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Roma Hansen

Altgold im Anflug

Madeira - Roman Teil 2 von Sonne satt

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Neben dem famosen kühlen Keller der Hausgemeinschaft, eingerichtet in der natürlichen Höhle im felsigen Erdreich des madeirischen Bergdorfes, doch mitnichten an der hölzernen Kellerpforte, klickt es rhythmisch und metallisch. Das Geräusch dringt allmorgendlich kaum hörbar aus dem überdachten Stellplatz. Der Schall quert den Hof vor dem Garten, in dessen Nähe Anton absichtsvoll horcht. Er schließt hinter sich die Tür der Teeküche unter dem Balkon der Dachetage. Er entfernt sich, lässt das Hügelbeet seiner Küchenkräuter links liegen, und geht voraus jenem Knirschen und Rollen am Kies, das ihm folgt.

Margarita schiebt ihr Moped so leise wie möglich aus dem Hof hinaus, und nebenher geht sie. Ihre Schritte klingen zögerlich. Weshalb, ahnt Anton, vermutet eines mit Sicherheit. Nicht einzig ihre in den zwei Jahren von der Sonne vergilbte Leinentasche für den Job ruft nach einer neuen Fassung; Margarita mangelt es an Esprit für einen heiteren Start in den Arbeitstag.

Auf der Parkfläche am Bergweg vor den Gemeinschafts-Jeep gelehnt, hängt Anton seine Daumen in die Hosentaschen, reibt und wärmt mit den Fingern die Schenkel. Während er auf Margarita wartet, lugt er in das Goldlicht im Osten. Der flauschige runde Glanz ringt an diesem Novembermorgen mit dem Hochnebel, der bald aufgelöst sein würde vor dem nahen Wald am Bergkamm.

Dort hinauf schaut auch Maik. Am Giebelfenster seines Schlafzimmers grüßt er den beginnenden Tag und am Horizont des Atlantiks des Himmels Blau. Denn so weit kann er hinausschauen, ohne sich zu verrenken. Unterdessen hört er das Gespräch der Freunde mit, da Margarita sich der Straße nähert.

„Anton, du willst im Jeep los?“ Margarita räuspert ihre spröde Stimme frei und fügt angestrengt an: „Rollen dann die Räder unter dir, flutschen deine Gedanken in andere Richtungen als bei meinen Gärtner-Kollegen. Davon gehe ich aus bei den um Jahrzehnte jüngeren.“

Vor solch einem Hinweis hat das goldene Ostlicht keine Chance. Margarita gewinnt Antons volle Beachtung. Er hebt das Kinn, zum Weiterreden auffordernd.

„Bisher gefiel mir die willige, warmherzige Mentalität der Kollegen. Ich konnte sie akzeptieren und sie auf ihre Art mich. Es war leicht, mich fast zwei Jahre lang anzupassen. Aber seit dem Herbst jammern die Kerle, so, wie viele andere das als normal und menschlich verstehen, orientiert an ihren Genitalien. Sie reiten sich tief und fest hinein in ihr Selbstverständnis, aber wissen nicht damit umzugehen. Es ist wahrlich ein Kreuz, und das hat Gewicht. Ich will akzeptiert sein, aber mag vor mir selber nicht eine Erfahrung aus den Berliner Siebziger Jahre-Demos leugnen, nicht die Freiheit, für meinen Körper zu wählen, nicht meine konsequent erwachsene Basis. Doch täglich höre ich Anzüglichkeiten zu der Ebbe im häuslichen Sex. Mangel verstopft die Hirne, Münder laufen über ohne Sinn und Verstand.“

„Sie traktieren, belästigen dich!“, entrüstet Anton sich leise und weitet seinen braunen Blick, der ihm die Augenfalten vertieft. „Das dürfen die sich nicht erlauben!“

„Meinst du, weil du mich schätzt, auch dann, wenn mich allerhand verwirrt.“

Sein Verständnis genießt Margarita und fühlt sich für den Moment schon besser, dennoch brennt ihr noch etwas auf der Zunge.

„Ich glaube, der Zeitgeist im Jahr 2010 kehrt das Unterste hervor! Weil die Kollegen Kinder jener Insulaner sind, die von der Diktatur in Portugal betroffen waren. Das Militärregime dauerte fast fünfzig Jahre, und was in der Zeit nicht entfaltet wurde, das wird hier nachgeholt. So weit ich weiß, liegt eine friedliche Revolution in den frühen Siebzigern und erst daraufhin begann die demokratische Verwaltung und im Zuge dessen eine für die Insel Madeira.“

Margarita nickt sich selbst zu und auch Antons sanften Schleier einer Nachdenklichkeit an seinen Augen. Nach innen gekehrt, erwartet er, was sie noch zu sagen hat.

„Klar, ich kann nur vermuten - zum Glück fehlt mir die Erfahrung - eine diktatorische Staatsform lasse kaum Menschlichkeit zu, beschränke erheblich. In so vielen anderen Ländern sind katastrophale Regime an der Macht. Demnach ...“

Am Weiterreden hindert sie Anton, wirft ein: „Ich verstehe, du meinst nicht den Kulturschock, denn dir war die warmherzige Art der Madeirer einer der Gründe, hierher auszuwandern. Du meinst das, was Eltern an Kinder weitergeben, das, was sie an Normen anzuerkennen hatten. Aber ...“

„Ja, ja, nichts aber, lass mich ausreden!“, wiegelt Margarita ab. „Demnach, ich weiß, wie sehr dein Los dich bedrückt, selbst noch nach sechs Jahrzehnten, konnte hier wenig von dem gelingen, was mir damals gelang, nämlich dies, einige Freiheiten zu nutzen.“

Sie bemerkt es wohl, bei Anton fallen solche Annahmen durch ein gedankliches Sieb. Bevor er seinen eigenen Krümel herausfischt, lenkt Margarita ihn zurück auf ihr Anliegen.

„Eine Freiheit war, wo es ging, erotische Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die drückende Pflicht für in langer Mutterschaft auszutragende Kinder. Das danke ich einer Reihe engagierter, provozierender Kämpferinnen. Sie bewegten viel, färbten brandaktuell die Zeitenwende für die Rechte der Frauen. Eine Devise war, wehrt eine Frau sich nicht, lebt sie verkehrt und endet in den verkrusteten Sitten am Herd. In den bunten Jahren gärte es in allen großen deutschen Städten! Tja. Wie war es wohl hier?“

Margarita gewahrt leichte Beunruhigung auf Antons Mienenspiel. Danach steht ihr gar nicht der Sinn. Sie entschließt sich, den Bogen ins Heute zu schlagen.

„Es ist nicht mehr ganz so aktuell. Die Freiheit zu reisen nutzen inzwischen mehr Leute in Europa, auch wie wir das nonkonforme Wohnen. Dennoch sehe ich hier auf der Insel kaum Wahlmöglichkeiten für die neuen Menschen mit ihrer intakten, aktiven Matrix aller Fähigkeiten. Solche Leute nutzen bei Grenzerfahrungen ihre Funken von darüber lachen können.“

Etwas mehr Gelassenheit, vermischt mit Staunen, entdeckt Margarita an Antons leicht sich öffnenden Mund. Rasch fügt sie an, doch Oktaven tiefer und herber:

„Die Kollegen lachen ebenso wenig wie ich über ihr Gebabbel. Gerne würde ich davor flüchten. Und vor den Blicken, die nicht einmal an meinem welken Hals den Unterschied zu ihren jungen Ehefrauen bemerken. Diesen Blickwinkel verengt der Überschuss der Hormone. Sie vergegenwärtigen nur: Ola!, eine Frau!“

Margarita lehnt vor sich das Moped, zieht dabei das Streifentop über den perfekt geformten Brüsten faltig. Im Moment nicht so wichtig wie ihr die Hände, um durch die Luft zu fächeln wie ein Mädchen.

„Vorgeführt wird nur mir mein über die Jahre hinaus sein ... von einer jungen Helferin. Sie klatscht bei genital gesteuerten Ansagen beide Hände vors liebliche Kichern. Ihr gefällt das von mir als überflüssig empfundene 'Gold', sie kann ihre Blicke nicht von den Plappermäulern abwenden.“

Anton gestattet sich ein verunglücktes Grinsen. Bei ihm greifen Beobachtungen von Dorfkultur. Oben herum nahtlos gebräunte, ranke Kerle. Solche Eindrücke, nicht Margaritas Monolog über die zu gerne vergessenen Missstände in der Frauenthematik, treiben seine Mühle der Kritik an. Wenngleich auch ein Giggern, das ihn ohne Schärfe reden lässt.

„Thema Nummer Eins hypnotisiert die junge Hilfskraft. Sie sehnt sich auf die Wolke Nummer Sieben, egal, mit wem sie dorthin flöge. Wurde sie in einem einsam abgelegenen Dorf erzogen, zum Zweck alleiniger Vermehrung? Glaubt sie eisern daran? Dann sicherlich schwebt ein gewaltiger Diabolo vor allen ihren vorehelichen Lustbarkeiten. Verführung führt direkt ins Fegefeuer.“

Oben am Giebelfenster das Gespräch verfolgend, wird Maik vermehrt froher über den Schlenker herum um Margaritas Betroffenheit, und denkt: Anton, nur zum Teil stimmt dein hartes Urteil. Gerade in abgelegenen Dörfern daddeln Jugendliche am Smartphone, sie brauchen die sozialen Foren. Für alte Säcke wie uns sind Foren wenig anziehend, uns locken die Wolken nach der Nummer Sieben in die stillbare Lust erquicklicher Teufelinnen hinein! Von Mal zu Mal mit mehr Recht. Oh! Gelas Lebendiges flutet mir ins Kopfkino ... Auch deine Stimme, Anton, du Kuschelbär, giggert nicht grundlos.

Zeitgleich ihn darin bestätigend, dringen bekannte Geräusche dumpf durch die Trennwand zum Zimmer von Vera. Mit mehr als nur einem Gähnen erwacht Ohle, ihr Geliebter. Den Takt knarzen am Bett die Schlingen der Hanfkordeln an den Rattanstangen und im Mosaik im Flechtwerk am Fußende.

Sehr genau erkennt Maik die Geräusche, nach den Bildern seiner Vorstellung. Nach so einem Rausch folge bald ein Rauschen der Dusche. Die seine genieße er zuerst, entscheidet Maik, und schnuppert an dem allein produzierten Nachtschweiß am Pyjama. Er schmunzelt, da auch unten am Parkstreifen nun Margarita munterer wirkt. Und sie beauftragt er gedanklich intensiv, schon vom Horchen an der Wand abgewendet, indes er seine muskulär harten Beine auf den Flur ins Bad befielt:

Clever und taff verbiete den blubbernden Kollegen, die es nötig haben, die losen Mäuler!

Margaritas um Oktaven helleres Prusten hört er nicht mehr. Und es meint auch gar nicht ihn.

„Die kirchlich angesagte Ordnung, na ja, eben ein christlicher Anstand, oder ein Stil nach meiner gereiften Weltanschauung, sind denen allen egal! Mich umgarnende Kerle wollen und brauchen täglich Bestätigung, damit die Muskel-Maschinen bei vollem Körpereinsatz laufen.“

Ernsthafter und strategischer, denkt Margarita nach. Tiefer atmend stößt sie beinahe das Moped vom Bauch, bei dem umwerfender Einfall: der jungen Helferin nur Aufgaben zusammen mit den Protzern anzuweisen. Unterdessen arbeite sie selbst den ganzen Tag lang fein abseits. Allerdings ...

„Die ticken, wie sie wollen. Weißt du eine bessere Lösung, ohne mich lobend anzubiedern, Anton?“

Bei fragendem Augenausdruck besetzt Margarita den Mopedsattel, stellt die Arbeitsschuhe ihrer Füße in die Abfahrposition. Mit zwei Schritten nähert Anton sich, hält jäh inne. Im wenig fernen Areal quäkt ein Junge, übellaunig und zurechtweisend schreit einer der Brüder. Jacko und José wohnen dort mit ihrer Großmutter und die fährt ihr Timbre hoch in einem Anton unverständlichen Dialekt. Immerhin, ein zweites Mal traut der Junge sich den gänzlich neuartigen Protest. Und absolut unpassend im Moment des Gekreisches ruft eine männliche tiefe Stimme „Vermaledeiter Gauner, José, lass es!“ Josés Wehklagen niederschmetternd - gewiss fällt dem Deutschen nichts anderes ein als das laute Gebrüll, wenngleich mit beruhigendem Zungenschlag: „Calma, calma, José!“

Jener Mann brüllt, auf den Anton in jeder Situation unumstößlich mit spitzer Aversion reagiert, Carel.

„Das Büschel an Haaren in deiner Suppe ist schon wach“, raunt Margarita, und überträgt hehre Glut im Blick auf Anton, der seine Augenbrauen zur Stirn zieht. „Na? Wankt deine fidele Morgenruhe?“

„Stimmt, ich fürchte zwei Haare in der Suppe. Das eine wäre Carel, der nur diese Bleibe hat, dort ein und aus geht, deshalb der Oma mit den Kindern hilft. Zweitens droht mir, diese Großmutter mausert sich eines Tages wegen Carel, ihrem Verbündeten, und verweigert mir einen Platz als Leihopa. Bevor das eintritt, will ich wissen, was genau die Jungen brauchen. Von mir, was ich geben könnte. Dafür soll die Tour in den Berg an diesem Morgen mir auf die Sprünge helfen.“

Keine Regung zeigt Anton, keinen winzigen Ruck zum Luftholen für einen Sprung. In starrer Haltung lauscht er der Stille in der Nachbarschaft. Nach Sekunden schwenkt er die Arme lang vor sich, weicht einen Schritt ab von Margarita, die, wie zuvor schon, den Mund zu einer Stichelei geöffnet.

„Dein Vorbehalt gegen Carel lenkt dich ab vom Wesentlichen. Eine neue Freundschaft wäre wichtiger als dein Klumpen Altgold und könnte ein blanker Nugget aus Gold werden! Höre nicht länger dein uraltes Ding heraus aus Carels Stimme. Er beweist seinen Einfallsreichtum während der Zeit in der Hütte, arrangiert sich drüben ... nicht bei uns. Und er überfordert dich wie eine Bedrohung. Mir wäre er für uns, inklusive dir, als gut gelaunter Freund willkommen. Klar, deine Aversion knackst du nicht sofort, vielleicht auch niemals, doch kannst du deinem Pendant davonlaufen? Wir leben auf einer Insel.“

„Ja, ja, ich weiß, so denkst du. Doch Carel ist dort gut aufgehoben!“, erwidert Anton in fester Tonlage. Von Margaritas Augen absehend, fällt sein Blick auf die Kiesel am Belag der Parkzone, und schon fällt ihm ein, was zudem noch auf sein Gemüt drückt. „Der Stein des Anstoßes drüben, der Oma Gezeter, schmerzt mir in den Ohren so sehr wie quietschende Reifen auf Asphalt. Aber von dem können weder du noch ich etwas ändern. Mächtigere Ideen nutzen im Kontakt mit den Jungen.“

„Hör mal, aus meinen Telefonaten mit Leo in Berlin weiß ich einen Tipp. Für mich bat ich Leo um Rat und der lautete, ich sollte mir innere Ruhe bereiten und den Auslöser des Gegenteils anschauen. Leo geht davon aus, das Gehirn habe für das Grübeln ein Zentrum, umgangssprachlich nennt sie es so, und das liegt seitlich links. Und diese Seite aktiviert die rechte Hand bei automatischen Bewegungen und darin die Unruhe oder die Angstsituation. In diese Falle nur nicht gänzlich abrutschen, das wäre ein Fehler. Schon arge Grübelei ist ein Fehler. Anton, im Widerpart lauert eine Falle. Eigentlich brauchst du deine Furcht vor Misserfolg nicht. Also, wozu hältst du daran fest?“

„Weniger Furcht bringt die Liebe“, legt Margarita rasch eine Portion nach, da Antons Gesicht zuckt. „Denke nicht, du sollst Liebe für Widerpart Carel entwickeln. Nee, glatt daneben. Darum geht es nicht. Entdecke an Carel, an seinem fanatisch erscheinenden Gehabe als Geologe, wie sehr er sich und seine Berufung schätzt. Darin versteckt sich jede Menge Stärke und Selbstachtung.“

Wieder ein Treffer. Margarita empfindet beinahe Mitleid und doch eine große Erleichterung, Anton endlich einmal mit passablen Tipps belegen zu können. Weiter offeriert sie ihm: „Denk doch, wie sehr du Usa liebst! Deine Liebe überwindet die Hürden und Fehler sind unwichtig, erschüttern weniger. Dir merzt die Liebe zu ihr deine Flucht davor aus und die löscht deine Furcht. Furcht verhindert auch ein einfaches voraus nehmen. Bezogen auf Carel wäre das dein Zufrieden sein mit seiner Art, wer er ist.“

Anton spürt das linke Ohr, das rot anläuft und heiß brennt. Er weiß woran er denkt, es nicht zu sagen wagt. Laut Leo - sagt er sich mühelos - spricht darin das rechte Gehirn. Aus dem heraus kann er den Kontrapunkt setzen, dann speichert der linke Teil nichts. Und der spezielle Quälgeist, dieser altbekannte Perfektionismus, würde bald fortsausen.

Hastig neigt er sich vor, schüttelt den Kopf, und fast, ja, er spürt, seinen Sinnen entgleitet das Metier Carel. Er blickt auf und intensiv Margarita an, legt die linke Hand mit zartem Streicheln auf ihren Arm.

„Finde du einer Idee Glanz im Umgang mit deinen Kollegen.“

„Welchen Glanz meinst du?“ Margarita sieht auf in den Himmel, dessen Blau den Tag verheißungsvoll tönt, zumindest dort oben. „Eines Kometen Glanz würde denen eine Lichterkette aufstecken“, äußert sie, etwas brütend: „derzeit fällt aus dem Orbit kein solches Licht, insofern schießt das Quaken der Kollegen weiterhin übers Ziel hinaus und ... reduziert keinen Krümel meiner trüben Besinnlichkeit.“

Flehend Anton anschauend hofft sie, er lese darin die Ursache dieses Gedankens. Er kennt sie, weiß von ihrer Furcht vor dem Auseinanderbrechen des Miteinanders in der gemeinsamen Quinta. Seine Hand auf ihrem Arm ergreift sie und zieht Anton näher.

„Hole ich das Moped aus dem Unterstand am Atelier, vermisse ich Lian. Sie wird kein einziges Mal wieder bergauf zur Levada joggen, wenn ich am Berg hinunter fahre. Ich kann Lian nichts Gutes mehr geben, damit sie bleibt. Zu spät. Klar, Lian hinterließ mehr, auch Schaffensfreude. Aber meine Bewältigung des Todes am Ende teile ich mit ihr nicht. Nicht die Besorgnis um mein Sterben, das auch mir winkt. Alt genug bin ich. Ich bräuchte mehr davon fort zielenden Esprit. Zu sehr beschäftigt mich die Trauer um Lian, und kommt mir vor wie eine Heilung auf Zeit. Für das Leben mit dem, was sonst noch am Herzen liegt.“

Hinein fühlend, kleine Blicke mit Anton tauschend, stellt Margarita ihre Tonlage behutsam ein: „Ich könnte mich einsam fühlen. Denn Vera bezieht sich auf Ohle, sie feiert ihr Liebesleben. Wenn ich an den spontanen Tanz im Sommer denke, einst zur Feier meiner Freude, fehlst du mir. Ebenso Leo. Mit ihr kann ich am Handy nicht gut Kirschen essen. Sie sorgt sich um ihre Frisur. Um die Präsentation als eine immer perfekt gepflegte Bankangestellte. Nicht von ungefähr schleicht sich an Leo längst das dünnere Haar ein, ein Abdruck ihrer fortschreitenden Lebenserfahrung.“

Darin ausführlicher zu werden, vermeidet Margarita, erklärt nur: „Drängende Berliner Motive halten Leo fest. Sie plant nur, meint“, Margarita zieht eine sarkastische Klangfarbe in ihre Erklärung, „ein Besuch wäre ein Segen für ihr geplagtes Zahlengehirn. Weil hier zum Glück immer irgendwo ein Spaßmacher lächele, in dessen Gemüt die Sonnenstunden stecken. Die Liebe in ihrer Welt würden die mit einem einzigen Lächeln über alle ausschütten. Mag sein, es gibt mehr als ich vermute, wegen der Kollegen in der Gärtnerei. Aber ihr alle lächelt wenig, wie könnte es mir gut gehen? Deshalb nehme ich am Abend mein Entspannungsbad.“

„Um dein Defizit an Geborgenheit zu Hause aufzufüllen. Ich verstehe, dich überfällt zwei Mal tagtäglich die Einsamkeit vom Morgen“, stimmt Anton tröstend zu. „Starte in den Job mit Zuversicht, eventuell wie Usa es praktiziert. Für ihre Klienten in der Praxis stärkt sie sich, gegen das Leiden an den Gefühlen von Abschied, von Verlust, der handfest und zerstörend persönliche Bezüge umwirft. Davon zu hören trifft Usa wie ein an Kraft magerer Quälgeist. Gegen solche Schübe nutzt und wählt Usa Farben, in die sie sich hüllt. Ihre Farben mildern auf sie wirkende Stimmungen und regen sie an, sind auch für die Augen aller anderen wohltuend.“

„Na, das handhabe ich unter der Arbeitskleidung mit entsprechende Wäsche. Na, was sagst du?“

Am Streifentop zerrt Margarita. Erschrocken von ihrer Offenherzigkeit, hält Anton eine Hand davor.

„Lass das Tshirt, farbige Dessous flattern oft auf der Wäscheleine.“ Zu Boden blickend, klarer im Klang, fügt Anton an: „Allerhand Anekdoten fallen Usa ein, wenn sie von den lebenslangen, die Muskeln der Klienten verhärtenden Verlusten redet, auch Usa belastet unser gegenwärtiger. Könnte sie sich Ruhe gönnen, öfter ziellos ausruhen, wäre ihr Weh bald besser. Ihr in den Schoß fiele ein tief gehendes Akzeptieren.“

Anton streichelt mit der freien Hand sanft über Margaritas Schulter, fährt dann durch ihr lichtvolles braunes, halblanges Haar. Er atmet tief durch, blickt rasch hoch auf das Giebelfenster. Es liegt leer, im Rahmen nur ein heller Hintergrund. Margarita ansehend, wählt Anton eine langsame, tiefe Tonlage.

„Unser Schock vor kurzem und Lians Fehlen fand noch keinen Frieden. Selbst keinen in Maiks Muskeln. Ich erinnere, wie oft Maiks Endzeitgedanken Lian in Wallungen trieben. Nun geht er hölzern steif, kompensiert sein Abschiedsweh mit seinen Beinen.“

„So wahr.“

Verstehend tauscht Margarita einen Blick mit ihm, von der Berührung am Haar in seine Spur gelenkt.

„Wäre Maik ein Frühaufsteher, würde ich morgens mit ihm reden, wenn nichts seinen Geist belastet. Er vernachlässigt seine unbearbeitet herumstehenden Kommoden. Tatenlos hält er die Hände. Meine in der Erde tätigen Hände helfen mir. Meine Trauer nehmen die wachsenden Setzlinge. Sie erstarken am Schmerz, denn den spüren sie sicherlich auch im Pikieren. Ich kürze Wurzeln, sie bilden neue im Humus und kräftigen ihr Leben. Dafür sind jegliche Pflanzen von Beginn an ausgestattet. Jeder natürliche Organismus strebt zur Harmonie. Mag sein, Maik gibt seinen schwachen Beinen sein Weh, aber kann das der Stoffwechsel in den Beinen verarbeiten?“

Margarita schaut an Anton herab, dessen Beine ihm einiges über Maiks Lebensart zu erkennen gaben. Nach einer Gedankenspanne hebt sie ihre Brauen und zugleich so etwas wie einen Schleier aus ihrem Verstehen. Der Funke einer Idee erhellt ihren braunen Blick bis hinüber in sein Gesicht.

„Maik kann noch nichts davon ahnen, aber er wird irgendwann, in Harmonie erstarkt, freier laufen.“

„Meinst du? Was plant dein köstliches Wesen, deine liebevolle Freundlichkeit?“, fängt Anton den Impuls auf. Nach Margaritas knappen Kopfschütteln wagt er sich vor. „Du und ich, wir zwei sind uns ähnlich. Verstehe ich etwas nicht, hast du oft vor mir eine schnelle Lösung. Eine mir verständliche, die viel später in mir ticken würde, denn ich muss mich zuerst darin zurechtfinden.“

Margarita staunt, sie sieht ihre Gedankenübertragung erfüllt. Jedoch lenkt Anton sie auf eine offene, vor ihm liegende Fährte.

„Höre zum Ticken der Männer. Maik tickt im Eselsmodell, er bürdet sich viel auf, bis zum Rückfall. Du kennst sein Gegenteil, deinen Liebsten, Marlow. Er, sein leichtes Wesen, ist mir etliche mit Pflanzerde volle Karren sympathischer als Carel. Du magst Marlows konzentriertes Jonglieren mit Steinen. Dein Herz fliegt mit in die Luft, wenn Marlow sein besonderes Ticken spürt und dann spielt, er sein inneres Kind nährt, seinem Seelenruf folgt.“

Zart lächelt Margarita, da selbst Anton über seine eigenen Worte staunt. Seine eng stehenden Augen weitet er, seine braunen Pupillen wandern rhythmisch seitwärts hin und her. Er horcht nach innen, da brodelt allerhand und rückt ihm letztlich eine Warnung vor noch mehr Tiefgang vor die Stimmbänder.

„Wir alternden Kerle, Maik und ich“, führt Anton fort, in rauem Klang, „spielen zur Zeit mehr für uns, selten für Zuschauer, passende Zuhörer. Unpassende Ohren aber hast du vor den Gärtner-Kollegen, die sich noch irren, was dauern könnte, so lange sie Pudding kochen. Erinnere unsere Art Spiele und Späße. Orientiere dich daran, nicht an den blutjungen Nervern, von denen du keine endlose Reibung erwartest, etwas völlig anderes.“

„Und ob!“, kontert Margarita, an verschiedenes denkend, dann in zögernder Sprachmelodie: „Marlow riet mir, bevor er aus England geflogen käme, möge ich meinen Schwung im heiteren Raum einüben, der halte mich zentriert im selbst gemachten Schicksal. Genau! Nach der Mittagspause sind die Kollegen erträglicher. Dann respektieren sie meine platten Sprüche auf ihrer Welle. Ein Spaß darüber fällt mir ein, und dann soll Erstaunliches passieren!“ Im Ton einen Grad froher, ergänzt sie: „Egal, ob es heute gelingt, künftig wünsche ich mir auf Liebe basierende, mit mir übereinstimmende Freundschaften. Genieße du, mein Freund, ab mit dir!, einen Seelenruf im Berg zur Sympathie, das lebenswichtige, der Pflege bedürftige Küken, wie der Wink auf Marlows Talent, Anton, tschüss!“

Margarita rollt ihr Fahrzeug zum Straßenschotter. Sie startet den Motor und Drehschalter am Lenker, stoppt in ihrer Anfahrt, nimmt das Gas zurück und wendet sogar ihre Schulterpartie zurück zu Anton. Breit lächelt ihr Mund, sie lacht kurz auf, hebt und reckt eine Hand in ein Wedeln.

