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Wolfgang Uwe Eckart, Robert Jütte

Medizingeschichte

Eine Einführung

2., überarbeitete und ergänzte Auflage

BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2014

Wolfgang Uwe Eckart ist Professor für Geschichte der Medizin und

Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin

an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Robert Jütte ist Professor für Geschichte und Leiter des Instituts

für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich

unter www.utb-shop.de.

Umschlagabbildung:

Petrus Morellusd, Methodus praescribendi formulas remediorum.

Amsterdam 1680 (© Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung)

1. Auflage 2007

2., überarbeitete und ergänzte Auflage 2014

© 2014 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien

Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes

ist unzulässig.

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld

Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion, Großburgwedel

Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier

Printed in the EU

UTB-Band-Nr. 2903 | ISBN 978-3-8252-3927-5 (ePub)

Über dieses eBook

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Über dieses eBook

Vorwort zur ersten Auflage

Vorwort zur zweiten, erweiterten Auflage

1 Einführung

1.1 Medizingeschichte: Aspekte, Aufgaben, Arbeitsweisen

1.2 Exkurs: Geschichte der Medizingeschichtsschreibung

2 Quellen, Literatur, Hilfsmittel und Forschungseinrichtungen

2.1 Gedruckte und ungedruckte Quellen und deren Zitierweisen

2.2 Artefakte und andere „Überreste“

2.3 Bilder und neue Medien

2.4 Oral History

2.5 Medizinhistorische Gesamtdarstellungen

2.6 Bibliographien

2.7 Nachschlagewerke und Enzyklopädien

2.8 Internet – World Wide Web

2.9 Fachbibliotheken und Medizinhistorische Institute

2.10 Archive mit medizin- und wissenschaftshistorisch relevanten Beständen

2.11 Museen

2.12 Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten

3 Methoden und theoretische Ansätze

3.1 Wissenschaftsgeschichte

3.2 Ideengeschichte

3.3 Sozialgeschichte

3.4 Historische Anthropologie

3.5 Patientengeschichte

3.6 Frauen- und Geschlechtergeschichte

3.7 Körpergeschichte

3.8 Biographie und Prosopographie

3.9 Historische Demographie

4 Grenzgebiete und Nachbardisziplinen

4.1 Pharmaziegeschichte

4.2 Technikgeschichte

4.3 Ethnomedizin

4.4 Volkskundliche Gesundheitsforschung

4.5 Medizinethik

4.6 Pflegegeschichte

4.7 Geschichte der Alternativen Medizin

4.8 Geschichte der Zahnmedizin

5 Medizinhistorische Grundbegriffe

5.1 Medikalisierung

5.2 Professionalisierung

5.3 Nosologie, Pathographie, retrospektive Diagnose

5.4 Medikale Kultur/Volksmedizin

5.5 Schulmedizin und medizinische Schulen

5.6 Periodisierung

5.7 Biopolitik und Verrechtlichung der Medizin

Anhang

Medizinhistorische Zeitschriften (Auswahl)

Personenregister

Sachregister

Rückumschlag

Vorwort zur ersten Auflage

Medizingeschichte ist heute nicht nur Pflichtfach (neben Theorie und Ethik) im Curriculum des Medizinstudiums an deutschen Universitäten und bedeutendes Element im Kanon der übrigen wissenschaftshistorischen Disziplinen. Auch andere akademische Fächer haben die Geschichte der Heilkunde in ihrer jeweils kulturgebundenen Ausprägung sowie wegen ihrer Kulturgrenzen überschreitenden Konzept- und Praxisvielfalt als unverzichtbares Forschungsthema von hoher kultur-, gesellschafts- und politikwissenschaftlicher Relevanz für sich entdeckt. In erster Linie sind hier die allgemeine Geschichts- und Literaturwissenschaft zu nennen; aber auch für die theologischen Wissenschaften, die Philosophie, die historische Rechtswissenschaft, die Psychologie, die Volkskunde, die Anthropologie und Ethnologie eröffnet die Geschichte der Medizin (um eine Geschichte der Gesundheit erweitert) inzwischen durchaus wichtige Deutungsfelder. Dass gerade die der Medizin unmittelbar benachbarten Bereiche der Pharmazie und der Pflegewissenschaften in besonderer Weise auf methodische und inhaltliche Kenntnisse auf dem Feld der Medizingeschichte angewiesen sind, muss nicht eigens betont werden.

Dem Umstand, dass diesem großen und wachsenden interdisziplinären Interesse bislang keine neuere methodische Handreichung zum Einstieg ins Studium und in die Forschung zur Verfügung stand, wird durch das vorliegende Werk Rechnung getragen. Der letzte Versuch einer „Einführung in die Medizinhistorik“ mit dem Ziel, die Methoden und Themenvielfalt des Faches zu vermitteln, stammt aus dem Jahre 1949 und ist – inzwischen selbst historisch geworden – zwar immer noch lesenswert, aber doch veraltet und zudem nur noch antiquarisch zu erwerben. Der Verfasser, der Mainzer Medizinhistoriker Walter Artelt, hielt es damals noch für geboten, sein Werk mit dem Hinweis auf das in der Medizingeschichte weitverbreitete Dilettantentum zu rechtfertigen. Die Zeiten haben sich inzwischen gewandelt. Die professionelle Geschichtsschreibung hat sich längst der Medizingeschichte angenommen, doch eine Einführung in das Fach, die diesem Paradigmenwechsel Rechnung trägt, war bislang ein Desiderat, wenngleich ansonsten an Einführungen in die unterschiedlichsten historischen (Sub-)Disziplinen (von der Historischen Anthropologie bis zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte) kein Mangel herrscht. Zwar hat vor einigen Jahren eine Gruppe [<<7] jüngerer Medizinhistoriker den Versuch unternommen, das Methodenbewusstsein des Faches zu schärfen (Paul, Norbert/Schlich, Thomas (Hg.): Medizingeschichte – Aufgaben, Probleme, Perspektiven. Frankfurt am Main 1998), doch kann dieser heterogene Aufsatzband eine umfassende Einführung in das Fach, die auch Hilfsmittel und Werkzeuge benennt sowie Fähigkeiten wissenschaftlichen Arbeitens auf diesem Gebiet vermittelt, nicht ersetzen. Eine solche Arbeitshilfe fehlt bislang nicht nur auf dem deutschen, sondern auch auf dem internationalen Buchmarkt.

Das vorliegende Werk, das zum Eigenstudium und besonders zum Einsatz in Einführungsveranstaltungen gedacht ist, stellt vor diesem Hintergrund den Versuch dar, die wesentlichen Voraussetzungen und Grundkenntnisse zum Studium der Medizingeschichte und für Forschungen auf diesem Gebiet zu vermitteln. Das geschieht sowohl unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands als auch mit Blick auf die Wege der Forschung. Dabei werden grundlegende Aspekte der allgemeinen Methodik des historischen und wissenschaftsgeschichtlichen Arbeitens ebenso thematisiert wie Besonderheiten der Medizinhistorik, die es als eigenständiges Fach erst seit etwa 100 Jahren gibt.

Auf die Einleitung, in der unter anderem auf die Aufgaben und generelle Bedeutung der Medizingeschichte sowie auf die Geschichte dieser Disziplin eingegangen wird, folgt ein erster Teil, in dem Quellen, Literatur, Hilfsmittel und Forschungseinrichtungen vorgestellt werden. Im Anschluss daran werden die Methoden und die unterschiedlichsten theoretischen Ansätze knapp skizziert. Des Weiteren richtet sich der Blick auf die Grenz- und Nachbargebiete, wozu unter anderem auch die Pflegegeschichte und die Geschichte der Zahnmedizin gehören. Abschließend werden die wichtigsten Grundbegriffe (z. B. Medikalisierung, retrospektive Diagnostik), die in der modernen Medizingeschichtsschreibung immer wieder an zentraler Stelle auftauchen, dargestellt und kritisch hinterfragt.

Am Ende eines jeden Kapitels finden sich umfangreiche bibliographische Angaben und Weblinks. Diese Informationen ermöglichen die Vertiefung des hier präsentierten methodischen und theoretischen Grundwissens. Hinsichtlich der aufgeführten Weblinks ist freilich auf das kurze Verfallsdatum solcher Angaben zu verweisen, dem in den Folgeauflagen dieser Einführung jeweils Rechnung zu tragen sein wird. Die im Anhang abgedruckte Liste der wichtigsten medizinhistorisch relevanten Zeitschriften (darunter auch solche, die ihr Erscheinen bereits eingestellt haben) dient ebenfalls der Orientierung und nimmt für sich nicht in Anspruch, vollständig zu sein.

Heidelberg/Stuttgart, im September 2007

Wolfgang Uwe Eckart/Robert Jütte [<<8]

Vorwort zur zweiten, erweiterten Auflage

Nachdem die erste Auflage vergriffen ist, haben sich Verlag und die beiden Autoren der Herausforderung gestellt, eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage dieser Einführung, die von der Kritik als „Standardwerk“ gelobt wurde, auf den Markt zu bringen, zumal die Nachfrage weiter anhält und ein ähnliches Lehrbuch nicht existiert, weder in deutscher noch in einer anderen Sprache. An der bisherigen Gliederung wurde weitgehend festgehalten. Einzelne Kapitel, wie z. B. das über Bilder und neue Medien, wurden um weitere Teilaspekte ergänzt. Ein Kapitel über Biopolitik und Verrechtlichung kam neu hinzu. Die beibehaltenen Kapitel wurden teilweise gekürzt, teilweise auch ergänzt. In allen Fällen wurde der Text auf den neuesten Wissensstand gebracht. Auch die Bibliographien und die Weblinks wurden überprüft und gegebenenfalls aktualisiert. Unser Dank gilt allen Rezensenten, die das Werk nicht nur gelobt und zur Übersetzung empfohlen haben, sondern auch Fehler aufgedeckt und Verbesserungsvorschläge gemacht haben. Wir haben nach Möglichkeit versucht, diese Anregungen aufzugreifen, ohne allerdings das Lehrbuch im Kern und in seiner Zielsetzung zu verändern. Danken möchten die Autoren nicht zuletzt Frau Dorothee Rheker-Wunsch vom Böhlau-Verlag, ohne sie wäre es vermutlich nicht zu einer Neuauflage gekommen.

Heidelberg/Stuttgart, im Februar 2014

Wolfgang Uwe Eckart/Robert Jütte [<<9]

1 Einführung
1.1 Medizingeschichte: Aspekte, Aufgaben, Arbeitsweisen

Eine Einführung in die Medizingeschichte muss sich zwangsläufig damit beschäftigen, was Medizingeschichte eigentlich ist. Dies wiederum setzt voraus, dass auch der Gegenstand des medizinhistorischen Interesses, die Medizin also in unserem Fall, in seinen Grundzügen definiert oder doch zumindest seinen Grundphänomenen entsprechend in einer Weise beschreib- und begrenzbar ist, die ihn für eine historische Betrachtung handhabbar macht. Alle Fragen von Gesundheit und Krankheit sind ebenso bedeutende wie bedrängende Grundprobleme der Menschheit wie die von Leib und Seele, Gott und Welt, Natur und Mensch. Medizingeschichte beschäftigt sich prinzipiell mit den historischen Lösungsversuchen solcher Fragen und bemüht sich um die Einordnung in ihren historischen Kontext. Dass ein solches Bemühen einen umfangreichen Katalog philosophischer, anthropologischer, ethnologischer, religiöser, kultureller, wissenschaftlicher, rechtlicher oder politischer Fragen – um hier nur einige der tangierten Themenfelder zu nennen – eröffnet, liegt auf der Hand. Selbst wenn wir uns auf einen möglichst weit gefassten Begriff von Medizin einigen würden, der – curativ – das professionelle oder vorprofessionell-private Mühen um Wiederherstellung eines subjektiv oder intersubjektiv feststellbar verlorenen Körperzustandes beschreibt, der früher als Gesundheit, körperliche oder geistige Integrität oder auch nur als Störungsfreiheit hätte beschrieben werden können, einen Begriff von Medizin, der zugleich – präventiv – alle Formen der Meidung und alle Maßnahmen zur Verhütung eines subjektiv oder intersubjektiv als nicht gesund empfundenen Körperzustandes meint – selbst dann hätten wir zwar eine grobe Umschreibung dessen, was Medizin als Heilkunde und Heilpraxis curativ und präventiv ganz wesentlich tut. Wir hätten uns aber zugleich um erwartete Definitionsversuche von Krankheit und Gesundheit gedrückt, hätten noch keine Aussage über die kulturelle und soziale Funktion von Heilen (im Sinne der Reintegration) und von vorausgehendem Verhüten (im Sinne der Prävention) getroffen, und schon gar nicht über die Rolle der Medizin überall dort, wo sie im Falle des unwiederbringlichen Verlustes definierter körperlicher oder geistiger Funktionen sich darum müht, einen Menschen wieder in seinen vormals [<<11] existierenden körperlichen Zustand beziehungsweise – wo dies unmöglich ist – in seine soziale oder juristische Position zurückzuversetzen, um auf diese Weise über Rehabilitation eine Reintegration zu erreichen.

Nun kann es nicht Aufgabe einer Einführung in die Medizingeschichte sein, umfassende Begriffsdefinitionen von Krankheit, Gesundheit, Heilung, Prävention, Rehabilitation oder Reintegration zu liefern. Immerhin ist mit diesen Begriffen aber bereits zumindest das theoretische und praktische Aufgabenfeld dessen umschrieben, dem sich Medizingeschichte als Geschichte der Heilkunde und Heilpraxis in ihrem jeweils gültigen historisch-sozialen, kulturell-mentalen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kontext zuzuwenden hat. Es liegt auf der Hand, dass Medizingeschichte in dieser Perspektive nicht ohne das methodische Instrumentarium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, der Kultur- und Mentalitätsgeschichte, der Wissenschaftsgeschichte sowie der Anthropologie und der Ethnologie betrieben werden kann, wenngleich sich ihre primären Erkenntnisinteressen von denen der genannten Disziplinen durchaus unterscheiden können, aber keinesfalls immer müssen (Brieger, 1993; Cooter, 2007).

Die Erkenntnisinteressen der Medizingeschichte sind traditionell vielfältig, und entsprechend wählt sie ihre Gegenstände und Methoden (Paul/Schlich, 1998; Bröer, 1999). Das Forschungsfeld umfasst ein weites Spektrum von Themen, methodischen Zugängen und Perspektiven (Bynum/Porter, 1993). Die Medizingeschichte – sei sie, wie in Deutschland, als eigenständige Disziplin überwiegend an Medizinischen Fakultäten beheimatet oder, wie in vielen anderen Ländern, den Allgemeinen Geschichts- oder Kulturwissenschaften angelagert – kann auf eigenständig gewachsene Traditionen, eigene Fragestellungen und hochdifferenzierte Forschungsinteressen und Schwerpunkte verweisen. Einer jüngeren Tendenz folgend öffnet sie sich jedoch zunehmend Anliegen, Methoden und Fragestellungen, die für ein ganzes Spektrum sehr verschiedener Wissenschaftsbereiche bedeutend sind. Mit dieser Grenzüberschreitung verbunden ist zugleich eine Abkehr von eher traditionell gebundenen Sehweisen, romantisch verklärten oder fortschrittsorientierten Geschichtsbildern und engen Funktionszuweisungen, etwa in der Beschränkung auf die Rolle der Medizingeschichte als Sozialisationsinstrument in der ärztlichen Ausbildung. Medizingeschichte erschließt sich damit zugleich selbst als durchaus heterogenes Feld einer geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen, aber auch politischen Auseinandersetzung mit der Medizin, ihren Grundlagen und ihren konkreten Rahmenbedingungen im jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext. Diese perspektivische Neuorientierung hat auch dazu geführt, dass Medizingeschichte nicht mehr eine traditionell ärztliche oder philologische Domäne ist, sondern dass in ihr als Themenbereich wie auch als akademische Disziplin Sozial- und Wissenschaftshistoriker, Kulturwissenschaftler, Kunst- und Literaturhistoriker, [<<12] Ethnologen, Philosophen oder auch Publizisten kooperieren. Die Themenfelder haben sich gleichfalls differenziert. Neben die klassische epochen-, ereignis-, institutionen- und personenorientierte Medizinhistoriographie sind nun Ideen- und Konzeptgeschichte der Medizin (S. 167), Sozialgeschichte (S. 173), Professionalisierung (S. 364) und Medikalisierung (S. 357), Patientengeschichte (S. 201) und Körpergeschichte (S. 229) sowie Historische Demographie (S. 261) getreten, um nur die wichtigsten neuen Subdisziplinen zu nennen.

1.1.1 Klassische Themenfelder

Bezogen auf die europäische (einschließlich der vorderasiatischen und nordafrikanischen) Medizingeschichte, richtet sich die epochenorientierte Medizinhistoriographie (Periodisierung, S. 391) nach den traditionellen Großepochen der frühen Hochkulturen (Babylon, Ägypten), der griechischen und römischen Antike, der byzantinischen und frühen persisch-arabischen Kultur, des westlichen und arabischen Mittelalters, der Renaissance und des Humanismus, der Vor- und Hochaufklärung sowie der Neuzeit. Die Behandlung vollständiger Epochen der Medizingeschichte bleibt in der Regel der Hand- und Lehrbuchliteratur (Medizingeschichte: Aspekte, Aufgaben, Arbeitsweisen, S. 15; Bibliographien, S. 96) vorbehalten. Ausnahmen bilden epochenbezogene Fragestellungen (z. B. babylonische Pharmakotherapie, Abtreibung in der Antike, Sport und Medizin in der griechisch-römischen Antike, Anatomie im Mittelalter, Körperhygiene in der Aufklärung). Für Magisterarbeiten und Dissertationen sind solche Großthemen in der Regel ungeeignet.

Bei der klassischen medizinischen Ereignisgeschichte geht es meist um bedeutende Entdeckungen, Erstbeschreibungen oder Erst(be)handlungen (z. B. die Beschreibung des großen Blutkreislaufs, die Entdeckung der Digitaliswirkung, die erste Magenoperation oder die erste Herzkatheterisierung). Ereignisgeschichte ist ein Begriff, der in der Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte heute gelegentlich abwertend in Abgrenzung von der eben auf Ereignisse fixierten „klassischen“ Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts benutzt wird. Diese Ablehnung weist auf die oftmals verkürzt rezipierten Strukturgeschichte der französischen Schule der Annales (der Name leitet sich ab von der 1929 durch Marc Bloch (1886–1944) und Lucien Febvre (1878–1956) gegründeten geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschrift Annales d’histoire économique et sociale) besonders um Fernand Braudel (1902–1985). Tatsächlich untersucht die Strukturgeschichtsschreibung keine singulären Ereignisse, sondern größere historische Prozesse, Konjunkturen und Strukturen von längerer Dauer (la longue durée), in denen individuellen Handlungen und Einzelereignissen wenig Spielraum und nur geringe [<<13] Geschichtsmächtigkeit zugewiesen wird. Ereignisse wären vielmehr stets Folgen derartiger Prozesse und von „kurzer Dauer“ (la brève durée) (Braudel, 1969, S. 45). So wäre beispielsweise in der Medizingeschichte die Entdeckung des großen Blutkreislaufs (1628) Folge (und nicht unmittelbarer Auslöser) eines komplexen wissenschaftshistorischen Prozesses, der letztlich zum Fall humoralpathologischer Vorstellungen führte. Die physiologische Neuorientierung auf das Experiment und die Bedeutung des Buchs der Natur (liber naturae), in deren Folge der große Blutkreislauf entschlüsselt wurde, wäre nur ein Element dieses Prozesses. In der modernen Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte wird indes die Notwendigkeit der Ereignisgeschichte nicht mehr bestritten; vielmehr scheint ihr – wenn sie, durchaus im Sinne der Strukturgeschichte, gut betrieben wird – wieder eine gewisse Attraktivität zuzuwachsen (Frevert/Haupt, 2005, S. 7).

Ähnlich bestellt ist es um die Institutionengeschichte und Biographik innerhalb der Medizinhistoriographie. So ist etwa die Hospital- und Krankenhausgeschichte als größter Komplex innerhalb der medizinischen Institutionengeschichte längst nicht mehr auf eine Bau- und Architekturgeschichte zu reduzieren (Artefakte und andere „Überreste“, S. 46). Auch Hospital- und Krankenhausgeschichte kann heute nur als ein komplexes Gefüge aus ideengeschichtlichen, sozial- und medizinhistorischen oder demographischen ebenso wie aus wirtschafts- und verwaltungshistorischen Voraussetzungen, Strukturen und Prozessen verstanden werden, oder sie bleibt Fragment (Ammerer et al., 2010). Es wird dies besonders deutlich, wenn der früher stark auf Hospital- und Krankenhausgeschichte verengte Arbeitsbereich der Institutionengeschichte auf andere erweitert wird, etwa auf kommunale oder private, karitative und gesundheitsfürsorgende Einrichtungen, auf Schulen, Universitäten, Akademien, Institute und Forschungszentren, auf Ministerien und Ämter der Gesundheitsverwaltung oder auf militärische Einrichtungen und Einheiten, um hier nur wenige Beispiele zu nennen.

Gleiches gilt für die medizinhistorische Biographie und Pathographie, die inzwischen den früher nahezu ausschließlich und äußerst eng gesehenen und behandelten Zusammenhang von Person-Werk-Leistung (Bioergographie) oder Person-Krankheit-Leiden (Pathographie) zugunsten einer struktur- und mentalitätsgeschichtlich geleiteten Bio- und Pathographik überwunden hat. Unter Biographie (gr. βιογραφία, von βίος– das Leben und γραφή– die Schrift) wird zunächst die Lebensbeschreibung einer Person selbst verstanden. Hierbei handelt es sich um die mündliche oder schriftliche Präsentation des Lebenslaufes. In der Historiographie geht es um die Lebens-, Beziehungs- und Leistungsrekonstruktion einer fremden, meist unter bestimmten Fragestellungen bedeutenden Person. Quellen hierfür können Autobiographien, Testamente, Briefe, Urkunden und andere persönliche oder amtliche Quellen sein. Biographik ist [<<14] weit mehr als die Rekonstruktion wichtiger Lebensschritte, Lebensabschnitte oder Leistungen, sie ist zugleich der Versuch einer subjektiven Sinn- und intersubjektiven Bedeutungsrekonstruktion einer Person in ihrem historischen Kontext. Biographien, insbesondere Autobiographien, sind bedeutende Gegenstände der Literaturwissenschaft, der Soziologie, der Germanistik, der Pädagogik, der Psychologie, der Theologie sowie der Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte und haben dort je eigene Forschungstraditionen entwickelt (Scheuer, 1979; Klein, 2002). In der Medizinhistoriographie belegt die Beliebtheit und schiere Menge biographischer Arbeiten, dass – zumindest in der Vergangenheit – das Geschichtsbild von Medizinern und Medizinhistorikern in der Annahme einer weitgehenden Identität des Faches mit seinen ‚hervorragenden Protagonisten‘ ruhte. Die methodische Entwicklung der Geschichtswissenschaft hat auch für die Geschichte der Medizin zu einem anderen Verständnis der wissenschaftlichen Biographik und ihrer Bedeutung geführt. Trotz allem leistet die medizinhistorische Biographik auch heute noch einen – ebenso begrenzten wie unverzichtbaren – Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte. Sie bearbeitet deren personale Dimension – im Rahmen einer methodisch differenzierten Geschichtsschreibung. Herausragende neuere medizinhistorische Biographien etwa über Rudolf Virchow (Goschler, 2002), Robert Koch (Gradmann, 2005) oder Karl Brandt (Schmidt, 2009) belegen dies.

Neue Wege werden auch in der modernen Pathographie beschritten. Ursprünglich ein methodischer Teil- und Arbeitsbereich der Psychiatrie und Psychotherapie, hat sich die Pathographik (Nosologie, Pathographie, retrospektive Diagnose, S. 370, Patientengeschichte, S. 201) als krankheitsbezogener Teil der Biographik im Verlaufe des 20. Jahrhunderts zu einer bemerkenswert populären medizinhistorischen Literaturgruppe entwickelt. Häufig der psychoanalytischen Methode verpflichtet, blieb die Pathographik in der neueren Medizinhistoriographie nicht unkritisiert. Es gibt jedoch Bemühungen um ihre sinnvolle Einordnung und Neuorientierung als Rekonstruktion von Krankheit im Rahmen einer methodisch entwickelten struktur-, körper- und mentalitätsgeleiteten Geschichtsschreibung (Hawkins, 1999; Hilken, 1993; Engelhardt, 2003).

Hinzuweisen bleibt noch auf die medizinische Lokal-, Regional- und Ländergeschichte. Während die krankheitsbeschreibende medizinische Geographie heute, abgesehen von kolonialhistorischen Studien (Eckart, 1997), in der medizinischen Historiographie im Grunde kaum noch eine Rolle spielt, wohl aber in den geographischen Wissenschaften wiederentdeckt wird, gehörte sie doch zu den herausragenden medizinischen und auch medizinhistorischen Literaturgruppen vor allem des 19. Jahrhunderts. Inhaltlich und methodisch begründet wurde sie von dem Medizinhistoriker August Hirsch (1817–1894), vor allem in dessen Hauptwerk Handbuch der historisch-geographischen Pathologie (Stuttgart 1881–1886). Moderne medizinische [<<15] Geographie ist ein Teilgebiet der Anthropogeographie, die sich mit dem lokalen, regionalen oder nationalen Gesundheitsstatus und der Gesundheitsversorgung beschäftigt. Zusammen mit der medizinischen Anthropologie, der Medizinischen Soziologie und den ökonomischen Gesundheitswissenschaften ist die Medizinische Geographie darum bemüht, geographische Faktoren zu finden und zu verstehen, die die Gesundheit von Individuen, Populationen und Gesellschaften (Jones/Moon, 1987, Dyck, 2011) beeinflussen. Daran gemessen sind die Ansprüche der traditionellen medizinischen Lokal-, Regional- und Ländergeschichte – obwohl häufiger Gegenstand medizinhistorischer Dissertationen – bislang weniger ambitioniert. Man begnügt sich meist mit einer diachronen Darstellung der medizinischen Institutionengeschichte, Umrissen einer lokalen historischen Epidemiologie und einer Geschichte der örtlich, regional oder überregional wirkenden Medizinalpersonen und -systeme im Sinne einer Mikro- und Makrogeschichte des Öffentlichen Gesundheitswesens (Fischer, 1933). Hier könnte eine intensive Kooperation mit den geographischen Disziplinen (Meade/Earickson, 2000) zu wesentlichen methodischen Verbesserungen dieses an sich spannenden Arbeitsgebietes der Medizingeschichte beitragen, etwa zur Rekonstruktion historischer Modelle lokaler Krankheitsentstehung und Gesundheitsfürsorge. Die Medizinhistoriographie entdeckt in jüngster Zeit diese klassische Disziplin neu (Rupke, 2000).

1.1.2 Neuere Arbeitsfelder

Zu den neueren Arbeitsfeldern der Medizingeschichte gehören besonders die Ideengeschichte (S. 165), die Sozialgeschichte (S. 173), die Professionalisierung (S. 364) und Medikalisierung (S. 357), die Patientengeschichte (S. 201) und Körpergeschichte (S. 229) sowie nicht zuletzt die Historische Demographie (S. 261).

Der Konzeptgeschichte im Sinne einer erweiterten Ideengeschichte (S. 165) hat sich besonders Karl Eduard Rothschuh (1908–1984) in seinem richtungweisenden Werk Konzepte der Medizin (1978) zugewandt. Unter einem medizinischen Konzept (nach lat. conceptus, im Sinne einer zusammenfassenden Idee) verstand der Münsteraner Medizinhistoriker den Versuch, alle „Denkbemühungen, das Erfahrungsgut im Umgang mit dem Kranken in eine Struktur allgemeiner Grundsätze und daraus ableitbarer Folgerungen einzubetten“ (Rothschuh, 1978, S. XIII). Im Einzelnen habe eine Konzeptgeschichte der Medizin im weitesten Sinn die Lehre vom Menschen (Anthropologie, Naturlehre, Physiologie), sodann die Lehre von der Krankheit (Ursachen, Ausbildung, Erscheinungen, Symptome, Verlauf und Krankheitsformenlehre) und schließlich die Lehre von der Heilung (heilende Kräfte, Heilungshilfen, Heilungswege, Indikationen und Voraussagen) zu behandeln. Rothschuh war sich bereits 1978 darüber im Klaren, [<<16] dass die Erfahrungsbildung und das Denken in solchen Konzepten nur im Kontext der jeweiligen historischen Situation sowie unter Berücksichtigung des „soziokulturellen Geistesklimas“ der jeweiligen Zeit möglich sein können. Unzulässig seien Rückschlüsse und Bewertungen solcher Konzepte ex post, entscheidend aber sei deren Schlüssigkeit in ihrem historischen Kontext, an der man ihre „Wissenschaftlichkeit, Folgerichtigkeit und Glaubwürdigkeit“ zu bemessen habe. Unter Wissenschaftlichkeit in der Perspektive einer unvoreingenommenen Konzeptgeschichte verstand Rothschuh den „Grad von Bestätigungsfähigkeit“, unter deren „Folgerichtigkeit“ könne man ihre „Bestätigungsfähigkeit“ und „Widerspruchsfreiheit“ in den Denk- und Handlungsgrenzen eines Konzeptes verstehen, und „Glaubwürdigkeit“ meine vor allem den Grad des „Vertrauens“, das von den Handlungsträgern eines medizinischen Konzepts, also von Heilkundigen im weitesten Sinne und von seinen Nutznießern, also den an Krankheit leidenden Heilsuchenden (Patienten), einem solchen Konzept entgegengebracht werde (Rothschuh, 1978, S. XIII).

Im Rahmen der ideengeleiteten Konzeptgeschichte blieb freilich der methodische Ansatz einer an den gesellschaftlichen Bedingungen von Krankheit und Heilung orientierten Darstellung noch weitgehend unberücksichtigt (Labisch, 1992). Diesen Fragen wendet sich die Sozialgeschichte (S. 173) zu. Ist unter Sozialgeschichte im weitesten Sinne die Erforschung und Beschreibung sozialer Strukturen nach Gruppen, Ständen, Schichten oder Klassen in vergangenen Gesellschaften zu verstehen, die sich mit der Größe, Lage und Bedeutung dieser Gruppen sowie mit der Geschichte sozialer Prozesse beschäftigt, so bedeutet dies für die Medizingeschichte die Einbeziehung solcher erkenntnisleitender Prinzipien in die Erforschung ihrer Gegenstände. Damit wird Medizingeschichte durchaus zu einer Teildisziplin der Politik- und Gesellschaftsgeschichte. Die Sozialgeschichte der Medizin stellt sich die Aufgabe, Medizin als gesellschaftlich bedingtes Phänomen zu erfassen. Sie nähert sich ihren Gegenständen unter Berücksichtigung der jeweiligen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen und bezieht die Gruppe der am heilkundlichen Geschehen Beteiligten (Patienten, Heilkundige, Ärzte, Familien, soziale Gruppen, Obrigkeiten etc.) möglichst umfassend ein. Im weiteren Sinne hat sich Sozialgeschichte der Medizin mit den elementaren biologischen Ereignissen im Leben eines Menschen (Vorgeburtlichkeit, Geburt, Gesundheit, Krankheit, Heilung, Sterben und Tod) und deren Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen. Sie erforscht weiterhin Erwartungen einer Gesellschaft an das Verhalten von gesunden und kranken Menschen, Strukturen, in denen sich ‚Heilkunde‘ vollzieht (Gesundheitswesen, Rolle von Kranken in der Gesellschaft, Gesundheitserziehung/-vorsorge etc.), sowie den individuellen Umgang mit dem menschlichen Körper. Erforscht und beschrieben werden auch Erfahrungen [<<17] von Heilkundigen mit dem Körper des gesunden, kranken und toten Menschen. Die Heilkunde wird in der Sozialgeschichte der Medizin als Gesamtheit aller ‚heilkundlichen Handlungen‘ aufgefasst, wobei Theoriebildung und Praxis ebenso einbezogen werden wie die Frage nach den kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergründen für Therapieansätze und Praktiken.

