Read the book: «Unterrichtssituationen meistern 2 (E-Book)»

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Publiziert mit der Unterstützung der Pädagogischen Hochschule Bern

Rolf Gschwend

Unterrichtssituationen meistern 2

12 Fallstudien aus Brückenangeboten

ISBN Print: 978-3-0355-1808-5

ISBN E-Book: 978-3-0355-1809-2

1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© 2020 hep Verlag AG, Bern

hep-verlag.ch


Zusatzmaterialien und -angebote zu diesem Buch: http://mehr.hep-verlag.com/unterrichtssituationen-2

Inhalt

1 Vorwort

2 Wie es zu diesem Buch kam

3 Brückentag 2018: Fallstudien aus den Brückenangeboten

4 Problem: Motivation

4.1 «Eigentlich möchte ich gar nichts machen»

4.2 Null-Bock-Stimmung

4.3 Morgen komme ich bestimmt und bin voll dabei

4.4 Mir geht es schlecht und ich werde ungerecht behandelt

4.5 Ich kann gar nichts

5 Problem: Depression/Autismus

5.1 Wenn das Lachen fehlt

5.2 Lassen Sie mich in Ruhe!

5.3 Ich kann nichts sagen

6 Problem: Migration

6.1 Ich will arbeiten, aber darf nicht

6.2 Ich will nach Hause zurück

6.3 Angst, Sorgen, schlaflose Nächte … und dann auch noch Schule!

6.4 Hier hört man mir einfach nicht zu

Anhang

1 Vorwort

Die Weiterbildungstagung an der Pädagogischen Hochschule Bern im März 2017 ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Es war das Ziel, Lehrerinnen und Lehrer, die in Berufsattest-Klassen unterrichteten, in die Methodik der Fallanalyse einzuführen. Sie sollten erfahren, wie sie mit der sorgfältigen Analyse von schwierigen Situationen im Schulalltag zu konkreten Lösungen kommen konnten. Es war mir bewusst, dass eine Arbeitsmethode wie die Fallanalyse, die einen theoretischen Anstrich hat, auf Vorbehalte stossen konnte. In den Workshops vermochte dann aber die praktische Fallarbeit in Gruppen die Vorurteile rasch aus dem Weg zu räumen. Wie überrascht waren die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, wie sich bei genauem Hinschauen auf einen Fall neue Aspekte eröffneten! Und mit einer umsichtigen Situationsanalyse liessen sich konkrete Lösungsmöglichkeiten erschliessen. Das Eis war gebrochen, die Lehrerinnen und Lehrer merkten, dass die Fallstudienarbeit genau das beinhaltete, was ihre professionelle Arbeit einschloss: genau hinschauen, nachdenken, theoretische Erklärungen hinzuziehen und Lösungen herausschälen.

Aus einem nachfolgenden Weiterbildungstag, dem «Brückentag», ist die Idee des Autors entstanden, ein Fallstudienbuch zu entwickeln, das auf die Bedürfnisse von Lehrerinnen und Lehrern für Brückenangebote zugeschnitten ist. Brückenangebote für Jugendliche umfassen das berufsvorbereitende Schuljahr, die Vorlehre und das Motivationssemester. Im Unterschied zum ersten Fallstudienbuch, das ich mit Patric Brugger unter dem Titel «Unterrichtssituationen meistern – 20 Fallstudien aus der Sekundarstufe II» 2016 verfasst hatte, sind es im vorliegenden Buch nicht Unterrichtssituationen, sondern einzelne Jugendliche, die den Anlass für eine Fallstudie bilden. Die Lebensumstände dieser Jugendlichen, ihre Herkunft, bisherige Schulerfahrungen, ihre wahrgenommenen Chancen für eine zukünftige Lebensgestaltung und viele andere Faktoren sind Aspekte, die in die Fallanalyse einzubeziehen sind. Das vorliegende Fallstudienbuch hat damit einen neuen Schwerpunkt und vermag gerade deshalb unser erstes Buch gut zu ergänzen. Auch Lehrerinnen und Lehrer anderer Schultypen der Sekundarstufe II werden Anregungen erhalten, wie sie mit Jugendlichen, die sich in schwierigen Situationen befinden, auf konstruktive, gut überlegte Weise umgehen können.

Wenn eine Situation aussichtslos scheint und sich kein Lösungsweg abzeichnet, lohnt es sich, das Problem einmal genau zu dokumentieren. Das haben die Autorinnen und Autoren der Fallbeispiele in diesem Buch getan. Zusätzlich haben sie ihrem Fall einen prägnanten Titel gegeben. Mit dem Aufschreiben wird das Problem bereits ein Stück leichter. Und wenn man den Text anderen Menschen vorlegen und mit ihnen über ihre Sicht von aussen sprechen kann, können sich Knoten lösen, die sich vielleicht durch das ständige Grübeln allein verfestigt haben.

Der Schlüssel einer guten Fallanalyse liegt aus meiner Erfahrung im ersten Schritt, der mit der Frage «Was fällt auf?» eingeleitet wird. In zahlreichen Kursen an der Universität Zürich mit angehenden Lehrerinnen und Lehrern hat mich immer wieder von neuem erstaunt, wie ergiebig das genaue, nicht wertende Hinschauen auf eine Fallbeschreibung ist. Genau das ist auch an der erwähnten Tagung in Bern geschehen. Was fällt auf in der Art wie der Autor, die Autorin die schwierige Situation beschreibt? Welche Begriffe und Bilder verwenden sie? Wie beschreiben sie sich selbst in ihrer Rolle, mitfühlend, abwartend, der Situation ausgeliefert? Gibt es Vorurteile und Vorannahmen im Text, die sich erst beim zweiten Lesen erschliessen? Schritt für Schritt breitet sich bei einer genauen Textbetrachtung eine Palette von Fragen und Vermutungen aus, die auf den ersten Blick nicht sichtbar waren.

Mit der genauen Analyse der Problemsituation ergeben sich in einem zweiten Schritt fast von selbst Aussagen zur Frage «Was ist das Problem?». Oft ist es so, dass man das Problem bei einer ersten oberflächlichen Betrachtung ganz anders sieht als nach einer vertieften Auseinandersetzung mit der Fallbeschreibung. Die genaue Problembeschreibung und offene Fragen bilden dann den Ausgangspunkt für den dritten Schritt, bei dem es darum geht, Erklärungen und Antworten für die gestellten Fragen zu finden. Eigene Erfahrungen und Alltagstheorien sind in dieser Analysephase ebenso hilfreich wie wissenschaftlich abgestützte Theorien und Modelle. Wichtig ist die Verknüpfung der beiden Ansätze. Alltagstheorien allein bergen die Gefahr, dass man nicht belegten Vorurteilen aufsitzt; wissenschaftliche Theorien auf der anderen Seite müssen in praktische Situationen übersetzt werden, damit sie handlungswirksam werden können. Für diese Übersetzungsarbeit ist wiederum praktisches Erfahrungswissen notwendig. Beide, wissenschaftliche Theorien und Alltagstheorien sollten miteinander verwoben sein. Wenn diese grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Fallsituation gelingt, ergeben sich mögliche Lösungsansätze wie von selbst.

Ich wünsche diesem zweiten Fallstudienbuch, dass es viele Lehrerinnen und Lehrer in die Hand nehmen und sich anregen lassen, die Unterrichtspraxis und die Zusammenarbeit mit Jugendlichen auf eine gute Basis zu stellen. Wer einmal die Kraft einer gründlichen Fallanalyse erfahren hat, allein oder wenn immer möglich im Austauschen mit Kolleginnen und Kollegen, wird dieses Instrument immer wieder gerne einsetzen. Das Buch bietet eine hervorragende Unterstützung dafür.

Regula Kyburz-Graber

Emeritierte Professorin Universität Zürich

2 Wie es zu diesem Buch kam
2.1 Der Fachbereich Sekundarstufe II: Kurse und Tagungen

Der Fachbereich Sekundarstufe II im Institut für Weiterbildung und Medienbildung der Pädagogischen Hochschule Bern hat den Auftrag, für Lehrerinnen und Lehrer der verschiedenen Schultypen der Sekundarstufe II Weiterbildungsangebote bereitzustellen. Zur Sekundarstufe II gehören im Kanton Bern die Berufsfachschulen, die Mittelschulen und die Brückenangebote. Für die Lehrpersonen dieser Zielstufen gestaltet der Fachbereich Sekundarstufe II (FB Sek. II) seit langer Zeit Weiterbildungskurse und Tagungen. Aus dieser Tätigkeit ergab sich im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre ein «immerwährender Tagungskalender».


