Read the book: «Weltfremd»

Roland Düringer: Weltfremd?
Alle Rechte vorbehalten
© 2015 edition a, Wien
www.edition-a.at
Lektorat: Anatol Vitouch
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Hidsch
Gesetzt in der Premiera, Myriad Pro
Gedruckt in Europa
1 2 3 4 5 — 18 17 16 15
Print-ISBN: 978-3-99001-136-2
eBook-ISBN 978-3-99001-153-9
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Vorwort
Bei diesem Buch handelt es sich um ein Bilderbuch, hauptsächlich mit Bildern Ihrer Wahl. Wie das konkret funktioniert, können wir gleich hier vor Ort, in dieser Buchhandlung, ausprobieren. Stellen Sie sich einfach einmal hier, gleich neben dem Bestsellerregal, einen rosa Babyelefanten vor. Nur keine Scheu, versuchen Sie es einfach einmal …
Gar nicht so einfach, stimmts? Ist die Ablenkung zu groß? Dann versuchen wir etwas Einfacheres. Blicken Sie zur Lebenshilfeabteilung und stellen Sie sich dort eine Ihrer aktuellen Wichsvorlagen vor, die nackt und brummend wie ein Trafo im Regal stöbert und sich dabei anschickt zu masturbieren – falls es sich dabei zufällig ohnehin um einen rosa Babyelefanten handelt, dann sehen Sie sich diesen ruhig noch einmal an …
Leichter, oder? Sollten Sie jetzt der Meinung sein, dass der Autor dieses Buches eine ordinäre Drecksau ist, dann möchte ich nur darauf hinweisen, dass ich jetzt nichts gesehen habe, jedenfalls keine Obszönitäten in einer Buchhandlung. Was ich vor mir sehe, sind viele leere Seiten, die es zu füllen gilt, und ich werde mir erlauben, während ich die Seiten beschreibe und damit mit Ihnen in einen Dialog trete, Sie mir nackt vorzustellen. Ich hoffe, das stört Sie nicht. Für Sie ist es ja bedeutungslos, und ich habe dadurch einen zusätzlichen Anreiz.
Und nun liegt es an Ihnen, wie es mit uns beiden weitergeht. Ich werde schreiben, ob Sie es lesen werden, das ist letztendlich Ihre Entscheidung …
Nachwort
Das Nachwort steht relativ vorne, aber immerhin nach dem Vorwort. Warum? Weil es keine Garantie dafür gibt, dass Sie es bis zu einem Nachwort am Ende des Buches schaffen würden, denn ehrlich gesagt ist das teilweise schon ziemlich heftig, was da so aus mir herausgeronnen ist. Bist du deppert, da wird es so manchem die Sicherungen schmeißen. Da werden einige durch die Hölle gehen …
Heute ist der 18. September 2015. Dieses Buch geht in Kürze in Druck. Kein Zurück mehr also. Dafür vielleicht ein Schritt nach vorne. In den letzten Wochen hatte dieses Buch einen fixen Platz in meiner Lebensgeschichte, bekam dadurch eine Wichtigkeit und eine Bedeutung. Letztlich ist es nur ein Buch, eines von tausenden und abertausenden. Was ist schon wichtig? Nichts ist wichtig! Oder ist alles wichtig? Wahrscheinlich ist es beides. In ein paar Monaten, vielleicht in ein paar Wochen oder schon in wenigen Tagen, wird dieses Buch seine Wichtigkeit in meinem Leben verloren haben, für mich Vergangenheit sein. Wenn auch nicht mehr wichtig, wird es trotzdem nicht egal für mich sein, denn nichts, was ich tue oder getan habe, ist oder war egal, deswegen aber noch nicht unbedingt wichtig. Was ist wichtig in einer Welt, die zusehends aus den Fugen gerät? Ist es tatsächlich so, dass unsere Welt in Gefahr ist, oder ist nur die Wirklichkeit, unsere Vorstellung der Welt, wie sie sein sollte, im Zusammenbruch begriffen? Überall bröckelt der Verputz, die Fassade zerfällt, das Kartenhaus wackelt. Sie spüren das, ich spüre das. Wachstum, Beschleunigung, Expansion, Fortschritt, Wohlstandsvermehrung, Konsumzwang, Reglementierung, Überwachung, Finanzskandale, Arbeitslose. Das alles und vieles mehr liegt schwer auf unseren Herzen. Oder besser: Es liegt nicht, es lastet auf unseren Herzen, Verunsicherung und Angst hat nun auch die »Insel der Seligen« erreicht. Seit Tagen zieht eine für unsere Generation – die Generation der Macher und des Erfolgs – bislang unbekannte Welt durch unser Land, unseren Kontinent. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor dem Leid und suchen ihr Glück in Europa. Sie suchen in der Regel Schutz und Sicherheit, manche von ihnen suchen vielleicht Streit und befinden sich im heiligen Krieg mit unserer »heilen Welt«. So oder so, ist das nicht beschämend, eine Schande für unsere ach so zivilisierte Kultur? Wie auch immer, sowohl tatsächlich verfolgte als auch gewaltbereite Menschen aus einem fernen Teil der Welt sind plötzlich Teil unserer Wirklichkeit. Plötzlich? Unerwartet? So als wär der Flüchtlingsstrom eine unvorhersehbare Naturkatastrophe, ein Tsunami, der unsere Küsten über Nacht erreicht und die Regierenden wie ein Blitz getroffen hat? Oder ernten die schon lange industrialisierten Länder Europas nun gerade, was sie gemeinsam mit den Vereinigten Staaten von Amerika gesät und fleißig »bewirtschaftet« haben?
Wobei Europa in diesem Fall den Erntehelfer gibt und die USA den Großgrundbesitzer mimen. Gerade vor einigen Minuten war ein Beitrag im Radio zu hören. Ö1, ein Qualitätssender, brachte in »Saldo, dem Wirtschaftsmagazin« einen Bericht über die wirtschaftlichen Folgen der Migration nach Österreich. Erwiesenermaßen, so die Experten, kurbeln Migranten die Wirtschaft an, sie steigern das BIP und sorgen für Wirtschaftswachstum. Das klingt plausibel, denn Menschen, die bei uns arbeiten, geben dann bei uns auch ihr Geld aus, nehmen eines Tages Kredite auf und bezahlen brav ihre Steuern und natürlich Zinsen.
Warum denkt ihr Experten nicht weiter, warum nur hört euer Denken am Tellerrand des angelernten Wissens auf? Mehr Wachstum = mehr Wohlstand! Mehr Wachstum ist aber auch mehr Verbrauch. Verbrauch von Rohstoffen und Energie. Um Zugriff auf Rohstoffe und Energie zu bekommen, muss man expandieren – was für ein schönes Wort für Plündern, Rauben und Morden. Unseren Glauben an Wohlstand durch Wachstum bezahlen viele mit dem Leben. Menschen, Tiere und Pflanzen – das Leben an sich fällt dem Wachstum zum Opfer. Mehr Wachstum = mehr Verbrauch = mehr Krieg um Ressourcen = mehr Leid. Noch hat der Krieg uns nicht erreicht, noch schlagen wir uns hier noch nicht die Schädel ein, aber der Krieg der Ideologien, der Weltbilder und der Überzeugungen kommt wieder ins Rollen. Die ideologischen Einsatztruppen rüsten sich bereits, alle schreien nach effizienten und raschen Lösungen, jeder möchte das Kartenhaus auf seine Art vor dem Zusammenbruch bewahren. Jeder meint es gut, gut aus seiner Sicht. Man möchte der angespannten Situation Herr werden und konzentriert sich voll und ganz auf die Bekämpfung von Symptomen.
Darüber ist zur Zeit viel zu hören und zu lesen. Sei es im Bezug auf die Flüchtlingsströme, auf die imperialistischen Stellvertreterkriege, auf die Auswüchse eines aufgeblähten Finanzsystems, die Zerstörung unserer Umwelt oder die wachsende Umverteilung von »fleißig« zu »reich«. Wie wenig hört man aber über die Ursachen, wie wenig denken wir über unser Denken nach? Jenes Denken, das die Welt, in der wir leben, erschaffen hat. Wir lehren die Kinder noch immer, was sie denken sollen, aber nicht, wie man denken könnte. Man kann einen lebendigen Organismus, einen in ständiger Bewegung befindlichen Prozess, wie es unsere Welt ist, nicht mit Wundpflastern heilen, die Situation mit den selben Mitteln verbessern, mit denen wir sie zyklisch verschlechtern.
Das Denken, Sprechen und Handeln von Menschen begleitet mich seit fast 35 Jahren beruflich. Um als Schauspieler Menschen spielen zu können, muss man versuchen, sie zu verstehen, die Funktionsweise ihres Denkens zu begreifen. Bleibt man an der Oberfläche an den Symptomen hängen, liefert man nur eine Karikatur ab. Versucht man, das Denken der Figur zu verstehen, so wie sie zu denken, dann hat man viel über das eigene Denken gelernt, und die Figuren verlieren immer mehr an Bedeutung. Die Beobachtung der eigenen Denkmuster schiebt sich in den Vordergrund. Was bin ich eigentlich, jenseits meines Denkens?
Die Antwort darauf habe ich bislang noch nicht gefunden, vielleicht ist sie ja auch nicht so wichtig. Denn was ist schon wichtig?
18. September 2015. Valentino Rossi führt mit einem Vorsprung von 23 Punkten vor Jorge Lorenzo die Motorrad-WM an. Nächstes Wochenende ist der Grand Prix von Aragon, und ich werde vorm Fernseher sitzen und mit Valentino mitzittern. Ganz einfach, weil es mir wichtig ist.
Ach ja, und eines noch zur Vergeschlechtlichung in diesem Buch: Manchmal habe ich es zur schwereren Lesbarkeit gemacht, manchmal nicht. Mir selbst ist das nicht wichtig. Falls es Ihnen wichtig ist, dann gratuliere ich Ihnen. Sie sind eine Glückspilzin, denn was ist es für ein Glück, wenn man sonst keine Sorgen hat und dadurch die Freiheit genießt, Buchstabenkombinationen Wichtigkeit zu geben. Vieles ist aus der Sicht eines Mannes erzählt. Warum? Vielleicht weil ich ein Mann bin und die Welt nur aus meiner Sicht wahrnehmen kann.
Das ist etwas, was wir beide, lieber Leser, liebe Leserin, teilen, und das ist doch ein guter Anfang, oder?
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort
Nachwort
Erstes Buch Die Welt, wie sie ist
KAPITEL 1 – Leben
Sind Sie allein?
Ein Leben
I bin i und Se san Si
Kleine Götter?
Von Leben umgeben
Die Indianer lagen gar nicht so falsch
Die Wahnsinnigen
Zehn Seiten einfach nur Leben
Früher …
UNTERliebt, Herr Prehsler?
Die Affen erheben sich
Der Neandertaler hatte die Zeit
Prehslers Tag hat 23 Stunden
KAPITEL 2 – Geburt
Sie waren vor Ihrer Geburt schon da
Prehslers Speisekarten des Lebens
Ich – Mich – Mein
KAPITEL 3 – Heranwachsen
Erfahrung = Erkenntnis
Was Prehsler gesagt hat, tut hier nichts zur Sache
Wissen und Weisheit
Nichtraucherkampagne
Du lernst nicht für die Schule, …
KAPITEL 4 – Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme
Unsere Triebe
SEXualität
Der Tiger im Tank
Das Sättigungsgefühl
Ernährungswissenschaft
Verdauen und Entgiften
KAPITEL 5 – Überlebensangst
Löwenmut = Löwenangst
Säbelzahntiger
Freiheit auf Rädern
KAPITEL 6 – Krankheit
Die chronische Krankheit
Die entzündliche Krankheit
KAPITEL 7 – Tod
Heben wir uns den Tod noch etwas auf
Zweites Buch Die WIR-klichkeit
Zur Erinnerung
Loslassen
Abgeblitzt
Wer ist WIR?
Sie sind ganz sicher einer von den anderen, wenn …
Hätten wir auch einen festen Klescher, wenn wir allein wären?
Der schwarze Mann
Warum verhalten sich Eltern eigentlich so, Herr Prehsler?
Die Macht der WIR-klichkeit
80 Liegestütz in der Sauna
Die Erklärung der Welt
Prehslers »Nicht genügend« in Mathe
Bin ICH, weil ich denke?
Gibt es Gott?
Die Schlösselgasse
Unsere Tierliebe
Gesetzlos?
KRK
Die Natur des Menschen
Planetenretter?
Menschenkraftwerke
Haben wollen!
Herr Prehsler möchte nicht mit einem Faustkeil einen Reifen wechseln
Fortunat, der Hasenmagnat
Wollen und Brauchen
Ich bin Kapitalist
Sie tun Ihre Arbeit
Das Arbeitsamt – Flaschen schaffen Arbeitsplätze
Sinnlose Arbeit
Ein faires Angebot
Gesteuert durch Steuern
Ich habe nichts von meinen Einnahmen an den Staat abgeliefert
Reich werden durch Arbeit
Reich und Arm
Vielleicht ist es gut so, wie es ist?
Freizeit?
Das Semmerl
Meine Bank
Schulden machen! Schuldlos?
Ferdinand Ochsenhofer
Was halten Sie jetzt gerade in Ihrer Hand?
Zehn ÖS
Da Wimma Bertl
Punkterln in einem Computer
Drittes Buch Zwischen den Welten
Kehren wir nun zu den einfachen Fragen zurück …
Big John
Das Zentrum des Universums
Der »Blade Willi«
Intelligenz
Das österreichische Selbstwert-Notfall-Pack
Der Kaiser ist nackt!
Der Notfall
Royal Flush
Ihre Entscheidung
Eigennutz
Unser Weltbild?
Steht der Schwanz, steht das Hirn
Denken und Handeln
Wichtige Informationen?
Das eitrige Nilpferd
Ich hab’ Sie lieb
Wer hat wann und wo an welcher Zitrone geschleckt?
Der Osterhase
Die Glaubensfrage
Bist Austrianer oder Rapidler?
Glaubensgeschichte
Auszüge aus Prehslers Kirchen-Marketing-Geschichte
Wer ist gerade am Ball?
Apokalypse
Geheimreligionen
Christliche Kultur?
Wollen, was wir sollen
Softporno
Haben Sie Zeit?
Die Zeit verrinnt
Ich werde niemals in meinem Leben:
Wir drehen uns im Kreis
Du kannst mich heute einmal
26. Juli 2015 – Das Ende naht
Der schöne Tod
Sie sterben jetzt nicht!
… ein guter Tag zu sterben?
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Das ist Eugen Prehsler
Ich will nur DANKE sagen.
Bücher, die Sie nicht ungelesen lassen sollten
Erstes Buch
Kapitel 1 – LEBEN
Sind Sie allein?
Lassen Sie mich an dieser Stelle mit einem Zitat beginnen, denn Zitate lassen den Autor klüger erscheinen, als er eigentlich ist.
»Je mehr eine Kultur begreift, dass ihr aktuelles Weltbild eine Fiktion ist, desto höher ist ihr wissenschaftliches Niveau.«
Und lassen Sie mich nun aus dem Zitat ein wenig Unterhaltung für Sie machen, schließlich kann man ja heute aus allem Unterhaltung machen. Gut eignen sich dazu politische Diskussionen, Nachrichten, historische oder wissenschaftliche Dokumentationen, aber auch halblustige Pseudofachliteratur wie dieses Buch. Manipulation, gut gekleidet im Informationsmäntelchen mit Unterhaltungswert. Manchmal liegt ihr Wert nur in der Unterhaltung, das reicht aus, um die Unterhaltungskonsumenten »unten zu halten«. Wissen kann als Ratespiel unterhalten. Heben wir also den Unterhaltungswert und machen wir aus dem Zitat ein Quiz. Was glauben Sie, wer hat diesen klugen Satz gesagt? War es:
a) der Dalai Lama
b) Albert Einstein
c) Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner, oder
d) der Dakota-Häuptling »Crazy Horse«?
Und das wird jetzt nicht gegoogelt, da müssen Sie allein draufkommen. Vorausgesetzt Sie sind allein. Also ich bin nicht allein. Werfen Sie nur einen Blick auf das Coverfoto dieses Buches und schauen Sie mich doch einmal an. Ganz ehrlich »Ala is der Typ net«. Und wenn ich Sie mir ein wenig genauer ansehe, muss ich ehrlich sagen: »Sie sind auch nicht wirklich allein.« Machen wir uns doch nichts vor, wir haben beide unsere stillen Begleiter dabei. Unsere Erwartungen zum Beispiel. Ihre Erwartungen an dieses Buch kenne ich nicht, möchte ich eigentlich auch gar nicht kennen. Denn es könnte durchaus sein, dass Ihre Erwartungen meine Erwartungen zerstören könnten. Und das möchte ich so gut es geht vermeiden. Ich werde mir doch nicht von Ihnen meine Erwartungen zerstören lassen. Da ist es doch besser, wenn ich Ihre Erwartungen zerstöre und damit meinen Erwartungen gerecht werde. Jetzt wollen Sie sicher wissen, was ich mir von unserer Begegnung, unserem Dialog erwarte? Offen gestanden, nicht viel. Was ich mir schon erwarte, ist, dass Sie nicht dazu gezwungen wurden, dieses Buch zu lesen. Sie wissen, worauf Sie sich durch den Kauf dieses Buches eingelassen haben. Sie haben insgesamt drei Vorträge und damit fünf Jahre Zeit gehabt, sich zu informieren und auf unseren Dialog vorzubereiten, und es war Ihre bewusste, freie Entscheidung, dieses Buch zu lesen. Es sei denn, Sie lesen es aus beruflichen Gründen, als Lektor, Verleger, Kritiker oder Mitglied des Verfassungsschutzes. Oder aber es handelt sich für Sie um einen gesellschaftlichen Zwang: ein Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk. Aha … ich verstehe. Leider gibt es oft sehr unüberlegte Geschenke, aber Kopf hoch, vielleicht gibt es nächstes Jahr wieder einen Büchergutschein, und Sie dürfen dann selbst eine Entscheidung treffen.