Ein besonderes Themenfeld der sozial- und politikhistorisch orientierten Medizinhistoriographie in Deutschland stellt die Medizin im Nationalsozialismus mit ihren Voraussetzungen, ihren Folgen und ihrer historischen Aufarbeitung nach 1945 dar. Der historische Umgang mit den medizinischen Verbrechen unter der nationalsozialistischen Diktatur begann bald nach 1945 mit dem amerikanischen Militärgerichtsprozess (US Military Tribunal I) gegen Wehrmachts- und SS-Ärzte 1946/47 (sog. „Nürnberger Ärzteprozess“), über den die Heidelberger Alexander Mitscherlich (1908–1982) und Fred Mielke (1922–1959) für die westdeutschen Ärztekammern berichteten (Peter, 1994), dieser Umgang jedoch kam in den Jahren bis zur Studentenbewegung der späten 1960er Jahre in der Bundesrepublik (anders als in der DDR) weitgehend zum Stillstand und wurde erst in den 1970er Jahren wieder aufgegriffen. Versuche wissenschaftlicher Gesamtannäherungen an die Medizin im Nationalsozialismus erfolgten in der Bundesrepublik erst 1985 (Kudlien, 1985), in der DDR 1989 (Thom/Caregorodcev, 1989). Ihnen schlossen sich differenzierte wissenschaftliche Detailuntersuchungen zu den zentralen Aspekten der NS-Medizin (z. B. Rassenhygiene, Sterilisation, Krankenmord, „Euthanasie“, Leistungs- und Arbeitsmedizin, verbrecherische Experimentalforschung, Vertreibung rassisch und politisch diffamierter Ärztinnen und Ärzte, Militärmedizin und Militärforschung) in schneller Folge an. Eine zusammenfassende Darstellung der Medizin unter der NS-Diktatur wurde jüngst vorgelegt (Eckart, 2012). Zur NS-Medizin vor Gericht und ihrer Bedeutung für die medizinische Ethik der Nachkriegszeit ist inzwischen das Standardwerk von Paul Weindling über den Nürnberger Ärzteprozeß (Weindling, 2004) verfügbar. Die Medizin im Nationalsozialismus stellt bis heute einen der am besten erforschten Gegenstände der sozial- und politikhistorisch verpflichteten medizinischen Zeitgeschichte dar. Ihre Erforschung steht zugleich exemplarisch für die jüngere kritische Medizinhistoriographie (Baader, 1999). Eine umfassende Bibliographie steht allerdings bis auf wichtige Vorarbeiten (Beck, 1995; Jütte et al. 22012) noch aus.

Ein neues Arbeitsfeld der sozial- und ereignisgeschichtlich orientierten Medizingeschichtsschreibung stellt auch das Thema ‚Medizin und Krieg‘ dar. Eine systematische medizinhistorische Aufarbeitung der größeren kriegerischen Auseinandersetzungen der Neuzeit setzt erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein, wenngleich die Medizingeschichte sich schon früh für diese Thematik interessierte (Garrison, 1922). Für die deutschsprachige Medizingeschichtsschreibung ist hier vor allem auf den 1987 [<<18] von Johanna Bleker und Heinz-Peter Schmiedebach vorgelegten Band Medizin und Krieg: Vom Dilemma der Heilberufe 1865–1985 zu verweisen. Interessiert an Zusammenhängen zwischen Krieg und medizinischem Fortschritt zeigt sich die österreichische Medizinhistorikerin Daniela Angetter (Krieg als Vater der Medizin, 2004). Neben einem Sammelband zur Medizingeschichte des Ersten Weltkrieges von Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann (Eckart/Gradmann,, 1996, 22003) liegt inzwischen auch eine Gesamtdarstellung vor (Eckart, 2014). Diese und andere Studien machen deutlich, wie schwierig es ist, das äußerst komplexe Geschehen der modernen Kriege in historisch-kritischer Perspektive auch nur annähernd zu umreißen. Wie leicht ein solches Unternehmen an der Materialfülle und aufgrund des Fehlens spezifischer Fragestellungen scheitern kann, belegt Hubert Fischers auf fünf Bände mit weit über 1000 Seiten angewachsener Versuch, die Geschichte des deutschen Sanitätsdienstes zwischen 1921 und 1945 (Der deutsche Sanitätsdienst 1921–1945. Organisation, Dokumente und persönliche Erfahrungen, 1982–1988) umfassend zu rekonstruieren. Jüngere Darstellungen versuchen, die komplexe deutsche Sanitätsgeschichte des Zweiten Weltkrieges unter dem Aspekt der Beziehungen zwischen Krieg, medizinischer Wissenschaft und NS-Politik zu beleuchten (Neumann, 2005; Eckart/Neumann, 2006).

Unter Medikalisierung (S. 357) im Sinne der Sozialgeschichte versteht man einen Prozess, in dem „die akademische Heilkunde aus einer ehemals marginalen Stellung zur beherrschenden Schulmedizin aufstieg“ (Seidel, 1998, S. 13). In enger Kooperation mit dem absolutistischen frühmodernen Staat, aber auch im Sinne einer Indienstnahme der ärztlichen Profession, die sich durch wachsende Zuverlässigkeit ihrer Heilhandlungen auszeichnet, sei die Heilkunde zu einer umfassenden öffentlichen Kontroll- und Regulierungsinstanz aufgestiegen. Ihre Ausübenden, die Ärzte, werden daher auch als „Wächter der Moral in der öffentlichen Gesundheit“ bezeichnet (Foucault, 1988, S. 54). So wird die Medikalisierung oft als ein Prozess gesehen, in dessen Verlauf die modernen Gesellschaften mit ihren Einzelindividuen zunehmend unter die Aufsicht der Ärzte als Diener des Staates gestellt wurden (Huerkamp, 1985; Frevert, 1985). Francisca Loetz hingegen betont in ihrer Definition von Medikalisierung am Beispiel des Großherzogtums Baden eher den Prozess einer Wechselwirkung zwischen Staat, Heilkunde und der Bevölkerung, in dem „nicht nur repressive politische und kulturelle Gewalt auf Untertanen, Kranke und Laientherapeuten ausgeübt wird, sondern auch medizinische Ansprüche an Staat und Ärzteschaft formuliert werden“ (Loetz, 1993, S. 50).

Neben der klassischen Krankheitsgeschichte, die sich – in der Vergangenheit häufig genug in fortschrittshistorischer Perspektive oder unter fragwürdigem Rückgriff auf retrospektive Versuche einer Diagnostik – wesentlich um die Beschreibung, Erklärung und Behandlung bestimmter Krankheiten bemüht hat, ist in den letzten Jahrzehnten [<<19] die Patientengeschichte (S. 201) und Körpergeschichte (S. 229) bedeutend geworden. Die Patientengeschichte entwirft neue Deutungsrichtlinien der Krankheitsgeschichte, die sehr viel stärker als zuvor den Patienten mit seiner individuellen Persönlichkeit, seinen eigenen Deutungen von Gesundheit und Krankheit und seinen Reaktionsweisen auf den Prozess von Krankheit und Heilung im Kontext seiner kulturellen und sozialen Lebenswelt einbezieht (Wolff, 1998; Ernst, 1999). Die Wahrnehmung des Patientenkörpers und des Patientengeschlechts berücksichtigen in diesem Zusammenhang die neuen Arbeitsbereiche der Körpergeschichte (S. 229) und Frauen- und Geschlechtergeschichte (S. 214). In engem Zusammenhang mit einer geschlechtsspezifischen Wahrnehmung kann in der Körpergeschichte der Leib als ‚sozialer Bedeutungsträger‘, der in einem Prozess gesellschaftlicher Zuschreibung seine spezifische Bedeutung erhält, interpretiert werden. Andererseits kann der Körper in einem zweiten körperhistorischen Ansatz auch als ‚soziales Konstrukt‘ aufgefasst werden, da er im jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext in der Selbst- und Fremdwahrnehmung sehr differenzierten Deutungen unterliegt. In einem dritten Ansatz schließlich kann der Körper auf einer abstrakteren Wahrnehmungsebene als ‚Produkt‘ gedeutet werden. In einer solchen Interpretation löst sich der Körper ganz aus seinen jeweiligen Konstitutionsprozessen. Seine Bedeutungen, Benennung, Differenzen und Ordnungen erweisen sich als Konstrukte und unterliegen permanent historischen und kulturellen Wandlungsprozessen (Stolberg, 1999; Lorenz, 2000).

Als bedeutende neue Teildisziplin und Instrument der Medizinhistoriographie ist hier noch die Historische Demographie (S. 261) zu nennen. Diese historische Hilfswissenschaft wendet sich elementaren Ereignissen im Lebenslauf (Geburt, Migration, Heirat, Tod), aggregativen Kennzahlen für ganze Bevölkerungen, z. B. Lebenserwartungen, eheliche Fruchtbarkeitsraten (= wie viele Geburten pro verheirateter Frau?), Bruttoreproduktionsraten (= wie viele Töchter pro Frau?), Heiratsalter, Ledigenquoten (= wie viel Prozent einer Altersgruppe sind noch unverheiratet?), sowie rechnerischen und kausalen Beziehungen zwischen den Elementen des Bevölkerungsprozesses und der Wirtschaft zu. Es liegt auf der Hand, dass einerseits die Medizinhistoriographie von Fragestellungen und Methoden der Historischen Demographie profitiert, andererseits aber auch die Historische Demographie medizinhistorischer Methoden und Ergebnisse bedarf, um ihre Fragestellungen zu schärfen und ihre Ergebnisse zu deuten (Imhof, 1977; Vögele, 1998, Ehmer, 2004, Szreter, 2004).

In enger Beziehung zur Historischen Demographie ist schließlich die Historische Epidemiologie zu sehen. Sie beschäftigt sich mit der Häufigkeit und Verteilung von Krankheiten in ihren historischen Dimensionen. Anders als die moderne Epidemiologie, die sich auf fundierte, nach eigenen Kriterien ausgewählte Datenaggregate wie [<<20] die Vitalstatistik stützen kann, ist historischen Befunden im Rahmen der Überlieferung ein Zufallscharakter zu eigen, der direkte und indirekte Quellen gleichermaßen betrifft. Als direkte Quelle kann aus Sicht der Anthropologie und Paläopathologie das biologische Substrat (Skelette, Skelettpopulationen) aufgefasst werden, das einer anthropologisch-medizinischen Befunderhebung dient. Andererseits sind auch indirekte Quellen einzubeziehen, die ihren Informationsgehalt aus schriftlichen oder bildlichen Überlieferungen beziehen und somit eng an entsprechende Nachbardisziplinen gebunden sind. In aktueller Perspektive beschäftigt sich die Epidemiologie vor allem mit Untersuchungen zur Verteilung von Krankheiten, zu physiologischen Variablen und sozialen Krankheitsfolgen in menschlichen Bevölkerungsgruppen sowie mit den Faktoren, die diese Verteilung beeinflussen. Sie erfasst in diesem Aufgabenspektrum Informationen über die Häufigkeit von Krankheiten und Hinweise auf bisher unbekannte Gesundheitsstörungen. Auf diese Weise leistet sie einen Beitrag zur Aufklärung von Risikofaktoren und Erkrankungsursachen, zur Bestimmung der Verteilung von Erkrankungsursachen in der Bevölkerung oder in der Umwelt sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit von Maßnahmen des Gesundheitswesens und damit auch zur Präventionsforschung. Epidemiologie ist in diesem Sinne immer auch Historische Epidemiologie, indem sie einerseits auf Daten kürzer oder länger zurückliegender Gesundheits- und Krankheitsphänomene zurückgreift und andererseits zukünftiger historischer Forschung bedeutendes Quellen- und Datenmaterial zur Verfügung stellt. Während zur Geschichte der Epidemien inzwischen zahlreiche Publikationen vorliegen (Kiple, 1994), steht ein umfassendes Handbuch zur Historischen Epidemiologie noch aus (Cliff/Haggett/Smallman-Raynor, 1998). Eher kritisch sind im Kontext der neueren historischen Epidemiologie Versuche einer retrospektiven Seuchenkartographie zu bewerten (Hoff/Smith, 2000).

1.1.3 Bibliographie

Ammerer, Gerhard/Brunhart, Arthur/Scheutz, Martin/Weiß, Alfred Stefan (Hg.): Orte der Verwahrung: die innere Organisation von Gefängnissen, Hospitälern und Klöstern seit dem Leipzig 2010.

Angetter, Daniela Claudia: Krieg als Vater der Medizin: Kriege und ihre Auswirkungen auf den medizinischen Fortschritt anhand der 2000-jährigen Geschichte Österreichs. Wien 2004.

Baader, Gerhard: Die Erforschung der Medizin im Nationalsozialismus als Fallbeispiel einer Kritischen Medizingeschichte. In: Bröer, Ralf (Hg.): Eine Wissenschaft emanzipiert sich – Die Medizinhistoriographie von der Aufklärung bis zur Postmoderne. Pfaffenweiler 1999, S. 113–120.

Beck, Christoph: Sozialdarwinismus, Rassenhygiene, Zwangssterilisation und Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens – eine Bibliographie zum Umgang mit behinderten Menschen im „Dritten Reich“ – und heute. 2., erw., aktualisierte und neu ausgestattete Ausg. Bonn 1995. [<<21]

Bleker, Johanna/Schmiedebach, Heinz-Peter (Hg.): Medizin und Krieg: Vom Dilemma der Heilberufe 1865–1985. Frankfurt am Main 1987.

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Bröer, Ralf (Hg.): Eine Wissenschaft emanzipiert sich – Die Medizinhistoriographie von der Aufklärung bis zur Postmoderne. Pfaffenweiler 1999.

Bynum, William F./Porter, Roy (Hg.): Companion Encyclopedia of the History of Medicine. 2 Bde. London, New York 1993.

Cliff, Andrew D./Haggett, Peter/Smallman-Raynor, Matthew [et al.]: Deciphering global epidemics: analytical approaches to the disease records of world cities, 1888–1912. Cambridge 1998.

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Dyck, Erika (Hg.): Locating health: historical and anthropological investigations of health and place (= Studies for the Society for the Social History of Medicine, Bd. 2) London 2011.

Eckart, Wolfgang Uwe: Medizin und Kolonialimperialismus: Deutschland 1884–1945. Paderborn 1997.

Eckart, Wolfgang Uwe: Medizin und Krieg: Deutschland 1914–1918. Paderborn 2014.

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Ehmer, Josef: Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1800 – 2000. München 2004.

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Szreter, Simon (Hg.): Categories and contexts: anthropological and historical studies in critical demography. Oxford 2004.

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Weindling, Paul: Nazi medicine and the Nuremberg Trials: from medical war crimes to informed consent. New York 2004.

Wolff, Eberhard: Perspektiven der Patientengeschichtsschreibung. In: Paul, Norbert/Schlich, Thomas (Hg.): Medizingeschichte: Aufgaben, Probleme, Perspektiven. Frankfurt am Main, New York 1998, S. 311–334.

1.2 Exkurs: Geschichte der Medizingeschichtsschreibung

Die Medizingeschichtsschreibung hat lange am Fortschrittsbegriff festgehalten (Button, 1988). Im Einzelnen sind drei Strömungen oder Richtungen zu unterscheiden: Am Anfang steht die konkrete und nachhaltige Erfahrung der Fortschritte, die in der naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzielt wurden. Die Wahrnehmung dieser Errungenschaft führte dazu, dass die Medizingeschichtsschreibung sich lange Zeit auf der „Siegerstraße“ bewegte und die Geschichte der Medizin als einen langen Weg aus dem Dunkeln des Nicht-Wissens in das helle Licht wissenschaftlicher Erkenntnis beschrieb. Diese Richtung hat immer noch Anhänger, wie ein Blick in ein auch heute noch gerne benutztes Lehrbuch zeigt (Ackerknecht, 1989, S. VII). Erst die „Professionalisierung“ der Medizingeschichte (Burnham, 1998) und das stetig wachsende Interesse von Medizinsoziologen und Sozialhistorikern an Krankheit und Gesundheit in der Geschichte (Sozialgeschichte, S. 173) seit den 1960er Jahren leiteten eine zweite Phase ein. Fortan wurde der Fortschritt zu einem theoretischen Konzept und damit zu einem medizinhistorischen Perspektivbegriff. Die Kritik an der Apparatemedizin und an den Strukturen des modernen Gesundheitssystems in den 1970er Jahren fand ihren Widerhall nicht zuletzt in der Medizingeschichtsschreibung. Das bis dahin vorherrschende, wenn auch theoretisch unterschiedlich fundierte Fortschrittsparadigma wurde in dieser dritten und bis heute andauernden Phase mehr und mehr in Frage gestellt. Das Augenmerk galt nicht mehr so sehr dem Fortschritt, sondern seinen Folgen und Bedingungen (Mayr, 1990). [<<24]

1.2.1 Medizingeschichte im Banne des Fortschritts

Die Anfänge der Medizingeschichtsschreibung reichen bis in die Antike zurück (Heischkel, 1938; Edelstein, 1967). Allerdings fragten die meisten dieser Autoren nicht explizit nach der „Geschichte“. Es ging also nicht um Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinne, sondern eher darum, den Nachweis zu führen, wer diese oder jene Anschauung in der Medizin vertreten oder erfunden hat. Charakteristisch für diese Herangehensweise ist, dass das Moment der zeitlichen Abfolge oder die Einordnung in den chronologischen Zusammenhang zurücktritt und die in der älteren medizinischen Literatur vertretenen Ansichten als durchaus aktuell und relevant angesehen werden. Das erinnert an den Ratschlag, der sich in der Schrift Von der alten Medizin im Corpus Hippocraticum findet, dass nämlich ein Arzt wissen müsse, was andere vor ihm gefunden haben, damit er davon ausgehen könne (Hippokrates, 1895, I, S. 19). An dieser Einstellung und Betrachtungsweise ändert sich bis weit in die Frühe Neuzeit hinein kaum etwas. Meist sind es Einleitungen zu medizinischen Werken, in denen zwar nicht die für die Idee des Fortschritts entscheidende Frage nach der Entwicklung der Medizin bis zur jeweiligen Gegenwart gestellt wird, dafür aber von den Anfängen der Medizin und den ersten Ärzten die Rede ist (Diepgen, 1924). Der Rückblick auf die Vergangenheit der Heilkunde blieb somit meist diffus. Gleichwohl findet man in dieser frühen Zeit schon gelegentlich Werke, in denen die Errungenschaften der Vergangenheit mit dem zeitgenössischen Wissens- und Erkenntnisstand durchaus kritisch verglichen werden (Heischkel-Artelt, 1949).

Auch die eigentliche Medizingeschichtsschreibung, die im 17. und 18. Jahrhundert mit Namen wie Daniel Le Clerc (1652–1728), John Freind (1675–1728) und Johann Heinrich Schulze (1687–1744) verbunden ist (Bickel, 2007; Rüttgen/Metzger, 2009), beschreibt noch nicht die Entwicklung der medizinischen Theorie, sondern zeichnet sich eher durch sorgfältige Quellenforschung und bio- und bibliographische Angaben in streng chronologischer Reihenfolge aus. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts spürt man, dass geistige Strömungen dieser Zeit (Stichwort ‚Aufklärung‘) und politische Ereignisse von großer Tragweite (Stichwort ‚Französische Revolution‘) ihre Spuren auch im historischen Bewusstsein von Verfassern medizinhistorischer Medizinhistorische Gesamtdarstellungen (S. 85) hinterlassen haben (Lammel, 2005). Damals tauchte erstmals der Begriff „Fortschritt“ auf, und zwar zu genau derselben Zeit, als ‚Fortschritt‘ als spezifisch geschichtlicher Begriff, nicht zuletzt unter dem Einfluss Kants, Eingang in die politisch-soziale Sprache des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts fand. So heißt es beispielsweise in einer sich als „pragmatisch“ verstehenden Literaturgeschichte der Medizin jener Zeit: „[…] die Geschichte ihrer Entstehung, Bildung, Fortschritte [<<25] und allmähliger Vervollkommnung zeigt unwidersprechlich, dass die Arzneywissenschaft, mehr als irgendeine der menschlichen Wissenschaften auf den Bedürfnissen des Menschengeschlechts gegründet, nebst der Philosophie den ersten Rang unter den Wissenschaften behauptet“ (Metzger, 1792, S. 1). Bezeichnenderweise wird hier der Begriff ‚Fortschritt‘ noch im Plural verwendet. Erst im beginnenden 19. Jahrhundert wird aus der historiographischen Darstellung einzelner Fortschritte auf dem Gebiet der Heilkunde und der medizinischen Wissenschaft der ‚Fortschritt‘ schlechthin in der Medizingeschichte.

Mit dem Gebrauch dieses Kollektivsingulars hat sich ein historisches Bewusstsein durchgesetzt, dass die Geschichte sich nicht mehr wiederhole, dass die Gegenwart der Vergangenheit überlegen sei und dass die kommende Geschichte anders, und zwar besser, sein werde. Dieser Wandel manifestiert sich sowohl in den maßgeblichen medizinhistorischen Gesamtdarstellungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts (Sprengel, 1792–1803) als auch in den Untersuchungen zur Geschichte einzelner medizinischer Disziplinen, die im Zeitalter der romantischen Medizin verfasst worden sind (Engelhardt, 1979, 1984). Einer der bedeutendsten Vertreter dieser Richtung ist Heinrich Damerow, der von 1798 bis 1866 lebte (Risse, 1969). In seinem bekannten Werk Die Elemente der nächsten Zukunft der Medicin, entwickelt aus der Vergangenheit und Gegenwart (Berlin 1829) beschreibt er die Geschichte der Medizin als einen mehr oder weniger geradlinig verlaufenden Entwicklungsprozess in Analogie zur Stufenlehre, wie man sie beispielsweise in der damaligen Embryologie antrifft. Auch bei seinem Zeitgenossen Ernst Anton Quitzmann (1809–1879) ist die Geschichte der Heilkunde gleichbedeutend mit dem „Weg zur Wahrheit der Heilkunde“ (Quitzmann, 1843, S. 4). Anknüpfend an Damerow findet sich bei ihm ein Entwicklungsschema der Medizingeschichte, das vom Keim über die Gestaltwerdung und Blüte bis zur Reife reicht (Quitzmann, 1837). Die Funktion des Fortschrittsbegriffs ist hier ganz offenkundig. Quitzmann ging es darum, mit seiner philosophisch an Hegel und Schelling orientierten medizinhistorischen Überblicksdarstellung „einen festen, vollkommen durchsichtigen Anhaltspunkt für die Bestrebungen des Fortschrittes dar[zu]bieten“ und auf diese Weise „die chaotische Masse nach ihren beseelenden Grundideen zu konzentrieren“ (Quitzmann, 1843, S. XII). Im Gegensatz zu reinen Bewegungsausdrücken wie ‚Fortgang‘, ‚Entfaltung‘ oder ‚Entwicklung‘ manifestiert sich hier in der Verwendung des Begriffs ‚Fortschritt‘ eindeutig eine für die Zukunft offengehaltene Möglichkeit der Steigerung und Verbesserung.

Das neue und geschärfte historische Bewusstsein zeigt sich aber nicht nur in der Medizingeschichtsschreibung jener Zeit, sondern auch in den programmatischen Äußerungen von Ärzten und Naturforschern, die sich als Motoren oder zumindest als [<<26] Mentoren des Fortschritts verstanden. Eine sehr ergiebige Quelle sind die Eröffnungsreden zu den Versammlungen deutscher Naturforscher und Ärzte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf der Heidelberger Versammlung des Jahres 1829 erklärte der Physiologe Friedrich Tiedemann (1781–1861) im vollen Brustton der Überzeugung: „Die Natur-Wissenschaften und die Heilkunde, deren glänzende Fortschritte ich in der Kürze anzudeuten gewagt habe, liefern den Beweis, wie ihn keine andere Wissenschaft zu geben imstande ist, dass der menschliche Forschungs-Geist in einem unaufhaltsamen Weiterschreiten begriffen ist, keine hemmenden Schranken seiner Wirksamkeit kennend“ (zitiert nach Schipperges, 1976, S. 15). Auf der Versammlung, die 1854 in Göttingen stattfand, hielt der Chirurg Wilhelm Baum (1799–1883) die Eröffnungsansprache und verstieg sich dabei zu der kategorischen Behauptung: „Der Fortschritt ist so schlagend wie beruhigend für den Blick in die Zukunft“ (zitiert nach Schipperges, 1976, S. 29). Seinen Optimismus bezog Baum aus dem gewaltigen Umbruch, der sich zu jener Zeit in der Medizin vollzog und dessen Augenzeuge er geworden war. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die naturwissenschaftliche Medizin, wie sie von Rudolf Virchow (1821–1902), Johannes Müller (1801–1858), Hermann von Helmholtz (1821–1894) und anderen praktiziert und propagiert wurde, auf dem besten Wege, der bislang in Deutschland vorherrschenden naturphilosophischen Schule den Rang abzulaufen. Auf der 35. Versammlung in Königsberg (1860) ergriff Virchow, der Begründer der Zellularpathologie, erstmals das Wort und sprach als selbstbewusster, in die Zukunft blickender Arzt und Naturforscher über ein Thema, das so ganz nach seinem Geschmack war, nämlich „über den Fortschritt in der Entwicklung der Humanitätsanstalten“ (Schipperges, 1968, S. 50). Der Fortschrittskult, dem auf den Versammlungen dieser illustren wissenschaftlichen Gesellschaft in den folgenden Jahrzehnten ausgiebig gehuldigt wurde, erreichte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt.

Wie sehr die Medizingeschichte und die naturwissenschaftliche Medizin damals weltanschaulich konform gingen, zeigt sich beispielsweise in der medizinhistorischen Vorlesung, die Carl August Wunderlich (1815–1877) in Leipzig hielt und die 1859 im Druck erschien. Darin klingt bereits an, was wir auch bei den medizinischen Koryphäen dieser Zeit, wie z. B. bei dem bereits erwähnten Rudolf Virchow, zur gleichen Zeit oder wenig später ähnlich formuliert finden. Nach Wunderlich ist die „Geschichte der medicinischen Wissenschaft“ nicht mehr, aber auch nicht weniger als „die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes, dessen eingeborener Trieb nach Wahrheit sich nach allen Richtungen geltend macht […]“ (Wunderlich, 1859, S. 2). Etwas vorsichtiger drückt sich der Medizinhistoriker Johann Hermann Baas (1838–1909) in seinem Leitfaden der Geschichte der Medicin (Stuttgart 1880) aus. Dort heißt es in der Einleitung: „Beobachten wir nun die geistige Entwicklung der Menschheit unter [<<27] Führung der Culturgeschichte, so liefert sie den erhebenden Erfahrungsbeweis, dass jene, wenn auch nur zum ganz allmähligen Fortschreiten, wobei langer Stillstand und zeitweiliger Rückgang stets als die für künftige neue Fruchtbildung nöthigen Ausruhezeiten des vorhandenen oder zur Vorbereitung eines neuen Culturbodens erscheinen, zum Wachstum an Wissenschaft, Können und Erkenntnis berufen ist“ (Baas, 1880, S. 2). Baas ist zudem der erste Medizinhistoriker im eigentlichen Sinne, der die neuesten Errungenschaften der modernen, naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin gelegentlich durchaus skeptisch betrachtete, wie ein Beispiel aus seinem 1876 erschienenen medizinhistorischen Überblickswerk zu zeigen vermag. Im Abschnitt über die Erfindung und den Einsatz des Mikroskops in der Medizin wird die ältere medizinhistorische Arbeit von Metzger aus dem Jahre 1792 zustimmend zitiert, in der von dem „zweideutig[en] Nutzen“ in Bezug auf die „grossen Hülfsmittel der Fortschritte in der Anatomie“ (Baas, 1876, S. 383) die Rede ist.

Die großen medizinhistorischen Standardwerke des frühen 20. Jahrhunderts sehen in der Medizingeschichte ähnlich wie in der Kulturgeschichte „ein Hinauswachsen über die tierische Organisation durch Steigerung oder Entlastung ihrer Leistungen“ (Neuburger, 1906, I, S. 1) und verwenden damit ebenfalls implizit den Fortschrittsbegriff. Julius Pagel (1851–1912), neben Max Neuburger (1868–1955) einer der Väter der modernen Medizingeschichtsschreibung, bezeichnete die Medizin seiner Zeit als „Ergebnis einer, nicht zu hoch gegriffen, mehrtausendjährigen Geistesthätigkeit, das Resultat einer in unaufhaltsamer Entwickelung fortschreitenden geistigen Arbeit“ (Pagel, 1898, S. 1). Auch die beiden Medizinhistoriker Theodor Meyer-Steineg (1873–1936) und Karl Sudhoff (1853–1938), die zusammen eine medizinhistorische Überblicksdarstellung verfassten, bezweckten damit, einen „zuverlässigen Einblick in die fortschreitende Entwicklung ihrer Wissenschaft und deren praktischer Betätigung“ (Meyer-Steineg/Sudhoff, 1922, S. III) zu geben.

Die genannten Autoren stehen also ausnahmslos in der Tradition der fortschrittsgläubigen Medizingeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, obgleich sie den Begriff ‚Fortschritt‘ häufig nur im Plural verwenden und auf explizite geschichtsphilosophische Bekenntnisse jedweder Art verzichten. Denn bis weit in die 1920er Jahre, als Wissenschaft und Technik sich weiter ungestüm entfalteten, war auch für die wenigen Medizinhistoriker, die es damals an deutschen Universitäten gab, der medizinische Fortschritt als stetige Aufwärtsentwicklung eine erwiesene und unangefochtene Tatsache. Diesem Umstand trug man selbstverständlich in den Überblicksdarstellungen zur Geschichte der eigenen Disziplin Rechnung, und er bedurfte nicht vieler erklärender Worte.

Erste größere Risse erhielt dieses Weltbild in der Diskussion um die sogenannte „Krise in der Medizin“ (Klasen, 1984), die gegen Ende der Weimarer Republik einsetzte [<<28] und das Vertrauen vieler Mediziner in die naturwissenschaftliche Medizin und ihre stetigen Fortschritte nachhaltig erschütterte. Im Mittelpunkt der in zahlreichen Fachpublikationen ausgetragenen Debatte um Krisenerscheinungen in der zeitgenössischen Medizin stand zweifellos das naturwissenschaftliche Paradigma der sogenannten „Schulmedizin“ und damit auch der diesem immanente Fortschrittsglaube. Es ist bezeichnend, dass sich unter den Ärzten, die damals als Wortführer in der Diskussion um die „Krise der Medizin“ in Erscheinung traten, ebenfalls ein Vertreter des Faches „Medizingeschichte“ befand, nämlich der Internist und spätere Lehrstuhlinhaber für Geschichte der Medizin an der Universität Gießen Georg Honigmann (1863–1930). Er veröffentlichte 1925 in der Münchner Medizinischen Wochenschrift eine Artikelserie über die „Hauptperioden der geschichtlichen Entwicklung“, die im gleichen Jahr noch in Buchform erschien. Dort heißt in dem Kapitel, das sich mit den Errungenschaften der modernen Medizin (Bakteriologie, Chemotherapie, Chirurgie) befasst: „Blicken wir noch einmal angesichts dieser nur die wichtigsten Entwicklungszeichen skizzierenden Darstellung auf das Gesamtbild der Epoche zurück, auf der sich nun die Heilkunde unserer Tage aufbaut. Wir sehen unter dem Hochdruck materialistischer und mechanistischer Weltanschauung und Methodik eine Fülle tatsächlicher Befunde angehäuft, die die Leistungsfähigkeit dieser Denk- und Arbeitseinstellung glänzend dartun, auf der anderen Seite aber auch gewisse Zeichen ihrer Dämmerung, des beginnenden Verfalls ihrer Herrschaft“ (Honigmann, 1925, S. 108). Hier deutet sich bereits ein Meinungswandel an, und zwar insofern, als in der Geschichte der Medizin nicht mehr unbedingt eine geradlinige Entwicklung vom Primitiven zum Höherstehenden gesehen wird. Im Gegenteil: Der zeitgenössischen, einseitig naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin wird von Honigmann und anderen der historische Spiegel vorgehalten.

