Read the book: «Die Geburt eines finsteren Universums»
Robert Mirco Tollkien
Die Geburt eines finsteren Universums
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Teil I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Teil II
Kapitel 19
Kapitel 20
Teil III
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Teil IV
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Epilog I
Epilog II
Impressum neobooks
Prolog
Der langsame Untergang der Sonne
Bevor das Zentralgestirn, welches in den Mittagsstunden ein Drittel des Firmamentes ausfüllte, sich allmählich anschickte, den langen Tag zu beenden, um dadurch die glühende Landschaft in einen Ort der Eiseskälte zu verwandeln, schwelgte der klägliche Überrest des einst hoch entwickelten Lebewesens in einer Kombination aus Traumsequenzen und Erinnerungen.
Trostlos mochte diese Welt sein, aber wesentlich trostloser waren die besagten Erinnerungen und Träume. Glücklicherweise verhielt es sich mit der Wahrnehmung des abstrakten Gebildes der Zeit gänzlich unterschiedlich wie etwa bei einer Kreatur auf der Basis von Wasser und Kohlenstoff. Weil das rudimentäre Geschöpf seit Äonen an derselben Stelle verweilen musste und dabei stets in die finstere Vergangenheit blickte, wäre es bei anderer biologischer Beschaffenheit längst von Schüben arger Depressionen heimgesucht worden (übrigens, liebe Leserinnen und Leser, ist es nahezu unmöglich, den Namen des beschriebenen Wesens in irgendeine irdische Sprache herüberzusetzen. Daher verwenden wir an dieser Stelle allgemeine Begriffe).
Vor dem inneren Auge zogen voller Schärfe die Blitze der Detonationen unheilvoller Waffen vorüber. Sie paarten sich mit den Bildern der ehemals prächtigen Heimat, die durch die strahlenden Bomben unwiederbringlich verlorengegangen war. Auch seine vergebliche Flucht in die Weiten des Kosmos hinein wiederholte sich kontinuierlich. Das zerstörte Wesen sah auch den für die Apokalypse verantwortlichen Dämon und dessen sadistische Handlanger. Die furchteinflößende Erscheinung des Weltenzerstörers kam unglaublich detailliert daher, während der Schmerz, den die Schergen ihm zu einem späteren Zeitpunkt geschenkt hatten, deutlich gespürt werden konnte.
Leichte Unschärfe hielt Einzug in die Montage aus Bildern und Kurzfilmsequenzen. Da das Licht des Tages mit der lebensspendenden Energie darin schwand, verminderte sich die Gedächtnisleistung synchron mit dem langsamen Untergang der Sonne in dieser steinernen Welt ohne Hoffnung, bis mit der schier unendlichen Nacht der temporäre Tod einzöge.
Der Verlust der Verbindung mit dem großen Netz des Kosmos war die zweite Katastrophe, die uns durch das Eingreifen der Pyramidenkreatur widerfuhr! Am Ende vereinten sich die Katastrophen zu einer einzigen, gigantischen Urkatastrophe!
Milliarden Jahre nach irdischer Zeitrechnung lag diese Urkatastrophe mittlerweile zurück, doch dem Überrest kam es vor, als sei sie erst unlängst geschehen; vor vielleicht einer halben Stunde, vor vielleicht einer Handvoll an Zeitaltern, was für ihn keinerlei Unterschied ausmachte.
Der Blick wanderte über die tote, eintönige Landschaft hinweg, fokussierte das dahinkriechende Schauspiel des Sonnenunterganges. In der Luftlosigkeit dieses Ortes blieb der Himmel stets schwarz, so dass die wundervollen Farbenspiele der uns bekannten Dämmerung nicht existierten. Jedoch sorgte die kaum erwähnenswerte Atmosphäre für beinahe ungebrochenes Licht und zauberte somit prächtige, konturstarke Schatten in die Szenerie hinein, von denen einer sich dem gebrochenen Geschöpf kriechend näherte.
Oh, geliebter Heimatplanet, von dem fern ich mich befinde, was mag aus dir geworden sein nach all der Zeit? Oh, wundervolles Netz, zu dem den Zugang ich verloren habe, konnte irgendwer dich von den grausamen Manipulatoren befreien? Und du, bestialische Pyramidenkreatur, steigst du immer noch hinab von den kalten Sternen, um über die Welten der Sanften und Friedliebenden herzufallen?
Seiner Langsamkeit zum Trotze erreichte der Schatten und mit ihm die Eiseskälte der Nacht das Wesen am Ende unaufhaltsam. Das Sichtfeld flackerte nun heftig, eine Kollage an Bildern flimmerte wirr vorüber, bevor es erneut von groben Störungen heimgesucht wurde und der temporäre Tod seinen Anfang nahm.
Teil I
Der Balancierer
Kapitel 1
Zum ersten Mal traf ich Andreas Hillmann in den frühen Monaten des Jahres 2002.
Damals studierte ich Geschichte und Latinistik an der Universität Bielefeld.
Den einen oder anderen Betrag in der brandneuen Währung Euro verdiente ich mir hinzu, in dem ich als Aushilfe an einer 24Stunden-Tankstelle arbeitete. Der Stundenlohn lag nicht gerade üppig hoch, doch dafür zahlte der Pächter in stillschweigender Übereinkunft, wenn der Studentenfreibetrag überschritten wurde, das zusätzliche Geld unter der Hand aus. Meine Eltern gingen zu jener Zeit beide einer Tätigkeit als Akademiker nach. Ihre Überweisungen sicherten meine Grundbedürfnisse und zusammen mit dem Lohn, den mein Chef mir zum Monatsersten in die Hand drückte, ließ es sich angenehm, sorglos leben.
Der Feierabend dieser Spätschicht befand sich bereits in Sichtweite, als ein junger Mann mittlerer Größe in knitteriger Kleidung mit zerzausten, schwarzen Haaren in die Tankstelle gestiefelt kam. Ziellos wirkend durchstreifte er die Regalreihen, blieb hier und da stehen, nahm ein Produkt zur Hand, nur um es nach dem genauen Betrachten wieder ins Regal zurückzustellen.
Normalerweise pflegten solche Kunden meine Nerven aufs Äußerste zu strapazieren und beinahe wollte ich meinen für solche Besucher bestimmten Standardspruch von mir geben, da nahm der Kerl sich eine Tüte Chips und eine Flasche Herforder Pils und trat an meine Kasse heran.
Er sagte keine Begrüßung, wünschte keinen guten Abend, sondern sprach: „Die Lebensmittelindustrie hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die Weltbevölkerung durch Verfettung zu dezimieren. Und ich Idiot zahle an der Tankstelle ein Schweinegeld dafür und spüle den Dreck auch noch mit Bier herunter."
Sehr melodisch klang seine Stimme, man konnte beinahe an den Sprecher eines Hörbuches denken.
„Du musst aber noch viel essen, wenn der Plan der Chipsmafia aufgehen soll.", antwortete ich im Hinblick auf seine Magerkeit.
Daraufhin grinste er nur, ein nettes, freundliches Lächeln, wühlte in der Vordertasche seiner Jeans und holte einen 10-Euro-Schein hervor, der genauso zerknittert war wie seine Kleidung. Er legte ihn in die Werbegeldschale von Marlboro, drehte sich um und stapfe wortlos davon.
„Hey, du kriegst noch gut sechs Euro Wechselgeld.", rief ich ihm hinterher.
Langsam hob er seine Hand, drehte sich aber nicht um dabei, sagte lediglich: „Behaltet ihr zwei das mal."
Kollegin Meike und ich schauten uns an und begannen, synchron zu lachen, bevor wir das Trinkgeld geschwisterlich untereinander aufteilten.
Durch die hohe Fensterfront konnte der Betrachter sehen, wie der seltsame Kunde die Linien zwischen den Bodenplatten auf der Fahrbahn der Tankstelle entlangbalancierte. Dabei bewegten sich seine Lippen und man gelangte schnell zu der Ansicht, er führe ein intensives Selbstgespräch.
Kapitel 2
Zwei Wochen später, die Ferien nach dem Wintersemester 2001/2002 standen gerade erst am Anfang, bereitete ich in einem Raum der Bibliothek eine Hausarbeit vor.
In meiner Hosentasche fing mein Handy zu vibrieren an und der Blick auf das Display verriet, dass Tankstellenpächter Dirk Radermacher anrief. Da sich kein anderer Student oder Dozent in der unmittelbaren Nähe aufhielt, nahm ich das Gespräch entgegen.
Radermacher erklärte mir, dass der festangestellte Nachtkassierer Rolf Pätz für den Rest der Woche krankheitsbedingt ausfalle und fragte, ob ich die nächsten drei Nächte bis Samstagmorgen einspringen könne. Er würde selbstverständlich dafür Sorge tragen, dass ein anderer Angestellter meine Wochenenddienste übernehme, so dass ich mich nach den Nachtschichten ausreichend erholen könne.
Weil man als Student, der gerne zum Feiern tendierte, Geld immer gut gebrauchen konnte und es Anfang März noch lange nicht an der Zeit war, nette Sommerabende im Bürgerpark zu verbringen, gab ich Herrn Radermacher meine Zusage.
Nachdem ich daheim noch zwei Stunden Schlaf finden konnte, übernahm ich um Punkt 23:00 Uhr meine Kasse.
Zum Ende eines Winters und zudem Mitten unter der Woche verlief eine Nachtschicht selbst in Ostwestfalens größter Metropole überschaubar ruhig; vereinzelt ein paar Feierabendler aus der Gastronomie, die sich auf dem Nachhauseweg auf die Schnelle ein Bier besorgten, einige wenige versprengte Nachtschwärmer, hier und da ein Taxifahrer auf einen Kaffee. Sie sollten es für diesen Dienst gewesen sein, bis gegen fünf Uhr morgens der erste Berufsverkehr einsetzte.
Als Herr Spendierknitterhemd in den Laden gelaufen kam, hockte ich mit der Süddeutschen Zeitung hinter der Registrierkasse und kämpfte mit der Schwere meiner Augenlider. Er trug eine zerknitterte Daunenjacke und einen Rucksack auf dem Rücken. Genau wie bei seinem ersten Besuch ein paar Tage zuvor irrte er auch diese Nacht für eine Weile durch den Shop, um endlich wieder mit einer Tüte Chips und einer Flasche Herforder an die Kasse zu treten.
Heute berichtete er mir nichts von irgendwelchen Konzernen, die die Weltbevölkerung durch Verfettung dezimieren wollten, aber er gab erneut über zwei Euro Trinkgeld und erkundigte sich, ob es möglich sei, das Bier im Bistrobereich der Tankstelle zu trinken. Da die erste Welle des Berufsverkehrs und der damit zusammenhängende Kundenandrang noch in der Zukunft lagen, gab es für mich keinerlei Einwände dagegen.
Mein Gast setzte sich in einen roten Sessel, bereitete einen Ordner auf dem Tischlein davor aus und fing an, während er zwischendurch immer mal wieder einen hektischen Schluck Bier nahm, mit einem dicken, grauen Bleistift Anmerkungen in seine Unterlagen zu notieren.
„Was bist du da am Schaffen, wenn man fragen darf?", erkundigte ich mich.
„Das ist für ein Experiment an der Uni. Ich arbeite dort als Physiker. Es ist eine Arbeit, die vierundzwanzig Stunden betreut werden muss und ich komme gerade von einer Kontrolle aus dem Institut. Ich gehe meistens zu Fuß nach Hause und habe noch keine rechte Lust auf meine vier Wände."
Es entwickelte sich ein Gespräch, dessen Verlauf man nur als höchst interessant beschreiben konnte. Ich erfuhr, dass Andreas, so sein Name, nicht nur mit Anfang dreißig bereits promovierter Kernphysiker war, sondern nebenbei noch aus eigenem Interesse heraus Informatik studierte und auch in diesem Fach kurz vor der Graduierung stand.
Gegen kurz nach vier leerte Andreas das Bier und räumte seine Siebensachen zusammen. Er erstand ein weiteres herrliches Herforder, was, wie er sagte, für die nötige Bettschwere angedacht sei und verabschiedete sich mit den Worten: „Es ist sehr nett gewesen, dich kennengelernt zu haben."
Dann stapfte er durch den Nieselregen in die Nacht davon und folgte dabei balancierend den Linien zwischen den Platten des Gehsteigs.
Müde kämpfte ich mich durch den Rest der Nacht und kehrte gegen 7:30 Uhr nach Hause zurück.
Mein Mitbewohner Michael schlug sich als Musiker und Designer von Internetseiten durch das knochenharte Leben. Eine solche Berufstätigkeit brachte es häufig mit sich, dass zu sehr ungewöhnlichen Zeiten gearbeitet wurde.
Als ich ins gemeinsame Wohnzimmer kam, um noch ein Feierabendbierchen zu trinken und eine leichte Tüte zu rauchen, saßen dort Michael und Patrick bei Bier und Wodka zusammen. Patricks bevorzugtes Instrument war das Stage Piano und zudem mischte er die Musik endlich in seinem kleinen Studio in Verl ab. Dort hatten die zwei eine nächtliche Session eingelegt und nun ließen sie die Nacht entsprechend ausklingen. So gesellte ich mich dazu und nach zwei Bier und einem Absolut auf Eis schwand die vorhin noch erdrückende Müdigkeit allmählich.
Es kam, wie es oft bei spontanen Zusammenkünften kommt.
Alkohol in größeren Mengen zusammen mit einem Näschen Amphetamin besitzen die Eigenschaft, dass die Zeit auf seltsame Weise gekrümmt und verzerrt wird und plötzlich musste ich an die Tankstelle zurückkehren, ohne eine Minute geschlafen zu haben.
Ich warf mir eine Handvoll Fishermens Friends in den Rachen und machte mich leise vor mich hin singend durch die kalte Nacht zur Arbeit auf.
Diese Schicht konnte nur mit dem Begriff Tortur beschrieben werden. Denn nach den ersten zwei Stunden, die wirklich lustig gewesen waren, verflog die Wirkung des Restalkohols und der aufputschenden Droge, so dass die Müdigkeit einmarschierte und sie traf mich gleich eines Faustschlages.
Der Rausch verflogen, der Kater durch die Tür geschlüpft.
Noch nie in meinem Leben musste ich derartig mit der Schwere meiner Augenlider und dumpf pochenden Kopfschmerzen kämpfen. Stein und Bein schwor ich mir, nie wieder ein härteres Getränk als Bier zu trinken oder mir ein Näschen zu ziehen.
Zweimal verriegelte ich tatsächlich die elektrische Schiebetür und hetzte in den Personalbereich, um, da ich seit fast vierundzwanzig Stunden nichts mehr gegessen hatte, gelblich schwarzen Schleim in die Toilette zu würgen.
Gegen drei Uhr früh, noch eine grauenhaft lange Zeit an Arbeit lag vor mir, kam Andreas in den Laden. Unter seinen Augen prangten dunkle, breite Ringe, das Gesicht war käsig weiß und die Haare standen ihm wirr vom Kopfe ab.
Man konnte unschwer behaupten, dass er genauso schlimm aussah, wie ich mich fühlte.
„Hey!", sagte ich. „Du siehst genauso mies aus wie ich. Was hast du gemacht? Auch abgefeiert?"
Andreas schüttelte träge den Kopf und erst jetzt sah ich Furcht in seinen Augen.
„Nein. Es sind die Träume. Diese entsetzlichen Träume aus den Kindertagen unseres Planeten Erde. Dabei fangen sie eigentlich sehr schön an und enden aber immer böse."
Weil Andreas tatsächlich schwer mitgenommen aussah, bot ich ihm an, über seine Träume zu reden.
Dankbar packte Andreas diese Gelegenheit beim Schopfe, ergriff fix ein Bier aus der Kühlung und hockte sich in denselben roten Sessel, in dem er auch gestern schon gesessen hatte.
Er gönnte sich zunächst einige Schlucke von seinem Herforder und es dauerte etwas, bis er zu erzählen anfing.
Mit dem Großen Bombardement zur Geburtsstunde des Planeten Erde kamen sie in die noch blutjunge Welt.
Zunächst bestanden sie lediglich aus langen Molekülketten auf Basis von Silizium, die in den gewaltigen Strömen glühenden Magmas existierten, welche zu Beginn die Szenerie unter einem finsteren Himmel dominierten. Trotz der Umstände, dass sie praktisch Gefangene der Glut waren, verfügten diese Molekülketten bereits über außerordentliche Rechen- und Gedächtnisleistungen.
Auf der sauerstofflosen Jungerde evolutionierten sie rasch weiter, bildeten aus den reichlich vorhandenen Rohstoffen komplexere, metallische Formen mit Gehirnen aus Siliziumverbindungen. Sie waren schwarze, hochaufragende Wesen. Ihre Körper bestanden aus einem röhrenförmigen Torso mit kräftigen, länglichen Gliedern daran. Aus roten Glasaugen in keilförmigen Köpfen blickten sie über die dunklen, partiell noch glühenden Landschaften hinweg. In den Schädelstücken existierte ein kreisrundes Maul mit messerscharfen, ultraharten Metallreißzähnen darin, die sie dringend benötigten, um Gesteine zu zerteilen und sich an den darin enthaltenen Mineralien zu laben. Denn Mineralien stellten neben der Erdwärme ihre Ernährungsgrundlage dar; daher bezogen sie die zum Leben so dringend benötigte Energie.
Die Siliziumwesen entwickelten eine Sprache aus zischenden, knisternden, raschelnden Lauten und die Gehirne in ihren Keil-Häuptern wurden sehr schnell immer leistungsfähiger. Bereits wenige Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen auf der Erde bildeten sie eine erste Hochkultur.
Finstere Wolkenkratzer aus schwarzem Metall, dunkel verspiegeltem Glas und schwarzem Gestein erhoben sich in den Himmel, während gewaltige Industriekomplexe für den Menschen ätzende Gase in eine Atmosphäre pusteten, die jener der heutigen Venus ähnelte. Orangene Magmaströme durchzogen die zahlreichen Großstädte rund um den Globus. Schwarze, gebogene Brücken führten über diese hinweg.
Die Siliziumwesen pflegten nicht zu arbeiten, sondern ließen allerlei Tätigkeiten von erschaffenen Wesen mit verringerter Gehirnkapazität verrichten, welche vollkommen bar eines eigenen Willens waren.
Die Silici, so nannte der Gast im Bistro die Einwohner der Urerde bei Gelegenheit, reproduzierten sich selbst und besaßen eine im Vergleich zum Menschen gigantische Lebenserwartung, obgleich sie streng genommen nicht wirklich sterben konnten. Denn selbst wenn beispielsweise einer der Ihrigen bei einem Unfall in einen der Magmaströme stürzte, endete sein Leben lediglich in körperlicher Form, da die Molekülketten mit der enthaltenen DNA und dem Wissen darin weiterexistieren konnten. Das Wesen lebte in der Schmelze fort.
Gefühle wie Liebe, Hass, Freude, Trauer, Leid, Glück und Schmerzen kannten die Silici nicht, stattdessen verspürten sie eine Art wahnsinnigen Drangs, ihre Umwelt und sich selbst zu perfektionieren und immer tiefer in das Wissen um die Natur einzutauchen. Schon sehr früh stellten die Silici fest, dass weitere Welten jenseits dieses Sonnensystems um Sterne kreisten und durchdachten, ob es möglich wäre, diese Welten zu erreichen und in Besitz nehmen zu können.
Da die Siliziumwesen auf Erden keinerlei Feinde besaßen und es auf Grund der Gefühlslosigkeit untereinander ebenfalls kein Reibungspotential gab, konnte man sich ganz der Wissenschaft hingeben.
Vollkommene Gefühlslosigkeit wäre allerdings das falsche Wort, um diese so ganz andere Spezies pauschal damit zu belegen. Denn sie besaßen ein Bedürfnis nach Spiritualität.
In großen, prächtigen Tempeln, deren Decken von Säulen aus schwarzem Gestein getragen wurden, hielten die Siliziumwesen ihre Gottesdienste ab. Sie dankten einem gesichtslosen Wesen dafür, dass es einst den Urfunken der Evolution auf die glühende Jungerde gebracht und somit endlich ein Leben im Körper ermöglicht habe. Die Messen bestanden hauptsächlich aus Lobpreisungen in Form feierlicher Gesänge, die einen Menschen an die Geräusche elektrischer Entladungen erinnert hätten.
Sie bauten schwarze Raumschiffe, besuchten geeignete Orte innerhalb unseres Sonnensystems und planten gar, zu nahegelegenen Sternen zu reisen; ganz so weit, bis die relative Langsamkeit von dreißig Prozent der Lichtgeschwindigkeit ihnen Grenzen setzte.
Für hunderte von Millionen an Jahren verkörperten sie die unangefochtenen Herrscher über den Planeten Erde, ihre Städte verteilten sich zahlreich rund um den Globus und sie lebten in Frieden und Einklang ein kollektives Miteinander.
