonas-Dschungels zurückgezogen hat, um ganz seinen Forschungen zu leben.

Als Bomba das Alter erreicht hatte, in dem er mehr von seiner Herkunft zu erfahren wünschte, zog sich Cody Casson bei der Explosion eines Gewehres eine Kopfverletzung zu, durch die seine Gedächtniskraft geschwächt und später fast zerstört wurde. Von diesem Zeitpunkt an lastete die Verantwortung für den Lebensunterhalt auf Bomba.

In einem Alter, in dem andere Jungen ruhig und behütet bei ihren Eltern aufwachsen und die Schulbank drücken, musste sich Bomba mit den Gefahren und Härten des Dschungellebens vertraut machen. Seine strengen Lehrmeister waren die Erfahrung und die Not. Bald lernte Bomba die Weisheiten und Gesetze des Dschungels kennen, die es immer zu beherzigen galt. Er lernte die vielen Kampftricks, die Technik von Angriff und Verteidigung bei der Begegnung mit Raubtieren und Schlangen.

Seine schulmäßige und geistige Erziehung ließ natürlich zu wünschen übrig, da Cody Casson nicht mehr in der Lage war, den einmal begonnenen Unterricht fortzusetzen. Wie ein junger Indianer wuchs Bomba im Dschungel heran. Auch äußerlich unterschied er sich wenig von den Eingeborenen. Seine Haut war dunkel gebräunt. Er trug einen Eingeborenenschurz und das Fell eines erlegten Pumas. Seine Waffen waren Pfeil und Bogen, die Machete und — als kostbarster Besitz — ein fünfschüssiger Revolver. Die Schusswaffe hatte er von zwei Weißen geschenkt bekommen, denen er bei einem nächtlichen Angriff von Jaguaren das Leben gerettet hatte.

Äußerlich glich Bomba also in vielen Dingen einem Indianer, und doch unterschied er sich in wesentlichen Anzeichen von den Eingeborenen. Er hatte eine gerade Nase und kastanienbraunes, welliges Haar. Die hellbraunen Augen leuchteten freundlich und oft mit einem Schimmer von Melancholie, denn die Einsamkeit machte Bomba zu schaffen. Je älter er wurde, desto mehr drängte sich ihm die Erkenntnis auf, dass er kein eingeborener Dschungelbewohner war. Sein Wunsch, etwas über seine Herkunft zu erfahren, wurde immer stärker.

Das einzige, was als Erinnerung an die Vergangenheit hin und wieder in Cassons Gedächtnis auftauchte, waren die Namen ‚Bartow’ und ‚Laura’. Aber der alte Naturforscher vermochte nie mit Bestimmtheit zu sagen, ob das die Namen von Bombas Eltern waren.

Im ersten Band — Bomba der Dschungelboy — wird erzählt, wie Bomba zwei weißen Gummisuchern das Leben rettete, wie er mit Raubtieren des Dschungels kämpfte, wie die Wohnhütte von Kopfjägern belagert wurde und wie ihm schließlich seine Freunde unter den Urwaldtieren zu Hilfe eilten und ihn befreiten. In einem Augenblick der Klarsicht erfuhr Bomba von seinem alten Gefährten, dass er weitere Kunde über seine Herkunft von Jojasta, dem Medizinmann des ‚Laufenden Berges“, erhalten könnte.

Im zweiten Band — Bomba im Berg der Feuerhöhlen — machte sich Bomba auf die weite und gefahrvolle Reise zum ‚Laufenden Berg“. Unterwegs rettete er eine weiße Familie vor den Kopfjägern und schloss Freundschaft mit dem gleichaltrigen Frank Parkhurst. Als Bomba schließlich nach Überwindung schlimmer Gefahren den Raufenden Berg“ erreicht hatte, erfuhr er vom sterbenden Jojasta nur, dass Sobrinini, die Hexe von der Schlangeninsel, ihm nähere Auskunft über seine Eltern geben könnte.

Nur stückweise vermochte Bomba also das Geheimnis seiner Herkunft zu lüften. Im dritten Band — Bomba am Großen Katarakt — fanden wir den Jungen dann auf dem Wege zur Schlangeninsel. Unterwegs geriet er in die Hände der Kopfjäger, und auch Casson und deren Pflegerin Pipina waren gefangengenommen worden. Nach der gelungenen Befreiung suchte Bomba die Schlangeninsel auf — doch wieder erhielt er ungenügende Auskunft. Bomba erfuhr bei diesem aufregenden Erlebnis auf der Schlangeninsel von Sobrinini nur, dass Japazy, der Herrscher auf der Jaguar-Insel, ihm mehr von seiner Herkunft berichten könnte.

Im vierten Band — Bomba auf der Jaguar-Insel — erlebten wir mit Bomba den Wirbel der Ereignisse, der Gefahren und Abenteuer bei der beschwerlichen Suche nach Japazy. Eine grauenhafte Naturkatastrophe machte der Reise ein vorzeitiges Ende.

Noch einmal finden wir Bomba im fünften Band — Bomba in der versunkenen Stadt — auf der Fährte des geheimnisumwitterten Japazy. In der untergegangenen Stadt mit den goldenen Türmen kreuzen sich die Wege der beiden. Glück und Mut befreien den Dschungelboy aus einer aussichtslos erscheinenden Lage. Dabei fallen Juwelen und Diamanten von unschätzbarem Wert in Bombas Besitz.

Im sechsten Band — Bomba auf düsterer Fährte — finden wir Bomba auf der beschwerlichen Wanderung zur Maloca der befreundeten Araos. Tagelange unterirdische Wanderungen mit allen Schrecknissen dunkler Grüfte und Höhlen muss Bomba überstehen, ehe er nach einer verhängnisvollen Begegnung mit Kannibalen schließlich mit seinen Gefährten das Dorf erreicht.

Der siebente Band — Bomba im Sumpf des Todes — bringt die Begegnung mit Forschern, die Cody Casson untersuchen und feststellen, dass nur das Gift einer Blume den alten Mann heilen könnte. Die ‚Blume des Todes’ wächst in einem von Eingeborenen als heilig verehrten Sumpfgebiet, das kein anderer betreten darf. Bomba und die Forscher wagen es dennoch, in das Gebiet einzudringen und die kostbare Pflanze in das Dorf zu bringen. Die Heilung des alten Casson macht bald gute Fortschritte.