„Zu mir passt Marlow ausgezeichnet!“, ertönt ihr Ruf. Ihr Zeigefinger deutet auf Anton, die Lider senkt sie vor der gestiegenen Morgensonne. „In seiner besonderen Art ist Marlow ein schräger Vogel. Er achtet alle seine Augen und Ohren als mit den Jahren wahrhaftig großartig geworden. Leute mit einer angeknacksten Konzentration lehnt er ab. Marlows Inspiration steigt auf einer leichten Spur auf. Sein Herz spüre ich seit der damaligen Walnussernte in Italien bei jedem Telefonat. Ohne Mangel stellt mich die Fernbeziehung und die Vereinbarung, keinen Ring an der Kralle zu tragen, glücklich. Wir fliegen ohne Ringe aufeinander, wir können uns nur nicht räumlich nahe sein.“

Margarita senkt den Arm und blickt vom Lichtkranz hinter Anton herab auf ihre kein Ringlein zierende Hand. Darüber wispert sie hörbar in die Luft: „Können und wollen sind zweierlei.“ Sie hebt ihr Kinn überzeugt. „Wir tragen innere Ringe und Schuhe für leichte Gangarten. Genau so stimmt es, gemäß meiner Quintessenz aus deinem Start mit Usa damals, als eurer fragilen Liebe wegen deiner adäquaten Entwicklung ein Aus drohte. Dein Vorhaben hatte dich wie ein Virus mit Ferne infiziert. Du konntest nicht vorausschauend handeln, auf dein bei ihr bleiben. Mithin vermeide ich, und da sei sicher, ein Erkranken meiner Liaison!“

„Im Rhythmus meiner Einheit mit Usa pendelt sich alles ein, sogar bei mir schrägen Vogel!“

Sein Statement, in einer tief gelegten Stimmlage stürmisch ausgestoßen, kommentiert Margarita mit einem Runzeln von Augenbrauen und Mund. Sie deutet an, es sei genug der Entgegnungen, sie dränge die Zeit. Ihr Moped lenkt sie auf den Teil, wo der Asphaltbelag beginnt.

Margarita fährt abwärts, ihre Silhouette wird kleiner, das Motorgeknatter leiser - nicht ihre Hinweise. Anton gibt Margarita Recht, und ihrem Fazit aus dem Werden seiner Liebe mit Usa, für ihren Weg der Suche, ihren Wunsch nach mehr Freundschaften. Margarita wartet nicht auf Marlow.

Wäre er ihr Wall vor den Kollegen? Marlows zeitlich ungewisser Besuch verweigert ihr seine Nähe. Ihr fehlt seine warme Berührung, auch wenn Margarita es anders behauptet. Gewiss überspielt sie leere Wochen, und beachtet deshalb um so mehr ihn, Anton. Sie äußerte nicht nur, sie forderte ihn heraus. Hinein in sein meditatives Wandern auf dem Berg gehöre die Fiktion des Pendant Carel.

Im Moment verweigert Anton sich die Drift auf Carel. Denn, denkt er nur den Namen Carel, verwirrt ihn der peitschende Rattenschwanz unverständlicher Zusammenhänge. Jetzt ganz und gar störend für die Suche nach einer Lösung!

Ups! Gleich mehrmals stößt er heiße Luft aus. Aber nicht einmal nur langsam formt sich ihm ein Impuls.

Also schlurft Anton auf der Parkfläche um den Jeep herum. Zur Abfahrt unentschlossen, legt aber Runde an Runde. Den hellen Lack sieht er nicht, nicht den erdigen Staub, von Nachtwinden aufgelegt. Heftig pocht Anton, meistens mit der rechten Faust, vor den Kotflügel, sobald er einen streift. Sein Lärmen versetzt den Sinnen, und dem linken Teil im Kopf, mehr und mehr klärende Stöße.

Bei einer weiteren Umrundung bestätigt er sich seine unerklärliche Unruhe, die ihn hinaustrieb, um da zu sein für Margarita, die mehr Gemeinschaft fordert, die fest hält an dem Band der Gruppe. Auch er, wie ihr Klebstoff, würde nachhaken, wohin Margarita sich orientiere.

Ihr schönes und glückliches Herz mag keinen Mangel spüren, es mag gerne geben und dafür etwas erhalten. Von Herzen hatte sie ihn angewiesen den Ruf aus der Natur anzunehmen. Gelängen damit die Anliegen, bei denen die Freunde passende Mitspieler wären, leichter?

Was würde wann besser werden? Bald, nach der zweiten Absicht für den Morgen? Dann würde Margaritas vertrauensvolle erste Ansage von der natürlichen Harmonie, in die alles Lebendige strebe, greifen. Entfalle dann die Disharmonie bei den alltäglichen Handreichungen in der Hausgemeinschaft, das zähe Separieren von einander? Wer will schon länger als nötig dem ausgesetzt sein.

Knapp angedacht, stolpert Anton am Belag der Parkzone über Kiesel. Er fängt sich mit der Hand am Türgriff am Heck des Jeep. Doch der steht nicht minder an Stelle des an ihm scheuernder Pendant. Für keinen darf er am Kies unter den Sohlen straucheln. Also horcht er nach Josés Kinderstimme.

Das Nachbarareal liegt so ruhig wie der Tag begann. Ebenso still soll es weitergehen, mit Achtsamkeit für die Harmonie in der Zukunft, darauf vorbereiten. Anton steigt in den Jeep, öffnet das Seitenfenster für frische Luft, fährt dann über ungezählte Steilkurven am Schotterweg aufwärts in die Berge.

2

„Fantastische trockene Wärme, eine wohltuende Fortsetzung des ewigen Frühlings auf Madeira“, schnauft leise vor sich hin Anton, über alle Maßen glücklich. Unter der knappen, nur leicht ihn bedeckenden Kleidung genießt er, wie die Nervenenden in der Haut nach außen, fühlen und ohne Umweg hinein in sein Inneres wispern: Vormals im Leben erlaubtest du an wohligen Herbstmorgen im November nie solche Muße, keine Lust und keinen Spaß, am Leben zu sein. Du gingst an Wochentagen nie stundenlang spazieren, satt von all den Blicken an den Himmel.

Oben am Himmelsblau ziehen riesige weiße Wolken ostwärts. Sie entleeren feine Feuchte auf eine wenig ferne Bergwiese. Für das Gras, es sprießt saftig grün. Willkommen den Bauern, die es für fetter werdende Rinder mögen. Doch weit und breit hier oben ist Anton der Einzige, der mit Hochgenuss an den Hängen das Grüne betrachtet und die von den Kastanien und Akazien im Wind zu Boden schwebenden Blätter, die über alles honiggelbe Teppiche decken.

Das Laub wedelt Anton mit den Schnürschuhen hoch vor sich auf und neben den Pfad am Wasserkanal der Levada. Er genießt die waldigen Düfte in der Luft, hinüber in das nächste Panorama hinter der Bergflanke über der Region Ponta do Sol. Seine Sinne sättigt das Gold im Lichteinfall und das Geräusch der hinkenden Tritte. Ab und an gluckst leise ein kleiner Strudel im Fluss der Levada, wenn ein Frosch flink hinein springt. Eidechsen huschen in ihren an das Umfeld angepassten Deckfarben. Hellbraun tauchen sie unter, werden ein Strang trockener Halme. Das Wachstum fällt auch hier, nahe dem Wasserkanal, in den Ruhezustand einer Dürre.

Doch die Sonne wärmt beständig wie zuvor. Mit jeder Stunde vor dem Mittag heizt die Luft sich auf, als ein für das Leben sprudelndes Elixier. Desgleichen zieht die warme Luft Wirbel und saugende Tiefen herauf in Anton bei dem, was innerlich in ihm in Warteposition liegt. Ähnlich wie bei Hummeln und Hornissen, die in Emsigkeit ausschwärmen, auch um ihn herum, um die Nahrung für ihre Brut zu sammeln.

Weniger hektisch, sondiert Anton eine Zukunft mit den beiden Jungen aus der simplen Casa oberhalb der Gemeinschafts-Quinta. Leihweise möchte er ein Opa sein. Doch an diesem Trittbrett für sein erfülltes Leben fühlt Anton sich ausgebremst, beraubt einer Basis von Anschluss, zumal an die madeirische Sprache als die Voraussetzung, um an Kindern Freude zu haben. Und ihm fehlt dafür Lian, die begnadete Töpferin. Ihr Tod bei ihrem Absturz ließ seinen Plan in ein Nichts abstürzen.

Kann er die nächste Passage einleiten, die, an die er ein wenig schon glaubt? Kurz streift Anton gedanklich seine schlechte Zeit als ein Bub, vor mehr als sechzig Jahren. Nichts davon irritiert ihm seine Zuversicht und den Ruf nach einem baldigen den Kindern die Hände zu reichen. Dem jüngeren José und Jacko, dem älteren, vor allem für dessen Rolle als Anstifter brüderlicher Streiche.

Die Kinder haben wenig Aussicht auf Tollheiten. Noch klammern sie sich aneinander, als ob sie nur zu Zweit der eine im Leben starke kleine Bub sein könnten. Stark genug sollte jeder der Kleinen für sich sein. Sie habe er fürderhin dahin zu bringen ihre Stärke zu erfahren. Tja, ein wenig übernehme er sich selber bei diesem Vorsatz, doch klar halte er sich, und vermeide die Illusion, mit der er bei Usa eine Partnerschaft anstrebte, um sich an ihr zu vervollständigen.

Bei der ersten Annäherung lernte er Usas rigoroses Ablehnen kennen. Tja, er hatte den Schwachen gemimt, sein breites Talent unter den Teppich gekehrt, er wollte ein Anlehnen an Usa. Von ihrer Empathie erwartete er Ermächtigung. Zum Glück entkam er heil, und auch Usa seiner Sabotage von Autonomie.

Sie lehrte ihn beiläufig, zu Zweit hätte jeder für sich ein gewisses Maß Freiheit. Eine Gratwanderung, eine mit den Kindern vermeidbare? Dennoch, die Brüder würden ihn vervollständigen, obwohl deren formbare Persönlichkeiten ihm gleichwohl Furcht vor der riesigen Herausforderung einjagt. Könnten sie, wie er, davon profitieren?

Ein Sehnen überfällt Anton. Schritt für Schritt, derweil er vorangeht, und daraus wird: Er vermisst Leute, mit denen er sich verstehen könnte. Er latscht in Schuhen, die ad acta gehören: Andere ertragen und aushalten zu sollen, löst brennend heiß einen Grad von Hilflosigkeit aus.

Einsam zu leben, das sieht seine kindliche Prägung vor, eine daraus resultierende Krisenbewältigung. Abkehr von Trunksüchtigen!, knurrt in gleicher Weise darin und nebenher: Einem sozial engagierten Kerl mit diesem Hintergrund beschränkt das Alter die Mobilität. Mag er noch so sehr sein anderes Altern herbeisehnen!

Lass locker! - surrt dem entgegen ein in aller Schärfe weicher Impuls, woher auch immer gekommen, als ein Seelenruf des Berges - nur eine Null hat keine Ecken und Kanten. Mehr als zuvor genieße die Kinder, was sie an sich haben. Ihre Jugend, belebend wie die Weide, wohin du einschwenken willst. Vergiss deine bittere Kindheit. Später lerntest du die heilsame Natur auf dich wirken zu lassen! Schau dich um, du lebst hier im Paradies!

Dem entgegen grollt, kindlich trotzig, der Gedanke: Dann befürchte, die Jungs beißen sich wie Terrier fest in deine Zeit hinein! Egal!, entgegnet der Ruf aus der Natur, er, Anton, erlerne die madeirische Sprechweise im Dreiergespann und die vermittelt dem Gespann Anerkennung. Eine, wie verschiedene Gräser auf der Weide nebeneinander wachsen. Und damit rutsche die Urwüchsigkeit der Dörfler auf den zweiten Rang.

Als Nächstes denkt er an sich, wie sehr er das Urwüchsige an Madeiras Natur schätzt, jeden Kilometer liebt. Nur kernige Wetterwechsel teils noch fürchtet, herrührend von den immensen Schäden durch das Unwetter im Februar dieses Jahres. Auch teils den Fang der Fischer, bringen sie aus der Nacht auf der Tiefsee Espada mit, den Raubfisch mit spitzen scharfen Zähnen.

Einen dieser Art dünstete Vera mit Bratbananen, denn ihr ist es verboten, irgendetwas aus Bacalao, dem Trockenfisch, zu zaubern. Ihr exotisches Gericht schied gestern Abend die Geister der Fünfer-WG in Mögen und Ablehnen. Keiner wollte Fischaugen, versessen darauf, als Delikatesse herauslösen. Erst nach einigen Kostproben schmeckte den vorsichtigen Zungen das befremdende Andersartige.

Die Alternative wäre ein Verzicht gewesen und hungrig bleiben, wie bei allem. Das Gute probieren, erwägt Anton, den eigenen weichen Schritten im Laub lauschend. Für das künftige Geschehen mir im Voraus das Versprechen geben, die Verantwortung tragen zu können. Ja, ja, wer nicht zu spielen lernt, wählt falsch. Nur die Versager verlieren alle Gunst, die schalten absolut nie die Konkurrenz aus.

Das Negativbeispiel dafür kennt er. Den oppositionellen Deutschen Carel, den fixe Ideen in der Erde nach Schätzen von Wert buddeln lassen. Ganz wo anders war der Fanatiker heute Morgen gewesen.

Nun doch belastet von Unsicherheit, aber zum Glück wenig kurzatmig oder zu sehr von Schweiß bedeckt im grauen Tshirt, der knielangen Jeans, erklimmt Anton einen Hügel. Obenauf schon zu sehen liegt die Scheune von seinem Freund Fernando. Im Frühjahr wurde davor ein Schwein geschlachtet, heute liegen die Wiesen verlassen. Das einzigartige Licht der Höhenlage inspiriert zu einem Blick auf den Horizont. Schon fühlt Anton sich dicht dran an den Elementen der Luft und der Erde. Fort weht seine Unsicherheit.

Wenige Gehminuten später flutet sein Blick hinunter an dem Hang, und auf die Reste eines alten Hofes aus Bruchstein-Quadern, vom Steinbruch herbeigeschafft, einst für eine Alm mit Milchvieh. Vorbei zog die Zeit der Hoffnung und Mühsal, der Fußwege über Grasterrassen, sagt der Anblick, nichts Neues. Anton erreicht die Scheune, lehnt sich an eine Bretterwand und empfängt die Mittagssonne im Gesicht, schließt die Augen.

Hoffnung übertrage auf deinen Pfad der Mühsal - flirrt es ihm durch die Wärme am Gesicht - du bist nicht hergekommen, um vom Honigtopf zu schlecken. Das sei später der Dank für die Mühsal. Werde und werde und werde, aber das geht nicht vom Rückblick auf das Fehlende. Frage Freund Jacko im Herzen, in das du ihn hineinließest. Jackos Hund döst immerzu und weiterhin in der Sonne. Der wurde aus gebranntem Ton und sein Fellkleid aus vielen Pinselstrichen geformt, von dir unterstützt. Hunde sind Herdentiere, die das Alphatier anerkennen und ehren, wenn es agil wird. Werde, werde, werde.

Tja, denkt Anton nach der vom Sonnenlicht gelenkten Anregung, ein Freund wäre er, und hinkend nach wie vor, doch falle ein Straucheln aus! Auch Jacko soll nicht rückfällig werden. Sein Geist kompensiert und treibt ihn an, sich wie irre auf der Straße zu wälzen. Seit dem Tod seines Vaters, unter mysteriösen und mehr als grauenvollen Umständen in einer Berghöhle. Jacko verlor den Retter vor den misshandelnden Händen der Großmutter. Ein zweiter Abschied traf ihn. Lian war ihm die Helferin gewesen gegen den harten Verlust und die Rückfälle in kindliche Trauer. Ihm und seinem Bruder José.

Deutet dies ihnen an, es gäbe im Weiteren auch niemals wieder einen Beistand? Erwachsenen verständlich, die sich an die eigene Nase fassen und sich aufrappeln, wie aber Kindern? Die Brüder erlebten etwas Neues, haben keinen Anteil mehr an Lians kreativen Atelier, sie steigen in keine solche Entwicklung ein! Gegen dies Düstere während ihrem Aufwachsens will die Sozialarbeiterin der Jungen immer noch andere Erfahrungen anregen. Sie behauptet, die Zeit arbeite für die Jungen. Er, Anton dagegen meint, die Zeit kreise noch selbst um sich, noch liege kein sichtbar hinausführender Bogen vor ihm. Der werde erst noch, werde und werde.

Seine Bedenken kribbeln ihm zwischen den Zehen in den feuchten Bergschuhen. Anton öffnet seine Augen, und auch sein Gehör. Nur sein Atem wird kürzer, er hört sich die Luft längs der Nasengeräusche in die Stille ringsum ausstoßen. Von dort wird ihm in Sekunden eine Erwartung vermittelt, ein Geräusch.

Da!, auf tiefer Fahrspur, mittig von Gras bewachsen, röhrt ein Pickup mit Fernando darin herauf. Nahe zur Hütte geparkt, wird der Motor still.

„Wie bestellt und nicht abgeholt stehst du hier oben in der freien Weite, Anton?“

Kichernd lüftet im Nähern sein Freund sein von der Wärme im Jeep verschwitztes, in mehreren Blautönen kariertes Hemd und zupft daran einige Male, entfernt es von seiner Brust.

„Wie geht es dir, wie stehen die Aktien?“, redet Anton sich heraus, und sortiert sich mehr am Anblick von Fernandos schmutzigen Tretern. Aufwärts, über die ausgebeulten Hosenknie und den flachen Bauch, bis in das braune Blinklicht der Augen, und fasst sich für eine anschließende Frage.

„Heu lagert in der Scheune?“

Zeitgleich spürt Anton, ihm gehe ein Tor auf, ein größeres als das aus den realen Wandbrettern neben ihm. Absolut nicht deswegen, weil Fernandos Hand an seiner Schulter rüttelt, ihn wach aus der Starre der Mühe zuvor heraus führt. Nur ein freundlicher Schlag zur Begrüßung, sofort zurück genommen.

„Heu auch“, bestätigt Fernando, mit dürrer Stimme wegen seines verschluckten Schmunzeln. Er reibt seine Hände aneinander. Unerwartet flink reckt er die Daumen und legt mehr Schwung in den tiefen Bass seiner Tonlage. „Und etwas ganz anderes, Anton. Sieh es dir an.“

Eilig öffnet Fernando das Scheunentor weit dem Licht, entlässt einen Schwall duftendes Grasaroma und ein Fahrrad mit verdächtigen Stollen an den abgefahrenen Reifen. Es rollend, grinst Fernando, als hätte er einen Honigtopf in Händen und kein klappriges Mountainbike.

„Eigentlich wollte ich es noch aufhübschen, und selber meinen Spaß haben, im Gelände fahren!“

Schon sitzt Fernando am Sattel, zu niedrig eingestellt für seine Beine, und gurkt wie ein Äffchen auf der Wiese umher. Breit grinsend, stoppt Fernando vor Anton, dessen Verblüffung ihn tierisch freut.

„Neu ist es nicht, aus zweiter Hand von Einem, der ein Profi wird. Sicher hast du die zähen Radler an den kurvigen Straßen schon trainieren gesehen? Eigentlich kannst du es gleich ausprobieren.“

Das Rad kippt Fernando vor Antons kugeligen Bauch. Nicht nur diese Region gibt der Aufforderung weich nach. Anton tritt in die Pedalen und rollt den Berg hinunter in einer Spurrille.

„Am Lenker funktionieren die Bremsen!“, hört er sich nachgerufen, und dann in die trockene Wolke aus Staub unter den Reifen hinein, mit der er die Wucht abfängt, neuerlich mit spaßigem Ton: „Hoch zu mir wechsele die Gangschaltung, dann musst du nicht mit aller Kraft treten!“

Hechelnd nach Atem, und tief bewegt in Brust und Lungen, kehrt Anton zurück. Selbst ihm blitzt sein Braun aus den kleinen, eng stehenden Augen.

„Na, muss ich mehr sagen?“, betont Fernando. „Es gehört eigentlich nicht mir und eigentlich nicht dir, doch ich verschenke es. Oder ist dir eine bessere Idee eingefallen, seit Lian die Augen schloss?“

„Aha, der niedrige Sattel!“, lässt Anton ihn wissen, im Stimmklang überraschtes Staunen. „Du bist ein taffer Freund, und einer für andere Kleine. Die werden Augen machen! Bringst du das Rad hinab an meinen Jeep?“ Dem nach versteht Anton noch mehr, zwinkert mehrfach mit einem Auge. „Deshalb dein 'eigentlich', das du sonst so gut wie nie betonst, und was so viel hieß, irgendwann hättest du mir das Fahrrad zur Quinta gebracht? Damit wir zwei halbe Opas uns solchermaßen vergnügen und den Nachbarjungs das Radeln beibringen?“

Fernando reibt sich den Bauch vor Freude an dem ungewöhnlichen Vorhaben und wegen Antons Schläue. Er weiß aus manchem Erlebnis, wie viel warmherziges Gespür jeweils der andere in sich trägt. Auch dies, so vergegenwärtigen die beiden Freunde, leitete sie hinein in die heutige außerplanmäßige Begegnung.

Nach der Fahrt in Fernandos Pickup hinab, lädt Anton das Rad in den Jeep. Er dankt Fernando zum Abschied in grenzenlos ausufernder Vorfreude. Nichts ahnend fährt Anton an. Wenig später rollen die Reifen am Jeep nicht nur, sie hoppeln durch ausgefahrene Spuren über loses Geröll. Steinschläge drohen in der Staubwolke hinter dem Pickup und denen auszuweichen erscheint Anton unmöglich.

Ebenso unvermeidbar, hüpfen und schlingern ihm die Falten an Wangen und Hals. Plötzlich tritt aus den staubigen Wogen und den knisternden Steinen der Schemen der Großmutter der Brüder vor sein inneres Auge. In den Ohren schmerzt das Gezeter der alten Frau, zu oft gehört, ohne etwas dagegen tun zu können. Das schrille Geschrei im Gehör verdunkelt als gefährlicher Schatten seine unendliche Vorfreude, ebenfalls das von Fernando betonte eigentlich. Ähnlich dem erdigen Staub, der sich am Fahrzeug anhäuft, dämpft des Schattens Last fristlos alle gute Absicht.

Riesig wächst daraus Margaritas Urteil, er stecke fest in seiner Haut, fände nie heraus. Ihren Abschlag, ihr Sticheln, verscheut sich Anton. Mit Recht wahre er seine Haut vor Subjekten mit Stimmen, die ihm die Ohren quälen! Unerträglich lastet im Gedächtnis das Bündel einstiger Gegebenheiten.

Darf die Nachbarin ihre Dreistigkeit fortsetzen? Ihr höchst unakzeptableres Tun, den Stein des Anstoßes? Den einengenden Zwang auf die Kinder halte auch er aus, mit Qualen im Bauch. Verginge der Druck, wenn er es der Großmutter abgelte, er sie rücksichtslos beiseite lasse und er heimlich den herzigen Kleinen das Radeln zeige und beibringe? Ups! Kaum der beste Ansatz. Radfahren liegt fern zu der gewohnten Lebensart. Die Jungen würden das Fremdartige abwehren und ihn, den Fremden, stehen lassen! Ein Fehlschlag für die neue Erfahrung von Anstand und Mitgefühl. Was würde aus Fernandos Geschenk werden, von dem sie, im Hinblick auf die Neugier der Kinder, sich beide ganz sicher gewesen waren?

Ihn strengen die Blicke durch die Frontscheibe an. Er kann nichts mehr erkennen und drückt auf den Hebel der Waschanlage, pumpt mehrmals Wasser hervor. Die Scheibenwischer lösen nach und nach hellbraune Schlieren, klären allenthalben Antons Denken. Die Macht der Großmutter über die Enkel bedroht nicht ihn im realen Augenblick. Bedrohlich sind auch keine immateriellen Schlieren und Schatten auf der Zuversicht, dagegen fände ein werdender Leihopa mit der Zeit den passenden Hebel.

Anton fährt am holperigen Berg abwärts. Rasch ändern sich die Hochweiden an der Grenze der alten Pinien zu niedrigen Grünflächen. Das Fahrgeräusch an dem festen Schotter dringt in sein Gehör. Mit nachlassender Kraft steuert er das Lenkrad. Kurz darauf biegt Fernando linkerhand ab in Richtung seines Heimes vor einem Lorbeerwald, wohin er ein Hubsignal ertönen lässt. Anton winkt grüßend, sich sicher, im Rückspiegel sehe es sein Freund.

Fernando hatte ihm die Hand gereicht. Ohne Versteckspiel und ohne Skrupel, aufrichtig. Er blieb nach den in Deutschland als Facharbeiter verbrachten Jahren heil in seinem Kern. Fernando scheut nicht zurück vor der hiesigen Lebensart von Langsamkeit, und gewiss vor keiner Nachbarin. Ihr würde er den Takt einträufeln, und dem Freund raten, die Lage sportlich zu nehmen. Ungefähr so. Anton seufzt lauthals und postwendend sieht er sich in einem Sportgeschäft in Ponta do Sol etwas einkaufen.

3

„Und, Anton?“, fragt Maik mit einer Stimmlage, worin mitschwingt, ihn einzubeziehen erwarte er. Die Idee vom Radeln mit den Jungen, aus dem Treffen mit Fernando am Vortag, von Anton begeistert mit glänzenden Augen erzählt, darf auf keinen Fall bei Anton die gesamte Aufmerksamkeit besetzen. Kein Muskel an dessen Gesichtszügen verrät dessen Tendenz. Anton sieht ihn nur freundlich an, im Reinen mit sich.