Doch dann kam das Pyramidenwesen aus einem der finstersten Winkel des Universums auf die Erde hinab und brachte ihnen die Gefühle. Keine Liebe und auch keine Freude kamen durch es in die Welt, sondern Neid, Gier, Hass. Ihr gewaltiges, friedliches Kollektiv zerfiel in einzelne, konkurrierende Gruppen und mit dieser Teilung erfuhr auch die bis dato einheitliche Religion eine Aufsplittung. Fortan stritt man sich darum, welcher Glaube denn nun der wahre wäre und noch heftigere Konflikte entbrannten um den Zugang zu den wertvollsten Ressourcen. Waffen wurden entwickelt, immer größer und immer mächtiger, und schließlich kam der Overkill. Die Fusions- und elektromagnetischen Bomben zerstörten selbst die Intelligenz und das Wissen, welches in den Schmelzen existierte.
Am Ende blieben nur rauchende Ruinen und die Trümmer ihrer einst so stolzen Zivilisation tilgte die Geodynamik der Erde im Laufe der folgenden Jahrmillionen.
Andreas Geschichte stufte ich als unterhaltsam und kurzweilig ein. Immerhin hatte sie den Feierabend eine volle Stunde nähergebracht und auf eine gewisse Art war sie gruselig, doch vermochte mir dieser Fakt nicht zu erklären, warum der Gast im Bistrobereich so dermaßen aufgelöst erschien. Daher hakte ich nach.
„Dieses Pyramidenwesen ist so real! An ihm kann ich jedes grausige Detail erkennen. Er sieht so unbeschreiblich furchterregend aus, dass einem als Mensch dazu die Worte fehlen. Würde es tatsächlich in seiner Größe von über zwei Metern hier irgendwo stehen, würde ein Mensch bei dem Anblick sicherlich den Verstand verlieren oder vielleicht sogar vor akuter Angst sterben.
Doch das Schlimmste ist, dass ich nach dem Aufwachen dieses beklemmende Gefühl über Stunden hinweg habe, dass dieses Wesen mich beobachtet, wo auch immer es sich dort oben zwischen den Sternen befinden mag."
Das Gespräch dauerte noch eine Weile und als sich Andreas mit dem aufkeimenden Berufsverkehr verabschiedete, tat er das mit den Worten, dass es gutgetan habe, über diese Sache mit mir zu reden und dass er sich nun bedeutend wohler fühle.
Eine Aussage, der man Glauben schenken konnte, denn Andreas sah entschieden besser aus als noch zwei Stunden zuvor.
Dann spazierte der Besucher davon und bemühte sich auch heute wieder, möglichst auf den Rillen zwischen den Gesteinsplatten zu wandeln.
Um 6:45 Uhr kamen die für die Frühschicht eingeteilten Damen und lösten mich ab; endlich Feierabend.
Der Kater, der mich die ganze Nacht über gepeinigt hatte, war zum größten Teil verflogen, doch dafür nahm die bereits vorhandene Müdigkeit nun immer bleierne Züge an. Dazu lag noch ein Heimweg von satten 2,5 Kilometern Fußmarsch vor mir.
Sicherlich wäre es möglich gewesen, mit dem Linienbus bequemer nach Hause zu gelangen, doch ich entschied, dass mir nach einem Gelage wie dem gestrigen ein Spaziergang an der frischen Luft guttäte.
Nach ein klein wenig Smalltalk mit den werten Kolleginnen verließ ich die Station.
Auf einem Grünstreifen des Außengeländes lag zwischen dem Tankstellengrundstück und der Hauptverkehrsstraße ein großer, grauer Findling voller Einsprenglingen aus Quarz.
Ich beugte mich ein wenig hinab, um den Stein im Lichte dieses noch jungen Tages zu betrachten, während neben mir der Berufsverkehr träge dahinfloss und einheitlich vor sich hin dröhnte. Schnell stachen dem aufmerksamen Betrachter die helleren Mineralstücke ins Auge und mein Zeigefinger fuhr mit der Kuppe seicht darüber hinweg.
„Und ihr seid also die Reste der ehemaligen Siliziumwesen. Einst, vor so vielen Milliarden Jahren, wart ihr die Krone der Schöpfung, bis die Pyramidenkreatur kam und ihr euch wegen der geistigen Vergiftung durch das Monstrum selber weggebombt habt und deshalb das seid, was ich hier gerade vor mir sehe.
Oh je! Manche Menschen sind wirklich durch! Lieb und nett, aber eben leider etwas durch auch. Ach, ich sollte das nicht so laut sagen. Denn irgendwo dort oben zwischen den Sternen sitzt der Pyramidenheini und beobachtet mich wahrscheinlich genauso wie Andreas.", murmelte ich leise grinsend vor mich hin.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht setzte ich den Heimweg fort.
Kapitel 3
Mit einem Seufzer der Erleichterung warf ich die Wohnungstür zur WG hinter mir ins Schloss, ließ meinen Rucksack neben der Garderobe auf die Holzdielen fallen und ging schnellen Schrittes in die Küche.
Weil der Kater und die Nachwirkungen der Droge bislang verhindert hatten, im Verlauf der Nachtschicht außer einem Liter Coca Cola nichts weiter herunterzubekommen, galt es nun, vor dem Schlafengehen zumindest ein wenig Nahrung aufzunehmen.
Schnell ein Fertiggericht bestehend aus Cevapcici mit Reis in die Mikrowelle geschoben und am Küchentisch verspeist, worauf sich ein Wohlgefühl in meinem Körper breitmachte, jedoch die Müdigkeit noch mehr Gewicht bekam.
Ich öffnete den Kühlschrank, um eine Flasche Apfelschorle mit ins Schlafzimmer zu nehmen, da lenkte eine Dose Veltins meinen Blick ab, die mich förmlich anzulächeln schien; das berühmt, berüchtigte Katerbier.
Nachdem ich mich im Bad bettfertig gemacht hatte, suchte ich mir ein Buch - einfache Kost nach einer solchen Nacht - aus dem übervollen Bücherregal und setzte mich mit Bier und Lektüre auf meine geräumige Schlafstätte. Locker ging der vor Patriotismus triefende Schinken Tom Clancys von der Hand, im Radio spielte WDR3 klassische Musik zum Morgen und die Dose zischte beim Öffnen.
Ich trank zwei kleinere Schlucke Bier und kam keine drei Seiten weit, als die Müdigkeit übermächtig wurde.
Es gelang mir, noch schnell ein größeres Quantum Veltins zu nehmen und die halbvolle Büchse sicher auf dem Nachttischchen zu positionieren, bevor ich mich auf dem Bett ausstreckte und unter die Decke schlüpfte.
Während der hervorragend geschulte Moderator zwischen zwei Kompositionen den Zusammenhang von Bachs Musik und protestantischem Glauben erörterte, wurde mit einem Kopfsprung in den Ozean der Träume eingetaucht.
Die sanfte Stimme des Radiosprechers gehört mit all ihren Melodien nun einem kleinen Mann in schwarzem Frack und einer Melone über dem Mondgesicht, der mir sagt: „Willkommen in Argentinien! Das Pyramidenwesen, was die armen Kerle da umgebracht hat, wird bald in die Welt geboren. Der 11. September ist gar nicht dagegen. Bald ist es soweit. Frag` den Stein da, wenn du mir nicht glaubst."
Zum Abschied tippt er sich an die Melone und marschiert an dem Findling vorbei, der nun nicht mehr zwischen Tankstelle und Straße liegt, sondern unter strömendem Regen in einer finsteren Landschaft. Sie besteht überwiegend aus Gräsern und im Hintergrund türmen sich dunkle Berge auf, scheinen an den schwarz–grauen Wolken förmlich zu kratzen.
Die Sonne ist urplötzlich aufgegangen und hat die dreifache Größe, wie man sie von der Erde aus sehen kann. Sie knallt auf eine Szenerie bestehend aus grauen Kratern und kahlen, grauen Bergen hinab, lässt die Umwelt förmlich erglühen. Im grellen Licht steht der sechs Jahre ältere Boris Alexander Hermes in Closed Jeans und einem gelben Iceberg Pullover, den Donald Duck ziert. Seine schwarzen Haare sind streng nach hinten frisiert und er mustert mich durch eine Brille von Oliver Peoples. Mit ihm verbrachte ich eine kurze Zeit in meiner alten, hessischen Heimat. Boris großer Traum ist es bis heute, eines Tages zu den oberen Zehntausend zu gehören und ein Duzfreund von Boris Becker und Donald Trump zu werden. Früher zahlte seine Mutter, eine selbstständige Reiseverkehrskauffrau, für den Schein ihres Sohnes. Sie verhätschelte ihn. Dann, nach dem Fachabitur, verdiente er mit Kettenbriefen und schmieriger Telefonakquise sein Geld und heute, das ist der letzte Stand meines Wissens, ist er Betreiber einer recht zwielichtigen Kontaktbörse im Internet.
„Entschuldigung, dass ich mich verspätet habe, aber mein Bruder und ich haben noch den Boris in Wimbledon geschaut. Es ist schön, dass du auf dem Merkur vorbeischaust. Du musst da runtergehen!“, spricht er und versucht von der Stimme her Boris Becker zu imitieren, während sein Arm mit der goldenen Rolex am Handgelenk über die glühende Landschaft weist. „Es gibt hier viel zu entdecken. Doch es kommt immer anders, als man denkt. Zeit spielt keine Rolle. Die Zeit, die du kennst, ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Und deshalb konnte geschehen, was geschah und geschehen wird. Deshalb richtete das Pyramidenwesen sein Unheil an, obwohl es noch längst nicht geboren wurde. Frag den Typen von Alpha Centauri, wenn du mir nicht glaubst, oder deinen neuen Freund Andreas. Aber am allerbesten stellst du diese Frage ins Große Kosmische Netz hinein! Ich hoffe, du hast eine Jacke dabei? Denn des nachts wird es auf dem Merkur sehr, sehr kalt! Wann gehen wir mal wieder in den Club Elfenbein zusammen?“
Boris verschwindet, zerplatzt wie eine Seifenblase.
Obwohl es auf dem Merkur kaum Atmosphäre gibt, die Schall transportieren kann, rasselt es hinter mir metallisch. Ich drehe mich um und sehe die Spitze einer Pyramide auf meine Nase zeigen. Auf der Pyramide gibt es einen silbernen Schnabel voller blitzender Reißzähne darin und weiter oben zum quadratischen Ende hin glimmt ein Streifen in Scharlachrot, pulsiert im Rhythmus eines unheilvollen Herzschlages. Der Schnabel fängt zu rotieren an. Das Gebiss wird mich in Fetzten reißen!
Ich spüre die kalte Hand der Furcht in meinen Eingeweiden, den Angstschweiß auf meiner Haut. Ich möchte weglaufen, aber eine Ganzkörperlähmung hat mich befallen. Mein Mund öffnet sich zum finalen Todesschrei...
Ich erwachte und wusste zunächst nicht genau, welcher Ort sich um mich herum befand.
Draußen, vor den Vorhängen des Fensters war es bereits dunkel und die leuchtenden Ziffern des Radioweckers zeigten 20:12 Uhr an.
Der Schlaf nach vielen Stunden der Schlaflosigkeit hatte beinahe zwölf Stunden gedauert.
Im Radio, das noch immer leise lief, verlas ein Sprecher die Nachrichten vom Tage und aus dem Wohnzimmer drang gedämpfte Rockmusik durch die geschlossene Zimmertür. Unüberhörbar entstammte sie der Feder meines Mitbewohners. Nun durchforstete er die dynamische Komposition durch wiederholtes Probehören nach Verbesserungsmöglichkeiten. Immer wieder stoppte er eine bestimmte Passage, fuhr sie zurück, um sie erneut gar streng unter die Ohren zu nehmen.
Nun erst wusste ich, dass ich mich hundertprozentig daheim, in Sicherheit und nicht in der glühenden Landschaft des Merkurs befand, und einer schwebenden, schwarzen Pyramide gegenüberstand, welche im Begriff war, mich zu Hackfleisch zu verarbeiten.
Der Traum! Du musst ihn aufschreiben, sonst hast du ihn vergessen, bevor du gleich unter der Dusche stehst! Und ist es außerdem nicht schön, wieder vollkommen klar und ohne Kater zu sein!
Und so setzte ich mich mit Papier und Lamy–Füllhalter, der gleiche, mit dem vor beinahe sieben Jahren die Abiturklausuren erfolgreich absolviert worden waren, an den Schreibtisch und schrieb im Schein der Schreibtischlampe den bislang wohl seltsamsten Traum meines Lebens nieder.
Heute stand die letzte Nachtschicht auf dem Programm und nach dem Duschen blieb mir noch eine gute Stunde, bis ich mich auf den Weg zur Arbeit machen musste.
Bei einer kräftigen Tasse Ceylon Assam-Tee berichtete ich im Wohnzimmer Michael, der mit Mischpult und PC–Musikprogrammen vor zwei 17 Zoll-Monitoren hantierte, von dem komischen Vogel Andreas, dessen und meinen Träumen.
„Lad` den Typen doch mal ein. Deiner Beschreibung nach passt er ganz ausgezeichnet in unsere WG.", kommentierte er, worauf wir beide lachten.
Kapitel 4
Es sollte jedoch ein wenig Wasser die größeren und kleineren Ströme Ostwestfalens herunterfließen, bis sich die Wege von Andreas und mir wieder kreuzen sollten.
Von meiner Arbeitsstelle aus sah ich ihn manchmal durch die Schaufenster, während er mit dem Aktenkoffer am langen Arm und einem Rucksack auf dem Rücken an der Tankstelle vorbeilief, selbstverständlich stets dabei den Linien zwischen den Bodenplatten folgend.
Eines Sonntags, ich hatte eine jener unsäglichen Frühschichten erwischt, während der man es hauptsächlich mit Brötchen kaufenden Rentnern und tankenden Ausflüglern zu tun bekam, stapfte Andreas beinahe entschuldigend dreinschauend in den Shop hinein. Immer mal wieder blickte er ängstlich zu meinem Kollegen an der zweiten Kasse herüber. Er erwarb ein Päckchen Drehtabak, Filter und Papier dazu und fragte mich leise, ob ich kurz Zeit habe, vor der Station mit ihm eine zu rauchen.
In der Erwartung, wieder die Geschichte eines schaurigen Traumes erzählt zu bekommen, verließen wir gemeinsam die Station, um an dem großen Aschenbecher vor dem Bistrobereich eine zu qualmen. Da ich normalerweise nur am Abend mein Tütchen rauchte, ließ mich diese Zigarette am frühen Morgen leicht schwindeln.
Es täte ihm leid, dass er mich mit seinen kindlichen Alpträumen belästigt habe. Er würde so was nie wieder tun. Viele, viele Male Entschuldigung.
Er schaute mich an wie ein kleiner Junge, den man beim Doktorspielen mit seinem besten Freund erwischt hatte.
Meine Antwort lautete, dass er sich keinen Kopf zu machen brauche. Im Gegenteil. Seine Traumgeschichte sei überaus kurzweilig und interessant gewesen und habe bei mir einen ebenfalls äußerst skurrilen, jedoch auch extrem unheimlichen Traum ausgelöst. Ob er nicht mal Lust verspüre, in die Wohngemeinschaft auf ein zwangloses Treffen zu kommen?
Nun schaute er fröhlich drein, ähnlich einem Kind, welches sein absolutes Wunschgeschenk unter dem Weihnachtsbaum entdeckt.
„Ja, super! Da freue ich mich doch sehr!", jubelte Andreas.
Wir tauschten die Mobilfunkrufnummern aus und freudestrahlend trabte er von dannen.
Kapitel 5
Eine Woche später holte mich Andreas an einem Samstagabend um 22:00 Uhr zum Dienstschluss einer Spätschicht an der Tankstelle ab.
Wir verlebten einen herrlichen Abend im Wohnzimmer der WG bei Musik der Doors, Pink Floyds und der Rolling Stones, wobei es Pils aus der Flasche gab und hier und da eine ordentliche Grastüte die Runde machte.
Andreas trug die ganze Zeit einen freudigen Ausdruck auf dem Gesicht, den ich damit in Verbindung brachte, es hier mit einem Menschen zu tun zu haben, der nur äußerst selten in den Genuss einer geselligen Runde kam.
Er erzählte uns, dass er aus einer norddeutschen Unternehmerfamilie stamme, die unter anderem in Klimatechnologie und Zulieferer des Volkswagen Konzerns investiere. Sein älterer Bruder sei mit Freuden bei dem großen, kapitalistischen Spielchen dabei und werde dem Firmengeflecht, das seinen Ursprung einst im Reederei-Geschäft gehabt habe, sicherlich eines Tages vorstehen. Für ihn persönlich käme das allerdings überhaupt nicht in Frage, da er durch und durch Wissenschaftler sei und ein Wissenschaftler tue eben forschen und nichts anderes wolle er tun. Im Großen und Ganzen besäße er nicht das tollste Verhältnis zu Bruder und Eltern, die eine Weile angenommen hätten, dass ihr jüngerer Sohn Autist sei, weil Andreas bereits als Kind schon endlose, einsame Stunden und Tage vor seinem Atari–Computer oder über wissenschaftlichen Büchern verbracht hätte.
Das Physikstudium habe er in nur drei Jahren erfolgreich mit einem Einser-Diplom absolviert und im Alter von achtundzwanzig Jahren sei er zum Doktor der Naturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Kernphysik promoviert worden. Abschließende Bewertung: summa cum laude. Das Informatikstudium mache er mehr für sich selbst, könne sich aber auch hier eine Dissertation vorstellen.
Es war ein wahrlich netter Abend, beziehungsweise eine sehr nette Nacht, zu deren Ende hin wir alle leicht oder weniger leicht einen in der Krone hatten.
Andreas wurde nicht müde, zu beteuern, wie gut ihm die Zeit in der WG gefallen und dass er eine solch nette Runde längere Zeit nicht erlebt habe.
Er lud Michael und mich zu einem Revanche-Abend bei sich daheim ein.
Ich wurde ein wenig traurig und mitleidig, weil mir an Hand seiner eben getroffenen Aussagen und auch wegen der Erzählungen über seine Familie klar geworden war, dass es sich bei unserem Akademiker um einen sehr einsamen Menschen handelte; einen Außenseiter, den nur so durchgeknallte Personen wie Michael und ich akzeptierten, obgleich er gewaltige Intelligenz besaß und Mitten im Leben stand.
Zwei Monate später erfolgte der Besuch bei ihm daheim.
Andreas lebte in einem schönen, sanierten Altbau im Stadtteil Gadderbaum.
Seine Wohnung, Eigentum und Geschenk seiner Eltern, wies einige Absonderlichkeiten auf. Sie besaß Küche, zwei Badezimmer und vier große Zimmer, von denen allerdings nur zwei Mobiliar enthielten. Eines war eine Mischung aus Schlaf- und Arbeitszimmer, das andere das Wohnzimmer, wobei auch hier reichlich Utensilien aus dem Berufsleben des Gastgebers herumlagen. Andreas besaß kein Bett, sondern nächtigte auf einer schlichten Matratze und im Bettzeug des FC St. Paulis. Er hatte weder Fernseher noch Stereoanlage, dafür aber mindestens vier PCs und zwei Notebooks, die allesamt aus dem Hause Apple stammten. Übervolle Bücherregale nahmen einen Großteil der Wände ein und dort, wo sie Platz ließen, hingen wissenschaftliche Skizzen an den Wänden. Zur Einrichtung gehörten auch zwei Schreibtische, die beide überquollen vor Notizen und Berechnungen.
Das Komischste bekamen wir in der Küche zu sehen, wo lediglich ein großer Kühlschrank umherstand.
Außer Sandwichs und kalten Ravioli aus der Dose verzehre der Wissenschaftler nichts weiter und wenn er tatsächlich Lust auf eine warme Mahlzeit verspüre, gehe er außerhalb essen, bevorzugt in der Gadderbaumer Grillstation oder bei dem Griechen im Herzen von Bethel.
Zwei Räume enthielten nichts weiter als gähnende Leere und eine dünne Staubschicht bedeckte an diesen Orten den Parkettboden.
Im Wohnzimmer nahmen wir auf Sesseln und Sofa Platz, die nicht zusammenpassten, und Andreas warf einen seiner Computer und indianische Musik an. Sie klang vollkommen anders als jene Töne, die man hier in Europa als native Klänge vertrieb; exotisch, aber durchaus interessant und angenehm zu vernehmen.
„Vor drei Jahren habe ich eine Reise durch den Amazonas Regenwald gemacht.", fing Andreas zu erzählen an. „Ich bin mit einem Boot über den Amazonas tief in den Regenwald hineingefahren. Bei einem Stamm, einem ganz kleinen Volk, das so lebt wie eh und je, habe ich diese Musik zum ersten Mal gehört und ein Getränk getrunken, was die aus geheimen, pflanzlichen Zutaten gegoren haben. Mann, Mann, Mann. Das war vielleicht ein abgefahrener Trip."
Michael forderte ihn auf, er solle uns doch die ganze Geschichte erzählen und so berichtete Andreas in aller Ausführlichkeit.