Der entscheidende epistemologische Bruch in der Medizingeschichtsschreibung trat aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein, als der Nürnberger Ärzteprozess den bis dahin noch vorherrschenden Fortschrittsglauben stark erschütterte und vielen Ärzten und Medizinhistorikern klarmachte, dass das frühere Idealbild von einem unaufhörlichen, wissenschaftlichen, sozialen und ethischen Fortschritt sich nicht hat verwirklichen lassen und wohl immer ein Wunschtraum bleiben würde. Von dieser Einsicht ist allerdings in den beiden ersten medizinhistorischen Überblicksdarstellungen, die nach 1945 in Deutschland erschienen, noch nichts zu spüren. Paul Diepgen (1878–1966) konstatiert in seinem medizinhistorischen Standardwerk in den verschiedensten Epochen (z. B. Barock) durchaus „Fortschritte der praktischen Medizin“ und spricht sogar in Hinblick auf sein eigenes Metier von „große[n] Fortschritte[n]“ (Diepgen, 1949, I, S. 9), die durch die Erschließung neuer Quellen und durch zahlreiche [<<29] Einzelstudien erzielt worden seien. In der ein Jahr zuvor erschienenen Einführung in die Geschichte der Medizin in Einzeldarstellungen von Rudolf Creutz (1866–1949) und Johannes Steudel (1901–1973) wird die Geschichte der Medizin ebenfalls noch als „von Jahrhundert zu Jahrhundert fortschreitend“ (Creutz/Steudel, 1948, S. 7) mit knappen Strichen skizziert.

Ein ähnliches Bild bietet die angloamerikanische Medizingeschichtsschreibung in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch in der zweiten Auflage des Standardwerks von Charles Singer (1876–1960) und Edgar Ashworth Underwood (1899–1980) betonen die Autoren, dass es ihnen im Wesentlichen darum gehe, die Fortschritte der Medizin durch die Jahrhunderte hindurch zu verfolgen (Singer/Underwood, 1962, S. 742). Auch die einflussreiche Darstellung von Richard Shryock (1893–1972) (The development of modern medicine: an interpretation of the social and scientific factors involved, 1936), die 1940 und in 2. Auflage wieder 1947 sogar in deutscher Übersetzung erscheinen konnte 1980 noch einmal in Amerika nachgedruckt wurde, kommt zu dem Schluss, dass der „Fortschritt der Wissenschaft durch die zunehmende Verwendung von Messungen und anderen quantitativen Methoden gefördert wurde“ (Shryock, 1940, S. VII). Die deutsche Ausgabe (1940) hat wohl nur mit einem Vorwort von Paul Diepgen erscheinen können. Dessen Einleitung glich dem Sprachduktus der Machthaber: „Glück und Fortschritt einer völkischen Gemeinschaft hängen zum großen Teil vom Stand der medizinischen Wissenschaft und von dem Umfang ab, in dem man sie für die öffentliche Wohlfahrt fruchtbar macht. Wege und Irrwege dazu werden aus der Geschichte gezeigt. Ein nachdenkliches Buch, mit allen Vorzügen einer flotten Darstellung […]“ (Shryock, 1940, S. VI).

Selbst der international wohl bekannteste Vertreter einer Sozialgeschichte der Medizin, der englische Medizinhistoriker Roy Porter (1946–2002), verfasste 1997 ein medizingeschichtliches Übersichtswerk, das einer Geschichte des Ärztestandes und des medizinischen Fortschritts das Wort redet. Porters einfache wie überzeugende Erklärung dafür lautet: „[…] es gibt einen guten Grund, Gewinner in den Vordergrund zu stellen – nicht weil sie ‚am besten sind‘ oder ‚Recht haben‘, sondern weil sie mächtig sind“ (Porter, 2000, S. 13). Immerhin versteht es Porter geschickt, diese vermeintliche Geschichte des medizinischen Fortschritts und der Medikalisierung (S. 357) aller nur möglichen Lebensbereiche gelegentlich zu unterbrechen und den zahlreichen Gegenkräften (wie z. B. rasch mutierenden Viren und widerspenstigen oder uneinsichtigen Patienten) die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. [<<30]

1.2.2 Jenseits des Fortschritts

Der erste deutsche Medizinhistoriker, der nach dem Zweiten Weltkrieg den bis dahin kaum hinterfragten Fortschrittsbegriff problematisierte, ist der Hamburger Medizinhistoriker Charles Lichtenthaeler (1915–1993). Er plädierte in seinen Vorlesungen aus den späten 1960er Jahren dafür, den Fortschrittsbegriff aus der Medizingeschichte nicht grundsätzlich auszuklammern, sondern zwischen einem „allgemeinen ,Lauf der Geschichte‘ und einem ,geschichtlichen Fortschritt‘“ (Lichtenthaeler, 1977, S. 91) zu unterscheiden, wobei im letzteren Falle seiner Meinung nach „zwischen den großen und entscheidenden, epochalen Aufwärtsbewegungen und den zahllosen Einzelfortschritten auf allen Gebieten menschlicher Betätigung“ streng zu trennen sei. Als Beispiel für die berechtigte Verwendung des Kollektivsingulars nennt er die Überwindung der Magie durch die Ratio in der Antike. Gleichwohl lehnt er es ausdrücklich ab, den „progressistischen und scientistischen“ Medizinhistoriker einfach nachzuahmen und bei der Periodisierung der Medizingeschichte das angebliche „Auf und Ab des pragmatischen medizinischen Fortschritts“ und die damit verbundene Unterscheidung zwischen „guten“ Epochen mit vielen wissenschaftlichen Errungenschaften und weniger ertragreichen Perioden als Richtschnur zu nehmen.

1976 erschien ein Buch des englischen Historikers Thomas McKeown (1912–1988), das eine bis heute nicht enden wollende Grundsatzdebatte unter Medizin- und Sozialhistorikern ausgelöst hat (McKeown, 1976). McKeown stellte zwar den Fortschrittsbegriff nicht grundsätzlich in Frage, doch kratzte er mit seinen aufsehenerregenden Thesen erheblich am Mythos, dass es die Fortschritte in der Medizin waren, die zu einem dramatischen Rückgang der Sterblichkeit (vor allem an Infektionskrankheiten) und einer erheblichen Verlängerung der Lebenszeit führten. Die Kernsätze dessen, was inzwischen als McKeown-Hypothese bekannt ist, lauten in seinen eigenen Worten: „Die Sterblichkeit durch verbreitete Infektionen (Tuberkulose, Lungenentzündung, Scharlach, Masern, Keuchhusten usw.) war bereits ziemlich gesunken, sieht man vielleicht von der Diphtherie ab, bevor wirksame Schutzimpfungen und die Chemotherapie zur Verfügung standen. Die bedeutendste Leistung der biomedizinischen Wissenschaft bestand in der Verbreitung der Hygiene-Maßnahmen, die durch das Krankheitsverständnis und die Identifikation der Mikroorganismen möglich wurde. Die Kontrolle der Infektionen ließ sich zumindest auf die Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie auftraten, zurückführen“ (McKeown, 1982, S. 240). Neben der Hygiene, die noch als eine Domäne der Medizin betrachtet werden kann, waren es nach McKeown andere, primär nicht-medizinische Faktoren, deren Wandel die [<<31] genannten historisch-demographischen Folgen gezeitigt hat, nämlich die Anhebung des Lebensstandards und die verbesserte Ernährung.

Die These, dass der Beitrag, den die auf ihre ‚Fortschritte‘ bislang so stolze biomedizinische Forschung zur Verhinderung von Todesfällen in den letzten drei Jahrhunderten leistete, kleiner war als der anderer Einflussfaktoren, blieb nicht unwidersprochen. Gleichwohl war McKeowns medizinhistorische Beweisführung zunächst Wasser auf den Mühlen einiger Sozialhistoriker, die unter dem Einfluss der populären Medizinkritik von Autoren wie Thomas Szaz (1961), Ivan Illich (1976) oder Ian Kennedy (1981) sich herausgefordert fühlten, den Fortschrittsmythos, der die Medizingeschichte lange Zeit dominierte, Stück für Stück zu demontieren. Wie immer man auch zu McKeowns umstrittener Gesamtschau der Medizin- und Bevölkerungsgeschichte (Historische Demographie, S. 261) der letzten 300 Jahre stehen mag, eines kann, wie selbst seine Kritiker zugeben, im Rückblick auf die professionell betriebene Medizinhistoriographie der letzten 30 Jahre nicht bestritten werden: Der Fortschrittsgedanke hat dort seitdem – epistemologisch betrachtet – entscheidend an Boden verloren.

Nicht nur die Kontroverse um die Thesen McKeowns erschütterte in den 1980er Jahren die Medizingeschichte, die bis dahin weitgehend whiggish ausgerichtet war, um einen aus der Politikgeschichte entlehnten Ausdruck eines englischen Historikers (Butterfield, 1931) zu gebrauchen. Auch von einer ganz anderen Seite geriet die Geschichte der Ärzte und ihrer Leistungen unter Beschuss. Bereits einige Jahrzehnte vor der Welle der Kritik an dem „inhumanen“, weitgehend naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin-Betrieb unserer modernen Industriegesellschaft, die in den späten 1970er Jahren einsetzte, hatte der englische Medizinhistoriker Douglas Guthrie (Guthrie, 1945) gefordert, den Patienten mehr als bisher in den historiographischen Blick zu nehmen (Patientengeschichte, S. 201).

Mit der Öffnung der Geschichtswissenschaften zu den Sozialwissenschaften, die sich in Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren vollzog, haben sich nicht nur die Methoden der Geschichtswissenschaft geändert, auch ihr Objektbereich hat sich vergrößert. In der „Sozialgeschichte in Erweiterung“, wie sie dem Heidelberger Historiker Werner Conze (1910–1986) vorschwebte, sollte nach den Vorstellungen einer jüngeren Historikergeneration auch der Bereich Krankheit und Gesellschaft einen Platz finden. Doch das inhaltliche und methodische Innovationspotential, das die historischen Sozialwissenschaften an anderen Objekten wie Kindheit, Sexualität, Alter und Tod bereits erprobt hatten, blieb in der Medizingeschichte lange Zeit ungenutzt. Erst relativ spät entdeckte die Sozialgeschichte (S. 173) der Medizin auch die Welt des kranken und sterbenden Menschen als lohnendes Objekt ihrer Forschungen (Jütte, 1991; Lachmund/Stollberg, 1995; Stolberg, 2003, 2011; Anderheiden/Eckart, 2012). Nur allmählich setzte [<<32] sich die Auffassung durch, dass das erlebte Leiden genauso wichtig ist, wenn nicht sogar wichtiger als die objektivierte Krankheit und deren Behandlung. Nicht die Leiden eines mehr oder weniger bekannten Individuums standen fortan im Brennpunkt des Interesses, sondern die gesellschaftlich und kulturell geprägte Einstellung zum Leiden, der Umgang mit Krankheit und nicht zuletzt die Bewältigung von Kranksein in einem sozialen System (Schnalke/Wiesemann, 1998). Diese veränderte Blickrichtung einer Medizingeschichte „von unten“ (Roy Porter) betonte eher die Kontinuitäten im medikalen Verhalten der Menschen früherer Zeiten im Vergleich zu heute, wenngleich historische Brüche und Verwerfungen durchaus gesehen und zeitlich verankert wurden. Kategorien wie ‚Fortschritt‘ und ‚Entwicklung‘ galten als eher nebensächlich. Wenn sie überhaupt auftauchten, dann im negativen Zusammenhang, ganz im Sinne der von Jürgen Habermas postulierten „Kolonialisierung der Lebenswelt“ und der damit verbundenen Frage nach den ökonomischen und sozialen Kosten der in der Medizingeschichte nachweisbaren Modernisierungsschübe. Auf diese Weise ließ sich der ideologisch vorbelastete Begriff des ‚medizinischen Fortschritts‘ geschickt vermeiden.

1.2.3 Ausblick

Man kann sich in der Tat darüber streiten, ob die Medizin wirklich das Wohlbefinden der Menschen verbessert hat. Die moderne Kritik am immanenten Fortschrittsbegriff in der Medizingeschichte hat viele Facetten. Sie beschränkt sich nicht darauf, den positiven Wert medizinischer Entdeckungen zu bestreiten. Die Medizinkritik, die in diesem Falle von Historikerinnen und Historikern unterschiedlichster fachlicher Herkunft kommt, musste sich – wollte sie den vermeintlichen Gegner dort treffen, wo er am überzeugendsten war – darum bemühen, den tatsächlich erzeugten diagnostischen und vor allem therapeutischen Fortschritt zu relativieren. So konnte beispielsweise durch den Hinweis auf die kultur- und zeitspezifische Relativität der jeweiligen Bezugsbasis gegen die Verwendung des Fortschrittsbegriffs in der Medizingeschichte Stellung genommen werden. Da es Medizinhistoriker aber mit sozial konstruierten und damit sehr diffusen Kategorien wie „Gesundheit“ beziehungsweise „Krankheit“ zu tun haben, führt jede Kritik am Fortschritt wie auch seine Apologie in eine hermeneutische Sackgasse. Ob mit dem medizinischen Fortschritt das Leben wirklich „besser“ oder gar „gesünder“ wird, oder ob sich im Grunde kaum etwas verändert, kann letztlich auch vom „Weltgericht“ der Medizingeschichte nicht entschieden werden. Da die Vorstellung eines wissenschaftlich-technischen Fortschritts viel zu stark im Alltagsbewusstsein der Menschen verankert ist, wird sich auch die Medizingeschichtsschreibung selbst in der Zukunft schwertun, ohne eine – wenn auch durchaus kritische – Reflexion oder Berücksichtigung dieses Konzepts auszukommen. [<<33]

1.2.4 Bibliographie

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2 Quellen, Literatur, Hilfsmittel und Forschungseinrichtungen
2.1 Gedruckte und ungedruckte Quellen und deren Zitierweisen

Als traditionelle Grundlagen medizinhistorischer Forschung dienen gedruckte und ungedruckte Quellen. Zu den gedruckten Quellen zählt prinzipiell die gesamte ausgewertete Literatur. Sie ist in die Fußnoten sowie ins Literaturverzeichnis vollständig aufzunehmen. Nicht ausgewertetes, aber eingesehenes Schrifttum kann – je nach Relevanz – als Hinweis zum negativen Ausschluss im Sinne des „nicht bei“ in die Fußnoten aufgenommen werden, gehört aber nicht ins Literaturverzeichnis. In der Regel handelt es sich bei der einschlägigen Sekundärliteratur um selbständige monographische Literatur (Bücher, Broschüren etc.), um Zeitschriften-, Handbuch- und Lexikon-Beiträge sowie um gedruckte Protokolle, Denkschriften, Flugblätter, Handzettel, Werbeschriften und ähnliches Schrifttum. Fundorte dieser Literaturgruppe sind in der Regel Bibliotheken, wobei diese – mit Ausnahme seltener Schriften – nicht eigens im Literaturnachweis aufgeführt werden müssen. Gelegentlich findet man Flugblätter, Handzettel, gedruckte Ankündigungen, Plakate etc. aber auch in Archiven und Sammlungen. In solchen Fällen ist der Zitierweise für archivalisches Schriftgut zu folgen (vgl. dort).

Die Zitierweise des gedruckten Schrifttums wird unterschiedlich gehandhabt, muss aber immer dem Prinzip der Eindeutigkeit und der Einheitlichkeit folgen. Das heißt, dass innerhalb des Textes die einmal gewählte sinnvolle Zitierweise für einen bestimmten Literaturtypus grundsätzlich einzuhalten ist. Eindeutige und vollständige Literaturangaben nennen bei unabhängig erscheinendem Schrifttum (Bücher, Broschüren etc.): die Verfasserin oder den Verfasser, den vollständigen Titel der Schrift, Erscheinungsort, [ggf.] Verlag und Erscheinungsjahr und schließen immer mit einem Punkt. Beispiele für bibliographische Angaben im Literaturverzeichnis:

Schueller, Max: Die Parasiten im Krebs und Sarkom des Menschen. Jena: Verlag von Gustav Fischer 1901.

Schueller, Max, Die Parasiten im Krebs und Sarkom des Menschen, Jena, Verlag von Gustav Fischer, 1901. [<<37]

Bei mehreren Verfassern ist die Zitierweise ähnlich. Wichtig ist, dass hier alle Verfasser genannt werden müssen, sofern sie ermittelbar sind. Es kann nach der reinen Kommaregel zur Abtrennung der Verfasser verfahren werden; es sind aber auch andere Varianten möglich. Bei einem konstruierten Beispiel mit mehreren Autoren könnten zwei mögliche Varianten so aussehen:

Mueller, Max/Meyer, Frieda: Die Parasiten im Kleinhirn der Maus. Jena, Verlag von Gustav Fischer, 1901.

oder:

Mueller, Max u. Frieda Meyer: Die Parasiten im Kleinhirn der Maus. Jena, Verlag von Gustav Fischer, 1901.

Bei neuerer Literatur kann auch die Angabe zur ISBN aufgenommen werden. Maßgeblich sind hier die Zitieranweisungen in den jeweiligen Promotionsordnungen oder die redaktionellen Richtlinien der Fachzeitschriften. Fußnoten sollen bei der ersten Nennung der Literaturstelle vollständig (wie im Literaturverzeichnis) sein. Alle folgenden Zitationen des gleichen Titels dürfen abgekürzt erfolgen. Auch hier gilt das Prinzip der Eindeutigkeit, das heißt, dass der gewählte Kurztitel unzweideutig im Literaturverzeichnis ermittelt werden kann. In der Fußnote müssen immer auch die zitierten Seiten angegeben werden, es sei denn, es soll lediglich auf den Titel hingewiesen werden. Seitenübergreifende Zitate enthalten die Seite des Zitatbeginns und die des Zitatendes. Der Hinweis auf die Seitenangabe vor der Nennung der Seitenzahlen, also „S.“, ist sinnvoll, aber nicht zwingend erforderlich. Beispiele für Titel-Kurznennungen in der Fußnote:

Schueller, Parasiten, (1901), S. 15–16.

Schueller, Parasiten, 15–16.

Bei der ersten vollständigen Literaturnennung in der Fußnote kann mit der Nennung des Vornamens begonnen werden, weil es hier nicht auf die alphabetische Ordnung (wie im Literaturverzeichnis) ankommt. Gelegentlich fehlen Angaben zu Verfasserin oder Verfasser; in solchen Fällen beginnt die Angabe in der Fußnote mit dem Titel, während im Literaturverzeichnis der Titel alphabetisch nach dem ersten bedeutenden (erkenntnisleitenden) Begriff eingeordnet wird. Beispiel: Die Traumatische Neurose findet sich im Literaturverzeichnis unter der Initialgruppe „T(raumatische)“ oder „N(eurose)“, nicht aber unter „D(ie)“. Fehlende Angaben zum Druckort oder zum Druckjahr werden mit den Abkürzungen „o. O.“ (ohne Ort) oder „o. J.“ (ohne Jahr) gekennzeichnet. [<<38]

Beiträge aus Sammelbänden werden prinzipiell unter Nennung des Bandtitels, des oder der Herausgeber(innen) zitiert. Die Angabe der Beitragsseitenzahl erfasst im Literaturverzeichnis die erste und letzte Seite des Beitrags. Beispiele für Literaturangaben aus Sammelbänden im Literaturverzeichnis:

Renner, Renate/Zimmermann, Susanne: Der Jenaer Kinderarzt Jussuf Ibrahim (1877–1953) und die Tötung behinderter Kinder während des Nationalsozialismus. In: „Kämpferische Wissenschaft“ – Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, hrsg. v. Uwe Hoßfeld, Jürgen John, Oliver Lemuth, Rüdiger Stutz. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag 2003, S. 437–451.

Renner, Renate, Susanne Zimmermann, Der Jenaer Kinderarzt Jussuf Ibrahim (1877–1953) und die Tötung behinderter Kinder während des Nationalsozialismus, in: „Kämpferische Wissenschaft“ – Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, hrsg. v. Uwe Hoßfeld, Jürgen John, Oliver Lemuth, Rüdiger Stutz, Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag, 2003, S. 437–451.

Auch hier sollten in den Fußnoten nach der Erstaufnahme der Literaturangabe eindeutige Kurztitel gewählt werden. Beispiele für Kurztitel:

Renner, Zimmermann, Jussuf Ibrahim, (2003), S. 437–451.

Renner, Zimmermann, Jussuf Ibrahim, 437–451.

Bei Zitaten aus Zeitschriftenbeiträgen gehören analog die Nennung des vollständigen Zeitschriftentitels oder der üblichen Titelabkürzung, die Nennung des Zeitschriftenbandes sowie des Erscheinungsjahres und der Seitenzahlen zur vollständigen Literaturangabe. Bei der Erstangabe in der Fußnote wird zunächst der gesamte Seitenumfang, gefolgt von der Seitenangabe des Zitats, genannt. Heftnummern sind nur dann erforderlich, wenn jedes Heft einzeln paginiert wird. Ins Literaturverzeichnis gehört ebenfalls die Angabe des Seitenumfangs, hier allerdings ohne Nennung der Zitatseite(n). Beispiele für die Nennung im Literaturverzeichnis sowie in der ersten Fußnote:

Erste Fußnote:

Rheinberger, Hans-Jörg: Rezente Wissenschaft und ihre Erforschung – Das Beispiel Molekularbiologie. In: Medizinhistorisches Journal 41 (2006), S. 187–199, hier S. 190.

Rheinberger, Hans-Jörg, Rezente Wissenschaft und ihre Erforschung – Das Beispiel Molekularbiologie, in: Med.hist. J. 41 (2006), S. 187–199, hier 190. [<<39]

Literaturverzeichnis:

Rheinberger, Hans-Jörg: Rezente Wissenschaft und ihre Erforschung – Das Beispiel Molekularbiologie. In: Medizinhistorisches Journal 41 (2006), S. 187–199.

Rheinberger, Hans-Jörg, Rezente Wissenschaft und ihre Erforschung – Das Beispiel Molekularbiologie, in: Med.hist. J. 41 (2006), 187–199.

Archivalische Quellen (Archive mit medizin- und wissenschaftshistorisch relevanten Beständen, S. 126) werden in der Fußnote so zitiert, dass am Anfang immer das Archiv genannt wird, darauf folgen die Nennung der Aktensignatur und anschließend das zitierte Quellenstück. Handelt es sich also beispielsweise um ein Quellenstück, in diesem Fall um einen Brief, das im Bundesarchiv Militärarchiv (abgekürzt: BAMA) und in einer Akte mit der Signatur RM 3/v. 7070 gefunden wurde, so kann etwa wie folgt zitiert werden:

BAMA, RM 3/v. 7070: Reichskanzler von Bethmann Hollweg an die Herren Staatssekretäre des Inneren, des Auswärtigen Amts und des Reichsschatzamts (Abschrift I A 7253 von Rk 2124 II.), Hohenfinow, 5. August 1914.

In der Regel kann für die Zitation des Quellenstücks eine unzweideutige Kurzform gefunden werden, so dass das gewählte Zitatbeispiel auch folgendermaßen lauten könnte:

BAMA, RM 3/v. 7070: v. Bethmann Hollweg an Staatssekretäre des Inneren, des AA u. d. RSA (Abschrift), Hohenfinow, 5.8.1914.

Hier ist jedoch unbedingt auf die Sinnfälligkeit der Zitierweise zu achten. Grundsätzlich ist im benutzten Archiv die jeweils übliche Zitierweise, besonders hinsichtlich der erwünschten Archivabkürzung, zu erfragen und dann auch der Zitierweise zugrunde zu legen. Zitierte Archivalien werden prinzipiell nicht ins Literaturverzeichnis aufgenommen, denn dort gehören sie nicht hin. Stattdessen werden sie am Ende der Arbeit in einem eigenen Kapitel „Ungedruckte Quellen“ aufgeführt. Hierbei ist es unüblich, jedes einzelne Quellenstück nochmals aufzulisten. Stattdessen erfolgt eine Aufzählung der benutzen Archive in alphabetischer Ordnung, wobei jeweils unter der Archivnennung die dort benutzten Aktengruppen alphanumerisch aufgeführt und bezeichnet werden. Für das Zitieren ungedruckter Quellen in Fußnoten gilt wie für das Literaturzitat das Prinzip der Eindeutigkeit und der Treue zur einmal gewählten Zitierweise.

Häufig ist es notwendig, in unmittelbar aufeinanderfolgenden Fußnoten dieselbe gedruckte oder ungedruckte Quelle zu zitieren. Hier sollte für den Fall, dass aus der gleichen Quelle (auf der bereits zitierten Seite!) oder aus dem gleichen Aktenstück zitiert wird, [<<40] in der Fußnote lediglich „Ebenda“ stehen. Bei Zitaten aus der gleichen gedruckten Quelle, aber von einer anderen Seite, wird selbstverständlich diese Seite aufgeführt. Nun kann „Ebenda“ zu „Ebd.“ abgekürzt werden. Der Fußnotentext lautet dann z. B. „Ebd., S. 5“. Wird nun weiterhin von dieser Seite zitiert, kann in der Fußnote wieder „Ebenda“ stehen.

Publizierte Dissertationen werden prinzipiell wie Bücher zitiert; falls in der Titelei ein Hinweis auf eine mit dieser Arbeit erfolgte Promotion aufgeführt ist, was allerdings selten vorkommt, kann ein solcher Vermerk aufgenommen werden. In den Buchkatalogen großer Bibliotheken wird ebenfalls häufig darauf hingewiesen, dass es sich bei der Publikation ursprünglich um eine Dissertation handelt, jedoch ist dieser Hinweis für die Zitierweise in historischen Arbeiten nicht relevant. Anders verhält es sich, wenn aus Dissertationen oder anderen akademischen Qualifikationsarbeiten zitiert wird, die noch nicht gedruckt publiziert sind, sondern lediglich in vervielfältigter Maschinenschrift, als Mikrofiche oder auf elektronischen Trägern vorliegen. Hier muss immer auf diesen Status der Veröffentlichung hingewiesen werden; bei maschinenschriftlichen und gebundenen Dissertationen etwa so:

Riehl-Halen, Heidrun: Der deutschsprachige Tuberkulosefilm in der medizinischen Aus- und Weiterbildung sowie in der Volksaufklärung (1913–1973). Diss. med., Masch-Ms., Univ. Heidelberg 1998.

Falls es sich um eine Mikrofiche-Veröffentlichung handelt, sollte durch einen Zusatz darauf hingewiesen werden. Die gleiche Zitierweise wie bei Dissertationen gilt etwa für ungedruckte Habilitationsschriften, Magister- oder Diplomarbeiten.

Inzwischen hat sich das Zitieren aus dem Internet auch bei wissenschaftlichen Arbeiten nicht nur eingebürgert, sondern es ist vielfach sogar unumgänglich geworden. Nimmt doch die Zahl der online verfügbaren Text- und Quelleneditonen täglich zu. Zahlreiche Zeitschriften, Bücher und Lexika/Enzyklopädien erscheinen inzwischen schon gar nicht mehr im Druck, sondern nur noch online. Die Zitierweisen aus dem Internet sind je nach Text variantenreich. Alles entscheidend ist jedoch die Reproduzierbarkeit des Zitats. Texte, die im Internet ediert und entsprechend formatiert wurden, sind prinzipiell mit der Netzadresse und einem Zugriffsdatum zu zitieren. Hierzu als Beispiel das Zitat eines Wikipedia-Artikels zu Georg Friedrich Nicolai (1874–1964): http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_Nicolai.

Bei faksimilierten Texten von Büchern, Zeitschriften, elektronisch publizierten Dissertationen und anderen Qualifikationsschriften oder Quellen-Dokumenten, etwa im pdf-Format, ist zunächst auf die klassische Weise wie bei der gedruckten Literatur zu zitieren. Immer ist aber auch die Fundstelle im Internet anzugeben. [<<41]

2.1.1 Bibliographie

Freitag, Reinhild/Pelkmann, Thomas: Weltweites Wissen aus dem Internet: aktuelle Suchdienste; Suchdienste zu speziellen Themen Musik, Kunst, E-Mail-Adressen; Nachschlagewerke im Internet […]. Feldkirchen 1997.

Nils, Piereth, Wolfang: Kursbuch Geschichte: Tipps und Regeln für wissenschaftliches Arbeiten. 2., aktual. Aufl. Paderborn 2006.

Jeßing, Benedikt: Bibliographieren für Literaturwissenschaftler. Stuttgart 2003.

Krause, Joachim: Bibliographieren in Praxis und Unterricht. 4. Auflage. Düsseldorf 1991.

Ludwig, Martin H.: Das Referat: kurze Anleitung zu seiner Erarbeitung und Abfassung für Schüler und Studenten; Planen und Sammeln, Bibliographieren, Lesen und Notieren, Auswerten und Gliedern; Schreiben und Zitieren, der Text, der Vortrag. 3. Auflage. Hollfeld 1992.

Morant, Marc O.: Das Zitat aus urheberrechtlicher Sicht: eine rechtsvergleichende Studie unter Berücksichtigung der schweizerischen, deutschen und amerikanischen Rechtsordnung. Basel, Genf, München 2006.

Runkehl, Jens/Siever, Torsten: Das Zitat im Internet: ein electronic style guide zum Publizieren, Bibliografieren und Zitieren. 3., korr. Aufl. Hannover 2001.

Schulz, Wolfgang: Das Zitat in Film- und Multimediawerken: Grundsätze für die Praxis des Zitierens gemäß § 51 UrhG in audiovisuellen Medien. In: Zeitschrift für Urheber- und Medienrecht 42 (1998), 3, S. 221–233.

2.2 Artefakte und andere „Überreste“

Unter ‚Artefakt‘ versteht man in der Medizingeschichte Werkzeuge und Hilfsmittel jeder Art, aber auch andere dreidimensionale Objekte (z. B. Krankenhausbauten), in denen sich die therapeutische und diagnostische Praxis einer bestimmten Epoche spiegeln. Neben schriftlichen Zeugnissen (Gedruckte und ungedruckte Quellen und deren Zitierweisen, S. 41) bilden die Artefakte bis heute die wichtigste Quellengruppe für die Medizingeschichtsschreibung.

Trotz der reichen, zeitlich und geographisch breit gestreuten Überlieferung von (Bau-)denkmälern und Gebrauchsgegenständen, die Zeugnis vom jeweiligen Stand der Medizin ablegen, hat sich die Medizingeschichte dieser „Überreste“ nicht in dem Maße angenommen, wie man es angesichts der Bedeutung und Aussagekraft dieser Quellen eigentlich erwarten müsste. Das hängt damit zusammen, dass die Medizingeschichte lange Zeit überwiegend von philologisch interessierten Ärzten betrieben wurde. Dagegen erfreuten sich nicht-schriftliche Quellen vor allem bei Sammlern einer besonderen Wertschätzung. So fehlen – von einigen Ausnahmen abgesehen – Arbeiten zur Geschichte der medizinischen Instrumente, die über eine reine [<<42] Überlieferungsgeschichte und eine Funktionsbeschreibung hinausgehen. Das Gleiche gilt für die Krankenhausgeschichte, die lange Jahre – insbesondere in Deutschland – eher eine Geschichte von Bauvorhaben und Fassaden war, aber kaum Bezüge zwischen der Architektur und der vorherrschenden Krankheitslehre bzw. Therapie herzustellen vermochte. Auf diese Weise wurde auch die soziale Funktion (im Unterschied zur wirtschaftlichen!) weitgehend ausgeklammert.

2.2.1 Medizinische Instrumente

Um die Geschichte der Medizintechnologie von den Anfängen bis heute zu erforschen, kommen neben den in privaten und öffentlichen Sammlungen oder am ursprünglichen Ort überlieferten Objekten (z. B. Baudenkmäler, Gräberfunde) auch schriftliche und bildliche Darstellungen in Frage.