Falls es Ihre eigene Entscheidung war, dieses Buch zu kaufen, um es zu lesen, Sie sich nach wenigen Seiten eingestehen müssen, dass es trotz Ihrer Überzeugung eine falsche Entscheidung war und Sie damit den Glauben an sich selbst verlieren sollten, dann sind wir auch schon bei einer der vielen Fragen, die ich Ihnen als Leser oder Leserin und mir selbst stellen möchte:
»Glaube ich nur das, was ich sehe, oder sehe ich nur das, was ich glaube?« Die Antwort darauf zu finden ist an sich ein Leichtes. Aber machen wir zwei es uns nicht unnötig leicht, sondern denken wir gemeinsam zuerst über das Leben nach. Was ist das eigentlich, ein Leben?

Ein Leben
Da sitzt so ein menschliches Wesen auf einem Stein und beobachtet die vorbeiziehenden Wolken. Mehr hat es nicht zu tun. Weil es eben jetzt, in diesem Moment, seine Bestimmung ist, auf einem Stein zu sitzen und vorbeiziehende Wolken zu beobachten. Und dafür braucht es nichts. Nicht einmal einen Namen und auch kein »Ich«.
Abertausende Jahre später ziehen noch immer die Wolken am Himmel vorbei und der Stein ist noch immer derselbe. Aber er ist leer, denn das menschliche Wesen hat jetzt einen Namen, und sein »Ich« ist jetzt gerade auf der Suche. Auf der Suche nach seiner Bestimmung, auf der Suche nach dem Sinn. Sinn und Bestimmung findet man bekanntlich nicht, indem man blöd auf Steinen herumsitzt. Dazu muss man schon etwas tun, da reicht es nicht, einfach nur auf einem Stein zu sitzen und in die Luft zu schauen. Sinn und Bestimmung muss das menschliche Wesen erst finden, und um zu finden muss man oft lange suchen. Oft sucht man in der Zukunft, dort wo ja alles einmal besser wird. Wenn dieses menschliche Wesen keine Mühen, Entbehrungen und Kämpfe scheut, mit ein wenig Glück und Fügung, wird es dann eines Tages seine Bestimmung gefunden haben. Es wird auf einem Stein sitzen und die vorbeiziehenden Wolken beobachten, weil es seine Bestimmung ist, jetzt gerade auf einem Stein zu sitzen und vorbeiziehende Wolken zu beobachten. Bis zu dieser Erkenntnis ist es aber noch ein langer Weg. Manchmal dauert er ein Leben oder, wie manche meinen, viele Leben lang.
I bin i und Se san Si
Haben Sie Angst, Ihr Leben zu verlieren? Nicht jetzt, während Sie diese Zeilen lesen, aber irgendwann in einer fernen Zukunft? Wenn ja, dann erlauben Sie mir, Ihnen diese Angst zu nehmen. Ganz einfach, weil es unmöglich ist, das Leben zu verlieren. Denn dies würde ja bedeuten, dass Sie eines Tages Ihr Leben verlieren, und Sie selbst sind noch da, um sich darüber zu ärgern, das Leben verloren zu haben. Das kann schon deswegen nicht passieren, weil wir beide gar kein Leben haben. Wir sind ein Leben. Möglicherweise ein ewiges, aber das ist bislang noch nicht bewiesen. Das, was wir so gerne als unser Leben bezeichnen, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung lediglich als unsere Lebensgeschichte, mit welcher wir uns dummerweise oftmals identifizieren, sie damit über das Leben stellen und dabei vergessen, was wir sind: Leben, das leben will, inmitten von anderem Leben, das auch leben will. Und das eint uns mit all den anderen Leben auf diesem Planeten.
Das, was wir fälschlicherweise als unser Leben betrachten, sich aber bei genauerer Betrachtung lediglich als unsere Geschichte entpuppt, ist vergleichbar mit einem Sprung von einem Hochhaus, der ungefähr 80 Jahre dauert. Es beginnt mit der Geburt, der Entscheidung zu springen, und endet mit dem Asphalt, dem Tod. Wobei natürlich so mancher dazwischen, an einer übersehenen Fahnenstange, einem offenen Fensterflügel und, wenn es ganz blöd hergeht, am F der Immofinanz-Leuchtbuchstaben hängen bleibt und dadurch schon vorher den Löffel abgibt oder dabei zumindest bewusstlos und in schwerer Ohnmacht vom Gehsteig zertrümmert wird. Bei manchen setzt diese Bewusstlosigkeit schon sehr früh ein. Und wenn ich früh schreibe, dann meine ich auch früh. Manche schlagen sich ja schon beim Absprung den Kopf so ungeschickt an der Dachkante an, auf dass sie ihre Lebensgeschichte in tiefer Bewusstlosigkeit verleben, ohne jemals gelebt, gespürt und sich selbst erfahren zu haben. Worum es im ersten Teil des Buches geht, ist allerdings das Leben, das wir unabhängig von unserer Geschichte, unabhängig von unserem Verstand und unserem ICH sind.
»Aber ich bin doch ICH. Da ist kein anderer, da bin nur ICH. In mir bin nur ICH. Was soll ich sonst sein außer ICH, das, was ich aus mir gemacht habe. I bin i und Se san Si.«
Aber glauben Sie mir: Ich bin nicht ich, und Sie sind nicht Sie. Wir beide haben ein Ich, wir sind aber keines. Wir haben beide ein Ich, weil wir es durch unser Denken konstruiert haben. ICH ist ein Konstrukt, die Summe unserer Erfahrungen, abhängig von äußeren Umständen.
Überlegen Sie, wenn Sie zu sich sagen: »I bin a festa Trottl«, und damit in der Situation natürlich recht haben, wer spricht da? Was in Ihnen weiß, dass ICH ohne Zweifel ein ziemlicher Idiot ist. Es ist das, was übrig bleibt, wenn Sie eines Tages Ihr ICH verlieren sollten.
Haben Sie schon jemals in der Vergangenheit Ihr ICH verloren? Wenn Sie sich nicht sofort daran erinnern können, hat es keinen Sinn, darüber nachzudenken, denn dann sind Sie mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit noch nie Ihres ICHs verlustig gegangen. Denn daran würden Sie sich in der Sekunde, ohne nachzudenken, erinnern. So etwas vergisst man nicht. Ich selbst habe mein ICH schon mehrmals verloren. Als Motorradfahrer passiert es fallweise, und das im wahrsten Sinn des Wortes, dass man sich vom Gerät trennt, und das oftmals unfreiwillig. Während sich das Motorrad in der Botanik kalt verformt, kann es schon vorkommen, dass, ausgelöst durch einen dumpfen Aufprall des Kopfes, der FI-Schutzschalter fällt und sich das Bewusstsein kurzzeitig verabschiedet. In der Regel springt dieser Schutzschalter wieder von selbst rein, und man wacht auf, abseits der Fahrbahn, neben einem verbogenen Eisenhaufen, und hat keine Ahnung, wo man sich gerade befindet.
»Was mach ich da? Wo bin ich hier? Wem gehört das verbogene Motorrad? Wie heiß ich eigentlich? Wer bin ICH?«
Alles ist weg. Kein Name, keine Geschichte, kein ICH. Aber du bist zweifellos da. Und genau in diesem Moment ist man dort, wo wir zwei schon einmal waren, aber wir können uns nicht mehr daran erinnern, weil es für Sie und mich schon sehr lange her ist. Für mich war es konkret die Zeit nach dem 31. Oktober 1963.
Kleine Götter?
Wir kommen als kleine göttliche Lebewesen auf die Welt, gesegnet mit der Weisheit des Universums, Teil der Schöpfung und zugleich selbst Schöpfer unserer Welt. Leider widerfährt diesem kleinen Gott aber zumeist etwas Dramatisches: die eigene Lebensgeschichte. Und diese Lebensgeschichte kann aus einem kleinen göttlichen Lebewesen innerhalb von relativ kurzer Zeit, in der Regel sind es 60 bis 80 Jahre, einen verbitterten, desillusionierten und oft hilflosen »alten Trottel« werden lassen. Was den »kleinen Gott« oder die »kleine Göttin« und den »alten Trottel« oder die »alte Trottelin« (alte Trottelin klingt vollkommen bescheuert, ist aber politisch korrekt, es soll ja niemand diskriminiert werden) eint, ist die Abhängigkeit vom Wohlwollen seiner Mitmenschen. Und dieses Wohlwollen verhält sich reziprok zur Dauer der Lebensgeschichte. Wenn der kleine Gott erstmals kräftig in die Windeln scheißt, so ist dies für die wohlgesinnten Mitmenschen ein sensationelles Naturereignis:
»Na so ein großes Haufi, na das glaub’ ich ja nicht. Was in so ein kleines Bauchi alles reingeht, was? Und stinken tut der wie ein großer. Da muss er lachen, was? Tun mir zwei jetzt einmal den Popo machen? Na sicher tun mir zwei jetzt den Popo machen, damit er wieder hübsch ist, gel?«
80 Jahre später. Das was es ist, ist noch immer das Gleiche, das Wohlwollen hingegen nicht:
»Jetzt friss net so vü, wonst das nimma dahoitst, heast. Jetzt hob i scho gnua vom Oaschauswischen. Wüst net endlich amoi ans Sterben denken!«
Das aber nur als sehr drastisches Beispiel, immerhin kann man ja auch jemanden anderen bitten oder dafür bezahlen, dem oft gar nicht so nahen Verwandten den Popo zu reinigen, und das mit ein paar aufmunternden Worten auf den Lippen.
Von Leben umgeben
Prinzipiell gehe ich davon aus, dass alle, die diese Zeilen lesen, leben. Es sei denn, Sie sind soeben vor Schreck, vor Hunger, vor Begeisterung oder vor Lachen gestorben. Obwohl, so lustig war’s ja bis jetzt noch nicht. Wird es auch nicht mehr. Wir leben also beide. Wobei es durchaus sein kann, dass während Sie dieses Buch lesen, die Lebensgeschichte des Autors bereits Geschichte ist, davon möchte ich aber jetzt nicht ausgehen. Wir zwei Hübschen (egal ob nun nackt wie Sie oder bekleidet wie ich) leben aber in einer anderen Realität. Jeder von uns lebt seine Lebensgeschichte in seiner Welt, und der moderne Mensch kann sich heute sehr viele Welten aussuchen, vollkommen unabhängig vom Ort. Selbst in einer natürlichen Umgebung, in einem Wald – auf neutralem Boden sozusagen – macht es einen großen Unterschied, ob man Mountainbiker ist oder Jäger. Zur gleichen Zeit am selben Ort, und doch ganz woanders, in einem Paralleluniversum sozusagen. Oder ein anderes Beispiel: Sie sind mit dem Auto unterwegs (denn da ist man in der Regel öfter, weil es dort so schön ist und viel bequemer als im Wald), dann ist die Geschwindigkeit, mit der Sie unterwegs sind, die einzig richtige, die man zu diesem Zeitpunkt auf dieser Landstraße fahren kann. 94,3 Stundenkilometer. Wenn nun jemand vor Ihnen mit 86,9 Stundenkilometern dahinschleicht, also um 7,4 Stundenkilometer langsamer als Sie, dann ist dieser Jemand für Sie:
• eine fahrende Schikane
• ein alter Trottel
• zu deppert zum Autofahren
• ein Woama (Homo, Schwuchtl, Schwulette) oder
• (falls Sie ein Mann sind) mit Sicherheit einmal eine Frau
Sollten Sie, an derselben Stelle dieser Landstraße, mit der einzig richtigen Geschwindigkeit von 86,9 Stundenkilometern unterwegs sein und dabei von einem anderen Fahrzeug mit einem Geschwindigkeitsüberschuss von 7,4 Stundenkilometern überholt werden, dann ist die Person in dem Fahrzeug:
• eine Gemeingefährdung
• ein verantwortungsloser Raser
• offenbar »schwa augsoffn« (alkoholisiert)
• mit Sicherheit (falls Sie ein Mann sind) keine Frau
• dem gehört der Führerschein sofort entzogen
• und der »Komplexler« hat sicher ein zu kleines »Zumpferl« (Penis)
Ihr Weltbild könnte nun durcheinander kommen, wenn in dem an Ihnen vorbeiziehenden Fahrzeug Gery Keszler oder, noch schlimmer, eine Nonne am Steuer sitzt. Aber ganz egal in welcher Realität das Individuum sich gerade befindet, wir sind immer von Leben umgeben. Manches offensichtlich, wie Tiere oder Pflanzen, und anderes für unser Auge nicht erkennbar, weil unser Auge als für uns wichtigstes Sinnesorgan nur acht Prozent der Schwingungen, die sich um uns befinden, in ein Bild umwandeln kann. Wobei, umgewandelt wird das gelieferte Bild erst durch unser Gehirn. Das Auge selbst wandelt nicht, das schaut bloß blöd. Den Rest, stolze 92 Prozent, sehen wir nicht. Einiges riechen wir, oft unangenehmerweise, anderes hören wir, auch oft unangenehmerweise (Radio zum Beispiel). Von den sichtbaren acht Prozent bleibt uns aber auch noch einiges verborgen, all das, was wir zwar technisch sehen können aber nicht sehen wollen. Wie zum Beispiel die Wahrheit. Man kann uns also mit Recht als durchaus betriebsblind bezeichnen. Wobei die Wahrheit letztlich nur das ist, woran die Mehrheit von uns gerade glaubt oder glauben soll.
Das heißt, wir haben die Gabe, Dinge, die da sind, ganz einfach nicht zu sehen. Nicht nur, weil wir sie nicht sehen wollen, auch weil wir es nicht können. Als Beispiel seien hier die Mikroorganismen genannt. In einer Handvoll Ackerboden leben einige Milliarden Bakterien, deren Leben aus unserer Sicht natürlich nicht wirklich spannend aber dafür wenigstens kurz ist. Schlimm hingegen muss ein fades aber langes Leben sein. Da gibt’s ja auch viele Beispiele, auch prominente. Selbst der Mount Everest hat zwar ein langes aber durchaus langweiliges Leben. Er selbst hat ja reichlich wenig davon, der höchste Berg der Welt zu sein. Vielmehr hätte er als kleine Erhebung in dem an der Landesgrenze zwischen Niederösterreich und dem Burgenland gelegenen Leithagebirge ein ruhigeres Leben. Zumindest wäre er keine Müllhalde geworden und hätte sich zahlreiche Bezwingungen erspart. Jetzt können Sie mit Recht behaupten: »Na Moment einmal, das ist jetzt aber wirklich ein bisserl weltfremd. Ein Berg lebt nicht, haben Sie in der Schule nicht aufgepasst, Herr Düringer? Tote Materie! Ein Haufen Steine, da lebt nichts!«
Nun ja, Ansichtssache, würde ich jetzt einmal sagen. In von uns so gerne als »primitiv« bezeichneten Kulturen war es selbstverständlich, dass alles in der Natur belebt und beseelt ist. Alles trägt einen Geist in sich, und mit diesem kann man falls erforderlich auch kommunizieren. Naturverbunde Kulturen, wie zum Beispiel die allseits bekannten Indianer, sprechen mit Bergen, dem Wasser und sehen im Feuer die Dämonen tanzen. Nun gut, tanzende Dämonen im Lagerfeuer sind schon ein wenig weit hergeholt. Da leben ja wir beide Gott sei Dank in einer anderen Zeit, der Zeit der Naturwissenschaft, fernab von jedem Aberglauben. Der moderne Mensch weiß nun, was Sache ist, wir sind in unserer Entwicklung und in unserem Wissen so weit wie noch niemals zuvor in unserer Menschheitsgeschichte, die größten Rätsel der Menschheit scheinen gelöst, und doch stehen wir möglicherweise knapp vor einem Quantensprung in unserer geistigen Entwicklung. Quantensprung im wahrsten Sinn des Wortes, vor allem in der Physik. Quantenphysiker kommen allmählich zu folgendem Schluss:
Die Indianer lagen gar nicht so falsch
So gesehen hätten die Eroberer sie ja damals einfach nur fragen müssen, anstatt sie abzuschlachten, aber wir haben es uns wieder einmal lieber rechnerisch bewiesen, als altem Wissen vertraut. Wir können nicht ausschließen, dass Berge ein Bewusstsein haben, vielleicht sogar Bewusstsein sind. Leben Steine nun, oder nicht? Zumindest schwingen sie, will man der populärwissenschaftlichen Quantenmechanik glauben. Steine sind möglicherweise keine feste Materie, sondern lediglich elektromagnetische Schwingungen, die eine Form angenommen haben. So gesehen leben auch Berge. Auch dieses Buch in Ihren Händen lebt vielleicht, also seien sie nett zu ihm.
