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Robert Lang

kollateral

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog: Status quo ante

Erstes Kapitel: Corpus delicti

Zweites Kapitel: Netzwerker

Drittes Kapitel: Jäger und Gejagte

Viertes Kapitel: Atmosphärische Störungen

Fünftes Kapitel: Profis bei der Arbeit

Sechstes Kapitel: Irritationen

Siebtes Kapitel: Eine spät gepflückte Blume

Achtes Kapitel: Am See

Neuntes Kapitel: Und… Action!

Zehntes Kapitel: Freiheit oder nicht?

Elftes Kapitel: Ein enges Zeitfenster

Epilog: Suum cuique

Impressum neobooks

Prolog: Status quo ante

Robert Lang

kollateral

Roman

Impressum:

© 2021 by Robert Lang (Pseudonym)

Heinz-Gerd Faßbender

D-77728 Oppenau

E-Mail: r.lang.romane@gmx.net

Umschlaggestaltung Harri Faßbender

Druck und Vertrieb: epubli, ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

1

Er hätte wissen müssen, dass so etwas passieren kann. Mit den Briefmarken hat er sich angreifbar gemacht, denkt Langer, Quittung hin oder her. Die verdammten Briefmarken!

Bornemanns Sekretärin hat ihn von Beginn an nicht gemocht. Wochenlang hat sie nach dem Haar in der Suppe gesucht, ihm fehlende Arbeitsmoral oder mangelnde Sorgfalt unterstellt, und je weniger sie an ihm und seiner Arbeitsweise auszusetzen fand, desto mehr hat sie ihn schikaniert. Es kann nicht sein, was nicht sein darf, er ist schließlich kein richtiger Arbeitnehmer, sondern ein „Künstler“. Die Anführungszeichen spricht sie jedes Mal laut und vernehmlich mit.

Aber endgültig hat er das Fass zum Überlaufen gebracht, als er sie auf zwei Tippfehler aufmerksam machte, die ihr bei einem nur zwölfzeiligen Brief unterlaufen sind, den er eigentlich nur eintüten und frankieren sollte. Seither ist es blanker Hass.

Er hätte die Klappe halten sollen.

Sie haben ihn ins Büro den Chefs gerufen, direkt, nachdem er ahnungslos aus der Mittagspause kam. Zu dritt sind sie über ihn hergefallen. Die alte Sekretärin, der Firmenchef und irgendein Anzugträger, der blutleerer ist als ein Vampir am Ende der Fastenzeit.

„Was haben Sie mit den Marken gemacht, die Sie heute von der Post mitgebracht haben?“

„Die sind dort, wo Sie hingehören. Ich habe mir zwanzig Stück davon übers Wochenende ausgeborgt, weil ich heute Abend noch wichtige private Unterlagen zu verschicken habe. Aber dafür habe ich eine Quittung ins Briefmarkenbuch gelegt.“

Das mit den wichtigen Unterlagen ist die Wahrheit. Er nimmt an verschiedenen Musikwettbewerben teil, bei einem davon ist der Einsendeschluss am kommenden Montag. Er hat einige Demobänder zu verschicken gehabt, ebenso wie Probeseiten seines Gedichtbands, den er gerade fertiggestellt hat. Und weil er pleite ist und sein Monatslohn erst in ein paar Tagen auf dem Konto eingehen wird, hat er diese kleine Anleihe genommen.

„Geliehen, geliehen“, giftet Bornemanns Sekretärin. „In dem Buch liegt keine Quittung. Sie haben Marken im Wert von sechsunddreißig Euro gestohlen, und ich habe Sie dabei ertappt.“ Und zum Chef gewandt: „Ich hab’s von Anfang an gesagt. Was soll man auch anderes von diesen, äh… Künstlern erwarten.“

In diesem Moment wird ihm heiß und kalt zugleich. Diese Schlange hat ihn ausmanövriert und den Zettel verschwinden lassen, während er an der nahegelegenen Imbissbude ahnungslos seine tägliche Currywurst gegessen hat. Und natürlich hat er keinen Zeugen.

Sie hat ihn loswerden wollen, und er muss neidlos anerkennen, dass sie dabei alles richtig gemacht hat. Willkommen im richtigen Leben, Herr Langer!

Endgültig begreift er seine missliche Lage, als ein sichtlich schlechtgelaunter Bornemann sein Urteil fällt. „Holen Sie sich Ihre Papiere in der Personalabteilung. Ich will Sie hier nicht mehr sehen. Und ich werde natürlich Anzeige erstatten. Das bin ich meinem Betrieb und seinen ehrlichen Mitarbeitern schuldig. Und jetzt raus hier!“

Du dämlicher Hund, hat Langer gedacht. Ich fälsche seit Monaten Stundenbelege von Aushilfen für dich, damit du dir ein paar Tausender an Sozialversicherung einsparst.

Aber er hat geschwiegen und ist aus dem Büro geschlichen wie ein begossener Pudel. Er kann es nicht wahrhaben. Ein paar Wochen vorher hat seine Claudia Schluss mit ihm gemacht (Sie braucht jemanden „mit mehr Biss, mit mehr Ehrgeiz und Zielstrebigkeit“). Und jetzt ist sein Job weg, er hat Mietschulden - und das Schlimmste steht ihm noch bevor. Dieser blöde Hund könnte tatsächlich die Polizei auf ihn hetzen, und dann steht Langer vermutlich ein Prozess wegen Diebstahls, Unterschlagung oder was auch immer bevor. Und obwohl es sich um eine Bagatelle handelt, ist es unangenehm und zieht ihn noch weiter runter, als er es schon ist.

Andererseits, das Ganze ist jetzt sechs Wochen her, und weder von der Polizei noch vom Gericht ist eine Vorladung gekommen. Vielleicht hat sich die Firma ja eines Besseren besonnen und die Sache fallen lassen. Es ist ohnehin fraglich, ob sich ein Richter mit einer solchen Nichtigkeit befassen will. Aber die Geschichte hängt immer noch wie ein Damoklesschwert über ihm und hindert ihn daran, sich zu entspannen und auf andere Dinge zu konzentrieren.

Es ist seine erste und einzige Begegnung mit dem großen Bornemann gewesen, denkt er jetzt bitter, als er sich eine neue Dose Billigbier aus dem Kühlschrank holt. Vermutlich hat dieser ihn schon am nächsten Morgen wieder vergessen. Langer ist nur eine Aushilfe mit zwanzig Wochenarbeitsstunden gewesen, auch wenn er schon seit acht Monaten im Betrieb gearbeitet hat. Wozu sich weiter an ihm abarbeiten? Sie haben seinen letzten Monatslohn einbehalten und seine prekäre Finanzlage dadurch noch verschärft. Immerhin hat er das Glück gehabt, schnell einen neuen Job zu finden, mit besserem Arbeitsklima, besserer Bezahlung und freier Zeiteinteilung. Aber das hat seinen Zorn und das unangemessene Gefühl persönlichen Versagens nicht lindern können. Es spukt weiter in seinem Kopf herum.

In seinen Tagträumen phantasiert er gelegentlich davon, dieser Sekretärin ein Paket mit einer toten Ratte zu schicken; oder Bornemanns Büroräume zu verwüsten, nachts, als Reinigungskraft getarnt. Oder – das hat er gelesen – er könnte wegen der vielfach gefälschten Stundenbelege für die Aushilfen in Bornemanns Betrieb eine Selbstanzeige beim Landesarbeitsamt einreichen. Dann käme er selbst straffrei davon, aber der Alte hätte eine Betriebsprüfung am Hals, samt Strafe und hoher Nachzahlungen an Sozialversicherungsbeiträgen.

Vorgestern hat er zufällig die Stieftochter des Unternehmers auf dem Unicampus gesehen, wo sie vermutlich auf dem Weg in eine Vorlesung oder ein Seminar gewesen ist. Seither denkt er an sie, und seine Gedanken kreisen um alle möglichen Schandtaten, die er ihr antun könnte. Er hat sie ein- oder zweimal in der Firma gesehen, aber sie hat keinerlei Notiz von ihm genommen. Wozu sollte sie auch? Ihn und sie trennen ganze Universen.

Irgendwie wird er den Impuls nicht los, ihr – und damit dem Alten – Schaden zuzufügen. Aber das ist reiner Unfug. Was soll er schon tun? Ihren Aktenkoffer stehlen? Sie mit dem Fahrrad anfahren? All das ist albern und letztlich brotlose Kunst. Will er vielleicht noch eine Anzeige riskieren?

Aber derlei Gedanken lassen sich nicht abwimmeln, wenn man mit seinem Schicksal hadert. Er denkt daran, wenn er unter der Dusche steht, und er denkt daran, wenn er sich wie heute wenig stilvoll betrinkt. „Hör auf zu träumen, Junge!“ Wenn es nur so einfach wäre.

Was hat Claudia gesagt, als sie ihm den Laufpass gab? „Du bist unreif, du sehnst dich nach etwas, was du nicht benennen kannst. Und du bist ins Scheitern verliebt.“ Dazu hat er keine Meinung. Diese drei Dinge sind wohl nur unterschiedliche Aspekte einer einzigen Sache, wenn sie überhaupt zutreffen. Aber welcher?

Später am Abend sitzt er vor dem Fernseher und sieht sich beiläufig einen Krimi an, während er auf seiner Gitarre ein paar Akkordfolgen spielt, mit denen er einen vor einigen Tagen geschriebenen Songtext rhythmisch unterlegen will. Er kommt nicht wirklich zurecht damit, und so schweift sein Blick immer wieder zum Fernseher ab. Der Film handelt von einer Kindesentführung, und die Eltern des Mädchens sind verzweifelt. Auch die Polizeibeamten wissen keinen Rat, besonders, weil nach inzwischen drei Tagen und Nächten noch keine Lösegeldforderung eingegangen ist. Das lässt schlimme Befürchtungen aufkommen.

Endlich hat er eine Idee, wie er den Song gestalten kann (nur beim Refrain klemmt es noch, ohne dass er so genau weiß, woran es liegt), und der Krimi ist wieder vergessen. Zumindest bis zu dem Moment, in dem er sich leicht angetrunken aufs Bett legt und einzuschlafen versucht.

Doch dann, irgendwo im Niemandsland zwischen Wachsein und Schlaf, hat er urplötzlich ein Bild vor Augen, das ihn dazu veranlasst, sich blitzartig aufzusetzen. Er denkt einen Moment über dieses Bild nach, legt sich wieder hin, und kurz, bevor er endgültig einschläft, hat er eine vage Vorstellung davon, wie er sich seine Selbstachtung zurückholen kann.

2

An diesem Abend sitzt Kommissar Schuchardt von der Mordkommission der Kripo Frankfurt in seiner spärlich eingerichteten Dreizimmerwohnung im Frankfurter Westend und isst zu Abend.

Er denkt mit einigem Verdruss über seinen gegenwärtigen Fall nach, einen Mord in der Drogenszene der Stadt. Die gibt es hin und wieder, und normalerweise geben sie nur wenig her, was einen Polizisten mit seiner langjährigen Erfahrung besonders beansprucht.

Er hat nach Dienstschluss keine Lust, für sich allein zu kochen; wenn er einmal Appetit auf etwas Deftiges hat, geht er von seinem Büro aus in eine der Studentenkneipen im benachbarten Universitätsviertel (oder das, was noch davon übrig ist), isst Hackbraten mit Bratkartoffeln oder ein Rahmschnitzel mit Pommes Frites. Das ist es schon mit der Abwechslung, Essen bedeutet ihm nicht viel und er erledigt es wie einen Job, den er zu verrichten hat, um fit für den Alltag zu bleiben.

Und sein Alltag ist im Moment die Leiche eines 24-jährigen jungen Mannes, der mit einer Einwegspritze im Nacken tot auf der Toilette im Untergeschoss des Hauptbahnhofs gefunden worden ist, von einer rumänischen Putzfrau, die bei seinem Anblick so schockiert war, dass man sie zur Beobachtung in die psychiatrische Abteilung der Universitätsklinik bringen musste. Also der ganz normale Wahnsinn, denkt Schuchardt.