Ein Glücklicher, weil die noch feuchte, schwere Morgenluft die Essenz der Eukalypten an den Vorplatz vor das Büro trägt? Drinnen, wenig fern des offenen Fensters und in einer Nische von Usas Nähtisch, sitzt Anton im Korbsessel ihm gegenüber. Und er, Maik, darf er nun nur abwarten?

Nach seinen an sich gestellten Fragen verfällt Maik einigen Eindrücken aus der Zeit nach Antons Rückkehr von der Reise im Oktober, die ihm die Zukunft ändern sollte. Das hatte Maik auf Klippen vonstatten gehend interpretiert: Antons etwaiger Tritt hinaus über die Kante in die Welt, um sich zu bewähren, oder, beständig auf der Insel lebend mit seinem Beitrag auf dem gemeinsamen Spielfeld. Eventuell sogar mitsamt Antons absurder Idee, den Felsenkeller mehr zu vertiefen, voraus einem Fall der Fälle, als den Schutzbunker vor den Gesteinsausschüttungen der Vulkane auf den nahen Kanarischen Inseln. Entgegen solcher Buddelei hatte Margarita von Anton einen, ihrer aller Jahre angemessenen Treppenlift verlangt.

Dies streift Maik durchs Gemüt, um den Freund nicht total in die Rolle als Leihopa zu entlassen. Dafür stellt Maik sich mental auf, sein Unruhepotential verlangt es. Etwas daran bedarf einer Weite, die den Zeitrahmen absteckt für eine kleinen Führung, die den Freund an die Leine legt.

Maik schaut auf das Bücherregal im Büro, von Wand zu Wand läuft es und trägt an einer freien Fläche die Helme, Ellbogen- und Knieschützer in der Größe für Kinder, neu und unbenutzt. Mit der rechten Hand weist Maik darauf, legt die linke in Höhe des Herzens ans dunkelbraune Tshirt, und setzt neu an.

„Und? Damit geht es an guten Tagen weiter? Und wie stehen deine Pläne für die Gemeinschaft?“ In seinen Schoß senkt Maik die Hand, rückt seine bestrumpften Füße in den Sandalen näher zu Anton. „Mir wäre es genug, wenn du dich schlau machen würdest, wie ein Lift gebaut wird. Einer, der meine steifen Beine von den Stufen zum Schlafzimmer hebt. Eine Fahrgelegenheit, eine bauliche Veränderung, denn oben wohnen bleiben will ich, unterm Dach, mir vertraut und mit einem grandiosen Ausblick.“

„Ups“, entfährt es Anton überrascht. „Eine bauliche Veränderung will gut überlegt sein.“

Das Flechtwerk am Sessel, auf dem Maik unruhig ruckelt, knarrt. Seine vor Erwartung feuchten Hände reibt er über die Jeans. Antons leichte graue Leinenhose samt Weste vor dem ebenfalls grauen Tshirt, schaut er an, auch Anton auf die Hände, in Ruheposition in den Schoß gelegt.

„In einen Teil von Usas Räumen, und hinauf in die obere Teeküche, die wegfällt, kann ein Innenlift eingebaut werden“, behauptet Maik mit dünner Stimme, wenig gewinnend. Dann, im Brustton von Überzeugung: „Auf Rückzug soll Vera verzichten. Sie hat im Cateringteam nie Nachtdienst bis zum Morgengrauen. Falls sie eine Vertretung an der Rezeption im Hotel auf der Klippe annähme, kann sie nötigenfalls in der Wohnküche ihre Kompensation in der Nacht haben und uns etwas Leckeres backen.“

Maik hebt den linken Zeigefinger, ruckt im Stuhl seitlich, aber keineswegs den Klang seiner Stimme in eine Rücknahme seines Wunsches. Er weist mit ausholendem Arm zur Tür, dahinter liegen die untere Teeküche und der Flur.

„Nach hinten hinaus, ich weiß, du kannst es dir vorstellen, ergibt der Plan für Usa einen Wechsel ihres Schlafzimmers nach vorne und deshalb einen nach hinten ruhig gelegenen Therapieraum für ihre Klienten.“

„Na ja, Maik, neulich sagte Usa, in der sogenannten Wintersaison erwarte sie viel zu tun. Das dürften wir mit bedenken.“ Jäh aus seiner Ruhe gerissen, zuckt Anton mit beiden Händen aufwärts und fängt endlich, nur kurz, Maiks Blick ein. „Ihr wäre es nicht angenehm, planten wir für sofort und schlügen die Wände und Decken ein. Und damit auf sie ein, auf sie und ihre minderen Mietzahlungen.“

Von Miete zu hören, merkt Maik, tangiert ihn nur schwach. Er fliegt schon gedanklich vor das benötigte Loch in der Decke und findet sich im Lift stehen, wo er das Knöpfchen für oben drückt. Ihn zieht sogleich etwas herab, hier ins Büro. Soll er die im Regal lagernde Bauzeichnung analysieren? In der Mappe, die er leicht fände? Doch schwer und träge sind die Beine. Indes verlangt sein bildhaftes Vermögen, geschult bei jahrzehntelanger Maloche in Neubauten, nach dem nächsten Kick. So etwas stört kein Zipperlein.

Damals störte es ihn beim Stemmen der Balken. Dieses Etwas schweigt im Sitzen, ganz und gar ohne etwas Eseliges. Das Eselskonzept hatte Anton ihm im Sommer angetragen und einen Treffer gelandet. Seither hört und erkennt Maik die Hufschläge seines Charaktertieres. Davon weg komme er nur dann, wenn er sich fern halte von seinem starrsinnigen Recht behalten wollen, darauf pochen.

Bei sich vermutet Maik - warum auch nicht? - sein Charaktertier sei gealtert. Es schlage nur ab und an lahm in den Solarplexus, den Usa als Magen- und Rückenmitte kennzeichnet, wenn sie harte Muskeln massiert, nebenbei kommentiert. Obgleich es dort stets etwas grummelt, wähnt Maik, er entgehe der Reichweite der Hufschläge total, sei seiner Altersweisheit näher gerückt, dieser Seite von Zustand.

Seit Anfang der Winterzeit erschrecken Maik aber auch selber seine Schreie beim Gehen mit dem Schmerz, scharf wie ein Messer. Dann hält er inne, bis es verebbt und geht vorsichtiger, die Beine taugen weniger.

Wie soll er, eine langsame Schnecke, noch Gemüse bei den Bauern beschaffen? Er erleidet den Mangel an Freundschaften im Dorf, die er zur Anerkennung als ehrenwerter Mitbürger pflegte. Unzufrieden stellt ihn sein Los. Die Einkaufsliste am Notizbrett in der Küche wird immer länger. Die Versorgung lastet auf Vera, sie verfügt über den Leihtransporter vom Cateringteam.

Sie ahnt den echten Grund, übt Maik sein souveränes Gedankenspiel. Ah! Für den Part sitzt er vor Anton. Dessen Schritte, falls er an das Regal ginge, glichen kaum seinem eigenen hölzernen Gang.

„Anton, wir beide könnten ein Gespann aus Komödianten werden“, haucht Maik inspiriert, und fängt über das strahlende Blau seinen Augen damit schon Antons Blick ein. Ein Brustton überzeugter Begeisterung fällt ihm aus der Kehle. „Wir leidenden, hinkenden, meinetwegen rheumatisch veranlagten Humoristen könnten den drei WG-Frauen ein Schauspiel vorführen, bevor wir etwas zu Bauplänen sagen. Usa nimmt mir das ab, wenn sie meinen steifen Gang bemerkt, sogar weit schleifender vor ihr, als es deiner je wäre.“

„Sie weiß aber, wie beschwingt dein ganzer Leib geht, bevor du im Jeep zu Gela fährst!“

„Auch wahr. Aber in den Schüben, die jederzeit ungerufen eintreffen, können wir es Usa vorführen.“

„Willst du an das weibliche Mitgefühl appellieren? Dann reagiert Usa mit einer Gewichtung auf nur vegane Speisen, ohne Käse, Bratwürste, Schinken und Konsorten. Dann speist du neben ihr reines Grünfutter und an Festtagen Kräuterquark, und baldigst fällt dir das schleppende Gehen schwerer.“ Kichernd beendet Anton seine Vermutungen darüber, wie, mit Raffinesse und Spaß daran haben, der Boden bereitet werden könnte. „Und immer, wenn du vom Esstisch aufstehst, so übe entsprechend dein Seufzen. Lass es mich jetzt weniger genussvoll gesättigt hören. Wie hört sich das wohl an? Mach es mir vor.“

„Ich sitze gerade gemütlich! Mein Oberstübchen müsste ich anstrengen für Ausreden, bevor Usa mault. So machen wir es und du spielst das mit! Also gut, sieh mich genau an.“

Maik dunkelt seinen strahlenden Blick in blaue Tiefe, und die fällt ihm sehr leicht, weil er nur kurz an seine Verfassung denkt, an das Grummeln, das er schleunigst hervorbemüht. Er probt bedauert werden wollen, nach Trost heischen. Auf den Wangen dehnt er die Falten lang herab, senkt seine hell bewimperten Lider.

„Oh Mann! Anton, ob auch Margarita und Vera bemerken, was mit mir nicht stimmt? Ach, ach!“

„Krause stärker die Brauen“, kommentiert Anton, „buschig genug wachsen sie. Dazu passt mehr Kehle im Seufzen. Hör mal mich.“

Schon übt Anton ein Konzert tiefer Töne voller Selbstmitleid und Lebenslast. Dann, ebenso plötzlich, stoppt er sich, weitet seine brauen Augen für einen gewichtigen Ausdruck.

„Das glaubt nur einer, der mich nicht kennt. Außerdem soll ich nicht maulen. Leo gab mir den Tipp zu den Aufwinden in der Thermik vor der Sonne, sobald mich Lethargie tangiere, die in der Leichtherzigkeit, die ich mir erlaube, verschwinde. Also, genehmigen wir uns öfter einmal ein gegenseitiges durch den Kakao ziehen, gezuckert mit mehr hoch gespieltem Spaß. Übertreiben wir beide die Komik, zu der wir uns entschließen, werden die drei mit uns wohnenden Frauen davon genauso hellhörig, doch nicht biestig.“

„Oh, das pflegt unsere Gemeinschaft, unsere Sympathie. So machen wir es, alter Knabe. Mir ist auch nicht nach einer grundsätzlichen, das Häusliche verändernden Diskussionen.“

'Es hält auch dich im Spiel', beendet Maik seine Besorgnis, Anton tendiere zu viel von ihm fort. Dann, wie im Schlag, spürt er Anton umschwenken, nicht eingehen auf seine Erleichterung.

„Zuvor derlei an Diskussionen, denen du entkommen willst, höre über Margarita. Sie wünscht sich anderer Leute Freundschaft.“ Anton bemerkt an Maik ein Recken am Hals, seine Züge werden herber. „Verdutzt dich ihre Tendenz? Weißt du nichts von den Zuständen in der Gärtnerei? Wann zuletzt hast du mit Margarita, in ihrer arbeitsfreien Zeit, die sie und dich jung haltende Sonne des ewigen Frühlings genossen?“ Absichtsvoll und gewichtig nickt Anton hinein in Maiks herben Blick, und bekennt mit aufmüpfigem Brustton: „Du setzt wie ein altes Eisen seit langem nur Rost an, und du und ich, wir reichen Margarita nicht mehr.“

„Die Dummschwätzer“, unbeirrt, hebt Maik einen Arm vom Korbsessel, winkt hinaus zum Fenster. „in der Gärtnerei blasen sich ehrlich gesagt auf, wie damals vor mir die Kollegen, die niemals das zugaben, was sie verursacht hatten. Die rächten sich wie Jäger an eines Feindes Front. Margaritas Kollegen sehen morgens im Spiegel keine vollwertigen Kerle, die sehen sich im Regen stehen und nur andere unter einem Schirm. Knapp wurde die Luft, ungut das, aber nie so knapp wie mir für meine Mobilität!“

„Dass Jammerlappen menschlich sind, das weiß Margarita, und, wenn sie auf hoch schlagende Emotionen nur mit Unmut anspricht, sät sie neuen.“ Gezügelt stöhnt Anton vor Spannung, doch denkt versöhnlich und doppelbödig. „Fest steht, Margaritas Umgebung spiegelt ihr etwas Inneres, deswegen leidet sie und wir mit ihr. Wir wohnen nicht nur zusammen, wir mögen Margarita. Wir nehmen Anteil an ihrer Integration an dem Arbeitsplatz. Sie will akzeptiert werden und sich anpassen. Denke nach, mit dem Bauchgehirn in logischen Ketten. Lass dir Zeit. Wie ich, unterdessen liegen meine Socken im Schrank und verstauben, oh ja!“

Anton räkelt die Zehen in den Sandalen. Sauber sind die Füße, ohne Ränder von Erde, seit im Herbst die Mühe an den Beeten wegfällt. Keinesfalls bei den Dorfbauern. Auf deren Füßen lastet die dritte Jahresernte roter Kartoffeln und alle Sorten von Kürbis. Schon läuft Anton der Mund voll Speichel. Viel gäbe er für eine Suppe, rasch zubereitet von Veras kundiger Hand.

Allerdings hört er von Vera nur, draußen am Gartenstreifen, ihre laute Stimme im Gespräch mit Usa.

„Die kleine Statuette soll also umziehen!“, belauscht er Usas Keuchen, sich sicher, sie schnauft nicht wegen der von Eukalyptus erfüllten Luft oder den Aromen vom Kräuterbeet. „Am Hang hinter dem Atelier“, fügt Usa an, „finden wir ein stilles Plätzchen im Grünen, Vera.“

„Für Jene, die Lian gedenken wollen. Ungewollt mag ich keinen Tag mit Erinnerung beschweren. Anderes braucht meine Geduld. Also ja, wir zwei pflanzen sie um. Folge mir zum Wasserspeicher.“

Daraufhin schauen im Büro Anton und Maik sich an, krümmen sich dann in den Sesseln. Anton nach vorne, die Ellbogen an die Schenkel, die Hände am Gesicht. Maik presst sich und seine Trauer an die Rückenlehne. Vor Minuten plante er eine neue Ordnung im Haus. Draußen wird ein gewohnter Teil zerstört. Schon spürt er, Veränderungen ziehen ein Beachten der Emotionen heran. Ohne Hiebe aus der Tiefe fände er keine neue Struktur, nur den Weckruf zur Vollendung.

Unterdessen lagert Vera die von Lian hinterlassene Tonfigur auf eine Hüfte, rafft den Saum ihres hellblauen knielangen Tshirts darüber. Dem Hemd macht das nichts mehr aus, es ist schon staubig von der Reinigung im Leihtransporter.

Usa voran marschiert Vera von der Küchenterrasse zu der Ecke der Quinta, dann aufwärts die Stufen in den Hanggarten, hinein in den Duft einer sonnigen Note nach Erde. Von irgendwo mengt sich intensiv das Harz von Kieferzapfen bei, und tief gehalten von einer riesigen weißen Wolke am Hang vor dem Himmel. Oben ausgefranst, steigt die weiße Pracht mit des Waldes Feuchte in die Luft.

Nahe zweier von der Vormittagssonne warmen, aus Naturgestein gebildeten Trittflächen setzt Vera sich und die schwere Last ab. An der Statuette streichelt sie den geschlungenen Pfad. Seiner porösen Fläche, wie von Baumrinde, folgen ihre Finger und ihr Betrachten der zuunterst winzig modellierten Quelle, die aufgewölbt entspringt und einen Sockel formt. Bald raunt in Veras Gehör hinein die Bö, die über die Kronen der Bäume am Schotterweg bergwärts weht, und kräftigt ihr Empfinden.

„Zum Wald ausgerichtet, gefällt mir Lians Gedenkstätte“, lässt Vera ihre Begleiterin Usa teilhaben, die tiefer stehen geblieben zu ihr aufblickt. „Vom Fenster in der Gaube schaue ich hinüber, falls mir danach wäre. Hier dazu allerdings, fehlt mir noch etwas mehr aus dem Wald, in dem Lian oft joggte.“

Nachdenkend, kraust und spitzt Usa den Mund zu einem Bündel. Sie hebt ihr Gesicht zur Sonne, betrachtet dann die individuellen und naturbelassenen, aus gefundenen Steinen gebauten, aufwärts führenden Stufen. Von hier nicht sichtbar, enden die vor der Grenze zur Quinta von Mona und Jörg, den Nachbarn. Auf und ab der Treppe vor dem diesigen Blau tasten Usas Blicke, und lassen sie sagen:

„Die Treppe zum Himmel finde ich sehr passend, ja, verstehe sie sogar als Lians schwungvolle Rückkehr in die ewige Unendlichkeit, wo ihre Seele wohl weilt. Den beispielhaften Schwung aufwärts im Hang, wo wir irgendwann Lian folgen, denn sehe ich von hier aus zum Glück noch nicht.“ Vera direkt in die Augen sehend, ergänzt Usa, im Stimmklang wie gehaucht vibriert Erschütterung: „Es wird passieren. Aber zuvor gestalten unsere drei anderen diesen Platz mehr nach Gutdünken. Mir gefallen - ob deines Gefühls, es fehle etwas - die Wurzelstücke vom Trog außen am Atelierfenster. Die erinnern mich stets an Lian, binden an sie, wie sie war. Nun ja, also los, ich hole die herauf.“

Usa wendet sich flink ab, an den Rückseiten der Beine bauscht sich die schwarze Pluderhose. Zurück kehrt Usa kurzatmig, wegen dreier, vor ihr schwarzes Hemd gehaltene knorrige Gebilde. Eine Wurzel nach der anderen wuchtet Usa fest in die Erde bei der Aloe Vera, dem Wasser speichernden Gewächs mit prallen Blättern, abseits der Treppenstufe, wo Vera ihr Tun beobachtet.

„Aloe Vera heißt sie, ähnlich dir, und grüßt auch von dir in alle Himmel. So, fertig!“, schnauft Usa.

Unverhofft schießt in sie und durch sie hindurch eine Hitzewelle. Usa reckt beide Arme empor zur Sonne, kehrt sie zur Erde hinab, schüttelt die Gelenke frei. Es war zum Glück nur ein kurzer Anflug trockener Hitze. Wohl auch, da die eingeatmete Eukalyptus enthaltende Luft den Körper kühlt. Dann fordert sie Vera auf:

„Stellst du die Skulptur zu den Wurzeln? Ich mag sie, sie entsprechen Lians Gesinnung, ihrer Liebe an die Natur, die wir somit an die Erde zurück geben.“

Vera setzt einen breiten Schritt seitwärts, nimmt die Tonfigur mit, ruckelt deren Sockel in die Erde und prüft, ob sie im Lot steht. Ein Moment Stille folgt. Durch die Luft streichend, beendet Vera die Aktion. Wie sehr sie ihr Vorgehen berührt, liegt in ihren feucht blinzelnden Augen.

Hinein in Veras rechte fasst eine warme linke Hand. Beide Hände drücken sich nur zart im Gewahrsein eines Lebens ohne Lian. Für Tage und Wochen, gefüllt mit Verweilen bei Lian, die nicht mehr umarmt werden kann. Unerreichbar für Hände, nur noch lautlos bei sinnlichen Gesprächen.

„Ah“, räuspert Vera sich, „ich will noch gestehen, ganz tief in mir trage ich meine Treppe zum Himmel. Aber noch lebe ich und auch Maik. Er braucht Aufmunterung. Ich werde ihm anbieten im Atelier seine Möbel zu restaurieren. Er soll anfangen. Insgeheim meine ich, ihm fehlt Bewegung, die das Gewohnte umformt. Lian töpfert nicht mehr.“

Den Kopf gesenkt, blickt Vera auf ihre linke Hand, legt sie um Usas rechte. Denn Usa hat sie noch etwas anzuvertrauen. Vera belegt ihre Stimme mit freundlicher Einsicht.

„Du stimmtest Jorges Vorschlag deiner Praxis im Atelier zu. Aber ich fühle mich schon von dem Bild gestört, würden deine Klienten den langen Weg durch mein Refugium gehen. Wie wäre es, wenn du die Praxis ins Büro verlagern würdest und das Büro zöge, sozusagen für alle Tätigkeiten für die WG, ins Atelier? Ich könnte für das Catering in der kleinen Küche kochen. So käme mehr Privatsphäre oben zu uns, die wäre Margarita wichtig für Marlows Besuch. Sie will Maik und mich mit ihrem verliebten Turteln nicht aufregen. Also, wenn wir Fünf über den Komplex verfügen“, Vera wendet den Kopf, schaut hinter sich auf das Dach des Ateliers, spricht betont fordernd, „teilen wir Kosten und Lians Sohn Jorge erhält aus dem Topf etwas zurück von Lians Investition in den Umbau. Vor uns steht die Umlage, das übermittle laut und deutlich demnächst Anton als seine Rechenaufgabe.“

Usa dreht sich halb, linst zum Atelier, wovon ihr die Laune und ihre Stimmlage nüchtern werden.

„Bringe du das den Männern scheibchenweise bei. Ich teile mir mit Anton sowieso die Kosten für das Büro, und zahle Miete für meinen separaten, wenig ertragreichen Arbeitsraum. Ich buckele mir nicht noch mehr am Ganzen auf, oder den Stress durch mehr anzubietende Leistungen.“

„Ist ja gut. Ich übernehme den Gedankenaustausch“, zieht Vera ihre Forderung zurück, und faltet am Bauch aus ihren zwei Händen eine große Faust. „Aber Zugzwang laste ich mir keinen auf. Denn so ein Drops wäre der zweite nicht gelutschte, den ich am Hals hätte. Weil von mir im Cateringteam ein maßloses Verändern gefordert wird, ein ganz großes 'es ist unausweichlich, den Stolz sein zu lassen'.“

Die angespannten Hände lockert Vera. Sie berührt leicht, um Versöhnlichkeit bemüht, Usa am Arm.

„Meine Last mit der Integration liegt anders als deine. Mich kontaktieren mehr Einheimische als dich. Du triffst gleich Denkende und bemühst dich um ihr gefühlsmäßiges Wohlbefinden. Gelingt es dir, so öffnen die Klienten dir das auf ihnen lastende Altgold ihrer Herzen. Du händelst versiert Beschwerden und jeder fühlt sich besser. Du auch, obgleich ich dich auf deine Leistungen niemals stolz erlebt habe. Nur mitfühlend, wenn eine Verhärtung in irgendeine Lösung übergeht.“

Mit einem feinen Lächeln dankt ihr Usa. Sie hebt die Brauen, erwartet die Differenz, die Vera meint, fordert sie wortlos auf. Sie, die sich selber gut kennt. Doch Vera lässt Usa ein wenig mehr staunen.

„Mir gefällt dein Mitgefühl. Meines fließt zu den mehrfach belasteten weiblichen Angestellten, um deren Psychoterror am Arbeitsplatz zu vermeiden, und dem aus ihrer Lebensart stammenden, kultivierten Stolz einheimischer Frauen zuvor zu kommen. Stolz sein soll keine im Team auf den europäischen Standard von Speisen, den sie liefern. Besser muss jede Köchin werden bei den internationalen Spezialitäten. Und keine Frau soll sich mit reich gewordenen Insulanern vergleichen oder an der Schikane von Kunden aus fremden Kulturen stoßen. Eine zu stolze Veranlagung muss dem zuvorkommenden Willen weichen. Ein guter Wille erwirkt unserem Unternehmen die beste Mund zu Mund Werbung. Verstehst du? Vor allem ich habe das fachliche, das Essen und die Gewohnheiten am Hals, nie nur wie du das nette Herzliche.“

Ihre Hand zieht Vera von Usas Arm zu sich. Sie rubbelt am Bauch über ihr hellblaues Tshirt und denkt an die für sie selbst gewählte Methode, an die Vereinbarung mit sich und ihrer Menschlichkeit, in wie weit sie die zeige und einbringe. Detailgenauer mag Vera vor Usa nicht werden. Kurz und offen blickt sie Usa an, schweift seitwärts ab in die Luft neben Usas Kopf.

„Du verstehst, alle meine Kenntnisse integrieren mich und die fördern das Unternehmen. Am Nachmittag planen wir ein voluminöses Business Catering und für die gestressten Angestellten das nächste barmherzige Training mit dem, was die Jahre im Hotel an der Rezeption in mir angesammelt haben. Also, ich werde mich jetzt in unsere Service-Uniform umkleiden gehen und fahre auch bald los. Bis später, Usa.“

Eine Wange neigt Vera an Usa heran, berührt sie leicht, haucht einen von Atemluft warmen Kuss vor ihr Ohr. Usa nimmt mehr Körperwärme wahr, als Vera auf die erste schmale tiefere Stufe vorbei an ihr geht. Mehr in ihr selber, bei sich, blickt Vera noch einmal zurück, winkt einen kurzen Gruß.

Versonnen steht Usa am Hang. Zuerst noch still, steigt dann auf den schmalen Trittsteinen auf und ab und schweift gedanklich durch Veras Erläuterungen. Bald hört sie den Transporter abfahren. Der leise werdende Hall vermittelt ihr, Vera hatte den eigenen Stolz nicht benannt, nicht angeführt, vergessen.

Einer starken Frau absolut vertraut, den eigenen Stolz zu vergessen. Die zerbrechliche Krücke vor der Würde und zu Gunsten eines großen Vertrauen in alle Episoden. Sowohl inwendig wie draußen unumgänglich. Sie beide hatten eine gemeinsame Zeit von Jahren im Hotel auf der Klippe. Sie beide trauten sich etwas zu bei den Leistungen. Manches Mal sprengte ihrer beider Engagement die übliche Norm.

Ja, und der Gegenwind am paradiesischen Ort, der kam? Den gab es. Würde der noch einmal wehen, als das einzig beständige Verändern im Leben? Aber dann, bitte sehr, nur mit schnelleren Ideen verknüpft und Vera wie ihr, ihnen beiden möglich! Zum Himmel schauend, kann Usa nur Boten guten Wetters entschlüsseln.

4

Nach einigen trockenen und warmen Tagen versperrt eines Nachts eine Nebelwand aus dem Bergen, herab fallend in den Hinterhof, dem Dunkel das Eindringen an Usas Schlafzimmerfenster. Usa nimmt die Helligkeit hin, denn hoch darüber strahlt endlich wieder das Mondlicht aus einer schmalen Sichel.

Das vermisste zarte Licht und den Glanz der Milchstraße sieht zwar Usa nicht, aber spürt es wach und heißt es willkommen. Der nebelige, für Madeira typische Vorgang kratzt auch nicht an Lians Tod im Nebel. Diese herbe Spitze des Abschieds soll ruhen. Die Tage der Lian vermissenden Freunde erfordern es, maßvoll, nach Lage der Verfassung, etwas zur Gemeinschaft beitragen zu können, also irgendwie durchzukommen.