Blicken Sie sich ein wenig um, werfen Sie einen Blick aus Ihrem Fenster …

… und erzählen Sie mir bloß nicht, dass Sie vor sich eine Wand sehen. Denn dann sind Sie wirklich von gestern, dann sind Sie nicht am neuesten Stand der Wissenschaft.
Das ist fein, wenn wir das alles wissen oder zumindest zu wissen glauben. Etwas zu wissen ist toll, ändert aber nicht immer etwas. Natürlich ist es beeindruckend, dass wir unseren Planeten, nach vielen tausenden Jahren der Unwissenheit, endlich als Kugel wahrgenommen haben und erkennen durften, dass sich die Erde um die Sonne dreht, aber für mich ist dieses Wissen nicht von sonderlicher Bedeutung. Ob Sie es glauben oder nicht, in meinem Garten geht die Sonne im Osten auf, steigt hoch Richtung Süden und geht im Westen wieder unter. Und mein Garten bewegt sich dabei keinen Millimeter. Wie gesagt, alles ist Ansichtssache.
Wie auch immer, wir sind jedenfalls von Leben umgeben. Und all das Leben um uns, ob Tiere, Pflanzen, Steine oder Bücher, haben aber eines gemeinsam: Sie machen sich keine Gedanken über das Leben, sie leben einfach. Nur eine einzige Spezies hat nichts Besseres zu tun, als sich ständig Gedanken über das Leben zu machen. Der Homo sapiens. Der weise Mensch.
Was ja schon von der Bezeichnung her eine grobe Themenverfehlung ist, wie ja jeder an sich selbst erkennen kann. Und diese ständigen Gedanken ums eigene Leben sind ganz schön anstrengend. Damit meine ich nicht die kreativen, schaffenden, schöpferischen Gedanken, ich spreche von Gedanken, die sich ständig im Kreis drehen. Noch dazu machen wir uns ja meistens nicht einmal Gedanken ums eigene Leben, vielmehr beschäftigen wir uns mit dem Leben der anderen (Prominenten, Politikern, Nachbarn, Ausländern, Andersgläubigen et cetera), um damit ein wenig von der eigenen Lebensgeschichte abzulenken. Wir laufen mit einer lärmenden Maschine im Kopf herum und verstehen nicht, weshalb wir nicht zur Ruhe kommen. Verrückt, oder? Apropos: Kennen Sie Verrückte? Und damit meine ich nicht verrückt im positiven Sinn, sondern offensichtlich Wahnsinnige.
Die Wahnsinnigen
Zumeist werden Wahnsinnige ja weggesperrt, zu unserem aber auch zum eigenen Schutz. Doch hin und wieder entkommen sie aus dem Schutz der Anstalt und man trifft sie in der freien Wildbahn. In Städten, welche als Lebensraum den Wahnsinn begünstigen, öfter als am Land. Dann sitzt so ein Wahnsinniger plötzlich in der U-Bahn und spricht in einer Lautstärke, als wäre er allein auf der Welt. Damit meine ich nicht die penetranten Mobiltelefonbenutzer, obwohl dies durchaus auch ein Hinweis auf eine milde psychische Störung ist, ich spreche von offensichtlich Wahninnigen, ohne technisches Gerät am Ohr oder in der Hand, die mit ihrem unauförlichen Redeschwall die Aufmerksamkeit auf sich lenken und damit für Unsicherheit und teilweise auch Angst im öffentlichen Raum sorgen. Zumal die Worte deutlich auf eine massive psychische Störung hinweisen:
»Diese Hitze, ein Wahnsinn, jetzt reicht’s schon wieder. Der heißeste Juli seit Jahren. Und es bleibt auch so heiß, haben sie gesagt. Ich brauch’s nicht, diese Hitze … Scheiße, jetzt hab’ ich den Erlagschein daheim liegen lassen. Ich Trottl, ich! Das gibt’s doch nicht, bitte! Ich leg’ mir den Erlagschein noch extra aufs Vorzimmerkastl, damit ich ihn nicht vergiss … so eine Hitze, und der Gestank in der U-Bahn, waschen sich die eigentlich nicht? … Und jetzt stopfen wir wieder den Griechen die Milliarden in den Rachen, wobei, was heißt den Griechen? Die sehen das Geld ja nicht einmal, das kassieren eh nur die Banken … ich Trottel, ich, lass’ doch glatt den Erlagschein liegen von der Versicherung. Leg’ ihn mir extra noch hin und dann lass ich ihn liegen … eh schon wieder teurer geworden, die Versicherung. Indexanpassung, diese Schweine … die werden sich noch so lange spielen, bis sich die Griechen mit die Russen auf ein Packl schmeißen, na und dann gute Nacht … so eine Hitze, und im August, wenn ich Urlaub hab’, regnet’s dann sicher wieder … wie man nur so blöd sein kann, leg’ mir den Erlagschein noch extra hin, ein Hirn wie ein Nudelsieb … die sitzen ja auf Gas, die Griechen, und das wollen die Amerikaner sicher haben, das wird sich der Russ’ aber nicht gefallen lassen, so schaut’s aus … jetzt hätt’ ich fast ein bissl an Hunger, obwohl bei der Hitz’ soll man eh nicht so viel essen … ein Eis vielleicht … ich bin eh schon wieder viel zu blad … jetzt krieg’ ich sicher eine Mahnung wegen der Versicherung … eigentlich eh nur mehr Ausländer in der U-Bahn, das haben wir übersehen, das haben sie wirklich übersehen, die Politiker, und jetzt ham mas … und ich Trottl lass den Erlagschein liegen … na, ein kleines Eis, oder?«
Also offensichtlich ein vom Wahnsinn zerfressenes Gehirn, gefangen in der Schleife eines endlosen Redeschwalls. Und hier wird der Unterschied zwischen einem psychisch kranken Individuum und Ihnen selbst sehr deutlich.
Der Wahnsinnige sagt es, Sie aber denken es sich nur. Wahnsinn ist also oftmals nur ein Lautstärkeproblem. Aber wir haben ja gottlob die Möglichkeit, die lärmende Denkmaschine in unserem Kopf abzuschalten. Entweder durch Meditation oder noch einfacher mit einem Knopfdruck.
Durch einen einfachen Druck auf die TV-Fernbedienung können wir jemanden anderen für uns denken lassen, bis die Gedanken des anderen schließlich zu unseren eigenen Gedanken werden. Kabelloser Datentransfer sozusagen. Das lenkt dann nämlich vom eigenen »Leben« ab, und wir beschäftigen uns dann mit dem »Leben« anderer, das meistens toller oder beschissener als unseres ist. Was man nicht im TV sehen wollte, wäre die Verfilmung des eigenen »Lebens«. Das wäre schlicht zu langweilig.
Und indem wir einen großen Teil unserer Zeit damit verbringen, übers Leben nachzudenken, vergessen wir dabei oft zu leben. Begeben uns gedanklich in eine fiktive Welt, namens Zukunft oder Vergangenheit. Das heißt, wir sind geistig gar nicht da. Drum fragt der Kasperl ja immer: »Seid ihr alle da?« Nicht weil er schlecht sieht oder eine Anwesenheitsliste hat, sondern er fragt die Kinder, ob sie alle im »Dasein«, im Jetzt sind oder mit ihren Gedanken noch irgendwo herumfliegen. Sind Sie noch da? Oder fliegen Ihre Gedanken gerade herum, sind Sie schon knapp vorm Einschlafen, verlieren Sie die Zeilen, verschwimmen die Buchstaben, oder lesen Sie diesen Satz bereits zum zweiten oder dritten Mal? Verlieren Sie die Zeilen, verschwimmen die Buchstaben, oder lesen Sie diesen Satz bereits zum zweiten oder dritten Mal? Verlieren Sie die Zeilen, verschwimmen die Buchstaben, oder lesen Sie diesen Satz bereits zum zweiten oder dritten Mal?
Ganz schön anstrengend, ständig über »das Leben« nachzudenken. Das kostet Energie. Energie, die letztendlich dem Leben geraubt wird. Daher mein Vorschlag: Wir hören jetzt gemeinsam auf, über »das Leben« nachzudenken und werden den Rest dieses Buches ganz einfach nur miteinander leben …
Zehn Seiten einfach nur Leben










Wie ist es Ihnen mit den leeren Seiten ergangen? Haben Sie sie genossen, in ihnen den Raum, den es zu füllen gibt, erkannt? Oder haben Sie sie rasch überblättert und nach einem beschriebenen Blatt gesucht? Ärgern Sie sich, dass Sie für leere Blätter Geld bezahlt haben, oder haben Sie die leeren Seiten genutzt, um zu leben? War es Ihnen möglich, die Stille zu genießen, gegenwärtig zu sein? Oder hat Ihr Verstand nach dem Sinn von leeren Seiten in einem Buch gefragt? Fragen Sie sich manchmal nach dem Sinn? Sind Sie auf der Suche nach Ihrer Bestimmung? Vielleicht wäre es einfach an der Zeit, sich auf einen Stein zu setzen und die vorüberziehenden Wolken zu beobachten.


Diese Sätze stammen zugegeben nicht von mir, sie stammen von einem nicht unbedingt klugen und weitsichtigen aber durchaus cleveren Mann, Nestlé-Konzernchef Peter Brabeck-Letmathe. Und der weiß natürlich, wie gut es allen Menschen auf diesem Planeten geht und dass es daher keinen rationalen Grund zur Traurigkeit gibt.
Tschuldigen Sie, Herr Düringer, darf ich kurz stören?
Ist schon passiert …
Mein Name ist Eugen Prehsler. Verzeihung, wenn ich mich da so einfach in Ihr Buch einmische, aber ich bin grundsätzlich schon der Meinung vom Chef von Nestlé.
Aha. Wie dieses? Besitzen Sie Nestlé-Aktien, Herr Prehsler? Haben Sie vor, ins Trinkwassergeschäft einzusteigen?
Nein, nein, aber im Ganzen betrachtet geht es dem Menschen schon besser als früher.
Jetzt sind’S aber schon ein bisschen weltfremd, oder?
Glaub’ ich nicht. Zumindest nicht in diesem Punkt. Allerdings ist es schon eine Frage, wonach wir das bewerten und auch, für wen das gilt. Nur generell: Die guten alten Zeiten waren meistens gar nicht so gut und vor allem: Sie sind vorbei. Ich sehe viele Fragen und Probleme im Heute, von denen ich die wenigsten beantworten und lösen kann. Aber ich sehe auch Entwicklungen, die mir gefallen, weil sie der Menschheit dienen. Auch und gerade bei der Ernährung.
Der Biotrend verstärkt sich immer mehr, vegetarisch und vegan sind für einen Gastronomen mittlerweile fast unumgänglich. Auf dem Wiener Genussfestival oder auf den vielen Märkten findet man jede Menge kleine Produzenten von wirklich guten Lebensmitteln. McDonalds hat den neuen Marktanforderungen mit seinem Salatangebot schon entsprochen und es gibt sogar schon grüne Mäkkis. Gerade aktuell bringt IKEA neben seinen legendären Köttbullar die vegetarische Variante Grönsaksbullar. »Dies ist der erste Schritt, eine größere Auswahl an gesünderen und nachhaltigen Lebensmitteln anzubieten«, tönt es dazu aus der IKEA-Zentrale.
Wenn etwas aus einer IKEA-Zentrale tönt, wäre ich schon auf der Hut, Herr Prehsler. Die wollen Profit machen.
Da bin ich ganz bei Ihnen. Aber es tut sich viel in die richtige Richtung. Mehr kann es immer sein und schneller auch. Und jede und jeder von uns kann seinen Beitrag dazu liefern. Also fast jeder. In manchen meiner Lebensbereiche und in vielen meiner Lebensdetails zähle ich sicher zu den braven Systemtrotteln, wie Sie uns ja gerne bezeichnen, Herr Düringer. Ich hab’ genug in meinem Leben falsch gemacht, einiges davon bereinigt und mache dafür jetzt wieder einiges falsch. Ich bin nirgends ein Experte – sonst würden Sie mich wohl gar nicht hier schreiben lassen –, aber ich beschäftige mich beruflich und privat sehr viel mit der Frage: »Woher nimmt eine Gesellschaft ihre Energie?« Die braucht’s ja, um die großen Aufgaben zu bewältigen. In Europa fehlt mir diese Energie zu oft. Das hat mit Selbstwert und Identität zu tun. Mein Befund lautet: Wir sind fast alle UNTERliebt.
UNTERliebt, Herr Prehsler?
Ja, Herr Düringer. Das ist ein von mir erfundenes Wort. Es heißt nichts anderes, als dass viele von uns zu wenig Liebe bekommen, dass sie uns bewusst vorenthalten wird und dass wir mehr davon verdienen. Wir sind mehrheitlich Selbstwertflundern, die einen hohen Fremdwert haben. Irgendwie gehören die meisten von uns jemand anderem. Stellt sich die Frage: Wer hat uns so gemacht, wer ist dieser andere, und wem nutzt das?
Schließlich kamen wir alle als kleine Götter zur Welt, wenn ich Sie zitieren darf. Davon haben wir uns doch ziemlich weit entfernt. Darüber schreib’ ich übrigens gerade ein Buch.
Sie schreiben ein Buch, aha. Das ist lustig, ich schreibe nämlich auch gerade ein Buch. Wie wird Ihr Buch heißen?

Das klingt ein wenig nach einer Mischung aus technischem Fachbuch und Lebensratgeber. Was ist das für eine Formel, dieses 
Ich rede sehr gerne über die Formel und das UNTERliebt-Sein. Ich schreib’ ja sogar drüber. Wie und von wem an unserem Selbstwert gebastelt wird, damit wir einen möglichst großen Fremdwert haben. Aber ich möchte Sie und Ihre Leserschaft nicht länger stören.
Nein, nein, Sie stören nicht. Aber wenn es uns, wie Sie meinen, grundsätzlich immer besser geht, wo kommt dann diese diffuse Traurigkeit her, Herr Prehsler? Meinetwegen diese große UNTERliebe. Können Sie das mir und meiner nackten Leserschaft, und vor allem, können Sie sich das selbst erklären?
Möglicherweise handelt es sich dabei um ein mathematisches Problem. Genau dafür hab’ ich ja meine Formel entwickelt. Lieber Leser, liebe Leserin – darf ich dir meine Formel vorstellen? 
Sie sind oft beim IKEA, oder?
Wieso?
Sie duzen meine Leserschaft?
Ja. Sie nicht?
Nein.
Sie können ja beim Sie bleiben, wenn Sie diese Distanz brauchen. Also ich stelle dir, lieber Leser, liebe Leserin, kurz meine Todes- oder eben auch Lebensformel vor.

Setze in die folgende Gleichung deine Werte ein, wobei wir der Einfachheit halber LG mit zehn annehmen (das ist völlig willkürlich – für die, die jetzt zu überlegen angefangen haben, wieso 10?):
L steht übrigens für LIEBE.
Was hast du gedacht?
Und was hast du bei G, E und F vorzuschlagen?

Schreib ruhig deine Zahlen da rein, ist ja dein Buch!
Herr Düringer, ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn Ihre Leser in diesem Buch herumkritzeln.
Überhaupt nicht, aber wenn es möglich wäre, bitte nur mit Bleistift, falls jemand anderer dieses Buch sich von Ihnen ausborgen sollte. Aber was genau soll man hier eintragen, Herr Prehsler?
Wenn du dich selbst nicht sehr magst, dann setze zum Beispiel bei LE eine Zwei oder eine Drei ein (bei null oder eins bist du eh schon im psychischen Koma). Wenn du auch von anderen nicht sehr gemocht wirst – zum Beispiel von deinen Eltern oder deinen Kindern – sagen wir zum Beispiel nur im Ausmaß von 3, dann schaut deine persönliche Liebesgleichung zum Beispiel so aus:
10 = 2 + 3
Was natürlich mathematisch ein Schwachsinn ist. Und im Leben auch. Aber es trifft eine klare Aussage:
10 ≠ 5, und du bist um fünf unterliebt.
Du bist um fünf UNTERLIEBT !
Sag, gefällt dir das Wort? UNTERLIEBT? … Ich bin echt stolz drauf, dass ich es erfunden habe. Ist so richtig schön klar und einfach und so richtig ungut.
Weil dieses UNTERLIEBT-Sein nämlich ganz schön weh tut und auf den Selbstwert und damit auf die Lebensenergie geht!