Im achten Band — Bomba im Tal der Schädel — gerät Bomba in die Gewalt des habgierigen Mendoza, als er Pirah, die Häuptlingstochter der Araos, aus der Gefangenschaft befreien will. Mendoza gibt sich als Bombas Vater aus, um den Jungen für sich einzunehmen, aber Bomba erfährt bald die Wahrheit, und es gelingt ihm, durch einen Aufstand die Gewaltherrschaft des Mannes zu brechen, der die Eingeborenen als Sklaven in seiner Gummiplantage ausbeutet. Siegreich kehrt er mit den Befreiten zu den Araos zurück. Doch erst die Ereignisse des vorliegenden Bandes bringen ihn zum Ziel seiner Wünsche.

1 Zum Sprung geduckt

Es war eine seltsame Gruppe, die plötzlich auf die friedliche Dschungellichtung trat. Die beiden sichernden Indianer passten noch am besten in diesen unberührten Urwald des Amazonasgebietes, aber schon der große, kräftige Junge mit der bronzefarbenen Haut und den braunen Locken bildete einen seltsamen Kontrast zu seinen beiden Begleitern Gibo und Neram. Viel ergreifender jedoch wirkte die zarte Gestalt der alten Frau, die als letzte die Lichtung betrat. Sie trug ein zerschlissenes, buntes Gewand, das mit vielen flatternden Bändern umgeben war, und in ihren einstmals schönen Augen flackerte das Licht des Wahnsinns. Als Bomba, der Führer der kleinen Gruppe, jetzt die Hand hob, blieben alle erwartungsvoll stehen.

„Das wäre ein guter Platz zum Rasten“, sagte der Junge. „Wir haben einen weiten Weg hinter uns.“

„Einen weiten und einen heißen Weg“, bestätigte Gibo, und er warf mit einem erleichterten Seufzer seine Kriegskeule ins Gras. „Was stehst du da und zählst die Affen, die an den Lianen baumeln! Hilf mir lieber, Neram!“, wandte sich der große, stämmige Indianer an seinen Gefährten. „Bomba ist hungrig; wir müssen Feuer machen und Fleisch rösten. Es gibt genug zu tun — auch für dich.“

Sobrinini, die ehemalige machtvolle Herrscherin der Schlangeninsel, machte in diesem Augenblick eine ungeduldige Geste.

„Nicht ruhen und nicht rasten — nicht ruhen wollen wir, bis ich bewiesen habe, dass ich die Wahrheit spreche.“

„Ich glaube dir, Sobrinini“, sagte Bomba besänftigend. „Aber du brauchst Ruhe, sonst kannst du die Strapazen der Wanderung nicht länger ertragen und wirst uns krank, ehe wir am Ziele sind.“

Sobrinini warf dem Jungen einen merkwürdigen Blick zu, und ein schmerzliches Zucken glitt über ihr verwittertes, runzliges Gesicht.

„Das Ende der Reise wird schneller für mich kommen, als du glaubst, Bomba!“

„Wie meinst du das?“, sagte der Junge, denn er kannte die Fähigkeit der alten, hexenartig aussehenden Frau, zukünftige Geschehnisse vorauszusagen.

„Mehr kann auch ich dir im Augenblick nicht sagen“, murmelte die Alte. „Aber das Ende wird kommen — bald wird es kommen.“ Ihre Worte wurden zu einem irren Flüstern und Kichern. „Wenn ich nur meine Lieblinge bei mir hätte — meine Lieblinge von der Schlangeninsel, meine glatten, kalten Lieblinge mit den schmalen Köpfen. Sie würden mir sagen, was geschieht. Sie haben mir immer alle Geheimnisse der Zukunft verraten.“

Die Hände der Alten griffen nach den Bändern, die um ihren schmalen Gürtel flatterten, und ließen sie liebkosend durch die Finger gleiten, als wären es lebende Schlangenleiber, die sich zischend und züngelnd unter ihrem Griff wanden. Es war ein unheimlicher Anblick, und Bomba wurde an jene schreckliche Nacht erinnert, in der er vor langer Zeit auf der Schlangeninsel gelandet war und aus seiner Deckung zugeschaut hatte, wie Sobrinini inmitten einer Brut von Hunderten von Schlangen ihren unheimlichen Tanz vollführt hatte. Audi Gibo und Neram starrten die Alte entsetzt an; der abergläubische Gibo flehte im Flüsterton einen seiner Lieblingsgötter an, während Neram furchtsam einige Schritte zurückwich, um nicht von dem Zauberbann der alten Schlangenbeschwörerin berührt zu werden.

„Azra, mein Liebling“, kreischte die Alte und hielt eines der Bänder an ihre welke Wange, als wäre es ein Schlangenkopf. „Azra, mein Liebling, sage mir, was die Zukunft bringt!“ Sie neigte den Kopf zur Seite, als ob sie lauschte. Ihr graues, strähniges Haar fiel dabei über ihr Gesicht, und die brennenden Augen funkelten wir Irrlichter unter diesem Vorhang von Haaren hervor.

„Azra hat gesprochen!“, verkündete sie dann mit schriller Stimme. „Das Ende der Reise kommt — es kommt auf vier Füßen — auf acht Füßen — auf zwölf Füßen!“

„Was für einen Unsinn sprichst du da, Sobrinini“, sagte Bomba. „Iss jetzt etwas mit uns und denke nicht mehr an deine Schlangen. Wir werden rasten, bis die Mittagshitze vorüber ist, und dann wandern wir weiter — und du kannst mir das Versteck der Stahlkassette zeigen.“

Gehorsam ließ sich die Alte neben dem Feuer niedersinken, und Bomba setzte sich ebenfalls hin. Der gefällige, dienstbereite Neram reichte dem Jungen ein gut durchgeröstetes Bratenstück, aber Bomba aß nicht eher, als bis auch Sobrinini und seine beiden Indianergefährten ihren Anteil an der Mahlzeit bekommen hatten.

Während Bomba aß, ließ er seinen Blick immer wieder mit einem Ausdruck besorgter Grübelei über das Gesicht der alten Hexe von der Schlangeninsel gleiten. Ihr neuer Wahnsinnsausbruch hatte ihn verwirrt und bekümmert. Seit Beginn der Reise war Sobrinini verhältnismäßig vernünftig gewesen, und er hatte gehofft, dass dieser erfreuliche Zustand von Dauer sein würde. Denn Sobrinini war es, die den Schlüssel zum Geheimnis von Bombas Vergangenheit in den Händen hielt. Nur sie konnte ihn zu dem Platz führen, an dem er mehr von seinen Eltern erfahren würde. Nur sie hatte Bartow und Laura — seinen Vater und seine Mutter — persönlich gekannt.

Zögernd beugte sich Bomba am Ende der Mahlzeit vor und berührte Sobrinini am Arm. Sie wirkte jetzt wieder normal und ruhig, und er wollte noch einmal versuchen, was er schon so oft vergeblich versucht hatte.