NameTerminZielpublikum
EBA-Tagung1. Samstag im MärzjährlichLehrpersonen an Berufsfachschulen, die Lernende unterrichten, die das Eidgenössische Berufsattest (EBA) anstreben.
ImpulstagungMitte MärzjährlichLehrpersonen an Mittelschulen, vorwiegend Gymnasien
FMS-TagLetzter Freitag im MärzzweijährlichLehrpersonen an Fachmittelschulen
Forum Berufsbildung1. Samstag im NovemberjährlichLehrpersonen an Berufsfachschulen
BrückentagLetzter Samstag im NovemberjährlichLehrpersonen an Brückenangeboten

Für jede Tagung existiert eine Begleitgruppe, die von einem Dozenten oder einer Dozentin des FB Sek. II geleitet wird. Darin sind Schulleitungsmitglieder und Lehrpersonen der jeweiligen Zielstufe vertreten, und oft arbeitet auch eine Vertreterin oder ein Vertreter der Bildungsverwaltung mit. Hier wird das Tagungsthema erarbeitet und die Mitglieder unterstützen die Dozierenden des FB Sek. II bei der Vorbereitung und Durchführung.

EBA-Tagung 2017

Im Frühjahr 2016 begann die Planung der 9. EBA-Tagung, die schliesslich am Samstag, 4. März 2017, stattfand. In der Begleitgruppe diskutierten wir mögliche Tagungsthemen wie die Förderung der Arbeitsmarktfähigkeit der Lernenden, den Umgang mit Interkulturalität, die Einführung und Umsetzung der fachkundigen individuellen Begleitung und den Umgang mit Autismus und Legasthenie. Hängen geblieben sind wir an einem Phänomen, das ein Mitglied der Begleitgruppe wie folgt umschrieb:

«Wir haben den Eindruck, immer öfter EBA-Lernende zu unterrichten, die sich schwertun im Umgang mit ihren Emotionen, oder besser, sie sind diesen hilflos ausgeliefert: mangelnde Impulskontrolle, Wutanfälle, komplettes Abblocken wegen Sorgen in Familie, Betrieb und Freundeskreis.

Ich spreche nicht von den jungen Menschen, die eine so grosse Bürde zu tragen haben, dass wir nur staunen, wie sie das bewältigen. Eher sind es kleinkindliche Trotzreaktionen, Arbeitsverweigerung, einen «Kopf machen», beleidigt sein und dies ausgiebig inszenieren. Die Ausbildnerinnen und Ausbilder in den Lehrbetrieben sagen oft, sie kennten das Problem. An einem Tag seien, die Lernenden gut gelaunt und arbeitswillig, am anderen gehe gar nichts, weil ihnen eine Laus über die Leber gekrochen sei.»

Mit der Frage, wie aus diesem Phänomen ein Weiterbildungstag gestaltet werden könnte, sind wir auseinandergegangen. Die nächste Sitzung der Begleitgruppe fand Ende August statt. Kurz vorher erschien das Buch[1] «Unterrichtssituationen meistern. 20 Fallstudien aus der Sekundarstufe II» von Patrick Brugger und Regula Kyburz-Graber. Dieses Buch war ein Wegweiser. Es entstand die Idee, an der Tagung Fallstudien aus dem Ausbildungsalltag resp. Schulalltag der EBA-Lernenden zu bearbeiten. Diese Idee hat die Begleitgruppe unterstützt und alle Mitglieder haben mitgeholfen, acht Autorinnen und Autoren zu finden, die bereit waren, einen Fall aus ihrem Ausbildungsalltag zu beschreiben. Später mussten wir acht Moderatorinnen resp. Moderatoren und gleich viele Fachpersonen finden.

Im November 2016 erschien die Ausschreibung[2] mit acht kurzen Beschreibungen der Fälle und dem Hinweis, dass an der EBA-Tagung zwei Fälle nach der Vorgehensweise[3] von Patrick Brugger und Regula Kyburz-Graber bearbeitet werden können. Folgende Fälle standen zur Auswahl:

– Kann sie nicht? Will sie nicht?

Eine an sich leistungsstarke Lernende bringt Unruhe in die Klasse und (über-)fordert das Lehrerteam durch ihr impulsives Verhalten.

– Es interessiert mich einen feuchten Dreck, was die anderen machen (…).

Ein überforderter Lernender mit Verweigerungstendenz und aggressivem Verhalten – Klasse und Lehrpersonen sind ratlos.

– Alle sind gegen mich

Eine Lernende nennt die Lehrperson «dumme Siech»; Klassenkolleginnen und -kollegen bringt sie zur Weissglut. Gespräche, Appelle an die Vernunft und Disziplinarmassnahmen nützen nichts, die Situation eskaliert regelmässig.

– Das Phantom

Der schwer fassbare Lernende ist ein wahrlich begabter Verweigerer und darum entwicklungsresistent. Bei Gesprächen und in Krisensitzungen zeigt er sich einsichtig, verspricht Besserung, bewegt sich – wenn überhaupt – nur kurzfristig in die versprochene Richtung.

– Schoggidrink – verschmutzte Jacke – vergiftetes Klima

Streitigkeiten zwischen Schweizern und Ausländern

– Sich mit Händen und Füssen verständigen

Eine 29-jährige Lernende aus Eritrea ist willig und arbeitsam, aber kaum in der Lage, schriftliche Aufträge auszuführen. Ihr bisheriges Leben verlief dramatisch.

– Ich lass mir von Ihnen gar nichts sagen!

Ein Lernender reisst die Klassenführung an sich und dominiert den Unterricht.

– Ein Lernender droht: «Ich gehe bis zum Äussersten»

Auf Facebook und auf dem Intranet eines grossen Lehrbetriebes wird ein Lernender von seinen Mitlernenden übel beschimpft und verleumdet. Er reagiert mit Selbstmorddrohungen. Wie kann nach einem solchen Vorfall ein lernförderliches Klima in der Klasse geschaffen werden?

Ende Jahr haben die acht Autorinnen und Autoren ihre Fallbeschreibungen abgegeben, sodass im Januar 2017 die Langfassung der Ausschreibung vorlag. Dieses dreizehnseitige Dokument schien derart interessant, dass die Idee entstand, die Fallbearbeitungen während der Tagung zu dokumentieren. Leider war es knapp sechs Wochen vor dem Weiterbildungsanlass nicht möglich, Leute zum Dokumentieren zu finden.

Für die Tagung haben sich ca. 80 Personen angemeldet. Am 4. März 2017 hielt Regula Kyburz-Graber das Einführungsreferat, in dem sie die Vorgehensweise der Fallstudienarbeit erläuterte. Danach wurden in den Workshops fast alle Fälle zweimal bearbeitet, und später ergab die Evaluation, dass eine grosse Mehrheit der Teilnehmenden die Ansicht vertrat, es sei sehr lehrreich, sich analytisch derart intensiv mit einer Situation aus dem Ausbildungsalltag auseinanderzusetzen. Für die Tagungsverantwortlichen war klar: Wir haben ein «neues Tagungsformat» geschaffen.

Brückentag 2018: Planung

Erfolg motiviert. Deshalb schlugen die Tagungsverantwortlichen im Februar 2018 der Begleitgruppe zum 11. Brückentag vor, am nächsten kantonalen Weiterbildungstag Fallstudien aus den Brückenangeboten zu bearbeiten. Später hat auch die Schulleiterkonferenz diesem Vorschlag zugestimmt. Am Brückentag nehmen gegen 200 Lehrpersonen teil. Sie unterrichten grossmehrheitlich im deutschsprachigen Kantonsteil, eine kleine Minderheit stammt jedoch aus dem Berner Jura und spricht Französisch. Infolgedessen mussten zwölf deutschsprachige und zwei französischsprachige Fallbeschreibungen aus den verschiedenen Brückenangeboten gefunden werden. Dank der Unterstützung der Begleitgruppe haben wir vierzehn Lehrpersonen ausfindig gemacht, die bereit waren, einen Fall aus ihrem Unterrichtsalltag zu beschreiben. Mit den Autorinnen und Autoren der Fallbeschreibungen haben wir vereinbart, dass sie anonym bleiben werden.