Kein Mensch weiß wirklich, was Liebe ist.
Aber sie soll schön sein. Nein, sie IST schön!
Und kein Mensch kann diese Liebe gesamt-mathematisch wirklich definieren.
Aber eines sollte schon klar sein: Je geringer deine Eigenliebe ist, umso mehr Fremdliebe brauchst du. Und genau da werden wir alle in unterschiedlichem Ausmaß ausgehebelt, manipuliert und missbraucht.
Schauen wir uns die Logik in der Gleichung noch einmal an:
10 = sagen wir Eigenliebe 2, und dann bräuchtest du logischerweise Fremdliebe 8, damit du die notwendige Menge Liebe gesamt bekommst.
Leute, Leute – das ist die große Abhängigkeit ! Und das macht traurig!
Danke, Herr Prehsler, eine durchaus plausible Erklärung. Und davon handelt dann Ihr Buch?
Ja, und von Wertschöpfung durch Wertschätzung und wie man mit Liebe den Gewinn maximieren kann. Das geht allerdings oft zu Lasten unseres Glückes und tut uns nicht immer gut. Da ist dann halt ein anderer glücklich. Wie wir uns selbst und auch unsere Kinder rekonstruieren können und unter anderem auch, wieso »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« so ein gefährlicher Satz ist und ob Jesus das wirklich konsequent zu Ende gedacht hat.
Herr Düringer, ich darf mich bei Gelegenheit wieder zu Wort melden und mich in Ihr Buch einschreiben?
Wenn’s passt, gerne. Und schicken Sie mir eines Ihrer Bücher. Manches in Ihrem Buch klingt ja, als hätte ich es geschrieben.
Gleich und gleich gesellt sich eben gerne. Nicht dass wir jetzt gleich wären, aber ich glaube, dass Sie, Herr Düringer, und ich uns Ähnliches wünschen, uns Ähnliches antreibt und ich nebenbei auch manchmal als »weltfremd« wahrgenommen werde.
Die Affen erheben sich
Vielleicht rührt die allgemeine Unzufriedenheit und Traurigkeit neben mangelnder Selbstliebe auch daher, dass unsere Zeit sich immer mehr zur Gegenzeit entwickelt. Falls Sie den Begriff Gegenzeit jetzt zum ersten Mal hören, dann liegt es daran, dass ich ihn jetzt erst erfunden habe. Das Gegen- oder auch Antizeitalter hat so Dinge wie Anti-Faltencremes, Anti-Aging-Diäten, Anti-Terroreinheiten, Anti-Babypillen, Anti-Raucherkampagnen, antibakterielle Mundwässer und natürlich Antidepressiva hervorgebracht.
Die man ja braucht, wenn man in einer Zeit, die gegen alles ist und gegen alles ein Mittel hat, leben muss. Unsere Mundwinkel hängen oft schon nach dem morgendlichen Erwachen bis zu den Fersen hinunter, weil uns wieder ein harter Kampf bevorsteht. Kein Überlebenskampf in dem Sinn, sondern ein Kampf gegen alles, wo man dagegensteuern muss. Kampf gegen Krankheiten, Kampf gegen Drogen, Kampf gegen den Klimawandel, Kampf gegens Unkraut. Kampf gegen den Hunger, Kampf gegen die Armut, Kampf gegen den Terror, Kampf gegen den Faschismus … und alle diese Kämpfe haben wir bis jetzt nicht gewonnen und werden wir auch nicht. Nicht mit heruntergezogenen Mundwinkeln und einem »Antileben« gegen das Leben. Nicht mit einem Denken, dass noch immer Konkurrenz präferiert und Kooperation verweigert. Warum gegeneinander?
Liegt es daran, dass es bei »Früher«, ganz oben, am Beginn unserer Geschichte mit einem beinharten Konkurrenzkampf begonnen hat? Das ist nicht wissenschaftlich belegt, könnte sich aber ähnlich zugetragen haben.
Die Geschichte der Menschheit begann mit einer ziemlichen Katastrophe. Vor mehreren Millionen Jahren zerbrach ein ganzer Kontinent: Afrika (hatte also offenbar schon zu Frühzeiten die Arschkarte gezogen). Ja, und wenn so ein Kontinent zerbricht, dann tut sich was, keine Frage. Die Erde speit Feuer, der Himmel verdunkelt sich, das Klima verändert sich, die Vegetation geht zurück, die Bäume sterben. Die Affen hatten aber schon immer auf den Bäumen gelebt, denn dafür sind sie ja gebaut. Wenn nun die Bäume weniger werden, ist es klar, dass da ein ziemlicher Konkurrenzkampf um die besten Plätze auf den Bäumen entsteht. Und wie es in der Natur nun einmal so ist, die kräftigen, intelligenten, überlebensfähigen Affen blieben oben und haben die patscherten und dümmlichen Affen ganz einfach von den Bäumen geworfen und ins Steppengras verbannt. Zorn, Frust und Missgunst darüber waren nun ständige Begleiter der Heruntergetretenen: »Es glaubts a, nua weus stärka und gscheida sats, sats wos Bessas. Oba woats nur, irgendwoan kummt unsa Zeit und doan sperr ma eich in Zoo.« Ja, und so zogen die heruntergetretenen Affen in der Hoffnung auf späte Rache durchs Steppengras. Einer von ihnen, ein etwas älterer und unter den nicht allzu Klugen ein etwas Klügerer, hatte aufgrund seiner ständig gebückten Haltung unter ständigen Kreuzschmerzen zu leiden. Um den Rücken zu entlasten, richtet er sich hin und wieder auf, um sich zu strecken. Dabei blickt er über das Steppengras und sieht vor sich die weite Welt und staunt, was es da jenseits vom hohen Gras zu sehen gibt.
Der erste Affe hatte sich aufgerichtet, und er sah unbeschreibliche Dinge. Nun stand er also aufrecht da … und bereits wenige Minuten später war er vom Säbelzahntiger gefressen, denn der aufrechte Affe sah nicht nur, er wurde auch gesehen. Jedenfalls war es einmal ein erster Versuch, und ein Anfang war getan. Dann dauerte es schon noch einige Zeit, bis die Steppengras-Affen so weit waren, dass sie aufrecht gehen konnten und nicht vom Säbelzahntiger gefressen wurden. Hunderttausende wenn nicht sogar Millionen Jahre.
Manche Dinge brauchen eben Zeit, man glaubt es kaum. Zeit ist ja heute Mangelware, sie ist knapp, und unser Leben ist oft ein Kampf mit und natürlich gegen die Zeit. Schauen Sie doch selbst einmal auf die Uhr, wie spät es schon wieder geworden ist. Sie und ich, wir beide haben die Uhr …
Der Neandertaler hatte die Zeit
Und die war aus heutiger Sicht nicht lang. Der durchschnittliche Neandertaler, damit mein’ ich nicht den Herrn Neandertaler, sondern die Gattung, also Herrn und Frau Neandertaler, die NeandertalerInnen (dieses Buch enthält auch keine Allergene und ich hoffe, dass Sie so wie ich ein Mensch mit besonderen Bedürfnissen sind, auch wenn Ihre Mobilität fallweise, insbesondere im Stau, eingeschränkt ist und sie dadurch behindert werden), der Neandertaler starb im zarten Alter von 25. Und jetzt haben Sie natürlich fast ein wenig Mitleid mit dem armen Neandertaler, denn nach nur 25 Lebensjahren wieder den Löffel abgeben zu müssen ist wahrlich keine rosige Zukunftsaussicht. Wobei das ja alles relativ ist, wie wir ja in der Schule gelernt haben. Zwei Stunden sind bekanntlich nicht zwei Stunden. Zwei Stunden und zwei Stunden können etwas ganz Unterschiedliches sein. Zwei Stunden Wurzelbehandlung kommen einem subjektiv länger vor als zwei Stunden orgiastischer Sex mit seinem Traumpartner. Geben Sie mir recht? Oder müssen Sie jetzt erst einmal überlegen? Fehlen Ihnen da vielleicht die Erfahrungswerte? Na ja, es kann ja sein, dass Sie noch nie in Ihrem »Leben« eine Wurzelbehandlung erleben durften. Aber vielleicht ist dieses Beispiel auch etwas an den Haaren herbeigezogen. Eine Wurzelbehandlung dauert in der Regel keine zwei Stunden, es sei denn, der Zahnarzt führt diese zum ersten Mal in seiner Karriere durch oder er ist schwer betrunken. Und zwei Stunden orgiastischer Sex reduziert sich in der Praxis oft darauf, fünf Minuten gegen das Einschlafen zu kämpfen und dabei fernzusehen. Was nicht heißt, dass es zwei Stunden orgiastischen Sex nicht gibt. Den gibt es sehr wohl – im Internet, zum zuschauen.
Wir gehen also davon aus, dass der Neandertaler ein kurzes aber dafür ein furchtbar beschwerliches Leben geführt haben muss. Was aber möglicherweise so nicht stimmt. So hat der Neandertaler nur zwei Stunden am Tag für seinen Lebensunterhalt aufringen müssen. Fürs Jagen und Sammeln. Der Rest vom Tag war Freizeit. Die Neandertaler haben den Rest des Tages gegessen, was sie gejagt oder gesammelt haben, haben unter einem Baum geruht, sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, sind schwimmen gegangen, haben die Wolken beobachtet, den Vögeln gelauscht, mit dem Nachwuchs gespielt, stundenlang ins Lagerfeuer gestarrt, sich mit legalen Drogen, wie Fliegenpilzsuppen, weggeschossen, gefickt wie die Karnickel und regelmäßig den Sexualpartner getauscht. Dabei haben sie aber niemals nach dem Sinn gefragt oder ihr Tun in Frage gestellt. Jetzt einmal ehrlich, klingt das nach einem beschwerlichen Leben? Oder kommt Ihnen das gar von irgendwo bekannt vor? Klingt das nicht ein wenig nach Ihrem letzten Cluburlaub? 25 Jahre »Magic Life, All inclusive« sollten eigentlich reichen. Das kann ein durchaus »gutes Leben« sein und dabei nicht wirklich zu kurz.
Für mich hört sich das auf jeden Fall besser an, als 13 Jahre Angst in der Schule, 45 Jahre beinhartes Berufsleben und dann 20 Jahre von einem Arzt zum anderen laufen zu müssen und zu hoffen, dass das alles bald vorbei ist. Das ist natürlich auch ein Lebenskonzept, meines wäre es nicht. Zwei Stunden täglich für seinen Lebensunterhalt aufringen zu müssen: Wer schafft denn das heute noch? Ich. Sonst fällt mir auf die schnelle keiner ein. Fällt Ihnen jemand ein, Herr Prehsler?
Konkret nicht, Herr Düringer. Und das mit nur zwei Stunden am Tag hackln glaub ich Ihnen auch nicht so ganz. Aber ich denke, dass eine Gesellschaft mit insgesamt weniger Arbeitsstunden eine gute und auch machbare wäre.
Prehslers Tag hat 23 Stunden
Was meinst du, lieber Leser, liebe Leserin? Nicht gleich von einem Tag auf den anderen, aber was wäre, wenn wir – also unsere Gesellschaft halt – in 50 Jahren täglich so über den Daumen gepeilt:
• sieben Stunden schlafen
• zwei Stunden gut und gesund kochen und in Gesellschaft essen
• zwei Stunden Bewegung und Köperpflege machen
• vier Stunden arbeiten, meinetwegen täglich
• eine Stunde irgendwohin fahren, zum Beispiel fließend in und von der Arbeit
• zwei Stunden das »Notwendige« machen, also Einkaufen, Zsammräumen, Sex haben und Ähnliches -
• zwei Stunden nix machen …
• … dann bleiben doch pro Tag noch immer
• drei Stunden für Inspiration, welcher Art auch immer, und mit oder ohne Kinder.
Wie klingt das in deinem Ohr?
In dieser wunderbaren Welt hätten wir dann die 28-Stunden-Arbeitswoche … und übrigens den 23-Stunden-Tag, ich hab’ eine Stunde im Talon belassen. Die Kinder könnten also sogar eine Stunde länger schlafen oder sich aufs Häusl setzen – und vielleicht lesen oder aber auch eine Stunde länger arbeiten, wenn ihnen sonst nix einfällt und fad wird. Dann hätten wir die 35-Stunden-Arbeitswoche.
Da ist sicher irgendwo ein Denkfehler von mir drinnen, ich hab’ ihn nur nicht gefunden.
Die Zeit haben die meisten jetzt schon. Wir vergeuden sie nur in einem unfassbaren Ausmaß mit sinnlosen Gesprächen und Handlungen.
Glaubst du, ginge es unseren Kindern besser mit so einem Tag als dem üblichen heutigen?
Glaubst du, hätten wir dann eine bessere oder schlechtere Wirtschaft?
Angesichts der Tatsache, dass die gesamte Gesellschaft auf einem viel höheren Niveau daherkommt?
Ich bin davon überzeugt, dass im Schnitt 20 Stunden ausreichend sein müssten, um sich ein solches Leben leisten zu können.
Ich glaub’ fest daran, dass 20 Stunden ausreichen können, damit Menschen ihr Recht auf einen gesunden Körper, einen gesunden Geist und eine gesunde Seele einlösen können.
Nur sollten wir unter anderem jetzt schon damit anfangen aufzuhören (anfangen aufzuhören … so etwas gefällt mir), auf die 38,5 Stunden noch ein paar Stunden unbezahlt oder pauschaliert draufzusetzen. Vielleicht geht es ja der Wirtschaft gut, aber uns in Summe als Gesellschaft sicher nicht. Und ich halte das übrigens für Arbeitszeitdiebstahl. Nein, nicht – oder nicht nur – vom Unternehmen an dir, sondern von dir an den anderen Arbeitsuchenden.
Würdest du deinen Kindern oder halt den nächsten Generationen so ein Leben, so eine wunderbare Zeit gönnen? Oder bist du es ihnen neidig?
Du gönnst es ihnen schon, aber du glaubst nicht daran?
Nicht, weil die Wirtschaft das nicht zuließe, sondern weil die Menschen selbst mit so viel Zeit nichts anzufangen wüssten? Wahrscheinlich hast du recht.
Aber ich bin stur: Wenn ich aus einem Zwölfjährigen einen Komasäufer machen kann, dann kann ich aus dem gleichen Zwölfjährigen auch einen interessierten Menschen machen, der offen fürs Leben ist!
Wenn ich Menschen zu Konsummaschinen machen kann, dann kann ich sie auch zu Denkindividuen konstruieren. Es ist immer nur die Frage, wer was für wen will.
Ein guter Job, Haus, Auto, keine Zeit, viel Stress, teure Status-Symbole, nervige Kinder, All inclusive-Urlaub …
… oder vielleicht doch ein gutes Leben? In einer wunderbaren Welt?
Danke, Herr Prehsler, das hört sich gut an. Es wäre wohl wieder einmal an der Zeit für ein gesellschaftliches Update. Nicht zurück ins Neandertal oder wieder zurück auf die Bäume. Vergessen Sie auch diesen »Früher war alles besser«-Schmarrn, die Mär vom edlen Wilden, darum geht es überhaupt nicht. Was wissen wir schon über den Neandertaler? Letztlich nur, dass das »Leben« des modernen Menschen auch nur eine Updateversion eines Neandertalerlebens ist. Wobei ein Update ja eigentlich eine verbesserte Version sein sollte, außer man ist Windows-User. Die Hardware, das, was das Leben kennzeichnet, ist aber die gleiche geblieben.
– Geburt
– Heranwachsen
– Nahrungsaufnahme
– Fortpflanzung
– Krankheit und schließlich der
– Tod
Mit diesen sechs elementaren Themen musste sich auch der Neandertaler auseinandersetzen.
Es sind ewig gültige Lebensthemen und mit diesen werden wir uns im Folgenden im Detail beschäftigen. Womit wollen wir anfangen? Ich würde vorschlagen: der Chronologie wegen mit der Geburt, dem Anfang sozusagen. Wobei die Geburt bei genauerer Betrachtung ja nicht der Anfang ist, sondern lediglich ein Ortswechsel. Wenn Sie morgens außer Haus gehen, bedeutet dies nicht, dass jetzt der Tag anfängt.