Deswegen hatte Usa zuvor am Abend den Freunden mitgeteilt, wie würde sich ihrem Tagesspeicher widmen wollen, Eindrücke durchlaufen lassen und das Wichtigste komprimieren. Sie möchte sich so leer und frei wie möglich halten, besonders von Antons Verlangen nach Zweisamkeit. Sich nahe, ihrer Achtsamkeit, würde sie es vorziehen, allein einzuschlafen.

Usa horcht vor die trennende Wand von seinem Schlafzimmer. Dahinter knarrt nichts, oben darüber liegen die Räume von Maik, Vera und Margarita ebenso still. Solcher Stille entspringen nicht nur Träume ..., viel mehr ..., und das so hell wie der weiße Nebel am Fenster.

Nach und nach bemerkt Usa, alle fünf Freunde hatten bereits im Sommer den Bezug aufeinander für eine neue Zeit gelockert. Für eine Zukunft mit der warmen Zuwendung anderer und deren Liebe. Das hatte das Level 'wir gemeinsam, statt einsam' geändert. Winzige Übergänge waren es gewesen, weil eben Begegnungen berühren und Wünsche wecken, die Samenkörner für die Mobilität.

Die Körner deuten Usa an, aus ihnen wachse keine Störung untereinander, es sprieße sogar herbstlich grün die andere Art künftiger Sympathie. Darüber reflektiert Usa, während der Nebel am Fensterglas herabfällt. Ein Schwappen ist das wie auf der Tiefsee, worin das trübe Wasser treibt, reich an Nahrung für lebendes Meeresgetier. Ein Gedanke anderer Art springt an, der ihres Flusses, zu dem sie für eine Rückschau in sich hinein spürt.

Jenen Pfad in ihre selbständige Tätigkeit hatte sie gefunden, und medial ihr Leitbild. Aber es war staubig, trocken, voll fremder Fußspuren. Der Uferpfad führte vorbei an Buddha, sitzend unter seinem Baum, doch immerzu blieb Er ihr nahe. Einmal zustimmend ..., scherzend ..., andere Male warnend in ihrem Gehör. Sie hatte reichlich erhalten. Einen unermesslich ergiebigen Segen für ihre Pläne.

Dennoch, jetzt, in Sekunden Schnelle überrollt eine bleierne Welle ihren Körper, verhärtet in Schüben die Muskeln. Bis sich das Versteifen sachte löst und Usa eine normale warme Temperatur empfinden kann, erkennt sie es als nötig. Die bodenlose Anstrengung bei ihrem Engagement muss sich befreien. Manchmal geschieht es bei einem Zucken in der Einschlafphase, doch liegt sie wach und mag sowieso mehr von sich analysieren. Dankbarkeit rückt in die Areale und füllt sie, quillt in ihre Körperwärme.

Ihr Körper regeneriert sich, und mehr Gedanken fluten. Es gab das Schreiben von Artikeln im Spätsommer über die Weinerntefeste, die Kette festlicher Perlen stets in gleichen Abläufen. Im Jahr der wiederkehrende Meilenstein, den die Insulaner, ja, genau, stolz erreichten durch ihre Beiträge. Jeder Einzelne, der Trauben in den Verkauf gab, feierte seinen schmalen Lohn mit vergorenem jungen herben Wein, genießbar mit süßem Sprudel. Deren Bereicherung war weitaus mehr der Spaß an der Zusammenkunft auf den Dorfplätzen. Das lässige Teilen von Zeit in der Gemeinschaft faszinierte die Festgäste und später die Leser des Inselmagazins der Residentes. Die Fremden, für den Lebensabend ausgewandert oder ein Weilchen gestrandet.

Neue Schreibaufträge erfolgten keine. Usa obliege es, den Lesern etwas zu bieten, gebot die Chefin. Über etwas mit Hingabe zu schreiben, ohne sich die Hacken wundzulaufen.

Dörfliche Zentren federn Usa in ihren geistigen Sucher, reale Eindrücke aus einem daran Vorbeifahren. Es folgen Bäche mit Wasser aus den Quellen der Berge. Bald rückt ihr innerer Uferpfad heran. Der Fluss tritt keineswegs über die Ufer, schwappt tief unten als Rinnsal um Felsgestein, staut dort Moder und Schlamm. Eine Handspanne danach fließt das Flüsschen klar, gluckst sogar erlöst nun von der Macht der Elemente des Wassers.

Aha!, versteht Usa, am Anfang beginnt jeder Fluss nur klein. Sie allein lege ihre noch zu sammelnden Ideen wie Fußabdrücke zu denen der anderen, die vorangehen, am Ufer ab. Die Usa, medial inspiriert und in allen eigenen Anliegen die Chefin, trete vorwärts mit ihren Stapfen. Aber jetzt, mit dem Nebel draußen? Jetzt gelingt nicht ein winziger Blick voraus auf eine Schreibidee.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht Usa, beinahe vertreibt der kühle Hauch die Wärme in den Muskeln. Und all ihre Dankbarkeit darin erschüttert der leise Anklang einer Berührung, einer Ahnung für eine zukünftige Begegnung.

Ach was, das ist nur ein Alb zur Nacht, beruhigt sie sich, da sie wach liegt. Gedanklich zumindest mag Usa sich folgen. Entschlossen zu dem, was sie finde. Doch nichts einer neuen Idee bemerkt sie, nur das Rinnsal. Was denn nun! Bei solch grau von Nebel Verhülltem kann sogar sie sich nichts vornehmen!

Entgegen dem Protest, bei dem die Körperwärme eine von heißem und feucht flutenden Schweiß begleitete Welle erzeugt, quillt durch ihren Geist eine Warnung, vertraut in Klang und Schwingung:

Dein Name ist Ungeduld. Greif bei nichts vor, es hat zu reifen. Danach erst lass dich erfassen, statt willentlich ohne Instinkt erfassen zu wollen. Bevor der Fluss seine Ufer füllt und dich mitreißt, werde eine Schwimmerin, die antritt für die Meisterschaften in den inneren Ländern.

Wie das? Du meinst doch nicht etwa meine hitzige Menopause?, stöhnt lautlos Usa, vor Ratlosigkeit reglos, nur den feuchten Körper gewahr, hinein zu dem sie stets begleitenden Weisen.

Du liegst genau richtig. Teile deine Zeit nicht nur mit anderen, teile sie dir zu. Pausiere lange, schöpfe Kraft aus dir selber. Auch das ist ein Element im Wasser.

Schon wedelt vor ihren geistigen Sucher ein in viele wie auf Wellen schwebende Quadrate gezogenes Bild des Flusses. Eine Fläche zieht sich weit in die Länge, deutet einen kleinen bewegten Schatten im Umriss an. Der Schattenriss aber verfärbt das Wasser, und hervor quellen unvorstellbar schöne, intensive, leuchtende Rottöne, als ob solche Feuerfarben ein Element im Wasser wären, und das Wasser ergänzen.

Wie das? Konträr steht Feuer zum Wasser, erhitzt und verdunstet es, nicht zuletzt löscht ein Schwall ein zündelndes Feuer. Was soll sie mit der Symbolik anfangen? Aufseufzend, schießt zeitgleich in die tiefe innere Schicht von Muskeln ein Ruck, ein Anspannen tröpfelt hinein. Und doch berührt Usa, leise und vage nur, eine ihr Gemüt erleichternde Idee.

Der Bildimpuls, des Flusses Felder, könnte als Patchworkdecke in Grün, in Braun und Grau von Moder und Laub genäht werden.

Beinahe sieht Usa es schon, doch rücken die noch nicht von den Händen genähten Quadrate beiseite. Das Bild ändert die Flussufer. Es geschieht zittrig, als ob ihre kreativen Talente sich einer realen Orientierung widersetzen, die kein Ebenbild einer Decke sehen wollen, keinen Schmuck für ein Bett.

Zu früh, zu schnell, und ungeduldig!

Dies hört Usa, als wären die inneren Ohren nur halb offen. Dennoch, die Ufer über dem Rinnsal formieren sich blitzgeschwind in ein nach außen aufgestoßenes Fenster. Mittig darin fliegt der bewegte Schatten vom rechten Ufer mit seiner blendenden feurigen roten Farbe nach links hinüber. Im selben Moment bedeckt ihn ein gelbes Vieleck aus blitzenden und gleißenden Lichtreflexen. Darin, so scheint es, taucht der Schatten in zwei Dritteln links unter. Vor ihn und sein rot getöntes Wasser rückt erneut das Vieleck.

Und das ist Usa visionär bekannt. Einst meinte sie, wegen verrenkter Wirbelknochen, sie würde wie Anton hinken wollen. Damals gleißte das Vieleck betörend in Gelb und Gold durch ihre Zukunftsangst, in puncto eines Knotens mit Anton, seinen inzwischen verworfenen Plänen. Diese Bereinigung hatte nur beste Folgen, die Rückenwirbel kamen in Ordnung, das Gehen wurde so unbeschwert wie zuvor.

Auch keine Usa sieht weiter voraus als ihre fünf Meter bis zum nächsten Nebel. Und kein zweites Mal darf bei dir die Ungeduld gewinnen.

Sogleich, auf wunderbare Weise fühlt Usa, im Körper entspannen die Muskeln angenehm. Leider versinkt des Flusses Symbolik an Farben und sein nicht entschlüsseltes Rotes hinter das gleißende Blitzen, doch das beruhigt und noch mehr überwiegt ein Gefühl von erholt sein. Entgegen der Weisung fantasiert Usa weiter.

Zu nähen wäre der mediale Fluss im Patchwork-Stil. Das Arbeiten mit den Händen und Materialien bewege den Fluss am Konto der Inspiration, die Felder des Verstehens und eine nach oben offene Bereitschaft. In Gelb genäht stände das Vieleck, sein goldiges sonniges Strahlen, für Anregung. Und kraftvolle Tatkraft geht am besten mit Füßen, die geerdet bleiben, nicht zu sehr abheben. Nun, also, nahe neben das sonnige Gold passt das frische helle Grün von hochtreibenden Sprossen und das im Herbst dunkel gefärbte Laub von Efeu oder Lorbeer, und einiges in Schlamm-grün müsste aufgenäht werden ... gefärbt wie ein Moosachat!

Mit einem winzigen Rest von Ungeduld verlässt Usa ihr Bett. Dann im Moment, da ihre nackten Füße die kühlen Fliesen berühren, schlägt grollend Aufbegehren in ihr Gehör, will ihr anweisen, die Hände sollten pausieren lernen! Die aber kramen unbeirrt in den Schätzen edler Trommelsteine nach einem Moosachat. Den in der Faust haltend, kuschelt Usa sich zurück in die feucht-warme Bettmulde.

Und feucht-wärmer wird ihr. Sich selber nahe und dem Auslöser Protest, schwemmt eine Hitzewelle über sie. Usa kichert. Hmh!, sie hat Humor, sie kann über die innere Hitze kichern. Über den Auslöser dessen, wie getrieben dem zu widerstehen, was sie für sich bessern könnte.

Die Einsicht verträgt sich nicht mit ihrem gängigen Verhalten, alles selber machen zu wollen. Einsicht und Gewohnheit stehen konträr, so, wie bei vielen Klienten, die gegen sich handeln, weil es nur dann vorwärts geht, wenn sie sich einmal kurz sabotieren, nur einhändig rudern. So schaut es aus. In der Psyche aber, da fahren mehr Boote zur selben Zeit. Und, wer hat das Sagen, kann alles verschlimmern? Der Körper lehrt, anschaulich im Spiel der Kräfte, das selbst gemachte emotionale Ufer.

Die Welle der feuchten Hitze klingt langsam ab. Zum Glück wird die Haut wohlig kühl. So kühl, als ob alle Haut in einem Rutsch durch einen auftauenden Eiszapfen gleitet. Hmh! Usa kichert und fasst es nicht, wie sehr der humorige Anlass ihr gefällt und ihr die Gewissheit stärkt, sie darf sowohl dem kalten Eiszapfen als auch den hitzigen Wellen vertrauen, sich dem unbeeinflussbaren überantworten und dem unbewussten Geschehen im Schlaf der Nacht. Nur, ruhig zu schlafen, fällt ihr gar nicht leicht.

Längs des Rückblicks zuvor, fluten Spitzen anderer Art als für den guten Umgang mit sich am nächsten Tag. Es sind Spitzen aus Begegnungen mit Dörflern. Sie wehren sich, sie tolerieren die WG in der hiesigen Welt nicht. Usa schaudert es, weil ein mentaler Sinn sich fest einhakt an ein reales Beispiel möglicher Folgen. Auf Madeira steuert eine selbstständige Unternehmerin ihren eigenen LKW. Eine erlebte und mit angehörte Provokation! Dem LKW hinterher warfen Dörfler lauthals die eigene Not und Bitterkeit.

Die! - hört Usa ein Traumwesen plärren - die sind nicht auf Fremde vorbereitet, die fürchten sie. Die! waren nie fort von der Insel, wurden nie informiert von Rückkehrern aus der eigenen Verwandtschaft! Die sind unfähig nachzuvollziehen, was einst in die Staaten ausgewanderte Nachbarn erlitten, wenn sie nicht fleißig arbeiteten in der neuen Welt!

Hey!, bäumt sich in Usa ein Teil ihres Wesens auf - Not hat einen Part in dem Mut, der fordert, damit auf allen Seiten gelernt wird!

Ein warmer Teil im Traumkörper fügt an: Angebracht wäre ein Lernen auf der Seite des Spiels, von der ein gut Teil Insulaner meint, der liebe Gott liebe alle seine Kinder, wenn sie spielen.

Das!, plärrt wie zuvor das Traumwesen - kann nie gewinnen, jeder spielt sein Spiel und nimmt an, das stehe ihm zu.

Oh je!, erwidert warm der andere Teil - so eine Ansicht erwürgt das Ausprobieren neuer Fähigkeiten. Du, du Goldstück, stehe wacker und gerade vor den verbitterten Männern. Die Front der Insulaner soll dir nur eine Randerscheinung sein. Nur zu, mute dir zu, genauso weich nachzugeben wie vor der grellroten Farbe, wenn du ihr nicht auszuweichen vermagst. Das Rote will dir generell nicht schaden. An einem anderen nicht fernen Tag werden sanfte, von auswärts heran gedriftete Fremde dir mit Angst besetzte Felder erweichen, ein bis zwei ganz spezielle eigene. Wenngleich du die bis dorthin vergisst.

Der Weisung einen festen Ort im Gedächtnis für den alltäglichen Kram zu geben, vereitelt der in der Faust erwärmte Moosachat. Der Helfer aus der Erde. Usa setzt ihn seit Jahrzehnten ein, wann immer ihre Sinne suchen. Und so geschieht, worauf die Träumende im Grunde hofft. Ihre Sinne merken sich die Weisung für später und erwarten das nächste. Zuerst einmal wirken die eingelagerten, vielfarbig grünen Nadeln im Achat und führen zu einem im Spätsommer erlebten, vieles bessernden Impuls.

Lian hatte ihr den Rücken massiert, ihr beigestanden bei ihrer Zukunftsangst, da Anton ihr sehr fehlte. Lians Hände berührten sie und fassten hinein in Schmerzzonen und lösten die Ängste, aus denen eine Bilderflut brach. Weit wurde ein Tor einer Station für eine Transfusion geöffnet. Engelgleiche Energien umhüllten Usa. Höchste Frequenzen wirkten darüber auf sie ein.

Jetzt sind sie Usa nahe und reiben an der Ungeduld, die ihr die Vitalität mindert. An der Tendenz, auf sich zu nehmen, was am Weg liegt, wird heftig geschabt. Flusen stieben hoch in die Luft und decken eine wohlige Erleichterung auf. Eine wahre Pracht von Staub fliegt fort. Daraus weben die klärenden Kräfte einen Mantel, und hängen den vor die Straße. Oberhalb vor die Hütte, worin mit ihren Enkeln die Großmutter lebt, deren Geschrei Usa keine Last sein darf. Desgleichen Antons dringend benötigte Standardreinigung am Berg des gefühlsmäßig angehäuften Unerledigten: Seine mentale Umpolung zu der Nachbarin und Carel, der bei ihr wohnt. Davor zappelt Anton wie vor einer nicht einleuchtenden Wegmarke.

Anton sortiert ..., er putzt den Blick auf etwas an Carel …, bald putzt er ..., er ..., das verraten der gewebte Mantel vor der Straße und der edle Quader in ihrer Hand. Seine Grüntöne kreieren fortan Gleichmut, ein stützendes Polster vor dem Unvorhersehbaren in der Nacht und für den Start in den nächsten Tag.

Fern ist des Tages Helle. Nah außen des Nebels Stille. Tief und fest schläft Usa. Zur Mitternacht füllen die Stille lauter werdende Windböen. Für die Träumende nur ein Randgeräusch. Ebenso andere in der nächsten Stunde. Die Tür vom Schlafzimmer klappt und dem folgt ein Rascheln. Zu Usa unter die Decke kuschelt sich vorsichtig, achtsam für ihre aktuelle Schlaf-Phase, ein warmer Mann und schläft neben ihr bis zum ersten kaum spürbaren Beginn des Morgens.

5

„Das war eine Sturmnacht! Ich mag keine weitere!“, flüstert mit Überdruss, bei geschlossenen Augen, Anton, eine Handspanne Usa fern. „Nach Neumond hat sich das trockene Wetter verabschiedet. Ich höre, die Bäume biegen die Kronen und ich bin bange vor einem Unwetter wie im Frühjahr über uns.“

Sein Gemurmel ebbt über Usa hinweg, dringt nach und nach nur erst in ihren Geist. Ein Ohr rückt sie, bei gerunzelter Stirn, aus der Bettdecke und horcht halb ergeben hinaus nach dem, was Anton meint.

„Nicht schlimm, mein Guter. Die Bäume lassen hören, ob ein Süd- oder Ostwind weht. Mir ganz egal, weil vor Vollmond die Sonne lange auf das wetterfeste Dach scheint, also, zum Monatsende.“

Fast hört sich das an, als ob Usa sich für länger verabschiedet. In ihrer Aufwachphase reagiert sie nur knapp neben sich zentriert auf Antons Befürchtungen. Leichter reden, mit Empathie, würde sie nach dem Frühstückskaffee. Jetzt hilft nur ein tiefer Atemzug, ihm den Ansatz zu erklären.

„Puh! Was du fürchtest, passierte damals, es kommt nicht ebenso verheerend. Alle Erfahrungen sind neu. Verkrafte die Wetterlage. Wie du darauf reagierst, das bedingt nur der vorherige Schrecken.“

„Eine dramatische Note hat der Lärm“, raunt Anton, als ob er Usa überhörte. Dann eine Spur wacher: „Ich vermag es kaum zu glauben, aber der Regen bringt die Einstufung in das UNESCO-Weltnaturerbe, wegen der uralten Wälder. Das die an die Häuser heranwachsen, wen kümmert das? Mich schon. Um uns herum bremsen die Äste voller Blätter den Sturm, an ihnen erhöht sich die Windgeschwindigkeit im Quadrat. Den Vorgang rechnerisch winziger zu denken, besänftigt gar nichts.“

„Dir mehr Geduld zu raten“, japst Usa, neuerlich mit sich ringend, „bin ich wenig berufen, und drehe mich noch einmal weg. Denn tatsächlich ist mir himmlisch angenehm warm.“

Seitwärts gekrümmt, rafft Usa mit einem laschen Ruck die Bettdecke über den Kopf, vor das Tosen draußen. Es dämpft sich für sie in ein dumpfes Säuseln.

Ein Brausen fegt den Hang hinter der Quinta, und verebbt für Sekunden in einer Stille. Für Antons Horchen unheimlich, obschon er Stille zu anderer Zeit sehr willkommen heißen kann. Ein nächster Galopp in Dezibel kreischt wie die schlagenden Wellen am Atlantik, aufgeschäumt gegen Widerstände. Wenn dort am Strand die Stimmgewalt im Wind schweigt, den Lärmpegel streicht vor dem des nassen Elementes, wenn es am Strand die Kiesel nur schaukelt, dann erfreut Stille alle Sinne. Aber ferner, über der offenen Weite am Meer, tobt das wilde und riesige Beben über dem Planeten Erde, derhalben herab gelotst.

So weit vorgedrungen ins Zusammenwirken, atmet Anton tief und bewegt sein Bauchrund heraus aus dem flachen Atmen.

Erneut kreischen die Blätter bei einem sich quer legen, Unterseiten nach oben kehren. Unzählige streift das Gedröhn tiefer Trommeln, und der Hall reicht weit. Was mindert solches Gedröhn? Nichts nutzt dagegen. Der Lärm lähmt, bindet an das Außen, zieht heraus aus der warmen Nähe von Usa, hinein in eine Ferne und dort in die Folgen. Kaum bewältigt Anton eine Flut von Ahnungen. Orte zerstört die Wucht der Elemente, bevor die gewaltige Macht abzieht und argen Notstand hinterlässt.

Das Chaos nach den Naturgewalten, das wenige Verbleibende, belastet Anton. Könnte er glauben, andere fänden Schutz? Ganz ohne seine Sicht kann Anton nicht mehr sein. Er wäre gerne ein Helfer geworden, es war ihm verwehrt. Lange Monate trieb die Theorie der Notstände ihn weit weg auf ferne Inseln; Anton las Berichte. Zurück beorderte ihn ein praktisch veranlagter Freund: Das körperliche Alter gäbe ihm beim Start als Helfer schon im Vorfeld nur schlechte Karten, und die Motivation darf nicht sein, er helfe sich selber, helfe er anderen. Es wäre illusorisch zu glauben, er könnte bei den Notopfern die Solidarität für einander aktivieren. Dann wäre er ein Held. Der Freund schilderte die harte Realität, Wochen ohne Schlaf, ein teils hilfloses Management, wären die Zufahrten blockiert und fehle der Nachschub, wenn die Seuchengefahr bekämpft und Leichen geborgen werden müssen.

Verlegenheit spürt Anton im Nachhinein. Und Recht gibt er Usa. Sie entlarvte den damaligen Plan. Rückfällig in die Arbeitssucht, suche er Bestätigung durch Leistung, wolle seine Pein löschen. Damals wollte Usa nicht ohne ihn sein, tief ging ihr Leiden. Seine neue Idee, leihweise ein Opa zu werden, die gefällt ihr, klar. Aber einst, seine aus der Ohnmacht als Kind hervorgegangen Arbeitssucht erkannt zu haben, stillt absolut nichts von der Furcht, keine Kontrolle über das aktuelle Toben draußen zu haben.

Keine Rettung? Los!, fordert Anton sich, schlag ein Kreuz vor die Ohnmacht deiner süchtigen Mutter! Schon würgt ihn, was sie einst nie zu geben in der Lage war. Sie torkelte ,wie draußen die Blätter, ihrem Rausch ausgeliefert. Endlich gelingt es Anton, gedanklich ein Kreuz nach dem anderen vor seine Furcht zu schlagen.

Gäben Kreuze vor der niemals gespürten Sicherheit dem Gemüt irgendwann den Glauben an ein 'ich habe überlebt'? Vergeht die lähmende Besinnungslosigkeit und steige nicht auf, hätte er ähnliches zu verkraften? Oder gilt es, sich zu behaupten als der ein halbes Jahrhundert mit dem Kontrollverlust von einst zurecht gekommene Mann?

Eine äußere Stille würde beruhigen. Doch beide Stürme rauschen. Der wuchtige Wind und Antons seiner Unsicherheit nicht Herr werdende Bub. Weder der Sturm hinter den Kreuzen noch der die Ohren und das Gemüt schädigende. Bald, hinein in sein tiefes Atmen und Zucken am Hals auf dem Kissen - daran fest gemacht - klinkt Usa sich ein.

„Anton, du kennst dich“, fiepst Usa, gedämpft von der Bettdecke, und fügt dem langsam an, einfühlend und warm: „Vermutlich marschieren deine Gedanken in etlichen Urgründen umher. Na, was wäre die Trittleiter heraus? Greife nach den Sternen, dann ist alles möglich.“

Näher zu Anton rückt Usa ihr feines Blinken, grau und hell aus den Augen, von Nachtschlaf entspannt, nicht zuletzt ihn herbei lockend. Anton weitet seine dunkelbraunen Pupillen, wach für das Weibliche. Der Funke, der erotisch überspringt, findet in ihm mannigfache Plätzchen.

„Meinst du?“, fühlt Anton sich bemüßigt zu fragen, nicht zugebend, er reagiere bereits. „Orakelst du über dort draußen unsichtbare Sterne? Ich küsse die sichtbaren, deine Augen, gerne.“ Er streift mit einer Lippe ihre Augenbrauen, spürt darunter zarte Haut, hält inne und atmet warm dorthin. „Meine Liebe wäre die Trittleiter hinauf zu dem Humor unserer Erfahrungen mit deinem Gleitflug als weiblicher Paragleiter, hoch am blauen Himmel über all die Winde hinaus.“

„Der Flug durch die Luft macht Spaß, schenkt Freude“, haucht Usa vor seinen Hals.

Im nächsten Atemzug spürt Usa an Anton den Krampf wie von konturloser Angst oder Lethargie. Kein von Erotik taufrisch bestreikt sein belegt ihn. Und es färbt ab, hält ihre Lust beinahe auf. Ihr Begehren soll leer auslaufen?, interpretiert Usa und müht sich um Gleichmut, mag in keine Resignation geraten.

„Ein Flug ohne Geräusch auf den Ohren? Luftzüge rumoren“, plappert Anton, leise und schwach.

Seine Gefühlserregung schwächelt. Seinen Mund rückt Anton herab von Usas Augen. Er legt den Kopf auf das Kissen und dorthin auch all sein Empfinden, denn das füllt keinen Flug zu den Sternen aus.

„Um die beiden Brüder drüben sorge ich mich. Ob die Oma ihnen den Sturm wohl erleichtert? Meinst du, sie wäre bei dieser Belastung gefestigt genug, an den Jungs nichts abzulassen, falls die Kinder vor Angst, der Wind drücke es ein, das Hüttendach stemmen? Kinderschreie würden im Sturm nicht über die Straße hinweg zu mir dringen. Ich glaube, es ist nötig, nachzusehen.“

„Ach was, die Drei liegen warm im Bett. Du würdest sie nur heraustreiben“, widerspricht Usa. „Schau nicht in deinen Kindheits-Spiegel, wenn du an die Brüder denkst. Die Großmutter ist nicht deine Mutter. Sie weiß auf ihre Art, was zu tun ist, hört nicht wie du einen zweiten Sturm, sie hat unzählige hinter sich.“ Von ihrer Härte selbst überrascht, fragt Usa herzlicher im Klang: „Kamst du wegen der Furcht vor dem Sturm in mein Bett? Denke an den Grashalm, der niemals zwischen uns passt, wenn wir fliegen oder mehr wollen. Wirf die Sorge um die Jungen von der Bettkante. Ja, still bei dir, ich helfe etwas.“

Usa kuschelt sich näher an Anton, und verstummt vor dem Dröhnen außen, dem Start wie von der Flugbahn am Airport. Es vereitelt nichts. Unter der Decke wandert Usas Hand seitwärts auf Antons Bauch und ahmt das Nachlassen einer Bö nach, in Schüben entlang der weichen Falten seiner Hüften.