Etwas ist an diesem Mord, das ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Spritze, Heroin - mit einer ganzen Portion Strychnin versetzt - ist dem Jungen von jemandem verabreicht worden. Der vom Pathologen beschriebene Einstichkanal beweist, dass er es nicht selbst bewerkstelligen konnte („Ich scheiße auf Ihren Einstichkanal!“, hat sein Boss ihn angeschnauzt, nachdem er wegen dieser Sache bei ihm vorstellig geworden ist. „Haben Sie nichts Besseres zu tun?“).

Aber Schuchardt mag keine unerledigten Fälle, und er glaubt nicht, dass einer seiner Kollegen, wenn er an seiner Stelle ermitteln sollte, sich große Mühe geben wird, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen. Einen Selbstmord oder auch einen Mord unter drogensüchtigen Bahnhofsstrichern aufzuklären ist nichts, wofür man Lametta an seine Uniform gehängt bekommt. Es ist eine Routinesache in einem Milieu, um das man sonst gerne einen großen Bogen macht.

Doch da ist etwas bei der Befragung von eventuellen Zeugen gewesen, das ihn hat aufmerken lassen. Die kleinen Dealer, mit denen er redet, machen einen verschüchterten Eindruck, als er sich nach dem Verstorbenen erkundigt, Blicke werden verschleiert, Mienen umwölken sich, Stimmen klingen belegt, es wird eher geraunt als gesprochen.

Und ein windiger Geschäftsmann, dem drei Puffs in diesem Viertel gehören und der trotzdem keinen Cent Steuer bezahlt, sagt etwas zu ihm, das auch als Drohung verstanden werden kann, ist aber trotz Aufforderung nicht dazu bereit, das Gesagte zu wiederholen oder näher zu erläutern. Irgendetwas ist an dieser Sache faul, und Schuchardt kommt vorläufig nicht dahinter, was es ist.

3

Britta Stern schaut immer wieder nervös über ihre Schulter, aber da ist niemand. „Verdammt“, murmelt sie, und als sie die Haustür erreicht hat, schiebt sie nervös den Schlüssel ins Schloss und öffnet.

Sie fängt an, paranoid zu werden. Ein Stalker? Ein Student, der ihr nachstellt? Sie fühlt sich seit Wochen immer mal wieder beobachtet, aber sie sieht nie jemanden, der ihr folgt. Wahrscheinlich liegt es an ihrem unkonventionellen Nebenjob. Man hat ihr vorgeschlagen, diesen Job wahlweise in Mannheim, Karlsruhe oder Stuttgart zu verrichten, wenn ihr Frankfurt zu gefährlich ist, aber das hat sie bisher abgelehnt. Lange Auto- oder Zugfahrten sind nicht ihre Sache. Ihr Tagesablauf ist präzise durchgeplant, es gibt da nur wenig Spielraum. Sie hat vor, ihr Studium in Rekordzeit zu beenden; die Nebenbeschäftigung bei einer Escort-Agentur ist ihr deshalb nur logisch erschienen, denn sie muss nur am Wochenende arbeiten, und – was noch erheblich reizvoller ist – sie verdient in einer Nacht mehr Geld als ihre bedauernswerten Mitstudentinnen mit zwei Wochen Plackerei am Fließband einer Fabrik. Das leichte Geld ist da, aber sie sehen es nicht.

Im dritten Stock angekommen, schließt sie ihre Wohnungstür auf, schaltet das Licht ein und stellt ihren Aktenkoffer auf den Schreibtisch. Heute Abend hat sie noch dreißig Seiten „Investition und Finanzierung“ durchzuarbeiten, aber sie wird nicht damit anfangen, bevor sie joggen war und danach geduscht und gegessen hat. Das Wetter ist nicht einladend, aber das ist kein Hindernis. Es ist eben Herbst.

Ihre Nike-Laufschuhe haben nicht mehr allzu viel Profil. Sie notiert es auf ihrer To-Do-Liste, die sie akribisch führt und genauso akribisch abarbeitet. Sie mag Ordnung in ihren Dingen, und das fängt mit den einfachsten Angelegenheiten an. Ausgeschlafen sein (außer, wenn sie in den Nachtstunden jobbt), Körperpflege, Einkaufen, Studium, Bekanntschaften (mehr ist da nicht, denn Freundschaften bedeuten einen inakzeptablen Zeitaufwand), einmal im Monat Besuch bei ihrer Mutter, der sie mit Respekt, aber ohne viel Zuneigung gegenübersteht, und ihrem Stiefvater, den sie nicht mag, in dessen Fußstapfen sie aber nach Beendigung ihres Studium treten wird, wenn alles so läuft wie geplant.

Sie zieht sich um und verlässt die Wohnung; unten auf der Straße angekommen fällt sie in einen zügigen Trab in Richtung des Parks, in dem sie für gewöhnlich fünfundvierzig Minuten lang ihre Runden dreht. Heute wird sie nach einer halben Stunde Schluss machen, denn sie friert jetzt doch ein wenig und sehnt sich schon nach einer heißen Dusche.

„So weit, so gut“, denkt sie, als sie in den nur spärlich beleuchteten Park einbiegt und allmählich ins Schwitzen kommt. Sie sollte vielleicht darüber nachdenken, dieses Escort-Ding zu schmeißen. Am letzten Wochenende ist sie im Hotel „Hessischer Hof“ um ein Haar in einen Geschäftspartner ihres Stiefvaters hineingelaufen, als sie nach einem Kundenbesuch an der Rezeption vorbei musste. Zum Glück hat der Kerl sich nicht umgedreht, bis sie in sicherer Entfernung war.

Dass so etwas jederzeit passieren könnte, ist ihr bis dahin gar nicht in den Sinn gekommen. Natürlich! Ihr Stiefvater, der große Dietrich Bornemann, ist ein steinreicher Bauunternehmer, der Gott und die Welt kennt; und das sind eben zumeist selbst reiche Unternehmer oder Großkunden, die sich standesgemäß in Luxushotels herumtreiben, wenn sie ihre Geschäfte abwickeln oder an Konferenzen teilnehmen.

Nicht auszudenken, wenn sie eines Tages einen Kunden aufsucht und ausgerechnet der kennt ihren Alten oder gar sie selbst. Ihren Stiefvater würde das kaltlassen (der ist selbst leicht pervers angehaucht und permanent lüstern, wie ihr scheint), aber ihre Mutter würde sich vor Scham umbringen, wenn sie davon erfährt. Sie schaudert bei dem Gedanken, während der kalte Nieselregen sich mit dem Schweiß auf ihrer Stirn vermischt.

Sie schaut im Laufen auf ihre Fitnessuhr. Noch fünf Minuten, dann soll es für heute reichen. Es ist Zeit fürs Abendessen, denn sie ist seit dem Frühstück nicht mehr zum Essen gekommen. Britta spult noch zwei Runden ab und trabt dann gemächlich nach Hause.

Noch jemand hat an diesem Abend ihre Zeit gestoppt, ein Mann, der sich zwischen den Sträuchern am Rand des Parks verborgen gehalten hat, und der in den gut dreißig Minuten, in denen Britta Stern ihre Runden drehte, drei Zigaretten geraucht hat. Als das Objekt seiner Beobachtung den Park durch einen Seiteneingang verlassen hat, geht auch er die paar Meter zu seinem Wagen und fährt wenige Augenblicke später los. Er weiß jetzt genug.

Erstes Kapitel: Corpus delicti

1

Die Berührung mit dem warmen Körper, den er jetzt die kurze Strecke über den Kiesweg in die Büsche zerrt, erregt ihn einen Augenblick lang. Dieses Gefühl ist irritierend und der Situation nicht angemessen – hundert Dinge können bei einer solchen Sache schiefgehen, auch ohne dass seine Hormone verrücktspielen.

Er benutzt den Trampelpfad, der vom Wegrand durch das Dickicht zum Parkplatz führt – noch zehn Meter bis zu seinem Wagen; zehn lange Meter, denn Britta Stern wieg erheblich mehr, als er es vermutet hat. Die sechzig Kilo einer attraktiven Frau, deren Hacken über den Boden schleifen, sind schwer wie ein Sandsack. Vielleicht hätte er mit einem Sandsack üben sollen.

Es hat wieder zu regnen begonnen. Kälte und Nässe sind gut für sein Vorhaben. Das schlechte Wetter hält Spaziergänger fern, die ihn stören könnten. Mühsam zieht er seine Last zwischen die tropfenden Büsche.

Die Frau ist völlig verschwitzt, ihre Arme entgleiten seinem Griff immer wieder und er muss ständig nachfassen. Er wird die Heizung seines Wagens hochdrehen, wenn er losfährt. Wenn sein Opfer auskühlt und sich eine Lungenentzündung einfängt, dann ist er aufgeschmissen.

Nun, da er die junge Frau auf den unbeleuchteten Parkplatz zerrt kommt der gefährlichste Teil des Unternehmens. Er blickt sich um. Niemand zu sehen. Zur Linken, in dem alten Universitätsgebäude, brennt im Erdgeschoß noch Licht – Putzkräfte oder der Hausmeister, vermutet er.

Marc Langer hat darauf setzen müssen, dass der Parkplatz an diesem Abend leer ist. Donnerstags endet die letzte Vorlesung um achtzehn Uhr, danach flüchten die meisten Studenten ebenso wie die Lehrkräfte ins vorgezogene Wochenende und es kehrt relative Ruhe ein in diesem Teil des Viertels.

Schwer atmend wirft er jetzt die Hecktür seines Kombis zu und kramt den Autoschlüssel aus seiner Jacke hervor. Vor ein paar Sekunden ist ihm beinahe der Geduldsfaden gerissen. Sein Opfer passte nicht ohne weiteres unter die Abdeckung des Kofferraums. Wie sehr er es auch versucht hat, ein Fuß der Frau lugte stets über die tiefliegende Ladekante des Wagens. Schließlich tut er das Naheliegende und zieht ihr die Laufschuhe aus. Nun kann er die Klappe schließen.

Er öffnet die Fahrertür und wirft sich in den Sitz. Seine Hand zittert, als er den Zündschlüssel ins Schloss bugsieren will. Er braucht dringend eine Zigarette, und während er sich eine anzündet, sieht er, dass die Wagenscheiben rundum beschlagen sind. Frustriert versetzt er dem Lenkrad einen heftigen Schlag. Das kann er jetzt brauchen wie ein nasses Handtuch. Natürlich beschlagen die Scheiben - die beiden schwitzenden Körper heizen den Wagen auf wie ein tropisches Gewächshaus. Er entnimmt dem Handschuhfach ein altes Wischtuch und beginnt die Scheiben zu reinigen. Dann stellt er Heizung und Gebläse auf die höchste Stufe und öffnet die Fenster einen Spalt breit. So müsste es gehen.

Die gesamte Operation hat weniger als fünfzehn Minuten in Anspruch genommen. Das ist wichtig, weil sein Alibi darauf fußt, dass die von ihm geplanten Dinge schnell und reibungslos ablaufen.

Er entspannt sich ein wenig und beginnt, sich auf den stadtauswärts fließenden Verkehr zu konzentrieren. Alles läuft normal - bis zu dem Moment, in dem er hinter sich eine Sirene hört und ein Blick in den Rückspiegel… Heiliger Himmel!

Das Blaulicht kommt rasch näher. Eine Sekunde lang glaubt er, alles sei verloren, bevor es richtig angefangen hat. Es dauert einen schreckensstarren Moment, bis er begreift, dass es sich um einen Krankenwagen handelt, der mit hoher Geschwindigkeit näher kommt, offenbar wie er selbst auf dem Weg zur nahegelegenen Autobahn.

Ein wütendes Hupen, weil er eine rote Ampel überfahren hat. Er muss nur noch für kurze Zeit die Ruhe bewahren, denn er hat es beinahe geschafft.

Langer verstärkt den Griff seiner linken Hand um das Lenkrad und schaltet mit der anderen in einen höheren Gang. Kurz darauf hat er die Autobahn erreicht.

Noch zwanzig Minuten bis zu seinem Versteck; es ist darauf vorbereitet, ihn und seine Geisel so lange wie nötig verschwinden zu lassen. Er schaltet den CD-Player ein und schlägt den Takt eines Rocksongs mit den Fingern aufs Lenkrad. „…Riders on the Storm…“

Der zweite Teil der Operation wird erst morgen früh beginnen. Vorher gilt es, sein Opfer unterzubringen, sich die zweite Hälfte seines Alibis zu beschaffen und zu essen. Zu essen und danach zu schlafen. Er muss körperlich fit bleiben, darauf wird es in den nächsten Tagen ankommen - bis ganz zum Schluss.