Aufgrund der beschriebenen Problemsituationen engagierten wir Fachpersonen, die während jeder Fallbearbeitung in einem kurzen Vortrag Erklärungsansätze und Hintergründe vermitteln sollten. Zudem brauchten wir Moderatorinnen und Moderatoren und Leute, die gewillt waren, die Fallbearbeitungen zu dokumentieren. Diesmal haben wir rechtzeitig ans Dokumentieren gedacht, sodass auch dieser Teil des Vorhabens gesichert werden konnte. Insgesamt haben rund fünfzig Personen[4]am 11. Brückentag mitgewirkt. Die Tagung hat am Samstag, 24. November 2018 mit ca. 170 Teilnehmenden in der Pädagogischen Hochschule Bern (PHBern) stattgefunden.

Publikation: Mitwirkende

An der Publikation haben erstens die anonym bleibenden Autorinnen und Autoren der Fallbeschreibungen, zweitens die Dokumentierenden und drittens die Fachpersonen mitgearbeitet. Der Autor des Buches hat den Brückentag zusammen mit einem Kollegen vorbereitet und geleitet und sowohl vor als auch nach der Tagung sämtliche Texte überarbeitet und redigiert. Die Dokumentierenden «protokollierten» die deutschsprachigen[5] Fallbearbeitungen und verfassten auf dieser Grundlage einen Text, der den roten Faden der Diskussion abbildet. Nach der Redaktion dieser Texte haben die Fachpersonen «ihre» kurzen Vorträge gegengelesen, ergänzt und autorisiert. Deshalb erscheinen ihre Namen vor den entsprechenden Kapiteln.

Allen Mitwirkenden danken wir für die erfreuliche Zusammenarbeit sehr herzlich!

Ein grosser Dank gebührt der PHBern resp. dem Leiter des Instituts für Weiterbildung und Medienbildung (IWM), Prof. Dr. Gottfried Hodel, und der Bereichsleiterin Weiterbildungslehrgänge, Dr. Verena Kovatsch-Guldimann. Sie haben es dem Autor ermöglicht, diese Publikation zu realisieren.

Schliesslich danken wir dem hep Verlag, insbesondere dem Verleger Peter Egger, dem Verlagsleiter Manuel Schär und dem Lektor Dr. Christian de Simoni. Sie haben das Zustandekommen des Buches massgeblich unterstützt.

2.2 Brückenangebote im Kanton Bern

Der Brückentag ist ein Weiterbildungsanlass für Lehrpersonen und Mitarbeitende an allen Brückenangeboten. Brückenangebote[6] überbrücken die Zeit zwischen obligatorischer Schule und dem Beginn einer beruflichen Grundbildung (Lehre) oder Mittelschule. Man unterscheidet zwischen öffentlichen und privaten Brückenangeboten. Die Fallbeschreibungen stammen aus öffentlichen Brückenangeboten[7]. Dazu gehören:

– Berufsvorbereitendes Schuljahr (BVS) Praxis und Allgemeinbildung (BPA)

Das BPA ist ein schulisches Brückenangebot für Jugendliche und junge Erwachsene, welche einen Bildungs- und Förderbedarf aufweisen und motiviert sind, ein weiteres Schuljahr zu besuchen.

– Berufsvorbereitendes Schuljahr Praxis und Integration (BPI)

Das BPI richtet sich an junge Menschen mit Migrationshintergrund, welche noch nicht lange in der Schweiz sind. Ziel ist der Erwerb der Landessprache und die Vorbereitung auf den Einstieg in die berufliche Grundbildung.

– BVS Plus

Das BVS Plus richtet sich an Jugendliche, welche Probleme bei der beruflichen Integration haben. Das Angebot setzt sich aus Bildung, Schnuppereinsätzen und intensiver Begleitung zusammen.

– Vorlehre (Standard)

Die Vorlehre Standard ist ein duales Brückenangebot für Jugendliche und junge Erwachsene, welchen der Einstieg in den passenden Lehrberuf noch nicht gelungen ist. Die Vorlehrstelle muss selbst gesucht werden.

– Vorlehre 25Plus

Die Vorlehre 25Plus richtet sich an Erwachsene ab 25 Jahren, die sich auf eine berufliche Grundbildung vorbereiten möchten. Sie werden dabei intensiv begleitet und unterstützt.

– Vorlehre Integration, eingeführt im Schuljahr 2018/19

Die Vorlehre Integration hat zum Ziel, anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen die notwendigen grundlegenden Kompetenzen im Hinblick auf eine berufliche Grundbildung in einem Berufsfeld zu vermitteln.

– Motivationssemester SEMO Standard

Das Motivationssemester SEMO Standard richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Lehrstelle suchen und dabei auf Unterstützung angewiesen sind.

– Motivationssemester SEMO Plus

Das Motivationssemester SEMO Plus ist ein Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene, welche sich in erster Linie eine Grundarbeitsfähigkeit erarbeiten möchten.

In den Schuljahren 2017/18 und 2018/19 haben 55 resp. 58 Prozent der Lernenden an öffentlichen Brückenangeboten eine Anschlusslösung in der beruflichen Grundbildung resp. in einer weiterführenden Schule der Sekundarstufe II gefunden. Und 36 resp. 31 Prozent haben im Anschluss an das Brückenangebot eine weitere Zwischenlösung begonnen.

Öffentliche Brückenangebote im Kanton Bern während der Schuljahre 2017/18 und 2018/19

Die nachfolgende Tabelle[8] zeigt,

– die Anzahl der Lehrpersonen und weiterer Mitarbeitenden,

– die Anzahl der Lernenden der verschiedenen Angebote,

– die Anzahl der Lernenden, die eine Anschlusslösung in der beruflichen Grundbildung resp. in einer weiterführenden Schule der Sekundarstufe II gefunden haben,

– die Anzahl der Lernenden, die eine weitere Zwischenlösung im Anschluss an das Brückenangebot gefunden haben, beispielsweise eine Vorlehrstelle.


* Alle Lernenden, die das Brückenangebot abgeschlossen haben

** BPI 1, BPI 2, BPI 2 für Erwachsene

*** Alle Mitarbeitenden, nicht nur Lehrpersonen

3 Brückentag 2018: Fallstudien aus den Brückenangeboten
3.1 Ausschreibung Brückentag

Zurück zum Brückentag: Mitte August 2018 erschien die Ausschreibung:

Am 11. Brückentag stehen herausfordernde Situationen aus dem Schulalltag mit Lernenden an Brückenangeboten im Zentrum, und zwar als Fallbeispiele. Es geht beispielsweise um

– den Umgang mit Teilleistungsschwächen wie der Autismus-Spektrums-Störung,

– traumatisierte Lernende und

– Jugendliche mit fehlender Motivation.

Die Tagungsteilnehmenden erhalten Gelegenheit, sich mit zwei Fällen auseinanderzusetzen und Lösungsmöglichkeiten für Lehrpersonen und Berufsbildende zu erarbeiten. Dabei lernen sie eine erprobte Schritt-für-Schritt-Vorgehensweise[9] kennen, die es ermöglicht, in das Geschehen einzutauchen.

Mit dem standardisierten Vorgehen wollen wir die Teilnehmenden anregen, eigene Überlegungen zu den Fallbeispielen anzustellen, sich mit anderen auszutauschen und schliesslich Situationen aus dem eigenen Schulalltag in ähnlicher Vorgehensweise[10] zu bearbeiten. Selbstverständlich hat man während des Unterrichtsgeschehens niemals Zeit, sich analytisch derart intensiv mit der Situation zu befassen. Aber je mehr man sich ausserhalb der Schulsituation mit konkreten Fällen in genauen Analysen auseinandersetzt, desto flexibler und angemessener kann man in konkreten Situationen auch handeln.

Auf der siebenseitigen Ausschreibung haben wir die Schritt-für-Schritt-Vorgehensweise erläutert und die Kurzfassungen der vierzehn Fallbeschreibungen publiziert. Mit diesen Informationen konnten sich die Interessierten bis Ende Oktober anmelden und zwei Fälle auswählen, die sie an der Tagung bearbeiten wollten. Die Langfassung der Ausschreibung mit allen Fallbeschreibungen erhielten die Teilnehmenden zusammen mit der Einladung Mitte November. Hier haben wir sie auch gebeten, mindestens diejenigen Fallbeschreibungen zu lesen, die sie mit der Anmeldung ausgewählt hatten.