Ihr Streicheln ermuntert Anton um einige Grade. Synchron reiht er eine Hand ihrem Spiel an und mag nicht von den seitlichen Rundungen ihrer Haut mit den feinen Härchen ablassen. Selbst nicht bei dem Nachhall der Sturmbö und dem beiderseitigen Aufatmen in der Stille. Doch erschöpft sind sie beide von der Strapaze an den Reizleitungen der Ohren, gesteuert über Hals und Arme.

In Folge leiser Dezibel, hört Anton die Atemzüge von Usa, die ausatmet, derweil die Himmel nur schweigen. Längs dem Schweigen bildet Anton einen Vorsatz. Und den würde er wie einen Knoten im Taschentuch vor den Mund pressen, bevor jemals wieder ein Wort von Furcht herausfallen könnte.

Seine Finger spüren der nächsten Böe voraus, und bereiten den Pfad vor auf Usa, an der er klopft, die zarte Haut überweht, und Usa aufregt. Unversehens befingert Anton eine erogene Zone an der Spitze von Usas Schulterblatt, auf einem ein wenig hart gewordenen Muskelstrang, der sie kitzelt. Usa reckt kichernd die Schulter und den Arm und umgreift dann fest Antons nicht vorhandene Taille. Sie zwickt hinein, berührt ihn danach nur noch leicht, da inzwischen jener Trägerlärm vorbei weht.

„Es wird gar nicht hell heute“, fügt Usa an, „das deutet darauf, uns wären einige Schippen voller zeitlosem Luxus im Bett gegeben. Den Duft unter der Bettdecke schnuppere, mein Lieber. Von diesem Luxus haben wir viel mehr als ein Schäufelchen voll, können darin schwelgen.“

Kaum über die Lippen, schmiegt Usa ihre Körperfülle an Anton, der die Decke über ihren Arm zieht, auch sich bis zur Nasenspitze einhüllt. Dennoch läuft Usa vor einen Störfaktor, vor ein Bild von einer Schaufel voller Steine, schwungvoll geworfen im sommerlichen Naturschutzpark von Carel.

Ihn betitelt Anton als fanatisch und verbohrt, auf keinen Fall passe sein Buddeln in der gewachsenen Natur in die neue Heimat von jenen Ausgewanderten, die sich zu integrieren wünschen, auch in das Erlebnis einer geschonten zauberhaften Umwelt. Usa weiß, Anton behauptet, Carel bedachte niemals den Kontext der Gefährdung des Ansehens aller Fremden, und niemals sein eigenes Eingebunden sein, er wäre dem Profil des Entdeckers einer Karriereleiter aufgesessen. Offensichtlich zerstöre Carel das Gemisch der Elemente der Erde, das sie sich aus Eruptionen erschuf. Ihr Gefüge an Mineralien wirke auf alles Leben und soll in Ruhe gelassen werden. Unabsehbar wären Folgen einer Ausbeutung von Gesteinen, wenn Carel etwas gefunden hätte.

Oder stellte Carel nur einige Vermutungen an? Egal, er grub am Plateau der Hochebene!, ereifert sich Usa, wenngleich ihr der Duft unter der Bettdecke den Geist dämpft. Ihren Kopf reckt Usa, atmet tief durch und ergänzt gedanklich träge: Carel sollte seine naturkundlichen Forschungen in die Grube schaufeln, das leite bei ihm ein, sich selber biologisch naturrein umzupolen, in ein seinen Beitrag geben.

Puh, du holst gedanklich weit aus! - widerspricht plärrend ihr Wesen - lass es sein. Es besteht Anlass für die erotische Lustbarkeit an weicher Masse. Schnurre vor Behagen, präge Farben in jeden Zentimeter an Haut, führe Anton in ein sich gehen lassen zu dem Pol von Ruhe. Anton bindet sich zahllose Schleifen, die er oft, sei ehrlich, lang und breit verschweigt. Umhege seine Haut, bette ihn in haarfeine Fäden, spinne ein Netz. Spür schon voraus, er schlummert rasch ein, so angenommen wird er sich fühlen.

Einen Moment horcht Usa noch, legt dann behutsam Hand an Antons Bauchnabel, und schließt die Augen. Zart rückt die Handfläche über die weiche Masse am Rand des Nabels, wohin sie gerne will.

Seine Gesichtszüge und sein Atem entspannen. Zum Rand der Wahrnehmung rückt Anton den Pegel des Sturms. Ausblenden gelingt, heimelig fallen lassen. Die Regentropfen, mit dem ersten Grau des Tageslichts am Fenster angekommen, überhört er beim einschlafen.

In leichten Schlaf gleitet Anton, in einen nur vor dem Morgengrauen möglichen, intensiven Traum. Er schaut von oben herab auf einen Lichtfleck, einen hellen Kreis unten. Darin fächern bunte Farben einen Mann auf. Mittig der korpulenten Statur, die von Carel, wabern zarte feine Schleier in der klaren Energie mehrfacher Regenbögen und verdreifachen die lichte Ausdehnung der gezeigten Masse. Schon schaut Anton frontal auf Carel, mag sein nun vier Schritte ferner, nur einen träumt er sich näher. Auf Carel pulsen in allen Farben der Regenbögen schimmernde Spiralen ihre enorme Substanz und färben die Umgebung mit irisierendem Grün und leuchtendem Blau. Vor Staunen verharrt Anton, dann hört er etwas viel vertrautes. Über allem schwebt ein Geraune von Usa. Sinnlich im Klang, in dieser Frequenz redet Usa, wenn sie in Farben von Stoffen oder Edelsteinen schwelgt oder in für Menschen unsichtbaren Energiestrahlen, die sie in sich aufnimmt und ihr Glück mitteilt:

Darauf, du Goldstück, hättest du dich längst umstimmen sollen. Sieh doch, wie schön Carel in Farben fluoresziert!

Das Neue schockiert Anton sehr. Das Flirren vergeht, der Lichtfleck verweht. In keinem Traum ließe er sich Carel nähern. Nervliche Spannung entlädt der Nabel, am Steißbein pulst der Herzschlag höchster Erregung. In Folge flutet das allererste Treffen auf Carel. Damals war der von Regenfluten durchnässte Wanderer Carel aus dem Jeep ausgestiegen, und er, Anton, gab sofort Usa amüsiert zur Kenntnis, laut und überheblich:

Kerle, die sich in ihrer Eigenart gleichen, die erkennen sich ohne viele Worte, ohne eine Berührung.

Dies sage du ein zweites Mal und dann dem Richtigen - rät ein Sinn, der die Aversion gegen den Geologen gar nicht bewerten kann, ansonsten allerorten Kräfte in der Natur öffnet - ahnst du die Möglichkeit? Nur ein Spürweg verwehrt das Auflösen der grausamen Ablehnung des Chaoten, wie du Carel deklariert. Sieh seine Identität an seiner Aura. Schnellstmöglich willige ein. Habe bald den Mut, der liegt auch auf der Schaufel der Steine des Anstoßes.

Die seitlichen Areale an seinem Kopf pochen deutlich, als ob darin seine Meinung abgelegt sei, Carel wäre ein Musterbeispiel des Unperfekten, unter keinen Umständen zu schätzen. Das Pulsen am Kopf ersetzt das schwächer werdende im Unterkörper, befeuert aber die Ohren, die zu kribbeln beginnen. Davon erwacht er und spürt die Wärme von Usas Arm am Bauch als beinahe unerheblich, weil sein linkes Ohr wie Feuer heiß brennt. Es anzufassen, unterlässt er, er weiß, woran er zu denken habe. Es würde über die Zunge sprudeln, dann hätte er den Salat, den Usa zerpflückt.

Ihr Kommentar, der andere von vorher, prickelt in den Ohren, rötet das linke Ohr heißer - bestätigt er sich und, der ganze liegende Anton fühlt sich nahe Usa wackelig und schweige, weil ihre Ansicht eine Wurzel zur Erde treibt! Dennoch, links am Kopf, über dem Ohr, rumort die Frage:

Hast du etwa niemals die lichtvollen Impulse im Hirn, die erhellen, wie zart eine saftige, Leben spendende Wurzel gänzlich die Vorbehalte vertreibt? Ja doch - antwortet irgendetwas links über dem Ohr, allerdings dann von rechts herüber: wann immer du es erlaubst für das Werden und Werden im Wachsen der Wurzel. Jetzt zuerst erlaube ich ein tonlos stilles Summen, das lindert Ressentiments.

In sich hört Anton eine Melodie, verblüffend in der Abfolge des madeirischen Tanzliedes, das Miguel einst schmetterte vor einer Rose in der Freude und dem Glück seiner erblühten Romanze, Lian lebte noch. Später offenbarte Miguel taff seine Trauer bei den nachfolgenden unvermeidbaren Erledigungen. Damals funkte kein ehernes Ressentiment in Anton. Abgesehen davon bemerkt Anton - längs einer Reihe stiller Summtöne und dem Abkühlen der Ohren - er schürte keinen Vorbehalt gegen den Natur verbundenen Insulaner. Mit Miguel fühlt er sich geistig gleich. Eine Erkenntnis im Hier und Jetzt mit Stellenwert, inklusive eines kurzen Abrutschen in die Dimension von Carels Farben.

Ups! Der soll weg!, summt Anton sich absolut fix vor, ohne ein Wort verlauten zu lassen. Und er bemerkt, ihm fehlt der markante Hintergrund von Miguels Leben! Seine Rosenplantage kennt er nur aus Gesprächen. Ein leise innen verklingendes Summen schuppst in Vorfreude auf den Besuch. Anton ahnt dessen Tragweite, die Usa einen roten Faden aus Wildrosen für einen Artikel im Inselmagazin biete. Vorsorglich nehme er ihre Kamera mit, bereite Usa dort dann eine Überraschung.

Zunehmende Helle erreicht am Fenster den Raum und die darauf geprägten Sinne von Wachwerden für den Tag, der nicht länger im Bett begrüßt werden sollte.

„Usa, weder Regen noch Sturm und keine Sorgen um irgendwelche Jungs halten mich hier“, murmelt Anton, „wir feiern unser Glück mit einem Ausflug. Ich lade uns zum Frühstück bei Miguel ein. Er hockt sicherlich drinnen, wenn keine Sonne durchbricht. Flüchte mit mir aus dem warmen Nest dorthin!“

Einen tonlosen Moment lang schnappt Usa nach Luft. Ergeben und gleichmütig stimmt sie mit einem Augenaufschlag zu. Ihren Arm, schwer geworden auf seinem Bauch, rückt Anton zur Seite, steht auf. Usa beobachtet ihn, bemerkt weich bebende Knie. Nicht nur die, Antons ganze Statur wirkt wie eine einzige Wiege. Er geht nackt und bloß umher, telefoniert bald am Fenster nur kurz mit ihrem Handy.

Den Kopf gedreht und zurück geneigt, teilt er ihr mit: „Miguel freut sich auf uns beide.“ Usas Schmunzeln gewahr, ergänzt er leise: „Eine Wegbeschreibung gab er mir. Die Plantage liegt hinter der Kabinenstation, die den Strand im Westen anfährt. Linkerhand biegt eine Sackgasse steil auf seine Felder ab. Doch ...“, Anton pausiert bedeutungsvoll, „um es gleich zu sagen, ich bin wackelig, du fährst uns, ja? Ich gehe mich rasieren, fülle danach den Korb für ein ausgiebiges Frühstück. Bis gleich.“

6

Westwärts unterwegs auf der Regionalstraße fährt der Jeep durch Kurven, in denen Strömungskanäle hinter den Bergnasen den Wind stauen, oder durchkreuzt Nebelschwaden, Windstille bei klarer Sicht. Die Tour gerät so abwechslungsreich wie ein spannender Krimi, und bald lassen die Schauer nach. Später, im Teil des Waldbrandes im August, sehen die Reisenden einen über den Straßenabhang herunter gestürzten langen Nadelbaum, in seiner Stärke geknickt wie ein verbranntes Streichholz. Die schwarzen Äste und die Spitze der Krone bedecken und blockieren die Fahrbahn weithin voraus.

„Kein Durchkommen. Es passierte nach dem Überlandbus, der hier unbeschadet vorbeifuhr!“, ruft Usa, im Bremsen des Jeeps, besorgt. „Der Baum und das morsche Gerümpel sind mit Regen vollgesogen! Und sieh das genau an, sogar einige Spinnennetze wurden zerrissen! Doch nicht nur die sind für dich, heute wackelig und auch sonst gehbehindert, gewiss viel zu schwer!“

Der auf ihn gemünzte Stachel zwickt Anton unbehaglich. Bei sich selber flink, erklimmt er gedanklich einen vertrauten uralten Eukalyptusbaum. Von dessen Höhe wirft er Usas Stachel seiner Schwäche in den Wind. Weite Lungen für freien Atem nutzen heute, schwant ihm, weil voraussichtlich mit Usa, so wie es Margarita formuliert, nicht gut Kirschen essen wäre. Von denen gäbe es sowieso keine, und er höre von Usa kein genussvolles Schmatzen, rappelt er sich auf. Ihm würden die Bananen-Maracuja, gelb und herbstlich süß, gut schmecken. Zuvor im Vorbeigehen an den Ranken vor der Außentreppe hatte er einige weiche, kernig kleine Früchte geerntet. Sie duften im Frühstückskorb hinten im Heck.

Entgegen Antons, sich für das Kommende an den Baum anklammern, fragt Usa ungeduldig:

„Was nun schlägst du vor, Anton?“

Seine Stille stoppt mit nichts ihre Tatkraft. Usa lässt die Warnleuchten aufblinken, um Heranfahrende auf das Desaster vorzubereiten, dreht dann den Kopf zum Beifahrersitz. Einen krummen Rücken sieht sie und in Höhe der Waden die schlotternde Jeans. Desgleichen vor Anspannung weiße Zehen in den Sandalen. Seine Hände, mag sein in eben solcher Schockstarre, verbergen die Taschen der wattierten grauen Weste. Antons Mimik, sein hart gepresster Mund, dessen schmale Linie in die Halsfalten hinabläuft, das alles reicht Usa. Sie beginnt zu grinsen. Mehr aus den weiten Augen als mit dem Mund, den sie für eine aufklärende Stimmlage kaum öffnet.

„Eventuell erreicht uns hier ein Einheimischer und verständigt die hiesige Straßenmeisterei, die etwas mit Zuständigkeit organisieren sollte. Derweil können wir nur auf das Hindernis starren. Aber egal, ob du dich klapperig fühlst und abschätzt, wie lange dein Magen den Appetit auf das Frühstück erträgt, hast du eine Wahl? Auf jeden Fall informiere Miguel, er soll sich nicht sorgen. Drücke die Wiederholtaste.“

Am Mund zeigt Usa ein breites Grinsen, und hebt auffordernd ihr Kinn. Schleunigst betätigt Anton die Taste an Usas Handy und lockert seine Lippen. Dann schildert er, in sogar ihm arg brüchig klingenden Englisch, die Ursache des Aufenthalts. Er schweigt eine Minute, hört Miguel taff antworten: „Bleibt im Wagen sitzen, ich regle das, besitze eine Säge, und fahre sofort los zu euch.“

Anton glättet seine Miene und legt ein kurzes Strahlen in seinen Blick zurück auf Usa. Seine Erleichterung überträgt sich auf sie, dennoch fröstelt Usa. Plötzliche Wellen von kühlen Schauern und Schüben laufen ihr an Rücken und Armen über die Haut.

Und ein Spot, nachts aufgespeichert, löst sich im Gedächtnis. Der Protest wäre also wieder da, noch kein weicher, um nachzugeben. Na ja.

Usa greift nach hinten auf die Rückbank, zu ihrer flauschig-weichen Strickjacke und zieht sie über ihre gelbe Bluse. Anton zupft ihr die Jacke am Rücken hinunter. Er kennt solche Wellen an Usa, die ihm nichts erklärt. Genauso wenig wie er ihr das Nahen Miguesl berichtet, dem Retter vor der nicht abschätzbaren Wartezeit.

Das Warten auf der einsamen Straße, die so früh kaum jemand benutzt, zieht sich in die Länge. Daher fällt Anton in ein Schweigen und brütet einen tief abfallenden Stimmungspegel aus. Teils wegen einem in seiner Erinnerung aufflammenden Gespräch über eine einst ähnliche Situation, als Lian, von Miguel kommend auf ihrer Heimfahrt, schon tödlich verunglückt war und Vera und Maik die Strecke bis zum Unfallort fuhren, die dort auf Miguel warteten. Nicht nur deshalb, oder weil etwas Appetit im Magen knurrt, auch bedeutsamere Untiefen. In einem Urgrund rumort ein Bereuen seiner spontanen Aktion für das auswärtige Frühstück. Ein weiterer basiert auf dem in naher Erinnerung in Farben schillernden Carel. Heftig wehrt Anton irgend eine Anbindung ab, mit nichts stimme Carel mental überein mit ihm. Niemals zeige er Carel sein Debakel, sein unfähig sein zur Schwerstarbeit mit den nassen Hölzern. Und überhaupt, warum sollte er ihm Vertrauen entgegenbringen? Zum Glück sehe er ihn von zuhause aus selten einmal in der Ferne.

Endlich blinkt an der Gegenfahrbahn ein Pickup auf. Miguel steigt heraus, er winkt über das blockierende Desaster hinweg ein 'bleibt im Wagen sitzen'. Er betrachtet die kreuz und quer verstreuten Äste und die weithin ausgestreckte, schwarz verbrannte Baumkrone, greift sich ins tief-braune Haar, schätzt für den Moment den besten Anfang ein und krempelt die Ärmel am karierten Arbeitshemd auf. Er startet eine Kettensäge.

Der Hang über der Straße staut den Benzingeruch und den in den Ohren kreischenden Lärm arger Intervalle, bis das Werk in kaum fünfzehn Minuten getan ist. Miguel räumt grinsend die Fahrspur frei. Handliche Teile häuft er auf die Pickup Ladefläche. Er staubt die Hände ab an der Latzhose, reibt den Schweiß der Stirn an einen Ärmel. Er nähert sich, in festen Arbeitsschuhen weit ausschreitend, dem Jeep der Wartenden.

„Wir hatten lange keinen Sturm! Mich beglückt der Spaß hinterher!“, ruft er in Englisch fröhlich, seine Tritte dröhnen beschwingt am Asphalt. „Wir helfen uns selbst, bevor sich einer vom Amt bequemt.“

„Und den Hintern vom Bürostuhl hochfährt“, höhnt Anton, leise gemurmelt.

Schon über die Lippen, überkommt Anton der Impuls, eine zweite Barriere in das imaginäre Taschentuch zu knoten. Für unpassende Worte, wegen emotionalem Mist und schlechter Laune. Demnach glaubt er immer noch, er wäre für alles zuständig, oder?

Nicht er war tätig, und ergriff die Chance zum Kampf mit der Säge. Er sah das, was ihm half. Ein Mann mit Eignung löste die Aufgabe. Der Kenner der Stürme räumte die Straße bis auf unbedeutende Splitter. Alles erledigt, ohne eventuell helfende Insulaner, von Usa vor kurzem gesagt.

Usas Miene bemerkt Anton. Mit dem Gedanken, nichts forme das Gesagte um in ein Ungesagtes, greift er flink ihrem Seitenhieb vor.

„In solchen Zeiten sehr beschwerlich für sonnenverwöhnte Beamte, denen der Wind zusetzt.“

„Pass auf, dein Dementi fällt dir aus dem Zettelkasten, nicht, dass du es ganz verlierst!“, raunt in heftiger Tonlage Usa. Sie weiß, sie hat sich wacker und gerade zu halten. Ihr Kinnruck deutet an die Seitenscheibe, just beugt sich Miguel. Ihm unverständlich, zeitgleich auf Antons schlotternde Jeans zeigend, ergänzt Usa in Deutsch: „Obwohl, Anton, schade wäre es darum keinesfalls, wenn du dir in die Tasche lügen magst, wenn du Menschen mit Wetterfühligkeit ablehnst. Denk an Maik.“

„Halt die Luft an! Ich bin heute wackelig, vielleicht sogar eben wegen einer Ahnung von dem Desaster. Was weißt denn ich! Außerdem ist Wetterfühligkeit längst kein Makel mehr!“, protestiert Anton. Er legt Usa eine Hand auf ihre Schulter, und gibt seiner harten Intonation die Kante; bislang liegt der Knoten im Taschentuch des Sprachverhaltens nur vage geknüpft. „Usa, Augenstern, ich weiß, jeder Maik lebt seine Wahrheit. Für ihn regnet es ständig übelst, weil ihn die Feuchtigkeit schmerzt. Ich kenne sein Leid. Miguel sieht nur seine Sonnenseite, er lacht dem Drama im Erlebnis von Wetter ins Gesicht! Mir misslingt das heute, verzeih bitte.“

„Ja ja, genehmigt, Anton. Großzügiger sollte auch ich mit der Männer verbitterten Gemüter sein.“

„Fein, Usa. Maik übt auch noch. Er wärmt sich am Humor, obschon er seine traurige Schwere seinen Beinen gibt, die damit umgehen sollen.“ Leicht lächelt Anton, beinahe wie über eine Alltäglichkeit, auch hinaus zu Miguel, dem er Dank bekundet und in Englisch zuruft: „Du lachst über die stürmische Welt, dich erfreut das Kaminholz. Und bald lächelt auch alles in unserem reichhaltigen Frühstückskorb dich an, womit du kräftig bleibst. Wir folgen dir eilends in dein Zuhause.“

Im Hausflur verliert Miguel, von feuchten Sohlen, Sägespäne auf mittig glatt abgetretene Basaltsteine voran der Gäste. Er geht in den Wohnraum, der in dem Grau wie der Flur mit langen Fliesen renoviert liegt. Voraus in acht Metern spenden niedrige Sprossenfenster das Tageslicht, das der Boden ebenso schluckt wie die rustikalen Balken an der Zimmerdecke. Mehr Helligkeit geben die gefälligen Verläufe exzellenter Gelbtöne an den Wänden, die den Betrachtern Behagen vermitteln und mehr ankündigen.

Den blumigen Geruch im Raum, nur wenig nach Rauch. An den Seiten der offenen Feuerstelle hängen weiß gestreifte Federn von Greifvögeln in der Form von Sternen über nur einen Hauch von tiefem Rot tragenden Rosenblättern an rindenlosen Ästen. Im Kamin glüht noch Glut. Wärme strahlt an die Reihe zweckmäßiger hölzerner Küchenregale und auf sechs Holzstühle am Esstisch. Linkerhand zum Eingang liegen noch zwei Räume. Einblick verwehrt Miguel, schließt die Türen und raunt: „Staubiges Einerlei.“

Er stützt sich an die Türklinke, hebelt seine bloßen Füße per Schutzkappe an Ferse aus den Arbeitsschuhen, schlüpft in zerfranste Filzpantoffeln. Seine Schuhe aufnehmend, lädt Miguel, mit dem Kopf ruckelnd, ein:

„Wählt Plätze, setzt euch bequem. Ich stelle die Schuhe noch zum Trocknen.“

Seine Pantoffeln schleifen ein Zuhause-Gefühl über die Fliesen. Am Kamin drapiert Miguel die Schuhe am oberen Sims, greift dann in einen Kasten und belegt die Glut nahe einem Dreibein, auf dem eine schwarz geflammte Kasserolle mit Deckel steht, mit zwei Scheiten. Die sind so mächtig wie seine muskulösen Arme, die er ausbreitet, am Sims aufstützt. Bald beugt er den Rücken, fördert das Auflodern mit einem Schub. Zufrieden dreht er sich zu den Besuchern und schmunzelt belustigt. Ernsthaft wirken beide, wie verloren nur einen Schritt fern dem Flur. Miguel winkt einladend.

„Kommt herein! Ihr steht noch dort, seit dem Moment eurer Einkehr ins Haus? Habt ihr alles mit mir Erlebte vergessen, sogar eure freundlichen Gesichter? Ebenso erging es Lian vor der Wucht der Privatsphäre und darin meiner Autorität. Habt ihr eure mitgebracht, oder nicht? Dann hätte ich euch umsonst mit Freude erwartet.“

Den Mund öffnet Usa leicht. Sie erinnert die Wesenszüge an Miguel, die ihr schon aufgefallen waren. Doch nun diese Atmosphäre, die berauscht sie beinahe gänzlich.

„Für guten Start, liebe Usa, brennt das Feuer. In der Wärme dehne dich, projiziere feurige Kraft in die innere Enge. Möglichst als ein Spiel mit Spaß auf der Reise in meinen, dir erreichbaren Orbit.“

Da Anton sich ebenfalls nicht rührt, fügt er an: „Dorthin magst speziell du, Anton, fliegen wie ein Schamane mit Kompetenz.“ Seine Gestik und Tonlage, er wüsste, was er sagt, verstärkt er. „Oder kam die Idee für den Besuch grundlos, ohne Ziel? Egal, du hast es schon erreicht, es regnete vom Himmel, inklusive persönlichen Gewinns. Doch, einen könntest du hier im Haus magisch ansteuern, müsste dir absolut leicht gelingen!“

Sich am Sims stützend, mit einem Arm in den Raum schwingend, meint er ernsthafter, nachdenklich:

„Hier pflege ich, wie ihr in eurer Quinta, eine von der Norm abweichende Existenz, die ab und an zum guten dörflichen Wandel beiträgt. Ja, das! Damit es mit dem Wandel vorwärts geht in den Gemütern. Aber uns verbindet Zuneigung. Fraglos seid ihr meine Freunde. Also haltet euch nicht hier am Abfall anderer Leute gehätschelten Ichs fest. Es gibt viel mehr, das uns verbindet.“

Nach Miguels verständlicher Ansprache in Englisch, erwägt Usa seine wirkungsvolle Persönlichkeit im Dorf und seine Empathie. Sie erfasst Lians Anziehung zu ihm in einem neuen Licht. Auch seine Stapfer am Boden, die sich Usa, während einem existenziellen Gefühl, in ihren Blick werfen.