„Bist du satt, Sobrinini?“, fragte er. „Satt und ausgeruht?“

Die Alte seufzte zufrieden.

„Bomba ist ein tüchtiger Jäger“, murmelte sie. „Er sorgt dafür, dass unser Fleisch nie alle wird. Ich bin satt — sehr satt, mein Junge. Ich möchte liegen und ruhen und an vieles denken.“ Sie warf Bomba einen schnellen Blick zu, als ahnte sie seine nächste Frage schon. „Manches ist nah und manches ist fern“, sagte sie in ihrer wirren Art. „Die Vergangenheit lässt sich nicht so leicht greifen — sie weicht immer zurück, wenn man sie erfassen will — und doch weiß ich —“

Noch näher beugte sich der Junge zu ihr hin.

„Du weißt vieles, Sobrinini“, sagte er drängend. „Du weißt auch etwas von meinem Vater und meiner Mutter. Oft hast du von ihnen gesprochen, aber das Wichtigste hast du mir noch verschwiegen.“

„Vater? Mutter?“, flüsterte Sobrinini unsicher. „Ja, ich weiß etwas von ihnen — ich weiß etwas“

„Von Bartow und Laura“, ergänzte der Junge.

„Ja, von Bartow und Laura. Aber es ist so lange her, dass ich sie gesehen habe. Wenn Azra hier wäre, mein Liebling unter den Schlangen — Azra könnte mir alles sagen.“

„Du weißt es auch, Sobrinini“, sagte Bomba bittend. „Erinnere dich doch!“

Der Blick der Alten schien sich zu verschleiern. Es war, als senkte sich wirklich ein Vorhang vor ihren Geist und vor ihr Erinnerungsvermögen. Sie stützte den Kopf in die knochigen Hände und seufzte:

„Ich bin müde. Frage deinen alten Freund Casson. Oder frage Jojasta, den Medizinmann vom Laufenden Berg — oder Japazy von der Jaguarinsel. Sie werden das wissen, was ich vergessen habe.“

„Jojasta ist tot!“, rief Bomba verzweifelt. „Du weißt doch, dass er beim Einsturz seines Tempels von einem stürzenden Pfeiler zerschmettert wurde. Auch Japazy ist tot. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er in den Abgrund hinunterstürzte. Du weißt auch, dass Cassons Erinnerungskraft geschwunden ist, seit das Gewehr dicht an seinem Kopf explodierte. Audi er kann mir nichts sagen.“

„Dann musst du warten“, murmelte die Alte. „Musst du warten, bis —“

Plötzlich hob die Alte den Kopf, und ihre Augen wurden groß und starr vor Schrecken. Ihr Blick glitt an Bomba vorbei, und sie schrie jäh und schrill auf:

„Ein Jaguar!“

„Es sind drei!“, rief Gibo und sprang nach seinen Waffen.

Bomba war schon auf den Füßen, und sein Körper schnellte herum, während die Hand instinktiv an den Griff der Machete glitt.

Keine zwanzig Fuß von ihm entfernt duckten sich drei Jaguare zum Sprung zusammen.

2 Eine verzweifelte Schlacht

Der üppige Fleischgeruch von der Mahlzeit der Urwaldwanderer musste die drei Jaguare herbeigelockt haben. In dem dichten Unterholz war es ihnen leicht gelungen, sich unbemerkt bis auf Sprungweite an den Lagerplatz heranzuschleichen. Sie kauerten jetzt vor ihnen — die Leiber an den Boden gedrückt und die gelblichgrünen Augen zu schmalen Spalten zusammengepresst.

Bomba hatte seine Machete schon in der Hand. Er fasste sie bei der Spitze und ließ die etwa einen Fuß lange tödliche Klinge federn, ehe er sie abschnellte. Einer der beutegierigen Jaguare hatte zum todbringenden Sprung angesetzt, aber die blitzende Klinge traf ihn mitten im Fluge. Es schien, als griffe eine unsichtbare Faust nach dem geschmeidigen Raubtierleib und risse ihn in die Höhe. Dann aber sank der Jaguar wie ein schlaffes Fellbündel zu Boden. Vergeblich versuchten die Vorderpranken die tödliche Klinge aus der durchbohrten Kehle zu entfernen. Vergeblich verkrampften sich die Hinterpranken zuckend in den Boden. Unvermittelt streckte sich der gefleckte Leib — die tückischen Augen verglasten, und ein schmales Blutrinnsal sickerte aus der Wunde und färbte das Gras der Lichtung rot.

So schnell spielten sich diese Ereignisse ab, dass Bomba kaum einen Blick auf den sterbenden Jaguar geworfen hatte, als er auch schon den Angriff der beiden anderen Bestien kommen sah. Sie hatten fast im gleichen Augenblick zum tödlichen Sprung angesetzt. Neram warf seinen Speer, um den Ansturm des einen Jaguars abzuwehren. Doch die Spitze ritzte nur die Haut des Tieres, und im nächsten Moment wurde der Indianer zu Boden geschleudert. Mit einem gereizten Knurren vergrub das Raubtier seine Zähne in den Arm des Mannes.

Doch schon war Gibo zur Stelle. Er schwang seine schwere Kriegskeule und ließ sie auf den Kopf der Bestie niedersausen. Betäubt lockerte der Jaguar den Zugriff seiner Zähne. Dann sank er zur Seite, als ein Hagel von Schlägen seinen Kopf zerschmetterte.

Inzwischen hatte sich der dritte Jaguar auf die wehrlose alte Frau gestürzt. Die Bestie kauerte jetzt auf dem schlaff daliegenden Körper, aber ehe die Zähne nach Sobrininis Kehle schnappen konnten, hatte Bomba schon einen Pfeil ergriffen und auf die Sehne seines Bogens gelegt. Er sprang vor und stieß dabei einen hellen Schrei aus. Der schrille Laut hatte die beabsichtigte Wirkung: der Jaguar ließ von seinem Opfer ab und blickte auf. Drohend und fauchend öffnete er den Rachen und ließ ein dumpfes Grollen ertönen. Ruhig zog Bomba die Bogensehne bis zum Kopf zurück. Dann ließ er los — und im nächsten Augenblick bohrte sich der Pfeil in das Auge der Bestie. Mit einem schrecklichen Todesbrüllen überschlug sich der Jaguar bei einem vergeblichen Sprung nach vorn. Dann fiel der mächtige Körper ins Gras und blieb reglos liegen.