„…Riders on the Storm.“

2

An dem nasskalten Novemberabend, an dem seine Stieftochter Britta in die Hände eines Entführers fällt, sitzt Dietrich Bornemann noch zu ungewohnt später Stunde in seinem Büro, hoch über dem Fluss, der die Stadt in zwei Teile zerschneidet. Hier im siebenundzwanzigsten Stock des Büroturms hört man nichts vom allmählich abflauenden Berufsverkehr entlang der beiden Flussufer.

Seine Wut lässt nur langsam nach. Diese Blutsauger vom Betriebsrat können einen immer wieder fertigmachen. Sie quatschen und quatschen und wenn man nicht höllisch aufpasst, haben sie einen plötzlich in einer Ecke, in der sie ihn haben wollen – und man weiß später nicht einmal mehr, wie zum Teufel man dorthin geraten ist. Bornemann weiß, dass er auf seinen Blutdruck achten muss, denn Mitte der kommenden Woche steht ihm eine Steuerprüfung bevor; Steuerprüfungen sind wie Darmspiegelungen, nur teurer.

Brittas Mutter lässt es sich zurzeit im Schwarzwald gut gehen, während er zuhause bleibt und sich für die Firma abrackert. Er ist – um der Wahrheit die Ehre zu geben – froh, wenn er sie nicht zu sehen braucht. Sie haben sich schon lange nichts mehr zu sagen, was häufig zu einer unangenehmen Spannung führt, wenn sie zusammen im selben Raum sind. Sie interessiert sich nicht im Geringsten fürs Geschäft, er interessiert sich für nichts außer dem Geschäft. Das macht es nicht leicht.

Der Gedanke daran, dass er allein sein wird, wenn er heute Abend nach Hause kommt, missfällt ihm dennoch. Nach anstrengenden Sitzungen wie der heutigen braucht er nach Feierabend jemandem, an dem er seine Übellaunigkeit auslassen kann.

Vielleicht sollte er noch etwas unternehmen, wenn er hier herauskommt. Charles, sein Chauffeur und Bodyguard, wartet schon in der Tiefgarage. Der kann ihn irgendwo hinfahren, wo er sich auf angenehme Art und Weise entspannen kann.

Aber dann fällt ihm ein, dass heute Donnerstag ist und dass Mei Long heute nicht arbeitet, und nach Experimenten mit einer neuen Nutte ist ihm nicht zumute. Verdrossen drückt er die Kurzwahltaste seines Telefons und weist seinen Fahrer an, sich für die Fahrt nach Hause bereitzuhalten. Dann verschließt er den Wand-Safe, löscht das Licht und macht sich auf den Weg zum Fahrstuhl, der ihn hinunter zu seinem Wagen bringt.

3

Langer schafft es in ausgezeichneten dreiundzwanzig Minuten, ohne den alten Kombi bis zum Anschlag quälen zu müssen. Der Wagen ist die größte Investition in dieses Unternehmen gewesen, und obwohl er fast schrottreif ist, hat er ihn die Hälfte seiner mickrigen Reserven gekostet. Er hat ihn vor ein paar Tagen durchchecken lassen und ihm dann notgedrungen diesen heiklen Job anvertraut. Bisher macht er seine Sache gut.

Er kommt auf dem schmalen Kiesweg vor dem Haus zu stehen und parkt so, dass die Scheinwerfer den kurzen Weg bis zur Haustür ausleuchten. Sein Opfer kann er in dem so entstandenen Lichtkegel gefahrlos ins Haus bringen. Hier oben am Waldrand sieht ihn niemand.

Er hat vier andere Objekte besichtigt, bevor er sich für dieses Ferienhaus entschieden hat. Es liegt am toten Ende eines Feldwegs, duckt sich mit seiner praktisch fensterlosen Rückseite unter einen dichten Fichtenwald, durch den man stundenlang wandern kann, ohne auf etwas anderes zu stoßen als ein paar Wirtschaftswege, die offenbar nur selten benutzt werden.

Bis hinunter zur Kreisstraße gibt es nichts als Felder, die jetzt brachliegen, weil die Ernte längst eingebracht ist. Zum nächstgelegenen Anwesen, einem Bauernhof am Ortseingang, ist es ein guter Kilometer, und um diese Jahreszeit hat niemand einen Anlass, hier heraufzukommen.

Die Besitzerin des Hauses, eine wohlhabende Witwe aus Nordhessen, kommt nie hierher. Er hat es von einem Immobilienmakler gemietet, dessen Büro sich ebenfalls sichere zweihundert Kilometer entfernt am Wohnort der Besitzerin befindet. Den Hausschlüssel hat er von einer älteren Putzfrau aus dem Dorf erhalten, die gelegentlich hier heraufkommt, um durchzulüften oder Staub zu wischen. Ein paar kleinere Geldscheine haben sie davon überzeugt, dass er während seiner künstlerischen Tätigkeit keinerlei Störungen wünscht und selbst für Ordnung und Sauberkeit sorgen wird. Das Geld reicht bequem aus, um ihr den entgangenen Lohn zu ersetzen.

Den Leuten im Dorf gegenüber hat er sich als Schriftsteller ausgegeben, der die ländliche Abgeschiedenheit sucht, um einen begonnenen Roman zu beenden. Niemand soll sich Gedanken darüber machen, was ein junger Mann wie er so lange in dieser Einöde zu schaffen hat. Es gibt hier weder Tourismus noch Industrie. Dieses Kaff wirkt auf ihn, als sei es mausetot.

Britta Stern wird noch ein Weilchen brauchen, bis sie wieder vollständig zu sich kommt. Zeit, die er benötigt, denn er hat noch etwas Wichtiges zu erledigen.

Er schaltet den Motor aus, steigt aus dem Fahrzeug und öffnet die Heckklappe. Das Chloroform hat er zusammen mit dem kleinen 22er-Revolver und der großkalibrigen 38er im Hinterzimmer einer schummrigen Kneipe im Frankfurter Bahnhofsviertel erworben, von einem serbischen Dealer. Die Serben und die Albaner können einem fast alles besorgen, vorausgesetzt, man findet sie und bezahlt den Preis.

Das Chloroform hat die gewünschte Wirkung erzielt. Die Lungen der Frau haben nach einem verschärften Tempolauf nach Sauerstoff gegiert und sie hat das Gas unwillkürlich eingesogen, als er sie aus kürzester Distanz damit besprüht hat. Aber da das Zeug nur für kurze Zeit wirkt, hat er ihr noch im Park einen harten trockenen Faustschlag direkt oberhalb des rechten Ohres versetzt, weshalb sie für anderthalb bis zwei Stunden außer Gefecht sein dürfte.

Er hievt die Füße der Frau über die Ladekante, wuchtet ihren schlaffen Oberkörper in eine aufrechte Position und bückt sich unter die sitzende Gestalt. Dann ergreift er ihre Handgelenke und stemmt sich nach oben, den leblosen Körper wie einen Sack auf dem Rücken tragend. Brittas Kopf liegt auf seiner rechten Schulter, ihr hellblondes Haar kitzelt für einen Moment seine Wange.

Schwankend erreicht er die Haustür und lässt seine Last so sanft wie möglich zu Boden gleiten. Dabei rutscht das noch schweißgetränkte Sweatshirt der Frau hoch und lässt einen indiskreten Blick auf ihre vollen Brüste zu. Diesmal bleibt er unbeeindruckt. Er bemerkt eine Gürteltasche, die sie um die Hüften geschlungen trägt. Schlüssel, Geld und Papiere wahrscheinlich; er wird sich später darum kümmern. Jetzt zählen Minuten.

Umständlich fischt er den Hausschlüssel aus seiner Jacke, eine Hand stets an der Schulter seines Opfers, darauf achtend, dass sie nicht nach hinten oder zur Seite kippt. Die Tür springt mit einem Knarren auf und er zerrt die Frau über die Schwelle. Er versetzt der Tür einen Tritt und sie schwingt hinter ihm zu. Bis auf das Licht, das die Autoscheinwerfer durch die beiden Fenster an der Vorderseite des Hauses werfen, ist es dunkel in dem großen Wohnraum. Bizarre Schatten lassen die Szene unwirklich erscheinen.

Der Entführer schleift sein Opfer quer durch das Zimmer zu einem Bett, das seinen Gast schon erwartet. Er wuchtet den Körper hoch und legt ihn auf den Rücken. Handschellen, mattsilbern das spärliche Licht reflektierend, schließen sich um die Gelenke von Händen, die sich nicht wehren können. Zwei robuste Ketten, die sich in der Wand hinter dem Bett verlieren, klirren leise.

Den Raum hat er schon mittags auf eine angenehme Temperatur vorgeheizt; dennoch geht er jetzt ins Bad und holt ein Handtuch, mit dem er den nassgeschwitzten Körper der Frau trocken reibt, soweit das unter diesen Umständen möglich ist. Dann wirft er das Handtuch auf einen Sessel, zieht die Vorhänge zu und geht in das nebenan liegende Schlafzimmer. Auf dem ungemachten Bett liegen frische Sachen bereit. Er entledigt sich der schwarzen Kluft, die er getragen hat, wählt Jeans, Turnschuhe und einen hellblauen Pullover und zieht sich an. Ein Blick in den Spiegel zeigt ihm einen harmlosen, höchstens etwas müde wirkenden jungen Mann. Marc Langer verlässt das Haus und geht zu seinem Wagen.

Vier Minuten später betritt ein offensichtlich gut gelaunter Mann mit einem etwas zu lauten, freundlichen Gruß die Gaststube des Restaurants „Zum Schwarzen Schwan“ und setzt sich auf seinen angestammten Platz im hinteren Teil des Raumes. Dies ist die einzige Kneipe im Ort, und in den letzten zwei Wochen ist er beinahe jeden Abend hier eingekehrt. Man kennt ihn, den Schreiberling aus der Stadt, der das Haus oben am Wald gemietet hat. Exotisch für die hiesigen Bauern. Aber er scheint ein ruhiger und angenehmer Zeitgenosse zu sein, der ein wenig mehr Trinkgeld gibt als die Einheimischen, die sich abends nach getaner Arbeit hier zum Kartenspielen einfinden. Man lässt ihn in Ruhe. Er ist in Ordnung, aber er gehört nicht dazu.

Ein Blick auf die Wanduhr hinter der Theke genügt ihm, um zu wissen, dass er gut in der Zeit liegt. Wird es jemals zu Schwierigkeiten kommen, hat er zwar kein lupenreines Alibi; aber es wird sehr schwer sein, ihm eine solch komplizierte Geschichte anzuhängen, wie es die Verschleppung eines Menschen ist.

Um drei Minuten vor sieben Uhr an diesem Abend hat er in Frankfurt, zwei Kilometer vom Tatort entfernt, eine Eintrittskarte für ein Hallenbad gekauft. Diese Karte trägt neben dem Datum auch die Uhrzeit der computergesteuerten Registrierkasse, und er bewahrt sie in seinem Portemonnaie auf. Außerdem ist er dort ebenso unangenehm wie erfolgreich aufgefallen, als er mit einem viel zu großen Geldschein bezahlt hat, den die Kassiererin nur widerwillig annahm. Sie wird sich erinnern, falls das nötig wird.

Er hat das Schwimmbad nur wenige Minuten später wieder verlassen, ohne noch einmal gesehen zu werden, als er das Drehkreuz am Ausgang passierte.

Jetzt ist es zwölf Minuten nach acht. Er sitzt in einer Gaststätte mehr als dreißig Kilometer entfernt vom Ort der Entführung und bestellt ein Bier und eine kleine Mahlzeit, von der er hofft, dass sein rebellischer Magen sie nicht zurückweisen wird. Den Wirt, der seine Bestellung aufnimmt, bittet er, den Fernseher lauter zu stellen, damit er den Wetterbericht der Tagesschau verfolgen kann. Nichts ist ihm gleichgültiger als das Wetter, aber mit seiner Bitte hat er im Gedächtnis des Wirtes seine Anwesenheit zu einer bestimmten Zeit verankert. Diese Uhrzeit wird sich bei Bedarf abrufen lassen.