Diese Semesterferien sollten nur mir gehören.
Zuvor hatte ich meine Promotion mit einem sehr erfolgreichen Rigorosum abgeschlossen und war von der Universität zum 01. Oktober 1999 fest eingestellt worden. Und natürlich besaß ich durch meine Eltern genügend finanzielle Ressourcen, um mir eine achtwöchige Reise durch den südamerikanischen Regenwald leisten zu können. Es war ohnehin mehr ein zeitliches Problem als eine Frage des Geldes gewesen.
Von Frankfurt am Main aus flog ich mit Lufthansa nach Sao Paulo, wo mich mein Weg zu einem kurzen Besuch bei einem meiner Cousins führte, der in der Megametropole für eine der Firmen meiner Eltern arbeitete. Von dort ging es weiter in die Niemeyer–Stadt Brasilia, ein am Reißbrett geplanter und durchdachter Ort, faszinierend zu entdecken. Hier hielt ich mich für drei Tage auf, bevor es über Manus weiter nach Santarem ging, den eigentlichen Ausgangspunkt meiner Reise. Dort traf ich Pedro, den Reiseleiter, der mich auf meiner Tour entlang des Amazonas begleiten sollte, und Mike, einen langjährigen Brieffreund, der aus einer alteingesessenen Familie von der Ostküste der Vereinigten Staaten stammte.
Zusammen fuhren wir in einem kleinen Motorboot den mächtigen Strom hinauf, wobei wir Vorräte und Schiffsdiesel an kleineren Versorgungsstationen entlang der Route auffrischten.
Für mich war es eine begeisternde, faszinierende Angelegenheit, die Flora und Fauna des Regenwaldes, die ich bislang nur aus Büchern und Dokumentarfilmen kannte, einmal in natura zu sehen. Weiterhin stimmte die Chemie in unserer kleinen Dreimann-Reisegruppe, was die ganze Angelegenheit noch angenehmer gestaltete.
Wir machten die Bekanntschaft mit manch indigenem Stamm und durften stets bei den äußerst gastfreundlichen Indios für ein paar Stunden verweilen und gelangten so an kleine Einblicke in deren gänzlich andere Welt.
Am zehnten Tag unserer Reise verweilten wir bei einem Stamm, deren Angehörige rote Tücher, jedenfalls sahen sie wie rote Tücher aus, um die Lenden und rot–schwarze Bemalungen auf den Körpern trugen. Sie kamen ungemein freundlich daher und zwei aus ihrer Mitte sprachen gar vorzügliches Englisch. Sie luden uns ein, am Abend an einer feierlichen Zeremonie teilzunehmen, was man sich als junger, wissenschaftlich denkender Mensch nicht entgehen lassen konnte.
Dieser Zeremonie lag etwas Naturreligiöses zu Grunde und die Musik, die dabei auf rasselnden Instrumenten spielte, ging dem Zuhörer durch Mark und Bein. Sie begleitete ein leicht monoton wirkender Gesang.
Im Verlauf der Zeremonie wurde eine hölzerne Schale mit einer trüben, bernsteinfarbenen Flüssigkeit herumgereicht, über die Pedro uns verriet, dass es ein gegorenes Getränk aus Wurzeln, Pflanzen, Früchten und Pilzen des Regenwaldes sei, dessen Rezeptur von einem Volk stamme, welches noch keinerlei Kontakt zur westlich–brasilianischen Kultur gehabt habe, sondern lediglich zu indigenen Stämmen in seiner Nachbarschaft. Das Getränk habe neben der alkoholischen auch eine halluzinogene Wirkung und wir sollten dieser Substanz gegenüber eine gewisse Vorsicht an den Tage legen, da man uns aus Gründen der Gastfreundschaft sicherlich dieses Getränk anbiete.
Es geschah, wie es unser Expeditionsleiter prophezeit hatte, und als die Schale an mich kam, nahm ich einen kleinen Schluck, wobei mir Pedro die ausreichende Menge durch ein Kopfnicken bestätigte, so dass ich die Schale absetzte und weiterreichte.
Das Gebräu schmeckte leicht bitter, doch gar nicht verkehrt und ich fühlte mich ein klein wenig an Bier erinnert, welches einen hohen Anteil an Alkohol aufweist, vergleichbar etwa mit dem dunklen Starkbier aus dem Hause Kloster Andechs.
Umgehend setzte die Wirkung des Alkohols ein und ich fing an, meinen Oberkörper im Takte der Musik vor und zurück zu bewegen.
Eine der Frauen warf irgendwelche Pflanzenreste in das hochlodernde Feuer, worauf wir alle von einem süßlichen Schleier aus blauem Qualm eingehüllt wurden, der die Augen ganz leicht zum Tränen brachte. Die halluzinogene Wirkung, so hatte Pedro es Mike und mir erklärt, setze nach etwa einer Dreiviertel-, spätestens nach einer Stunde ein.
Die Wirkung kam und sie war tatsächlich fantastisch.
Ich wurde eins mit der Natur und all den Menschen, die sich hier in diesem kleinen Dorfe am Ufer des Amazonas aufhielten. Alles schien über unsichtbare, vibrierende Fäden miteinander verbunden zu sein, so dass man fühlen konnte, was der andere fühlte und wahrnahm, was der andere dachte.
Auch das Leben in den Bäumen und den übrigen Pflanzen schien mit einem kommunizieren zu wollen, ja gar die Steine und Felsen, das Wasser des Flusses und die Erde unter unseren Füßen. Alles gab ganz eigene, für sich sprechende Schwingungen von sich. Über diese Schwingungen konnte ich zum Beispiel deutlich die grundlegenden Charakterzüge alles Lebenden wahrnehmen.
Unter dem Strich waren die meisten Erfahrungen dieser Nacht von einer unglaublichen, positiven Natur, so dass es einen Wahnsinn darstellte, eine solche Erfahrung erleben zu dürfen.
Neben den Schwingungen gab es selbstverständlich weitere Erfahrungen bewusstseinserweiternder Natur.
Ich konnte durch die Blätter der gewaltigen Baumkronen direkt auf die Sterne und hinter diese sehen und verstand endlich, was Neil Young in seinem Lied Helpless mit der Passage >>...blue, blue windows behind the stars...<< zu vermitteln versuchte.
Die Erkenntnis, dass die Welt und der Kosmos und alles sich darin befindliche eng miteinander verbunden sind, wog ungemein wohltuend, in jenen gefühlten Momenten gar befreiend.
Mit dem Beginn eines neuen Tageslichtes setzte langsam, aber sicher das Runterkommen ein. Allmählich gewann die Welt den Zustand zurück, den sie besaß, wenn man als Normalsterblicher durch sie zog, und mit diesem seichten Prozess setzte eine tiefgehende Müdigkeit ein.
In der Gästehütte schliefen Mike, Pedro und ich auf einer Art Kokosmatte lange, tief und traumlos.
Als wir erwachten, waren beinahe vierundzwanzig Stunden vergangen und es wurde Zeit, die Reise fortzusetzen.
Beim Verlassen des Dorfes fragte ich einen der beiden englischsprachigen Indianer, ob es eine Möglichkeit gebe, an einen Tonträger mit der Zeremonienmusik zu gelangen. Er antwortete, dass ein Mitglied seines Volkes in Santarem einen kleinen Laden betrieb, in dem man native Gegenstände und Souvenirs erwerben könne. Dort gebe es eine ordentliche Auswahl an indianischer Musik.
Tatsächlich erstand ich dort auf der Rückreise eine CD als Erinnerung an diese unvergessliche Nacht im Herzen des brasilianischen Regenwaldes.
Nun war unsere Reise noch nicht beendet, denn es stand abschließend ein dreitägiger Besuch von Buenos Aires auf dem Programm, bevor sich am dortigen Flughafen die Wege Mikes und meiner Person trennen sollten.
Wir bewohnten ein wundervolles Hotel im Herzen der argentinischen Hauptstadt, zogen durch die zahllosen Bars des Hafenviertels, wo man Tango Tänzerinnen und Tänzer bei ihren prächtigen, künstlerischen Verführungen bewundern konnte. Ja, der Tango war eindeutig zusammen mit der Verehrung des exzentrischen, ehemaligen Fußballstars Diego Maradona die Seele dieses Stadtteils.
Obgleich sich zwei merkwürdige Dinge in dieser Metropole zutrugen, bleibt Buenos Aires eine der schönsten Städte, die ich in meinem Leben besucht habe.
Zum einen wurde ich in der ersten Nacht von einem merkwürdigen Traum heimgesucht, kein Alptraum, aber auf eine gewisse Art und Weise schon recht unheimlich.
Hier der Traum in der Zusammenfassung: Ich stand auf dem Balkon meines behaglichen Hotelzimmers und blickte statt auf das rege Großstadttreiben über die karge Pampa Patagoniens, die in einem trüben Zwielicht vor sich hin schimmerte. Aus diesem Halbdunkel rief irgendetwas über die Schwingungen nach mir, doch konnte ich nicht erkennen, wer oder was dort nach mir verlangte. Mit Schwingungen meine ich genau die Schwingungen, die ich auch verspürt habe, als ich bei den Indios gewesen bin und an deren Zeremonie teilgenommen habe. Er, sie oder es rief mich, nach Patagonien zu kommen oder an sonst einen Ort auf der großen, weiten Welt.
Dann erwachte ich, war zunächst einmal verwirrt und orientierungslos und dann um so erleichterter, als mir bewusstwurde, dass ich mich im Bett meines Hotelzimmers und nicht in der Pampa befand. Da draußen noch Dunkelheit vorherrschte, konnte der Schlaf nicht allzu lang gedauert haben und es gelang mir nicht, zügig wieder einzuschlafen, so dass ich mich auf den Balkon begab, als wolle ich auf Nummer sicher gehen, dass unter mir auch tatsächlich das nie wirklich zur Ruhe kommende Buenos Aires lag und nicht etwa eine wilde Landschaft.
Aus reinem Interesse stellte ich schnell mit Hilfe des Stadtplans fest, dass mein Balkon tatsächlich nach Süden und somit in Richtung Patagonien wies; ein Faktum, welches ich schon recht unheimlich fand.
Eine weitere Seltsamkeit war noch unheimlicher, weil sie sich im wahren Leben am helllichten Tage ereignete.
Wir erreichten im Rahmen einer unserer Streifzüge den Plaza de la Republica mit dem fast siebzig Meter hohen Obelisken. Ob ihr es mir glaubt oder nicht, der Obelisk rief nach mir. Er rief mich, aufzubrechen und sendete zudem über die Schwingungen eine Botschaft, die zu verstehen ich nicht mächtig war. Denn sie wurde in einer gänzlich anderen Sprache kommuniziert. Es hat sich angehört wie diese Geräusche, die man von Jupiters Magnetfeld empfangen kann.
Natürlich ging sofort durch meinen Kopf, dass das alles ein Backflash von den Drogen sein könne, die sich in dem gegorenen Getränk befunden hatten. So fragte ich Mike, ob er ähnliche Effekte verspüre, worauf Mike diese Frage verneinte und zu beruhigen versuchte, indem er sagte, dass sich Drogen von Mensch zu Mensch unterschiedlich auswirkten und es sich durchaus um einen Backflash gehandelt haben könnte.
Ich musste einfach dort stehen und den Obelisken anstarren, während diese seltsamen Schwingungen mir in einer gänzlich unbekannten Sprache etwas zu erzählen versuchten. Es erschien für mich unbegreiflich, warum all die anderen Menschen, die über die Gehsteige flanierten, das nicht bemerkten.
Es war der Auftakt zu einer langen Serie von seltsamen Träumen und Erfahrungen.
Nachdem Andreas seine Erzählung beendet hatte, versicherte er uns, dass wir neben seinem fernen Freund in Amerika und einer losen Freundin die einzigen Personen seien, die von dieser Geschichte wussten.
Nun entbrannte eine lebhafte Diskussion darüber, in wie weit die im Regenwald konsumierte Droge ihren Anteil an diesen Zuständen trüge und da es sich um ein besonders offenes Gespräch handelte, machte natürlich schnell die Idee die Runde, dass Andreas, um es in schönem Neudeutsch zu formulieren, eventuell auf dem Trip hängen geblieben sei. Unser Gastgeber entgegnete darauf, dass er sich dahingehend bereits einer Bekannten anvertraut habe, die als Neurologin am Hamburger Universitätsklinikum arbeite.
„Sie hat mich eingehend untersucht und nichts Auffälliges gefunden. Mein Gehirn arbeitet ganz normal.", erklärte er uns. „Ich habe mir da eine ganz verrückte Idee zurechtgelegt. Könnte es vielleicht möglich sein, dass es ein Netzwerk gibt, welches alles und jedes Leben, das sich in diesem Kosmos befindet, miteinander verbindet? Es verbindet uns über Schwingungen. Vielleicht war ich durch diese Droge tatsächlich Teil dieses Netzwerks. Ich war in dieser Nacht am Amazonas eine Einheit mit meinen Mitmenschen und der Natur. Das ist so sicher wie der Mehrwertsteuer. Ich bin mir ganz, ganz sicher, dass diese Verbindung über unseren hübschen, kleinen Planeten hinausgeht. Alles, und damit meine ich alles, hängt zusammen!“
„Und was ist dann später in Buenos Aires los gewesen?“, hakte Michael nach.
„Ich denke, dass die Wirkung der Droge einfach länger angehalten hat. Ich war dann plötzlich wahrscheinlich mit jemanden verbunden und derjenige mit mir, der sich in Patagonien aufgehalten hat. Vielleicht wollte er mir das mitteilen.“, antwortete Andreas und entzündete die erloschene Tüte.
Dichter Qualm und ein intensiver Marihuanageruch hüllten die Sitzecke ein.
„Aber du meintest doch, dass der Obelisk nach dir gerufen habe.“, gab ich zu bedenken und nahm den Joint von Andreas entgegen.
Michael trank genussvoll einen Schluck von seinem Bier und blickte Andreas erwartungsvoll an. Das Thema konnte nur als schräg, aber reichlich interessant bezeichnet werden.
„Vielleicht kam es mir nur so vor. Ich denke, der Obelisk hat wie eine Art Verstärker für diese Schwingungen gewirkt. Der Obelisk ist vielleicht mehr als nur ein symbolisches Bauwerk. Genau wie es die Pyramiden sind. Es ist doch längst erwiesen, dass die Pyramiden keine reinen Grabmonumente darstellen. Beide Dinge stammen aus dem Alten Ägypten. Ich sage es euch, die Ägypter wussten viel mehr, als wir heute auch nur erahnen können.“, legte er uns begeistert dar.
„Und wir können diese Schwingungen oder Signale nicht wahrnehmen, weil bestimmte Funktionen in unserem Gehirn nicht darauf geeicht sind. Die Droge hat diese Funktionen aktiviert und du konntest Teil des großen, kosmischen Netzwerkes werden.“, steuerte ich eine Idee bei.
„Genau. Du triffst es auf den Punkt. Vielleicht haben wir diese Fähigkeit früher mal besessen und sie ist uns abhandengekommen.“, sprudelte der Gastgeber voller Begeisterung und mit einem Leuchten in seinen Augen. „Aber die Droge der Indianer hat sie teil- und zeitweise wieder reaktiviert. Ich bin mir sicher, dass die Alten Ägypter die Verbindung nach Belieben aufnehmen konnten. Und irgendeine hochentwickelte Zivilisation weit jenseits der Erde hat sie dann mit dem Wissen versorgt, solche Bauwerke zu erschaffen. Wir wissen doch alle, dass die Pyramiden nicht mit Bronzemeißeln erschaffen worden sind. Die Beweise dafür habe ich sogar hier daheim.“
Andreas wies mit dem ausgestreckten Arm auf das übervolle Bücherregal gegenüber der Sitzecke, welches beinahe die komplette Längswand des Zimmers einnahm. Dann griff er zu dem orangenen Päckchen Javaanse Jongens–Tabak auf dem zerkratzen, schlichten Sofatisch aus Holz und fing an, sich eine Zigarette mit Filter zu drehen.
„Du hast erwähnt, dass Irgendwer oder Irgendjemand über diese, nun, Schwingungen nach dir gerufen hat. Wer kann das deiner Meinung nach gewesen sein?“, stellte ich eine weitere Frage.
„Keine Ahnung. Das weiß ich wirklich nicht. Noch nicht. Aber eines Tages werde ich es sicherlich herausbekommen. Denn, ob ihr es mir glaubt oder nicht, die Rufe erfolgen immer noch. Zumeist in meinen abgefahrenen Träumen und manchmal, es mag verrückt klingen, spüre ich auch im Wachzustand, dass da etwas ist, eine Botschaft, die durch meinen ganzen, wirklich ganzen Körper rauscht. Ja, es ist wie ein Rauschen. Das trifft es wohl am ehesten.“, antwortete Andreas begeistert und im Anschluss setze er ein Grinsen auf, welches ich einfach nicht deuten konnte.
„Ist es vielleicht diese Pyramidenkreatur, die nach dir ruft?“, rutschte es mir raus und sofort bedauerte ich es, diese Frage gestellt zu haben, denn die Angst vor dieser Kreatur war mir nach dieser einen Nacht an der Tankstelle nur zu gut bekannt.
Im nüchternen Zustand wäre dir das ganz sicher nicht passiert, Hohlhupe!
Sofort verschwand das Grinsen und machte einem sorgenvollen, gar ängstlichen Blicke Platz. Nervös flackerten seine Augen, die Hände fuhren an den Oberschenkeln über den Stoff seiner Jeans; vor und zurück und zurück und vor.
„Nein!“, kam es ihm nach etwa zwanzig Sekunden bemüht kraftvoll über die Lippen. „Diese Pyramidenkreatur beobachtet mich lediglich von irgendwo her. Das Rufen erfolgt nicht von ihr. Das fühle ich nur zu deutlich. Ganz, ganz sicher! Ganz am Anfang habe ich gedacht, dass es vielleicht diese Pyramidenkreatur sein könnte, aber sie ist es nicht. Fragt mich nicht, warum das so ist, es ist einfach so.“
Das Grinsen kehrte zurück und gleichzeitig fühlte ich Erleichterung in mir aufkeimen, die jedoch umgehend wieder der Sorge wich, nur dass es sich diesmal um eine Sorge anderer Natur handelte.
Die Pyramidenkreatur beobachtet ihn! Und das gesichtslose Irgendetwas ruft ihm im Schlaf und im Wachzustand eine Botschaft zu, die zu verstehen der gute, alte Andreas leider noch nicht mächtig ist. Kann es vielleicht sein, dass der liebe Kerl hier, dein Freund, tiefergehende Probleme mit der Psyche hat und diese schlicht und einfach nicht erkennt? Sich ein Märchen daraus zusammenreimt, um somit eine Krankheit zu verdrängen?
Die Gedanken, welche durch meinen Kopf zogen, sprach ich nicht aus, startete nicht einmal den Versuch, dieses Thema eventuell vorsichtig ins Rollen zu bringen. Auch von Seiten Michaels passierte nichts in diese Richtung; warum auch immer.
„Meinst du echt, die Droge wirkt bis heute nach?“, fragte Michael stattdessen immerhin und drückte seine Zigarette in einem Aschenbecher aus, der überzuquellen drohte.
„Ich weiß es nicht genau. Das Getränk im Urwald hat vielleicht nur einen Anstoß gegeben und nun bin ich dazu in der Lage, eben diese Schwingungen zu empfangen. Ich war so oder so immer recht sensible in allen Dingen. Ich kann mich seit jeher gut in andere Menschen reinversetzen oder ihre Stimmungen nachvollziehen. Vielleicht hat das Alles auch damit etwas zu tun. Denn mein Freund Mike, mit dem zusammen ich die Reise gemacht habe, kann von solchen Erfahrungen rein gar nichts berichten.“
Kann es sein, dass sich Freund Hillmann für eine Art Auserwählten hält? Vielleicht solltet es doch angesprochen werden!
„Wenn es ein solches Netz im Kosmos wirklich gibt, wie stellst du dir es denn vor?“, lautete meine Frage und irgendwie fühlte ich mich nicht gut dabei.
„Entweder besteht es aus irgendeiner Form von Wellen oder es ist ein Gebilde, welches diese Schwingungen transportiert. Wenn Letzteres zutrifft, dann sind seine Fäden wahrscheinlich Milliarden von Lichtjahren lang, aber lediglich so dick wie ein halber Atomkern oder so.“, antwortete er entschlossen und stand auf. „Ich gehe in die Küche. Braucht jemand noch Bier?“
Als er zurückkehrte, wechselten wir allmählich das Thema und der Abend nahm seinen Verlauf, bis Michael und ich gegen zwei Uhr nachts den Heimweg antraten.
Kapitel 6
Die Zeit, liebe Leserinnen und Leser, ist schon eine sehr komische Angelegenheit.