Hinweise auf den Gebrauch von Skalpellen finden sich beispielsweise bereits in schriftlichen Zeugnissen aus den antiken Hochkulturen. So erfährt man aus dem Codex Hammurapi, einem babylonischen Gesetzestext aus der Zeit um 1700 v. Chr., dass ein Arzt, der einem Patienten eine schwere Wunde mit einem Operationsmesser aus Bronze zufügte, dann nicht bestraft wurde, wenn eine Heilung eintrat. Der römische Schriftsteller Aulus Cornelius Celsus (1. Jh. n. Chr.), von dem wir nicht wissen, ob er ein Arzt war, überliefert uns in seinen acht Büchern über die Medizin (De medicina) eine kurze Beschreibung von 35 chirurgischen Instrumenten. Ausführlicher behandelt der arabische Arzt Abulkasis († ca. 1010) in seiner Abhandlung über die Chirurgie das dazu notwendige Instrumentarium. Darin werden Dutzende unterschiedlicher Zangen, Sonden, Messer, Schnapper und Brenneisen nicht nur beschrieben, sondern auch bildlich dargestellt. Zeugnis vom wundärztlichen Handwerkszeug zu Beginn der Neuzeit legt unter anderem Hans von Gersdorffs Feldtbuch der Wundartzney (1517) ab, in dem beispielsweise „Instrument[e] zu dem krummen Arm, Knii, oder Schenkel streckung“ – also orthopädische Streckwerkzeuge – aufgeführt und abgebildet sind. Zu den umfangreichsten Beschreibungen chirurgischer Instrumente aus der Feder eines frühneuzeitlichen Wundarztes zählt Johannes Scultetus’ (1595–1645) Armamentarium Chirurgicum (1655) sowie das in mehrere Sprachen übersetzte Werk Institutiones chirurgicae (1719) des Helmstedter Chirurgie-Professors Lorenz Heister (1683–1758). Im 19. Jahrhundert werden solche Einführungen in die Chirurgie, in denen auch dem Instrumentarium besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, eher selten. Eine Ausnahme bildet beispielsweise der Folioband von Joseph Pancoast mit dem Titel A Treatise on Operative Surgery Comprising a Description of the Various Processes of the Art including all the New Operations […] (1844). Beschreibungen neuer [<<43] chirurgischer Eingriffe und der dazu notwendigen Instrumente findet man seit dem 19. Jahrhundert vor allem in medizinischen Fachzeitschriften – eine wahre Fundgrube der Technikgeschichte der Medizin. Im 20. Jahrhundert kamen spezielle Lehrbücher für Operationsschwestern auf den Markt, die eine ausführliche Instrumentenkunde beinhalten, wie z. B. das Standardwerk von Berta Kaboth (Lehrbuch der Instrumentenkunde für die Operationspraxis, 1. Aufl. 1937), dessen verschiedene Auflagen nicht nur die durch den medizinischen Fortschritt bedingte Erweiterung, sondern auch die erstaunliche Tradition des Operationsbestecks erkennen lassen.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden Kataloge von Herstellern medizinischer Instrumente als bildliche und schriftliche Quelle immer wichtiger (Davis/Dreyfuss, 1986). Zu den umfangreichsten und frühesten Beispielen für diese Quellengattung zählt der Warenkatalog des französischen Instrumentenmachers Joseph Frédéric Charrière (1803–1873), der erstmals 1843 erschien und eine Fülle von chirurgischen Instrumenten, aber auch orthopädischen und sonstigen medizinischen Hilfsmitteln (Bandagen, Spritzen, Hörhilfen etc.) dem potentiellen Käufer nicht nur nach Größe, Typ, Preis und Qualität auflistet, sondern teilweise auch deren Gebrauch erläutert. Allerdings sind diese Warenkataloge nicht besonders gut überliefert. Eine Ausnahme bildet die Sammlung des National Museum of American History, in dessen Sammlung sich über 2000 solcher Warenkataloge und Preislisten, überwiegend amerikanischer Provenienz, befinden. In Europa verfügt die Wellcome Library in London (Fachbibliotheken und Medizinhistorische Institute, S. 116) ebenfalls über eine beachtliche Kollektion. Einige dieser Kataloge und Firmenunterlagen enthalten detaillierte Gebrauchsanleitungen, die wiederum als Quelle für die Auswirkungen, die neue Techniken auf das Arzt-Patient-Verhältnis haben, herangezogen werden können. In der Regel handelt es sich jedoch um reine Warenkataloge bzw. Preislisten, die gleichwohl eine wichtige Quelle für die Entwicklung der Medizintechnik (Technikgeschichte, S. 286) darstellen. Gelegentlich gibt es davon sogar Nachdrucke aus neuerer Zeit, wie im Falle des Hauptkatalogs (Original um 1910, ND 1987) der Firma Medicinisches Waarenhaus, die sich auf Chirurgie-Instrumente und Arzt-Ausrüstungen spezialisiert hatte. Solche Kataloge sind unter dem Aspekt der Werbung für medizinische Produkte für sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen in der Medizingeschichte als Quelle von Interesse. In Katalogen zu internationalen Industrie-Ausstellungen (die erste fand 1851 in London statt) und später zu den Hygiene-Ausstellungen (zuerst Dresden 1911) finden sich ebenfalls nicht nur Abbildungen, sondern auch Gebrauchsanleitungen und Beschreibungen von medizinischen Geräten aller Art.

Zugang zur Geschichte der Medizintechnik liefern zudem Abbildungen, zunächst Zeichnungen und Holzschnitte, später Fotografien. Zu den ersten überlieferten [<<44] Beschreibungen chirurgischer Instrumente, denen auch Illustrationen beigegeben waren, gehört die erwähnte Abhandlung Abulkasis’, die uns in einer lateinischen Bilderhandschrift aus dem frühen 15. Jahrhundert überliefert ist. Häufiger findet man dagegen solche Abbildungen in frühneuzeitlichen Chirurgie-Lehrbüchern, wie z. B. in Hieronymus Brunschwigs Buch der Cirurgia (1497). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind die meisten chirurgischen und medizinischen Instrumente, die in Warenkatalogen angepriesen werden, bereits als Gravüre oder sogar als Schwarzweißfoto wiedergegeben. Die bildlichen Darstellungen dienen nicht zuletzt als Hilfsmittel bei der Identifizierung von Objekten, deren Funktion nicht eindeutig zu erkennen oder deren zeitliche Einordnung schwierig ist.

Eine Geschichte der Technikgeschichte (S. 286) erfordert nicht zuletzt, die Objekte selbst in Augenschein zu nehmen. Die vielfältigsten Sammlungen (Museen, S. 138) haben im deutschsprachigen Raum die medizinhistorischen Museen in Zürich, Wien und Ingolstadt. International von Bedeutung ist die Sammlung, die Henry Wellcome (1853–1936) zu Beginn des 20. Jahrhunderts in England zusammengetragen hat und die heute im Science Museum in London untergebracht ist. In den USA befinden sich bedeutende Sammlungen medizinischer Instrumente in der Division of Medical Science of the National Museum of American History of the Smithsonian Institution sowie im Army Medical Museum, beide in Washington/D. C. Daneben sind noch zahlreiche Spezialsammlungen in aller Welt zu nennen: zur Geschichte der Endoskopie die Nitze-Leiter-Sammlung (http://www.univie.ac.at/medizingeschichte/nileimus_lang.htm) im Josephinum in Wien oder zur Geschichte der Elektrotherapie die Sammlung von Earl Bakken in Minneapolis (http://www.thebakken.org). Viele dieser Sammlungen sind mittlerweile durch Kataloge erschlossen, wie zum Beispiel die Sammlung chirurgischer Instrumente im Royal College of Surgeons in London, die bereits 1929 dokumentiert wurde.

Für die ältere Zeit kann man nur in Ausnahmefällen etwas über den Besitzer medizinischer Instrumente in Erfahrung bringen, insbesondere wenn es sich nicht um besonders wertvolle oder singuläre Stücke handelt. Einen Glücksfall stellt somit der Fund eines Gerätegriffes in einem kleinasiatischen Arztgrab dar. Nicht nur erfahren wir durch die Inschrift den Namen des Arztes (Hygeinos Kanpylios), wir haben auch noch die zusätzliche Angabe, dass der Bestattete Angehöriger der Tempelverwaltung eines Asklepios-Heiligtums war. Besser sind wir über das 19. Jahrhundert informiert, wo durch Schenkungen das Instrumentarium berühmter Chirurgen oder Ärzte in öffentliche Sammlungen gelangte, wie z. B. das Chirurgiebesteck, mit dem Joseph Lister (1827–1912), der Pionier auf dem Gebiet der Anästhesie, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts operierte. [<<45]

Mehr als über die Besitzer erfährt man in den meisten Darstellungen zur Geschichte der Medizintechnologie über die Hersteller. Bereits in der Antike sind in einigen wenigen Fällen Stempel von Instrumentenherstellern nachweisbar, so z. B. die Werkstatt eines gewissen Agathangelus, dessen Pinzetten und Operationsmesser offenbar im Römischen Reich verbreitet waren, wie Funde aus Italien und den nördlichen Provinzen belegen. Besonders schwierig lassen sich medizinische Instrumente aus der Zeit des 17. und frühen 18. Jahrhunderts zuordnen, weil sie im Unterschied zu späteren Zeiten keine Herstellerzeichen tragen. Da es vor allem Messerschmiede waren, die sich auf die Produktion von Skalpellen, Haken und Pinzetten für den medizinischen Gebrauch spezialisierten, kann man über Zunftakten sowie anhand von Markenzeichen, die auf den Metallteil der Instrumente eingestanzt wurden, die Hersteller gleichwohl ermitteln. Im 19. Jahrhundert hatten einzelne Universitäten sogar ihre eigenen Instrumentenmacher, wie zum Beispiel Leiden, wo die Firma J. Th. Hoefftcke diese Funktion ab 1828 innehatte. In Würzburg durfte der gelernte Messerschmied und Orthopädiemechaniker Johann Georg Heine (1771–1838) seit 1802 den Titel „Universitätsinstrumentenmacher“ tragen. Ein alphabetisches Verzeichnis bedeutender Hersteller chirurgischer Instrumente seit dem 18. Jahrhundert findet sich beispielsweise bei Michael Sachs (Sachs, 2001, S. 267ff.). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden aus Einmann-Unternehmungen häufig Firmen, die zeitweise marktbeherrschend waren, wie beispielsweise die Firma Jetter & Scheerer, die 1899 das Warenzeichen Aesculap schützen ließ. Gründer war der Messerschmied Gottfried Jetter, der 1867 in Tuttlingen mit der Herstellung chirurgischer Instrumente begann.

Nur wenige medizinhistorische Studien haben sich bislang mit der Entwicklung eines internationalen Absatzmarktes für medizinische Instrumente befasst. Zu den wenigen einschlägigen Arbeiten gehört die von James M. Edmonson über die Rolle, die europäische Hersteller auf dem Markt für chirurgische Instrumente in den USA in der Zeit zwischen 1880 und 1916 spielten. Ansonsten überwiegen in der Sekundärliteratur Firmengeschichten (z. B. 125 Jahre AESCULAP, 1992).

Das größte Desiderat in der Geschichte der Medizintechnologie sind jedoch Untersuchungen, die nach den Auswirkungen neuer Techniken auf das Gesundheitssystem fragen und dabei auch rezeptions- und patientengeschichtliche Aspekte berücksichtigen (Reiser, 2009; Timmermann/Anderson, 2009). So gibt es beispielsweise eine kaum noch überschaubare Zahl von Darstellungen zur Geschichte der Röntgenstrahlen, doch nur wenige Studien, die sich mit der Frage befassen, was es heißt, wenn durch die neue Durchleuchtungstechnik „Patientenkörper zum epistemischen Objekt“ (Dommann, 2003) werden. Ähnliches gilt für die Geschichte eines noch älteren Diagnoseverfahrens, das sich bis heute im medizinischen Alltag erhalten hat: die Stethoskopie. Es ist [<<46] bezeichnend, dass die bahnbrechende Arbeit auf diesem Gebiet von einem Medizinsoziologen mit historischem Interesse stammt (Lachmund, 1997). Darin wird am Beispiel des Stethoskops mustergültig gezeigt, welche Aushandlungsprozesse zwischen Ärzten und Patienten bei der Einführung neuer medizinischer Techniken ablaufen. Auch bei anderen Diagnosetechniken, insbesondere bei messenden (Hess, 1990, 1997) sowie bildgebenden Verfahren (Burri, 2008), aber auch hinsichtlich der Elektroenzephalographie (Borck, 2005) oder der Laboruntersuchung (z. B. Howell, 1995), gerät die Patientensicht in den letzten Jahren immer mehr in den Blick der Medizinhistoriker/innen.

Für die meisten in der Therapie eingesetzten Instrumente herrscht dagegen, auch international gesehen, noch ein großer Nachholbedarf in der Medizingeschichtsschreibung. Über die soziale Bedeutung des Klistiers im medizinischen Alltag des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ist beispielsweise bereits geforscht worden (Jütte, 1992). Ebenfalls sozialgeschichtlich orientierte Studien finden sich in Sammelbänden zur Geschichte der Elektrotherapie (Bertucci/Pancaldi, 2001), der Prothesentechnik (Ott/Serlin/Mihm, 2002; Anderson et al., 2007) und der Physiotherapie (Terlouw, 2004). Anregungen für historische Forschungen mit dieser alltagsgeschichtlichen Fragestellung können außerdem gegenwartsbezogene medizinsoziologische Studien geben, wie z. B. über den Umgang von chronisch Nierenkranken mit den unterschiedlichen Dialyseverfahren (Gerhardt, 1986) oder über Erfahrungen von Patienten mit der Strahlentherapie (Verres/Klusmann, 1997).

2.2.2 Krankenhäuser

In Krankenhausbauten (ob nun aus Holz, Stein, Beton) spiegeln sich nicht nur längst überwundene oder teilweise noch heute gültige therapeutische Konzepte und Krankheitslehren wider. Diese Gebäude legen auch Zeugnis davon ab, wie eine Gesellschaft mit ihren Kranken umgeht.

Die antiken Hochkulturen kannten noch keine Krankenhäuser. Die Behandlung fand entweder zu Hause, in Heiligtümern oder in der Praxis bzw. Wohnung des Arztes oder Heilers statt. Die Frühgeschichte des Hospitals beginnt erst in der Römischen Kaiserzeit. Unter Kaiser Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.) entstand in den großen Militärlagern ein neuer Gebäudetyp, das Valetudinarium (Lazarett). Darin gab es vom Operationssaal bis zum Krankenzimmer alles, was für die Behandlung eines Patienten damals benötigt wurde. Im Gegensatz zu den mittelalterlichen Spitälern, in denen Arme, Schwache und Kranke fürsorglich betreut wurden, waren die römischen Krankenhäuser ausschließlich für die heilungsorientierte stationäre Therapie eingerichtet und dienten gleichzeitig der Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal. Das derzeit [<<47] älteste bekannte Valetudinarium befand sich in der Zeit um Christi Geburt in Haltern in Westfalen. Schon in Augusteischer Zeit weisen die Valetudinarien eine besondere Bauform auf. Häufig lagen sie nicht in der Nähe der Lagermauer, sondern weiter im Inneren. An der Eingangsseite befand sich, wie eine Rekonstruktion des Lazaretts im Legionslager Neuss am Rhein zeigt, ein Säulengang. Durch einen Vorraum gelangte man zuerst in einen großen Saal, der vermutlich der ambulanten Behandlung gedient haben dürfte. Von diesem Saal aus betrat man die Behandlungsräume sowie einen langen Korridor, auf dessen beiden Seiten die Krankenzimmer regelmäßig zu Gruppen von drei Räumen angelegt waren. In den römischen Legionslagern konnte man bei optimaler Raumnutzung etwa mit 250 bis 300 Krankenbetten rechnen, was rund vier bis fünf Prozent der gesamten Mannschaft einer Legion die ärztliche und pflegerische Versorgung garantierte (Wilmanns, 2003).

Die Architektur der mittelalterlichen Hospitäler gibt sowohl über die Multifunktionalität dieser Einrichtungen als auch über die Zweckbestimmung und das therapeutische Konzept Auskunft. Die zentrale Stellung der Kapelle macht deutlich, dass nicht die physische Heilung oder die materielle Versorgung Bedürftiger, sondern das (Seelen-)Heil des Menschen im Vordergrund stand. Die Randlage der meisten mittelalterlichen Leprosenhäuser weist auf die Außenseiterstellung der Aussätzigen hin, aber nicht unbedingt auf Furcht vor Ansteckung; denn die Kontagienlehre setzte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Siegeszug der Bakteriologie gegen die bis dahin vorherrschende Miasmentheorie durch. Auch die frühneuzeitlichen Pesthäuser befanden sich nicht unbedingt vor den Toren der Stadt, wenngleich sie bezwecken sollten, Menschen, die von der Seuche befallen waren, zu isolieren. Während man gelegentlich durch Gräben oder Kanäle eine künstliche Isolierung zu schaffen versuchte, nutzte man im Falle des Regensburger Pesthauses, das noch teilweise erhalten ist, die natürliche Lage auf einer stromabwärts gelegenen Donauinsel.

Es überrascht nicht, dass Ärzte und Krankenhausplaner im Banne der Miasma-Theorie, die erst an der Schwelle des 20. Jahrhunderts in der Versenkung verschwand, ihr Hauptaugenmerk auf die Lüftung der Gebäude und Krankenstuben richteten. Um die sogenannte „Lazareth- oder Gefängniskrankheit“ (John Pringle) einzudämmen, baute man seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vermehrt dezentralisierte Krankenhausanlagen, die eine bessere Luftzirkulation der Einzelgebäude und eine optimale Entlüftung der Krankensäle ermöglichen sollten. Ein Vorbild für viele europäische Spitalbauten war das Royal Naval Hospital in Plymouth, das 1754 fertiggestellt wurde. Zu den frühen deutschen Beispielen für Krankenhäuser mit großzügiger Bauweise und neuen sanitärtechnischen Anlagen, insbesondere Lüftungssystemen, gehören die Allgemeinen Krankenhäuser in Bamberg (1787–1789), München (1808–1813) und Hamburg [<<48] (1821–1823). Die letzten Reste dieser durch die Miasmentheorie beeinflussten Krankenhausarchitektur findet man im Berliner Urban-Krankenhaus, das 1890 feierlich eröffnet wurde. An den Fassaden einiger Pavillons sieht man noch heute die Hebel der „Miasmen-Klappen“, durch die die schädliche Luft nach außen entweichen sollte.

Die Einführung der Asepsis in die Krankenhäuser gegen Ende des 19. Jahrhunderts blieb nicht ohne Folgen für den Krankenhausbau. Die Pavillonbauweise, die im gewissen Sinne noch das alte Miasma-Konzept verkörperte, wurde aufgegeben. Eines der letzten großen Krankenhäuser, das in Deutschland in diesem Stil gebaut wurde, war das heute noch erhaltene Allgemeine Krankenhaus in Hamburg-Eppendorf (1884–1889). Das dezentralisierte Pavillonsystem wurde in den folgenden Jahrzehnten durch eine Mehrgeschossbauweise ersetzt, die sowohl den Prinzipien der Asepsis Rechnung trug als auch platzsparender und damit ökonomischer war. Nachdem gegen Ende der 1920er Jahre in den USA die ersten Kliniken als Hochhäuser mit mehreren tausend Betten gebaut wurden, z. B. das Country Spital in Los Angeles, fand wenig später diese Idee in Deutschland ebenfalls Nachahmer. Als man 1931 in Osnabrück mit solchen Plänen an die Öffentlichkeit trat, gab es allerdings zunächst heftige Proteste. Zu den ersten Bauten dieser Art in Deutschland zählt gleichfalls das Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin, das baugleich auch in Ägypten errichtet wurde. In der Nachkriegszeit entstanden solche „Bettenburgen“ mit einem ausgeklügelten Belüftungssystem in Köln und Münster, wie überhaupt an Unikliniken dieser Baustil am häufigsten anzutreffen ist. Inzwischen (2013) wurde das Aachener Klinikum als bauliches Zeugnis einer megalomanen Apparatemedizin sogar unter Denkmalschutz gestellt.

2.2.3 Anatomische Theater

Im ausgehenden Mittelalter fanden die anatomischen Lehrsektionen mit ihrer theatralisch-feierlichen Schaustellung für Fakultätsmitglieder, Studenten und Vertreter der Obrigkeit gelegentlich sogar unter freiem Himmel statt, z. B. in Wien, wo im Jahre 1404 für eine solche „anatomia solemniter celebrata“ der dortige Spitalfriedhof ausgewählt wurde. 1484 verlagerte man die Sektionen in das Gebäude der Wiener medizinischen Fakultät, da, wie der Chronist berichtet, die „Lehrer und Schüler in der Winterszeit dem Ungemach der Witterung ausgesetzt waren“ (zitiert nach Wolf-Heidegger/Cetto, 1967, S. 65). Bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatte ein Professor der Medizin in Padua, Alexander Benedetti (etwa 1450–um 1512), in seinem Werk Anatomia sive historia corporis humani (Venedig 1493) die Idee propagiert, ein für die Sektion geeignetes Gebäude an einem luftigen Ort nach dem architektonischen Vorbild des römischen Amphitheaters zu errichten (Eckart, 2005). Das Objekt des wissenschaftlichen [<<49] Interesses, die Leiche, sollte auf einem erhöhten Tisch im Zentrum dieses „Theatrum Anatomicum“ platziert werden, damit sie von den Zuschauerrängen gut sichtbar sei und der dozierende Anatom bequem seinen Schnitt setzen könne. Noch offenkundiger wird der Zusammenhang zwischen ärztlicher Kunst und Schauspielkunst in den Ausführungen des französischen Anatomen Charles Estienne (ca. 1505–1564/65). In seinem 1545 veröffentlichten Werk (De dissectione partium corporis humani) vergleicht er die Anatomie mit einem Schauspiel und bezeichnet die Leiche, die seziert wird, als eine Art Bühnenfigur, die gut sichtbar sein müsse („quicquid in theatro spectandum exhibetur“). Und so sollte an dem Ort, wo sich im antiken Theater der vorderste Teil der Bühne, das Proszenium, befand, die „tabula anatomica“, der Seziertisch, aufgestellt werden. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts werden diese Ideen umgesetzt und anatomische „Schaubühnen“ in einigen europäischen Universitätsstädten fest installiert. Am bekanntesten ist zweifellos das bereits erwähnte Anatomische Theater in Padua, das 1594 nach Plänen des dortigen Lehrstuhlinhabers für Anatomie, Fabricio d’Acquapendente (ca. 1533/37–1619), errichtet wurde und zum Vorbild für ähnliche Bauten in ganz Europa wurde. Der Übergang vom Provisorium oder „temporarium theatrum“ während der Wintermonate zum besonderen „Zergliederungshaus“, aus dem dann später durch Angliederung weiterer Räume die Anatomischen Institute des 19. Jahrhunderts entstanden, vollzog sich in Deutschland allerdings erst im 18. Jahrhundert.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schlossen sich dann auf Dauer die Türen vieler Anatomischer Theater für Laien. Die Mediziner wollten fortan unter sich sein, nicht mehr die Sensationsgier der Menge mit Demonstrationen an der Leiche befriedigen. Gleichzeitig zeichnete sich ein Wandel der Unterrichtsmethode ab. Anatomisches Wissen wurde nicht mehr wie früher im Hörsaal vor einem größeren Publikum vermittelt, sondern in Präparierkursen, zu denen in der Regel nur Medizinstudenten Zugang hatten. An dem eher nüchternen Forschergeist und der sterilen Atmosphäre, die seit jener Zeit in den Unterrichtsräumen der Anatomie herrschen, hat sich bis heute wenig geändert, wenngleich man gelegentlich ein Phänomen beobachten kann, das man bereits längst überwunden glaubte. Als Gunther von Hagens im November 2002 in London eine öffentliche Leichenöffnung vornahm, und zwar passend mit einer Bildprojektion von Rembrandts Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp in Szene gesetzt, rechtfertigte er sein Spektakel mit dem Hinweis auf die notwendige „Demokratisierung der Anatomie“. [<<50]

2.2.4 Laboratorium

Neben einem Anatomischen Theater und einem Botanischen Garten hatten einige medizinische Fakultäten bereits im 17. Jahrhundert ein Laboratorium chymicum. Vorläufer waren die Laboratorien der Alchemisten, in denen mit Verfahren der Sublimation und Destillation experimentiert wurde. Rekonstruktionen solcher Alchemisten-Werkstätten finden sich heute in medizin- und pharmaziehistorischen Museen. Wie es aber tatsächlich in einem solchen Laboratorium ausgesehen hat, wissen wir vor allem durch einen bemerkenswerten archäologischen Fund aus dem Jahre 1980. Damals wurde in Niederösterreich ein Alchemistenlaboratorium aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entdeckt. Gefunden wurde ein fast vollständiges Inventar eines Labors, das über 1000 Objekte umfasst, darunter zahlreiche Destillier- und Sublimiergefäße.

Bis zu den „Tempeln der Wissenschaft“ (Lenoir, 1992) des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts war es allerdings ein langer Weg. Eines der ersten klinischen Laboratorien entstand 1808 in Halle. Bis zur Errichtung weiterer Laboratorien in Krankenhäusern vergingen allerdings noch mehrere Jahrzehnte. Wie bescheiden sich die „Revolution im Laboratorium“ in ihren Anfängen ausnahm, verdeutlichen die Arbeitsbedingungen Robert Kochs zu Beginn der 1870er Jahre. Die Entdeckung des Milzbranderregers erfolgte in einer durch einen Vorhang abgeteilten Kammer seiner Landarztpraxis. Einen virtuellen Blick in das physiologische Labor von Claude Bernard (1813–1878) oder in das 1879 von Wilhelm Wundt (1832–1920) in Leipzig gegründete „Institut für experimentelle Psychologie“ ermöglicht inzwischen ein Mausklick auf die Webseite des Berliner Max Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte (http://vlp.mpiwg-berlin.mpg.de). Wer sich für die Instrumente interessiert, mit denen Physiologen damals experimentierten, der kann das berühmte Trommelkymographion, den „Wellenschreiber“, der die synchronisierte Aufzeichnung einer oder mehrerer physisch-psychischer Reaktionen (Puls, Blutdruck, Schweißausbrüche) in Form einer Zeitkurve ermöglichte, in Augenschein nehmen. Man erfährt nicht nur etwas über die Anwendung dieser Instrumente, sondern auch über die Konzepte, die diesen Versuchen zugrunde lagen. Zudem kann man sich dank der virtuellen Technik einen Eindruck von den institutionellen und vor allem räumlichen Rahmenbedingungen dieser Forschungen machen. Wenn man den Button „Experimente“ anklickt, bekommt man dank modernster Animationstechnik eine anschauliche Demonstration der damaligen Laborversuche.

Bislang hat die Medizingeschichte kaum die Anregungen von Wissenschaftshistorikern wie Bruno Latour aufgegriffen und sich mit der Ästhetik und Raumordnung des Laboratoriums befasst. Die medizinischen Forschungsstätten, die in Deutschland [<<51] seit den 1880er Jahren gegründet wurden und zum Teil in Neubauten untergebracht waren (z. B. das Hygiene-Institut in München), spiegeln das Wissenschaftsverständnis der damaligen Zeit wider (Dierig, 2006). Schon die zum Teil beachtlich große Anlage dieser Einrichtungen verweist auf Claude Bernards Diktum, das Laboratorium sei „das wahre Heiligtum der wissenschaftlichen Medizin“ und das Krankenhaus lediglich die „Vorhalle“. Zudem lassen sich in der Raumordnung wissenschaftliche Arbeitsabläufe, die charakteristisch für die experimentelle Forschung sind, erkennen und rekonstruieren. Die Architektur der frühen medizinischen Großforschungseinrichtungen ist, was Funktionalität und Stil betrifft, Ausdruck der engen Kooperation mit der Industrie. Hier ist allerdings noch viel Forschung nötig (Jardine, 1992).

2.2.5 Menschliche Überreste

Menschliche Überreste (Knochen, Moorleichen, Mumien) sind zwar (mit Ausnahme der Plastinate) keine Artefakte im engeren Sinne, gehören aber ebenfalls zu den dreidimensionalen Objekten, aus denen die Medizinhistoriker Erkenntnisse über Krankheiten und Therapiemöglichkeiten in der Vergangenheit gewinnen können. Die Erschließung dieser Quellen fällt üblicherweise in das Aufgabengebiet der Anthropologie bzw. der Paläopathologie.

Waren im 19. Jahrhundert die Arbeiten der Forscher, die sich auf diesem Feld betätigten, noch weitgehend beschreibend, so ging man Anfang des 20. Jahrhunderts bereits stärker analytisch vor. Impulse für die Entwicklung dieser Spezialdisziplin gingen vor allem von Untersuchungen an ägyptischen Mumien aus. Erst vergleichsweise spät richtete sich das Augenmerk nicht mehr allein auf Einzelfunde, sondern auf Gräberfelder, die Aufschluss über eine größere Population geben konnten. Berühmt wurden die Untersuchungen über Friedhöfe auf dem Gelände ehemaliger Aussätzigenspitäler in Dänemark (Møller-Christensen, 1973). Sie lieferten wichtige Erkenntnisse über die Verbreitung der Lepra im mittelalterlichen Europa. Das erste Standardwerk des noch jungen Teilgebiets der Anthropologie des Menschen erschien Mitte der 1960er Jahre (Jarcho, 1965). Inzwischen ist die Paläopathologie interdisziplinär ausgerichtet (Pinhasi/Mays, 2008). Dazu gehört nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit Gerichtsmedizinern, Toxikologen und Ernährungsforschern. Auch die Methoden haben sich verändert. Neben der makroskopischen Diagnostik, die ihr Augenmerk auf die Form, Größe und Oberflächenbeschaffenheit eines Fundes richtet, spielen inzwischen röntgenologische und rasterelektronenmikroskopische Untersuchungen sowie DNA-Analysen und Nachweisverfahren für Spurenelemente eine immer größere Rolle. Wie problematisch solche paläopathologischen Untersuchungen trotz des Einsatzes modernster Techniken [<<52] sind, zeigen die immer wieder neuen Theorien, die über die Todesursache berühmter Patienten (z. B. Pharaonen) aufgestellt werden. Dabei fehlt es nicht an Warnungen von Gerichtsmedizinern, die immer wieder darauf hinweisen, dass beispielsweise bei der Interpretation von Arsenbefunden in Haaren größte Vorsicht geboten ist.

Ein unbestrittenes Ergebnis zahlloser paläopathologischer Untersuchungen ist dagegen, dass schon in frühgeschichtlichen Kulturen Menschen an Krankheiten litten, die wir heute als Zivilisationskrankheiten einstufen. Dazu zählen Zahnkaries und Parodontose, aber auch degenerative Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankungen. Ob man nun mumifizierte Leichen aus den frühen Hochkulturen oder Knochenfunde aus mittelalterlichen Gräberfeldern untersucht, auffällig ist die soziale Differenzierung bei den Wirbel- und Gelenkerkrankungen. Arthrosen der großen Gelenke fanden sich beispielsweise eher bei Männern als bei Frauen und hier wiederum häufiger bei Angehörigen der Unterschicht. Auch bei der Körpergröße lassen sich signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern und zwischen sozialen Gruppen feststellen.

Die systematische Auswertung der Skelettfunde auf historischen Friedhöfen erlaubt außerdem die Berechnung des sogenannten Maskulinitätsindex sowie die Aufstellung von Sterblichkeitstafeln (Historische Demographie, S. 261). Dadurch ist eine paläodemographische Rekonstruktion der betreffenden Population möglich. Selbst Aussagen über die durchschnittliche Lebenserwartung und die Kindersterblichkeit können auf diese Weise gemacht werden.