Er hält jetzt alle Fäden in der Hand. Von nun an wird es darauf ankommen, seine Karten wohlüberlegt und in der richtigen Reihenfolge auszuspielen. Niemand hat die Tat beobachtet. Es gibt keine Spur, die zu ihm hinführt. Zuhause vermisst ihn niemand, denn er hat sich bei seinen Nachbarn für eine längere Auslandsreise abgemeldet. Seine Rückkehr wird erst in ein paar Wochen erwartet werden, lange, nachdem diese Sache hier beendet ist.

Oben im Haus, in der Schublade seines Nachttisches, liegen ein falscher Reisepass und ein ebenso falscher Führerschein. Sie sind die relativ preisgünstig erstandenen Eintrittskarten zu seinem neuen Leben.

Es gibt keinen Grund mehr, noch länger hierzubleiben. Zufrieden setzt der Kidnapper das Bierglas an seine Lippen und trinkt es mit einem tiefen Zug leer. Dann winkt er den Wirt heran und bezahlt. Der zweite Akt kann beginnen.

4

Er sitzt in einem altmodischen, mit durchgewetztem Stoff überzogenen Armsessel, dessen verblasste Farben von einem langen Leben erzählen. Es ist still im Haus, sieht man von dem monotonen Geräusch des Regens ab, der auf das Dach fällt, und von einem gelegentlicher Windstoß, der durch die Äste der Fichten streicht, die hinter dem Haus stehen und dessen Rückfront umschmeicheln.

Als er aus der Kneipe zurückgekommen ist, hat Britta in unveränderter Stellung auf dem Bett gelegen. Seit ein paar Minuten beginnt sie, sich von einer Seite auf die andere zu wälzen, wobei die Ketten an ihren Handschellen ein metallisches Klirren hören lassen.

Sie wird noch die ganze Nacht unter den Nachwirkungen des Fausthiebs leiden, aber das wird ihr geringstes Problem sein. Er fragt sich, wie sie den Schock verarbeiten wird, wenn sie begreift, was geschehen ist. Die ersten Stunden sind wichtig, denn er braucht ein Mindestmaß an Kooperation.

Er will ihr eine vernünftige Behandlung ohne unnötige Schikanen gewähren für den Fall, dass sie sich ruhig verhält. Sollte sie ihm Schwierigkeiten machen, dann ist er bereit, ihr zu zeigen, wie die Machtverhältnisse liegen. Er will mit dieser Macht so sparsam umgehen wie möglich, aber er wird kompromisslos von ihr Gebrauch machen, wenn Britta Stern seine Ziele in Gefahr bringt.

Sie ist die Stieftochter des Mannes, den er am meisten verabscheut, seit dieser ihn wegen einer Bagatelle rausgeschmissen hat, und zwar mit der Drohung, ihn sogar vor Gericht zu zerren. Bornemann ist schuld daran, dass Britta und Langer heute hier sind.

Kurz nach diesem Vorfall hat er ein Interview mit dem Unternehmer im Wirtschaftsteil einer Tageszeitung gelesen; demnach hofft der alte Drecksack, dass seine sehr vielversprechende Stieftochter eines Tages seine Firma weiterführen wird. Zu diesem Zweck studiert sie derzeit Betriebswirtschaftslehre an der Frankfurter Universität und hospitiert in der Firma.

Mit diesem Wissen als Grundlage ist Marc Langer so lange auf dem Campus der Uni herumgelungert, bis er ihren Stundenplan auswendig kannte. Mehrere Male ist er ihr auf ihrem Heimweg bis kurz vor die Haustür gefolgt. Dort hat er sie ursprünglich kidnappen wollen – ein reichlich gewagtes Unterfangen. Doch dann hat er herausgefunden, dass sie beinahe jeden Abend um dieselbe Zeit in einem Park unweit ihrer Wohnung joggen geht. Er hat sich die Gegend gründlich angeschaut und seine Meinung geändert. Der abendliche Park ist der geeignete Ort.

Während Britta langsam wieder zu Bewusstsein kommt, unterzieht er den Inhalt ihrer Gürteltasche, den er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hat, einer genauen Überprüfung; Ein Bund mit mehreren Schlüsseln, ein silbernes Handy (ausgeschaltet, dennoch entfernt er jetzt die Sim-Karte, weil er einmal gehört hat, dass diese Dinger auch im ausgeschalteten Modus angepeilt werden können. Er wird sie bei seiner nächsten Autofahrt entsorgen, wenn er es nicht vergisst); des Weiteren ein zerdrücktes Päckchen ultraleichter Zigaretten, zwei Tampons, einige Haarbänder, schließlich ein kleines Portemonnaie mit Hartgeld und eine Brieftasche mit hundertsiebzig Euro Bargeld, Ausweise, Führerschein und drei Kreditkarten, zwei in Gold, eine in Schwarz. Wozu sie diesen ganzen Kram beim Joggen benötigt, weiß wohl nur sie selbst. Zuletzt ein abgegriffenes kleines Adressbuch, das er vorläufig beiseitelegt.

Wieder klirren die Ketten. Er blickt auf und stellt fest, dass sein Gast wach ist. Nun, vielleicht noch nicht ganz, aber Brittas Augen sind geöffnet und fixieren die Decke. Er sieht das intensive Dunkelblau ihrer großen Augen. Blondes Gift, denkt er, und der Gedanke löst eine leise Unruhe in ihm aus.

Er steht auf, geht in die Küche, füllt ein Glas mit Leitungswasser und löst zwei Aspirin darin auf. Sie muss rasende Kopfschmerzen und einen höllischen Durst haben.

Sie reagiert nicht, als er ihr Blickfeld kreuzt. Er kann sehen, dass ihre Augen verquollen und gerötet sind, wahrscheinlich eine Folge des Chloroforms. Nur langsam! Es gibt keinen Grund, die Dinge übermäßig zu forcieren.

Ihr ausdrucksloser Blick erfasst ihr linkes Handgelenk und die mit einer Imitation von Samt gepolsterte Handschelle (die eigentlich frivoleren Zwecken dient und die man deshalb in einschlägigen Geschäften erwirbt) und versucht, dem Lauf der Kette zu folgen, die hinter dem Kopfende ihrem Blickfeld entschwindet. Mit Mühe wendet sie den Kopf nach rechts und findet dort das gleiche Bild vor. Die mit dieser Beobachtung verbundenen Fakten scheinen noch nicht vollständig zu ihr vorzudringen.

„Wo bin ich?“ - „Sie sind entführt worden. Ich werde Ihnen alles erklären, wenn Sie ganz wach sind, okay?“

Er setzt sich auf die Bettkante, hilft ihr in eine aufrechte Position und beginnt, ihr den Inhalt des Glases einzuflößen. Sie trinkt in kleinen Schlucken, wobei sich ihre Gesichtszüge verzerren, ob vor Schmerz oder aus Ekel (oder beidem), ist nicht zu entscheiden. Er stellt das halbleere Glas auf den Nachttisch und lässt ihren Kopf vorsichtig zurück auf das Kissen sinken. „Eins nach dem anderen“, sagt er nochmal, „kommen Sie erst einmal zu sich.“

Sie bleibt stumm und starrt wieder zur Decke. Ihr Entführer geht zurück zu seinem Sessel, trinkt einen Schluck Wodka Orange und zündet sich eine Zigarette an. Augenblicklich fing sie an zu husten. „Was rauchen Sie denn für einen Mist!“ Sein Gast wird munter; und der erste Kontakt ist hergestellt.

Es ist kurz vor halb elf. Wenn er vor Tagesanbruch noch genügend Schlaf bekommen will, muss er bald mit ihr reden und sie mit ihrer neuen Lage vertraut machen. Sie soll die Regeln lernen, nach denen dieses für sie beide wichtige Spiel funktionieren kann.

Er greift nochmals nach ihrem Adressbuch. Richtig, da ist etwas, an das er nicht gedacht hat. Es ist ihm in der ganzen Zeit, in der er seinen Coup geplant hat, nicht gelungen, die private Telefonnummer von Britta Sterns Stiefvater herauszufinden. Sie steht in keinem Telefonbuch, die Auskunft rückt sie nicht heraus und die elektronischen Verzeichnisse im Internet geben auch nichts her. Eine Geheimnummer, um den Pöbel fernzuhalten - Pöbel wie ihn.

Doch in diesem kleinen Büchlein bekommt er die Nummer frei Haus geliefert, unter „Didi“. Sie findet sich innen auf der Einbandseite und nicht im alphabetisch geordneten Teil, warum auch immer. Er denkt ein wenig über seine Entdeckung nach und kommt zu dem Schluss, dass ihm diese Telefonnummer eine ganze Nacht und einen halben Tag kostbarer Zeit einsparen wird. Wenn er im Lauf der nächsten Stunden einen Brief mit seinen Forderungen beim Empfänger einwirft und dann einen kurzen Anruf tätigt, um diesen Empfänger darauf hinzuweisen, dass sich etwas im Briefkasten befindet, dann …

„Warum ich?“ Er schreckt aus seinen Betrachtungen auf und schaut zum Bett, wo sich Britta gerade in eine bequemere Stellung bringt. Ihre Stimme ist jetzt fester. Die Tabletten und das Wasser tun ihre Wirkung.

„Es geht um Geld.“ Das ist zwar nicht ganz falsch, trifft aber auch nicht den Kern der Sache. Keine Antwort, stattdessen nur ein verdrossenes Gesicht, so als langweile sie das. Sie hat ihn noch nicht erkannt, obwohl die Wahrscheinlichkeit nicht gering ist, dass sie ihn in der Firma ihres Vaters oder später einmal auf dem Unigelände gesehen hat.

Oder auch nicht - wenn man Britta Stern heißt, dann schwebt man hoch über den Niederungen, in denen sich ein Marc Langer bewegt. Sie pflegt Aushilfen, die in ihrer Firma zum Mindestlohn arbeiten, schlicht zu übersehen. Sie hat einen Status zu wahren. Sie hat Geld. Sie kennt nur Leute, die Geld haben. Wenn sie ihn nicht erkennt, umso so besser.

„Es wäre vernünftig von Ihnen, wenn Sie mich in den kommenden Tagen nach Kräften unterstützten. Das geschieht am besten dadurch, dass Sie nicht ungefragt die Klappe öffnen und sich auch sonst ruhig verhalten. Ich will Ihnen nichts tun. Aber ich werde Ihnen etwas tun, wenn Sie Mist bauen. Sie sind die Erste, die es erfährt, wenn etwas schiefläuft. Verstanden?“

„Warum ausgerechnet ich?“ - „Sie passen in mein Beuteschema.“ Er lässt den Satz unkommentiert. Sie nickt schwach, scheint aber nicht beeindruckt zu sein. „Mein Stiefvater wird Ihnen den Arsch aufreißen“, sagt sie. „Ihre Hände zittern ja jetzt schon.“ Sie hat Recht, wie er mit einem Blick auf das Glas in seiner Rechten sieht. Sie hat es registriert und ihre Schlüsse gezogen.

Es ist Zeit für eine erste Lektion. Er steht auf, umkreist das Bett und versetzt ihr eine Ohrfeige. Sofort zeigt sich der Abdruck seiner vier Finger auf ihrer Wange. Sie beschwert sich nicht, sondern blickt nur zur Seite, die sonst vollen Lippen zu einem Strich verdünnt. Sie sollte jetzt wissen, woran sie bei ihm ist und wo seine Toleranz endet. Und sie wird zuerst nachdenken, bevor sie diese Grenze das nächste Mal überschreitet.

Jetzt, da die Male auf ihrer Wange gut sichtbar sind und ihr Blick noch getrübt, scheint ihm der richtige Moment für das Foto gekommen zu sein. Allzu gesund soll sie auf dem Bild nicht aussehen. Ihr Ernährer (wenn er auch nicht ihr Erzeuger ist) soll nicht auf den Gedanken kommen, dass sie hier im Ferienlager ist.