Als Kind kommt sie einem unendlich zähflüssig und lang vor. Erinnern Sie sich doch mal, wie qualvoll die Lebensjahre zwischen vierzehn und achtzehn waren, bis man endlich leben durfte, wie man es für richtig befand.
Später, bei mir setzte es ungefähr mit Mitte zwanzig ein, nimmt die Zeit langsam Fahrt auf und ab dreißig zieht sie mit der Geschwindigkeit einer Raumsonde dahin.
Wie mag es erst sein, wenn ich sechzig bin?
Jedenfalls raste die Zeit und Veränderungen traten ein.
Ich lernte eine nette Frau kennen und schloss mein Studium ab, worauf ich einen Job als Archivar im Bielefelder Stadtarchiv fand. Da auch Michael eine feste, vernünftige Beziehung fand, waren die Tage der Studenten–Musiker–Party-WG gezählt und das Leben wurde im Alter von zweiunddreißig Jahren bedeutend ruhiger.
Andreas beendete sein Informatikstudium mit einem glatten Sehr Gut und schob direkt eine Doktorarbeit hinterher, die er so ganz neben seinem Hauptberuf als Physik-Dozent schrieb.
In der Promotion ging es um DNA–Computer und ich verstand nicht mal die ersten zwei Sätze aus der Einleitung. Auch konnte ich Andreas Erörterungen kaum folgen, obgleich er sich die größte Mühe des narrativen Erklärens gab und ich mich ebenfalls im Besitz eines akademischen Grades befand. Es ging wohl um Computer, die als Speicher- und Verarbeitungsmedium auf DNA (Desoxyribonukleinsäure) oder RNA (Ribonukleinsäure) zurückgriffen. Mehr vermochte mein Geist nicht verstehen und ich sagte mir einfach, dass ich das als Nichtinformatiker und Nichtnaturwissenschaftler auch nicht verstehen müsse.
Andreas lebte weiter in der großen Eigentumswohnung in der Nähe des Adenauer Platzes unterhalb der Sparrenburg mit der nicht existenten Küche und den spärlich eingerichteten Zimmern. Die einzigen Gegenstände, in welche er zu investieren schien, waren seine Rechner von Apple, die sich jeweils auf dem Topstand der vorhandenen Technik befanden.
Gelegentlich gingen wir zu dritt, Andreas, Michael und ich, in die Studentenkneipen der Stadt und verbrachten dort stets recht angenehme Stunden, während wir die jungen Menschen betrachteten, die die spaßigen Jahre gerade durchlebten, welche hinter mir lagen.
Im Jahre 2008, genau drei Tage nach dem verlorenen Endspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, erfuhren meine Freundin Sara und ich, dass wir Eltern würden.
Sara, eine gebürtige Spanierin, die seit dem Sportstudium in Ostwestfalen lebte, freute sich noch ein klein wenig mehr, als ich das tat, war es doch ihre Mannschaft gewesen, die Deutschland im Finale im Wiener Ernst Happel–Stadion klar mit 1:0 besiegt hatte.
Spontan riefen wir ein paar Freunde zusammen, um den Moment des Augenblickes zu feiern.
Wir erlebten einen wundervollen Abend und Sara, jetzt bereits die umsichtige Schwangere, nippte nur einmal ganz kurz an ihrem Glas Champagner. Das, was Sara nicht trank, übernahmen die übrigen Fünf. Nora, eine 27jährige Fitnesskauffrau, erzählte locker fünfundzwanzig Mal, wie sehr sie sich als Jugendliche über den Bademeister des Freibades in ihrem Heimatdorf aufgeregt habe. Immer, wenn sie über diesen fetten Mann berichtete, gackerte sie gleich eines dreizehnjährigen Mädels. Michael bediente den PC, der mit unserer Stereoanlage gekoppelt war, und spielte via YouTube eine klassische Rock–Hymne nach der anderen, während Dilek nicht zu beteuern aufhören konnte, dass sie ihrer ersten Liebe aus der achten Schulklasse auch heute noch hinterhertrauere. Sara saß grinsend in ihrem Lieblingssessel und dachte sich wahrscheinlich, was wir doch alles für betrunkene Figuren sein.
Gegen zwei Uhr morgens löste sich die Versammlung auf und Andreas, der die meiste Zeit stillschweigend die Musik genossen hatte, nahm uns an der Wohnungstür bei Seite.
„Ich weiß, dass die Welt da draußen nicht die beste ist. Kriege, Raubtierkapitalismus, immer mehr Egoismus, soziale Kälte, Verblödungsfernsehen und so weiter. Das nimmt ja immer weiter zu. Ich wünschte, ich könnte sie für euer Kind besser machen. Irgendwie. Denn ich gönne euch zwei Hübschen so sehr von ganzem Herzen, dass euer Kind in eine Welt hineinwächst, die nicht von Gier, Neid, Gewalt und Oberflächlichkeit bestimmt wird. Aber, was mich optimistisch stimmt, ist, dass ihr eure Kleine oder euren Kleinen sicherlich nicht zu so einem emotionalen Krüppel erzieht, von denen so viele dort draußen herumlaufen und dafür sorgen, dass es mit dieser Welt, die doch eigentlich so schön ist, und mit den Menschen, die doch von Natur aus eigentlich lieb sind, immer weiter bergab geht. Wären alle Eltern so wie ihr zwei, müsste ich mir keine Gedanken mehr darüber machen, wie man endlich eine bessere Welt erschaffen kann. Ich habe euch echt lieb.“
Er nahm sowohl meine bessere Hälfte als auch mich in den Arm und drückte uns für eine Weile, bevor er ähnlich einem Soldaten kehrtmachte, und den Flur in Richtung Treppenhaus entlangstapfte, wo Michael bereits auf ihn wartete.
Sara und ich schauten uns an und zogen synchron die Schultern hoch. Unser aller Freund Andreas Hillmann war doch immer wieder für eine neue Überraschung gut.
Kapitel 7
Anfang März 2010, als unsere süße Tochter kurz davorstand, ihr erstes Lebensjahr zu vollenden, starben Andreas Eltern auf einer dunklen Landstraße nahe Hamburg bei einem schweren Verkehrsunfall. Auf regennasser Fahrbahn kam der Bentley seines Vaters bei überhöhter Geschwindigkeit von der Spur ab und prallte frontal gegen einen LKW.
Noch auf der Stelle starb das Ehepaar, während der Lastwagenfahrer mit einem schweren Schock halbwegs glimpflich davonkam.
Die beiden Hillmann Brüder erbten ein Geldvermögen in Höhe von Vierhundert Millionen Euro, dazu Eigentum von ungefähr derselben Summe, sowie ein Konglomerat aus Firmen, welche allesamt solide geführt wurden und schwarze Zahlen schrieben.
Man kam überein, dass Andreas Bruder die Firmen behalten und allein führen sollte, da Andreas keinerlei Ehrgeiz verspürte, als Unternehmer in die Fußstapfen seines Herrn Vaters zu treten. Er verzichtete auf eine Auszahlung. Weiterhin wurde der gigantische Immobilienbesitz, beinahe sämtlich Mietwohnungen und Gewerbeobjekte durch zwei geteilt.
All das erzählte Andreas Sara und mir mit einer Gleichgültigkeit in der Stimme, als rede er über einen geplanten Zebrastreifen in Sennestadt.
Jedenfalls sprach Andreas niemals wieder detaillierter von seinen Eltern oder zeigte im Nachhinein Anzeichen der Trauer und Bewegtheit.
Kapitel 8
Im Sommer, kurz nach der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika, verbrachte ich mit meiner Tochter einen ruhigen Mittwochnachmittag auf einer Decke im Oetker-Park, da Sara als Bezirksleiterin bei der Eröffnung einer neuen Filiale der Fitnessstudio–Kette in Horn-Bad Meinberg weilte.
Ich ließ mir ein Bierchen schmecken, da rief mich Andreas auf dem Handy an. Relativ aufgeregt klang seine Stimme und er fragte mich, wo ich sei und ob ich ein wenig Zeit für ihn hätte.
Etwa eine halbe Stunde später erschien Andreas mit zwei Flaschen Herforder in der Hand und einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Marlene, mein kleines, süßes Mädchen, freute sich wie immer sehr, ihn zu sehen und die Freude wurde noch größer, nachdem Andreas ihr eine Rolle Stapelchips in die Hände gedrückt hatte.
Während Marlene freudig krümelnd und mit der Regelmäßigkeit einer kleinen Maschine sich Chips in das Mündchen steckte, erzählte mir Andreas, dass er auf einer Homepage in den dunklen Tiefen des Internets die Zusammensetzung des gegorenen, psychedelischen Getränkes gefunden habe, welches einst im Amazonas-Regenwald durch ihn konsumiert worden war.
Ich stellte ihm die Frage, ob das der Grund für seine vorzügliche Laune sei und, wenn ja, was er, abgesehen von einem krassen Rausch, denn endlich von diesem Wissen habe.
Als könne ihm ein Lippenleser vom höheren Teil des Parks bespitzeln, beugte er sich zu mir herüber und flüsterte: „Ich bin mir ganz sicher, dass ich durch die Kenntnis um das Rezept hinter das Geheimnis der Botschaft oder der Botschaften komme. Noch immer empfange ich im Schlaf und manchmal gar am helllichten Tage Botschaften, die ich nicht verstehen kann. Es geht einfach nicht vorüber! Ich will endlich wissen, was das alles zu bedeuten hat. Ich will wissen, ob es dieses kosmische Netzwerk wirklich gibt. Ich will wissen, wo der Zusammenhang zwischen Botschaft, und den Träumen liegt. Denn den gibt es, da bin ich mir ziemlich, ziemlich sicher! Mit dieser Droge hat es angefangen, also wird diese Droge die Sache auch beenden. Das Getränk aus dem Regenwald muss einfach der Schlüssel sein."
In ihrem pinken Kleidchen schlurfte Marlene zu einem Pärchen, welches auf einer Decke unweit von uns entfernt in der Sonne lag, und bot den jungen Menschen Chips an. Diese freuten sich und wurden nicht müde zu betonen, dass mein Mädchen sie nicht störe.
„Andreas!“, lautete schließlich meine ehrliche Antwort. „Du bist ziemlich sensible. Das sagst du ja selber. Ich halte das mit der Droge für keine gute Idee. Ich denke, dass wird so eine Sache sein, die man am besten nur einmal im Leben macht. Lass es besser bleiben. Ich möchte nicht, dass du vielleicht auf einen bösen Trip kommst, von dem es keine Wiederkehr gibt. Ich erinnere mich noch gut an eine der ersten Nächte, die du bei mir an der Tankstelle warst. Als du mir von diesem seltsamen Pyramidenwesen berichtet hast. Du hast in dieser Nacht heftige Angst gehabt, mein Freund. Wer weiß, wie das mit diesen Träumen und, nun, Botschaften weitergeht, wenn du diese Droge noch einmal probierst. Ich habe keine Lust, einen der klügsten, nettesten Menschen, die ich kenne, in den Irrenanstalten von Bethel zu besuchen.“
Eine seichte Brise ging durch die Kronen der prächtigen Bäume des Parks. Dieser warme Wind sorgte für ein goldenes Spiel aus Licht und Schatten auf dem saftig grünen Rasen. Die blonde Frau auf der Decke nebenan lachte herzlich über das Tänzchen, welches meine Tochter aufführte, schüttelte, da sie sich auf der Decke aufsetzte, ihre blonden Harre. Sie griff in einen Korb und zog eine Familientüte Haribo Colorado hervor.
„Darf sie?“, fragte sie in meine Richtung und ich bejahte mit einem freundlichen Dankeschön.
Es war doch eigentlich ein viel zu schöner Tag, um über Horrortrips oder das Innenleben von Nervenkliniken nachzudenken.
Andreas drehte sich eine Zigarette.
„Ich finde es echt lieb von dir, dass du dir solche Sorgen machst, aber ich denke, die sind unbegründet. Schau mal! Ich habe mir dieses, man nennt es im Darknet Kijothee, zuletzt 1999 gegeben. Hat es irgendwas zu meinem Nachteil angerichtet? Nein. Ich habe sämtliche akademische Ziele erreicht. Da sind jetzt über zehn Jahre Zeit vergangen seither. Ich denke, man kann es wieder wagen. Und ja, vor der Pyramidenkreatur habe ich bis heute Angst und sie erscheint auch in den Träumen mit schöner Regelmäßigkeit. Aber, und das ist keine leere Phrase, ein Mensch muss sich seinen Ängsten stellen, um endlich frei zu sein. Die Pyramidenkreatur ist lediglich ein winzig kleiner Teil eines gigantischen Mosaiks. Es kann nicht alles einfach verlaufen im Leben. Man muss sich auch unbequemen Sachen stellen. Und genau das werde ich tun.“
Er führte das mit Tabak gerollte Papierblättchen an den Mund und befeuchtete den Klebestreifen mit seiner Zunge.
Rede mit ihm! Er ist dein Freund! Dein guter Freund! Rede jetzt mit ihm! Das ist schon extrem weit weg von einer soliden Spur, mein guter Freund der Nacht!
„Nun ja. Aber das mit den Schwingungen und diesem großen Netz im Kosmos kommt schon leicht schräg daher.“, gab ich lediglich zu bedenken und schaute nach Marlene.
Sie hockte am Rande der Decke und hatte sich die gesamte Riesentüte Haribos temporär angeeignet. Unter den strahlenden Blicken der schlanken, jungen Blondine nahm sie abwechselnd von den Weingummis und den Stapelchips. Wahrscheinlich würde die namenlose Frau heute Abend ihrem Freund mit Kindern und Familie in den Ohren liegen. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen, bevor mein Blick wieder zu Andreas wanderte.
Der schaute ein wenig beleidigt drein unter seinen zotteligen, schwarzen Haaren. Seine braunen Augen schweiften einmal von links nach rechts und von rechts nach links. Er entzündete die Zigarette mit einem roten Plastikfeuerzeug, das er aus der Brusttasche seines schwarz–weiß gestreiften, zerknitterten Hemdes zog. Ich musste an das Trikot von Juventus Turin denken.
„Das meinst du vielleicht.“, fing er an, nachdem er mehrmals beinahe gierig an der Selbstgedrehten gezogen hatte. „Du bist auch Geisteswissenschaftler und kein Naturwissenschaftler. Schau dir mal diese ganzen Theorien über Strings und Quanten an, die immer mehr und mehr Gewicht in der Welt der Wissenschaft bekommen. Nimm zum Beispiel die Viele Welten–Theorie, die absolut anerkannt ist. Oder die Theorie, die besagt, dass auf der Ebene des Allerkleinsten etwas nur stattfindet, wenn es auch einen Beobachter gibt. In den Welten der winzigen Teilchen, aus denen unsere Welt, du und ich, ja nun mal bestehen, gelten ganz andere Naturgesetze, als wir sie kennen. Zeit und Raum spielen keine Rolle. Nobelpreisträger stimmen diesen ganzen Theorien zu. Sie sind um einiges verrückter als meine Idee von einem großen, kosmischen Netzwerk. Auch wenn hier wahrscheinlich eines zum anderen kommt.“
Von der Spitze der Javaanse Jongens fiel Asche auf seine verblichene, an den Knien zerrissene Blue Jeans hinab.
Aus einem Blatt Papier, welches sie wohl aus dem Korb gezogen hatte, faltete die Blondine eine Schwalbe, wobei sie von Marlene mit großen Augen beobachtet wurde. Beim Betrachten dieses hochinteressanten Vorgangs vergaß mein Töchterchen selbstverständlich das Essen nicht; hier ein Weingummi oder Lakritz, dort Chips.
„Andreas! Ich will hier keinesfalls deine wissenschaftlichen Kompetenzen in Frage stellen und ich weiß auch, dass es in der modernen Physik ziemlich abgedreht zugehen kann auf gewissen Gebieten. Es war überhaupt nicht negativ gemeint, dass deine Theorien abgedreht seien. Wohl jede neue wissenschaftliche Theorie ist am Anfang etwas abgedreht. Mir geht es hier einzig und allein um deine Gesundheit. Du weißt so gut wie nichts über diese Droge und ihre Auswirkungen. Steht da zum Beispiel irgendwas im Darknet oder allgemein im Internet zu, wie oft man die einnehmen soll in seinem Leben?“
Andreas Antwort bestand aus einem langsamen Kopfschütteln.
„Haben dir die Indios etwas dazu gesagt?“
„Nein. Ich habe auch nicht danach gefragt.“, antwortete er leise und zog an seiner Zigarette.
Ein Zitronenfalter flog knapp über den Rasen hinweg und auf ein nahes Beet voller Blumen in violetten, roten und gelben Farben zu. Nebenan warf die junge Frau im Sitzen die Schwalbe. Sie schwebte elegant und äußerst geradlinig durch die warme Luft, bis sie mit der Spitze voran an einen Baumstumpf schlug und auf dem Wurzelansatz darunter zu Boden stürzte. Während die schlanke Blondine aufsprang, um mit athletischen Schritten die Schwalbe zurückzuholen, spendete Marlene begeisterten Applaus, hüpfte auf und ab dabei.
„Wir kennen uns jetzt über acht Jahre, Andreas. Tu mir und besonders dir einen Gefallen und lass die Finger von diesem unbekannten Zeug. Wenn du wirklich noch mal Lust auf einen psychedelischen Abstecher haben solltest, kriege ich es sicherlich hin, dass ich mal einen Abend frei von Kind und besserer Hälfte bin. Dann können wir mit Michael die alten Zeiten aufleben lassen und gehen auf einen Pilze–Trip. Jetzt im Sommer kann doch die Zeit dafür kaum besser sein. Ich muss einräumen, dass ich da sogar mal wieder richtig Lust darauf hätte. Der letzte Rausch in dieser Richtung liegt ja nun auch schon sechs Jahre zurück. Herrje! Ich habe sogar seit über einem Jahr nicht mal mehr an einer Tüte gezogen.“, unterbreitete ich ein Angebot.
Andreas warf die Kippe seiner Selbstgedrehten in die winzige Pfütze schalen Bieres, die sich noch am Boden der längst getrunkenen, braunen Halbliterflasche Herforder befand. Ein freundliches, warmes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht mit dem schwarzen Dreitagebart aus.
„Das Angebot ist wirklich lieb und ich kann dir gar nicht oft genug sagen, wie lieb ich es von dir finde, dass du dir so viele Gedanken um mich machst. Ich glaube, wenn ich meinen Bruder und meine verstorbenen Eltern nehme, dann haben die sich alle drei zusammengerechnet nicht mal halb so viele Sorgen um mich gemacht, wie du das tust. Aber, mein lieber Freund, ich komme nicht umher, das Kijothee erneut zu konsumieren. Ich kann nicht anders! Mach dir bitte nicht zu viel Sorgen. Ich werde das ganz behutsam tun. Unter größter Vorsicht! Unter allergrößter Vorsicht!“, versicherte er eifrig.
Ich sehnte mich nach einem Zug von einem guten Joint oder zumindest nach einem kalten Herforder Pils, aber meine Flasche gab ebenfalls nichts mehr her. So drehte ich das rundliche Glas zwischen meinen Handflächen hin und her, als ich leise, jedoch eindringlich fragte: „Warum kannst du nicht anders?“
„Mein Lieber! Das kann ich dir sagen!“, lautete seine Antwort und vor Begeisterung wurde seine Stimme immer lauter und sein Lächeln verwandelte sich in ein Strahlen. „Weil ich fühle, dass in der Botschaft, die über diese Schwingungen zu mir drang und immer noch an mich herandringt, die Antwort auf alle Fragen liegt. Vielleicht ist es gar so etwas wie der berühmte Stein der Weisen. Es ist das Wissen, um endlich eine perfekte Welt zu erschaffen. Okay! Perfekt ist vielleicht ein wenig größenwahnsinnig. Nennen wir es vielleicht zunächst: Eine bessere Welt erschaffen.“
Vor lauter Begeisterung hatte er im Verlauf seiner Erzählung seine rechte Hand auf mein linkes Knie gelegt. Mit breitem Lächeln musterte er mich und voller Erleichterung stellte ich fest, dass es in diesem Lächeln keinen Hauch des Wahnsinns zu finden gab.
„Ohhh, nein!“, jammerte die Blondine gespielt los. „Jetzt hast du mein schönes Flugzeug kaputt gemacht. Da muss ich ganz furchtbar weinen. Wääähhh! Wääähhhh!“
Marlene stand neben ihr unter dem Baum und hielt den zusammengeknüllten Papierflieger in ihrer kleinen Faust. Sie kreischte vor Begeisterung und purer Lebensfreude.
Kapitel 9
Zwei Wochen darauf, ich befand mich gerade dabei, zu Bett zu gehen, rief Andreas zur späten Stunde auf dem Mobiltelefon an.
Seine Stimme klang freudig erregt und er wollte sich zügig mit mir treffen, am besten noch heute.
Ich entgegnete, dass es kurz vor elf sei und wir verabredeten uns für den nächsten Tag um 18:00 Uhr in einem Mix aus Cafe und Kneipe in der Innenstadt.