Abbildung 1: Brückentag 2018: 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und 50 Mitwirkende


Abbildung 2: Brückentag 2018: Für das leibliche Wohl sorgten Thomas Loderer mit Lernenden des IDM Spiez


Abbildung 3: Brückentag 2018: Lernende des IDM Spiez mit ihrem Buffet


Abbildung 4: Die beiden Tagungsleiter Rolf Gschwend und Dominik Bachmann

3.2 Fallbearbeitung: Vorgehensweise
Fallstudienarbeit – von der Problemanalyse bis zu Lösungsansätzen

Die genaue Analyse von konkreten Problemsituationen erweist sich als ein hilfreiches Instrument für die Unterrichts- und Ausbildungspraxis. Entscheidend ist dabei, dass eine Ausbildungs- oder Unterrichtssituation zunächst sorgfältig Schritt für Schritt untersucht wird, bevor Lösungen für ein anstehendes Problem entwickelt werden. Die Fallanalyse erfolgt in vier[11] Schritten: (1) das Beschreiben und Verstehen einer komplexen Situation, (2) das Herausschälen des eigentlichen Problems, (3) die Suche nach Erklärungen auf der Basis pädagogischen und psychologischen Wissens, (4) das Entwickeln von Lösungsansätzen. Dabei geht es stets darum, die konkrete Situation nicht aus dem Blick zu verlieren und Lösungsvorschläge daraufhin zu prüfen, ob sie für die Beteiligten plausibel und konkret umsetzbar sind. Am Brückentag hat ein Mitglied der Vorbereitungsgruppe die Fallstudienarbeit moderiert und eine Fachperson vermittelte im dritten Schritt notwendiges Fachwissen.


Abbildung 5: Vorgehensweise bei der Fallstudienarbeit. Unter der Frage «Was fällt auf?» wird der Fall zunächst beschreibend erfasst. Darauf aufbauend wird das zentrale Problem identifiziert, worauf sich die genaue Fallanalyse mit Erklärungsansätzen und Hintergründen anschliesst. Daraus werden Lösungsansätze abgeleitet und anhand der Fallbeschreibung überprüft

Vorgehensweise

Anfangs November 2018 trafen sich Moderierende und Dokumentierende zusammen mit einer Fachperson zu einem Vorbereitungstreffen. Ziel war es, die Vorgehensweise anhand eines Falls zu konkretisieren und offene Fragen der Moderation zu klären.

Grundsätze

Grundsätzlich haben wir festgehalten, dass bei einer Fallbearbeitung die gemeinsame Analyse im Zentrum steht, dass es nicht darum gehen kann, schon zu Beginn eine Lösung präsentieren zu wollen. Lösungsmöglichkeiten erarbeiten wir erst im vierten Schritt nach unserem Bemühen um die Analyse des Falls.

Zudem gilt die Abmachung, dass die Autorin oder der Autor des Falls anonym bleibt. In der Workshop-Gruppe, die den Fall bearbeitet, verhalten wir uns trotzdem so, als sei die Autorin oder der Autor anwesend. Das hat zur Folge, dass wir quasi laut nachdenken und uns bemühen, nicht zu urteilen. Falls eine Autorin oder ein Autor sich zu erkennen geben will, ist das selbstverständlich möglich. Allerdings gilt der Grundsatz, dass nur der Text Grundlage unserer Arbeit sein kann. Ansonsten besteht die Gefahr einer Verzettelung, die wir vermeiden wollen.

1. Was fällt auf? (ca. 30 Minuten)

Bevor das Gespräch beginnt, machen sich die Teilnehmenden Notizen.

Das Fallbeispiel wird im ersten Schritt beschreibend erfasst, nahe am Originaltext, jedoch paraphrasierend, mit Zitaten aus dem Text in Anführungszeichen, auffallende Formulierungen hervorhebend, möglichst nicht interpretierend. Dennoch finden sich in diesem ersten deskriptiven Schritt ab und zu Andeutungen von Interpretationen, die später in der vertiefenden Analyse wieder aufgegriffen werden. Ziel der Paraphrase des Falls ist das Sammeln der verschiedenen Sichtweisen, an denen später weitergearbeitet werden kann.

Leitfragen zum ersten Schritt:

– Was fällt Ihnen auf, wenn Sie den ganzen Text überblicken?

– Welche Details, Formulierungen, Redewendungen springen Ihnen ins Auge?

– Welche Stimmung vermittelt der Text?

2. Was ist das Problem? (ca. 20 Minuten)

Im zweiten Schritt unternehmen wir den Versuch, auf der Basis der vorausgehenden Deskription das zentrale Problem zu identifizieren. Es geht hier darum, das Problem zu verstehen. Die Problemformulierung sollte für die Workshop-Teilnehmenden nachvollziehbar sein. Selbstredend gäbe es aufgrund der Fallbeschreibung mehrere Probleme zu formulieren, zum Beispiel auch aus der Perspektive von Lernenden oder weiteren in den Fall involvierten Personen. Wir identifizieren jeweils das als Problem, was aus der Sicht der Lehrperson am dringlichsten erscheint, oftmals auch unter Einbezug der Befindlichkeit, die aus ihren Sätzen spricht.

Leitfrage zum zweiten Schritt:

– Was ist das dringlichste Problem aus der Sicht der Lehrperson resp. der Autorin, des Autors?

Ziel des zweiten Schritts:

– Wenn möglich «eine» Problemfrage formulieren.

3. Erklärungsansätze und Hintergründe (ca. 20 Minuten)

Im dritten Schritt beleuchtet eine Fachexpertin oder ein Fachexperte verschiedene Aspekte der Problemsituation aus theoretischer Sicht, jedoch immer unter Bezug auf den konkreten Fall. Es geht hier im Gegensatz zum ersten und zweiten Schritt darum, das geschilderte Geschehen zu erklären. Dieser dritte Schritt liesse sich beliebig ausbauen. Wir müssen allerdings berücksichtigen, dass wir mit dem Fallbeispiel einzig die Perspektive der betreffenden Lehrperson kennen. Einiges muss spekulativ bleiben. Wir beschränken uns in der Analyse auf das, was die Workshop-Teilnehmenden wichtig und besonders interessant fanden. Erst durch die genaueren Erklärungsversuche traten manchmal unerwartete Aspekte auf, mit denen die Fallanalyse theoretisch angereichert werden konnte.

4. Lösungsansätze (ca. 20 Minuten)

Zu Beginn des vierten Schritts überlegen sich die Teilnehmenden anhand der Leitfragen ihre Lösungsansätze. Danach stellen wir Lösungsansätze dar, die sich sozusagen als Früchte aus den bisherigen Schritten, vor allem aber aus dem dritten Schritt, ergeben. Bewusst sprechen wir hier von Lösungsansätzen, erstens weil es nicht die Lösung, sondern immer mehrere Möglichkeiten gibt und zweitens weil es sich nicht um fertige Lösungen handelt, die sich in der Praxis überprüfen lassen, sondern um Ansätze, die im konkreten Kontext weiterzuentwickeln oder anzupassen sind. Aufgrund der ersten drei Schritte sollten die Lösungsansätze nachvollziehbar und plausibel sein, zugleich auch so konkret, dass nicht involvierte Lehrpersonen daraus Vorgehensweisen für den eigenen Unterricht ableiten können.

Leitfragen zum vierten Schritt:

– Welche Lösungsansätze scheinen mir resp. uns zielführend?

– Was wäre möglich und sinnvoll?


Abbildung 6: Brückentag 2018: Die Moderatoren Hans-Kaspar Egli und Simon Stettler im Pausengespräch

4 Problem: Motivation

Dieses Kapitel handelt von Motivationsproblemen und deren möglichen Ursachen. Es geht um demonstrative Inaktivität während des Unterrichts, um das Nichteinhalten von Abmachungen, um Respektlosigkeit und um die Überzeugung eines Lernenden, der meint, das «schaffe ich nie».

Im Fallbeispiel «Eigentlich möchte ich gar nichts machen» geht es um einen Schüler, der präsent ist und in der Regel pünktlich zum Unterricht erscheint. Er fällt aber durch demonstrative Inaktivität und durch Missachten einfacher Bestandteile der Hausordnung auf. Zu Beginn der Lektionen muss er daran erinnert werden, dass er Smartphone und Kopfhörer im Gepäck verstauen möge. Täglich muss man ihn darauf hinweisen, seine Kopfbedeckung abzulegen. Häufig erscheint er nicht vollständig ausgerüstet zum Unterricht. Aufträge bearbeitet er nur sehr lückenhaft oder gar nicht. Er sucht oft die Toilette auf. Selten zeigt er eine Leistung und die minimalen Anforderungen erfüllt er kaum. Er hat bis heute keine Lehrstelle.