Er geht ins Nebenzimmer, nimmt Kamera und die Tageszeitung mit den großen Buchstaben vom Bett und kehrt zu Britta zurück. „So, einmal stillhalten“, sagt er. „Sie brauchen nicht zu lächeln.“ Ein Blitz zuckt auf, geblendet schließt Britta Stern die Augen. Langer wartet einen Moment lang, schaut sich das Resultat an und ist zufrieden – die Aufnahme wird ihren Zweck erfüllen.

Für eine Sekunde erschrickt er bei dem Gedanken, dass Bornemann seine Stimme am Telefon erkennen könnte. Aber das ist eher nicht anzunehmen, beruhigt er sich schnell; dieses eine Mal, bei dem sie sich begegnet sind, hat Langer kaum zwei Sätze herausgepresst, und seine Stimme hat belegt geklungen, weil er gerade realisiert hatte, in welcher furchtbaren Klemme er steckte. Nein, die Stimme sollte kein Problem sein.

„Woher wussten Sie, dass ich heute um diese Zeit im Park sein würde? Sie haben das doch sicher nicht spontan bei meinem Anblick getan, oder?“ - „Nein, dessen bedurfte es natürlich einer gewissen Vorbereitung. Das sehen Sie doch an der Einrichtung hier.“ Okay, diese Frage ist dämlich gewesen, denkt Britta.

„Ich folge Ihnen bereits seit einer gewissen Zeit auf Schritt und Tritt. Ich kenne Ihren Tagesablauf, Ihre Herkunft und die finanziellen Möglichkeiten Ihrer Familie.“ Sie muss nicht jedes Detail kennen, denn irgendwann wird er sie schließlich freilassen müssen.

„Scheiße“, stöhnt sie, „dann war das also nicht eingebildet von mir?“ - „Nein, ich war einige Male auf dem Campus ganz in Ihrer Nähe, bin Ihnen bis zu ihrer Wohnung gefolgt… und ich saß auch ein paarmal in Ihrer Nähe, als Sie mit der Straßen- oder der U-Bahn zu dem einen oder anderen Hotel fuhren. Apropos, was macht eine Studentin wie Sie eigentlich im ‚Hessischen Hof‘ oder im ‚Marriott‘, um nur zwei zu nennen?“

„Das geht Sie nichts an.“ – „Das ist richtig. Sorry, ich war nur neugierig.“ Ein Entführer, der sich entschuldigt, denkt Britta. Vielleicht wird es ja doch nicht so schlimm werden.

5

Bornemann hat längst geschlafen, als das Telefon direkt neben seinem Ohr zu klingeln beginnt. Er schreckt hoch und schaut ungläubig drein, als sein Blick den Wecker neben dem Apparat streift.

Was zum Henker…?!

Es ist zwölf Minuten nach drei. Niemand ruft um diese Zeit an. Außerdem kennen nur sechs, höchstens sieben Menschen diese Nummer. Es muss etwas Schlimmes geschehen sein.

Oder jemand hat sich verwählt. Das ist wahrscheinlicher. Die Telefongesellschaft hat ihm eine Nummer zugeteilt, die sich hervorragend für Zahlendreher eignet - lauter Neunen und Sechsen. Er muss sich eine andere Nummer geben lassen.

Die idiotischsten Anrufe hat er schon erhalten. Zum Beispiel den einer schwangeren Frau, die ihren Gynäkologen sprechen wollte und ihn auf das Abartigste beschimpfte, als er ihr – erbost über die nächtliche Störung - erklärte, dass er sich zwischen den Schenkeln einer Frau nur in seiner Freizeit betätigt.

Wutentbrannt zieht er an der Schnur über seinem Kopfende und die Deckenbeleuchtung flutet das Schlafzimmer. Mit dir fahr ich Schlitten, und das nicht zu knapp!

Beim vierten Klingeln nimmt er den Hörer ab, und wenige Sekunden später hat er die Gewissheit, dass es für heute vorbei ist mit seinem Nachtschlaf.

6

Der Anruf hat genau zehn Sekunden in Anspruch genommen. Es ist alles Wichtige gesagt worden.

„Gehen Sie zum Briefkasten! Sofort! Halten Sie sich an sämtliche Anweisungen! Keine Polizei, sonst bekommen Sie Ihre Stieftochter in kleinen Portionen zurück!“ Klick. Vorbei. So einfach geht das.

Britta hat bereits damit begonnen, die Spesen abzuarbeiten, die er ihretwegen gemacht hat. Ohne ihre Auskunft, dass die Überwachungskameras an Bornemanns Villa nur den Bereich innerhalb der hohen Grundstücksmauern abdecken, hätte er es vielleicht nicht gewagt, den Brief persönlich einzuwerfen. An den Briefkasten hingegen kann er ungesehen von außen gelangen. Dennoch ist er vorsichtig gewesen. Er hat einen unförmigen Anorak mit einer viel zu großen Kapuze übergezogen, ist gebeugt gegangen und hat sich ein paar Minuten lang darin geübt, das linke Bein nachzuziehen, bevor er sich dem Anwesen genähert hat. Seine Geisel ist zwar lammfromm seit der Ohrfeige, aber trauen kann er ihr deshalb noch lange nicht.

Einerlei, selbst wenn sie gelogen hat, wird man ihm kaum etwas anhaben können. Die Kapuze, der nach wie vor fallende Regen und das diffuse Licht der gut zwanzig Meter entfernten Straßenlaterne haben ihn praktisch unkenntlich gemacht.

Bornemann ist zu verdutzt gewesen, als dass er mehr als ein schrilles Quieken herausgebracht hätte. Aber er wird sich zum Briefkasten bequemen, der Schrecken, der ihm in die Glieder gefahren ist, war durch die Telefonleitung zu spüren.

Langer hat durch diese nächtliche Aktion einen ganzen Tag gewonnen. Seine Forderungen sind nun schon am Freitagmorgen auf dem Tisch und Bornemann hat deshalb einen zusätzlichen Werktag, um das Lösegeld zu beschaffen. Auch für Bornemann, der viele Millionen besitzt, ist es bestimmt kein Klacks, sich schnell und unbürokratisch anderthalb Millionen Euro in bar zu beschaffen. Langer kalkuliert mit Dienstag oder Mittwoch für die Übergabe des Geldes sowie die anschließende Freilassung der Geisel.

Der Alte ist wohl auf sich allein gestellt, denn ihre Mutter befindet sich nach Brittas Auskunft zu einer Kur in Süddeutschland und wird vor Ende nächster Woche nicht zurück sein. Britta glaubt nicht, dass ihr Stiefvater sie einweihen wird. Der Millionär wird diese Geschichte allein durchziehen, vorgeblich, um seine Frau nicht der Nervenbelastung aussetzen zu wollen; in Wahrheit hat er Angst, dass sie all seine Bemühungen um eine schnelle und lautlose Beilegung der Angelegenheit torpediert. Er wird vermutlich nur seinen Prokuristen einweihen - und natürlich seine Hausbank. Soweit Brittas Meinung, Langer hofft, dass sie damit richtig liegt.

Als er den Wagen anlässt, spürt Langer zum ersten Mal die Müdigkeit, die er bisher leidlich verdrängt hat. Er ist seit mehr als vierzig Stunden auf den Beinen, die meiste Zeit davon in höchster Anspannung. Seine Batterien sind fürs Erste erschöpft. Seine nächste Kontaktaufnahme steht erst am späten Abend an und ist lediglich visueller Natur. Bornemann soll durch ein Zeichen bestätigen, dass er zur Zahlung bereit ist. So lauten die Anweisungen, die er dem Alten in seinem Brief übermittelt hat.

Langer freut sich auf eine heiße Dusche, ein paar Drinks und viel Schlaf. Seinem Gast hat er einen kleinen Fernseher ans Fußende des Bettes gestellt. Zudem gibt es Dutzende von alten Zeitschriften und Taschenbüchern. Nur Arzt- und Liebesromane, aber immerhin. Britta Stern wird sich zu beschäftigen wissen, während ihr Gastgeber sich die dringend benötigte Auszeit nimmt.

7

Inzwischen ist es sieben Uhr und Bornemann sitzt – immer noch im Schlafanzug – zuhause in seiner Küche an dem großen Eichentisch, an dem sie in früheren Zeiten zu dritt gesessen haben, um gemeinsam ihre Mahlzeiten einzunehmen und die wichtigsten Dinge des Alltags zu besprechen. Das allerdings ist lange her.

Sein unablässig arbeitender Verstand brütet mit wachsender Verzweiflung immer neue Implikationen aus, die dieser dämliche Geiselgangster heraufbeschwören könnte, ohne es überhaupt zu wissen.

Er hat auf den Anrufbeantworter des Büros gesprochen und seine Sekretärin angewiesen, sämtliche Termine für heute abzusagen. Sie wird annehmen, dass er sich einmal mehr seinen Ausschweifungen hingegeben hat und deshalb nicht fit ist. Aber das ist ihm im Augenblick herzlich egal.

Sein Chauffeur hat ebenfalls einen Anruf erhalten, mit der knappen Weisung, zu Hause zu bleiben, sich jedoch für den Fall bereitzuhalten, dass er gebraucht wird.

Kurze Zeit hat Bornemann mit dem Gedanken gespielt, Margot anzurufen. Aber die Vorstellung davon, wie sie hysterisch werden, ihre Kur abbrechen und zuhause aufkreuzen könnte, hat ihn schnell eines Besseren belehrt. Er hat es aufgeschoben, denn er braucht einen kühlen Kopf, um diese Krise zu meistern, die auf ihn zurollt wie eine Lawine. Die Sorge um seine Stieftochter macht nur einen Teil seiner Probleme aus.

Es ist machbar, das Geld aufzutreiben, um sie frei zu bekommen. Das gesamte Vermögen der Familie mag um die vierzig Millionen betragen, vielleicht etwas mehr. Der Ärger beginnt damit, dass er das Geld nicht flüssig hat. Der größte Teil seiner Mittel steckt wie üblich in seinen verschiedenen Bauprojekten und wird erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder zur Verfügung stehen. Margot hat genug eigenes Geld, aber sie will er nicht einbeziehen. Also bleibt ihm nur, seine Hausbank anzubetteln. So etwas braucht Zeit. Zeit, die ihm der Gangster nicht geben wird. Und außerdem wird seine Bank Fragen stellen, bevor sie ihm einen Koffer voll Euro, US-Dollar und Schweizer Franken in die Hand drückt.

Ein weiteres Hindernis besteht darin, dass er laut Gesellschaftervertrag über solche Summen nicht ohne die Unterschrift seiner Frau verfügen darf. Immer wieder hat er darauf gedrängt, diesen Passus streichen zu lassen. Aber sie ist stur geblieben, sie will wissen, was mit ihrem Geld geschieht. In der Praxis hat sie stets ungeprüft unterschrieben, was er ihr vorlegt. Diesmal wird das anders sein, wenn er sie nicht einweiht, und damit ist er wieder am Ausgangspunkt seiner Betrachtungen.

Nun ja, die Schweizer Konten sind eine Möglichkeit. Auf diesen liege die Millionen, die er im Laufe von zwanzig Jahren an seiner Gemahlin und am Finanzamt vorbei ins Ausland geschafft hat. Schwarzgeld, das er zu einem Teil dazu nutzt, die politische Landschaft zu pflegen (und notfalls auch mal einen störrischen Beamten zu bestechen, der es mit den Brandschutzmaßnahmen eines Neubaus zu genau nimmt).

Margot scheidet also aus. Sie würde ein Geschrei anheben, welches man bis Timbuktu hören kann. Binnen Stunden hätte er hier eine Hundertschaft Polizei im Haus, und wenig später stünden die Hyänen von der Presse vor der Tür. So geht es nicht. Ein Teil seiner Geschäftstätigkeiten verträgt einfach nur ein begrenztes Maß an Öffentlichkeit.

Er erschrickt, als er das Klimpern eines Schlüsselbundes im Korridor hört. Natürlich, gleich halb acht. Frau Klein, die Haushälterin. Er steht auf, zieht sich den Bademantel über und geht ihr eilig entgegen. Den Brief des Geiselnehmers steckt er in die Tasche.