Nachdem überraschend rasch eine Parkmöglichkeit in der Nähe gefunden worden war, traf ich zwanzig Minuten vor der verabredeten Zeit dort ein.
Ein Platz in der Nähe eines der Fenster mit Blick auf das geschäftliche Treiben jenseits davon tat es mir an, so dass sich entschlossen gesetzt und ein Pfefferminz–Tee geordert wurde.
An diesem spartanisch eingerichteten, zwanglosen, gemütlichen Ort hatten schon zu Studienzeiten meine abendlichen Touren durch die Innenstadt mit dem einen oder anderen Weizen begonnen. Ich wusste nicht, wie lange diese Gaststätte schon existierte, aber wahrscheinlich hatten bereits die ersten alternativen Studenten der Universität Bielefeld zu Beginn der Siebzigerjahre ihre Biere hier beim Philosophieren über eine gerechtere Welt auf denselben Holzhockern vor der Bar getrunken und würden dieses wahrscheinlich noch im Jahre 2110 tun. Die Stereoanlage hinter der Theke spielte Street Fighting Man von den Rolling Stones. Während meine wahren Augen einen kleinen Angeber auf einem Mountainbike jenseits der Fensterscheiben beobachteten, der wahrscheinlich Drogen in taschengeldgroßen Mengen vertickte, zogen im Inneren Bilder einiger langer, fröhlicher Nächte aus meiner Studienzeit vorüber. Fast konnte ich Michael und mich dabei wieder drüben an der Theke hocken sehen.
„Hey! Du bist ja auch schon da! Alles gut?“, riss mich die Stimme Andreas aus den süßen Erinnerungen und mein Blick wanderte von dem kleinen, unbedeutenden Gangster dort draußen zu meinem Freund hin.
Sein Gesicht strahlte große Zuversicht aus und er wirkte ungemein entspannt und mit sich selbst im Reinen.
Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln kam Andreas zur Sache.
„Ich habe eine bestimmte Dosierung errechnet, nicht zu viel und nicht zu wenig, durch die man zwar sein Bewusstsein und seine Wahrnehmung erweitert, aber dabei keinerlei Rauschzustände erfährt oder, sagen wir es genauer, keinerlei heftige Rauschzustände. Dadurch bin ich in der Lage, meine Umwelt viel intensiver wahrzunehmen, ohne dass mich irgendwelche abschweifenden Gedanken ablenken. Es ist fantastisch.“
Die Kellnerin kam an unseren Tisch, um Andreas Bestellung aufzunehmen. Dieser orderte ein großes Pils vom Fass und rasch verschwand die junge Frau in Richtung Theke.
„Und hat es dich schon weitergebracht?“, erkundigte ich mich.
Andreas spielte an seinem langärmeligen, knitterigen Jeanshemd herum, welches schwarz und offen über einem nicht minder knitterigen weißen T–Shirt saß.
„Ja und nein. Ja in der Hinsicht, dass ich jetzt schon vielmehr weiß, woher ich diese Träume und Tag-Visionen gehabt habe und immer noch habe. Erst letztens, als ich mit dem Mountainbike im Teuto unterwegs war, habe ich wieder Fragmente der Botschaft vernehmen können. Nein, weil ich noch immer nicht weiß, was mir dort mitgeteilt werden soll und wer dahintersteckt. Aber dieses Nein wird nicht mehr lange ein Nein sein. Die Entschlüsselung hat nämlich gerade begonnen.“, er mühte sich wahrlich tapfer, dass sich seine Stimme vor lauter Begeisterung nicht überschlug.
Breit und zufrieden grinste mein guter Freund mich an. Seine braunen Augen leuchteten vor Enthusiasmus.
Die Kellnerin brachte das Bier, machte einen Strich auf den Deckel und zog sich wieder zurück. Umgehend griff Andreas nach dem leicht mit Kondenswasser benetzten Glas und nahm einen ordentlichen Schluck, worauf Teile der prächtigen Schaumkrone in seinem Dreitagebart hängenblieben.
„Dann erzähl mir, woher diese Botschaften kommen!“, forderte ich ihn auf und bekam beim Anblick der Tulpe mit dem herrlich kühlen Gerstensaft selbst unglaublich Durst auf ein frisches Bier.
Dumm, dass ich mit dem Wagen in die Stadt gekommen war und Sara Aussagen wie, ein Bier mache doch nicht fahrunfähig, kaum gelten ließ. So blieb mir nichts anderes übrig, als widerwillig einen Schluck von meinem Pfefferminztee zu nehmen.
„Also, diese Botschaft scheint von einem Sternensystem zu kommen, das ungefähr 40 Lichtjahre von der Erde entfernt liegt. Und es ist nicht nur eine einzelne Botschaft, sondern eine ganze Flut von Informationen. Ich weiß sogar, wie dieses Sternensystem heißt. Sein Name lautet Zeta Reteculi.“
Er fuhr sich mit der flachen Hand durch seine langen, schwarzen, zotteligen Haare und grinste breit vor sich hin.
Jenseits der Fensterscheibe klatschte der kleine Angeber mit einem jungen Kerl hoch ab, der eine schiefe Kappe der Cleveland Indians auf dem Kopf trug. Dann schob er das Fahrrad neben seinem Kumpel her, um aus meinem Blickfeld zu verschwinden.
Irgendwo werden sie gleich einen kleinen Drogendeal abwickeln. Ganz sicher!
„Wie kommst du darauf?“
„Ich habe früher reichlich Yoga betrieben. Einige dieser Übungen für den Geist habe ich in Kombination mit dem Kijathee angewendet und dann kam es von ganz allein. Ich habe mir meine Sternenkarten gegriffen und mein Blick wurde förmlich von diesem Sonnensystem, von Zeta Reteculi angezogen. Alle anderen Systeme sind mir, um es gelinde zu formulieren, am Arsch vorbeigegangen. Zudem konnte ich in diesem Zustand der totalen Entspannung von Körper und Geist die Botschaft klar empfangen. Sie kommt wie eine Art Morsesignal daher. Ich habe sie gehört, aber nicht so, wie man sich Hören normalerweise vorstellt. Sie kamen buchstäblich aus meinem Körper heraus. Ja, mein ganzer Körper ist zu einer Art Empfänger geworden. Es war fantastisch, mein Freund! Fantastisch!“
Fantastisch war es in der Tat, was Andreas Hillmann mir hier berichtete. Die Frage musste nur lauten, wie man fantastisch in dieser Sache definierte. Die Worte fantastisch und fantasieren besaßen einen hohen Grad der Verwandtschaft.
„Du empfängst also Morsesignale von einem Planeten, der um eine Sonne kreist, die etwa vierzig Lichtjahre von diesem Cafe entfernt liegt.“, stellte ich mehr fest, als zu fragen.
„Um eine von zwei Sonnen. Zeta Reticuli ist ein Doppelsternsystem. Aber wie genau das da mit der Gravitation funktioniert, kann ich dir leider nicht sagen. Ich bin ja kein Astrophysiker. Jedenfalls noch nicht.“, sprudelte es aus seinem Mund heraus, bevor er das Glas Pils, jenes heißersehnte Objekt meiner Begierde, in einem gewaltigen Zug leerte und gleich darauf die hübsche Kellnerin herbeiwinkte.
Sie kam mit einem professionellen Lächeln auf dem zarten, leicht geschminkten Gesicht heran und nahm die Bestellung eines weiteren, großen Bieres entgegen.
„Darf ich dich mal was fragen, ohne dass du dich vielleicht dadurch gekränkt fühlst?“, fragte ich vorsichtig.
Die Kellnerin verschwand mit ästhetischen Hüftbewegungen von unserem Tisch.
„Na klar! Frag!“
„Es gibt unzählige Teleskope hier auf der Erde, die auf die Sterne gerichtet sind. Dazu fliegen Orbiter mit absoluten Präzisionsinstrumenten rund um unseren wundervollen Planeten und fangen alles auf, was von dort draußen kommt. Sie fotografieren Galaxien in Aber Millionen Lichtjahren Entfernung. Das ist absolutes High Tech! Warum haben all diese Milliarden Euro teuren Geräte noch nichts von diesen seltsamen Morsesignalen empfangen?“
Statt eines beleidigten Gesichtsausdrucks wurde sein Grinsen nur noch breiter und das Leuchten in seinen Augen flammte förmlich auf. Andreas schien auf diese Frage endlich gelauert zu haben.
„Weil wir es hier mit einer gänzlich anderen Art von Wellen, Schwingungen, Strahlung, oder wie auch immer wir es nennen wollen, zu tun haben. Ich nenne sie hier einfach mal Medium XY. Wie diese Fernsehserie, Aktenzeichen XY.“
Letzteres sollte wohl eine Art Scherz sein, aber er kam bei mir nicht an. Das zweite Bier wurde gebracht, ein weiterer Strich auf der Pappe des Untersetzers gezogen. Andreas nickte dankend.
„Ich denke,“, fuhr er schließlich fort, „dass Medium XY nur von denkenden, lebenden Wesen empfangen und versendet werden kann. Es ist die Information, die an den Fäden das Großen Kosmischen Netzes entlangläuft. Ich bin mir nun ganz sicher, dass es dieses Netz gibt. Du kannst es dir, mein Freund, tatsächlich wie ein Netz vorstellen, ein Spinnennetz. Wenn einer in diesem Netz dich ruft, dann bringen die vibrierenden Fäden per Medium XY diese Informationen über das Netz zu dir, welches uns alle miteinander verbindet.“
Zufrieden griff er nach dem Bier, um einen ordentlichen Schluck zu nehmen und erneut folgte mein Blick sehnsuchtsvoll seinen Bewegungen. Aus den Boxen verkündete ein Sänger mit wundervoller Stimme auf Englisch, dass, wenn die Wolken entstünden, sie am Ocean Drive lebten.
„Dann müssen die Rufe und die Botschaften, die du empfängst, aber sehr alt sein. Denn Information verbreitet sich ja nun mal auch nicht schneller, als es das Licht tut. Du sagtest, dass das Sternensystem Zeta, Zeta Dingsdabums, etwa vierzig Lichtjahre entfernt sei. Dann ist diese Botschaft mindestens vierzig Jahre alt und der Kerl oder das Mädel, welche sie versenden, muss ebenfalls vierzig Jahre auf deine Antwort warten. Die müssen zum Beispiel noch etliche Jahre warten, bis die Rundfunkwellen der Übertragung des Fußballweltmeisterschaftsfinales von 1990 bei ihnen sind. Du weißt sicherlich noch; Andreas Brehme in Rom! Es sei denn, Medium XY liefert schneller als das Licht. Dann wissen sie dort auch schon von Andy Brehme Bescheid.“, gab ich halb ernst, halb spaßig zu bedenken und spielte mit dem Finger am Rand des Glases lauwarmen Pfefferminztees herum.
An Andreas ist ein guter Science-Fiction–Autor verloren gegangen. Daraus könnte er eine gute Story machen und durch ein entsprechendes Buch wirklich Kohle machen. Aber, okay. Andreas braucht wohl kaum ein Buch, um Geld zu machen.
„Zeta Reticuli! Das Doppelsternensystem heißt Zeta Reticuli!“, sprach er und seine Worte ließen sich mich wie einen Verbrecher fühlen, weil ich mir den Namen Zeta Reticuli nicht vollständig hatte merken können. „Deine Frage habe ich mir natürlich auch schon gestellt und streng nach den Naturgesetzen muss es eigentlich auch so sein. Aber dieses Netz mit seinem Transportmedium XY ist etwas gänzlich Neues. Vielleicht gibt es dort Abkürzungen, so dass die Botschaft in nahe Echtzeit zu mir kommt. Das müssen meine Forschungen noch ergeben. Ich stehe ja gerade erst am Anfang.“
„Und dieses Netz besteht aus winzig kleinen Teilchen, Strings oder wie die heißen, die Fäden bilden, die nur halb so dick wie ein Atomkern sind, dafür aber eine Länge von Milliarden Lichtjahren besitzen.“, brachte ich auf den Punkt, was Andreas mir neulich erzählt hatte.
„So ist es, mein Freund! Natürlich habe ich dafür keine Beweise, die ich in einen wissenschaftlichen Aufsatz packen könnte, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dem so ist.“
„Was meinst du, wer es ist, der dich ruft?“
„Ich hab dir doch erzählt, dass diese Siliziumwesen wahrscheinlich in der Lage gewesen sind, mit ihren Raumschiffen benachbarte Sternensysteme anzusteuern. Ich gehe fest davon aus, dass eine kleine Gruppe von ihnen den Overkill durch dieses Pyramidenmonstrum überlebt hat. Sie haben sich nicht vom Hass und Neid infizieren lassen, sondern haben sich aufgemacht, ihre Spezies an einem anderen Ort zu bewahren. Ich gehe fest davon aus, dass es die Nachfahren jener Siliziumwesen sind, die einst vor Milliarden Jahren zur Zeit des Präkambriums eine wundervolle Hochkultur der Wissenschaft auf der Jungerde errichtet hatten. Sie wollen mir, aus welchen Gründen auch immer, etwas mitteilen und ich werde ganz sicher herausbekommen, was ihre Botschaft ist. Herrje! Ich bin so aufgeregt, mein Bester! So unglaublich aufgeregt!“
Andreas griff nach seiner Tulpe mit dem schäumenden Bier und nahm einen gewaltigen Schluck. Er wirkte absolut mit sich und dieser Welt im Reinen.
Kapitel 10
Wieder ging etwas Zeit ins Land und bis zum Frühjahr 2011 sollte ich aus Andreas Mund nichts mehr über jene Wesen aus Silizium, Zeta Reticuli oder das kosmische Netz und Transportmedium XY hören. Das lag allerdings weniger daran, dass mein Freund sein Interesse an dieser Sache verloren hätte. Eher das Gegenteil war der Fall. Weil er voll und ganz in seinem, ich musste es mittlerweile einfach so bezeichnen, Lebenstraum aufging, machte der gute, alte Hillmann sich äußerst rar.
Das änderte sich an einem regnerischen Nachmittag kurz nach Ostern, als er mich anrief und fragte, ob ich nicht Lust verspüre, auf ein paar Bierchen bei ihm daheim aufzuschlagen und ich könne, sofern es mir beliebe, gerne Michael mitbringen.
Seine Stimme klang fröhlich, so dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab.
Michael weilte im Urlaub und so machte ich mich alleine auf den Weg, nachdem Sara mir versichert hatte, dass es kein Problem sei, wenn sie diesen Abend alleine mit Marlene daheim verbrächte.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht empfing Andreas meine Person an der Tür und führte mich in sein Wohnzimmer, das noch immer genauso aussah wie vor fast zehn Jahren.
Sofort fielen mir die zahlreichen Kataloge diverser Spezialfirmen für Laborartikel auf, welche sich in dem gesamten Raum, ja in der gesamten Wohnung verteilten. Weiterhin lagen überall handschriftliche Notizen herum. Bei einem Blick auf all die zahllosen Zettel wurde von mir bemerkt, dass es sich hauptsächlich um Tabellen handelte, auf deren linker Seite lateinische Buchstaben und arabische Zahlen standen und rechts davon sehr seltsame, zumeist wellenförmige Zeichen.
Ich forderte ihn freundlich auf, mir doch bitte das Chaos hier zu erklären; einer Bitte, der Andreas selbstverständlich umgehend nachkam. Andreas, der einen zerknitterten, grauen Trainingsanzug trug, griff nach einem Klemmbrett, das auf einem ganzen Berg frisch gewaschener, ungefalteter Wäsche lag. Ich musste grinsen. Denn so lagerte mein alter Freund seine Klamotten; zuerst in die Waschmaschine, dann ab auf die Leine, endlich in einer Ecke der Wohnung einfach auftürmen und bei Bedarf überstreifen.
„Ich beherrsche die Sprache, in der die Botschaft von Zeta Reticuli verfasst ist. Die ich mit meinem gesamten Körper zu empfangen pflege.“, sprudelte er los. „Ich habe erste Übersetzungen bereits fertig, mein Freund! Fertig! Die ganzen Papiere, die du hier siehst, skizzieren förmlich meinen Weg hin zur Beherrschung dieser Sprache. Und hier auf dem Klemmbrett habe ich diesen ganzen Prozess noch einmal zusammengefasst. Zunächst dachte ich, bei dieser Sprache habe es sich um Worte aus einem Morsealphabet gehandelt. Aber das stimmt so nicht. Diese Sprache besteht aus einer Form von elektromagnetischen Wellen, wenn ich das mal so formulieren darf. Nur dass es da nicht nur Wellen gibt, sondern auch Linien, wenn ich das mal etwas visuell beschreiben darf. Hier siehst du sie.“
Er zeigte mir ein Blatt, einen schlichten, weißen Bogen Bürokopierpapier, der mit blauer Tinte beschrieben war. Ich sah Wellen in diversen Größen und mit unterschiedlichen Scheitelpunkten, unterbrochen von kurzen und langen Strichen oder Punkten.
Dann blätterte er weiter und nun fiel mein Fokus auf zweispaltige Tabellen, welche ebenfalls handschriftlich erstellt worden waren. Links befanden sich die bereits bekannten Wellen, Punkte und Striche, die sich immer in Kombination untereinander befanden, und rechts davon wurden ihnen lateinische Buchstaben sowie die arabischen Zahlen von Null bis Neun zugeordnet. Sogar die Umlaute hatte Andreas einzeln erfasst.
„Trara! Ich präsentiere die Übersetzung des Alphabetes und der Zahlen der Silici. Und natürlich habe ich auch oder, um es genauer zu formulieren, bin ich noch dabei, ein Wörterbuch zu verfassen. Und ein Reader zur Grammatik darf selbstverständlich auch nicht fehlen. Aber das ist zum größten Teil am PC geschehen. Hier schau mal!“
Strammen Schrittes steuerte er auf einen seiner MACs zu, die überall in den bewohnten Teilen seiner vier Wände herumstanden und selbstverständlich miteinander vernetzt waren, und klemmte sich hinter die Bluetooth Tastatur auf dem Schreibtisch. Über den hochauflösenden Flachbildschirm zogen kurze Zeit später in weißer Schrift auf blauem Grunde Wörter, Zahlen, Wellen, Punkte und Linien, die im Halbdunkel dieses Raumes ein dumpfes Licht- und Schattenspiel auf unsere Gesichter warfen.
Andreas musste von A bis Z bereits tausende von Wörtern zunächst in dieser angeblich fremden Sprache erstellt und dann übersetzt haben.
„Meine Güte!“, entwich es mir in einer Mischung aus Anerkennung und Verwunderung. „Du hast in den paar Monaten das Alles auf die Beine gestellt. Wahnsinn! Der totale Wahnsinn!“
Die Frage ist nur, wie definierst du hier das Wort Wahnsinn, mein Freund der Sonne! Andreas balanciert, wie er das auf den Linien der Gehwegplatten tut, über einen schmalen Grat!
Ich führte die Flasche Herforder Pils an meinen Mund, um einen genüsslichen Schluck von dem kühlen Bier zu nehmen.
„Och, das war eigentlich alles nur halb so wild, kein Problem. Ich habe ein Computerprogramm geschrieben, welches mich beim Erfassen der Wörter, dem Übersetzen und Erlernen der silicischen Grammatik unterstützt. Die Kombination aus menschlichem Gehirn und Computerprogramm funktioniert prima, wie du sehen kannst. Aber natürlich greife ich manchmal bei meiner Arbeit eben auch auf Papier und Füller zurück. Besonders zu Beginn einer neuen Aufgabe stehen Stift und Bogen. Das gibt mir irgendwie das Gefühl, den Silici, die hier mit mir kommunizieren, besonders nahe zu sein. Und zu guter Letzt habe ich es bei meinem Job an der Uni langsamer angehen lassen in letzter Zeit. Etwas sehr viel langsamer.“
Hillmann lachte kurz auf. Es handelte sich um ein klares, herzliches Lachen voller Freude und Lebenslust.
Du solltest ihm vorsichtig sagen, dass er vielleicht dabei ist, sich hier ein wenig in einer Sache zu verrennen und dass es an der Uni genügend junge Doktoranden und Promovierte gibt, die es nicht wegen einer fixen Idee langsam angehen lassen. Nicht, dass Andi diesen Job dort bräuchte, aber er liebt es doch, Forscher zu sein!
„Und was erzählen dir diese Silici so?“
„Oh! Sie teilen mir zunächst Baupläne und Formeln mit. Wissenschaftliche Anleitungen, um etwas zu konstruieren, was ich bislang einfach noch nicht ermessen kann. Aber die Botschaft, die sich stetig wiederholt, ist ja noch ellenlang. Lediglich einen Bruchteil davon habe ich übersetzt. Es gibt also noch viel zu tun. Ich werde in Zukunft es wohl noch häufiger langsamer angehen lassen müssen an der Uni.“
Wieder lachte er voller Zufriedenheit und sein Lachen hallte von den Wänden seines Wohnzimmers wider, während ich mich in einem Sessel niederließ, immer noch derselbe, auf den ich vor so vielen Jahren schon gesessen hatte.