Die Muster gleichen jenen auf ihrem inneren Pfad, am Ufer des sie überall begleitenden Stroms. Der war in ihrer Bilderwelt vor Kurzem noch ein Rinnsal, führt im Moment viel Wasser, spritzt Gischt hoch. Diese kühle Fülle verursacht Miguels präsente Nähe, auch sein Tipp, in seinen luftigen Orbit zu starten. Ein abwegiges Angebot! Eher lohnen sich sofort die Fragen, ob jene am Pfad ihr zweifelsfrei hinterlassenen Abdrücke von anderen vorausgegangenen bodenständigen Insulanern stammen? Wäre dem nicht so, erringe dann Miguel als Begleitung neben ihr einen Wert? Oder folgt er nur den Spuren, aus deren er etwas für seine Kompetenz und seinen Gestaltwandel herausliest?

Na, wenn schon - oder sind Erde und Himmel in den Weggefährten nicht vorhanden, erreichbar? - hört Usa in sich raunen. Den Kopf berührt zugleich ein federnder Finger in kreisender hüpfender Bewegung. So, wie oft, wenn sie unterwegs am Pfad eine Frage klärt. Aber jetzt folgt der Berührung ein glühend roter Stich, ein ebensolches Netzwerk, am inneren Auge rätselhaft flimmernd. Von der Plötzlichkeit wankt Usa. Sie ruft sich Standfestigkeit zurück, ihre Blicke finden die grauen Fliesen, woran Miguels Spuren prangen, die keineswegs rötlich glühen. Acht Meter fern, vor dem prasselnden Feuer, umgibt ihn erdige und zufriedene Fülle. Selbst wenn er einer der unbekannten Vorausgegangenen wäre, mag Usa sich ihm nicht ohne weiteres nähern.

Entgegen Usas innere Enge spritzt, von jetzt auf gleich, die Gischt aus dem Flusswasser, wäscht ihr das rote Rätsel aus den Sinnen, öffnet Leichtigkeit, die sie umstimmt. Gewiss darf sie an Miguel kratzen, ihn auch kraulen. Er soll mehr von sich zeigen als bislang seine Liebe zur Natur, sein Merkmal. Kämen nur Anteile seiner Präsenz hinzu, sein Format gewinne über seine Stimme ein Mehr an Hand und Fuß.

Nach einem Moment tiefen Atmens legt Usa ihre Hand auf ihre kühl und spitz gewordene Stupsnase, und danach für einen Schubs auf Antons Ellbogen. Ihre Aufforderung, am Tisch den Frühstückskorb zu leeren. Miguel ansehend, folgt Usa den zaghaften Schritten von Anton und formuliert ihren Eindruck.

„Über alle Maßen eigenwillig wohnst du, Miguel. Leider entflammt mein inneres Feuer nie, wenn der leere Bauch zufrieden sein möchte.“ Noch nicht am Tisch angelangt, weist Usa mit einer Hand in den Raum. „Über dein Heim staune ich, es ist heimelig und einfach. Es passt zu dir, zu dem Wenigen mit dir Erlebten.“ Einen Augenblick lang kaut Usa an dem Trockenen im Mund, reibt auch die Zunge über die Zähne, legt dann einen fordernden Ton in ihre Worte. „Dein Heim lässt nichts zu wünschen übrig, außer für mich einen großen Becher heißen Kaffee! Darauf mag ich nicht länger warten. Mein Mund ist ausgetrocknet. Hausherr, bewirte mich.“

In der Geste der Insulaner reckt Miguel an einer Faust einen Daumen, und eilt in schlurfendem Gang zu Anton, der den Korb ausleert, danach mit dem Geschirr aus dem Regal den Tisch deckt. Ab und an schaut Anton innehaltend auf alle die geölten edlen Hölzer. Er verstärkt auch seinen Eindruck von den hellgelben Wänden dieser draußen eher simpel traditionell wirkenden Casa.

„Ein Fragezeichen in den Augen, Anton?“, beginnt Miguel, und klappert unterdessen mit den Utensilien in der Küchennische. „Manche Freunde vermuten, die Farbverläufe bedecken fleckige Wasserschäden. Aber wer wie ich die zarte Vielfalt an Rosenblättern um sich herum sieht, kann nicht davon lassen und wagt sich vor, schwingt den Pinsel und die Spritzpistole ebenso fließend.“

Nickend ihm zustimmend, setzt Usa sich an den Stuhl vor der Fensterfront und schaut auf den Horizont über dem Meer, grau von Dunst, bleiern dunkel die Wellen. Nebenher hört sie es scheppern und schaut in die Küchennische. Vor der Flamme am Gasherd, neben sich Anton, brüht Miguel mit dem heißen Wasser eines Kessels das Kaffeepulver in einer getöpferten Kanne auf. Nach und nach erreicht Usa ein belebender Duft.

Dem nach schnuppert auch Anton, und dem folgen seine Gedanken, die er Miguel leise erklärt.

„Bisher beschäftigten mich alle Begegnungen mit dir unerwartet stark. Deine Ansage bereichert mich ganz brauchbar. Deine Akzente gefallen mir durchaus. Mehr noch dein zurückgezogenes Leben.“

Still erkennt Anton, ihm gefallen Miguels häusliche Marotten. Ihm so offengelegt wie Fernando, der Freund, mitdenkt, der den Kopf selten bei einem Abfüllen mit dem klaren Rum Aguadente benebelt. Gegenwärtig fehlt einer Freundschaft mit Miguel noch die Basis von Vertrauen, seine Ansichten aushalten zu können, wie er seine. Flach gehaltene Gespräche genügen. Sein kleinmütiger Beschluss prallt ab, spürt Anton alsbald.

„Hm ja“, setzt Miguel an, „meine Plantage bedeutet mir alles. Ich bin aber kein reiner Eremit. Ich gehe zum Stammtisch mit meinen engagierten Kollegen aus der Rettungsstaffel verirrter Wanderer, eine Gruppe aus bunten Nationalitäten. Wir sind alle ein paar Tage älter. Auch Frauen treffen wir in den Privathäusern, geben ihnen zum Essen und Trinken eine Kleinigkeit dazu. Das und unsere Unterschiedlichkeiten bereichern alle. So halten wir hier oben“, er tippt kurz an seine Stirn, „einen starken Teamgeist mobil.“

Ein Schweigen begleitet die letzten Handgriffe mit dem Kaffee, lauter zu vernehmen als der Regen vor den Fenstern. In der Schnelle von Sekunden klopfen die dicken Tropfen eines Wolkenbruchs an. Schon reißt der Vorhang auf, öffnet sich. Sonnenfinger entzünden sich an Usas gelber Bluse und bestreichen wie ein Magnet am Esstisch den Obstteller, wecken einen süßen Duft, der zu Usa herüber zieht.

Der lockenden Versuchung rückt Usa ihrem Stuhl näher, zögert bei der Wahl zwischen Maracuja und Anona, beißt dann in eine reife Birne. Saft läuft über ihr Kinn. Rasch beugt Usa sich über den Frühstücksteller näher, auf den es tropft, und verspeist die köstliche Frucht. Einen ebenso köstlichen, heiteren Anblick gewinnt Usa an Miguel, der sich an die Stirnseite am Tisch setzt, Anton neben sich winkt. Von den Gesichtern scheint ein Vorhang abgefallen. Die Farben der Hemden leuchten wie deren Gegrinse, derweil Usa ihr Kinn mit beiden Handrücken abreibt. Viel zu bald verscheucht etwas Ernsthaftes das Heitere auf Miguels Gesichtszügen. Ihm schenkt Usa einen erwartungsvollen Blick.

„Das andere im Einsiedlerleben kennt ihr“, beginnt in grübelndem Ton Miguel in Englisch. Er weiß, er wird verstanden. „Hierher lotste ich schon einmal euren Jeep. Vera und Maik stand ich bei nach Lians tödlichem Absturz, wie sie mir. Aber das ist nur Erinnerung ...“ Er pausiert, ruft aus: „Heute ist heute!“

Seine Handballen trumpft Miguel auf die Tischkante, wedelt darüber. Sein Andenken löscht er im Griff an das Steingut der Kaffeekanne. Er schenkt Usa den Becher voll, dann seinen und den vor Anton. Ein langer Blick schweift über Anton, während er redet.

„Heute lenkte ein Einfall dich zu mir, dem einsamen Mann und Vater. Mein Sohn wohnt wochentags bei Verwandten in Funchal. Ihn fördert die Vorstufe für eine Fachschule mehr als die regionale Schule. Fern von hier erlernt mein Miguel abstraktes Denken, das Verstehen wirtschaftlicher Vorteile. Unser kleiner Betrieb muss flexibel geführt werden und bietet sich uns eine unbekannte Chance, soll er mit beiden Händen zupacken. Doch hart ist meine Durststrecke, ihn nicht im Haus und nicht als ständige sichere Hilfe für die Plantage zu haben. Wir haben uns gemeinsam und vorausschauend entschieden.“

„Euer Plan müsste die Kraft dafür hergeben“, merkt Usa an, nach einem belebenden Schluck Kaffee. „Deine und seine Konzentration auf die Kräfte weckt die Energie für euer getrenntes Leben.“ Sie hebt den Becher an den Mund, spürt das Gleiten warm in Hals und Brust, strahlt Miguel glücklich an. „Das tut gut, nach der meine Kräfte anstrengenden Fahrt und ermöglicht Frieden. Langsam fange ich mich, und merke, von deiner ausgleichenden Nähe wirkt auch Anton nun stärker. Ein friedliches Gemüt erträgt eben leichter und erfasst den im Sturm geknickten Baum als einen im Paradies gestürzten, keinesfalls von reinen Elementen gänzlich entbunden. Es fehlt niemals etwas, alles ist überreichlich vorhanden.“

Die Augenbrauen hebt Miguel. Sein brauner Blick erwidert verständnisvoll ihr Glück, ihr Zuhause auf der Insel gefunden zu haben. Eines, wie es zu ihr passt. Und Usa fährt fort.

„Der Baum war viele Jahre alt, dein Sohn ist ein biegsamer Sprössling. Förderst du das kindliche Naturell? Wünschst du es ihm frei von aller Gewalt? Solche Wünsche kannst du ihm wirksam hinüber senden. Doch kannst du dich daran auch angeschlossen fühlen?“

Das Glück auf Miguels Gesichtszügen verblasst. Er schließt die Augen.

Anton weitet den Blick. Teils von der Panik, nicht zu wissen, was bei Miguel vorgeht, teils von dem eigenen betroffen sein. Usas Wortwahl zu den Kräften der Konzentration und des Friedens, mit dem alles leicht zu ertragen sei und ihr Hinweis auf Miguels ausgleichende Nähe, all das versetzt Anton in den Schwebezustand wie in einer Hülle aus Glas.

Dann, unvermutet klar, erinnert er den Nebel der Nacht erneut und daraus hervor gleitet in matter Kontur Carel, der sofort abdriftet, verschwindet, wenngleich Anton einen mystisch-magischen Ruf hört und einen kindlichen Beiklang, von ziemlich weit oben. Leider nur für einen Moment. Schon verpufft auch dies, kaum zu fassen. Vielleicht nur, weil nahe neben ihm Miguels Stimmlage gerade heraus einen deutlichen Protest meldet.

„Nun, nun, Usa“, Miguel kratzt sich am Hals, „der Kleine findet in der Schule Bindungen an Menschen. Dafür habe ich ihn der großen Kraft anvertraut und ihm geraten, Schwätzer nie ernst zu nehmen, die gehen ihre Wege. Seinen beginnt er und erwartet nichts anderes!“

Miguel meidet Usas direkten Blick. Er senkt den Kopf, trinkt Kaffee, dreht dann den Becher vor einer Wange hin und her. Er öffnet und schließt die am Teller liegende Faust, doch das vermittelt Usa seine Einfühlung in die Besucher. Alsdann klingt seine Stimme angespannt nasal, als ob sie fest steckt.

„Die Schule in der Großstadt lehrt ihn, an seinem Weg liegen die Treppen, die von oben herunter gefegt sein sollten. So lernt er zu denken. Voll meine Absicht, denn wir verlieren uns nicht. Sein Elan soll die Rentabilität unserer Existenz sichern, im Blick nur Menschlichkeit, unser beider Gewinn. Dieses Paradox, das nirgendwo ein Arbeiter mag, liegt mir noch im Gedächtnis aus den vormaligen Jobs.“

„Aus dir spricht ein weiser alter Vater“, kommentiert schüchtern Anton, und trinkt rasch vom Kaffee.

Laute Schluckgeräusche hört Miguel, er senkt den eigenen Becher von der Wange, knallt den auf den Tisch. Ein Teil von Antons Druck, hebt Miguel das Kinn in Abwehr. Ihm gelingt rechtzeitig ein toleranter Schwenk, eine Tonlage tief heraus aus der Brust.

„Wer wie ein Mann altert, bemerkt den Prozess. Meine Körperlichkeit war über Jahrzehnte hinweg für mich schlechthin die eine prägnante Eigenschaft.“

„Na, ich merke meine Schwäche. Verflixt noch mal, bei der Arbeitseinstellung genauso“, stimmt ihm Anton zu. Seine Verzerrung, seine Mäßigung gefällt Usa gar nicht. Ihr voller Blick vermittelt zudem die Wichtigkeit der Wartens auf den Beginn des Frühstücks.

Ohne den Austausch der Blicke zu deuten, führt Miguel das Gespräch fort.

„Das lockert, Anton? Warst du jemals ein Vater, nach der Arbeit heimgekehrt in eine Familienbindung, die eher eine weibliche Weichheit am Vater haben wollte, zugeneigt dem einen Sprössling?“

Eine Augenbraue zieht Miguel zur Stirn hinauf, spöttisch über Anton schmunzelnd. Dann zupft er an seiner Nasenspitze und Oberlippe im Überlegen. Herab fährt die Hand, rupft am Hemdkragen, um sich auf sich zu besinnen. Seine raschen, einem Südländer entsprechenden Gesten faszinieren Anton und Usa und halten sie sogar ab, mit dem Essen zu beginnen. Miguels leise Worte erzwingen ein Zuhören.

„Ich war der Erstgeborene und Nachfolger, und ich hatte unserer nächsten Generation Sicherheit zu geben. Anfangs war mein Vater ein Vorbild. Sein Spaß an der Arbeit und an dem Leistungsdruck, der körperlichen Einsatz forderte von dem Ernährer der Familie, der Abhängigen. Ich empfand das zu bald als Last und Druck, nahm es zu ernst. Mein Leben war hart darauf gerichtet, nicht darauf, wer ich bin.“

Vor die Stuhllehne wirft Miguel den Rücken. Ein Signal für Usa, seine Rede gewinne an Farbe, auf die er sich besinnt, zumal er ihr nahe sitzt.

„Moderne Maschinen“, setzt Miguel spontan an, „mindern Gefahren der Knochenarbeit. Verletzungen bei körperlichem Einsatz entfallen weitgehend. Einzig wir Retter in Staffeln sind sporadische Helden und ernten Blessuren. Das sah ich ein, das änderte mein Selbstverständnis, doch nicht im Mindesten all die Sehnsucht nach den Abenteuern neuer Herausforderungen. Diese Lücke füllen manche Männer mit Sport.“ Vor seinem Magen wedelt Miguel abwehrend mit beiden Händen, hält inne in der Geste, lenkt ein. „Ein Freund vom Stammtisch, ein Paragleiter, genießt im Sprung in die Luft und im Risiko die totale Freiheit und zugleich eine Abhängigkeit vom Adrenalinschub. Aber sonst ist er passabel, auf ihn kann sich jeder Kollege verlassen. Er will nur nicht gelangweilt daheim Fußball schauen, falls im Berg keine Wanderer abstürzen. Seine Liebe gilt dem Abenteuer. Er behauptet, die Genetik eines Helden zwinge ihn in den Erfolg!“

„Glaubst du das auch, ist das so? Ja, dann baue etwas auf, gleiche einer zielstrebigen Frau.“

Längst hat Usa mehr Fragen. Doch die drücken nicht. Aus den Augenfalten heraus lächelt sie Miguel an und imitiert sein Aufwerfen der Hände in der Absicht, sie gestalte das Folgende mit Gleichklang.

„Sicher ist dir das Abenteuer mit deiner Lebensart entgegen dem dörflichen Usus. Oder nehmen das deine nächsten Nachbarn schweigend hin? Doch mehr könnte sich ergeben. Bewirkt deine Eigenart etwa auch eine Winzigkeit an Neugier auf einen Helfer bei deiner Tagesarbeit? Eine Änderung an dir kann weitere gut gemeinte herbeiziehen. Und sonst? Bist du gänzlich davon überzeugt, später würde dein Miguel den Betrieb tatsächlich übernehmen?“

„Denkst du, er will das nicht? Soll mein Schuften sinnlos sein?“, fragt Miguel lauthals. „Er hat nur die eine Option! Und nur die auf meine Kraft für die Plantage, an alles führe ich ihn heran, zeige ihm eine wichtige Männersache: Sei wilder als andere, dann lassen die dich in Ruhe. Es funktioniert, der Junge wünscht sich, er wäre ein Kerl, der was weg hauen kann ...“

„Der Wunsch kann eines Tages zerbrechen. Was wäre, wenn er erkrankt?“, widerlegt Usa, munter von seiner Heftigkeit. Miguels reiche Gestik nachahmend, reckt sie die Zeigefinger. „Das Größte wäre, er merkt, er darf schwach sein, verletzlich, er wäre geborgen bei lieben Leuten! Dann könnte dein Sohn, der noch ein Kind ist, sich zuvor einer Rauferei friedlich verhalten.“

„Wie soll das gelingen! In Rückschritten können weder er noch ich weglaufen! Nichts ist sicher, das ist das neue Feld der Helden. Und, auf den Sohn aufpassen, für ihn da sein, ihn für den Fall lehren, Einer ginge ihn quer an, verstehe ihn nicht. Männern gilt noch die Verteidigung der menschlichen Ehre.“

Wegen seiner emotionalen Erregung verpasst Miguel, scheinbar mit Absicht oder aus Zielstrebigkeit, Usas Hinweis , sein Arbeitsleben erleichtere ein Helfer. Sie wünscht ihm trotzdem einen Helfer bei der Arbeit und gegen seine Einsamkeit. Dann jedoch empfindet Usa seine angenehme Konzentration, und die erklingt ihr willkommen aus seiner Stimme. Aus seinem tiefer Bass und den hohen Tönen im Wechsel lauter Dynamik. Nach Balance suchend, wandern nunmehr Miguels Blicke umher.

„Alles flößt Furcht ein, kaum als Vater zu bewältigen. Manchmal kommt der kleine Miguel weinend von der Schule heim, und vorbei ist es mit unserem Glück. Immer wieder quält ihn ein Problem. Wie damals, als wir mit Bauklötzen seine guten Anlagen einübten. Daran denkt ein einsamer Vater.“

Usa, die mediale Frau, wippt unter dem Tisch mit einem Fuß, streift dort Antons Sandale. Er schaut hoch, noch versunken im Verstehen des Lebens, das der große und kleine Miguel teilen. Er bemerkt, Usa teilt sich durch den Tritt mit, sie wurde von dem nüchtern getrunkenen Kaffee nervös. Ihr bricht ein inneres Feuer aus. Hitze steigt in den Kopf, befeuchtet das blonde Haar, flutet über ihre Stupsnase und rötet die Wangen.

Innerlich seufzt Usa, wieder einmal wütet die Wallung nach Gutdünken! Oder richtet der Körper sich ein, da Miguel Turbulenzen austeilt? Dann hat die frauliche feurige Hitzewelle Gutes vor und bewahrt die Mitte mit Macht. Eine enorme Erkenntnis. Unversehens spürt Usa an ihrer Haut eine Abkühlung, ein Abdichten des warmen inneren Zentrum. Weit und klar wird ihre mentale Kraft, gespickt dann mit Teilen von Bildern, längs denen Usa zu sprechen beginnt.

„Des Lebens Faden verknotet Geheimnisse mit Weisheit. Miguel, hast du deinem Sohn für seine Zeit ohne dich einen solchen Wegweiser mitgegeben? Lian gab ihrem Sohn Jorge ein Werkzeug, mit dem er sich von den Hetzern, an Erfolg orientierten New Yorker Bankern, in Ordnung bringen kann. Seine Technik schult bestens seine kognitiven Fähigkeiten. Erinnerst du, was Jorge uns berichtete?“

„Ein wenig vielleicht. Jorge zu helfen war eher mein Anliegen. Weil er nicht mehr im fernen New York war, und nicht angekommen darin, wohin er dort strebt. Dafür suchte ich wie ein Vater mit ihm nach Lösungen und riet ihm, für sein Erforschen von allem Möglichen, er lebe nicht erst seit heute.“

Eine Hand hebt Miguel abwiegelnd. Es genügt, Anton in seinem irritierten Beobachten des Abklingens der Röte auf Usas Gesicht zu stoppen. Ihm steigt etwas auf. Es fließt ungehemmt über seine Lippen.

„Es war nicht Jorges erste einsame Lebensphase oder Innenschau. Du zeigtest ihm, am Tod von Lian, wie du das Sterben begreifst, wie das in der Natur. Du gabst Jorge Fragen, aus der allgemein weiblich deklarierten Orientierung auf des Lebens Quellströme, und die bewirken bei ihm Veränderungen.“

„Quellströme“, ergänzt Usa, derweil sie Bescheidenheit und innere Stärke ausstrahlt, und bei Miguel auf bereitwilliges Zuhören trifft, „lenken den Schwimmer. Eine kurze Weile schwimmt er darin, weil er, geklärt und einsatzfähig, danach zurück wechseln muss in den anderen Strom.“

„Und ob! In genug Wellen ging ich baden“, stimmt Miguel zu, „und glaube trotzdem an mich. Das gibt mir die junge Kraft, um mich dem Leben zu stellen. Mein Sohn lebt sein Leben ohne den besonderen Zauber meiner väterlichen Kontrolle. Dennoch bin ich für ihn längst nicht gestorben.“

Miguel steht auf, schlurft zum Kamin, schürt die Glut, hütet das Feuer eine Weile. Unterdessen bricht ein Sonnenfinger durchs Fenster und verfängt sich in den Karos am Arbeitshemd, wandert an Miguel über Rücken und Latzhose. Ein Quadrat aus Helligkeit fällt auf die grauen Bodenfliesen, springt von dort in den Raum und breiter an die Wände, die ihre gelben Farbverläufe aktivieren und freundliche Behaglichkeit ausstrahlen. Offen in seinen Zügen kehrt Miguel zurück, er neigt sich am Tischende zu Anton. Für ihn spricht er mit heiterem Beiklang.

„In mir lodern allerhand Ideen, um auf meine Art aktiv zu werden. Das nenne ruhig mit Recht weiblichen Quellstrom. Du weißt, welche Geister die Männer antreiben, die neben Frauen die besten Plätze auf der Rangliste erkämpfen. Doch wer ringt öfter mit den hilfreichen Fragen, kommt rascher voran? Die Frauen nutzen ihr offenes Gespür für sich, vermittelte Lian über ihr Töpfertalent.“

Kurz nur verzerrt ein Hauch von Schatten das Gesicht Miguels. Doch Anton zugewandt lehnt er eine Hüfte an die Tischkante, reckt mehrfach die Hände in betonenden und ausmalenden Gesten.

„Nicht über Lian will ich reden. Ich traf einen neuen Mann am Stammtisch, der auch meint, er kenne seine weibliche Seite. Ich verlangte Erklärung, beobachtete ihn und ahnte die Körner seiner Ehrlichkeit, vor denen Logik versagt, da er von seiner Wahrheit sprach.“ Sich besinnend, nickt Miguel, führt dann aus: „Manches klang unwahr, ein Kollege verwarf anfangs seine Ansicht als Ulk. Dem putzte er mit einer reifen Antwort die Ohren. Wer wisse je genug, könne alles erklären? Aber eines wisse er gewiss: Frauen hätten den gleichen Herzschlag, er fürchte sie nicht. Längst stellte die Embryonen-Forschung fest, dass ein männlicher sich aus dem weiblichen heraus entwickle. Deshalb, meine er, des Mannes Instinkt für einen Perspektivenwechsel auf die weiche Weite der Liebe wäre nicht weit weg.“

Ergriffen von seiner Schilderung, reibt Miguel sein Kinn. Unter der Hand schnauft er und doch mag er mehr frei heraus erzählen.

„Der hinzugekommene, der ungewöhnliche Mann fragte uns alle, ob ein Neinsager an Stelle von Sanftheit einen weltweiten Terror bevorzuge, sich dem aussetzen will. Der träfe die Wahl für Kampf, oder, das eigene Sanfte anerkennen und schätzen, bevor er ins Gras beiße. Das wäre reif, führe heraus aus dem Krampf. Also, ich verstand ihn, der Neue sah mit den Augen des Herzens. Und, Anton, wundere dich nicht, er sah meinen Sohn niemals, aber er sprach über ein Paralleluniversum, das den Söhnen eine Zeit bringe, wo das Weibliche mehr Macht erlange und ebenso eine kindliche Mentalität. So eine Änderung knacke bei allen Beteiligten harte Nüsse. Sein Argument roch nach inneren Abenteuern, ich hörte es gern. Leider fährt er nur sporadisch in den Westen, er lebt in Funchal. Dort, ich bat ihn, steht er Miguel bei, sollte etwas sein. Denn er sieht die Kinder als Träger des Erbes, die Zukunft der Erde. Ihre Wesen will er im Teilen betreuen und im Vergessen von Geiz, und im Erhalt ihrer Daseinsfreude. So etwas lernen Kinder nur von besten Freunden! Ola, ich mag seine ungewöhnliche Kraft.“

Von Miguels sich ausbreiten, tanzen Usa heftigst viele Flusen vor den Augen. Im sonnig hellen Wohnraum schweben allerhand Staubteilchen. Daran gewöhnt ist mehr oder weniger jede Frau, kann darüber hinweg sehen. Usa im Moment unmöglich. Sie verbindet den Reiz am Wort ungewöhnliche Kraft mit dem Stich der Feder, mit dem eingangs innen glühend Roten. Ein lästiges Gemisch. Usa blinzelt, weitet im Wechsel die Augen, rückt das rote Geflimmer als ungewollt heraus bis sie nur einige im Raum schwebende Staubflocken sieht. Kaum als solche, gewahrt sie an Miguel Freude. Er hat einen guten Freund am Stammtisch, und den am Esstisch. Anton antwortet ihm soeben mit einer völlig überraschenden Feststellung.