„Morgen“, schnarrt er, „wir brauchen Sie heute nicht. Sie können wieder nach Hause gehen.“ Noch bevor die ältere Dame sich ihres Regenmantels entledigen kann, hat er sie bereits wieder zur Haustür hinausgedrängt. Kopfschüttelnd geht sie den Gartenweg hinunter. Es wäre eine Menge zu tun an diesem Vormittag. Aber als sie das Gartentor erreicht hat, überwiegt bereits die Freude über den unverhofften freien Tag. Wenn es dem gnädigen Herrn so beliebt, bitte sehr! Hauptsache, er bezahlt ihr diesen Tag.

Derweil stellt Bornemann seine Kaffeetasse selbst in die Spülmaschine und geht zu seiner Hausbar im Wohnzimmer. Er braucht jetzt etwas Stärkeres als Kaffee. Ein ordentlicher Drink wird seinen Verstand wieder ins Laufen bringen. Nachdem er sich einen mehrstöckigen Jack Daniels ohne Eis oder Wasser eingeschenkt hat, lässt er sich auf das breite Ledersofa plumpsen, schaut hinaus in den Garten und fasst einen ersten Entschluss. Er wird Kiepert anrufen. Sein Prokurist ist ein gerissener Schlaumeier, wie er im Buche steht. Er weiß immer Rat, und das ist auch weiß Gott sein Job, für den er ein obszön hohes Gehalt bezieht. Mit ihm hat Bornemann schon ganz andere Schlachten geschlagen.

Bevor er ihn gehört hat, wird er keine Entscheidungen fällen. Er hat noch Zeit bis zum Abend, wenn er wieder Kontakt zu diesem Gangster aufnehmen muss. Er wird sie nutzen, so gut es geht. Wieder nimmt er den Brief mit den Forderungen und dem Foto zur Hand. Mit der anderen Hand führt er sein Glas an die Lippen. Der Whisky schmeckt genau richtig.

Zweites Kapitel: Netzwerker

1

Britta legt die Zeitschrift zur Seite und greift nach der Fernbedienung. Der vorsintflutliche Fernseher hat lediglich eine Zimmerantenne, aber immerhin bekommt man einige der wichtigsten Programme.

Sie hat sich bis zum heutigen Tag als das empfunden, was man gemeinhin als ziemlich tough bezeichnet. Sie ist sechsundzwanzig Jahre alt, hat nach einem Einser-Abitur ein Jahr lang die Welt bereist, hat anschließend zweieinhalb Jahre im Betrieb ihres Stiefvaters als dessen Assistentin gearbeitet und studiert jetzt im sechsten Semester Betriebswirtschaft. Sie ist sportlich und intelligent, hat sich aber im Laufe der Jahre gegenüber anderen Menschen – vor allem Männern, die ihr nachlaufen - ein dickes Fell und einen unterkühlten Habitus zugelegt. Sie ist begehrt, aber nicht beliebt.

Ihr Gastgeber kümmert sich um sie. Sie hat den Fernseher, Lesestoff für Wochen sowie ein kleines Radio auf dem Nachttisch. Sie wird Essen und Getränke bekommen, soviel und sooft sie will. Außerdem hat er sie von einer der beiden Handschellen befreit. Die dadurch gewonnene Bewegungsfreiheit kann sie nun zu Dehnübungen nutzen, um nicht völlig einzurosten.

Vor Fluchtversuchen hat er sie ausdrücklich gewarnt. Sie seien nutzlos und zögen nur den Entzug von Privilegien nach sich - oder Schlimmeres. Er hat nicht erläutert, was dieses Schlimmere sei, aber er hat finster dreingeschaut, als er es sagte. Schließlich hat er sie in den frühen Stunden vor Tagesanbruch, bevor er sich schlafen legte, unter die Dusche gelassen und ihr anschließend frische Kleidung gegeben. Auch wenn die Sachen, die offenbar ihm gehören, an ihr aussehen wie ein Kartoffelsack, so sind sie doch wenigstens sauber.

Wie er sie angesehen hat, als sie aus dem Bad kam, mit nichts als einem Frotteehandtuch bekleidet! Wann wird er sie vergewaltigen? Und was bedeutet es für ihre Überlebenschancen, wenn es geschieht?

Wenn er sie mit Gewalt nimmt, ist er möglicherweise auch dazu fähig, sie zu töten, wenn er mit ihr fertig ist - oder wenn Schwierigkeiten auftauchen. Wie soll sie sich verhalten, wenn es ihn überkommt und er über sie herfällt? Daran hindern kann sie ihn nicht. Wenn sie sich wehrt, wird es nur zusätzliche Schmerzen bedeuten. Sie kann ihn vielleicht dazu einladen, es zu tun. Wenn sie ihm Spaß bereitet, dann steigt vielleicht seine Hemmschwelle, ihr etwas noch Böseres anzutun. Sie weiß nicht, was sie denken soll.

Oft genug hat sie erlebt, wie Männer, die sie unter ihre Decke lässt, sich schnell in sabbernde und leicht zu lenkende Idioten verwandeln (mit einem dieser sabbernden Idioten ist sie eigentlich für heute Abend verabredet, wie ihr erst jetzt einfällt). Wenn sie ihren Körper zum Einsatz bringt, kann sie vielleicht...

Überhaupt, der Mistkerl sieht nicht mal schlecht aus. Groß, drahtig und breitschultrig, das braune Haar halblang und ein wenig verstrubbelt. Wäre er rasiert und anständig angezogen, dann würde sie sich vielleicht sogar auf der Straße nach ihm umsehen. Vielleicht auch nicht. Auch wenn er sie am Abend geschlagen hat, sieht er nicht aus wie ein psychopathischer Killer; und wie ein Vergewaltiger auch nicht. Aber andererseits: wie sehen die denn aus?

Siedend heiß fällt ihr ein, dass er sich nicht die Mühe gemacht hat, sein Gesicht vor ihr zu verbergen. Soll das heißen, dass…? Sie will nicht weiter ans Sterben denken, tut es aber trotzdem. Ihr Entführer duzt sie inzwischen und hat es auch ihr erlaubt. Sie würden eine Weile miteinander zu tun haben, sagt er. Das Duzen – so hofft sie jetzt - stellt eine Nähe her, die einen kaltblütigen Mord erschweren kann.

Immerhin verbreitet er nicht die grässliche Unruhe von Geiselgangstern, die sie aus Filmen kennt - die ständig mit ihrer Knarre herumfuchteln, ihre Geiseln anschreien und alle drei Minuten aufspringen und ans Fenster laufen, um nachzuschauen, was sich draußen tut. Er scheint pragmatisch veranlagt zu sein und verfolgt seine Geschäfte mit der nötigen Portion Skepsis. Aber natürlich kann sie nicht in ihn hineinsehen.

Ihre Mutter weiß sicherlich noch nichts von ihrer Entführung. Und dass Dietrich die Polizei einschalten wird, glaubt sie ebenfalls nicht. Sie weiß, was er von „diesen Drecksbullen“ hält, wie er sie nennt.

Überhaupt folgt er im Umgang mit anderen Menschen bemerkenswert einfache Regeln. Man ist für oder gegen ihn. Ist man für ihn, ist alles in Butter. Ist jemand gegen ihn, muss er zur Vernunft gebracht werden. Geht das nicht (was eine schlimme Sache ist), so handelt es sich um einen Drecksack, den man nach allen Regeln der Kriegskunst fertigmachen muss. Das ist es in etwa. Bornemanns Repertoire an Zwischentönen ist erstaunlich beschränkt. Das mag an seiner Herkunft liegen; er hat seine Karriere mit der Maurerkelle in der Hand auf der Baustelle begonnen, bevor er sich selbständig machte. Doch die Millionen, die er inzwischen scheffelt, haben nicht dazu beigetragen, seine Umgangsformen abzuschleifen. Im Gegenteil, seine Neigung zu vulgären Ausbrüchen und obszönen Anspielungen setzt sich umso mehr durch, je mächtiger und reicher er wird, und je weniger Konsequenzen er deshalb zu befürchten hat.

Er wird mit Kiepert telefonieren und dann werden sie gemeinsam die Köpfe rauchen lassen, um einen Weg aus diesem Schlamassel zu finden. Sie mag diesen Kiepert nicht. Der gelernte Anwalt, seit zwanzig Jahren Prokurist der Firma, ist verschlagen und arrogant. Und er ist der Hausheilige ihres Stiefvaters, der einzige, dem der Alte vorbehaltlos vertraut - oder vertrauen muss. Kiepert weiß, wo die Leichen im Keller liegen, und er steckt hinter den in die Schweiz und nach Liechtenstein verschobenen Millionen. Er hat Stiftungen gegründet und Konten eröffnet, auf denen Bornemann sein Geld hortet. Es beunruhigt Britta, dass ihr Schicksal in den Händen dieser beiden Widerlinge lieg. Es wäre ihr lieber, wenn ihre Mutter an der Sache beteiligt wäre. Die würde ohne zu zögern die Polizei einschalten.

Noch etwas macht ihr Sorgen: Als ihr Entführer vor ein paar Stunden von seinem nächtlichen Ausflug zurückgekommen ist, hat er zwar einen zufriedenen Eindruck gemacht, aber sie hat an ihm Zeichen völliger Erschöpfung festgestellt. Wachsbleich und mit steifen Bewegungen hat er das Haus betreten, sie kaum zur Kenntnis genommen, ihr aber gesagt, dass alles glatt gegangen sei. Dann ist er Duschen gegangen.

Sie hofft, dass ihr Entführer nicht schon die Nerven verliert, bevor die ganze Sache richtig ins Rollen kommt. Dass er noch keinen Schlaf gefunden hat, hört sie am gelegentlichen Rumoren von Stuhlbeinen auf dem Steinboden des Nachbarzimmers. Soll sie ihn zu sich rufen? Britta will es nicht, noch nicht jedenfalls. Aber sie behält es stets als eine Möglichkeit im Kopf, das häusliche Klima zu verbessern, wenn es nötig werden sollte.

Tatsächlich sitzt Langer noch immer an seinem Schreibtisch und spürt, wie Müdigkeit und Alkohol in ihm miteinander kämpfen. Die Flasche ist fast leer.

Er hat Bornemann in einem zweiten Brief, den er jetzt nochmals auf dem Laptop aufruft, befohlen, für die Übergabe die Dienste eines rüstigen Rentners einzusetzen. Diesen Kurier wird Langer mit eingeschaltetem Handy für einige Zeit auf Tour schicken, ihn an ausgewählten Örtlichkeiten vorbeifahren lassen, an denen er aus seinem eigenen Fahrzeug heraus kontrollieren kann, ob jemand diesem Mann folgt. An einem schwer einsehbaren Punkt dieser Strecke will er dem Kurier befehlen, den Koffer abzusetzen und sich zu verziehen.

Der Ort ist so gewählt, dass Langer schnellstens die Autobahn in unmittelbarer Nähe zum Frankfurter Kreuz erreichen und sich deshalb in eine beliebige Himmelsrichtung davonmachen kann. Dies scheint ihm sicherer zu sein als eine Übergabe an einem zuvor festgelegten Ort.

Keine Seriennummern, keine Tricks, kein Peilsender, keine Farbbombe, hat er Bornemann eingeschärft, aber das ist nur Standard in solchen Fällen. Sein Plan ist okay, sagt er sich zum wiederholten Mal und schließt das Dokument auf seinem Laptop. Auf schweren Beinen schleppt er sich zu seinem Bett.

2

Kiepert trifft Bornemann gerade noch nüchtern genug an, um mit ihm reden zu können, als er um halb elf an diesem Vormitttag in dessen Villa ankommt. Er hat den Alten selten so aufgewühlt erlebt wie vor einer Stunde, als dieser ihn angerufen hat.

„Britta ist entführt worden. Das Schwein will anderthalb Millionen für sie. Wir müssen etwas tun. Mach, dass du herkommst. Sofort!“ Das Telefon ist Kiepert fast aus der Hand gefallen, so hat Borneman gebrüllt. Kiepert tut sein Bestes, um den Mann zu beruhigen. Er lobt ihn für seine Umsicht und dafür, dass er die Polizei zunächst aus der Sache herausgehalten hat. Ihm ist natürlich schnell klar geworden, dass Polizei auf der Bildfläche nicht nur Britta, sondern auch dem Unternehmer selbst erheblichen Schaden zufügen kann.