Auch über die therapeutischen Möglichkeiten in einer Zeit, für die wir kaum oder gar keine schriftlichen Zeugnisse haben, geben Skelettuntersuchungen Auskunft. Ein besonders beliebtes Steckenpferd der Medizingeschichte sind die vielfach belegten Schädeltrepanationen, deren Deutung als operative Eingriffe allerdings umstritten ist. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass neben magischen oder rituellen Motiven ebenfalls therapeutische Ziele (Behandlungsversuche von Nerven- und Geisteskrankheiten) eine Rolle gespielt haben könnten. Selbst frühe Formen der Akupunktur glaubt man im Falle der Gletscherleiche, die unter den Namen „Ötzi“ weltbekannt wurde, nachweisen zu können (Fornusek, 2001). Erstaunlich gute Knochenbruchheilungen deuten darauf hin, dass diese nicht nur zufällig zustande gekommen sind, sondern von der schon recht frühen Verbreitung chirurgischen Grundwissens (Stichwort ‚Knochenfixierung‘) zeugen. Eine von einem Chirurgen oder Wundarzt vorgenommene Amputation konnte bislang noch an keinem Skelettfund aus der Zeit des Frühen Mittelalters nachgewiesen werden. Die häufig bei menschlichen Überresten anzutreffenden Gliedmaßenverluste dürften meist Folge von Bestrafungen, Unfällen, Erfrierungen oder Verbrennungen gewesen sein. [<<53]

Wie die Einbeziehung paläopathologischer Erkenntnisse die Medizingeschichte bereichern kann, wenn andere Quellen mit herangezogen werden, haben einige wenige bahnbrechende Studien über Krankheiten und Verletzungen und deren Behandlung in der Antike gezeigt (Majno, 1977; Grmek, 1983). Dass auch für spätere Epochen die Paläopathologie noch einen Erkenntnisgewinn verspricht, zeigt beispielsweise eine neuere englische Veröffentlichung zum Thema Leben und Sterben im frühneuzeitlichen London, die auf einer archäologischen Untersuchung des Friedhofs der Pfarrgemeinde Christchurch (Spitalfields) im Osten Londons beruht (Cox, 1996). Auch als Instrument prähistorischer Populationsgeschichte wird die Paläopathologie inzwischen herangezogen (Bennike, 2002).

2.2.6 Anatomische Präparate und Wachsmodelle

Eine Geschichte der Anatomie und der Pathologie kann nur unter Einbeziehung der in zahlreichen Sammlungen überlieferten Präparate aus menschlichem Gewebe geschrieben werden. Dabei ist aus epistemologischer Sicht auch die Darstellungsweise der Präparate zu beachten (Rheinberger, 2006). Die Anfertigung anschaulicher und zum Teil kunstvoller Präparate galt seit Andreas Vesal (1514–1564), dem Begründer der modernen Anatomie, als eine bewunderungswürdige Leistung, die wissenschaftlichen Ruhm und auch finanziellen Lohn einbrachte, wie das Beispiel des Frederick Ruysch (1638–1731) zeigt, der 1717 seine umfangreiche und einmalige anatomische Sammlung für 30.000 Gulden an den Zaren Peter den Großen verkaufte und vertragsgemäß auch seine spezielle Konservierungsmethode preisgeben musste. Geschickte Präparatoren machten im 17. und 18. Jahrhundert – dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend – aus anatomischen Präparaten geradezu kleine Kunstwerke. Hier ist vor allem der französische Anatom Honoré Fragonard (1732–1799) zu nennen.

Zu den ältesten Objekten in anatomischen Sammlungen gehören Knochenpräparate. Sie wurden durch Mazeration hergestellt – ein Verfahren, das bereits in der Antike bekannt war. Nachdem die Knochen von den Weichteilen befreit und in Wasser durch einen Fäulnisprozess gereinigt wurden, erfolgte die Bleichung an der Sonne. Erst im 19. Jahrhundert benutzte man chemische Verfahren, die allerdings die Feinstruktur der Knochen beschädigten. Heute werden Knochen in speziellen Vorrichtungen bei ca. 40°C mazeriert, mit Benzin und Tetrachlorkohlenstoff entfettet und mit Wasserstoffsuperoxyd gebleicht. Das nachweislich älteste Skelettpräparat der Welt befindet sich heute im Anatomischen Museum in Basel. Es wurde im Jahre 1543 durch keinen Geringeren als Andreas Vesal hergestellt. Wir wissen sogar den Namen der Person, die von dem berühmten Anatomen öffentlich seziert wurde. Nach der Zergliederung, die [<<54] sich über mehrere Tage hinzog, wurden die abgekochten Knochen mit Drähten zu einem kompletten Skelett zusammengefügt. Erst im 19. Jahrhundert gelang es Präparatoren, sogenannte Bänderskelette herzustellen, die in älteren Sammlungskatalogen auch als „natürliche Skelette“ bezeichnet werden, weil hier die echten Knochenverbindungen, die Bänder, durch ein besonderes Mazerationsverfahren erhalten blieben. Zu den osteologischen Präparaten, die nicht nur für die Medizingeschichte von Interesse sind, gehört z. B. die kleine Sammlung von Säugetierskeletten sowie von Tier- und Menschenschädeln, an denen Goethe seine berühmten „Zwischenkiefer-Studien“ betrieben hat. Die „Rassenschädel“-Sammlungen des frühen 19. Jahrhunderts sind dreidimensionale Zeugnisse der Phrenologielehre, die Franz Joseph Gall (1785–1828) begründete und die alsbald in Verruf geriet. Spätere Sammlungen dieser Art dokumentieren den wachsenden Einfluss rassenanthropologischer Strömungen seit den 1880er Jahren. Im 19. Jahrhundert war es auch üblich, von berühmten Verstorbenen Totenmasken aus Gips anzufertigen. Die heute in einigen Anatomischen Museen noch aufbewahrten Totenmasken mit den dazugehörigen Schädeln (meistens von Hingerichteten) dürften ebenfalls zu phrenologischen Studien gedient haben. Knochenpräparate, die die unterschiedlichsten Formen menschlicher Missbildungen zeigen, geben dagegen Einblick in die Frühgeschichte der Embryologie und Teratologie – beides Wissenschaften, die im 19. Jahrhundert ihren Aufschwung erleben.

Bei den Eingeweiden besteht die Möglichkeit, daraus Trockenpräparate herzustellen. Das Verfahren ähnelt dem der Mumifizierung. Die präparatorische Darstellung des Blutkreislaufes und der Lymphbahnen war zunächst ein Problem. Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts experimentierten Anatomen mit der Injektion von gefärbtem Wasser in die entleerten Blutgefäße oder versuchten, durch Einblasen von Luft das Gefäßsystem sichtbar zu machen. Einen wesentlichen Fortschritt stellte die von den niederländischen Anatomen Jan Swammerdam (1637–1680) und dem bereits genannten Frederick Ruysch (1638–1731) angewandte Einspritzung von gefärbtem Wachs mit niedrigem Schmelzpunkt dar. Im 19. Jahrhundert wurden diese Techniken weiter verfeinert. Es kamen zudem andere Substanzen (Quecksilberlegierungen, Leim-, Kitt- und Harzmassen) zum Einsatz. Im frühen 20. Jahrhundert gelang es Werner Spalteholz (1861–1940) mit einem nach ihm benannten Verfahren, die Präparate gleichsam durchsichtig zu machen. Heute verwendet man meist Kunststoffe (Epoxid-, Acryl- oder Polyesterharze). In diesem Zusammenhang ist auch die Plastination zu nennen (Doll, 2013).

Die Feuchtkonservierung von Leichen war bereits in der Antike bekannt. So soll beispielsweise der Körper Alexanders des Großen durch Einlegen in Honig unverwesbar gemacht worden sein. Im 16. Jahrhundert benutzte man verschiedene Gemische [<<55] von Weingeist. Auch das lange Zeit von Ruysch geheim gehaltene Rezept zur Haltbarmachung seiner Präparate enthielt Weingeist mit einigen Zusätzen. Selbst Whisky wurde gelegentlich zu diesem Zwecke benutzt. Die wasserentziehende Wirkung des Alkohols und die damit einhergehenden Veränderungen der Strukturen und Farben ließen Anatomen alsbald nach Alternativen suchen. Im 17. und 18. Jahrhundert experimentierte man mit Quecksilber- und Zinkchlorid und sogar mit Arseniklösung. Ende des 19. Jahrhunderts kam Phenol dazu. Die Entdeckung des Formaldehyds führte um die Jahrhundertwende zu einer Konservierungstechnik, die auch heute noch in modifizierter Form in Gebrauch ist und bei der dem Formalin noch Glycerin (zur Kontraststeigerung), Desinfektionsmittel und Salze (zur Struktur- und Farberhaltung) beigemengt werden. Die Haltbarkeit solcher Präparate ist nahezu unbegrenzt. Die Aufbewahrung geschieht in den meisten Fällen in speziell angefertigten Glas- oder Kunststoffbehältern, die luftdicht abgeschlossen sind. An den Konservierungsmitteln kann man neben der Technik auch das ungefähre Alter von anatomischen Präparaten bestimmen.

Weil die Leichenbeschaffung immer mehr ein Problem wurde, kam man im 18. Jahrhundert auf die Idee, menschliche Körper und Organe in Wachs oder Gips nachzubilden. Vor allem italienische Wachskünstler genossen wegen ihrer lebensgroßen und wie echt wirkenden Modelle, die noch heute den Betrachter in ihren Bann ziehen, einen ausgezeichneten Ruf. An der Herstellung waren auch Anatomen beteiligt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen Wachsreliefs in Mode. Dazu wurden an präparierten Leichen Gipsformen einzelner Körperteile abgenommen, die die Negativform für das Wachsmodell abgaben. Unter vielen anderen machte sich Goethe für die neue Technik stark, und zwar nicht aus ästhetischen, sondern aus ethischen Gründen; denn seiner Meinung nach ziemte es sich um 1800 nicht mehr, „gefallene Mädchen in tausenden Stücken anatomisch zu zerfetzen“ (nach Fröber, 2003, S. 97). Nach 1880 löste die Moulagentechnik die klassische Wachsbildnerei in der Anatomie ab. Dennoch vermochte diese Technik die Originalpräparate in den einschlägigen Sammlungen nicht zu verdrängen, so wichtig jene auch für den medizinischen Unterricht waren.

Bis in die jüngste Zeit wurde die Praxis, Präparate aus menschlichem Gewebe ohne Einwilligung des Verstorbenen herzustellen, aufzubewahren und zu präsentieren, zumindest geduldet. Um für die hierdurch im Einzelfall heute entstehende ethische Problematik (Medizinethik, S. 308) eine angemessene Lösung zu finden, sind neben Museologen auch Medizinhistoriker als Experten gefragt. So waren an den Stuttgarter „Empfehlungen zum Umgang mit Präparaten aus menschlichem Gewebe in Sammlungen, Museen und öffentlichen Räumen“ aus dem Jahre 2003 auch Medizinhistoriker unterschiedlichster Fachrichtung beteiligt (http://www.igm-bosch.de/content [<<56] /language1/downloads/EmpfehlungenAeB.pdf). Mittlerweile hat auch der Deutsche Museumsbund allgemeine „Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten“ erarbeitet (http://www.museumsbund.de/fileadmin/geschaefts/dokumente/Leitfaeden_und_anderes/2013_Empfehlungen_zum_Umgang_mit_menschl_UEberresten.pdf), die auch anthropologische und ethnologische Sammlungen mit einschließen.

2.2.7 Münzen und Medaillen

„Medicina in nummis“ ist nicht nur ein Steckenpferd von medizinhistorisch interessierten Ärzten, die neben der Sammelleidenschaft auch das notwendige Kapital dafür mitbringen (Holzmair, 1937/1989; Müller-Jahncke 1980; Murken, 1996). Auch die professionelle Medizingeschichte bedient sich dieser Quellen, um bestimmte Fragen zu beantworten.

Seit dem 16. Jahrhundert findet man Porträts herausragender Ärzte sowohl in der Malerei, Graphik oder Plastik als auch vereinzelt in der Medaillenkunst. Zu den frühesten Beispielen gehören beispielsweise Paracelsus-Medaillen. Im 19. und 20. Jahrhundert setzte dann eine wahre Flut dieser Bildnisse ein – eine Folge des wachsenden Wohlstands und des zunehmenden Prestiges der Ärzteschaft. Die Gedenkmünzen mit medizinischer Thematik erinnern nicht nur an bedeutende Arztpersönlichkeiten, sondern auch an Ereignisse (Kongresse, Ehrungen) und besondere medizinische Großtaten. Vielfach handelt es sich um (Ehren-)Abzeichen medizinischer Fachgesellschaften, so dass sich in der Zunahme gerade dieser Medaillen die immer stärker werdende Spezialisierung der Medizin spiegelt.

Zu den berühmten Sammlungen von Medaillen mit medizinischer Thematik gehört die des österreichischen Augenarztes Josef Brettauer (1835–1905), zu der 1937 ein umfangreicher Katalog erschienen ist. Eine der weltweit größten Kollektionen besitzt das Semmelweis-Museum in Budapest. Den Grundstock bildet die Sammlung des Kinderarztes Géza Faludi (1874–1953), die über 3000 Stücke umfasst. Die ebenfalls sehr bedeutende Sammlung des deutschen Chemikers Carl Duisberg (1861–1935), die zahlreiche Arztporträts auf Münzen enthält, wird heute vom Archiv der Bayer AG in Leverkusen betreut.

Anhand von Münzen kann man nicht nur Ärztebiographie betreiben, sondern auch Erkenntnisse über die Reaktion von Menschen auf Seuchen gewinnen (Pfeiffer/Ruland, 1882). So liefern die Münzen, die nach überstandenen Pestausbrüchen in vielen europäischen Städten und Territorien geprägt wurden, weiterführende Anhaltspunkte. Auf einer Erfurter Pestmedaille des Jahres 1597 findet man beispielsweise auf der Vorderseite die Angabe: „ANNO 1597 SEIN IN ERFORD GESTORBEN 7765 [<<57] MENSCH AUF DEN DORFFER SEIN 9676“. Eine Pestmedaille aus Hamburg aus den Jahren 1709 bis 1713 zeigt auf der Vorderseite, wie ein Pfarrer, Arzt und Wundarzt sich um einen bettlägerigen Pestkranken kümmern. Die Inschrift dazu lautet: „DIE STRAF WIR WOHL VERDIENET HAN, SOLCHS MUS BEKENNEN JEDERMAN. NIEMAND DARF SICH AUSSCHLIESSEN.“

Eine bislang wenig erforschte Quelle sind Reklamemedaillen, die sich bei Zahnärzten seit dem Ende des 17. Jahrhunderts wachsender Beliebtheit erfreuten. Einer der ersten, der auf diese Weise auf seine zahnärztlichen Kunstfertigkeiten aufmerksam machte, war der Londoner Dentist Blunt, der sich auf einer pennygroßen Kupfermünze als „Operator for the teeth and Bleeder“ bezeichnet. Die ältesten überlieferten Exemplare dieser Quellengattung nennen meist lediglich den Namen und die Adresse, können also gleichsam als metallene Visitenkarten angesehen werden. Später wurde es üblich, auch ein Bild des Betreffenden auf der Medaille wiederzugeben. So zeigt eine von einem französischen Dentisten mit Namen Rouil verbreitete Reklamemedaille nicht nur ein Porträt mit seiner Adresse. Sie enthält auch das Versprechen, in seinem „Cabinet d’Opération“ Zahnschmerzen restlos zu beseitigen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts findet man auf solchen Jetons sogar Honorarangaben für zahnärztliche Leistungen. Kaufleute und Firmen machten sich dieses Medium ebenfalls zunutze, um für ihre zahntechnischen Produkte bei Zahnärzten zu werben. All das macht die Reklamemedaillen zu einer interessanten Quelle für die Sozialgeschichte des Zahnarztberufes, der sich allmählich zu einer Profession mit geregelter Ausbildung entwickelte (Geschichte der Zahnmedizin, S. 344).

2.2.8 Briefmarken

Ähnlich wie Münzen spiegeln Briefmarken die medizinische Standesgeschichte, vor allem der letzten 100 Jahre, wider. Beliebte Motive auf Briefmarken des 20. Jahrhunderts sind neben berühmten Ärzten in Vergangenheit und Gegenwart auch bedeutende medizinische Kongresse sowie die antike Mythologie mit medizinischem Bezug (Hygieia, Aeskulap). Eine amerikanische Briefmarke im Wert von 24 Cent aus dem Jahre 1869 hält beispielsweise die Erinnerung an die fünf Ärzte wach, die die Unabhängigkeitserklärung von 1792 unterzeichneten. Sogar für einzelne medizinische Richtungen, wie z. B. die Homöopathie, gibt es numismatische Zeugnisse, an denen sich beispielsweise die Akzeptanz und Breitenwirkung von Außenseitertherapien im internationalen Kontext ablesen lässt. Aber auch medizinische Spezialfächer, wie z. B. die Augenheilkunde, sind in philatelistischen Sammlungen mit nicht wenigen Belegen vertreten. [<<58]

2.2.9 Bibliographie

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Fröber, Rosemarie: Museum Anatomicum Jenense. Die anatomische Sammlung in Jena und die Rolle Goethes bei ihrer Entstehung. 3., verb. Aufl. Jena 2003.

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Rheinberger, Hans-Jörg: Präparate. In: Derselbe: Epistemologie des Konkreten. Studien zu der Geschichte der modernen Biologie. Frankfurt am Main 2006, S. 336–349.

Schnalke, Thomas: Diseases in Wax. The History of the Medical Moulage. Carol Stream/Ill. 1995.

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Sanders, Lee J: The philatelic history of diabetes: in search of a cure, Alexandria, VA 2001.

2.3 Bilder und neue Medien

Bis vor rund 30 Jahren näherte sich die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ihrem Forschungsgegenstand vornehmlich auf der Basis von Texten oder Zahlen. Meist dienten Bilder der Illustration, oder sie wurden in den Bereich der Kunst- und Kulturwissenschaft verwiesen. Die piktologische Methodologie war kaum entwickelt, und Bilder selbst galten kaum als Objekte der Forschung. Seit dem pictorial turn der 1980er Jahre (zumindest für die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte) und noch viel mehr, nachdem dieser Wandel seit etwa den 1990er Jahren auch in den Sozial- und Geschichtswissenschaften als vollzogen gelten darf, zeichnet sich ein deutlicher Wandel in Richtung einer angemessenen Würdigung des Visuellen ab. Bildwahrnehmung und Bildanalyse wird nun ganz offensichtlich auch in den traditionell eher textlastigen Disziplinen eine eigenständige methodische Aufmerksamkeit zuteil. Es darf erwartet werden, dass die „piktorale Literalität“ in Zukunft noch weitaus mehr beachtet wird, zumal sich große Bereiche der modernen Medien- und Informationskultur zunehmend intensiver Bilderfluten und komplexer ikonographischer Symbolik bedienen. Bilder werden so zu deutungswürdigen Texten. Vor diesem Hintergrund soll in den folgenden Abschnitten Bildern sowie alten und neuen Bildmedien, soweit sie für die medizinhistorische Forschung bedeutungsvoll sein könnten, – wenngleich nur kursorisch – Beachtung geschenkt werden. [<<64]

2.3.1 Antike – Naturalismus und Illusionismus

Die Geschichte der medizinischen Skulptur und Abbildung im weiteren Sinne lässt sich im westeuropäischen Kontext bis zur Vasenmalerei der griechischen Antike oder zu den Votivdarstellungen der antiken Asklepiosheiligtümer zurückverfolgen. Wenngleich diese Opfergaben auch noch nicht die Funktion der unmittelbaren Information über körperliche Gebrechen und deren Wunderheilungen erfüllen, sondern eher als Danksagungen oder als Belege für die subjektive Authentizität der erfolgten Heilung verstanden werden müssen, so sind sie doch gleichwohl bereits, zusammen mit den ihnen gelegentlich beigegebenen Berichten, wichtige Belege für das Mühen um die naturalistische Illustration des Pathologischen oder des idealtypisch Gesunden im theurgischen Kontext. Dass daneben bereits in der griechischen Antike reich bebilderte medizinische Handschriften existiert haben dürften, können wir aus entsprechenden Hinweisen antiker Autoren schließen. So erwähnt etwa Aristoteles (384–322 v. Chr.) wiederholt (etwa in seiner Historia animalium) ein „reich bebildertes“ Anatomiewerk. Für diese frühen Abbildungen, die im Sinn der „imitatio“ den ägyptischen Schematismus in der medizinischen Illustration überwinden, besitzen wir allerdings neben ihren antiken Erwähnungen keine materiellen Belege. Erst der spätantike „Wiener Dioskurides“ (512 n. Chr.) darf als die bislang früheste bekannte Quelle für die naturalistische medizinisch-botanische Textillustration angesehen werden. Der Pergament-Codex (De materia medica) des Arztes und Pharmakologen Pedanios Dioskurides aus Anazarba (1. Jh. n. Chr.) ist mit 383 ganzseitigen kolorierten Pflanzenabbildungen illustriert. Dazu enthält er eine Illustration, die einen Blick ins Atelier des Autors und seines Textillustrators gestattet.

Vermutlich noch nach einer antiken Originalvorlage ist die Kopie eines Kommentars (De articulis) des Apollonios von Kition (1. Jh. v. Chr.) zur hippokratischen Schrift Über das Einrenken der Glieder entstanden. Der byzantinische Kopist hat wohl die Kernaussagen der 30 antiken Textillustrationen (nackte Männerfiguren, Patienten und Heilkundige in chiropraktischen Therapiesituationen im Stil des antiken Illusionismus) der byzantinischen Renaissance folgend bildgetreu übernommen, sie dann aber mit der rahmenden Ornamentik der mittelbyzantinischen Buchmalerei versehen.

2.3.2 Mittelalter – Motivdominanz der Humorallehre

Hinsichtlich der mittelalterlichen medizinischen Abbildung ist nach wie vor Robert Herrlinger (Herrlinger, 1967) die unverzichtbare Grundlagenlektüre. Zu den Hauptgruppen der mittelalterlichen Abbildungen im Bereich der Lehrgraphik zählt Herrlinger [<<65] Aderlassfiguren, Darstellungen der Urindiagnostik, Wundenmänner, Illustrationen des auf die Qualitäten- und Säftelehre der Antike bezogenen Viererschemas sowie Szenendarstellungen aus der medizinischen Praxis.

Aderlassfiguren und Schemata der Qualitäten- und Säftelehre treten besonders im späten Mittelalter in großer Zahl und Vielfalt auf. Sie sind grundlegend für die im Aderlass geübte humoralistische Säfteentleerungpraxis auf der Grundlage einer Wechselbeziehung zwischen cosmos (Gestirne, Konstellationen), mundus (vier Elemente und Primärqualitäten), annus (Jahreszeiten) und homo (vier Säfte), also ein Aufeinanderbezogensein von Makro- und Mikrokosmos. Der Wundarzt musste wissen, wann und wo er welche Ader zu „schlagen“ hatte, um den gewünschten Entleerungs- und Ausgleichseffekt zu erzielen. Diagnostischen Zwecken dienten die Darstellungen zur Harnschau, die in ihrer spätmittelalterlichen Häufung ebenso typisch wie die Aderlassabbildungen waren und gleichermaßen in den Wiegendruck übergingen (Voswinckel, 1993). Da aus dem Urin vor allem nach dessen Farbe diagnostiziert wurde, handelt es sich oft um kolorierte Darstellungen. Abbildungen von Wundenmännern haben möglicherweise eine Funktion in der Ausbildung zum Wundarzt oder Handwerkschirurgen besessen, weil sie auf die unterschiedlichsten Verwundungstypen hinwiesen. In der Abbildung medizinischer Behandlungsszenen ist es besonders die gotische Miniaturmalerei der französischen Schule des 13. Jahrhunderts, die große Illustrationsfülle präsentiert und unter anderem das gesamte chirurgische ikonographische Programm a capite ad calcem bietet. Aber auch frühe Hospitalszenen oder Abbildungen von Leprösen mit Klappern kommen vor.

2.3.3 Frühe Neuzeit – Anatomie

Während die mittelalterliche medizinische Ikonographie des Westens arm an anatomischen Bildern ist, kann das 16. Jahrhundert geradezu als eine Zeit der anatomischen (Sektions-)Abbildung bezeichnet werden. Das Ende der scholastizistischen anatomischen Illustration hatte in Italien bereits die Künstleranatomie Leonardo da Vincis markiert. Im Mittelpunkt aber stand Andreas Vesal. Sorgfältige Menschensektionen und der kritische Vergleich dessen, was sich dem frühneuzeitlichen Anatomen am Sektionstisch tatsächlich offenbarte, mit der klassisch-anatomischen Doktrin Galens und seiner Interpreten haben Vesal geleitet und in seinem Werk stark beeinflusst. Sie fanden ihren Niederschlag in den berühmten De humani corporis fabrica libri septem, die zuerst 1543 in der Offizin seines Freundes Johannes Oporinus in Basel mit Illustrationen des Tizian-Schülers Jan Stefan von Calcar (ca. 1499–1545) ausgestattet und publiziert wurden. Die Holzschnitte dieser Ausgabe versuchten zum ersten Male [<<66] in der Geschichte der Anatomie, die tatsächlichen Gegebenheiten des menschlichen Körpers abzubilden, und sollten für weit mehr als ein Jahrhundert die Norm aller folgenden anatomischen Abbildungen liefern (Givens/Reeds/Touwaide, 2006). Sie sind von einer ganzen Reihe berühmter anatomischer Illustratoren, unter ihnen Walther Hermann Ryff (1500–1548), Juan Valverde de Amusco (Hamusco) (geb. um 1525), Julius Casserius (1561–1616) und Govard (auch Govert) Bidloo (1649–1713), immer wieder kopiert worden.

Unter dem Einfluss des Humanismus entwickelte sich auch die Pflanzenkunde in enger Verbindung mit der Medizin zu einer eigenständigen, neuzeitlichen Wissenschaft. Den Verfassern einer Vielzahl von Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts kam es zunächst darauf an, das antike pflanzenkundliche Wissen von den Fehlern arabisch- und lateinisch-mittelalterlicher Textüberlieferung und -kommentierung zu reinigen, kritisch zu verbessern und die griechischen Originalquellen neu zu edieren. Diese Arbeit war auch gekennzeichnet durch das Bestreben, möglichst alle Lücken in der Textüberlieferung durch eigene Naturbeobachtung, durch eigene Zuwendung zum liber naturae, zu schließen. Man wollte die bekannten Pflanzenarten zunächst in Anlehnung an das antike Schema, vor allem an das des Theophrast von Eresos (373–288 v. Chr.), des Dioskurides von Anazarba (1. Jh. n. Ch.) sowie des antiken Naturenzyklopädisten Plinius (23–79), aber schon bald auch darüber hinaus praktikabel klassifizieren. Als erstes umfangreiches Kräuterbuch des Renaissance-Humanismus, richtungweisend in seiner anschaulichen und exakten Illustrierung, erschien 1530 die Herbarum vivae eicones des Arztes Otho Brunfels (1488–1534), ein Pflanzenatlas mit mehr als 300 naturgetreuen Holzschnitten. Ihm folgten schon wenig später das New Kreütterbuch (1539) von Hieronymus Bock (1498–1554) und die De historia stirpium commentarii (1542) von Leonhard Fuchs (1501–1566).

Ihren großen Aufschwung allerdings, sowohl hinsichtlich der Formen- und Funktionsvielfalt als auch hinsichtlich moderner Druck- und Gravurverfahren, scheint die medizinische Abbildung im Verlauf des 17. Jahrhunderts zu erfahren. Hierbei muss wohl vor allem dem Übergang vom Hoch- zum Tiefdruck durch die Einführung des Kupferstiches eine besondere Bedeutung beigemessen werden, und zwar nicht so sehr als Ausdruck einer Entrückung ins Graphisch-Malerische oder einer Veränderung des Körperempfindens, sondern, viel pragmatischer, als Ausdruck eines Bedürfnisses nach höheren Auflagen; von einer Kupferplatte können sicher mehr als 1000 brauchbare Abzüge hergestellt werden, von einer Holztafel wesentlich weniger. Es kann hier unmöglich auf die ganze Vielfalt der frühneuzeitlichen medizinischen Abbildung (von Einblattdrucken über die lehrgraphische Buchillustration, einschließlich des Titelkupfers, bis hin zu Klapp- oder Schichttafeln, der medizinischen Karikatur oder [<<67] medizinischen Motiven in der Genremalerei des 17. Jahrhunderts) eingegangen werden. Grundlegend hierfür ist immer noch eine deutsche Übersichtsdarstellung (Putscher, 1972). Eine umfassende Geschichte der medizinischen Abbildung, die in den Vordergrund ihrer Betrachtung vor allem die Abbildungsfunktion stellt, also den speziellen Beitrag der Illustration zur Wissens- und Wissenschaftsvermittlung, ist allerdings bis heute ein Desiderat.

2.3.4 Neue Bild- und Audiomedien in der Moderne – Fotografie, Film, Rundfunk, Poster

Für die Abbildung und Textillustration stellt das 19. Jahrhundert eine revolutionäre Epoche dar. Die Erfindung der Fotografie (griech. „Lichtzeichnung“) wurde nicht vor dem frühen 19. Jahrhundert gemacht, obwohl die beiden wichtigsten Vorraussetzungen, das Prinzip der Camera obscura (lat. „dunkle Kammer“) und die Schwärzung von Silbernitraten durch Licht, schon viel früher bekannt waren. Im Jahre 1839 gaben die Akademien der Wissenschaften und der Schönen Künste zu Paris gemeinsam das Verfahren der sogenannten Daguerreotypie als „Geschenk Frankreichs an die Welt“ bekannt. Die silberglänzenden Spiegelbilder traten einen raschen Siegeszug an, kamen sie doch genau zu dem Zeitpunkt, als der Wunsch des wirtschaftlich und politisch erstarkten Bürgertums nach Repräsentation in naturgetreuen und preisgünstigen Porträts manifest wurde. Die Entstehung fotografischer Bilderwelten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begründete eine kulturelle Praktik, die Ausdruck eines gesellschaftlich präfigurierten und stetig wachsenden Bedürfnisses nach Bildern war, das man geradezu als Bildhunger bezeichnen könnte. Es war der Einstieg in eine neue visuelle Gesellschaft. Es war zugleich der Beginn einer Suche nach neuen, naturgetreuen Realitäten in den Wissenschaften. Alexander von Humboldt (1769–1859) war wohl der erste deutsche Gelehrte, der eine Daguerreotypie in Händen hielt. Zu Recht erwartete Humboldt essentiellen Nutzen für die Naturwissenschaft. Tatsächlich bemächtigte sich auch die Medizin bald des neuen Mediums, indem sie erstmals in bestechender Wirklichkeitstreue den gesunden Menschen in seinen bislang verborgenen physiologischen Abläufen, den Patienten konkret in seiner Krankheitspose, den Probanden des Humanexperiments als reagierenden Organismus konkret abbildete (Bömelburg, 2007). Damit präsentierten sich zugleich neue Aufschlüsse über den kulturell präfigurierten Blick des Arztes und die neue Rolle des Betrachters als Zeuge eines physiologisch und pathophysiologisch illusionierten Momentanereignisses, so z. B. die fotografischen Studien von Bewegungsabläufen der Physiologen Étienne-Jules Marey (1830–1904) und E. J. Muybridge (1830–1904) oder die fotografischen [<<68] Dokumentationen des Elektrophysiologen Guillaume Duchennes (1806–1875). Hingewiesen sei hier auch auf die bedeutende Rolle der Mikrofotografie für die Kochsche Bakteriologie oder auf die Röntgenfotografie am Ende des 19. Jahrhunderts. Inzwischen häufen sich auch Arbeiten zur Geschichte der klinischen Photographie. Exemplarisch kann hier auf die Studie Susanne Regeners zum Verhältnis von Bild und Gewalt in der psychiatrisch-photographischen Aufnahme (Regener, 2010) verwiesen werden oder auf die Geschichte der Lazarett-Postkarte im Ersten Weltkrieg (Eckart, 2013). Unter den Arbeiten, die sich in grundlegender Weise dem Problembereich der Visualisierung von Patientenpersönlichkeit und Krankheit der medizinischen Photograpie widmen, sind exemplarisch die Studien zu Visualisierungspraktiken in medizinischen und populären Publikationen des 19. und 20. Jahrhunderts (Brink/Sauerteig, 2007), zur Patientenphotographie in der deutschen Psychiatrie zwischen Fin de siécle und NS-Diktatur (Bömelburg, 2007) sowie zur Kultur- und Sozialgeschichte der photographischen Aufnahme körperlich beeinträchtigter Kinder in den 1920er und frühen 1930er Jahren (Osten, 2010) zu nennen. Wissenschaftliches Neuland betritt auch die Auswertung der Plakat- und Bildaufklärung in der Medizin (Cooter/Stein, 2007).