Im Fallbeispiel «Nullbock-Stimmung» sitzt ein Lernender die Zeit im Unterricht mehrheitlich nur ab. Im Unterricht hat er jeweils das Material nicht dabei und ist nicht bereit. Zudem nimmt er die Unterlagen erst nach mehrmaliger persönlicher Aufforderung hervor. Der Lernende macht sich von Inputs und Erklärungen an der Wandtafel keine Notizen. Aufgabenstellungen, die während des Unterrichts bearbeitet werden sollen, lässt er liegen und löst sie nicht. Manchmal schreibt er in der Mathematik irgendwelche unzusammenhängende Zahlen hin. Zudem kritzelt er das Pult immer wieder mit Skizzen und Zeichnungen voll. Hinzu kommen öfters wochenendverlängernde Absenzen. Die Mutter zeigt in Gesprächen immer wieder Verständnis für das Verhalten ihres Sohnes.

Im Fallbeispiel «Morgen komme ich bestimmt und bin voll dabei» fehlt ein Lernender öfters im Unterricht. Im Einzelgespräch mit der Lehrperson und im Coaching beteuert er immer wieder, dass er im SEMO Plus sehr gerne in den Unterricht komme und sich künftig anstrengen werde, um schulisch weiterzukommen. Nach solchen Aussagen ändert man für diesen Lernenden das individuelle Programm abermals und organisiert beispielsweise einen zusätzlichen Deutschkurs. Wie eine Nachfrage ergab, besucht er den Deutschkurs nach wenigen Tagen nicht mehr. Trotz Vereinbarung besucht der Lernende den Unterricht weiterhin nur sporadisch und hält sich nicht an die vereinbarten Abmachungen.

Im Fallbeispiel «Mir geht es schlecht und ich werde ungerecht behandelt» geht es um einen türkischstämmigen, erwachsenen Schüler, der seit zwei Jahren in der Schweiz bei seinem Vater lebt. Der Vater ist schon zwölf Jahre hier. Bisher kann der Lernende nicht belegen, dass er im Heimatland persönlich verfolgt wird, infolgedessen ist er labil, da eine Ausweisung droht. Er besucht den Unterricht nur teilweise, verhält sich passiv, leistet Widerstand und ist teilweise respektlos und fordernd gegenüber den Lehrerinnen.

Im Fallbeispiel «Ich kann gar nichts» steht ein Lernender im Zentrum, bei dem schon kurze Zeit nach dem Eintritt deutlich wird, dass er sich mit körperlicher Arbeit oder beim Sport wohler fühlt als beim Stillsitzen im Unterricht. Auffallend ist sein sehr negativ geprägtes Selbstbild. Er verhindert Erfolgserlebnisse, indem er sich gar nicht erst mit einem Auftrag befassen will. Denn er ist überzeugt, dass er es sowieso nie schaffen wird. Wenn er ausnahmsweise einen Auftrag erfolgreich gemeistert hat, kann er Lob kaum annehmen. Seine Resultate redet er jeweils klein und verweist auf die empfangene Hilfe sowie auf Glücksfälle.

4.1 «Eigentlich möchte ich gar nichts machen»

Rahmen

SEMO Standard[12]; Lernort Schule; alle Fächer; 19 Lernende, ca. 12 junge Männer, 6 junge Frauen; zwei Lehrerinnen, zwei Lehrer

Es ist Mitte Mai, einige sind schon seit August, also rund neun Monate im Programm, andere sind erst gerade eingetreten. Bei einigen verläuft die Lehrstellensuche schon (zu) lange erfolglos und die Luft ist langsam raus. Andere brauchen sehr viel Unterstützung, um bis im Juni eine Lehrstelle zu finden, denn diese werden rar.

Fallbeschreibung

Ich unterrichte eine Gruppe im Motivationssemester in den Fächern ABU, Deutsch, Mathematik und Persönlichkeitsbildung. Unser Ziel ist es, die Teilnehmenden mit den Anforderungen der Berufswelt und des Erwachsenenlebens vertraut zu machen (ABU) sowie schulische Lücken zu schliessen und den Anschluss an die Berufsfachschule zu gewährleisten (Mathematik, Deutsch). Der Schüler, von dem die Rede sein wird, trat im Februar 2018 in eine heterogene, aber angenehme Klasse ein. Mehrheitlich unterstützen sich hier die Lernenden gegenseitig.

Schon zu Beginn fiel sein Verhalten auf, er demonstrierte, dass er seinen Status nicht ändern und seine schulischen Lücken nicht schliessen wollte. Sozusagen bei jeder Begegnung mussten wir ihn daran erinnern, die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen, während der Arbeitszeit die Kopfbedeckung abzulegen und zu Beginn der Lektion sein Schulmaterial bereitzuhalten. Sämtlichen Aufforderungen kam er in der Regel kommentarlos nach, jedoch handelte er nie unaufgefordert.

Sowohl bei Übungen im Plenum als auch bei individuellen Aufträgen zur selbstständigen Bearbeitung musste ich ihn extra auffordern, endlich mit der Arbeit anzufangen. Dabei habe ich für Aufgaben gesorgt, die seinem Niveau angepasst und lösbar waren. Seltene Ergebnisse seiner Arbeiten haben das gezeigt; allein die Bereitschaft, selbstständig etwas anzupacken und aus eigener Kraft ein gutes Resultat zu schaffen, gab es nie. Und so wurden wir immer wieder enttäuscht.

Nach fast vier Monaten intensiver Betreuung konnten wir Lehrpersonen feststellen:

– Er blieb ein Stellensuchender.

– Er ging nur einmal schnuppern und erhielt wegen Passivität eine vernichtende Rückmeldung.

– Er konnte seine schulischen Lücken nicht schliessen, was für den Übertritt in eine Berufsfachschule zwingend notwendig gewesen wäre.

– Er erhielt wegen seiner nicht erkennbaren Leistung keine positiven Rückmeldungen und die Noten in seinem Schulzeugnis blieben tief.

Alle unsere Angebote und Versuche, den Schüler für die Mitarbeit zugunsten einer Leistungssteigerung zu bewegen, waren erfolglos. Wahrscheinlich war der Leidensdruck zu gering. Anstelle der Mitarbeit zog er das zermürbende Zeitabsitzen vor und gab sich mit seiner schwachen Leistung zufrieden.

Eine Bereitschaft, an sich und seinen Möglichkeiten zu arbeiten, gab es nicht.

Wir haben uns intensiv bemüht, die Ursache dieser Passivität zu ergründen, doch sie blieb uns verborgen. Das wiederholte Nichteinhalten von Abmachungen und zahlreiche unbegründete Absenzen führten nach vier Monaten zu einer letzten Verwarnung.

Was fällt auf?

Die Lehrperson bemüht sich intensiv um den Schüler: Sie hat sich Gedanken gemacht, Ideen entwickelt und viel Arbeit investiert. Dieser Einsatz hat aber keine sichtbaren Veränderungen gebracht. Die Formulierung «so wurden wir immer wieder enttäuscht» lässt vermuten, dass die Lehrperson das Ganze sehr persönlich nimmt. Aber worin besteht die Enttäuschung? Sind es die schlechten Leistungen? Geht es um das renitente Verhalten und um die Passivität? Oder geht es um die Tatsache, dass die Lehrstellensuche nicht erfolgreich war? Daraus ergibt sich auch die Frage nach der Befindlichkeit der Lehrperson: Ist sie auch über sich selbst enttäuscht, weil ihre Bemühungen keine Veränderungen bewirken konnten?

Die Lehrperson nimmt den negativen Verlauf des Falls persönlich. Zu Beginn schreibt sie in der Ich-Form später in der ersten Person Plural. Die Unterrichtenden haben sich offenbar ausgetauscht und gemeinsame Anstrengungen unternommen. Weil sich der Schüler nicht veränderte, ergab sich daraus eine von Enttäuschungen geprägte Grundstimmung bei den Unterrichtenden. Von der schreibenden Lehrperson wird dies zumindest so empfunden. Die Lehrpersonen scheinen hilflos und leicht aggressiv.

Der Schüler ist während des gesamten Schulalltags passiv. Arbeiten erledigt er nur, wenn er aufgefordert wird. Aber er leistet nicht aktiven Widerstand; so kommt er den Aufforderungen der Lehrpersonen nach, macht aber nie etwas darüber hinaus. Es scheint, als «flottiere er im Wasser»: Er ist anwesend, bewegt sich nie, ausser wenn es sein muss. Diese Passivität wirkt, als sei er trotz seiner körperlichen Präsenz nicht anwesend. Das Verhalten des Schülers erzeugt ein Bild ähnlich einem Puzzle, das mit fehlenden Teilen in der Schule erscheint.