Es stößt ihn zutiefst ab, seinen Arbeitgeber um diese Uhrzeit mit dem Whiskyglas in der Hand anzutreffen. Noch befremdlicher ist, dass Bornemann ihn um diese Tageszeit unrasiert und im Bademantel empfängt. Eine Disziplinlosigkeit, die Kiepert sich niemals gestatten würde.

Der Alte weist mit fahriger Bewegung auf einen Sessel. Der Prokurist setzt sich, und der Unternehmer nimmt den Brief aus der Tasche. Er reicht ihn seinem Freund zusammen mit dem Foto, wonach er sich jeglicher Kommentare enthält und stumm vor sich hin brütet.

Nachdem Kiepert einen kurzen Blick auf das Foto geworfen hat, überfliegt er das Schreiben, welches mit einem modernen Textverarbeitungsprogramm verfasst ist, wie es auf Millionen von Rechnern verwendet wird. Er stößt einen leisen Pfiff aus und blickt seinen Arbeitgeber an. „Wie willst du das machen? Du hast das nicht flüssig. Und deine Kreditlinien bei den Banken sind praktisch ausgeschöpft. Das Geld steckt größtenteils in der Einkaufspassage in Leipzig und kann nicht mal eben so abgezogen werden. Und selbst wenn du genug Geld kriegen würdest, würde die Bank vermutlich auf Polizei bestehen.“

Bornemann schnaubt. „Aus Bern kann ich es auch nicht holen. Das ist viel zu heiß. Außerdem ist es meine gottverdammte Altersversorgung.“ Kiepert nickt. Nach Bern hat Bornemann – nach seiner diskreten Anbahnung – im Laufe von zwei Jahrzehnten ein Vielfaches dessen geschafft, was der Entführer von ihm will. Allerdings kann dieses Geld nicht legal nach Deutschland zurückgeholt werden, weil es quasi nicht existiert. Bornemanns ganzer Saftladen wird implodieren, wenn Bornemann mit Geld auffliegt, dessen Herkunft er nicht erklären kann.

Die Art und Weise, in der Bornemann in den ersten Jahren nach der Wende Kasse gemacht hat, ist atemberaubend gewesen und nötigt dem gewieften Wirtschaftsanwalt immer noch gehörigen Respekt ab. Aus dieser kurzen Periode des allgemeinen Goldrausches stammt der größte Teil des in die Schweiz verbrachten Geldes. Zweiundzwanzig Millionen Euro steuerfrei; plus rund sechseinhalb in Liechtenstein.

Nicht nur, dass der Baulöwe stets der Erste war, der dort drüben einen lukrativen Auftrag roch. Er bekam ihn auch. Auch dann, wenn andere Unternehmen die besseren Angebote machten. Den Zuschlag bekam fast immer – von der Konkurrenz zuweilen argwöhnisch kommentiert – Bornemanns Firma. Wie so etwas funktioniert, darüber lassen sich Wirtschaftskrimis schreiben. Dass er stets über die Kalkulation seiner Mitbewerber Bescheid weiß, weil er sich solche Informationen einiges kosten lässt, gehört noch zu den harmloseren Dingen.

Die dicksten Profite macht der Alte aber mit seiner hemdsärmeligen Personalpolitik. Als die Bauarbeiter in den Neuen Bundesländern noch eingeschüchtert die Flure der neugeschaffenen Arbeitsämter erkunden, lässt Bornemann ganze Busladungen von Billigarbeitskräften aus den grenznahen Gebieten Tschechiens und Polens herankarren. Den Schleppern zahlt er sieben Mark für die Arbeitsstunde, von denen diese drei oder vier Mark an ihre Arbeiter weitergeben. Im Gegenzug liefern sie Bornemanns Firma Scheinrechnungen über dreizehn oder vierzehn Mark pro Arbeitsstunde, eine wahre Goldgrube, ertragreicher als die eigentlichen Bauaufträge selbst es sind. Und Bornemann hat stets allen Schwierigkeiten vorgebeugt, indem er die erst im Aufbau begriffenen Behörden abklappert (mit einigen gut gefüllten Briefumschlägen voller Argumente in der Tasche, die ihm dabei helfen, lästige Kontrollen durch Bauaufsicht und die Arbeitsämter zu vermeiden).

Aber Bornemann ist kein kleiner Abzocker, der Beute macht und verschwindet. Von seinen Schweizer Millionen fließt stets ein gewisser Prozentsatz zurück in die Taschen jener, die ihm die Steigbügel halten. Und das sind auch zwei politische Parteien, die in exotischen Steueroasen obskure Stiftungen unterhalten, von denen aus das von Bornemann ergaunerte Geld wieder in die immerfort knappen Wahlkampfkassen strömt. Hier schließt sich ein Kreis.

Steuerhinterziehung, Sozialversicherungsbetrug in Millionenhöhe, Bestechung in Dutzenden Fällen, illegale Parteienfinanzierung; die Liste der Vergehen, die ans Tageslicht befördert werden könnten, ist von enormer Länge und kann einige Leute von Rang und Namen den Kopf kosten. Diese Republik ist seit einiger Zeit ein wenig empfindlich, wenn es um hohe Einzelspenden an politische Parteien geht. Vor allem, wenn dieses Geld ohne Herkunftsnachweis aus dem Ausland kommt und der Verdacht besteht, dass der Dank dafür aus geldwerten Gefälligkeiten an den Spender besteht.

Beide Männer starren einige Minuten vor sich hin, tief in Gedanken versunken. Schließlich stößt Bornemann hervor: „Eine Übergabe in der Schweiz wäre tatsächlich denkbar. Dazu müsste ich diesen Mistkerl über die Grenze locken. Aber so dumm wird er vermutlich nicht sein. Er müsste Britta zur Übergabe mitbringen, ohne zu wissen, ob man ihm nicht schon beim Grenzübertritt die Eier wegschießt.“

Kiepert stört sich schon lange nicht mehr an der Sprechweise des Unternehmers. Es gibt Wichtigeres im Leben. „Um es dir in Deutschland zu leihen, brauchst du deine Frau. Und die Bank würde bei der Höhe des Betrages darauf bestehen, deine Bücher einer Nachprüfung zu unterziehen. Vor allem, wenn du eine solche Summe in bar und in Devisen gleich kofferweise bestellst. Die werden glauben, du willst dich verdrücken. Ehrlich gesagt würde ich das an deren Stelle auch tun. Und wenn du ihnen reinen Wein einschenkst, werden sie augenblicklich die Polizei hinzuziehen, schon aus Haftungs- oder Versicherungsgründen.“

Tatsächlich ist auch Bornemanns Bank bekannt, dass die Steuerbehörden seit langem ein misstrauisches Auge auf die Geschäfte der Firma geworfen haben. Dass deren Ermittler allerdings von hoher oder sogar höchster Stelle an einer äußerst kurzen Leine gehalten werden, wissen vergleichsweise wenige Personen.

„Wenn deine Frau erfährt, was du jahrelang heimlich angestellt hast, dann dreht sie dir sofort den Hahn ab. Du wärst ein armer Mann, wann auch immer du aus dem Knast kommst. Ich habe dich oft genug vor einem solchen Tag gewarnt. Du gehst seit langer Zeit auf sehr dünnem Eis, weil du am Ende zu gierig geworden bist.“

Aber Bornemann steht nicht der Sinn danach, sich den Kopf waschen zu lassen. Im Gegensatz zu seinem Prokuristen, der einen messerscharfen Verstand besitzt und der augenblicklich im Bilde gewesen ist, braucht er selbst – vielleicht eine Folge des genossenen Alkohols – etwas länger, um vollends zu begreifen, in welcher Klemme er steckt. Bis vor einer Minute hat er noch gedacht, es sei lediglich eine Frage der Vorgehensweise, wie er sich dieser scheußlichen Sache entledigt. Allmählich aber dämmert ihm, dass er in Wirklichkeit in einer echten Falle ist, aus der er nicht ohne Weiteres herauskommt. Es ist eine gänzlich neue Erfahrung für ihn, ein Tiefschlag für sein aufgeblasenes Ego, würde Kiepert sagen, wenn ihn jemand fragt.

Sie schweigen wieder, jeder auf seine Weise mit diesem Problem beschäftigt. Schließlich steht der Prokurist auf und beginnt, gemessenen Schrittes im Wohnzimmer auf und ab zu gehen. Dabei pfeift er leise eine etwas schräge Version des Radetzkymarsches.

Ein ebenso kompliziertes wie filigranes Gebäude, geschaffen mit Hilfe des universellen Bindemittels von verschwiegenem Geben und Nehmen, von Säen und Ernten zu (beinahe) allseitigem Nutzen, ist hier in Gefahr. Sie dürfen in dieser Sache nicht den geringsten Fehler machen. Je komplexer solche Systeme sind, umso empfindlicher werden sie für Störungen jedweder Art. Er bleibt abrupt stehen und baut sich vor Bornemann auf, der noch immer sein Glas mit beiden Händen hält und mit leeren Froschaugen durch die Panoramascheibe glotzt, als läge die Lösung dieses Problems draußen im Garten und als hätte er nur vergessen, unter welchem Baum er sie vergraben hat.

Der alte Satan darf jetzt nicht die Nerven verlieren!

„Hör mir gut zu, Dietrich.“ Er zwingt Bornemanns Blick zurück in die Gegenwart und damit dorthin, wo Probleme normalerweise gelöst werden. „Britta hat fast drei Jahre lang an deiner Seite gearbeitet, bevor sie mit dem Studium begonnen hat. Wie viele Interna kennt sie? Was ist mit den Nebengeschäften, den Auslandskonten, der…äh…Landschaftspflege?“ Kiepert benutzt seinen Lieblingsausdruck für Bornemanns strafbedrohte Schmiergeldaktivitäten.

„Keine Ahnung...ich meine, sie weiß über die Schweizer Konten Bescheid. Ich habe sie oft genug als Kurier benutzt, ohne dass sie eine Ahnung davon hatte. Aber eines Tages hat sie es herausgefunden; sie war wochenlang ziemlich verstört.“ In dem Moment, da Kiepert seine Frage gestellt hat, wird ihnen bewusst, dass sie die ganze Zeit über noch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet haben, wie es Bornemanns Stieftochter wohl gerade ergehen mag. Und ob sie überhaupt noch lebt. Sie bemerken es gleichzeitig und für einen Moment werden beide verlegen.

„Nun ja“, sagt Kiepert, der als erster seine Sprache wiederfindet. „Es ist wichtig zu berücksichtigen, worüber sie Bescheid wissen könnte, denn der Entführer könnte es aus ihr herauspressen und dich damit unter Druck setzen. Was das bedeutet, kannst du dir selbst ausmalen.“

Bornemann scheint kaum zugehört zu haben. Natürlich weiß Britta eine Menge. Er hat schließlich bis heute vorgehabt, sie als seine Nachfolgerin in die Geschäftsleitung einzuarbeiten. Damals, nach ihrem Abitur und der einjährigen Weltreise, die ein Geschenk ihrer Mutter war, hat sie zunächst keine Perspektive darin gesehen, zu studieren. Was also lag näher, als sie ins elterliche Geschäft zu nehmen. Irgendwann wird er sich zurückziehen und die Dinge in jüngere Hände legen müssen.

Britta lernt schnell, dass das Baugewerbe einem Haifischbecken gleicht - und dass sich Mittelständler wie ihr Vater gegen die Großen der Branche häufig nur mit Methoden durchsetzen können, die in keinem Lehrbuch der Mikroökonomie stehen.

Kiepert ist ein wesentlich schnellerer Denker als der halb betrunkene Bornemann. Er hat die Lage analysiert und ist zu einem Ergebnis gekommen. „Wir müssen ihn massiv herunterhandeln. Und wir brauchen ein paar Tage Zeit, um das Geld zusammenzutragen. Er braucht Geld, aber er braucht nicht die gesamten anderthalb Millionen. Wenn er ein Drittel oder ein Viertel davon kriegen kann, wird er es nehmen und verschwinden. Er scheint schließlich kein Idiot zu sein.“ Er deutet auf den Brief, der auf dem Tisch liegt. Der ist klar und nüchtern formuliert.