Bomba warf den Bogen weg und eilte zu Sobrinini. Bewusstlos und in totengleicher Starre lag sie da. Doch ihr Herz schlug noch, wie der Junge feststellte. Er rannte sofort zum nahen Bachufer hinunter und holte Wasser. Er überspülte ihr Gesicht, rieb ihre Handgelenke ab und flößte ihr etwas Wasser ein. Immer noch regte sie sich nicht. Nirgendwo am Körper war eine Verwundung oder auch nur eine Schramme festzustellen. Aber der schwere Anprall und die Erschütterung durch den Angriff des Raubtieres hatten ihre ohnehin schon schwache Lebenskraft so zerrüttet, dass sie in einer todesähnlichen Ohnmacht dalag.

Bomba bereitete aus Farnen und Gräsern ein Bett und legte den schlaffen Körper der Alten sanft nieder. Dann ging er dorthin, wo Gibo sich um seinen verwundeten Gefährten bemühte. Nerams Arm war übel zugerichtet. Doch Bomba war in der rauen Chirurgie der Dschungelindianer gut bewandert. Er untersuchte zuerst eingehend die Wunde, um festzustellen, ob sie nicht zu sehr verschmutzt war, und als diese Untersuchung zu seiner Zufriedenheit ausfiel, kochte er aus Kräutern, die ihm Gibo besorgen musste, einen Absud und wusch damit die Wunde aus. Dann strich er die verletzten Stellen mit einer Salbe ein, die er immer bei sich trug und deren Heilkraft sich schon oft genug bewährt hatte.

Mit dem stoischen Heroismus der Indianer ließ Neram die Behandlung über sich ergehen, ohne einen Schmerzensruf auszustoßen. Dankbar blickte er zu Bomba auf, und als der Junge ihm ermutigend zunickte, seufzte er zufrieden, legte den Kopf zur Seite und sank sofort erschöpft in Schlaf.

Doch der Dschungelboy fühlte durchaus nicht jenen Optimismus, den er dem Verwundeten gegenüber gezeigt hatte. Seine kleine Streitmacht war durch Nerams Ausfall um ein Drittel verkleinert worden, und das konnte sich in Zukunft als sehr gefährlich erweisen. Neram war ein treuer und erprobter Begleiter des Jungen auf vielen gefahrvollen Wanderungen durch den Dschungel gewesen. Vor langer Zeit hatte er den Indianer aus der Gewalt eines Urwaldtyrannen befreit, bei dem Neram als Sklave ein erbarmungswürdiges Dasein geführt hatte. Seither war Neram bereit gewesen, seinem Herrn durch dick und dünn zu folgen.

Noch schlimmer war es jedoch, dass Sobrinini durch den Angriff des Jaguars einen solchen Schock empfangen hatte. Damit war der Erfolg der Expedition überhaupt in Frage gestellt. In einer lichten Stunde hatte Sobrinini dem Jungen von dem Vorhandensein einer Stahlkassette berichtet, die am Ufer des ‚Unterirdischen Flusses’ vergraben liegen sollte. Angeblich enthielt die Kassette Dokumente und Gegenstände, die für Bomba bei der Forschung nach seiner Herkunft von unschätzbarem Wert sein konnten. Sobrinini hatte schließlich selbst vorgeschlagen, Bomba zum Unterirdischen Fluss zu begleiten. Jetzt waren sie bereits vier Tage vom Dorf der freundlichen Araos unterwegs. Dort hatte Bomba seinen alten Freund und Beschützer Casson in der Obhut der alten Indianerin Pipina zurückgelassen. Für Cody Casson war also gesorgt; doch was würde jetzt aus der Suche nach der Kassette werden, wenn Sobrinini ohnmächtig und hilflos dalag?

Während der Junge noch grübelnd am Lager Sobrininis stand, fuhr die Alte plötzlich empor.

„Der Jaguar!“, kreischte sie und streckte die dürren Arme vor, als wollte sie die Bestie abwehren.

„Der Jaguar ist tot“, sagte Bomba beruhigend. „Er wird dich nicht mehr bedrohen.“

„Und die anderen?“, rief sie furchtsam und schaute sich scheu um. „Es waren drei!“

„Alle sind sie tot“, murmelte Bomba und wies auf die Tierkadaver auf der Lichtung.

Sobrinini ließ sich zurücksinken. Ein schwaches, etwas schmerzliches Lächeln der Befriedigung glitt über ihr Gesicht.

„Sagte ich es nicht, Bomba?“, flüsterte sie fast unhörbar. „Sagte ich nicht, dass das Ende unserer Reise kommen würde — auf vier — acht und zwölf Füßen?“

3 Ein aufregendes Schauspiel

Bomba warf der Alten einen bestürzten Blick zu. Dann senkte er die Augen, denn er musste an ihre merkwürdige Prophezeiung denken.

Zwölf Füße! Drei Jaguare!

Hatte Sobrinini wirklich die Gabe des zweiten Gesichtes?

Die Alte schien seine Gedanken zu ahnen, und sie lächelte.

„Du wolltest mir nicht glauben, Bomba. Aber ich sage dir: das Ende der Reise ist da.“

„Du irrst dich“, erwiderte Bomba mit einer Festigkeit, die durchaus nicht seinen wahren Empfindungen entsprach. „Es wird noch einige Tage dauern, ehe wir das Ziel der Reise erreicht haben.“

„Das Ende der Reise ist gekommen“, wiederholte Sobrinini beharrlich. „Für mich ist es gekommen. Ich fühle es — hier.“ Sie legte die magere Hand ans Herz.

„Du bist jetzt nur müde und erschöpft“, versuchte Bomba sie zu trösten. „Du wirst jetzt schlafen, und wenn du erwachst, wirst du wieder gesund sein.“

„Ja, ich werde schlafen“, sagte die Alte düster. „Aber es wird der Schlaf ohne Erwachen sein.“

Wieder glitt ein Schauer über den Rücken des Jungen. Es wurde ihm klar, dass die Voraussage der Alten in diesem Fall wahrscheinlich eintreffen würde. Zu oft hatte er den Tod im Dschungel in den verschiedenartigsten Gestalten gesehen, und die Anzeichen dafür waren in Sobrininis Gesicht deutlich zu erkennen. Ihre Haut war aschfahl, und in ihren Augen war ein unirdisches Leuchten. Das Licht des Wahnsinns schien erloschen zu sein, als wollte sich in der Todesstunde noch einmal das wahre geistige Wesen dieser Frau offenbaren. Sobrinini war nicht vollkommen vernünftig geworden, aber sie war in diesem Augenblick; der Geistesklarheit näher als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt, seitdem Bomba sie kannte.