Die Lehrpersonen haben den Eindruck, dass der Schüler seinen Status, seine Inaktivität, nicht ändern will, dass kein Bestreben nach einem beruflichen Fortkommen vorhanden ist. Und ihr Eindruck wird bestätigt durch die Rückmeldungen aus dem Betrieb, in dem der Schüler die einzige Schnupperlehre absolviert hat. Zudem hat der Schüler seine schulischen Lücken nicht schliessen können.

Die Regelverstösse begeht der Schüler demonstrativ, sie sind ihm also bewusst. Das ist ein Unterschied zu einem unbewussten Handeln, denn die Regelverletzungen «passieren ihm nicht einfach so».

Die Formulierung «der Leidensdruck war zu wenig gross» führt zur Frage: Wo muss man denn drücken? Gäbe es vielleicht eine Hoffnung auf Veränderung, wenn man an der richtigen Stelle drücken würde?

Die passive Anwesenheit des Schülers hat auch positive Seiten. Er ist anwesend und kommt pünktlich zum Unterricht. Er ist passiv, geht aber nicht in den Widerstand, wenn etwas von ihm erwartet wird. Er führt den Auftrag aus, wenn er dazu aufgefordert wird, aber er muss jedes Mal aufgefordert werden. Steckt dahinter eine Art Kontaktsuche?

Die Inaktivität des Schülers wirkt kraftlos. Andererseits ist Kraft vorhanden. Das zeigt sich in der Sturheit, denn er trägt dauernd Kopfhörer und eine Kopfbedeckung, obwohl beides nicht gestattet ist. Vermutlich stört er damit auch die Klasse. Davon ist im Text keine Rede, aber man könnte das aus Erfahrung annehmen.

Zum Schluss Hinweise zur Wortwahl: Die Worte «nie» und «immer» werden im Text häufig gebraucht. Auffallend ist auch die Formulierung, dass die Rückmeldung des Schnupper-Lehrbetriebs «vernichtend» war.

Was ist das Problem?

Augenscheinlich ist die Inaktivität des Schülers.

Folgende Fragen ergeben sich aus der Auseinandersetzung mit dem Fall:

– Was ist eigentlich der Zweck seines Verhaltens?

– Interessieren sich die Lehrpersonen für diesen Zweck?

– Wie kann der Teufelskreis «Negative Rückmeldungen erzeugen Passivität und Desinteresse, also das Festhalten am gewohnten Status» durchbrochen werden?

– Bei all dem gezeigten Desinteresse des Schülers stellt sich die Frage, was interessiert ihn eigentlich? Gibt es ein Thema, für das er sich begeistern kann?

– Das Verhalten des Schülers erscheint wie die Spitze eines Eisbergs, der grösste Teil des Problems ist möglicherweise verborgen. Wie kann die Lehrperson mehr über die Hintergründe des Verhaltens erfahren?

– Kann man den Schüler dazu bringen, für sein Leben Verantwortung zu übernehmen? Kann man initiieren, dass der Lernende seine Rolle überdenkt?

Erklärungsansätze und Hintergründe

Annina Schlosser, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie FMH

Aus jugendpsychiatrischer Sicht können folgende Überlegungen und Interpretationsansätze zum Fall gemacht werden:

Bei der Lehrperson kommen zwei Botschaften des Schülers an: Die erste ist quasi der Rahmen: Er kommt, meistens pünktlich. Die Präsenz kann eine Botschaft sein, sie meint: «Ich bin da.»

Die zweite Deutungsebene kann initial mit der ersten nicht so recht in Einklang gebracht werden: Seine Inaktivität. Im Rahmen der Botschaft des zuverlässigen Kommens steht die zweite Botschaft, welche die Lehrperson noch nicht zu entschlüsseln vermag. Der Schüler ist inaktiv, teilweise sogar demonstrativ inaktiv; und es ist auch nicht klar, ob er das bewusst oder unbewusst tut. Daraus ergeben sich die Fragen: Wozu dient das tägliche Erscheinen? Ist es gleichsam eine Leinwand, eine Projektionsfläche für das Kundtun einer Not, seiner persönlichen Situation? Welche Bedürfnisse drückt der Schüler damit aus? Allenfalls Bedürfnisse, die er nicht in Worten äussern kann.

Ohne weiteres Wissen über den Schüler, über seinen Hintergrund und sein Herkommen können die beiden Botschaften nicht abschliessend verstanden und eingeordnet werden; sie können nicht in Deckung gebracht werden. Daraus ergibt sich etwas sehr Irritierendes für die Lehrperson. Jede Überlegung, die von ihr angestellt wird, passt nur zu einer der beiden Botschaften und wird durch die Gegendarstellung oft entkräftet. Deswegen versanden die meisten Interpretationsansätze kurz nach der Entstehung.

Es werden viele Bemühungen der Lehrperson beschrieben, die immer wieder in der Erkenntnis enden, dass sie nicht funktionierten, nichts gebracht hätten. Die Beschreibung gibt aber keine Auskunft darüber, in welcher Beziehungsqualität diese Bemühungen geschehen sind. Dieser sollte besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Für die Lehrperson gibt es einen irritierenden Schüler, der täglich kommt und sie herausfordert. Daraus entsteht mit der Zeit ein Gefühl der Ohnmacht. Es ist quasi eine Nötigung: «Gib mir etwas, ich sage aber nicht was!» Oder kann es der Schüler nicht sagen?

Wofür ist die tägliche Präsenz gut? Es scheint, als ob der Schüler für seinen «Auftritt», für sein Erscheinen etwas bekommt, was er sonst nicht erhält, sonst wäre er nicht immer anwesend. Es bleibt allerdings offen, was das ist. Das führt zu Spannungen: Die Anspannung der Lehrperson schimmert durch den Text und wird wahrscheinlich auch vom Schüler wahrgenommen. Wenn diese Anspannung von der Lehrperson nicht selbst erkannt und bearbeitet wird, führt sie in eine Sackgasse im Umgang mit dem Schüler. Mittelfristig können sogar berufliche Probleme entstehen.

Nochmals: Wofür ist der tägliche «Auftritt» gut? Was könnte der Schüler dadurch gewinnen? Möglicherweise gestaltet der Schüler seinen Schulbesuch auch unbewusst, um sich seinen Status über Monate hinweg zu sichern und um ein Bedürfnis anzumelden. Gibt es ein Bedürfnis, das ausserhalb des Settings gedeckt werden kann, sodass eine Veränderung möglich wird? Wegen des fehlenden Hintergrundwissens können hier nur Hypothesen formuliert werden. Möglicherweise ist der Schüler auch erkrankt. Denkbar ist vielerlei, etwa eine unerkannte Psychose oder eine Depression, aber auch eine kognitive Über- oder Unterforderung, eine Autismus-Spektrums-Eigenheit etc. Insgesamt lässt sich vermuten: Der Jugendliche schafft es gerade noch in die Schule, aber seine Kraft reicht nicht weiter.

Wo soll man in einer solchen Situation fordernd, wo unterstützend auftreten, soll man nachsichtig oder streng sein? Wer überzeugt ist, dass der Schüler den Anforderungen nicht gewachsen ist und gleichzeitig den äusseren Umständen und dem Auftrag gerecht werden will, indem er dem Schüler sagt: «Du musst!», begibt sich in energiefressende Widersprüche. Diese Ambivalenz der Lehrperson beeinträchtigt deren Wirksamkeit erheblich.

Gibt es Auswege? Hilfreich könnte eine unvoreingenommene Begegnung mit dem Schüler sein. Beispielsweise bei einem Kaffee. Unvoreingenommen heisst, nicht den Anspruch zu erheben, zu wissen, was zu tun ist. Die Botschaft wäre: «Ich sehe dir an, dir geht’s nicht gut, und ehrlich gesagt, mir geht’s auch nicht gut, weil ich nicht weiss, was du brauchst.» Ein solch direktes Ansprechen ist durchaus möglich und sinnvoll. Diese Art der Begegnung ist nicht unprofessionell, denn ein solches Treffen zwischen zwei Menschen kann viel bewirken. Es sind Reaktionen möglich wie: «Mich hat noch nie jemand gefragt.» oder «Es hat noch nie jemand gewagt, mir zu sagen Du nervst mich unheimlich!». In gewissen Fällen ist es möglich, dadurch schrittweise eine Veränderung zu erreichen. Denn es geht primär nicht darum, Lösungen zu suchen, sondern es geht darum, das Problem zu beschreiben und darüber zu reden: zu schauen, was ist. Ein Einstieg in die Begegnung mit der Absicht, wissen zu müssen, was das Problem ist und wie die Lösung sein könnte, überfordert die involvierten Personen meistens.