„Halte ihn zuerst einmal bis morgen hin. Gib ihm heute Abend nicht das verlangte Signal. Lass ihn hängen. Geh nicht ans Telefon. Er wird ratlos sein, er wird aber nicht so schnell aufgeben wollen. Bleib bis morgen Abend unerreichbar. Dann erzähle ihm, dass du solche Mengen Bargeld am Wochenende nicht beschaffen kannst. Dass du dennoch den ganzen Tag unterwegs warst, um es zu versuchen. Biete ihm dreihundertfünfzigtausend für Mittwochabend an. Vorher geht nichts. Wenn er ablehnt, kriegt er gar nichts. Sag ihm das.“

Bornemann schüttelt den Kopf. „Er wird sich nicht darauf einlassen. Und abgesehen davon wäre selbst das im Moment schon mehr, als ich ohne Margots Unterschrift flüssig machen kann.“

„Das ist allerdings ein Schwachpunkt bei dieser Angelegenheit. Aber es gibt eine Lösung. Ich werde jetzt nach Hause fahren und von dort aus ein paar Telefonate führen. Einige unserer Freunde werden schon im Wochenende sein, andere kriege ich noch an die Strippe oder kann ihnen eine Nachricht hinterlassen. Von einigen dieser Leute habe ich auch die Handynummer.“ – „Und was soll das?“ - „Wir kratzen das Geld in kleinen Raten zusammen. Es gibt genügend Leute, die dir etwas schulden. Und die so viel auf dem Kerbholz haben, dass man sie auch einmal mit dezentem Druck darauf hinweisen kann, dass sie bei dir in der Kreide stehen. Lass mich das machen, das ist mein Metier. Ich kann mit diesen Leuten reden. Dein Job wird es sein, so schnell wie möglich wieder nüchtern zu werden und dann diesen Erpresser auszubremsen und herunterzuhandeln, ohne ihn dabei zu verlieren. Vertröste ihn, bettle ihn an - egal, wie du es machst, wir brauchen drei bis vier Tage.“

Bornemann schöpft ein wenig Hoffnung. Was sein Prokurist vorhat, ist nur recht und billig. Wenn bei ihm eine Granate einschlägt, werden auch ein paar Andere aus seinem Dunstkreis die Splitter in ihren fetten Ärschen zu spüren bekommen. Es ist im Interesse aller, diese Krise zu meistern. Also sollen auch alle mithelfen.

Kiepert hat es jetzt eilig. Er will so schnell wie möglich nach Hause, wo er eine spezielle Kartei aufbewahrt. Viel Zeit hat er nicht mehr, wie er mit einem Blick auf die Uhr feststellt. Noch zwei oder drei Stunden, dann haben sich die meisten derjenigen Männer, auf die er es abgesehen hat, ins Wochenende verdrückt. Mit ihrer Sekretärin, einer knackigen Geliebten oder – auch wenn man es heutzutage kaum mehr glauben mag – eine nicht auszurottende Minderheit sogar mit der eigenen Ehefrau. Sie vereinbaren, sich regelmäßig über den Fortgang der Dinge auf dem Laufenden zu halten, wobei Bornemann der bei weitem schwierigere Part zufällt. Der hemdsärmelige Macher soll ausnüchtern und nichts tun, außer zu warten.

Kiepert ist erst zwei Minuten weg, als das Telefon schrillt. Bornemann zuckt zusammen und wartet ängstlich, bis der Anrufbeantworter sich einschaltet. Es ist seine Frau. Lustlos nimmt er den Hörer ab. Sie hält es nicht für geboten, ihrem Gatten die Fortschritte zu schildern, die sie mit ihrer Ernährungsumstellung macht. Dabei hätte er es genauso nötig wie sie, einmal gründlich abzuspecken. Sie begnügt sich damit, ihm mitzuteilen, dass es ihr gut geht und dass sie ihre Kur bis zum Ende durchzuhalten beabsichtigt.

„Ich habe es schon im Büro versucht, aber du warst nicht dort.“ Diese Feststellung beinhaltet eine Frage, auf die er nicht eingeht. Sie hat das Gefühl, dass seine Zunge sich schwerer anhört als sonst, aber sie schweigt dazu. Das ist sein Bier, sozusagen.

„Ich habe ein paarmal versucht, Britta anzurufen. Sie ist nicht zu Hause. Und ihr Handy ist abgeschaltet. Hast du vielleicht etwas von ihr gehört?“ Die langen Jahre auf dem glatten Parkett von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben aus Bornemann einen so routinierten Lügner gemacht, dass er es für gewöhnlich selbst nicht mehr merkt, wenn er die Unwahrheit sagt. „Das Letzte, was ich von ihr hörte, war, dass sie mit ihrer Freundin für ein paar Tage nach Holland fahren will. Wahrscheinlich wird sie sich in Amsterdam die Hucke vollkiffen und sich von einem übrig gebliebenen Hippie auf seine versiffte Matratze quatschen lassen.“

Er kommt ohne diese hässlichen Sticheleien einfach nicht aus. Sie weiß es und hat in dieser wie auch in manch anderer Hinsicht längst aufgegeben. Wie anders er doch war, in der kurzen Zeitspanne, die sie sich kannten, bevor er um ihre Hand anhielt.

„Du bist unmöglich.“ Sie gib ihm nochmals die Durchwahl ihres Zimmers, verbunden mit der Bitte, sie an Britta weiterzugeben, falls diese sich melden sollte. Dann legt sie auf, noch bevor ihr Mann etwas sagen kann.

Er äfft noch ein Weilchen ihre Stimme nach, verliert aber bald die Lust daran und macht sich stattdessen einen neuen Drink. Nichts zu tun und darauf zu warten, was andere tun, gehört nicht zu seinem Wesen. Er hasst abwechselnd seine Frau, Kiepert und den Entführer seiner Stieftochter. Sie machen ihn klein. Es ist schwer zu ertragen.

3

Ein einsamer Jogger quält sich um diese späte Stunde im Dienst seiner Fitness, was umso mehr zu würdigen ist, als es wieder stärker zu regnen begonnen hat und eine unangenehme Kälte herrscht. Herbstlaub, sofern es nicht schon am Boden festklebt und den Weg rutschig macht, raschelt unter den Füßen des Läufers.

Im nachtschwarzen Wasser des Flusses spiegeln sich einige verwaschene Lichtpunkte. Sie haben ihre Quelle am gegenüber liegenden Ufer. Bis auf ein paar weiße Neonlichter, die aus den wenigen Büros dringen, in denen um diese Zeit noch gearbeitet oder geputzt wird, sind die Fassaden, die die Skyline der Stadt bilden, eine finstere Wand aus Glas und Beton. Sie heben sich scharfkantig gegen den orange gefärbten, dunstigen Abendhimmel ab.

Der Schritt des Läufers wird jetzt schwer und unregelmäßig, er scheint eine Pause nötig zu haben. Und tatsächlich hält er kurz darauf an und geht in die Hocke, um Luft zu holen.

Einige Meter entfernt befindet sich eine Parkbank, die tagsüber Spaziergängern die Möglichkeit zum Ausruhen bietet. Von ihr aus kann man den Lastkähnen und Ausflugsbooten nachschauen oder seine herumtollenden Kinder auf dem danebenliegenden Spielplatz im Auge behalten. Und – man hat freie Sicht auf die Büros eines gewissen Dietrich Bornemanns, seines Zeichens mittelständischer Bauunternehmer und derzeit enormem Stress ausgesetzt.

Nach einer Weile steht der erschöpfte Läufer auf und streift seine Kapuze ab, die ihn eben noch vor dem Regen geschützt hat. Er lässt sich, immer noch schwer atmend, auf das Bänkchen fallen. Nach einer Weile hat er sich so weit erholt, dass er sich eine Zigarette anzünden kann. Ein jämmerlicher Hustenanfall ist der sofortige Lohn. Nachdem dieser sich gelegt hat, öffnet Langer seinen Anorak und zieht ein Fernglas der Marke Zeiss heraus. Er hebt das Glas, schaut hindurch und dreht so lange an der Einstellung, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist. Dann lässt er es sinken und zieht ein weiteres Mal an seiner Zigarette. Diesmal bleibt der Hustenreiz aus.

Das Fernglas hat er vor einigen Wochen nicht weit von hier auf einem Flohmarkt gekauft. Es erweist ihm jetzt gute Dienste, obwohl es seine vierzig Jahre alt sein muss. Er hebt das Glas wieder und fixiert die Stelle, auf die es ihm ankommt. Genau vor ihm, nur durch den Fluss und eine dahinterliegende Straße von ihm getrennt, liegt das Gebäude, in dem sich Bornemanns Firma befindet.

Er hat den Unternehmer angewiesen, um Punkt zweiundzwanzig Uhr die Beleuchtung seines Büros mehrfach ein- und wieder auszuschalten. Das ist das Signal dafür, dass er zur Zahlung der von Langer geforderten Summe bereit ist. Daraufhin will der Erpresser dem Alten einen Brief mit seinen Instruktionen zukommen lassen. Im Augenblick liegt dieser Brief im Handschuhfach von Langers Wagen. Er ist viel zu detailliert, um ihn am Telefon vorzutragen, vor allem dann, wenn man mit einer Fangschaltung rechnen muss.

Er hat Britta am Abend ein Antidepressivum in eine warme Milch gemixt, die sie verlangt hat. Sie hat nichts bemerkt und das Glas bald darauf geleert. Sicher ist sicher, hat er gedacht. Was sie eingenommen hat, wird vielleicht dazu ausreichen, dass sie bis zum Morgen schläft.

Er schaut wieder auf die Uhr, setzt das Fernglas an und flucht leise. Es ist bereits einige Minuten nach zehn, doch auf dem Stockwerk des Büros rührt sich nichts. Es liegt dunkel und verlassen da. Er beschließt, dem Unternehmer noch weitere zehn Minuten zu geben und zündet sich eine neue Zigarette an. Wenn er eine Stieftochter hätte, die er in den Händen von Verbrechern wusste, wäre er pünktlich.

Ihm wird kalt, als der Schweiß an seinem Körper zu trocknen beginnt, und er verflucht allmählich seine Idee, sich als Jogger zu tarnen. Er hat es für einen guten Gedanken gehalten, als er am späten Nachmittag mit einem schlimmen Kater – der von Alkohol und viel zu vielen Zigaretten herrührte – wieder zu sich gekommen ist und dringend Bewegung und frische Luft benötigt hat. Jetzt steht sein Wagen fast zwei Kilometer von hier entfernt.

Das Warten in Kälte und Nässe beginnt ihn zu zermürben. Er fischt eine weitere Zigarette aus der Packung und zündet sie an. Zehn Uhr achtzehn - allmählich beginnt etwas fürchterlich zu stinken. Hätte Bornemann die Polizei eingeschaltet, so hätte diese ihm bestimmt dazu geraten, das geforderte Signal zu geben. Das sind Profis, die wissen, dass sie nur über eine erfolgreiche Kontaktaufnahme an einen Kidnapper herankommen können.

Will der Alte seine Stieftochter opfern, um sich das Lösegeld zu sparen? Das ist schwer vollstellbar; seine Frau würde ihm die Augen auskratzen, wenn er auf diese Weise den Tod ihres einzigen Kindes riskiert. Dieser Meinung ist zumindest Britta.

Will der Alte ihn lediglich weichklopfen? Will er die Bedingungen diktieren? Eine ebenso fragwürdige Strategie. „Mach das verdammte Licht an, du Idiot!“ Abgesehen von der Wortwahl klingt es fast wie ein Gebet.

So sicher sein gegenwärtiger Aufenthaltsort auch sein mag, in diesem Moment scheint er ihm nicht mehr geheuer zu sein. Langer bekommt es mit der Angst zu tun.

Langsam und widerstrebend, alle paar Schritte über die Schulter zurückblickend, verlässt er seinen Standort. Es tut sich nichts auf der anderen Seite des Flusses. Bornemanns Büro bleibt schwarz wie ein Kohlenkeller. Sein mit Sorgfalt entwickelter Plan ist wertlos geworden. Er muss jetzt das Risiko eingehen, den Alten wieder zu Hause zu kontaktieren. Als Langer die von jahrzehntelangen Niederschlägen rund gewaschenen Steinstufen der Treppe hinauf zur Straße geht, ist er zutiefst verunsichert.

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262 p. 4 illustrations
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9783753183886
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