Gleiches gilt für den Film, dessen Frühgeschichte bereits mit den Serienfotografien Mareys und Muybridges beginnt und den auch die Medizin bald nach 1900 als neues Dokumentationsmedium entdeckt. Dabei wird der Film, ähnlich wie die Fotografie, einerseits zum neuen Instrument der klinischen Forschung, wie etwa im Bereich der Tuberkulose, andererseits aber auch durch seine fiktionalen Möglichkeiten (Spielfilm) zum Spiegelbild des Arztbildes in der Öffentlichkeit. Belegt sei dies exemplarisch an der Bedeutung des Spielfilms im Nationalsozialismus. Hier sind es einerseits stehende (Fotografie) und bewegte (Film) Bilder ärztlicher Verbrechen, aber auch dokumentarische Aufnahmen des Nürnberger Ärzteprozesses gegen die Haupttäter der medizinischen NS-Verbrechen, die der historischen Analyse zur Verfügung stehen. Im Hinblick auf den fiktionalen Film verwundert nicht, dass sich das NS-Regime auch der neuesten Medien- und Propagandatechniken bediente und in einer Reihe von Spielfilmen Ärzten eine wichtige Rolle zuwies, weil sich in diesem Medium publikumswirksam ideologische Versatzstücke transportieren ließen, die von der Hervorhebung der großen Leistungen deutscher Ärzte und der Betonung der „Führerpersönlichkeit“ des Arztes (wie in „Robert Koch“ von 1939 und in „Paracelsus“ von 1943) bis hin zum Kolonialrevisionismus (etwa in „Germanin“ aus dem Jahr 1943) reichten. Das bekannteste Beispiel eines NS-Medizinfilmes stellt der Film „Ich klage an“ (1941) dar, in dem die Tötung (auf Verlangen) thematisiert und popularisiert wurde, um der ungefragten Tötung sogenannten „lebensunwerten“ Leben, dem klinischen [<<69] Morden in psychiatrischen Anstalten des Reichs und der besetzten Gebiete, den Weg ins Bewusstsein einer breiten wahrnehmenden Öffentlichkeit zu ebnen. Anhand des deutschen Nachkriegsfilms ist zu verfolgen, wie sich das Bild des Mediziners im Spielfilm der 1950er Jahre veränderte. Einerseits zog das Leben großer Arztpersönlichkeiten immer noch das filmische Interesse auf sich (z. B. „Sauerbruch – Das war mein Leben“ von 1954 oder auch „Semmelweis – Retter der Mütter“, DEFA 1950), andererseits faszinierte die Filmschaffenden, ob und wie die Nachkriegsgeneration die Rolle von Medizinern im Nationalsozialismus oder in der Kriegsgefangenschaft bei ehemaligen Kriegsgegnern deutete, wie etwa in dem Spielfilm „Die Mörder sind unter uns“ (SBZ 1946) oder in der Verfilmung des millionenfach verkauften Bestsellers von Heinz G. Konsalik „Der Arzt von Stalingrad“ (D 1948). Kontinuität und Diskontinuität landläufiger Arztbilder lassen sich so in einer Analyse des Mediums Film aufschlüsseln.

Mittlerweile ist auch eine Reihe grundsätzlicher Arbeiten zur filmischen Dokumentation medizinischer Themen im 20. Jahrhundert erschienen, deren Lektüre jedem Neuling auf diesem Forschungsfeld empfohlen werden kann. Es handelt sich hierbei zunächst um eine Studie zur Soziologie des populären Wissenschaftsfilms (Verdicchio, 2008) sowie um eine Arbeit zur Frage nach der Faktizität im wissenschaftlichen Dokumentarfilm des 20. Jahrhunderts (Boon, 2008). Zum Medizinfilm sowie zum halbdokumentarischen Film mit medizinischen Sequenzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Studie von Christian Bonah und Anja Laukötter wegweisend (Bonah/Laukötter, 2009), während sich Philipp Osten in zwei Beiträgen dem Film als Element der medizinischen Volksbelehrung (Osten, 2009 u. 2011) und in einer weiteren Studie Ärzten als Filmregisseuren (Osten, 2008) zuwendet.

Inzwischen ist auch eine Reihe grundlegender Arbeiten zur Geschichte der Medizin im Film und im Fernsehen erschienen, die sowohl die jüngere Geschichte dieses Forschungszweiges als auch den wissenschaftshistorischen Umgang mit diesen neuen medialen Dokumentationsformen thematisieren (Ostherr, 2013; Reagan, 2010; Regener, 2010; Ritzmann, 2009). Ein Desiderat der Forschung ist bislang noch die Geschichte der Medizin im Rundfunk (Biermann, 2013).

2.3.5 Bildersammlungen an medizinhistorischen Instituten

Nahezu alle medizinhistorischen Institute und Museen verfügen über eigene Bildersammlungen, die allerdings in Dichte und Erschließungsstand so vielfältig wie unterschiedlich sind, so dass sie hier lediglich exemplarisch behandelt werden können. Eindeutig führend im europäischen Kontext ist die Bildersammlung des Medizinhistorischen [<<70] Instituts und Museums der Universität Zürich (http://www.mhiz.uzh.ch/). Dokumentiert im Archiv des Instituts, umfasst die Sammlung ca. 3000 Originale, darunter frühneuzeitliche Kupferstiche, ca. 20.000 Reproduktionen, eine umfangreiche Porträtsammlung mit Kupferstichen von Ärzten und Porträtreproduktionen, daneben eine beachtliche Grafiksammlung (Ärzte und Patienten als Künstler, Kunstwerke medizinischen Inhalts). Verwiesen werden muss in diesem Zusammenhang außerdem auf die medizinhistorische Objektsammlung im Museum des Instituts (http://www.mhiz.uzh.ch/ueber.html).

2.3.6 Bilder im Internet

Auf die neuen Bilderwelten des Internet kann an dieser Stelle nur kursorisch eingegangen werden. Hervorzuheben ist aber besonders, dass die zahllosen präsentierten Bilder, die über entsprechende Suchmaschinen gefunden werden können (etwa bei Google-Bildsuche, http://images.google.de/), häufig nur mangelhaft hinsichtlich ihrer Quellenherkunft belegt sind. Hier ist also beim Zitieren und Reproduzieren größte Vorsicht geboten. Unter den quellenmäßig gut belegten und reichhaltigen Sammlungen sei exemplarisch auf die umfangreiche Bildersammlung (etwa 60.000) der amerikanischen National Library of Medicine verwiesen: http://www.nlm.nih.gov/hmd/ihm/. Die dort präsentierten Bilddokumente sind vorzüglich recherchiert, aber mit einem Copyright-Vermerk versehen, und müssen für Reproduktionen gegen geringes Entgelt bestellt werden. Vergleichbar umfangreich ist die medizinhistorische Bildersammlung der Wellcome Library (Wellcome Images) (http://wellcomeimages.org). Auch hier sind die im Netz verfügbaren Bilder mit Copyright-Vermerken versehen, können aber nach Anmeldung kostenpflichtig in guter Auflösung bestellt werden. Eine über 1000 Bilder umfassende Spezialsammlung des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung zur Geschichte der Homöopathie ist ebenfalls online recherchierbar (http://91.103.114.166/fmi/iwp/res/iwp_auth.html;jsessionid=055FE5FFEC68A97C157CB873.wpc1). Daneben existieren zahlreiche allgemeine historische Bildersammlungen anderer Anbieter, meist historischer Archive oder Universitätsbibliotheken, die immer auch medizinhistorisches Bildmaterial aufweisen. Auf die große Zahl solcher Anbieter kann hier nur am Beispiel der photographischen Bildersammlung der US National Archives (http://www.archives.gov/research/alic/reference/photography.html) verwiesen werden. Beachtenswerte Hinweise auf das Zitieren von Bildern im Internet bietet die Universität Mainz (http://www.zdv.uni-mainz.de/508.php). [<<71]

2.3.7 Bibliographie

Benzenhöfer, Udo/Eckart, Wolfgang U.: Medizin im Spielfilm des Nationalsozialismus. Tecklenburg 1990.

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Biermann, Ralf: Medizin im Rundfunk der Weimarer Republik: Von den Anfängen bis zum Vorabend der Diktatur, 1923–1933. Diss. med. Universität Heidelberg, Heidelberg 2013.

Bömelburg, Helen: Der Arzt und sein Modell. Patientenfotografien aus der deutschen Psychiatrie 1880 bis 1933 (=Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Beiheft 30). Stuttgart 2007.

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Bonah, Christian/Laukötter Anja: Moving pictures and medicine in the first half of the 20th century: Some notes on international historical developments and the potential of medical film research. In: Gesnerus. Swiss Journal of the History of Medicine and Sciences 66 (2009), S. 121–145.

Boon, Timothy: Films of fact A history of science in documentary films and television. London 2008.

Brink, Cornelia/Sauerteig, Lutz (Hg.): Bilder von Körpern. Visualisierungspraktiken in medizinischen und populären Publikationen des 19. und 20. Jahrhunderts. Themenheft von WerkstattGeschichte 47 (2007).

Cartwright, Lisa: Screening the body: tracing medicine’s visual culture. Minneapolis 1995.

Cooter, Roger/Stein, Claudia: Coming into focus: Posters, power, and visual culture in the history of medicine, in: Medizinhistorisches Journal 42(2007)2, S. 180–209.

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Eckart, Wolfgang Uwe: Die Wunden heilen sehr schön: Feldpostkarten aus dem Lazarett 1914–1918, Stuttgart 2013.

Fichtel, Folker: Die anatomische Illustration in der frühen Neuzeit. Frankfurt am Main 2006.

Frayling, Christopher: Mad, bad and dangerous? The scientist and the cinema. London 2005.

Geimer, Peter (Hg.): Ordnungen der Sichtbarkeit: Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie. Frankfurt am Main 2002.

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Gottgetreu, Sabine: Der Arztfilm: Untersuchung eines filmischen Genres. Bielefeld 2001.

Herrlinger, Robert: Geschichte der Medizinischen Abbildung. Bd. 1: Von der Antike bis um 1600. München 1967.

Holländer, Eugen: Die Karikatur und Satire in der Medizin. Stuttgart 1905.

Holländer, Eugen: Die Medizin in der klassischen Malerei. 3. Aufl. Stuttgart 1923.

Krug, Antje: Heilkunst und Heilkult – Medizin in der Antike. 2. Aufl. München 1993.

Londe, Albert: La photographie médicale: application aux sciences médicales et physiologiques. Paris 1893. [<<72]

Mazal, Otto: Pflanzen, Wurzeln, Säfte, Samen: Antike Heilkunst – Miniaturen des Wiener Dioskurides. Graz 1981.

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Regener, Susanne: Visuelle Gewalt. Menschenbilder aus der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts. Bielefeld 2010.

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2.4 Oral History

Unter „Oral History“ versteht man eine Methode, die geschichtliche Vergangenheit mittels mündlicher Überlieferung zu rekonstruieren versucht. Im Deutschen wird gelegentlich auch der Begriff ,Mündliche Geschichte‘ gebraucht, der eine weitergefasste Bedeutung hat. Man begreift darunter zunächst die sogenannte ‚oral tradition‘ (Erzählungen, Sagen, Märchen, Mythen), für die sich insbesondere Volkskundler und Ethnologen interessieren. Darüber hinaus versteht man unter ‚oral history‘ Zeitzeugenberichte und Lebensgeschichten, die durch retrospektive Befragungen erhoben wurden. Schließlich sind hier noch sogenannte ‚Ablaufdokumentationen‘ (Mitschnitte von Reden, Diskussionsrunden, Interviews) zu nennen, die nicht durch gezielte Befragungen entstanden sind, gleichwohl aber geeignet sind, die herkömmlichen schriftlichen Quellen zu ergänzen.

2.4.1 Die Anfänge der Oral History-Bewegung

Historiker haben immer schon die mündliche Geschichte als Quelle herangezogen, doch galt ihr Hauptaugenmerk der schriftlichen Überlieferung, für die man im 19. Jahrhundert quellenkritische Methoden entwickelte. Die Oral History-Bewegung ist dagegen jüngeren Datums. Sie hat ihre Ursprünge in den Vereinigten Staaten. Dort baute der Journalist und Historiker Allan Nevins nach dem Zweiten Weltkrieg das erste Oral History-Archiv auf. Auf ihn geht zudem die Bezeichnung für die neue Methode zurück, die sich spezieller Befragungs- und Interviewtechniken bediente. Diese wurden zwar schon im 19. Jahrhundert gelegentlich von Historikern benutzt, erlebten aber durch die neuen Medien (vor allem das Tonband) nach 1945 einen ungeahnten Aufschwung. 1966 wurde in den USA die erste Oral History-Society der Welt gegründet. 1973 folgte England, wo Paul Thompson den entscheidenden Anstoß gab. Im selben Jahr erschien in den USA die erste Fachzeitschrift (Oral History Review). Auch in Skandinavien fand die Oral History-Bewegung schon früh Anhänger. Das Buch des schwedischen Journalisten Sven Lindquist mit dem programmatischen Titel Grabe wo du stehst (1978) wurde zur Bibel der sogenannten „Barfuß-Historiker“, die außerhalb des Elfenbeinturms der professionellen Geschichtswissenschaft nach neuen Quellen für die Alltagsgeschichte Ausschau hielten. Gegen Ende der 1970er Jahre fasste die Oral History schließlich in Deutschland Fuß. 1979 veröffentlichte Lutz Niethammer die erste Übersicht zu laufenden Projekten, die mit der neuen Methode arbeiteten. 1985 folgte vom selben Herausgeber ein Sammelband mit Aufsätzen zur Praxis der Oral History, der auch heute noch lesenswert ist (Niethammer, 1985) [<<74]

Bis heute wird immer wieder darüber diskutiert, ob der Informationswert der mündlichen Überlieferung den hohen Aufwand (Generierung, Sicherung, Erschließung, Nutzbarmachung) rechtfertigt. Das menschliche Gedächtnis ist nicht nur lückenhaft, sondern auch störanfällig, wie neurobiologische Forschungen und psychologische Studien gezeigt haben. Diese wissenschaftlichen Befunde werden inzwischen von der Geschichtswissenschaft sehr ernst genommen, und zwar nicht nur in Hinblick auf die zeitgeschichtliche Forschung (Fried, 2004). Durch Oral History erfährt man also nicht unbedingt etwas, was nicht in den Akten steht. Die Zeitzeugenbefragung dient eher dazu, Deutungsmuster und Handlungsmöglichkeiten von Akteuren zu erfassen. Auch können Interviews Hinweise auf eine andere Lesart der schriftlichen Quellen oder auf bisher unbekannte Überlieferungen geben. Zudem eignet sich diese Methode für historiographische, didaktische und mediale Zwecke, und zwar nicht nur auf der Ebene der Lokalgeschichte.

2.4.2 Arbeitstechniken

Die technische Ausrüstung ist inzwischen kein Problem mehr. Gute Aufnahmegeräte sind heute billig in der Anschaffung und auch so handlich, dass sie überall mit hingenommen werden können. Gleich geblieben ist jedoch der nicht zu unterschätzende Zeitaufwand, der für die Planung, Durchführung und Erschließung von Zeitzeugenbefragungen erforderlich ist. Erfahrungswerte zeigen, dass für eine Interview-Stunde für Vor- und Nachbereitung einschließlich Transkription und Auswertung 40 Stunden zu veranschlagen sind. Vor allem gilt es zu beachten: keine Oral History-Projekte ohne genaue Kenntnis der schriftlichen Überlieferung. Das heißt, man muss sich vorab um einen Überblick über die gedruckte Literatur und die vorhandenen einschlägigen Archivalien bemühen, um vorhandene Überlieferungslücken zu erkennen und gezielt andere Quellen zu ergänzen, zu korrigieren und neue Fragestellungen herauszuarbeiten. Vor einer Befragung sind also folgende Schritte zu beachten:

1) Erstellung einer Liste von Zeitzeugen, die zu dem betreffenden Sachverhalt befragt werden sollen, sowie die Erstellung einer Reihenfolge, in der die Interviews durchgeführt werden sollen; dazu gehört auch eine erste Kontaktaufnahme mit möglichen Interviewpartnern.

2) Lektüre von Akten, Zeitungen, Zeitschriften und anderen Quellen zur Erstellung von Arbeitshypothesen und zur Vorbereitung eines allgemeinen Fragenkataloges sowie zur Gedächtnisstütze bei der Befragung.

3) Zusammenstellung und Ausarbeitung „offener“ und „geschlossener“ Fragen (letztere müssen lediglich mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden), aber auch von [<<75] Testfragen, die bei der Zeitzeugenbefragung gestellt werden sollen. Dabei ist vor allem darauf zu achten, dass die Befragten auch weiter ausholen können, ohne dabei in Weitschweifigkeit zu verfallen. Das alles setzt eine Gesprächsatmosphäre voraus, die von einem persönlichen Vertrauensverhältnis geprägt ist. Das gilt sowohl für das standardisierte Leitfaden-Interview als auch insbesondere für das narrative Interview, in dem der Befragte frei und in eigener Gewichtung Auskunft gibt und nicht von Nachfragen unterbrochen wird. Erst in einer zweiten Phase – zeitlich getrennt – wird nachgefragt oder um Ergänzungen und Präzisierungen gebeten. Beide Interviewarten haben sich in der Praxis bewährt, wobei in dem einen Fall auf die Intersubjektivität, in dem anderen auf die subjektive Wertung abgezielt wird.

4) Durchführung der Interviews, wobei man nicht mehr auf das Stenogramm zurückgreifen muss, sondern sich modernster Aufnahmetechniken bedienen kann.

5) Meist unterschätzt wird der zeitliche Aufwand, der für die Transkription der Zeitzeugenbefragung erforderlich ist. Man rechnet je nach Schwierigkeit des Textes oder Rede- und Schreibtempo zwischen fünf und zwölf Stunden Transkriptionszeit pro Interviewstunde. Das ergibt zwischen 15 und 30 Normseiten pro Interviewstunde. Es entstehen also erhebliche Textmengen. Doch gilt ein weiterer Grundsatz: keine Oral History ohne anschließende Verschriftlichung und Verschlagwortung. Insbesondere bei umfangreichen Projekten entsteht ansonsten eine Materialsammlung, die nur noch mühsam ausgewertet werden kann. Wichtig ist, dass der Informationsverlust bei der Verschriftlichung so gering wie möglich gehalten wird, doch müssen parasprachliche Äußerungen (Gestik, Mimik, Stimmlage) nicht immer detailliert erfasst werden, es sei denn, diese Informationen sind für das betreffende Projekt von Gewicht. Meist genügt allerdings eine quasi-literarische Transkription. Manchmal reicht auch eine ausführliche Zusammenfassung aus, sofern die Originaltonbänder leicht zugänglich sind.

Inzwischen sind viele dieser Materialien zur mündlichen Geschichte in öffentlich zugänglichen Archiven vorhanden und teilweise auch erschlossen. Eine recht gute, wenngleich nicht mehr ganz aktuelle Übersicht über die vorhandenen Bestände für eine deutsche Region (das Rheinland) bietet die Zusammenstellung von Dieter Kastner aus dem Jahre 1991. Darunter sind die Befragungen von Patienten psychiatrischer Kliniken aus den Jahren 1983 bis 1985, die sich heute im Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland in der Abtei Brauweiler befinden. Transkribierte Zeitzeugenbefragungen existieren mittlerweile auch in medizinhistorischen Instituten und Bibliotheken (McKenzie/Pifalo, 1998). Das einzige größere Oral History-Projekt in der Medizingeschichte, das als vollständige Transkription im Druck vorliegt, ist die Witness-Seminar-Serie des [<<76] Wellcome Centre for the History of Medicine in London (http://www.history.qmul.ac.uk/research/modbiomed/wellcome_witnesses/index.html), die bislang über 20 Bände zu unterschiedlichen Themenfeldern der Medizingeschichte des 20. Jahrhunderts umfaßt und von Daphne Christie, Lois Reynolds und E. M. Tansey herausgegeben wird. Außerdem verfügt die Wellcome Library über eine umfangreiche Film- und Videosammlung, die auch für Oral history-Projekte geeignet ist (Clark, 1992). Unter den über 17.000 Oral History-Quellen in einer amerikanischen Datenbank zu englischsprachigen Ego-Dokumenten lassen sich per Suchbefehl leicht medizinhistorisch ergiebige Belege finden (http://www.inthefirstperson.com/firp/index.shtml).

Ablaufschema für ein Oral History-Interview

[<<77]

2.4.3 Forschungsfelder

Die Oral History wurde in der Bundesrepublik in der Geschichtswissenschaft zunächst eingesetzt, um lebensgeschichtliche Zeugnisse von Gruppen zu sammeln, die nicht häufig aktenkundig geworden sind oder ein ganz „normales“ Leben geführt haben. So richtete sich der Fokus beispielsweise auf die Erforschung des Alltags im Nationalsozialismus und auf die Geschichte des Arbeitermilieus. Später profitierte auch die Jugend-, Minderheiten- und Frauenforschung von der neuen Methode zur Erschließung mündlicher Überlieferung.

In die Medizingeschichte hielt Oral History erst relativ spät Einzug, zumindest in Deutschland, wenngleich gelegentlich Zeitzeugenbefragungen in medizinhistorischen Studien, insbesondere zur Geschichte der Medizin im Dritten Reich, schon zu einem recht frühen Zeitpunkt durchgeführt wurden (Feld, 2005). Bereits in den 1980er Jahren entdeckten dagegen anglo-amerikanische Medizinhistoriker die mündliche Geschichte. Am Anfang standen Interviews mit einflussreichen Ärzten. Es folgten Studien zu einzelnen Krankheitsbildern (AIDS, Polio, Typhus, Taubstummheit), bei denen Patienten und behandelnde Ärzte befragt wurden. Vor allem die Pflegegeschichte (S. 324), die auf nicht sehr umfangreiche schriftliche Überlieferung zugreifen kann, machte sich die Erschließung neuer Quellen zur Aufgabe. Ohne die mündliche Überlieferung hätte man wohl kaum eine Geschichte der noch jungen Hospizbewegung in England schreiben können (Clark, 2005). Auch die Patientengeschichte erfährt durch solche subjektiven Erlebnisberichte aus jüngster Zeit eine erhebliche Bereicherung, wenngleich einschlägige Studien bislang Mangelware sind und diese sich meist auf einzelne Patienten und deren Krankheitserfahrung konzentrieren (Adams, 1995; Wiebel-Fanderl, 2003).

Kollektivbiographische Studien, die mit Befragungen größerer Patientenkollektive arbeiten, sind eher die Ausnahme. Ein frühes Beispiel aus dem deutschen Sprachraum ist die Untersuchung über den Umgang mit Krebs im ländlichen Raum (Dornheim, 1983).

In der Bundesrepublik haben bislang nur wenige Forscher und medizinhistorische Institute Erfahrungen mit dem systematischen Einsatz der neuen Methode gesammelt, sieht man von Einzelprojekten (meist Dissertationen) einmal ab. Zur jüngsten Geschichte der Charité in Berlin liegen mehrere Befragungen von Zeitzeugen vor (Atzl/Hess/Schnalke, 2005; Herrn/Hottenrott, 2010). Ein umfangreiches Oral History-Projekt zur Geschichte der Pflege in Deutschland ist z. B. am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung durchgeführt worden (Kreutzer, 2007). Die transkribierten Interviews sind dort archiviert und stehen für eine weitere Auswertung zur Verfügung. [<<78]

Ein wichtiges Projekt an der Schnittstelle von Oral History und filmischer Dokumentation verfolgt die durch den amerikanischen Regisseur Steven Spielberg (* 1946) ins Leben gerufene Survivors of the Shoah Visual History Foundation (inzwischen: Shoah Foundation Institute for Visual History and Education) (University of Southern California) (http://www.usc.edu/schools/college/vhi/). Das Ziel der Shoah Foundation ist es, Interviews (und Erinnerungsberichte) von Überlebenden des Holocaust als Video aufzuzeichnen. Zu den Zeitzeugen, die unter anderem über medizinische Experimente in Konzentrationslagern und ihre Opfer berichten, gehören Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Roma, Sinti und Jenische sowie politische Gefangene des NS-Regimes. Es werden auch Interviews mit Soldaten aufgezeichnet, die an der Befreiung von Konzentrationslagern teilgenommen haben.

2.4.4 Bibliographie

Adams, John: ‘I am still here’. A life with encephalitis lethargica. In: Oral History 23 (1995), S. 78–81.

Arden, G. Christen: The oral history interview: a treasurehouse for present and future dental historiographers. In: Bulletin of the history of dentistry 29 (1981), S. 8–14.

Atherton, Martin: Looking to the past: the role of oral history research in recording the visual history of Britain’s deaf community. In: Oral History 29 (2001), S. 35–47.

Atkins, Tom: A personal experience of polio, interviewed by Rob Wilkinson. In: Oral History 23 (1995), S. 82–84.

Atzl, Isabel/Hess, Volker/Schnalke, Thomas (Hg.): Zeitzeugen Charité. Arbeitswelten der Psychiatrischen und Nervenklinik 1940–1999. Münster 2005.

Bornat, Joanna/Perks, Robert/Walmsley, Jan (Hg.): Oral History, Health and Welfare. London 1999.

Clark, David: A Bit of Heaven for the Few. An oral history of the modern hospice movement in the United Kingdom. Lancaster 2005.

Clark, Michael J. (comp.): Moving images of medical science and history: a catalogue of film and video titles held by the Wellcome Trust and the Wellcome Institute for the History of Medicine. London 1992.

Diack, Lesley: Myths of a beleaguered city: Aberdeen and the typhoid outbreak of 1964 explored through oral history. In: Oral History 29 (2001), S. 62–72.

Dornheim, Jutta: Kranksein im dörflichen Alltag: soziokulturelle Aspekte des Umgangs mit Krebs. Tübingen 1983.

Feld, Michael: Medizingeschichte: Paracelsus ist tot. In: Deutsches Ärzteblatt 102 (2005), S. A-2696.

Fido, Rebecca: „It’s not true what was written down!“: experiences of life in a mental handicap institution. In: Oral History 17 (1989), S. 31–34.

Fried, Johannes: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik. München 2004.

Gittins, D.: Married Life and Birth Control Between the Wars. In: Oral History 3 (1975), S. 53–64. [<<79]

Hendricks, Rickey Lynn: Oral history as social history. In: Bulletin of the History of Medicine 65 (1991), S. 575–580.

Herrn, Rainer/Hottenrott, Laura (Hg.): Die Charité zwischen Ost und West: Zeitzeugen erinnern sich. Berlin 2010.

Kastner, Dieter (Hg.): Mündliche Geschichte im Rheinland. Bonn 1991.

Kreutzer, Susanne: Aus der Praxis lernen? Umbruch in den pflegerischen Ausbildungskonzepten nach 1945. In: Medizin, Gesellschaft und Geschichte 25 (2007), S. 155–180.

Maggs, C. J.: Oral history and nursing history. In: Nursing times 79 (1983), Nr. 42, S. 55–57.

McKenzie, Diane/Pifalo, Victoria: The Oral History Program. Personal views of health sciences librarianship and the Medical Library Association. In: Bulletin of the Medical Library Association 86 (1998), Nr. 2, S. 166–182.

Niethammer, Lutz: Ergebnis über Bestände und laufende Projekte zur Oral History in der BRD. Essen 1979.

Niethammer, Lutz (Hg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“. Frankfurt am Main 1985.

Oppenheimer, Gerald M.: Shattered dreams?: an oral history of the South African AIDS epidemic. New York 2007.

Oral history abstract catalog: interviews, 1969–1978. Washington University School of Medicine Library Archives. St. Louis/MO 1979.

Wiebel-Fanderl, Oliva: Herztransplantation als erzählte Erfahrung. Münster 2003.

2.5 Medizinhistorische Gesamtdarstellungen

Der Schweizer Pharmazie- und Medizinhistoriker Marcel H. Bickel hat festgestellt, dass zwischen 1696 und 2000 über 287 Lehrbücher zur Geschichte der Medizin verfasst wurden (Bickel, 2007). Die meisten dieser Werke haben deutsche Autoren, es folgen auf Rang zwei und drei amerikanische und französische Gesamtdarstellungen der Medizingeschichte. Der in diesem Textcorpus am meisten zitierte Autor gilt zugleich als der erste Medizinhistoriker im modernen Sinne: der Franzose Daniel Le Clerc (1652–1728).

Angesichts der großen Zahl von Lehrbüchern zur Medizingeschichte kann also der folgende Überblick aus pragmatischen Gründen nur eine Auswahl bieten. Dabei wird nach formalen Kriterien (Umfang, Abbildungen), aber auch inhaltlichen Akzentuierungen (chronologische versus problemorientierte Darstellung) unterschieden. Ein besonderes Augenmerk richtet sich auf Lehrbücher, die auch heute noch wichtige Übersichtswerke darstellen, wenngleich die Mehrzahl die Entwicklung der modernen Medizin aufgrund ihres Erscheinungsjahres gar nicht oder nur teilweise miteinbezieht. [<<80]

2.5.1 Einbändige Werke

Am Anfang der modernen Medizingeschichtsschreibung steht, wie bereits angedeutet, Daniel Le Clercs Histoire de la Médecine (1696). Der Autor wurde durch die zeitgenössische französische Historiographie (u. a. Jean Mabillon, 1632–1707) beeinflusst. Nicht mehr die antiquarische Forschung stand im Vordergrund, sondern eine kritische Sichtung der Quellen, die auch ein Studium der griechischen Originaltexte anstelle lateinischer Übersetzungen mit einschloss. Der allgemeine Titel des Werkes täuscht allerdings. Le Clerc kommt in seiner Darstellung über die Antike nicht hinaus. Der dritte Teil endet mit Galen und seinen Zeitgenossen. Immerhin war geplant, die Darstellung bis ins 17. Jahrhundert fortzusetzen, wie man einem gedruckten Entwurf entnehmen kann. Darin erkennt man auch, dass Le Clerc sich um eine möglichst vorurteilslose Sichtweise bemühte, wie beispielsweise seine kurzen Ausführungen zu Paracelsus zeigen.

Le Clercs Art der gelehrten Geschichtsschreibung fand im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Nachahmer, deren Werke heute allerdings nur historiographisch von Interesse sind (Grmek, 1995). Zu den einbändigen Darstellungen aus der Zeit des 19. Jahrhunderts, bei denen es sich lohnt, sie selbst heute noch gelegentlich in die Hand zu nehmen, zählt das Compendium der Geschichte der Medicin von Bernhard Hirschel (1815–1874), einem praktischen Arzt, der auch ein bedeutender Homöopath war. Mehr als die Hälfte seines Werkes ist der Neuzeit gewidmet. Dabei scheut er nicht davor zurück, rezente Entwicklungen zu beschreiben. Seine detaillierten Ausführungen über den Brownianismus sowie über die Homöopathie sind frei von jeder Polemik, was man von vergleichbaren Werken seiner Zeitgenossen (z. B. Carl August Wunderlich, 1815–1877) nicht behaupten kann. Zeittypische Vorurteile finden sich dagegen in sehr viel stärkerem Maße im Grundriss der Geschichte der Medicin und des heilendes Standes (1876) von Johann Hermann Baas (1838–1909). Doch nicht dieses Werk, das vom Kulturkampf geprägt ist, nimmt man heute noch in die Hand, sondern seine Geschichtliche Entwicklung des ärztlichen Standes und der medicinischen Wissenschaften (1896). Es ist die erste ärztliche Standesgeschichte, die Aspekte wie Ausbildung, Honorierung und Praxisverhältnisse vor dem Hintergrund einer Ideengeschichte der Medizin stärker als vergleichbare medizinhistorische Gesamtdarstellungen jener Zeit berücksichtigt.