Du musst ganz dringend ernsthaft mit ihm reden! Schließlich bist du sein bester Freund! Er verrennt sich mehr, als ich dachte, in dieser Sache! Immer mehr und mehr!
„Ich sehe schon, du stehst voll hinter deiner Idee. Wirklich sehr interessant, das muss ich zugeben. Aber sag`, was sollen die Kataloge hier?", kam es stattdessen aus meinem Mund und ich schämte mich gar ein wenig meiner Unehrlichkeit wegen.
„Ich werde mir ein Labor einrichten, ein absolutes High End Labor in jedweder Hinsicht. Vom Reagenzglas über die Apparaturen bis hin zu den Computern und der IT. So was hat die Welt noch nicht gesehen, mein Freund. Es wird mir helfen, meine Forschungen zügig voranzubringen.", sprudelte Andreas.
„Du willst dir hier ein Labor einrichten? Um diese Baupläne nachzubauen?"
Andreas sah mich an, als hätte ich soeben voller Ernsthaftigkeit die These aufgestellt, dass der Mond aus grünem Käse bestünde.
„Hier doch nicht!", antwortete er beinahe entsetzt klingend. „Ich bin auf der Suche nach einer Gewerbeimmobilie in der Gegend. Ein Labor hier in diesem Hause würde viel zu viel Aufsehen erregen. Alleine die ganzen Bestellungen und Anlieferungen. Und Aufsehen will ich in jedem Fall vermeiden, mein Bester. Denn es verhält sich wie mit beinahe jeder bedeutenden Forschung. In den falschen Händen kann es schnell zur Katastrophe kommen. Denn ich weiß ja noch nicht, was man mit diesen Apparaturen machen kann. Es wird wie immer im Leben sein; Gutes und Schlechtes, zwei Seiten einer Medaille!"
Etwa zwei Stunden später befand ich mich auf dem Heimweg und musste den Kragen meines Mantels gegen die noch kalte Nachtluft dieses Frühjahrs nach oben schlagen.
Während ich die Strecke zwischen Andreas Wohnung und meiner Bleibe mit dem Fahrrad zurücklegte, gingen viele Gedanken kreuz und quer durch meinen Kopf.
Da gab es zum ersten Mal die Ahnung, mein guter Freund könne in Gefahr laufen, den Verstand zu verlieren.
All das klingt schon extrem schräg, besonders wenn eine Person ein Vermögen in die Hand nimmt, um ein Labor zur Erforschung dieser Lebensformen und seiner Botschaften auf die Beine zu stellen. Nein, nicht nur das. Er will sogar Dinge nachbauen, die diese Wesen ihn über einen der Welt unbekannten Kommunikationsweg vermittelt haben; dem großen Netz des Kosmos mit seinem Medium des Transportes XY! Dafür hat er Monate mit Übersetzungen und so weiter verbracht!
Andererseits verkörpert Herr Andreas Hillmann einen brillanten Wissenschaftler, der mit Ende dreißig bereits doppelt promoviert ist, und der von den Naturwissenschaften sicherlich mehr weiß als 95 Prozent der Menschen auf dieser Welt zusammengenommen.
Wie viele Pioniere der Wissenschaft und die großen Entdecker wurden zu Anfang wegen ihrer Ideen verlacht und für verrückt befunden?
Wie bei so vielen genialen Menschen der Wissenschaft wandelt eben auch mein guter Freund Andreas auf einem recht schmalen Grat.
„Andreas ist klug genug, zu wissen was er tut.“, sprach ich es leise gegen den kühlen Fahrtwind an. „Egal, ob bei seinen Sachen was rumkommt oder ob es am Ende nur der große Satz mit X ist. Freund Hillmanns Leben wird schon nicht aus den Fugen geraten. Und Existenzangst braucht er sich auch keine zu machen. Der doch nicht! Alles ist gut!“
Obgleich diese Worte wieder und wieder von mir ausgesprochen wurden, gelang es nicht, mich selbst tatsächlich davon zu überzeugen, dass alles gut sei.
An einer Szenerie von an den Bordsteinen parkender PKWs, die sich gleich einer Schlange aus Blech aneinanderreihten, und an der schier ununterbrochenen Fassade der hohen Häuser mit den zumeist dunklen Fenstern radelte ich vorbei und in Richtung Heimat, während ein unangenehmes Gefühl in meinem Magen rumorte. Die weißlich-gelb scheinenden Straßenlaternen ließen mein Trekkingrad durch ein Meer aus dumpfem Licht und gräulich–schwarzen Schatten gleiten.
Kapitel 11
Der Herbst des Jahres 2013 zeichnete sich durch eine wahre Tristesse aus, wenn man es rein auf das Wetter bezog. Im besonders grauen November erwarb Andreas das Verwaltungsgebäude einer bankrottgegangenen Spedition in einem Gewerbegebiet nördlich von Bielefeld, wo er gedachte, sein High End–Labor einzurichten.
Um dorthin zu gelangen, kaufte sich Automuffel Hillmann tatsächlich einen nagelneuen VW Passat–Kombi.
Einen ganzen Tag lang brachten Lastkraftwagen einer beauftragten Firma die benötigten Gerätschaften heran, während unablässig Regen von einem Himmel fiel, der so finster wirkte, dass es dem Betrachter wie ein böses Omen vorkommen musste; ein Menetekel für die Zukunft meines alten Freundes und die Wesensveränderung, die sich in ihm vollziehen sollte.
Zunächst aber ging alles noch in Ordnung und Andreas blieb bester Dinge.
An einem Mittwoch, ich weiß den Tag noch ganz genau, lud Andreas Michael, Sara, Marlene und mich ein, seine Laborräume zu besichtigen.
So fuhren wir zusammen in meinem Toyota hinaus in das Gewerbegebiet, wo das ehemalige Verwaltungsgebäude neben einer Filiale des ADACs lag.
Als Andreas uns durch die Räumlichkeiten führte, wurde mir wieder einmal bewusst, über welch Reichtum mein alter Freund doch verfügte.
Seit dem Zeitpunkt der Immobilienübernahme vor zwei Wochen hatte der Trupp beauftragter Handwerker und Laborfachkräfte schier Unglaubliches geleistet.
Von innen sah das von außen doch recht gemeine Gebäude futuristisch aus und ich fühlte mich an einen Science Fiction–Film erinnert.
Fangen wir mit dem unspektakulärsten Teil unseres Rundganges an. Beginnen wir im Keller.
Hier standen noch immer die Regale, die über viele Jahre die nicht mehr direkt benötigten Aktenordner der einst gut gehenden Spedition beherbergt hatten. Nun verweilten sie leer und kahl im kalten Licht der alten Neonröhren.
Diese Räume sollten lediglich als Lager dienen.
Im Erdgeschoss musste der gehende Besucher sich durch Türen mit einer Magnetkarte hindurchpiepen, die er über quadratische Sensorfelder neben den Zugängen zog. Darauf wurden die Portale von Roboterarmen geöffnet, um sich kurze Zeit danach hinter dem Passierenden wieder sanft und beinahe geräuschlos zu schließen.
Die Räume, die Andreas zu nutzen gedachte, waren mit grauen Sesseln, Sofas, eckigen Schreibtischen, Notebooks sowie Desktop PCs der Firma Apple ausgestattet. Allerdings lagen auch Kladden aus Papier und Lamy–Füllfederhalter in Blau auf den Arbeitsplatten parat. Für das rechte Licht sorgten gebogene, schwarze LED-Stehlampen mit Dimmer-Funktion. Beleuchtung unterhalb der Decke sah ich keine.
Er wolle sich jederzeit in jedem Raum an irgendeinen PC setzen können, ohne dabei groß herumlaufen zu müssen, wenn ihm etwas einfiele oder er was nachschlagen wolle, beschrieb er die Vielzahl der Arbeitsplätze.
Das größte Zimmer beherbergte eine Bibliothek mit den neusten Werken zu Themen wie Mechanik, Genetik, Mineralogie, Sprachwissenschaften, Mathematik, Astronomie, Informatik und Metallurgie. Auch an diesem Ort existierte selbstverständlich ein PC–Arbeitsplatz und blaue Füller mit den farblich dazu passenden, gebundenen Kladden.
Andreas führte uns in eine kleine, aber neuwertige Küche in Weiß, die alles beinhaltete, was man zum Kochen brauchte; Herd, Kühlschrank, Gefrierfach, Mikrowelle, Spülmaschine, Wasserkocher, ein Kaffeevollautomat, der im Licht der Deckenbeleuchtung schwärzlich-silbern vor sich hin funkelte.
Wir piepten uns durch weitere Türen und sahen drei Schlafzimmer voller neuwertigen Mobiliars. Sara berührte mit der Hand die Oberfläche eines nach Weichspüler duftenden Spannbettbezuges über einer der großen Matratzen, die in einem schwarzen Bettgestell ruhte. Natürlich durften die MacBooks auf den dunklen Nachttischen selbst in solchen Räumlichkeiten nicht fehlen. Den Schlafzimmern schloss sich ein kleines, weiß gefliestes Bad mit Dusche, Waschbecken und WC an, auf dessen Ablageflächen Shampoo, Duschgel, Zahnpflegeprodukte und Seife in einem roten Plastikspender zur Erstnutzung bereitstanden. Für einen Moment konnte ich in dem runden Spiegel über dem Waschbecken mein erstauntes Gesicht sehen.
Hier im Erdgeschoss befänden sich die Bereiche für die theoretischen Überlegungen, die Recherchen, die Nahrungsaufnahme und die Ruhe, erklärte Andreas uns kurze Zeit später im Treppenhaus neben dem Lastenaufzug und führte uns hinauf in die erste Etage.
Dort hatten die Arbeiter zahlreiche Zwischenwände entfernt, so dass ein einziger, großer Raum entstanden war, welcher, unschwer zu erkennen, ein Laboratorium im klassischeren Sinne darstellte. Weil die Fenster von großen, schwarzen Pappbögen auf den Millimeter genau abgedeckt wurden, sorgten rundliche, helle, in die weiße Decke eingearbeitete LED–Fluter für das rechte Licht. Eine kräftig säuselnde Klimaanlage brachte frische Luft und hielt die Temperatur konstant.
Mit vor Staunen offenen Mündern begannen wir, uns an diesem Ort umzusehen.
Selbstverständlich fehlten auch hier die hochgerüsteten MACs nicht, doch den Schwerpunkt der Einrichtungsgegenstände stellten für den naturwissenschaftlichen Laien seltsam aussehende Apparaturen in Weiß, Silber und Schwarz dar, von denen einige die Rechner integriert zu haben schienen. Von einem Gerät nahm ich an, dass es sich um einen Spektrografen handelte, während ein anderes eine Art Hochleistungsofen sein musste. Es fanden sich aber auch Bunsenbrenner, Zentrifugen, Reagenzgläser, Kolben und diverse Messinstrumente, die ein jeder noch aus dem Chemie- oder Physikunterricht kannte. All das befand sich auf dem neusten Stand der Forschungstechnologie und besaß sicherlich den mehrfachen Wert eines Einfamilienhauses.
„Hast du diese Gegenstände nach einem bestimmten Schema gekauft oder einfach nur so aus einer Laune heraus?“, erkundigte Michael sich.
Nun sah Hillmann ein klein wenig beleidigt aus. Der Blick verriet, dass er allein diese Frage als eine Infragestellung seiner Intelligenz und wissenschaftlichen Arbeitsweise auffasste.
„In der Forschung und Wissenschaft tut man nichts aus einer Laune heraus. Ich kenne dich jetzt bald zehn Jahre, mein lieber Michael, und halte dich für klug genug, dass du das wissen solltest. Nein. Ich habe das alles streng danach angeschafft und/oder nach dem zusammengebaut, was mir die Botschaft über Medium XY übermittelt hat.“
„Haben dir deine Silici eine Einkaufsliste vom anderen Ende der Milchstraße geschickt?“, fragte Sara humorvoll wie eh und je.
„Zeta Reticuli liegt nicht am anderen Ende der Milchstraße, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserem Stern. Aber, du hast Recht, Sara, unsere Freunde dort draußen teilen mir mit, was ich für zukünftige Aufgaben brauchen werde. Sei es auf Erden zu beschaffen oder nach Plan selber zu fertigen“, erörterte Andreas und mit jedem Wort stieg die Begeisterung an, die in seiner melodischen Stimme mitschwang.
Marlene stellte sich auf die Zehenspitzen und griff mit ihren kleinen Händchen nach einem von vielen Erlenmeyerkolben, die auf einem weißen Rollwagen sauber in Reih und Glied ausgerichtet standen.
„Lass stehen, Strampel!“, rief Sara unsere Kleine bei ihrem Spitznamen.
Sie machte sich daran, der Tochter den Glasbehälter abzunehmen, aber Andreas gebot ihr mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht Einhalt.
„Und wenn sie Wasser in den Spektrografen dort vorne kippt? Na und! Noch haben die Forschungen hier nicht wirklich begonnen. Lass sie spielen! Sie ist nur einmal jung und die Schulzeit mit all dem Druck kommt schon noch früh genug. Wenn sie hier irgendwas kaputt macht, kaufe ich es einfach neu.“, erklärte Andreas gelassen und streichelte Marlene kurz über das dunkelblonde Haar, welches sie wohl von meiner Mutter geerbt hatte.
Ich nahm zunächst an, Andreas lege diese Einstellung an den Tag, weil Geld für ihn niemals wirklich eine Rolle gespielt habe. Aber dann reifte in mir das Wissen heran, dass er meiner Tochter diese Freiheiten einräumte, weil er sie als Kind niemals gehabt hatte. Seine jungen Tage waren von Beginn an vom Leistungs- und Konkurrenzdruck zu seinem Bruder durch die Eltern bestimmt gewesen. Es gab keine Wärme und keine Liebe für ihn, denn diese Gefühle bekam nur der Stärkere, der Bruder, der Thronfolger der Unternehmensdynastie vermittelt. Ganz, ganz sicher! Obgleich Andreas mir das niemals so berichtet hatte, wusste ich, dass es stimmte und plötzlich tat mir mein alter Freund unglaublich leid.
„Du erzählst hier häufig was von nach Plänen erschaffen, aber was du endlich erschaffen wirst, davon hast du noch nichts gesagt. Also, was willst du endlich hier fertigen?“, fragte Michael und streichelte mit der flachen Hand über eine der seltsam anmutenden Apparaturen.
„Das weiß ich noch überhaupt nicht. Bislang ist mir nur bekannt, dass ich diese Geräte für meine zukünftigen Projekte und Taten brauchen werde. Ich nehme an, dass das, was es zu bauen gilt, noch in dem Teil der Botschaft sich befindet, den ich noch nicht übersetzt habe. Ach, was heißt annehmen! Ich weiß es ganz genau!“, sprudelte er grinsend und voller Begeisterung.
Sara blickte mich an, verdrehte für einen Moment die Augen und zog dabei eine Braue hoch. Ich wusste genau, was sie mir mit diesem kurzen Mienenspiel mitteilen wollte. Sie hielt Andreas, um es vorsichtig zu formulieren, nun, für etwas abgedreht, ein klein wenig neben der Spur.
Nachdem die Führung beendet worden war und wir uns wieder in dem frisch renovierten Eingangsbereich befanden, merkte Michael an, ob es nicht unvorsichtig sei, solche enormen Werte des nachts in einem abgelegenen Gewerbegebiet unbeaufsichtigt zu lassen.
Darauf entgegnete Andreas, er habe bereits ein privates Sicherheitsunternehmen beauftragt, das auf seinen Streiffahrten dreimal die Nacht hier Station mache, um nach dem Rechten zu sehen.
„Du arbeitest Vollzeit an der Uni und nach all dem, was ich hier sehe und höre, sieht das nach einer Menge Arbeit aus, die vor die liegt. Wie willst du es alleine schaffen, dass du mit deinen Forschungen vorankommst?", stellte Michael die nächste Frage.
„Das stellt in der Tat ein Problem dar. Ich habe bei diesem Projekt ja glücklicherweise keinen Zeitdruck. Sollten sich jedoch größere Fortschritte abzeichnen bei meinen Forschungen oder größere Aufgaben vor mir liegen, was ganz sicher geschehen wird, werde ich natürlich meinen Beruf verlassen und mich voll und ganz den privaten Forschungen widmen."
„Kannst du nur von diesen Dingsdabums Botschaften empfangen oder kannst du ihnen auch Nachrichten senden?“, fragte Sara mit leicht schnippischem Unterton.
Marlene erzählte ihrem Erlenmeyerkolben, den sie noch immer stolz bei sich trug und auch nicht mehr abzugeben gedachte, in ihrer kleinkindlichen Sprache die Geschichte über ein Kinderkarussell auf der Kirmes. Als sie an ihm vorüberlief, strich Andreas ihr liebevoll über den Kopf.
„Sie heißen Silici, Sara. Ja, so wie es aussieht, bin ich nur ein Empfänger. Vielleicht sende ich auch Informationen aus, welche Medium XY durch das Netz transportiert, aber, wenn ich das tatsächlich tue, werden wir entweder achtzig Jahre auf die Antwort warten müssen, oder die Silici, falls es Abkürzungen in diesem wundervollen Gebilde gibt, reagieren nicht oder noch nicht auf irgendwelche Aktionen meinerseits. Ich bin also nur so etwas wie das gute, alte Radio. Im Moment jedenfalls.“
Er verzog sein Gesicht zu einem beinahe dämlichen Grinsen.
„Die Schlafzimmer dort oben und die Küche und das Badezimmer. Gedenkst du hier einzuziehen?“, fragte ich.
„Es wird sicherlich vorkommen, dass meine wissenschaftliche Mission mich hier Tag und Nacht einspannt. Dafür möchte ich in allen Fällen gewappnet sein. Deswegen die Schlafzimmer und so weiter.“
„Gedenkst du Leute einzustellen? Ich meine, die Schlafzimmer sind doppelt vorhanden und die ganzen PC–Arbeitsplätze sind doch für eine Person eigentlich viel zu viel. Aber am meisten wundert mich die Küche. Daheim hast du, seit ich dich kenne, nur einen Kühlschrank herumstehen. Was ist da los?“, fragte Michael grinsend.
„Ich habe bereits einen Dreisternekoch einen Vertrag als Koch unterschreiben lassen. Natürlich mit Probezeit, falls mir das Zeug nicht schmeckt, welches er zubereitet. Aber gut. Spaß beiseite! Es könnte durchaus sein, dass, wenn es hier richtig zu brummen anfängt, ich weiteres wissenschaftliches Personal einstellen muss, weil es schlicht und einfach zu viel für mich wird. Das bleibt aber erst mal abzuwarten. Falls das geschieht, müssen diese Personen natürlich sorgfältig überprüft werden. Denn Sicherheit geht über alles. Ich weiß genau, dass das, was ich hier forschen und entwickeln werde, in den falschen Händen sicherlich katastrophale Folgen haben könnte. Es ist wie bei allem revolutionär Neuen, was in die Welt der Wissenschaft kommt. Zwei Seiten der Medaille, eine dunkle und eine helle. Ich kann gar nicht vorsichtig genug sein. Im Keller werde ich übrigens Lebensmittel einlagern, die für zwei bis drei Wochen halten. Außerdem gibt es dort bereits ein hochwertiges Notstromaggregat. So ist es möglich, für eine Weile vollkommen autark von der Außenwelt zu leben und zu arbeiten. Ich muss euch übrigens bitten, dass ihr all das, was ihr hier seht, für euch behaltet. Ihr seid jetzt praktisch Geheimnisträger.“
Im Lauf seiner Berichterstattung schwoll die Begeisterung in seiner Stimme immer mehr und mehr an, bis sie sich förmlich überschlug. Sara warf mir einen Blick zu und spielte wieder ein Mienenspiel, welches nun eine weitaus größere Intensität als das vorangegangene besaß. Ich brauchte nicht lange zu interpretieren, um zu erkennen, was meine bessere Hälfte von der Sache hielt.
Kapitel 12
Sechzehn Monate später kündigte Andreas seine Tätigkeit an der Universität, um sich ausschließlich seiner Forschung, oder seiner fixen Idee, die vielleicht nichts weiter als eine Pseudowissenschaft war, widmen zu können. Ich persönliche redete mir mittlerweile ein, mein Freund befände sich auf einer Art Spieletrip für Erwachsene, von dem er irgendwann einmal runterkäme.
Natürlich kann man das neue Labor dort draußen in dem Industriegebiet als Wahnsinn bezeichnen, aber, okay, Andreas besitzt die Kohle doppelt und dreifach und in diesem Land kann ein jeder mit seinem Geld machen, was er will. Es gibt reichlich Menschen, die geben ihre hart erarbeiteten Flocken für Kostüme aus, in denen sie an den Wochenenden auf Burgen ein romantisiertes Mittelalter ins Leben rufen oder sie gehen zu Dominas, um sich die Knute verpassen zu lassen. Ist es da so viel verrückter, sich der Erforschung irgendeiner unbekannten Art und eines kosmischen Netzes zu widmen, auch wenn diese Dinge vielleicht nicht existieren? Und wer weiß? Dass Andreas ein brillanter Wissenschaftler ist, steht außer Frage! Vielleicht ist mehr dran, als wir alle meinen...