„Verstehe, Miguel, der bemerkenswerte Stammtisch-Freund hatte die Idee mit dem Flug des Schamanen! Mir begegnete im Sommer, aus heiterem Himmel oft, der Zuspruch meines indianischen Lehrers. Wir sind inzwischen online vernetzt. Er betreut Europäer, übernimmt unsere schamanischen Flüge. Ich traue ihm, er bringt mich für das Inselleben auf Trab, beim Heilwerden vom äußerlichen sozialen Usus.“

„Die Zeit hat dich geprägt“, meint Usa leise, mit Tiefe in der Stimme, „aus deiner Substanz webst du deine Welt.“ Sie dreht und neigt sich seitlich, zeigt auf die Sterne aus Vogelfedern neben dem Kamin. „Madeiras Natur legt Geschenke vor die Füße in all dem Urwüchsigen in den Bergen, die eine Menge Weiblichkeit an sich haben, sofern man sie sein lässt, ohne Brände.“ Usa rutscht zum Tisch, betrachtet Anton milde liebend. „Du sahst ein Chaos, den Baum, der von Spinnen gewebte Netze zerstörte, mit denen sie Beute holen. Zu anderer Zeit zuckst du viel mehr auf, als ob dir eine Beute verloren ginge.“

Anton schluckt, auch den spruchreifen Hinweis, spaziere Usa später durch die Rosenplantage, erlebe sie keinen Verzicht auf Beute. Seine Mundwinkel streift er ab, seitlich mit Daumen und Zeigefinger. Es knistert dort bereits. In Kürze schmunzelt er, weil Usas Magen so laut knurrt wie der an Miguel von dem Drang nach Essen und Zufriedenheit.

Sieh an, Miguel schlurft zum Regal, durchsucht die Vorräte, trägt allerlei Eingemachtes herbei. Den Deckel am Glas einer Konfitüre öffnet er, stellt es zu den mitgebrachten Glastöpfen und neben die reichhaltige Schinken-Käse-Platte. Anton reckt sich, entfernt behände die Schutzfolie, doch hält inne.

„Ich muss anhängen, Miguel, seit ich den Sommer auf Madeira kenne, schätze ich meine vorherigen alten Beutezüge und Schicksalsschläge und die Erfahrung mit Therapeuten und Lehrern als Voraussetzung, in Ruhe zu altern. Jeden Tag in anderer Art ausprobieren, nehme ich mir vor für den Prozess auf den Wellen am Urstrom, im Schaukeln zwischen meinen bisher erlangten Kenntnissen.“ Mit zehn Fingern streichelt er vor sich den Rand am blanken Teller, atmet für den Moment die fernen würzig-fettigen Aromen tief ein. Frisch gestärkt setzt er nach: „Als wir heute unsere Quinta verließen, ahnte ich nicht, du würdest dich als einsamen Vater bekennen. Ich dachte nur, mir täte es gut uns zu treffen ...“

„Und uns dreien zur Ehre miteinander zu essen“, stoppt Usa, in heller Sprachmelodie, seine Rede und sieht ihn den Mund schließen. „Der Brunch wird dein inneres Geflüster mit frischer Energie nähren.“ Mit dem Zeigefinger an der Stupsnase, die schon über der Marmelade hängt, erklärt Usa: „Vieles im inneren Reich liegt ungehört, will sich schmecken lassen. Jetzt nicht mehr, es ist genug. Wozu nutzen unsere Geistesgaben, im Leben müssen wir auch Schwein haben.“

„Treffender Reim, Usa, könnte auf Mist gewachsen sein“, entgegnet, heiß erwischt, Anton. „Schwein hatten wir vor dem Baum, dank Miguel. Der Räucherschinken befindet sich in bester Gesellschaft.“

Mit Fingerschnippen lädt Anton sofort Miguel ein, etwas von den Schinkenscheiben zu erbeuten, so flink wie er selber zugreift. Danach glücklich wie Miguel kichernd, schaut er Usa an.

„Ja ja, sage nicht, diese Schweinerei schade über kurz oder lang! Das Verbotene verjüngt den Instinkt im Geist im inneren Ohr, der schwerhörig wird, wie so oft bei allem Vordergründigen.“ Kaum gesagt, trifft Anton kalt das Traumgeschehen im Schlaf und den Schemen von Carel im dichten Nebel. Den halben Weg seiner Hand an ein Ohr unterbricht er, und murmelt: „Das Stimmchen im Ohr erzählte im Morgengrauen von neuen Stimmen und Farben, von anderer Leute neue Eigenschaften.“

„Die im linken Ohr?“, fragt Usa, Antons Griff hinauf deutend. Er denkt mehr, als er wagt mitzuteilen.

Miguel stößt ein Lachen aus, klatscht in echter Insulaner-Manier die Hand flach vor seine Stirn, einzig ihm geltend. Er dreht sich um, entnimmt dem Regal einen Untersetzer und der Feuerstelle die rußige Kasserolle, stellt sie vor seinen Platz. Den Deckel hebend, quillt warmer Duft von frischem Brot hervor und unter seine Nase. Breit in die Runde grinsend, setzt sich Miguel.

„Ihr riecht ein Pao de Caco, das Ergebnis einer meiner neuen Eigenschaften. Im Warten auf euch habe ich den Teig mit Brei aus Süßkartoffeln geknetet und in die Form eingefüllt. Während wir prächtig plauderten, sollte es fertig backen. Ihr seid eingeladen, essen wir das Herdbrot gemeinsam.“

Anton flitzt zum Regal, wählt dort ein langes Brotmesser und reicht es Miguel, eilig sich setzend.

„Schneide die Köstlichkeit an, von mir gibt es auch eine neue, leckere Kräuterbutter mit Salbei, Bärlauch und Bohnenkraut, passend zum Herbst.“

Er deutet auf ein Glas mit dunkelgrünem Gemisch. Miguel nickt ihm zu, stochert und lockert schon an der Kruste den Rand des drei-Finger-hohen Brotfladen. Er legt Usa das erste Stück auf den Teller, den sie vor sich nimmt, Miguel unterdessen anlächelt und meint:

„Die neue Eigenschaft erlangt Macht und Energie aus dem voraus Gedachten und das duftet vor uns.“

Weich blickt Usa Anton an, bezieht Miguel ein, legt ein Giggern in die Stimme.

„Ebenso empfinde ich, wenn Anton mit mir zu den Sternen reist, wir endlos schweben mögen. Leider hält uns eine weise Quintessenz von dem Endlosen ab, hält uns in Distanz auch zu den rasanten Flügen anderer. Langsam in ein Vorhaben zu gehen, ist mir Frau so wichtig wie das mit Anton Erdachte. Dir mitgebracht und aufgetischt. Ab jetzt sind wir Drei uns noch mehr wohl gesonnen, und reicher an Beute, wenn wir in diesem Dreiergespann spielen. Ich ließ mich hineinfallen, verlor mich ein wenig darin, das fühlt sich gut an.“

Aus der ulkigen Rede zieht Anton ein kleines Licht. Dann auch eine Helle in einer Sturmleuchte, und davor steht Carel im frühen lauen Abendwind. Bevor Anton sich darin verirrt, verlöschen die Lichter. Die Freistelle besetzt Miguels Aufgabe am Sohn und irgendwie auch die tiefe Erkenntnis, er selber sei bald ein Leihopa, er würde spielen, er ahnte es, er wusste es längst! Mit den Kindern spielen, in ihren Sphären abtauchen. Niemals wieder der Außenseiter von einst sein. Ups, geht das?

Vor Freude klatscht der innere Bub in die Hände. Dem erwachsenen Kerl wärmt ein Staunen das Herz und eine Fackel heller Einsichten.

Das Zappeln falle weg. Ganz und gar und wahr, denn wer könnte jetzt noch die Balance von Wunsch und Realität zertrampeln? Einzig nur das Misstrauen des trostlosen, bedürftigen Buben, der nie spielte, dem gesagt wurde, bei so einer Mutter lebe er in keiner anerkannten Familie. Das war einst, heute ungültig! Der Bub hat Talent und mehr haben die Freunde in der Wahlfamilie auf Zeit. Ein guter Grund zum Lachen, denn jedes Lachen weckt die schlummernden Talente.

Dankbar für sein kleines Glück, halbiert Anton seinen Anteil am warmen Brot, klappt die Hälften auf, belegt sie mit dem eingemachten Gemüse aus Miguels Vorrat. Er bedient sich ebenso reichlich wie seine Freunde, probiert von allem, spart nicht mit Lob. Schließlich leckt Usa über ihre mit Marmelade bekleckerten Finger, lehnt sich im Stuhl an, legt die Hände an den Bauch, dreht den Kopf zum Fenster. Dessen Sprossen teilen das Sonnenlicht und reflektieren das Gelb von Usas Bluse deutlich in Antons Blick hinein. In Bälde interpretiert er Usas Träumerei hinaus.

„Magst du die Rosenplantage ansehen, deinen Eindruck von Miguels Wesen und Wirken komplett machen? Dann würde auch ich gerne mit euch beiden nach draußen wechseln.“

Indes Miguel die vertrauten Wege entlang geht, neben sich die Besucher, ändert sich die Formation. Seine Führung wird nirgendwo benötigt in der Hanglage, die kaum Neigung aufweist auf schmalen, teils sogar breiten Pfaden. Überschaubar angeordnet vor bemerkenswerten Bruchsteinmauern, die auf den Terrassen die Rosenbüsche vor Wind schützen. Anton sieht an den Wegrändern hohe und niedrige, stehengelassene wilde Kräuter, geht gerne voraus. Bald dann wechselt er vor Usa in einen hüpfenden Rückwärtsgang, ihr zugewandt in fast fürsorglicher Zärtlichkeit. Dabei streichelt ihn eine rastlose Bö aus dem Meerwind, die das Geräusch der Schritte übertönt und am Kopf Haare aufstellt, Strähnen löst, ihn mit Hörnchen krönt.

Miguel lächelt über Anton, der Usa während dem Rundgang wie ein spielender Welpe umkreist. Mit einer Hand, die andere in einer voluminösen Westentasche, zeigt Anton Usa die Aussicht zum Meer, vor dem das graugrüne Areal der Rosenbüsche in der Sonne nass und blank blinke, wie angehoben ausgebreitet. Dem stimmt leise, sich heraus haltend, Miguel zu, er beobachtet nur beide, lässt Anton gewähren.

Brav blickt Usa seinen Fingerzeigen nach. Anton erklärt ihr sogar den leise reibenden Wind an der Feuchte der Mauerquader vor der weichen Erde. Am Duft der Erde vermutet er lebendigen Kompost im Humus, nicht wie anderorts den Giftschleier der Unkrautvernichter. Zufrieden, geheimnisvoll sagt er wenig später, er höre ein Muschelrauschen links im Ohr, doch meine sein Logo, es stamme aus der rotierenden Luft auf den Steinen, aus den Geräuschen der Umgebung. Weit besser gefalle ihm eine asiatische große Muschel.

Sein Gerede und Gehampel wird Usa kurzum zu dumm. Sie präsentiert Anton, ohne ihn anzuschauen, eine erhobene Hand, schlendert allein zur nächsten beinahe brusthohen Mauer, vor einen Rahmen aus Holz mit Fächern, halb gefüllt mit allerlei Natürlichem. Dies Ding, obgleich hinter einem engmaschigen Drahtgeflecht geschützt, kommt ihr ohne Weiteres wie ein Müllschlucker vor, aber dient ihrer Hand auch zur festen Stütze. Usa klettert recht gelenkig nach und nach auf winzigen Stufen und Spalten die Mauer hinauf, blickt darüber hinweg in die Ferne über dem Hang der Plantage, landeinwärts vor die Bergkette.

Zu ihr - ihre gelbe Bluse prangt und wankt dort oben wie eine pralle Zitrone in luftiger Höhe - blickt in einem tonlosen Glucksen Miguel. Er hält kaum sein Verständnis für sie aus, und kaum seine Vermutung ob einem Grund für ihr Abwenden von Anton. Denn zu Recht könnte er sich täuschen.

Die Hände auf die Hüften gestützt, noch das Wackeln unter den Schuhen mit den Knien und Schultern ausbalancierend, doch ohne einen sauren Gedanken, staunend ruft Usa herunter, mit fester Stimme:

„Mich verblüfft die späte Pracht dieser Rosen, Miguel! Ein Schatz an Farben wächst auf der grünen Zone. Sattes Grün, wohin das Auge reicht. Eine Natur prall von Schöpferkraft und großartigen Kunstwerken. Für meine Ideen sehe ich immense Gestaltungsmöglichkeiten in den Formen der Blätter. Sie wachsen in den Himmel, hinauf zu den Formationen der Wolken. Eine Fülle an Inspiration berührt mich, klingt klar in mir und schäumt mich weit auf, stimmt ruhig und friedlich. Du hast dir hier eine herrliche Welt geschaffen, deine wundervolle Heimat mit all den Sichtachsen. Darin knospen, als ob du sie zufällig hinein gestreut hättest, zartrosa Rosen bis in die hinterste Ecke deiner Anlage, sogar im November!“

„Jetzt und im Dezember blühen sie nur zum Schnitt für die Vase“, fällt Miguel ein stolzer Sprachklang aus der Kehle. Usas Lob hebt ihm das Kinn und an einer Hand den Daumen. Er nähert sich Usa. „Von den Blüten im Mai, wenn ihre Vielfalt und Kräfte frisch losgelegt haben, bringe ich die Ernte ein.“

„Aha, von den voll des Lebens zarten Rosen. Schon jetzt schärfen sich meine Augen mehr und mehr für ihre Farben“, ergänzt im Ausguck Usa. „Bezaubernd im Kontrast zu brüchigen Mauern, teils uralt.“ Wie von selbst betasten, begreifen Usas Hände an den Hüften ihrer Rubensfigur eine Parallele, die ihr spontan über die Lippen sprudelt. „Zwischen den Steinen geht das Bindegewebe auf Reisen. Dorthin, wo es nicht hingehört, irgendwann liegt es auf der Erde!“

„Vor der Station endet jeder Heimgang“, fügt Anton ernsthaft an.

Er hält sich absichtlich einige Schritte fern von Miguel, der seine Betroffenheit mit einem Grinsen kaschiert. Ihn sollte mehr Wissen umstimmen und beeindrucken. Zudem sollte Usa hören, er akzeptiere ihre Neugier und ihren Alleingang. Für sich beschließt er, er unterbreche sein Spiel mit ihr, in allen Sinnen wach.

„Ich weiß von der Bulgarischen Ölrose, sie blüht nur einmal im Jahr zur Ernte, aber dann reichlich, bevor sie stirbt.“

„Ja“, steigt Miguel ein, mit dem Kopf wackelnd, „aber meine Plantage im immer milden Klima der Insel ...“ Miguel gestikuliert in der Manier des Insulaners, wirft beide Arme vor der Nase hoch und die Hände voraus, nach rechts rückend in kurzen Etappen, als ob er an jeden einzelnen Strauch in der Pflanzung denke. „Ich bevorzuge Sorten, die in heißen Sonnenstunden genauso gedeihen wie bei kalten Stürmen. Beim Aufbinden achte ich auf ihre Insekten, denn in sonnigen Stunden lockt der Duft in Scharen die tierischen Besucher an. Sie schwirren überall. Wäre ich ein Imker, gäbe es Rosenhonig.“

Aufmerksam sieht Usa auf ihn herab, auf seine eingezogene Unterlippe, die andeutet, heikel wäre die Pflege von Bienenvölkern. Dann deutet Miguel mit einer Hand auf einzelne Abteile in dem Kasten.

„Von Süden fliegen Nützlinge in das Insektenhotel, krabbeln durch den Maschendraht. Mehr Totholz mit mehr Bohrlöchern soll nachgelegt werden für die dicken Insekten, die Blattläuse fressenden bevorzugen die Macken in morschen Hölzern. Siehst du die winzigen Makel? Ich meine, die Fächer im Rahmen gestalten aus dem Ganzen etwas anschaulich sehr Schönes. Ich denke manchmal, auch Menschen werden durch Fehler und Paradoxien so interessant wie diese skurril geformten Ästchen.“

„Deine fundierte, keineswegs oberflächliche Einsicht gefällt mir!“, erwidert Usa prompt und springt fröhlich grinsend von der Mauer. Der Sprung schwingt ihr im Körper, derweil sie im Kasten den Abfall aus bröseligen hellen Holzstücken in den halb vollen Fächern neugierig anschaut. „Also wohnen Nützlinge in den kleinen Macken, daran ist eine Menge Wahrheit. Denn, als nützlich anerkennen wir eher selten die eigenen oder die kleinen Eigenheiten unserer Freunde. Wer von uns hat keine Macke und kennt die seit Jahren bestens?“ Sich reckend, glänzen ihr die Augen vor Spaß. Dann blickt Usa ein wenig ernsthafter Miguel an. „Von deiner bemerkenswerten Wesensart habe ich heute viel erfahren und danke dir. Vielleicht auch mit dem erneuten Tipp? Du willst das Hotel vervollständigen, hast aber selten eine Stunde Muße für die faszinierende Idee. Könnte sein, du triffst unverhofft einen künftigen Helfer oder einen Imker, denen du die Plantage zeigen könntest. Eventuell...“ Zu Anton blickt Usa, der sie hingerissen anschaut, und dabei seine zerzausten Haare glättet und bedeckt hält. Er ist ihre Liebe wert und in Kürze auch ein Sticheln. „Der versierte Baumeister Maik könnte die Zwischenräume im Insektenhaus fertigen und ausstopfen mit Haaren, Lorbeerblättern, Nadeln und Rinde von Pinien. Na, Anton, setz ihn ein“, fordert Usa, „vereine euch beide ideell bei einem prallen Sack Abfall.“

„Langsam, langsam, ich ahnte deine Spitze voraus!“, entgegnet Anton. „Deine Begeisterung impft nur dich, geliebte Frau. Obwohl, einen vollen Sack hätte ich zu bieten, ohne jeden Abfall, mit dem Sprungbrett vieler Besucher bei Miguel hier, und wenn du magst, bekommst du einen Beutefang!“

Anton stemmt und grätscht am Weg die Beine, und verblüfft Miguel mehr als die geheimnisvolle Andeutung oder Usas Spontaneität, obschon auch etwas anderes. Miguel lauscht hinter sich, dreht sich forschend in die Ferne, und mit ihm Anton. Die erneute Böe aus Meerwind wehrt Anton mit einer Hand am Kopf ab, weniger seine frohe Erregung, die Vorfreude auf eine Spielerei.

„Die Beute wäre, du schreibst über die sympathische Ecke und einen schuftenden Narren, als ob du mir von späten Rosen und tierischen Untermietern erzählst! In den Bohrlöchern des Insektenhotels, meine ich, dort lauern Antagonisten, denen keiner nahe kommen will, ihren harten unnützes Bissen ins Fell.“

Aus einer Westentasche kramt er die Kamera, reicht sie Usa, schwingt sie mit ihren Händen auf und nieder. Usa dankt ihm wunderbar lächelnd und das reißt Anton hinein in den verzückten Ausruf:

„Aha, eine Dosis mehr Leser eines neuen Artikels gefällt dir, und Eintauchen in ein fließendes Schreiben.“

„Gern, du zweiter Schatz im satten Grün, im Licht fotografiere ich das Schöne. Kraftvolle Energie soll auf den Fotos sein. Eine, die in die Gene sinkt, den Duft in der klaren Luft riechen lässt.“

Beseelt erwidert Usa seinen Blick. Rasch widmet sie sichdann aber einer weißen Wolkenschnur am Ozean und blinzelt.

„In den Augen, meinen Werkzeugen, schmerzen das Himmelsblau und das Weiß. Ich sehe Nuancen eines Königsblau, samtiges Ultramarin und profundes Türkis. In diesen Himmel wachsen gerne Rosen, wäre ein treffender Titel für einen Novembertag auf Madeira. Zum Einfangen schön!“

7

Die Wärme am Tag zuvor liegt in den Außenwänden der Quinta wie in einem Speicher, spürt Usa um sich herum, während sie am klaren Morgen den kühlen Winden das Schlafzimmerfenster weitet. Erst jetzt, weil im Obergeschoss das Knarren schweigt. In ihr wenngleich weniger die Frage, ob Veras Bett an die Unendlichkeit gebunden wäre - immer ohne Ufer. Am Abend zuvor hatten Ohle und Vera eine gewisse Spannung, als beide vor ihrem schlafen gehen ein reichhaltiges Abendessen verzehrten. Nur kurz, wegen der Ermüdung nach der des Nachdenkens werten Besichtigung der Rosenplantage, hatte Usa bei ihnen in der Wohnküche gesessen und alsbald rasch das zweite Kissen in ihrem eigenen Bett aufgeschüttelt, um es griffbereit auf ein Ohr legen zu können.

Usa räkelt die Arme am Fenster hinaus und erwacht mehr. Aus ihren zuvor völlig anders wirbelnden Gedanken weht der Anflug einer Idee - herein an des Fensters Metallrahmen. Seine Kühle betastend, klärt Usa die Idee. Den Rahmen ordnet sie auf das sie sinnlich erfüllende Patchwork und schon wird daraus ein in Silber gestaltetes Rad mit Speichen, dessen leere Räume das gelbe Vieleck bedeckt und gleißende Strahlen hinaus in die Umgebung aus Flusswasser drängen. Gestaltet aus den Quadraten frischer und gedeckter Grüntöne. Tag für Tag würde die Decke ihr Bett mit vielen kräftigen Grüntönen schmücken, die rundherum bis zum Boden herab die Kanten bedecken.

Rasch kritzelt Usa mit einem Bleistiftstummel in ihre Notizkladde, schraffiert an der Skizze längs dem Vieleck mit seinen gelben Strahlen das Silber am Rad und notiert Nuancen von Grün und Gelb. Doch unterdessen öffnet sich munter jener andere Kanal, der ihr gestern Raum für müßige Hände vorgab.

Nun ja, einzusehen ist, ein Langsamtreten bei den Anliegen wäre sehr fein, sie müsste weniger hohe Temperaturen bei den Hitzewellen aushalten. Sich selbst rät Usa eine Langsamkeit, auch wegen ihrer mentalen Ermüdung. Ohne das gewisse Level von Energie gelingt keine Näharbeit, desgleichen kein Schreibansatz. Der Herbst mit seiner Zeitqualität, weniger Konzentration auf Aktivität, verlangt es.

Müde Zustände rufen nach Ordnung. Nicht nur an den Haaren, am Sein, am generellen Selbst, sich zu mögen und das mächtige Eigeninteresse. Eines ohne Erwartung, frei von Druck. Nun, in etwa trifft das auch zu auf nahe oder ferner wohnende Klienten, die keine Massagen anmelden. Ein verständlicher Rückzug in deren häusliche Gemütlichkeit.

Für eine saubere Gemütlichkeit, laut heutiger Putzliste, wählt Usa ein legeres Hemd und ihren locker fallenden Batikrock. Seine Farben, trotz der Technik verlaufen, zeigen das kräftige Grün von Nadeln von Pinien, ein samtiges Moosgrün und noch helleres Grün, wie bei den langen Zungen der Blätter an Stauden von Agapanthus. Dieses Spektrum braucht sie, weiß Usa sicher. Nicht nur der Putzplan, alle Ereignisse verlangen Präsenz, keine Fassade, sondern eine starke Herzfrequenz aus der wesentlichen grünen Substanz aller sie motivierenden Farbtöne.

An ein Rot, komplementär zum grünen Rock, oder an die Fusel vor ihrem Blick bei Miguels gestriger Erzählung, denkt Usa nicht. Sie freut sich auf das Frühstück neben Anton in ihrer beider Teeküche.

Der schmiedeeiserne Tisch steht gedeckt mit Saft aus Limonen und Orangen, mit einer Kanne Tee aus bevorzugten Kräutern, einem Tässchen Espresso für Usa. Neben dem frisch gebackenen Hausbrot von Maik, in schmale Scheiben geschnitten, stützt Anton in sich versonnen seine Ellbogen auf. Doch mehr locken Usa die letzten Avocado vom Garten und die feinen Streifen einer weißen, herzhaften Rübe.

Vor solchen Köstlichkeiten können die auf das nötigste reduzierten Mitteilungen zu keinem Gespräch animieren und keines bedarf der gemeinsame Tag bei Miguel auf der Rosenplantage. Nachdem Usa den Espresso getrunken hat, schwelgt sie, vergleichbar mit der Staubschicht auf den Möbeln, in dem Staub aus Erde, auf den Reihen von Fußstapfen an dem vertrauten Flussufer. Die empfangene Vision, mit ihrer Art von Orientierung am frühen Herbst, die drängt sich von selbst in den Vordergrund.

Usas entrücktes Sinnen, dessen Anlass Anton nicht erfährt, kommt ihm gelegen. Mäßig taff von seiner gestrigen Verjüngung, plant er seinen Tag. In der grauen Jeans, der Flecken nichts ausmachen, würde er das Mountainbike reinigen und danach die Nachbarsjungen fragen, ob sie an einer Fahrprobe Spaß hätten. Ihn lockt der passabel geeignete, klare Sonnenschein hinaus.

So weit, so gut. Er würde das Rad lenken, während die Brüder fahren.

An der Straße dröhnt ein Motor. Gedämpft leiser, röhrt ein zweiter aufwärts näher und näher. Für den Morgen arges Getöse. Kaum neugierig geworden, schlendert Anton nach einer Weile hinaus. Vor der Wohnküche vorbei, hinüber zur Wand der Außentreppe, hinter der er auf den Schotterweg blickt, der hinführt zu den oberen Häusern. Allerdings fällt sein Blick wie magnetisch vor die nackten Weinstöcke im Vorgärtchen. Dort senkt Miguel den Kopf an dem für Lian gepflanzten Rosenstock. Miguel ruckt an der Jeans, kniet nieder und zupft aus der Gießrinne wilde Gräser und Kräuter. Die braunen Muskeln der Arme rollen sich unter den hochgekrempelten Hemdsärmeln. Schon summt Miguel, als ob er die Melodie nur leise mag, in Andacht versunken für die Verstorbene.

Respektvoll zieht Anton sich zurück, kauert hinter der Wand auf einer Treppenstufe und reibt sein Kinn. Verwundert über das rasche Wiedersehen, empfindet er zugleich auch freundschaftlich, und, ihm gefiele für den Zugewinn an Kontakt mit den Nachbarskindern etwas mehr davon, eine Gabe von Miguel.

Eine erhält er. Von einem Moment zum nächsten in gänzlich anderer Art. Miguel summt nicht länger leise, er schmettert aus voller Kehle den Text des Liedes, den sein tiefer Bass weit trägt. Obschon Anton erst recht kein gesungenes Madeirisch versteht, erreicht seine Ohren die Zärtlichkeit des andächtigen Einsamen, der sein Gemüt heiter singt, und wohl dankt für die kurze Zeit gelebter Liebe.