„Was denkst du, Bomba?“, murmelte sie. Ihr Blick war ruhig und ihre Stimme klang vernünftig. „Sprich. Die Zeit ist nur noch kurz.“

„Erzähle mir von meinen Eltern“, bat Bomba, und seine Stimme war heiser vor Erregung. „Wo sind sie? Leben sie noch? Kann ich sie finden?“

„Ja — ich habe deine Eltern gekannt“, begann die Alte mit verlöschender Stimme. „Bartow und Laura habe ich gekannt. Ich habe gehört, wie dir deine Mutter vorsang, als sie sich über deine Wiege beugte. Sie nannte dich Bonny. Du warst ihr einziges Kind — ihr Schatz und ihr Abgott. Und Bartow, ihr Mann, war ein großer Maler, und er war hübsch — so wie du hübsch bist. Seine Bilder wurden in ganz Europa und in Amerika gekauft. Er war ein berühmter Mann, aber auch deine Mutter war berühmt. Sie war eine gefeierte Sängerin — so wie ich einmal eine große Opernsängerin gewesen bin. Wir haben oft zusammen auf der gleichen Bühne gestanden, und der Beifall hat ihr und mir gegolten: der Applaus von Königen und Fürsten und hohen Herren!“

Die Erinnerung schien Sobrinini zu übermannen. Sie lächelte träumerisch vor sich hin und summte leise ein Arienmotiv.

„Aber du sagst, dass meine Eltern in Amerika und Europa waren“, unterbrach Bomba ihre Träumerei. „Wie kommt es dann, dass ich im Dschungel bin?“

Mit Gewalt schien sich die Alte von ihren Träumereien loszureißen.

„Ein Mann ist schuld daran — ein Mann mit bösem Herzen“, flüsterte die Alte. „ Japazy. Er hatte sich in deine Mutter verliebt. Mehrere Male kreuzte er ihren Weg — immer wieder wies sie ihn ab. Oh, Japazy hasste deinen Vater, und sie haben sich auch duelliert. Aber ich weiß das nicht mehr genau — mein Kopf ist so müde. Ich weiß nur noch, dass Japazy sich eine teuflische Rache ausgedacht hat, weil er deine Eltern auf keine andere Weise angreifen konnte. Er hat sich auf die Lauer gelegt und ihnen ihr Kind gestohlen.“

„Mich gestohlen?“, rief Bomba erregt.

„Ja, er hat dich aus den Armen deines Kindermädchens gerissen und ist mir dir weit, weit in den Dschungel geflohen. Alles Suchen war vergeblich. Deine Mutter wäre vor Kummer beinahe gestorben. Sie haben alles getan, was sie tun konnten, sie haben auch —“

Die Stimme der Alten wurde immer leiser und erlosch schließlich. Verzweifelt beugte sich Bomba über sie und ergriff ihre Arme.

„Weiter, Sobrinini“, flehte er. „Du musst mir alles sagen. Du darfst nicht gerade jetzt aufhören.“

Die Alte schlug die Augen auf, doch nun war ihr Blick wieder von Wahnsinn verschleiert.

„Azra“, hauchte sie, „wo ist mein Liebling Azra?“

„Wir haben von Japazy gesprochen“, erinnerte Bomba sie sanft. „Aber ich bin doch bei Casson groß geworden und nicht bei Japazy.“

„Casson? Casson?“ Das Wort schien wieder eine Erinnerung in dem verwirrten Verstand der Alten zu wecken. „Ja, Casson hat dich aus den Klauen Japazys befreit. Er hat den Schlupfwinkel des Bösewichtes entdeckt und ihn im Handgemenge niedergeschlagen. Dann ist er mit dir in einen anderen Teil des Dschungels geflohen. Aber er fand den Weg nicht mehr — den Weg zu deinen Eltern und in die Zivilisation. Er blieb im Dschungel. Er blieb im Dschungel — so wie ich dort geblieben bin.“ Plötzlich straffte sich die Gestalt der Alten. „Und niemand hier weiß, wer ich war — keiner weiß, dass ich Kaiser und Könige mit meinem Gesang begeistert habe.“ Sie blickte den Jungen mit irrer Eindringlichkeit an. „Glaubst du mir nicht? Glaubst du nicht?“

Mit einer Behendigkeit, die man ihrem schwachen Körper nicht mehr zugetraut hätte, sprang sie auf die Füße. Sie breitete die Arme aus und begann mit klangloser, schriller Stimme eine berühmte Opernarie zu singen. Gibo und Neram beugten ängstlich die Köpfe und murmelten Gebete, um den Zauber abzuwenden, der nach ihrer Meinung in dem Gesang der Frau enthalten war.

Als sie die Arie beendet hatte, verbeugte sich Sobrinini wie beim Applaus eines unsichtbaren Parketts und dicht gefüllter Ränge. Dann sang sie wieder — verneigte sich wieder und streckte die Arme aus, als nähme sie riesige Blumensträuße in Empfang. Der Anblick war phantastisch, jämmerlich und unglaublich zugleich. Mit einem verklärten Lächeln wandte sich Sobrinini schließlich dem Jungen zu.

„Eine wundervolle Vorstellung heute, nicht wahr, Bartow?“, rief sie froh. „Und der Applaus! Selbst der König hat geklatscht! Die Blumen — die vielen, herrlichen Blumen!“

Plötzlich schien sie zur Wirklichkeit zu erwachen.

„Bomba? Du bist es? Nun, jetzt weißt du, wie ich singen konnte, ehe mich die Ungerechtigkeit dieser Welt auf die Schlangeninsel getrieben hat. Jetzt weißt du es.“

Sie schwankte plötzlich und wäre umgefallen, wenn Bomba sie nicht in seinen Armen aufgefangen hätte.

4 Der Vorhang fällt

Vorsichtig bettete Bomba den gebrechlichen Körper auf das Grasbett. Der Tau des Todes lag auf der Stirn der Sterbenden, und ihr Blick glitt irgendwo in weite Fernen.

„Das Ende der Reise“, murmelte sie. „Aber ein schönes Ende. Jetzt fällt der Vorhang. Das Opernhaus leert sich, und die Menschen treten in die Nacht hinaus. Aber die Nacht ist kalt und dunkel, und es leuchten keine Sterne. Ich muss jetzt schnell in die Garderobe. Ruf inzwischen meinen Wagen, Bomba, ich warte nicht gern.“

„Du wirst nicht lange warten müssen“, sagte der Junge sanft.

„Und dann schlafen“, flüsterte Sobrinini verklärt. „Oh, ich werde gut schlafen — denn ich bin sehr, sehr müde.“

Bomba wagte nicht zu sprechen. Er saß nur da und streichelte die feuchte Stirn, die unter seiner Berührung immer kälter wurde. Sobrinini lag still und atmete kaum hörbar. Noch einmal bewegten sich ihre Lippen, und der Junge beugte sich über sie.