Kapitel 2 – GEBURT
Sie waren ja vor Ihrer Geburt schon da
Allerdings waren Sie drinnen, geborgen im Leib Ihrer Mutter. Neun Monate lang war Ihre äußere Welt die innere Welt Ihrer Mutter. An diese Zeit können Sie sich selbstverständlich nicht mehr erinnern. Warum eigentlich selbstverständlich? So selbstverständlich ist das gar nicht, denn Sie hatten ja bereits ein Gehirn, bevor Sie das Licht der Welt erblickten. Das Erste, was sich nach der erfolgreichen Befruchtung einer Eizelle entwickelt, ist ein Gehirn, eine Steuereinheit, die alle weiteren Vorgänge und Entwicklungen lenkt. Ohne Gehirn keine Hände, keine Füße, kein Herz, kein Schwanz, kein Popoloch. Wir wären zu dumm zum Scheißen. Wenn man dann einmal schon recht gut scheißen kann, dann braucht man sein Hirn nicht mehr so oft zu verwenden. Nachdem Sie also in Ihrer embryonalen Phase bereits ein funktionierendes Gehirn hatten, hatten Sie auch die theoretische Möglichkeit zu denken und sich bereits im Mutterleib sinnlose Fragen zu stellen:
»Gibt es eigentlich ein Leben nach der Geburt? Angeblich kommt zuerst ein enger Tunnel, dann ein grelles Licht und dann steht man vor ›dem Mutter‹. Was auch immer der Mutter ist. Vielleicht ist aber nachher auch gar nichts, man weiß es nicht, denn zurückgekommen ist jedenfalls keiner mehr.«
Aber ganz egal, was auch immer Sie sich im Mutterleib dachten, es ist Ihnen dabei gut gegangen, denn Sie mussten sich um nichts kümmern, Sie waren angeschlossen mit einem langen Kabel, Ihrer Nabelschnur, an das Nervensystem Ihrer Mutter. Sauerstoffzufuhr, Nahrungszufuhr und Schadstoffabtransport waren elektronisch geregelt. Eine gut funktionierende, hochmoderne elektronische Einspritzanlage hat Sie neun Monate lang versorgt. Sie sind viel herumgekommen, ohne sich dabei selbst zu bewegen, und dabei war es immer schön warm und feucht. Neun Monate Thermenurlaub, und das ohne Pilz. Und dann, eines Tages, erlebten Sie den heiligen Moment der Geburt. Jede Geburt ist, ähnlich wie der Tod, ein heiliger Moment, dem eine unbeschreibliche Kraft innewohnt. Waren Sie schon jemals bei einer Geburt dabei? Was für eine dumme Frage. Aber jetzt rechnen wir einmal Ihre eigene Geburt nicht dazu, denn da waren Sie ja nicht wirklich bewusst dabei, und das ist gut so. Da muss man nicht unbedingt dabei sein, oder? Wären Sie allen Ernstes gerne bei Ihrer Geburt bewusst anwesend gewesen? Stellen Sie sich das einmal vor, da wird es nämlich wirklich so richtig eng, haben Sie das Tor, durch das Sie schreiten müssen, schon einmal aus der Nähe betrachtet? Das ist wirklich nicht groß. Dann bleiben Sie vielleicht noch irgendwo hängen, verkeilen sich, von hinten wird periodisch in immer schnellerer Folge Druck auf Sie ausgeübt. Da muss man, glaube ich, nicht wirklich dabei sein. Möglicherweise war die Geburt für den Neandertaler etwas einfacher. Frau Neandertaler war ja anders gebaut, etwas breiter, denn sie musste ja in keine enge Jean oder in den Schalensitz von Herrn Neandertalers Sportwagen passen. Kein langweiliges Schwangerschaftsturnen, das das ungeborene Neandertalerlein zu ertragen hatte, keine unnötige Aufregung über den überfälligen Geburtstermin. Geschützt hinter einem Busch, stehend, leicht angehockt, die Schwerkraft ausnutzend ohne Trubel, und in Ruhe fallen gelassen. Das Erste, was das Neandertalerlein von seiner äußeren Welt wahrgenommen hat, war ein feuchter Waldboden, eine duftende Wildkräuterwiese oder aber ein spitzer Stein. Die Natur ist eben nicht immer gerecht. Das Erste, was wir beide von unserer Umwelt wahrgenommen haben, war ein Krankenhaus. Ich jedenfalls schon. Der Kreißsaal im Franz-Josefs-Spital, ein unangenehm grelles, künstliches Licht und eine Bande von Maskierten im grünen Tuch. Das Erste, was diese maskierten Verbrecher machen: Sie zwicken dir, so schnell wie möglich, das Verbindungskabel zur Steuereinheit durch und du wirst mit einem Schnitt zurückgebaut, downgegradet von einer wunderbar funktionierenden elektronischen Einspritzanlage auf einen primitiven Vergaserbetrieb. Von nun an wird oben eingefüllt, verdaut, verbrannt und unter Anstrengung und manchmal auch Schmerz die Umwelt verpestend rausgeschissen. Das ist mit Verlaub definitiv ein technischer Rückschritt und es gibt hier nichts zu beschönigen.
Was meinen Sie, Herr Prehsler, gibt’s da etwas von Ihrer Seite aus zu beschönigen? Sie sehen ja sonst alles auch positiv?
Zu beschönigen gibt es da von meiner Seite aus nichts, aber durchaus etwas hinzuzufügen:
Prehslers Speisekarten des Lebens
Du kommst auf die Welt und schaust einmal ziemlich blöd aus der nicht vorhandenen Wäsche. Gut, jetzt bist also einmal da. Nass, verknittert, glitschig, voller Blut und zwider – irgendwie wie ein großer Engerling mit Gliedmaßen oder ein Maulwurf ohne Fell. Aber das ist wurscht, weil spätestens in ein paar Stunden bist du das schönste Baby der Welt – wenn auch nur für einen beschränkten Personen kreis. Wenn du so 15 bist, werden sie ständig an dir herummeckern, obwohl du da gerade am Erblühen bist.
Jetzt bist du aber erst einmal im Kreißsaal, als kurzer Gast in dieser gastlichen Stätte. Im Gasthaus zum Leben. Und? Was machst jetzt? Am besten die Karte verlangen und schauen, was es denn da so gibt, in diesem Gasthaus zum Leben.
Wen könnte ich denn so fragen, nach der Speisekarte hier? Wer könnte denn da überhaupt ein Angebot für mich haben? Shit! Nachhilfelehrer, Therapeut, Jungscharführer, Sozialarbeiter und Bewährungshelfer … keiner da. Die kommen alle erst später. Den Arzt? Na, vor dem fürchte ich mich doch ein bisschen. Die Hebamme? Die lacht lieb! Aber die ist gerade zu beschäftigt.
Was bleibt denn da noch? Ui, Mama und Papa! Was könnt ihr mir denn so anbieten, aus eurer elterlichen Küche?
| Vorspeise | Zehn Jahre WurschtigkeitOma-DepotKinderkrippen-Gang-Bang |
| Hauptgang | Neun Jahre fade Schule, HAK-Abschluss (Papa-Empfehlung: Damit ich auch so einen guten Job bekomme, wie er ihn jeden Abend verflucht)15 Kilo ÜbergewichtBausparvertragWochenend-Disco-Zudröhnung |
| Dessert | Familientherapeut mit eigenen, noch nichtbewältigten TraumataDiabetesHoher BlutdruckUnbezahltes Praktikum |
| Digestiv | Flucht in die große Liebe |
Hmmm … naja, ihr lieben Eltern, nichts für ungut, aber dann krabble ich jetzt rüber in den anderen Kreißsaal und schau einmal, was die Eltern dort so anzubieten haben.
… Ah, gar nicht so uninteressant. Da schau her! Offenbar ein Haubenlokal.
| Vorspeise | Strampler von Tom TailorLuxuskinderzimmer in Pink oder Blau, je nach GeschlechtAu-Pair-Mädchen (kann ich das auch als Hauptspeise haben?)Elite-KindergartenElite-VolksschuleDie erste Neurose |
| Hauptspeise | PrivatgymnasiumSchnöselfreundeHugo Boss-Anzug und/oder Gucci-TascheBefreiung durch Papas Portemonnaie aus derGeiselhaft der schlechten NotenElite-InternatKreditkarteEigenes AktiendepotLeichtes Zucken am linken Aug’ |
| Dessert | Erster SelbstmordversuchSechs Monate London beim befreundeten BankerSechs Monate New York beim befreundeten Broker |
| Digestiv | Eigenes Pferd oder Sportwagen, je nachGeschlecht |
Jooo, grundsätzlich nicht so schlecht. Und auch das Interieur gefällt mir hier besser als in der öffentlichen Wurfanstalt drüben. So eine Privatklinik hat schon ihre Vorteile. Selbst die Hintergrundmusik ist bezaubernd … ah, ich erkenn das: Die drei Tenöre singen Wal-Chöre! Ja, das ist die optimale superdrüber Relax-Musik für die Leben schenkende Mutti der Oberschicht, schön!
Jooo . warum nicht?
Sie, Herr Dr. Papa oder Fräulein-auch-irgendwas-Mama, könnte ich dazu noch ein bisschen Elternliebe und Zuneigung haben? So zum Drüberstreuen.
Wie bitte? Ah so … ist heute nicht lieferbar. Aber als Ersatz und als Geste der Entschuldigung bietet mir das Haus ein iPhone mit extragroßen Babytasten (die brauch ich dann wieder so ab 65) und vorinstallierten 5.000 Facebook-Freunden auf Kosten des Hauses. Da muss ich noch ein wenig überlegen. Vielleicht gibt's da eine einfachere Alternative, was Regionales, Hausmannskost sozusagen.
Was ist denn da drüben unter dem Lebensbaum los? Das ist interessant! Die Mutter hockt und presst nach unten, beschwört dabei ihre Ahnen und wünscht sich vom Universum, dass sich der unfähige Vater endlich schleicht … und der Vater zieht sich jetzt die Plazenta rein! (Rechtlich gehört übrigens die Plazenta den Eltern. Ich hab’ mich im Uterus schon ein bisschen eingelesen.)
Der Friede sei mit euch und mit mir die Liebe! Was habt ihr, Bruder Sonne und Schwester Mond, denn so anzubieten für ein neues Erdending?
Werfen wir einmal einen Blick in diese Karte, aus recyclebarem Umweltpapier von garantiert bei Neumond zu Tode gesungenen Bäumen außerhalb des Amazonas-Urwaldes, produziert von artge recht gehaltenen Orang Utans, geringfügig beschäftigt im Ruhestand.
| Vorspeise | Dem Morgentau als Gabe dargebracht werdenSchafwollstrampler mit Bio-Obst-FleckenAntiautoritäre Erziehung30 selbst getöpferte Phalli als Lebenssymbole |
| Hauptspeise | Patchwork Family auf dem Vierkanter Bausatz»Mein erstes eigenes Rad aus Bio-Bambus«Mit den Wölfen tanzen oder mit den Schafen blökenAlternativschuleErste Liebe auf dem Komposthaufen |
| Dessert | FahrradboteSelbsterfahrungsgruppe in LemnosArmutsgrenze von unten |
| Digestiv | Hausbesetzung |
Nicht unspannend und wirklich ganz anders … aber doch nicht ganz so meins.
Ist das der richtige Weg, wie man ein perfektes Kind hochzieht? Hochziehen tut so oder so sicher weh. Aber solange es man nicht an den Ohren macht … das muss man eben positiv sehen.
Da bin ich ganz bei Ihnen, Herr Prehsler. Sehen wir es positiv .
Ich – Mich – Mein
Nachdem wir den Ortswechsel der Geburt zwar sicher nicht ohne Schaden aber doch überlebt haben und bevor wir an den Ohren hochgezogen werden, beginnt unser göttliches Dasein. An das wir uns aber leider nicht erinnern können. Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit, wann und wo tauchen erste Bilder auf? Meine Erinnerungen beginnen sehr verschwommen, im Alter von drei oder vier Jahren, vielleicht auch etwas früher, ich kann mich leider nicht erinnern.
Die Zeit davor ist aber ersatzlos gestrichen, sie ist weg und das, obwohl ich da war. Es gibt sehr peinliche Beweisfotos aus dieser Zeit. Offenbar war dies die Zeit, in der unser Gehirn noch anders funktionierte. Es lernte ständig, arbeitete pausenlos, ohne auch nur einen Moment über »das Leben« nachzudenken, ohne auf eine bessere Zukunft zu hoffen, ohne sich über die Vergangenheit zu ärgern und ohne Angst um sein Hab und Gut zu haben. Wir beide lebten einfach nur. Aber bald widerfährt dem kleinen göttlichen Wesen etwas Dramatisches und für die weitere Lebensgeschichte Entscheidendes. Eines Tages beugt sich jemand über den Kinderwagen:
»Nau wem ham wir denn da? Wer is denn des? Wer schaut denn da? Is des da Kevin, ha? Der Kevin is des, gel? Is er eh brav, der Kevin?«
Leider doch kein Gott geworden, sondern schlicht und einfach nur Kevin. Was für eine niederschmetternde Erkenntnis.
Mit seinem Namen, in diesem Fall Kevin, bekommt das kleine Leben sein ICH, damit auch ein MICH und vor allen Dingen ein MEIN. Dieses Mein wird nun in weiterer Folge viel Leid in das eigene aber auch in das »Leben« der anderen bringen. Von nun an ist das Spielzeugauto nicht nur ein Spielzeugauto. Von nun an ist es mein Spielzeugauto. Es ist meine Schokolade. Es ist immer noch meine Entscheidung, jedenfalls ist das meine Meinung. Übrigens ist die steile Braut dort drüben meine Frau, der Betrunkene an der Bar ist leider mein Mann. Das gilt übrigens auch dann, wenn man nicht Kevin heißt. Wie heißen eigentlich Sie? Nehmen Sie einen Stift zur Hand und tragen Sie Ihren Namen an der markierten Stelle ein.
Dieses Buch gehört:
Damit auch alle wissen, dass das IHR Buch ist.
Kapitel 3 – Heranwachsen
Erfahrung = Erkenntnis
Mit dem Ende unseres göttlichen Daseins beginnt nun der sogenannte Ernst des Lebens und damit ein langes Warten. Warten darauf, dass es in der Zukunft einmal anders, vielleicht sogar besser wird. Die Zukunft ist die Vorstellung davon, wie sich meine Lebensgeschichte gestalten soll, sie ist ein leerer Rucksack, den das ICH, gleichzeitig mit seinem Namen, für seine Reise umgeschnallt bekommt.
Es ist jener Rucksack, den ICH nun nach und nach mit MEINER Lebensgeschichte befüllen werde, um ihn dann in einer hoffentlich fernen Zukunft wieder gemeinsam mit dem Löffel abzugeben. Das Erste, was für den Rucksack gesammelt werden muss, sind Erfahrungen, denn jedes lebende System, egal ob Einzeller oder Mensch (wobei der Mensch möglicherweise selbst nichts anderes als eine Ansammlung von lustigen Einzellern ist – dazu aber mehr im dritten Buch), kann sich nur durch äußere Erfahrung weiterentwickeln. Es sind äußere Erfahrungen, welche die Verschaltungen in unserem Gehirn bilden und damit wichtige Bausteine unserer Programmierung sind. Das war auch beim Neandertaler so. Das Erste, was er zu lernen hatte, war die direkte Verbindung von Sehen und Handeln:
»Ui, Säbelzahntiger … laufen, schnell laufen und sofort laufen!« Am besten noch bevor einen der Säbelzahntiger gesehen hat und sein Gehirn ebenfalls eine Verbindung von Sehen und Handeln aufbaut: »Beute – jagen – fressen!« Der direkte Zusammenhang von Sehen und Handeln ist uns heute etwas verloren gegangen. Etwas zu sehen, es zu erkennen, bedeutet nicht zwangsweise zu handeln. Da heißt es zuerst einmal zu überlegen, wie man in solch einer Situation handeln sollte. Oder darüber nachzudenken, ob man jemanden kennt, der einem sagen könnte, ob es gut wäre, so zu handeln, wie man glaubt, dass man nun eigentlich handeln sollte. Oder lieber gar nicht handeln, denn wer nicht handelt, der kann wenigstens nichts falsch machen. Gar nicht so selten heißt etwas zu erkennen aber auch einfach nur, in weiterer Folge trotzdem oder justament falsch zu handeln.
Aber aus Erfahrungen lernt man ja. Wenn, wie in diesem Fall, schon nicht selbst, dann wenigstens zukünftige Generationen. Und weil wir ständig dazulernen, wird die Welt, in der wir leben, auch immer besser und besser. Einmal Krieg, nie wieder Krieg. Einmal Finanzkrise, nie wieder Finanzkrise. Einmal Tschernobyl, nie wieder Fukushima. Jede Erfahrung bedeutet eine Erkenntnis, das kann man ja wunderbar an sich selbst beobachten. Haben Sie in Ihrer Jugend des Öfteren eine Torheit begangen? Haben Sie etwa fallweise mit Drogen experimentiert? Nein! Nicht einmal mit Alkohol?