Dem damals vorherrschenden Denkmuster einer naturwissenschaftlich fundierten Medizin ist gleichfalls die Geschichte der medizinischen Wissenschaft in Deutschland (1893) von August Hirsch (1817–1894) verhaftet. Der Autor hatte sich zuvor vor allem als Verfasser einer Geschichte der Augenheilkunde (1877) und eines mehrbändigen Handbuchs der historisch-geographischen Pathographie (1859–1864) sowie als Herausgeber des [<<81] Biographischen Lexikons hervorragender Aerzte aller Zeiten und Völker (6 Bde., 1884–1888) einen Namen in der Medizingeschichte gemacht. Sein einbändiger Abriss der Medizingeschichte ist insofern auch heute noch lesenswert, als darin versucht wird, diejenigen Leistungen in der Medizin hervorzuheben, „welche von der deutschen Gelehrtenwelt ausgegangen sind“ (S. VI). Hirsch zeigt sich hier als Anhänger einer deutsch-nationalen Geschichtsschreibung, die in der allgemeinen Geschichtsschreibung (z. B. Sybel, Treitschke) ihre Parallelen hat. Allerdings weist sein Werk insbesondere in Hinblick auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts Lücken auf. So wird beispielsweise Ignaz Semmelweis (1818–1865) von Hirsch, der selbst einer der führenden deutschen Hygieniker seiner Zeit war, mit keinem Wort erwähnt.

Diese und andere Lücken zu schließen, war der Zweck der Einführung in die Geschichte der Medicin (1898) von Julius Pagel (1851–1912). Der Autor wollte mit seinem aus einer Vorlesungsreihe hervorgegangenen Lehrbuch sowohl „zur Verbreitung von Kenntnissen […] als auch zur Förderung von Quellenstudien auf dem Gebiet der medicinischen Geschichte“ (Pagel, 1898, S. IX) beitragen. Was diese Überblicksdarstellung trotz der zeittypischen Werturteile (so z. B. über den Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815) und dessen Anhänger) auch heute noch wertvoll macht, ist der bibliographische Teil in Form einer kommentierten Bücherkunde im Anschluss an jedes der abgehandelten Themen. Die grundlegende Überarbeitung dieses Lehrbuchs war das Werk des Leipziger Medizinhistorikers Karl Sudhoff (1853–1938), von dem die dritte und vierte Auflage (1922) stammt.

Um einen kurzen und gut lesbaren Abriss der Medizingeschichte handelt es sich auch im Falle eines Werkes, das zwei professionelle Medizinhistoriker als Autoren hat: Geschichte der Medizin im Überblick mit Abbildungen (1920) von Theodor Meyer-Steineg (1873–1936), außerordentlicher Professor für Medizingeschichte in Jena, und Karl Sudhoff, dem Begründer des weltweit ersten medizinhistorischen Instituts an der Universität Leipzig (Fachbibliotheken und Medizinhistorische Institute, S. 116). Es verzichtet vollständig auf Literaturangaben, ist dafür aber die erste Gesamtdarstellung, die durchgehend Illustrationen (allesamt Schwarzweiß-Abbildungen) enthält.

Von den kurzen Überblicksdarstellungen in deutscher Sprache, die in den letzten 50 Jahren erschienen sind, sollen hier nur diejenigen erwähnt werden, die auch heute noch mit Gewinn in der Lehre verwendet werden.

1975 erschien die erste Auflage der Geschichte der Medizin der Schweizer Medizinhistorikerin Esther Fischer-Homberger. Dargestellt wird nicht nur die Entwicklung der medizinischen Wissenschaft von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, sondern auch die Geschichte einzelner Fächer (Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Hygiene und Psychiatrie). Das Übersichtswerk kommt ohne Tabellen [<<82] und Graphiken aus, wird aber durch 56 Abbildungen aufgelockert. Eine nach Bibliographien, Nachschlagewerken, Primär- und Sekundärliteratur geordnete Auswahlbibliographie regt zum vertieften Studium an.

Noch kurz vor der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 erschien, in der Nachfolge des von Alexander Mette (1897–1985) und Irena Winter (* 1923) 1968 herausgegebenen Handbuchs Geschichte der Medizin (der ersten Darstellung in der DDR) und besonders der schmaleren, von Dietrich Tutzke (1920–1999) edierten Geschichte der Medizin (1980), das einbändige Unterrichtswerk Geschichte der Medizin von Georg Harig (1935–1989) und Peter Schneck (* 1936), zweier ostdeutscher Medizinhistoriker. Insbesondere das Kapitel über die Medizin der Antike, das von einem ausgewiesenen Fachmann (Georg Harig) stammt, ist immer noch empfehlenswert. Auch die Einbeziehung „soziale[r] und gesundheitspolitische[r] Aspekte“ (S. 9) macht dieses Werk, das auf Anmerkungen verzichtet, aber eine gute Auswahlbibliographie aufweist, weiterhin lesenswert. Allerdings kommt das Vorwort – zeitbedingt – nicht ohne das damals in der DDR übliche Lippenbekenntnis zur marxistischen Weltanschauung aus.

Didaktisch und in der Aufmachung an den heutigen modernen medizinischen Lehrbüchern orientiert ist die Überblicksdarstellung von Wolfgang U. Eckart, die mittlerweile in einer siebten, aktualisierten Auflage im Taschenbuchformat (unter dem neuen Titel Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin) vorliegt und damit das inzwischen gängigste Kompendium zur Medizingeschichte sein dürfte. Es bietet einen Abriss der großen Entwicklungslinien, von der Medizin der Steinzeit bis zu den neuesten diagnostischen und therapeutischen Verfahren der heutigen Biomedizin. Farblich abgesetzte, stichwortartige Übersichten am Ende eines jeden Kapitels erleichtern den schnellen Zugriff auf ein Thema. Das Taschenbuch bietet nicht nur Faktenwissen, sondern liefert auch brauchbare Definitionen medizinhistorischer Termini (z. B. Sozialdarwinismus) und eine zusammenfassende Darstellung der Medizin im Nationalsozialismus, der ersten in einem westdeutschen Lehrbuch der Medizingeschichte nach 1945. Ein abschließendes Kapitel über internationale Gesundheits- und Hilfsorganisationen rundet die Überblicksdarstellung ab.

Einen ähnlichen Weg schlägt das Lehrbuch des früheren Kölner Medizinhistorikers Dieter Jetter aus dem Jahre 1992 ein, von dem bislang allerdings nur eine Auflage erschienen ist. Es beginnt ebenfalls mit der Paläomedizin und schlägt dann den Bogen von der Heilkunde der Antike bis zur Medizin im 20. Jahrhundert. Im Unterschied zum Lehrbuch von Eckart ist diese Einführung textlastiger, das heißt, es wird mehr Stoff vermittelt. Das muss nicht unbedingt ein Manko sein, zumal zahlreiche graphische Darstellungen, Abbildungen, Landkarten und Tabellen zur Veranschaulichung dienen. [<<83]

2008 hat der Erlanger Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven einen kompakten Überblick über die Geschichte der Medizin von der Antike bis zur Gegenwart für die C. H. Beck-Reihe „Wissen“ verfasst, die sowohl chronologisch als auch thematisch gegliedert ist und die Geschichte der Alternativen mit einschließt (Leven, 2008).

Zu den älteren Kurzdarstellungen der Medizingeschichte in englischer Sprache, die heute noch gelegentlich zitiert werden, gehört das Standardwerk von Fielding H. Garrison (1870–1935), einem bedeutenden amerikanischen Bibliographen, das zuerst 1913 erschien und 1929 bereits in vierter Auflage vorlag. Berühmt wurde es vor allem wegen seiner detaillierten Bibliographie, aber auch wegen seiner tabellenförmigen chronologischen Auflistung der wichtigsten Daten der Medizingeschichte. Es enthält zudem einen Fragenkatalog, der sich wohltuend vom heutigen Gegenstandskatalog des schriftlichen Teils der ärztlichen Prüfung unterscheidet.

Stärker wissenschaftsgeschichtlich orientiert ist die Darstellung, die Charles Singer (1876–1960), einer der bedeutendsten Wissenschaftshistoriker des 20. Jahrhunderts, zusammen mit Edgar Ashworth Underwood (1899–1980) verfasst hat. Eine Besonderheit ist neben einem Kapitel über die Geschichte der Krankenpflege der Anhang. Dieser umfasst neben einer Liste der Medizinnobelpreisträger auch Exkurse zur medizinischen Statistik auf dem Gebiet der Demographie, der Biometrie und der Epidemiologie.

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien in London das einbändige Werk des schottischen Pädiaters und Medizinhistorikers Douglas Guthrie (1885–1975). Im Unterschied zu anderen Kurzdarstellungen findet man darin durchaus Fußnoten, wenngleich in begrenzter Zahl. Neben einer Auswahlbibliographie am Ende hat jedes Kapitel weiterführende Literaturhinweise. Zu den Besonderheiten zählt ein Exkurs über die Entstehung der medizinischen Fachzeitschriften und des Medizinjournalismus, den man ansonsten in vergleichbaren Darstellungen vergeblich sucht.

Recht konventionell ist die (ebenfalls ins Deutsche übersetzte) (Kurze) Geschichte der Medizin von Erwin Ackerknecht (1906–1988), der man kaum anmerkt, dass der Autor neben Henry E. Sigerist (1891–1957) Wegbereiter einer Sozialgeschichte der Medizin gewesen ist. Immerhin werden in diesem Lehrbuch die „Schattenseiten der Medizin“, wie sie Ackerknecht nennt, nicht ausgespart. Auch findet sich in den jüngeren Auflagen ein Index der Antworten zum Gegenstandskatalog der schriftlichen Prüfung für Mediziner. Ackerknechts Lehrbuch wird seit der 7. Auflage von dem ehemaligen Aachener Medizinhistoriker Axel Hinrich Murken (* 1937) in erweiterter Fassung herausgegeben.

Während sowohl Guthrie als auch Ackerknecht in ihren einbändigen Gesamtdarstellungen noch weitgehend der traditionellen Geschichtsschreibung verbunden bleiben, setzt ein medizinhistorisches Kompendium (The Western Medical Tradition, 800 BC to [<<84] AD 1800), das 1995 erschien und von führenden englischen Sozialhistorikern (Lawrence I. Conrad, Michael Neve, Vivian Nutton, Roy Porter, Andrew Wear) verfasst wurde, neue Akzente. Man findet dort kurze Kapitel über die Verbreitung medizinischen Wissens, die Professionalisierung der Ärzteschaft und nicht zuletzt über Veränderungen in der Arzt-Patient-Beziehung im Laufe der Jahrhunderte. Seit 2006 liegt zu diesem Werk auch ein Fortsetzungsband vor, der den Zeitraum 1800 bis 2000 umfasst und an dem ebenfalls Mitarbeiter/innen des früheren Wellcome Trust Centre for the History of Medicine als Autoren beteiligt waren (Bynum et al., 2006).

Aus einer Hand ist dagegen der Abriss der Medizingeschichte, der zwar auf den ersten Blick konventionell anmutet, aber dessen eindeutig sozialgeschichtlicher Fokus nicht zu verkennen ist. Verfasser ist kein Geringerer als der früh verstorbene englische Sozial- und Medizinhistoriker Roy Porter (1946–2002). Sein Blick richtet sich nicht nur auf Europa, sondern bezieht auch die indische oder chinesische Medizin mit ein. Es ist das Verdienst Porters, dass er zwar auf Pionierleistungen von Ärzten in der gebotenen Kürze eingeht, darüber hinaus aber den Kontext, in dem sich diese Erfindungen oder Entdeckungen abgespielt haben, deutlich werden lässt. Und Roy Porter wäre nicht Roy Porter, wenn sich nicht gegen Ende seiner gut strukturierten, gekonnt erzählten und flüssig ins Deutsche übersetzten Kunst des Heilens (gleichsam als Antidot gegen einen allzu naiven Fortschrittsglauben) die Sozialgeschichte der Medizin durch die Hintertüre einschleichen würde. Außer dem programmatischen Kapitel „Medizin, Staat und Gesellschaft“ verdient vor allem seine nüchterne Bilanz einer über 4000 Jahre umfassenden Medizingeschichte Beachtung.

Weniger für ein breites Publikum, sondern für angehende Ärzte hat die kanadische Medizinhistorikerin Jacalyn Duffin eine Medizingeschichte geschrieben, die sich nicht nur durch einen lockeren Stil, sondern auch durch eine unkonventionelle Gliederung des Stoffes auszeichnet. In 13 Kapiteln werden die unterschiedlichsten Fächer (von der Anatomie bis zur Psychiatrie) in einem kurzen historischen Abriss dargestellt. Doch auch der Wandel medizinischer Konzepte (hier am Beispiel des Bluts abgehandelt) und die Geschichte des Arzt-Patient-Verhältnisses sind Themen, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist. Im Anhang findet man eine Bibliographie und Weblinks, die das „Handwerkszeug“ für medizinhistorisches Arbeiten vermitteln. Nützlich ist ebenfalls ein Lernzielkatalog, der sich an den einzelnen Kapiteln dieses Lehrbuchs orientiert.

Aus der Fülle der nicht-deutschsprachigen Einführungen ist noch eine neuere Überblicksdarstellung in italienischer Sprache zu nennen (Storie della Medicina, 2002). Sie ist ideengeschichtlich ausgerichtet. Die Verfasserin, Alessandra Parodi, ist Philosophin und Wissenschaftshistorikerin, die sich vor allem für den Wandel von Krankheitsvorstellungen und medizinischer Konzepte interessierte. Eine Besonderheit, die man [<<85] ansonsten in Lehrbüchern zur Medizingeschichte nicht antrifft, ist ein ausführliches Kapitel über die Alternative Medizin, das fast ein Drittel des Buches umfasst.

2.5.2 Mehrbändige Werke

Die Geschichte der mehrbändigen Gesamtdarstellungen beginnt mit einem „Klassiker“, dem Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneykunde von Kurt Sprengel (1766–1833). In fünf Bänden stellt der in Halle lehrende Mediziner und Botaniker, der auch über Hebräisch- und Arabisch-Kenntnisse verfügte, die acht Hauptepochen der Medizingeschichte (von Hippokrates bis Haller) vor. Sprengel legt großen Wert auf einen exakten Quellennachweis. Das macht seine Medizingeschichte auch heute noch zu einem Nachschlagewerk, selbst wenn seine Urteile, z. B. über Hippokrates oder über Paracelsus, mittlerweile überholt sind. Jeder Band enthält eine chronologische Übersicht und ein ausführliches Sachregister. Fortgesetzt wurde Sprengels Standardwerk durch den Wiener Arzt und Bibliothekar Burkart Eble (1799–1840), der 1837 und 1840 noch einen zweibändigen sechsten Teil hinzufügte. Dieser Nachtrag handelt die Geschichte sowohl der „theoretischen“ als auch der „practischen“ Arzneikunde in den Jahren 1800 bis 1825 ab und geht sogar auf die Wasserheilkunde zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausführlich ein.

Die erste Auflage des Lehrbuchs der Geschichte der Medicin und der Volkskrankheiten (1845) von Heinrich Haeser (1811–1885) kam zunächst noch mit einem, wenngleich sehr umfangreichen Band aus. Der Erfolg dieses Werks führte innerhalb weniger Jahrzehnte zu zwei weiteren Auflagen, die schließlich drei Bände umfassten. Die Medizinhistorikerin Edith Heischkel-Artelt (1906–1987) hat zu Recht Haesers Darstellung als das wichtigste medizingeschichtliche Werk des 19. Jahrhunderts bezeichnet, nicht zuletzt wegen seiner stupenden Quellenkunde, die auch heute noch Beachtung verdient. Das ganze Werk ist lehrbuchmäßig in Paragraphen eingeteilt. Jede Aussage ist mit Anmerkungen und Literaturhinweisen sorgfältig belegt. Die ersten beiden Bände der dritten Auflage enthalten einen Abriss der Medizingeschichte von der Vor- und Frühgeschichte bis in das 19. Jahrhundert. Der dritte Band bietet eine Geschichte der epidemischen Krankheiten, die ebenfalls nach Jahrhunderten gegliedert ist und im 19. Jahrhundert den thematischen Schwerpunkt auf die Cholera-Pandemien legt.

Weniger bekannt ist heute eine zweibändige französische Medizingeschichte, die 1870 der am Collège de France lehrende Arzt Charles Daremberg (1817–1872) herausbrachte. Vor allem wegen seiner hervorragenden Kenntnisse der antiken Überlieferung sind die Abschnitte, die von der griechisch-römischen Medizin handeln, weiterhin von Bedeutung. An der ausführlichen Darstellung der Medizingeschichte des 18. und [<<86] 19. Jahrhunderts interessiert gegenwärtig vor allem sein Blick auf die französischen Ärzte jener Zeit; denn Daremberg war eine Zeitlang Bibliothekar der Académie de Médecine in Paris und verfügte über gute Literaturkenntnisse.

Ein Gemeinschaftswerk auf der Höhe der Zeit stellt das dreibändige Handbuch der Geschichte der Medizin dar, das von den damals führenden Medizinhistorikern Theodor Puschmann (1844–1899), Max Neuburger (1868–1955) und Julius Pagel herausgegeben wurde. Einzelne Kapitel, wie beispielsweise über die Medizin der Juden (von Julius Preuss, 1861–1913) oder über die altgermanische Heilkunde (von Max Höfler, 1848–1914), sind heute noch lesenswert. Neben einer chronologisch vorgehenden Darstellung, die auf berühmte Ärzte und medizinische Konzepte abhebt, wird auch die Geschichte der unterschiedlichsten Spezialdisziplinen von Experten abgehandelt.

Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg erschien ein zweibändiges Standardwerk, das den „Zusammenhang zwischen der allgemeinen Kultur und der Medizin“ (Neuburger, 1906–1911, I, S. V) betont und zeitlich von der Medizin der antiken Hochkulturen bis zum Ende des Mittelalters reicht. Ein weiterer Band, der die Neuzeit umfassen sollte, ist leider nicht erschienen. Besonders wertvoll an dieser Überblicksdarstellung sind die ausführlichen Inhaltsangaben zu medizinhistorischen Quellen.

Eine im deutschsprachigen Raum bis heute vielzitierte mehrbändige Medizingeschichte ist die von Paul Diepgen (1878–1966), die zwischen 1914 und 1928 in der Sammlung Göschen erschien und inzwischen in zweiter Auflage (1949–1965) vorliegt. Sie enthält zwar keinen kritischen Apparat, hat aber den Vorteil, dass sie die Entwicklung der Medizin und ihrer Spezialdisziplinen zum Teil bis in die 1920er Jahre hinein beschreibt.

Eine der wenigen mehrbändigen medizinhistorischen Darstellungen, die bis in die Zeitgeschichte reicht, ist die Geschichte der Medizin von Charles Lichtenthaeler (1915–1993). Stilistisch wurde die Vorlesungsform beibehalten. Die Bibliographie führt nur die Monographien und Aufsätze an, die, wie der Verfasser schreibt, für ihn „richtungweisend“ waren. Auf Anmerkungen wurde komplett verzichtet. Hilfreich ist das Sachverzeichnis, das unter anderem auch Stichworte wie „Ärztestreik“ und „Antibiotika“ umfasst.

2.5.3 Problemorientierte Gesamtdarstellungen

Wen chronologische Darstellungen eher langweilen oder wer sich für die Entwicklung von Denkansätzen und Paradigmen in der Medizin interessiert, der findet in einem inzwischen zum ‚Klassiker‘ der Medizingeschichtsschreibung gewordenen [<<87] Buch von Lester S. King (Medical Thinking. A Historical Preface) eine interessante Problemgeschichte. Erörtert wird nicht nur die Historizität allgemeiner Kategorien (z. B. Symptome), sondern auch der Wandel von Krankheits- und Therapiekonzepten.

Eine problemorientierte Gesamtdarstellung der Medizingeschichte, die sowohl Lesebuch als auch Nachschlagewerk ist, hat der Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges (1918–2003) verfasst. Die Geschichte der Medizin in Schlaglichtern greift Schwerpunkte und Problemfelder der modernen Medizin auf und beleuchtet deren historischen Hintergrund.

Den immer noch besten Überblick über die verzweigte Entwicklung des Krankheitsbegriffs und der unterschiedlichsten therapeutischen Ansätze im Laufe einer über 2000-jährigen Geschichte bietet das Standardwerk Konzepte der Medizin (1978) von Karl Eduard Rothschuh (1908–1984), das auch instruktive Graphiken und Schaubilder enthält. Bislang einzigartig ist auch Rothschuhs 1953 veröffentlichte Geschichte der Physiologie.

Wer eine moderne Ideengeschichte der Medizin sucht, die auf dem neuesten Stand der Forschung ist, greift am ehesten zu einem dreibändigen Gemeinschaftswerk (Storia del pensiero medico occidentale), das unter der Federführung von Mirko Grmek (1924–2000) entstanden ist. Leider ist nur der erste Band ins Deutsche übersetzt worden.

2.5.4 Illustrierte Darstellungen der Medizin

Bereits in der erwähnten Überblicksdarstellung von Meyer-Steineg und Karl Sudhoff aus dem Jahre 1920 spielen Abbildungen eine große Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg kommen dann mehrere medizingeschichtliche Werke auf den internationalen Buchmarkt, die vor allem den Leser im Auge haben, der sich eine reichbebilderte Darstellung wünscht. Den Anfang machte 1971 eine mehrbändige Medizingeschichte, die der bekannte spanische Medizinhistoriker Pedro Laín Entralgo (1908–2001) herausgab. Besonders großer Wert wurde – dank besserer Drucktechnik – auf Farbabbildungen gelegt. Jedes Kapitel dieses Werkes, an dem viele Fachleute mitgewirkt haben, enthält ein weiterführendes Literaturverzeichnis.

Einige Jahre später erschien – zunächst in französischer Sprache – ein ebenfalls mehrbändiges Werk mit dem Titel Histoire de la Médecine, de la Pharmacie, de l’Art Dentaire et de l’Art Véterinaire, das gleichfalls eine Fülle von Farbillustrationen enthält, auch deshalb alsbald ins Deutsche übersetzt und von dem Münsteraner Medizinhistoriker Richard Toellner (* 1930) und einem Mitarbeiterstab für die hiesige Leserschaft bearbeitet wurde. Es dient bis heute als „Steinbruch“ für jeden, der Abbildungen zu [<<88] bestimmten Themen sucht. Das ist auch der Grund, warum dieses Werk inzwischen in der Reihe der Digitalen Bibliothek als CD-ROM vorliegt.

Ebenfalls recht weit verbreitet aufgrund der Übersetzungen ins Englische und ins Deutsche ist die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst von Albert S. Lyons (* 1912) und R. Joseph Petrucelli II. Diese besticht weniger durch den Inhalt, also den Text, als durch die opulente Bebilderung. Die deutsche Ausgabe, auf Hochglanzpapier gedruckt, wurde von dem Medizinhistoriker Erich Püschel (1904–1991) betreut und enthält eine relativ kurze Auswahlbibliographie im Anhang.

Wenn auch nicht dem Titel nach, so doch aufgrund des Inhalts ist die von Heinz Schott herausgegebene Chronik der Medizin (1993), an der namhafte deutsche Medizinhistoriker mitgearbeitet haben, den illustrierten Gesamtdarstellungen der Medizingeschichte zuzurechnen. Dieses Standardwerk enthält eine Fülle von Einzelbeiträgen (insgesamt 1180) und elf Übersichtsartikel, die mit 1150 Abbildungen, zumeist farbig, illustriert sind. Im umfangreichen Anhang finden sich eine Aufstellung aller Medizinnobelpreisträger, dazu Kurzbiographien bedeutender Ärzte, Textdokumente zur Medizinethik (z. B. den Nürnberger Kodex von 1947) und ein ausführliches Sachregister.

Weniger opulent (da „nur“ 37 Farbtafeln enthaltend) fällt dagegen die Illustrierung in einem Bildband aus, der von dem englischen Sozialhistoriker Irvine Loudon (* 1924) 1997 herausgegeben wurde. Dafür besticht dieses Buch durch exzellente Textbeiträge, unter anderem den eines ausgewiesenen Kunsthistorikers (Martin Kemp) zur Rolle des Bildes in der Medizin. Sogar der Patientengeschichte ist hier ein eigenes Kapitel gewidmet. Das einzige Manko ist der Anglozentrismus, der nur in einigen wenigen Beiträgen (z. B. von Ulrich Tröhler und Cay-Rüdiger Prüll über die Entstehung des modernen Krankenhauses) durchbrochen wird.

Im Unterschied zu vielen anderen illustrierten Medizin-Geschichtsbücher präsentiert das neueste Beispiel für dieses Genre (Eckart, 2011) keine Geschichte heroischer Ärzte, keine kritiklose Chronologie der großen Entdeckungen, keine Fortschrittsgeschichte. Die Medizingeschichte wird vielmehr gegen den Strich gebürstet. Es ist der Versuch, die Fachgeschichte thematisch neu zu sortieren; Schneisen zu schlagen, um die Wege und Umwege, die Traditionslinien und Brüche besser zu verstehen. In 14 Kapiteln werden dem Leser Entwicklungen und Zusammenhänge aufgezeigt, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit nach der Französischen Revolution liegt. Zahlreiche Bilder und informative Exkursen dienen der Veranschaulichung. [<<89]

2.5.5 Bibliographie

Ackerknecht, Erwin H.: Geschichte der Medizin. 6., durchgesehene und ergänzte Auflage. Stuttgart 1989.

Baas, Johann Hermann: Geschichtliche Entwicklung des ärztlichen Standes und der medicinischen Wissenschaften. Berlin 1896 (ND Wiesbaden 1967).

Bickel, Marcel H.: Die Lehrbücher und Gesamtdarstellungen der Geschichte der Medizin 1696–2000. Ein Beitrag zur medizinischen Historiographie. Basel 2007.

Bynum. William F./Hardy, Anne/Jacyna, Stephen/Lawrence, Christopher/ Tansey, Tilli Tansey (Hg.) : The Western Medical Tradition 1800–2000. Cambridge 2006.

Conrad, Lawrence I. [et al.]: The Western Medical Tradition, 800 BC to AD 1800. Cambridge 1995.

Daremberg, Charles: Histoire des Sciences Médicales comprenant l’anatomie, la physiologie, la médecine, la chirurgie et les doctrines de la pathologie générale. 2 Bde. Paris 1870.

Diepgen, Paul: Geschichte der Medizin. Die historische Entwicklung der Heilkunde und des ärztlichen Lebens. 2. Aufl. Berlin 1949–1965.

Duffin, Jacalyn: History of Medicine. A Scandalously Short Introduction. Toronto 1999.

Eckart, Wolfgang Uwe: Illustrierte Geschichte der Medizin – Von der französischen Revolution bis zur Gegenwart. 2. Aufl., Berlin, Heidelberg 2011.

Eckart, Wolfgang Uwe: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. 7., korrigierte und aktualisierte Aufl. Berlin, Heidelberg, New York 2013.

Entralgo, Pedro Laín (Hg.): Historia Universal de la Medicina. 7 Bände. Barcelona 1972–1975.

Fischer-Homberger, Esther: Geschichte der Medizin. 2., überarbeitete Aufl. Berlin, Heidelberg, New York 1977.

Garrison, Fielding H.: An Introduction to the History of Medicine with Medical Chronology, Suggestions for Study and Bibliographic Data. 4. Aufl. Philadelphia, London 1929.

Grmek, Mirko D.: Storia del pensiero medico occidentale. 3 Bde. Rom 1993–1998.

Grmek, Mirko: Manuels occidentaux d’histoire générale de la médecine publiés de 1700 à 1900. In: Gourevitch, Danielle (Hg.): Histoire de la médecine. Leçons méthodologiques. Paris 1995, S. 15–22.

Guthrie, Douglas: A History of Medicine. London 1945.

Haeser, Heinrich: Lehrbuch der Geschichte der Medicin und der epidemischen Krankheiten. 3 Bde. Jena 1875–1882 (ND Hildesheim 1971).

Harig, Georg/Schneck, Peter: Geschichte der Medizin. Berlin 1990.

Hirsch, August: Geschichte der medizinischen Wissenschaft in Deutschland. München, Leipzig 1893 (ND Hildesheim 1966).

Hirschel, Bernhard: Compendium der Geschichte der Medicin von den Urzeiten bis auf die Gegenwart mit besonderer Berücksichtigung der Neuzeit und der Wiener Schule. Wien 1862.

Jetter, Dieter: Geschichte der Medizin. Einführung in die Entwicklung der Heilkunde aller Länder und Zeiten. Stuttgart 1992.

King, Lester S.: Medical Thinking. A Historical Preface. Princeton 1982.

Le Clerc, Daniel: Histoire de la médecine. 2., erw. Aufl. Den Haag 1729 (ND Amsterdam 1967).

Leven, Karl-Heinz: Geschichte der Medizin von der Antike bis zur Gegenwart. München 2008. [<<90]

Lichtenthaeler, Charles: Geschichte der Medizin. 2 Bde. 2. Aufl. Köln 1977.

Loudon, Irvine (Hg.): Western Medicine. An Illustrated History. Oxford 1997.

Lyons, Albert S./Petrucelli II, R. Joseph: Die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst. Aus dem Englischen von Hans-Thomas Gosciniak und Herbert Graf. Köln 1980.

Mette, Alexander/Winter, Irena (Hg.): Geschichte der Medizin. Einführung in ihre Grundzüge. Berlin (DDR) 1968.

Meyer-Steineg, Theodor/Sudhoff, Karl: Geschichte der Medizin im Überblick mit Abbildungen. 2., durchgesehene Aufl. Jena 1922.

Neuburger, Max: Geschichte der Medizin. 2 Bde. Stuttgart 1906–1911.

Pagel, Julius: Einführung in die Geschichte der Medicin. Fünfundzwanzig akademische Vorlesungen. Berlin 1898.

Parodi, Alessandra: Storie della Medicina. Turin 2002.

Porter, Roy: Die Kunst des Heilens. Eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute. Aus dem Englischen übersetzt von Jorunn Wissmann. Heidelberg, Berlin 2000.

Puschmann, Theodor/Neuburger, Max/Pagel, Julius (Hg.): Handbuch der Geschichte der Medizin. 3 Bde. Jena 1902–1905 (ND Hildesheim 1971).

Rothschuh, Karl Eduard: Konzepte der Medizin in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart 1978.

Rothschuh, Karl Eduard: Geschichte der Physiologie. Berlin, Heidelberg 1953.

Schipperges, Heinrich (Hg. und Bearb.): Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. Mannheim, Wien, Zürich 1990.

Schott, Heinz (Hg.): Die Chronik der Medizin. Gütersloh 1993.

Sprengel, Kurt: Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneykunde. 5 Bde. Halle 1792–1803 (3., umgearbeitete Aufl. Halle 1821–1828).

Toellner, Richard (Hg.): Illustrierte Geschichte der Medizin (dt. Bearbeitung von Histoire de la Médecine, de la Pharmacie, de l’Art Dentaire et de l’Art Véterinaire, Paris 1978). 6 Bde. Vaduz, Erlangen 1992.

Tutzke, Dietrich: Geschichte der Medizin [mit Beiträgen von G. Harig, D. Tutzke, I. Winter]. Berlin (DDR) 1980.

2.6 Bibliographien

Erste Versuche, medizinische Werke bibliographisch zu erfassen, finden sich bereits im frühen 16. Jahrhundert. Zu nennen wäre hier beispielsweise das Bücherverzeichnis von Symphorien Champier (1472–1539) mit dem Titel De medicine claris scriptoribus in quinque partitus tractatus (Lyon 1506). Die erste systematische Sammlung stammt von Pascal Lecoq (1567–1632). Die von ihm zusammengestellte Bibliotheca Medica (Basel 1590) umfasst 1224 Autoren und Werke in lateinischer, deutscher und französischer Sprache. Für das 18. Jahrhundert ist die Bibliotheca medicinae practicae (4 Bände, Basel 1776–1788) des berühmten Arztes Albrecht von Haller (1707–1777) zu nennen. Dort sind über 52.000 medizinische Werke aus den unterschiedlichsten [<<91] Ländern aufgeführt. Nachträge und Korrekturen zu dieser damals umfangreichsten Bibliographie zur medizinischen Literatur erschienen 1805. Ähnliche Verzeichnisse entstanden Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts (Ploucquet, 1793–1797; Choulant, 1828 u. a.). Einen Überblick über diese frühen Werke gibt eine ältere Einführung in die Medizingeschichte (Artelt, 1949).