„Musik — —“, hauchte sie. „Hörst du sie — diese wunderbare Musik — so schön — so schön —“

Sie starb mit diesen Worten, und Bomba drückte ihr sanft die Augen zu. Er war tief erschüttert über ihren Tod, aber auch traurig, weil sie nun das Geheimnis seiner Herkunft doch mit in ihr Grab nahm. Dass Bartow und Laura seine Eltern waren, das hatte er zuvor auch schon gewusst. Nur die eine Hoffnung blieb ihm, dass er die Stahlkassette finden würde, von der Sobrinini gesprochen hatte und um derentwillen sie auch die beschwerliche Dschungelwanderung unternommen hatten.

Mit einem Seufzer stand Bomba auf und ging zu Neram und Gibo hinüber. Die Eingeborenen fühlten kein Bedauern über den Tod der ‚Hexe’, wie sie Sobrinini immer genannt hatten. Sie hatten sich vor ihr und ihrer angeblichen Zaubermacht gefürchtet, und besonders der letzte Wahnsinnsausbruch der Alten war ihnen unheimlich vorgekommen. Sie empfanden befreiende Erleichterung über ihren Tod.

Bomba beugte sich hinab und untersuchte noch einmal sorgfältig Nerams Arm.

„Für dich wäre es besser, in die Maloca Honduras zurückzukehren“, sagte er schließlich. „Die Medizinmänner sind sehr erfahren in der Behandlung solcher Wunden. Sie können mehr für dich tun als ich, und du kannst dich inzwischen auch besser ausruhen.“

„Ich will dich nicht allein lassen, Herr“, stammelte der Indianer.

„Auch ich möchte dich nicht verlieren“, erwiderte Bomba. „Aber ich habe eine beschwerliche Wanderung vor mir, und ich kann nicht warten, bis du gesund bist. Wir werden dir genug Fleisch für den Heimweg mitgeben. In zwei Tagen kannst du das Dorf erreichen; dann bist du in Sicherheit.“

Eine Stunde später brach der Indianer auf. Die beiden Gefährten begleiteten ihn noch zum Rande der Lichtung und warteten, bis er im undurchdringlichen Dunkel des Urwaldes verschwunden war. Mit Gibo zusammen bereitete Bomba dann aus einem morschen, ausgehöhlten Baumstamm einen Sarg für Sobrinini, und sie versenkten ihn in eine Erdgrube, die sie gegraben hatten. Ein großes, breites Rindenstück legte Bomba als Deckel auf diesen primitiven Sarg, und dann fiel die weiche Erde hinab und bedeckte bald die sterblichen Überreste der einstmals gefeierten Sängerin, die ihre letzte Ruhestätte auf so abenteuerliche Weise im Urwald gefunden hatte.

Als sie diese traurige Arbeit verrichtet hatten, verharrte Bomba noch kurze Zeit am Grabe. Dann wandte er sich an seinen Gefährten.

„Es wird Zeit für uns, aufzubrechen, Gibo. Eine lange Wanderung liegt vor uns.“

In stiller Ergebenheit senkte der Indianer den Kopf, und die beiden machten sich auf den Weg.

Heiß sengte die Sonne auf die endlose Dschungellandschaft herab. Über den grünen Wogen der Baumwipfel hing die Luft als flirrender, irisierender Dunstschleier, und der Himmel selbst war wie eine glasig-fahle, gleißende Lichtfläche. Dort, wo Bomba mit seinem Gefährten den Urwald durchdrang, hing die schwüle, schwere Feuchtigkeit des Dschungelwaldes wie ein feuchter Nebel von Dunst und Hitze in der Luft. Ein unirdischer Schrei drang ab und zu herüber: der Warnungsruf eines Urwaldtieres, das seine Gefährten vor einer schleichenden oder kriechenden Gefahr warnen wollte. Doch über den beiden einsamen Dschungelwanderern spielten kleine, sandbraune Äffchen harmlos in den Zweigen. Eine Affenmutter saß mit ihrem Jungen im Arm auf einem Aststumpf und leckte mit rührender Sorgfalt das kleine, bräunliche Fellbündel ab. Aufmerksam und mit klugen, traurigen Augen blickte sie den beiden Eindringlingen in das Dschungelreich nach. Erst als sie hinter den Blattfächern üppig hochgeschossener, leuchtendgrüner Pflanzen verschwunden waren, setzte sie mit liebevoller Behutsamkeit ihre Arbeit fort und leckte ihr Affenbaby weiter sauber.

Die beiden hatten gerade die Kreuzung zweier Dschungelpfade erreicht, als Gibo einen scharfen Warnungsschrei ertönen ließ.

„Vorsicht, Herr! Zieh deine Hand zurück!“

5 Der Pfad ins Ungewisse

Bomba blieb sofort starr stehen. Seitwärts von ihm erhob sich aus dem Farngewirr der Kopf einer Cooanaradi, der gefährlichsten Giftschlange des Dschungels. Noch hatte sie nicht zum Angriff angesetzt. Anscheinend fühlte sie sich so sicher und überlegen, dass sie sich Zeit ließ.

Mit unendlicher Langsamkeit hob Bomba das Gewehr, diese wertvollste Waffe im Dschungelkampf. Unsichtbar bewegte er dabei die Lippen und sagte zu Gibo in einem tonlosen Murmeln:

„Bewege dich nicht, Gibo, ehe ich nicht geschossen habe. Jeder unbedachte Schritt könnte sie zum Angriff reizen.“

Wie eine bronzene Statue stand Gibo da. Doch dann entrang sich ein Schrei seinen Lippen, als der Schuss durch die Urwaldstille peitschte und im nächsten Augenblick der Rumpf der Schlange in hilflosen Todeszuckungen über den Boden glitt. Der hässliche dreieckige Kopf des Reptils war von der Kugel zerschmettert worden.

Als die Windungen des Schlangenleibes aufgehört hatten, näherte sich Gibo vorsichtig dem Körper und stieß mit den Zehenspitzen dagegen.

„Nie werde ich das verstehen, Herr“, murmelte er verwirrt. „Der Feuerstock spricht mit lauter Stimme, und dann ist die Schlange im nächsten Augenblick tot.“

„Der Feuerstock ist ein Gewehr“, erklärte Bomba lachend. „Ich habe dir das schon so oft gesagt. Und es ist keine Zauberei dabei.“

„Gewehr — Gewehr“, wiederholte der Indianer das fremdartige Wort. „Ah — und es ist doch ein Zauber — ein großer Zauber, Herr! Wie könntest du sonst damit die Cooanaradi töten oder einen Jaguar auf fünfzig Schritt treffen.“

„Der ganze Zauber ist eine sichere Hand und ein gutes Auge“, sagte Bomba. „Willst du nicht auch einmal versuchen, mit dem Gewehr zu schießen?“

Entsetzt wich Gibo einige Schritte zurück und streckte abwehrend die Hände vor.