»Na ja, Alkohol ist ja keine Droge in dem Sinn. Alkohol ist lediglich ein Narkotikum, aber keine Droge und außerdem legal. Daher hat das auch nichts mit Drogenkonsum zu tun. Alkohol ist eher so eine Form von Geselligkeit, auch ein Teil unserer Kultur. Wirtshauskultur zum Beispiel. Alkohol ist sozial, denn er bringt uns manchmal näher und er ist gut gegen den Durst. Na ja, und ab und zu so ein leichtes »Damenspitzerl« hat noch niemandem wirklich geschadet.«
ICH sehe das etwas anders und gestehe hiermit öffentlich: Ja, ich habe in meiner Jugend mit Drogen experimentiert. Meinen ersten Vollrausch, ich war damals 14 oder 15, habe ich mir mit Ribiselwein angetrunken. Wie es einem nach einem Liter »Adabei« geht, brauch’ ich Ihnen wohl nicht zu erzählen. Ich hatte mich regelrecht vernichtet und wollte am WC über der Muschel versterben, musste mir den ganzen Fruchtwein noch einmal in aller Ruhe und ohne dabei gestört zu werden, stundenlang durch den Kopf gehen lassen. Ich bekomme heute noch die Gänsehaut, eine leichte Übelkeit macht sich in mir breit, wenn ich an die Stunden am Gangklo denke. Fertig mit mir und der Welt, dieser scharfe Geruch von Säure, Frucht und Fäulnis, dieses Pochen im Kopf, schubweise Schweißausbrüche, über der Muschel kniend, weil die Beine nicht mehr tragen wollen, alle Schleusen des Körpers weit geöffnet, zum Himmel flehend um Erlösung … schrecklich! Kennen Sie das, sind ähnliche Erinnerungen auch Teil Ihres Erfahrungsschatzes und in Ihrem emotionalen Gedächtnis, also jeder Zelle Ihres Körpers abgespeichert? Ja? Das ist gut, denn wenn man ein einziges Mal diese Erfahrung gemacht hat, erkannt hat, was Alkohol aus einem macht, die verzweifelten Entgiftungsversuche des Körpers durchlebt hat, gespürt hat, wie die Organe belastet und geschädigt werden, dann wird man nie wieder in seinem Leben Alkohol zu sich nehmen. Erfahrung ist eben gleich Erkenntnis.
So verhielte es sich wohl, wenn wir noch Neandertaler wären oder Fadenwürmer. Nachdem wir aber die »weisen Menschen« sind, schaltet sich bei uns der Verstand ein und sagt zu uns:
»Des muaß ge!!!!«

Nein, das geht nie. Gift ohne Entgiftung bleibt nichts als ein frommer Wunsch. Obwohl es durchaus Menschen gibt, und davon gar nicht so wenig, die saufen, und es geht ihnen gut damit. Dafür geht es diesen Menschen nicht so gut, wenn sie nicht saufen. Manchmal scheint es mir, als wäre das sogar eine stille Mehrheit, denn der Drogenhandel an Orten mit aber auch ohne Wirtshauskultur blüht nach wie vor. Raucher raus, Säufer rein! Zum Wohle und Schutz der Allgemeinheit. Jetzt unter uns, wie ist das bei Ihnen so? Also ich trinke Alkohol, regelmäßig, wenn ich so nachdenke, fast täglich, aber halte mich dabei an Paracelsus: »Die Dosis macht das Gift.« Ja, ja – Wasser predigen, aber G’spritzte trinken!
Weil dieses Erfahrungs-Erkenntnisprinzip bei uns nicht mehr so gut funktioniert, hat der moderne Mensch ein Instrument erfunden, das dem Kind die eigenen, oft mühsamen Erfahrungen erspart und ihm das Wissen einer ganzen Zivilisation offenbart oder besser gesagt aufzwingt: die Erziehung.
Sie ist eine von der Gesellschaft anerkannte, staatlich geförderte Foltermethode, mit der man das eigene Unglück oft nicht bewusst und in böser Absicht, aber doch höchst erfolgreich an die Kinder weitergibt, oftmals eine Falschprogrammierung und damit der erste Schritt, um aus einem glücklichen, göttlichen Leben einen verletzten, verbitterten und zornigen »alten Trottel« zu machen. So früh wie möglich mischt sich in unsere Erziehung auch die Bildung. Staatliche und private Institutionen machen sich bereits im zarten Kindesalter an uns heran, um uns zu bilden, uns in ihrem Sinn zu formen und uns mit Wissen zu überhäufen. Das ist für uns und unsere Kinder Normalität. Die Mehrheit spielt da mit, stimmts, Herr Prehsler?
Was Prehsler gesagt hat, tut hier nichts zur Sache
Nicht nur, dass man mitspielt, weil man muss, man heißt das auch noch gut. Wir machen auf heile Familie und grinsen uns durch die Nachbarschaft. Alles ist so adrett – so adrett ist alles. Jaja. Nur Schande dürfen uns die Kinder nicht machen. Ja, und dann haben wir auch dieses Phänomen, das seit 17 Generationen in unserer Familie nur Deppen – bei den Kaisern und Königen sind das übrigens die Gütigen – vorgekommen sind und jetzt haben wir wieder alle sooooo gehofft und jetzt ist das Kind wieder genauso blöd wie wir selbst. Familientragödie! Falsche Gene weitergegeben. Pech gehabt.
Als eines meiner Kinder in die erste Klasse Volksschule ging, war ich einmal bei einem Elternabend (damals einziger Vater unter lauter Müttern). Da sitzt also so eine Misses Sauberfrau und glorreicher Mittelstand und – weil sie das offensichtlich für ihren Selbstwert gebraucht hat – gibt Folgendes zum Besten: »Also wenn meine Tochter von der Schule heimkommt, dann setzen wir uns zusammen in unser Stiegenhaus – weil wir haben ein großes Haus – und dann prüfe ich sie, und bei jeder richtigen Antwort setzen wir uns eine Treppe höher und bei jeder falschen Antwort eine weiter runter!«
Wie bitte?
»Ja, manchmal dauert das dann schon so an die drei Stunden.« Da gab es dann noch zwei, drei Muttis, die das für eine gaaaaaaaaaaaanz tolle Idee hielten und »Ich werde das auch ausprobieren!« ausriefen.
Und mir war ganz schlecht. Und gesagt habe ich auch etwas. Das tut aber hier nichts zur Sache.
Ein sechs-, siebenjähriges Kind verbringt die Zeit seines Erblühens mit seiner gestörten, neurotisierten Mutter im Stiegenhaus. Und draußen warten die Freunde, die Wiese, der Wald, ein Ball, der Schnee, das Vogelhäuschen – und drinnen wartet dieses wunderschöne Buntpapier und die Schere und die Puppe, und der Bruder möchte Memory spielen und das kuschelige Sofa blinzelt rüber und die Katze schnurrt auch schon dort.
Das war damals.
Heute erzählt mir ein guter Freund, dass er jedes Wochenende mit seinem Sohn lernt. Der Sohn geht in die erste Klasse einer doch besseren, privaten Mittelschule mit Öffentlichkeitsrecht. Mein Freund findet das für die Vater-Sohn-Beziehung total befruchtend und ist darüber hinaus stolz, dass sein Kind das einzige Kind in der Klasse ist, das keine Nachhilfe braucht. Ja, der Leistungsdruck ist schon enorm. Und wird immer mehr.
Wir schreiben da über Elfjährige.
Wie werden die sein, wenn die dann die 20 erreicht haben. Oder mit 30 und 40? Na klar! Gut werden sie sein, Topverdiener, Opinionleader, immer auf Vollgas …
Lieber Leser, liebe Leserin, was sagst du dazu?
Ahso, ja, der Wettbewerb. Man kann ja nicht anders, wenn die anderen auch nicht können. Ich war gerade in Windsor, die Queen besuchen. Windsor liegt an der Themse, und auf der anderen Seite der Themse liegt Eton. Eine der großen Eliteschmieden für 13-bis 18-Jährige. Schulgeld pro Jahr circa 50.000 Euro, da ist Musik und Sport aber noch nicht dabei. Nach Eton geht es dann nach Oxford, Cambridge oder Harvard. Wir haben viele Araber, Inder und andere Asiaten gesehen. Interessanterweise haben die alle sehr gelöst gewirkt. Kein Wunder, die haben den Wettbewerb ja schon gewonnen. Da wird auch die beste Nachhilfe nicht helfen.
Ob die Eliteschüler letztendlich wirklich gewonnen haben, Herr Prehsler?
Den Prolog und die erste Etappe sicher.
Aber so ein Rennen dauert ja länger, eine kleine Unachtsamkeit und das Rennen ist gelaufen. Danke Herr Prehsler, und wenn Sie das nächste Mal in Windsor sind, dann lassen Sie mir die Queen herzlich grüßen.
Das mach ich gerne.
Wissen und Weisheit
Wer hat nun den heranwachsenden Neandertaler erzogen und gebildet? Möglicherweise niemand, zumindest einmal kein Erziehungsberechtigter oder Lehrer. Aber wenn der Neandertaler nicht gebildet wurde, woher hatte er dann sein Wissen? Er hatte schlichtweg kein Wissen, Wissen wäre für ihn eine Belastung gewesen. Auch wenn Sie mich für weltfremd halten: Die Neandertaler haben nichts gewusst! Aber wie kann man ohne Wissen überleben? Mit Hilfe von Weisheit. Wissen und Weisheit werden oft und gerne verwechselt. Natürlich ist es toll, wenn man viel weiß, das schützt aber nicht vor Dummheit. Es gibt bekanntlich sehr gebildete Menschen, die sprechen sechs Sprachen fließend, sind aber in sechs Sprachen strohdumm. Was nicht heißt, dass jeder, der mehrere Sprachen spricht, dumm ist. Klug und weise zu handeln und sich dabei in vielen Sprachen ausdrücken zu können, das muss schon großartig sein.
Woher erhielt aber der heranwachsende Neandertaler nun seine Weisheit? Ganz einfach: Er lebte das nach, was ihm die Erwachsenen vorlebten. Das ist ein sehr einfaches Prinzip und funktioniert wunderbar. Wir haben andere Prinzipien. Wir sagen unseren Kindern etwas vor, und das ist bekanntlich oft nicht das, was wir ihnen vorleben. Dazu ein Ausschnitt aus einem Kurzfilm.
Nichtraucherkampagne
Drehbuch für einen kurzen Kurzfilm
Personen:
Der VATER
Der SOHN
Ort:
Elterliches Auto
Aufblende
Der VATER sitzt am Steuer, daneben am Beifahrersitz sein zwölfähriger sohn. Der Vater betätigt den Zigarettenanzünder, versucht mit einer Hand eine Zigarette aus der verschlossenen Zigarettenschachtel zu nehmen. Nach einigen misslungenen Versuchen drückt er dem Sohn die Zigarettenschachtel in die Hand.
VATER
»Geh, ich hab’ keine Hand frei. Zünd mir du g’schwind einen Tschick an.«
Der Sohn holt eine Zigarette aus dem Päckchen, steckt sie sich in den Mund, greift nach dem glühenden Zigarettenanzünder und zündet die Zigarette an. Nimmt einen Zug, atmet aus, ohne zu husten und überreicht die brennende Zigarette seinem Vater. Der Vater nimmt ebenfalls einen tiefen Zug und wendet sich an seinen Sohn.
VATER
»Rauchst du?«
SOHN
»Nein.«
VATER
»Aber so wie es ausgschaut hat, war das nicht die erste, die du dir angheizt hast, oder?«
SOHN
(verlegen und ertappt)
»Oja.«
VATER
(streng)
»Ich bin nicht so blöd, wie ich ausschau’. Ich sag’s dir im Guten, wenn ich dich einmal mit einer Tschick erwisch’, rauscht’s im Blätterwald.«
Der Vater nimmt wieder einen tiefen, kräftigen Zug.
VATER
»Ich riech’ das auf einen Kilometer, wenn du geraucht hast.«
SOHN
»Ich rauch’ ja net.«
VATER
»Ich sag’s dir nur, fang nicht mit dem Blödsinn an. Das ist ungesund. Das steht alles am Packl drauf. Lebensgefahr, Krebs, Tod. Da, les amoi.«
SOHN
(liest)
»Koureni skodi zdravi. Was heißt das?«
VATER
»Weiß ich doch nicht. Aber sicher nichts Gutes. Das ist tschechisch.«
SOHN
»Wieso tschechisch?«
VATER
»Weil sie dort billiger sind, die Tschick.«
Der Vater nimmt wieder einen genüsslichen Zug.
Abblende
Mit der Zigarette in der Hand den Sprössling auf die Gefahren des Rauchens hinzuweisen, muss in einem sich im Bildungsprozess befindlichen Gehirn zwangsläufig zum Kurzschluss und damit zum Systemabsturz führen.
Was aber nicht heißt, dass der kleine Neandertaler tun und lassen konnte, was er wollte. Ganz im Gegenteil. Sein Lehrmeister war die Natur, und die Gesetzte der Natur musste er ohne wenn und aber befolgen. Sonst hätte es »gescheppert«, und das aber so richtig. Das elegante Umgehen von Naturgesetzen war da nicht möglich und wurde im schlimmsten Fall mit dem Tode bestraft, indem man als kleines Säbelzahntigermenü ein unschönes Ende fand. Das klingt natürlich, aus unserer Sicht, ganz schön hart und unbarmherzig. Aber für Geist und Seele macht es einen sehr großen Unterschied, ob ich nicht Ski fahren gehen kann, weil ganz einfach kein Schnee ist, oder ob ich an einem wunderbaren Wintertag, blauer Himmel und Pulverschnee nicht Ski fahren gehen kann, weil ein Erziehungsberechtigter zu mir sagt: »Heut wird net Ski gfoahn.« »Wieso?« »Weu is sog!«
Das macht zornig, das macht böse. Auf »kein Schnee« kann man nicht böse sein. Es sei denn, man ist verhaltensgestört, dann kann man natürlich auch auf das Wetter böse sein.
Etwas, das der Neandertaler auch nicht kannte, war der klassische Konflikt der Generationen. Das ist logisch, denn es handelte sich um einen Zeitraum von grob 100.000 Jahren, in denen sich nichts geändert hat, außer das Wetter. Da damals gestern zugleich heute war, hatten die ewig Gestrigen im Unterschied zu heute einfach recht und den typischen »alten Trottel« hat es damals nicht gegeben, denn wenn einer ein Trottel war, dann wurde der nicht alt.
Heute hingegen kann es ja ein Trottel relativ weit bringen. Man muss ja nicht besonders klug sein, um ein mächtiger Mann oder eine mächtige Frau in der Politik oder in der Wirtschaft zu sein. Da reicht es, wenn man clever ist und die Kunst des Lügens beherrscht. Das reicht natürlich nicht. Man braucht dann auch die, die sich gerne anlügen lassen. Bioroboter und brave Systemtrottel, die mit all den Lügen ganz gut leben können, weil wir von unseren Erziehungsberechtigten gelernt haben, Lügen und Angelogen-Werden als normal zu betrachten.
»Iss, damit du einmal groß und stark wirst« sollte heißen: »Iss, damit du einmal fett und unansehnlich wirst.«
»Ein Indianer kennt keinen Schmerz.« Woher auch sollten die Indianer Schmerzen kennen, nicht?
»Bis du heiratest, ist alles wieder gut.« Eigentlich fangt es da oft erst an.
»Das ist kein Kinderfilm, das ist ein Film für Erwachsene.« Damit meint man Filme mit Nackerten oder mit Mord und Totschlag oder eine gelungene Kombination daraus: Nackerte, die sich gegenseitig totschlagen. Stimmt, das sind keine Filme für Kinder, aber das sind auch keine Filme für erwachsene Menschen. Das sind Filme für ausgewachsene Raubaffen.
»Liebes Kind, wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Schreib dir das hinter die Ohren.« Abgesehen von der Tatsache, dass es gar nicht so leicht ist, sich selbst etwas hinter die Ohren zu schreiben und dass man es dann, wenn es endlich hinter den Ohren steht, gar nicht gut lesen kann, hat in diesem Fall der Erziehungsberechtigte ja nicht unrecht. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, richtig sollte es heißen: »Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, aber wer immer lügt, dem glauben Millionen.« Dafür gibt’s in der Geschichte ja viele Beispiele.
Eine der Lügen, die wir alle schon mal gehört haben, lautet:
Du lernst nicht für die Schule, …
… sondern du lernst fürs Leben. Und jetzt erinnern Sie sich einmal kurz an Ihre Schulzeit. Was von all den Dingen, die man Ihnen damals eintrichtern wollte, hat dann in weiterer Folge in Ihrem Leben eine Bedeutung bekommen, hat sie in Ihrer menschlichen Entwicklung weitergebracht und was war definitiv für den Mistkübel. Denken Sie nur an die »Bürgschaft«. Schwarze Punkterln auf weißem Papier in der richtigen Reihenfolge gemerkt, war damals ein Einser. Das Verstehen des Inhalts Nebensache, ihn zu hinterfragen war unerwünscht. Ganz ehrlich: Ist Nachplappern und Auswendiglernen ein Zeichen von Intelligenz oder doch eher von Blödheit? Was sagen Sie zu Ihren Kindern, wenn sie von der Schule heimkommen?