Ein sehr beachtlicher Zug, erwägt still Anton. Doch von jetzt auf gleich stört Miguels Ritual die Schimpftirade von streitenden Männerstimmen, eine sogar in Deutsch gar nicht weit weg in der Stimmlage von Carel.

Dieser Störer im Frieden zieht schon wieder Argwohn vor sein Ansehen! Das mir, das heute!, denkt Anton.

In großen Sprüngen wetzt Anton auf den Parkplatz. Dort hebt er grüßend eine Hand vor Miguel, lugt unter der anderen, den Blick beschattend vor der Morgensonne am östlichen Berg, aufwärts zu der kleinen Casa. Dort dröhnt das Geschrei. Auf der Straße darunter parkt der Lieferwagen des Fischhändlers, von dem Anton weiß, er ist ein Freund des nicht mehr lebenden Vaters der dort wohnenden Brüder.

Vor den Stufen oben, in der Gefahr am Abhang, zerrt mit zupackenden Armen eben dieser Fischhändler wie ein Streithahn, in der Absicht infernalisch zu hacken, Carel am Pulli. Carel kann nur dessen Wortschwall abwehren und fuchtelt und wedelt mit geballten Fäusten, während er irgend etwas zurück schreit. Doch im nächsten Moment stürzt Carel hart zu Boden. Ihn fixiert, offensichtlich geübt in Kampf, das aufgestemmte Knie des Insulaners nach unten.

Die oberen Konturen nur kann Anton erkennen, der Liegende fiel ihm aus der Sicht. Doch der Fall zeitigt in seinen Gedanken paradoxe Schleifen. Streithähne sähe er lieber als zwei Gallo, mit einer köstlich gegrillten knusprigen Pelle und duftend heiß, hübsch zum Verzehr dekoriert.

Die wehrhafte Schleife zündet kaum. Sein Schlepptau ist schon da, die Furcht. Einen Kontrapunkt legt Anton mit einem Fühler auf Carel. Lieber sähe er den zu Boden Geschlagenen im bunten Schillern fluoreszierender Spiralen, im Dehnen solcher Massen. Er weiß es, er liegt daneben, ohne eine Chance vor dem ausgeprägten Treiber, dem Gegner, der Carel bedrängt! Hinzu vermutet Anton, Carel spule die bewährte Strategie ab, wie im Sommer, als er mit perfekter List vor Maik und ihm den Ohnmächtigen spielte. Lohnt sich ein moderates Beobachten?

Neben Anton, und seine Unentschiedenheit, tritt laut und hart Miguel auf die Schottersteine. Er gibt Anton das Resümee in Englisch zu dem Geheul des Händlers, und will gleich das deutsche Gebrüll von Carel wissen und verstehen. Anton setzt an, mit einer Spur von Schadenfreude:

„Interpretiere frei heraus, was Carel treibt. In der Lage höchst unsinnig, weist er des Vaters einstigen Freund aus dem Haus der Familie, in dem er selber nur Gast ist. Irgendetwas läuft schief. Carel redet inbrünstig wirr und irre, zwar nicht feige, doch nutzen seiner Verteidigung Worte? Er will Dominanz in der Casa, nicht in der Tür den Fuß des Fischhändlers. Dem Vertreiber nimmt Carel vor allem übel, den Vater der Brüder ständig zum Saufen verleitet zu haben. Daraus folgert Carel dessen Tod und das Ende der eigenen Grabung auf der Hochebene, nach wertvollen Mineralien. Der hat Sorgen!“

„Na, bei dem Gesicht, das der Fischhändler zieht!“, Miguel schüttelt eine Hand wie verbrannt, „würde auch mir die Suppe überkochen.“

Dem nicht endenden Wortwechsel der heiser werdenden Konkurrenten lauscht Miguel und bemerkt am offenen Eingang der Casa zeitgleich eine ruckelnde Bewegung und den hektischen Zug von Ellbogen, die ein buntes Tuch am Kopf der alten Frau verknoten. Hinter ihr drängen Jungen in geflickten Hosen nach. Im Takt von Minuten erinnert Miguel einen Bericht von Lian, versteht den Vorgang, und erklärt den Eindruck.

„Auf Dauer kann Carel nicht unterkriechen, das verhindert der Rausschmeißer der Großmutter.“ Leise fragt er: „Was ist mit dem Deutschen? Kann der nicht bei euch wohnen?“

Anton verneint vehement mit einem Kinnruck und einem deutlichen heftigen Tippen an die Stirn. Von so etwas unbeeindruckt, hakt Miguel Anton unter, führt ihn zur Straße.

„Ärger liegt in der Luft, der muss hüben wie drüben fort! Anton, das ist jetzt deine Chance als der helfende Nachbar mit Vatereigenschaften und mit einer Weichheit, zugeneigt den Jungen. Kapiert?“

Ohne Miguel anzusehen ahnt Anton, sein Freund frage, wegen dem sie einenden Gedankenaustausch in seiner Quinta, nach seinem Verständnis. Miguel aber führt ihn wie einen Unmündigen weiter. Und vehementer noch vor das Ziel des überlauten Gebrülls der Streithähne. Anton zittert bei dem Impuls, er gerät in einen an vielen Ecken irritierenden Kontext. Bei dem Spiel helfe nur, er übe ein wenig und spiele einen Arglosen. Also erwidert Anton spontan:

„Kapiert, ja ja, genau! Auch ich hatte, so sagt man wohl, eine schwere Kindheit und dulde deshalb bei den Nachbarn nichst ähnliches. Ich kann taff sein, trotz meiner Erfahrungen. Angeblich macht jede Erfahrung stärker. Je mehr davon, je lieber. So stark wie du, der du mitgehst und nicht auf den Kopf gefallen bist.“

Ohne darauf einzugehen, führt Miguel ihn, Anton, voran auf die Treppe mit abgetretenen Stufen auf breiten Quadern, beachtlich für eine simple Casa. Auf der Hälfte der Höhe lockert Miguel den Arm, gibt aber Anton neben sich erst frei, bis sie nur noch eine Schrittlänge von den Streitenden trennt. Zu denen mault Miguel, ohne jede Atemnot in kehligem Bass „Hooh, hooh!“, die übliche Begrüßungsfloskel der Dörfler.

Von dem fürderhin nur noch lauten Kauderwelsch versteht Anton nur Silben, lauscht aber verzückt Miguels Sprachmelodie. Unterdessen bemerkt er, der Fischhändler registriert sie beide erst jetzt. Sein hellbrauner Blick sucht offenkundig einen Grund für das Kommen wie aus dem Nichts. Hervor unter der Schirmkappe sendet der korpulente Händler einen Hub Ablehnung. Er spitzt kurz den Mund, zeigt dann ein breites Gebiss prächtiger Zähne und richtet hinauf an Miguel monoton einen Antwortschwall, rau und dunkel nach Rüffeln klingend, die Anton die Ohren verstopfen und die Augen weiten.

In der Nähe liegen zum Glück die in Lians Atelier getöpferten Hunde der Brüder. Der eine Hund sonnt sich, er wurde von Jackos Händen gestaltet und ganz sicher mit emotionalem Erholungsbedürfnis. Am Fell, mit einer Rauten-Schablone gezogen wie von Trost gebenden, streichelnden Fingern, leuchtet die Lasur in der Morgensonne vor einer Staude des allzeit mit langen grünen Blättern wachsenden Agapanthus.

Jedoch gewann Josés Hund durch Lians Talent die Ähnlichkeit mit einem kläffenden Terrier. Tja, doch der kleinere Bruder duckt sich im Halbdunkel der Haustür. Wie schade! Würde er über den Hund ein Vielfaches reifen? Das Ziel liegt schon da, fällt auf bei den in Herbstpracht blühenden Indischen Lilien. Nahe der Wand der Haustür streben ihre faustgroßen roten Blüten bis unter die Dachtraufe.

Aus den roten Blüten und allem kräftigen Wuchs bezieht Anton immense Energie, die ihn, wie unter Zwang zu gehen, vor den liegenden Carel führt. Ihm zeigt er eine fragende Geste bei offener Hand. Derweil knurrt bellend der Fischhändler, schlenkert beide Arme über die gesamte Casa, streift sogar Antons Hosenbeine.

Hart bricht die Berührung ab und zugleich in Antons Gehör auch die Schrecknisse polternder Worte. Wegen der Nachbarin, die, immer noch die Haustür bewachend, leise etwas sagt. Nichts verstehend, mustert Anton bei einem schnellen Blick ihre blau geäderten Füße in den Schlappen, die unter ihrer ausgebeulten Hose im Fischgrätenmuster hervorlugen. Daneben halten ihre Arme die Brüder fest zurück. Einzig deshalb erschlafft Anton ein Teil seiner Kraft, seiner Anspannung. Seinen Arm lässt er wie leer baumeln.

„Wie ich schon sagte“, wendet sich Miguel an Anton, ein wenig kippelt sein tiefer Bass, „der Winter naht, die Großmutter möchte ihre Küche für sich allein und die Kinder. Der Aufpasser Carel muss raus. Sie unterließe es auch ohne ihn, unartige Bürschchen in den dunklen Keller zu sperren.“

Carel, der die englische Übersetzung verfolgt hat, hebt beide Fäuste. Schon schnauft er tief und stößt das Knie des Händlers von seiner Brust, dreht sich vom Boden hoch, steht wackelig gebeugt. Der Fischhändler erhebt sich ebenso lahm, reckt die kleinwüchsige, breit gebaute Gestalt, spitzt die Lippen und zwinkert der Nachbarin zu. Derweil beklopft Carel seine von Erde behaftete Rückseite, bewegt sich überall und bekennt Anton danach, noch hitzig im Überschwang und heiser:

„Glaub mir, über das eben mag ich kein Wort verlieren. Soll sie ihre Küche alleine heizen! Einfacher gehaust habe ich selten. Ich bin im Kulturschock, das hier ist mehr als gewöhnungsbedürftig.“ Carel hebt den Blick, poltert heraus: „Der müden Alten bleibt ihr kümmerliches Dach so windschief wie es ist. Innen bröckelt an manchen Stellen der Putz in riesigen feuchten Fladen von der Wand. Ich hätte gewerkelt, soll aber weg.“ Nach Jacko und José sich drehend und sie anschauend, kann er den Blick nicht abwenden. „Den Jungen schmeckt so etwas nicht bitter, die kennen nur kaputte Wände.“

„Du hattest deine Gründe für diese Art von Unterschlupf. Ich ziehe vor, die behältst du für dich!“

Seine Kritik an Carel kaum Miguel übersetzt, blitzt des Rosenzüchters Augenlicht heller bei der Frage:

„Anton, wo soll er hin? Könnte er, mit aller Liebe zur Natur, meine Plantage hegen und pflegen? Du weißt, ich brauche gute Arbeiter. Kommt am Wochenende mein Sohn von der Schule in Funchal, finden wir eine Lösung für familiäre Eintracht. Ein Bett ist rasch aufgestellt.“ In sich sinkend, klimpert Miguel mit den langen dunklen Wimpern. Klarheit und Höhe füllen seine Stimme. „Jeder Mann braucht mindestens einen anderen, der mitmacht. Gegen den Kulturschock bin ich sicherlich gut für Lektionen von neuen Erfahrungen. Nur die Probezeit sollte gut verlaufen.“

Carel klappt der Kiefer herab, die Augen zieht er schmal. Rundum der kleinen Falten fehlt jegliche Abwehr, ebenso wie an seiner forsch geführten Geste gegen den sich neben die Nachbarin stellenden Gegner. Hart und laut seufzend, sammelt Carel sich und sein vorhandenes Englisch für eine Antwort.

„Ich bin doch kein faules Ei, ich kann arbeiten. Das kommt dir und mir entgegen! Hey Mann, du Retter der Situation, jetzt warte eine Minute, ich pack meinen Kram und verschwinde von hier.“

„Das vernichtet den Stein des Anstoßes“, wendet Miguel sich an den die Szene beäugenden Fischhändler, an dem vorbei Carel in die Casa drängt. „Mission erfüllt, du kannst abfahren, aber fix!“

Diese direkte Aufforderung geht dem korpulenten Händler augenfällig abscheulich an die Leber. Ihm läuft Speichel aus dem Mund. Eine Hand am Bauch, steht er vorgebeugt bei der Großmutter, deren runzeliges, gebräuntes Gesicht eine Mimik von Erschrecken zeigt. Der Händler wischt die Schirmkappe vom schütteren Haar und streift darüber, legt die Kappe wieder auf. Den Kopf schüttelnd, hüstelt er in die Faust. Ihm soll Miguel nicht noch in letzter Minute davonkommen. Sich betont aufrecht haltend, entrüstet er sich gegen Miguel in einer Intonierung, aus der Anton heißen Hass heraus hört.

Anton erkennt am Gesicht der Frau, wie sehr ihr Rausschmeißer sie beeindruckt. Nahezu gleich klein stehen die Beiden nebeneinander, im Alter eine Generation weniger, dahinter die Jungen, von deren Konturen er nur Schatten erfasst. Klarer bemerkt er, die Oma weicht seinem über sie streifenden Blick aus. Sie hört ihren Dialekt in Miguels Antwort, und versteht. Ihre Mimik färbt Selbstverständlichkeit, erst jetzt aufgelegt, während sie mit spröder Stimme etwas erwidert und ablehnend herüber blickt.

Auch ein Rätsel, oder keines. Allmählich begreift Anton die alte Frau. Er gleicht sein Erkennen ab mit seinem Wunsch auf ihre Enkel. Die Großmutter würde deren Zukunft bestimmen, ohne Carel als ihren Verbündeten. Diesem Fremden verbietet sie ihr Haus. Täte sie es gegen eines Nachbarn gute Absicht? Anton schwant in etwa, es könnte unbehaglich und bitter ausgehen.

Kurz nur währt der mulmige Moment. Anton sieht an Miguel eine hart geführte Armbewegung, und damit zerbricht die von der Nachbarin atmosphärisch erzeugte Missbilligung.

Und die Geste verbietet auch dem Fischhändler das nicht endende Lamentieren. Seine Augen blitzen. Laut schnaufend schwankt er hin und her, die Knie der abgeschabten Hose schlackern, die Hände umgreifen die Gürtelschließe, als ob die ihn noch auf der Stelle stehend hält. Nach und nach vergrößert er den Abstand zur Großmutter, nickt ihr verkniffen zu, öffnet den Mund aber für keine Silbe.

Im gleichen Maß seiner auf den Quadern der Treppe hart knirschenden Schritte abwärts, ruckelt die Frau am Kopftuch, legt die Hand danach oben auf. Sie watschelt ins Haus, an Jacko und José vorbei, die sie noch mit einem Griff rüde hinein zurück schubst, und drinnen nach Carel ruft.

Anton kommt kaum dazu, sich darüber zu wundern, oder über Miguels imposante Gebärdensprache. Eine Frage brennt ihm auf der Zunge, aber die gehorcht ihm nicht sofort flüssig redend.

„Du bleibe noch, bitte, Miguel.“

Schon zupft Anton an dessen Hemdärmel, und sich am linken Ohr, seine Gedanken überschlagen sich. Im Handumdrehen sortiert und begradigt er. Während der Fischwagen auf der Bergstraße startet, legt Anton ein Blinzeln für die Kinder in seine Augen. Die Zwei stehen wieder an der Haustür in Formation, Jacko, den Bruder an der Hand. Anton fließt das Herz über. Und seine Zunge lockert heraus all die bislang ungesagten Worte. In Englisch für Miguel, der staunend von seinem Antrieb hört, mit den Jungen weiterhin etwas unternehmen zu wollen, um ihnen eine verlässliche Leitfigur zu sein, ein Opa auf Zeit, wenn sie ihn haben wollen. Und, ja, einige Fremdworte mehr wolle er sprechen lernen. Wer könnte das besser vermitteln als diese Kinder, die ihm in ihrer Mundart neue Worte beibringen? Sein Schwall des Offenbarens vor Miguel beendet Anton mit einer zweiten Bitte.

„Du, Miguel, gingst mit deinem Sohn längst etliche Schritte weiter als die Jungen in ihrer Restfamilie mit der Oma vermutlich niemals erreichen. Deshalb biete ich ihnen ein neues Spielzeug an, ein Mountainbike, und das gefällt auch dem Kind im Mann. Hilfst du mir?“

Wenig sagt Miguel den Jungen, unterlegt es in der Tat mit einem munteren Grinsen, das ihnen sichtlich viel mehr verdeutlicht. Anton lauscht entzückt der Sprachmelodie, die in nichts der rauen Begrüßungsfloskel vor Minuten gleicht. Miguel vermittelt eine zugeneigte weiche Art. Er lockert die Schultern, er überlässt es Jacko und José, ob sie seine Beachtung mögen. Langsam redet er und senkt den Kopf, als könnte er das Wichtigste nur flüstern. Kein Lächeln bemüht Miguel, sein Bass streichelt die Gehörgänge so sanft wie ihre kindlichen Wesen. Desgleichen eines in der Nähe, Anton fühlt sich einbezogen. Er erlebt ein beeindruckendes Exempel und nimmt es an als die größte Gabe von Miguel zur Wunscherfüllung, im weiteren Geschehen bei der folgenden Parade.

Die Hand des Bruders lässt José los und hüpft mutwillig nach vorne, langsam folgt Jacko. Seine Kinderaugen, zuvor apathisch dumpf, nehmen einen goldig unbekümmertem Glanz an. Höchste Anerkennung strahlt auf Miguels freundlichen Gesichtszügen. Er kniet nieder am festen erdigen Boden vor der Casa. Um ihn herum wirbeln die schmalen Arme der Brüder durch die Luft. Sie sind ein wenig noch sprachlos und vorsichtig, aber ihre Hände betasten ihn.

Ein Stich fährt Anton ins Gemüt. Gerne würde er die Brüder in ihrer Sprache ansprechen, dann kämen sie zu ihm herüber gehüpft, er könnte ihre Händchen anfassen. Er wäre nicht länger unfähig. Dennoch geht sein Plan auf, sein Glück rückt näher und das wäre in vollen Zügen zu genießen. Anton verfällt auf eine Idee und bezieht den mit ein, der eilig hinzu stürmt. Carel hat einem ihm wichtigen Rucksack, voll gepackt, einmal nicht mit den Gesteinsproben von der Buddelei auf der Hochebene Paul da Serra.

Nach wenigen Schritten glättet Carel seine Gesichtszüge. Darauf bedacht, keine Wehmut spüren zu lassen, da Miguel bereits einladend einen Arm in seine Richtung streckt. Obgleich, an einer Maske von Gleichmut bemerkt Miguel möglicherweise, demnächst bei der Maloche, doch seinen Verlust von jenem kleinen Glück, in einer, wenn auch von der Norm abweichenden, Familie gelebt zu haben.

Mit seiner Wehmut steht Carel allein vor den verpassten Vorgängen, vor der Fröhlichkeit, die ihn sprachlos macht, die über die Gesichter der ihn Anschauenden flirrt und den festen Erdboden vor der Casa mit einem geheimen Glück überschüttet.

Die Stiege hinab führt Miguel die Kinder, unten in aller Seelenruhe vor sich über die Straße. Dort winkt er verneinend Carel zurück von seinem Jeep und ebenso wortlos hinüber zu der Quinta, wohin Anton voraus geht. Das Haus der Gemeinschaft erinnert an unbehagliche Erlebnisse, wachsam folgt Carel in den Innenhof und bemerkt ein auf ihn lächerlich und absurd wirkendes Grinsen an Anton, der weiter zum Felsenkeller eilt und ein Fahrrad herbei rollt.

Von dem Anblick kichert Carel wie irre, weil er das gar nicht witzig findet. Miguel schaut ihn forschend und ermahnend an. Noch ein Mal, während er den Jungen in Madeirisch am Rad etwas erläutert, aber kein Wort ihm, Carel, erklärt, wozu die Kinder sich das merken sollen. Daraufhin, allmählich begreift Carel, fährt Anton eine Runde Mountainbiken vor der Wohnküche über die Steinplatten der Terrasse, wo kein Sonnenschirm wie im Sommer den Schatten spendet oder jetzt die Fahrerei würde stören. Störend empfindet Carel eher Antons Gegrinse und sein auf dem niedrigen Sattel hocken, die überlangen Beine einknickend und die Knie gespreizt.

Carel zieht skeptisch eine Augenbraue hoch. Von unterdrücktem Funkeln begleitet, zischt er heraus:

„Komm da runter, du machst dich lächerlich. Das ist doch Kinderkram.“

An seine derbe Tonlage sind José und Jacko aus vielen Situationen gewöhnt, das hilft Carel nicht. Sie werfen die Arme hoch, starten ein piepsendes Kauderwelsch, wollen auch ihn fahren sehen. Anton, mit einer mehr als ernsten Miene, fährt vor Carel und hält das Rad zum Aufsteigen bereit.

„Schlaumeier machen alles besser. Was hast du drauf? Lässt du dich lumpen, oder was?“

Selbst von sich überrascht, steht Anton seinem Pedant so nahe er ihm niemals wieder geraten wollte. Ihm fällt nur ein einziger abwehrender Vergleich ein. Der auf Augenhöhe gleich Große trägt, dem Winter voraus, am Bauch die Fettrollen üppiger Mahlzeiten. Das entspricht dem Gesicht, nur zeigt das nichts Weiches. Die Miene wechselt von Bestürzung und Bedrängung zu Bereitschaft. Einzig das? Ups! Mit Standby kennt Carel sich aus!

Von Carels Muster hypnotisiert und gefesselt fühlt sich Anton. Er ruft mit einem Blick bei Miguel um Hilfe. Nur ein mehrmaliges Nicken erhält Anton. Er drückt das Rad Carel an den Bauch und geht hinter die Jungen, berührt zart deren Schultern. In Kürze stöhnt er verblüfft. Carel fährt geradeaus an und betätigt, mit der Technik am Rad gänzlich unvertraut, vergeblich den Rücktritt. Wo keine Bremse wirkt, stoppt keine das Ausgleiten am Kies bei einer Wende, kein Sausen, kein Stürzen, kein hartes Landen vor dem Kräuterbeet.

Darin lag Carel mit dem Gesicht voran damals im Sommer. Erneut fehl am Platz, rappelt Carel sich auf, reibt über seine lädierten Knie, stolpert über das Rad hinweg, humpelt schon am schabenden Kies in Richtung zur Straße und verkündet in gepresster Stimmlage:

„Ich schmeiß hin, warte im Pickup auf die Fahrt zu deinem Wohnort, auf die Rosenplantage.“

Die Flucht beobachtet Miguel, und kurz darauf ertönt in seinem Bass reine Ironie.

„Glaube es, Anton, Carel wird prächtig meine Rosenernte auspressen! Solche Presstöne ergeben ungeahnte Mengen an wertvollem Oleum rosatum und dabei kann Carel die nützlichst verwenden. Aber du, Anton, lass ab vom Ärger über den, der nicht weiß, wie unnötig er kritisiert und keinen Grund für Spaß findet. Lediglich José und Jacko sollen noch eines verstehen. Carels Sturz war eine lehrreiche Vorführung.“

An dem Mountainbike rüttelt Miguel, erklärt es dann als fahrbereit. Bei seiner Runde auf dem Rad kräht er ungetrübt und froh. Danach fordert er die Jungen auf und begleitet sie bei ihren Versuchen, wobei sie frei heraus jauchzen. Anschließend vereinbart Miguel für den nächsten Mittag, die Sonne sollte warm scheinen, ihre erste Übungsstunde mit Anton, als ihrem alleinigen Begleiter. Die kindlichen Jubelschreie, die daraufhin aus den Kehlen schwappen, das unschuldige Entzücken, benötigt nirgendwo ein Sprachverständnis.

Die Begeisterung der Brüder freut Usa. Seit einiger Zeit putzt sie das Glas zwischen den Sprossen der Tür zur Wohnküche. Sie genießt ihr Tun mit einem guten Gewissen. Nur ein wenig mulmig war ihr gewesen, als sie Carel reden hörte. Usa wechselt die Tücher auf der Schulter, trocknet die Glasflächen und grinst mit breiten Wangen über die Fröhlichkeit vor der Quinta. Eine ebenso erfreuliche Aussicht wie die klare Sicht durch die Scheiben. Denn dort hindurch betrachtet sie Anton. Er hat je eine Hand auf schmalen Kinderköpfen, stolz auf die erhitzte Wärme daran, begleitet er die Jungen nach Hause.

Auf der plötzlich nur noch stillen Terrasse steht allein gelassen Miguel. Ihm nähert Usa sich, wirft spontan das Trockentuch auf ihre Schulter, wedelt mit der Hand ihren grün changierenden Rock auf und bekräftigt mit der flachen anderen Hand an der Herzzone ihre englische Rede, einfach im Ausdruck.

„Dir danke ich für unsere Entlastung, für die Distanz zu Carel. Antons Miene zeigte leider seinen Unfrieden mit dem Geologen. Er wünscht sich kaum, Carel noch einmal zu begegnen.“

„Lian riet Anton einst, als es um mich ging, den neuen Mann an Lians Seite, für seinen Umgang mit mir und sein unvertrautes Verständnis meiner Person“, antwortet Miguel in einem Usa überraschend einfühlenden Ton, „wenn er und ich ein Stück Zeit teilen, dann sollte er sich bemühen, dass es recht gut geschähe, zum Wohl der Beteiligten. Ob Anton Lians Hinweis auf meinen Arbeiter Carel ausdehnen könnte, steht in euren Sternen. Verstehst du?“

Zeitgleich seiner Andeutung, für die Usa ihm nickend still zustimmt, kommt Vera an der Außentreppe herab. Ihr folgt Ohle, von dem Vera sich mit einem zufrieden frohen Gesicht verabschiedet. Doch macht sich Ohle mit Miguel bekannt, leise englisch redend, und bindet hinein einen Rundblick über den Garten. Er reagiert nicht auf Usas zum Gruß erhobene Hand. Seine weichen Wangen zeigen ihr einen Stau an den Linien des fingerbreiten Streifens Bartstoppeln. An den Augen schläft sein impulsives Wesen, erwägt Usa, und, sein Klang in der Stimme hatte es ihr vermittelt. Die beiden Männer entfernen sich zu der Parkzone hinter der Mauer, den Stimmen lauscht Usa nur eine Weile. Sie wendet sich an Vera, ruft sie herbei mit einem Wink mit dem Putztuch.

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490 p. 1 illustration
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9783742732866
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