„Alles tue ich für dich, Bomba“, sagte er flehend. „Aber verlange nicht von mir, dass ich diesen Zauberstock in die Hand nehme.“

„Dass du nie deinen Aberglauben aufgeben willst, Gibo!“ meinte Bomba mit einem gutmütigen Lächeln. „Aber komm jetzt; es ist schon später Nachmittag, wir müssen uns eine Unterkunft für die Nacht suchen.“

Die beiden Gefährten setzten die ungewisse Wanderung fort, und einige Stunden später erinnerte nur noch ein sauber abgenagtes Skelett an den Kampf, der hier vor kurzem stattgefunden hatte. Die großen Dschungelameisen hatten ihre Arbeit schon getan.

*

In dieser Nacht suchten die Dschungelwanderer in einem dicken Dornengestrüpp Zuflucht. Als sie am Morgen erwachten, stärkten sie sich durch ein Frühstück von geröstetem Fleisch, Nüssen und süßen Urwaldfrüchten. Dann setzten sie die Wanderung fort, und es war schon später Nachmittag, als sie plötzlich ein unerwartetes Bild vor sich sahen. Bomba ging wie üblich voran und hieb mit der Machete eine Lianensperre auseinander, als er plötzlich erstaunt stehenblieb. Vorsichtig schob er einen Zweig beiseite und schaute auf das Bild, das sich ihm bot.

Ein schmaler, düsterer Dschungelpfad verlor sich vor ihnen ins Ungewisse. Giftige Sumpfblumen mit leuchtend roten Glockenkelchen strömten einen betäubend süßen Duft aus, und der Pfad war so von großblättrigen Unkrautpflanzen und wucherndem Gestrüpp überwachsen, dass er kaum passierbar erschien. Der Boden war weich und schlüpfrig und senkte sich jäh abwärts.

„Das muss der Weg zum ‚Unterirdischen Fluss’ sein“, sagte Bomba mit hoffnungsfroher Stimme. „Sobrinini sprach von einem Pfad, der steil abwärts führt.“

„Er kann steil abwärts führen in den Untergang“, meinte Gibo düster. „Ganz so sieht er aus.“

Bomba wandte sich heftig zurück.

„Du kannst heimlaufen“, sagte er schroff. „Du kannst zu den Squaws in deine Maloca zurückkehren und ihnen beim Holzsammeln und Mattenflechten helfen.“

Beschämt senkte der Indianer den Blick.

„Ich will dir folgen, Bomba“, murmelte er. „Aber denke daran, dass wir nur zu zweit sind. Und die Geister wimmeln hier zu Tausenden herum.“

„Es gibt keine Geister“, sagte Bomba und begann den Weg zu beschreiten.

Zögernd folgte ihm Gibo, doch als sich nach den ersten zehn Minuten noch kein Geist zeigen wollte, fasste auch er neuen Mut. Sie bahnten sich ihren Weg mit großer Vorsicht über den schlüpfrigen Boden. Dabei hörten sie näher und näher das Rauschen eines Flusses. Nach etwa einer Stunde war das Geräusch unmittelbar bei ihnen.

Dann sah Bomba plötzlich etwas vor sich, was ihn mit freudiger Hoffnung erfüllte: einen seltsam geformten, hochragenden Felsen, der oben nadelspitz zulief. Von diesem Zeichen hatte Sobrinini auch gesprochen.

„Dort, Gibo!“, rief er froh. „Wenn Sobrininis Worte richtig waren, dann muss dort der Eingang zum Bett des Unterirdischen Flusses sein. Endlich sind wir am Ziel. Folge mir, wir werden —“

Er stürmte vorwärts und in die höhlenartige Öffnung hinein, die sich unter dem Felsturm auftat. So begierig war er, endlich das Ziel seiner Reise zu erreichen, dass er seine übliche Vorsicht ganz außer Acht ließ. Die Dunkelheit umfing ihn sofort. Und mit einem Male hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen, und er fiel — wild um sich greifend — in die Tiefe.

Gibo war seinem Gefährten blindlings gefolgt, und als er ebenfalls in die Tiefe stürzte, tönte sein Schrei schauerlich durch die Dunkelheit. Sie glitten, fielen und rutschten zusammen tiefer und tiefer. Steine und Erdreich lösten sich bei ihrem Fall und polterten mit ihnen hinab.

„Wir fallen bis zur Mitte der Erde!“, dachte Bomba noch.

Dann verlor er das Bewusstsein, und erst sehr viel später klärte sich der Nebel wieder, der sein Gehirn umgab. Stöhnend versuchte er sich aufzurichten, aber ein unerträglicher Schmerz ließ ihn zurücksinken.

Was war geschehen? Wo war er?

Die Erinnerung kehrte zurück, und er sah sich wieder in freudiger Eile auf die Höhlenöffnung zustürmen. Er musste irgendeinen steilen Felshang hinuntergestürzt sein. Die Luft um ihn her war feucht und muffig. Außerdem war es so kalt, dass seine Glieder zu erstarren drohten. Er tastete um sich und fühlte, dass der Felsboden mit einem feuchten Moos bedeckt war. Seine Arme und Beine schmerzten ihn, als hätte sie jemand mit Keulen bearbeitet.

Plötzlich fiel ihm der Schrei ein, der ihn bei seinem Sturz begleitet hatte.

Gibo! Was war aus ihm geworden?

Er rief und schrie den Namen in die Dunkelheit hinein. Aber es kam keine Antwort — nicht einmal ein Echo narrte ihn. Im Gegenteil: seine Stimme klang merkwürdig erstickt und leise, als würde sie von der samtenen Schwärze aufgesogen. Ein einziges Geräusch durchdrang die Stille: das melodische Plätschern von Wasser. Als Bomba diesen Laut vernahm, spürte er mit einem Male auch, dass seine Kehle wie ausgedörrt war.

Er holte seinen Feuerstein aus der Tasche und schlug einen Funken. Bei dem Aufflammen des Funkens sah Bomba in seiner Nähe ein Stück Holz. Darauf hatte er gehofft. Er tastete nach dem Aststück, löste mit den Fingernägeln einige Splitter ab und zündete sie an. Nun konnte er auch das Holzstück in Brand setzen. Es war feucht und brannte schlecht. Immerhin enthüllte ihm das schwache Fackellicht seine nächste Umgebung, und er erhob sich mit schmerzlicher Anstrengung, aber von neuer Hoffnung erfüllt.