»Hast du eh brav aufgepasst?«
»Hast du was Gescheites gelernt heute?«
»Hast du viel Hausaufgabe? Zuerst die Aufgabe, dann das Spiel.« »Hast du mir eh keine Schande gemacht?«
»Haben sich die Lehrer eh nicht mit dir ärgern müssen?«
oder fragen Sie:
»Hast du heute in der Schule gute Fragen gestellt?«
Das Problem ist, dass es in der Schule niemanden gibt, der gute Fragen beantworten könnte. Nicht weil Lehrer dumm sind oder dies nicht wollten, sondern weil gute Fragen nicht im Lehrplan stehen. Gewünscht sind richtige Antworten, gute Fragen stören den Unterricht. Und auch Intelligenz ist in der Schule nicht erwünscht. Sie ist rebellisch, stellt Fragen, möchte ihr Leben selbst in die Hand nehmen. In der Schule tut man sich mit Intelligenz oft nichts Gutes. Darum sind die ersten Intelligenzvernichter oftmals auch unsere Erziehungsberechtigten, weil sie es ja nur gut mit uns meinen, denn: »Man soll’s ja im Leben einmal zu etwas bringen.«
Zu was genau? Zu mehr halt. Zumindest zu mehr als die Eltern … und das ist oft nicht wirklich viel außer eben mehr: mehr Schulden, mehr Stress, mehr Streit, mehr seelisches Leid und mehr chronische Krankheit. Dafür aber vielleicht einmal mehr materiellen Wohlstand als die Eltern und im Sport etwas mehr Pokale als der Papa. Was an Intelligenz von unseren Eltern übersehen wurde, wird vom Bildungssystem lückenlos vernichtet. Unser Bildungssystem, das ja ganz laut nach einer großen Reform schreit. Reformen haben etwas Gutes. Alles bleibt beim Alten. Das Wesen wird nicht verändert, bekommt nur einen neuen Anstrich. Sprich: Unser Bildungssystem bekommt eines Tages seine Bildungsreform und bleibt, was es ist. Keine Bildung, sondern eine Ausbildung. Wie der Name sagt, ist es dann aus mit der Bildung. Wenn man mit dieser Aus-Bildung fertig ist, kann man sicher sein, dass es mit der Intelligenz vorbei ist.
Man kann also davon ausgehen, dass der Neandertaler trotz fehlender Bildung überraschend intelligent war, aber natürlich kein Wissensexperte. Aber heißt es nicht immer: »Wissen ist Macht«? Ja, das heißt es, aber ist dies nicht sehr situationsbezogen? Wissen kann doch immer nur dann Macht bedeuten, wenn ich mich mit Menschen umgebe, die weniger wissen als ich, und selbst da ist es keine sichere Sache. Bleiben wir noch kurz beim Beispiel der »Bürgschaft«.
Wenn jetzt zum Beispiel eine attraktive Literaturwissenschaftlerin, beim abendlichen Joggen im Park, vollkommen unerwartet auf einen ihrer Zukünftigen trifft … im konkreten Fall auf ihren zukünftigen Vergewaltiger, der selbst im Polytechnischen Lehrgang kläglich gescheitert ist, wird sie ihr Wissen um den genauen Wortlaut von Schillers Bürgschaft, selbst der fehlerlose Vortrag der wunderbaren Ballade wird sie nicht vor ihrem Peiniger schützen können. Da wäre doch eine in der Bauchtasche vorsorglich aufewahrte Smith&Wesson, in Verbindung mit einem gezielten Schuss in die Eier, deutlich mehr Macht. Die 357 Magnum in den Eiern merkt sich der Übeltäter, ein Leben lang. Die Bürgschaft nicht.
Beginnen Ihre grauen Zellen gerade zu rotieren? Steht das in krassem Widerspruch zu Ihrem Weltbild? Bewaffnete Frauen im Park? Zurück zum Faustrecht? Es kann doch nicht sein, dass alle bewaffnet herumlaufen. Alle nicht, natürlich. Die Staatsgewalt, Gangster und Psychopathen aber schon. Letztlich besteht natürlich auch immer die Möglichkeit, dass unsere attraktive Literaturwissenschaftlerin die Psychopathin ist und Männer mit dem Vortrag der »Bürgschaft« in ihre Nähe lockt, um sie dann mit der 357er zu liquidieren. Wer weiß schon, was in dem Fall richtig ist? Ich nicht. Und braucht es nicht auch Wissen, um den Revolver zu bedienen? Braucht’s nicht auch Wissen, um diese Schusswaffe zu bauen? Ohne dieses Wissen stünde die Literaturwissenschaftlerin schön blöd da, und sie müsste den Angreifer mit einem beherzten Schlag das Nasenbein von unten ins Gehirn schieben. Natürlich ist der plausibel klingende Satz »Wissen ist Macht« anders gemeint, aber selbst da stimmt er nur bedingt. Wissen gibt das Gefühl von Macht, wenn man sein Wissen jemand anderem erzählen kann, vorzugsweise jemandem, der weniger weiß, denn sonst leidet das Ego. Jemanden, der mehr weiß als man selbst, mit nachgeplappertem Wissen beeindrucken zu wollen, das kann sehr peinlich sein. Ich möchte auch nicht ausschließen, das Sie, mein geschätzter Leser, meine geschätzte Leserin, in vielen Bereichen mehr wissen als ich und Sie manche Aussagen nur ein mitleidiges Lächeln kosten. Apropos Lächeln. Dazu gibt es den wohlbekannten Witz vom Karl aus Gerasdorf und Pamela Anderson gemeinsam auf einer Kreuzfahrt. Ich bin nicht unbedingt jemand, der Witze erzählt, aber in diesem Fall passt es wirklich. Es ist ein alter Witz, der aber sehr viel Wahrheit in sich trägt und meine vorangegangenen Erläuterungen sehr schlüssig auf den Punkt bringt. Noch dazu ist er wirklich sehr, sehr lustig. Zumindest ich habe damals Tränen gelacht, als er mir vor sicher mehr als 20 Jahren von einem lieben Kollegen am Filmset erzählt wurde. Ich nehme an, Sie kennen ihn? Nicht den Kollegen, den Witz vom Karli aus Gerasdorf und der Pamela Anderson. Falls nicht, umso besser, denn dies verleiht meinem Ego das Gefühl von Macht und Überlegenheit. Ich weiß etwas, das du nicht weißt, ha, ha! Sobald ich den Witz niedergeschrieben habe, Sie ihn gelesen und hoffentlich auch verstanden haben, ist meine Macht Geschichte. Nun werden Sie jemanden finden müssen, dem Sie den alten, aber klugen Witz vom Karli und der Pamela erzählen können:
»Servas, wie gehts?«
»Danke, man lebt. Und bei dir?«
»Du, muaß geh. Des neiche Düringabiachl hob i glesen«
»Echt, hot der a neichs Biachl gschriem?«
»Des wast du net?«
»Na, des is an mir vorübergongan.«
Was für ein Gefühl von Überlegenheit für Sie, was für ein Wissensvorsprung.
»Und wia is?«
»Jo eh, oiso net schlecht, a bissl weltfremd hoit.«
»Und wia hasts?«
»Wos?«
»Des Buach vom Düringa.«
»Aso, des hast, wia hast des schnö, na gibt’s des …?«
Jetzt schnell, bevor Ihre Macht sich durch Ihre Unwissenheit in Luft auslöst, der Witz vom Karli und der Pamela, als Zeichen Ihrer Überlegenheit.
»Übrigens, kennst scho den Witz, den vom Karli aus Gerasdorf und der Pamela …«
»Is des der, wo de zwa bei einer Kreuzfoat mitn Schiff untergengan und donn auf aner Insel budern?«
»Jo.«
»Den kenn i scho.«
Scheiße, scheiße, was für eine Niederlage, die Macht ist nun nicht mehr mit Ihnen, sie hat die Seiten gewechselt.
»Und wia hast des Buach vom Düringa jetzt?«
»Ich weiß es nicht.«
Das würde ich als stehend k.o. bezeichnen. Aber wer weiß, vielleicht finden Sie ja auch jemanden, dem Sie den Witz erzählen können, jemanden, der höflichkeitshalber so tut, als würde er diesen alten Witz nicht kennen. Und wenn Sie jetzt sagen, ein Witz ist doch keine Macht, dann muss ich Ihnen entgegenhalten: Ja, ein schlechter Witz nicht, der ist nur peinlich, aber ein guter Witz, wie der vom Karli und der Pamela auf der einsamen Insel, hinter dem eine wirklich große Wahrheit und Weisheit steckt, so ein Witz ist eine spürbare Macht. Aber überzeugen Sie sich doch ganz einfach selbst.
Nun aber zu etwas ganz anderem.
Kapitel 4 – Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme
Unsere Triebe
Genauso wie beim Neandertaler wird unser Tun und Handeln von den Trieben bestimmt. Zwei Triebe, die sehr viele Gemeinsamkeiten aufweisen, beides Dinge, die uns sowohl Lust als auch Kummer bereiten: der Fortpflanzungstrieb und unsere Nahrungsaufnahme.
An diesen beiden Trieben hat sich in der doch schon recht langen Menschheitsgeschichte nichts Grundlegendes geändert. Nur dass der Neandertaler beide Triebe ausleben konnte und sich dabei niemals schuldig oder gar schmutzig fühlte, da ihm keiner das Märchen vom strafenden Gott und von Himmel und Hölle aufgetürmt hatte. Beide Triebe dienen bekanntlich dem Leben und finden in der Natur oft gleichzeitig statt. Wenn ich »gleichzeitig« schreibe, dann meine ich auch gleichzeitig und nicht knapp hintereinander. Nahrungsaufnahme und Liebesakt in einem Aufwaschen? Liefert Ihnen Ihr innerer Diavortrag gerade pikante Bilder?
Sie im feinen Restaurant am Tisch, er unter dem Tisch mit dem Gesicht zwischen Ihren Beinen. Eine Orgie im alten Rom? Mittagspause am Pornofilmset? Aber denken wir doch einmal in eine ganz andere Richtung. Schließen Sie die Augen und denken Sie gemeinsam mit mir an eine dicke, eine pralle, pelzige …
… aha, Augen zu und dabei lesen ist keine so gute Idee. Gut, dann machen wir es anders. Dann denken Sie jetzt noch einmal an die dicke, pralle, pelzige … dann schließen Sie die Augen und blättern vorsichtig um. Also: dick, prall, pelzig …

Eine dicke, pralle, pelzige Hummel, die in eine riesige Blüte eintaucht, die dabei Blütennektar schmatzt, der ganze Körper bedeckt mit Blütenstaub, vollkommen überladen torkelt sie zur nächsten Blüte, startet brummend, zieht Kreise durch den Garten und steuert neuerlich auf eine tiefrote, verführerisch duftende Vagina zu. Eine Kürbisblüte. In diese taucht die Hummel nun brummend ein, verschwindet in ihr leckend und saugend. Hummel und Pflanze vibrieren im Gleichklang, die Hummel nährt sich, und auch der Pflanze tut es sichtlich gut, denn sie weiß, sie pflanzt sich soeben fort.
»Ja, ja, ja, tiefer, ja … fester, komm, nimm’s dir, ja hol’s dir, oh mein Gott, mach mich leer, saug mich aus, oh ja, du bist ein Hengst!«
»Nein, ich bin eine Hummel, aber danke fürs Mitdenken. Auch mir hat’s gemundet und Liebe geht ja bekanntlich auch durch den Magen. Vielleicht wollen wir uns ja wiedersehen? Lust?«
»Aber immer.«
»Sollen wir uns gleich was ausmachen, oder gibst du mir deine Nummer?«
So schön und einfach könnte das Leben sein. Die Pflanze wird befruchtet, ist befriedigt, und die Hummel schlägt sich mit Wollust den Wams voll. Unsere Kultur hingegen bewertet diese Triebe sehr unterschiedlich. Öffentliche Fressgelage sind von unserer Gesellschaft durchaus anerkannt und bei Mann und Frau gleichermaßen beliebt.

Sex hingegen passiert zumeist hinter verschlossenen Türen.

Also bei allem, was recht ist, eine Swingerparty im Schanigarten, das möchte man ja auch wirklich nicht sehen. »So eine Schweinerei möchte ich mir nicht ansehen müssen. Mitmachen schon, aber ansehen müssen nicht.« Die unterschiedliche Bewertung dieser natürlichen Triebe hat aber auch Folgen für die Gestalt unserer Gesellschaft. Sehen Sie sich doch selbst ein wenig in Ihrer näheren Umgebung um. Auf der Straße, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, in der Familie oder im Spiegel: Sie werden ohne Zweifel feststellen, dass es heutzutage viel mehr »blade Büdlwixer« (übergewichtige, unbefriedigte und frustrierte Menschen, die unter Zuhilfenahme von pornographischen Texten, Bildern oder Filmen masturbieren) gibt, als »dünne Buderanten« (schlanke, lebensfrohe Menschen, die ihre Lust am Sex mit einem oder mehreren Partnern ausleben). Dieses Ungleichgewicht zwischen Übergewicht und Lebensfreude kann letztlich nicht gut für die Volksgesundheit sein und richtet in unserer Gesellschaft mehr Schaden an, als es ihr dient. Wie soll unser Gesundheitssystem diese Flut an ernährungsbedingten Herzkreislauferkrankungen in Zukunft finanzieren? Hier wäre ein allgemeines Umdenken dringendst notwendig, die Süßigkeitenlade sollte nach und nach durch den Sexspielzeugschrank ersetzt werden.
Sie sehen, Sexualität und Nahrungsaufnahme sind nicht so einfach voneinander zu trennen, aber probieren wir es doch trotzdem. Womit wollen wir anfangen? Mit welchem der beiden Triebe soll sich das nächste Kapitel befassen? Nachdem Sie ja bereits nackt, in freudiger Erwartung mit dem Buch in der Hand dasitzen, wäre mein Vorschlag …
SEXualität
Sie begleitet das Leben ab der Geschlechtsreife nun ein Leben lang, selbst im hohen Alter denkt man noch gerne an die wunderbaren Dinge, die man damals, als es noch gegangen wäre, alle nicht gemacht hat, und beißt sich ins Knie, dass man diese Freuden damals ausgelassen hat. Was uns bei der gelebten Sexualität nämlich im Wege steht, ist wieder einmal mehr unser Kopf. Außer beim Oralsex, sprich beim Schlecken und Blasen. Und wie sehr das der Fall ist, dürfen Sie ja gerade selbst an sich beobachten. Hören Sie nochmals aufmerksam die folgenden Worte: »Außer beim Oralsex, beim Schlecken und Blasen«. Sobald mir die Worte »Schlecken« und »Blasen« aus meinem willigen Mund geronnen sind und über meine feuchten, warmen Lippen dieses Buch verlassen, Ihr voll Leidenschaft gespitztes, aufnahmefähiges Ohr gekitzelt haben und durch Ihre wohlgeformte Muschel ganz tief und fest in Ihr Gehirn eingedrungen sind, hat Ihr Gehirn die Worte Schlecken und Blasen bewertet. Mit unterschiedlichen Ergebnissen, wie ich an Ihrem entsetzten Gesicht und Ihrem schwitzenden nackten Körper erkennen kann. Kopf und Bauch beschreiten oft unterschiedliche Wege.
Sex wird in der Natur ohne Einschaltung des Gehirns ausgelebt. Der Rüde riecht die läufige Hündin, und ohne Umweg übers Gehirn einfach der Nase nach. Das war beim Neandertaler möglicherweise ähnlich, vorausgesetzt dass man sich hat »gut riechen« können und die »Chemie gepasst« hat, weil Frau Neandertaler willig und Herr Neandertaler kräftig und potent. Beides Eigenschaften, die uns heute etwas verloren gegangen sind. Natürlich gibt’s nach wie vor Frauen, die so tun, als ob sie willig wären, um den Mann zu pflanzen und ihren Ego-Rucksack mit einem weiteren schwanzgesteuerten Wurschtel aufzufüllen. Was keine besonders schwere Übung darstellt, es wimmelt ja nur so von wohlstandsverwahrlosten Möchtegernmachos, und der kräftige und potente Mann ist selten. Natürlich gibt es nach wie vor kräftige, auftrainierte Männer, schweinern aufgeblasen, eiweißvergiftet und aufgrund der Steroide lustlos und ihrer Manneskraft beraubt. Dann wieder gibt es sehr wohl potente Männer, finanziell potente Männer nämlich, die naturgemäß selten kräftig sind, sondern als sogenannte Schwammerln, Barbapapa-artig ohne Rückgrat dahinvegetieren. Die wenigen verbliebenen potenten und kräftigen Männer, die ihre Kraft und Potenz nicht gelungen zur Schau stellen, kommen dann eher selten zum Schuss, da die Frau von heute diese gar nicht mehr als kräftig und potent wahrnimmt, sondern auch aufgrund von gesellschaftlichen Zwängen eher auf Schwammerln mit sozialem Status konditioniert ist, mit denen man sich in der Öffentlichkeit dann auch sehen lassen kann. Man kann sich ja dann hin und wieder bei Bedarf je nach Lust und Laune mit dem Gärtner vergnügen, während das finanziell potente Schwammerl auf Geschäftsreise ist und sich anderenorts mit Frauen vergnügt, die für Bares so tun, als ob sie willig wären.
Über das Sexualleben und die Sexualpraktiken der Neandertaler weiß man relativ wenig, und ich glaube, das ist gut so. Man muss ja nicht alles wissen. Was man aber schon mit ziemlicher Sicherheit weiß: Die Neandertaler haben regelmäßig die Partner getauscht, um die Sippe genetisch gesund zu erhalten. Das ist heute ja nicht mehr notwendig, da wir schon so viele sind, und da mischen sich die Gene ja sowieso. Am Land vielleicht noch etwas weniger.