2.6.1 Moderne Übersichtsbibliographien

Als erster Einstieg in die bibliographische Recherche zu einem medizinhistorischen Thema eignet sich immer noch die inzwischen in fünfter Auflage erschienene Bibliographie von Garrison und Morton. Die Ursprünge dieses Standardwerks gehen auf den Bücherkatalog von Fielding Hudson Garrison (1870–1935) zurück, den dieser 1910 für die Bibliothek des Surgeon General’s Office, Washington (aus der die National Library of Health hervorgegangen ist), zusammenstellte. Die erste Auflage enthielt über 2000 bibliographische Einträge, später kam noch einmal die gleiche Anzahl hinzu. Als 1938 der englische Bibliothekar Leslie T. Morton (1907–2004) mit der Zusammenstellung einer Bibliographie zur Geschichte der Medizin begann, stützte er sich auf Garrisons Vorarbeiten. Die erste Auflage, die noch während des Zweiten Weltkriegs erscheinen konnte, enthielt 5506 bibliographische Einträge. Von Auflage zu Auflage stieg die Zahl der Einträge (in der fünften Auflage von 1991 sind es bereits 8927). Die Gliederung hat sich seit der dritten Auflage nicht mehr wesentlich verändert, wenngleich einige Dezimalunterteilungen hinzugekommen sind. Die Bibliographie beginnt mit den Gesammelten Werken berühmter Mediziner (von den Anfängen bis in die Gegenwart). Es folgen bibliographische Angaben zu einzelnen Nachbarwissenschaften der Medizin (Biologie und Zoologie) und dann die Literatur zu den medizinischen Fachdisziplinen (von der Anatomie bis zur Toxikologie). Neben den Hinweisen auf die wichtigste Primärliteratur zur Medizingeschichte enthält der Garrison and Morton, wie er kurz genannt wird, noch eine ausführliche bibliographische Zusammenstellung der Medizingeschichtsschreibung zu einzelnen Epochen, Ländern und Themen. Das Standardwerk beschließen die Rubriken „Medizinische Biographie“, „Medizinische Bibliographie“ und „Medizinische Lexikographie“. Auch gibt es ein ausführliches Namens- und Sachregister. Das erleichtert das Nachschlagen. Besonders hilfreich sind nicht zuletzt die kurzen Kommentare zu den aufgelisteten Werken.

Wer sich weniger für die medizinhistorische Primär- als für die Sekundärliteratur interessiert, der greift mit Gewinn zu der kommentierten Auswahlbibliographie, die immerhin bis Anfang der 1980er Jahre reicht (Erlen, 1984). Bereits im Titel kommt zum Ausdruck, dass nicht nur die Themenbereiche der klassischen Medizingeschichtsschreibung [<<92] berücksichtigt wurden, sondern auch sozialgeschichtliche Fragestellungen Eingang gefunden haben. So findet sich dort beispielsweise Literatur zur Geschichte der Pflege und anderer medizinischer Berufe oder auch zur Sozialarbeit. Das einzige Manko dieser Bibliographie ist, dass sie nur englischsprachige Werke aufführt. Als Einstieg ist diese Zusammenstellung aber dennoch geeignet.

Literatur in anderen Sprachen als Englisch berücksichtigt dagegen eine andere Fachbibliographie. Diese umfasst nicht nur die Medizin, sondern auch die Biowissenschaften (Smiet, 1974). Die kommentierte Bibliographie enthält eine sehr gute Einführung in die Standardbibliographien und Nachschlagewerke zur Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Weiterhin sind die wichtigsten Arbeiten zur Geschichte der Medizin (alphabetisch geordnet von Allergologie bis zur Urologie), ihrer Grundlagenfächer (Physiologie, Anthropologie) sowie einzelner Biowissenschaften (Biologie, Zoologie, Botanik) in chronologischen Kapiteln aufgeführt. Den Abschluss bildet eine Zusammenstellung der Arbeiten zu Biographien berühmter Ärzte und Biowissenschaftler.

2.6.2 Bibliographien der Bibliographien

Hierbei handelt es sich um bibliographische Zusammenstellungen, die keine Original- oder Sekundärliteratur verzeichnen, sondern die Suche nach einschlägigen Bibliographien erleichtern. Einen ersten Überblick bietet die Bibliographie der Bibliographien der Medizin und der in der Medizin angewandten Naturwissenschaften (Inke, 1958). Diese erfasst neben Spezialbibliographien auch unselbständig erschienene Bibliographien. Ein internationales Standardwerk stammt aus dem Jahre 1967: Medical Reference Works, 1679–1966 (Chicago/Ill. 1967). Dazu existieren noch zwei Nachtragsbände. Allein der Hauptteil führt 2703 Werke auf, darunter nicht nur Bibliographien.

2.6.3 Periodische Bibliographien

Die erste periodische Bibliographie zur Geschichte der Medizin erschien 1902. Sie wurde von Karl Sudhoff begründet und trägt den Titel Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften (ab Bd. 31 kam noch „Technik“ im Titel hinzu). Dieses Periodikum, das bis heute ein unentbehrliches Rechercheinstrument ist, musste 1943 mit Band 40 kriegsbedingt sein Erscheinen einstellen. Der medizinische Teil gliedert sich in Gesamtdarstellungen, einzelne Epochen und Sachthemen (Therapie, Krankenpflege, Tiermedizin etc.). Die medizinhistorisch relevante Literatur wird allerdings nicht vollständig erfasst. Insbesondere fehlen Aufsätze, die in ausländischen oder in [<<93] lokal- und allgemeinhistorischen Zeitschriften erschienen sind. Dafür bekommt man aber meist einen ausführlichen und kritischen Kommentar, für den in den ersten beiden Jahrzehnten vor allem Karl Sudhoff zuständig war. Später übernahm diese Aufgabe Wilhelm Haberling (1871–1940), der sich allerdings in seinem Urteil eher zurückhielt. Die einzelnen Bände haben ein Register, das die Suche nach bestimmten Autoren oder Themen erleichtert. Ein umfassendes Gesamtregister in Karteikartenform besitzt das Leipziger Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften.

Die Lücken, die in den Mitteilungen zweifellos vorhanden sind – insbesondere in Hinblick auf die Zeitschriftenliteratur –, schließt die laufende Bibliographie in der wissenschaftshistorischen Zeitschrift ISIS, die 1912 von George Sarton (1884–1956) gegründet worden ist. Zu den Jahrgängen 1913 bis 1965 gibt es mittlerweile ein Gesamtregister, das nach Personen, Institutionen und Sachgebieten unterteilt ist. Allein der Index zu den medizin- und wissenschaftshistorisch bedeutenden Persönlichkeiten enthält über 40.000 bibliographische Einträge zu mehr als 10.000 Personen.

Ab dem Berichtsjahr 1954 informiert ein von der Wellcome Library in London herausgegebenes Periodikum über medizinhistorisch relevante Neuerscheinungen: Current Work in the History of Medicine. Der gedruckte Sachindex zu den einzelnen Heften ist zwar etwas umständlich zu nutzen, aber dennoch ist dieses Nachschlagewerk für eine medizinhistorische Recherche immer noch unentbehrlich. Sämtliche Einträge in dieser Bibliographie sind mittlerweile im Online-Katalog der Wellcome Library (http://catalogue.wellcome.ac.uk/) erfasst und damit leichter zugänglich.

Basierend auf dem Index Medicus hat die National Library of Medicine in Bethesda/Maryland eine jährlich erscheinende Bibliographie der neueren Literatur zur Geschichte der Medizin und benachbarter Disziplinen veröffentlicht (Bibliography of the History of Medicine). Die kumulativen Register, die in gebundener Form für die Jahre 1965–1993 vorliegen, erfassen die wichtigste medizinhistorische Literatur in einem Zeitraum, in dem die Medizingeschichte expandierte und auch traditionelle Fächergrenzen sprengte. Nachdem die elektronische Datenbank HISTLINE nicht mehr fortgeführt wird, kann man Zeitschriftenaufsätze zur Geschichte der Medizin ab 1964 inzwischen über die Online-Datenbank MEDLINE/Pubmed (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed) recherchieren.

2.6.4 Spezialbibliographien

Kaum noch überschaubar ist die Zahl der Spezialbibliographien. Inzwischen gibt es fast für jede medizinische Disziplin oder Richtung eine spezielle Bibliographie. Eine brauchbare Übersicht, in der allerdings neuere Verzeichnisse nicht erfasst sind, bieten [<<94] beispielsweise die bereits genannten bibliographischen Zusammenstellungen (Inke, 1958; Morton, 1991). Zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus – einem dynamischen Forschungsfeld – liegt mittlerweile eine kommentierte Auswahlbibliographie vor (Jütte et al., 2. Aufl. 2012).

Inzwischen findet man auch einige Spezialbibliographien bereits im Internet, wie z. B. den Katalog der einen Zeitraum von mehr als 500 Jahren umfassenden veterinärmedizinischen Sammlung der Washington State University (http://libguides.wsulibs.wsu.edu/veterinarymedicine), den International Bibliographic Guide to the History of Pathology oder eine Bibliographie englischsprachiger Titel zur Geschichte der Chinesischen Medizin (http://ccat.sas.upenn.edu/~nsivin/nakbib.html).

2.6.5 Medizinische und medizinhistorische Dissertationen

Für medizinische Disputationsschriften bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts existiert eine ältere Zusammenstellung von Johannes Carl Heffter aus den Jahren 1756 bis 1764. Darüber hinaus ist das Bio-Bibliographische Verzeichnis von Universitäts- und Hochschuldrucken (Dissertationen) vom Ausgang des 16. bis Ende des 19. Jahrhunderts (2 Bde., Leipzig 1936–1942) heranzuziehen. Dieses erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für einzelne medizinische Fakultäten liegen Spezialverzeichnisse vor, die dieses Kriterium meist erfüllen, so z. B. für Basel im Zeitraum 1575–1829.

Außerdem gibt es Verzeichnisse, die medizinhistorische Dissertationen über einen größeren Zeitraum erfassen. Meist sind diese jedoch auf einzelne Universitäten (z. B. Breslau: Kahle, 1986) oder Länder (DDR: Diez, 1992) beschränkt. Über laufende und abgeschlossene Dissertationen im deutschsprachigen Raum auf dem Gebiet der Geschichte der Medizin, der Pharmazie und Naturwissenschaft und der Technik gibt der von Gerhard Fichtner (1932–2012) – in gebundener Form und als CD – herausgegebene und in seiner Vollständigkeit überaus hilfreiche Index wissenschaftshistorischer Dissertationen 1970–2003 Auskunft (inzwischen auch online: http://www.iegm.uni-tuebingen.de/cgi-bin/iwd/recherche). Es handelt sich hierbei um ein Verzeichnis abgeschlossener (IWD) und in Bearbeitung befindlicher (LWD) Dissertationen in den genannten Gebieten. Medizin- und wissenschaftshistorische Institutionen können sich so nach bereits vergebenen Dissertationsthemen erkundigen, um so Doppelbearbeitungen zu vermeiden.

Eine Liste neuerer medizinhistorischer Dissertationen an amerikanischen Universitäten ist im Internet zugänglich: http://www.hsls.pitt.edu/histmed/dissertations. [<<95]

2.6.6 Bibliographie

Artelt, Walter: Einführung in die Medizinhistorik. Ihr Wesen, ihre Arbeitsweise und ihre Hilfsmittel. Stuttgart 1949.

Benzenhöfer, Udo: Verzeichnis der medizinhistorischen Dissertationen aus den westlichen Besatzungszonen bzw. aus der BRD zwischen 1945 und 1959. Aachen 1993.

Choulant, Johann Ludwig: Handbuch der Bücherkunde für die ältere Medicin zur Kenntnis der griechischen, lateinischen und arabischen Schriften im ärztlichen Fache und zur Unterscheidung ihrer verschiedenen Ausgaben, Übersetzungen und Erläuterungen. Leipzig 1828.

Diez, Bettina: Medizingeschichtliche Dissertationen auf dem Gebiet der früheren DDR und der Sowjetischen Besatzungszone 1945–1970. Leipzig 1992.

Erlen, Jonathon: The History of the Health Care Sciences and Health Care, 1700–1980. A selective Annotated Bibliography. New York, London 1984.

Fichtner, Gerhard: IWD 1970–2003: Index wissenschaftshistorischer Dissertationen; eine Datenbank laufender und abgeschlossener wissenschaftshistorischer Dissertationen im Zeitraum 1970 bis 2003. Tübingen 2003 [CD-ROM].

Heffter, Johannes Carl: Museum disputatorium physico-medicum tripartitum. 2 Bde. Zittau 1756–1764.

Inke, Gábor: Bibliographie der Bibliographien der Medizin und der in der Medizin angewandten Naturwissenschaften. Halle-Wittenberg 1958.

Jütte, Robert [in Verbindung mit Wolfgang U. Eckart, Hans-Walter Schmuhl und Winfried Süß]: Medizin und Nationalsozialismus. Bilanz und Perspektiven der Forschung. 2. Aufl. Göttingen 2012.

Kahle, Erhart: Bibliographie der Hochschulschriften zur Geschichte der Medizin, Pharmazie und Naturwissenschaften der Universität Breslau 1811–1945. Erlangen 1986.

Morton, Leslie Thomas: Morton’s Medical bibliography: an annotated check-list of texts illustrating the history of medicine (Garrison and Morton), hg. von Jeremy M. Norman. 5. Aufl. Aldershot 1991.

Ploucquet, Wilhelm Gottfried: Initia bibliotheca medico-practicae et chirurgicae realis sive repertorii medicinae practicae et chirurgiae. 8 Bde. Tübingen 1793–1797.

Smiet, Pieter: History of the Life Sciences. An annotated bibliography. With a foreword by Frans Verdoorn. Amsterdam 1974.

Thornton, John L.: Medical books, libraries and collectors: a study of bibliography and the book trade in relation to the medical sciences. 2. Aufl. London 1966.

Trautmann, Joanne: Literature and Medicine: An Annotated Bibliography. Zusammengetragen von Joanne Trautmann und Carol Pollard. Überarb. Aufl. Pittsburgh 1982.

West, Ruth: Alternative Medicine. A Bibliography of Books in English. Bd. 1, zus.gestellt von Ruth West und Joanna Trevelyan. London 1985. [<<96]

2.7 Nachschlagewerke und Enzyklopädien

Medizinische Nachschlagewerke, vor allem Lexika und Enzyklopädien, sind wichtige erste historische Hilfsmittel des medizinhistorischen Arbeitens allgemeiner Art. Sie gestatten meist einen ersten Zugriff auf ein bestimmtes Sachthema oder eine Persönlichkeit und sind damit Ausgangspunkte der weiteren Recherche und hervorragende Instrumente einer diachron vergleichenden Begriffsgeschichte und Biographik. Darüber hinaus können sie selbst zu Objekten der Forschung werden, indem ihren Intentionen, ihren Verfassern, dem ausgewählten Kanon und der Präsentation ihrer Lemmata nachgegangen wird. In den folgenden Abschnitten sollen, einer weitgehend chronologischen Gliederung folgend, die wichtigsten medizinischen und einige der herausragenden allgemeinen Wörterbücher, Lexika und Enzyklopädien exemplarisch vorgestellt werden.

2.7.1 Antike und Mittelalter

Obwohl der Lexikographie weder in der griechisch-römischen Antike noch im Mittelalter eine große Rolle in der Wissensvermittlung zukam, sind durchaus allgemeine Nachschlagewerke und Lexika in dieser Zeit verfasst worden. Sie enthielten immer auch medizinische Lemmata, so etwa in der lexigraphischen Sammlung (Synagogè pasôn léxeon) des Hesychios von Alexandria (5./6. Jh. n. Chr.) oder in der Suda, einem um 1000 n. Chr. in Konstantinopel entstandenen Konversationslexikon. Nicht selten sind in diesen Lexika Fragmente älterer, verschollener lexikalischer und grammatischer Werke – in Exzerptensammlungen des Verfassers – enthalten. Häufig handelt es sich auch um Glossare mit lexigraphisch-enzyklopädischen Ansprüchen. Eine solche Tradition bestand seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. hinsichtlich des Corpus Hippocraticum. Zu nennen sind etwa die Glossare des Bakcheios von Tanagra (2. Jh. v. Chr.), des Dioskurides Phakas (1. Jh. v. Chr.), des Erotian (1. Jh. n. Chr.) oder des Dioskurides Glossographos (1./2. Jh. n. Chr.). Rufus von Ephesus (1. Jh. n. Chr.) verfasste eine Schrift über die Benennung der menschlichen Körperteile mit dem Versuch einer vollständigen Nomenklatur. Von Galen sind nur noch die Titel seiner medizinisch-lexikographischen Werke erhalten.

Neben den antiken Glossaren ist jedoch besonders in der römischen Antike eine Reihe bedeutender enzyklopädischer Werke zur Naturgeschichte und Medizin entstanden. Zu nennen sind hier besonders die Naturgeschichte (Naturalis historia) des Gaius Plinius Secundus (23/24–79), das Werk De Medicina libri VIII von Cornelius Celsus (1. Jahrhundert n. Chr.) sowie das Werk De materia medica libri V des Pedanius Dioskurides von Anazarba (1. Jh. n. Chr.). Weitere Werke finden sich im Lexikon zur Antiken Medizin (Leven, 2005). [<<97]

2.7.2 Frühe Neuzeit (ca. 1500–1700)

Enzyklopädien und Lexika der Frühen Neuzeit repräsentieren spezielle Typen der Buchproduktion mit einer alphabetisch geordneten und damit leserfreundlichen inneren Strukturierung, die das wissbegierige Publikum der gelehrten und gebildeten Stände nach allgemeinen oder je spezifischen Bedürfnissen bediente. Im Grunde funktionierten und funktionieren die Werke durchaus modernen Suchmaschinen des Internet entsprechend, wenngleich ihre Benutzbarkeit nicht zufällig-additiven und hochkooperativen, aber schwer zu überprüfenden Entstehungsprozeduren geschuldet, sondern von komplexen literaturhistorischen Verfahren bestimmt war, die die individuelle Recherchefähigkeit in der Regel bei weitem überstiegen. Häufig lagen ihnen lange Literaturlisten zugrunde. Für eine Definition der Enzyklopädie (gr. εγκυκλïπαιδεßα, gebildet aus altgr. enkýklios kreisförmig und paideía Lehre) oder des Lexikons (altgr. lexikón [biblíon], „das Wort betreffendes [Buch]“) greift die reine Übersetzung der etwa gleichbedeutenden Begriffe zu kurz. Kennzeichnendes Merkmal von Lexika und Enzyklopädien im Sinne von (nicht zwingend!) alphabetisch geordneten Nachschlagewerken für Sachen, Begriffe, Personen und Ereignisse ist ihr umfassender oder auf einen besonderen Wissensbereich gerichteter Universalitätsanspruch, der sich durch spezifische Funktionen weiter präzisieren lässt: Lexika und Enzyklopädien wollen ein Wissensgebiet orientierend ordnen, selbst Wissen speichern und Wissen disponieren.

Diese Beschreibung gilt uneingeschränkt auch für medizinisch-lexikographische und enzyklopädische Werke seit der Frühen Neuzeit. Zu den frühesten ihrer Gattung gehören die Pflanzen- und Tierbücher des 16. Jahrhunderts, allen voran die 1530 erschienenen Herbarum vivae eicones des Otho Brunfels (1488–1534), das New Kreütterbuch (1539) von Hieronymus Bock (1498–1554) und die De historia stirpium commentarii (1542) des Leonhard Fuchs (1501–1566), David Kybers Lexicon rei herbariae trilingue (1553) sowie im englischen Sprachraum Nicholas Culpepers (1616–1654) The English Physitian[!] (1652) und sein Complete Herbal (1653). Unter den frühen Tierenzyklopädien sind zu nennen: Guillaume Rondelets (1507–1566) libri de piscibus marinis (1554–55), Conrad Gesners (1516–1565) fünfbändige, an der Tierkunde des Aristoteles in der Übersetzung Theodor Gazas orientierte Historia animalium (Zürich 1551–1587), Edward Wottons (1492–1558) De differentiis animalium libi decem (Paris 1552), unter Verzicht auf das leitende alphabetische Prinzip, sowie das 13-bändige naturkundliche Werk (von mehr als 7000 Druckseiten) des Ulysses Aldrovandus (1522–1605), das mit unterschiedlichen Bandtiteln zwischen 1599 und 1648 in Bologna erschien. Im Grunde sind auch Vesals berühmte De humani corporis [<<98] fabrica libri septem (1543) und die ihnen folgenden autoptischen Anatomien anderer Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts nichts anderes als umfassende Anatomien des menschlichen „Kunstbaus“ (fabrica) mit enzyklopädischem Charakter. Grundlegende und ebenfalls enzyklopädischen bzw. handbuchartigen Ansprüchen folgende medizinische Werke des 16. und 17. Jahrhunderts führen häufig den Begriff Institutio oder Encheiridion (bzw. Manuale) im Titel.

Zu den ersten gedruckten medizinischen Lexika allgemeiner Art gehören vermutlich die Synonima medicinae seu Clauis sanationis (Venedig 1486) des Simon Ianuensis (Ende 13. Jahrhundert), das einige Auflagen erlebte (1510, 1514), im Grunde aber auf knapp 100 Druckseiten nicht mehr als die giechischen und arabischen simplicia medicinalia in alphabetischer Ordnung brachte. Höhere Ansprüche verfolgten erst die umfassenderen humanistischen Lexika; so etwa das Dictionarium medicum (1545) des spanischen Humanisten und Grammatikers Elio Antonio de Nebrija (1444–1522) oder das Dictionarivm medicum (1564) des humanistischen Arztes Henri Estienne (1528/1531–1598). Estienne hatte seinem Werk den gesamten Kanon der antiken Klassiker und ihrer byzantinischen Kompilatoren zugrunde gelegt und mit lateinischen Erklärungen versehen. In die Tradition der humanistischen Diktionarien der Medizin ist auch noch das Lexicon medicum Graeco-Latinum (1628, 1657) des Messinenser Humanisten Bartholomeo Castelli (ca. 1550–1607) einzuordnen, das als Castellus renovatus noch 1682 in Nürnberg und zuletzt 1746 in Genf aufgelegt wurde. Die Neubearbeitung des Lexikons durch den Altdorfer Jakob Pankraz Bruno (1629–1709), die als Amaltheum Castello-Brunonianum sive lexicon medicum zuerst in Nürnberg (1688) erschien, erweitert das Lexikon Castellis um das pathologisch-anatomische, chemische und technische Vokabular „neuerer und neuester Authoren“ und verlässt damit den Bereich der humanistischen Lexika bzw. Diktionarien ebenso wie die ganz theologischen Interessen verpflichtete Triumphus bibliorum sacrorum seu encyclopaedia biblica (1625) des Theologen und Polyhistors Johann Heinrich Alsted (1588–1638), die auch der biblischen Medizin Rechnung trägt.

2.7.3 Das Jahrhundert der Enzyklopädien

Die medizinisch-enzyklopädische Literatur des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts ist – verglichen mit den humanistischen Diktionarien des 16. Jahrhunderts – überwältigend und zeugt von einem vollkommen neuen Bedürfnis, einerseits dem Wissenszuwachs einer sich nun an der experimentellen Methodik orientierenden Medizin, andererseits aber auch – ohne substantiellen Verzicht auf den Wissenskanon der antiken Medizin – der neuen Konzeptvielfalt (Chymiatrie, Mechanismus, [<<99] Animismus) einer Medizin im Niedergang des antiken qualitäten- und säftepathologischen Paradigmas Rechnung zu tragen. Die meisten dieser Werke erleben einige Neuauflagen, bleiben allerdings noch der lateinischen Sprache verpflichtet. Zu nennen sind hier unter den allgemeinen Lexika exemplarisch etwa die Encyclopaedia medicinae theoretico-practicae (1684, 1691 u. 1695 Encyclopaedia medica dogmatica) des Johann Dolaeus (1651–1707) oder Steven Blankaarts (1650–1702) überaus erfolgreiches Lexicon medicum Graeco-Latinum, in quo termini totius artis Medicae, secundum Neotericorum placita (1679ff., Faksimile der Ausg. 1748 erst 2005). Blankaarts Lexikon ist auch eines der ersten, das ins Englische übersetzt wurde (A physical dictionary in which all the terms relating either to anatomy, chirurgery, pharmacy, or chymistry, are very accurately explain’d, 1684). Unter den englischen Lexika ist besonders das Lexicon physico-medicum or, A new medicinal dictionary (1719) des Apothekers und Iatrophysikers John Quincy (gest. 1722) zu nennen, das sich zahlreicher Neuauflagen bis ins beginnende 19. Jahrhundert (seit 1811 auch als The American medical lexicon) erfreute. Quincys Lexikon wurde erst durch das bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenso erfolgreiche New medical dictionary (1817) Robert Hoopers (1773–1835) ersetzt. George Motherbys (1732–1793) New medical dictionary erlebte nur zwei Auflagen (1775, 1785). Unter den medizinischen Speziallexika sind besonders die der nachparacelsischen Iatrochemie verpflichteten zu nennen, also etwa William Johnsons Lexicon chymicum cum obscuriorum verborum et rerum hermeticarum, tum phrasium paracelsicarum (2 Bde., 1652/53), Christoph von Hellwigs Lexicon medico-chymicum (1711) oder Johann Christoph Sommerhoffs Lexicon pharmaceutico-physicum (1701).

Zum zweifellos bedeutendsten Werk der medizinischen Lexikographie des 18. Jahrhunderts wurde Robert James’ (1703–1776) Medical dictionary, das er in drei engbedruckten großformatigen Bänden von 1743 bis 1745 veröffentlichte. James’ Werk steht am Beginn einer neuen Ära in der Medizinlexikographie und markiert klar den Übergang vom dictionnaire des mots zum dictionnaire des choses. Das Lexikon behandelt systematisch und in je nach Bedeutung des Begriffs abgestufter Ausführlichkeit den gesamten Bereich der Medizin. Bereits während seines Erscheinens entstand der Plan Diderots, das Werk schnellstmöglich ins Französische zu übersetzen. Es erschien – übersetzt von Denis Diderot, Marc Antoine Eidous und François-Vincent Toussaint – tatsächlich bereits zwischen 1746 und 1748, und zwar unter dem Titel Dictionnaire universel de médecine. Dieses sechsbändige Werk prägte die medizinische Lexikographie der europäischen Aufklärung.

Die Wiege der modernen allgemeinen wissenschaftlichen Enzyklopädie liegt zu Beginn des 18. Jahrhunderts in England. So veröffentlichte der Mathematiker John Harris 1704 in London das Lexicon technicum (Lexicon technicum: or, an universal english [<<100] dictionary of arts and sciences), das als erste allgemeine Enzyklopädie mit Schwerpunkt im Bereich der Technik und der Wissenschaften gilt. Es ist zugleich die erste alphabetisch geordnete Enzyklopädie in englischer Sprache. Harris’ Dictionary war Vorbild für Ephraim Chambers’ Cyclopaedia und wurde später von Diderot als eine seiner Quellen gewürdigt. Chambers veröffentlichte 1728 in London seine zweibändige Cyclopaedia: or, An universal dictionary of arts and sciences. Diese nutzte erstmals Querverweise und darf wohl als Beginn des neuzeitlichen Enzyklopädietypus bezeichnet werden (Collison, 1964). Chambers’ Werk diente den französischen Aufklärern um Diderot als Vorbild.

Unter den allgemeinen Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts ist zweifellos an erster Stelle die französischsprachige Encyclopédie von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d’Alembert zu nennen; sie erschien zwischen 1751 und 1772 in 17 Text- und elf Tafelbänden im Folioformat und ist die wohl berühmteste der frühen Enzyklopädien im heutigen Verständnis und zugleich das enzyklopädische Monument der Aufklärung. Die Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers war konzipiert als Sammlung des gesamten Wissens ihrer Zeit und verstand sich als „dictionnaire raisonné“. Konkret verfolgten die Autoren eine lexikalische „Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört“, dies jedoch nicht im additiven Sinne der alten – lediglich wort- und sachorientierten – literarischen Wissensmaschinen der Voraufklärung, sondern in gewollt wissensstruktureller Hinsicht; ging es doch den Verfassern darum, die „gegenseitigen Verflechtungen des Wissens sichtbar zu machen und mithilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien genauer zu erfassen“, um so ein „ein allgemeines Bild der Anstrengungen des menschlichen Geistes auf allen Gebieten und in allen Jahrhunderten zu entwerfen“ (d’Alembert in der Vorrede). Die Encyclopédie ist unter den folgenden Adressen (http://portail.atilf.fr/encyclopedie/ und http://diderot.alembert.free.fr/) frei im Internet zugänglich.

Die größte deutschsprachige Enzyklopädie der unmittelbaren Voraufklärung und zugleich das mit Abstand größte Sachwörterbuch des 18. Jahrhunderts überhaupt war, herausgegeben durch den Leipziger Buchhändler Johann Heinrich Zedler (1706–1751), bereits zwischen 1732 und 1754 als Grosses vollstaendiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Kuenste erschienen; es umfasst ca. 68.000 Seiten in 68 Foliobänden. Folgt man dem Titelblatt, sind 33 verschiedene Disziplinen und Wissensarten repräsentiert. Obwohl an diesem monumentalen Werk der Voraufklärung zahlreiche Autoren mitgewirkt haben dürften, sind als Einzelautoren eines Teils der medizinischen und mathematischen Artikel lediglich der Leipziger Stadtarzt Heinrich Winckler (* 1704) und der Musikwissenschaftler Lorenz Christoph Mizler (1711–1778) bekannt. Zedlers Universal-Lexicon wurde in einem DFG-finanzierten Projekt der Bayerischen [<<101] Staatsbibliothek zwischen den Jahren 1999 und 2001 digitalisiert und inhaltlich erschlossen. Seitdem sind die ca. 288.000 Einträge des Zedler einzeln auffindbar, ebenso wie die ca. 270.000 Verweise des Lexikons. Der freie Internet-Zugang findet sich unter http://www.zedler-lexikon.de/.

Unmittelbar nach Abschluss der Encyclopédie erschien zwischen 1773 und 1858 die von Johann Georg Krünitz begründete Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft. Sie war ursprünglich vom Berliner Verleger Pauli als reine Übersetzung des Dictionnaire raisonné universel d’histoire naturelle (1764) und der Encyclopédie Oeconomique ou Systeme générale d’Oeconomie rustique, domestique et politique (1771/72) geplant. Dieses Konzept wurde allerdings bereits im ersten Band zugunsten einer Entwicklung zu größerer Eigenständigkeit verlassen. Auch die Ökonomische Enzyklopädie enthält zahlreiche grundlegende Begriffe zur Medizin- und Wissenschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts, allein 13 verschiedene Einträge zum Stichwort „Medicinal“ (u. a. Medicinal-Polizey). Die Encyklopädie umfasst 242 Bände mit je 600 bis 800 Seiten. Ergänzt wird das Werk durch Kupferstiche mit ca. 9000 Gesamt- und Detaildarstellungen zu den Artikeln und zum Teil ausklappbaren Tabellen. Die Encyklopädie ist im Internet unter der folgenden Adresse online benutzbar: http://www.kruenitz1.uni-trier.de/.

Schließlich ist hier auf die Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, in alphabetischer Folge (kurz: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste) von Johann Samuel Ersch (1766–1828) und Johann Gottfried Gruber (1774–1851) hinzuweisen. Ersch und Gruber begründeten die zwischen 1818 und 1889 erschienene, unvollendete Allgemeine Encyclopädie in 167 Bänden. Es handelt sich dabei um eine wissenschaftliche Enzyklopädie, die von über 400 Mitarbeitern erarbeitet wurde und etwa 70.000 Seiten in drei Sektionen umfasst. Die Enzyklopädie ist im Internet unter der folgenden Adresse recherchierbar: http://kefk.org/wissen/ersch.gruber.allgemeine.encyclopaedie.der.wissenschaften.und.kuenste.1818.1889.

Auf die Fülle der in fast allen Verkehrssprachen erscheinenden Konversationslexika des 19. und 20. Jahrhunderts kann hier nicht eingegangen werden. Die meisten dieser Lexika sind in den großen wissenschaftlichen Bibliotheken leicht zugänglich, wenige auch im Internet, so etwa die Enyclopaedia Britannica (gegen Gebühr: http://www.britannica.com/) oder Meyers Konversationslexikon in der 6. Auflage (1892–1895) (http://www.zeno.org/Meyers-1905). [<<102]

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