Weitere Ursachen des Verhaltens des Schülers:

Adoleszenzkrise

Das ist keine Krankheit. In diesem Fall wäre der Schüler entwicklungsmässig noch nicht so weit, wie es Alter und Situation erwarten lassen. Oder es gibt eine Differenz zwischen emotionaler und kognitiver Entwicklung. Denkbar ist auch eine Entwicklungsblockade, die dazu geführt hat, dass der Schüler sein Selbstwertgefühl ungenügend ausbilden konnte. Das wäre jedoch eine Vorstufe zu einer Erkrankung.

Depression

Ein depressives Zustandsbild zeigt sich bei Jugendlichen in diesem Alter häufig. Die Entwicklung dahin ist schleichend, wie ein Schwelbrand. Jugendliche erleben dabei auch fröhliche Phasen, trotzdem sind sie depressiv. Das ist bei Erwachsenen anders, diese sind meistens durchgängig niedergedrückt.

Hoch- oder Minderbegabung

Eine Hoch- oder Minderbegabung kann zu einer kognitiven Unter- oder Überforderung führen. Immer wieder fallen Hochbegabte durch extreme Minderleistung auf und können ihr Potenzial nicht zum Ausdruck bringen.

Autismus

Die Tatsache, dass der Schüler kaum Beziehungen zu anderen Personen pflegt, strukturelle Vorgaben jedoch einhält, kann auf Autismus hindeuten. Die Kopfbedeckung und die Kopfhörer können als Reizabschirmung interpretiert werden, schliesslich sind für einen Autisten Gruppensituationen per se unangenehm.

Intrinsische Erkrankungen

Es gibt die Minussymptomatik: Betroffene ziehen sich zurück, sind kaum motiviert, können sich nicht konzentrieren, sie sind müde und still.

Die Plussymptomatik kommt später dazu. Betroffene hören Stimmen, sie beziehen alles auf sich und überbewerten Situationen: «Dir luegt mi so aa!».

Das sind Psychosen, die häufig mit depressiven Phasen beginnen. Auch hier sind Jugendliche oft dankbar, wenn sie direkt angesprochen werden. Das Thema ist ihnen peinlich. Deshalb ist es hilfreich, das Gespräch mit einer Feststellung zu beginnen, wie: «Ich habe da mal einen Schüler gehabt, der … und ich beobachte bei dir …». Das Ansprechen dessen, was der Schüler zu verbergen sucht, kann erleichternd wirken. Das kann jede Lehrperson tun, dafür braucht es nicht zwingend eine Psychologin oder einen Psychiater.

Fazit: Es sollte versucht werden, einen persönlichen Kontakt mit dem Schüler aufzubauen. Dabei ist wichtig, keine Ansprüche an sich selbst zu stellen und wissen zu wollen, worum es geht und wie eine Lösung aussehen könnte. Die persönliche Kontaktaufnahme funktioniert jedoch nur, wenn sie für die Lehrperson stimmig ist.

Lösungsansätze

Zwei Vorgehensweisen könnten eine Atmosphäre schaffen, die sowohl dem Schüler als auch der Lehrperson das Leben etwas erleichtern: Einerseits sollten die Hintergründe des Verhaltens des Schülers ergründet werden, andererseits braucht die Lehrperson Entlastung. Im Umgang mit dem Schüler in der Klasse ist es wichtig, vorerst den Blick nur auf das Positive zu richten, also auf Konfrontationen zu verzichten, keine Forderungen zu stellen, die nicht erfüllt werden können, von Massregelungen und negativen Rückmeldungen abzusehen.

Der Schüler vermittelt von sich ein einseitiges Bild. Infolgedessen ist es wichtig, auch andere Seiten kennen zu lernen. Ein Gespräch mit den Eltern oder anderen Vertrauenspersonen könnte vielleicht das Bild ergänzen. Die zentrale Frage bleibt: Was will der Schüler? Wie kann er wieder Kraft gewinnen?

Damit ein persönlicher Kontakt, ein Gespräch auf Augenhöhe möglich wird, muss das Machtgefälle zwischen Lehrperson und Schüler vorübergehend aufgehoben werden. Das ist ausserhalb des Schulalltags leichter möglich. Wie wäre es mit einem Spaziergang, mit gemeinsamer Gartenarbeit oder mit gemeinsamem Putzen? Dabei keine Vorwürfe machen, sondern dem Schüler zuhören, Interesse und Neugierde zeigen. In einem anderen Rahmen Zeit schenken und Interesse zeigen, kann möglicherweise zu einer Öffnung führen. Allerdings können zu viele Fragen den Schüler überfordern, also Mass halten. Vielleicht ist es möglich, die Erwartungen und Ziele des Schülers ansatzweise wahrzunehmen.

Das ständige Tragen der Kopfbedeckung ist einem Ritual ähnlich. Hier könnte man anknüpfen und das Hutritual durch ein Begrüssungsritual ersetzen.

Vielleicht lässt sich der Schüler auf ein Gedankenspiel ein: Wir leben zehn Jahre später. Du bist zufrieden und glücklich. Was hast du gebraucht, um diesen Weg zu schaffen? Wie bist du dahin gekommen?

Grundsätzlich gilt: Die Verantwortung ist geteilt; auch der Schüler muss einen Teil übernehmen. Kommt die Lehrperson zum Schluss, dass sie überfordert ist, dann sollte unbedingt externe Unterstützung angefordert werden, beispielsweise von der Erziehungsberatung[13].

Literatur

Flammer, August (2002): Entwicklungspsychologie der Adoleszenz. Bern: Hans Huber.

Liechti, Jürg (2013[3]): Dann komme ich halt, sage aber nichts. Heidelberg: Carl Auer.

Prior, Manfred, (2019[16]): MiniMax-Interventionen. Heidelberg: Carl Auer.

Schuster, Nicole (2016): Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen. Stuttgart: Kohlhammer.

4.2 Null-Bock-Stimmung

Rahmen

BVS BPA[14]; alle Fächer; 10 Lernende (8 Männer, 2 Frauen), 7 Lehrpersonen (6 Frauen, 1 Mann)

Die Klasse ist eher klein. Das Desinteresse der Lernenden prägt den Unterrichtsalltag massgebend. Im Laufe des ersten Semesters sind zwei Schüler von der Schule ausgeschlossen worden und zwei weitere haben die Schule aus eigenen Stücken abgebrochen.

Fallbeschreibung

Wir teilen uns die Klassenlehrerfunktion an einer berufsvorbereitenden Klasse im 10. Schuljahr. Wir unterrichten zusammen die Fächer Deutsch, Mathematik, Beruf und Gesellschaft. Im Sommer haben wir eine relativ kleine Klasse, bestehend aus 10 Schülerinnen und Schülern, übernommen. Die Klasse ist sehr heterogen, schulisch eher schwach und unruhig. Zudem fehlt es an der Motivation, im Unterricht aktiv mitzumachen. Alle die Klasse unterrichtenden Lehrpersonen sind pädagogisch und didaktisch gefordert, um mit der Klasse immerhin kleine Lernfortschritte zu erreichen.

In der Klasse gibt es mehrere Schüler, die sich problematisch verhalten. Einer davon ist Fabian. Er ist 15 Jahre alt. Seit diesem Schuljahr nimmt er wieder Ritalin. Er hatte dieses Medikament schon früher eingenommen. Fabians Eltern trennten sich, als er die 7. Klasse besuchte. Während dieser Zeit konnte er sich nicht auf die Schule konzentrieren und hat dadurch im Unterricht viel verpasst. Er ist schüchtern und ruhig. Oft trägt er einen Hut oder eine Kapuze, die er gerne ins Gesicht zieht. Im Unterricht trägt er auch seine Jacke, die er nicht ausziehen möchte. Er zieht sich im Laufe der Zeit immer mehr zurück.

Fabian erscheint zu Beginn des Schuljahres jeweils pünktlich zum Unterricht. Wenn der Unterricht beginnt, nimmt er das Material meistens nicht selbstständig hervor und bleibt passiv. Erst wenn man ihn dazu auffordert, nimmt er die Unterlagen langsam und bedächtig hervor.

Das Abschreiben von der Wandtafel geht nur sehr langsam vonstatten. Fabian lässt sich dafür viel Zeit. Zudem schreibt er oft nur einen Teil des Textes ab und wird anschliessend wieder passiv. Wenn die Lehrpersonen einen Auftrag, eine Aufgabe oder auch Theorie erklärt, hört er meistens gar nicht zu. Wenn sich die Lehrperson zu ihm hinsetzt und Inhalte erklärt, hört er zwar zu, denkt aber meistens selbst nicht mit. Wenn er zum Beispiel Mathematikaufgaben lösen soll, schreibt er oft irgendwelche Antworten ins Buch. Er beschäftigt sich nicht wirklich mit den ihm übertragenen Aufgaben. Manchmal kritzelt er auch die Buchseiten oder gar das Pult voll.