Das heißt, man findet heute seinen Partner, seine Partnerin, ist mit ihm oder ihr glücklich und zufrieden und kann mit ihm oder ihr alles erleben, was das Sexualleben so zu bieten hat. Kann so alle sexuellen Tabus brechen, eilt gemeinsam von einem Orgasmus zum anderen und käme niemals auf die Idee, einen anderen Partner zu begehren oder auch nur in seinen kühnsten Fantasien an jemanden anderen zu denken. Geschweige denn im Internet von einer Pornoseite zur anderen zu surfen. Und warum ist das bei uns so? Weil dabei eben viel dranhängt. Am Partner. Selbst wenn wir nicht mehr am Partner hängen, hängt an ihm noch sehr viel dran.
Mein Vorschlag wäre nun folgender: Schließen Sie jetzt einmal das Buch, nehmen Sie es und lassen Sie Ihren Partner, Ihre Partnerin die vorangegangenen Seiten in Ruhe und ohne Kommentar lesen. Schauen Sie danach ihm oder ihr ganz tief in die Augen und sagen Sie:
»Schön, dass wir zwei keine Neandertaler mehr sind und ich ganz einfach nur dich begehre. Schon alleine wegen der gemeinsamen Wohnung, den gemeinsamen Kindern, den gemeinsamen Krediten, den zu erwartenden Scheidungskosten und vor allen Dingen wegen der Schande vor den Nachbarn. Das tust du mir nämlich nicht an, das wird ausgesessen.«
Vielleicht doch keine so gute Idee. Lassen Sie es ganz einfach und lesen Sie lieber allein weiter. Oder machen Sie eine Pause und gönnen Sie sich etwas, denn der Mensch lebt ja nicht nur von Luft und Liebe allein. Der Wunsch nach körperlicher Befriedigung ist ein Segen für einen riesigen Industriezweig. Damit meine ich nicht die »Futheftlproduzenten« (Erotikbranche), sondern die Nahrungsmittelindustrie. Damit kommen wir jetzt zu einem wirklich sehr grauslichen Thema. Fast zum Speiben …
Der Tiger im Tank
Lassen Sie mich mit einer Frage beginnen. Was ist für Ihren Organismus wohl gesünder?
a) Eine Tiefkühl-Pizza Siciliana, mit Mais, Speck, Pfefferoni, Sardellen und Kapern, oder …
b) Ein Hildegard-von-Bingen-Bio-Honig-Früchtemüsli?
Dazu einige Hinweise, die Sie auf die richtige Fährte locken sollen: Das Leben, das wir sind, braucht, weil es ja in einem ziemlich komplizierten Vehikel, dem Körper, inkarniert ist, Energie, sprich Treibstoff, sogenannte Lebensmittel. Das ist logisch, weil aus mechanischer Sicht unser Körper eine Maschine ist, die dafür gebaut ist, Betriebsmittel in Bewegung umzusetzen.
Man kennt das ja vom Auto. Wobei man das Auto nur dann mit Betriebsmittel befüllt, wenn es auch bewegt wird. Sie sind also mit Ihrem Auto unterwegs, bemerken, dass der Tank allmählich leer wird und steuern eine Tankstelle an. Aufgrund einer Betriebsanleitung wissen Sie, welche Art von Treibstoff Ihr Fahrzeug benötigt. Diesel – falls es einen Ölofen besitzt, Benzin – falls es von einem richtigen Motor angetrieben wird. Hierbei unterscheidet man noch zwischen Treibstoff mit 91 Oktan oder 95 Oktan. Das, was der Hersteller vorgibt, wird auch getankt, denn man möchte ja seinem Fahrzeug keinen Schaden zufügen. Ab und zu gönnt man seiner Bewegungsprothese auch etwas Besonderes. Ultimate Treibstoff oder 100 Oktan, denn das gibt Kraft, steigert damit die Leistung. Sorgt nebenbei auch noch für eine sauberere Verbrennung, und sauber ist immer besser. Hin und wieder kontrolliert man den Ölstand, was fehlt wird aufgefüllt mit einem Öl in der entsprechenden Viskosität. Vorzugsweise ein Markenöl, dann das erhöht die Lebensdauer des Motors. Die Scheibenwaschanlage wird mit einer Mischung aus frostsicherem Konzentrat voll frischem Apfelduft und Trinkwasser befüllt, der Innenraum mit einem Wunderbaum natürlich erfrischt und im Tankstellen-Shop noch zwei weitere Betriebsmittel erworben: ein Sackerl Zigeunerräder und ein eiskaltes Cola.
Da stellt sich doch eine berechtigte Frage: Warum packen wir bei unserem Auto den Tiger in den Tank und füllen in unserem wichtigsten, zwischen den roten Lippen und dem Popoloch befindlichen Organ, dem Verdauungsapparat, Problemstoffe ein? Dazu gibt es eine neue wissenschaftliche Erkenntnis: Weil wir einen festen Klescher haben, diesen aber nicht als Klescher erkennen, sondern als Normalität betrachten.
Daher bauen wir unsere Städte für Autos und nicht für Menschen.
Sie brauchen sich nur in einer Menschenmenge ein wenig umzuriechen und werden dabei feststellen, dass es eine deutliche Disbalance zwischen Autokomfortwäschen und Körperhygiene gibt.
Der Neandertaler war bekanntlich Jäger und Sammler. Was heißt das in Bezug auf seine Ernährung? Eigentlich nichts. Weil wir ja nicht wissen, was er gejagt und gesammelt hat, wir nicht wissen, ob er beim Jagen auch etwas erwischt hat und ob er das, was er gesammelt hat, nicht unterwegs wieder ausgestreut hat. Aber was auch immer er in sich hineingestopft hat, er ernährte seine 50 bis 70 Billionen Körperzellen (die übrigens auch genauso wie wir kleine Lebewesen sind, mit einem eigenen Bewusstsein, dem Mytochondrium) ausschließlich mit kosmischer Energie. Das heißt: Die Neandertaler lebten damals vom Licht.
Ja, ja, schütteln Sie nur den Kopf. Da wirft der Autor ja ganz schön mit esoterischen Halbweisheiten um sich, stimmts? Aber nachdem der Autor ja auch gelernter Techniker und damit ein wenig Naturwissenschaftler ist, lassen Sie mich Ihnen diese gewagte Hypothese technisch erklären.
In gutem, lebendigem Boden hausen ja bekanntlich eine Unmenge an Kleinstlebewesen. Einige von ihnen, jene, die an der Oberfläche beheimatet sind, ernähren sich von Sonnenlicht. Diese Bakterien haben die Fähigkeit, Licht zu verstoffwechseln. Was so viel heißt, wie: Sie fressen Sonnenlicht und scheißen Vitalstoffe wie Spurenelemente in den Boden hinein. Sie transformieren also Sonnenlicht und bringen es so in eine andere Schwingungsform. Eine Pflanze wächst ja, wie wir alle wissen, im Boden heran, sie holt sich von oben das Sonnenlicht und von unten, mithilfe ihrer Wurzeln aus dem Boden, die nötigen Vitalstoffe. Dünger in Form von Bakterienscheiße, deren Ursprung Sonnenlicht ist. Mit jeder Pflanze steht somit ein materialisiertes Lichtwesen vor uns. Nun kommt der Neandertaler, entdeckt die Pflanze, pflückt sie und verzehrt sie. Er nimmt damit transformierte Lichtenergie auf, und sein Verdauungsapparat liefert diese an seine hungrigen Körperzellen ab. Selbst wenn er Fleisch zu sich nimmt, hat dieses Tier zuvor Pflanzen verzehrt und damit wiederum seinen Körper gebildet. Ganz egal in welcher Form auch immer, der Ursprung seiner Nahrung war immer Licht. Es beginnt immer mit Sonnenlicht, mit kosmischer Energie. Noch Fragen, irgendwelche Zweifel? Nein! Wunderbar. Wobei eine Frage stellt sich natürlich schon. Wie funktioniert denn das heute bei uns?
Im Prinzip genauso. Unsere Körperzellen ernähren sich letztendlich von Stoffwechselprodukten der nicht sichtbaren Kleinstlebewesen. Und damit, genauso wie der Neandertaler, von transformierter Lichtenergie. Nur dass dem über Jahrmillionen bewährten natürlichen Prozess der Lichttransformation heutzutage von der Nahrungsmittelindustrie einige technische Verfahren und Zusatzstoffe zwischengeschaltet werden, die unseren Lebensmitteln, die uns Leben vermitteln sollten, das Leben rauben und sie zu Füllmitteln degradieren. Die Bodenbakterien, die ursprünglich Licht in Nähr- und Vitalstoffe verwandeln sollen, wurden schlauerweise durch Kunstdünger, Herbizide, Fungizide und Pestizide ersetzt. Was ja schon einen schlechten Start für die Nahrungskette bedeutet. Was bleibt, ist eine denaturierte aber buntverpackte Mischung aus Irgendwas, die teilweise wirklich super schmeckt (dafür kann man sorgen, wenn man sich in Chemie gut auskennt), den Bauch füllt, aber unsere Zellen nicht mit Leben versorgt. Im Prinzip verhungern wir, während wir der Dritten Welt im TV beim Verhungern zusehen und dabei Zigeunerräder mit Cola genießen. Bei uns dauert es nur etwas länger und ist bei weitem nicht so qualvoll. Eine Zeit lang fühlt sich das sogar richtig toll an. Während unsere Zellen nach und nach den Hungertod sterben, werden wir zu untoten Biorobotern, zu Junkfoodzombies.
Im Gegensatz zum Neandertaler, der ja essen musste, was er erlegt und gesammelt hat, haben wir aber die freie Wahl. Wir müssen schon lange nicht mehr das essen, was auf den Tisch kommt, sondern dürfen unsere Nahrung schon lange, bevor sie den heimatlichen Tisch erreicht hat, vor den Toren des Supermarktes oder, wenn wir es besonders eilig haben, während des Einkaufs verzehren. In den endlosen Regalen der Supermärkte haben wir die freie Wahl, auf das buntverpackte Junkfood zu verzichten, das überlassen wir gerne unseren Kindern, denn die halten das noch eher aus als unsereins, weil die ja noch wachsen. Werfen Sie doch einmal nur einen Blick auf die Speisekarte eines durchschnittlichen heimischen Gastronomiebetriebs.

Wir selbst, als mündige Konsumenten, die wir ja sind, ernähren uns hingegen bewusst. Weil wir es uns einfach wert sind, der Gesundheit zuliebe, dem Zeitgeist entsprechend. Fettreduziert, cholesterinsenkend, zuckerfrei, koffeinfrei, alkoholfrei und laktosefrei. Das heißt, wir verhungern genauso wie der Zigeunerrädchenfresser, aber qualvoller, weil es ganz einfach scheiße schmeckt, und unsere Körperzellen werden nicht nur ausgehungert, sie werden auch vergiftet.
Zum Beispiel durch L-Aspartyl-L-Phenylalaninmethylester, der in den 70er-Jahren bei der CIA noch als potentielles biologisches Kampfmittel im Gespräch war. Er verursacht Hirnschäden, Multipler Sklerose ähnliche Symptome, Parkinson, Alzheimer, Depressionen, Hörbeschwerden, Persönlichkeitsveränderung, allergische Reaktionen, Gewichtszunahme und hundert weitere Beschwerden.
Na gut, wer nascht schon freiwillig eine biologische Wunderwaffe? Jeder, der es nicht besser weiß und sich der Gesundheit zuliebe zuckerfrei mit Aspartam das Leben versüßt. Aber diesmal haben wir uns nicht für dumm verkaufen lassen und sind dem Aspartam auf die Schliche gekommen. Unter dem Druck der Lebensmittelbehörden musste die Nahrungsmittelindustrie reagieren. Das Aspartam wurde aus unseren Lightprodukten entfernt … indem man es umbenannt hat. In Nutrasweet, Canderel, Sanecta oder einfach E 951, das klingt dann harmlos und vertraut, denn ein E mehr oder weniger macht das Kraut auch nicht mehr fett.
Was ist nun für den Organismus gesünder? Tiefkühl-Pizza oder ein Hildegardmüsli? Da haben unsere konditionierten Gehirne gleich eine Antwort bereit, stimmts? Aber ist nicht letztendlich nicht nur was, sondern auch wie und wie viel wir essen entscheidend für die Ernährung unseres Körpervehikels? Ein kleines Stück Pizza, gut gekaut und in Ruhe gegessen tut uns allemal besser als ein Berg hastig in der Früh hinuntergeschlungenes Bio-Müsli.
Wer von uns beiden kennt Hunger? (Nun gut, ich habe bei einer Entgiftungskur einmal 20 Tage lang nichts gegessen. Klingt wild, ist es aber nicht, denn ich wusste, es bestand für mich jederzeit die Möglichkeit, die Kur abzubrechen und einkaufen zu gehen.) Ich meine Hunger, nicht Appetit oder Gusto auf … ich meine wirklich Hunger. Dabei wäre Hunger ja der beste Koch, sonst hätten dem Neandertaler seine kleinen Menüs, wie Wurzeln und Wildkräuter, sicher nicht sonderlich geschmeckt.
Der Neandertaler hatte um ein maßloses Überfressen zu vermeiden ein natürliches Frühwarnsystem eingebaut.
Das Sättigungsgefühl
Damit signalisiert das für den Erhalt unserer Gesundheit wichtige Organ, der zwischen unseren Lippen und dem Popoloch befindliche Verdauungsapparat, dem Gehirn, dass der Ranzen eigentlich schon voll wäre. Dieses System funktioniert einwandfrei, wenn man isst. Also nur essen tut. Nur essen bedeutet, aus unserer Nahrungsaufnahme eine bewusste Tat, ein Ritual zu machen und das Essen zu zelebrieren. Sich mit seinem Essen an einen ruhigen Ort zurückzuziehen, dankbar zu sein, dass überhaupt etwas zu essen da ist, sich die Mahlzeit anzusehen, daran zu riechen, den ersten Bissen in den Mund zu nehmen, einspeicheln, kauen, zermahlen. Schließlich heißt es ja auch »Mahlzeit« und nicht »Schlingzeit«. Die Geschmacksexplosionen im Mund lange und aus vollen Zügen genießen und nach 30 bis 50 Kauwiederholungen den vorverdauten Nahrungsbrei hinunterschlucken. Das wäre essen.
Im Gegensatz zu primitiven Naturvölkern haben wir eine Esskultur. Das heißt: Essen macht erst dann Sinn, wenn man dabei etwas erledigen kann: Zeitung lesen, fernsehen, Auto fahren, spazieren gehen, shoppen, telefonieren, googeln, Geschäftsanbahnungen machen, die Kosten-Nutzenrechnung eines All inclusive-Urlaubs optimieren oder ganz einfach soziale Kontakte pflegen: sich mit Freunden zum abendlichen Pizzaessen verabreden.
Nun haben wir aber gelernt: »Mit vollem Mund spricht man nicht!« Was verständlich ist, denn es macht ja wirklich keinen schlanken Fuß, wenn man quatschend seinem Gegenüber alle drei Minuten ein Stückchen Capricciosa ins offene Auge spuckt.
»Oh, Verzeihung«, »Macht nichts, ist ja nur ein Käsebröckerl. Gut, dass du dir keine Diavolo bestellt hast, sonst tät’s auch noch brennen.«
Andererseits wäre es auch sehr unhöflich, sich mit Freunden zum Essen zu verabreden und dann nur zu essen. Probieren Sie es einmal aus, aber ich denke, auch das macht keinen schlanken Fuß. Es könnte durchaus passieren, dass Sie auf Ihre Umwelt etwas »weltfremd« wirken:
»Wos is mit dir? Host irgendwos? Wos sogst denn nix? Oder hob i wos Foisches gsogt? Muaßt sogn, waun i irgendwos Foisches gsogt hob. I was jo net, weu du sogst jo nix.«
Daher ist es besser, die am Teller ruhende Pizza Capricciosa in weiser Voraussicht schon vorab in kleine mundgerechte Bissen (in etwa vier bis fünf gleichgroße Pizza-Ecken) zu zerteilen und – während das Gegenüber spricht und man wie immer Interesse an dessen momentan unglücklicher Lebenssituation heuchelt – zusammenzufalten. Sobald im Dialog eine Sprechpause entstanden ist, kann man dieses Pizzaröllchen schlangenartig hinunterwürgen. Das schont die Zähne, die Pizza findet unbeschadet im Magen ihren Platz und kann sich dort wieder entfalten. Das unbeliebte Sättigungsgefühl wird so seines Amtes beraubt, und man schafft dadurch noch zusätzlichen Raum. Nicht zwischen den roten Lippen und dem Popoloch, aber im Gehirn erscheint Raum und genügend Platz für noch ein Bier, ein Tiramisu und zwei Grappa. Schließlich entscheide ICH selbst, wann es genug ist, und nicht so ein dahergelaufenes Sättigungsgefühl.
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