Hatten wir Hillmann zuvor zumindest an den Wochenenden hier und da mal für ein Stündchen oder zwei auf einen schwarzen Tee oder ein Hefeweizen gesehen, so schien er nun förmlich in dem Objekt im Gewerbegebiet zu wohnen.
Keiner von uns erhielt mehr Anrufe oder Textnachrichten per Facebook und WhatsApp und bei spontanen Besuchen bei Andreas daheim öffnete er weder die Tür noch sah man Licht hinter einem der Fenster.
Zunächst maß ich diesem Zustand keine größere Bedeutung zu, war es doch in den vielen Jahren unserer Freundschaft mehr als einmal vorgekommen, dass Andreas für längere Zeit abtauchte, bevor er dann wie aus dem Nichts wiedererschien, als sei niemals etwas gewesen.
Doch nachdem erneut zwei Monate ins Land gegangen waren, griff ich zu meinem Smartphone und wählte seine Rufnummer an, worauf Andreas nach gut dreißig Sekunden in die Verbindung trat.
Über den Anruf zeigte er sich erfreut und versicherte mehrmals, dass es ihm leid täte, sich für eine längere Zeit nicht gemeldet zu haben, aber seine Forschungen verliefen derartig aufregend und brächten so viele neue, wertvolle Erkenntnis, dass er mehr oder weniger alles um sich herum vergessen habe. Außerdem sei eine größere Reise von ihm unternommen worden. Er schlug vor, sich heute Abend mit mir in seiner Stadtwohnung zu treffen.
Als ich gegen 21:00 Uhr dort mit einem Container Herforder eintraf, stellte ich fest, dass mein alter Freund sich vom Äußeren her verändert hatte.
Früher konnte man Andreas den typischen Dreitagebart-Träger nennen. Nun aber zierte ein wahrer Vollbart aus dunklen Stoppeln sein schmales Gesicht, was ihm nicht schlecht stand, weil es seiner Gesamterscheinung eine große Portion Reife verlieh. Er trug das braune Haar nun noch einen
Ticken länger und keine Kontaktlinsen mehr, sondern eine Hornbrille mit schwarzem Gestell a la Buddy Holly, hinter deren Gläsern die braunen Augen listig funkelten.
In seinem spartanischen Wohnzimmer berichtete Andreas mir voller Begeisterung in seiner Stimme von den Fortschritten der Arbeit.
„Es ist der Wahnsinn. Allerdings musste ich dafür bis nach Argentinien reisen und das steinerne Artefakt der Silici zu besorgen."
Ich unterbrach Andreas sprudelnden Redefluss mit der Aussage, dass ich nur Bahnhof verstünde und er bitte in aller Ruhe und der Reihe nach berichten solle.
„Oh klar. Kein Problem. Also zunächst habe ich nach Anleitung der Silici eine kleine Maschine entwickelt, welche die Schwingungen der Übertragung von Zeta Reticuli empfangen kann. Ich brauche also keine Droge und kein Yoga mehr und muss auch selber nicht mehr als Empfänger dienen. Dazu habe ich ein Programm geschrieben, welches selbstständig übersetzt. All das hat meine Forschungen vorangebracht und mein Wissen beträchtlich gemehrt. Zuerst: Es sind zu hundert Prozent die Nachfahren der Siliziumwesen, die mit mir über die Vernetzung allen Lebens kommunizieren. Ich kenne jetzt auch den Namen für dieses Gebilde. Es nennt sich das Große Kosmische Netz. Ein paar der Silici haben es tatsächlich geschafft, sich von dem Hass, den diese Pyramidenkreatur in die Welt gebracht hat, nicht anstecken zu lassen. Sie sind mit einem Raumschiff geflohen, bevor ihre Artgenossen untereinander alles Leben auf der Basis von Silizium auf der Erde und den Kolonien weggebombt haben. Sie haben sich auf einer warmen Felsenwelt ohne jede Form von organischem Leben niedergelassen, welche um Zeta 2 ihre Bahnen zieht. Dort reproduzieren sie sich bis heute fort, leben auf dieser Welt seit Milliarden von Jahren nach einem irdischen Maßstab. Doch bevor sie die Erde verlassen haben, haben sie dort etwas für die Nachwelt zurückgelassen; und zwar all das Wissen, welches ihre Spezies besessen hatte, bevor diese Pyramidenkreatur in ihre Welt kam und diese vergiftete. Sie speicherten es in einem schwarzen Zylinder aus einem künstlich hergestellten Gestein und versiegelten dieses Speichermedium in einem Spezialbehälter. Dieser Spezialbehälter ist so eine Art Castor, nur eine Millionen Mal stabiler und zuverlässiger. Auf der Erde überdauerte dieser Spezialbehälter die Jahrmilliarden, befand sich mal auf der Spitze des höchsten Berges, mal auf dem Grund eines tiefen Ozeans. Er ruhte unter hunderten von Metern Deckgestein begraben unter der Erde, lag in strömenden Gewässern und bei Wind und Wetter in wilden Landschaften herum, durch welche die Dinosaurier zogen. Es mag unglaublich klingen, nahezu fantastisch, aber die Silici sind uns von der Intelligenz so weit voraus, dass sie genau die geodynamischen Prozesse vorausberechnen konnten, damit der Zylinder, der Stein der Weisen, zu genau diesem Zeitpunkt an der Oberfläche liegt und zwar in Argentinien in der Pampa von Patagonien. Dort brauchte ich ihn nur noch aufzuheben, auch wenn das nicht so einfach war. Es passt alles in totaler Perfektion zueinander! Denk doch nur an meinen Traum in Buenos Aires, wo mich etwas rief, nach Patagonien zu reisen! Alles hat seinen Sinn! Der Kreis schließt sich, mein Bester! Der Kreis schließt sich!“
Andreas saß dort im Sessel mir gegenüber, hielt das Bier fest in der rechten Faust und schaute derartig glücklich drein, als sei er in diesem Moment Vater geworden und habe gleichzeitig der Liebe seines Lebens das Jawort gegeben.
Ein Grummeln braute sich in meinem Magen zusammen, während eine dunkle Vorahnung am Horizont meines Geistes aufzog.
Jim Morrison sang im Hintergrund leise über eine Dame, welche in der Love Street lebe und dort Affen, faule Diamanten und festliche Kleider besitze.
Jim, einer der besten Sänger aller Zeiten, ist seit fast fünfzig Jahren tot, aber seine Musik klingt von der Audiodatei und aus Andreas Soundsystem, als sei das Stück erst gestern abgemischt worden. Als er gelebt hat, waren Computer noch groß wie Wohnzimmerschränke und der verbreitetste Tonträger bestand aus Vinyl und nannte sich Schallplatte. Wunder der Technik und des Wissens!
Es fiel mir unglaublich schwer, geradeaus zu denken, bei diesem seltsamen Thema zu verharren, aber schließlich stellte ich folgende Doppelfrage: „Was für ein Wissen steckt denn in diesem schwarzen Stein und warum haben die Silici ausgerechnet dich ausgewählt als Objekt ihrer Begierde?“
Meine Stimme klang irgendwie weit entfernt in meinen eigenen Ohren.
Andreas verlangte es nach einem kleinen Spaziergang und frischer Luft. Schließlich, erklärte er, habe er den ganzen Tag vor Computermonitoren oder über seinen Unterlagen verbracht.
Bewaffnet mit zwei neuen Halbliterflaschen Herforder Pils zogen wir durch die nächtlichen Straßen unterhalb der Sparrenburg, die dort oben von Scheinwerfern illuminiert auf dem Berge über der Stadt thronte.
Obgleich die Gegend zu dieser späten Stunde weitestgehend verwaist war, schaute Andreas ständig den schattigen, zwielichtigen Bürgersteig hinauf und hinab, blickte in die Dunkelheit der am Straßenrand stehenden Fahrzeuge hinein, als wolle er sich hundertprozentig versichern, dass auch wirklich keine Seele uns zwei belauschen konnte. Das unangenehme Gefühl in meiner Magengegend wuchs.
„Der Zylinder ist ein einzigartiges Speichermedium. Ich kann das Material, aus dem er besteht, bislang nur grob bestimmen und habe dazu auch noch keinerlei Mitteilungen von den Silici empfangen. Eines der Elemente, ist unbekannt. Vielleicht gab es das auf der Erde zu Urzeiten und ist durch irgendwelche dynamischen Prozesse verlorengegangen. Strahlung sendet der Zylinder nicht aus. Jedenfalls keine, die man mit einem Geigerzähler messen kann. Der Zylinder erhält sämtliches Wissen der Siliziumwesen. Das weiß ich sicher. Ist dir eigentlich klar, was das bedeutet?“, sprudelte er, ging schnell dabei und ließ mir selbstverständlich keine Zeit, auf seine Frage zu antworten. „Wenn ich diese gewaltige Bibliothek öffne, und dazu werde ich bald in der Lage sein, wird es kein Energieproblem mehr auf dieser Welt geben. Wir werden im absoluten Energieüberschuss leben. Und du weißt ja, dass eine Spezies, die im Energieüberschuss lebt, in ihrer Evolution auf höhere Stufen klettern wird. Mit unendlicher Energie werden wir natürlich auch das Welthungerproblem lösen und alle Wüstengebiete mit Wasser versorgen und somit urbar machen. Denn durch unendliche Mengen an Energie, wird auch das Entsalzen von Meerwasser zu einer winzig kleinen Kleinigkeit. Die Wüsten werden bewohnbar und ratzfatz gibt es kein Problem der überbevölkerten Städte und der Überbevölkerung im Allgemeinen mehr. Und dann die Technik ihrer Antriebe für die Raumfahrt! Überleg` mal, was das bedeutet! Endlich wird die Menschheit sich von ihrer Türschwelle entfernen können. Das Sonnensystem wird uns zu klein werden und wir können zu neuen Ufern aufbrechen. Und wer weiß, was für Wissen noch in dem Zylinder steckt! Ich bin aber auch überzeugt davon, dass wir nicht nur aus Sicht der Naturwissenschaften viel von den Silici werden lernen können. Bevor die Pyramidenkreatur kam, haben sie über hunderte von Millionen Jahren in Frieden und Eintracht gelebt. Ihr gesamtes Wissen steckt in diesem Zylinder! Also auch, wie sie es geschafft haben, über all die Zeit eine perfekte Gesellschaft zu bilden. Okay, ihr Leben basierte auf Silizium und nicht auf Kohlenstoff und Wasser und wahrscheinlich gingen ihnen Gefühle, so wie wir sie kennen, vollkommen ab. Aber warum sollte die Menschheit nicht auch in dieser Hinsicht von ihnen lernen können? Ja, sie werden uns gänzlich neue Wege aufzeigen, eine bessere Spezies Mensch zu werden. Durch sie werden wir ein völlig neues Miteinander lernen und der unbegrenzte Vorrat an Energie und dessen Folgen werden die meisten Kriege überflüssig werden lassen. Keine Kämpfe um Ressourcen wie Öl, Gas oder Wasser oder fruchtbares Land, mein Freund!“, jubelte er leise vor sich hin.
Andreas ging so schnell und zappelte dabei derartig mit seinem Oberkörper herum, dass das Bier in seiner Flasche überschäumte.
„Warum du?“, wiederholte ich mich.
„Ich habe dir doch erzählt, dass meine Eltern mich früher für einen Autisten gehalten haben. Ich habe stundenlang mich nur mit mir selbst und meinen wissenschaftlichen Büchern befasst. Das Geld meiner Eltern und Geld im Allgemeinen, Kohle scheffeln, rücksichtsloser Kapitalismus, wie das die Familie Hillmann seit Generationen liebt, geht mir vollkommen am Arsch vorbei. Meine Einstellung ist es, seit ich denken kann, dass es mehr geben muss als den schnöden Mammon. Zudem, das weißt du auch, bin ich dem Fantastischen, so verrückt es auch klingen mag, immer offen. Ich halte niemanden für einen Spinner, nur weil er mir erzählt, er habe eine Begegnung der Dritten Art gehabt. Außerdem, das sagen alle meine ehemaligen Studenten, kann ich selbst die komplexesten, kompliziertesten Themen verständlich und ohne Schnörkel vermitteln. Deswegen haben sie mich ausgewählt. Ich soll das Wissen der Silici aufnehmen, übersetzen und in die Welt bringen.“
Andreas nahm einen gewaltigen Schluck von seinem schäumenden Bier, wobei er seinen zerknitterten, roten Pullover kräftig mit Herforder besudelte.
Heftige Gedanken schossen schlagartig in Lichtgeschwindigkeit durch die Windungen meines Gehirns.
Wie ist das noch gewesen? In der Bibel! Moses wird auf einen Berg zu einem brennenden Busch gerufen, um von Gott persönlich das zu erfahren, was er dem Volke Israel in dessen Namen mitteilen soll. Er erhält durch Gott die Steintafel mit den Zehn Geboten. Der Engel Gabriel, ja, ich glaube, der muss es gewesen sein, teilt einem schlichten Mann namens Mohammed Gottes Wort mit, auf dass er es in die Welt bringe. Daraus ist dann der Koran entstanden.
Kann es sein, dass es schlimmer ist, als du dachtest, Freund der Sonne!
Der Stich, der sich nun in meinen Magen bohrte, ließ mich kräftig zusammenzucken, aber Andreas schien es gar nicht zu bemerken.
„Du hältst dich für einen Propheten!“, kam es mir leise über die leicht zitternden Lippen.
„Das hast du gesagt, mein Freund!“, antwortete Andreas. „Das hast du gesagt!“
Hat Jesus nicht die gleichen Worte vor Pilatus gewählt, als dieser ihn fragte, ob er der Sohn Gottes sei! Fehlt nur noch die Verführung durch den Satan...
„Wer ist dieses Pyramidenwesen?“, fragte ich ängstlich.
„Ich weiß es nicht. Noch nicht! Aber ich werde es noch herausfinden, verlass dich drauf! Übrigens, du weißt ja, absolutes Stillschweigen! Du kannst mit Michael oder Sara drüber reden, weil ich denen genauso vertraue wie dir. Aber ansonsten: Kein Wort zu niemanden!“
„Ist schon klar! Kein Problem! Kannst du mir diesen Zylinder mal zeigen in deinem Labor?“
„Den wirst du sicherlich noch sehen. Aber im Moment möchte ich davon noch absehen. Er befindet sich in einer Art, sagen wir mal, in einer Art Quarantäne. Erst, wenn meine Forschungen fortgeschritten sind und ich mehr weiß, werdet ihr drei die ersten sein, die ihn in natura bewundern dürfen. Aber hier, schon mal ein kleiner Vorgeschmack.“
Er zog das Iphone aus den Taschen seiner knitterigen, schwarzen Jeans, wischte mit dem Zeigefinger, während er das Bier weiterhin in der Hand behielt, kurz auf dem Display herum, um mir das Gerät darauf im Gehen unter die Nase zuhalten. Ich stoppte meine Schritte und griff nach dem Smartphone, worauf auch Andreas Halt machte. Der Widerhall unsere Schritte von den Fassaden der Stadthäuser verstummte und die Geräusche der Nacht drangen an meine Ohren; der Klang eines entfernten Automobils, das Pfeifen einer Lokomotive in der Distanz, hinter einem der Fenster über uns lief leise ein Fernseher.
Auf dem Display sah ich einen langen, rundlichen Gegenstand, der mich an einen Bohrkern erinnerte, wie man sie in der Geologie für wissenschaftliche Zwecke verwendete. Er war abgesehen von einigen silbernen Einsprengseln gänzlich schwarz. Dieses Ding stellte nun jenes Teil dar, wegen dem Hillmann eine Reise ins ferne Argentinien unternommen hatte, und das er seitdem für den Rettungsanker der Menschheit hielt. Wenn mir ein solches Teil auf der Straße liegend unter die Augen gekommen wäre, hätte ich achtlos meinen Weg fortgesetzt, ohne es eines genaueren Blickes zu würdigen.
Ich zuckte die Schultern, wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.
Wir gingen weiter und erreichten den kleinen Ortskern von Bethel und aus einer der Gaststätten fiel ein warmes Licht auf die halbdunkle Straße. Dieser optische Effekt glich einem kleinen, gelben See in einer Welt aus grauen, schwarzen Schatten.
„Wie sieht es aus? Soll ich dich zur Feier des Tages auf einen späten Grillteller mit Pommes und Tsatsiki einladen? Und natürlich gibt es ein anständiges Bier vom Fass dazu. Das Zeug in den Flaschen hier wird langsam schal.“, schlug er vor und beim Blick in sein Gesicht gewann ich den Eindruck, niemals zuvor in meinem Leben einen solch glücklichen Menschen vor mir gehabt zu haben.
Kapitel 13
Ich hatte mir lange überlegt, irgendetwas in dieser Sache zu unternehmen, nachdem aus Saras Mund folgende Worte gekommen waren: „Ich bitte dich, mein Schatz! Red dir die Sache doch nicht schön! Nach allem, was du mir gerade erzählt hast, gibt es da nichts mehr zu beschönigen! Sicher, keine Frage, Andreas ist hochgradig intelligent, nicht nur, weil er zwei Doktortitel besitzt, aber er hat sich hoffnungslos in eine Sache verrannt, die seiner eigenen Phantasie entstammt. Leben auf der Basis von Silizium! Dieses Netz, das alles und jeden miteinander verbindet! Schwingungen, die kein Teleskop und keine Antenne empfangen kann, sondern nur er! Und so weiter und so weiter! Schau doch mal: Es gibt keinen Wissenschaftler auf dieser Welt, der sich mit so einer Thematik befasst. Weil mir Andreas schon am Herzen liegt, habe ich mal ein paar Begriffe in die Suchmaschine eingegeben; nicht einmal, prüf es nach, Verschwörungstheoretiker befassen sich damit und unter denen glauben sogar welche, dass die Erde eine Scheibe ist oder der Mond ein riesiges Raumschiff! Wenn sich nicht mal solche Leute damit befassen, dann entstammt der Krempel also rein Andreas Phantasie und einem Drogentrip. Dafür hat er eine Stelle an der Uni in die Mülltonne geschmissen, wo er Professor hätte werden können. Obgleich er es finanziell nicht braucht, eine verrückte Entscheidung, denn er ist doch immer super gerne seiner Tätigkeit an der Uni nachgegangen. Ach ja, Zeta Reticuli! Lies mal im Internet über Betty und Barney Hill nach! Die haben vor Jahren in Amerika behauptet, von Außerirdischen entführt worden zu sein, die genau aus diesem Sonnensystem gekommen sind. Und, das müsstest du eigentlich wissen, weil du die Filme ja bestimmt hundertmal rauf und runter gesehen hast, ein Teil der Alien–Filme spielt dort. Jetzt weißt du also, wie Andreas auf Zeta Reticuli kommt. Da ist nichts mit Botschaften, sondern es ist eine Ausgeburt seiner Phantasie. Vielleicht glaubt er aber tatsächlich, was er da erzählt. Solche Krankheiten gibt es, dass man an seine eigenen Phantasieprodukte glaubt und sie für real hält.
Aber das Schlimmste an der ganzen Sache ist dieser Zylinder!
Er enthält all das Wissen, was die Menschheit braucht, um in eine perfekte Gesellschaft zu steuern. Und er soll diese Botschaft überbringen!
Und Allah sandte den Koran an Mohammed, auf dass er dessen Wort verkünde!
Das sind Zeichen von Cäsarenwahn und nichts anderes! Was ist, wenn der schwarze Stein, oder was immer es auch sein soll, jedenfalls sein Ersatzgott, plötzlich enthüllt, er solle so viele Menschen umbringen wie möglich? Dann besorgt er sich mit all seinem Geld irgendwo ein Waffenarsenal und legt los, den Befehl in die Tat umzusetzen. Es könnte eine kleine Familie wie unsere treffen."
Ich entgegnete, den Teufel doch nicht an die Wand zu malen und fragte, was sie nun von mir erwarte.
„Du bist ein alter Freund von ihm. Du kennst ihn so viele Jahre. Sag ihm, dass du dir Sorgen machst und dass er vielleicht mal mit einem Arzt reden soll! Er braucht professionelle Hilfe! Auch, um sich selbst zu schützen. Denn vielleicht tut er auch sich selbst was an."
Obgleich mir die Aussagen meiner Freundin durchaus plausible erschienen und ich ihr Tief in meinem Inneren sicherlich zum größten Teil beipflichtete, unternahm ich nur einmal einen halbherzigen Versuch, mit Andreas über diese Sache zu reden.
Bei einem Spaziergang im Frühjahr 2016 fragte ich ihn nebenbei: „Du weißt schon, dass andere Menschen und sicherlich auch der größte Teil der Wissenschaft deine Forschungen für total verrückt halten würden?"