Zuerst schien es, als wollten ihm seine Beine den Dienst versagen. Vorsichtig setzte Bomba Schritt vor Schritt, aber nach einer Weile ging es schon besser, und auch sein Kopf wurde wieder klarer.

Er hielt Umschau in seiner neuen Umgebung und stellte fest, dass er sich in einer Höhle von großer Ausdehnung befand. Der Fackelschein drang nicht bis zur Decke über ihm durch. Seltsame, bizarr geformte Felsen ragten vor ihm auf, und bei jedem Schritt fürchtete er zu stürzen, so feucht war der moosige Felsboden unter seinen Füßen. Von den Wänden sickerte Wasser herab und bildete kleine Rinnsale, die sich im Laufe langer Zeiträume als schmale Kerben in den Fels gegraben hatten.

Immer noch war vor ihm das Rauschen von Wasser zu hören. Bomba hob die Fackel und spähte vorwärts. Doch dann wich er unwillkürlich zurück: nicht weit vor ihm lag die Gestalt eines Mannes reglos am Boden.

6 Die unterirdische Höhle

Zuerst erschrak Bomba. Er blieb unvermittelt stehen, hob die dürftige Fackel über den Kopf empor und starrte die liegende Gestalt an. Der Mann schien tot zu sein. Schlaff hingen seine Arme über den Rand des Felsens hinab. Nur zögernd näherte sich Bomba dem leblosen Körper. Wollte ihm das Schicksal mit diesem Anblick eine Warnung erteilen? War dieser Mann — wie er selbst auch — ein Gefangener der Höhle gewesen, und hatte er nicht mehr an das Tageslicht zurückfinden können?

Doch in diesem Augenblick bewegte sich der scheinbar Tote. Langsam und schmerzlich regten sich seine Arme. Der Kopf hob sich ein wenig — und jetzt erkannte Bomba das Gesicht des Mannes.

„Gibo!“, rief er freudig erregt. „Mein Gibo! Wir haben uns wiedergefunden. Das ist ein Glück im Unglück!“

Als er die Stimme seines Gefährten hörte, wollte sich der treue Indianer sofort erheben. Doch Bomba sprang hinzu und riss ihn von dem Felsenhang zurück, an dessen Kante er lag. Mit einem dankbaren Lächeln blickte der Indianer zu Bomba auf.

„Ich wundere mich, dass ich noch lebe“, sagte er mit kläglicher Miene. „Wir fielen — nicht wahr, wir fielen zusammen in die große Dunkelheit hinab. Dann weiß ich nichts mehr. Erst deine Stimme hat mich wieder zum Leben erweckt.“

„Wir haben Glück gehabt“, erklärte der Dschungelboy. „Ebenso gut hätten wir in dem Abgrund landen können, von dem ich dich gerade zurückriss.“

Gibo blickte schaudernd in die Tiefe.

„Vielleicht haben uns die Götter nur vor diesem Tode bewahrt, um uns noch schlimmere Qualen zu bescheren“, murmelte er düster. „Meine Glieder schmerzen, und mein Magen ist wie eine leere Höhle, in der Dämonen rumoren. Ich habe Hunger und Durst, Bomba.“

Der Junge zuckte schmerzlich mit den Schultern.

„Ich weiß jetzt auch noch nicht, wo wir in dieser feuchten, finsteren Gruft etwas zu essen finden sollen.“ Er blickte kritisch auf seinen Fackelstumpf. „Vor allen Dingen muss ich erst neues Holz besorgen, damit uns das Licht nicht ausgeht. Warte inzwischen hier.“

Bomba schritt vorsichtig weiter, und bald sah Gibo nichts als einen leuchtenden Punkt, der wie ein geheimnisvolles Irrlicht über den Boden der riesigen Grotte dahinglitt. Doch dann näherte sich das Licht wieder, und die Gestalt des Jungen warf lange, unheimliche Schatten auf die Felswände und die aufragenden Tropfsteinpyramiden.

„Licht ist ein Geschenk der Götter“, sagte Gibo mit einem erleichterten Seufzer, als er zwei neue Holzstücke entzündete. „Als Bomba fortging, war mir, als würde er mich für immer in Nacht und Finsternis allein zurücklassen. Ich hätte beinahe geschrien. Aber dann kam das Licht zu mir zurück, und ich war froh.“

Der Junge lächelte.

„Meinst du, ich hätte dich hier allein gelassen, Gibo? Ich bin nur darum so weit gegangen, weil ich mich auch über den Weg orientieren wollte. Dort vorn führt ein Pfad steil hinab. Ich glaube, wir kommen an den Unterirdischen Fluss, wenn wir ihn weitergehen. Und einmal muss der Unterirdische Fluss auch wieder zur Oberfläche zurückkehren.“

Sie schritten gemeinsam vorwärts und begannen den Abstieg, als sie den schrägen Felshang mit den riesigen Steinklötzen erreicht hatten. Das Hinunterklettern war verhältnismäßig leicht, weil die Felsbrocken ihnen immer wieder Halt boten. Doch dann verengte sich der Hang zu einem schmalen, tunnelartigen Gang, der endlos in die Tiefe zu führen schien. Die Fackeln der beiden Höhlenforscher warfen einen fahlen Lichtschein auf immer neue Felsblöcke und die schrägen, feuchten Wände des langen Ganges.

„Ich kann bald nicht mehr laufen“, seufzte Gibo kläglich. „Mein Kopf ist leer. Mir ist zumute, als hätte ich zu viel von dem süßen Wein getrunken, den die Squaws aus dem Wurzelsaft unserer Pflanzen bereiten, wenn ein Fest gefeiert wird.“

Auch Bomba spürte ein ähnliches Gefühl von Benommenheit, aber er sagte nichts, um seinen Gefährten nicht noch mehr zu entmutigen.

„Nur Mut, Gibo!“, rief der Junge plötzlich. „Ich glaube, wir haben das Ende des Pfades erreicht.“

„Die Götter seien gelobt!“, schrie Gibo begeistert und beschleunigte seinen Schritt.

Bomba sprang über eine letzte Felsleiste und trat dann auf verhältnismäßig ebenen Boden. Als er die Fackel über den Kopf erhob, fiel der Lichtschein auf die schimmernde Wasserfläche eines Flusses, der zwischen Granitufern dahinglitt.

„Sobrinini hat recht gehabt!“, rief Bomba triumphierend. „Komm schnell, Gibo! Wir haben den Unterirdischen Fluss gefunden!“

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