Nach den ersten paar Schulwochen ist Fabian vermehrt krank. Anfänglich fehlt er jeweils am Freitag. Die Vermutung liegt nahe, dass er das Wochenende verlängert. Die Lehrpersonen haben Fabian darauf angesprochen. Danach fehlte er jeweils bereits am Donnerstag. In einem Gespräch haben wir Fabian erklärt, dass er Ende der Woche nicht mehr fehlen darf. Daraufhin fehlte er jeweils am Montag. In den folgenden Wochen fehlte er montags und dienstags. Die von den Lehrpersonen eingeforderten Arztzeugnisse hat Fabian nicht gebracht. Die Mutter zeigt Verständnis für ihren Sohn. Er sei nicht motiviert für die Schule und sie wolle ihn dazu auch nicht zwingen. Der Vater versuchte, die Lehrkräfte zu unterstützen und seinen Sohn in die Schule zu schicken. Da der Vater getrennt von der Familie lebt, ist diese Unterstützung wirkungslos.

Auch während den Schnuppertagen verhielt sich Fabian passiv. Er war sehr ruhig oder schüchtern. Die Schnupperbetriebe meldeten einhellig zurück, Fabian sei nicht an einem Beruf interessiert. Für uns als Lehrkräfte ist es schwierig, mit dieser Situation umzugehen. Wir haben die Aufgabe, die Lernenden bei der Suche nach einer Anschlusslösung zu unterstützen. Für Fabian sehen wir im Moment keine Lösung mehr, wir sind ratlos.

Was fällt auf?

Fabian ist desinteressiert, seine Motivation, die Schule zu besuchen, scheint im Verlauf des Schuljahres abzunehmen. Er fehlt häufig vor den Wochenenden. Als dies den Lehrpersonen auffällt und sie ihn darauf ansprechen, fehlt er am Wochenanfang. Es macht den Eindruck, als würde er seine Wochenenden verlängern wollen.

Die Mutter nimmt ihn wegen seiner Absenzen in Schutz, da er krank war, und zeigt Verständnis für seine Abwesenheit. Der Vater unterstützt die Position der Lehrpersonen und möchte, dass sein Sohn zur Schule geht. Da er aber nicht bei der Familie lebt, kann er nichts ausrichten. Die Eltern leben getrennt, seit Fabian in der 7. Klasse war. Damals begannen seine schulischen Probleme, er hat seither viel Schulstoff verpasst.

Wenn er im Unterricht anwesend ist, macht er wenig oder gar nicht mit. Er muss immer wieder aufgefordert werden, sein Material hervorzuholen und mitzuarbeiten. Beim Lösen von Aufgaben lässt er sich viel Zeit. Oft bringt er Arbeiten oder Aufgaben nicht zu Ende, da er nach einer Weile wieder passiv wird. Er kann sich nicht auf die Schule konzentrieren und tut manchmal nur so, als würde er mitarbeiten, um nicht aufzufallen.

Der 15-Jährige stört den Unterricht nicht aktiv, kritzelt aber aufs Pult, was grundsätzlich verboten ist. Seine Jacke behält er an, obwohl dies gegen die Kleiderregeln der Schule verstösst. In der verhältnismässig kleinen, aber desinteressierten Klasse fällt er wahrscheinlich kaum auf, da er sich ruhig verhält und den Unterricht – zumindest auf den ersten Blick – nicht stört.

Nicht geklärt ist, warum nicht früher disziplinarische Massnahmen ergriffen wurden, da er gegen die Kleiderordnung verstösst, aufs Pult kritzelt, seine Materialien nicht bereithält und häufig unentschuldigt fehlt.

Fabian nimmt seit diesem Schuljahr wieder Ritalin. Warum, erfahren wir nicht und die Auswirkungen des Medikaments werden auch nicht erläutert.

Er wird als ruhig, schüchtern und zurückgezogen beschrieben. Auch von den Schnupperlehrbetrieben vernimmt man, dass er schüchtern und passiv sei und sich für den jeweiligen Beruf nicht interessiere. Er verhüllt sich in seinen Kleider, als wolle er sich verstecken oder unsichtbar machen.

Fabian besucht eine problematische Klasse, vier Schülerinnen und Schüler haben sie im letzten Semester verlassen. Die zehn Jugendlichen werden von insgesamt sieben Lehrpersonen unterrichtet, von denen sich zwei die Klassenlehrpersonenaufgaben teilen. Dies deutet auf einen häufigen Wechsel der unterrichtenden Lehrpersonen hin, sodass wenig persönlicher Kontakt mit den Lernenden möglich ist. Die Lehrpersonen haben das Ziel, bis Ende Schuljahr mit Fabian eine Anschlusslösung zu finden. Momentan sehen sie aber keine Lösung, denn sein unmotiviertes und passives Verhalten verunmöglicht eine erfolgreiche Lehrstellensuche.

Was ist das Problem?

Es kommen mehrere Problemfelder zur Sprache. Erstens wollen die Lehrpersonen mit Fabian eine Anschlusslösung finden. Das ist aus ihrer Sicht nicht möglich, weil er bei den Lehrbetrieben keinen guten Eindruck hinterlassen hat und sich auch keine Mühe gibt, eine Lehrstelle zu finden. Zweitens fehlt der Junge häufig und arbeitet im Unterricht nicht mit. Er muss drittens oft aufgefordert werden, sich zu beteiligen und kann sich nicht auf die Aufgaben konzentrieren. Fabians passives und desinteressiertes Verhalten gefährdet auch den Lernerfolg der anderen Schülerinnen und Schülern. Denn seine Passivität stört den Unterricht: Er muss häufig zur Mitarbeit aufgefordert werden, erhält deswegen zu viel Aufmerksamkeit und die Klasse muss auf ihn warten.

Die Auswirkungen des Medikaments Ritalin sind unklar. Fabians Unkonzentriertheit passt nicht dazu, denn Ritalin sollte die gegenteilige Wirkung haben.

Die vielen unentschuldigten Absenzen weisen darauf hin, dass er viel Schulstoff verpasst. Ein Arztzeugnis legt er nicht vor, seine Mutter deckt ihn und sagt, er sei krank. Zuhause steht Fabian zwischen seinen beiden Eltern. Die Mutter will ihren Sohn nicht zwingen, die Schule zu besuchen, der Vater unterstützt die Lehrpersonen. Von Seiten der Mutter ist keine Hilfe zu erwarten und der Vater kann anscheinend nichts ausrichten, da sie nicht mehr zusammenwohnen. Es scheint, als ziehe er sich aus der Verantwortung.

Schwierig zu beurteilen ist auch die Tatsache, dass er weder Jacke noch Mütze ausziehen will. Offenbar will er sich verstecken, vielleicht will er seinem Umfeld etwas mitteilen. Allerdings bleibt die Botschaft unklar. Vielleicht ist er verunsichert, hat psychische Probleme oder Ängste.

Die Lehrpersonen sind ratlos. Sie wissen nicht, wie sie ihn dazu bringen können, sich am Unterricht zu beteiligen und eine Lehrstelle zu suchen. Vielleicht würde eine engere Beziehung zu einer Lehrperson eine Verbesserung bewirken oder zumindest das Verständnis für seine Situation fördern. Solange dies nicht geschieht, bleibt sein Verhalten unerklärt. Vielleicht braucht er externe Hilfe, denkbar ist auch, dass die Schule nicht der richtige Platz für ihn ist.

Insgesamt geht es um zwei Probleme, die sich gegenüberstehen: Auf der einen Seite der Erfolgsdruck, den die Lehrpersonen spüren, und auf der anderen Seite die Probleme des Schülers, die wir nicht genau kennen. Es fällt auf, wie wichtig es wäre, Fabians Position kennen und verstehen zu lernen, um ihm allenfalls helfen zu können. Dies würde möglicherweise auch den Erfolgsdruck der Lehrpersonen etwas lindern. Klar ist, dass es den Lehrpersonen bis jetzt nicht möglich war, eine vertrauensvolle Beziehung zu Fabian aufzubauen und sie nicht herausfinden konnten, was er mit seinem Verhalten ausdrücken will. Ist das das zentrale Problem?

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197 p. 30 illustrations
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9783035518092
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