Andreas lächelte nur einmal müde und verteidigte sich mit der Aussage, dass viele der größten Wissenschaftler und Entdecker zu Beginn ihrer Forschungen für verrückt gehalten worden sein.
Danach blockte er ab und redete nicht mehr darüber.
Heute vermute ich stark, dass Andreas meine Frage als den berühmten Wink mit dem Zaunpfahl verstand und er sich deshalb komplett verschloss.
Denn von nun an ging er weder bei mir noch bei Michael an irgendeines seiner Telefone (unterdrückte Anrufe nahm er prinzipiell nicht an, weshalb man gar nicht erst einen Versuch starten brauchte), E-Mails und Messengeranfragen blieben unbeantwortet und in seiner Wohnung schien er sich überhaupt nicht mehr aufzuhalten.
Jener Winterspaziergang blieb der letzte Kontakt zu Andreas.
Kapitel 14
Im Altweibersommer 2017 hatten wir seit fast eineinhalb Jahren nichts mehr von Andreas gehört und so beschlossen Michael und ich, hinauszufahren ins Industriegebiet, um nach unserem alten Freund zu sehen.
Ich steuerte den Toyota auf den Parkstreifen vor dem Labor, wo Andreas in die Jahre gekommener Passat und ein nagelneuer Mercedes SL parkten.
Was immer auch in Andreas mittlerweile vorgehen musste, er arbeitete nicht länger allein.
Als wir ausstiegen und uns den Eingang näherten, fielen mir zahlreiche Überwachungskameras auf, die die Umgebung vor dem Gebäude fokussierten und die vorher eindeutig nicht dort platziert gewesen waren. Auch stach ins Auge, dass Außenarbeiten im Gange waren, die darauf abzielten, einen hohen Zaun mit Stacheldraht und weiteren Kameras darauf zu errichten. Teilweise stand er bereits. Am heutigen Samstag ruhten die Tätigkeiten jedoch.
Unser Freund Andreas schien von der panischen Angst beseelt, dass Unbefugte sich unerkannt dem Grundstück nähern und es betreten könnten.
Wir ließen den im Bau befindlichen Zaun hinter uns zurück, stiegen ungeachtet der Kameras die zwei Stufen zur Eingangstüre hinauf und Michael betätigte entschlossen den Knopf der Klingel, worauf im Inneren ein synthetisches Heulen erklang.
Es dauerte keine zehn Sekunden, da sagte eine unfreundliche, dunkle Stimme: „Ja!" durch die Gegensprechanlage.
„Hallo, wir sind zwei gute Freunde von Andreas. Würden Sie ihm bitte ausrichten, dass Mi..."
Weiter kam er nicht, weil ihn die gesichtslose, männliche Bassstimme barsch unterbrach.
„Nein! Das ist unmöglich! Der gnädige Herr Doktor ist schwer beschäftigt. Er hat strengste Anweisung gegeben, nicht gestört zu werden. Selbst die Kanzlerin erhält hier keinen Zugang. Und nun verlassen Sie das Grundstück!"
Es knackte im Lautsprecher und die Gegensprechanlage verstummte.
Wir sahen einander an und zuckten mit den Schultern und Michael kam zu dem völlig richtigen Schluss, dass es absolut keinen Sinn machte, nochmals anzuklingeln. Zusätzlich breitete sich die Gewissheit in uns aus, einen alten Freund verloren zu haben, so dass wir mit hängenden Köpfen und traurigen Blicken in Richtung Parkstreifen zurückschlichen.
„Da können Sie nichts verkaufen! Die lassen keinen rein. Zwei verdammt komische Vögel sind das da.", rief eine ebenfalls männliche, aber wesentlich entspanntere Stimme, als ich im Begriff war, den Toyota aufzusperren.
Auf dem Nachbargrundstück der ADAC Autohilfe stand ein großer Mann im Mechaniker Overall und mit einem großen Hund neben sich, der treu durch den Maschendrahtzaun blickte, der die beiden Grundstücke voneinander trennte, und dabei fröhlich mit dem buschigen Schwanz vor sich hin wedelte.
Michael antwortete, dass wir nicht einmal irgendwelche Handelsvertreter seien, sondern alte Freunde, man uns aber trotzdem den Einlass verwehre.
„Oh ja. Der Kerl, der zuerst da war, der das Gebäude gekauft hat, ist komisch geworden. Zieht sich mehr und mehr zurück und für Smalltalk ist er auch nicht mehr zu haben. Ach, übrigens, wo sind denn meine Manieren hin. Mein Name ist Dieter Becker und ich bin Chef der Autohilfe hier."
Wir stellten uns einander vor und KFZ–Meister Becker bat uns in seine kleine Firma, um das begonnene Gespräch fortzusetzen.
In der ADAC–Station herrschte samstägliche Ruhe vor; eine blonde Frau hinter einem Computerarbeitsplatz erklärte in passablem Englisch einem Kunden die Bedingungen zur Anmietung eines Club–Mobils. Der Hund legte sich sogleich in sein Körbchen Mitten im Filialraum und wir zogen uns mit Cola aus einem Automaten in Dieter Beckers Büro zurück, wo der Chef uns über seinen seltsamen Nachbarn berichtete.
„Eines vorneweg: Andreas ist immer noch ein anständiger Nachbar. Problemnachbarn sehen anders aus. Aber in letzter Zeit hat er sich extrem verändert. Am Anfang war er noch relativ gesprächig, obgleich ich ihn nicht für den Typen halte, der mit seinen Witzen eine langweilige Party ans Laufen bringt."
Auf die Frage, ob Andreas über seine Arbeit geredet habe, antwortete Becker: „Nicht viel. Nur dass er Physik und Informatik studiert hat und hier ein eigenes Forschungsprojekt aufzieht mit dem Geld aus einer Erbschaft. Muss eine ganz gewaltige Erbschaft gewesen sein, wenn ich mir das da drüben so anschaue. Mit den Arbeiten wurde Andreas dann seltsamer. Die waren manchmal schon ganz schön laut und nervig. Aber, wie gesagt, Problemnachbarn sehen ganz anders aus, und die Arbeiten gingen dann auch recht schnell vorbei."
Ich fragte nach, ob sich die Arbeiten auf die Errichtung des Zaunes bezögen.
„Nein, nein. Der Zaun ist ein Witz dagegen, was da zuvor geschafft wurde. Da kamen mehre Lkw mit allen möglichen Materialien. Dazu zwei Wagen, die Beton über eine Anlage pumpen, und bestimmt zwei Dutzend Bauarbeiter. Die haben den Keller vergrößert, keine Frage. Jede Menge Material wurde aus dem Keller nach oben transportiert, Schutt und Erde, und mit anderen Lastern abtransportiert. Danach kamen die Zementmischlaster und die Pumpanlagen nahmen ihre Arbeit auf. Die haben jede Menge altes Material rausgeholt und jede Menge neues heruntergepumpt. Und das alles ging für die Größe eines solchen Projektes, wenn ich es mit der Errichtung eines Eigenheims vergleiche, Ruck Zuck. Wie gesagt, muss eine gigantische Erbschaft gewesen sein. Hätte ich auch gerne. Jedenfalls müssen die Arbeiten mit dem Kerl in Verbindung stehen, den meine Herzensangestellte den schönen Schweden nennt. Denn die Arbeiten haben erst angefangen, nachdem dieses Muskelpaket da drüben bei Andreas eingezogen ist."
Michael erkundigte sich nach dem Schweden.
„Wir wissen nicht mal, ob der Typ Schwede, Deutscher oder sonst was ist. Carolin, der gute Geist dieser Station, hat ihn so getauft, weil er eben groß, blond und blauäugig ist. Ab und an sieht man ihn mal kurz. Aber der sagt gar nichts. Guckt nur einmal kurz und gut ist es. Was er mit Andreas und der Firma zu tun hat, keine Ahnung. Carolin und ich sind uns aber hundertprozentig sicher, dass auch der Schwede in der Firma hier wohnt. Denn euer Andreas wohnt da in jedem Fall. Am Anfang ist er noch am Abend nach Hause wohl gefahren. Aber das tut er schon lange nicht mehr. Alles sehr seltsam.", erklärte Dieter Becker.
Das Gespräch verlief noch etwa fünfzehn Minuten weiter. Zum Abschluss verlangte Dieter Becker meine Mobilfunkrufnummer und versprach, er werde sich melden, wenn es etwas Neues in Hinsicht auf Andreas gebe.
Beim Einsteigen in den Toyota fiel mein Blick eher zufällig auf die Fenster im Erdgeschoss und da sah ich meinen alten Freund, wie er das Geschehen vor seinem Labor betrachtete.
Er trug die Haare lang und zerzaust und sein Vollbart war zu einem wahren Rübezahl–Rauschebart geworden.
Als er merkte, dass zunächst ich und dann Michael zu ihm hinaufschauten, zuckte er förmlich vom Fenster zurück und verschwand im Inneren seines Reiches aus lauter Fragezeichen.
Kapitel 15
Aus der Freien Westfälischen; Februar 2019
Weiterhin keine Spur von Thomas Berger
Der 39jährige Thomas Berger aus Bielefeld bleibt verschwunden.
Vor zwei Wochen hatten Freunde den Manager einer Elektrohandelskette als vermisst gemeldet, nachdem er nach einem Abstecher ins Bielefelder Nachtleben nicht mehr nach Hause zurückgekehrt war.
Die daraufhin durch die Polizei ergriffenen Maßnahmen sind bis heute ohne Ergebnis geblieben.
Hinweise, die Berger mit einer unbekannten Frau auf einer angesagten House–Party gesehen haben wollen, brachten keine neuen Erkenntnisse. Ebenso schließt die Polizei einen Zusammenhang des Verschwindens mit der organisierten Kriminalität aus.
„Wir wissen heute, dass der Vermisste Kontakte zu Leuten aus der Drogenszene besaß. Allerdings beschränkten sich diese Kontakte lediglich auf den Erwerb kleinerer Mengen Kokains für den Eigenbedarf, so dass wir nicht davon ausgehen, dass diese Kontakte etwas mit dem Verschwinden von Herrn Berger zu tun haben. Hinweise auf organisierte Drogenkriminalität, in die die vermisste Person verstrickt sein könnte, liegen uns nicht vor.", erklärte ein Sprecher der Kriminalpolizei dieser Zeitung.
Der Leser findet ein Lichtbild der vermissten Person auf der Homepage www.fw-kripohilfe.de.
Sachdienlich Hinweise nimmt die Polizei weiterhin unter der Rufnummer 0521-278000 entgegen.
Westfalen Anzeiger; Ende Juni 2019
Ursache für Stromausfall in Teilen Münsters und Umgebung geklärt
Katze löste partiellen Blackout aus
Die Ursache für den Stromausfall, der in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch Teile von Münster und Umgebung für gute zwei Stunden in Dunkelheit hüllte, wurde durch den Energiekonzern On-E ermittelt.
Wie die Essener Zentrale in einer kurzen Pressemitteilung bekannt gab, habe eine Katze einen Hochspannungsmast im Großraum Münster erklettert und sei dabei mit der Oberleitung in Kontakt geraten, woraufhin das Tier in einem Feuerball verbrannt sei und dadurch den Stromausfall ausgelöst habe.
Dem Konzern waren deswegen Kosten in Höhe von mehreren hunderttausend Euro entstanden.
Dortmunder Tageblatt; Anfang Juli 2019
Beschädigte Oberleitung sorgt für Verzögerungen auf der Strecke
Münster – Lünen
Zahlreiche Pendler kamen zu spät zur Arbeit
Eine defekte Oberleitung hat am frühen Dienstagmorgen für erhebliche Verzögerungen im Regionalverkehr zwischen Dortmund und Münster gesorgt. Viele Pendler kamen mit teilweise erheblichen Verspätungen zu ihren Arbeitsplätzen.
Wie die DB Netz AG mitteilte, sei in der Nacht von Montag auf Dienstag eine Oberleitung auf der Strecke Münster – Lünen bei Ascheberg gebrochen.
Die Ursache für den glatten Bruch ist noch nicht hundertprozentig geklärt, die DB Net Ag hält Materialermüdung für wahrscheinlich.
Für die frustriert wartenden Berufstätigen wurden Busse organisiert, welche den Regionalverkehr temporär ersetzten.
Am späten Vormittag war der Schaden endlich behoben und der Zugverkehr normalisierte sich allmählich wieder.
Allgemeine Zeitung/Kreis Warendorf; Anfang Juli 2019
Grausiger Fund im Straßengraben
Autofahrer findet an einer Landstraße bei Sassenberg menschliche Gliedmaße
Als Bernard W. am Donnerstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit war und am Straßenrand einen PKW mit offener Fahrertür und eingeschalteter Warnblinkanlage ausmachte, hatte er nicht erwartet, einen grausigen Fund zu machen.
Der zweiundfünfzigjährige Elektriker steuerte seinen Wagen auf den Standstreifen, um eventuell Hilfe anbieten zu können.
Weil er im Fahrzeug selbst niemanden antraf und zudem feststellte, dass der Zündschlüssel noch steckte, machte er sich daran, die nähere Umgebung abzusuchen.
Keine fünfzig Meter von dem herrenlosen Fahrzeug entfernt entdeckte Bernard W. im Straßengraben einen menschlichen Fuß samt einem Teil des Unterschenkels. Der Fuß befand sich noch in einem Turnschuh, rund um den Beinstumpf klebten die vollkommen blutigen Überreste einer Jeanshose.
Wie sich schnell herausstellte, gehörte die Gliedmaße zum Halter des abgestellten Autos, einem 24jährigen Angestellten aus Heessen, der für eine Firma in Sassenberg arbeitet. Bis auf den Fuß wurden keine weiteren Körperteile gefunden. Suchaktionen in der näheren Umgebung blieben ergebnislos.
Die Polizei geht von einem sadistischen Verbrechen aus und schreibt dem Opfer eine Zufallsrolle zu.
Eine Sonderkommission, an deren Spitze Polizeihauptkommissarin Claudia Lieblich steht, wurde eilig ins Leben gerufen in der Hoffnung, dieses bizarre und grausige Verbrechen schleunigst aufzuklären.
„Zum jetzigen Zeitpunkt nehmen wir an, dass der oder die Täter eine Wagenpanne vorgetäuscht hat/haben und das Opfer eigentlich nur helfen wollte. So ist es förmlich in eine perverse Falle gelockt worden. Es hätte jeden treffen können. Der junge Mann war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Wir nehmen weiterhin an, dass der Täter aus puren, sadistischen Trieben gehandelt hat."
Eine plausible Erklärung, gab es doch, wie Untersuchungen herausstellten, im Umfeld des Opfers keinerlei Hinweise auf ein Motiv. Dennoch ermittelt die Polizei auch weiterhin in diese Richtung.
Dass der Fuß mit dem Beinstumpf gezielt am Tatort zurückgelassen wurde, gilt für Lieblich als sicher.
„Es ist davon auszugehen, dass das Körperteil gezielt am Tatort in dem Straßengraben platziert wurde. Der Täter will damit ausdrücken, hier bin ich und das habe ich getan. Es ist wohl so eine Art Visitenkarte. Viele Täter, die aus sadistischen Antrieben heraus Gewaltverbrechen begehen, tun so etwas. Dafür spricht auch, dass der Unterschenkel praktisch sauber amputiert wurde. Das Ganze war eine geplante Aktion."
Die Frage, ob die Kriminalpolizei davon ausgehe, ob der Täter eine solche Tat wiederholen könne, wollte Lieblich abschließend nicht beantworten.
Hoffnungen, der Vierundzwanzigjährige könne verwundet noch an einem unbekannten Ort am Leben seien, schob Lieblich einen Riegel vor.
„Bei einer solch schweren Wunde, wie sie beim Abtrennen eines Unterschenkels entsteht, muss der Betroffene anschließend in einem professionellen, medizinischen Umfeld betreut werden. Ist dies nicht der Fall, ist ein Überleben unmöglich. In den Krankenhäusern und Arztpraxen der Umgebung wurde kein Mann mit einer solchen Verletzung eingeliefert."
So habe die Suche nach dem Leichnam des Heesseners zunächst erhöhte Priorität.
Weitere Informationen zu diesem seltsamen, wie brutalen Kriminalfall findet der Leser auf der Homepage dieser Zeitung.
Online–Ausgabe der Gütersloher Rundschau; Mitte Juli 2019
Vandalismus im Windpark Borgholzhausen
Unbekannte richten beträchtlichen Schaden im Transformatorenhäuschen an
Als Ingenieur Johannes Hartmann am Freitagmorgen seinen routinemäßigen Rundgang durch den Windpark Borgholzhausen im Kreis Gütersloh machte, staunte er nicht schlecht.
Ein unbekannter Täter oder unbekannte Täter hatten sich Zugang zu einem der Transformatorenhäuschen verschafft.
„So wie es aussieht, haben die Täter sich den Weg ins Innere des Trafohäuschens geebnet, in dem sie das Türschloss einfach herausgeschweißt haben.", erklärte Hartmann gegenüber GR–Online.
Drinnen erwartete den Ingenieur dann die nächste Absonderlichkeit. Leitungen, die unter Spannung standen, wurden freigelegt, die Isolierung entfernt.
„Ich kann mir da keinen Reim drauf machen. Es sah so aus, als wollte sich hier jemand Strom abzwacken, was natürlich praktisch gesehen vollkommen sinnfrei ist. Vielleicht war die ganze Aktion nur eine hirnlose Mutprobe unter Halbstarken.", so Hartmann weiter.
Hinweise auf den oder die Täter und sonstige Beobachtungen zu diesem seltsamen Fall, bei dem ein Schaden von mehreren zehntausend Euro entstand, nehmen die örtlichen Polizeidienststellen entgegen.
Neues Westfalen; Ende Juli 2019
Landwirt Gerrit A. aus Jöllenbeck verschwunden
Polizei schließt ein Gewaltverbrechen nicht aus
Ein Spaziergänger machte am Montagmorgen eine seltsame Entdeckung.
Als er in Jöllenbeck bei Bielefeld einen Feldweg entlangging, stieß er auf einen führerlosen Traktor, dessen Motor im Leerlauf lief. Nachdem er auf mehrere Ausrufe keinerlei Rückmeldung erhalten hatte, griff der Spaziergänger zum Handy und rief die Polizei.
Die herbeigerufenen Beamten stellten schnell fest, dass das Gefährt dem 49jährigen Landwirt Gerrit A. gehört. Von dem Fahrzeugbesitzer konnten auch sie keine Spur finden, allerdings wurden Blutspritzer in der Fahrerkabine entdeckt. Ob diese von Gerrit A. stammen, kann, da Untersuchungen noch ausstehen, zu diesem Zeitpunkt nicht abschließend gesagt werden.
Die Kriminalpolizei ermittelt im Umfeld des Opfers und schließt ein Gewaltverbrechen nicht aus, obgleich ein Motiv aktuell nicht erkennbar ist.
„Laut ersten Hinweisen scheint der Verschwundene ein recht angenehmer Zeitgenosse zu sein. Er wird als hilfsbereit, gesellig und stets gut gelaunt beschrieben. Anzeichen auf tiefergehende Konflikte mit seinen Mitmenschen sind bislang keine zu erkennen.“, so ein Polizeisprecher.
Sachdienliche Hinweise zum Verschwinden nehmen die Polizeidienststellen entgegen und können unter der Rufnummer 0521-688399 abgegeben werden.
Neues Westfalen; Anfang August 2019
Blut aus Traktorkabine stammt von Gerrit A.
Polizei ist sicher, dass der verschwundene Landwirt Opfer eines Verbrechens wurde
Was die ermittelnden Beamten in der Vermisstensache Gerrit A. (NW berichtete) vermuteten, ist nun gewiss. Der verschwundene Landwirt Gerrit A., der Ende Juli von seinem Traktor verschwand, wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Die in der Fahrerkabine gefundenen Blutspuren konnten nach der Analyse im Labor eindeutig dem Landwirt zugeordnet werden.
„Wir gehen davon aus, dass der oder die Täter Gerrit A. auf dem Traktor überwältigt haben. Wahrscheinlich haben sie ihn mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen und anschließend vom Tatort verschleppt. Dabei ist es zur Entstehung der in der Kabine entdeckten Blutspuren gekommen.", gab Polizeisprecherin Wehmeyer gegenüber der NW bekannt.
Die Polizei hat die Ermittlungen im Umfeld des Landwirtes verstärkt. Weiterhin durchsuchen Einheiten ein nahegelegenes Waldstück, weil man nicht ausschließt, dass der oder die Täter nach einem eventuellen Mord die Leiche dort entsorgt haben könnten.
Einen Zusammenhang mit einem weiteren, seltsamen Verbrechen bei Sassenberg sieht die Polizei bislang nicht. Damals war ein junger Angestellter aus seinem PKW verschwunden. Sein abgetrennter Fuß wurde im Straßengraben gefunden. Von der Leiche fehlt bis heute jede Spur.
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